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Peter Burg Werke

Jubiläumsreden 1975

Festveranstaltung im Saale Lorson-Mirold am 08. November 1975 aus Anlaß der 250. Wiederkehr der Gründung des Dorfes Friedrichweiler und des 50-jährigen Bestehens der Filialkirche Friedrichweiler

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Meine lieben Friedrichweiler Mitbürger!

Da ich mich von Berufs wegen mit Geschichte beschäftige, konnte und wollte ich es mir nicht nehmen lassen, anläßlich unserer beiden Jubiläen, der 250-Jahr-Feier des Dorfes und der Grundsteinlegung zur Kirche vor 50 Jahren, eine Darstellung der Geschichte unseres Dorfes zu Stande zu bringen und den Festvortrag zu halten. Ich fühlte mich dem Dorf und meinen Vorfahren gegenüber dazu verpflichtet. Zeitweise hatte ich die Absicht, diesen Vortrag in unserer Mundart oder “platt” zu halten. Auf die Idee brachte mich bezeichnenderweise kein Einheimischer, sondern mein Hamburger Freund Gerd Knappwost, der mich darauf verwies, in Hamburg würde dies so geschehen und auch der Bundeskanzler Helmut Schmidt würde auf Hamburger Veranstaltungen in seiner Mundart sprechen. Eine Rede im Dialekt wäre mir aber, ich muß es zugestehen, schwer gefallen. Ich möchte übrigens erwähnen, daß das Ehepaar Knappwost eigens zu diesem Fest aus Hamburg hergereist ist.

In Anbetracht der gründlichen Nachforschungen zur Geschichte des Dorfes, die wir in unserem Buch zu Papier gebracht haben, und der halben Stunde Zeit, die mir zur Verfügung steht, war für miich die unumgängliche Auswahl der Themen dieses Vortrags schwierig. Ich denke, es sollte über die Entstehung des Dorfes geredet werden, da sie der Hauptanlaß unserer heutigen Zusammenkunft ist, ferner über Familien- und Sozialgeschichte, da wir hier etwas vom Leben und Tun unserer Vorfahren erfahren, drittens von der Bevölkerungsentwicklung, wodurch das Wachstum unseres Dorfes vergegenwärtigt wird, und schließlich vom Kirchbau, aufgrunddessen wir ein Doppeljubiläum feiern. Ein Vergleich zwischen früher und heute wird dabei zeigen, was anders war und was erhalten geblieben ist.

Von einem Dorf namens Friedrichweiler kann man seit dem 3. November 1725 sprechen, da an diesem Tag die Gründungsurkunde von Graf Friedrich Ludwig von Nassau-Saarbrücken unterzeichnet wurde. Friedrich Ludwig, nach dem das Dorf benannt ist, feierte an diesem Tage seinen 75. Geburtstag. Daß wir uns an diesem Wochenende hier versammeln, hat seine Ursache im Datum der Urkunde. Wir feiern die Gründung in der Art, wie wir einen Geburtstag feiern.

Die Dorfgründung und -entstehung war ein Prozeß und der 3. 11. 1725 eine Station in diesem Prozeß. Schon mehr als zehn Jahre früher hielten sich, wie die Pfarregister aus dieser Zeit nachweisen, Menschen in dem damaligen Waldgebiet auf. Als Pottaschbrenner und Köhler verdienten sie ihren Lebensunterhalt. Unter ihnen befanden sich auch die fünf Gründer, denen bereits vor der Gründung ein festes Siedlungsrecht in Form eines Dorfes in Aussicht gestellt worden war. Sie hatten auch bereits Ackerland zur Verfügung. Eine Siedlergruppe, ich möchte sagen die Kerngruppe, wohnte in Holzhütten Im Unterdorf, hier in der Nachbarschaft. Es handelt sich um den Remark-Lorsonschen Familienverband, der fast 30 Personen umfaßte.

Betrachtet man diesen Verband näher und stellt man sich die Frage nach dem Stammvater der Friedrichweiler Einwohnerschaft, so ist Johann Remark als solcher zu bezeichnen. Er war mit seiner Frau Maria Georgia Bourbon und seinen Kindern hierhergekommen und starb 1713, 12 Jahre vor der Dorfgründung. Er hat das Land von Friedrichweiler noch gesehen, aber von der Dorfgründung nichts mehr gewußt. Er wollte sich wie viele andere nur zeitweilig in diesem Raume aufhalten. Der an der Bist gelegene Unterbrunner Hof und das Waldgebiet waren eine Art Durchgangsstation für viele, die auf der Suche nach einer festen Bleibe waren. Die Nachkommen von Johann Remark fanden durch die Dorfgründung diese Bleibe. Die eingesessenen Friedrichweiler, die hier versammelt sind, sind seine Nachkommen. Auch viele der Einwohner der Nachbarorte werden ihn als Vorfahren haben, da sich die Bevölkerung der Dörfer im Laufe der Zeit stark miteinander vermischte.

Johann Remark kam vermutlich aus Lothringen in diesen Raum, der Name seiner Frau, Bourbon, deutet z.B. darauf hin. Zwei seiner Söhne gehören zu den fünf Gründern: Paul und Franz Remark, seine Tochter Anna Maria war mit dem dritten Gründer, mit Ciemens Lorson, verheiratet. Der Remark-Lorsonsche Familienverband blieb seßhaft, während die Nachkommen der zwei anderen, von Anton Trevel und seinem Schwiergersohn Johannes Nikolaus Weber, nach dem Tode dieser beiden weiterzogen.

Nach Erhalt des Dorfrechts ließen sich die fünf Siedler häuslich nieder. Clemens Lorson hatte 1726 als erster sein Haus erbaut. Die ersten Häuser befanden sich in der heutigen Hauptstraße, nördlich und südlich der Straße lagen die Gärten. Auf dem Marktplatz befand sich das der Gemeinde gehörende Hirtenhaus. Rings um die Gärten lag das Ackerland. Die fünf Gründer erhielten je 70 Morgen Land zugewiesen. Die Bannfläche dehnte sich in den folgenden Jahrzehnten weiter aus. 1755 stieß sie westlich, südlich und östlich an ihre heutigen Grenzen. 1761 wurde der Bann des Unterbrunner Hofes dazu erworben und die endgültige Ausdehnung erreicht.

Vor der Erwerbung des Unterbrunner Bannes war die nördliche Grenze die die Gewanne “Luderkreid” und “Hambücherlängt” trennende Linie, danach die Bist, die zugleich Bann- und Landesgrenze war. Nördlich der Bist lagen die Bänne der lothringisehen Dörfer Berus und Differten. Im Osten grenzte der Schleimbach das lothringisehe Differten vom nassauischen Friedrichweiler ab. Der Friedrichweiler Bann erstreckte sich nach den heutigen Benennungen über die Flure XIII bis XVII der Gemarkung Differten.

Der Bann erhielt in der Entstehungsphase seine heutige Struktur. Das heutige Netz von Straßen und Feldwegen sowie die Richtung des Parzellenverlaufes der einzelnen Gewanne wurden damals entschieden. Die Hauptverbindungswege waren jedoch andere als heute. Der wichtigste Weg ging in Richtung und über den Unterbrunner Bann. Für die Verkehrsstruktur war die jahrhundertealte Einzelsiedlung bestimmend. Ausgerechnet diese ehemalige Hauptverbindung (heute die Eulenmühlstraße) ist heute noch teilweise in unbefestigtem Zustand.

Es ist vielleicht von Interesse, an dieser Stelle ein Paar Worte zum Unterbrunner Hof zu sagen. Unterbrunn ist urkundlich seit 1462 nachgewiesen und danach mehr als doppelt so alt wie Friedrichweiler, vermutlich ist das Gebiet aber seit alters her besiedelt. Wie Hostenbach und Schaffhausen ihre Jubiläen von ersten urkundlichen Nachweisen ableiten, könnte dies auch bezüglich Unterbrunn geschehen. 1962 hätte man demnach das 500-jährige Jubiläum des Dorfteils Unterbrunn feiern können. Ich denke, aller guten Dinge sind drei, und schlage vor, daß wir das 500jährige Jubiläum von Unterbrunn nachholen und mit dem Jubiläum der Dorfgründung und der Grundsteinlegung zur Kirche verbinden.

Grundherr und damit Hauptabgabenempfänger war lange Zeit die Abtei Busendorf, zeitweilig ein Rat namens Schmidt und zuletzt der nassauische Landesherr selbst. Der Hof wurde von den Grundherren verpachtet. Er wurde in den letzten Jahrzehnten seines Bestehens zuerst von Johannes Wolff, dann von dessen Sohn Michael Wolff verwaltet. Ein zweiter Sohn, Hans Martin Wolff, kam 1744 nach Friedrichweiler und übernahm dort den Besitz des inzwischen verstorbenen Anton Trevel. Die Wolffs blieben in Friedrichweiler ebenso seßhaft wie Johannes Burg aus Hostenbach, der 1749 eine Tochter des Gründers Paul Remark heiratete. Mit der Zuwanderung von Johannes Burg war eine Aufteilung des Landes auf sechs Besitzer verbunden. Nur kurze Zeit waren die Witwe von Johannes Reuther und ihr Sohn Hof- und Landbesitzer; sie hatten den Weberschen Besitz übernommen. Als Johannes Reuther der Jüngere wegzog, wurde sein Land unter die Seßhaften verteilt, eine Fläche von immerhin fast 40 ha. Bis in die 1760er Jahre war der Landbesitz gleich unter die Gemeindemänner verteilt, weil bis dahin das Anerbenprinzip, d.h. die Erbfolge eines Kindes, meist des ältesten Sohnes, galt. Danach begann eine Verschiebung des Gleichgewichts. Diejenigen, die nun nach Friedrichweiler einwanderten, fanden ein aufgeteiltes und in festem Besitz befindliches Land vor. Zu Landbesitz konnte man im wesentlichen nur noch über Heiraten in die altansässigen Familien gelangen.

Familien-, Besitz- und Sozialgeschichte waren und sind eng miteinander verflochten. Interessehalber seien noch die drei nächsten Familien genannt, die ins Dorf gekommen und hier geblieben sind: Seit 1789 ist der Leinenweber Philipp Zapp aus Kirehshoff nachgewiesen, seit 1810 der Tagelöhner und Bergmann Peter Reinstädtler, nach 1816 war der Ackerer Wilhelm Fischer aus Differten einige Jahre hier, aber erst dessen Sohn Johannes Fischer blieb zeit seines Lebens in Friedrichweiler. Die Fortsetzung der Reihe kann in unserem Buch nachgelesen werden.

Im ersten Jahrhundert haben die Friedrichweiler Einwohner so gut wie nicht unter sich geheiratet, das war erst im 19. Jahrhundert der Fall. Die Besitzzersplitterung, die infolge der ständigen Erbteilungen gleichsam unter einem Beschleunigungsfaktor stand, wurde infolge der Verheiratung innerhalb des Dorfes nur gering aufgefangen. 1755 gab es nur sechs Hof- und Landbesitzer, 1830 gab es 90 Landbesitzer und 32 Häuser, heute gehen die Zahlen in die hunderte.

Im ersten Jahrhundert bestand der Haupterwerb der Einwohnerschaft im Ackerbau. Ackerbau und Religion prägten den Jahresrhythmus. Aus konfessionellen Gründen fanden im Fastenmonat März keine Heiraten statt, die Zahl der Heiraten in den Erntemonaten war mit Abstand niedriger als die der Heiraten in den Wintermonaten. Daß heute die Verhältnisse anders liegen, ist ein Zeichen der gewandelten Lebensverhältnisse. Das bäuerliche Leben war ein anderes als das heutige. Das Land hat für die Mehrzahl von uns die Bedeutung verloren, die es über zwei Jahrhunderte lang hatte, da es heute nur von wenigen mit Hilfe der modernen Technik bestellt wird. Die Beziehung der Bevölkerung zum Land hat sich dadurch gewandelt, und man muß nun sagen, es war einmal ein wichtiger geschichtlicher Faktor.

Die Beschaffenheit des Landes, auf dem sich unsere Vorfahren abmühten, war und ist dem Ackerbau nicht günstig. Größtenteils besteht der Boden aus Sand, in geringen Mengen und in wenigen Gebieten ist der Sand mit Lehm vermischt. Die Ertragschance des Bodens aufgrund seiner natürlichen Beschaffenheit liegt im Schnitt bei einem Viertel der besten Böden Deutschlands. Das bedeutet, unsere Vorfahren mußten etwa die vierfache Fläche bestellen, um den Ertrag zu haben, der auf den besten Böden erzielt wurde.

Durch die Besitzzersplitterung war der Ackerbau als alleinige Erwerbsgrundlage im 19. Jahrhundert nicht mehr ausreichend, auch die Steigerung der Ertragsfähigkeit des Bodens durch verbesserte Bewirtschaftungsmethoden fing die Verarmung nicht auf. Die beginnende Industrialisierung schuf neue Erwerbsmöglichkeiten. Die Einwohnerschaft von Friedrichweiler fand Beschäftigung in Gruben. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte die Umwandlung des Dorfes vom Bauern- in ein Bergmannsdorf. Das Land wurde im Nebenerwerb besteJlt. Vertreter anderer Berufe als dem des Bergmanns waren in der Minderheit. Die Phase des Bergmannsdorfes reichte bis zum Zweiten Weltkrieg, danach begann die Umschichtung zum Industriearbeiterdorf,und im wesentlichen ist diese dritte Phase noch heute vorhanden. Die Fächerung der vertretenen Berufe ist allerdings größer geworden. Die Zahl der Angestellten hat gegenüber der Arbeitermehrheit aufgeholt. Die soziale Einheitlichkeit ist einer größeren Unterschiedlichkeit in Beruf und Ausbildung gewichen.

Ein wichtiger Bereich der sozialen Verhältnisse ist die Familienstruktur. Sie ist heute anders als früher. Im Durchschnitt hatte eine Familie im 18. und 19. Jahrhundert zehn Kinder. Die Frauen gebaren die Kinder im Abstand von zwei oder drei Jahren. Bei diesem Sachverhalt mußte vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Existenzsicherung den Hauptzweck des Lebens ausmachen. Schul- und Berufsausbildung mußten hintenanstehen. Der Analphabetismus, die Unfähigkeit zum Lesen und Schreiben, war – in abnehmender Tendenz – bis zur Schwelle zu diesem Jahrhundert verbreitet; langsam und stetig wurde durch den Besuch der Schulen in Differten und schließlich seit der Jahrhundertwende in Friedrichweiler das nötige Grundwissen beigebracht. Die soziale Lage machte es aber nicht möglich, gegenüber bessergestellten Schichten des Volkes aufzuholen. Durch soziale Maßnahmen und Grundsätze des Staates ist die Chancengleichheit heute verbessert.

Familien- und Sozialgeschichte hängen schließlich auch mit meinem dritten Thema zusammen, der Bevölkerungsentwicklung. Faktoren dieser Entwicklung sind Geburten, Lebensdauer, Zu- und Abwanderungen. Alle diese Faktoren waren Schwankungen unterworfen. Gegenüber den Gründerfamilien hat sich die Zahl um das Dreißigfache vermehrt. Der Zuwachs war jedoch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt nicht ganz kontinuierlich. Vor allem Herrschaftswechsel (etwa der von nassauischer unter französische und von französischer unter preußische Herrschaft) und Kriege wirkten sich stagnierend aus.

Den zahlreichen Geburten standen in den zwei ersten Jahrhunderten seit Bestehen des Dorfes sehr viele Todesfälle von Kindern unter zehn Jahren gegenüber. Im ersten Jahrhundert starben in der Regel von zehn Kindern drei, im zweiten Jahrhundert zwei. Die Lebenserwartung der Menschen war bedeutend niedriger als heute; im ersten Jahrhundert lag die Durchschnittsgrenze bei 45, im zweiten Jahrhundert lag sie etwa zehn Jahre höher. Die 90-Jahres-Grenze wurde erst in diesem Jahrhundert überschritten; die beiden ersten waren Anna Maria Stuhlsatz, die Frau von Johann Rusé, auch Russe genannt, und Nikolaus Moll. Das Alter von 93 Jahren, das unser ältester Bürger Jakob Wolf bis jetzt schon aufweist, hat noch nie jemand in Friedrichweiler erreicht. Insgesamt dürfte sich heute die Lebenserwartung wiederum um mindestens 10 Jahre auf 65 Jahre erhöht haben. Zweifellos ist darin eine Folge des gewachsenen Lebensstandards zu sehen, an dessen Steigerung der technische Fortschritt einen großen Anteil hat.

Die Bevölkerungsvermehrung erfolgte mehr durch Geburtenüberschuß und steigende Lebenserwartung als durch Zuwanderungen, denn die Abwanderungen haben die Zuwanderungen in Friedrichweiler übertroffen. Hier liegt eine Antwort auf die Frage, warum Friedrichweiler sich vergleichsweise langsam vergrößert hat. Im 19. Jahrhundert wanderten etwa 200 Personen aus, während die Zahl der Zuwanderungen etwa die Hälfte betrug. Der intensivste Bevölkerungsaustausch, etwa 60 %, fand mit Differten statt. Infolgedessen dürften heute mehr Differter mit den Friedrichweiler Stammlinien verbunden sein als manche ahnen.

Heiraten waren wohl nur vordergründig Ursachen dieser Abwanderungen. Vermutlich waren es die Lage zum Arbeitsplatz und die bessere Erwerbsmöglichkeit, die zur Abwanderung führten. Die Gruben in Hostenbach und Schwalbach lagen z.B. näher zu Differten als zu Friedrichweiler. Die Auswanderungen nach Amerika waren im Vergleich zu denen in die benachbarten Gemeinden in der Minderheit. Die Bevölkerungsbewegung ist in der Hauptsache im Rahmen der Landflucht zu sehen, aufgrund deren sich in Deutschland im allgemeinen die Bevölkerung vom Land in die Stadt oder in Stadtnähe begab, weil sich dort die Industrie ansiedelte und sich bessere Beschäftigungsmöglichkeiten boten.

Was mir bei der Zusammenstellung der Personenkartei, in der alle Friedrichweiler Einwohner von der Gründung bis 1920 erfaßt wurden, aufgefallen ist, ist, daß die ausgewanderten Linien oder Nebenlinien nicht mehr nach Friedrichweiler zurückkamen, auch wenn die Auswanderung nur bis Differten ging. Es gibt sehr früh nach Differten abgewanderte Remark-Abkömmlinge, es gibt den nach Bisten abgewanderten Stamm des Nikolaus Burg, es gibt nach Ludweiler ausgewanderte Lorsons, von denen kein Namensträger zurückgekommen ist.

So kommt es, daß die Stammlinien oft nur über wenige Kinder der Urväter laufen: Der hier im Dorf am weitesten verbreitete Name Lorson ist von Bernhard und Johann Nikolaus, zwei Söhnen von Clemens Lorson, abgeleitet. Die Träger des Namens Burg leiten ihren Namen von zwei Söhnen des ersten Johannes Burg ab, vom ältesten Sohn Peter und vom jüngsten Sohn Johannes, der mit einer Tochter des um 1800 relativ reichen Bauern Renkes aus Differten verheiratet war. Unser ältester Bürger Jakob Wolf hat seinen Namen von Hans Martin Wolf. Trotz zahlreicher Kinder der Brüder Wolff im 18. Jahrhundert gibt es heute nur wenige Träger dieses Namens. Jeder Familienstamm hat gewissermaßen sein eigenes Schicksal, das durch die Abwanderungen nur zum Teil bestimmt war.

Hinsichtlich der Abwanderungen hat heute die Lage des Arbeitsplatzes als Faktor an Bedeutung verloren. Durch die Motorisierung und öffentlichen Verkehrsmittel können die Arbeitsstellen im Umkreis von 20 km verhältnismäßig rasch und leicht erreicht werden. Das Land gewinnt als Wohngebiet in Umkehrung zur früheren Entwicklung selbst für Städter an Reiz, da Umweltbedingungen und Grundstückspreise hier günstiger sind.

Mein letztes Thema ist der zweite Grund unserer Feier, der Kirchenbau 1925/26. Der Weg zur Kirche wurde für Friedrichweiler im Laufe der Geschichte immer kürzer. Im 18. Jahrundert besuchten die Friedrichweiler die Oberkirch in Wadgassen, dort wurden die Kinder getauft und fanden die Heiraten statt sowie auch die Beerdigungen. Um 1800 wurde dann die Kirche in Differten besucht, und auch dieser Weg wurde auf die Dauer beschwerlich. Durch die sich steigernde Bevölkerungszahl war es angebracht, eine eigene Kirche im Dorf zu haben. Unter großem Einsatz der Friedrichweiler Bevölkerung und der Initiative des Pfarrers Ehses wurde der Bau vorangetrieben. Am 1. Juni 1925 wurde der Grundstein zum Bau gelegt. Die Bürger machten eine Hauskollekte im ganzen Saargebiet und halfen mit Händen und Fuhrwerken. Am 22. 8. 1926 wurde die Kirche eingesegnet. Im Januar des Jahres 1927 wurde schließlich die Baugenehmigung von der Regierungskommission des Saargebietes erteilt, als die Friedrichweiler längst ihre Kirche im Dorf besuchten.

Die Kirche wurde dem Heiligen Franz von Assisi geweiht. Reliquien wurden Pfarrer Ehses aus Rom zur Verfügung gestellt. Der Wunsch des Pfarrers Ehses, in Friedrichweiler ein eignes Pfarrhaus zu errichten und als Ruhestandsgeistlicher hier seinen Lebensabend zu verbringen, ging nicht in Erfüllung. Bei dem heutigen Mangel an Geistlichen einersei ts und dünner werdenden Reihen in der Klrche andererseits wird der Plan eines eigenen Pfarrhauses wohl nicht mehr aufgegriffen werden. An dieser Stelle sei bemerkt, daß Friedrichweiler selbst im Laufe seiner Geschichte nur einen Geistlichen hervorgebracht hat, nämlich Paul Ahr, der vor wenigen Jahrzehnten in Österreich gestorben ist.

Abschließend möchte ich ein Resümee aus der Betrachtung der Dorfgeschichte ziehen. In gewisser Hinsicht könnte man die Entwicklung zur Gegenwart hin als Fortschritt, insbesondere wegen der Hebung des Lebensstandards begreifen. Es stellt sich die Frage, ob nicht ansatzweise Entwicklungen vorliegen, die in eine negative Richtung verlaufen. Um die Frage an einem konkreten Beispiel zu stellen: Sind wir heute noch zu solchen Gemeinschaftswerken fähig wie denen des Kirchenbaues? Viele werden mit mir sagen, daß sie nicht sicher sind. Freilich gibt es noch positive Beispiele in der jüngsten Vergangenheit. Man braucht nur an den Bau der Obstverwertungsanlage zu denken, wo ein Verein mi t schwacher Kasse einen Bau riskiert hat, der für ihn finanziell einige Nummern zu groß war. Die Bereitschaft der Vereine, zu den diesjährigen Jubiläen ein Buch zu verlegen, verweist in diese Richtung und knüpft an alte Traditionen an.

Den Kirchbau von 1925/26 vor Augen sollten Bev8lkerung und Vereine die Fähigkeit zu großen Gemeinschaftswerken bewahren. Die Fähigkeit kann bei der Jubiläumsfeier an Pfingsten nächsten Jahres erneut unter Beweis gestellt werden. Das Fest möge darüberhinaus die Verbundenheit der Friedrichweiler unter sich und zu seinen Nachbarn eindrucksvoll demonstrieren. Wie ich die Friedrichweiler Einwohner kenne, werden sie den Ehrgeiz haben, sich und ihren Gästen ein groBes Fest zu bereiten. Wir wollen, daß unsere Gäste sagen können, um wenigstens im Schlußsatz noch unser “Platt” zu gebrauchen: “No Fridichwilla koma gen, do wäs ma noch, wie ma Feschte feiat”.

Festakt am 30. 10. 1975 im Gemeindesaal Wadgassen-Hostenbach anläßlich der 750-, 650- und 250-Jahrfeier der Ortsteile Hostenbach und Schaffhausen, sowie des Gemeindeteiles Friedrichweiler

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Die Möglichkeit, daß ich heute vor Ihnen spreche, ist vor 250 Jahren geschaffen worden. Im Jahre 1725 wurde nämlich dem Antrag der fünf Gründer stattgegeben, ein Dorf unter dem Namen Friedrichweiler zu bilden. Drei Gründerfamilien blieben seßhaft, und auf sie läßt sich der Stammbaum der einheimischen Einwohnerschaft zurückführen. Auch mein Stammbaum reicht bis zu den Gründern.

Die 250-Jahr-Feier des Dorfes legt es nahe, uns den Gründungsvorgang zu vergegenwärtigen. Im Gründungsjahr lebten die Siedler mit ihren Familien (etwa 30 Personen) in Holzhütten im heutigen Dorfzentrum. Drei Gründer, die Brüder Remark und Clemens Lorson, hatten zu dieser Zeit bereits vier Kinder. Sie hielten sich teils schon über 10 Jahre im heutigen Dorf- und damaligen Waldgebiet auf und bestritten ihren LebensunterhaIt aus Produkten des Waldes und schon vor der Gründung aus dem Ackerbau auf den gerodeten Flächen.

Die Dorfgründung war mit einer Landzuweisung durch den Grafen Friedrich Ludwig von Nassau-Saarbrücken verbunden. Jeder der fünf erhielt eine Fläche von fast 20 ha, eine Fläche, die hundert Jahre später selbst der “dickste” Bauer nicht mehr auf dem Friedrichweiler Bann besaß. lch kann mir vorstellen, daß die Gründer erleichtert waren, als sie durch die Gründungsurkunde vom 3. November 1725, übrigens feierte an diesem Tag der Graf Friedrioh Ludwig seinen 75. Geburtstag, ein dauerhaftes Siedlungsrecht erhielten. Die Gründer konnten nun beginnen, das Dorf einzurichten. Sie gaben ihm die Gestalt, die noch heute großenteils vorzufinden ist. Der Verlauf der Straßen, Feldwege und Parzellen wurde damals entschieden. An die Stellt der Holzhütten traten feste Häuser. Der Startschuss für die nun 250-jährige Entwicklung war gefallen.

Meine Damen und Herren, es versteht sich von selbst, daß ich in einem Kurzreferat nur wenig von dieser Entwicklung berichten kann. Glücklicherweise kann ich Sie auf das Buch verweisen, das wir zu fünft über die Geschichte des Dorfes verfaßt haben und das gerade in Druck geht. Die Friedrichweiler Vereine haben den Selbstverlag übernommen und wagen einen Preis unter den Selbstkosten. Dieser Wagemut hat seine geschichtlichen Parallelen; manchen ist noch der Kirchbau 1925/26 in Erinnerung, der durch die tatkräftige Dorfbevölkerung schneller vorangetrieben wurde als der Bauantrag bearbeitet wurde. Die Kirohe stand, als die Baugenehmigung erteilt war. Freilich wurde das Wagnis des Buchverlages von der Hoffnung auf Spenden zu den Druckkosten eingegangen. Die Spenderliste, die im Buch veröffentlicht wird, ist noch nicht geschlossen. wer sich bald entscheidet, kann noch als Förderer unseres Werkes vermerkt werden.

lch beschränke mich im Folgenden auf die Skizzierung zweier Vorgänge, die für die Geschichte des Dorfes bedeutend waren und noch sind, den Wandel der sozialen Verhältnisse und die Selbstverwaltung des Dorfes.

Bezüglich des sozialen Wandels lassen sich in Friedrichweiler der Etappen feststellen: die erste war die des bäuerlichen Lebens. Ackerbau und Kirche bestimmten den Lebensrhythmus. Das läßt sich z.B. daran nachweisen, daß die Heiraten stark überwiegend in den Wintermonaten und nie im Fastenmonat März geschlossen wurden. In den ersten 100 Jahren war Friedrichweiler gänzlich ein Bauerndorf, danach begann die Umschichtung zum Bergmannadorf. Quantitativ erfolgte der Umschlag um 1860, bezogen auf Deutschland war dies früh. !n der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war durch die sich beschleunigende Zersplitterung des Landbesitzes die Existenzgrundlage durch Grund und Boden nicht mehr ausreichend. Die steigende Bevölkerungszahl hatte zur Verarmung geführt, die Beschäftigung im Bergbau hat die Verarmung etwas aufgefangen.

Die Phase des Bergmannsdortes dauerte bis zum Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit wurde das Land im Nebenerwerb bewirtschaftet, ebenso in der dritten Phase, die durch den Niedergang des Bergbaues und die wachsende Beschäftigung in der Industrie als Arbeiter gekennzeichnet ist. In dieser Phase, die an die Gegenwart heranreicht, wurde der Ackerbau im Nebenerwerb aufgegeben. Die technische Entwicklung hat den seit Jahrhunderten möglichen Anbau kleiner Flächen überholt. Die unrationelle Bewirtschaftungsweise führte zeitweise zu einer Brache, diese ist aber inzwischen abgelöst durch die Bebauung größerer Flächen von wenigen haupt- und nebenberuflichen Landwirten. In der Gegenwart wandelt sich die Berufsstruktur des Dorfes in der Hinsicht, daß die Zahl der Angestellten wächst und gegenüber der Arbeitermehrheit aufholt.

Alle drei Etappen haben die Lebenswelt der Dorfbewohner und das Dorfbild verändert. Die jüngste Entwicklung war schneller als die Voraussicht der Einwohner. Bezeichnend sind die zahlreichen Umbauten von Scheunen zu Garagen. Technisierung und Arbeitswelt haben zu einer Verstädterung des Dorfes geführt. Die wachsenden Bildungsmöglichkeiten und Berutschancen haben zu einer Differenzierung der Gesellschaft geführt. Es bleibt zu hoffen, daß die Differenzierung nicht von einem Auseinanderleben der Dorfgemeinschaft begleitet wird.

Das zweite Thema, über das ich sprechen möchte, könnte ich mit dem Jahre 1809 enden lassen. Bis zu diesem Jahr hatte Friedrichweiler nämlich eine eigene Selbstverwaltung. Teilnahmeberechtigt an der Selbstverwaltung in nassauischer und französischer Zeit waren die Haus- und Landbesitzer. Knechte und Hirten gehörten nicht zu den Gemeindemännern. Während die Kompetenz der Gemeinde in nassauischer Zeit weit reichte, wurde sie unter dem Baron Richard von Überherrn enger. Die Baroniezeit war belastend für das Dorf. Die Bewohner wurden zu Frondiensten herangezogen, die der nassauische Landes- und Grundherr nicht erhielt. Die Friedrichweiler mußten sich z.B. als Treiber an den Jagden des Barons beteiligen oder auch dessen Schweine kastrieren, wann dieser es verlangte.

Die Französische Revolution brachte einen Zuwachs an Selbstverwaltungsmöglichkeit, die die Einwohner finanziell und funktionell überforderte. Es waren zusätzliche Steuern für die Verwaltung aufzubringen, und der Bildungsstand entsprach nicht den administriellen Bedürfnissen, es mangelte an Kenntnis der französischen Sprache und an Schreibfertigkeit. Infolgedessen war der Zusammenschluß mit der größeren Nachbargemeinde Differten 1809 zweckmäßig. Dem Zusammenschluß war eine familiäre, kirchliche und kulturelle Verflechtung der Dörfer vorausgegangen. Es gab eine gemeinsame Kirche und Schule und zahlreiche auf Heiraten beruhende Familien- und Besitzbande. Die Beziehungen waren aufgrund der räumlichen Lage intensiver als zu den übrigen Dörfern der heutigen Einheitsgemeinde, aber Beziehungen gab es auch zu jenen. So sind z.B. die Burgs aus Friedrichweiler ein Ableger aus Hostenbach.

Die Voraussetzungen, die zur Zusammenlegung der Gemeinden Differten und Friedrichweiler geführt hatten, änderten sich. Im Gegensatz zu den Zusammenlegungen anderer Gemeinden in französischer Zeit, etwa der Hostenbachs mit Schaffhausen, wurde die Vereinigung mit Differten nicht aufgehoben. Die Selbstverwaltung von Friedrichweiler erfolgte nur noch über den gemeinsamen Gemeinderat, in dem die Friedrichweiler Vertreter eine Minderheit bildeten. Es gab mehrere Anläufe zur Aufhebung dieses Zustandes. Noch heute handelt es sich um ein brisantes Thema; es stellt sich heute in der Form dar, daß die Zugestehung eines eigenen Ortsrates und die Anerkennung als eigener Ortsteil von der breiten Mehrheit der Bevölkerung gewünscht wird. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, unseren Schirmherrn auf diesen Sachverhalt aufmerksam zu machen.

Eine großräumige Planung wie etwa die auf der Ebene unserer Einheitsgemeinde ist freilich richtig und sinnvoll. Analog dem Verhältnis von Bund und Ländern sollte jedoch ein föderatives Element innerhalb der Großgemeinde erhalten bleiben, das den historisch gewachsenen Gemeinschaften gerecht wird. Eine extreme Verschiebung des Gleichgewichte zu Gunsten eines Zentralismus würde der Harmonie nicht dienen. Das aber darf ich abschließend versichern, daß die Einwohnerschaft von Friedrichweiler diese Harmonie will.

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