Gehe zu: Hauptmenü | Abschnittsmenü | Beitrag

Peter Burg Werke

Ein saarländischer Schriftsteller: Johannes Kirschweng

Text des Zeitungsartikels von Pater Lorson über Johannes Kirschweng in deutscher Übersetzung

Eine Umfrage von René Baltus: Das Saarland. Realitäten und Probleme. Teil IX. Ein saarländischer Schriftsteller: Johannes Kirschweng.

Dieser Priester, der in diesem Jahr die Vollendung seines fünfzigsten Lebensjahres feiern wird , realisiert in seiner Person und in seinem Werk im Voraus das heute an der Saar verfolgte kulturelle Ideal, das wir in unseren vorangegangenen Artikeln beschrieben haben. Mittelgroß, braune Gesichtsfarbe, schwarze Haare und kleinköpfig hat dieser Mann wie die meisten seiner Landsleute nichts gemeinsam mit dem spezifisch germanischen Typ.

Sein Großvater Johann Mathieu war Lothringer. Er selbst sagte mir lächelnd, dass sich sein Name ohne Zweifel ehemals ”Kirschvin” schrieb, und Kirschwein bedeutete ein Synonym für Kirschwasser. Diese Etymologie missfällt diesem Poeten möglicherweise nicht, denn der Wein ist für ihn Symbol, wenn nicht gar die Quelle der Inspiration.
Kirschweng ist im Herzen des Saarlandes, in Wadgassen, 10 km von der französischen Grenze entfernt, geboren, in einem Dorf, das einst durch ein Prämonstratenserkloster, von dem wir schon gesprochen haben, berühmt gewesen war. Nach einigen halbherzigen Betätigungen im Kirchendienst ließ er sich in seinem kleinen von Gärten umgebenen Elternhaus nieder, um ausschließlich von und für seine Feder zu leben. Der Tradition der Schriftsteller und Professoren in Deutschland folgend, trägt er eine dezente zivile Kleidung und eine Krawatte. Das gefällt übrigens nicht allen im Dorf.

Der Autor ist auch deshalb Saarländer, weil er über sein Land schreibt. Er ist ein “Heimatkünstler”, ein Schriftsteller, der sich mit Land und Leuten seiner Region befasst. Sein Werk zu durchqueren bedeutet also, auf eine neue Art das Territorium des Saarlandes zu durchqueren und seine charakteristischen Aspekte freizulegen.

Dichter der diskreten und reinen Natur

In seinen Erzählungen, die unserer Ansicht nach den persönlichsten und tiefsten Teil seines Werkes bilden, bringt Kirschweng die familiären und alltäglichen Aspekte des Dorflebens zur Sprache, die Reaktion der Menschen und der Dinge auf grandiose oder auch winzig kleine Ereignisse der Natur oder der Kultur.

<S. 6> In Prosagedichten, die man auch „Emaillen und Kameen“  nennen könnte, besingt er die Brunnen und Bäume, die Blumen und Flüsse seines Landes, die Heidelbeeren und die Erdbeeren, die Wespen und die Raben, den Regen und den Wind. Es ist unmöglich, diese kleinen Bilder zusammenzufassen, die beladen sind mit Bewunderung, Tränen und Lachen. Die dort beschriebene Natur ist nicht so prächtig wie die des Südens noch so rau wie die der nördlichen Küsten. Sie ist diskret und fein, sie steht vor allem im unaufhörlichen Kontakt mit einer fleißigen Bevölkerung, die sie (die Natur) gleichzeitig nutzt und bewundert.

Das romanische Temperament des Poeten wird daran deutlich, dass er nicht versucht, diesen kleinen Erzählungen oder Ausarbeitungen mit einer schweren Lebensphilosophie zu verbinden, wie es ein rein germanischer unweigerlich tun würde, oder, da er ein Priester ist, mit einer „Theologie der irdischen Realitäten“. Nichts von alledem. Der Autor glaubt, dass die Dinge selbst als Werke Gottes geeignet sind zu trösten, zu stimulieren, mit dem Leben zu versöhnen, um das Herz schneller schlagen zu lassen. Er sucht nichts mehr. Er glaubt nicht, dass Poesie und Weltanschauung Synonyme sind. Man könnte einen religiösen Akzent häufiger und tiefgründiger wünschen. Sind die Saarländer nicht ein religiöses Volk? Der Autor zeigt sich darin schamhaft, und das ist vielleicht auch einer seiner Wesenszüge. Aber seine Religiosität tritt mehr als einmal zutage.

Eine bewegte Geschichte

In einem anderen Teil seines Werkes ruft Johannes Kirschweng breiter und methodischer die bewegte Geschichte und den komplexen Charakter seines kleines Landes vor Augen, seine Legenden, seine Folklore und seine Erwartungen. In dem Roman mit dem Titel “Der Neffe des Marschalls”  beschreibt er den geistigen Widerstand der von Vauban erbauten Stadt Saarlouis gegenüber den Borussifizierungsbemühungen um 1830. Das Buch könnte ein wenig für das Saarland das sein, was das von Bazin, Les Oberlé, für das Elsass, und das von Barrès, Colette Baudoche, für Lothringen war. Gemäß einer robusten Tradition der deutschen Literatur hält sich der saarländische Romancier stärker an die Geschichte als seine französischen Kollegen. Dieses Faktum gibt seiner Erzählung eine gewisse Schwere. Das ist ohne Zweifel die Schwere, die bei uns den historischen Roman, der ein hybrides Genre betrachtet wird, vernachlässigen ließ. Aber man versteht über diesen Roman, der nicht ins Französische übersetzt ist, gut wertvolle Details über das Saarland.

Der „Kathedralenläufer“

In einer in Colmar während des Krieges erschienenen Novelle wird Lothringen am Ende des 18. Jahrhunderts vor Augen geführt. Der Autor führt dort eine Idee ein, die ihm teuer ist: die politische oder wenigstens kulturelle Renaissance des alten Lothringen, wovon das Saarland lange einen Teil gebildet hat. Die Hauptfigur der Erzählung wird Kathedralenläufer genannt. Jedes Jahr geht in der Tat dieser wohlhabende lothringischer Bauer ohne anderes Fortbewegungsmittel als seine Beine bald nach Trier, bald nach Straßburg und bald nach Metz. Er bleibt dort mehrere Wochen im Schatten der kostbaren Kathedralen, die den Ruhm dieser Städte bilden und die die ganze christliche Welt verkörpern, der unser Pilger in Liebe verbunden ist. Er begegnet dort Moselanern, Metzern und Elsässern, mit denen er sich in völliger Einheit fühlt. Man kann dieses köstliche Buch vergleichen mit dem von Barrès: Les amitiés françaises. Barrès führt dort den jungen Philipp an die wichtigsten Heiligtümer des Landes, an die „hohen Orte, wo der Geist weht“, um dem Kind die Seele Frankreich zu imprägnieren. Der Kathedralenläufer von Kirschweng hat dieselbe Glut, aber sein Land genügt ihm nicht. Es fehlt ihm Europa, das Herz des alten christlichen Europa. Ist das nicht viel besser?

Einer der jüngsten Romane: Der Schäferkarren, ist in der Nachkriegszeit angesiedelt, an den Grenzen des Saarlandes und dem deutsch-sprachigen Lothringen. Die Leute dort sprechen auf der einen wie auf der anderen Seite denselben Dialekt, heiraten untereinander, versammeln sich zur Pilgerschaft zur Heiligen Oranna und bitten dieselbe Heilige um die Rückkehr ihrer Gefangenen aus Russland. Sie leiden an denselben Kriegswunden, nehmen an derselben Folklore teil und begehen die gleichen kleinen Sünden. Die Personen dieses Romans ignorieren ganz ruhig die Grenzen und scheinen als Devise das Wort der Schrift zu haben: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Man muss gestehen, dass das mehr eine Antizipation als eine Beschreibung der gegenwärtigen Realität ist. Warum sind sich heute viele Saarländer und Lothringer spinnefeind?

Adieu zu Preußen

Wir werden unseren Lesern noch eine persönlichere Arbeit von Johannes Kirschweng anzeigen, eine Art Bekenntnis, für das er jenseits des Rheins scharf getadelt wurde.  Er verschickte Abschiedsgrüße, nicht nach Deutschland, dem er sich tief verpflichtet fühlt, sondern an Preußen und an das Preußentum.  Nachdem er die geistigen Reichtümer erwähnt hat, die er Deutschland schuldet und die er in Namen wie Goethe, Höderlin, Beethoven, Claudius, Mörike, Stifter personifiziert, führt er die französische Zivilisation vor Augen, die unsterblichen Kathedralen, Cézanne und Fragonard, Montaigne und Rabelais, Stendhal und Balzac. Er erklärt sich geistig Frankreich, dessen Sprache und Literatur er wirklich gut kennt, ebenso verpflichtet wie Deutschland, das seine Hauptnährmutter war. Er drückt den Wunsch aus sein kleines Land als Bindestrich zwischen den beiden Nationen dienen zu sehen, die sich so lange bekämpft haben statt sich wechselseitig zu bereichern.

Unter Berufung auf seinen Großvater mütterlicherseits, Johann Mathieu, schreibt Johannes Kirschweng diese Zeilen, die wir unseren Lesern übersetzen wollen: „Mir ist Goethe aufgegangen und Beethoven, von denen <mein Großvater> vielleicht die Namen nie gehört hat, und unzähliges Andere. Ich weiß aber trotz allem, dass uns, wenn wir Jahre meines reiferen Lebens hätten zusammen wandern dürfen, ein sehr verwandtes Lebensgefühl miteinander verbunden hätte. Und zwei Dinge habe ich – unter anderem – von ihm geerbt: eine unerbittliche Abneigung gegen alles preußische Wesen und eine tiefe Liebe zu dem sanften, menschlichen Land im Westen. Ich habe bis in die Tage der Nazigreuel hinein nie daran gedacht, dass ich etwas anderes sein könnte als ein Deutscher. Aber das Wort, das irgendjemand irgendeinmal geschrieben hat, jeder Mensch habe zwei Vaterländer: das eigene und dann Frankreich, dieses Wort hat für mich immer eine besondere Realität gehabt. Und so geht es vielen hier im Westen und zumal in meiner Heimat.“

Die Stunde der Einheit

In diesem Bekenntnis haben einige einen schlimmen Verrat am deutschen Vaterland gesehen. Andere haben es als Schmeichelei gegenüber Frankreich qualifiziert oder gar als Kalkül. Warum diese übelwollenden Interpretationen? Ist es ein Verbrechen, sich von Preußen und Deutschland zu trennen? Haben nicht viele große Deutsche das gemacht? Ist es ein weiteres Verbrechen Frankreich zu lieben, weil dieses ein „erblicher“ Feind gewesen ist? Wir sehen in diesem Bekenntnis die Haltung eines freien Mannes, der begriffen hat, dass die Stunde des Hypernationalismus vorbei ist und dass die der Union Europas begonnen hat. Das ist ein kostbares Zeugnis, das uns alle inspirieren kann.

Mehr zu Johannes Kirschweng

Mehr zum Pater Peter Lorson