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Peter Burg Werke

Mit Differten im Herzen unterwegs

Pater Lorsons Heimatliebe in Zeiten nationaler Verblendung

Vortrag von Prof. Dr. Peter Burg am 6. November 2011 in Wadgassen-Differten, Pfarrsälchen

Das Thema Heimatliebe verspricht auf den ersten Blick keine Dramatik, auch keine spektakulären Enthüllungen. Für die Daheimgebliebenen ist sie etwas Alltägliches, eher unbewusst Erlebtes. Die Wertschätzung der Heimat stellt sich in der Regel erst in der Ferne ein. Kompliziert wird die Beziehung, wenn man in einem fremden Land lebt, das in feindlichen Beziehungen zum Heimatland steht, wenn man seine Liebe verheimlichen muss. In dieser komplizierten Lage befand sich Pater Lorson in Frankreich. In der Ferne stand ihm die Heimat immer vor Augen, und mitten im Zweiten Weltkrieg ließ er als Flüchtling ausgerechnet vor seinen ehemaligen Landsleuten, den Deutschen, sein Leben Revue passieren. Es war ein dramatisches Leben, mit einem ruhigen Beginn, mit Höhepunkten und Konflikten und einem halb versöhnlichen, halb tragischen Ende. Ein zentrales Lebensmotiv war die Heimatliebe, und die Kindheit begegnet dabei als wichtigste Station für deren Beginn.

Kindheit

Die Familie

Pater Lorsons Heimatliebe bezog sich allgemein auf Land und Leute in Differten und Umgebung, allen voran aber auf die Familie, und in ihr ragte die Mutter noch einmal heraus. Das Verhältnis zur Mutter überschritt das normale Maß an Innigkeit und war von tiefer Verehrung und Liebe gekennzeichnet. Peter hatte das Gefühl, dass er für seine Mutter durchsichtig wie ein Kristall war. Die Mutter offenbarte Peter ihrerseits, nachdem er Priester geworden war, intimste Gedanken. Da sie viele Kinder geboren hatte, von denen etliche im Kleinkindesalter gestorben waren, glaubte sie sich erklären zu müssen. Die Kinder stellten sich ein, weil sie sich dem Vater nicht verweigern wollte. Ihm gestand sie sexuelle Motive zu, sich selbst nicht. Und wenn ein Kind unter Schmerzen geboren wurde, empfand sie dies wie einen weiteren Zacken in der Dornenkrone nach dem Vorbild Christi.

Die Mutter legte für Peters Werdegang zum Geistlichen in der Kindheit die wichtigste Grundlage, indem sie religiöses Wissen in Form von Erzählungen und Berichten aus der christlichen Welt vermittelte, insbesondere durch Missionsgeschichten, die die Phantasie des Jungen inspirierten. Den jungen Peter faszinierte das Abenteuerliche, Romantische, Wagemutige, Ungebundene im Leben eines Missionars. Missionar war der Traumberuf in seiner Kindheit und in den Jugendjahren.

Wie nachhaltig besonders die Mutter in Peter Lorsons Denken präsent war, zeigt ein Erlebnis aus der Novizenzeit, der Lehrlingszeit in geistlichen Orden. Damals, er war knapp 18 Jahre alt, übertrug er seine kindliche Zuneigung auf die Gottesmutter Maria. In einer Phase auf ein Höchstmaß gesteigerter religiöser Empfänglichkeit träumte er in einer Mainacht des Jahres 1915, dass ihm in einer pompösen Bildlichkeit die Jungfrau Maria erschienen sei. Die Erscheinung trug die Gesichtszüge seiner Mutter, die gleichfalls Maria hieß. Seit dieser Nacht bildeten die himmlische und die irdische Maria für ihn eine Einheit. Um Niedertracht und Großmut in der Realität zu beurteilen, vergegenwärtigte er sich künftig die Sehweise seiner Mutter. Diese war für ihn aber nicht nur eine Messlatte zur Beurteilung der Mitmenschen, sondern ganz diesseitig eine Verkörperung der Heimat. Auf sie richteten sich in erster Linie seine Heimatgefühle. Starke emotionale Bewegungen ergriffen Peter Lorson vor allem in der ungesicherten Ferne, im Krieg, und an Tagen wie Weihnachten.

Die Schule

Heimatliche Gefühle waren und sind stets auch mit der Erinnerung an die Schulzeit verbunden. Mit der durch das Hineinwachsen in Frankreich veränderten Sehweise bewertete Peter Lorson die in seinem Heimatdorf genossene Ausbildung ambivalent. Mit positiven Gefühlen verband er die Fächer, die das Gemüt und die Phantasie ansprachen. Über Musik und Literatur intensivierten sich Peter Lorsons Beziehungen zur Heimat. Sie erschlossen ihm das romantische Deutschland. Einen starken Eindruck hinterließen die Volkslieder. An der Pflege des Volksliedes hatten nicht nur die Schule, sondern auch die Familie und die dörfliche Gemeinschaft Anteil. Gesangliche Höhepunkte fielen mit kirchlichen Festen und Schulfeiern zusammen. Peters drei Lieblingslieder waren:

“Am Brunnen vor dem Tore”; “Dort unten in der Mühle”, und von ihm besonders geschätzt “Lorelei”.

Peter lernte die Lieder in der Volksschule kennen, in der der Lehrer den Gesang mit der Geige begleitete. Poeten der Romantik übten eine ähnliche Wirkung auf ihn aus wie die Volkslieder. Sie füllten die Einbildungskraft mit Rittern, Hexen, Elfen und Engeln. Diese Volkskultur verkörperte für ihn das gute Deutschland, das er immer gegenüber einem schlechten Pendant abgrenzte. Die Elemente der deutschen Kultur, die Herz und Seele berührten, haben ihn demnach nachhaltig geprägt.

Lieder konnten wie der gesamte Schulunterricht freilich auch negative Einflüsse transportieren. Die Schule im Kaiserreich vermittelte ein nationalistisches, imperialistisches, militaristisches politisches Denken. Geschichte, Gymnastik, Singen, Sprache, Erdkunde, alle Fächer standen in einem Zusammenhang zum Patriotismus, der in dieser Epoche zum Nationalismus übersteigert wurde, sei es über den Verstand oder über das Gefühl. Das meist gesungene Lied war “Deutschland, Deutschland, über alles”. Bei den Schulfeiern zum Geburtstag Kaisers Wilhelms II. (27. Januar) sangen auch die Mädchen patriotische Lieder. Die Knabenoberklasse trumpfte stärker auf und rief dem angeblichen Erbfeind Frankreich in einem der zahlreichen Rheinlieder zu:

„Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein,

Ob sie wie gierige Raben,

Sich heiser danach schreien.“

Die Menschen seiner Heimat begeisterten sich nach Peter Lorson zwar rückhaltlos für das Deutschtum, aber erwärmten sich nicht für das Preußentum, im Gegenteil. Lautstark, aber ohne inneren Bezug sangen die Schulkinder gleichwohl:

„Ich bin ein Preuße, kennst du meine Farben?

Die Fahne schwebt mir schwarz und weiß voran.“

Auch die patriotisch bis nationalistisch durchtränkten Lieder klangen größtenteils gefühlvoll. Der Inhalt barg aber die Gefahr der Abgrenzung und Abwehrstellung nach außen, nicht der Völkerverständigung.

Der Gesang war im Alltag der dörflichen Bevölkerung präsent. Was heute die Schlager sind, waren damals die Volkslieder. Die Kinder trällerten die Lieder, wenn sie in der zeitüblichen Weise zu einfachen Arbeiten in Feld und Wald herangezogen wurden. Und die sangesfreudigen Eltern ebenso. Neben Arbeit und Schulaufgaben blieb ihnen auch noch etwas Zeit zum Spielen, etwa für das beliebte Räuber-und-Gendarmspiel. Und ohne den Sinn der Wort zu verstehen, sangen sie zwischendurch

„Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten

Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr“.

Wenn Peter Lorson später als Erwachsener und gestandener Pater von den Erinnerungen an seine glückliche und einfache Jugend übermannt wurde, dann summte er die Volkslieder vor sich hin. Das war die nachhaltige Wirkung seiner Kindheit. Mit 13 Jahren, dem Alter der Entlassung aus der Volksschule, war Peter tief mit der Differter Dorfgemeinschaft verbunden und in der deutschen Kultur verwurzelt.

Trotz aller Vorbehalte würdigte Peter Lorson die Pflege preußischer Tugenden als ein positives Ergebnis. Persönlich führte er darauf seine Tatkraft, die Missachtung der Gefahr, einen starken Ehrgeiz zurück. Die preußische Erziehung, die die Entwicklung kriegerischer Instinkte förderte, führte nach Peter Lorson andererseits dazu, dass die Saarländer dem französischen Blut, das seiner Meinung nach in ihren Adern floss, abschworen. Für den Jesuitenpater war dies ein Beweis, dass der Geist vor der Materie, die Erziehung vor der Vererbung, der Gedanke vor dem Blut Vorrang besaß – eine Argumentationskette, die der nationalsozialistischen Rassenlehre zuwiderlief, aber von Pater Lorson nicht immer konsequent angewandt wurde.

Die in der Differter Volksschule erhaltene Ausbildung der intellektuellen Fähigkeiten schätzte Pater Lorson im Rückblick als nicht gering ein, wenn er auch den Lehrern nur eine schwache Fähigkeit zur Anregung intellektueller Kräfte bescheinigte. Er hielt sie für gewissenhafte preußische Beamte, nicht mehr und nicht weniger. Aufgrund seiner Begabung unterfordert, beneidete er die Altersgenossen, die das Gymnasium in Völklingen besuchten. Sie trugen stolz eine flache Mütze, deren grelle Farbe sich jedes Jahr änderte, je nachdem in welche Klasse sie versetzt wurden. Peter Lorson hätte diese Mütze sehr gerne getragen. Sie war für ihn unerreichbar. Der Besuch einer höheren Schule war für die Familie zu teuer. Um Missionar und Priester zu werden, hätte er zuerst studieren müssen. Für einen Jungen mit der Begabung Peters musste schon der örtliche Pfarrer etwas tun, wenn die herausragenden Talente zur Entfaltung gelangen sollten.

Kirche

Das kirchliche Leben in Differten blieb Peter Lorson in bester Erinnerung. Er bekannte 1943 in seiner Autobiographie, die schlichte dörfliche Religion habe ihn bis in die Tiefe seiner Seele durchdrungen. Welches Bild hatte sich ihm geboten? Sonntags und an kirchlichen Feiertagen besuchte er mit der ganzen Familie das Hochamt in der von den jungen Mädchen des Dorfes geputzten und geschmückten Kirche. Getrennt nach Geschlechtern, die Frauen links, die Männer rechts, waren fast alle Einwohner anwesend. Religiöse Riten, Kommunionen, Firmungen, Pilgerfahrten, Kreuzwege, Exerzitien, liturgische Feste bemächtigten sich der Kinderseele, des Geistes, des Herzens und der Einbildungskraft. Sehr hoch schätzte Peter die Kirchenlieder, zumal ihnen neben Poesie auch ein hoher religiöser Wert zu eigen war und sie nicht zuletzt das Gemeinschaftsgefühl förderten. Einen starken Eindruck hinterließen bei ihm religiöse Massenveranstaltungen, bei denen tausend Kehlen lateinisch-gregorianische und deutsche Lieder (etwa von Johann Sebastian Bach) anstimmten.

Der religiöse Kult mit seinen Glaubensinhalten, mit seiner Feierlichkeit und Farbenpracht innerhalb und außerhalb der Kirche ließen bei Peter den Wunsch aufkommen, Priester zu werden. Dass er schließlich tatsächlich Priester wurde, führte er aber letzten Endes als tief gläubiger Christ auf die Gnade Gottes zurück. Quasi weltliche Motive darf man hinzurechnen. Nicht zu unterschätzen ist sein Drang zu einem abenteuerlichen und sinnerfüllten Leben, der der lebhaften Phantasie des Jungen entsprang. Lange Zeit glaubte er, diesen Trieb als Missionar befriedigen zu können. Dazu sollte es dann aber doch nicht kommen, letzten Endes, weil der Orden es anders wollte und Peter sich dessen Willen fügte.

Der Warndtwald

Neben der Mutter und der Dorfkirche nennt Pater Lorson überraschend den Warndtwald als ein für seine geistige und seelische Entwicklung bedeutsames Strahlungszentrum. Der Wald ist ein Kernstück seines Heimatbegriffs, mit dem er viele Kindheitserinnerungen verknüpft. Mit den Altersgenossen durchstreifte er den Wald, der sich über saarländisch-lothringisches Gebiet erstreckt und hinsichtlich der Vegetation eine grenzüberschreitende Einheit bildet. Die Grenzüberschreitung war für den späteren Wahlfranzosen ein bemerkenswerter Aspekt. Eichen und Buchen, so erinnerte er sich in der Ferne, waren am stärksten verbreitet, daneben gab es sehr harzige und oft verkrüppelte Kiefern, Lärchen und Akazien mit ihrem gelben und harten Holz, deren weiße, duftende Blüten an Fronleichnam als Zierat für den Häuser-, Straßen- und Kirchenschmuck dienten.

Das Holzsammeln im Wald mit gleichaltrigen Kindern besaß für Peter einen großen Gemeinschaftswert. Die Gruppenerlebnisse waren Grundlage für eine solide und dauerhafte Freundschaft mit Jungen, deren Lebensweg eine gänzlich andere Richtung nahm als die seine und die er immer gerne mit großer Freude wiedersah, wenn er in die alte Heimat zurückkehrte. Anders war die Erinnerung an den Revierförster. Dieser, in Grün gekleidet, ein Preuße mit einem Tirolerhut und einer langen Pfauenfeder auf dem Kopf, wirkte auch wenn er nicht zu sehen war auf die Kinder wie eine dunkle, Furcht erregende Gefahr. Neben einem Gewehr besaß er noch einen halblangen Dolch, einen „Hirschfänger“. Tatsächlich war die Angst vor ihm übertrieben, denn er war nur unnachsichtig gegenüber Wilderern, die es vereinzelt gab.

Eine “Wilderergeschichte” blieb Peter wie dem ganzen Dorf in schrecklicher Erinnerung und trug zum schlechten Bild der preußischen Ordnungsmacht bei. Als Peter 10 Jahre alt war, im August 1908, erschoss der im Forsthaus Geisberg stationierte Förster Close den 18jährigen Eisenbahnarbeiter Philipp Walter, den Sohn eines elsässischen Gemeindeförsters, angeblich beim Wildern auf dem Kaninchenberg in Differten, was im Dorf einen großen Tumult auslöste. Der junge Mann hatte Logie bei der Lehrerswitwe Zillig in der Werbelner Straße bezogen. Viele Schaulustige besichtigten anschließend den Ort des “Verbrechens”. Die Empörung war groß, als der Förster schließlich noch von der Regierung mit einem Orden ausgezeichnet wurde, statt wegen Mordes bestraft zu werden. Allerdings stellte der Vorfall auch für den unglücklichen Schützen ein traumatisches Erlebnis dar, denn künftig sah er überall Wilddiebe und hätte beinahe den Schulmeister erschossen. Der Wald bot viel Stoff zum Erzählen ähnlich schrecklicher Geschichten.

Wichtiger als die Erinnerungen an diese Erlebnisse war für Peter Lorson die nostalgische Verklärung und die mythische Erhöhung des Waldes, von dem er sagt, dass er ihn leidenschaftlich liebte, dass er eine Schule der Einbildungskraft und Empfindsamkeit für ihn war. Zur Erklärung bemühte er ein von seinen vermuteten Vorfahren, der Holzfäller und Köhler, stammendes Gen. Das Sammeln von Holz verglich er mit der Gralssuche Parzivals. Hohe Eichen und Buchen gewinnen für ihn etwas Sakrales, Mysteriöses. Lichtungen werden zu Schiffen von Kathedralen, das Dickicht zum Tabernakel. Bei allem unbefangenen kindlichen Spiel durchzog ihn doch, wenigstens glaubte er das im Rückblick, eine Ahnung von seiner künftigen geistlichen Berufung, die ihn von den Gleichaltrigen absetzte. Auch das schwarze Gefieder eines Raben, den er als Kind aufzog, war für ihn ein Symbol des schwarzen Rockes, den er später tragen sollte. Das unmittelbare Naturerleben der Kindheit wich einer bewussteren, gar aus Büchern stammenden Rezeption, doch die liebevolle Verbundenheit zur Natur und vor allem zum Warndtwald ging nicht verloren.

Der Abschied

Nach dem Hineinwachsen in die Dorfgemeinschaft bildete der Abschied aus Differten eine tiefe Zäsur für Kopf und Herz. Als Peter im Jahre 1910 die Heimat verließ, um die Apostolische Schule im belgischen Thieu, eine Exileinrichtung des französischen Jesuitenordens, zu besuchen, ließ er eine weinende Familie, insbesondere die Mutter und die kleinen Schwestern, zurück. Er selbst blickte ohne Tränen nach vorne, war gespannt auf die Zukunft, die sich gänzlich von der unterschied, die den zu Hause Gebliebenen bestimmt war. Seinen Aufbruch erlebte er gleichsam als eine Seefahrt in unbekannte Gefilde. In der Rückerinnerung an diesen Aufbruch konstatierte der Jesuitenpater die schöne Unbekümmertheit der Jugend mit 13, die Leichtigkeit des Seins bei einem Vorgang von größter persönlicher Tragweite. Als er mitten im Zweiten Weltkrieg seine Erinnerungen niederschrieb, war er sich dessen bewusst und ihm fiel wieder das aus der Kindheit wohlbekannte Lied ein: „Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr“. Die Differter Kindheit war unwiederbringlich vorbei und fand vor Ort keine Fortsetzung in die nächsten Lebensabschnitte. Fortan sah er die Heimat vornehmlich aus der Ferne.

Heimat aus der Ferne gesehen

(Weihnachten in Polen)

Die Trennungen von der Heimat waren vor allem anfangs schmerzlich, schmerzlich in der Friedenszeit, aufgrund der Unsicherheit eines Wiedersehens aber noch schmerzlicher in der Zeit des Krieges. Um ein Beispiel aus der Jugendzeit herauszugreifen: Als Peter Lorson Weihnachten 1916, er war damals 19 Jahre alt und trotz seiner Ausbildung zum Geistlichen zum deutschen Militär eingezogen worden, in einem polnischem Krankenhaus verbrachte, übermannte ihn ein starkes Heimwehgefühl. Seine Eltern hatten ihm ein Geschenkpaket geschickt, in dem sich ein kleiner Tannenzweig befand. Seine Kameraden hatten im großen Saal des Krankenhauses einen mit glitzernden Glasperlen und künstlichem Schnee geschmückten Weihnachtsbaum aufgestellt. Gemeinschaftlich wurden die altbekannten deutschen Weihnachtslieder gesungen, so vor allem “Stille Nacht”. Sein Gemüt war tief ergriffen, das alte romantische Deutschland, das ihn an die Kindheit erinnerte, packte ihn, schaukelte ihn zärtlich, drängte mit seiner magischen Musik all seine aktuellen Gedanken und Pläne in den Hintergrund und überwältigte seine Gefühlswelt. Das blieb ein unvergessliches Erlebnis.

Entfernung von der Heimat

(Überlauf – Nationalitätswechsel)

Der Abschied aus Differten, der Besuch der Apostolischen Schule in Thieu und der Eintritt in den französischen Jesuitenorden tangierten Peters Heimatliebe; er baute eine neue Liebesbeziehung auf, ohne die alte aufzugeben. Peter öffnete sich der französischen Kultur und Gesellschaft. Frankreich wurde Lebens- und Arbeitsraum. Er erstrebte eine Integration in die Gesellschaft der Wahlheimat. Wie bei einer Dreiecksbeziehung nicht anders zu erwarten, stellten sich Komplikationen ein. Peter durfte sich in seiner Wahlheimat Frankreich nicht offen zu seiner alten Liebe bekennen. Schon als Novize gab er sich gegenüber den Mitschülern als Elsass-Lothringer aus. Für einen angehenden Geistlichen war es keine leichte Sache, mit einer Zwecklüge zu leben. Das Versteckspiel mit seiner Herkunft begleitete fortan sein Leben, und er suchte immer wieder nach Rechtfertigungen für seine falsche Behauptung, er sei Elsass-Lothringer. Nach dieser Rechtfertigung waren die Saarländer allgemein, die Differter insbesondere genealogisch mit den Franzosen verwandt und kulturell oberflächlich germanisiert, waren lediglich künstlich von den Elsass-Lothringern getrennt. Er stützte sein Argument mit dem Hinweis auf die Verbreitung französischer Familiennamen wie Lafontaine, Comtesse, Tabellion usw. Das waren nur Scheinargumente. Im Herzen wusste er, wer er war, ein Differter, und Differten gehörte nun mal seit 1815 ständig und vorher überwiegend zu Deutschland bzw. seinen Vorgängerstaaten.

Das Hineinwachsen in die Wahlheimat Frankreich schuf also Probleme. Peter gab sich in der Schlussphase des Ersten Weltkrieges bei seiner Gefangennahme einmal mehr als Elsass-Lothringer aus und verpflichtete sich als Fremdenlegionär in der französischen Marine. Gegen Weihnachten 1918 erhielt er einen vierzehntägigen Urlaub. Das war einerseits eine Wohltat für seine Seele, war er doch jahrelang von seiner Familie und dem Dorf getrennt gewesen. Jetzt trieb ihn andererseits aber sein Seitenwechsel erstmals in eine geradezu unerträgliche seelische Enge. Er sah sich zu einer Maskerade während seines Aufenthalts in Differten gezwungen. Da Peter nicht mit einer französische Marineuniform bekleidet in seinem Heimatort erscheinen konnte, wenn er nicht alle Dorfbewohner erschrecken und maßlos enttäuschen wollte, packte er noch zusätzlich eine alte Soutane ein, die er während seines Urlaubs tragen wollte. Peters Lage war heikel. In den Augen seiner Eltern und der Dorfbewohner war er ein französischer Kriegsgefangener, wie so viele andere. Er ließ sie in ihrem Irrglauben. Wie sollte er verständlich machen können, dass er die Seiten gewechselt hatte und als französischer Marinesoldat auf Urlaub war und dass er wieder zum französischen Militär nach Toulon zurückkehren musste, von wo er gekommen war? Das alles machte ihm schwer zu schaffen. In Differten sollte der Zug gegen 4 Uhr morgens halten, also glücklicherweise mitten in der Nacht. Das Abteil war nicht beleuchtet. So konnte er sich gegen viertel vor vier vom Matrosen in einen Geistlichen verwandeln, ohne dass man auf ihn aufmerksam wurde.

Peter erschien zu Hause gegen halb sechs, zu einer Zeit, als alle noch schliefen. Man kann sich die Überraschung und die unbeschreibliche Freude der Familie vorstellen, als sie ihn erblickte. Er hatte keine große Mühe, ihnen seinen kleinen Roman glaubhaft zu machen: er habe dank einflussreicher ehemaliger Studienkameraden einen außerordentlichen Urlaub bekommen. Seine Mutter schüttelte den Kopf und bewunderte die Geschicktheit und die Beziehungen ihres Jungen, nur darauf bedacht, seine flüchtige Anwesenheit zu genießen. Eine Grippe, die Peter sich während der Reise eingefangen hatte, zwang ihn glücklicherweise das Bett zu hüten, was ihn davor bewahrte, viele Besuche abzustatten. Nachdem seine Gesundheit wieder hergestellt war, holte er einige Besuche nach.

Peter geriet mehr als einmal in arge Verlegenheit durch Fragen, die ihm von den im Dorf stationierten französischen Soldaten gestellt wurden, und durch die neugierigen Blicke, die sie auf seine funkelnagelneuen Truppenschuhe und auf seine unter der Soutane hervorlugende blaue Hose warfen. Peter fühlte sich verständlicherweise sehr unbehaglich, trotz der Freude, wieder inmitten der Familie zu sein. Die jüngste seiner Schwestern (=Elisabeth), ein Mädchen von zwei Jahren, wonnig von Frische, temperamentvoll und schalkhaft, amüsierte ihn ungeheuerlich. Aber die Eltern von Kriegsgefangenen, die zu ihm kamen, um etwas über ihre Angehörigen zu erfahren, brachten ihn in eine qualvolle Verlegenheit und zwangen ihn dazu zu lügen. Peter saß wie auf glühenden Kohlen. Das war eine der peinlichsten Situationen in seinem Leben, wenn nicht sogar die peinlichste. Er hielt es zu Hause nicht mehr aus. Nach acht Tagen beschloss er den zweiten Teil seines Urlaubs in Belgien in Florennes zu verbringen, in dem Noviziat, das er mehrmals als deutscher Soldat von seiner Truppe aus besucht hatte.

Psychische Belastung

In Differten konnte sich Peter Lorson nicht offen zu seiner Wahlheimat Frankreich bekennen und in Frankreich nicht zu seinem Herkunftsland Deutschland. Sein ganzes Leben lang litt er unter dem geliebten Geburtsort und der Verschwiegenheit, die er ihm auferlegte. Ein schmerzhafter Zustand, der ihn bei weniger starken Nerven und einem weniger erfolgreichen Leben, so sein rückblickendes Urteil, zermürbt und innerlich aufgerieben hätte. Er verglich seine Gefühlslage mit der eines Mädchens, das ein unehelich geborenes Kind vor den Leuten verbergen möchte. Die Geburt im Saarland erschien ihm zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Kreisen wie ein ehrenrühriger sozialer Makel, den er sorgfältig versteckte, wobei er gleichzeitig unter der erzwungenen Heuchelei litt. Er befand sich in der paradoxen Lage, sich unschuldig zu fühlen und doch Schuldgefühle mit sich herumtragen zu müssen. Peter gewann dem Gedanken etwas ab, durch die im Zweiten Weltkrieg verfasste Autobiographie eine öffentliche Beichte abzulegen und der ganzen Welt die Wahrheit zu sagen, eine Idee, die ihn gleichzeitig erleichterte und peinigte. Zu seinen Lebzeiten wurde die Autobiographie aber nicht gedruckt, sondern erst posthum nach 50 Jahren. Und heute ist die Beichte kein “Aufreger” mehr.

Primiz

Der Höhepunkt in der Liebesbeziehung zu Differten stand aber noch aus, und er war glücklicherweise unbelastet von seiner Lebenslüge. Den absoluten Höhepunkt stellte die Feier der Primiz im Jahre 1929 dar. Wahrscheinlich wusste kaum jemand, dass Peter wenige Jahre zuvor, im Jahre 1926, offiziell die Staatsangehörigkeit gewechselt hatte. Der Wechsel besaß zu dieser Zeit aber noch nicht den Beigeschmack, den er wenige Jahre später in Deutschland erhielt. Nationale Ressentiments wurden erst mit Hitlers Machtübernahme aufgepeitscht und kochten in der Saarabstimmung von 1935 über. Infolge der Völkerbundshoheit, der das Saargebiet infolge des Versailler Vertrages von 1919 unterstand, war die Zukunft des Landes an der Saar ohnehin ungewiss.

Peter Lorson gehörte, davon kann man ausgehen, bei der Feier der Primiz voll und ganz zum Dorf und das Dorf zu ihm, wenigstens an dem Tag, als er sein erstes feierliches Hochamt zelebrierte, am 1. September 1929. Das war in Differten ein großes Ereignis. Girlanden, Bogentüren, mit Papierrosen geschmückte Bäume säumten die Straßen und zierten die Häuser. Die ganze Dorfbevölkerung nahm Anteil an seiner Freude und der seiner Familie. Verglichen mit dem üblichen Sonntagskult war die Feier der Primiz nach Peters Empfinden zehn- oder hundertmal eindrucksvoller. Er war schlichtweg überwältigt vom äußeren und inneren Glanz des Tages. Der religiöse Wert der Primizfeier ragte für alle, die auf der gleichen Wellenlänge lagen, für die Pfarrei, für die Familie und für ihn selbst erheblich aus dem Alltäglichen heraus. Alle Musikvereine des Dorfes boten ihm abends ein Ständchen dar, und er hielt mittags nach einem Trinkspruch eine Ansprache im Freien, in der er aus voller Überzeugung das deutsche Volkslied rühmte. Er verglich es mit den Liedern, die er in Frankreich, in England, in Russland, in Belgien, in Holland gehört hatte und gab die Palme den alten Liedern, die er in der Wiege seiner Kindheit kennen gelernt hatte. Er tat es in einer bescheidenen Ansprache, aber man verstand ihn. Im musikalischen und poetischen Bereich sowie im religiösen Bereich hatte Peter keine Mühe, sich auf die Wellenlänge dieser in der französisch inspirierten Wertung oberflächlich germanisierten Saarländer, so die rückblickende französisch inspirierte Wertung, einzustellen. Im Herzen fühlte er sich nicht nur am Tag der Primiz eins mit den Differtern.

Saarländische Heimat/elsässische Wahlheimat

Wäre Peter Lorson nach seinem ursprünglichen Wunsch Missionar in China geworden, so hätten sich seine aus der Herkunft abgeleiteten Probleme in Wohlgefallen aufgelöst. Er hätte sich zu seiner deutschen Herkunft offen bekennen können. Die Einheimischen hätte es wenig interessiert, aus welchem europäischen Land er gekommen wäre. Die Herkunft wäre irrelevant gewesen. Er blieb aber in Frankreich, und das war in einer Epoche nationaler Verblendung für einen Deutschen der schwierigere, wenn nicht gar der schwierigste Standort. Peter erhielt andererseits im elsässischen Straßburg einen Wirkungs- und Lebensort, der ihm sehr entgegenkam. Hier fand er eine zweite Heimat. Land und Leute der saarländischen Nachbarregion lernte er kennen und lieben. Er entwickelte einen Regionalpatriotismus und wurde ein entschiedener elsässischer Interessenvertreter gegen die zentralistische Politik der Pariser Regierung. Im Unterschied zum Elsass fand er in Südfrankreich, als er in den Kriegsjahren dort untertauchte, nicht die gleiche Wellenlänge vor und blickte mit starken Vorurteilen auf die Südfranzosen. Als moralisch verderblich erlebte er die Franzosen aus dem Raum Paris, die er als Militärgeistlicher an dem Elsass-Lothringen durchziehenden Festungswall, der Maginotlinie, im Blitzkrieg 1940 zu betreuen hatte. Für die Elsässer war Pater Lorson gewissermaßen ein Adoptivsohn. Wie die Saarländer ordnete er sie einer deutsch-französischen Mischkultur zu. Sein beruflicher Standort in Straßburg hatte den großen Vorteil, dass er seinem Herkunftsland und Differten nahe war. Besuche und Kontakte ließen sich dadurch häufiger realisieren.

Ende des Zweiten Weltkrieges

Am Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich Pater Lorson in Südfrankreich aufhielt, äußerte sich seine alte Heimatliebe auf verschiedenen Stufen. Obwohl er sich zum französischen Widerstand gegen die Naziherrschaft bekannte und sich publizistisch an ihm beteiligte, lagen ihm die Deutschen am Herzen. Deshalb kritisierte er das sinnlose Opfern der deutschen Soldaten, als sich ihre Niederlage klar abzeichnete. Das Leben und Überleben der Deutschen war ihm nicht gleichgültig. Mit Recht bezweifelte er angesichts der selbstmörderischen Durchhalteparolen, dass Adolf Hitler sein Volk wirklich liebte. Pater Lorsons Liebe zu Deutschland zeigte sich auch bei anderen Gelegenheiten. Zeit seines Lebens schmerzte es ihn, wenn sich französische Gesprächspartner zu einer pauschale Verurteilung der Deutschen hinreißen ließen. Er fühlte sich getroffen und angegriffen, weil er sich im Herzen trotz seines Nationalitätswechsels als Deutscher angesprochen fühlte.

Gegen Kriegsende war Pater Lorson natürlich auch in großer Sorge um seine Familie. Er hatte längere Zeit keine Nachricht mehr erhalten, wie es seiner Mutter und seinen Schwestern erging. Die Ungewissheit zermürbte ihn. Er machte sich Sorgen, wie die vorrückenden alliierten Truppen mit den Saarländern überhaupt umgehen würden. Wissen die Yankees, so fragte er sich, dass die Saarländer Deutsche besonderer Art sind? Ihre Erwähnung von “Saarlautern” (eine Wortschöpfung der Nazis) anstatt Saarlouis lasse nicht darauf schließen. Den Amerikanern fehlte es seiner Meinung nach an Nuancen, an Feinheit und an historischen Kenntnissen. Sie nahmen keinerlei Rücksicht auf die Beete der alten Gärten, in denen sie erbarmungslos herum trampelten. Ihm graute vor einer Verwüstung des schönen Warndtwaldes, mit dem ihn eine nostalgische Erinnerung an das Zwitschern der Vögel verband.

Ende des Jahres 1944, als die Amerikaner siegreich von Frankreich aus nach Deutschland vormarschierten, wollte Peter Lorson in der Weihnachtszeit nach Differten fahren. Das war aber noch nicht möglich. Er hätte dort einen Großteil der Bevölkerung, auch seiner Familie allerdings nicht angetroffen, denn diese waren nach 1940 ein zweites Mal evakuiert worden. Als Peter Lorson an Ostern 1945 über Paris, Metz und Creutzwald das geliebte Dorf am Rande des Warndtwaldes wieder besuchen konnte, erfuhr er in Friedrichweiler von ortsansässigen Frauen, dass seine Mutter vor wenigen Wochen (am 9. Februar) in Diespeck zwischen Würzburg und Nürnberg, wo sie sich während der zweiten Evakuierung in den Kriegsjahren aufhielt, verstorben war. Sobald er allein war, ließ er seinen Tränen freien Lauf und heulte wie ein Kind, bevor er seine in Friedrichweiler wohnende Schwester Margarethe Trunzler aufsuchte. Sein Vater Jakob Lorson war bereits 1941 eines natürlichen Todes gestorben. Obwohl der Pater in Südfrankreich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten untergetaucht war, wusste er davon. Er stand in brieflicher Verbindung mit der Mutter und den Geschwistern, sehr wahrscheinlich über den Differter Pfarrer.

In Friedrichweiler begegnete Peter einem seiner Neffen, der ihn zu seiner Mutter beziehungsweise zu Peters Schwester begleitete, die ihm schon entgegenkam. Peter fiel in ihre Arme und sie beweinten still die Mutter, die sie so sehr geliebt hatten und die sie nicht haben sterben sehen. Als Peter schließlich die vier Kinder Margarethes wahrnahm, stellte er fest, dass sie eine erstaunliche Ähnlichkeit mit seinen Geschwistern besaßen. Peter sah sich plötzlich in seine glückliche Jugendzeit versetzt. Er war wieder 10 Jahre alt und hatte Lust mit den Kindern auf die Bäume zu klettern. Manchmal rieb er sich die Augen angesichts der Auferstehung der Vergangenheit. Er fühlte sich daheim, in der Geborgenheit seiner Kindheit. Die Glocken läuteten, die Vögel zwitscherten, die Kinder schrien. Peter hatte selten das Gefühl des Fortbestehens der Generationen so empfunden wie bei dieser Gelegenheit, als er mit dem Tod und dem Weiterleben der Familie konfrontiert war.

Dankbare Erinnerung an die verstorbenen Eltern prägten nachhaltig die Gefühle des Sohnes. Das brachte er in der Widmung eines seiner Bücher zum Ausdruck:

„Dem Andenken meiner lieben Eltern,

Die fern von ihrem Sohne,

Zur herben Zeit des Krieges,

In Gott entschlafen sind.“

Saarländische Zeit

Als die Zukunft des Saarlandes nach der Befreiung Deutschlands auf der politischen Tagesordnung stand, engagierte sich Peter Lorson stark in der Saarfrage, ein Engagement, das nur von seiner Herkunft her erklärlich ist. Er schlug dem Außenminister Georges Bidault kurz nach Kriegsende zunächst die Annexion des Landes vor. In seiner französisch gefärbten Brille waren die Saarländer – ohne es zu wissen – Franzosen, die Frankreich zehnmal leichter eingliedern werde als die Elsässer, weil ihr Temperament französischer sei. Dieses Urteil entsprach mit Sicherheit nicht dem Selbstverständnis der Differter oder allgemeiner der Saarländer. Der Minister bedankte sich herzlich bei Peter und versprach, seine Denkanstöße in Betracht zu ziehen.

In Differten war Peter Lorsons Brief an den Außenminister sicher nicht bekannt, inzwischen wohl aber doch sein Nationalitätswechsel, seine Distanz zu Hitlerdeutschland und sein französischer Militärdienst. Durch die Einbindung in unterschiedliche und sich feindlich gegenüberstehende politische Systeme war eine Entfremdung eingetreten. Schon aus sprachlichen Gründen konnte die Gedankenwelt des Jesuiten, die sich in seinem französischsprachigem Schrifttum niederschlug, nicht nachvollzogen werden. Hinzu kam auf deutscher Seite die Indoktrination mit Naziparolen, die bis in die letzten dörflichen Winkel vordrang, selbstverständlich auch nach Differten. Die eingetretene Entfremdung zwischen Pater Lorson und Differten war sehr tief. Seine Heimatliebe und deren Erwiderung befanden sich in einer prekären Lage.

Das alles führte zu einem angespannten Verhältnis. Peter wusste, dass im Dorf manche dem Nationalsozialismus so weit verfallen waren, dass sie mit der Kirche gebrochen hatten. Er hatte nach dem Krieg Zweifel an dem offenkundigen Klerikalismus der Saarländer allgemein. Er berief sich in einer Saarland-Reportage auf seine Kenntnis der Verhältnisse zur Zeit Hitlers. In dem Dorf, das er gut kannte, sei dort mehr als ein Parteifunktionär aus der Kirche ausgetreten. Heute bestünde wiederum Einstimmigkeit, weil sich das Rad gedreht habe. Es gebe eine große Gefahr der Unaufrichtigkeit und des Missbrauchs der religiösen Idee. Eine geistige Abrechnung mit früheren NS-Leuten lag Pater Lorson jedoch fern, er pflegte das Prinzip der Versöhnung als einen der höchsten christlichen Grundsätze. So sehr er sich auch gegenüber dem offiziellen Deutschland in der NS-Zeit distanzierte, nach dem Zweiten Weltkrieg blickte er wohlwollend und freundlich wie ein besorgter Vater auf das Land seiner Herkunft. Mit dem Saarland allerdings hatte er Größeres vor. Er wollte es zum Brückenland für Europa machen. Hier schlug wieder sein Lokalpatriotismus durch. Das Ziel eines eigenständigen Staates scheiterte allerdings. Die Wiedereingliederung in Deutschland erlebte Peter Lorson nicht mehr.

Tod

Dass Peter Lorson nach seinem frühen Tod im Jahre 1954 auf eigenen Wunsch im Grab seiner Eltern beerdigt wurde, war ein sinnfälliger Abschluss seines Lebenskreises. Er kehrte zu seinen Differter Wurzeln zurück. Nach seinem Tod sprach Pastor Barthel Pater Lorsons Heimatliebe an. Er schloss die Grabrede mit den Worten: “Wir sind hier versammelt, um von Pater Lorson Abschied zu nehmen. So wie dieser Priester die Heimatpfarrei, das Saarland, die Christen in der Gesamtheit geliebt hat, so liebte er auch das Elterngrab. In diesem wird Lorson auch seine Ruhestätte finden. Wie er uns die Treue gehalten hat und der Heimat immer verbunden war, so wollen auch wir mit den Angehörigen und Ordensleuten seiner stets im Gebet gedenken.” Der Gottesdienst war von Trauergesängen des Kirchenchores umrahmt. Nach Beendigung der Messe wurde die Leiche zum Differter Waldfriedhof getragen. Auf dem Grabstein stand der deutsche Vorname Peter, den er in Frankreich abgelegt hatte.

Würdigung

Pater Lorson hat in Differten bis jetzt kein Denkmal erhalten, keine Gedenktafel, die man etwa an einem Haus der Familie anbringen könnte, selbst das Grab ist eingeebnet worden. Die Erinnerung an ihn wurde nicht gepflegt. Durch sein Wirken in Frankreich, die Vielzahl seiner Schriften in Französisch, ist sein Werk für viele seiner deutschen Landsleute unzugänglich und dadurch unbekannt geblieben. Anders als im Falle von Johannes Kirschweng und Wadgassen, hat Differten die Beziehung zu seinem Sohn in hohem Maße verloren. Dem Wiederaufbau dieser Beziehung dienen die Bemühungen der Pater-Lorson-Gesellschaft der letzten Jahre, der heutige Vortrag und nicht zu vergessen das von mir verfasste Buch.

Dessen Entstehung hat viel mit Heimatliebe zu tun, mit der von Pater Lorson, aber auch meiner eigenen. Mich hat die Neugier auf eine interessante Person des Nachbardorfes getrieben. Ich hätte kein Buch über einen Jesuiten irgendwo in Deutschland geschrieben. Die jahrelange Beschäftigung und die Lektüre vieler Bücher und Aufsätze galten mit Peter Lorson einem von uns, einem, der aus der Dorfmitte hervorgegangen ist. Mein Motiv ist letzten Endes, wenn ich mich selbst hinterfrage, kein anderes als Heimatliebe. Mit dem Buch schließt sich ein von der Heimatliebe gezogener Kreis. Auf den ersten Blick ist es schon erstaunlich, dass jetzt ein Buch in Pater Lorsons Heimat von Geburt erschienen ist und nicht im Elsass, verfasst von einem Autor, der die Hälfte seines Lebens außerhalb des Saarlandes, in Westfalen verbracht hat. Die Herkunft von Geburt beweist in beiden Fällen ein starkes Gewicht. Heimatliebe wird und sollte schließlich auch das Motiv sein, das die Differter bewegt, das Buch in ihre Hausbibliothek aufzunehmen.

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