Gehe zu: Hauptmenü | Abschnittsmenü | Beitrag

Peter Burg Werke

Artikelsammlung

Kursiv gedruckt: Hervorhebungen Peter Lafontaines in Zeitungsartikeln

<SZ 15.12.94>

Dogmatisch erstarrt

VON RAINER MÜLLER

Der Streit um die Ehelosigkeit der Priester zeige eine lebende Kirche, glaubt Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Wahrscheinlich weiß er selbst, daß dies ein Irrtum ist, ebenso wie seine Feststellung, Nachdenken sei noch nie verboten worden. Es ist von Rom nur deshalb noch nicht verboten worden, weil es sich nicht verbieten läßt.

Wer nachdenkt und es dann wagt, darüber zu reden, wird aus dem Vatikan zur Ordnung gerufen. Karl Lehmann und seine Mit-Bischöfe Kasper und Saier haben das kürzlich zu spüren bekommen, als sie anregten, Geschiedene nicht in jedem Fall von der Eucharistie auszuschliessen. Die drei Bischöfe hatten gar nicht vor, das kirchliche Lehrgebäude in seinen Grundfesten zu erschüttern, stellten auch nicht die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage, sondern artikulierten lediglich ein seelsorgerisches Anliegen. Dabei konnten sie sich in allerbester Gesellschaft wähnen, hatte doch der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, selbst einmal gesagt, daß Menschen in einer Notsituation der vollen Gemeinschaft mit dem Leib des Herrn besonders bedürfen. Das ist zwar schon ein paar Jahre her; der oberste Glaubenshüter hat sich wahrscheinlich an seine eigenen Worte nicht mehr erinnert.

Schon der zaghafteste Versuch, in der Kirche Neues, anders als vorgegeben, zu denken und zu sagen, irritiert Rom. Möglicherweise hat sich Bischof Lehmann also selbst um den Kardinalspurpur gebracht. Es wird gemunkelt, Kanzler Kohl habe sich für die Aufnahme des Mainzer Oberhirten in die Kurie eingesetzt. Johannes Paul II. blieb unbeeindruckt und berief statt Lehmann den greisen deutschen Theologen Grillmeier.

Auch wenn sich die Amtskirche noch so sehr wehrt, es scheint Bewegung ins Volk der Glaubenden zu kommen. Man will sich nicht mehr ohne weiteres von Rom reglementieren lassen, sondern öfter als bisher selbst denken und eigenverantwortlich entscheiden.

Die Kirche schöpft ihren Absolutheitsanspruch in Glaubensfragen aus der Behauptung, sie allein könne den göttlichen Willen durchschauen und interpretieren. Natürlich kann eine Kirche nicht funktionieren und existieren, wenn jeder eigene Glaubens- und Sittengrundsätze aufstellt und sich dabei völlig loslöst von einem innerkirchlichen Konsens. Dies aber gilt für die Amtskirche in gleicher Weise. Sie kann auf den Dialog mit dem Volk Gottes letztlich nicht verzichten und muß die Menschen mit ihren Sorgen und Anliegen ernst nehmen. Diese Fähigkeit scheint in Rom stark unterentwickelt zu sein.

Es geht bei der Diskussion, die immer deutlicher, nun auch zaghaft beim sonst eher zahmen Zentralkomitee der deutschen Katholiken, ausbricht, nicht um häretische Ansätze. In der Regel sind es pragmatische Überlegungen aus der Seelsorge, die auf den Prüfstand gestellt und neu überdacht werden. Wie beispielsweise die Humanisierung des kirchlichen Eherechts, die Karl Rahner einmal angemahnt hat. Oder die Anerkennung der Ehe als gleichwertige Form des Christseins gegenüber dem zölibatären Leben. Niemand verdammt den Zölibat in Bausch und Bogen – diese Lebensform ist ohnehin eine rein private Entscheidung – aber im Zusammenhang mit Überlegungen zur Zukunft der Kirche muß es erlaubt sein, ihn in seiner angeordneten zwingenden Notwendigkeit für Priester in Frage zu stellen.

Das hat jetzt auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken getan und sich prompt einen Rüffel der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz eingehandelt. Dabei wurde ein Allerweltsargument benutzt, mit dem jede Diskussion im Keim zu ersticken ist. So kann der offene Dialog in der Kirche, den das ZdK angemahnt hat, nicht geführt werden.

Dieser Dialog aber wird für das Überleben der Kirche in der heutigen Form von eminenter Bedeutung sein. Manche richten in Rom schon den Blick in die Zeit nach Karol Woytila. Das mag nicht besonders christlich sein, entspringt aber vielfach der Hoffnung, daß sich die katholische Kirche unter neuer Führung doch noch aus der dogmatischen Erstarrung lösen und mehr glaubende Menschen für sich gewinnen könnte.

Abschreckung

Seit Schaffung des römischen Rechts, der größten Kulturleistung des antiken Roms, gilt es als unumstößche Grundlage der Gesetzgebung in allen Kulturstaaten der Welt: Strafe muß sein! Seitdem weiß man, Strafe ist Abschreckung! Das Strafrecht hat eine normative Funktion. Ohne Strafgesetzgebung und ohne Strafvollzug ist eine soziale Ordnung in keinem Staat der Welt aufrecht zu halten. Noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte wurde an dieser Erkenntnis je gerüttelt. Wenn heute behauptet wird, Strafandrohung für die Tat der Tötung vorgeburtlichen menschlichen Lebens sei wirkungslos, besonders in den ersten drei Lebensmonaten des noch ungeborenen Kindes, so muß dieser Auffassung entschieden widersprochen werden. Denn es ist eine Tatsache und alles andere als ein Irrtum, wie Günther Billmaier (DT vom 14. September) meint, daß seit 1976 die Abtreibungszahlen durch Wegfall der Strafandrohungen gewaltig angestiegen sind.

Jeder Arzt kann in seiner Praxis feststellen, daß die Zahlen der vorgeburtlichen Kindestötungen seit Wegfall der Strafbestimmungen sich etwa verfünfzehnfacht haben. Dies hat der frühere amerikanische Abtreibungsarzt Dr. Nathanson, der jahrelang in New York eine große Abtreibungsklinik geleitet hat, für die Vereinigten Staaten als der Wirklichkeit entsprechend angegeben (Karl Simpfendörfer in “Verlust der Liebe”, Christiana Verlag, Stein am Rhein, Seite 129). Wir haben keinen Grund anzunehmen, in Deutschland wären die Verhältnisse besser als in Amerika. Wir müssen davon ausgehen und daran festhalten, daß auch in der Bundesrepublik die Zahlen der vorgeburtlichen Kindestötungen durch den Wegfall der Strafandrohung, die ja sonst überall in der Gesetzgebung normenbildend wirkt, sich verfünfzehnfacht haben, zumal festgestellt werden muß, daß die amtlichen Abtreibungszahlen nicht stimmen. Dies ist ein Beweis dafür, daß Strafandrohung zum Schutz des vorgeburtlichen menschlichen Lebens notwendig ist. Denn auf die normative Kraft der Strafgesetzgebung verzichtet unser Staat sonst nirgends, nicht in der Straßen verkehrsordnung, nicht im Naturschutz, nicht im Waffenhandel, nicht bei Steuerhinterziehungen, nicht bei Devisenvergehen, nicht im Außenhandel, nicht in Rauschgiftvergehen.

Dr.med. Alfred Häußler,

74172 Neckarsulm

Daten und Quellenverzeichnis

Abtreibung: Wer nennt die Schuld der Abtreibung, wenn nicht die Kirche? (Erzbischof Dyba ) Zettelmappe Nr.4

Mutter Teresa besaß ein feines Gespür für das Leben und dafür, was Leben zerstört. Daher erinnerte sie bei jeder Gelegenheit an das Unrecht der Tötung ungeborener Kinder. Auch den Gästen in Stockholm – bei dem Empfang des Friedensnobelpreis – brachte sie ihre Überzeugung nahe: “Der größte Zerstörer des Friedens ist heute der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes.” Nationen, in denen man die Abtreibung legalisiert habe, seien in ihren Augen die ärmsten Länder. Sie hat Abtreibung bekämpft, indem sie Adoptionen vermittelte und Mütter in Not aufforderte, ihr die Kinder zu bringen.Die Sorge um Findelkinder gehört zu den wichtigen Aufgaben, die sich der Orden gestellt hat …. Daß sich diese Frau aus den Slums von Kalkutta, die das größte Elend kannte, radikal gegen Abtreibungen aussprach, mußte denen, die von sozialer Indikation oder ähnlichem redeten, die Schamröte ins Gesicht treiben. Daß sie mit beträchtlichem Erfolg Progamme der natürlichen Familienplanung betrieb, kränkte die, die meinten, mit flächendeckender Chemie Frauen von allen Sorgen der Geburtenkontrolle befreien zu können. Selbsternannte Frauenrechtlerinnen erklärten Mutter Teresa zur Feindin, eine Pro-familia-Aktivistin nannte sie gar eine “Marionette des Bösen”. Mutter Teresa hat jedenfalls in glaubwürdiger Weise gezeigt, wie eine Frau Großes leisten und die Welt verwandeln kann, wenn sie ihre wesenseigene Mütterlichkeit nicht verleugnet, sondern aus ihr lebt und wirkt.

AIDS: Bis zur Jahrtausendwende rechnen Wissenschaftler weltweit mit 40 Millionen Aidsinfizierten. Am schlimmsten ist Afrika betroffen. In Sambia, Simbabwe und Uganda sind bis zu 30% infiziert. 60% der Aidsinfizierten sind zwischen 15 und 25 Jahre alt.

Nr.1

<DT Nr. 40, 95, S. 9>

Geburtenplanung

Zu der Meldung “Greinacher verteidigt die Empfängnisverhütung” (DT vom 21. März) möchte ich sagen: Die Äußerung des Tübinger Theologen Greinacher bedarf einer Richtigstellung. Der Vatikan – hier der Papst – wendet sich keineswegs gegen eine vernünftige Geburtenplanung. Er spricht seit vielen Jahren von der verantwortlichen Elternschaft und forciert die Wege natürlicher Empfängnisregelung. Siehe dazu auch die Rede der Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa bei der Verleihung. Leider hat damals der deutsche Blätterwald über diese markante Passage ihrer Rede geschwiegen.

Vernünftige Geburtenplanung beinhaltet Beachtung der natürlichen Fruchtbarkeitsphase im weiblichen Zyklus, nicht den Gebrauch der Chemie in Form von Pillen und den Gebrauch von Spiralen.

Elisabeth Deiß, 88069 Tettnang

Geistiger Müll

Die Anstalten ARD und WDR sind vom rechtlichen Auftrag her zu fairer Ausgewogenheit verpflichtet. Doch beide Sender praktizieren seit vielen Jahren unerträgliche Einseitigkeit auf politischem und weltanschaulichem Gebiet. Dies wurde offiziell nie zugegeben, als aber vor einigen Wochen die Ministerpräsidenten Stoiber und Biedenkopf Fraktur redeten, kamen aus der politisch linken Ecke wütende Reaktionen.

Nun hat diese Zeitung in der Ausgabe vom 11. März unter der Überschrift “Nachfolger für Nowottny” einen arglosen Artikel über Fritz Pleitgen veröffentlicht. Der neue Intendant wird zum Schluß mit dem Ausspruch zitiert: “Das Erste wird bleiben, es ist das wichtigste deutsche Fernsehen.” Ja, Pleitgen meint, die “Öffentlich-Rechtlichen seien zwar in den Quoten zu schlagen, nicht aber in der Qualität”. Da drängt sich die Frage auf, was für einen Qualitätsmaßstab Pleitgen eigentlich hat.

Die Media der Kultur und Kunst, die über Jahrhunderte die Steigerung der Lebensmächte speisten, werden durch das Fernsehen – aller Kanäle – mit Produktionen der Augenblicklichkeit weggespült. Von Moden und Ideologien gesteuert, wird das Direkte, das immer Neue und Nichtige, das Sensationelle und Unbedeutende, das auf Klischees reduzierte Denken, die verkürzte Sprache produziert. Zu Wort kommen solche, denen man das Mikrophon hinhält, die wenig wissen und nichts von Bedeutung zu sagen haben. Die mediale Kommunikation überfällt alles und jeden. Die Informationsfreiheit entpuppt sich als grenzenlose Freiheit zur Verdummung, Herabwürdigung, Zersetzung und Unterwerfung. Die ständige Anpassung nach unten verkleidet sich mit der Maske der Demokratie. Im chaotischen Bildervorbeimarsch können Publikum und Medienträger die Beruhigung ihrer eigenen Dürftigkeit erleben.

Pleitgen wäre zu fragen, wer denn mit den größten Schuldanteilen am grassierenden Nihilismus in unserer libertären Gesellschaft trägt. Wer schüttet Tag für Tag geistigen Müll gleich kübelweise über unsere Familien? Professor Rohrmoser meint in seinem neuen Buch “Der Ernstfall”: “Die durchgehende Sexualisierung der Gesellschaft und fast aller ihrer Medien ist nur ein Aspekt tiefen seelischen Elends. Es liegt vor Augen, wie die öffentlichen Medien und Instanzen bis in die Politik hinein in einer inzwischen jahrzehntelangen Kampagne zur anarchischen und hypertrophen Betätigung des Geschlechtstriebs aufrufen.” Hemmungslos berieseln die Fernsehanstalten im gegenseitigen Konkurrenzkampf um Einschaltquoten die permissive Gesellschaft mit Pornographie und Unzucht als „Abendvergnügen”. Es stünde einem neuen Intendanten gut an, ein Wort über solche Zustände zu verlieren.

Hubert Pieper,

50129 Bergheim-Niederaußem

<DT vom 6.7.94>

Wer nennt die Schuld der Abtreibung, wenn nicht die Kirche?

Erzbischof Johannes Dyba legt seine Haltung in der Frage der Beratung von Schwangeren in Konfliktfällen dar

Der Bischof von Fulda, Erzbischof Dyba, hat in der jüngsten Ausgabe der “Internationalen Katholischen Zeitschrift” die Entscheidung verteidigt, in seinem Bistum bei der Beratung von Schwangeren in Konfliktsituationen keine staatlichen Bescheinigungen mehr ausstellen zu lassen. Dyba bezieht sich dabei auf einen im Frühjahr in derselben Zeitschrift erschienenen Aufsatz des Sekretärs der Deutschen Bischofskonferenz, Prälat Schätzler ( 1 ). Dieser hatte die Auffassung vertreten, eine Schwangerschaftskonfliktberatung ohne Ausstellung jener Scheine, die der Staat für eine straffreie Abtreibung vorschreibt, verliere schnell den Zugang zu den ungewollt schwangeren Frauen. Schätzler hatte in diesem Zusammenhang den Rückgang der Konfliktberatungsfälle im Bistum Fulda bedauert.

Inzwischen hatte auch der Würzburger Moraltheologe Bernhard Fraling die kirchliche Beteiligung am staatlichen Beratungssystem für Frauen in Schwangerschaftskonflikten befürwortet. Effektiver Lebensschutz müsse die Schwangeren im Blick haben, die sich noch nicht endgültig zu einem “Schwangerschaftsabbruch” entschieden hätten, schreibt Fraling in der jüngsten Ausgabe der in München erscheinenden Jesuiten-Zeitschrift “Stimmen der Zeit”. Schätzungen zufolge motiviere die Beratung jährlich fünf- bis achttausend Frauen, die Schwangerschaft doch auszutragen. Man dürfe sich dieser Möglichkeit durch den Ausstieg aus dem staatlichen System nicht berauben, wie es Erzbischof Dyba getan habe. Darin seien sich die Mehrzahl der deutschen Moraltheologen einig.

Der Theologe weist den Vorwurf zurück, die Beraterinnen würden durch die Ausstellung des Beratungsscheins die Abtreibung “mitverursachen “. Der Schein diene nicht nur zur Straffreistellung, sondern auch zur kontrollierten Durchsetzung der Beratungspflicht. Auch wenn die Straffreiheit der Abtreibung kirchlich nicht akzeptabel sei, stelle der Beratungsschein moraltheologisch kein “malum in se “, kein Böses in sich dar. In einem System, das Menschenleben immer weniger achte, müsse die Kirche alle Lücken nützen, um Leben wirksam zu schützen. Deshalb könne die Schwangerschaftsberatung ein überzeugendes Zeugnis der Kirche bleiben, “weil sie dabei nicht gezwungen ist, ihrer eigenen Überzeugung zuwiderzuhandeln”.

Mit freundlicher Genehmigung des Communio-Verlags dokumentieren wir nachfolgend den Wortlaut der Stellungnahme Erzbischof Dybas in der “Internationalen katholischen Zeitschrift”.

Im Jahr 1992 fanden im Bistum Fulda rund 2 600 Schwangerenberatungen statt, davon waren 369 Schwangerschaftskonfliktberatungen. Im Jahr 1993 stieg die Gesamtzahl der Schwangerenberatung auf 2 977, obwohl die Zahl der darin enthaltenen Konfliktberatungen auf 165 zurückgefallen war. Es kann also keine Rede davon sein, daß der Zugang zu den Frauen rapide verloren gegangen sei; ganz im Gegenteil wurden wegen der erwarteten höheren Inanspruchnahme unserer Beratungsdienste für 1994 auf Wunsch des SkF (Sozialdienst katholischer Frauen. Anm.d.Red.) zwei Beratungsstellen personell und räumlich verstärkt. Daß die Zahl der angesprochenen Schwangerschaftskonfliktberatungen zurückgehen würde, war natürlich vorauszusehen. Wir verlieren Frauen, die auf jeden Fall den Beratungsschein haben wollen, und gewinnen Frauen, für die eine Schwangerschaft zwar Rat und Hilfe notwendig macht, aber nicht unbedingt einen Konflikt bedeutet, der das Leben des Kindes in Frage stellt.

Um solche Zahlen richtig einordnen und bewerten zu können, müßten natürlich die Zahlen der anderen Bistümer daneben gesetzt werden.

Wieviele Schwangerenberatungen und wieviele Schwangerschaftskonfliktberatungen haben stattgefunden?

Wieviele Beratungsscheine wurden ausgegeben und wieviele dieser Beratungsscheine wurden für straffreie Abtreibungen in Anspruch genommen?

Wenn all diese Zahlen einmal auf den Tisch kämen, würden die Krokodilstränen über die Fuldaer Zahlen wohl rasch versiegen.

Nach geltendem Recht soll die Beratung “ergebnisoffen” sein, und selbst die Richtlinien des Deutschen Caritasverbandes (2) gehen davon aus, daß in jedem Fall die “eigene und persönlich verantwortete Entscheidung” der Ratsuchenden anzuerkennen und selbst der zur Abtreibung entschlossenen Frau das Bewußtsein zu vermitteln sei, auch in Zukunft angenommen zu sein. Ein solches Verhalten ist aber mit der Lehre der Kirche unvereinbar. Denn es verschweigt, daß es sich bei der Abtreibung um ein schweres Vergehen handelt

<Bild: Der Bischof von Fulda, Erzbischof Johannes Dyba. Foto: Plur >

(Kardinal Höffner: “Ich bleibe dabei, Abtreibung ist Mord”) (3), daß es von der Kirche mit der Strafe der Exkommunikation geahndet wird, also dem Ausschluß aus der kirchlichen Gemeinschaft (KKK. 2272, CIC, can. 1398). Das Zweite Vatikanische Konzil nennt die Abtreibung ein “verabscheuungswürdiges Verbrechen” (GS 51,3). Darf katholische Beratung solch lebenswichtige Information Ratsuchenden vorenthalten? Und wenn wir bei den angeführten Zitaten geradezu zusammenzucken, spüren wir da nicht, wie weit sich unsere heutige Terminologie schon den modernen Vernebelungstendenzen angepaßt hat?

Auch die Folgen einer Abtreibung werden ja in der Öffentlichkeit ganz bewußt verschwiegen, obwohl unzählige Frauen ihr ganzes Leben lang nicht damit fertig werden. Wer soll den Millionen so betroffener Frauen aber denn helfen, wer kann ihnen klarmachen, daß es keine Schuld gibt, die von Gott nicht vergeben werden kann, daß es einen neuen Anfang gibt? Wer, wenn nicht die Kirche? Wie soll sie diese große und erlösende Aufgabe aber glaubwürdig angehen, wenn sie zuvor “ergebnisoffen” beraten und bescheinigt hat?

Ganz so unsicher, wie es uns die Anmerkungen Wilhelm Schätzlers glauben machen wollen, sind wir inzwischen wohl nicht mehr. Schließlich hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz bereits am 10. Juni 1992 in aller Deutlichkeit und Öffentlichkeit erklärt: “Die Beratungsstellen können sich nicht in ein Verfahren einbinden lassen, das die Ausstellung einer Beratungsbescheinigung zu einer wesentlichen Voraussetzung für die straffreie Tötung eines ungeborenen Menschen macht.” (4)

Hinter diese beachtenswerte Erklärung von Bischof Lehmann, deren Befürchtungen (wenn auch nicht per „Gruppenantrag”, sondern per BVG-Urteil) sich so rapide erfüllt haben, sollten wir auf keinen Fall zurückgehen. Die Beratungsbescheinigung als „eine wesentliche Voraussetzung für die straffreie Tötung eines ungeborenen Menschen” – das ist genau die Situation, die wir mit der im Urteil des Bundesverfassungsgerichts festgelegten Lösung bereits jetzt haben. Es wird wohl kaum jemand im Ernst annehmen, daß der Gesetzgeber daran zugunsten der ungeborenen Kinder noch wesentliches verbessert – sofern bei der jetzigen Lage überhaupt noch in absehbarer Zeit ein Gesetz zustandekommen sollte. Daher sollte das Wort des Vorsitzenden der Bischofskonferenz eingelöst werden, bevor es sich vor der Geschichte als unwahr erweisen könnte.

Natürlich gebe ich mich nicht der Illusion hin, daß wir für ein Gesetz, das in allem dem katholischen Glaubensverständnis entspricht, heute in Deutschland noch eine Mehrheit finden. Daher mögen wir unseren politischen Einfluß in Richtung auf das “bestmögliche” Gesetz ausüben. Wer aber zwingt uns, als Kirche in einem System mitzuwirken, das flächendeckende Abtreibungseinrichtungen und Millionen von Kindstötungen einplant und so – wie P.  L. Weinacht es trefflich formuliert – “Fleisch vom Fleische” eines säkularen Staates zu werden?

“Rechtswidrig” soll die Abtreibung zwar bleiben – womit sich manche trösten wollen – aber: nachdem die Rechtswidrigkeit der Tat pflichtgemäß erklärt wurde, soll sie straffrei möglich werden – eine in der ganzen Welt noch nie dagewesene Perversion des Rechtsdenkens -, verschärft doch bisher überall die Einsicht in die Rechtswidrigkeit einer Tat die persönliche Verantwortung. Selbst Nichtjuristen sollte der in dieser “Lösung” verborgene Zynismus in die Augen fallen: dem Kinde darf zwar das “Recht auf Leben” nicht genommen werden, wohl aber das Leben selbst!

Ich versuche mich ungern als Prophet, aber wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, darf wohl sicher sein, daß wir einmal für jeden Tag dankbar sein werden, den wir uns eher aus dieser Verstrickung gelöst haben.

(1) W. Schätzler, „Wo ist hier die katholische Position?” Anmerkungen zu einem Artikel von Paul-Ludwig Weinacht, in dieser Zeitschrift 23 (1994), S. 188-190. Vgl. P.-L. Weinacht. Das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit. Kulturkirche und Verkündigungskirche, ebd., S. 87ff.

(2) “Beratung und Hilfe”, DCV vom 30. Januar 1980.

(3) J. Höffner, In der Kraft des Glaubens, Bd. 2, Freiburg 1986, S. 87.

(4) Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 10. Juni 1992, Nr. 6.

Saarbrücker Zeitung

Erschreckendes Geschäft mit Kinderpornografie

Mord an der Seele

- VON RAINER MÜLLER -

Vor Jahren las der Schweizer Urs Allemann bei einem Literaturwettbewerb einen Text mit dem Titel “Babyficken”. Er erhielt dafür den angesehenen Ingeborg-Bachmann-Preis. Das war ein Skandal und Anlaß, wieder einmal über Grenzen von Freiheit zu diskutieren. Allemanns Fiktion von damals ist jetzt Realität. Der Kinderporno-Skandal in den Niederlanden erschüttert die Gesellschaft. Heute könnte Allemann mit seinem Text keinen künstlerischen Anspruch mehr erheben.

Die scheußlichen Vorgänge bieten Einblicke in tiefe menschliche Abgründe. Kann jemand so tief sinken, daß er im Drang nach Befriedigung, auf der Suche nach dem letzten sexuellen Kick, sogar Säuglinge zu Lustobjekten degradiert und diese Schandtaten auch noch über Internet weltweit verbreitet? Etwas Unvorstellbares ist finstere Realität.

Der Begriff der Kinderpornografie ist dabei verharmlosend. In der Pornografie werden geschlechtliche Vorgänge dargestellt, und andere Gesichtspunkte der Geschlechtlichkeit, Liebe etwa, außer acht gelassen. Auch sind die handelnden Erwachsenen mit den aufs Mechanische reduzierten Bildern und Filmaufnahmen einverstanden. Werden sexuelle Handlungen aber an Kindern und Säuglingen vorgenommen, so geht es um Kriminalität übelster Art, um Mord im übertragenen Sinn, weil Seelen vernichtet werden. Die geschändeten Kinder sind für ihr Leben gezeichnet. Die an ihnen begangenen Untaten werden sie nie mehr loslassen. Dieses Geschehen ist nicht zu verdrängen und aufzuarbeiten.

Die Frage wird laut, ob solche Verbrechen auch die Folge der sexuellen Befreiung sind. Das ist schwer zu beantworten, einige Zeitgenossen aber verwechseln sicher Freiheit mit sexueller Freizügigkeit. Und insofern führte diese Bewegung zumindest zu einer Enttabuisierung. Was auf dem Kinderporno-Markt mit einem Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Mark in Deutschland zu haben ist, kann auch als Folge dieser Freizügigkeit gesehen werden. Perverse Verbrecher bedienen sich jetzt moderner Kommunikationswege, um ihre Schweinereien denen weiterzureichen, die ebenfalls Gefallen am Kinder-Mißbrauch finden.

Das weltweite Internet bietet die Möglichkeit, in der Anonymität der eigenen vier Wände vor dem Monitor des Computers alle Phantasien auszuleben und sich virtuell zu befriedigen. Das ist eine der Schattenseiten der weltweit offenen Kommunikationsgesellschaft. Voyeure, Perverse, vor allem aber skrupellose Geschäftemacher bilden dabei eine unheilige Allianz, deren Kreise zerstört werden müssen. Auch in diesem Fall hinkt die Polizei den Machenschaften der Kriminellen hinterher. Sie muß schnellstens Boden gutmachen und im Rahmen zwischenstaatlicher Zusammenarbeit den Schmutzfinken auf die Spur kommen, um ihnen das Handwerk zu legen. Dazu bedarf es harter gesetzgeberischer Einschnitte, die nicht wieder unter dem Vorwand des persönlichen Datenschutzes boykottiert werden dürfen. Es wäre denkbar, daß die Online-Dienste für schärfere Kontrollen in die Pflicht genommen werden. Bisher kann jeder auch anonym mit Phantasie-Namen auf der Datenautobahn umherfahren.

Der Fortschritt bei der Software bringt uns möglicherweise eines Tages Programme, die Sex-Perversionen erkennen und im Internet nicht zulassen. Damit wäre aber nur deren Verbreitung unterbunden, das Grundproblem würde bleiben. Deshalb brauchen wir deutlich härtere Strafen für alle, die in irgendeiner Weise mit Kinderpornografie zu tun haben: Produzenten, Verbreiter und Käufer.

2 Saarbrücker Zeitung <28.12.95>

Persönlich handeln

VON RAINER MÜLLER

Was hat die mögliche Klimaveränderung auf der Erde mit den Antybabypillen zu tun? Auf den ersten Blick überhaupt nichts, handelt es sich doch um zwei grundverschiedene Themen. Und doch gelingt es, beides miteinander in Verbindung zu bringen. Und zwar unter einem einzigen Stichwort, das “Risiko” heißt.

Wahrscheinlich haben die meisten Menschen ein irrationales Verhältnis zum Risiko und lassen sich bei der Bewertung dessen, was wirklich und direkt gefährlich werden könnte, weniger vom Verstand als von Gefühlen leiten. Während über Treibhauseffekt und Ozonlöcher in Weltuntergangsstimmung debattiert wird, ja geradezu das Ende der Welt herbeigeredet wird – wie übrigens häufig bei ökologischen Themen – , werden viel direktere und nachgewiesene Risiken eher kaum zur Kenntnis genommen oder ganz verdrängt.

Eines der Beispiele hierfür datiert aus der jüngsten Zeit. Da wird beim neuerlichen Bekanntwerden von gesundheitlichen Risiken nach Einnahme bestimmter hormonhaltiger Präparate so getan, als käme hier überraschend ein völlig neues Thema auf den Tisch. Tatsache aber ist, daß es immer schon Ärzte gab, die auf diese Gefahren aufmerksam machten und sich sogar beharrlich weigerten, die entsprechenden Pillen zu verordnen. Niemand weiß genau, wieviele Todesfälle es bereits gegeben hat. Wie oft mag wohl ein Hirnschlag bei jungen Frauen auf die Einnahme solcher Präparate zurückzuführen sein?

Das eindeutig vorhandene Risiko für die Gesundheit wird, so ist es zu erwarten, wohl auch künftig nicht entsprechend stark zur Kenntnis genommen, obwohl es Methoden der Schwangerschaftsverhütung gibt, die ohne gesundheitliche Risiken sind.

Immer mehr Berufstätige, die sich im täglichen Streß zwischen Arbeitsplatz, Kaufhäusern, Freizeitaktivitäten und Küche abhetzen, greifen auf Lebensmittel aus industrieller Produktion zurück. Das ist zwar außerordentlich bequem und zeitsparend, doch bleibt die Frage nach der Gesundheit. Immer wieder wird vor einer solchen Ernährungsweise gewarnt, die nachgewiesenermaßen, und das läßt sich epidemiologisch belegen, zu verstärktem Auftreten von Darmkrebs führt. Diese Krankheit ist in erster Linie eine Erscheinung unserer modernen Zeit und tritt vermehrt in den hochindustrialisierten Staaten auf. Es gibt Gebiete, vor allem in Afrika und Südamerika, wo Darmkrebs völlig unbekannt ist, weil sich die Menschen dort natürlich ernähren. Wir allerdings würden das als rückständig bezeichnen.

Der zwingende Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheit wird bei uns kaum wahrgenommen, obwohl zu diesem Thema viel publiziert wird. Die sogenannte Informationsgesellschaft allerdings nimmt es ungern zur Kenntnis und wiegelt ab. Appelle der Mediziner verhallen ungehört. Bequemlichkeit rangiert vor einem Verhalten, das zwar einen höheren Zeitaufwand erfordern, sich in punkto Gesundheit aber auszahlen würde.

Ein Paradebeispiel für eine Lebensweise, die mit großer Gewißheit zum Kranksein führt, bieten die Raucher. Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs oder anderen Erkrankungen des Bronchial- oder Herz-Kreislauf-Systems gehört zu den besterforschten-und belegten Gebieten in der Medizin. Trotzdem läßt das Rauchen in der Gesellschaft nicht merklich nach, nicht zuletzt aufgrund immer umfangreicherer und psychologisch ausgefeilterer Maßnahmen der Tabakindustrie. Die geheimen Verführer, wie sie Vance Packard bereits in den fünfziger Jahren beschrieben hat, siegen immer noch über die Vernunft. Dabei sollte Nichtrauchen heute ebenso ,,in” sein wie die vornehme, aber gesündere Blässe der Haut: Da wären wir schon bei einem anderen Beispiel, das die Sonnenanbeter betrifft, die zwar Angst vor den Folgen des Ozonlochs haben, sich aber zwecks Bräunung gerne ausgiebig den UV-Strahlen aussetzen.

Bevor wir großartig in globalen Dimensionen über Risiken reden, die die Welt zugrunde richten könnten, wäre für manche eine Reflexion aufs eigene, oft sehr risikoreiche Leben näherliegender und vernünftiger. Wie fordern die ÖkoProfis immer: Global denken, aber lokal (persönlich) handeln.

Fehl- und Totgeburten zu Granulat verarbeitet

Da sträuben sich die Haare

- VON RAINER MÜLLER -

Es heißt, die kulturelle Qualität eines Volkes erkenne man auch daran, wie es mit seinen Toten umgehe. In Berlin scheint man sich keine Gedanken über die „Beseitigung” von Tot- und Fehlgeburten zu machen. Sie wurden als Sonderabfall angesehen, verbrannt und zu Granulat verarbeitet. Da sträuben sich einem die Haare. Wenn diese Verfahrensweise dann auch noch mit ökologischen und wirtschaftlichen Vorteilen begründet wird, dann könnte man sogar die Fassung verlieren.

Der tote Mensch, ein betriebswirtschaftlich zu betrachtendes Objekt. Man glaubt es kaum. Tatsache dürfte sein, daß Tot- und Fehlgeburten in den meisten Fällen in vielen Ländern ohne jegliche zeremonielle Würde einfach in den Verbrennungsofen geworfen werden. Das mag laut Bestattungsgesetz legal sein. Ob man diese „Entsorgung” unter ethischen Gesichtspunkten aber auch guten Gewissens vertreten kann, ist eine völlig andere Frage. Nach dem Bekanntwerden dieser Vorgänge liegt es nun am Gesetzgeber, die normale Bestattung von Fehl- und Totgeburten beispielsweise verbindlich festzuschreiben und sie nicht in das Ermessen einer Klinik zu stellen. Fragen muß man sich in diesem Zusammenhang aber auch, was man von solchen Eltern halten soll, die Totgeborene wegwerfen wie einen alten Lappen. Sie haben ja heute schon die Möglichkeit, sie beerdigen zu lassen.

<SZ>

Kirchensklaven

Zum Artikel ,,Auftrieb für katholische Reformer” (SZ vom 20. November): Die verhältnismäßige dürftige Beteiligung von ca. 6,5 Prozent der bundesdeutschen Katholiken an dem Kirchenvolksbegehren hat wieder einmal sehr deutlich gemacht, wie groß doch die Bequemlichkeit bzw. die Angst unter diesen Menschen ist. Es kann davon ausgegangen werden, daß der Großteil der Gläubigen mittleren und älteren Jahrgangs sich diesem Begehren verweigert haben. Die seit Jahrhunderten eingehämmerte Drohbotschaft von der “ewigen Verdammnis” hat nachhaltig Wirkung gezeigt! Die Katholiken sind fest an die Rockschöße des Priestertums gebunden, denn ohne Inanspruchnahme dieses Priestertums gibt es nach der Lehre dieser Kirche keine Sündenvergebung, kein Kommen des Hl. Geistes, kein Abendmahl des Herrn, keine Krankensalbung und keine gültige Ehe. Dabei kann der Mensch Gott in Wirklichkeit mit dem gerade dienen, was nicht durch die Kirchen zum Leben kam; mit dem eigenen Denken, dem selbständigen Prüfen. Statt frohe, freie Gottverehrer hat sich die Kirche Kirchensklaven erzogen. Sie hat die Menschen bis heute nur gebunden und geknebelt, anstatt sie zu erwecken und sie zu befreien. Dies alles, um sich die eigene Macht zu erhalten. Von dieser Macht und dieser Lehre will sich diese “äußere Kirche” um keinen Preis trennen, wie den jüngsten Äußerungen des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann zu entnehmen war. Man muß kein Prophet sein, wenn man angesichts dieser immer noch uneinsichtigen Haltung der Kirchenoberen voraussagen kann, daß die Spaltung in der Katholischen Kirche bereits ihren Anfang genommen hat.

JOSEPH WOLF, Homburg

<Barbara Rvinius geb. Roth>

Grüß Gott ‚Herr Pfarrer‘

Als frühere Nachbarin der Werbelnerstr. möchte ich mich bei Ihnen für den mutigen Leserbrief im Paulinus bedanken. Wir haben uns wie schon öfter über Ihre Briefe gefreut. Aus diesen Gründen die Sie angaben, wollten wir schon öfter diese Zeitung abbestellen, weil sie nicht mehr richtig katholisch ist.

Ich bin aus der Familie Roth in Eurer Nähe gelegen, als letzte von allen.

Nochmals Dank, und herzl. Grüße von

Barbara Rivinius geb. Roth

<SZ>

Nicht so päpstlich

In dem Artikel über das solare Schülerprojekt der Gesamtschule Dillingen “unser Ferrari fährt mit der Sonne” in ,,Junge Leute im Saarland” (SZ vom 16./17. Dezember) werde ich als „Dillinger Solarpapst” apostrophiert. Gut gemeint, natürlich. Und ehrlich gestanden fühlt sich mein Unterbewußtsein sogar ein wenig gebauchpinselt. Aber dennoch: die Mitstreiter der aufkommenden Solarbewegung wollen sich auch nicht rhetorisch in die Nähe der autokratischen Repräsentanten einer historisch erstarrten Hierarchie gerückt sehen. Sie arbeiten in kleinen, dezentralen, vernetzten, nicht oder doch nur schwach hierarchisierten, flexiblen und hochmotivierten Einheiten zusammen. Sie wollen auf jeden Fall weniger päpstlich sein als der Papst.

Und außerdem fällt mir zum derzeitigen katholischen Oberhaupt nur das Skalpell des Schriftstellers H. M. Enzensberger ein, das den Papst so seziert, daß er als das genaue Gegenteil dessen entlarvt wird, was uns umtreibt: “In der Wissenschaft der Unterlassung hat er es weit gebracht. … Seine Geruchlosigkeit ist atemberaubend, sein Leumund macht jede chemische Reinigung brotlos, er ist weiß, er niest nicht, er segnet uns, ist gesegnet. Andere Lebenszeichen von seiner Seite sind nicht zu befürchten. Warzenlos verschwindet er in seinem eigenen Foto.” Wären wir so steril in dem, was wir als humane Zukunft anstreben, wäre der Aufbruch ins Solarzeitalter vorüber, bevor er richtig begonnen hätte.

Dr. RUDI PETER, Dillingen

2 Saarbrücker Zeitung  <29./30.7.>

Frauen und Kirche

VON RAINER MÜLLER

Papst Johannes Paul II. hat kürzlich in einem Hirtenbrief Irrtümer eines aggressiven Männertums angeprangert und die Frauen um Vergebung für Verfehlungen seitens der Katholischen Kirche gebeten. Als Schritt nach vorn wurden diese Worte kommentiert – aber ein längst überfälliger Schritt, ist hinzuzufügen. In der Kirche mahlen die Mühlen langsamer, und Irrtümer zuzugeben, fällt nicht leicht. Siehe Galileo Galilei, der erst nach Hunderten von Jahren rehabilitiert wurde.

Die vatikanische “Frauenpolitik” bewegt sich ebenfalls nur langsam voran. Den Frauen gegenüber hat die Kirche stets männliche Überlegenheit demonstriert und tut es, trotz aller Beteuerungen, heute noch. Wir wollen nicht die gesamte Geschichte bis zu den Hexenverfolgungen aufrollen, aber es sei daran erinnert, daß niemals in der Kirchengeschichte Hexer verfolgt wurden. Das blieb Edgar Wallace vorbehalten. Die Kirche verfolgte nur Hexen, also Frauen, die als Inbegriff der Sünde galten. Die Hexen haben das kirchliche Frauenbild viel zu lange geprägt.

Lassen wir uns nicht täuschen. In Wirklichkeit bedeutet der Hirtenbrief des Papstes zur Stellung der Frauen in der Männergesellschaft der Kirche fast nichts. Alles darüberhinausgehende, was zu Frauen gesagt wurde, sollte als Selbstverständlichkeit gelten. In der Kirche bleibt es bei dem Fakt, daß Männer sie dominieren und Frauen in Leitungsfunktionen nichts zu suchen haben.

Im übrigen hat der Papst selbstverständlich recht, wenn er die sexuelle Gewalt gegen Frauen anprangert und geeignete gesetzliche Mittel anmahnt. Auch die Justiz, das wird in der Rechtsprechung deutlich, reagiert nicht immer mit der erforderlichen Härte auf Verletzungen der Würde von Frauen. Der Staat wird weitestgehend von Männern regiert, die es schließlich auch zulassen, daß Frauen im ausufernden Bereich der Pornografie entwürdigt und zum Objekt degradiert werden. Was ist das anderes als Frauenfeindlichkeit?

Natürlich gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen sexueller Gewalt gegen Frauen und der Weigerung der römisch-katholischen Kirche, Frauen auch als Priesterinnen zu akzeptieren. Aber es bleibt Fakt, daß man im Vatikan die Gleichberechtigung der Frau innerhalb der Kirche strikt ablehnt und damit einen qualitativen Unterschied zwischen Männern und Frauen macht.

Die Argumente für diese Haltung sind theologisch kaum haltbar, unter anderem deswegen, weil Priester im heutigen Sinn von Jesus nicht berufen wurden. Jesus war ein Mann und könne auch nur von einem Mann repräsentiert werden, lautet die klassische, immer wieder angeführte Begründung. Sie wird durch Wiederholen nicht besser und wirkt wie an den Haaren herbeigezogen. Man kann gegenargumentieren, daß die Osterbotschaft der Auferstehung als das bedeutendste und überwältigendste Ereignis der christlichen Geschichte zuerst an Frauen, an die Jüngerinnen Christi, übermittelt wurde.

Auch Frauen standen in der Gefolgschaft Jesu, und es gibt nicht wenige Zeugnisse dafür, daß sie im Glauben an ihn oft fester waren als Männer. Außerdem ist unbestritten, daß Mann und Frau gleichermaßen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurden. Es steht nirgends geschrieben, der Schöpfer habe beide Geschlechter auf verschiedene Stufen gestellt und dabei eine bestimmte Gruppe von Männern, etwa die Priester, sogar noch überhöht.

Den letzten Schritt, die Zulassung der Frauen-Ordination, hat der Papst nicht getan. Die Zeit in der Amtskirche ist hierfür noch nicht reif. Aber die Basis drängt. Man sieht es am Volksbegehren in Österreich (in Deutschland bestehen ähnliche Pläne), das mit seiner halben Million Unterschriften den überzeugenden Beweis dafür liefert, daß die Zeit des Diktierens und des Anspruchs auf unbedingten Gehorsam vorbei ist. Das ist gut so. Der jetzt festzustellende Aufbruch sollte diejenigen ermutigen, die eigentlich Kirche ausmachen: Alle engagierten Gläubigen.

Dienstag, 25. Juli 1995   Aussprache / Roman     Deutsche Tagespost Nr. 88/Seite 9

Das “C” verleugnet

Als über halb Europa die Fahne mit dem Hakenkreuz wehte, hat sie der “Löwe von Münster” die Fahne “mit dem verbogenen Kreuz” genannt. Sie brachte Millionen den Tod und Deutschland Schmach und Schande.

Als sie gesunken war, fanden sich vor fünfzig Jahren in Scharen deutsche Männer und Frauen zusammen und pflanzten ein Banner Christi auf. Sie begründeten eine politische Partei, in deren Namen das “C” an der Spitze steht. Und heute? – Am 29. Juni dieses Jahres haben die meisten gewählten Vertreter dieser Partei, nach einer jahrelangen Serie von Halbheiten und Schwachheiten, dieses “C” verleugnet (DT vom 29. Juni). Es wäre wenigstens ehrlich und weise zugleich, jetzt endlich die Fahne mit dem “C” wieder einzurollen!

Allen Parteifreunden, die in den vergangenen fünfzig Jahren tapfer und treu im Sinne der Gründer gekämpft haben und noch kämpfen, gebührt Anerkennung, Dank und Ehre. Ich, für meinen kleinen Teil, kann und will nun nicht mehr der Fahne mit einem “verbogenen C” folgen und habe meinen Austritt aus der CDU erklärt.

Bernhard Graf von Galen, 59510 Lippetal

Verlust an Substanz

Das deutsche Volk des zwanzigsten Jahrhunderts kann, unter dem Gesichtpunkt beider Weltkriege und der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation und ihrer spezifischen Schäden, nur noch als ein Kosten-Nutzen Organismus aufgefaßt werden, da die meisten verantwortlichen Einzelglieder sich als Apparat einer “Daseinsfürsorge” in eine neu entstehende Welt zwingt, ihr nur noch zu dienen.

Die Kompromißlösung im Konflikt zum Recht auf Leben beim Paragraphen 218 vernichtet, was in ihr keinen Platz hat. Der Mensch als ungeborenes Leben scheint in das aufzugehen, was Mittel für eine Ideologie, nicht Zweck, geschweige Sinn des Lebens ist. Unserer Gesellschaft wird ein Wunschkind-Dogma anerzogen, in der wir keine Zufriedenheit finden; ihr fehlt, was Wert, Beständigkeit und Würde gibt (siehe DT vom 29. Juni).

Was in aller Not ein unbefragter Hintergrund der Sinn des Lebens war, ist nun endgültig im Verschwinden.

Auch die politische Verantwortung ist mit der Kompromißlösung zur Tötung Ungeborener im Bewußtsein so allgemein, daß es mit dem verbrieften Grundrecht, worauf es eigentlich in einer Demokratie ankommt, nicht mehr im Einklang steht. Fragt man nach dem tieferen Grund und findet die Staatskrisis; wenn die Weise des Regierens zu keiner entscheidenen Willensbildung von Innen und Außen als des Ganzen führt und die Gesinnung der Zustimmung moralisch-, sittlich- und naturrechtlicher Verantwortung jenem Lebensrecht schwankt, schwankt alles. Oder man steuert in eine Kulturkrisis als die Zersetzung alles Geistigen, oder schließlich in <eine Krisis?> des Menschseins selbst. Der historische Augenblick der Wiedervereinigung Deutschlands gab beiden Teilen von West und Ost die Chance, ein glaubwürdiges Lebensrecht zu schaffen.

Verantwortung für jedes menschliche Leben ist die Bindung an Vertrauen, dieses Vertrauen wurde im Feuer der Kritik zerschmolzen und andererseits ist die Glaubwürdigkeit der Verpflichtung in sich bindender Treue wie verschwunden; weichliche Humanität, in der die Humanitas verloren ist, rechtfertigt mit blutleeren Idealen das Elendste und Zufälligste. Das Resultat ist einerseits der dem modernen Systems eigene Zynismus; man zuckt die Achseln gegenüber einer von bereits x-Millionen vorgenommenen Massentötung ungeborenen Lebens und kaschiert geschickt die Konsequenzen.

Es gibt in unserem Land noch immer eine erstaunliche Vielzahl von Bürgern mit natürlichem Verstand und sie wissen um den unersetzlichen Substanzverlust in dieser unserer “Neuen Zeit”, der unaufhaltsam fortschreitet.

Durch die Entscheidung des 13. Deutschen Bundestages zum Paragraphen 218 wird das große düstere Thema dieser Epoche bestätigt: “Ich und Masse”, und nicht wie früher: “Gott und Ich, Ich und Natur oder Ich und der Staat”. Das zwanzigste Jahrhundert steht wahrlich unter dem Motto, einer Kultur des Todes zu sein, weil sie sich materiell viel stärker entwickelt hat als geistig. Von der Begeisterung über die Fortschritte des Wissens und Könnens sind wir in eine ideologische Wissenschaftsgläubigkeit gesteuert, deren Überheblichkeit es nicht mehr zuläßt, moralische Grenzen einzuhalten.

Die Diskussion um den Paragraphen 218 führte nicht auf die Wurzel der Ursachen der Abtreibung, sie hat nur eine Schale der Waage belastet, das Gegengewicht, das Mensch-Sein fehlt. Die Würde der Frau und das Recht auf Leben für das Kind wird wiederholt deformiert und jedes im Mutterleib getötete Kind wird Stimme des Gewissens und Anklage für die zukünftige Generation unüberhörbar werden lassen.

Karl Sailer, 87435 Kempten

Ohrenschmaus

Zu dem „Kirchenvolksbegehren” in Österreich (DT vom 8. Juli) kann man nur hinweisen auf 2 Tim 4, 3: “Denn es wird die Zeit kommen, da man die gesunde Lehre unerträglich findet und sich nach eigenem Sinn Lehrer über Lehrer sucht, um sich einen Ohrenschmaus zu verschaffen. Der Wahrheit verschließt man das Ohr und ergötzt sich an Fabeln.”

Und wie sagt Jesus zu Petrus, als dieser Mitleid mit ihm hatte bezüglich seiner Todesvoraussage? “Weiche von mir, Satan, Du sprichst Menschengedanken, nicht Gottesgedanken” (Mt 16,23).

Kennen jene, die da so aufbegehren, überhaupt die Heilige Schrift? Glauben sIe, was Christus lehrte? Er sagte: “Wer nicht glaubt, wird verdammt werden” (Mk 16, 17). Solche haben der Kirche keine Vorschriften zu machen.

Erna Bayer, 49809 Lingen

Alarmglocken

Das Anti-Kirchen-Aufbegehren der selbsternannten Kirchenvolksvertreter könnte – wenn auch nur in der Hoffnung wider alle Hoffnung (vgl. Röm 4, 18 a) eines erreichen: daß nämlich in den bischöflichen Kanzleien endlich die Alarmglocken schrillen (siehe Deutsche Tagespost vom 8. Juli). Jahrzehntelang hat man doch der Demontage katholischer Identität nahezu tatenlos zugeschaut und die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben wollen.

Natürlich hat sich in diesem Vakuum ein total freikirchliches Selbstverständnis eingenistet, das dann solche Früchte bringen muß. Pastor Harm Bernick sieht das so: “Das Kirchenschiff treibt auf dem Ozean. Die Seekarten sind verbrannt, der Kompaß kaputt. Die Offiziere aber stehen auf der Brücke und sagen: Macht nichts, ist ja alles ein Meer!” Der alte Plato aber sagte seinerzeit schon: “Wenn Übel weit fortgeschritten sind, ist es nicht angenehm, sie zu beseitigen!”

Professor Dr. Alfred Kolaska,

A-1121 Wien

Verhüllung

Der Berliner Reichstag ist nach zwei Wochen wieder enthüllt worden. Millionen haben dieses Kunstwerk bestaunt. Verhüllung – das mag der neue Stil in der Kunstgeschichte sein, wenn sich aber auch Verhüllung in der Politik einführt, wie es uns der Bundestag mit dem neuen Paragraphen 218 vorgeführt hat, dann macht das andere Millionen politikverdrossen. Was in der Kunst “in” ist, darf noch lange nicht auch für die Politik gelten.

Die Verabschiedung des neuen Abtreibungsgesetzes (siehe DT vom 18. Juli) ist doch nichts anderes als eine Verhüllung. Abtreibung, bewußte Tötung eines ungeborenen KIndes, soll also keine Straftat mehr in den ersten drei Monaten sein, nur mehr Unrecht, wenn sie unter Aufsuchung eines Beraters geschieht. Enthüllt bedeutet das, das ungeborene Leben, sein Schutz und seine Annahme ist in das Belieben der “werdenden” Mutter gegeben. Unsere frei gewählte demokratische Regierung mit Parlament sieht sich außerstande, dieses Leben vor der Willkür in Schutz zu nehmen! F

Die pränatale Behindertentötung haben unsere parlarnentarischen „Künstler“ mit der medizinischen Indikation verhüllt. Enthüllt bedeutet das, bis kurz vor der Geburt ist wiederum dieses Leben in das Belieben der Mutter gegeben. Sonst schützt diese Indikation die Mutter vor einer gesundheitlichen Schädigung, jetzt soll die Freiheit der Mutter vor einem behinderten Mitmenschen geschützt werden.

Fünfzig Jahre nach dem Zusammenbruch einer menschenverachtenden deutschen Diktatur – ihre Opfer haben wir in den Maitagen würdig beklagt und geehrt mit Kranzniederlegungen im In- und Ausland – ist ein frei gewähltes demokratisches deutsches Parlament dabei, die nächsten Massengräber zu schaufeln, diesmal den Ungeborenen, ungesetzlich schon 300 000 Abtreibungen. Wer wird einmal vor diesen Massengräbern oder Müllhalden deutschen Wohlstandsabfalls Ehrenkränze niederlegen, wenn uns unsere Wirtschaft enthüllt, daß wir ihre Träger an den Müllhalden entsorgt haben?

Hermann Waschl, 92266 Ensdorf

Wüste

Zu dem Bericht „Wüstenbildung schreitet alarmierend fort” (DT vom 17. Juni) meine ich: ,,135 Millionen Menschen liefen Gefahr, ihren Lebensraum wegen Verwüstungen verlassen zu müssen.” So lesen wir. Es wird ja seit vielen Jahren übertriefend von Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit gesprochen, und wie besonders die Vereinten Nationen bei ihren Handlungen die Humanität im Auge haben. Ist das wirklich so? Nein!

Wenn die Vereinten Nationen wirklich die Kräfte bündeln würden und die Industriepotentiale der großen Staaten zu Friedensproduktionen, den Menschen nützenden, anhalten würden, ließe sich vieles erreichen. Verlust der Arbeitsplätze ist die allgemeine Ausrede, nicht auf Friedensproduktion umzustellen. Welche Bankrotterklärung für die sogenannte Menschlichkeit!

Es ist zu fordern und gut vorstellbar, daß die führenden Industrienationen in enger Zusammenarbeit mit den betroffenen Wüstenstaaten oder Trockengebieten die Eindämmung der Wüstenausbreitung als edle und lohnende Anstrengung in ihr Programm aufnehmen. Vor vielen Jahren schon hat der berühmte Professor Hermann Sörgel, Regierungsbaumeister und Architekt, sich darüber Gedanken gemacht und seine geprüften und gutgeheißenen Pläne „Atlantropa” genannt. Unzählige Arbeitsplätze könnten so für aufbauende und den Menschen dienende Maßnahmen gesichert werden. Maschinenfabriken aller Art, Walz- und Kranwerke sind für viele Jahre ausgelastet. Kosten? Wer bezahlt das? Bei allen bisherigen Waffenlieferungen stellen sich anscheinend diese Fragen nicht, obwohl die belieferten Länder bis über die Ohren mit Negativ-Schulden unrentierlicher Art voll sind. Bei den Hilfen für den Kampf gegen die Verwüstung mögen die Schulden zwar auch in der ersten Phase zunehmen, doch sehr bald werden die guten Früchte für die Anstrengungen sichtbar werden und den Menschen zur Verfügung stehen. Neues Kulturland ermöglicht rentierliche Investitionen, von denen alle Beteiligten etwas haben.

Die Israelis mit ihrem Fleiß und ihrem Geschick bei der Kultivierung der Wüstengebiete sind für alle Trockengebiete und Wüstengegenden ein nacheifernswertes Vorbild. Möge darum das “Projekt Atlantropa”, technisch auf den neuesten Stand gebracht, Anreiz bieten zur Rückgewinnung der Wüsten für die Menschen, damit die unsinnige Angst vor der Überbevölkerung (ein Witz bei zwangsweise stillgelegten Flächen bestens Bodens!) endlich vom Tisch ist.

Helmut Lamprecht, Rektor a. D., 89293 Kellmünz

Umweltschutz

Anscheinend haben für die Deutsche Tagespost die Interessen des Kapitals einen höheren Stellenwert als Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung. Zu dieser Überzeugung kam ich beim Lesen des Artikels „Ölindustrie befürchtet hohe Kosten” in Nummer 77, Seite 8. Die Verfasserin jammert darin über die hohen Kosten, die der Ölindustrie entstehen und greift Politiker, die sich gegen eine weitere Verseuchung des Meeres eingesetzt haben, in verleumderischer Weise an. Müßte man sich nicht über den Erfolg des Protestes gegen die geplante Versenkung der Plattform Brent Spar freuen?

Reinhard Rüssel, 76185 Karlsruhe

Fehlentwicklungen

In der Deutschen Tagespost vom 8. Juli sind gleich mehrere beachtenswerte Beiträge enthalten, die eine Untersuchung darüber nahelegen, wie Urheber gefährlicher Fehlentwicklungen zunächst gänzlich Unbeteiligten eine Mitverantwortung aufnötigen.

Soldaten der Bundeswehr verwahren sich mit Recht dagegen, bei eventuellen Kampfeinsätzen wegen des Risikos der Eskalation angeprangert zu werden. Verfechter der Selbstbestimmung um jeden Preis waren es nämlich, welche die damalige Warnung der Serben “Anerkennung von Bosnien-Herzegowina bedeutet Krieg” fahrlässig ignoriert und machtpolitisch nicht neutralisiert haben.

Ähnlich ergeht es auch vielen gewissenhaften Steuerzahlern und freigebigen Spendern, die nun immer tiefer in den bodenlosen Sumpf der Ungereimtheiten hineingezogen werden. Da waren es erst einmal Wirrköpfe, Fanatiker und religionsfeindliche Vordenker, die bedauerliche Schwachpunkte der Gesellschaft aufgriffen und mittels der Massenmedien der „Basis” als Normalität einhämmerten. Die Folge: Maßlosigkeit und frecher Leichtsinn statt lebensfrohe, willensstarke Opferbereitschaft. Die Probleme sind zwar vielschichtig, aber an den oben genannten Ordnungsträgern wird es nicht liegen, wenn das überstrapazierte Versorgungssystem zusammenbricht.

Andere, leider auch nicht ohne einigen Sarkasmus übermittelbare Musterbeispiele sind das Verwirrspiel um den Paragraphen 218 und die beginnende Kapitulation vor der Drogenmafia, durch die Berufsgruppen mit einstmals strenger Ethik zur Mittäterschaft verleitet werden. Diese “Hilfsbereitschaft” wird man ihnen später vielleicht einmal als schamlose Bereicherung zur Last legen. Es fällt immer schwerer, für die Hauptverantwortlichen Gottes Barmherzigkeit zu erhoffen.

Karl Mathein, 96140 Hollfeld

<SZ 17.8.95>

Umfälschung

Als Christ und katholischer Theologe bin ich dem Bundesverfassungsgericht dankbar, daß es den Kirchen Nachhilfe in einer Sache erteilt hat, die sie eigentlich selber aus ihrer ältesten Tradition wissen müßten: Unsere zentralen Glaubenssymbole gehören in den Intimbereich der christlichen Glaubensgemeinschaften und nicht in die Öffentlichkeit. Die frühe Kirche hat diesen Grundsatz der ,,Arkandisziplin” sehr ernst genommen; so ernst, daß selbst die “Katechumenen”, die Glaubensschüler, nach dem Wortgottesdienst den Kirchenraum verlassen mußten; denn die Feier der Eucharistie war nur den durch die Taufe und weitere Glaubenseinführung “Eingeweihten” vorbehalten. Zu den Glaubensinhalten, deren Sinn sich nur den “Eingeweihten” erschließt, gehört aber zuallererst auch die Botschaft vom Kreuz, daß nämlich aus einem an sich bloß grausamen Tod am Schandpfahl durch den Glaubensgehorsam Heil erwachsen soll. Diese Glaubenswahrheit kann sich dem Außenstehenden durch eine unkommentierte Abbildung, sei sie nun symbolischer oder realistischer Art, nicht erschließen.

Die einzig angemessene Weise, diese Botschaft Nichtchristen zu vermitteln, ist das Wort der Verkündigung und das Lebenszeugnis von Menschen, die angesichts der vielen Kreuze überall in der Welt eigenes Leiden tapfer bestehen und anderen Leidenden solidarisch beistehen. Gerade daran aber haben die Kirchen es oft genug fehlen lassen. Denn das Kreuz wurde zu einem Zeichen der weltlichen Herrschaft gemacht, unter dem Andersgläubige zu leiden hatten, seit Kaiser Konstantin das Bild des Marterholzes des gewaltlosen Mannes aus Nazareth auf die Feldzeichen seines Kriegsheeres gepflanzt hatte. Mit diesem Akt einer skandalösen Umfälschung begann der Einzug des Kreuzes in die europäische Öffentlichkeit! In einem “christlichen Abendland”, das sich als einheitliche, christlich-geschlossene Gesellschaft mißverstand, in der es angeblich keine Andersgläubigen mehr gab, meinte man die alten Regeln der ,,Arkandisziplin” vergessen zu dürfen.

Seit wir jedoch endlich wissen, daß wirklich gläubige Christen – auch in Bayern! – längst zur Minderheit geworden sind, ist es höchste Zeit, daß wir als Christen nicht erst unter dem Druck eines Gerichtsurteils, sondern schon aus Selbstachtung die Kreuze aus Schulen, Gerichtssälen und Parlamentsräumen entfernen, um unsere Glaubenssymbole nicht mehr dem achselzuckenden Unverständnis oder gar dem Widerwillen oder Spott von Nichtchristen auszusetzen oder sie zu gedankenlos tradierten Elementen einer Folklore-Kultur herabzuwürdigen. Wenn aber Vertreter der Kirchen oder “christlicher” Parteien sich dieser Einsicht verschließen, so legt das den Verdacht nahe, daß sie das konstantinische Mißverständnis des Kreuzes als eines Zeichens des Triumphes über Andersgläubige verewigen wollen, so daß sie die wirkliche Botschaft vom Kreuz in ihr Gegenteil verkehren.

Dr. theol. ANSGAR AHLBRECHT, Saarbrücken

Quovadis?

Schon Hitler hatte das befohlen (in Bayern allerdings mit mäßigem Erfolg). Hitler erfährt aber nun durch das Bundesverfassungsgericht Deutschlands im Ergebnis posthum seine Rechtfertigung. Was man Dir auch erzählte, es keimt der Geist, der zum Verfall und zur Zerstörung des Aachener Domes, der Wies, der anderen Kirchen und Kapellen führt, der Weg- und Friedhofskreuze, der Bildstöcke, Marterln und Statuen. Bei den Synagogen hat es Hitler schon erledigt. Wer die eine Religion nicht toleriert, toleriert auch die anderen Religionen nicht und maßt sich selbst Gottheit an. Quo vadis, Mensch?

ERHARD A. SCHILLING, Bayerisch Gmain

Hoffnungssymbol

Wie wacklig müssen Anthroposophen ihre eigene Philosophie einschätzen, wenn sie schon der bloße Anblick eines Kreuzes oder Kruzifixes bei ihren Kindern einen Sinneswandel in Richtung Christentum befürchten läßt. Nur im “christlichen Abendland” konnte sich die Demokratie entwickeln, und nur in christlichen Ländern können religiöse Minderheiten aus aller Welt auf Schutz und juristischen Beistand rechnen.

Leider wurde und wird viel Unheil im Zeichen des Kreuzes produziert; das Kreuz wurde und wird geschmäht, verhöhnt und neuerdings als Modeschmuck getragen – aber es ist und bleibt ein Symbol des Leidens, der Hoffnung und Erlösung. Niemand kommt an ihm vorbei, weder die Christen noch die Künstler, weder die Teufelsanbeter noch Andersdenkende. Und das Kreuz wird auch diesen Richterspruch überstehen.

MECHTHILD RAU, Saarbrücken

<Paulinus 30.7.>

Nur wer sich schämt, kann sich auch ändern

Heftige Kritik an Haltung Roms ( .. Paulinus” Nr. 29 vom 10. Juli 1995)

Gesetze können Ethik nicht ersetzen, Ethik kann Religion nicht ersetzen. Beispiel: Religion hilft bei der Entfaltung und Stärkung des Schamgefühls. Dieses ist wesensverwandt mit dem Ehrgefühl, bedeutet neben der “angemessenen” Sorge um die Geltung des eigenen Wertes besonders Scheu vor Fehltritt und Überbewertung des eigenen Urteils und hilft so dem Menschen, seinem Reden und Tun Mäßigung aufzuerlegen .

Auf dieser Grundlage frage ich: Schämt sich Herr Professor Haag nicht, solche Dinge über die Kirche zu sagen? Schämen sich die Trierer Bischöfe und Theologen nicht, daß solche Ansichten im Bistumsblatt “weiter”-gegeben werden? Schämen sich die Laienverantwortlichen im Bistum nicht, so etwas lesen zu müssen? Schämen sich die Verantwortlichen von Maria Laach nicht, daß dieser Vortrag unter ihrem Namen stattfand? Wer sich nicht schämt, bereut nicht und kann sich nicht ändern!

Christoph Vogt, SI. Wendel

Diskussion ohne Sachlichkeit

Bischof Reinelt: In der Abtreibungsfrage die Polemik überwinden

Gegen Polemik in der Diskussion über eine Abtreibung hat sich der Bischof von Dresden-Meiße, Reinelt, in einer am Mittwoch in Dresden verbreiteten Erklärung gewandt. Wir veröffentlichen das Dokument im Wortlaut.

“Das Leben auf unserer Welt ist vielfach bedroht: durch Umweltzerstörung, Krankheiten, Hunger, Benachteiligungen und nicht zuletzt durch Abtreibungen. Nach der Lehre der katholischen Kirche hat jeder Mensch, ganz gleich ob er behindert oder nicht behindert, ungeboren oder geboren, gesund oder krank ist, die gleiche Würde und die gleichen Rechte auf menschenwürdige Gestaltung seines Lebens.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die gesetzliche Abtreibungsregelung legen wir katholischen Christen in diesem Jahr den Schwerpunkt in der Woche für das Leben auf die Würde der ungeborenen Kinder. Wir mischen uns in die öffentliche Diskussion ein.

Weithin fehlt dieser öffentlichen Diskussion die Sachlichkeit. Polemik und Ringen um vermeintliche Wählergunst durch Angebote einer scheinbar größeren Freiheit nach Schwangerschaftsabbrüchen übertönen die Erkenntnisse von Medizinern und Soziologen.

Die moderne Medizin hat eindeutig erwiesen, daß das Kind im Mutterleib nicht erst langsam Mensch wird, sondern es ist Mensch von Anfang an. Dies belegen zum Beispiel Foto- und Filmaufnahmen und genetische Untersuchungen. Es ist gesicherte Erkenntnis der Naturwissenschaft, daß es keine Einheit von Phylogenese und Ontogenese gibt, das heißt kein Nachvollziehen der Stammesentwicklung bei der Entwicklung des Kindes nach der Befruchtung der Eizelle. Solche abstrusen Theorien wurden aber jahrzehntelang im sozialistischen Schulwesen verbreitet. Ein Schwangerschaftsabbruch ist kein Entfernen eines Zellklumpens oder eines “Fötus mit Fischkiemen”, wie die sozialistische Biologie nahelegte. Abtreibung heißt, das Leben eines Menschen mit allen menschlichen Merkmalen zu beenden. Es ist oberflächlich zu behaupten, daß das ungeborene Kind noch kein Mensch sei, nur weil man es im Mutterleib nicht so einfach sehen kann, weil man es trotz der ausreichenden Köpergröße nur durch Ultraschall oder andere technische Hilfen betrachten kann.

Studien von Psychologen und Soziologen weisen aus, daß achtzig Prozent der Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch selbst angeben, daß sie psychisch unter dieser Tat leiden. Wer diesen Frauen vorgaukelt, sie würden durch Abtreibung freier, täuscht psychologisch Unhaltbares vor und handelt gegen die Einsichten des menschlichen Gewissens und der wahren Moral. Diesen Wahrheiten muß jeder ins Auge sehen, der sich an Abtreibungen beteiligt. Diesen Wahrheiten muß auch jeder ins Auge sehen, der Schwangeren in Not nicht die erforderliche Unterstützung gewährt. Wir begrüßen ausdrücklich, daß im Entwurf zur Sächsischen Verfassung der Staat verpflichtet wird, Bedingungen zu schaffen, die das Austragen ungeborener Kinder auch in Konfliktsituationen ermöglichen sollen.

Forderungen nach einer Freigabe der Abtreibung können vor den oben dargestellten Realitäten nicht bestehen. Sie widersprechen der Menschenwürde und den Menschenrechten. Kein Mensch hat das Recht, zwischen lebenswerten Menschen und nicht lebenswerten zu unterscheiden. Vor solcher Praxis müssen bedrohte Menschen durch die Gesellschaft geschützt werden, für solchen Schutz, auch durch das Strafrecht, setzen wir katholischen Christen uns ein. Zugleich fordern wir größtmögliche Hilfen für die betroffenen Frauen und Familien. Wir fordern diese Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft nicht nur, wir wollen durch die Vielzahl neuerrichteter kirchlicher Beratungsstellen, in denen nicht leichtfertig mit der Zukunft der Frauen umgegangen wird, durch die neuen finanziellen Fonds für Arbeitslose und Schwangere in Not und durch konkretes solidarisches Handeln der katholischen Christen für diese Frauen und ihre Kinder einen wirksamen Beitrag leisten.”

Menschenwürdiges Sterben – wer kann das definieren? Die neu entfachte Debatte über Leidensgrenzen birgt Gefahren

Tödliche Konsequenzen

Es ist und bleibt ein heikles Thema, und vermutlich wird uns die Diskussion noch viele Jahre begleiten. Vor allem aber rührt die Frage nach dem menschenwürdigen Sterben an die Grundpfeiler menschlicher Lebenskultur überhaupt. Darf es Sterbehilfe geben? Was ist das überhaupt? Ist die Todesspritze, für die mehr oder weniger Prominente in Boulevardblättern plädieren, Fortschritt? Müssen wir über Euthanasie neu nachdenken?

Nur wenige Wochen, bevor in einer neuen Lebensenzyklika Papst Johannes Paul II. das kirchliche Nein zur Tötung auf Verlangen erneut bekräftigen und den Respekt vor dem Leben fordern wird, haben Hans Küng und Walter Jens mit ihrem Buch (“Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung”) der seit Jahren geführten Debatte neuen Zündstoff geliefert. Der Theologe Küng und sein Rhetorikfreund Jens wollen mehr Klarheit für die Sterbehilfe – und schaffen zunächst nichts als Verwirrung. Sie wenden sich gegen die Euthanasie, fordern aber zugleich “die Entkriminalisierung der Beihilfe zu menschenwürdigem Sterben”.

Und Hans Küng, der Priester, will die „Legalisierung der freiwilligen aktiven Sterbehilfe” und kommt zu der Erkenntnis: „Nicht der Arzt ist Herr über Leben und Tod, sondern der betroffene Mensch allein, der gegenüber dem Arzt seine Rechte geltend machen darf und soll.” Dem Christen entspreche “eine in Ethik verantwortete Lebensgestaltung – vom Anfang des Lebens bis zu dessen Ende”, erklärt uns der Theologe seine Rechtfertigung der aktiven Sterbehilfe und kanzelt den in diesem Zusammenhang häufigen Hinweis auf das alleinige göttliche Verfügungsrecht über Leben und Tod als schiefes Gottesbild ab.

Aber ist die Kenntnis des göttlichen Gebotes “Du sollst nicht töten” wirklich Ausfluß eines über die Jahrtausende falsch geprägten Gottesbildes? Oder hat gar Gott selber sich am Sinai vertan, als er – wie es die Bibel berichtet – die Menschheit wissen ließ, worauf es ihm mit seinen Geschöpfen ankommt, wie ihr Leben gelingen kann?

Kein Zweifel: In unserer Gesellschaft scheint das Verständnis für die Apostel der Todesspritze zu wachsen. Und tatsächlich scheinen genügend Sterbefälle, in denen der endgültigen Erlösung unsägliches Leid vorausgeht, dieser Entwicklung recht zu geben. Denn es gehört nun mal zur Kehrseite der immer effektiver werdenden Apparatemedizin, daß diese das Leben nicht selten auch dann zu verlängern versteht, wenn eigentlich der menschenwürdige Tod gefragt ist. Doch was ist menschenwürdig?

Diese Frage läßt sich im Grunde genommen ohne den Bezug zum Schöpfer nicht beantworten. Und zu diesem Schöpfer gehört es, daß letztlich er allein der einzige Herr über Leben und Tod ist – nicht aber ein Mensch. Das sagt sich leicht, hat aber Konsequenzen, die nicht leicht sind. Eine der Folgen der nicht nur Christen geoffenbarten Erkenntnis ist, daß die dem Menschen gegebene Freiheit ihre Grenzen hat und Selbstbestimmung nicht bedeutet, sich selber – und zwar ausschließlich – verantwortlich zu sein. Selbstverantwortung, das müßte auch der Theologe Küng wissen, hat etwas mit Verantwortung gegenüber Gott zu tun. Jedenfalls ist Selbstverantwortung für Christen in diesem Sinn eingebaut in das Antwortgeben, das der Schöpfer einfordern kann.

Kurzum: Die Debatte zur Sterbehilfe verlangt sehr viel Vorsicht und Unterscheidungsvermögen, und sie verlangt an erster Stelle den Verzicht auf vorschnelle, vermeintlich einleuchtende Argumente für eine Sterbehilfe, deren Legitimierung den Spalt für eine nicht mehr zu bändigende Gefahr öffnen würde. In einer Zeit, in der viele vergessen haben, daß die Unantastbarkeit der Menschenwürde aus der sie speisenden Gotteswürde kommt, in einer Zeit, in der für viele mit dem Tod alles aus ist, mag es verlockend sein, für eine sogenannte selbstverantwortete Sterbehilfe zu plädieren. Verantwortlich ist ein solches Plädoyer freilich nicht. Aktive Sterbehilfe bleibt eine Scheinantwort auf die Sehnsucht des Menschen, in Leiden und Tod Beistand erfahren zu können. Martin Lohmann

<DT>

Dienstag, 11. Juli 1995     Aussprache / Roman

Beistand

Die bis zur Langeweile strapazierte These, die menschlich so anspruchsvolle Situation der Priester könne nur durch die Aufgabe des Zölibates verbessert werden, hat durch den aufsehenerregenden Rücktritt des Bischofs von Basel, Vogel, neuen Auftrieb erhalten (DT vom 7. Juni). Bedauerlich ist, daß dieser alte Hut auch von katholischer Seite unkritisch wiedergekäut wird, obwohl hierzu in mehreren aktuellen kirchlichen Dokumenten klare Aussagen getroffen worden sind.

Statt dessen sollten wir uns eher über die Priesterausbildung Gedanken machen, in der möglicherweise zu wenig eucharistische Frömmigkeit gelebt und gelehrt wird. Denn Trost und Beistand in der Beziehung zu einer Frau zu suchen an statt bei Christus, ist doch ein alarmierendes Signal!

Tatsächlich: Die Einsamkeit und die seelischen Nöte der Priester (und Bischöfe) sind oft größer und unerträglicher als wir ahnen. Aber mit ein wenig Aufmerksamkeit und Phantasie lassen sich ganz einfache und der zölibatären Berufung angemessene Möglichkeiten finden, einem Priester mehr menschliche Wärme und Geborgenheit zu schenken (etwa durch gelegentliche Einladungen zum Abendessen im Familien- und Freundeskreis oder Kartengrüße aus dem Urlaub – selbst wenn sich das vielleicht banal anhören sollte).

Und weil wir Laien doch auch Mitverantwortung tragen wollen, wäre es mehr als angebracht, unsere Priester und Bischöfe nicht immer mit der Behandlung der sogenannten “Heißen Eisen” im Regen stehen zu lassen, sondern mit Mut und Klarheit die Lehre der Kirche in unseren Lebensbereichen zu vertreten. Und schließlich dürfen wir als Christen doch darauf vertrauen, daß auch nur ein kleines Stoßgebet für unsere Priester, die Bischöfe und den Papst mehr bringt, als unsachliche und sogar lieblose Kritik.

Marie Th. Freifrau von Loë

99310 Arnstadt

Konzilstexte

Zu dem Bericht “Die Konzilsväter zwischen Moderne und Tradition” (DT vom 20. Juni) meine ich: Daß die im Zweiten Vaticanum anerkannte “Religionsfreiheit” identisch sei mit dem Anliegen Montalemberts von 1863, welches aber von Pius IX. im “Syllabus” und in der Enzyklika “Quanta cura”, ‚mit wörtlichen Zltaten zurückgewiesen‘ worden sei, müßte eine genaue Analyse der Aussageelemente der Mechelner Rede Montalemberts, des Syllabus, der Enzyklika und des Konzilstextes in Verbindung mit einem exakten Begriffsvergleich erbringen. Dieser fehlt jedoch in dem Tagungsbericht. Ob er im Akademievortrag gegeben war, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich zweifele daran. Zu oft wird plakativ gearbeitet, und es fehlt dann an der Beachtung des „Feinstrichs” in der Interpretation von Konzilstexten.

Besonders deutlich wird dieser Mangel in der berichteten Darstellung relativistischer Tendenzen des Konzils durch den Bamberger Theologen Ottmar Fuchs. Diese sind mir nun in den Konzilsdokumenten trotz mehrfacher Lektüre der lateinischen Texte keineswegs aufgefallen. Sie könnten unter Umständen auf fraglichen Übersetzungen oder tendentiösen Kommentaren beruhen.

So ist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen, daß eine höchst fehlerhafte Übersetzung in der von Rahner und Vorgrimler betreuten Ausgabe “Kleines Konzilskompendium” sogar in das Lexikon für Theologie und Kirche Eingang gefunden hat. Sie bezieht sich allerdings auf ein ganz anderes Thema, auf das Verhältnis von Wissenschaft und Glauben. Da wurde durch Vertauschung eines einfachen Possessivpronomens eine regelrechte Häresie, die des Pantheismus oder des Panentheismus insinuiert. In Nummer 36 von “Gaudium et spes” steht dort: ” … von dem Gott an der Hand geführt, der alle Wirklichkeit trägt und sie in sein (l) Eigensein einsetzt” (Seite 482; LThK, 1968/86, Seite 386/387, Bd. 14). Es müßte aber richtig heißen: ” … in ihr Eigensein einsetzt”, wie andere Übersetzer und Herausgeber richtig beachtet haben (Lateinischer Text: “Quasi (!) manu Dei ducitur, qui res omnes sustinens facit ut sint quod sunt. “) Wäre der deutsche Text an der zitierten Stelle richtig, hätte es im Lateinischen heißen müssen: ” … ut sint quod ipse est” (wehe dem Lateinunkundigen, aber gutgläubigen Doktoranden, der an diese Stelle geraten wäre und sich auf den von der Bischofskonferenz approbierten deutschen Text verlassen hätte).

Von dieser nicht unwichtigen, nur scheinbaren Abweichung vom Relativismusthema zurück zum Bericht dieser Zeitung über die Ausführungen darüber in Regensburg. Der Berichterstatter sagt sehr schlüssig: “Wenn das bedeuten soll, daß die Wahrheit veränderlich ist, so gibt es, kann man folgern, keinen Unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum … ” Die Konsequenzen sind logisch und einleuchtend aufgezeigt. Mit der Relativismusthese – ich spreche im Bild – sägen sich „die” Theologen den Ast ab, auf dem sie sitzen.

Aber darum allein geht es nicht. Für den, der das Dreißig-Jahre-Gedächtnis des Konzils begehen will, kommt es darauf an zu erfahren, zu würdigen, was das Konzil in den betreffenden Texten denn eigentlich gesagt hat. Die vom Berichterstatter zitierten Aussagen des Bamberger Theologen sind dort in der vorgelegten Form mit Sicherheit weder direkt noch indirekt enthalten. Meines Erachtens sind sie dem Konzil nachträglich ideologisch übergestülpt, so behaupte ich bis zum Nachweis des Gegenteils, solange mir also das entsprechende Belegzitat nicht im lateinischen Text vorgelegt wird, dann aber auch mit dem damit verbundenen Kontext, der mit Gewißheit eine mit dem Glauben unvereinbare Interpretation ausschließt.

Man sollte sich in den Akademien wieder mehr mit den verfügbaren Texten selbst befassen als mit den über sie aufgestellten, aber unbewiesenen, den unkundigen Hörer verunsichernden Behauptungen, die klug klingen, aber wie Seifenblasen zerplatzen, sobald jemand nachhakt und fragt: Stimmt denn das?

Bernhard Hoffknecht, 48147 Münster

Keine Vorbilder

Gerhard Bangert schreibt in einem Leserbrief (DT vom 20. Juni), Bundeskanzler Kohl habe beim Stadt-Katholikentag in Mannheim-Ludwigshafen aufgerufen zu mehr Mut, sich zum Glauben zu bekennen, ferner dem Zeitgeist nicht unkritisch nachzulaufen. Der Leserbrief-Schreiber fragt dann: “Warum sagt dies Kohl nicht auch seinen Parteifreunden in der CDU?” Bangert meint, die CDU-Bundestagsabgeordneten müßten doch Vorbilder sein. Das stimmt jedoch nicht. Denn viele haben sich etwa bei der Debatte um den Paragraphen 218 bezüglich der Abtreibung, korrekter gesagt, bei der Tötung von ungeborenen Kindern, für Straffreiheit eingesetzt. “Nicht Strafe soll dabei verhängt, sondern Hilfe geleistet werden”, so lautete die Parole.

Man muß wissen, daß sehr viele von den 212 katholischen und den 224 evangelischen Bundestagsabgeordneten nur sogenannte Taufscheinchristen sind. Von den 672 Abgeordneten im Bundestag bekennen sich laut Statistik 210 zu keiner Religion. Kardinal Meisner hat schon lange gesagt, daß das “C” in der CDU nicht mehr gilt. Diese Partei paßt sich, wo es um Leben und Tod geht, weitgehend dem Zeitgeist an. Von mehr Mut, sich zum Glauben zu bekennen; wie es Bundeskanzler Kohl von seinen Abgeordneten verlangt, ist da nichts zu erwarten. Die CDU wäre für viele Christen wieder glaubwürdig, wenn sie wieder eine wirkliche christliche Partei würde. Staat und Gesellschaft befinden sich in einem sittlichen Tiefstand. Angst und Schrecken, Gewalt und Sex – dies besonders auch im Fernsehen – machen uns zu schaffen. Ein prophetisches “Nein” von seiten der Bischöfe gegen die Zerstörung der Moral nützt nichts, wenn Staat und Kirche nicht zusammenarbeiten.

Bereits nach Erscheinen der Anti-Babypille haben viele Ärzte eine Demoralisierung der Gesellschaft vorausgesehen, eine Versexualisierung des öffentlichen Lebens, eine offene Propaganda der Pornographie und Nacktkultur, eine Bagatellisierung des vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehrs, die Zunahme der Ehescheidungen, die Freigabe der Abtreibung bis schließlich hin zur Euthanasie. Täglich werden in Deutschland laut Statistik Siebenhundert Kinder im Mutterleib getötet. In Wirklichkeit sind es viel mehr. Der Staat macht sich mitschuldig; er zahlt sogar dafür. Wenn törichterweise gesagt wird, beim Ungeborenen im Anfangsstadium, in den ersten zwölf Wochen, handle es sich nur um einen „Zellhaufen” (Richter W. Zeidler +) oder eine solche Abtreibung sei nicht Tötung eines Menschenlebens, sondern lediglich eine Entfernung von Embryonalgewebe – also keines “fertigen Menschen“ (Pro Familia) -, so ist das schon ein starkes Stück. Das “Menschsein” mit allen Anlagen eines Menschen ist jedoch schon von allem Anfang an gegeben. Die Leibesfrucht wird ein Mensch, also muß die Fristenlösung (Fristentötung) verboten sein. Die Todesstrafe hat man abgeschafft. Aber hier soll die Tötung erlaubt sein. Wie räumt sich das zusammen? Dr. Nathanson (Amerika) hat in seinem Film “Der stumme Schrei” gezeigt, wie grausam die sogenannte Abtreibung (Tötung) des Kindes (Zerstückelung) im Mutterleib ist. Man fordert deshalb jetzt die sanfte Art der Tötung durch die Pille RU 486.

Erzbischof Dyba (Fulda) spricht von einem Holocaust der Ungeborenen. Die Abtreibung belastet viele Frauen lebenslang. Seelsorger wissen in dieser Hinsicht Bescheid. Die Folgen der allgemeinen Demoralisierung bleiben nicht aus (Krankheiten, psychische Schäden, Unfruchtbarkeit, Krebs, Aids). Die Natur rächt sich. Das Sprichwort sagt: “Gott läßt seiner nicht spotten” oder “Unmoral zieht den Zorn Gottes nach sich”. Ein altes griechisches Sprichwort heißt: “oudén agàn”, halte Maß in allen Dingen, beherrsche Dich, halte Zucht und Ordnung!

Heribert Kleinhempl, Geistlicher Rat, 95478 Kemnath

Ohne Kompetenz

Diese Zeitung hat eine Äußerung von Prälat Bocklet, dem Leiter des Katholischen Büros in Bonn, zur Neuregelung des Paragraphen 218 veröffentlicht (DT vom 29. Juni). Sicher kann der Prälat seine eigene Meinung haben und auch da äußern, wo es angebracht erscheint. In diesem Fall aber hatte er keine Kompetenz, von hoher Warte aus eine Erklärung abzugeben, die man seinen Dienstherren, den Bischöfen in die Schuhe schieben kann. “Ich kann mit dem Kompromiß leben”, erklärte der Prälat. Recht hat er, denn er oder sein Leben sind ja absolut nicht betroffen. Wie aber geht es denen, über die nun das Todesurteil schon mit dem Tage der Empfängnis gesprochen ist? Um diese geht es, und die können eben damit nicht leben, sondern sollen sterben! Daher ist die beanstandete Erklärung des Prälaten zumindest zynisch, um nicht zu sagen anmaßend, schädlich und überflüssig.

Noch einmal sei gesagt, daß es ein “Abtreibungsrecht” im juristischen Sprachgebrauch weder gibt noch geben kann. In Anwendung dieser Vokabel wird das Recht auf Leben (des Ungeborenen) verfälscht mit Recht auf Abtreibung (seitens der Schwangeren), und so entsteht der Eindruck, daß der Paragraph ein Angriff auf die Entscheidungsfreiheit ist. Doch welches Gesetz schränkt nicht Freiheiten ein und legt den Bürgern Lasten auf, die um des Ganzen willen von jedem Betroffenen getragen werden müssen und mit gesetzlichen Strafen erzwungen und geahndet werden können?

Die katholische Kirche aber steht in der chaotischen Auseinandersetzung auf der Seite des Lebens, und das sollte man ihr danken – und die Geschichte wird es. Der Christ von heute lebt in einer unchristlichen Welt, der er sich nicht anpassen darf. “Gelegen oder ungelegen” hat er einzutreten für Wahrheit und Recht. Das wäre auch Sache jener Parteien, die sich noch (!) christlich nennen. Leben und Lebensrecht dürfen eben nicht zum Objekt politischen Kuhhandels gemacht werden.

Wilhelm Machens, Pfarrer i.R.,

31134 Hildesheim

Seite 4/ Deutsche Tagespost Nr. 103     Kirche aktuell

Eine andere SexuaImoral gefordert

Arbeitsgruppe der katholischen Orden tritt für nichteheliche Lebensgemeinschaften ein

MESCHEDE (DT/KNA). Eine grundlegende Neuorientierung der kirchlichen Sexuallehre haben die Jugendseelsorger der Ordensgemeinschaften in Deutschland gefordert. In einem in Meschede veröffentlichten Brief an die deutschen Bischöfe plädiert die Arbeitsgemeinschaft Jugendpastoral der Orden (AGJPO) für eine kirchliche Respektierung von Verhütungsmitteln und nichtehelichen Lebensgemeinschaften sowie für eine Neubeurteilung der Homosexualität. Die Forderungen der Jugendseelsorger, wie sie die Katholische Nachrichten-Agentur wiedergibt, entsprechen nicht der Lehre der Kirche und auch nicht unserem Standpunkt, doch möchten wir sie unseren Lesern zur Kenntnis geben. Redaktion

Zur Begründung ihrer Forderungen verweist die Arbeitsgemeinschaft auf ihr Engagement in der “ersten Reihe” derer, die in der Kirche mit Jugendlichen zu tun hätten. Dabei lasse die Kirche die Ordensleute oft allein. Kirchliche Verlautbarungen würden nicht nur der Situation von Jugendlichen entgegenstehen, sondern auch den Erfahrungen der Ordensleute. In dem Brief heißt es: “Maßgeblich ist für uns die Orientierung am Evangelium, das uns auffordert, nicht auszugrenzen, sondern zu integrieren.” Das kirchliche Lehramt habe weiterhin die Vorstellung, daß Wertevermittlung als einfache Wertübertragung stattfinde, bemängelt die AGJPO. Damit werde die Kirche in Fragen der Sexualität vom größten Teil der Jugendlichen aber nicht mehr als unterstützende Instanz auf der Suche nach Orientierung wahr- und ernstgenommen. Statt dessen seien neue Konzepte der “Werterhellung und Wertkommunikation” erforderlich, meinen die Ordensleute. So akzeptierten sie, wenn “Jugendliche innerhalb verantwortlicher Paarbeziehungen auch intim werden” und empfängnisverhütende Mittel anwendeten, und verweigerten die Akzeptanz auch nicht einer “verantwortlichen und human gelebten homosexuellen Beziehung”.

Ferner schreiben die Jugendseelsorger: “Wir sind nicht bereit, die generell ablehnende Haltung des kirchlichen Lehramtes gegenüber nichtehelichen Lebensgemeinschaften zu teilen und mitzutragen.” Das Schreiben ruft die Kirchenleitung zu einem “offenen und ehrlichen Eingeständnis falscher beziehungsweise überholter Positionen zur Gestaltung menschlicher Sexualität” auf. Zudem solle sie Vorurteile gegen Homosexuelle überwinden, deren Diskriminierung beenden und angesichts neuerer humanwissenschaftlicher Erkenntnisse die der Frage nach “schuldhaftem Verhalten aus naturgegebener Neigung” neu stellen.

Zur Aussage von Papst Johannes Paul  II., “es gibt keine Liebe auf Probe”, erklärt der Brief, es gebe durchaus eine „berechtigte Liebe auf Probe, wenn Probe soviel bedeutet wie ein schrittweises Wachsen und Reifen in der Liebesfähigkeit, was auch ein verantwortungsvolles Ausprobieren von unterschiedlichen Ausdrucksformen der Liebe beinhalten kann”.

<RM?>

NUMMER 34 – 26. AUGUST 1994

Die Herausgeber zu Fragen der Zeit

Tanz um das goldene Selbst

Von WOLFGANG BERGSDORF

Denken die Deutschen nur noch an sich? Es ist schon paradox: Sie sind die großen Gewinner der weltpolitischen Umwälzung in den letzten drei Jahren. Sie könnten glücklich und dankbar sein. Deutschland als Land mit den meisten Nachbarn in Europa kann jetzt ohne Konflikte mit seinen Nachbarn leben. Deshalb richten sich die höchsten Erwartungen auf Hilfe auf dieses Land.

Aber gleichzeitig ist Deutschland jenes Land, in dem die geschichtsmächtige Tendenz der Individualisierung bisher ihre größten Triumphe feiert. Der Münchener Soziologe Ulrich Beck hat hierfür die bezeichnende Formel gefunden: Tanz um das Goldene Selbst.

Denn der Egoismus, die Ich-Besessenheit, ist heute das Gespenst, das in Europa umgeht und besonders in Deutschland. Dieses Gespenst hat der Solidargemeinschaft den Kampf angesagt. Es droht die Beziehung des Menschen zu seinem Mitmenschen zu zerstören. Egoismus tritt auf als rücksichtsloser Konsumdrang, als ungenierte Bedürfnisbefriedigung um fast jeden Preis, als schrankenlose Ausbeutung der Naturschätze, als unstillbarer Erlebnishunger, als unzähmbare Gewaltbereitschaft. Sein Motto heißt: Erfüll Deine Wünsche. Egal, was es kostet; egal, wer darunter zu leiden hat.

Bewundert wird, wer sich nimmt, was er braucht; wer macht, was er will. Ein Tennisstar drückt sich vor der Wehrpflicht, flieht vor der Steuer nach Monaco und bleibt trotzdem Liebling der Nation. Auch ein Normalmensch kann zum Medienstar werden, wenn er als “Onkel Dagobert” listig Kaufhäuser erpreßt, um einmal “in Talern zu schwimmen”.

Daß diese Klage über eine überschäumende Individualisierung kein Gerede ist, sondern eine ernste Bedrohung für unsere Gesellschaft wie für unsere Zukunft, verdeutlicht der Rückgang der Mitgliederzahlen von Parteien, Gewerkschaften, Verbänden und Kirchen. Besonders problematisch ist, daß es vor allem junge Leute sind, die sich stärker als zuvor dem Engagement für überindividuelle Ziele verweigern. Eine von Professor Opaschowski vorgelegte Studie “Freizeit 2001″, die auf einer repräsentativen Untersuchung mit 2000 jungen Leuten im Alter von 14 bis 21 Jahren basiert, stellt die wachsende Neigung der jungen Generation heraus, Verpflichtungen und Bindungen möglichst auszuweichen, auch wenn damit auf Hilfe und Förderung verzichtet wird.

Diese Studie legt dar, daß der mitmenschliche Umgang unverbindlicher, oberflächlicher, aber auch leichter und lockerer wird. Junge Leute lassen sich weniger einbinden in Organisationen, Gruppen und Vereine. Eine Mehrheit glaubt, daß das soziale Engagement in Bürgerinitiativen, die aktive Mitarbeit in Vereinen und sozialen Organisationen zurückgehen wird und auch die Mitarbeit in Parteien und Gewerkschaften.

Der Wegfall der kommunistischen Herausforderung von pluralistischen Gesellschaften dürfte eine doppelte Folge haben: Einerseits droht die Faszinations- und Imaginationskraft der Freiheit zu verblassen. Denn diese Idee verfügt nicht länger über eine ernstzunehmende Konkurrenz. Gleichzeitig wird auch ihre Organisationskraft nachlassen und so die Individualisierungstendenz verstärken. Es wird wohl künftig auch deshalb noch schwerer werden, Energien zu bündeln und menschliche Phantasien auf überindividuelle Ziele zu lenken. Was wir heute benötigen, ist eine Diskussion über den unverzichtbaren Gemeinsinn.

In Amerika hat die Diskussion über die Notwendigkeit einer Erneuerung des Gemeinsinnes längst begonnen. Kirche, Familie und Schule werden jetzt wieder als Quellen des Gemeinsinns begriffen. Es sind dort vor allem früher linksorientierte Sozialwissenschaftler, die den Zuwachs an individuellem Freiraum nicht mehr als Modernitätsgewinn verstanden wissen wollen. Diese Wissenschaftler setzten sich mit der Individualisierung auseinander und kritisieren die Beliebigkeit der Werte.

Die alte Weisheit, daß eine Institution die Aufgabe hat, Menschen Halt zu geben und ihnen Entfaltungsmöglichkeiten anzubieten, feiert dort Wiederauferstehung. Individuelle Selbstbestimmung alleine ignoriert die Soziabilität des Menschen, also sein Angewiesensein auf andere Menschen. Ihren Wert erfährt die Selbstbestimmung des Menschen nur in Verbindung mit Tugenden wie Verantwortung für den Mitmenschen. Und diese kann nur in Institutionen verwirklicht werden.

Wir müssen Gegengewichte suchen zu den Entsolidarisierungseffekten, die durch die gewachsene Individualisierung ausgelöst werden. Dies wird ohne eine Diskussion über die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht zu leisten sein. Es sind nicht zufälligerweise diese drei Begriffe, aus denen die großen Parteien in Deutschland ihre Programmatik entfalten. Eine neue Grundwertediskussion muß das Spannungsverhältnis zwischen den obersten Programmbegriffen neu vermessen und die gegenseitige Bedeutungszuweisung der Begriffe neu bestimmen.

Die totalitären Erfahrungen unseres Jahrhunderts empfehlen es, den Freiheitsbegriff aus seinen individualistischen Verkürzungen zu befreien. Er muß jene soziale Dimension zurückgewinnen, die ihm aus der Geschöpflichkeit des Menschen, aus seiner wechselseitigen Hilfs- und Ergänzungspflicht erwächst (Hans Maier). Auch hier wäre auf Immanuel Kant zu verweisen, der bekanntlich die Grundlage aller Sittlichkeit in der Anstrengung erkannte, “sich im anderen zu begreifen”. Nur eine solche Anstrengung kann den verschlissenen Begriff des Gemeinsinns mit neuen Inhalten füllen.

Donnerstag, 30. März 1995 Aussprache / Roman   Deutsche Tagespost Nr. 38/Seite 9

Zielrichtung

Zu der Zuschrift “Gegen den Strom” von Wilhelm Schulze (DT vom 14. März) möchte ich sagen: Was Schulze in seinem Leserbrief schreibt, ist Sophistik. Formal sind Bischof Gaillot und Erzbischof Dyba sicherlich vergleichbar. Beide schwimmen gegen einen Strom.

Erzbischof Dyba stellt sich gegen die breite Strömung eines fortschrittlich-liberalen Christentums mit dessen sattsam bekannten Forderungen. Er ist gegen Abtreibung, gegen Frauenpriestertum, gegen Absegnung homosexueller Beziehungen, gegen eine demokratisch strukturierte Kirche. Er ist gegen die Unterscheidung Kirche von unten und Amtskirche. Er wendet sich gegen die Aufweichung und Zerstörung der Fundamente unseres Glaubens. Er sagt Unpopuläres, er ist Nonkonformist.

Bischof Gaillot ist auch gegen etwas: Er stellt sich gegen den Strom der katholischen Überlieferung, einen Strom, der mit dem Alten Testament einsetzt und ohne Traditionsbruch in den Evangelien, den Apostelbriefen, der Theologie der Väter bis zu der des Zweiten Vatikanums sich fortsetzt.

Beide gelten gegenwärtig als Protagonisten des “Gegen”, trotzdem zeigt sich formal schon ein Unterschied: Während Dyba und Bischöfe seines Lagers in der breiten Öffentlichkeit und von einem Großteil der Medien als Buh-Männer behandelt werden, schwimmt Gaillot bei den Medien, bei fortschrittlichen Christen bis zu den der Kirche Fernstehenden auf einer breiten Woge der Zustimmung. Gaillot vertritt Populäres, er ist Konformist.

Wer nun Freude hat an Wortspielen, kann sehr wohl den Spieß umdrehen und Erzbischof Dyba formal den “Geisterfahrer” zurückgeben. Wer aber auf den Inhalt und die Zielrichtung des Gegen-den-Strom-Agierens achtet, weiß sehr gut, auf wen dieser Ausdruck zutrifft.

Josef Beißwanger, 78599 Gosheim

Trennung

Pfarrer Wirtz spricht in seinem Leserbrief “Ehrfurcht” (DT vom 9. Februar) viele wichtige Punkte für die Jugendarbeit an und weist auf das zeitlose Ideal der Enthaltsamkeit bis zur Ehe hin. Sein Wort in Gottes Ohr, aber die Kirche selbst muß die Voraussetzungen dafür schaffen, daß junge Menschen zu diesem Ziel hingeführt werden.

Das ist wohl beim BDKJ, dessen Kirchendistanz ebenso bekannt ist wie seine Sexspiele berüchtigt, kaum möglich. Aber auch hinsichtlich der Pfarrjugend allgemein wird – ob gewollt oder ungewollt – alles getan, um dem Ideal “Warten bis zur Ehe” Steine in den Weg zu legen. Das gilt vor allem für die allseits praktizierte Koedukation: Gemischte Gruppen, “offene” Jugendarbeit, gemeinsame Ferienlager und Jugendreisen. An Gruppenleben und Freizeit-Aktionen können alle teilnehmen, ob religiös oder nicht, kirchlich engagiert oder fernstehend, denn man will ja niemanden “ausgrenzen”.

Es geht auch nicht um .Ausgrenzung”, sondern um die Frage, ob die Koeduktion – also gemischte Gruppen, Lager, Freizeiten – der richtige Weg ist und ob die Kirche sich nicht vor allem um jene Jugendlichen zu kümmern hat, die für christliche Anliegen aufgeschlossen sind, statt ständig auf die breite Masse zu schielen, etwa mit Disco-Angeboten im Pfarrheim, Rockmusik im Gottesdienst und ähnlichen modischen Mätzchen. Die Entwicklungen – genauer: Fehlentwicklungen – der letzten Jahrzehnte haben überdeutlich dokumentiert, daß der bislang eingeschlagene Weg ein Irrweg ist. Die Kirche sollte einsehen, was seitens der Feministinnen längst erkannt worden ist: Durch die Koeduktion werden Mädchen nicht gefördert, sondern benachteiligt.

Die Trennung der Gruppen ermöglicht es den Geschlechtern, ihre eigenen Interessen und Hobbys zu pflegen, was besonders einer eigenständigen Entwicklung der Mädchen zugutekommt. Was noch wichtiger ist: Die Trennung erleichtert das Ideal der vorehelichen Enthaltsamkeit, verhindert Cliquenbildung und Gruppendruck bezüglich früher Freundschaften und schafft bessere katechetische Voraussetzungen.

Lager und Gruppenreisen müssen “getrennt” durchgeführt werden. Das Pfarrheim sollte man am Montag, Mittwoch und Freitag den Mädchen öffnen und an den übrigen Tagen den Jungen, was der “Komm mit“-Kalender seit langem vorschlägt. In diesen Fragen muß die Kirche ihre Verantwortung erkennen, denn die Ehe ist die schwierigste Aufgabe des Lebens.

Ohne Selbstbeherrschung, Opferbereitschaft und geistige Reife kann sie nicht gelingen. Dies muß vor der Ehe “eingeübt” werden. Die Gebote Gottes sind klar – und in einem Aufkleber, der von “Komm mit” herausgebracht wird und unter Jugendlichen große Verbreitung findet, heißt es: “Warten bis zur Ehe, Treue in der Ehe!” Die Kirche muß zu diesem Ziel stehen, denn die Jugend wird nur gefördert, wenn sie gefordert wird!

Günter Stiff, 48041 Münster

Pseudo-Cyrill

Im Fastenhirtenbrief von Kardinal Wetter (DT vom 7. März) wird auf Abschnitt 21 einer 5. Mystagogischen Katechese verwiesen, die angeblich vom heiligen Cyrill von Jerusalem stammen soll. Dieser Verweis ist höchst problematisch, da die große Mehrheit der Experten davon ausgeht, daß der wirkliche Verfasser der genannten Stelle der arianisch gesinnte Nachfolger des hl. Cyrill auf dem Bischofssitz von Jerusalem, Bischof Johannes (387-417) ist.

So spricht beispielsweise die Dogmatik von Auer/Ratzinger (Band VI auf Seite 140) von den “Predigten zur Eucharistie von Ps.-Kyrill ‚Johannes’ von Jerusalem” und auf Seite 176 von Johannes , ‚Kyrill’ von Jerusalem”.

Annette Drayß, 67065 Ludwigshafen

Ewiges Licht

Zum Leserbrief “Harmonie” (DT vom 4. März) möchte ich bemerken: Mein Leserbrief “Halbwahrheiten” (DT vom 18. Februar) ist leicht zu verstehen, wenn man beachtet, daß ich gleich am Anfang zustimmend erkläre, daß die Wahrheit komplementär ist und daß Ratio und Emotio eine Einheit bilden sollen. Blieb also der Begriff “Gegensätze” zu klären. Dabei geht es mir um die gängigen Gegensätze, die konstruiert werden, zwischen Gerechtigkeit und Gesetz einerseits und Liebe oder Barmherzigkeit und Freiheit andererseits. Der Refrain des Liedes, das man immer wieder hört, ist sehr einfach: der liebe Jesus, der niemand ausgrenzt, jeden annimmt, wie er ist, keine Forderungen stellt und die grausame Papstkirche, die Unmögliches verlangt. Dieser harmlose Jesus ist nicht der Gott, der sich in der Schrift und in der Geschichte offenbart. Der eigentliche Ruf Gottes im Alten Testament lautet: Höre Israel, wolltest du doch auf mich hören!

Im Gleichnis vom Sämann spricht Christus neunzehnmal von Ohren und Hören: “Verstockt ist das Herz dieses Volkes. Schwer hören sie mit ihren Ohren, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa sehen mit ihren Augen und mit den Ohren nicht hören, und mit dem Herzen nicht verstehen und sich bekehren, daß ich sie heile” (Mt 13,15/ Jes 6,10). Es geht um das richtige Verhältnis zu Gott, seelische Reifungsprozesse werden aufgezeigt und ihre Tragweite für Zeit und Ewigkeit. Am Schluß steht das Gericht: Unkraut und Weizen werden für ewig getrennt: „Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle Ärgernisse und Übeltäter sammeln und sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters. Wer Ohren hat, der höre“ (Mt 13,41ff).

Im Gegensatz zum Hinduismus, nach dem soviele Reinkarnationen möglich sind, bis die Reinigung vollendet ist, endet die Geschichte nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift mit dem Gericht Gottes, mit dem Triumph der Guten in der ewiger Freude und mit dem ewigen Unglück der Bösen: die ewige Harmonie des Himmels und die ewige Disharmonie der Hölle.

Der zweite Gegensatz wird konstruiert zwischen neuesten Erkenntnissen und Tradition. Der große Traditionsbruch begann mit der Reformation. Luther schreibt in seinem Vorwort zur Schrift “Vom Mißbrauch der Messe”: ,,Du allein wollest weise sein? Irren denn all die Unzähligen anderen? Haben so viele Jahrhunderte geirrt? Wie, wenn du irren würdest, wenn du so viele Menschen mit dir in den Irrtum und in die ewige Verdammnis ziehen würdest?” Er hat das Risiko auf sich genommen! Ein Pastoraltheologe hat bei einer Tagung in Wien kurz nach dem Konzil folgendes gelernt: Bisher habe man die Weisungen der Kirche verkündet und begründet. Jetzt stelle man die Frage, ob diese Normen zu Recht bestehen und wie sie sich ändern lassen. Diese Technik ist nicht ganz neu (siehe Gen 3,1). Das ist eine kopernikanische Wende. Und nun ein persönliches Glaubensbekenntnis. Mein Gott ist weder der Gott der Philosophie noch der Gott der Theologen. Mein Gott faßt sich kurz und spricht deutlich und verständlich von irdischen und von ewig gültigen Wahrheiten. Mein Gott sagt ganz unkompliziert: Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich. Klar, man muß schon die Ohren spitzen und die Augen öffnen. Von einem solchen Meister habe ich schon immer geträumt. Ich gebe zu: Mein Gott ist ein unbequemer Gott, darum hat er wenige Freunde.

Da alle glücklich werden wollen, möchte ich noch dazu zwei Rezepte vermitteln. Das Glück läßt sich nicht erzwingen, es ist ein freies Geschenk Gottes. Zuerst: Wie wird man unglücklich? Wer unglücklich werden will, investiert seine ganze Sehnsucht in Menschen oder irdische Dinge.

Das tun doch alle! Und? – Wer glücklich werden will, sorge dafür, daß sein Schatz und sein Herz im Himmel sind, dort ist das sichere ewige Glück. Mit den Füßen muß man hingegen notgedrungen vorläufig noch auf Erden bleiben.

Benedikt Deplazes, 81739 München

Familienförderung

Katholische Organisationen rügen die unzureichenden- Familienförderungspläne der Koalition, die das Existenzminimum eines Kindes nicht erreichen (siehe DT vom 9. März). Die Kritik geht nicht weit genug. Es müßte, wie Jürgen Liminski mit Recht schreibt, verlangt werden, Eltern und Alleinerziehern an Kindergeldern und Rentenanwartschaften einen Ausgleich dafür zu bieten, daß ein Elternteil jahrelang auf Berufstätigkeit verzichtet. Wir können sonst nicht erwarten, daß Frauen ihre Selbstverwirklichung nicht fremdbestimmt hinter Ladentheke oder Schreibmaschine, sondern selbstbestimmt in die Familienarbeit mit Kindern suchen. Die Gerechtigkeit und die Vorsorge für den Generationenvertrag der Sozialversicherung gebieten, die schleichende Enteignung von Familien mit Kindern in Höhe von jährlich 150 Milliarden Mark schleunigst zu beenden.

Das geht nur mit einer Rückverteilung der ungerechtfertigten Vorteile, die die frei willig oder unfreiwillig Kinderlosen daraus ziehen, daß Familien mit Kindern als „Lastesel der Nation” (Liminski) ihnen die Renten finanzieren.

Geld für Kinderhorte kann man dagegen sparen, weil die Kinder in den ersten drei Jahren zu ihren Eltern gehören. Im Kindergartenalter sollte es ein Wahlrecht zwischen vollen Beträgen und Kindergartenplätzen mit entsprechenden Abschlägen geben.

Der Warnung von Kardinal Wetter vor einer embryopathischen Indikation schließe ich mich voll an. Vor Jahrzehnten haben wir deshalb noch viele Ärzte aus der Nazizeit dafür verurteilt.

Siegmund Knippel, Diplom Volkswirt, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht a.D., 38116 Braunschweig

Soziologen-Jargon

Zu dem Leserbrief “Auf der Überholspur” (DT vom 21. März) meine ich: Der Verfasser beklagt mit Recht einen immer radikaler werdenden Liberalismus. Es ist auch verdienstvoll, darauf hinzuweisen, daß ein Billig-Glaube im Sonderangebot zum Schnäppchenpreis sich wirklich radikal vom verborgenen Schatz im Acker unterscheidet. Gefahr kommt aber auch von anderer Seite. Es ist offenkundig, daß Leute, die von der Soziologie und der Sozialpädagogik her kommen, in der Kirche das große Wort führen und demgemäß Einfluß haben. Mit einem eigenen Jargon der Unverbindlichkeit werden klare Sachverhalte mit einer klebrigen Soße übergossen, so daß die Konturen dessen, worum es ursprünglich einmal ging, nur noch schattenhaft zu erkennen sind:

Wenn jemand fragt, dann müssen wir uns voll auf ihn einlassen und ihn dort abholen, wo er gerade steht, ihn selbstverständlich ganz ernst nehmen und entsprechend betroffen sein, nach Möglichkeit tief! Dann lassen wir erst einmal alles so stehen, fragen uns weiter, wie wir damit umgehen und natürlich auch, wie’s uns jetzt damit geht. Nunmehr ist der Zeitpunkt des Ausklammerns gekommen (Hierarchie, Lehre, Wahrheit), schließlich wollen wir ja den Dialog, der uns dann die befreiende Erkenntnis vermittelt: Ich bin o. k., du bist o. k.! So haben wir schließlich einen Grundkonsens erreicht und freuen uns, daß erstens die Sache Jesu Begeisterte braucht und zweitens weitergeht. Gott sei Dank! Jeder kann nun, worüber er immer möchte, so begeistert sein, wie er immer will. Das nenne ich Weite, Offenheit und Toleranz.

Udo Borkner, 91522 Ansbach

Kolonien Rußlands

Für den informativen Leitartikel “Rußland und die Kolonien” von Otto von Habsburg (DT vom 18. März) möchte ich danken. Daß Rußland im letzten Jahrhundert verschiedene Völker annektiert hat, ist bekannt. Meines Erachtens müßte Rußland diese Völker wieder in die Freiheit entlassen, wenn sie es wünschen, besonders die Völker im Kaukasus. Die Kaukasusvölker könnten dann einen Puffer zwischen Rußland, dem Iran und dem Irak bilden. Unverständlich finde ich es, daß die westlichen Regierungen dem russischen Präsidenten Jelzin freie Hand bei der “Lösung” des „Tchetschienen-Problems” gelassen haben. Sie hätten wissen müssen, daß die Russen mit Gewalt diese Lösung erreichen wollten. Auch bei dem jüngsten Angriff der Türken auf die Kurden im Norden Iraks vermisse ich den Protest der westlichen Regierungen. Keine Verletzung des Völkerrechts?

Paul Böller, 85276 Pfaffenhafen

?

Bereist man ein fremdes Land drei Wochen, so lautet ein Sprichwort, dann hätte man große Lust, darüber zu schreiben; ist man hingegen drei Monate dort, dann regen sich deutliche Zweifel, ob man denn alles so ganz richtig verstehe; und nach drei Jahren im Land könne man gar nichts mehr zu Papier bringen, weil man jedem Satz noch vier andere hinzufügen möchte.

In dieser Erfahrung von Entwicklungshelfern in den Ländern des Südens spiegeln sich auch die Erkenntnisse von Journalisten aus dem Norden wider, die eine kurze Zeit nach Indonesien oder Brasilien reisen. Wenn sie dort zwei oder drei Wochen herumgefahren sind, mit Kirchenleuten, Gewerkschaftern, Politikern, anderen Journalisten und auch den berühmten Leuten auf der Straße gesprochen und selber gesehen haben, wie es im Dorf fern der Hauptstadt oder in den Hinterhöfen gleich hinter dem Zementwerk ausschaut, dann schreiben die Medienleute drei, vier lange Artikel; auch wenn sie sonst noch nicht viel von dem Land verstehen.

Das ist der wichtigste Grund, warum sich der Kirchliche Entwicklungsdienst der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) darum bemüht, Journalisten von Zeitung und Rundfunk 14 Tage nach Vietnam oder Sambia reisen zu lassen.

Die Fachstelle Journalistenprogramme in Hamburg organisiert solche Projekte, mit gutem Erfolg, wie die bisherigen Ergebnisse gezeigt haben. Sind die Kirchensteuermittel, die dafür aus gegeben werden, damit lediglich Geld ei- <?? Fortsetzung>

Deutsche Tagespost Nr. 22 / Seite 9

<21.2.95>

Bekenntnis

Die deutschen Bischöfe haben kürzlich ein Bekenntnis der Mitschuld von Christen an den Verbrechen in Konzentrationslagern veröffentlicht (DT vom 26. Januar). Müssen derartige Eingeständnisse immer erst nach fünfzig Jahren oder mehr kommen? Sollten wir nicht heute bekennen, wo Christen und Kirche in der Gegenwart versagen? Dann ersparen wir den Bischöfen der Jahre 2020 oder 2030 das Eingeständnis, daß wir heute, die wir nicht unter einer Diktatur leben, sondern ohne Gefahr für Leib und Leben reden, schreiben, fordern und demonstrieren können, von diesen Möglichkeiten zu wenig Gebrauch machen. Was uns geschehen kann, das ist doch nur das Angeprangert- und Verrissenwerden in den Medien. Sind wir nicht Pharisäer, wenn wir davor zusammenzucken und gleichzeitig die beschuldigen, die unter der braunen Diktatur mitgemacht oder geschwiegen haben?

Bekennen wir doch ehrlich: Wir dulden ohne hinreichenden Widerstand das Töten ungeborener Kinder. Wir – Priester, Ordensleute und Gläubige – führen keine öffentlichen Massendemonstrationen in Bonn gegen das gesetzlich geschützte Töten durch. Wir stützen nicht lautstark und vernehmlich die christlichen Politiker, die sich eindeutig für das Lebensrecht einsetzen. Wir raten nicht ab von der Wahl von Politikern und Parteien, die sich über das Fünfte Gebot hinwegsetzen.

Wir gehören Krankenkassen an, die das Töten von Kindern finanzieren, obgleich wir darum wissen. Wir finanzieren durch unsere Gebühren Medien, die das Töten von Menschen offen propagieren. Wir nehmen es hin, wenn unser Glaube, unsere Kirche, der Papst öffentlich diffamiert werden.

Mit kirchlichen Geldern werden Aktionen finanziert, die Kinder und Jugendliche im Denken und Tun zur Unsittlichkeit verführen sollen. Es werden öffentliche Stellungnahmen zu Bananenimporten, zur Kohlefinanzierung, zu Fleischgenuß und Schweinepreisen abgegeben. Eindeutige Hirtenworte zu Wahrheiten der Glaubens- und Sittenlehre haben jedoch Seltenheitswert .

Damit ist ja nur ein Teil des schuldhaften Versagens in unserer Zeit und Kirche benannt. Sind das bei uns nur Splitter im Auge? Waren die Balken allein unter der Nazidiktatur? Wer um Vergebung bittet, sollte nicht von der eigenen Schuld ablenken. Täte es unserer Kirche hier in Deutschland nicht gut, kräftig an die eigene Brust zu schlagen? Zur Bekehrung gehört dann allerdings auch die Erneuerung, das Ablassen vom Falschen und die Hinwendung zum Wahren und Guten!

Werner Wehrmeyer, Pfarrer,

45721 Haltern-Sythen

Deutsche Tagespost Nr. 67 / Seite 9

Manipulation

Hans Wagner hat mit Recht die einseitige Berichterstattung fast aller Medien kritisiert (die Deutsche Tagespost ist da ein weißer Rabe l), wonach die Ungeborenentötung ausschließlich Frauensache, eine wirkliche Hilfe und rechtens sei (DT vom 13. Mai). Das Bundesverfassungsgericht hat dagegen ausdrücklich gesagt, diese Entscheidung sei nie eine Gewissensentscheidung (Leitsatz 5 am Ende). Sie ist ebenso Männersache, zum Kinderzeugen gehören zwei. Daß sie der Frau nicht hilft, zeigt das Post-Abortion-Syndrom mit mehrheitlich schweren, oft lebenslangen Reue-Neurosen. Trennen sollte sich der Lebensschützer Hans Wagner allerdings von der menschenverachtenden “Abtreibung” (besser: „Ungeborenentötung” oder “Tötung im Mutterleib”), das für Würmer und Gallensteine, nicht für lebende Menschen paßt und ebenfalls manipuliert. Das sollte auch der achtenswerte Landrat Wütz (fast an gleicher Stelle) beherzigen. Als wünschenswerten Ausweg hätte er die Adoption nennen können, die viele Frauen zwar nicht schätzen, die aber immer noch weit besser ist als die minutenlange schmerzhafte Tötung.

Siegmund Knippel, 38116 Braunschweig

Pontifikat

In dieser Zeitung wurde in den Ausgaben vom 18. und 20. Mai zum 75. Geburtstag von Papst Johannes Paul II. eingehend berichtet. Auch ohne einer späteren Geschichtsschreibung zuvorkommen zu wollen, darf man jetzt schon feststellen, daß das gegenwärtige Pontifikat zu den bedeutendsten der gesamten Kirchengeschichte zu zählen ist. Denn in diesem Pontifikat wurde die katholische Kirche eigentlich erst richtig zur allumfassenden Weltkirche, die sich in dieser Zeit insbesondere in den Entwicklungsländern der südlichen Hälfte der Erdkugel auszudehnen vermochte. Aus einer eurozentrierten Kirche entwickelte sich die alle Erdteile umspannende Weltkirche mit der Aufwertung der Kirchenprovinzen in Südostasien, Afrika und Lateinamerika. Über die Hälfte der Katholiken wohnen heute in der Dritten Welt. Es ist daher nur richtig, wenn Johannes Paul II. von sich selbst sagt, daß „sein Pontifikat in die Zeit einer ‘epochalen Wende für Europa, die Welt und die Kirche’ gefallen sei” (DT vom 20. Mai).

Zu dieser epochalen Wende hat Johannes Paul II. am allermeisten selbst beigesteuert. Ihm ist nicht nur die rasante Ausdehnung der Kirche in den Entwicklungsländern zu verdanken, sondern auch und ganz besonders der Aufbruch des Eisernen Vorhangs, der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus. Diese weltgeschichtlichen Erkenntnisse wären ohne die kluge vatikanische Ostpolitik und ohne die moralische Unterstützung der polnischen Arbeiterbewegung nicht möglich geworden. So nimmt Johannes Paul II. unter all den so bedeutenden Päpsten dieses Jahrhunderts eine überragende Stellung ein.

Nicht minder hoch muß man den Kampf von Johannes Paul II. gegen den sittlichen Verfall der modernen Gesellschaft hervorheben. Menschenwürde ist für ihn nur zu gewinnen nicht durch Abbau aller moralischen Verpflichtungen des Menschen, sondern – wie er selbst sagt – allein “im Vorrang der Ethik vor der Technik, im Primat der Person über die Dinge, in der Überordnung des Geistes über die Materie”. Wie erbärmlich ist dem gegenüber die kümmerliche Kritik so mancher deutschsprachigen Theologieprofessoren an diesem Papst.

Dr. med. Alfred Häußler, 74172 Neckarsulm

Fakultäten

Zu dem Bericht “Fakultäten verteidigt” (DT vom 27. Mai) möchte ich Stellung nehmen. Unter der Überschrift “Staatstheologen” hatte Erzbischof Dyba in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5.4.1995 erklärt, hierzulande griffen “theologische Selbstvermarkter” Papst und Kirche an. Diese Theologen kämen ihrem eigentlichen Auftrag, die Lehre der Kirche zu verteidigen, nicht nach. Das ist der Kern des Vorwurfs, um den es in dieser Debatte geht. Er wird in der Erwiderung und in den Erklärungen der Betroffenen wohlweislich nicht thematisiert. Erzbischof Dyba sagt auch im genannten Artikel, daß das Verhalten der gemeinten Theologieprofessoren nur möglich sei, weil sie auf den durch Konkordate abgesicherten staatlichen Lehrstühlen säßen, unabhängig und lebenslang auf hohem Niveau “alimentiert”.

Die Diskussion spielt sich auf Nebenkriegsschauplätzen ab. Diskutiert wird etwa die Unentbehrlichkeit eines “ganzheitlichen Diskurs” der Wissenschaften, die intensive Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaften, der Austausch zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen an den Hochschulen und so fort. Es wird so getan, als ob undurchdringliche “eiserne Vorhänge” das interdisziplinäre Gespräch unmöglich machen würden, wenn das theologische Studium an kirchlichen Fakultäten organisiert wäre. Solchen Einwänden hält Dyba zu Recht entgegen, nie und nirgendwo habe es sonst noch “die Voraussetzungen unserer heimischen Konkordate gegeben”. Weiter sagte er: “Die meisten Starttheologen von Küng bis Lehmann” hätten nicht an staatlichen, sondern an kirchlichen Fakultäten ihre Ausbildung erhalten. Es ist an der Zeit, die Diskussion auf den eigentlichen Punkt zurückzuführen: Wie kann gesichert werden, daß die künftigen Priester oder Laien, die in den Dienst der Kirche treten, in ihrer Ausbildung die Lehre der Kirche erfahren?

Dr. Hubert Gindert, 86196 Kaufering

<SZ>

Nr. 84 – Samstag/Sonntag, 8.19. April 1995

Gottgewollte Sache

Zum Kommentar “Frohe Botschaft vom Leben” von Alfred Schön (SZ vom 31. März): Ein herzliches “vegelt’s Gott” für diesen Beitrag. Lobenswert seine Denkweise, wie er sich für die gottgewollte Sache – Erhaltung jeglichen Lebens – einsetzt, sich damit auf die Seite unseres Heiligen Vaters stellt, auch wenn er dadurch gegen den Strom schwimmt. Wahrhaft, Herr Schön ist für unsere, wie er richtig beschreibt, zerrissene Zeit ein “Rufer in der Wüste”. So hat er in meiner Wenigkeit das alte Sprichwort wachgerufen: “Ein gutes Gewissen, ist (falls noch nicht abgestumpft) ein sanftes Ruhekissen.”

RENATE KLEIN, Spiesen-Elversberg

Sünde an der Umwelt

Zu den Leserbriefen von Alfred Agne (,,zweifel angesagt”) und Günter Brandt (“Launen des Wetters”), SZ vom 1./2. April:

In einer Zeit, in welcher die Gletscher in den Alpen und die Eisberge am Nord- und Südpol schmelzen, muß vor einer Verharmlosung der Erderwärmung dringend gewarnt werden. Die meisten Wissenschaftler und Klimatologen stellen fest, daß diese Erwärmung nicht natürliche Ursachen hat, sondern durch die Menschen herbeigeführt worden ist. Solange nicht bewiesen ist, daß diese Klimaveränderung nicht doch natürlich ist bzw. es sich nur um eine Klimaschwankung handelt, muß alles getan werden, um einen weiteren Temperaturanstieg zu verhindern. Hier untätig alles in Kauf zu nehmen, ist Sünde an der Umwelt und an unserer kommenden Generation.

HANS-RAINER JUNG, Saarbrücken

Haarsträubend

Zum Artikel “Wenn ein Bergmann Altenpfleger wird” (SZ vom 31. März): Wer sich im Pflegedienst und besonders in der Geriatrie einigermaßen auskennt, dem müssen sich beim Lesen der beiden Beiträge wieder einmal die Haare sträuben. Es ist schon schlimm genug, daß die Arbeitsämter glauben, jeden Langzeitarbeitslosen – ob Mann oder Frau – zum Altenpfleger umschulen zu müssen. Viel schlimmer ist, daß Leute mit einer unzureichenden Kurzausbildung auf Pflegebedürftige losgelassen werden, nicht nur in der stationären Geriatrie, sondern in Zukunft vor allem bei privaten Pflegediensten, die längst das neue Pflegegesetz als lukrative Einnahmequelle ausgemacht haben. Kranke pflegen ist nicht jedermanns Sache, das wird die Nation mit Hilfe des Blüm’schen Unfugs sehr bald und drastisch lernen müssen.

ALOIS BAMBERGER, Kirkel

Wohltuend

Zum Kommentar “Frohe Botschaft vom Leben” von Alfred Schön (SZ vom 31. März): Alfred Schön ist für seinen freimütigen, positiven Kommentar zum neuen Lehrschreiben des Papstes “Evangelium vitae” zu danken. Er hebt sich wohltuend ab von so viel atheistischen Stimmen, die ihre Augen vor den Ursachen von so viel unseliger Gewalt in der Welt verschließen. Tagtäglich berichtet auch die SZ davon. Diese Gewalttätigkeit nährt sich aus denselben Wurzeln wie die Verbrechen von Nationalsozialisten und Kommunisten. Menschliche Freiheit hat dort ihre Grenzen, wo die Rechte anderer, besonders deren Lebensrecht und menschliche Würde verletzt werden. Kein Mensch darf sich anmaßen, über den Lebenswert eines anderen zu befinden. Von seiner Zeugung im Mutterschoß bis zum letzten Atemzug ist jeder Mensch eine einmalige, unverwechselbare Person.

Einmal mehr beweist Professor Hans Küng durch sein abwegiges, vermessenes Urteil über das vom Geist der Liebe zu allen Menschen getragene Lehrschreiben des Oberhirten der katholischen Kirche, wie notwendig es war, ihm den kirchlichen Lehrauftrag zu entziehen.

HEIRNICH MOOG, Niederwürzbach

Naiv und lächerlich

Zum Artikel “Länder rütteln an der Promillegrenze” (SZ vom 1./2. April): Seit Vollendung der deutschen Einheit im Jahre 1990 steht unaufhörlich die Forderung nach einer Senkung der Promillegrenze im Raum. Es entsteht der Eindruck, als sei dies das dringendste politische Problem in Deutschland. Eine Vereinigung von naiven Politikern, Medizinern und sogenannten Verkehrsexperten versucht, die derzeitige Promillegrenze von 0,8 für alle Trunkenheitsfahrten auf Deutschlands Straßen verantwortlich zu machen. Es ist jedoch lächerlich zu glauben, auch nur ein einziges Menschenleben könnte durch eine niedrigere Promillegrenze gerettet werden. Statt dessen würde eine konsequente Überwachung der bestehenden O,8-Promille-Grenze weitaus mehr bringen, da statistisch erwiesen ist, daß über 90 % der alkoholbedingten Verkehrsunfälle auf fahrende Trinker zurückzuführen sind, deren Promillegehalt in der Regel weit über 1,0 liegt. Es bleibt zu hoffen, daß der Deutsche Bundestag erneut die überflüssige Absenkung der Promillegrenze verhindert, denn eine solche Gesetzesverschärfung würde zur Kriminalisierung breiter Bevölkerungsschichten führen, die in jahrhundertealter Tradition eine Maß Bier oder einen Schoppen Wein zum Essen trinken.

PETER HOFFMANN jun., Biringen

Plädoyer für das Leben

Zum Artikel “Papst bezeichnet Abtreibung als “Kultur des Todes” (SZ vom 31. März): Ein gesundes Maß an Skepsis sowie an kritischem Bewußtsein sind in der Regel hilfreiche Begleiter, wenn der Papst sich anschickt, Rundschreiben zu verbreiten, die sich mit Fragen kirchlicher Moral und Sittenlehre auseinandersetzen. Jedoch bei aller prinzipiell gebotenen Skepsis gegenüber kirchlichen Lehrmeinungen zur Sexualmoral hat die jetzt veröffentlichte neue Moralenzyklika des Papstes (Evangelium vitae) eine differenzierte Betrachtungsweise verdient. Eine intensive und vor allem faire Analyse dieses Lehrschreibens läßt schnell die Kernthese des kirchlichen Oberhauptes aufleuchten. Sie besteht in einem unmißverständlichen, geradezu leidenschaftlichen Plädoyer für das menschliche Leben schlechthin. Wenn man sich unsere zerrissene Welt vor Augen führt, so erkennt man unschwer, daß das menschliche Leben im allgemeinen und die Würde menschlichen Daseins im besonderen in einer Weise angetastet sind, die geradezu einen Aufschrei provozieren.

Tadeln lassen muß sich das Kirchenoberhaupt allerdings insofern, als es nicht davon abläßt, die Empfängnisverhütung als Sünde zu geißeln. In dieser Frage sollte diese Verbissenheit mehr zugunsten einer göttlichen Heiterkeit und Gelassenheit weichen, hieße dies doch, sich endlich vertrauensvoll darauf einzulassen, daß mündige Christen durchaus dazu in der Lage sind, als Ergebnis einer persönlichen Gewissensentscheidung die Empfängnisverhütung zu bejahen.

RUDI WAGNER, FriedrichsthaI

Weidmannsheil!

Zum Artikel ,,Jäger erlegten Wolf auf der Schafskoppel” (SZ vom 4. April): Seit Werner Freund und andere Forscher eindeutig bewiesen haben, daß der große, böse Wolf aus “Rotkäppchen” wirklich nur ein Märchen ist, dürfte wohl auch der Letzte auf dem Lande wissen, daß ein Wolf selbst in unseren Wäldern keine Gefahr für Menschen bedeutet. Schade, daß das Tier sich ausgerechnet die Eifel als Heimat ausgesucht hatte. Es gab im Grunde absolut keinen Grund, dem Tier den Garaus zu machen. Wieder ein Beweis mehr, wie unsere Natur trotz Aufklärung immer noch eifrig mit Füßen getreten wird. Zu bemerken wäre noch, daß das Tier von genau denen erlegt wurde, die es eigentlich aufgrund ihrer Jagdprüfung besser wissen müßten, aber hier scheint wohl der Konkurrenzgedanke hinsichtlich der wenigen zu jagenden Hasen vorrangig gewesen zu sein. Weidmannsheil! für alle an der Jagd Beteiligten.

HELMUT GRAF, St Ingbert

<DT>

Donnerstag, 16. Februar 1995

Der Triumph der Barmherzigkeit Gottes

Die Predigt von Bischof Reinelt in der Kathedrale von Dresden zum fünfzigsten Jahrestag der Zerstörung der Stadt

Mit einem Pontifikalgottesdienst in der Dresdner Hofkirche sind am vergangenen Sonntag die Feierlichkeiten zur Zerstörung der Stadt am 13./14. Februar 1945 eröffnet worden. Der Bischof von Dresden-Meißen, Reinelt, hat in seiner Predigt dazu aufgefordert, an Orten des Hasses und der Zerissenheit zu Friedenstiftern zu werden. Im folgenden geben wir die Predigt im Wortlaut wieder.

Schwestern und Brüder,

vor fünfzig Jahren brannte Dresden. Gerhard Hauptmann hat die Zerstörungsnacht mit durchlitten und gesagt: “Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.” Er schließt seine Klage mit den Worten: “Ich stehe mit einer Bitte vor Gott, er möge die Menschen mehr läutern und klären zu ihrem Heil.”

Ja, der Dichter hat recht. Tränen. Das ist hier zu wenig. Läuterung und Klärung müssen sein. Klarstellung der Ursachen und lauterer Neubeginn, das ist noch nach fünfzig Jahren nötig. Den Übeln muß man auf den Grund gehen, damit die neuen Fundamente nicht auf Sand gebaut werden.

Aus welchen scheußlichen Wurzeln erwächst der Ungeist der Tyrannis eines Nero, Hitler, Stalin? Waren sie bloß Opfer eines philosophischen Irrtums? Waren bloß ihre Systeme untauglich? Das auch. Aber die Fäulnis reicht weit tiefer. Politischer Fanatismus verband sich mit der Sucht nach dem ersten Platz. Selbst Gott mußte weichen, damit der Tyrann niemandem mehr verpflichtet war, als sich selbst und seiner eigenen Wahnidee.

Allerdings kam den Gewaltherrschern des zwanzigsten Jahrhunderts die aufgeklärte Botschaft vom “toten Gott” sehr entgegen. Da hatten sie ihre Bestätigung aus den Reihen der deutschen Intelligenz. Und dieser atheistische Fundamentalismus existiert noch immer und ist eine bleibende V ersuchung auf den Thron Gottes einen Herrschwütigen zu setzen. Wo immer in der Welt einer nicht mehr weiß, daß er höchstens der Zweite ist, da ist bald der Teufel los. Steht die Welt aber erst einmal in Flammen, verlieren selbst die Vernünftigen das Gleichgewicht. So mußte Dresden sterben. Demokratischer Entscheid. Feuersturm. Hölle. Unzählbar viele Tote. Verbrannte Frauen und Kinder und Greise.

Ich habe damals als Kind das Wüten des Feuers von weitem gesehen. Das war schon genug. Welche Bilder des Grauens aber haben sich in die Seelen derer gegraben, die mitten im Inferno waren: Hier in Dresden und in Coventry, in Monte Cassino und in Stalingrad, und dann in Auschwitz und in Buchenwald und später in Bautzen. Europa, reicht’s dir eigentlich immer noch nicht? Was ist denn noch nötig, daß du endlich bereit bist zu Klärung und Läuterung?

Eine Klarheit müßte uns doch nun endlich gekommen sein: Macht, die sich auf sich selbst begründet, ist kreuzgefährlich. Nicht einmal das Volk kann die oberste, die allererste Instanz sein. Völker, die sich keinem Gott verantworten, werden leicht zur tödlichen Gefahr für die Nachbarn. Selbst gläubige Völker, die aber vergessen haben, daß Gott ein Gott des Friedens und nicht des Hasses ist, sind gefährlich.

Auch eine zweite Klärung muß uns doch die Geschichte der jüngsten Gewaltregime gebracht haben: Wer Gott getötet hat, tut sich erschreckend leicht mit dem Töten von Menschen. Die prinzipielle Unantastbarkeit menschlichen Lebens läßt sich am weisesten in der unendlichen Liebe des Schöpfers zu seinem Geschöpf begründen. Wo sich einer in den gütigen Händen Gottes wunderbar geborgen weiß, ist er am ehesten fähig, Schützender zu sein. “Selig, die keine Gewalt anwenden.”

Dieser Lobpreis wird nicht erst im Kriegsfall oder bei einer friedlichen Revolution aktuell, diese Seligpreisung gilt täglich und jedem Menschen gegenüber, ungeboren oder todkrank, Ausländer oder behindert. Wer da irgend wo eine selbstgefällige Auswahl trifft, schon wieder minderwertiges von höherem Menschsein unterscheidet, erhebt sich selbst zum Herrn der Schöpfung.

Solche Selbstüberheblichkeit macht Angst. Zu keinem Ziel und aus keinem Grund hat der Mensch das Recht, gegenüber einem Menschen Gewalt anzuwenden, es sei denn, um eben Menschenleben zu schützen. Wer sich Gott zum Rivalen macht, wird eben bald auch zum Rivalen seines Bruders. Nicht zufällig folgt im Buche Genesis auf die Sündenfall-Geschichte der Brudermord des Kain.

Es geht uns aber nicht nur um Klarstellungen. Die Läuterung, die Reinigung der Seele greift tiefer. Die Frage ist: Wie wird aus Kain der “Barmherzige Samariter”? Das geht allein durch den, der die Selbsterhebung des Menschen umkehrte zur Selbsterniedrigung Gottes. “Er hielt sein Gottsein nicht fest, sondern entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an und wurde wie ein Sklave” – Gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz.

In Ihm, an dem der Brudermord auf die Spitze getrieben wurde, ward ein Neubeginn: “Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.” Der alles aus menschlichem Stolz erwachsene Zerstören und Bekämpfen in seiner Gottverlassenheit am Kreuz durchlitten hat, aus Liebe zu uns. Er gibt uns Anteil am Urfrieden des Menschensohnes im himmlischen Vater.

Dieser göttliche Friede will durch uns hineingetragen sein in alle Bereiche dieser Welt. Wie geschieht das? Selbstverständlich nicht durch Rückzug in selbst umschriebene private Ruhezonen, sondern durch mutige Auslieferung an die Orte der Zerrissenheit und des Hasses. Das bringt Verfolgung und Beschimpfung ein. Aber nur so können wir Friedensstifter, Söhne Gottes heißen. Wer die Zwiste auf sich beruhen läßt, weil sie doch nicht zu ändern seien, wird dem rettenden Gekreuzigten untreu. Flucht vor den Lasten und Kreuzen hilft Feindschaften zu zementieren. Da wird kein Friede.

Hier gibt es unübersehbare Relationen zwischen Glaube und Politik. Nichteinmischung wäre, so gesehen, ein Unwort politischen Verhaltens. Wie gut, daß 1989/90 nicht jene das Sagen hatten, die sich an der heißen Stelle nicht die Finger verbrennen wollten. Wir hätten heute höchstwahrscheinlich einen faulen Scheinfrieden, aber keine Freiheit. Ja, auch heute bleibt die Versuchung, den unter die Räuber Gefallenen sich selbst zu überlassen, statt sich zu beugen und aufzurichten und zu versorgen. Ja, Nächstenliebe läutert, reinigt.

Läuterung hat doch aber auch vor allem mit Sünde zu tun. Friedensstifter brauchen zuerst Frieden mit sich selbst. Deshalb ist Sünde aufzudecken, damit der Mensch friedensfähig werde. Sünde verdrängen, heißt Aggressionen aufbauen. Deshalb wird es einmal als größte Dummheit zu beurteilen sein, den Menschen Sünde und Versagen auszureden, wie es zur Unkultur unserer Tage geworden ist. Wer nichts mehr zu bereuen hat, lebt in der totalen Lüge. Wer ehrlich ist, weiß, daß er auf Barmherzigkeit angewiesen ist.

Der Friedenspapst Johannes XXIII. hat einmal gesagt: “Der innere Friede ruht auf dem Triumph der Barmherzigkeit Gottes.” Das ist nicht geistiger Waffenstillstand, sondern mutiges Ja zur eigenen Schwäche. Der geläuterte Sünder weiß, daß Gottes Barmherzigkeit unendlich größer ist als unsere Schuld. Er lebt im Frieden. Der Stolze, der seine Sünde negiert, für den es höchstens Kavaliersdelikte gibt, ist ein Risiko für friedliches Miteinander. Wer kein Erbarmen braucht, wird selber bald erbarmungslos. Da sind wir dann wieder bei den Hitler und Stalin. Laßt uns eine barmherzige Gesellschaft aufbauen, denn wir werden auch in Zukunft einander viel zu vergeben haben. Die absolute Korrektheit bleibt für die Menschen unerreichbar. Aber nicht diese Erbärmlichkeit wird uns spalten und trennen, sondern die Überheblichkeit des scheinbar Besseren.

Wenn es eine wahre Größe in uns gibt, dann durch die barmherzige Liebe des gekreuzigten und auferstandenen Christus, der zwischen uns leben will als der, der unser Friede ist. Amen.

Dienstag, 28. März 1995  Römische Warte    Deutsche Tagespost Nr. 37 / Seite 5

Undurchsichtige Affäre

Seit Jahren zieht der Fall der Emanuela Orlandi seine Kreise

VATIKANSTADT (DT). Wird der Papst erpreßt? Gibt es mächtige Organisationen auf der Welt, die Johannes Paul II. fürchten, weil er das politische Gleichgewicht zwischen Ost und West verändert hat? Solche Fragen tauchten vergangene Woche auf, im Zusammenhang mit dem geheimnisumwitterten “Fall Orlandi”.

Zur Vorgeschichte: Das fünfzehnjährige Mädchen Emanuela Orlandi, Tochter eines Vatikanangestellten, verschwand vor zwölf Jahren am 22. Juni 1983 im Nichts. Wie gewöhnlich war sie an diesem Tag zum Flötenunterricht gegangen. Danach hatte sie noch mit ihrer Familie telefoniert und erzählt, jemand habe ihr einen lukrativen Job angeboten. Sie sollte einen Tag lang Werbeprospekte für eine Kosmetikfirma verteilen und dafür umgerechnet mehr als vierhundert Mark verdienen. Das war der letzte Kontakt, den die Eltern mit ihrer Tochter hatten. Emanuela kam nicht mehr nach Hause.

Daß sie den Eltern weggelaufen war, wurde gleich als Hypothese ausgeschlossen. Einige Tage nach dem mysteriösen Verschwinden meldeten sich dann Erpresser und forderten, den Papstattentäter Ali Agca im Austausch gegen das Mädchen freizulassen. Auch andere Gruppen versuchten, die Geschichte zu ihren Gunsten auszunutzen. Ein Lebenszeichen Emanuelas gab es allerdings nie, weder ein Foto mit Tageszeitung, noch Telefonate, aus denen klar hervorging, die Fünfzehnjährige lebe noch. Viele schlossen sich schließlich der Meinung an, das Mädchen sei gleich nach der Entführung ermordet worden.

Die italienische Tageszeitung ,,Il Messaggero” hat den Fall jetzt wieder aufgewärmt. Der Priester Tonino Intiso, Leiter der Caritas in der süditalienischen Stadt Foggia, hatte in einem Interview mit der Zeitung erklärt, es gebe Verhandlungen zwischen dem Vatikan und den Entführern des Mädchens, einer Organisation von Kriminellen. Emanuela Orlandi lebe unter falschem Namen in einem Ort in Süditalien und habe ein Kind im Alter von fünf Jahren. Am gleichen Abend noch wurden Intiso sowie der mit ihm befreundete Anwalt Matteo Storace von der Polizei verhaftet. Ein Dritter, der Vorbestrafte Francesco Pio Sbrocchi, wird noch gesucht.

Der Vorwurf der Ermittler lautet: Intiso selbst habe gemeinsam mit Storace und Sbrocchi versucht, den Vatikan zu erpressen: In den Verhandlungen seien vierzig Milliarden Lire – umgerechnet etwa achtundvierzig Millionen Mark – gefordert worden, sowie die Absetzung von zwei Bischöfen – darunter der Bischof von Foggia – und die Einstellung von hundert Angestellten bei einigen Geldinstituten. “Don Tonino ist in eine Falle geraten”, kommentierte der Bischof von Foggia, Giuseppe Casale, die Verhaftung des Priesters. “Er hat nur versucht, den Kontakt herzustellen – wovon ich ihm zwar abgeraten hatte -, um die Befreiung des Mädchens zu erreichen.“ Auch die Gläubigen der Gemeinde sind von der Unschuld ihres Pfarrers überzeugt. Hunderte haben sich solidarisch mit ihm erklärt und sich heftig gegen die Vorwürfe ihm gegenüber gewehrt. Intiso ist in Foggia für sein soziales Engagement und für die Unterstützung der Schwachen der Gesellschaft bekannt.

Mit dieser neuen Geschichte wurde eine andere Variante über das Verschwinden von Emanuela Orlandi ebenfalls noch einmal hervorgezogen. Der Türke Oral Celik, der in das Papstattentat im Mai 1981 verwickelt gewesen sein soll, hatte im September 1994 vor Untersuchungsrichtern erklärt, das Mädchen habe aus freiem Willen den Vatikanstaat verlassen, da sie ein Verhältnis mit einem geistlichen Würdenträger gehabt habe. Zunächst habe sie in einer Wohnung und anschließend in einem Kloster in Rom gewohnt, wo die Beziehung fortgeführt worden sei. Schließlich sei sie als Ordensschwester verkleidet nach Kolumbien geschickt worden. Dort habe sie zwei Kinder: eines von besagtem Geistlichen aus dem Vatikan, ein zweites von ihrem jetzigen Lebensgefährten, der mit dem Papstattentat in Verbindung stehen solle. Die beiden Kinder hätten angeblich auch die Großeltern im Vatikan besucht. Celik erzählte den Richtern außerdem, im Vatikan gebe es ein Konto für Ali Agca. Er behauptete, diese Informationen von einer “sehr wichtigen Person” zu haben.

Und weitere Varianten tauchten auf. Ebenfalls in einem Interview mit dem “Messaggero” hat ein ehemaliger Mitarbeiter des italienischen Geheimdienstes behauptet, das Verschwinden von Emanuela Orlandi und das Attentat auf den Papst gehörten auf jeden Fall zusammen. Das Schüsse Ali Agcas seien nur eine Drohung gewesen. Agca habe Johannes Paul II. verletzen, aber nicht töten wollen. Die Entführung des Mädchens nach zwei Jahren sei ein weiteres Zeichen gewesen. Der Papst habe sich unter anderem mit der Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc als unbequem erwiesen.

Mit diesen Zeichen habe man ihm die Botschaft schicken wollen, sich aus der Politik herauszuhalten. Daß der “Fall Orlandi” jetzt wieder aufgerollt werde, sei ebenfalls als ein solches Zeichen zu werten – zumal in einer Zeit, in der bereits über mögliche Nachfolger des jetzigen Papstes spekuliert werde. CR.

Vor dem Übergang ins dritte Jahrtausend

Generalkongregation der Gesellschaft Jesu im Vatikan / Von Claudia Reimüller

Vatikanstadt, 27. März

Viel Aufregendes hatte kaum jemand zum Abschluß der 34. Generalkongregation der Jesuiten in Rom erwartet, die am 5. Januar begonnen hatte und in der vergangenen Woche zu Ende ging. Eine kleine Überraschung gab es dann doch: Zum ersten Mal hat ein Männerorden ein Dokument über die Rolle der Frau in Kirche und Welt vorgelegt. Darin wird auf die Diskriminierung der Frauen hingewiesen und Solidarität mit ihnen gefordert.

Doch nicht nur über Frauen hat die Generalkongregation ein Schriftstück erarbeitet. Insgesamt wurden zwanzig kurze Dokumente in einem Gesamtumfang von etwa zweihundert Seiten erstellt. Die Generalkongregation hatte sich vorgenommen, die Mission der Gesellschaft Jesu im Hinblick auf die Neuevangelisierung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend vorzubereiten. Der Generalsekretär der Jesuiten, Pater Kolvenbach, erklärte vor Journalisten: “In all unseren zahlreichen Aufgaben muß unsere Mission deutlicher werden, manchmal mutiger und unternehmender. Mehr Kraft und mehr Härte – mehr ,ja’ und weniger ,ja. aber” – sind unerläßlich, um der Tätigkeit der Gesellschaft den apostolischen Elan zu verleihen, zu dem der Heilige Vater uns in diesen Jahren der Vorbereitung auf das Jubeljahr aufruft.”

Dabei wurde das soziale Engagement als zur Verkündigung des Evangeliums gehörend bestätigt: Förderung der Gerechtigkeit, Verteidigung der Menschenrechte sowie der Einsatz für Frieden und Umwelt. Das Augenmerk des Ordens sei auf die Bekämpfung der Sünden der Gesellschaft von heute gerichtet: Armut, Analphabetismus und Flüchtlingsnot.

Für die verschiedenen Kontinente ergeben sich dabei verschiedene Schwerpunkte für die Jesuiten. In Afrika beispielsweise stelle sich die Frage, wie man einen authentisch afrikanischen Glauben entwickeln könne. Lateinamerika leide unter großen sozialen Unterschieden, der Osten unter der Vergangenheitsbewältigung, Europa unter Säkularisationserscheinungen. In Asien müsse etwas gegen die große Armut unternommen werden. Hier ergebe sich außerdem die Schwierigkeit, mit anderen Religionen in Dialog zu treten. Den Dialog zu fördern, sowohl den ökumenischen als auch zwischen den verschiedenen Religionen, hat sich der Orden ebenfalls zu einem wichtigen Ziel gesetzt.

Die Beratungen der 223 Delegierten aus aller Welt – etwa ein Prozent des gesamten Ordens, der derzeit etwa dreiundzwanzigtausend Mitglieder zählt – konnten nicht in einer gemeinsamen Sprache geführt werden. Etwa die Hälfte der Anwesenden sprach englisch, ein großer Teil spanisch oder französisch. Beeindruckend war der große Teil der Nichteuropäer bei der diesjährigen Generalkongregation, entsprechend groß waren auch die kulturellen Unterschiede.

Einen Schwerpunkt bildete bei den Beratungen auch die Zusammenarbeit mit den Laien, die in der Kirche eine zunehmend wichtige Rolle einnehmen. Es wurde überlegt, wie man die Kooperation mit ihnen verbessern kann und inwieweit Laien auch in Leitungsfunktionen von Einrichtungen des Ordens vertreten sein können.

In dem Dokument gegen die Frauen, das auf Anregung eines irischen Mitbruders er stellt wurde, werden Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen – beispielsweise Sextourismus – beklagt. Auch die Ermordung unerwünschter weiblicher Neugeborener in einigen Ländern prangen das Papier an. Zudem bekämen Frauen immer noch häufig weniger Lohn als Männer für die gleiche Arbeit, ihr Aufstieg in einflußreiche Positionen in Politik oder Gesellschaft sei begrenzt, heißt es weiter. Die Frauen selbst hätten zwar bereits viel dafür getan, auf ihre Lage aufmerksam zu machen und auch schon einen Änderungsprozeß in Gang gesetzt. Es sei jedoch immer noch nicht allen Männern klar, daß sie die volle Menschheit der Frauen anerkennen müßten.

In einem Entwurf der Erklärung heißt es: “Wir Jesuiten bitten Gott zunächst um die Gnade der Umkehr. Wir waren Teil einer bürgerlichen und kirchlichen Tradition, die sich gegen Frauen versündigt hat. Und wir tendieren wie viele Männer dazu, uns davon zu überzeugen, daß es da kein Problem gibt. Wenn auch unabsichtlich, waren wir häufig mitschuldig an einer Form von Klerikalismus, die männliche Vorherrschaft mit einer angeblich göttlichen Sanktion verstärkt hat. Mit dieser Erklärung wollen wir persönlich und gemeinsam reagieren und tun was wir können, um diese bedauernswerte Situation zu ändern. (Übersetzung der Redaktion aus dem Englischen)”

Bei dem Schuldbekenntnis bleibt es jedoch nicht. Es soll vielmehr alles getan werden, die Einsicht gleich in die Praxis umzusetzen. Zunächst heißt es, sind alle Jesuiten dazu aufgefordert, den Erfahrungen der Frauen aufmerksam zuzuhören und sie so besser zu verstehen. Zum zweiten werden sie dazu aufgerufen, sich mit den Frauen solidarisch zu zeigen. In Schulen und Universitäten soll die wesentliche Gleichheit von Frauen und Männern ausdrücklich gelehrt werden, Jungen und Mädchen sei in der Ausbildung Chancengleichheit zu gewähren. Bewegungen von Frauen, die sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr setzen, sollen unterstützt, ihr Eintritt in das politische und soziale Leben ermutigt werden. Besonders müsse der Gewalt gegen Frauen Einhalt geboten werden.

Wie ein vatikanisches Vorbereitungsdokument zur Weltfrauenkonferenz in Peking im September dieses Jahres fordern auch die Jesuiten, nicht nur die Rolle der Frau innerhalb der Familie zu stärken, sondern auch ihr Engagement in der Kirche und im öffentlichen Leben zu fördern.

RM

NUMMER 46 – 18. NOVEMBERJ994

Die Herausgeber zu Fragen der Zeit

Was der Zeitzeuge Heym verschwieg

Von OTTO B. ROEGELE

Froh und glücklich” sei sie, sagte Rita Süssmuth nach der konstituierenden Sitzung des 13. Deutschen Bundestages in das Mikrophon des Fernsehreporters, weil “das Parlament heute einen so würdigen Verlauf genommen” habe. Das sprachliche Stolpern, das der sonst so wortgewandten Präsidentin dabei unterlief, spricht für sie, läßt es doch erkennen, wie unbehaglich ihr bei dieser Aussage war. Denn in Wirklichkeit hat diese erste Sitzung des neuen Bundestages durchaus nicht Anlaß zu Freude und Glück geboten, sondern durch ihren “Verlauf” (wenn man das schon so bezeichnen will) schlimme Befürchtungen bestätigt und schlimmere geweckt. Daß dieser “Verlauf” nun schöngeredet werden soll, zeigt bloß, daß man noch Ärgeres befürchtet hat.

Hat man etwa erwartet, daß der alte Egomane Stefan Heym mit einer Rüpelszene oder mit Beleidigungen aufwarten werde? Er ist ja doch schlau genug zu wissen, daß seine besten Chancen anderswo liegen, und er hat sie genutzt. Erfolgreich, wie die aufatmende Reaktion von Rita Süssmuth zeigte. Heyms Chance war die Auswahl, die er treffen konnte, weil er gespannter Aufmerksamkeit sicher war und weder Fragen noch Widerspruch, weder Ergänzungen noch Korrekturen zu fürchten brauchte.

Ungerügt konnte er den Namen von Clara Zetkin beschwören, der Alterspräsidentin im Deutschen Reichstag am 30. August 1932 den Namen von Clara Zetkin beschwören, und sie ohne Einschränkung als “hochherzige Frau” rühmen. Nichts von ihrer Brandrede gegen die um ihre Existenz ringende Republik, nichts von ihrer Polemik gegen die “reformistische Sozialdemokratie”, nichts von ihrem Aufruf zur “außerparlamentarischen Machtentfaltung des proletarischen Volkes”, nichts von ihrer Hoffnung, “das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen”. Schon von der Todeskrankheit gezeichnet, war die 75jährige aus ihrem Moskauer Krankenhaus eigens angereist, um mit brüchiger Stimme der Weimarer Republik den Untergang zu verkünden. Sie erlebte ihn noch, zuvor den großen Berliner Verkehrsstreik und darin “die Einheitsfront aller Werktätigen”, aber nicht, “um den Faschismus zurückzuwerfen”, wie sie verlangt hatte, sondern NSDAP und KPD Arm in Arm …

Mit der Berufung auf die “hochherzige” Vorgängerin im Amt hat der “Zeitzeuge” Stefan Heym weit weniger als die halbe Wahrheit gesagt. Er hat damit jedoch die Methode bloßgelegt, mit der er sein gefälschtes Bild der Geschichte unter die Leute bringt. Die einfachen Fakten, die er nicht weiß, wiegen nicht einmal so schwer. Daß Hitler nicht vom Reichstag “ernannt” wurde, sondern von Reichspräsident Hindenburg, läßt sich richtigstellen. Der banale Irrtum ist freilich aufschlußreich für Heym und sein schwaches Verhältnis zur Verfassung der Weimarer Republik.

Die Methode der nicht einmal halben Wahrheiten setzt sich in Heyms Rede fort, und dabei kommt jene Szenerie zutage, die auch die Propaganda der PDS und der ihr zugewandten oder verhafteten “Eliten” des Honecker-Regimes erfüllt. Das hört sich zum Beispiel so an:

“Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR, die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich gleichfalls lohnte? Der gesicherte Arbeitsplatz vielleicht? Die gesicherte berufliche Laufbahn? Das gesicherte Dach über dem Kopf?”

Das trifft genau die Legende vom bescheidenen, friedlichen, menschenfreundlichen Leben, das die sechzehn Millionen unter dem milde-besorgten Regiment der Sozialistischen Einheitspartei und, im Schutze der Nationalen Volksarmee leben durften, ehe sie, freilich nicht ohne eigenes Zutun, dem rauhen Zugwind der kapitalistischen, konsumistischen, materialistischen Welt ausgeliefert wurden, in der nach Heym – “der wichtigste Körperteil der Ellbogen” ist.

Die Legende setzt sich weiter fest, wenn ihr nicht energisch widersprochen wird, wenn die großen Tatsachen, die sie widerlegen, nicht zu Bewußtsein gebracht werden. Das ist von dem Zeitzeugen Heym offensichtlich nicht zu erwarten, obgleich er die Tatsachen kennen müßte, wie er das Leben und Agitieren der Clara Zetkin kennen müßte. Was sein Bild stört, läßt er weg.

Der Widerspruch muß von anderer Seite kommen. Von denen, die heute dafür sorgen müssen, daß die Alt- und Erblasten der maroden Staatswirtschaft abgeräumt werden, daß echte Arbeitsplätze entstehen, an denen produktiv gearbeitet werden kann, daß die “Arbeiterschließfächer” in asbestträchtigen Plattenbauten durch menschenwürdige Wohnungen abgelöst werden, daß nicht nur die verdienten Mitarbeiter des Staats-, Partei- und Überwachungsapparats das “Dach über dem Kopf“ behalten und ihre “gesicherte berufliche Laufbahn” genießen können.

Das Wort Wahrheit kam in Heyms Rede nicht vor. Aber es ist das Schlüsselwort für die Bewältigung der Vergangenheit, auch für die innere Einheit der äußerlich vereinigten Deutschen und für die nötige Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht. Das hat auch Stefan Heym vor kurzem noch gewußt. Seit einiger Zeit plädiert er allerdings für die Schließung der Akten, die den Verstrickungen in den Überwachungsapparat zu tun haben. Ist er inzwischen seiner eigenen Akte zu nahe gekommen? Hält er Wahrheit überhaupt für gefährlich, weil sie seine Legende widerlegt?

Nein, damit, daß “dieses Parlament einen würdigen Verlauf genommen” hat, kann man sich nicht beruhigen. Abgründe einer neuen und systematischen Vergeßlichkeit haben sich aufgetan, die alle Anstrengungen für die Einheit zu verschlingen drohen.

?

Samstag, 11. März 1995

„Mit Gott ist man immer der Gewinner”

Predigt des Erzbischofs von Köln, Kardinal Joachim Meisner, bei der Deutschen Bischofskonferenz in Münster am 8. März 1995

Als eine “besonders unangenehme Form des Atheismus” hat der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, das “permanente Meckern und Miesmachen in Kirche und Welt” bezeichnet. Die Christen seien heute vielfach voller Minderwertigkeitskomplexe, zu denen es aber keinen Grund gebe, sagte Meisner am Mittwoch bei einem Gottesdienst während der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe in Münster. “Mit Gott ist man immer der Gewinner, ist man derjenige, der das große Los gezogen hat”, sagte der Kardinal. Die Ansprache hatte folgenden Wortlaut:

Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder!

“Welche Zukunft hat unsere Kirche in unserem Land?”, ist eine oft gestellte Frage. Als Antwort kann man die Feststellung treffen: Eine Kirche für morgen können Christen heute nur bilden, wenn sie aus den Quellen von gestern für morgen und übermorgen leben. Fundament und Quelle aber ist dabei unaustauschbar und unersetzbar der Glaube an den Dreifaltigen Gott: Gott, dem Vater, glauben, dem Herrn folgen und im Heiligen Geiste denken, heißt insofern unser Auftrag in der Gegenwart für die Zukunft.

1. Gott glauben

Worauf setzen wir im Hinblick auf die Zukunft unserer Kirche? Auf die Kirchensteuer, auf unseren kirchlichen Grundbesitz, auf unsere politische Ambition, auf eine bessere Presse? Nein! Wir setzen allein auf Gott. Sicher, ich ärgere mich an manchem – zwar nicht an allzu vielem – in Kirche und Welt. Aber ich habe mich noch nie über Gott ärgern müssen. Ganz im Gegenteil: Es macht mich froh, daß Gott ist. Er ist der “Deus semper major”, das heißt der je größere Gott. Der heilige Bruno von Köln, der Gründer des Kartäuserordens, pflegte stets im Hinblick auf Gott zu sagen: ,,0 bonitas”, das heißt Gott ist unser Bonus, unser Gewinn. Gottesliebe und Glaubensfreude werden das einzige Brot sein, das Christen von morgen und übermorgen noch satt machen wird. Denn allein die Freude an Gott ist unsere Stärke! Die Geschmacklosigkeit an Gott und die Appetitlosigkeit auf Gott ist dagegen unser Elend. Das permanente Meckern und Miesmachen in Kirche und Welt ist meines Erachtens dafür eine besonders unangenehme Form des Atheismus.

Unsere Gemeinden werden kleiner, das ist wahr! Aber unser Gott ist der je größere Gott, das ist doch auch wahr! Wir haben Christenmangel und deshalb auch Priestermangel, das stimmt! Aber unser Gott ist die Fülle, die unseren Mangel erfüllt und überfüllt. Das stimmt doch auch! Wir warten auf bessere Zeiten! Aber unsere Gegenwart ist schon vom je besseren Gott erfüllt. Worauf warten wir dann noch? Wir sind als Christen oft voller Minderwertigkeitskomplexe. Dazu gibt es überhaupt keinen Grund. Nicht, weil wir besser sind als andere Leute, aber unser Gott ist es. Glauben wir das? “Gott allein genügt”, so sagt die heilige Theresia von Avila, Gott allein genügt, und zwar in dem Sinn, daß wir so anspruchsvoll sind, daß uns nur Gott allein genügen kann. Die Heiligen setzten in ihrer Bedrängnis nicht auf menschliche Taktik und irdische Klugheit, sondern allein auf Gott, von dem sie gleichsam vor innerer Freude trunken waren. Denn mit Gott ist man immer der Gewinner, ist man derjenige, der das große Los gewonnen hat. Dieser faszinierende Gott provoziert unsere Gottesliebe, und sie gibt uns Glaubensfreude. Darin und nur darin sind wir eine Kirche mit Zukunft, das heißt eine Gemeinde für morgen und übermorgen.

2. Dem Herrn folgen

“Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden” (Kol I, 15 – 16), schreibt der Kolosserbrief. Nach seinem Bild sind wir geschaffen. Nur wer Christus kennt, kennt sich auch selber. Nur wer ihm folgt, kommt zu sich selbst. Der Christ kommt allein bei Christus zu seiner eigenen Identität. Der Herr befreit uns aus der Entfremdung mit uns selbst, den anderen und der Umwelt. Er bringt uns zu unserer Christus-Ebenbildlichkeit. Wer sich sucht, verliert sich; wer sich um seinetwillen verliert, findet sich. Solche christo-identischen Menschen bewegen die Welt ähnlich wie Christus. Wenn wir nur in diesem Sinne Christen bleiben, brauchen wir uns um die Kirche von Morgen nicht zu sorgen.

Dem Herrn folgen, sagen wir, weil er den Weg Gottes ging. Auf diesem Weg blieb ihm schon nach ganz kurzer Zeit keine Chance mehr, erfolgreich zu sein. Er blieb seiner Sendung aber treu bis zum Kreuz. Als er schließlich umgebracht war, blieb den Seinen zunächst keine Chance und keine Hoffnung. Die Geschichte hatte ihn überrollt und die Seinen mit. Gerade daraus erwuchs jedoch eine Bewegung, die die Welt verändert hat. Denn das Kreuz wurde durch die Auferstehung vollendet, die Erfolglosigkeit durch die österliche Fruchtbarkeit, das Aus durch den neuen Anfang. Gottes Weisheit hat am Kreuz Menschenweisheit ad absurdum geführt. Setzen wir in der Gegenwart mehr auf die Gottesweisheit, damit wir österliche Zukunft haben können. Wir haben manchmal Grund zur Annahme, daß unser Glaube heute in eine tiefe Sackgasse geraten sei. Wir haben aber als Nachfolger Christi noch mehr Grund, neue Hoffnung und neuen Mut in der Geschichte von heute zu suchen, die seine Geschichte mit uns ist und morgen mit uns bleibt. “Laßt uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt”, sagt AIfred Delp. Daß Christus ist, gibt uns Hoffnung und Zukunft.

3. Im Heiligen Geist denken,

ist die dem Christen angemessene Art zu denken. “Atme in mir, du Heiliger Geist, daß ich Heiliges denke”, betet der heilige Augustinus. Tun wir das? Oder denken wir rein soziologisch, psychologisch, pädagogisch, ökonomisch, eben rein irdisch? Der Heilige Geist ist unser Lebenselexier. “In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.” Er sensibilisiert uns, das heißt er macht uns empfänglich für die wirkliche Gegenwart des Herrn in der Kirche. Er gibt uns das Gespür für das Übernatürliche. Deshalb gilt uns heute sehr das Wort des Epheserbriefes: “Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken! Ihr Sinn ist verfinstert. Sie sind dem Leben, das Gott schenkt, entfremdet durch die Unwissenheit, in der sie befangen sind, und durch die Verhärtung ihres Herzens” (Eph 4,17 – 18).

“Ohne den Heiligen Geist” sagt der orthodoxe Metropolit Ignatius Hazim, “ist Gott fern, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium ein totes Buch, die Kirche nur eine Organisation, die Autorität nur Herrschaft, die Mission eine Propaganda, der Kult eine Beschwörung und christliches Handeln eine Sklavenmoral. Aber mit dem Heiligen Geist erhebt sich der Kosmos und stöhnt in den Geburtswehen des Königreiches, ist der auferstandene Christus da, ist das Evangelium die Kraft des Lebens, bedeutet die Kirche die dreieinige Gemeinschaft, ist Autorität ein befreiender Dienst, ist die Mission ein neues Pfingsten, ist die Liturgie Gedenken und Vorwegnahme, ist das menschliche Handeln verherrlicht.” Wer deshalb heute Kirche für morgen und übermorgen leben will, steht vor dem Wort des Römerbriefes: “Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken” (Röm 12,2). Wandelt euch, das heißt bekehrt euch, bekehren – wohin denn? Wo ist der Orientierungspunkt, an dem man den eigenen Kurs wieder steuern lernen kann? Nun, bei dem Dreifaltigen Gott selbst, indem wir dem Vater glauben, dem Sohne folgen und im Heiligen Geiste denken. Dann haben wir – so ist es uns verheißen – eine große Gegenwart und eine noch größere Zukunft. Amen.

<Paulinus 16.7.95>

Heftige Kritik an Haltung Roms

Alttestamentler Herbert Haag zu Gast beim Laacher Forum

“Wie lange noch kann es sich die katholische Kirche noch leisten, eine absolute Monarchie zu sein?” Mit dieser Frage eröffnete der emeritierte Tübinger Professor für alttestamentliche Exegese, Dr. Herbert Haag, seinen Vortrag mit dem Titel “Den Christen die Freiheit”. Haag referierte im Rahmen des “Laacher Forums”, zu dem die Region Rhein-Mosel-Ahr und die Buchhandlung in Maria Laach eingeladen hatte. Durch die dominante Haltung Roms sei in der Kirche eine Atmosphäre der Angst, der Unfreiheit und vielfach auch der Unehrlichkeit entstanden, beklagte Haag. Dabei rückten auch insgesamt eher nicht so wichtige Fragen in den Mittelpunkt, meinte Haag und nannte als Beispiel die Meßdienerfrage. Die deutschen Bischöfe hätten über Jahre hinweg mit Rom darüber verhandelt, ob Mädchen ministrieren dürften, bis 1994 endlich die “erlösende Zustimmung” aus Rom gekommen sei.

Was die katholische Kirche zur Zeit jedoch am meisten in Bedrängnis bringe, sei ihr Verhältnis zu den Menschenrechten, meinte der Alttestamentler. Bis heute sei der Vatikan nicht Mitglied des Europarates, da er bei seiner derzeitigen Rechtspraxis die Europäischen Menschenrechtskonvention von 1950, die als Bedingung für den Beitritt gelte, nicht erfüllen könne. In vielfältiger Weise mache sich Rom der Verletzung der Menschenrechte schuldig: dem Recht der freien Meinungsäußerung, die Gleichstellung von Mann und Frau, und dem Recht auf Sexualität. Für einen Theologen sei es heute nicht mehr möglich, eine kühne These auch nur zur Debatte zu stellen, ohne Sanktionen zu riskieren. Eine Frau habe in der katholischen Kirche nicht die gleichen Rechte wie der Mann, und nach der Schweiz, die 1971 ihre Verfassung zugunsten eines Stimm- und Wahlrechts für die Frau geändert habe, sei der Vatikan der letzte Staat, der diese Rechte den Frauen nicht zugestehe. Als drittes Beispiel nannte Haag die katholische Sexualmoral, nach der jede Form außerehelicher Sexualität als schwer sündhaft gelte. „Mehr als der Hälfte der Bevölkerung wird damit das Recht auf Sexualität abgesprochen”, erklärte Haag. Die gegenwärtigen Krisenzeichen in der Kirche, die zurückgehenden Gottesdienstbesucherzahlen etwa oder der fehlende Priesternachwuchs, seien Mahnungen, zu den Ursprüngen der Kirche zurückzukehren, meinte Haag.

Der Vortrag des renommierten Bibelwissenschaftlers war der dritte und letzte in der in diesem Jahr erstmals organisierten Veranstaltungsreihe in Maria Laach.

Saarbrücker Zeitung <28. Nov. 94>

Das Vorbild der Eltern

VON RAINER MÜLLER

Gewalt ist allgegenwärtig. Sie begegnet manchem handgreiflich am eigenen Leib, den meisten Gottseidank aber nur in den Medien, die täglich in Wort und Bild berichten. Gewalt hat es immer gegeben. Sie ist kein Produkt der Moderne, nicht ausschließlich Ausdruck einer werte- und orientierungslosen Zeit.

Verhältnismäßig neu dagegen ist, daß Gewalttätigkeiten von immer jüngeren Menschen ausgehen. Jugendbanden dreschen aufeinander los, Skins genügen oft schon ein schiefer Blick oder eine mißverständliche Geste, damit sie bedenkenlos zuschlagen und verletzen, sogar töten. Auf den Schulhöfen gehören Prügeleien zur Tagesordnung. Nicht selten führen bereits Kinder Gegenstände mit sich, die als Waffen eingesetzt werden können.

Meist sind die Schuldigen an der Misere voreilig schnell ausgemacht: Die Gewaltdarstellungen im Fernsehen (die sicher eine gewisse Rolle spielen) und das Verhalten der Gesellschaft. Die Gesellschaft muß immer dann als Sündenbock herhalten, wenn schnelle Erklärungen gesucht werden und noch keine vernünftigeren und durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigte Erkenntnisse vorliegen. Die Gesellschaft aber ist ein anonymes Gebilde, weshalb es viel wichtiger ist, den Blick auf die Individuen zu lenken, die eine Gesellschaft ausmachen. Diese sind es nämlich, die, jedes für sich und an seinem Platz, Zeichen setzen, Vorbild abgeben, im guten wie im negativen Sinn.

Eindrücke und Vorbilder erhalten Jugendliche zu einem großen Teil aus ihren Familien. Dort werden die Keime gelegt, lernen junge Menschen nachdrücklich, wie sie es mit Tugenden oder Untugenden in ihrem Leben zu halten haben. Und da liegt doch vieles im argen. Zwar erkannte Jutta Dithfurth, streitbare Öko-Fundamentalistin in Umgangsformen eher Herrschaftsrhetorik, und ein maßgebender saarländischer Politiker ironisierte über Sekundärtugenden – aber beide könnten sich womöglich erheblich irren. Durch Studien ist belegt, daß Vorbilder maßgeblich das Verhalten von Kindern und Jugendlichen prägen, vor allem das Vorbild der Eltern.

In vielen Familien zählen die elementaren Grundregeln des Zusammenlebens zu den unwichtigeren Themen und werden dem Nachwuchs deshalb auch nicht vermittelt. Im Verlauf von Gerichtsverhandlungen mit jugendlichen Gewalttätern wird deutlich: Sie kommen meist aus zerrütteten Familienverhältnissen, haben lange in einem aggressiven Umfeld gelebt und selbst Gewalt erlebt und gespürt.

Solche gebrannten Kinder sind zutiefst davon überzeugt, daß sich Probleme am besten mit Gewalt lösen lassen. Sie haben nie eine intakte Familie kennengelernt. Die Spielregeln des Zusammenlebens, die unter anderem aus Ehrlichkeit, Vertrauen, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft bestehen, sind ihnen fremd.

Oft entstammen junge Gewalttäter auch Familien, die sich in sozialen und wirtschaftlichen Rand- und Notlagen befinden. In dieser Situation bilden sich automatisch Aggressionsimpulse, die schließlich bereits bei geringsten Anläßen freigesetzt werden und sich durch Prügeleien, Körperverletzungen oder Eigentumsdelikte entladen.

Schon bei Grundschülern sind Neid, Mißgunst und Haß zu beobachten. Nicht selten werden bereits in diesem Alter rücksichtslos Ellenbogen eingesetzt, um unter dem Gesichtspunkt der Selbstverwirklichung bestimmte Ziele zu erreichen. Im Elternhaus werden also entscheidende Grundsteine gelegt, in dem Werte vermittelt und Orientierung mit auf den Weg gegeben wird. Wenn Mütter und Väter diese Erziehungsaufgabe verantwortungsvoll wahrnehmen wollen, so müssen sie bereit und gefestigt genug sein, sich nicht von jeder beliebigen Strömung des sogenannten Zeitgeistes mitreißen zu lassen.

Wichtiger ist es, im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen nach verbindlichen und beständigen Wertmaßstäben und nachahmenswerten Verhaltensweisen zu suchen und diese auch vorzuleben. Daß dies leichter gesagt und geschrieben als getan ist, liegt auf der Hand. Jeder muß sich selbst um diese wichtigen Fragen kümmern und nach Lösungen suchen. Die Gesellschaft, die unter anderem maßgeblich durch Politiker repräsentiert wird, gibt selten gute Vorbilder ab und läßt die Erzieher im Stich.

NUMMER 6 -10. FEBRUAR 1995

Die Herausgeber zu Fragen der Zeit

Lebenslügen fordern heraus

Von CHRISTA MEVES

Wer mit einer spezifischen Kompetenz verantwortliche Personen des öffentlichen Lebens auf destruktive Tendenzen in den gesellschaftlichen Trends hinweist, erntet oft im besten Fall ein mitbesorgtes Stirnrunzeln, gelegentlich sogar ein gelassenes Beschwichtigen mit der Begründung: “Was nützt hier Aufregung? Wozu erst Kampfansage, die beunruhigende Fronten errichtet? Es reicht zu warten: “Lügen haben doch nun einmal grundsätzlich kurze Beine. Die Wahrheit siegt allemal.” Geduld sei angesagt und Ruhe die erste Bürgerpflicht.

Dem läßt sich zwar mit dem Argument widersprechen, daß die Lügenbeine doch bänglich-länglich zu sein vermöchten und daß für Personen mit Macht das Laisser-fairePrinzip unter Umständen ihrer verantwortlichen Position nicht gerecht würde; denn schließlich bedeutet dann nur allzuoft die fehlende Handlungsbereitschaft Auslieferung oft von ungezählten Menschen an einen zerstörerischen Strudel, bedeutet Vernichtung von Lebensbasis und verelendendes Schicksal.

Die unzulängliche Handlungsbereitschaft des letzten russischen Zaren in der Phase der Erstarkung der Bolschewiki ist nur eins von ungezählten historischen Beispielen. Die Lügenbeine währten siebzig Jahre, und auch jetzt noch ist in Rußland die Wahrheit nicht mehr als ein schwaches Pflänzchen Hoffnung.

Aber grundsätzlich gehört der Durchbruch des Notwendigen (im wahrsten Sinn dieses Wortes) offenbar zu den Gesetzen der Weltgeschichte, wobei dieser um so elementarer, eruptiver, ja gewaltsamer erfolgt, je intensiver und brutaler die Lüge regierte. Handelt es sich hingegen lediglich um mißbräuchliche Maßlosigkeiten, geistige Abirrungen in funktionsfähigen Demokratien. so kann Durchbruch auch als lediglich politische Wende, als Kehre zum Besseren durch eine Umverteilung der Macht in sanfter Weise geschehen.

In den USA scheint sich dergleichen – gewiß zum Erstaunen Clintons – anzubahnen. Was bewirkte die Distanzierung der Bevölkerung von seiner Politik und seiner Person? Das scheint weniger auf einer Unzufriedenheit mit den großen politischen Feldern zu beruhen; vielmehr scheint es, als hätten die US-Bürger die Verrohung ihrer Sitten und die Verletzung der amerikanischen Grundwerte mehr als satt. Und dieser Präsident mit den Parolen zu Abtreibung und Homosexualität, mit denen er antrat, steht ihnen nun einmal für die ins Maßlose getriebene Liberalisierung, deren Teufelsklaue vielen mittlerweile allzu greifbar nahe gekommen ist und den einzelnen wie auch den Bestand des Staates, wie Amerika ihn will, gefährdet.

Freilich hat sich hier in einer Vielzahl von Gruppen und Grüppchen längst eine Vorbereitung auf eine ins politische Feld durchschlagende Trendwende vollzogen – und zwar durch eine umfängliche, unkonventionelle Neuevangelisierung. Neun von zehn US-Bürgern glauben heute wieder an Gott, und sechs von zehn Gläubigen gehen sogar regelmäßig zum Gottesdienst! Auch wollen die Republikaner, die nun zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder die Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments haben, in Amerikas Schulen wieder das tägliche Morgengebet einführen oder zumindest ermöglichen.

Deutschland hat derart Hoffnungsverheißendes noch nicht aufzuweisen. (Dort glauben nur zwei Drittel der Menschen an Gott, und von diesen sind nur neun Prozent praktizierende Christen.) Bei uns wird der Unmut über die Auswüchse der Entsittlichung wesentlich rigoroser durch die elektronischen Medien unterdrückt. Der Pegel der Not ist noch nicht hoch genug, um die indoktrinierende Verdrängungsdecke zu durchbrechen. Und doch gibt es eine Vielzahl von neu erweckten Glaubensgemeinschaften, Gruppen und Grüppchen auch hier – oft sogar schon außerhalb der großkirchlichen Mauem mit vielerlei kraftvoller Intensität, deren Ausmaß nur deshalb unterschätzbar ist, weil sie verschwiegen wird, ja, wenn sie einige Wellenbewegungen erzeugt, diffamiert wird, bis die Gemeinschaft unter Gruppendruck zerrinnt.

Es stimmt dennoch: Wahrheit läßt sich auf die Dauer nicht totschweigen. Man braucht lediglich die Gnade eines möglichst langen Lebens, um das zu erfahren. So wird die weltweite Lüge über das „Angeborensein” der „natürliche” Homosexualität demnächst nicht mehr zu halten sein – allzu beweiskräftig sind die Aussagen der US-Experten. Und es ist gewiß kein Zufall, daß das Prinzip Hoffnung in dieser Hinsicht für Europa ausgerechnet von Holland ausgeht. Hier hat der Experte Gerard van der Aardweg, Professor für Psychologie am Institut für Ehe und Familie in Kerkrade, befreiende Impulse gesetzt.

Die umfänglichen Erfahrungen, die in den USA wie in Europa über die “Tragödie” Homosexualität von nicht indoktrinierten Fachleuten haben gesammelt werden können, werden – besonders von Randgruppen beider Großkirchen – nun auch in Deutschland dankbar angenommen und zu Hilfsaktionen umgesetzt.

1970 meinte ich noch, ich müsse durch die damals publizierte Prognose, daß wir in den neunziger Jahren einen enormen Zuwachs an Homosexuellen in unserem Lande zu verzeichnen haben würden, einen Beweis für die an der Erfahrung gewonnene Theorie erbringen. 1995 weiß ich, daß das nicht nötig wird. Auch in dieser Hinsicht wird sich die Wahrheit Bahn brechen.

Aber ich bin immer noch davon überzeugt, daß das Wissen um abwendbare mörderische Gefahren niemals zum Schweigen und Aussitzen berechtigt, selbst, wenn die Unreife der Zeit Ächtung bewirkt; denn gerade aus dem Trüppchen der Befreiten und Aufgewachten wächst die rettende Kraft.

<RM 24.2.95>

Wer den Dialog verweigert

Greinacher lohnt keinen großen Konflikt

Wenn die öffentlich-rechtlichen Wellen aus Baden-Baden Zutreffendes berichtet haben, gibt es einen Briefvon Nuntius Kadar an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, in dem zu einem wirkungsvolleren Vorgehen gegen den Tübinger Theologieprofessor Norbert Greinacher aufgefordert wird.

Vor zwei Jahrzehnten schon hat Julius Kardinal Döpfner sich genötigt gesehen, Greinacher als Berater der Würzburger Synode abzuberufen, nachdem er auf einem SPD-Parteitag für die “Fristenlösung” bei der Änderung des Paragraphen 218 plädiert hatte. Zwei Jahre später wandte sich Bischof Georg Moser in einem sehr persönlich gehaltenen Brief gegen “ätzende Verächtlichmachung” in einem “Spiegel” -Interview und wies Greinachers “anmaßende Verurteilung” tief verletzt zurück.

Im Gefolge des Rhetorikers Walter Jens beteiligte sich Greinacher an der fernsehträchtigen Raketenblockade bei Mutlangen und brachte es zu einer Verteidigungsrede vor Gericht, die sich heute – nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes und dem Bekanntwerden der geschichtlichen Tatsachen – wie ein von Kafka inspirierter Beitrag zur großen Weltsatire liest.

An Petra Kellys Seite leistete Greinacher in den achtziger Jahren “praktische Arbeit” in Nicaragua, nicht ohne den Sandinisten gute Ratschläge zu erteilen, wie sie es doch geschickter anfangen sollten, um sich an der Macht zu halten. In der letzten Zeit ist Greinacher auf den Kampagne-Wagen “Dieser Papst muß weg” aufgestiegen und versucht sich mit immer schrilleren Formulierungen zu aktuellen Streitfragen zu Gehör zu bringen. Im Sommer 1994 hat der Bischof von Rottenburg, sein früherer Fakultätskollege Walter Kasper, dem aufgeregten Professor in aller Form schriftlich dargetan, er erachte dessen Attacken als “eines wissenschaftlich argumentierenden kirchlich gesinnten Theologen unwürdig”. Wer Bischof Kasper kennt, weiß: ein in der Tat vernichtendes Urteil.

Gewiß, es geht bei dem Inhaber des Tübinger LehrstuhIs für “Praktische Theologie” (was immer das bedeutet) nicht um eine internationale Größe wie Hans Küng, nicht um eine theologisch-

wissenschaftliche Autorität, sondern um einen akademischen Lehrer in einer theologischen Fakultät, der sich vor allem auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften betätigt und einen exzessiven Gebrauch von seinen Rechten als Staatsbürger macht. Da dies seit einigen Jahrzehnten so ist und die historisch-politische Weisheit seiner Optionen niemandem verborgen geblieben sein dürfte, könnte der von ihm angerichtete Schaden wohl hingenommen werden, gäbe es da nicht zusätzliche Gefahren, die sich aus der gegenwärtigen Gesamtkonstellation ergeben. Die Anti-Rom-Kraftsprüche, die aus manchen Theologenkreisen ans Ohr der kirchlichen Obrigkeit dringen, sind nicht dazu angetan, die Sachprobleme, die es in Lehre, Kirchenordnung und Seelsorge zur Genüge gibt, einer Lösung näher zu bringen. Oft sind es gerade die lautesten Rufer nach mehr Dialog, die den Dialog, der tatsächlich in Gang ist, zuschanden machen. Drei Rottenburger Bischöfe wollten mit Greinacher in ein vernünftiges Gespräch kommen; bisher ist es keinem gelungen. Wird es dabei bleiben? Immerhin ist Klartext gesprochen worden.    Otto B. Roegele

RHEINISCHER MERKUR 27   <3.2.95>

Häme gegen Papst

Getrieben von purem Haß

Endlich einmal eine richtige Überschrift. Rudolf Augstein, absoluter Herrscher des montäglich der deutschen Öffentlichkeit vorgehaltenen Spiegels der Unfehlbarkeit, gab seinem antirömischen Bekenntnis den Titel: “Der Papst und ich”. Welch eine Demutsgeste. Hätte er doch auch titeln können: “Ich und der Papst”.

Unbarmherzig wie unfehlbar und unwissend “begründet” der ehemalige Info-Papst, warum der Papst und die Kirche Zielscheibe der an Hamburger Schreibtischen beschlossenen “Spiegel” -Häme sein müssen. Der Papst, so ist zu lesen, lasse „keine andere Meinung” gelten als seine eigene, und bei ihm blieben „Menschen durchweg auf der Strecke”, wenn “er seine Unfehlbarkeitspose in Gefahr sieht”. Tatsächlich wissen aber auch Papstkritiker längst, daß es diesem Petrusnachfolger zuvörderst um den Menschen geht, dem er freilich zutraut, Ansprüche an sich und das Leben zu stellen.

Und natürlich wird wieder einmal behauptet, Johannes Paul II. verteufele „jegliche Empfängnisverhütung”. Daß gerade dieser Papst immer wieder eine geradezu ökologische Sexualität und die verantwortete Elternschaft fordert, will man in Hamburg nicht zur Kenntnis nehmen.

Über den römischen Bischof und seine Weltkirche läßt sich immer wieder trefflich debattieren. Aber das verlangt wenigstens ein Mindestmaß an Redlichkeit und den Mut zum Abschied von bequemen Vorurteilen. Wahre Kritik kommt aus der Fähigkeit, unterscheiden zu können.

Immerhin: Zum Papst strömen die Menschen zu Millionen, den orientierungslosen Defätisten dieser Zeit aber laufen sie scharenweise weg, auch Herrn Augstein. Und soeben wurde der weltweit anerkannte Papst zum “Mann des Jahres 1994″ gekürt, weil er mit Konsequenz und Visionen den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen versucht.

Die klebrige Häme des “Spiegels” hingegen steht gegen Vision, Aufbruch und Optimismus. Dabei wäre die Befreiung von Egomanie und Intoleranz praktizierter Fortschritt im Denken und Erkennen. Solche Aufklärung traut sich nicht jeder zu, der sich für aufgeklärt hält.      Martin Lobmann

<DT 4.2.95> Politik

Die aufgeklärten Konservativen

Auf dem 5. Symposium der informedia-Stiftung die Rückkehr zu verbindlichen Werten gefordert

Obwohl das Motto des diesjährigen Symposiums der Kölner informedia-Stiftung “Go Future – Wir brauchen eine optimistische Generation” lautete, war während der zweitägigen Veranstaltung Ende Januar in Frankfurt nur wenig Optimismus zu spüren.

Der graue Schleier einer Endzeitstimmung habe sich – rechtzeitig zur Jahrtausendwende – über unser Land, ja über ganz Europa gelegt. Die Menschen schienen erschöpft, Kräfte schwänden. Eine merkwürdig lähmende Stimmung mache sich breit. Es sei eine Zeit der Melancholie und der Unentschlossenheit. Das gelte nicht nur für die Politik, sondern auch für Wissenschaft, Architektur und Kultur, resümierte der Pforzheimer Oberbürgermeister Joachim Becker.

Nicht alle Referenten beurteilten die Gegenwart ähnlich düster. Einig war man sich jedoch darin, daß die Schwierigkeiten der Zukunft nur von einer neuen, eben optimistischeren Generation, bewältigt werden könnten. Wie gute Eltern wollte man den Nachwuchs dabei vor den Fehlern der eigenen Generation bewahren. Während bei der Diagnose der Gegenwartskrankheiten (steigende Gewaltbereitschaft, ausufernder Egoismus, wachsende Vereinzelung und zunehmender Orientierungslosigkeit aufgrund mangelnder Verbindlichkeit) weitgehend Übereinstimmung bestand, wurde um die richtige Therapie heftiger gestritten.

Der Stuttgarter Kulturphilosoph Günther Rohrmoser empfahl eine Rückkehr zur Tradition und zu verbindlichen Werten, die das Vakuum, das die Moderne durch Selbstentleerung hinterlassen habe, wieder füllen könnte. Das mit dem Untergang des Sozialismus einsetzende Ende der Utopien böte die Chance für die Wiederkehr der Religionen. Außerdem dürfe die Politik nicht vergessen, daß unser Sozialstaat sedimentiertes Christentum sei. Durch ihre Entgrenzung zerstöre die Politik die eigenen Fundamente. Sie müsse sich wieder auf den Ausgleich von Interessen beschränken und aufhören, weiterhin „Wahrheitsexekution” zu betreiben.

Auch Andreas Püttmann von der Konrad-Adenauer-Stiftung hielt die Renaissance verlorener Werte und Tugenden in unserer „wohlstandsverfetteten Zerstreuungs- und Vollkaskogesellschaft” für notwendig. “Sind Tabus erst einmal gebrochen, Werte verblaßt und Tugenden aberzogen worden, dann können zunehmende Verteilungsprobleme und die Enttäuschung von Ansprüchen moralisch krisenverschärfend wirken, indem sie ein rabiates Selbstbehauptungsdenken und eine Brutalisierung von Konflikten hervorrufen”, sagte Püttmann.

Dabei sah der Mitarbeiter der Adenauer-Stiftung die “Malaise” weniger in der Akzeptanz fundamentaler Werte, sondern vor allem auf dem Gebiet “der Normen, Institutionen und Tugenden, durch welche diese Werte erst verwirklicht und dauerhaft gesichert werden können.

So nütze beispielsweise die Wertschätzung von Partnerschaft und Familie wenig, wo der Sinn des vierten und sechsten Gebotes verkannt und die Tugenden der Treue und der Geduld nicht anerzogen und eingeübt würden. Das Bekenntnis zur politischen Freiheit sei hohl, wenn Institutionen, die diese Freiheit sichern, nicht anerkannt würden.

Der Historiker Michael Wolffsohn machte einen „neuen Zivilisationsbruch” aus, der durch mangelhaft funktionierende Institutionen gekennzeichnet sei. Während in der zivilisierten Gesellschaft Institutionen wie Dämme gegen die Gewalt wirkten, seien “bei diesem neuen Zivilisationsbruch die Dämme porös”. Folglich könne die Flut der Gewalt ausströmen und anschwellen. Dabei legte Wolffsohn Wert auf die Feststellung, daß in der westlichen Welt der “antizivilisatorische Rückfall” nicht unter “rechten sondern unter linken Vorzeichen” begonnen habe. “Nichtstaatliche, gegen den Staat ( … ) gerichtete Gewalt wurde links-ideologisch wieder legitimiert und schon bald von den alt-neuen Rechtsextremisten nur allzu gerne kopiert”, sagte Wolffsohn.

Dem hatte auch Peter Glotz nur wenig entgegenzuhalten. Seine Polemik konnte die eigene Ratlosigkeit zwar kaschieren, völlig verdecken konnte sie sie aber nicht. Der Sozialdemokrat warnte davor, mit der Wertediskussion die Büchse der Pandora zu öffnen, aus der die Geister autoritärer Herrschaft aufsteigen könnten. “Die Beschwörung allgemeingültiger, immerwährender Werte, wird Europa nicht retten”, sagte Glotz und forderte mit Blick auf Rostock, Hoyerswerda und Mölln dazu auf, lieber den “Bürgerkrieg im eigenen Land zu beenden”,

Geradezu spießbürgerlich mutete seine Devise des sich aus allem Heraushaltens an, als er sich auf die Seite jener “Deutschen” stellte, die sich “gottlob” mehr um “ihre Vorruhestandsverträge”, denn um die Nation sorgten. Als Glotz zum Ende der Tagung riet, die Kapitäne bei hoher See nicht durch die Schiffsgeistlichen zu ersetzen, hatte W olffsohn längst einen Lösungsansatz präsentiert.

“Eigentlich”, sagte Wolffsohn, “ist es die Stunde der aufgeklärten Konservativen”. Sie predigten keine weltumfassenden Lösungen. Sie packten jede Schwierigkeiten einzeln an, “pragmatisch aber ausgehend von und stehend auf einem festen normativen Fundament”. ‘

Und weiter sagte er: “Wenn die Kirche wieder Gotteshaus ist, der Politiker fürs Gemeinwohl arbeitet und nicht für sich und seine eigenen Taschen, die Wirtschaft erfolgreich wirtschaftet – und das kann sie nur partnerschaftlich mit den Arbeitnehmern -, wenn die Gewerkschaften nicht zum Bonzenapparat verkrusten, wenn die Schulen und Universitäten effizient ihre Aufgaben wahrnehmen, ist die Zukunft zwar nicht unbedingt gesichert, sie wird aber sicherer. Viel sicherer und besser.”                 Stefan Rehder

<DT 22.7.95>

Aussprache

Ozon

Ozon angereicherte Luft nannte man früher Reizklima, und nicht wenige zahlten dafür, in den Genuß heilender Reizklima-Wirkungen zu kommen. Das war allerdings vor 1968, also im Mittelalter. Aber auch in der Neuzeit, also nach 1968, hat niemand die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Ozon nachweisen können, jedenfalls bislang nicht und in den gegenwärtig in Hessen verteufelten Konzentrationen. Abgesehen von gelegentlichem Reizhusten bei körperlicher Anstrengung. Und natürlich hat seit eh und je die Hitze, bei der sich mehr Ozon bildet, kreislaufschwachen und sonst klimasensiblen Menschen zugesetzt (siehe DT vom 11. Juli).

Nichts gegen umweltfürsorgliche Politik. Aber offenkundig folgt die Inbrunst, mit der allerhand Maßnahmen wie Fahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen gefordert und durchgepaukt werden, aus einem glühenden Glaubensbekenntnis. Die Maßnahmen mögen ja aus anderen Gründen – die man dann eben nennen sollte – ganz vernünftig sein, die bloße Ozonanreicherung in der Luft rechtfertigt sie bislang nicht. Endlich haben wir es geschafft, den Leuten nun auch Angst vor schönem Wetter einzujagen. Immerhin könnte man die Aufforderung, bei schönem Wetter zu Hause zu bleiben und die Fenster zu schließen, nicht Auto zu fahren, oder wenn schon, dann ganz langsam, als ein religiös-asketisches Programm im Rahmen eben jenes neuen Glaubensbekenntnisses betrachten.

Das aber setzte Freiwilligkeit voraus. Staatliche Verordnungen neu-religiöser Übungen verletzen doch gewiß das Grundrecht der Religionsfreiheit. Mit diesem Grundrecht haben religiöse Fundamentalisten aber bekanntlich ihre Schwierigkeiten. Auch neu-religiöse Fundamentalisten.

Dr. Hans Thomas, 50935 Köln

Gottes Segen

Es geht nicht nur ein Jahrhundert, sondern auch ein Jahrtausend dem Ende entgegen. Schaut man aus eigener Erfahrung und der unserer Eltern zurück, so wird niemand bestreiten, daß das zwanzigste Jahrhundert eine Anzahl von politischen Entscheidungen gebracht hat, auf denen Gottes Segen absolut nicht gelegen hat. Die unseligsten Weichenstellungen waren mit Sicherheit jene aus dem Bereich der atheistischen Diktaturen, die den Menschen millionenfach Leid und Tod gebracht haben. Sie waren begleitet von einer vollendeten Täuschung und Heimtücke, die auch Zeitgenossen aus allen Schichten der Völker anfängliche Zustimmung abforderten.

In unseren Demokratien und sogenannten pluralen Gesellschaften wird das Idol der Selbstbestimmung des Einzelnen mit den Mitteln der Übermacht der Medien propagiert. Hierbei steht der Mensch als autonom gepriesenes Wesen im Mittelpunkt. Im moralischen und religiösen Bereich hat das zur Folge, daß Menschen ihre Lebensführung aus der eigenen Autonomie definieren, wobei Gott der Schöpfer mit seinen ewig gültigen Bestimmungen als Nebenfigur behandelt wird. Manche Zeitgenossen begründen ihr kritisches “Hinterfragen” von moralischen Maßstäben mit der Tatsache eines Zenites von Erkenntnissen der Wissenschaft, des autonomen menschlichen Geistes. Dabei wird vergessen oder nicht erkannt, daß ein Großteil menschlicher Forschung auf Thesen beruht.

Gott als einziges autonomes Wesen mit seinen Geboten tritt in den Hintergrund. Wenn christliche Vertreter von Religionen an das unabdingbare Mandat ihres Schöpfers und Stifters erinnern, werden sie mit allen Mitteln als unzeitgemäß in eine Ecke befördert, wo nur noch spöttisches Mitleid Platz hat. Wer sich diesem Trend widersetzt, muß mit allen Mitteln der Propaganda – bis in den Bereich der Verleumdung hinein – fertiggemacht werden. Ich bin der festen Überzeugung, daß auf der Entscheidung der Mehrheitsträger im Deutschen Bundestag zum Kompromiß beim Paragraphen 2 I 8 niemals Gottes Segen ruhen wird.

Das trifft auch unbedingt auf das “Volksbegehren” (siehe DT vom 8. Juli) in Österreich zu. Hier ist die Einstellung der Initiatoren in Lebensauffassung und Zielsetzung maßgeblich.

Hermann Pieper, 44319 Dortmund

Kleine Maßstäbe

Besser als Isabelle Löwenstein kann man das österreichische „Kirchenvolksbegehren” wohl nicht durchleuchten (DT vom 8. Juli). Alle Vorstellungen der Begehrenden haben ihre Antworten längst bekommen, direkt oder in der Schrift, in der Person Jesu Christi, in der Tradition, in Konzilsdokumenten, in vielen, mit großer Geduld immer wieder neu gegebenen Stellungnahmen von Papst und Bischöfen, und auf berechtigte Anliegen wird von deren Seite weiterhin eingegangen werden. Das Traurige an dem Ganzen ist der Grundzug des Denkens der Initiatoren, die an sich selbst und an ihre Kirche kleine, menschliche Maßstäbe anlegen, in einem Prüfen und Urteilen wie die Welt es tut. Es geht um menschliches Verlangen, es ist nichts zu spüren von der Weite eines jetzt schon gegenwärtigen Reiches Gottes, auf das wir endzeitlich hingeordnet sind, das unser Leben hier auf Erden bestimmen soll, nichts vom Geheimnis der Offenbarung Christi, nichts von einer Kirche, die Communio, mystische Gemeinschaft, ist. Die “Menschenfreundlichkeit”, nach der gerufen wird, ist bei Gott eben eine andere als beim rein natürlich denkenden Menschen, die “Attraktivität” der Kirche besteht nicht in ihrem Entgegenkommen begehrenden Menschen gegenüber, sondern sie ist die Person Jesu Christi selbst, in seiner Demut, seinem Gehorsam dem Vater gegenüber, seiner absoluten Liebe zu uns um unseres Heiles willen, sie ist die Herrlichkeit des verklärten Herrn.

Es ist sehr zu bedauern, daß die Unterzeichner für all das offensichtlich kein Gespür, kein Denken haben. Die dialogbereiten Bischöfe werden es unter dieser Voraussetzung nicht leicht haben.

Dr. Inge Uebelein, 86825 Bad Worishofen

Zentrum

In seinem Leserbrief “Was fehlt” in der Ausgabe vom 8. Juli erwähnt Arno Felser, daß die CDU nach ihrer Gründung vor fünfzig Jahren nur durch massive Unterstützung der katholischen Bischöfe der wiederbegründeten Deutschen Zentrumspartei den Rang ablaufen konnte. Trotz dieser Beeinträchtigung und trotz verschiedener Abspaltungen vom Zentrum, namentlich der CPL (Christliche Partei für das Leben), aus der die Christliche Liga hervorging, und der Christlichen Mitte (CM), ist das Zentrum bis heute als Bundespartei präsent, es stellt etwa in der 40 000 Einwohner zählenden Stadt Dormagen den zweiten Bürgermeister (9,2 Prozent bei der letzten Kommunalwahl).

Angesichts der Zustimmung der Mehrheit der CDU/CSU zum neuen Abtreibungsgesetz und der zu erwartenden Unterzeichnung durch den Bundespräsidenten – Herzog ist CSU-Mitglied – wäre nun endlich ein bundesweiter Ausbau des Zentrums wünschenswert. Die Gründung des Zentrums vor 125 Jahren in Soest sowie seine Wiedergründung vor fünfzig Jahren ebenfalls in Soest sollten Verpflichtung genug sein, alle politisch engagierten Tatchristen unter dem bewährten Dach des Zentrums zu sammeln.

Siegfried Speinle, 89420 HöchstädtlDonau

Saarbrücker Zeitung 35

<5./6.8.>

Ein Armutszeugnis

Zu den Artikeln ,,Medienklüngel” (SZ vom 22./23. Juli) sowie “Drittes Saar-Radio geht auf Sendung” (SZ vom 29. Juni): Endlich sagt mal jemand die Wahrheit über die saarländische ,,Radioszene”. Es scheint so, als wolle die LAR verhindern, daß es endlich Programmvielfalt, Abwechslung und Unabhängigkeit im saarländischen Äther gibt. Hier wird ganz klar ersichtlich, daß der SR und vor allem Radio Salü Angst um ihre Machtposition haben. Denn es wäre ja “unverantwortlich”, wenn die Saarländerinnen und Saarländer plötzlich nicht mehr den öffentlich-rechtlichen oder privaten Dudelfunk einschalten würden, sondern auf einmal ein neues, vielleicht sogar alternatives Radio, das wieder ein gutes Programm für die Hörer machen würde.

Wie schön waren die Radiozeiten im Saarland noch, als es die freien, unabhängigen Grenzprivatsender Radio Forum und Radio RVN gab, die den großen Saarbrücker Sendern SR und Salü zeigten, wo’s langging. Mit Unterstützung durch die LAR wurde und wird sich unliebsame Konkurrenz vom Leib geschafft. Wirklich ein Armutszeugnis für das Saarland. Die LAR sowie die saarländischen Dudelsender mit ihren flachen und belanglosen Mainstream-Seichtpop-Programmen und der gegen Ende des Jahres startende Fakultativsender sind nur eine weitere Bestätigung dafür, daß der Off-Schalter an den Radiogeräten eine sehr geniale Erfindung ist. HEIKO WENTZEL, Saarlouis

Hexer verbrannt

Zu dem Kommentar “Frauen und Kirche” von Rainer Müller (SZ vom 29./30. Juli):

Kommentator Rainer Müller irrt, wenn er behauptet, daß niemals in der Kirchengeschichte Hexer verfolgt worden seien und das Edgar Wallace vorbehalten blieb. Im Jahr 1624 hat sich in Basel ein Barbier oder Arzt durch “böse, zauberische Künste” die Frau eines geistesschwachen Basler Bürgers hörig gemacht. Einer drohenden Verhaftung kam er dann zwar durch Flucht ins österreichische (und katholische) Rheinfelden zuvor, wurde jedoch bald von den dortigen Behörden ins evangelische Basel ausgeliefert. Dort wurde er schließlich als “Hexenmeister” öffentlich hingerichtet und zu Pulver verbrannt.

Dr. HERBERT VIEHL, Dudweiler

Glaube mit Mühe

Zum Artikel “Volksbegehren soll Vatikan bekehren” (SZ vom 31. Juli): Die Krise der katholischen Kirche ist schon ernst genug. Was wir heute brauchen, sind Männer und Frauen, vor allen Ordensberufungen, die mit Christus ihr Kreuz tragen, sei es durch Entsagung, Opfer oder Leiden. Glaube muß mit Mühe gelebt werden, sonst wird er fade, wie eine Suppe ohne Salz.

So muß die Kirche trotz allem keine Drohbotschaft verkünden. Lockerungen sind in keiner Religion angebracht. Die Früchte davon werden uns ja täglich beschert.                RENATE KLEIN, Spiesen-Elversberg

Wohl ein Witz!

Zum Artikel „Rüttgers plant Zinsen aufs Bafög” (SZ vom 4. Juli). Das kann doch wohl nur ein Witz sein! Als ich von den Änderungsplänen unseres Bildungsministers, was das Bafög anbelangt, gehört habe, dachte ich, ich hätte nur schlecht geträumt, doch dies war leider nicht so! Nach den Plänen von Herrn Rüttgers soll nun der verzinslichen Hälfte des Bafög-Betrages ein Zinssatz von 8,5 Prozent jährlich zugrunde gelegt werden. Die Auswirkungen dieser Pläne möchte ich an einem kleinen Beispiel illustrieren: Nehmen wir an, ein Student bezieht 600 DM Bafög im Monat (dies ist sowieso schon eine Rarität), heißt also: bis jetzt 300 DM als ,,milde Gabe” des Staates und 300 DM als unverzinsliches Darlehen. Dies bedeutet für ihn, daß er nach etwa 5 Jahren Studium und weiteren 5 Jahren an tilgungsfreiem Raum Schulden in Höhe von 18 000 DM zurückzuzahlen hat. Nach den Plänen unseres Bildungsministers müßte derselbe Student nach dem neuen Gesetz 33 324,60 DM an Schulden abbezahlen, also 15 324,60 DM mehr oder anders ausgedrückt, 85 Prozent mehr als nach dem alten Bafög-Gesetz.

Ich finde es nicht in Ordnung, daß, um die Bildungspolitik zu finanzieren, bei den einkomensschwachen Schichten begonnen wird Geld einzusparen. Ebenso komme ich mir bei solchen Plänen verhöhnt vor, wird doch auf der anderen Seite gerade von dieser Regierung vorgeschlagen, die Diäten im Bundestag so stark anzuheben. Eins ist sicher: Die Studenten werden sich gegen die Pläne auflehnen.

BERND DORST, Nunkirchen, Student

Verleumdung

Unglaublich! Den Papstbrief über die Rechte der Frau interpretiert Rainer Müller (Kommentar “Frauen und Kirche”, SZ vom 29. Juli) als Täuschung und Irreführung! Er schämt sich nicht, die ungeheuerliche Verleumdung Rosenbergs im “Mythos des 20. Jahrhunderts”, die katholische Kirche betrachte die Frau als Inbegriff der Sünde, zu seiner eigenen zu machen. Wie bei Rosenberg sollen das die Hexenverfolgungen beweisen, obwohl die katholische Kirche schon Jahrhunderte hindurch den Hexenwahn als heidnischen Aberglauben verworfen hatte. In den protestantischen Ländern wüteten die unseligen Hexenprozesse ebenso wie in den katholischen. Sie waren Instrumente der staatlichen Justiz und nicht der Kirche!

Mit der Behauptung, niemals seien Männer dem Hexenwahn zum Opfer gefallen, fügt Rainer Müller der Verleumdung Rosenbergs eine weitere hinzu. Zwischen 1626 und 1629 mußten wegen angeblicher Hexerei und Zauberei zum Beispiel ihr Leben lassen: Der Kanzler, der Ratsvogt und ein Ratsherr von Eichstätt, der ,,dickste Bürger von Würzburg”, ein Herr von Reizenstein und einer von Rothenhan, ein geistlicher Doktor, vierzehn Domvikare, drei Chorherren, ein Spitalmeister, ein Student und zwei Ratsherrensöhne, also auch Männer, sogar solche in kirchlichen Ämtern.

Herr Müller möge doch die vielen Frauen zählen, welche die katholische Kirche als Heilige verehrt! In Maria, der sündenlosen Frau, sieht sie die ganze Menschheit als geschöpfliche Partnerin Gottes verkörpert, auch die Männer! Frauen wie Männer werden durch das Sakrament der Taufe in die Kirche aufgenommen, sofern sie Jesus als Gottes Sohn bekennen, in der Firmung empfangen sie den Geist der Liebe Gottes und durch ihn heiligen sich Frau und Mann in christlicher Ehe gegenseitig. Die Frau Inbegriff der Sünde? Potenzierter Unsinn und diabolische Verleumdung!

HEINRICH MOOG, Niederwürzbach

Wunderbar vermehrt

ZEIT-ZEICHEN

CHRISTA MEVES

Schieflage

Es ist unzweifelhaft, daß Jugendliche zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr des besonderen Schutzes durch ihre Erzieher bedürfen; denn mit der Geschlechtsreife beginnen sie natürlicherweise nach Selbständigkeit zu streben, ohne zunächst eine sichere Unterscheidungsfähigkeit über das ihnen Bekömmliche, sie Aufbauende und das Unbekömmliche, ihre Entfaltung Gefährdende zu haben.

Sie brauchen dazu Hilfen, Vorgaben durch die für sie verantwortlichen Erwachsenen: die Eltern, die Pfarrer mit den Lehrern, besonders auch durch den Staat, der deshalb im Grundgesetz die Familie (auf dem Papier) unter seinen besonderen Schutz gestellt hat. Jugendliche beginnen in diesem Alter nach dem Sinn und Ziel ihres Lebens zu fragen. und auch dabei brauchen sie Antworten, um eine orientierende Ausrichtung zu erfahren.

Früher übernahm der Staat mit Hilfe der Schule diese Aufgabe und strebte darüber hinaus durch konfessionsgebundenen Religionsunterricht eine vorrangige Ausrichtung in christlich-abendländischer Gesinnung an.

• Mit der Einführung der emanzipatorischen Pädagogik sind Eindeutigkeiten dieser Art jedoch in den meisten deutschen Ländern weitgehend eliminiert worden. Die Schule hat diese Ausrichtung aufgegeben und ist seitdem zu einem pluralen Angebot geworden, mit der Vorstellung, daß sich der Jugendliche in einem solchen Markt der Möglichkeiten wahlfrei zu entscheiden habe.

Diese Veränderung beruht nicht etwa auf dem Bedürfnis nach experimentierfreudiger Neuerung. Sie bedeutet vielmehr Übernahme eines ideologischen Menschenbildes: Der an sich gute Mensch möge nicht weiterhin einer Verformung durch die Gesellschaft ausgesetzt werden, sondern lediglich durch Information zu freier Entscheidung kommen.

- Dem christlichen Menschenbild ist diese rousseauistisch-marxistische Vorstellung diametral entgegengesetzt. Der Christ geht von der fundamentalen, für das Böse anfechtbaren Schwäche der menschlichen Seele aus, die – deshalb mit einer möglichst sofortigen Taufe nach der Geburt beginnend – des Schutzes, der Gnade, der intensiven Erziehung und des den Menschen bewahrenden Gebetes bedürftig ist.

Entscheidungsfreiheit über Bekömmliches oder Unbekömmliches, über Konstruktives oder Destruktives aber kann es in christlicher Sicht deshalb nur geben, wenn der Jugendliche weiß, was ihm über eine diffuse Kenntnisnahme hinaus auf dem Markt des ihm Angebotenen förderlich und was ihm schädlich ist. Aber gerade das soll heute vermieden werden.

Wer sagt ihm also noch, was ihm schädlich ist? Gewiß die Eltern, die Erfahreneren, wenn er welche hat, die ihn lieben; aber da er als Pubertierender auf dem Nestrand sitzt und Ablösung aus der Behütungssituation zu bewältigen hat, gilt gerade in dieser Phase ihr Wort oft wenig, bzw. es wird geringgeschätzt, ja in Frage gestellt – während das Neue, das ihm die Welt bietet, in die er hineinzuwachsen sucht, oft kritiklos aufgesogen und nachgeahmt wird, da die Reife zur Entscheidung de facto noch fehlt und Verführung zum Schädlichen nicht dadurch aufhört, daß man dergleichen verleugnet.

Sagt jemand in dieser Situation der Jugend noch, was ihre Entwicklung beschädigen, ja, ihr Leben u. U. sogar in den Abgrund führen kann? Nicht mehr dieser Staat!

In der neuen “Broschüre für Jugendliche, über den Umgang mit Liebe, Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft” aus der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln vom Dezember 1993 (Auflage11500), läßt sich z. B. lesen: “AIDS ist kein Grund, Zärtlichkeiten und Sexualität aus dem Weg zu gehen” (S. 39); denn “Kondome schützen nicht vor allem, aber doch vor sehr vielen sexuell übertragbaren Krankheiten, so z. B. vor AIDS. “

Eine solche Aussage ist – bei aller Bemühung der Broschüre, die Wahlfreiheit der einzelnen Jugendlichen bei dem Gebrauch von diesem und jenem Verhütungsmittel zu betonen – keineswegs nur ein plurales Angebot, sondern eine einseitige Anregung zu vorehelicher sexueller Betätigung mit Hilfe einer Lüge; denn die Gefahr, sich mit AIDS anzustecken, ist durch den Gebrauch eines Kondoms keineswegs ausgeschaltet. Aber eine Information darüber wird unterlassen. Müßte eine derartige Manipulation der Jugend mit Hilfe des Staates nicht eigentlich eine Angelegenheit des Verfassungsschutzes sein?

Ich habe noch einmal – wie schon mehrere Male in dieser Zeitschrift – diese so ganz besondere Perfidie herausgegriffen. Dabei ist auf vielen anderen Sektoren die Verantwortungslosigkeit nicht im mindesten geringfügiger.

- So hat vor einigen Monaten die hessische Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch eine Broschüre über Partydrogen herausgegeben, die von der Stadt Frankfurt für jugendliche Diskothekenbesucher gedacht ist. Dort gibt es nun z. B. Gebrauchsanweisungen für diese – nur allzuoft in die Sucht ohne Wiederkehr führenden – Gifte, z. B. zur Einnahme der sogenannten Designer-Droge “Ecstasy”.

Die für die Gesundheit zuständige Dame empfiehlt den Kindern einen maßvollen Gebrauch, so als ob sich nicht seit 25 Jahren auf dem Markt der Stimulanzien nur allzuoft ein bißchen Gebrauch als Einstieg zum bösen Mißbrauch erwiesen hätte und mit solchen Ratschlägen die Kraft zum Maßhalten bei den Jugendlichen in einer verantwortungslosen und irrealen Weise überschätzt würde .

• Aber dieses sind nur zwei kleine Beispiele einer allgemeinen Unsäglichkeit. Eigentlich kann deshalb die Frage heute sogar kaum noch heißen: Was schadet der Jugend?; denn die Jugendszene ist geradezu zu einem riesigen Sumpf abgründiger Möglichkeiten geworden. Nein, sie müßte heißen: Wo gibt es noch seelische und geistige Entwicklung fördernde, sie aufbauende Bereiche für die Jugendlichen?

Die sind dünn gesät. Die Jugendarbeit der Kirchen ist hier kein sicherer Hort mehr – von einigen altbewährten Gruppierungen und einigen neuen wie “Wahre Liebe wartet” abgesehen.

Auch im Schrifttum ist für bemühte Eltern kaum Brauchbares, Orientierendes zu entdecken, mit wenigen Ausnahmen, z. B. den Broschüren des Weißen Kreuzes in Kassel mit der Jugendzeitschrift “you”, und auch des Jugendkalenders “Komm-mit”.

- Aber wie irreal, ja, wie destruktiv und geradezu gefährlich verrückt unser Zeitgeist im Hinblick auf die Jugend ist, läßt sich daran erkennen, wie alle die eben genannten Verführungen als tolerabel, ja, als gut für die Jugend angepriesen werden, während Orientierung gebende Bemühungen für die Jugend auf dem Boden einer christlichen Gesinnung mit so viel Dauerbeschuß aus allen Medienrohren als „jugendgefährdend” bekämpft werden, bis auch die wenigen Standfesten, die darum bemüht sind, resigniert aufgeben müssen, weil sie nach so viel Ausgrenzung und Verteufelung keinen Absatz mehr finden.

Mit Pluralität, mit Pressefreiheit hat das gewiß schon lange nichts mehr zu tun. In den deutschen Landen ist eingetreten, was der Papst bei seinem Besuch in München einst den dort versammelten Journalisten zurief: “Macht doch nicht das Gute böse und das Böse gut!”

Resümee: Eine Ideologie über den an-sich-guten Menschen, der unter Vermeidung eines ihm schädlichen Einflusses der Gesellschaft mit eigener Kraft in der Lage zu sein hätte, sich sein Paradies selbst zu erstellen, schaffte ein jederzeit erfahrbares Faktum ab: die destruktive Dämonie des Bösen und die Verführbarkeit des Menschen. Dies aber hieß, sich an den abgeschafften Teufel auszuliefern und ihm – durch Hochmut schutzlos geworden – zu verfallen.

<4.8.1990>

Petersdom-Kopie vom Armenhaus

Wie die Elfenbeinküste den Vatikan beschenkt

Die flammenden Appelle, die die Katholische Kirche Jahr für Jahr an ihre Gläubigen richtet, um in den großen Hilfsaktionen ,,Adveniat” und „Misereor” die Not in der Dritten Welt lindern zu helfen, müssen als blanker Hohn erscheinen angesichts eines aufwendigen Kirchenbaus im Entwicklungsland Elfenbeinküste. Für 250 Millionen DM hat der Präsident des zu den ärmsten Ländern der Welt zählenden westafrikanischen Staates eine Nachbildung des römischen Petersdoms bauen lassen, die nun, wie die katholische Nachrichtenagentur KNA meldet, vom Vatikan als Geschenk angenommen worden ist.

Überall in der Welt, selbst unter dem höheren Klerus, ist dieser Kirchenbau auf Kritik gestoßen. Der Präsident des internationalen katholischen Missionswerkes „Missio”, Prälat Bernd Kaut, sprach noch vor kurzem von einem Bauwerk, das wohl lediglich zur “größeren Ehre” des Staatspräsidenten Felix Houphouet-Boigny beitrage.

Unterhaltskosten: 2,8 MiIIionen DM

Denn die Größe der Kathedrale und die Kosten für deren Bau stehen im krassen Mißverhältnis zur wirtschaftlichen und sozialen Lage des Landes an der Elfenbeinküste.

Nach ersten Schätzungen sollen sich die jährlichen Unterhaltskosten der Petersdom-Nachbildung auf etwa 2,8 Millionen DM belaufen. Aus der eigenen Tasche will der ,,fromme” Präsident diese Kosten aufbringen; wie er auch behauptet, den Bau der Kathedrale in seinem Geburtsort Yamoussouko aus seinen eigenen, privaten Mitteln finanziert zu haben ..

Woher stammt das Geld?

Spätestens da hätte man im Vatikan hellhörig werden müssen. Woher stammt dieses Geld, das zur Verbesserung der Lebensbedingungen der 90 Prozent verarmten und hungernden Menschen dort besser angelegt wäre? Wenn nicht alle Hinweise der Kirche auf die Not in der Dritten Welt und auf unsere Mitverantwortung für Armut, Elend und Ausbeutung in vielen Entwicklungsländern unglaubwürdig werden sollen, dann darf man solch fragwürdige “fromme Taten” nicht noch unterstützen und als Geschenk annehmen.

Schließlich ertönt auch immer wieder vom Petersplatz in Rom das Klagelied von der großen finanziellen Belastung allein durch die laufenden Unterhaltungskosten der Bauten und der darstellenden Kunstwerke. Und eines Tages, das dürfte so sicher sein wie das Amen in der Kirche, wird auch der Petersdom von Yamoussouko den Vatikan-Säckel belasten. Dann wäre es in der Tat an der Zeit, den Peterspfennig durch die Petersmark zu ersetzen.

Übrigens: von den über zehn Millionen Einwohnern der Elfenbeinküste sind lediglich zwölf Prozent Christen, davon 8,5 Prozent Katholiken. PAUL PETERS

Übergeschnappt

Daß übergeschnappte, größenwahnsinnige Potentaten auf Kosten ihrer ihnen anvertrauten (besser: ausgelieferten) Untertanen sich Denkmäler gesetzt haben, lehrt die Weltgeschichte zur Genüge. Daß Kirchen und Glaubensgemeinschaften, Sekten und fromme Klübchen und Grüppchen schon immer sehr viel Wert auf nach außen gerichtete Repräsentation gelegt haben, ist auch hinlänglich bekannt. Daß aber in heutiger Zeit, wo Menschen denken und nachdenken gelernt haben, der Präsident eines der ärmsten Länder Afrikas eine Petersdom-Kopie an den Vatikan verschenkt, läßt einem schon die Haare zu Berge stehen (Ausgabe vom 4. 8.). Besagter Präsident hat diesen Bau doch nicht über Nacht errichten lassen oder aus dem Hut gezaubert. Auch dürfte die Planung des Baues und die Absicht des Präsidenten der Elfenbeinküste, besagtes Bauwerk dem Vatikan zu schenken, Rom nicht unbekannt gewesen sein. Weshalb hat man es dahin kommen lassen, daß der Vatikan das “Geschenk” quasi annehmen “mußte”? Was soll ein denkender Gläubiger mit dem Begriff “Nachfolger” anfangen? Der, dem nachgefolgt werden soll, wurde in einem Stall geboren. Er hatte keinen Stein, da Er sein Haupt hinlegen konnte, Er versammelte seine Anhänger im Freien um sich, am See, auf einem Berg, nicht in einer Kathedrale. Er starb nackt.

Bitter ist es nur für die notleidenden Menschen, denn viele Spender werden sich nun wieder fragen (und mit Recht), wo denn eigentlich die Spendengelder hingehen? Hoffentlich fragen sich auch viele: Wo landet der Peterspfennig? Das wäre allerdings nicht so bitter (wenn Konsequenzen gezogen würden).

MARGARETE SKUPIN, Heiligenwald

<SZ vom 14.8.91>

Und der Papst schweigt …

VON RAINER MÜLLER

Europas Stimme blieb verhalten zum Abschiebedrama im süditalienischen Bari. In der Europäischen Gemeinschaft treten sich die Partner nicht zu nahe. Strategien und Taktiken sind – siehe auch die Jugoslawien-Krise – nationalstaatlich, nicht europäisch motiviert.

Solcherlei Rücksichtnahmen brauchte der Chef des Vatikanstaates, Papst Johannes Paul II., nicht zu nehmen. Der Weltreisende in Sachen Moral, worunter Papst und Amtskirche hauptsächlich die Sexualmoral verstehen, liebt große Auftritte vor viel Publikum und maßregelnde Predigten. Ähnlich werden bereits in der Bibel Gestalten geschildert, die mit donnergrollenden Worten die Gläubigen auf den Pfad der Tugend beorderten.

Wenn es aber um die kleinen, karitativen Angelegenheiten des täglichen Lebens ging, dann versagten sie. Da mußte der barmherzige Samariter ran, der nicht einmal zu den wahren Glaubenden gehörte. Diesen Vergleich darf man durchaus heranziehen, denn wo blieb der Aufschrei des Heiligen Stuhls, wo die deutliche Kritik am Vorgehen der italienischen Regierung? Eine der größten Industrienationen der Welt war nicht in der Lage und willens, wie der “Corriere della Sera” sarkastisch kritisierte, in drei Tagen zehntausend Tassen Kaffee zu verteilen. Und der Vatikan sah sich außerstande, menschenverachtend-inhumanes Handeln vor der eigenen Haustür anzuprangern. Kein Wunder also, wenn die Glaubwürdigkeit der höchsten kirchlichen Würdenträger und damit der Kirche allgemein weiter abnimmt. Jesus Christus, auf den sie sich berufen, hätte nicht die Albaner, wohl aber die prügelnden Polizisten zum Tempel hinausgeworfen.

<SZ>

2 Kommentare – Hintergrund

Kirche braucht Diskussion

VON RAINER MÜLLER

In der Schweiz droht ein Bistum der katholischen Kirche zu zerbrechen. Der diözesane Notstand ist heraufbeschworen worden. Stein des Anstoßes ist der von Papst Johannes Paul II. unter lautem Protest der Basis ernannte ultrakonservative Bischof von Chur, Wolfgang Haas. Weiteren Ärger bereitete Haas mit der Ernennung eines Opus-die-Priesters zum Leiter des Priesterseminars in Chur.

Diese Situation hat der Papst vor einem Jahr durch die ,,Inthronisierung” des linien- und amtskirchentreuen Bischofs Haas heraufbeschworen – ebenso wie er in diesem Jahr in Österreich auf heftigen Widerstand stieß, als Rom mit dem ehemaligen Wiener Weihbischof Kurt Krenn einen Vertreter des traditionalistischen Flügels der Kirche zum Bischof von St. Pölten ernannte. Auch in diesem Fall – ein weiterer siehe in Köln – hat der Papst von seinem Ernennungsrecht ohne Wenn und Aber Gebrauch gemacht und sich um die Ansichten anderer Theologen und der Basis nicht gekümmert Johannes Paul II. liegt viel daran, wie er schon mehrfach bewiesen hat, Priester und Laientheologen zu disziplinieren, die nicht als “Hardliner” gelten.

Maßgebliche Theologen haben im vergangenen Jahr die neue römische Instruktion “Über die kirchliche Berufung der Theologen” als einen Versuch verurteilt, den Pluralismus theologischer Lehrmeinungen durch ein Verbot des Dissenses und durch die Forderung nach Gehorsam zu unterdrücken. Das Dokument ist als Angriff auf die Freiheit katholischer Theologie und damit als Angriff auf die Freiheit des ganzen Volkes Gottes bezeichnet worden.

Es ist eines der größten Übel in der katholischen Kirche, daß sie aus der Hoch-Erhobenheit des Amtes die öffentliche Meinung innerhalb der Kirche immer wieder streng zu kanalisieren versucht, ja sogar die einzelnen Schritte vorschreibt, die jeder auf dem Weg zum Heil zurückzulegen hat. Bei allem Respekt vor dem Lehramt: Kirche kann sich in der Atmosphäre eines Meinungs- und Glaubensdiktats nicht entwickeln und nicht erneuern. Dies aber hätte sie dringend nötig, ohne sich gleich in modernistische Strömungen zu begeben und ständig dem sogenannten Zeitgeist hinterherzulaufen.

Sicher ist ein direkter Vergleich unzulässig, aber es fällt auf, daß beispielsweise die Völker im Osten aufbrechen und sich aus der geistigen Knechtschaft einer menschenverachtenden Ideologie befreien. Sie lösen sich von einer geistigen Knebelung, die sie jahrzehntelang unter marxistisch-leninistischer Herrschaft erdulden mußten.

Der Kirche müßte eine solche Entwicklung zumindest zu denken geben. Sicher ist Kirche keine menschenverachtende Einrichtung und nicht im entferntesten zu vergleichen mit der zugrunde gehenden politischen und weltanschaulichen Ideologie des Kommunismus. Der Blick der verantwortlichen Würdenträger aber müßte sich auf die Menschen richten. Sie sind nämlich dabei – der Papst hat es selbst bei seiner Polenreise erfahren – jede Art von geistiger Bevormundung auf die Seite zu schieben und abzuschütteln. Sie wollen nicht nur im politischen Raum bestimmen, sondern auch darüber, wie sie ihr Leben auch im Hinblick auf ein Leben nach diesem Leben gestalten.

Hat die Kirche so wenig Vertrauen in ihr eigenes Selbstverständnis und in die Kraft des Glaubens, den sie lehrt, daß sie sich beharrlich weigert, in eine offene und öffentliche Diskussion mit denen einzutreten, die von der herrschenden Lehrmeinung abweichen? Das verhieße keine guten Zukunftsaussichten – und schon jetzt muß befürchtet werden, daß die Gotteshäuser sich ständig weiter leeren.

Wenn sich Menschen heute von der Kirche abwenden, so ist das nur in den wenigsten Fällen mit Desinteresse, materialistischer Sattheit und Unglauben zu erklären. Enttäuschung dürfte eine wesentlichere Rolle spielen.

<SZ vom 28.10.91>

Die Pille wird kommen

VON RAINER MÜlLER

Was hat wohl die Hoechst-Tochter Roussel-Uclaf bisher davon abgehalten, das von ihr schon vor drei Jahren in Frankreich verbreitete Abtreibungsmedikament “Mifegyne” bisher für die Zulassung in Deutschland noch nicht zu beantragen? Waren es medizinische Zweifel mit Blick auf mögliche und bei aller Erfahrung zu erwartende Nebenwirkungen oder eher moralische Skrupel? Letzteres wird zutreffen, denn mit dem Erscheinen dieses Medikaments kommt es jetzt zu den gleichen Diskussionen wie bei den Debatten um den Schwangerschaftsabbruch auf ,,konventionelle” Weise im Krankenhaus.

Der nächste politische Konflikt ist programmiert. Darauf weist schon die Forderung der profilierten CDU-Politikerin Doris Pack hin, die sich deutlich für das Ausprobieren der Tötungspille ausgesprochen hat, während ihr Kollege Bundestagsabgeordneter Claus Jäger kürzlich noch apodiktisch formulierte, daß es diese Pillen in Deutschland niemals geben dürfe.

Das bleibt wohl ein frommer Wunsch. Selbst wenn jetzt, wie in Frankreich, noch strenge Auflagen für das Präparat bestehen, so werden diese auf Dauer nicht bestehen bleiben. Die Abtreibungspille wird als “fortschrittliche” Errungenschaft weltweit wie viele andere neu entwickelten Medikamente ihren Siegeszug antreten, und zwar allen moralischen Anfeindungen zum Trotz. Der EG-Binnenmarkt ab 1993 wird dann im Rahmen der Harmonisierungsbestrebungen zwangsläufig dafür sorgen, daß die Substanz RU 486 ohne große Probleme und weitere Diskussionen auch in Deutschland in die Apotheken kommt.

<SZ>

Nr. 249 – Samstag/Sonntag, 26./27. Oktober 1991

Das Dilemma

Der Fall Drewermann ist der neueste Fall in einer langen Reihe von Verfolgung und Unterdrückung Andersdenkender durch die päpstliche Kirche. Erinnert sei an die VerfoIgung von angeblichen Ketzern, von Hexen und Juden durch die Inquisition, die Verurteilung von Galileo Galilei wegen seiner Behauptung, daß sich die Erde um die Sonne drehe, an die Entziehung der Lehrerlaubnis von Prof. Hans Küng oder jüngst das Redeverbot für den Befreiungstheologen Bernardo Boff. Im neunzehnten Jahrhundert attackierten die Päpste jede neue Verfassung als “gottlos”, weil sie Gewissensfreiheit, Pressefreiheit, freie parlamentarische Institutionen und völlige Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz garantierte.

Das Dilemma der Katholiken besteht (nach Peter de Rosa) heute darin, daß “der Katholik in seinem Staat Offenheit, völlige Religionsfreiheit, Demokratie und Toleranz begrüßt. Er hält es für selbstverständlich, daß Freiheit zu einer Vertiefung der Wahrheit führt”. In der katholischen Kirche muß er dagegen Geheimhaltung und fehlende Haftbarkeit hinnehmen. Es gibt keine Alternativen, keine Wahlen. „Er muß akzeptieren, was man ihm vorsetzt. Der Ein druck entsteht, daß Freiheit und Diskussion zur Verwässerung der Wahrheit führen.”                 WILLIBALD STEFFEN, Lebach

Verachtend

Die Menschenverachtung beginnt mit der Abtreibung, geht weiter mit der Mißachtung des Nächsten und mit Ausländerhaß und endet mit der Euthanasie. Hat wirklich jede Frau das Recht, selbst über Leben und Tod zu bestimmen und somit den Arzt, der Leben erhalten soll, zum Töten zu zwingen? Die Ärzte wehren sich dagegen (Abtreibung muß Ausnahme sein”, SZ vom 14.10.). Man stelle sich nur vor, daß ein Arzt ja ansehen muß, was er da getötet hat, im Gegensatz zur Mutter, die ihr totes Kind nicht zu sehen bekommt. Die logischen Folgen der ganzen Abtreibungsdiskussion werden immer deutlicher sichtbar: Die Menschen entarten.

ANNEMARIE FRIEDRICH, Heusweiler

Nicht länger schweigen

Was soll das heißen, wenn Bernard Bernarding in seinem Leitartikel “Das Bonner Bündel” (Ausgabe vom 11.10.) schreibt: die Flüchtlingsströme durch ein Einwanderungsgesetz zu kanalisieren? Flüchtlinge können nicht kanalisiert werden. Flüchtlinge werden durch Verfolgung, Leid und Not getrieben, wie soll man die kanalisieren”? Einwanderung kann man durch Kontingentierung kanalisieren und damit plötzliche Einwirkungen auf Wohnungs- und Arbeitsmarkt abfedern. Aber nicht Flüchtlinge!

Unschuldiges BIut

Zum Thema “Schwangerschaftsberatung”

Der Papst hat gesprochen und es war höchste Zeit, daß er gesprochen hat. Fakt ist, daß durch die Beratungsscheine Menschen getötet werden. Das ist gleichzusetzen mit dem Morden, Töten und Euthanasieverfahren in den vierziger Jahren. Die Antwort von unserer höchsten Autorität haben wir erhalten: Deutschland in Schutt und Asche – Wie wird Gott mit uns verfahren, wo weltweit gesehen noch mehr unschuldiges Blut vergossen wird als in jener Zeit? Wenn unsere Bischöfe von jenem göttlichen Geist durchdrungen wären im Sinne, so hätte es nie einen Beratungsschein innerhalb unserer Bistümer gegeben.

GERTRUD GEBHARDT, Neunkirchen

Moralapostel

Zum Papst-Erlaß zur Schwangerschaftsberatung

Was sind das für Moralapostel, die sich einerseits ohne jede Rücksicht auf die Möte der Frauen, so kämpferisch für das werdende menschliche Leben einsetzen, die aber andererseits mit vollen Mägen kleinmütig und herzlos wegschauen, wenn Mütter mit ihren Kindern notleiden und draußen in der Welt sogar millionenfach Kindern hungern und verhungern? Was sind das für Moralapostel, die einerseits darum kämpfen und darauf bestehen, daß in den Schulsälen ein Kruzefix hängt, die aber andererseits mit dem Kreuz um den Hals schon fast mit Wollust um das Goldene Kalb tanzen und dem blanken Egoismus huldigen? Was sind das für Moralapostel, die im Überfluß leben, denen es an nichts mangelt, die das Teilen verlernt haben und ständig über die Abgaben jammern und stöhnen, von anderen aber fortwährend Einbußen und Verzicht fordern?  WERNER FRIED, Neunkirchen

Dem Papst gehören unsere Sympathie und Gehorsam

Zum Kommentar “Römische Moral-Apostel” von Guido Peters (SZ vom 22. Jan.)

Noch ehe überhaupt etwas geschehen ist, heizen Sie schon das Thema an und sprechen von „Kulturkampf” und „lebensferner Vereinigung”. Kennen Sie den Wortlaut schon? Hat die Bischofsversammlung in Deutschland bereits Stellung dazu genommen? Das sind Ihre “billigen Klimmzüge” am ungeeigneten Thema. Es gilt, in einem so heiklen Thema Augenmaß zu bewahren und nicht weitere Negativstimmung zu erzeugen. Das Blut derjenigen, die das Grundgesetz der Bundesrepublik schützen sollten, ist das Blut der Zukunft. Es sind genau diese Zahlen der Abtreibung, die uns als Kinder fehlen bei der Bewältigung der Zukunftsaufgaben. Hier muß die Kirche für das Leben sich einsetzen und darf eine “Kultur des Todes” nicht und nie unterstützen. Nachwuchsträge Vermögensscheffler wären sehr gut in der Lage, ihre Kinder auszutragen. Diese Art der Not beinhaltet auch eigenes Mittun. Progressive Unionsfrauen sind nicht für Abtreibung. Was wäre das für ein Fortschritt? Warten Sie also ab, was im einzelnen beschieden wird. Unseren Bischöfen und dem Papst gehören unsere Sympathie und Gehorsam.

HEINRICH NÜTTGENS, Riegelsberg

<SZ vom 7.1.92>

Kirchenmann nimmt Frauen bei § 218 in Schutz

Präses Beier: Den Betroffenen wird zu unrecht die “ethische Verantwortung” abgesprochen

Bad Neuenahr (lrs). Die “Unverschämtheit”, mit der in der gegenwärtigen Debatte über die gesetzliche Neuregelung des Schwangerschaftsabbruches Frauen zu “Objekten” von Entscheidungen anderer gemacht werden, hat der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, scharf kritisiert. In der geführten Auseinandersetzung “spottet es jeden Kommentars”, wie Frauen “verhohlen oder unverhohlen sittlicher Ernst und ethische Verantwortung” abgesprochen werden, sagte der Präses der zweitgrößten Mitgliedskirche innerhalb der EKD am Montag zu Beginn der rheinischen Landessynode in Bad Neuenahr. Die rund 280 Synodalen als Vertreter von gut 3,2 Millionen Protestanten zwischen Niederrhein und Saarland werden sich bei ihrer einwöchigen Tagung auch mit der Stellung der Kirche zur Reform des Paragraphen 218 befassen.

Zwar nicht höchstpersönlich, dafür aber als “Stimme” war Papst Johannes Paul II. zu Gast: Ein protestantischer Kirchenhistoriker aus Rom schilderte mit Imitationstalent den amüsierten Synodalen eine Audienz beim Heiligen Vater. “Un dono prezioso”, “ein wertvolles Geschenk-, so klang es auf Italienisch mit polnischem Akzent durch den Tagungssaal, habe der Papst ausgerechnet ein seltenes Exemplar der ersten italienischen evangelischen Bibel genannt, die ihm die Protestanten-Delegation zum Gastgeschenk machte. Der Papst, der die “ketzerische” Heilige Schrift entgegennahm, habe wohl vergessen, daß diese Bi belausgabe noch vor einem Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen des Vatikan verbrannt worden sei und das Geschenk-Exemplar vor den F1ammen habe gerettet werden können. Für das Ende der Spaltung zwischen den beiden christlichen Konfessionen gebe es ein gutes Rezept: „Die Katholiken müssen ihre Hierarchie überwinden und die Protestanten ihre Anarchie.”

Erzbischof: Sex ist eine Gabe Gottes

Der anglikanische Erzbischof von Canterbury, George Carey, hat die römisch-katholische Kirche zum Überdenken ihrer Haltung zur Geburtenregelung aufgerufen. Im „Daily Telegraph“ erklärte er, wenn Rom das Verbot der Geburtenregelung als Dogma sehe, stelle dies auch ein Problem für Nicht-Katholiken dar. Carey sagte, daß für Anglikaner der Sexualverkehr nicht nur als Mittel zur Fortpflanzung zulässig sei: „Sex ist eine Gabe Gottes, ein Ausdruck der Verbundenheit, ein Geschenk der Liebe.“  Dpa

<SZ 1./2. Aug. 92>

2 Kommentare-Hintergrund

Republik der Einzelkämpfer

VON WALTER W. WEBER

Damit erst gar kein Zweifel aufkommt: Die Debatte um die Parteienverdrossenheit in Deutschland muß geführt werden. Öffentlich, schonungslos und grundsätzlich. Denn sie ist notwendig, weil sich in über vier Jahrzehnten Parteien-Demokratie in dieser Republik zu vieles fehlentwickelt und negativ verfestigt hat

Doch darüber hinaus stellt sich die grundsätzliche Frage: Läßt sich die Diskussion wirklich nur auf diesen einen Bereich eingrenzen? Greift sie damit nicht zu kurz? Liegt das eigentliche Problem, mit dem wir es hier zu tun haben und das sich im gestörten Verhältnis zwischen Bürgern und Parteien eben besonders augenfällig darstellt, nicht in Wirklichkeit viel tiefer und auf einer viel breiteren gesellschaftspolitischen Ebene? Sind die Parteien nicht nur ein – wenn auch bedeutender – Mosaikstein in dem Gesamtbild einer Gesellschaft, die sich gravierend verändert hat und immer noch rasant wandelt? Und ist überhaupt noch reparabel und restaurierbar, was der Zeitgeist bereits tief verschüttet hat?

Der Wandel der Gesellschaft ist kein spezifisch deutsches Problem. Es ist das Problem fast aller Wohlstandsgesellschaften der Welt. Doch es ist das uns am nächsten liegende Problem – und damit ist es ein Problem der Deutschen.

Der Wandel der bundesdeutschen Gesellschaft, der sich in einem zunehmenden Drang nach Individualität, nach Unabhängigkeit und Ungebundenheit zeigt, hat nicht nur Auswirkungen auf die Parteien, sondern auf alle klassischen Institutionen: auf Familie, auf Kirche, auf Gewerkschaft, auch auf große Bereiche des Vereinslebens. Sie alle haben es inzwischen mit erheblichen Akzeptanzproblemen zu tun.

Das einstmals festgeknüpfte Netz von Familie- und Verwandtschafts-Beziehungen und -Bindungen gibt es so nicht mehr. Es sind in zunehmendem Maße lockere Fäden, die davon noch übriggeblieben sind. Die wachsende Zahl von Single-Haushalten ist dafür nur ein Symptom, das inzwischen auch im traditionellen bindungsstarken Saarland festzustellen ist. Beziehungen, die Verantwortung erfordern, werden immer stärker als Fesseln gesehen, die man sich ersparen möchte.

Das gilt vielfach auch für das Verhältnis zur Kirche. Wobei diese allerdings- eine Parallele zu den Parteien – den Entfremdungsprozeß noch zusätzlich fördert durch erstarrte Strukturen des Denkens und Handelns wie der Selbstdarstellung.

Problem der Gewerkschaft wiederum ist es, daß Wohlstandssicherung zunehmend individuell gesehen wird. Gruppeninteressen treten dahinter zurück. Immer mehr Deutsche werden zu Wohlstands-Einzelkämpfern. Gerade im Berufsleben, wo die Formel lautet: Leistung = Wohlstand. Was bedeutet: Egozentrik auf Kosten der Mitmenschlichkeit. Die Gruppe wird nur noch gesucht, wenn der eigenen, individuellen Interessenlage damit zusätzliche Durchschlagskraft verliehen werden kann. Dies gilt auch für das Engagement vieler in Protestbewegungen.

Besonders deutlich machen läßt sich der Individualisierungs- und Selbstfixierungs-Prozeß am Beispiel der Sportvereine. Mannschaftssportarten haben zusehends weniger Zulauf und wachsende Nachwuchssorgen (im kulturellen Bereich gilt dies für Gesangvereine und Chöre). Wachsenden Zuspruch dagegen erfahren in der Freizeit-Welt Sportarten, in denen sich der einzelne an einem anderen Gegner messen und beweisen kann, zu Zeiten, wo ihm dies paßt. Teamgeist ist immer mehr out, weil er Einordnung verlangt, auf feste Zeiten verpflichtet, einen festlegt und damit Individualität einschränkt.

Ist also überhaupt noch restaurierbar, was der Zeitgeist so gravierend verändert hat? Es ist schwer vorstellbar. Dieser Zug scheint auf absehbare Zeit abgefahren zu sein. Und somit mag die Diskussion um die Parteienverdrossenheit, der vielleicht derzeit ein zu hoher Stellenwert eingeräumt wird im Vergleich zu den anderen Problemfeldern, letztlich vielleicht Fehlentwicklungen stoppen und zu qualitativen Verbesserungen der politischen Hygiene führen. Das Verhältnis zwischen Bürgern und Parteien jedoch wird wohl nie wieder so werden, wie es einmal war. Und da sitzen letztere mit allen anderen klassischen Institutionen in einem Boot.

<Paulinus 2.8.92>

Den Mächtigen endlich ins Gewissen reden

Entscheidung Boffs stößt auf Bedauern <”Paulinus” Nr. 28 vom 12. Juli 1992)

Zermürbt durch dauernden Druck seitens vatikanischer Behörden hat der bekannte Theologe aufgegeben. Das Verhalten dieser Behörden ist in der Tat sehr widersprüchlich. Da gibt es einerseits die katholische Soziallehre, die ein Eintreten für die Armen fordert – da gibt es klare Forderungen der letzten Päpste und des Konzils in derselben Richtung – da gibt es die Dokumente von Medellin und Puebla, in denen dieser Einsatz ausführlich begründet wird. Und da gibt es Entscheidungen aus dem Vatikan, die alle Bemühungen vieler südamerikanlscher Bischöfe und Priester torpedieren. Da muß man sich ja fragen, wer eigentlich dort das Sagen hat.

Wann werden die verantwortlichen Prälaten dort endlich begreifen, daß die bisherige Theologie – zunehmend von bekannten Theologen selbst als Theologie des privaten Seelentrostes und der Vertröstung auf ein besseres Jenseits bezeichnet – geradezu Wasser auf die Mühlen der politisch und wirtschaftlich Mächtigen ist, die mit der Bibel nichts oder wenig „am Hut” haben und sie nicht im geringsten gestört hat. Wann wird man in der Verkündigung der Tatsache, daß Gott sich ganz massiv in die Geschäfte der Mächtigen eingemischt hat (Exodus 3,7 folg. und die Sozialkritik der Propheten), endlich die Bedeutung zumessen, die ihr zukommt .

<SZ vom 28./29. Nov. 92>

35 Unsere Leser und wir

Ungereimtes Machwerk

Da sitzt Herr Ratzinger, dieser gelehrte Mann, Jahr für Jahr an seinem Schreibtisch um herauszutüfteln, daß Völkermord moralisch nicht zu vertreten ist. Mit der Todesstrafe tut er sich etwas schwerer, würde er doch mit dem amerikanischen Gesetz in Konflikt geraten. Nicht einmal ein Stirnrunzeln kann er sich abringen.

Was hat er sich andererseits dabei gedacht, die Gynäkologenschaft in den Bann zu schlagen? Trunkenheit am Steuer klare Sache. Aber Steuerhinterziehung? Man fühlt sich in Anbetracht der oft unsinnigen Ausgabenverschwendungen geradezu verführt, die Frage des Wehretats auf eigene Faust zu regeln. Das Drogenproblem auf diese Weise abzutun, empfinde ich als ungehörig.

Rührend dagegen wie der greise Kardinal den Ehepartnern den dualen – und den Singles den Monosex erlaubt.

Alles in allem könnte man über dieses ungereimte Machwerk schmunzeln, wenn es nicht zum Weinen wäre. Wie will diese Kirche noch ernst genommen werden, wenn sie sich solche Ausrutscher leistet?

DR. OTMAR BEHR, Burbach

Anmaßend

Man darf auf die Präsentation der deutschen Übersetzung des “Neuen Katechismus” der katholischen Kirche (Ausgabe vom 17.11.) gespannt sein. Nach den Auszügen der dpa-Meldung zu urteilen, kann man nur sagen: Alte Hüte!

Die Kirche, die Kirchen können sich drehen und wenden, ja winden, wie sie wollen: Sie sind und bleiben Kolosse auf tönernen Füßen, und eines Tages stürzt die ganze Herrlichkeit zusammen.

Jeder Auszug der über dpa vermittelten Übersetzung wäre ganz einfach durch die zehn Paragraphen, die Gott uns gegeben hat, zu widerlegen. Und durch die Botschaft der Bergpredigt (Seligpreisungen, Matth. 5). Wer liest schon die 2865 Paragraphen (die das Jahrhundertwerk Kardinal Ratzingers sein sollen) in Form des “Neuen Katechismus”? Bestimmt keiner, der sein Brot mit Tränen ißt und der mit dem Studium seines Lohnstreifens und dem Vergleich der Preisschilder genug zu lesen hat. Um die soll es ja gehen, um die Mühseligen und Beladenen. Für die ist das Studium der Ratzingerschen Paragraphen eine nicht zu bewältigende Last.

Am anmaßendsten ist der Anspruch des Vatikan, den “Neuen Katechismus” als verbindlich für einzelne Christen, ganze Familien, Gesellschaftsgruppen und (am größenwahnsinnigsten) für Staaten zu postulieren. Staaten sollten sich die Einmischungen in innere Angelegenheiten verbitten.

Die Geister sind verwirrt genug, der einzig richtige Geist ist verschüttet (auch von Dogmen der Kirche), der Geist der Gerechtigkeit, der Liebe, der Güte. Das verstehen auch Analphabeten und Menschen, die zu keiner Kirche gehören. Woher nimmt Kardinal Ratzinger das Recht, das Maß für eheliche Freuden zu eichen? Woher nimmt er das Recht, an alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens vatikanische Maßstäbe anzulegen? Dieses weltfremden, vom eigentlichen Leben abgehobenen, weltweit einzig existierenden absolutistischen Staates, dem Vatikan. Es mag Angst sein, denn es knirscht im Gebälk, die Haarrisse im Gemäuer der Kirche werden breiter, die Menschen haben lesen und schreiben, haben denken gelernt. Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen!

MARGARETE SKUPIN, Heiligenwald

Keine Qualifikation

Beim Parteitag der SPD verkündete Herr Rau sinngemäß: Wenn alles durcheinander ist, dann kommt die SPD und schafft Ordnung!

Es tut mir leid, aber ich halte solche Äußerungen für blanken Zynismus. Seit Jahren schafft doch gerade diese Partei das Durcheinander, indem sie alle von der Regierung kommenden Vorschläge und Maßnahmen nachhaltig zerreißt Durch dieses Verhalten wird z. B. das zur Zeit anliegende große Problem der Asylfrage vielleicht nicht mehr lösbar sein.

Lassen wir uns nicht täuschen, die erklärte Bereitschaft zur Übernahme der Regierung, darum geht es, bedeutet noch lange keine Qualifikation zur Regierungsfähigkeit.

Eine klägliche Rolle spielt für mich auch die FDP. Ich fühle förmlich schon wieder  die sich ausstreckenden Tentakel in die nächste Koalition.

HERMANN WEYANDT, Saarbrücken

<SZ 2./3. Jan. 1993>

Einmalig

Mich eckeln sie an, die Parteibonzen von Schwarz, Rot, Gelb und Grün. Sie reden von sparen, Gürtel enger schnallen. Sich aber die Diäten um 16 Prozent erhöhen (SZ vom 9. Dezember). Die Rentnerinnen und Rentner, die im Gegensatz zu den meisten Politikern ihr Leben lang ein Sozialprodukt erwirtschaftet haben, speist man mit 2,7 Prozent ab. Was geht in den Köpfen dieser Politiker vor? Die jetzt noch lebenden Rentenbezieher waren einmal die Leistungsträger des Wirtschaftswunders. Diese heute 60- bis 80jährigen erhalten im Durchschnitt monatlich zwischen 800 und 2000 DM Rente. Die jetzige überwiegende Faulenzer- und Verbrauchergesellschaft hat und kennt nur 4 Ideale: essen wie ein Kaiser, trinken wie ein König, lieben wie Casanova und die große Fresse. Alle Arbeitnehmer, auch im öffentlichen Dienst, sollten wissen, daß es auf der ganzen Welt keinen Arbeitnehmer gibt, der für so wenig Arbeitszeit soviel Geld erhält. Wir sind einmalig auf der ganzen Welt. WILLI SCHLICKER, Illingen

<SZ 2./3. Jan. 1993>

Friede auf Erden?

Die Geistlichen aller Religionen und Konfessionen können kaum bestreiten, daß es dem allweisen Gott völlig gleichgültig ist, ob und wie er in einer Kirche oder Synagoge, in einer Moschee oder in einem Tempel angebetet wird. Trotzdem wünschen sie brennend, daß möglichst viele Menschen nur so leben und beten, wie sie als theologische Fachleute es für richtig halten.

So sind die Priester auch zu allen Zeiten und in aller Welt die Verursacher großer Kriege geworden. Kriege, die um des “wahren Gottesglaubens” willen geführt wurden, waren besonders langwierig und grausam und dauern an bis in die heutige Zeit. Im Namen des Christengottes der Liebe kämpfen heute noch Katholiken und Protestanten in Irland. Im Sudan versuchen die Moslems, Christen und Animisten auszurotten.

Im Irak wütet der Sunnit Sadam Hussein gegen die Schiiten. Auf dem Balkan machen die Serben die moslemischen Bosniaken nieder und vergewaltigen Tausende ihrer Frauen, deren Kinder dann sicher nicht mohammedanisch werden dürfen; denn das gehört zur ethnischen Säuberung.

Jetzt ist ein neuer religiöser Kriegsschauplatz in Indien zwischen Hindus und Moslems entstanden („Gewaltwelle in Indien”, Ausgabe vom 8. Dezember). Fanatische Hindis haben ein altes islamisches Gotteshaus zerstört, um ein hinduistisches an dieser Stelle zu errichten. Welch ein Wahnsinn! Wie wäre es, wenn die geistlichen Oberen aller religiösen Bekenntnisse sich zu einer Weltfriedenskonferenz zusammensetzten, um die wahre Freiheit aller Arten der Gottesbekenntnisse zu verkünden. Es gäbe dann viel mehr Frieden auf unserem überfüllten Globus.

DR. OTTO BUCHHEIT, Saarbrücken

<SZ vom 13./14.2.93>

Nein zum Töten

Ich möchte gerne antworten auf den Leserbrief “Goldenes Vlies” von Herrn Peter Lafontaine, Dillingen (SZ vom 23./24. Januar). Es geht hier im Grunde genommen bei den ganzen Auseinandersetzungen schlicht und einfach um das fünfte Gebot Gottes: Du sollst nicht Töten!

Im Jahre 310 opferte der nachmalige Konstantin der “Große” im Apollotempel  von Trier/Mosel, und hatte dabei eine “Vision”. Er “sah” ein X, das Zeichen der Sonne und des Blitzes bei den Heiden, das ihm die Weltherrschaft verhieß. Da aber die Christen mittlerweile im Römischen Reich an Bedeutung gewonnen hatten und er deren Hilfe dringend benötigte, gelang es ihm mit Hilfe des Bischofs Eusebius  von Cäsarea dieses heidnische Zeichen in ein christliches X umzudeuten! Seit dieser Zeit wird von allen “christlichen” Regierungen der Name Gottes angefleht, wenn es darum geht, andere Menschen umzubringen. Den Soldaten wird dabei der “Himmel” versprochen, falls sie fallen sollten. Und je nach der Menge der erlegten “Feinde” bekommen sie ein buntes Stück Blech als “Auszeichnung”. Als “würdige” Nachfolger des Eusebius haben dann Päpste, Priester und Mönche zu “heiligen” Kriegen aufgerufen und auch selbst mit der Waffe in der Hand daran teilgenommen.

Wann wird es einen mutigen Nachfolger Christi geben, der durch ein entschiedenes Nein zum Töten dem Gebote Gottes wieder Geltung verschafft?! Allein der verstorbene Niemöller hatte bis jetzt dazu den Mut (man lese seinen in der Saarbrücker Zeitung veröffentlichten Artikel vom 20. Februar 1959)!

ILGA RÖDER, Saarbrücken

Wir werden verladen

Unser Bundespräsident hat dazu aufgerufen, auf kritikwürdige Zustände im Staat und unkorrektes Verhalten von Politikern nicht mit Verdrossenheit, sondern eigenem politischen Engagement zu reagieren. Sonst könne die Demokratie nicht funktionieren (Weizsäcker fordert Engagement”, SZ vom 16. Februar). Ich meine, unsere Demokratie ist längst keine mehr. Das Volk muß alles schlucken, was die Volksvertreter anrichten. So zum Beispiel eine Diätenerhöhung von monatlich 451 DM, und zwar ein halbes Jahr rückwirkend Und da erwartet der Bundespräsident vom Bürger verstärktes politisches Engagement Ist die Regierungskoalition mit dem Bürger vielleicht solidarisch? Zuerst tragen wir die Politik, als Dank dafür werden wir verladen!

LEONHARD MAURER, Schafbrücke

<Saarbrücker Zeitung, Samstag/Sonntag, 17./18. Juli 1993, Nr. 164>

Am Verhältnis zur Frau scheiden sich die Priester

Allmählich bröckelt das Verständnis für den Zölibat

• Von unserem Redaktionsmitglied  RAINER MÜLLER

Was von der Katholischen Hochschulgemeinde Trier als mutig, bewundernswert und aufrichtig bewertet wurde, war für den Trierer Bischof Hermann Josef Spital ein Ärgernis. So weit driften die Meinungen auseinander, wenn es um die Ehelosigkeit der Priester und um mögliche Auswirkungen dieses Prinzips geht. Die Verpflichtung der katholischen Geistlichen auf den Zölibat findet an der Kirchenbasis immer weniger Verständnis.

Die Diskussion über dieses Thema ist in der Diözese Trier durch die Erklärung des Hochschulpfarrers Dr. Thomas Jakobs, er bekenne sich zum Zusammenleben mit einer Frau, neu entfacht worden. Zu den Kritikern des Pflichtzölibats gehört auch der Saarbrücker Dechant Erhard Bertel. “Für einen Großteil der Gemeinden ist es ein Ärgernis, wenn so ein Mann (wie Thomas Jakobs, die Red.) einfach aus seinem Dienst entlassen wird” Dagegen kann Bertel das “Geständnis” des Hochschulpfarrers nicht als Ärgernis empfinden, so wie der Bischof dies tut, und stellt gleichzeitig die Verquickung von Pflichtzölibat und priesterlichem Dienst in Frage. “Theologisch ist es sauber bewiesen, daß der Zölibat mit dem Priesteramt nichts zu tun hat”, sagt Bertel. Für ihn handelt es sich um eine Lebensform, die dem Priester im Laufe der Geschichte nach dem Vorbild vom klösterlichen Leben zugewachsen ist.

Bertel verweist auf die Konfliktsituation in die junge Priester heute in den Gemeinden kommen können und erinnert an eine von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene Umfrage. Sie ergab, daß auch katholische Frauen, noch die treuesten Kirchgänger, dem Zölibat immer weniger Verständnis entgegenbringen. Die Kirche, vermutet Bertel, vermittele den Eindruck der Inkriminierung der Partnerschaft von Mann und Frau.

” Die Kirche arbeitet kontraproduktiv, wenn sie an dieser Form festhält ”

“Die Kirche arbeitet kontraproduktiv, wenn sie an dieser Lebensform festhält, weil sie eine ganze Führungscrew verliert”, kritisiert Erhard Bertel und erinnert weiter an die Überalterung des Klerus in einer Zeit, in der innovative Kräfte für die Arbeit dringend benötigt werden. Der Altersdurchschnitt der Priester im Bistum Trier liegt bei 57 bis 58 Jahren.

Ist aber sicher, daß die Aufhebung des Pflichtzölibats die Bereitschaft junger Menschen fördert, Priester zu werden? Zu dieser Frage bedauert Bertel zunächst, daß die heutige Generation innerlich weit von der Kirche entfernt ist, und “daran ist die Kirche nicht schuldlos”. Ohne Pflichtzölibat aber könne eine breitere Schicht für das Priesteramt angesprochen werden; es sei zu erwarten, daß dann mehr junge Menschen den Schritt wagten.

Wie die Chancen sind, daß die Kirche in der Zölibatsfrage eine Kehrtwendung macht? Erhard Bertel schätzt sie gering ein, weil man vor allem vom Papst nicht erwarten könne, daß er am Zölibat rüttelt. Das aber ist für Bertel auch ein Zeichen von mangelndem Mut und Gottvertrauen. Eine Änderung könnte sich dann ergeben, wenn die Priesterschaft so ausgeblutet ist, “daß keine relevante Gruppe mehr übrigbleibt, um den kirchlichen Betrieb aufrechtzuerhalten”. Es könnte auch die Zeit kommen, daß aktive Priester nicht mehr bereit sind, weitere Gemeinden zu übernehmen; dadurch würde das Defizit dann schnell deutlich.

Proteste der Basis, nützen sie? Solche Proteste lösen Betroffenheit aus, sagt Bertel, und ,,steter Tropfen höhlt den Stein.” Er verkennt nicht, daß es in den Gemeinden immer mehr Mißtrauen denen gegenüber gibt, die behaupten, sie lebten zölibatär. Die Verquickung von Zölibat und Priestertum ist vielfach unglaubwürdig geworden. Bertel würde die Entscheidung über zölibatäres Leben denen in die Hand legen, die Priester werden wollen. Dann seien auch die glaubwürdiger, die die Ehelosigkeit wählten.

Ein noch größeres Reizthema ist die Diskussion über das Diakonat der Frauen und deren Zulassung zum Priesteramt. Bertel dazu: ,,Auch dies darf kein Tabuthema sein.” Immer weniger werde verstanden, warum priesterlicher Dienst nicht auch von Frauen wahrgenommen werden soll.

2 Kommentare – Hintergrund

Rom geht weiter auf dem Irrweg

VON RAINER MüLLER

Neue Signale aus dem Vatikan? Papst Johannes Paul II. hat jetzt in bemerkenswerter Offenheit eingeräumt, daß die Ehelosigkeit nicht unbedingt zum Wesen der Priesterschaft gehört. Er sagte damit grundsätzlich nichts Neues, ist diese Erkenntnis doch schon lange ziemlich unbestritten.

Wer aber nun geglaubt hat, das Oberhaupt der katholischen Kirche öffne sich möglicherweise der immer lauter werdenden Forderung nach Abschaffung des Pflichtzölibats, der irrte. Im gleichen Atemzug nämlich, wo zugestanden wird, daß Christus die Ehelosigkeit nicht zum Gesetz erhoben hat, wird bekräftigt, die Kirche werde trotzdem an diesem Prinzip festhalten. Auch in Rom werden Fehlhaltungen ungern korrigiert, man ist in diesem Fall klüger als der Glaubensstifter.

Der Papst hätte zur Zölibatsfrage besser geschwiegen, statt zu erklären, daß seiner Meinung nach etwas sein muß, das eigentlich nicht sein müßte. Die Folge wird sein, daß der Pflichtzölibat jetzt noch unglaubwürdiger wird als er es bereits längst war. Der Zwang zur Ehelosigkeit der Geistlichen hat selbst bei den Kirchentreuen kaum noch eine Akzeptanz.

Die Kirche hätte längst erkennen müssen, daß sie mit der Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit auf einem Irrweg ist. Immer weniger für das Amt qualifizierte junge Menschen sind bereit, unter dieser Voraussetzung eine solch wichtige Aufgabe zu übernehmen. Bei der Überalterung des Klerus ist abzusehen, wann die Basisarbeit in den Gemeinden zusammenbricht und Messen in der heutigen Form vielerorts nicht mehr gefeiert werden können. Der Vatikan geht also das Risiko ein, die Handlungsfähigkeit der Gemeinden einem selbst auferlegten Prinzip zu opfern, das lediglich eine kirchenrechtliche Festlegung ist.

Im Hintergrund spielt bei der kaum noch nachzuvollziehenden Starrheit in der Zölibatsfrage die grundsätzliche Abneigung der Kirche gegenüber der ebenfalls gottgewollten Sexualität wahrscheinlich die Hauptrolle. Wie sonst ist es zu erklären, daß der Papst den Zölibat als eine Herausforderung versteht, “die die Kirche der Geisteshaltung, den Strömungen und den Übeln des Jahrhunderts entgegensetzt”.

Welche Geisteshaltung ist es denn, die liebende Paare in die Ehe zusammenführt, wo sind in den ehrlich gelebten ehelichen Gemeinschaften Strömungen und Übel dieses Jahrhunderts zu erkennen? Bei allem Respekt vor dem Amt des Papstes, hier erzeugt er Ärgernis gegenüber Millionen von Eheleuten. Und es ist erstaunlich, daß sich immer noch so viele Gläubige diese Diskriminierung gefallen lassen.

Noch schwerer wiegt allerdings die Tatsache, daß die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber der Kirche und ihren Botschaften zunimmt. Dabei könnte die Kirche eine gewichtige moralische Autorität sein; diesen Trumpf verspielt sie aber immer mehr.

<SZ v. 1. 10. 93>

Der Scheinheilige

VON DIETMAR KLOSTERMANN

Die Maske des guten Christen hat er nun endgültig fallen gelassen, der Fuldaer Erzbischof Dyba. Die Weisung an die Beratungsstellen für Schwangere in seinem Sprengel, künftig keine Beratungsscheine mehr auszustellen, die für eine straffreie Abtreibung notwendig sind, beweist, daß es dem Oberhirten nicht um die in Not geratenen Frauen geht. Dem katholischen Fundamentallsten Dyba geht es nur um sich selbst. Indem er sich als päpstlicher als der Papst geriert, sichert er sich Publicity.

Sicher wäre es am einfachsten, Dyba nicht zu beachten. Doch sein klarer Verstoß gegen den Sinn des Karlsruher Abtreibungsurteils, nämlich Frauen in ihrer extremen Verzweiflung beizustehen und sie bei ihrer endgültigen Entscheidung über den Abbruch einer Schwangerschaft nicht zu kriminalisieren, wirft Fragen auf nach dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Kräftig alimentiert durch Kirchensteuern und andere Vergünstigungen des Rechtsstaats stellt der Kirchenfürst nach eigenem Bekunden das göttliche Recht vornan.

Vermessen ist es, von der Politik Sanktionen gegen Dyba zu erwarten. Zwar stöhnen geneigte Frauen wie die christdemokratische Familienministerin Rönsch oder die katholische ZK-Präsidentin Waschbüsch auf, ungehaltene wie die FDP-Saar-Fraktionschefin Müller drohen mit Kirchensteuerkürzung. Zivilcourage zeigen im Angesicht Dybas und Kollegen hingegen nur die Kirchenmitglieder – mit dem Austritt.

<SZ 11./12. Dez. 93>

Ungeheuerlich

Den Leserbrief “Lebender Beweis” von Herrn Heinz Schmitt-Auer (SZ vom 13./14. November) überdenkend, glaube ich, daß der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes, der Päpste, der maßgeblichste Punkt da für ist, daß Protestanten und progressive Katholiken sich dem Vatikan nicht annähern können.

Über alles andere könnte man sich verständigen. Dem Griff des Vatikan nach dem freien Willen und dem Gewissen der Menschen lassen diese sich heute noch weniger gefallen als auf dem Konzil von 1869/70.

Es ist ungeheuerlich und auch dem simpelsten Gemüt nicht einsehbar, daß ein Mensch Gott gleich, also ohne Sünde, sein soll. Man möchte meinen, daß die Sternstunde des Papsttums, die mit dem väterlichen liebenswerten Nachfolger Christi, Johannes XXIII., angebrochen war, spurlos vorübergegangen sei.

MARGARETE SKUPIN, Heiligenwald

<SZ>

LESERMEINUNG

Nicht ohne Gott

Ist es ein Zufall, daß in der Saarbrücker Zeitung (Ausgabe vom 20.12.) auf der Seite 2 neben dem Kommentar “Tatort Klassenzimmer” auch die dpa-Nachricht steht: Verheugen will Grundgesetz ohne “Gott”‘? Glaubt man denn wirklich, ohne Gott eine Lösung für den Zerfall der Sitten und Werte finden zu können? Die Geschichte lehrt doch eindeutig, wohin jede “Los-von-Gott-Bewegung” hinführt. Alfred Schön meint, daß es nun angesichts des schrecklichen Ereignisses der Saarbrücker Schule zu einem Verschiebe-Bahnhof von Verantwortung und Verantwortlichkeiten kommen wird.

Ob da einer der sich zu Wort meldenden Experten den Mut haben wird, festzustellen, daß es ohne Gott und Gebot keine Rückkehr zu einer menschenfreundlichen, gewaltfreien Ordnung der Sitten und Werte kommen kann? Die Annahme des Vorschlags von Günter Verheugen wäre jedenfalls ein Beitrag zum weiteren Absinken in einen Sumpf der sittlichen Verwahrlosung.

ROSA BARDUHN, Dillingen

Voreilig

Tief betroffen über Ihre Berichte und wohlwissend, daß an den Schulen oft die Gewalt herrscht, halte ich das Vorgehen des Landeskriminalamts für voreilig. Vor Ausstellen eines Haftbefehls sollte man in diesem Fall zuerst alle Schüler und Schülerinnen befragt haben, um den genauen Sachverhalt zu klären. Neben den von Ihnen aufgeführten Versionen bestünde noch eine weitere. Ein von den Klassenkameraden nicht voll angenommenes Kind versucht auf diese mehr als makabre, für es selbst lebensgefährliche Aktion, die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu gewinnen. Deshalb große Anerkennung für Professor Schäfer, der erst genaue Nachforschungen anstellt und dann urteilt.

HEIKE SOPHIE BACKES, Saarbrücken

Lieber von Menschen

Zum Leserbrief ,,sinnvollere Aufgaben” (SZ vom 5.16. Februar):

Damit Waldwege nicht zuwachsen bzw. total vernässen und so für den Waldbesucher nicht mehr zu benutzen sind, bedürfen sie ständiger Pflege. Dazu werden normalerweise Großmaschinen eingesetzt. Aus Gründen des Naturschutzes (Pflege von Kleinstbiotopen, Erhalt einzelner interessanter Bewuchsgruppen usw.) habe ich diese Arbeiten aber lieber von Menschen verrichten lassen. Der Einsatz von ABM-Kräften hierzu war ordnungsgemäß beantragt und genehmigt.

HUBERT DÖRRENBÄCHER, Fo~tmann, Sulzbach

<SZ 19./20. Febr. 94>

Wo bleibt die Toleranz?

Zum Leserbrief “Bloße Ignoranz?” (SZ vom 12./13. Februar): Die Befolgung der christlichen Morallehre schützt doch besser das Leben (vor allem das ungeborene) und die Gesundheit als antikonzeptionelle Medizin und technische Mittel. Aber es geht doch letztlich nicht mehr um eine Auseinandersetzung einer Moralfrage.

Am Schluß des Wintersemesters 1936 beendete der Kirchenhistoriker Prof. Pfeilschifter in einem der größten Hörsäle der Universität München seine allerletzte Vorlesung – die mit einem rauschenden Beifall der Studenten quittiert wurde – mit den Worten: “So meine Herren schon 1870!” Wer die heutige Medienlandschaft in ihren Stellungnahmen zu Papst und Kirche aufmerksam registriert, kann heute ausrufen: “So schon 1870 und 1936!” Es ist ein dritter Kulturkampf.

Rudolf Augstein hat sich offen dazu bekannt: “Er (gemeint war Erzbischof Johannes Dyba) und sein allerhöchster römischer Kriegsherr sind die Kräfte, die es in einem neuen -nennen wir es getrost so -Kulturkampf zu bekämpfen gilt.”

Wo bleibt da die vorgegebene Liberalität und Toleranz? Wenn wir Katholiken auch nur eine vermeintliche Minderheit wären, darf man Papst und Kirche nicht wenigstens so viel Achtung und Toleranz entgegenbringen, wie man dies dem Dalai Lama und den buddhistischen Mönchen gegenüber tut? Mit Recht hat Bischof Karl Lehmann gesagt: “Wir sind nicht wehleidig, aber das Maß ist nun bald voll!”

PETER LAFONTAINE, Dillingen

Horrorvision

Zum Artikel “Die Kultur boomt, aber der Konsum explodiert … ” (SZ vom 5./6. Februar): Die Weissagungen von Prof. Opaschowski weisen viele Fragen auf. Wie diese zukünftige Konsumgesellschaft funktionieren soll, bleibt unbeantwortet.

Mittelpunkt und Allheilmittel für alles ist der Konsum. Beeinflussung des Kleinkindes vorm Fernseher durch Werbesprüche, pupertäre Jugendliche, denen man einredet, durch gewisse Etikettierung Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren, mit Konsumgütern abheben und neue Dimensionen erkunden, Freizeit durch Verbrauch und Shopping. Wir, die Elterngeneration, haben schon Grenzen der Konsumgesellschaft erfahren.

Den Preis, den wir zahlten, war der Zerfall der Familien, die Einführung des Ellbogens, Schäden an der Natur usw. Die Voraussagen Opaschowskis erscheinen mir wie eine einzige Horrorvision. Die Bauchlandung einer solchen Gesellschaft ist schon vorprogrammiert. Es wäre eine Gesellschaft der Konsumopfer. Nicht die von Opaschowski vorausgesagte inhumane, perverse Superkonsumgesellschaft ist zu wünschen, sondern eine humane Gesellschaft der Bescheidenheit, Zufriedenheit, Menschlichkeit, des vernünftiges Umgangs mit der Natur.

MANFRED BERSIN, Friedrichweiler

SZ Samstag/Sonntag, 6./7. August 1994 – Nr. 181

Kirchen schweigen

Zum Artikel “Die Hilfsorganisationen kämpfen verzweifelt gegen den Massenmord” (SZ vom 23. Juli) und die Leserbriefe “Unnötiger Firlefanz” und “Nutzloser Aktivismus” (SZ vom 27. Juli): Zu diesen beiden Briefen möchte ich noch zusätzlich bemerken: Wo bleibt hier ein mahnendes Wort der Kirchen? Aber wenn man so viele Milliarden vom Steuerzahler eintreibt. schweigt man lieber. Gerade die Kirchen sind es ja, die von dieser Politik unserer Regierung profitieren.

GUENTER KLEIN, Eppelborn

Saarbrücker Zeitung <4.11.94>

“Er ist der Stellvertreter Gottes und damit basta”

Bald ein Bestseller: das Interviewbuch mit dem Papst

* Von unserem Mitarbeiter

THOMAS MIGGE

Am 20. Oktober wurde es ausgeliefert, und schon jetzt ist das Buch von Papst Johannes Paul II. mit dem Titel ,,Die Schwelle zur Hoffnung überschreiten” auf dem Weg zum Bestseller. Die Vorstellung des Buches, zu der 650 illustre Gäste geladen waren, wurde live im Fernsehen gezeigt. Gekommen war sogar Irene Pivetti. Die Präsidentin des Parlamentes, eine Anhängerin des Rebellenbischofs Lefebre, war jüngst durch kritische Kommentare gegenüber der Kirchenführung aufgefallen, der sie Laschheit und eine zu große Aufgeschlossenheit modernen Themen gegenüber vorwarf.

Die Kritik feierte das Buch schon vorab als Erfolg, das erste Buch eines Papstes übrigens, das man kaufen muß. Bisher wurden Schriften der Petrusnachfolger kostenlos verteilt. Der Mailänder Mondadori-Verlag, der Silvio Berlusconi gehört, verkaufte die Lizenzen weltweit, in rund 40 Staaten. Die Auflage in Italien beträgt allein 500.000 Exemplare, in den USA sogar zwei Millionen. Der Autor, Johannes Paul II., “verdient” 15 Millionen Dollar an Autorenhonoraren. Das Geld, so versichert der Vatikan, fließt ausschließlich in Projekte für wohltätige Zwecke.

Und was verdient der Co-Autor? „Das werde ich Ihnen nicht verraten”, antwortet lachend Vittorio Messori, Italiens bekanntester katholischer Autor, der zu den wenigen Laien gehört, die mit Johannes Paul II. freundschaftlich verbunden sind.

Messori gelang es, 1985 Kardinal Josef Ratzinger, den Präfekten des Heiligen Uffiziums, der Glaubenskongregation, in einem Interview zu Fragen des Glaubens auszuhorchen. Das Interviewbuch wurde “ein so großer Erfolg”, verrät Messori, “daß die Idee zu einem Fernsehinterview mit dem Papst geboren wurde.” Aber daraus wurde nichts. „Ich sollte Johannes Paul II.  interviewen, aber wir beide können und wollen uns nicht den Marktgesetzen des TV anbiedern”. Deshalb das Buch.

Glaubt der Papst an Gott?

“Ich fragte im Vatikan nach, an was für Fragen man interessiert sei”, so Messori. ,,Aber der Papst höchstpersönlich antwortete, daß mir der Entwicklungsgang des Interviews ganz allein überlassen sei”, weshalb ,,ich versuchte, ihm Fragen zu stellen, die jeder Mensch auf der Straße an einen Papst richten würde”.

Glaubt der Papst an Gott? Was sind die Beweise für die Existenz Gottes? Existiert die Hölle? “Das sind nur einige Beispiele von den 35 grundsätzlichen Fragen, die all die Menschen interessierten, die glauben oder es versuchen”, erläutert Messori.

“Besonderen Wert legt der Papst natürlich auf die grundsätzlichen Fragen zu den Beziehungen mit anderen Religionen, denn ihm ist an einem intensiven Kontakt mit dem Judentum und dem Islam gelegen”.

Aber “auch die politischen Zusammenhänge sparte ich nicht aus”, denn, so Messori, “für diesen Papst sind die letzten 300 Jahre europäische Geschichte durch den Kampf gegen den katholischen Glauben gekennzeichnet, weshalb die Französische Revolution in diesem Buch nur im Zusammenhang mit Terror und Gottlosigkeit erwähnt wird”.

Das Ende des Kommunismus “wird von ihm nicht mit der göttlichen Vorsehung erklärt, sondern einzig und allein mit den Folgen eines Systems, das nicht fähig war zu leben und menschenunwürdig agierte”. Angesprochen auf die historische Bedeutung des Papstes aus Polen für den Sturz des Kommunismus, weiß Messori, “daß der Papst davon nichts hören will und seine Rolle so klein wie möglich einschätzt, obwohl er, denke ich mir, schon weiß, daß an dem Urteil über seinen Einfluß auf den Gang der Dinge etwas Wahres ist”. ,,Johannes Paul II., unterstreicht Messori, ,,ist ein Mann, der wie selten einer seiner Vorgänger von der Kraft des Gebetes überzeugt ist”.

Messori, dem nachgesagt wird, ein Mitglied des Opus Dei zu sein, wollte mit seinen Fragen verdeutlichen, “daß Christentum nichts anachronistisches ist, nichts, was zu einer alten Legende geworden ist, sondern gelebt wird, am Leben ist und vielleicht stärker pulsiert als manche glauben”. “Das Problem, und somit die Brisanz des Buches”, faßt Messori den Sinn des Interviews zusammen, ,,ist nicht die Frage nach dem Sinn des Papsttums, sondern nach dem Sinn des Glaubens”. So ist dieses Buch „nicht die Sommo Pontefice Romano, also das gesammelte Glaubensbekenntnis eines Papstes, sondern es beinhaltet den Glauben von Don Karol, einem Priester”.

Kritik von Italiens Katholiken

Wer vom Papst überraschende Antworten erwartet, wird enttäuscht ,,seine Positionen sind bekannt und es sind die Positionen des Mannes, der auf der ganzen Welt den direktesten Draht zu dem hat, der am Wichtigsten ist, zu Gott”.

Mit diesem letzten Satz, den er schon mehrfach in Interviews benutzte, setzte sich Messori einer weiten Kritik unter Italiens Katholiken aus. “Warum”, so fragt der Vatikanist Marco Politi von der Tageszeitung “La Repubblica”, ,,hat nur der Papst den direktesten Draht zu Gott?”. Messori antwortet darauf lakonisch: “weil er Gottes Stellvertreter ist und damit basta”.

Paulinus 14/Nr. 8, 12.2.95

In Demut und Gehorsam

Erdbeben in Frankreichs Kirche, Bischof Gaillot seines Amtes enthoben und Leserbriefe (“Paulinus” Nr. 4 vom 22. Januar 1995)

Es ist doch ein merkwürdiger Kontrast, wenn man in Amerika den Papst zum Mann des Jahres wählt und ihn in Deutschland am liebsten zum Buhmann des Jahres machen möchte. Und ich kann mich auch nicht des Eindrucks erwehren, daß der Paulinus lieber und ausführlicher negative Kritik von Kirche und Papst berichtet als Positives.

Und gerade in jüngster Zeit ist mir gezeigt und bestätigt worden, wie Kritik aus Liebe zur Kirche aussehen muß, damit sie auch Früchte bringt und nicht nur Verwirrung stiftet.

Am 16. Oktober vergangenen Jahres hatte ich das Glück, in Rom an der Seligsprechung des Chilenen Alberto Hurtado teilzunehmen, den seine Landsleute schon vor Jahren „seliggesprochen” haben, indem sie einer Stadt seinen Namen gegeben haben. Er war Apostel für Straßenkinder, denen er ein Heim und Geborgenheit gab. Als charismatischer Pädagoge und Freund der Jugend gelang es ihm an die hundert junge Menschen für den Priesterberuf zu gewinnen.

Auch Padre Hurtado war ein kritischer Mahner. Er schrieb sogar einen Brief an Papst Pius XII. in dem er schonungslos die Situation des Landes beschrieb. Aber er tat es nicht wie hierzulande ein Professor, der das Eröffnungsreferat mit dem provozierenden Titel “Ist die Kirche noch zu retten?” begann, aber nur um die “Amtskirche” anzuklagen. Nein, er schrieb zwar auch ein provozierendes Buch, das aber nur das Ziel hatte, das Gewissen der Gläubigen aufzurütteln. Der Titel lautete nämlich: “Ist Chile noch ein katholisches Land?” Bei all seiner Kritik unterwarf er seine Thesen in Demut und Gehorsam dem Urteil des Papstes und seiner Obern. Die Frucht seines arbeitsreichen Lebens und das Ansehen der Kirche im chilenischen Volk zeigen, daß er ein echter Prophet war. Denn Demut oder Stolz war noch immer die Frage und das Kriterium für die Unterscheidung der Geister.

Peter Lafontaine, Pfr. i. R, Dillingen

Toleranz unangebracht

Erdbeben in Frankreichs Kirche, Bischof Gaillot seines Amtes enthoben („Paulinus” Nr. 4 vom 22. Januar 1995)

Was ist das wieder ein Zetern und Jaulen der Kirchenkritiker und ähnlicher bei uns und sonstwo zur Amtsenthebung des französischen Bischofs von Evreux, Jacques Gaillot?

Zur Sache: Ein Bischof (egal welcher Nationalität), der mit der Todespille RU 486 liebäugelt und homosexuellen Paaren zum kirchlichen Segen verhelfen will, stellt die Schöpfung Gottes auf den Kopf! Da ist Toleranz unangebracht!

Georg Nieder, Bexbach

SZ Nr. 60 – Samstag/Sonntag, 11./12. März 1995

Jeder vor seiner Tür

Zum Beitrag von Claudia Lange: “KSJ Bous: Lieber unbequem in der Kirche, als austreten” auf der Seite ,,Junge Leute im Saarland” (SZ vom 4./5. März): Dank des Artikels von Claudia Lange bin ich jetzt endlich aufgeklärt, wie dumm ich als regelmäßiger Kirchgänger doch bin, auch wenn ich die Dreißig noch nicht erreicht habe.

Kein Klischee der modernen Allerheiligenlitanei wurde ausgelassen, um die Unbelehrbaren eines Besseren zu belehren: kritische Jugendliche, die sich durch uniforme T-Shirts ihre Individualität beweisen und selbstverständlich jegliches Spießertum ablehnen. Es bleibt zwar ein wenig unklar, was spießig ist, aber das macht nichts. Alles easy also, wo war noch gleich das Problem? Wem das zu gewöhnlich sein sollte, der kann sich zum Ausgleich immer noch mit Batik, Sex oder offenen Themen beschäftigen. Das schafft Gemeinschaft, denn auch die Eltern dieser Kirchenkritiker können bei solchen Stichworten aus nostalgischen Gründen feuchte Augen bekommen. Weißt du noch, damals, nach dem Konzil hat das auch schon nicht so richtig funktioniert …

Es kehr’ ein jeder vor seiner Tür, da ist genügend Dreck dafür, möchte man Autorin und KSJ Bous gerne einen kritischen Hinweis geben. Aber das mit dem Kehren schafft schon wieder innerlich so ein unheimliches Wutgefühl. Es ist eben ein Kreuz mit den Machtstrukturen der Kirche, daß man gezwungen wird, ein Haus vom eigenen Dreck zu reinigen, bloß, damit man es mal wieder nutzen kann! Aber das muß man abkönnen, wir sind ja tolerant.    BERNHARD LAWALL, Neunkirchen

Klerus mitschuldig

Zum Artikel  „Heikles erwartet die Oberhirten der Katholiken” (SZ vom 4./5. Februar): Nun tagt in Münster die Frühjahrsvollversammlung der katholischen deutschen Bischofskonferenz. Dem Vernehmen nach sollen dabei auch ,,heiße Eisen” angepackt werden, z. B. die Versäumnisse der Kirche in Hitler-Deutschland.

Dazu fällt mir ein geflügeltes Wort aus dem Mittelalter ein: Alles Übel kommt vom Klerus! Das soll heißen, wenn der Klerus seine Aufgabe treu und brav erfüllt, dann erfüllt Gottes Segen die Erde, und es herrscht Friede, Eintracht und Wohlstand. Wenn aber der Klerus seinen gottgegebenen Auftrag nicht oder nur mangelhaft ausführt, dann kommt das Chaos. So gesehen, trägt der Klerus die Hauptschuld an der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Und er wird auch schuldig sein an zukünftiger Misere.

HERBERT NALBACH, Völklingen

DT 23. 7. 98

Das Internet allein ist nicht der Sündenbock

Die Fehlentwicklung hat mit der “Befreiung zur Sexualität” begonnen / Von Christa Meves

Ein mächtiger Feind ist plötzlich aufgetaucht. Er trägt den Namen Internet. Dieser Riesenschrank schier unauslotbarer Informationsmöglichkeit enthält – so zeigt sich – Verbrecherisches.

Man kann, wenn man dort einigermaßen geduldig und geschickt auf die Suche geht, an Adressen gelangen, die – unter vielen anderen aus dieser Branche – auch zu Pornovideos mit Kindern verhelfen, mit Kindern jeden Alters und jeden Geschlechts, zu sexuellem Mißbrauch mit Säuglingen sogar. In monotoner Wiederholung berichten sämtliche Medien von einem in den Niederlanden aufgespürten internationalen Pomoring. Sogar unser Außenminister Kinkel tritt in Funktion und verspricht härteste Ahndung. Das Internet bedürfe einer besseren Kontrolle, so hallt es unisono durch alle Instanzen.

Jedermann verhält sich so, als sei dieser grauenhafte Auswuchs eine Neuheit. Eine technische Apparatur wird zum Hauptverursacher dieses furchtbarsten aller Verbrechen ernannt – in der Furcht wohl, daß sich sonst die Wahrheit ans Licht drängen könnte, die Wahrheit, daß es schon seit vielen Jahren in den einschlägigen Printmedien jede Menge dubiose Anzeigen dieser Art gegeben hat, ohne daß verantwortliche Instanzen es für nötig erachtet hätten, dem Unwesen entgegenzuwirken. Als wäre es nicht seit mehr als zwanzig Jahren möglich, sich über den Ladentisch mit Pornographie einzudecken.

Denn schließlich hat die zur Zeit aufgeplatzte Eiterbeule eine lange Vorgeschichte permanenter Vergiftung. Man sollte das wenigstens heute nicht länger unter den Teppich kehren, daß die Fehlentwicklung fundamental ist und bereits in den sechziger Jahren mit der “Befreiung zur Sexualität” begonnen hat, daß bereits damals in den Berichten der Kommune 3 beschrieben wurde, wie man Kleinkinder sexuell anzureizen habe.

Es war vor allem die FDP in der Regierungskoalition mit der SPD, die in den siebziger Jahren die Rolle des Müllers einnahm und dem Wolf die Pfote weiß machte: Die FDP vor allem hat es auf dem Gewissen, daß 1976 der Pornographieparagraph so weit gelockert wurde, daß seitdem fast alles auf diesem Sektor als “Kunst” gilt und sich im Kulturbetrieb bis zum Exzeß austobt.

Wie sollte diese Art der Befreiung zur Sexualität den Menschen bekommen? Warum war diese Generation plötzlich taub gegen die Erfahrungen der Geschichte mit enthemmten Phasen im satten Wohlstand mächtiger Reiche? Wieso waren die Mythen, die Sagen, die Märchen vergessen, die dort in tiefschürfenden Bildern aussagten, daß Circe in der Lage ist, die Männer in Schweine zu verwandeln?

Warum lauschten nicht wenigstens die Katholiken auf das einsame Nebelhorn aus Rom, statt sich unbedenklich zur Sinnenlust zu befreien? Das lag gewiß daran, daß man dem Glauben das Etikett “veraltet, nur für Einfältige” aufklebt hatte und stattdessen Wissenschaftsgläubigkeit an die Stelle zu setzen begann.

Sexualwissenschaftler erklärten damals den nur allzu willigen Politikern, daß Pornographie für niemanden und nichts schädlich sei. Dabei herausgekommen ist eine Roheit, die in dieser Weise in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist: An den Schwächsten, den Reinsten, an den Kleinsten wagt sich der enthemmte Geschlechtstrieb auszutoben – tausendfach kaufbar, per Video zur Nachahmung anregend. Einen solchen Tiefstand der Entsittlichung hat es in der Geschichte der Menschheit gewiß noch nicht gegeben.

Und wie lächerlich mutet angesichts dieser Situation der zaghaft erhobene Zeigefinger der Jurisprudenz an, die nun verkündet, daß bereits die Hand am Mausklick schuldig werde, wenn sie in diesem dunklen Fach des Schrankes zu stöbern suche. Wie wird im Gegenteil das häufige Thematisieren dieser dubiosen Internetmöglichkeit gerade die männlichen Jugendlichen, die das Verbotene ohnehin in dieser Altersstufe besonders reizt, auf die Pirsch jagen – zu welcher Verderbnis?

Mit Einlassungen aggressivster Art den Papst geschmäht

In einer ZDF-Sendung zur Enzyklika “Evangelium vitae” wurden die alten ungerechtfertigten Vorwürfe gegen die Kirche erhoben

Nun fallen die Talkshows im Fernsehen über die Enzyklika “Evangelium vitae” von Papst Johannes Paul II. her, um ihn der “Heuchelei”, der “Janusköpfigkeit”, der “Sexualfeindlichkeit” und der “Menschenverachtung” zu bezichtigen (so gesehen und gehört in der Sendung “Rom gegen Kondom. Ist die Kirche noch zu retten?” vom ZDF am 30. März 1995).

Ganz offensichtlich ohne sich in den Text des umfangreichen Dokuments vertieft zu haben, stellte in dieser Sendung die Journalistin Uta König die ungeheuerliche Behauptung auf, der Papst liefere die Bevölkerung durch die Ablehnung von künstlichen Verhütungsmitteln an die Aids-Krankheit aus.

Glücklicherweise hatte der Papst in dem Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke und Gräfin Gabriele Plettenberg, Bonn, in der Sendung aber zwei sachverständige Verteidiger. So wußte Frau Plettenberg auf diese Ausfälligkeit zu entgegnen, daß gerade umgekehrt ein Schuh daraus würde: Die Propagierung der künstlichen Verhütungsmittel bewirke die Loslösung der Sexualität aus dem geschöpflichen Zusammenhang und verstärke so die Promiskuität und damit die Ansteckungsgefahr durch die tödliche Seuche. Das einzige echt wirksame Mittel gegen die Imunschwächekrankheit Aids heiße nun eimal Treue, insistierte sie – die Enzyklika interpretierend.

Dem Vorwurf der Feministinnen, der Papst rede “lebensfeindliche” Parolen daher, statt dem Elend der Welt zu helfen, entgegnete Weihbischof Jaschke mit dem Hinweis auf die caritativen Bemühungen der Kirche, die – wie in der Enzyklika hervorgehoben – auch der Papst weiterhin zu aktivieren suche.

Die Bundestagsabgeordnete Christa Nickel (die GrünenlBündnis 90) wünschte sich als Katholikin eine “Kirche von unten” und schmähte den Papst mit den aggressivsten Einlassungen. Die bei den Frauen hatten offensichtlich von vornherein nicht die Absicht, sein Bemühen als eine verantwortungsbewußte Mahnung in großer Gefahr für das Seelenheil der Menschen zu verstehen.

Die Diskussion biß sich dann bald an altbekannten Positionen im Streit um den Paragraphen 218 fest. Die gegenteiligen Sichtweisen standen hart und unversöhnlich im Raum: Die Papst-Verteidiger in dieser Sendung beharrten: Der Mensch ist Mensch von Anfang an, und seine Tötung im Mutterleib muß dann als Mord bezeichnet werden, was nicht heiße, die Mütter mit dem Wort Mörderinnen zu belegen, dennoch aber als Mordabsicht von allen denen verstanden werden müsse, die am Plan zur Abtreibung beteiligt seien: Väter, Angehörige, Ärzte, Politiker.

Gräfin Plettenberg sekundierte, indem sie den Zusammenhang zwischen Abtreibung und Euthanasie ansprach und die so berechtigte Sorge des Papstes in die Diskussion einbrachte, daß bei einer Aufweichung des Unrechtsbewußtseins vor dem Hintergrund dieses Tötungsdelikts der Dammbruch zur aktiven Euthanasie heraufbeschworen würde. Sie mahnte an, daß dieser doch bereits bevorstünde.

Aber beklemmender noch als die emotionalen Anwürfe der beiden Feministinnen wirkten die Äußerungen des Franziskaners Josef Klammer, eines ehemaligen Oberstudiendirektors aus Bozen. Er wagte gar zu behaupten, daß man vor dem Hintergrund der Enzyklika “Evangelium vitae” neu die Wahrheitsfrage zu stellen habe. Es sei unzulässig, daß die Kirche sie als ein Absolutum in Anspruch nähme. Es müsse bei der Frage der Moral die vorhandene Meinungsvielfalt abgefragt werden, um daraus eine Übereinkunft zu entwickeln. Es mag jedem Atheisten zugestanden sein, so zu votieren. Ein Franziskaner aber sollte gelernt haben, daß kein Papst, der sein Amt ordnungsgemäß erfüllt, befugt sein kann, sich einer Meinungspluralität auszuliefern.

Für den Statthalter der römisch-katholischen Kirche kann allein die Aussage der Schrift und die lehramtliche, kirchenrechtliche Position als die der Kirche geoffenbarte Wirklichkeit maßgeblich sein. Er kann nur der Aussage von Jesus Christus:  ”Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben” gehorchen. Der Franziskaner Klammer nahm die Position des römischen Statthalters in Judäa, Pilatus ein, dessen Frage (“Was ist Wahrheit?”) die beschämendste Fehlhandlung aller Richter der Welt zur Folge gehabt hat.

Diese Sendung war ein Spiegel der Situation in unserer Gesellschaft im allgemeinen, der Kirche im besonderen. Eine große Zahl auch von Katholiken redet heute in Fragen der Moral bereits dem Zeitgeist das Wort und ist kämpferisch auf die Zerstörung der hierarchischen Struktur der Kirche ausgerichtet. Aber sie hat auch noch tapfere Insider und Laienhelfer, die ihr klarsichtig in schwerer Anfechtung zur Seite stehen, wie diese Sendung eindrucksvoll bewies.  Christa Meves

SZ v. 17./18.6.95

Keine Bischöfe

Zum Artikel “Schweizer treten für ihren Bischof ein” (SZ vom 6. Juni): Immer in Niedergangszeiten in der Kirche forderten Katholiken die Abschaffung des Zölibats. Aber: die seit 1969/70 “Geweihten” sind gar keine katholischen Bischöfe mehr und zwar wegen einer wesentlichen Änderung des Ritus.

Im Neuen Ritus wird gar nicht mehr der Hl. Geist herabgerufen auf den zu “Weihenden”, sondern “die Kraft, die von Gott ausgeht, Geist der Führung … ” und dies auch nicht mehr “um zu firmen und Priester zu weihen” sondern “um Ämter zu verteilen…”. Damit stehen diese neukatholischen “Bischöfe” so wenig in der Weihenachfolge mit den Aposteln wie die protestantischen und anglikanischen Bischöfe.

Zudem hat man bei der neuen “Priesterweihe” alles im Ritus geändert oder getilgt, was die Übertragung einer besonderen Gewalt bezeichnet. Die mit diesem neuen Ordo “Geweihten” haben also keine besonderen Gewalten mehr wie: die Wandlungsgewalt, die Weihungsgewalt, die Sündenvergebungsgewalt, und sind damit den protestantischen Pastoren gleichgestellt. So konnten diese mit Recht bei einer neukatholischen “Priesterweihe” in Köllerbach die Hände mit auflegen.

Dazu hat man das Meßopfer zerstört, indem man es umänderte in eine Gemeindefeier zum Volke hin. Dazu passend ist die Hand- und Stehkommunion wie bei den Protestanten. Die Protestanten selber sagen es, daß wir die neue “Messe” annehmen können. Das wahre Meßopfer aber hat noch nie ein Protestant annehmen können. Diese armen neukatholisch “Geweihten” sind weder Priester noch Bischöfe und müssen dennoch den Zölibat halten.”  WERNER GRAUS, Pfr. i. R. St. Ingbert

Verunglimpfung

Zum Leserbrief “Nichts als Märchen” von Hannelore Wies (SZ vom 10./11. Juni):

Frau Hannelore Wies hat sich beim Schreiben ihres Leserbriefes wohl keine Rechenschaft gegeben, daß sie mit ihren Aussagen nicht nur den Papst, sondern auch viele Leser der SZ beleidigt hat. Unbegreiflich ist auch die Behauptung, der Himmel sei ein Märchen. Glaubt sie wirklich, daß das Neue Testament nur ein Märchenbuch und Christus ein Fabeldichter sei? Die Ethnologie und Religionswissenschaft haben aufgezeigt, daß alle Völker an einen Gott glauben, welchen Namen auch immer sie dieser Gottheit geben: ob Brahma, Wodan, Zeus oder Manitu. Und so glauben sie auch an einen Himmel, der je nach Vorstellung sich auf dem Olymp, in Walhall oder sonstwo befindet. Für uns Christen ist Gott selber der Himmel. Auf eine Kurzformel gebracht können wir sagen, daß er darin besteht, daß wir ewig von Gott geliebt werden und ihn ewig lieben können. Im Glauben und Wissen an diese Tatsache haben seit den Tagen der Urkirche tausende und abertausende und Zeugen doch nicht für ein Märchen Verfolgung und Tod auf sich genommen. Es gehört natürlich schon zum Ritual eines deutschen Papstkritikers, daß man jedesmal die Pille erwähnt. Doch bevor man protestiert oder schreibt, sollte man doch dariiber nachdenken, ob es bei der Werbung für sie nicht auch hinzugefügt werden müßte: „Zu Nebenwirkungen und Risiken fragen Sie auch den (Jugend)Psychotherapeuten und Soziologen.”

PETER LAFONTAINE, Dillingen

Saarbrücker Zeitung 2./3.9.95

Absolut richtig

Zum Kruzifix-Urteil: Es ist fast nicht zu fassen, wie sich die Politiker, vor allem aus den Parteien mit dem großen “C”, über die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts so ,,künstlich” erregen. Propagieren sie nicht seit Jahren den Segen der multikulturellen Gesellschaft? An der Spitze Herr Dr. Heiner Geißler? Ja, nun muß er auch zu den Konsequenzen stehen. Die Geister, die er einmal rief, wird er nicht mehr los. Auch jeder andere große “C”-Politiker weiß aus der Geschichte, wieviel Entrechtung, Enteignung, Vertreibung, Inquisition und Völkermord unter dem Christuskreuz begangen wurden. Das wird einfach totgeschwiegen. Auf diesem Kruzifix wird meistens eine qualvoll leidende menschliche Figur aus Gips oder Holz gezeigt, die angebetet wird. Meine Frage: Wie ernst nehmen diese Herren eigentlich die Bibel und besonders die 10 Gebote? Denn das 4. Gebot sagt ganz deutlich: Du sollst Dir kein Bildnis, noch irgendein Gleichnis von mir machen!

Die christlichen Religionsvertreter haben es also im Laufe von 2000 Jahren fertiggebracht, zum Götzendienst zu erziehen. Es gibt ja bekanntlich andere große Religionen, bei denen jede Art von bildlicher Darstellung des Herrgottes bei Strafe verboten ist. Das Kreuz hat noch niemand gerettet, aber Millionen zu Tode gebracht. In allen Kriegen wurden bei Freund und Feind mit ihm die Waffen gesegnet. Deshalb betrachte ich die Entfernung des Kreuzes aus Schulen für absolut richtig.

THEO CORNEHL-CORNEILI, Heusweiler

<SZ 7.8.96>

Religiöse Unterweisung nicht in der Schule

Zum Artikel “Kirche pocht auf Religionsunterricht” (SZ vom 26. Mai)

Trotz aktiver Werbeprofis treten bundesweit jährlich über 200 000 Bundesbürger aus der Kirche aus. Seit 1970 etwa vier Millionen. Laut Emnid Institut Bielefeld glaubt zum ersten Mal die Mehrheit der Bundesbürger nicht mehr, daß es Gott gibt. Dessen ungeachtet pumpen die beiden Großkirchen Millionen Mark in die Ex-DDR, um dort die “Heiden” zu bekehren. Vergebens. Jetzt versuchen sie, zumindest den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, der aus den Taschen des Steuerzahlers mit etwa 3,9 Milliarden Mark jährlich bezahlt wird, zu retten.

Doch ist jegliche christliche Missionierung im allgemeinen Unterricht laut Bundesverfassungsgericht schon seit 1975 verfassungswidrig. Nach meiner Meinung ist religiöse Unterweisung Sache der Glaubensgemeinschaften und hat wie parteipolitische Werbung nichts in der Schule zu suchen.

FRITZ KÖHLER, Ludwigshafen

<Flugblatt>

Schulsexual“erziehung”

BITTE WEITERGEBEN!

MACHT ENDLICH SCHLUSS!

1. Stimulierende “Sexualerziehung” gehört nicht in die Schule.

Dieser Grundsatz war noch vor gut zwei Jahrzehnten allgemeingültig. Weil man damals “verklemmt” war? Nein. Sondern weil man noch wußte:

• Schamgefühl und Intimsphäre des Kindes und des Lehrers müssen geschützt werden.

• Die unterschiedliche Reife der Kinder erfordert individuelle Erziehung durch die Eltern (oder im Einzelfall beauftragte Erzieher).

• Das natürliche Elternrecht hat Vorrang vor dem staatlichen Erziehungsauftrag, und zwar umso mehr, je mehr ein Gegenstand über das “Gemeinwohl im Diesseits” (für das der Staat einen ursprünglichen Auftrag hat) hinausgeht.

(Das ist Naturrechtslehre, das ist Soziallehre der Kirche; vgl. die Erziehungsenzyklika von Pius XI., vgl. Erziehungserklärung des 2. Vatikanums; vgl. auch Art. 6 Abs. 2 Grundgesetz und besonders Art. 126 Abs. 1 Bayer. Verfassung, wo es heißt: “In persönlichen Erziehungsfragen gibt der Wille der Eltern den Ausschlag”.)

• Den Eltern, die für das zeitliche und ewige Heil ihrer Kinder vor GOTT verantwortlich sind, kann ihr Elternrecht nicht von einem Elternbeirat oder von Elternverbänden abgenommen werden.

(Es ist vom Naturrecht wie von unserer Verfassung her ein Indlvidualrecht, das nicht delegierbar ist. Vgl. z. B. Prof. F. Ossenbühl in FMG-lnformation Nr. 3, S. 11/12).

• Wenn von den Kultusministern darauf hingewiesen wird, die Eltern würden ja über Ziel, Inhalt und Form der Sexual“erziehung” in Versammlungen unterrichtet, so wird damit dem Elternrecht nicht genügend Rechnung getragen.

Denn abgesehen davon, daß Lehrer oft die Fakten beschönigen; daß die Furcht mancher Eltern, Widerspruch könnte ihren Kindern zum Nachteil sein, nicht zu Unrecht besteht; daß die Eltern gegen die “wissenschaftlichen” Phrasen gewisser Lehrer oft nicht ankommen, kann man höchstens Einwände vortragen, aber sein Kind nicht schützen, wenn der Lehrer die Einwände nicht berücksichtigt.

• Das Elternrecht wird mißachtet, wenn eine Ablehnung der verführerischen Sexual”erziehung” (SE) nicht möglich ist. Das ist staatlicher Totalitarismus.

2. Es ist nicht wahr, daß viele Eltern versagen, und daß deshalb die Schule die SE machen müsse.

• Die Unwahrhaftigkeit dieses Arguments erweist sich schon daran, daß von den SE-Befürwortern oft gesagt wird, die Schule wirke ja “mit den Eltern vertrauensvoll zusammen”, oder gar: Wenn die Eltern wegen der Schul-SE Bedenken hätten, könnten sie ja “diese Fragen vorher mit den Kindern besprechen”.

• Als Ziel der Schul-SE wird “verantwortliches geschlechtliches Verhalten” genannt. Den Richtlinien, Schulbüchern und Arbeitsmaterialien nach ist unter dieser wohlklingenden Formulierung gemeint, daß Kinder und Jugendliche alle Bereiche, ja Verirrungen und Mißbräuche der Sexualität kennenlernen, aber – wenn sie daraufhin sexuell aktiv werden – möglichst kein Kind zeugen. Hier zeigt sich schlimmstes Neuheidentum!

• Das wird nicht immer so zugegeben. Wenn sich aber ein Wissensfetischismus breit macht, als sollten Elfjährige zu Gynäkologen ausgebildet werden, wenn damit durch die breite Darlegung des Geschlechtlichen und durch das Bild- und sonstige Medienmaterial die sinnliche Neugierde geweckt wird, wenn mißbräuchliche Sexualaktivitäten (Selbstbefriedigung, Homosexualität, vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr, Verhütung usw.) durch ihre Darstellung Aufforderungscharakter haben, dann ist das sexuelle Bedarfsweckung und Verführung zur Sünde.

• Nähme man das alles zur “Norm” einer SE, wie sie verlangt wird, dann halten sich in der Tat nur wenige Eltern daran. GOTT sei Dank!

• Es ist aber unrichtig, daß viele der jungen EItern ihre Kinder in der Entwicklung allein ließen. Echte Erziehung zu wirklich “verantwortlichem geschlechtlichen Verhalten” im Sinn der Ordnung GOTTES kann jedoch nur Erziehung zu Schamhaftigkeit und Keuschheit sein. Dazu ist nötig, das notwendige Wissen knapp und abstrakt im Rahmen einer sittlich-religiösen Erziehung zu vermitteln.

(Die beste Lehrerin ist auch hier die HI. Schrift. Sie spricht von der “Frucht des Leibes”, davon, daß “Abraham Sara erkannte”, daß “lsaak Jakob zeugte” usw. Sie tut es in schamhafter und doch natürlicher Selbstverständlichkeit, ohne ein überflüssiges Wort, ohne jedes Ins-Detail-gehen, das nur die Phantasie anregen und die Begierde wecken würde).

• Die Früchte der in der Bundesrepublik nun schon jahrelang durchgeführten Schul-SE. zeigen, daß die Sc h u I e hier versagt, nämlich schweren Schaden angerichtet hat.

Früchte nach 20Jährlger Schul-SE In Schweden:

Zunahme der Abtreibung 1968-1974 bei Mädchen unter 15 J. um 200%

Zunahme der Geschlechtskrankheit Gonorrhöe 1950-1972 bei Kindern unter 14 J. um 900%

Zunahme der wegen Vergewaltigung Verurteilten 1950-1972 um

400%.    (Bericht des schwed. Gesundheitsmin.)

Allgemeiner moralischer Verfall in der Bundesrepublik

(eine wesentliche Ursache liegt in der verführerischen Schul-SE) 1978: Über 70% der Jugend vor dem 19. Lebensjahr haben geschlechtliche Erfahrungen.

1978: 30 % der Jugend vor Vollendung des 15. Lebensjahres haben geschlechtliche Beziehungen.

1978: nur 4 % der ledigen Frauen unter 30 J. ohne intime Beziehungen.

1978: Nur 20% der jungen Frauen und 40% der jungen Männer sind für Ehe und Familie.

1978: 80 % der jungen Generation haben nichts gegen “wilde Ehe”.

1978: 25 % der Männer und 9 % der Frauen haben außereheliche sexuelle Beziehungen.          (Allensbacher Institut)

“In der Bundesrepublik werden jährlich etwa 20.000 Kinder schwanger. Die jüngste Mutter ist 8 1/2 Jahre alt, den jüngsten Vater gab es mit 10 Jahren”. (epd/”Albbote” 18.3.81)

1992: 50.000 gemeldete Aids-Infektionen. Aufgrund von Tests sämtlicher Blutproben in 5 Kliniken Münchens und Erlangens stellte sich heraus, daß sie Aids-Infektionsrate in der Bevölkerung “um ein Vielfaches höher liegt, als nach den bisherigen Daten angenommen wurde” (Staatssekretär G. Beckstein, Bleib gesund, 3/1992). Grund für die Aids-Ansteckung ist häufig ungeordnetes und perverses sexuelles Verhalten. Dieses wird durch die jetzige Kondom-orientierte Sexual“erzlehung” noch verstärkt.

3. Schul-SE ist kein Gegenmittel gegen die üble StraBenaufklärung, im Gegenteil.

• Die Straßenaufklärung wird durch den Sexualunterricht in der Schule gar nicht beseitigt, sondern intensiviert. Die Erfahrung zeigt, daß die Schul-SE die Straßenaufklärung nicht nur nicht verhindert, sondern darüber hinaus in “Ausprobieren”, in unkeusches Treiben, übergehen läßt.

• Unverdorbene Kinder spüren genau, daß das Geschlechtliche den Schleier der Ehrfurcht braucht und daß man nicht unnötig darüber spricht.

• Sittlich angeschlagene Kinder wissen dennoch meist um die Ungehörigkeit schamlosen Redens und Tuns.

• Vergewaltigt aber die “gute” Autorität der Lehrkraft das Schamgefühl im Sexualunterricht, dann wird die Demontage der Scham und die sittliche Verführung nicht immer so schmutzig, dafür aber viel radikaler als bei der Straßenaufklärung betrieben.

4. Die Schul-SE ist häufig Werkzeug einer “neuen Moral” und einer sozialistischen Systemzerstörung.

• Es gibt Lehrer, die bewußt keine Christen sein wollen oder die unüberlegt unchristliche Trends mitmachen (vgl. eine in FMG-lnformation Nr. 2, S. 29 angeführte Lehrerumfrage). Durch sie, durch Schulbücher (vgl. Beispiele aus kult.-min. genehm. Schulbüchern in FMG-lnformation Nr. 3, S. 26), Arbeitsblätter, sonst. Unterrichtsmedien werden in der Schul-SE – ausgesprochen oder unausgesprochen – ethische Wertungen mitgegeben, die keineswegs die christlichen sind, sondern neuheidnischer Ideologie entspringen.

• Die Zusammenhänge zwischen der Demontage der Scham und der Zerstörung des sittlichen Halts in der Schul-SE und den Absichten linker Gesellschaftsveränderer bis hin zu anarchistischen Tendenzen sind schon mehrfach aufgewiesen worden (vgl. Prof. Dr. H. Schoeck, Schülermanipulation, Freiburg 1976; Prof. Dr. M. Rock, Anarchismus und Terror, Trier 1977; bes. Kap. VI., 4.: “Demontage der Scham: Präludium der Revolution” u. a.).

• “Gerade weil mit einem Mindestmaß an vorhandenem Schamgefühl gerechnet werden kann, bietet die Enteignung der Scham durch den Sexualkundeunterricht für die Linke einen Hebel zur GeseIlschaftsveränderung. Indem sie Jungen und Mädchen gemeinsam zwingt, sich dieser Scham zu entledigen, reißt sie das Bewußtsein der Kinder auf für jede andere Art von brutaler Veränderung im Bereich bisheriger moralischer Normen und Übereinkünfte”. (Schoeck S. 127).

• “Es liegt ganz in der Linie radikal-extremer Emanzipation, daß die Vernichtung eines bestimmten Wertes, in unserem Fall: des Geschlechtswertes, symbolisch für die Annullierung anderer sittlicher Werte steht. Die Sexualethik … steht für die Ethik überhaupt”. (Rock S. 63).

• “Die Bedeutung der Strategie der Demontage sittlicher Werte und moralischer Grundüberzeugungen hat keiner besser erkannt als Lenin, wenn er von der gelungenen Demoralisierung eines Volkes einen idealen Aufweichungserfolg erhofft.”. (Rock S.64).

NEIN zur moralischen Zersetzung unseres Volkes!

NEIN zum zeitlichen und ewigen Verderben der Kinder!

Wehren Sie sich gegen die jetzige schamlose Schulsexual“erziehung”!

Die Adressaten Ihrer Sorge und Ihres Protestes:

Lehrer, Schulleiter, Kultusminister; Abgeordnete; Massenmedien (z. B. Leserbriefe); Verantwortliche der Kirche. Nehmen Sie vor allem die Waffe zur Hand, die dem gläubigen Menschen gegeben ist, die “Waffe des Gebetes”! Die Verantwortlichen rufen wir auf: MACHT ENDLICH SCHLUSS!

Betroffene Eltern beraten und unterstützen wir nach Möglichkeit. Wenden Sie sich an den Herausgeber (von dem Sie auch weiteres Informationsmaterial zur Schulsexual“erziehung” sowie Schriften und Cassetten für Kinder und Jugendliche anfordern können): FREUNDESKREIS MARIA GORETTI e. V., Planegger Straße 22 b,  0-8000 München 60 (bzw. 0-81241 München).

Druck: J. Kral, Verlagsdruckerei GmbH, Abensberg.

SZ vom 6./7. Juni  96

Priesterinnen in der Katholischen Kirche?

Noch ein langer Weg

- VON RAINER MÜLLER -

Durch die Weihe von zwei Priesterinnen bei den Altkatholiken in Konstanz ist der Blick wieder auf die ,,Frauenpolitik” der übrigen Kirchen, vor allem der römisch-katholischen, gelenkt worden. Die Altkatholiken hatten sich nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von Rom abgewandt, weil sie das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes nicht mittragen konnten.

Nach Kanon 1024 des katholischen Rechts können nur Männer gültig zu Priestern geweiht werden, Frauen bleibt diese Berufung bislang versagt. So soll es auch immer bleiben, wenn es nach dem Willen von Papst Johannes Paul II. geht. 1994 hatte er in seinem apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis” definitiv festgelegt, daß die Frauen von der Priesterweihe ausgeschlossen sind und bleiben.

Der Papst will also Weichen stellen weit über sein Pontifikat hinaus und alle Nachfolger auf dem Stuhl Petri festlegen. Man kann sich nur wundern, daß Frauen immer noch die treuesten Dienerinnen dieser Kirche sind. Doch die Front bröckelt, besonders bei der jüngeren Generation. Fortschrittliche Theologen befürchten, daß die Kirche, nachdem sie fast „jugendfrei” geworden ist, bald auch ,,frauenfrei” wird. Rom bleibt trotzdem hart. Die Glaubenskongregation unter Führung von Kardinal Joseph Ratzinger hat das Nein zur Frauenweihe gar als Grundbestandteil des Glaubens bezeichnet und dieser Feststellung damit fast den Stempel der Unfehlbarkeit aufgedrückt. Diese Haltung ist umso erstaunlicher, als man auch in Rom weiß, daß das Verbot, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, theologisch auf schwachen Füßen steht. Der frühere Wiener Kardinal König hat es ohne Schnörkel ausgesprochen: Der Priester- oder Bischofsweihe der Frau in der katholischen Kirche steht kein Glaubensgrund entgegen.

Die Frauengegner heben immer wieder auf die Männlichkeit der zwölf Apostel ab. Verschwiegen wird das Umfeld der Antike und ihr Frauenbild, verschwiegen wird, daß sich aus dem Neuen Testament auch andere Sichtweisen anbieten. Paulus berichtet, daß Frauen in ihren Häusern die Feier des Herrenmahls leiteten, damit der Gemeinde praktisch vorstanden. Paulus nennt zudem weibliche Diakone wie etwa Phöbe und Junia, die er sogar als hervorragend unter den Aposteln bezeichnete.

Die theologisch gegen das Frauen-Priestertum vorgebrachten Gründe sind nicht haltbar. In Wirklichkeit haben sich die Männer in der Kirche einen Sockel errichtet, den sie ungern teilen möchten. Die Kirche hat die Frauen über Jahrhunderte hinweg geringer geschätzt als Männer. Bei der Frau müsse schon das Bewußtsein vom eigenen Wesen Schamgefühl hervorrufen. Das sagte kein Macho unserer Tage, sondern Kirchenvater Clemens Alexandrinus. Die Frau, so sehen es viele Kirchenfunktionäre auch heute noch, ist die böse Eva, die mit ihren Reizen Adam zum Sünder machte und die Vertreibung aus dem Paradies heraufbeschwor.

Es ist unerträglich, daß sich die Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend nicht zu einem anderen Frauenbild durchringen kann, das den Frauen auch den Weg zum Dienst am Altar öffnen könnte. Die Weihe von Diakoninnen wäre ein erster Schritt, gegen den auch keine theologischen Bedenken erhoben werden könnten. Diakoninnen sind durch die Bibel belegt. Rom allerdings befürchtet wohl, daß der erste Schritt bald zum zweiten führen müßte – zur Priesterin. Die Herrenrunde würde gestört, und wahrscheinlich müßte die Kirche ein anderes Verhältnis zur Sexualität entwickeln. Bis dahin müssen aber die Frauen wohl auf einen einsichtigeren Papst und einen frauenfreundlicheren Leiter der Glaubenskongregation warten, ehe sie in ihrer Kirche eine Rolle spielen dürfen.

<SZ 22./33.6.16>

Kein Beleg

Zum Kommentar von Herrn Rainer Müller „Noch ein langer Weg“ (SZ vom 6./7. Juni)

In seinem Plädoyer für die Priesterweihe für die Priesterweihe von Frauen will Müller eine solche Möglichkeit sogar biblisch beweisen, indem er behauptet, eine Junia würde von Paulus als hervorragender Apostel bezeichnet. Er bezieht sich also auf Röm. 16,7. In diesem Vers heißt es: “Grüßt Andronikus und Junias, meine Verwandten und Mitgefangenen; sie sind angesehene Apostel …“

In den verschiedenen Bibelausgaben – darunter auch anderssprachlichen – habe ich keine Junia, sondern nur einen Junias gefunden. Das Wort “Mitgefangenen” deutet doch auch eher auf eine männliche Person. Die im ersten Vers des Römerbriefes genannte Phöbe war auch keine Diakonin. Im griechischen Urtext wird sie ADOLPHE; d. h. Schwester, genannt. In der alten Vulgata heißt es ,,soror”, also ebenfalls Schwester. Die Grundfrage zum ‘Thema “Priestertum der Frau” ist doch die Frage nach dem Stifterwillen Christi. Christus hat nur Männer als Apostel berufen. Dabei hat er sich nicht einfach den Zeitverhältnissen angepaßt. Wo es für seine Sendung erforderlich war, hat er entschieden jüdische und zeitgenössische Tabus gebrochen. Das gilt auch besonders für sein Verhältnis zu den Frauen. Er unterhielt sich mit ihnen, was nach jüdischer Auffassung unstatthaft war, auch mit der Samariterin, was ihm seine eigenen Jünger sehr verübelten. Er hätte also wohl auch hier im Gegensatz zur herrschenden Auffassung die Frauen zum Priestertum zulassen können, wenn das sein Wille gewesen wäre.

PETER LAFONTAINE, Dillingen

<SZ 23./24.Nov. 96>

Mord am ungeborenen Leben

Zum Artikel “Papst streicht UN-ZuschuB” (SZ vom 6. November)

Ganze 3000 US-Dollar gibt der Vatikan als Beitrag für UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, das sich weltweit vorrangig um Ernährungsprobleme von Kleinkindern kümmert. Nun hat man auch diesen Beitrag gestrichen, weil die UNICEF Kondome verteilen und bei Abtreibungen Hilfe leisten will. Die Einstellung der Kirche gegen Abtreibung ist gerechtfertigt, weil Abtreibung stets Mord am ungeborenen Leben ist. Abtreibung läßt sich aber durch Verhütung vermeiden. Verhütung hat als Voraussetzung Aufklärung und Überlassung von Verhütungsmitteln. Die Betonköpfe der Kurie wollen nicht einsehen, daß Überbevölkerung die größte Bedrohung für die Erde darstellt. Dreitausend Dollar sind ein schäbiger Beitrag. Daran gemessen brauchten Katholiken bei den Spendenaktionen in der Fasten- und Weihnachtszeit nicht zehn, zwanzig oder mehr DM spenden, sondern maximal 1 Pfennig oder einen Bruchteil davon. Leider haben der Steuerpflichtige bei der Kirchensteuer oder auch der Spender keinen Einßuß auf die Verwendung der Mittel, ja sie wissen noch nicht einmal, wofür diese verwandt wurden. MANFBED RIESER, Merzig

Macht und Sagen im Sonderangebot

Zum Artikel “Papst streicht UN-Zuschuß” (SZ vom 6. November)

Konsequenz – gut und schön. Im anstehenden Fall mag jeder selbst entscheiden. Dazu hat er ein Gewissen. Die Institution Kirche erweist sich dem Dogma, der Kurie, dem Papst (als hoher Instanz) gegenüber konsequent. Der allerhöchsten Instanz (gemeint sind die Kirchen) hat man oft, jahrtausendelang zuwidergehandelt. Man durchblättere die Bibel. Auf Schritt und Tritt stößt man auf Beispiele, wie inkonsequent die Kirche, die Kirchen, gehandelt und gelebt haben. Es richte sich ein jeder nach seinem Gewissen und nicht nach den Direktiven einer Institution, die gegründet ist auf Macht und Herrschaft in der Welt und über die Seelen der Menschen. Nebenbei: Über die Höhe des finanziellen Beitrages des Vatikans an UNICEF kann man nur den Kopf schütteln. Hier wie überall: Sie wollen die Macht und das Sagen im Sonderangebot.

MARGARETE SKUPIN, Heiligenwald

2 Saarbrücker Zeitung <5./6. Okt. 96>

Härtere Strafen für Kindesmörder und Sexualstraftäter

Wir müssen etwas tun

- VON RAINER MÜLLER -

Der liederliche Umgang mit Sexualstraftätern in unserem Land könnte kaum treffender dargestellt werden als an einem aktuellen Beispiel in Rheinland-Pfalz. Dort wurde ein Mann aus der Untersuchungshaft entlassen, der seine Töchter 171mal vergewaltigt haben soll. Das Gericht war aufgrund von Personalmangel nicht in der Lage, die Hauptverhandlung gegen ihn zu eröffnen. Ein Skandal. Da kann man nur hoffen, daß die betroffenen Mädchen jetzt in Sicherheit sind.

Die kleine Natalie – und viele andere Kinder könnten es auch – würde noch leben, wenn ihr Peiniger und Mörder, ein Wiederholungstäter, nicht aufgrund eines gravierenden Fehlgutachtens auf freien Fuß gekommen wäre. Der Mann galt in der Beurteilung des Experten als nicht abartig. Das Vertrauen in die Fähigkeit von Gutachtern, in die Tiefe der menschlichen Psyche zu schauen und zu ahnen, welche Gedanken in diesen Hirnen kreisen, ist längst dahin. Die Irrtumsquote ist beeindruckend hoch. 70 Prozent der Triebtäter werden rückfällig.

Psychiatrische Behandlung und Betreuung bringen keine Garantie für den Ausschluß einer Wiederholungstat. Auch die chemische Kastration, die medikamentöse Unterdrückung des Sexualtriebs, die nach der Gesetzeslage nur auf freiwilliger Basis erfolgen kann, bietet keine Gewähr. Schließlich wird behauptet, eine Verschärfung des Strafrechts richte gegen Sexualstraftäter nichts aus. Und überhaupt sei das mit der Strafe so eine Sache; sie schrecke ohnehin niemanden ab. Das Fazit daraus: Wir können gegen Triebtäter einfach nichts tun.

Kein Wunder, wenn in der Öffentlichkeit Wut und Zorn hochsteigen. Diese Wut muß erhalten bleiben, sie sollte nicht abebben. Es darf nicht sein, daß wir uns angesichts der Mordfälle in den vergangenen Wochen und Monaten zunächst fürchterlich erregen, der Zorn dann langsam abflaut und wir schließlich nur noch hilflos und schulterzuckend die Arme verschränken mit der Bemerkung, man könne doch nichts tun. Irrtum, wir sind nicht hilflos, wir können etwas tun – und müssen es. Zunächst einmal gilt es, einen uralten Zopf (aus dem Jahr 1871) abzuschneiden, nach dem in Deutschland Eigenstumsdelikte härter bestraft werden als Verbrechen gegen Leib und Leben. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer Gesetzesänderung scheint sich jetzt in Bonn durchzusetzen.

Überhaupt muß den Politikern weiter Druck gemacht werden. Auch das Ergebnis der Umfrage unserer Zeitung zeigt, daß die Bevölkerung ein wesentlich härteres Vorgehen gegen Sexualstraftäter erwartet. Sie gibt sich nicht mehr mit Experten- und Politikerreden zufrieden, an deren Ende es schließlich heißt, die Gesellschaft müsse mit diesem Problem leben.

Das müssen wir nicht, wir können zu einem großen Teil damit fertigwerden. Das Recht unserer Kinder auf Unversehrtheit von Körper und Seele wiegt ungleich schwerer als irgendwelche Persönlichkeitsrechte von Kinderschändern, Vergewaltigern und Mördern, die diese für sich selbst in Anspruch nehmen oder die von cleveren Anwälten gefordert werden.

Die Todesstrafe, von vielen gefordert, ist politisch nicht durchsetzbar. Es gibt nur eine wirkungsvolle Alternative: Diese heißt lebenslängliche Sicherungsverwahrung. Sie schützt uns zumindest vor den Wiederholungstätern.

<SZ>

Wir müssen bereit sein, zu einer christlichen Ethik zurückzukehren

Zum Thema “Kindesmißbrauch”

Angesichts der sich häufenden Fällen von Kindesmißbrauch geht ein Schrei der Empörung und Betroffenheit durch alle Schichten unserer Gesellschaft. Man verlangt härtere Strafen und strengere Therapie, ja sogar die Todesstrafe. Aber selbst wenn man genug Plätze und Therapeuten hätte und auch die abzulehnende Todesstrafe verhängen würde, könnten all diese Maßnahmen uns von dieser Pestbeule der Gesellschaft befreien, wenn man das Übel nicht in seiner Wurzel zu kurieren beginnt. Müßte man nicht damit anfangen, endlich einmal über die Freigabe pornographischer “Erotik” wirklich kritisch nachzudenken? Hat nicht die “Befreiung” zur schrankenlosen Sexualität eine Entfesselung des Sexualverbrechens zur Folge gehabt? Denn schließlich hat die zur Zeit aufgeplatzte Eiterbeule eine lange Vorgeschichte. Es war vor allem die FDP in der Regierungskoalition mit der SPD, daß 1976 der Pornographieparagraph so weit gelockert wurde, daß seitdem fast alles auf diesem Sektor als “Kunst” gilt und sich im Kulturbereich bis zum Exzeß ausgetobt.

Wieso konnte man die Erfahrungen der Menschheitsgeschichte mit ihren Mythen, ihre Sagen und Märchen vergessen, die dort in tiefen Bildern aussagten, daß Circe in der Lage ist, die Männer in Schweine zu verwandeln? Und hat man vergessen, daß der Katalog vom Sinai als Sanktionierung einer jahrtausendalter Menschheiterfahrung betrachtet werden kann. Und es wäre auch zu fragen, ob nicht die Abtreibungsmentalität auch eine Rolle gespielt hat? Wo das Leben nicht mehr in jeder Phase und in jeder Bedingung von Gott geschützt und gewollt ist, wird auch eine noch so scheußliche “Lustgrenze” eher überschritten. Warum lauschten nicht wenigstens die Katholiken auf den einsamen Rufer aus Rom. Hat er nicht gewarnt vor der Kultur des Todes? Das lag gewiß daran, daß man dem Glauben das Etikett “veraltet, nur für Einfältige” aufgeklebt hatte und statt dessen Wissenschaftsgläubigkeit an die Stelle zu setzen begann. Nein, so sehr stärkere Strafen gegen diese nie dagewesene Kinderpornogrpahie angebracht sind, nach einem solchen Tiefstand der Sittenlosigkeit, den es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gab, kann es uns nur helfen, wenn wir bereit sind, zu einer christlichen Ethik zurückzukehren.

PETER LAFONTAINE, Dillingen

<SZ 8./9.3.97>

Man hat uns eingeredet, daß Gewalt und Obszönität in Film, Fernsehen und Presse eine Frage der Gewöhnung seien.                 Peter Lafontaine,Dillingen

Einen absoluten Wert anerkennen

Zu verschiedenen Leserbriefen zum Thema „Kindesmißbrauch”:

Müßte man nicht damit anfangen, über die Freigabe pornographischer “Erotik” nachzudenken? Hat nicht die “Befreiung” zur schrankenlosen Sexualität eine Entfesselung des Sexualverbrechens zur Folge gehabt? Will man nicht erkennen, wie sehr die lang verachtete Scham dem Menschen hilft, das Leben und seinen Reichtum zu schützen?

Das ist etwas anderes als Prüderie. Schamlosigkeit wirkt zerstörerisch. Man hat uns eingeredet, daß Gewalt und Obszönität in Film, Fernsehen und Presse eine Frage der Gewöhnung seien. Sigmund Freud nannte den Verlust von Schamgefühl ein Zeichen von Schwachsinn. Man hat Sekundärtugenden verspottet, Grundtugenden mißachtet, göttliche Tugenden kennt man nicht oder wagt nicht von ihnen zu sprechen. Man ruft Vorbildern. Aber solange man nicht bereit ist, einen absoluten Wert anzuerkennen wird alles Bemühen für die Heilung unserer Gesellschaft umsonst sein.

PETER L.4FONTAINE, Dillingen

<SZ 15.10.96>

Zum Sittenkatalog der Zehn Gebote zurückkehren

Zum Leitartikel von Rainer Müller “Wir müssen etwas tun” (SZ vom 5./6. Oktober)

In seinem Kommentar findet Rainer Müller sicher die Zustimmung aller Bürger, wenn er ein schärferes Vorgehen gegen Sexualstraftäter verlangt. Aber ist das genug? Müssen wir nicht viel mehr tun, um solche Scheußlichkeiten von Sexualtriebtätern aus der Welt zu schaffen? Die horrende Zunahme des sexuellen Kindesmißbrauchs und anderer Perversionen ist doch die konsequente Folge des gigantischen Feldzuges der “Befreiung der Sexualität”, der von der Mitte der 60er Jahre ab in Europa, besonders aber in Deutschland, begann. Der Ideologie dieser “Befreiungs-Kampagne” wurde mit der Übernahme der SPD/FDP-Regierung ab 1969 Tür und Tor geöffnet: Erziehung zur Sexualität vom Kindergartenalter ab wurde ohne Hemmung propagiert. Gegen Warner wurden Gift und Galle gesprüht – ganz besonders gegen den Fels in der Brandung der Sexwelle: die Katholische Kirche. Wo wir also vor allem etwas tun müssen, ist auf dem Weg zur Rückkehr zum Jahrtausende alten Sittenkatalog der Zehn Gebote. Menschlichkeit ohne Gottesglauben führt zu rohem (tierischem) Verhalten.

<SZ vom 20./21.12.97>

Das wahre Gottesreich kann nie von Rom ausgehen

Zum Thema “Kritische Kirche: Es fehlt der Mut”

Nur der Heilige Geist – nicht der Papst – werden letztendlich die Christen in das neue Jahrtausend führen. Der katholischen Kirche steht zuvor noch ein schweres Schicksal bevor, denn ein Gericht wird über sie ergehen. Die Liste der Schuldposten der katholischen Kirche ist lang. Die Abkehr vom Auftrag, den Jesus seinen Aposteln gegeben hatte, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kirche, und die Kluft zwischen der Botschaft Jesu und der Wirklichkeit ist bis heute unüberbrückbar.

Die Entartungs-Erscheinungen in dieser Kirche, die Herrschsucht und der Zwang, die bis in die derzeitige repressive Politik des Vatikans ausstrahlen, sind ursächlich für den Verfall der Kirche, Ihr System des Zwangs und des „dogmatischen Imperialismus” hat sie auf dem starren statischen Prinzip aufgebaut und verankert. Da diesem Prinzip das Element der Erstarrung innewohnt, ist ihr jegliche Flexibilität abhanden gekommen, und jetzt, da in der modernen Welt alles in dynamische Bewegung gekommen ist, werden ihr die Starrheit und die Rechthaberei zum Verhängnis.

Das Licht, dieses wahre Gottesreich, kann nie von Rom ausgehen. Denn was da geschieht, ist nur rein Äußerliches! Die Erstarrung in klischeehaften Vorstellungen und Gewohnheiten ist bei vielen Menschen infolge der falschen Erziehung durch Generationen hindurch so groß, daß die Menschen der Wahrheit, wenn sie diese erfahren, kaum noch zugänglich sind.

Wirklich erschreckend sind die Veräußerlichung und die religiöse Verflachung vieler kirchentreuer Katholiken. Man kann sich nur wünschen, daß jetzt endlich ein Ruck durch die Christenheit geht und sie sich aus der Knechtschaft dieser unheilvollen Institution befreit und zur frohen Botschaft Jesus Christus zurückkehrt,

JOSEPH WOLF, Homburg

Gebauchpinselt

Zum Leserbrief “Nicht so päpstlich” von Dr. Rudi Peter (SZ vom 24. Dezember): Es ist verständlich, wenn Herr Dr. Peter nicht als „Dillinger Solar-Papst” bezeichnet werden möchte, obwohl er sich gerade deshalb als ,,gebauchpinselt” (zu deutsch: geehrt) fühlt. Die Beschreibung für das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II. offenbart jedoch ein erschreckend tiefes geistiges Niveau von Dr. Peter.

Auch der bekannte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat sich bei einer “Talk-Show” gegen die Bezeichnung “Literatur-Papst” mit der Bemerkung gewehrt, als Jude möchte er kein Papst sein. Trotzdem sprach er sehr anerkennend über diesen Papst und hat dessen Wirken für Frieden, Freiheit und soziales Wohlergehen der Menschheit besonders gelobt.

Herr Dr. Peter befindet sich mit H. M. Enzesberger in einer besonders ,,feinen ehrenwerten Gesellschaft”, an deren geistiger Gesundheit stark gezweifelt werden muß. Dr. Peter hat sich mit diesem Brief selbst disqualifiziert und sich der allgemeinen Achtung entzogen, so daß er weiterhin wohl wesentlich weniger “gebauchpinselt” werden wird.

ALOIS MAX, Altforweiler

<DT Nr. 155, S. 3, 28.12.1989>

Es ist Zeit für den Aufstand der Gewissen

Gedanken zum Weckruf der deutschen Bischöfe / Von Professor Stephan Otto Horn

Um zwölf Uhr an diesem Donnerstag, am Fest der Unschuldigen Kinder, wird im gesamten Bundesgebiet während des mittäglichen Angelus-Läutens an die über zweihunderttausend Kinder erinnert, die nach Schätzungen jährlich in der Bundesrepublik im Mutterleib getötet werden. Das Geläut, das in den meisten Diözesen auf Empfehlung oder Anordnung der Diözesanbischöfe auf fünfzehn Minuten verlängert wird, soll, wie es in dem Beschluß des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz vom Juni dieses Jahres heißt, ein Mahn-, Trauer- und Dankgeläut zugleich sein. Der Dank richte sich an Eltern, die ihre Kinder “in großer Verantwortung vor Gott und der Zukunft unseres Volkes” annehmen würden. Die Glocken sollten anmahnen, daß die Menschheit ihre Zukunft verspiele, wenn sie sich über das fünfte Gebot “Du sollst nicht töten” hinwegsetze. Die Trauer schließlich gelte den zahlreichen in einer Abtreibung getöteten ungeborenen Kindern. Professor Stephan Otto Horn, Fundamentaltheologe an der Universität Passau, äußert im folgenden Gedanken zu dem in diesen Wochen auch innerhalb der Kirche in Frage gestellten oder gar scharf kritisierten Mahngeläute.

Die Kirche erhebt von neuem unüberhörbar ihre Stimme für den Schutz des Lebens der Kinder, besonders der ungeborenen. Unter dem Titel “Gott – ein Freund des Lebens” hat die Deutsche Bischofskonferenz zusammen mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland im November eine Erklärung über Herausforderungen und Aufgaben beim Schutz des Lebens vorgestellt. Für den heutigen 28. Dezember rufen die Bischöfe alle Katholiken zu Besinnung und Gebet auf.

Sie haben die Notwendigkeit erkannt, zur Offensive überzugehen und die Christen zu ermutigen, eine Bewegung für das Leben kraftvoll und entschieden mitzutragen. Dies geschieht in einem Augenblick, in dem auch außerhalb der Christenheit die Nachdenklichkeit zunimmt und neue Wege und Möglichkeiten für einen besseren Schutz des jungen Lebens gesucht werden. Es geschieht aber auch in einem Augenblick, in dem Ratlosigkeit und Resignation vorherrschen und bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen die derzeitige Situation noch entschiedener festschreiben möchten. Soll man es als schicksalhafte, unumkehrbare Entwicklung akzeptieren, daß in unserem Land jährlich zweihunderttausend oder dreihunderttausend Kinder im Mutterleib getötet werden? Wenn nicht, so ist es höchste Zeit für einen Aufstand der Gewissen.

Dazu bedarf es aber an erster Stelle einer Wiederherstellung des moralischen Bewußtseins in unserer Gesellschaft. Abtreibung darf nicht weiterhin, wie es in den letzten Jahren häufig geschehen ist, im Rahmen einer “humanen” Selbstbestimmung als geradezu legitime Möglichkeit hingestellt werden. In Wirklichkeit ist es zynisch zu behaupten, Selbstverwirklichung lasse sich auf der Tötung eines anderen aufbauen oder mit ihr auch nur vereinbaren. Ein ungeborenes Kind zu töten, bedeutet, einem unschuldigen Menschen ein unabdingbares Recht, ja sogar das fundamentale aller Rechte zu rauben: das Recht, sein Leben zu entfalten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich deshalb nicht gescheut, die Abtreibung ein “verabscheuungswürdiges Verbrechen” zu nennen (Gaudium et spes, 51). Wer eine solche Schuld auf sich lädt, verwirklicht sich nicht selbst, sondern verletzt zutiefst seine eigene menschliche Würde.

Josef Pieper hat diese Wahrheit unserer europäischer Kultur in seinem bekannten Buch “Über die Gerechtigkeit” treffend formuliert: “… wer das Zustehende nicht gibt, wer es vorenthält oder raubt, der verwundet und entstellt sich selbst; er ist es, der etwas verliert; im äußersten Fall: er zerstört sich selbst; es geschieht ihm jedenfalls etwas unvergleichlich Schlimmeres als dem, der Unrecht erleidet. .. ” Und er zitiert ein Wort von Sokrates: ” … Ungerechterweise einen Backenstreich zu erhalten, ist nicht der größte Schimpf, auch nicht, einem Mörder … in die Hände zu fallen; … solches Unrecht an mir zu verüben ist für den Täter des Unrechts viel schlimmer als für mich, den vom Unrecht Betroffenen .”

Es geht bei alledem nicht nur um eine tiefe moralische Verwundung einzelner Menschen, sondern um einen Vorgang, der unser ganzes Volk betrifft. Wenn in den letzten zehn Jahren bei uns zwei oder gar drei Millionen unschuldiger Kinder getötet wurden, dann haben wir allen Grund, zu befürchten, daß dies eine schleichende Vergiftung des ganzen gesellschaftlichen Lebens hervorgerufen hat.

Eine solche Situation bedeutet eine riesige Herausforderung für uns alle. Es heißt alles zu tun, um den Eltern die Bejahung ihres Kindes zu ermöglichen oder zu erleichtern, besonders dann, wenn sie sich in einer Lage befinden, die ihnen ausweglos erscheint. Es gilt jene Menschlichkeit zu schenken, durch die – wie die deutschen Bischöfe sagen – “jede Mutter in einer Notsituation ebenso wie auch das Leben ihres Kindes volle Achtung und Liebe erfahren”.

Robert Spaemann verweist auf etwas, das dabei oft zu wenig gesehen wird und das ganz in der Linie dessen liegt, was soeben ausgeführt wurde: “Gerade der Mutter, für die eine Alternative gar nicht in Frage kommt, muß wirksam geholfen werden. Die erste Hilfe besteht darin, daß man sie nicht in eine ganz unerträgliche Situation hineindrängt, nämlich die Situation, über Leben und Tod entscheiden zu müssen. Die ganze Rede von der Entscheidungsfreiheit ist deshalb so unerträglich, weil sie eben jene Not erzeugt, die sie angeblich beseitigen will. Den Menschen zum Herren über Leben und Tod zu machen, heißt ihn prinzipiell überfordern. Es bleibt noch genug Not, die unter Umständen durch das ungewollte Eintreten eines Kindes entsteht. Dieser Not muß entgegengesteuert werden. Aber es darf ihr nicht jene Erniedrigung der Menschenwürde hinzugefügt werden, die darin besteht, daß man es ihm zubilligt, Tötung als mögliche Alternative in Betracht zu ziehen. Erst hierdurch wird ja der Druck der Männer möglich, die der Frau die – ja offiziell legalisierte – Abtreibung zumuten.”

Der Weckruf der deutschen Bischöfe wird dann Sinn bekommen, wenn er uns nicht bloß nachdenklich macht, sondern uns auch zu mehr Solidarität, zu mehr Verständnis und Hilfe ermutigt.

SZ

“Kliniken leben zum Teil vom Geschäft mit der Abtreibung”

,.Jeden Tag sterben 40 000 Kinder” und “Geburtenrückgang in der BundesrepublIk”

Als ich die oben zitierte Überschrift las, dachte ich: „Na endlich hat jemand mal den Mut, den internationalen Massenmord an Kindern – vornehm Abtreibung genannt – anzuprangern.” – Vonwegen! Natürlich ist es lobenswert, das Elend mahnend zu erwähnen, das 40 000 Kindern täglich den Tod bringt. Aber ich muß gestehen, daß mir all dies entsetzlich unehrlich, ja sogar geheuchelt erscheint. Ich und nicht nur ich – kann nicht an das Mitleid einer Gesellschaft glauben, die den Mord an ungeborenen Kindern ohne weiteres geschehen läßt, ja, ihn sogar sorgfältig vertuscht.

Wer erwähnt schon, daß Millionen Kinder im Mutterleib auf grausamste Weise getötet werden, daß abgetriebene Kinder in einer regelrechten ,,Abtreibungsindustrie” verwandt werden, um Frischzellen aus dem Rückenmark sowie Organe zu entnehmen? Es werden längst nicht mehr nur Tiere für Kosmetikprodukte verwandt, es sind auch unsere eigenen – ungeborenen – Mitmenschen!

Das Geschäft mit der Unaufgeklärtheit der Frauen, der legalisierte Volksbetrug, blüht in vollem Maße. Und es ist wohlüberlegte Berechnung, die wahren Ziffern zu verschweigen, die gräßliche Wahrheit zur Lüge zu erklären und den Frauen zu suggerieren, es geschähe alles nur zu ihrem Besten, das Ungeborene spüre überhaupt nichts. Experimente und praktische Erfahrungen haben genau das Gegenteil bewiesen. Tierschutz, Kampf gegen das Baumsterben und das möglichst laut bekundete Mitleid mit an Krankheiten sterbenden Kindern erscheinen demgegenüber nur als widerliche Ablenkungsmanöver.

Angelika Seibel Saarlouis

Ratlos stehen unsere Politiker vor der Tatsache, daß die Bevölkerung in Deutschland in erschreckender Weise abnimmt. Dabei ist die Ursache doch ganz einfach zu erkennen, wenn man vor der Wahrheit nicht die Augen verschließt.

In der Bundesrepublik stehen 560 000 Geburten jährlich ca. 900 000 Abtreibungen gegenüber. Ganz bewußt gehen die alte wie die neue Bundesregierung von der Zahl der gemeldeten  „legalen“ Schwangerschaftsabbrüche aus, die 1982 mit 91000 angegeben wird. Diese Zahl gleicht nur der Spitze des Eisbergs. In Wiesbaden stellte die hessische Ärztekammer fest, da8 die tatsächliche Zahl der Abtreibungen zehnmal höher ist als die der gemeldeten. Hinzu kommen noch die „sozialen” Fälle, die in Holland und Österreich gelöst werden. Eine unrühmliche Rolle spielt auch die Justiz. Obwohl laut Bundesverfassungsgericht der Grundgesetzartikel 2 ,,Jeder hat das Recht auf Leben” auch auf das ungeborene Kind anzuwenden ist und die staatlichen Organe verpflichtet sind, das Leben der Leibesfrucht unter Strafe zu schützen, rückt kein Gericht und kein Staatsanwalt dem Verbrechen zu Leibe. Es kann doch einfach nicht sein, daß die 900 000 Abtreibungen alle aus einer schweren Notlage der Schwangeren, die anders nicht zu beheben ist, erfolgen.

Es wird zugelassen, daß fortschrittliche Beratungsstellen die Schwangeren geradezu zur „Selbstverwirklichung” ermuntern. „Selbstlose” Ärzte sind nur zu gerne bereit, schwere Notlagen zu bescheinigen und ganze Kliniken leben zu einem beachtlichen Teil vom Geschäft mit der Abtreibung.

Vielleicht werden die wenigen Kinder, die überleben durften, uns einmal die Frage stellen: „Wie konntet ihr solche Greueltaten zulassen?

RolfBeck

Ludwilla Kuhn

Ursula Cremer

Christine Reinicke

Günter Schwan

Saarbrücken

<SZ Febr. 1984>

“Ein Unrecht bleibt auch bei Mehrheitsbeschluß ein Unrecht”

ArtIkel “Notlage der Frauen bleibt ein Problem”

1700 Schwangerschaftsabbruch-Beratungen und allein 549 bei der AOK Saarbrücken gemeldete Notlagenabbrüche im Jahr 1981 sind ein alarmierendes Zeichen. Die schwierige Situation der abbruchwilligen Frauen besteht aber nicht darin (wie vom Arbeitskreis sozialdemokratischer Frauen AsF dargestellt), daß im Saarland zu wenig Krankenhäuser zu Abbrüchen aufgrund sozialer Indikation bereit sind, sondern darin, daß die Frauen aufgrund ihrer bisherigen Lebenserfahrung keine oder nicht genügend gesellschaftliche und zwischenmenschliche Hilfe für die Zeit der Schwangerschaft und danach erwarten. In vielen Fällen müssen sie mit Diskriminierung und familiärem wie gesellschaftlichem Druck rechnen.

Eine notwendige Aktion für schwangere Frauen in sozialer Notlage dürfte nicht alle diese äußerst unterschiedlichen Nöte mit einem einzigen Rezept (vermitteln von Adressen abbruchwilliger Krankenhäuser) beheben wollen, sondern müßte Hilfen vermitteln, die auf den jeweiligen Fall zugeschnitten sind. Solche Hilfen können sein: Bei zu kleinen Wohnungen eine neue Wohnung beschaffen helfen; bei arbeitenden Alleinstehenden die Versorgung des Babys nach der Geburt regeln helfen; bei finanzieller Not Sozial- und Privathilfe verschaffen; bei Angst junger Mädchen vor dem Elternhaus Gespräche führen helfen u. ä. und im äußersten Notfall Adoptiveltern vermitteln.

Warum weigern sich immer mehr Krankenhäuser , deren Aufgabe es ist, Leben zu erhalten und zu pflegen, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen? Neuere Forschungen in der Humanembryologie (besonders Prof. Blechschmidt, Göttingen), neue technische Hilfsmittel (z. B. Ultraschall in der Schwangerenvorsorge, neue fototechnische Möglichkeiten) und nicht zuletzt die vielen in den Kliniken zutage geförderten sogenannten Schwangerschaftsprodukte, zeigen eindeutig, daß sich die Entwicklung des menschlichen Embryos von Anfang an von allen tierischen Embryos unterscheidet. Der Mensch ist sichtlich von Anfang an ein Mensch und der richtige Ausdruck für „einen Menschen wegmachen” heißt „ töten”.

Ein Schwangerschaftsabbruch und Hilfe dazu darf nicht die Lösung für die schweren Notlagen von Frauen sein, sondern man sollte den Engagementwillen für die Beseitigung dieser Notlagen einsetzen. Bei anderen sozialen Notlagen würde man sich empören, wenn Beihilfe zur Tötung als Lösung der Probleme propagiert würde. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß bei uns der Schwangerschaftsabbruch in sozialer Notlage straffrei ist. Ein Unrecht bleibt auch ein Unrecht, wenn es mehrheitlich beschlossen ist.

Elisabeth Kronenberger

Saarwellingen

<SZ Sa/So Febr. 1984>

“Wer schützt das ungeborene Leben?”

“Mit Föten und Embryonen einträgliche Geschäfte gemacht.”

Es heißt nicht umsonst: “Ein Unrecht zieht das andere nach.” Die Vergangenheit hat bewiesen, daß Menschen, die sich dafür hergeben, wissentlich menschliches Leben zu vernichten, auch zu allem anderen fähig sind. Wann endlich hört unser Volk mit dem Töten auf? Es geschieht damals wie heute „im Namen des Volkes”, denn die Gesetzgeber haben wir gewählt. Wieviel Schuld wollen wir noch auf uns laden?

Da wundern wir uns, wenn Andersgläubige mit Verachtung vom Christentum sprechen. Es gibt leider nur wenige Pfarrer, die den Mut haben, das Thema Abtreibung aufzugreifen. Um gegen Massenvernichtungsmittel zu protestieren, gehen Tausende auf die Straße; wer aber protestiert schon gegen die tausendfache Massenvernichtung, die seit Jahren unter uns geschieht? Macht sich nicht jeder, der sich Christ nennt und nicht lauthals dagegen protestiert, mitschuldig?

Christel Ball

Völklingen

Schon lange bin ich entsetzt, wie ein fach und leichtsinnig heute Abtreibungen vorgenommen werden. Selbst der 5. Schwangerschaftsmonat oder sogar der 7. (Mutter drogenabhängig) bremst “dieses Geschäft” nicht, Begründung: Betten müssen belegt sein! Andererseits gibt es Mütter, die verzweifelt betteln müssen, ihrem Kind eine Lebenschance zu geben (2l. Schwangerschaftswoche). Das Baby erhielt keine Wehenhemmer, keinen Kaiserschnitt (Kinderklinik hätte Versuch zum Überleben gerne übernommen). Es lebte oder überlebte die Geburt und war zum Sterben verurteilt. so tragisch war es doch nicht, Mutter (1 Sohn) kann doch sofort wieder schwanger werden, und warum sollte es dann nicht wieder ein Mädchen sein? So einfach ist das.

Entsetzt ist man über das Abschlachten der Robbenbabys, unter Gefahren überspritzt man das Fell, um es unbrauchbar zu machen. Wer schützt das ungeborene Menschenleben? Abscheu, wenn von den Naziverbrechen die Rede ist. Ich bin sicher, eines Tages empfindet man über diese schnellen und leichtfertigen Abtreibungen und den darauf bauenden “Geschäften” den gleichen Abscheu.

Maria Schreiner

Illingen

Damit beenden wir dieses Thema.

Peter Lafontaine Pfarrer i.R. Steinmetzstr.27 66763 Dillingen/Saar

Fax06831 7009 103

Dillingen, den 4. Nov. 1993

An die

Redaktion der Deutschen Tagespost

zu Hd. von Herrn Dr. Harald Vocke

Postfach 5460

Fax: 308 63-36

97070 Würzburg

Sehr geehrter Herr Dr. Vocke!

Hiermit bitte ich um die Lizenz, das von mir ins Spanische übersetzten Interviews der D.T. mit Kardinal Meisner vom 15.10.92 in der in Chile herausgegebenen Zeitschrift Comunio veröffentlichen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen

Deutsche Tagespost

Katholische Zeitung für Deutschland

“Wenn Gott schenkt, dann für immer”

Ein Interview mit dem Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, über die Debatte um die Zukunft des Zölibats

Mit einem nachdrücklichen Plädoyer für die priesterliche Ehelosigkeit hat sich der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, in die auch innerhalb der Kirche aufgeflammte Debatte um den Zölibat eingeschaltet. Die Diskussion zeige einen. erschreckenden Mangel an Glaubenserfahrung , sagte der Kardinal in einem Interview mit der Deutschen Tagespost. Das Gespräch führte Jürgen Liminski.

Herr Kardinal, die Zweifel am Zölibat werden lauter und in den Chor der Kritiker und Skeptiker stimmen neuerdings auch Würdenträger und namhafte Funktionäre der Katholiken ein.Wie erklären Sie sich die plötzliche Belebung dieser Diskussion?

Der Hauptgrund liegt meines Erachtens in der gegenwärtigen Glaubenskrise. Diese Diskussion zeigt einen erschreckenden Mangel an Glaubenswissen und auch an Glaubenserfahrung. Eine zölibatäre Lebensform ist nur plausibel, wenn es Jesus Christus gibt. Wer Christi Existenz nicht mehr erfährt, wer Ihn nicht mehr im Herzen spürt und an Ihn glaubt, für den ist ein Zölibatärer in der Tat ein Verrückter oder Kranker. Christus sagt ausdrücklich im Hinblick auf die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen: “Wer es fassen kann, der fasse es”. Es ist erschütternd, daß heute so viele Christen dies nicht nur nicht fassen können, sondern auch nicht begreifen, vielleicht sogar nicht einmal tolerieren wollen, daß andere es fassen. Der Zweifel am Zölibat ist im Grunde ein Zweifel an der Wirklichkeit und Erfahrbarkeit Gottes. Als ob Gott in seinem menschgewordenen Sohn Christus nicht das Herz eines jungen Mannes für einen solchen Weg begeistern könnte. Erlauben Sie mir, das Wort eines Kirchenvaters, des heiligen Basilius des Großen zu zitieren, das wir Priester am vergangenen Sonntag im Brevier gelesen haben. Dort heißt es: “Da wir das Gebot der Gottesliebe erhalten haben, besitzen wir vom ersten Augenblick unseres Daseins an eine angeborene Kraft und Fähigkeit zu lieben. Der Nachweis dafür wird nicht durch äußere Gründe geführt, ein jeder kann es in sich und von sich selbst lernen. Von Natur aus streben wir nach dem Guten und Schönen, wenn auch dem einen dies, dem anderen jenes schön und gut erscheint. Ebenso lieben wir, ohne daß man es erst lehren muß, was uns durch Verwandtschaft verbunden ist und umfangen ganz von selbst alle, die uns Gutes tun, mit Wohlwollen. Nun frage ich: Was ist wunderbarer als die Schönheit Gottes? Was könnte schöner und lieblicher gedacht werden als die Herrlichkeit Gottes? Welche Sehnsucht könnte so heftig und mächtig sein wie jene, die Gott der Seele eingibt, wenn sie vom Bösen gereinigt ist und aufrichtig sagt: Ich bin krank vor Liebe (Hohes Lied 5, 8)? Ganz unaussprechlich ist das Leuchten der göttlichen Schönheit.”

Basilius der Große lebte im vierten Jahrhundert. Manche Theologen und Laien von heute meinen, der Zölibat müsse neu begründet werden, wenn man an ihm festhalten wolle.

Die Zölibatskritiker wecken mitunter den Eindruck, nicht zu wissen, wovon sie eigentlich reden. Der Zölibat ist letztlich nicht eine Frage des Kirchenrechts oder der Dogmatik, sondern eine Frage des Glaubens an Gott, der einem Menschen so nahe kommen kann, daß dieser die Partnerschaft mit Gott allen anderen Partnerschaften vorzieht. Zölibat ist also nicht Verzicht, sondern Bevorzugung. Wer das nicht fassen kann, der sollte wenigstens seine mangelnde Gotteserfahrung anderen nicht aufzwingen wollen. Der Zölibat ist nicht mit soziologischen, psychologischen oder pädagogischen Kategorien zu fassen, sondern nur mit theologischen und spirituellen. Ohne Gebet, ohne Zwiesprache mit dem Herrn gibt es keinen Zugang zum Zölibat. Ich betone noch einmal: Wer Gott in dieser Weise nicht ernst nehmen kann, dem bleibt die Wirklichkeit des Zölibats verschlossen. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, als habe die Kritik am Zölibat auch eine Alibi-Funktion für jene, die sich von der Radikalität der eigenen Christusnachfolge dispensieren wollen.

Es könnte also auch am Klerus liegen, daß eine solche Diskussion überhaupt wieder belebt wird?

Es ist sicher eine berechtigte Frage, ob wir Priester den Glanz, den uns ein solches Leben mit Gott verleiht, noch genügend aufleuchten lassen in unserem Dasein. Wir sprechen mit Recht von einer Theologie der Arbeit, von einer Theologie der weltlichen Werte, von einer Theologie des Apostolates und vergessen dabei oft die Theologie selbst, nämlich das eine Notwendige: Unsere persönliche, liebende Antwort auf die Botschaft Gottes an uns in Anbetung, Danksagung und Lobpreis. Gerade die Zölibatsdiskussion in der Kirche zeigt, wie sehr das Niveau des Glaubens als persönliche Begegnung mit Gott in den letzten Jahren gesunken ist.

Wäre der Verzicht auf das Zölibat nicht ein Mittel, um den Priestermangel zu beheben?

Dazu ist zweierlei zu sagen. Zum einen wäre die Aufhebung des Zölibats sicher kein Weg, den Priestermangel zu beheben. Ehekrisen oder gar Ehescheidungen würden den Einsatz von solchen Priestern so stark einschränken, daß wir de facto weniger Priester hätten als jetzt. Das ist kein Zweckpessirnismus, keine Horrorvision. Schauen Sie nur einmal in andere Kirchengemeinschaften, die den Zölibat nicht kennen. Zum zweiten haben wir eigentlich keinen Priestermangel, sondern einen Mangel an wirklichen Christen. Wenn etwa heute der Besuch des Gottesdienstes zahlenmäßig so schwach geworden ist, dann hat das zur Folge, daß zum Beispiel auch das Reservoir, aus dem Priesterberufungen hervorgehen können, kleiner geworden ist. Aber im Vergleich zur Zahl der Kirchenbesucher gibt es eigentlich gar keinen Priestermangel. Da nämlich der Kirchenbesuch rapider zurückgegangen ist als die Zahl der Priesterberufungen und der pastoralen Gemeindereferenten und -referentinnen, haben wir heute mehr pastorale Mitarbeiter für eine kleiner werdende Herde als in früheren Zeiten. Das ist auch ein Gesichtspunkt, der mitzubedenken ist.

Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, daß die Menschen so wenig Zugang haben zur Welt Gottes, so wenig Interesse aufbringen für sein Wirken in der Welt und somit auch das Zölibat nicht verstehen, oder nicht verstehen wollen?

Theologisch gesehen liegt es darin begründet, daß viele den Weltgeist mit dem Heiligen Geist verwechseln. Der Heilige Geist läßt uns in unserem Innern verstehen, was die Kirche uns von außen zuspricht. Ich darf an dieser Stelle den orthodoxen Metropoliten Ignatius Hazin zitieren. Er sagt: “Ohne den Heiligen Geist ist Gott fern, bleibt Christus in der Vergangenheit, das Evangelium ein totes Buch, die Kirche nur eine Organisation, die Autorität nur Herrschaft, die Mission nur Propaganda, der Kult eine Beschwörung und christliches Handeln eine Moral für Sklaven.” Denken nicht viele Menschen, auch getaufte heute so? Der Metropolit sagt weiter: “Aber mit dem Heiligen Geist erhebt sich der Kosmos und stöhnt in den Geburtswehen des Königreiches. Ist der auferstandene Christus da, ist das Evangelium die Kraft des Lebens, bedeutet die Kirche die dreieinige Gemeinschaft, ist Autorität ein befreiender Dienst, ist die Mission ein Pfingsten, ist die Liturgie Gedenken und Vorwegnahme, ist das menschliche Handeln verherrlicht.”

Menschlich gesehen darf man sicher sagen, daß die Kirche niemanden daran hindert, Glaube, Hoffnung und Liebe in Fülle zu leben. Ja, wenn alle Glieder der Kirche das täten, und zwar in allen Bereichen, in denen sie Sachkompetenz besitzen, dann wäre es um das Christentum in unserer Welt und um die Werte in unserer Gesellschaft nicht schlecht bestellt. Christus macht die Zahl der Arbeiter in seinem Weinberg ja ausdrücklich vom Gebet der Gläubigen abhängig: “Bittet den Herrn der Ernte um Arbeiter für seine Ernte.” Der Mensch des Gebetes hält das Erbetene für möglich und Gott für mächtig genug, es zu geben. Eine solche Gebetshaltung, die letztlich Glaubenshaltung ist, öffnet gleichsam das Herz Gottes, trägt die Berufenen und stärkt sie in der Anfechtung. Das dauernde Infragestellen des Zölibats wirkt nicht gerade berufsfördernd, zum Beispiel für Theologiestudenten. Von katholischen Christen müßte man schon erwarten können, daß für sie dieses Thema zu ernst, zu gewichtig und zu heilig ist, um es dem Urteil einer im Grunde nichtchristlichen Öffentlichkeit zu überlassen oder um dadurch eine zweifelhafte Publizität zu erheischen. Das ist auch eine Frage des Anstands und der Fairneß. Noch einmal: Wer es fassen kann, der fasse es und wer es nicht fassen will, der möge doch bitte diejenigen in Ruhe lassen, die sich auf diese Weise für Gott und den Menschen begeistern.

Sie werfen den Kritikern des Zölibats eine unlautere Haltung vor?

Nein, keine unlautere Haltung, sondern eine gewisse Krämergeist-Haltung. Das möchte ich schon sagen. Und auch das hat Jesus erlebt. Denken Sie an die Salbung in Bethanien. Maria von Bethanien schüttet den ganzen kostbaren Inhalt des Salböls über die Füße des Herrn, so daß vom Duft des Öls das ganze Haus erfüllt war. Und daneben stand der kleinkarierte Rechner, der Spießer und Verräter Judas. Man hätte das doch verkaufen können, war sein Kommentar. Der Herr ergreift Partei für Maria und ihre großzügige, in den Augen der kleinmütig Berechnenden freilich verschwenderische Geste. Wenigen hat der Herr ein solches Denkmal gesetzt wie dieser Maria, als er sagte: “Überall in der ganzen Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man auch zu ihrem Andenken erzählen, was sie getan hat” (Matth. 26,13). Ja, dieses Flair der Großzügigkeit sollte auch die Herzen der Gläubigen und das ganze Haus der Kirche erfüllen.

Ich frage diese Kleinmütigen: Ist es denn dieser Herr auch heute nicht wert, daß Menschen ihr ganzes Leben an Ihn allein verschenken oder, wenn Sie so wollen, verschwenden? Und ich frage mich selbst: Ist es nicht normal, daß dagegen die Krämerseelen, die Rechner, die geistlichen Pfennigfuchser aufstehen? Es ist normal, bedauerlich ist allerdings, daß es heute so viele davon gibt in unserer Kirche. Wir haben freilich einen Trost: All die vielen wiegen nicht den einen Einzigen und Unvergleichlichen auf. Man ergreift nicht die zölibatäre Lebensform, weil viele zustimmen, sondern weil Gott ruft. Liebe läßt sich nur mit Liebe beantworten. Das ist keine Frage von Demokratie, Kasse oder Statistik.

Ist der Zölibat heute noch schwerer zu leben, als in früheren Zeiten?

Ich sagte bereits, daß der Zölibat seinen Ursprung nicht in der Soziologie oder in der Psychologie hat, sondern in Gott. Als Ebenbild des dreifaltigen Gottes ist anthropologisch und theologisch ein Dasein für sich allein gar nicht möglich. Die Priesterweihe verurteilt einen Menschen auch nicht zu einem Solistendasein, sondern beheimatet ihn in eine neue Gemeinschaft, nämlich in das Presbyterium des Bistums mit dem Bischof an der Spitze. Weil es leider das klassische Pfarrhaus mit Pfarrer, Kaplan und Haushälterin weithin nicht mehr gibt, sind nun andere, neue Formen des gemeinsamen Lebens im Presbyterium zu suchen und zu experimentieren. Der Priester darf nicht zum Single werden!

Geben Sie dem Zölibat noch eine Zukunft?

Ja, und zwar jetzt erst recht. Denn der Zölibat hat seine Grundlage nicht, wie gesagt, in den soziologischen Verhältnissen um uns oder in unserer momentanen Einstellung in uns, sondern allein im rufenden und beschenkenden Gott. Gott allein genügt. Das gilt auch heute in einer Welt, in der der Mensch oft meint, die Welt und er genügten sich selbst. Wer so denkt, weiß meistens auch oder ahnt zumindest, daß dies gar nicht stimmt. Aber sie wollen es nicht wahrhaben, daß einem Menschen Gott allein genügen kann, wie es in der zölibatären Existenz eben aufleuchtet, selbst in menschlicher Schwachheit. Und deshalb nehmen sie Anstoß an dieser Form der Existenz. Aber Gott ist der immer größere Gott, wir werden Ihn mit unseren Vorstellungen nie einfangen.

Der Zölibat ist eine Gabe dieses liebenden Gottes – und zwar eine kostbare – an Seine Kirche. Diese Gabe hat durch die Jahrhunderte hindurch das Leben der Kirche bereichert. Ein Verzicht darauf wäre ein großer Schritt hin zur Verarmung der Kirche. Sie geriete in die Rolle des Hans im Glück, der mit einem Goldklumpen seinen Weg begann und mit einem Schleifstein endete. Die Kirche macht, zumindest in unseren Breiten, heute den Eindruck, daß sie mehr aufgibt als sie aufnimmt. Sie hat im pfarrlichen Leben weithin das Bußsakrament verloren, ebenso die eucharistische Andacht, etc. Das Festhalten am Zölibat ist keine Frage des Dogmas oder des Kirchenrechts, sondern der Liebe und Treue. Die Braut Kirche wird ihrem Bräutigam Christus treu bleiben und eine Form dieser Treue ist die liebevolle Ganzhingabe im Zölibat an Christus, das volle Ja zu diesem Gott, der uns dazu befähigt, der uns beschenkt. Es gibt auch andere Formen der Ganzhingabe an Gott, zum Beispiel in der christlichen Ehe oder im Ordensleben oder in einer anderen Berufung. Und wir wissen: Gott vergibt keine Leihgaben. Wenn Gott schenkt, dann nicht nur befristet auf heute oder morgen, sondern für immer. Wer das so sieht, für den ist die Frage nach der Zukunft des Zölibats kein Thema.

Sonderdruck aus der Ausgabe der Deutschen Tagespost vom 15. Oktober 1992

Weitere Informationen zu Peter Lafontaine