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Peter Burg Werke

Odilienberg

Pilger- und Studienfahrt zum Odilienberg „auf den Spuren von Pater Lorson“

I. Pater Lorsons Beschäftigung mit der Heiligen Odilie

Pilgerfahrten zum Odilienberg dürfte es im Laufe der Geschichte millionenfach gegeben haben, Studienfahrten wahrscheinlich kaum. Bei einer Studienfahrt gleichzeitig auf den Spuren von Pater Lorson zu wandeln, das ist sicher eine Premiere. Die Verbindung von Odilienberg und Pater Lorson möchte ich in drei Schritten zeigen. Im ersten Schritt geht es um seine Öffnung für das Thema, um die Frage, wann und warum er sich mit der Heiligen Odilie befasst hat. Zweitens ist auf der Grundlage seines Büchleins über die Heilige Odilie deren Leben und Nachwirken, der sogenannte Odilienkult, darzustellen. Im dritten und letzten Schritt geht es um die zeitlose Botschaft, die missionarische Idee, die Pater Lorson mit dem Odilienberg verbindet.

Zur Einstimmung nun der erste Schritt. Wann und wie kam es zur Beschäftigung von Pater Lorson mit der Heiligen Odilie? Die Broschüre „Sainte Odile. La Patronne de l’Alsace“ erschien 1949, fünf Jahre vor seinem Tod, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Zweite Weltkrieg hatte seine Straßburger Zeit in zwei Etappen gespalten, die erste dauerte von 1933 bis 1940, die zweite von 1945 bis 1954. Straßburg und das Elsass waren nach seiner schier unendlich langen Ausbildung zum Jesuiten und einer kurzen Lehrertätigkeit in Lille Pater Lorsons wichtigste Wirkungsstätte und sein Lebenszentrum geworden.

Nach der von 1915 bis 1931 dauernden Ausbildung setzte ihn der Orden zuerst am Collège St. Joseph in Lille ein. Das entsprach nicht seinen Wünschen, er hatte auf eine wissenschaftliche Karriere gehofft. In seiner Autobiographie bringt er seine bittere Enttäuschung bemerkenswert freimütig zum Ausdruck. Aber Gehorsam gehörte zu den Tugenden, die er gelobt hatte. Auch erfüllte ihn eine große Dankbarkeit gegenüber dem Orden, der es ihm ermöglicht hatte, den geistlichen Beruf zu ergreifen. Und das war für ihn der höchstmögliche Wert.

Nach zwei Jahren Lehrertätigkeit erfolgte Pater Lorsons Versetzung nach Straßburg, wo die Jesuiten eine kleine Niederlassung besaßen. Allem Anschein nach hat er diese Versetzung begrüßt. Über diesen Standort hat er sich, so weit ich sehe, nirgendwo beklagt. Der Orden hat Pater Lorson sicher wohlüberlegt nach Straßburg entsandt – deutsche Herkunft und Zweisprachigkeit dürften dabei eine Rolle gespielt haben.

Seit 1926 besaß Pater Lorson die französische Staatsbürgerschaft. Ein politisches Motiv spielte bei dem Nationalitätswechsel keine Rolle – die Nazis waren noch einige Jahre von der Machtübernahme weg. In Deutschland hatte die Weimarer Republik noch nicht verspielt und das Saargebiet stand unter der Völkerbundshoheit. Der Jesuitenorden selbst ist auch nicht als treibende Kraft für den Wechsel der Staatszugehörigkeit zu sehen. Er war eine internationale Gemeinschaft, der Katholizismus per se eine globale, weltumfassende Organisation. Der Orden war offen für Angehörige fremder Nationen, wenn auch Pater Lorson Ausläufer nationalen Denkens bis zu seinen Mitschülern und Mitpatres feststellen konnte und pauschale Beurteilungen beklagte. Bedeutsamer war der aus der Gesellschaft kommende innerfranzösische Druck. Für die Franzosen war es schwer zu ertragen, wenn ein deutscher Weltkriegsteilnehmer etwa ihre Kinder unterrichtete, wie es in der Ausbildungsphase Pierres gleichfalls in Lille der Fall war. Genau in diese Jahre fiel der Antrag auf Einbürgerung, der 1926 positiv beschieden wurde.

Äußerer Druck fiel jedoch unübersehbar mit innerer Neigung zusammen. Peter alias Pierre Lorson war nicht nur in den alle Staatsgrenzen überschreitenden katholischen Priesterberuf hineingewachsen, sondern hatte sich gleichzeitig mit großer Intensität die französische Kultur zu eigen gemacht. Zumal die christliche französische Literatur, Kunst und Philosophie hatte er schätzen und lieben gelernt, zeitweise hatte er diese wie in einem Rausch in sich aufgesogen. Er schwärmte überdies geradezu von den Schönheiten französischer Landschaften. Frankreich war seine Wahlheimat geworden – näher und inniger vertraut als Deutschland. Der Schritt des Nationalitätenwechsels war verständlich und ist nachvollziehbar, aber die aufgeworfenen äußeren und inneren Identitätsprobleme waren trotz allem riesig. Sein Elternhaus, seine Wiege, stand nun einmal in Differten, und Differten lag nicht in Frankreich. Das war eine unvergessliche Tatsache.

Hinsichtlich des Idenitätsproblems ist zu verweisen auf den Titel seiner Autobiographie: Franco-Sarrois, neutral mit Franko-Saarländer, wertend mit Saarfranzose übersetzt. Hier ist ein großes Thema angeschnitten, das heute nicht zu vertiefen ist. Jedenfalls kam die Versetzung von Pater Lorson in das Elsass seiner Identitätsproblematik entgegen, konnte er sie doch mit vielen Elsass-Lothringern teilen, die gerade fast ein halbes Jahrhundert gegen ihren Willen unter deutscher Fahne leben mussten. Die Elsass-Lothringer erlebten nach dem Ersten Weltkrieg ihr altes Vaterland neu und wollten ein Stück Eigenheit, das sie als Reichsland erworben hatten, im französischen Staat beibehalten.

Weder die erste noch die zweite Straßburger Zeit hat Pater Lorson in seiner Autobiographie beschrieben. Wir besitzen aus den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nur sein literarisches Schrifttum, aus der Nachkriegszeit liegt darüber hinaus noch sein Briefwechsel vor. Mit spezifisch  elsässischen Themen hat sich Pater Lorson bis 1945 noch nicht befasst. Sein mit einem Akademiepreis gewürdigtes Erstlingswerk „Reisen ins Christentum“ von 1936, eine Aufsatzsammlung, war thematisch und räumlich weit gestreut. Sein erstes inhaltlich zusammenhängendes Buch, „Das menschliche Gesicht von Jesus“, hatte einen rein theologischen Inhalt. Das unter dem Pseudonym Lucien Valdor geschriebene Werk „Der Christ im Angesicht des Rassismus“ enthielt eine systematische politische Analyse der nationalsozialistischen Weltanschauung aus theologischer Sicht. Ähnliches gilt für die zahlreichen Aufsätze, die er bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges verfasst hatte. Übrigens begann seine wissenschaftlich-schriftstellerische Tätigkeit schon lange vor Erscheinen des ersten Buches. Als Philosophiestudent begann er in den 1920er Jahren in Vals-près-Le-Puy (im Zentralmassiv) zu übersetzen und zu schreiben.

Im Zweiten Weltkrieg verfasste Pater Lorson weiterhin Werke theologischen und allgemeinen Inhalts, in seinem Zufluchtsort in den Bergen bei Fréjus-Nizza übersetzte er auch Romano Guardinis Hauptwerk „Der Herr“. Auszüge aus seiner Übersetzung werden heute noch in Frankreich nachgedruckt. Von persönlichen Kontakten mit diesem berühmten deutschen Theologen habe ich noch keine Spuren gefunden.

In der nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1945 beginnenden zweiten Straßburger Zeit rücken für Pater Lorson neue Themen ins Blickfeld, darunter das Elsass, die Einigung Europas, Krieg und Frieden, die Verchristlichung des Lebens, schließlich das Saarland. Man kann sagen, dass er sich in dieser Phase, die ja kaum ein Jahrzehnt währen sollte, stärker mit der Realität befasste oder genauer: die Verbindung von Theorie und Realität suchte. Nach dem Krieg war er auch mental voll im Elsass angekommen.

Gleich nach dem Krieg, 1946,  verfasste Pater Lorson ein Buch über die Schwestern von Ribeauvillé, einen Orden, der sich stark im Schulwesen engagierte. 1948 erschien ein dickes Buch über den 1945 verstorbenen Straßburger Bischof Charles Ruch, den er offensichtlich sehr schätzte. Für die deutschsprachigen Elsässer gab er 1951 eine Kurzfassung dieser Biographie heraus, in der sich interessante Exkurse mit Bezug auf das Saarland befinden. Damals, 1951, ging er davon aus, dass das Saarland schon ein Teil Frankreichs geworden sei. Dass dem nicht so war und auch nicht sein würde, hat er vor seinem Tod vielleicht gerade noch mitbekommen. Zum Zeitpunkt der Volksabstimmung 1955 lebte er aber nicht mehr. Die dritte selbständige Schrift zur Elsass-Thematik war dann der Heiligen Odilie, die 1946 von Papst Pius XII. zur Schutzpatronin des Elsass erklärt wurde, gewidmet. Auf den Inhalt dieser Schrift komme ich zurück, wenn wir dem Odilienberg näher sind.

Bleiben wir noch bei den Besonderheiten des Elsass in Frankreich, soweit sie auch für Pater Lorson wichtig waren. Elsass-Lothringen gehörte, wie erwähnt und aus dem Geschichtsunterricht bekannt, von 1871 bis 1918 zum Deutschen Reich, das nicht so zentralistisch aufgebaut war wie Frankreich. Spannungen zwischen Staat und Kirche, vor allem der Katholischen Kirche gab es auch im deutschen Kaiserreich, aber sie waren längst nicht so heftig und grundsätzlich wie in Frankreich. Der deutsche Föderalismus bewirkte eine unterschiedliche Kirchenpolitik der einzelnen Länder. Die Jesuiten hatten überall, besonders aber in Frankreich zu leiden. Dem Orden war lange Zeit die Ausbildung neuer Mitglieder verboten. Deshalb musste Pierre Lorson den größten Teil seiner Ausbildungszeit in Belgien verbringen.

Auch heute noch wird die Trennung von Staat und Kirche in Frankreich sehr konsequent und rigoros praktiziert. Bekanntlich gibt es hier keine vom Staat eingezogene Kirchensteuer. Zum zentralistischen französischen System gehörte ein konsequent staatliches, insbesondere von kirchlichen Einflüssen befreites, sog. laizistisches Schulsystem vor allem im Grundschulbereich. In letzter Konsequenz wurde dabei der Religionsunterricht aus der Schule verbannt und pädagogisch orientierte Orden verboten. Von kirchlichen Einrichtungen geführte Schulen sind heute in Frankreich immerhin als Privatschulen zugelassen und keineswegs unbeliebt. Das Nebeneinander war in der Zeit zwischen den Weltkriegen umstritten – nicht zuletzt im Elsass. Im Elsass hatten sich z.B. die Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, die ihr Mutterhaus in Ribeauvillé hatten, neben den staatlichen Schulen eine wichtige Stellung im Schulwesen erworben. Sie besaßen Rückhalt und Vertrauen in der Bevölkerung. Heftig umstritten waren die Zweisprachigkeit des Unterrichts und die religiöse Erziehung. Pater Lorson hat sich mit dem Frauenorden der Göttlichen Vorsehung und seinen Existenzproblemen in dem vorhin erwähnten Buch befasst, ebenso mit dem Kampf des Bischofs Ruch um den Erhalt autonomer kirchlicher Kompetenzen in der Rekrutierung der Geistlichkeit und der Seelsorge. Das lief dem zentralistischen, alles regulierenden und kontrollierenden französischen Staat zuwider. Eine spezielle Anforderung stellte im Elsass der ökumenische Bereich dar. Den elsässischen Katholiken mit rund 80 % der Bevölkerung standen 20 % Protestanten gegenüber. Das war in dem durchweg katholischen Frankreich eine Besonderheit. Pater Lorson nahm sich auch der ökumenischen Aufgaben an, die sich im Elsass stellten. Alles in allem war die Lage im Elsass eine besondere im französischen Staat, und die Bevölkerung wollte die Besonderheit bewahren. Dieses Anliegen verband sich mit dem Kult der Odilie, der Schutzpatronin des Elsass. Der Odilienkult besaß für die Elsässer im Konflikt zwischen Zentralismus und Eigenständigkeit, in der Identitätsfindung, eine stärkende Rolle. Pater Lorson konnte dies gut nachempfinden. Die Elsässer fanden in ihm einen Gesinnungsgenossen. Zum Odilienkult später mehr.

II. Geschichte des Odilienkultes

Pater Lorson hat das Leben der Odilie und die Geschichte ihres Kultes 1949 in einer 31 Seiten umfassenden Broschüre beschrieben. Es handelt sich um eine wissenschaftliche, sachlich geschriebene Abhandlung, aus der freilich die Religiosität von Pater Lorson immer wieder durchscheint. Pierre konnte für seine Broschüre auf umfangreichere, auch deutsche Schriften zurückgreifen. Der Odilienkult hatte nämlich nicht nur im Elsass und in Frankreich, sondern in Süddeutschland, in der Schweiz bis nach Norditalien hinein gleichfalls Anhänger und überall zu Publikationen geführt.

Odilie lebte von ca. 662-ca. 720. In der Überlieferung mischen sich Wahrheit und Legende. Sie war die Tochter von Herzog Adalrich und Bereswinde. Nach der Legende wollte ihr Vater Adalrich sie töten lassen, weil sie ein Mädchen und dazu noch blind war. Die Mutter Bereswinde vertraute Odilie jedoch einer frommen Amme an, die sie 12 Jahre lang in Scherwiller christlich erzog. Nach der Erziehung durch die Amme fand Odilie in einem Kloster in Baume-les-Dames bei Besançon einen Zufluchtsort. Nach Pater Lorson folgte das Kloster damit  einer höheren Bestimmung – im Zweiten Weltkrieg sollte es Zufluchtsort für jüdische Kinder werden.

Bischof Erhard von Regensburg taufte Odilie, die auf wunderbare Weise mit dem Licht des Glaubens ihr Augenlicht gewann. Der Bischof und Odilies Bruder Hugo bemühten sich um eine Versöhnung von Vater und Tochter. Herzog Adalrich übertrug nach der letztendlichen Versöhnung der Tochter Hohenburg und wandelte das Schloss in ein Kloster um. Odilie wurde dessen erste Äbtissin. Die Eltern wurden in einer der Kapellen des Klosters begraben. Am Fuße des Berges ließ Odilie ein zweites Kloster errichten, in Niedermünster, damit den Armen und Kranken der Weg den Berg hinauf erspart wurde. Odile starb wahrscheinlich am 13. 12. 720 im Kreis von 130 Nonnen. Am 13. Dezember wird nämlich ihr Namenstag gefeiert. Einige Wunder werden Odilie nachgesagt. Sie wurde von Papst Leo IX. im 11. Jahrhundert heiliggesprochen.

Seit dem 9. Jahrhundert ist der Berg mit Odilies Grab ein Wallfahrtsort. Das Kloster erhielt landesherrliche Privilegien, die den Unterhalt sicherten. Der Kult der elsässischen Heiligen sprengte die Grenzen des Elsass und erhielt eine europäische Anziehungskraft. Kaiser und Könige besuchten die Stätte im Mittelalter. Mit der Reformationszeit trat ein Rückschritt ein. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs der Kult jedoch wieder an. Viele, vor allem deutsche Dichter haben den Berg besucht.

Seit 1870 wurde Odilie ein Symbol der französischen Treue der Elsässer gegenüber Frankreich. Nationalismus wurde damals in Deutschland wie in Frankreich zu einer Quasi-Religion erhoben. Er drang auch in religiöse Kulte ein. Das gilt auch für die Zwischenkriegszeit. Nach 1918 gab es organisierte Pilgerreisen auf den Odilienberg. Bischof Charles Ruch, dessen Herz entsprechend seinem Wunsch seit 1945 auf dem Odilienberg ruht, regte in der Diözese die spirituelle Bewegung an, suchte aber eine nationalistische Übersteigerung zu vermeiden.

Pater Lorson schildert ferner während der beiden Weltkriege aufgekommene Legenden von Prophezeiungen Odilies, die keinen soliden Boden besaßen, sondern auf Fälschungen beruhten. Er hielt sie für erwähnenswert, weil sie nicht wirkungslos blieben. Sie stärkten nämlich den Widerstandsgeist der Elsässer gegen die deutsche Besetzung. Angeblich existierte ein Brief von Odilie an ihren Bruder Hugo, der en Verlauf des Weltkrieges voraussagte. Ein in Latein und Französisch geschriebene Text wurde 1940 in vielen Exemplaren verbreitet. Er prophezeite die Niederlage der Deutschen. Viele Franzosen glaubten an die Echtheit des Briefes, in Wirklichkeit stammte der Text von einem Georges Stoffler, der ihn 1916 im Ersten Weltkrieg herausgegeben hatte und gleichfalls einem älteren Muster folgte. Die Prophetie des Kriegsverlaufs habe, so Pater Lorson, den Mut und die Zuversicht der Elsässer gehoben, hatte mit Odilie aber nichts zu tun.

Als Pater Lorson die Broschüre verfasste, war der Odilienkult wieder in Blüte. Die meisten Personen, die Straßburg besuchten, krönten ihren Aufenthalt mit einem Ausflug zum Odilienberg. Pater Lorson begleitete auch seine saarländischen Besucher den Berg hinauf. Im Geiste dürfen wir uns also hier und heute als von ihm begleitet vorstellen. Wir sind auf seinen Spuren.

Nach wie vor war Odilie für Pater Lorson ein Symbol der Treue zum Elsass und zum französischen Vaterland. Diese Bedeutung befand sich für ihn nicht in einem Widerspruch zum katholischen Universalismus und zur christlichen Caritas. Beides war für ihn kompatibel, um die Computersprache zu bemühen. Erst recht wollte er keinen deutsch-französischen Gegensatz aus dem Odilienkult ableiten. Denn so Pierre, Odilie sei eine Heilige deutschen Ursprungs, wurde einst in Deutschland mehr verehrt als in Frankreich. Sie wache über den Rhein, damit sich die beiden Völker liebten statt bekriegten und sich im christlichen Ideal einten. Mit diesem Odilienverständnis von Pater Lorson stehen wir dicht vor dem dritten Schritt, der missionarischen Deutung, von dem am Zielpunkt zu sprechen ist.

III. Pater Lorsons missionarische Deutung

Der dritte Schritt in der Präsentation der Beziehung zwischen Pater Lorson und dem Odilienkult ist der kürzeste und der inhaltsschwerste. Er liebte es, die Natur symbolisch zu deuten, d. h. dem Sichtbaren einen tieferen geistigen Sinn zu geben. Wer die Autobiographie kennt und die Darstellung der Kindheit in Differten gelesen hat, erinnert sich vielleicht an die Stelle, an der er von den Kinderspielen im Warndtwald handelt, wo die Bäume zur Kathedrale werden und der dunkle Tannenwald zum mysteriösen Hochaltar.

Zur symbolischen Deutung greift er zurück, wenn er die Aussage- und Strahlkraft des Odilienberges in Worte und Bilder zu fassen sucht. Charakteristisch ist die Vergeistigung der Natur. Pierre verbindet den Blick auf den Rhein mit dem Ziel der deutsch-französischen Freundschaft. Rechts sei der Rhein zu sehen, so führt er aus, für die Deutschen der “Vater Rhein”, der mehr als Band der Einheit denn als eine Linie der Demarkation dienen müsse. „Fluß des Friedens“ nennt Bischof Ruch den Rhein in einem Gedicht, mit dem Pater Lorson seine Broschüre enden lässt. Am Schluss steht damit ein politisches Programm. Das allgemeinere, das religiöse steht mitten im Text.

Paters Lorsons Denken ist nach dem Krieg stark mit politischen Zielen auf christlichem Hintergrund durchsetzt. Man sollte aber nicht übersehen, dass er in erster Linie ein religiöser Mensch war. Zentral ist für ihn die Beziehung, die den Menschen mit Gott verbindet. Und dazu kann der Odilienberg verhelfen. Er ist einer der Orte, an denen der Geist weht – so umschreibt er die Bedeutung in Anlehnung an Maurice Barrès, einen namhaften französischen Schriftsteller. Klein, schwach, demütig, so führt er aus, stehe der Zuschauer vor einem majestätischen Panorama, das nur ein unvollkommenes Symbol der göttlichen Weite sei. Der Betrachter veneige die Seele ganz vor dem Ewigen, das alles geschaffen habe. Der Mensch sei an diesem Ort bereit zur Aufnahme der christlichen Verkündung. Die natürliche und irdische Mystik führe ihn zur übernatürlichen und himmlischen Mystik. – Diese Worte sind schwer oder auch gar nicht in eine Alltagssprache zu übersetzen. Wahrscheinlich kennen aber alle ein Gefühl von Religiosität und Frömmigkeit, wenn sie unter einem überwältigenden Eindruck stehen. Glaube übersteigt die Vernunft. Auf den Spuren von Pater Lorson wandeln heißt letzten Endes, sich auf den Weg zum christlichen Glauben begeben. Die Nutzung des Klosters als spirituellen Rückzug für Priester und Gläubige, Frauen und Männer, das ist für ihn der höchste Sinn, der vom Odilienberg ausgehen kann.

Nach diesem dritten und letzten Teil meiner Ausführungen würde Pater Lorson nun Amen sagen. Als Weltkind sage ich: vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

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