{"id":666,"date":"2011-12-23T10:17:28","date_gmt":"2011-12-23T09:17:28","guid":{"rendered":"http:\/\/peter-burg.de\/?page_id=666"},"modified":"2015-05-14T13:58:51","modified_gmt":"2015-05-14T11:58:51","slug":"mit-differten-im-herzen-unterwegs","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/pierre-lorson-sj-texte\/vortraege\/mit-differten-im-herzen-unterwegs","title":{"rendered":"Mit Differten im Herzen unterwegs"},"content":{"rendered":"<h3>Pater Lorsons Heimatliebe in Zeiten nationaler Verblendung<\/h3>\n<p>Vortrag von Prof. Dr. Peter Burg am 6. November 2011 in Wadgassen-Differten, Pfarrs\u00e4lchen<\/p>\n<p>Das Thema Heimatliebe verspricht auf den ersten Blick keine Dramatik, auch keine spektakul\u00e4ren Enth\u00fcllungen. F\u00fcr die Daheimgebliebenen ist sie etwas Allt\u00e4gliches, eher unbewusst Erlebtes. Die Wertsch\u00e4tzung der Heimat stellt sich in der Regel erst in der Ferne ein. Kompliziert wird die Beziehung, wenn man in einem fremden Land lebt, das in feindlichen Beziehungen zum Heimatland steht, wenn man seine Liebe verheimlichen muss. In dieser komplizierten Lage befand sich Pater Lorson in Frankreich. In der Ferne stand ihm die Heimat immer vor Augen, und mitten im Zweiten Weltkrieg lie\u00df er als Fl\u00fcchtling ausgerechnet vor seinen ehemaligen Landsleuten, den Deutschen, sein Leben Revue passieren. Es war ein dramatisches Leben, mit einem ruhigen Beginn, mit H\u00f6hepunkten und Konflikten und einem halb vers\u00f6hnlichen, halb tragischen Ende. Ein zentrales Lebensmotiv war die Heimatliebe, und die Kindheit begegnet dabei als wichtigste Station f\u00fcr deren Beginn.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Kindheit<\/strong><\/span><\/p>\n<p><strong>Die Familie<\/strong><\/p>\n<p>Pater Lorsons Heimatliebe bezog sich allgemein auf Land und Leute in Differten und Umgebung, allen voran aber auf die Familie, und in ihr ragte die Mutter noch einmal heraus. Das Verh\u00e4ltnis zur Mutter \u00fcberschritt das normale Ma\u00df an Innigkeit und war von tiefer Verehrung und Liebe gekennzeichnet. Peter hatte das Gef\u00fchl, dass er f\u00fcr seine Mutter durchsichtig wie ein Kristall war. Die Mutter offenbarte Peter ihrerseits, nachdem er Priester geworden war, intimste Gedanken. Da sie viele Kinder geboren hatte, von denen etliche im Kleinkindesalter gestorben waren, glaubte sie sich erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen. Die Kinder stellten sich ein, weil sie sich dem Vater nicht verweigern wollte. Ihm gestand sie sexuelle Motive zu, sich selbst nicht. Und wenn ein Kind unter Schmerzen geboren wurde, empfand sie dies wie einen weiteren Zacken in der Dornenkrone nach dem Vorbild Christi.<\/p>\n<p>Die Mutter legte f\u00fcr Peters Werdegang zum Geistlichen in der Kindheit die wichtigste Grundlage, indem sie religi\u00f6ses Wissen in Form von Erz\u00e4hlungen und Berichten aus der christlichen Welt vermittelte, insbesondere durch Missionsgeschichten, die die Phantasie des Jungen inspirierten. Den jungen Peter faszinierte das Abenteuerliche, Romantische, Wagemutige, Ungebundene im Leben eines Missionars. Missionar war der Traumberuf in seiner Kindheit und in den Jugendjahren.<\/p>\n<p>Wie nachhaltig besonders die Mutter in Peter Lorsons Denken pr\u00e4sent war, zeigt ein Erlebnis aus der Novizenzeit, der Lehrlingszeit in geistlichen Orden. Damals, er war knapp 18 Jahre alt, \u00fcbertrug er seine kindliche Zuneigung auf die Gottesmutter Maria. In einer Phase auf ein H\u00f6chstma\u00df gesteigerter religi\u00f6ser Empf\u00e4nglichkeit tr\u00e4umte er in einer Mainacht des Jahres 1915, dass ihm in einer pomp\u00f6sen Bildlichkeit die Jungfrau Maria erschienen sei. Die Erscheinung trug die Gesichtsz\u00fcge seiner Mutter, die gleichfalls Maria hie\u00df. Seit dieser Nacht bildeten die himmlische und die irdische Maria f\u00fcr ihn eine Einheit. Um Niedertracht und Gro\u00dfmut in der Realit\u00e4t zu beurteilen, vergegenw\u00e4rtigte er sich k\u00fcnftig die Sehweise seiner Mutter. Diese war f\u00fcr ihn aber nicht nur eine Messlatte zur Beurteilung der Mitmenschen, sondern ganz diesseitig eine Verk\u00f6rperung der Heimat. Auf sie richteten sich in erster Linie seine Heimatgef\u00fchle. Starke emotionale Bewegungen ergriffen Peter Lorson vor allem in der ungesicherten Ferne, im Krieg, und an Tagen wie Weihnachten.<\/p>\n<p><strong>Die Schule<\/strong><\/p>\n<p>Heimatliche Gef\u00fchle waren und sind stets auch mit der Erinnerung an die Schulzeit verbunden. Mit der durch das Hineinwachsen in Frankreich ver\u00e4nderten Sehweise bewertete Peter Lorson die in seinem Heimatdorf genossene Ausbildung ambivalent. Mit positiven Gef\u00fchlen verband er die F\u00e4cher, die das Gem\u00fct und die Phantasie ansprachen. \u00dcber Musik und Literatur intensivierten sich Peter Lorsons Beziehungen zur Heimat. Sie erschlossen ihm das romantische Deutschland. Einen starken Eindruck hinterlie\u00dfen die Volkslieder. An der Pflege des Volksliedes hatten nicht nur die Schule, sondern auch die Familie und die d\u00f6rfliche Gemeinschaft Anteil. Gesangliche H\u00f6hepunkte fielen mit kirchlichen Festen und Schulfeiern zusammen. Peters drei Lieblingslieder waren:<\/p>\n<p>&#8222;Am Brunnen vor dem Tore&#8220;; &#8222;Dort unten in der M\u00fchle&#8220;, und von ihm besonders gesch\u00e4tzt &#8222;Lorelei&#8220;.<\/p>\n<p>Peter lernte die Lieder in der Volksschule kennen, in der der Lehrer den Gesang mit der Geige begleitete. Poeten der Romantik \u00fcbten eine \u00e4hnliche Wirkung auf ihn aus wie die Volkslieder. Sie f\u00fcllten die Einbildungskraft mit Rittern, Hexen, Elfen und Engeln. Diese Volkskultur verk\u00f6rperte f\u00fcr ihn das gute Deutschland, das er immer gegen\u00fcber einem schlechten Pendant abgrenzte. Die Elemente der deutschen Kultur, die Herz und Seele ber\u00fchrten, haben ihn demnach nachhaltig gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Lieder konnten wie der gesamte Schulunterricht freilich auch negative Einfl\u00fcsse transportieren. Die Schule im Kaiserreich vermittelte ein nationalistisches, imperialistisches, militaristisches politisches Denken. Geschichte, Gymnastik, Singen, Sprache, Erdkunde, alle F\u00e4cher standen in einem Zusammenhang zum Patriotismus, der in dieser Epoche zum Nationalismus \u00fcbersteigert wurde, sei es \u00fcber den Verstand oder \u00fcber das Gef\u00fchl. Das meist gesungene Lied war &#8222;Deutschland, Deutschland, \u00fcber alles&#8220;. Bei den Schulfeiern zum Geburtstag Kaisers Wilhelms II. (27. Januar) sangen auch die M\u00e4dchen patriotische Lieder. Die Knabenoberklasse trumpfte st\u00e4rker auf und rief dem angeblichen Erbfeind Frankreich in einem der zahlreichen Rheinlieder zu:<\/p>\n<p>\u201eSie sollen ihn nicht haben,<\/p>\n<p>Den freien deutschen Rhein,<\/p>\n<p>Ob sie wie gierige Raben,<\/p>\n<p>Sich heiser danach schreien.\u201c<\/p>\n<p>Die Menschen seiner Heimat begeisterten sich nach Peter Lorson zwar r\u00fcckhaltlos f\u00fcr das Deutschtum, aber erw\u00e4rmten sich nicht f\u00fcr das Preu\u00dfentum, im Gegenteil. Lautstark, aber ohne inneren Bezug sangen die Schulkinder gleichwohl:<\/p>\n<p>\u201eIch bin ein Preu\u00dfe, kennst du meine Farben?<\/p>\n<p>Die Fahne schwebt mir schwarz und wei\u00df voran.\u201c<\/p>\n<p>Auch die patriotisch bis nationalistisch durchtr\u00e4nkten Lieder klangen gr\u00f6\u00dftenteils gef\u00fchlvoll. Der Inhalt barg aber die Gefahr der Abgrenzung und Abwehrstellung nach au\u00dfen, nicht der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p>Der Gesang war im Alltag der d\u00f6rflichen Bev\u00f6lkerung pr\u00e4sent. Was heute die Schlager sind, waren damals die Volkslieder. Die Kinder tr\u00e4llerten die Lieder, wenn sie in der zeit\u00fcblichen Weise zu einfachen Arbeiten in Feld und Wald herangezogen wurden. Und die sangesfreudigen Eltern ebenso. Neben Arbeit und Schulaufgaben blieb ihnen auch noch etwas Zeit zum Spielen, etwa f\u00fcr das beliebte R\u00e4uber-und-Gendarmspiel. Und ohne den Sinn der Wort zu verstehen, sangen sie zwischendurch<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n ist die Jugend bei frohen Zeiten<\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist die Jugend, sie kommt nicht mehr\u201c.<\/p>\n<p>Wenn Peter Lorson sp\u00e4ter als Erwachsener und gestandener Pater von den Erinnerungen an seine gl\u00fcckliche und einfache Jugend \u00fcbermannt wurde, dann summte er die Volkslieder vor sich hin. Das war die nachhaltige Wirkung seiner Kindheit. Mit 13 Jahren, dem Alter der Entlassung aus der Volksschule, war Peter tief mit der Differter Dorfgemeinschaft verbunden und in der deutschen Kultur verwurzelt.<\/p>\n<p>Trotz aller Vorbehalte w\u00fcrdigte Peter Lorson die Pflege preu\u00dfischer Tugenden als ein positives Ergebnis. Pers\u00f6nlich f\u00fchrte er darauf seine Tatkraft, die Missachtung der Gefahr, einen starken Ehrgeiz zur\u00fcck. Die preu\u00dfische Erziehung, die die Entwicklung kriegerischer Instinkte f\u00f6rderte, f\u00fchrte nach Peter Lorson andererseits dazu, dass die Saarl\u00e4nder dem franz\u00f6sischen Blut, das seiner Meinung nach in ihren Adern floss, abschworen. F\u00fcr den Jesuitenpater war dies ein Beweis, dass der Geist vor der Materie, die Erziehung vor der Vererbung, der Gedanke vor dem Blut Vorrang besa\u00df \u2013 eine Argumentationskette, die der nationalsozialistischen Rassenlehre zuwiderlief, aber von Pater Lorson nicht immer konsequent angewandt wurde.<\/p>\n<p>Die in der Differter Volksschule erhaltene Ausbildung der intellektuellen F\u00e4higkeiten sch\u00e4tzte Pater Lorson im R\u00fcckblick als nicht gering ein, wenn er auch den Lehrern nur eine schwache F\u00e4higkeit zur Anregung intellektueller Kr\u00e4fte bescheinigte. Er hielt sie f\u00fcr gewissenhafte preu\u00dfische Beamte, nicht mehr und nicht weniger. Aufgrund seiner Begabung unterfordert, beneidete er die Altersgenossen, die das Gymnasium in V\u00f6lklingen besuchten. Sie trugen stolz eine flache M\u00fctze, deren grelle Farbe sich jedes Jahr \u00e4nderte, je nachdem in welche Klasse sie versetzt wurden. Peter Lorson h\u00e4tte diese M\u00fctze sehr gerne getragen. Sie war f\u00fcr ihn unerreichbar. Der Besuch einer h\u00f6heren Schule war f\u00fcr die Familie zu teuer. Um Missionar und Priester zu werden, h\u00e4tte er zuerst studieren m\u00fcssen. F\u00fcr einen Jungen mit der Begabung Peters musste schon der \u00f6rtliche Pfarrer etwas tun, wenn die herausragenden Talente zur Entfaltung gelangen sollten.<\/p>\n<p><strong>Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Das kirchliche Leben in Differten blieb Peter Lorson in bester Erinnerung. Er bekannte 1943 in seiner Autobiographie, die schlichte d\u00f6rfliche Religion habe ihn bis in die Tiefe seiner Seele durchdrungen. Welches Bild hatte sich ihm geboten? Sonntags und an kirchlichen Feiertagen besuchte er mit der ganzen Familie das Hochamt in der von den jungen M\u00e4dchen des Dorfes geputzten und geschm\u00fcckten Kirche. Getrennt nach Geschlechtern, die Frauen links, die M\u00e4nner rechts, waren fast alle Einwohner anwesend. Religi\u00f6se Riten, Kommunionen, Firmungen, Pilgerfahrten, Kreuzwege, Exerzitien, liturgische Feste bem\u00e4chtigten sich der Kinderseele, des Geistes, des Herzens und der Einbildungskraft. Sehr hoch sch\u00e4tzte Peter die Kirchenlieder, zumal ihnen neben Poesie auch ein hoher religi\u00f6ser Wert zu eigen war und sie nicht zuletzt das Gemeinschaftsgef\u00fchl f\u00f6rderten. Einen starken Eindruck hinterlie\u00dfen bei ihm religi\u00f6se Massenveranstaltungen, bei denen tausend Kehlen lateinisch-gregorianische und deutsche Lieder (etwa von Johann Sebastian Bach) anstimmten.<\/p>\n<p>Der religi\u00f6se Kult mit seinen Glaubensinhalten, mit seiner Feierlichkeit und Farbenpracht innerhalb und au\u00dferhalb der Kirche lie\u00dfen bei Peter den Wunsch aufkommen, Priester zu werden. Dass er schlie\u00dflich tats\u00e4chlich Priester wurde, f\u00fchrte er aber letzten Endes als tief gl\u00e4ubiger Christ auf die Gnade Gottes zur\u00fcck. Quasi weltliche Motive darf man hinzurechnen. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist sein Drang zu einem abenteuerlichen und sinnerf\u00fcllten Leben, der der lebhaften Phantasie des Jungen entsprang. Lange Zeit glaubte er, diesen Trieb als Missionar befriedigen zu k\u00f6nnen. Dazu sollte es dann aber doch nicht kommen, letzten Endes, weil der Orden es anders wollte und Peter sich dessen Willen f\u00fcgte.<\/p>\n<p><strong>Der Warndtwald<\/strong><\/p>\n<p>Neben der Mutter und der Dorfkirche nennt Pater Lorson \u00fcberraschend den Warndtwald als ein f\u00fcr seine geistige und seelische Entwicklung bedeutsames Strahlungszentrum. Der Wald ist ein Kernst\u00fcck seines Heimatbegriffs, mit dem er viele Kindheitserinnerungen verkn\u00fcpft. Mit den Altersgenossen durchstreifte er den Wald, der sich \u00fcber saarl\u00e4ndisch-lothringisches Gebiet erstreckt und hinsichtlich der Vegetation eine grenz\u00fcberschreitende Einheit bildet. Die Grenz\u00fcberschreitung war f\u00fcr den sp\u00e4teren Wahlfranzosen ein bemerkenswerter Aspekt. Eichen und Buchen, so erinnerte er sich in der Ferne, waren am st\u00e4rksten verbreitet, daneben gab es sehr harzige und oft verkr\u00fcppelte Kiefern, L\u00e4rchen und Akazien mit ihrem gelben und harten Holz, deren wei\u00dfe, duftende Bl\u00fcten an Fronleichnam als Zierat f\u00fcr den H\u00e4user-, Stra\u00dfen- und Kirchenschmuck dienten.<\/p>\n<p>Das Holzsammeln im Wald mit gleichaltrigen Kindern besa\u00df f\u00fcr Peter einen gro\u00dfen Gemeinschaftswert. Die Gruppenerlebnisse waren Grundlage f\u00fcr eine solide und dauerhafte Freundschaft mit Jungen, deren Lebensweg eine g\u00e4nzlich andere Richtung nahm als die seine und die er immer gerne mit gro\u00dfer Freude wiedersah, wenn er in die alte Heimat zur\u00fcckkehrte. Anders war die Erinnerung an den Revierf\u00f6rster. Dieser, in Gr\u00fcn gekleidet, ein Preu\u00dfe mit einem Tirolerhut und einer langen Pfauenfeder auf dem Kopf, wirkte auch wenn er nicht zu sehen war auf die Kinder wie eine dunkle, Furcht erregende Gefahr. Neben einem Gewehr besa\u00df er noch einen halblangen Dolch, einen \u201eHirschf\u00e4nger\u201c. Tats\u00e4chlich war die Angst vor ihm \u00fcbertrieben, denn er war nur unnachsichtig gegen\u00fcber Wilderern, die es vereinzelt gab.<\/p>\n<p>Eine &#8222;Wilderergeschichte&#8220; blieb Peter wie dem ganzen Dorf in schrecklicher Erinnerung und trug zum schlechten Bild der preu\u00dfischen Ordnungsmacht bei. Als Peter 10 Jahre alt war, im August 1908, erschoss der im Forsthaus Geisberg stationierte F\u00f6rster Close den 18j\u00e4hrigen Eisenbahnarbeiter Philipp Walter, den Sohn eines els\u00e4ssischen Gemeindef\u00f6rsters, angeblich beim Wildern auf dem Kaninchenberg in Differten, was im Dorf einen gro\u00dfen Tumult ausl\u00f6ste. Der junge Mann hatte Logie bei der Lehrerswitwe Zillig in der Werbelner Stra\u00dfe bezogen. Viele Schaulustige besichtigten anschlie\u00dfend den Ort des &#8222;Verbrechens&#8220;. Die Emp\u00f6rung war gro\u00df, als der F\u00f6rster schlie\u00dflich noch von der Regierung mit einem Orden ausgezeichnet wurde, statt wegen Mordes bestraft zu werden. Allerdings stellte der Vorfall auch f\u00fcr den ungl\u00fccklichen Sch\u00fctzen ein traumatisches Erlebnis dar, denn k\u00fcnftig sah er \u00fcberall Wilddiebe und h\u00e4tte beinahe den Schulmeister erschossen. Der Wald bot viel Stoff zum Erz\u00e4hlen \u00e4hnlich schrecklicher Geschichten.<\/p>\n<p>Wichtiger als die Erinnerungen an diese Erlebnisse war f\u00fcr Peter Lorson die nostalgische Verkl\u00e4rung und die mythische Erh\u00f6hung des Waldes, von dem er sagt, dass er ihn leidenschaftlich liebte, dass er eine Schule der Einbildungskraft und Empfindsamkeit f\u00fcr ihn war. Zur Erkl\u00e4rung bem\u00fchte er ein von seinen vermuteten Vorfahren, der Holzf\u00e4ller und K\u00f6hler, stammendes Gen. Das Sammeln von Holz verglich er mit der Gralssuche Parzivals. Hohe Eichen und Buchen gewinnen f\u00fcr ihn etwas Sakrales, Mysteri\u00f6ses. Lichtungen werden zu Schiffen von Kathedralen, das Dickicht zum Tabernakel. Bei allem unbefangenen kindlichen Spiel durchzog ihn doch, wenigstens glaubte er das im R\u00fcckblick, eine Ahnung von seiner k\u00fcnftigen geistlichen Berufung, die ihn von den Gleichaltrigen absetzte. Auch das schwarze Gefieder eines Raben, den er als Kind aufzog, war f\u00fcr ihn ein Symbol des schwarzen Rockes, den er sp\u00e4ter tragen sollte. Das unmittelbare Naturerleben der Kindheit wich einer bewussteren, gar aus B\u00fcchern stammenden Rezeption, doch die liebevolle Verbundenheit zur Natur und vor allem zum Warndtwald ging nicht verloren.<\/p>\n<p><strong>Der Abschied<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Hineinwachsen in die Dorfgemeinschaft bildete der Abschied aus Differten eine tiefe Z\u00e4sur f\u00fcr Kopf und Herz. Als Peter im Jahre 1910 die Heimat verlie\u00df, um die Apostolische Schule im belgischen Thieu, eine Exileinrichtung des franz\u00f6sischen Jesuitenordens, zu besuchen, lie\u00df er eine weinende Familie, insbesondere die Mutter und die kleinen Schwestern, zur\u00fcck. Er selbst blickte ohne Tr\u00e4nen nach vorne, war gespannt auf die Zukunft, die sich g\u00e4nzlich von der unterschied, die den zu Hause Gebliebenen bestimmt war. Seinen Aufbruch erlebte er gleichsam als eine Seefahrt in unbekannte Gefilde. In der R\u00fcckerinnerung an diesen Aufbruch konstatierte der Jesuitenpater die sch\u00f6ne Unbek\u00fcmmertheit der Jugend mit 13, die Leichtigkeit des Seins bei einem Vorgang von gr\u00f6\u00dfter pers\u00f6nlicher Tragweite. Als er mitten im Zweiten Weltkrieg seine Erinnerungen niederschrieb, war er sich dessen bewusst und ihm fiel wieder das aus der Kindheit wohlbekannte Lied ein: \u201eSch\u00f6n ist die Jugend bei frohen Zeiten, sch\u00f6n ist die Jugend, sie kommt nicht mehr\u201c. Die Differter Kindheit war unwiederbringlich vorbei und fand vor Ort keine Fortsetzung in die n\u00e4chsten Lebensabschnitte. Fortan sah er die Heimat vornehmlich aus der Ferne.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Heimat aus der Ferne gesehen<\/strong><\/span><\/p>\n<p>(Weihnachten in Polen)<\/p>\n<p>Die Trennungen von der Heimat waren vor allem anfangs schmerzlich, schmerzlich in der Friedenszeit, aufgrund der Unsicherheit eines Wiedersehens aber noch schmerzlicher in der Zeit des Krieges. Um ein Beispiel aus der Jugendzeit herauszugreifen: Als Peter Lorson Weihnachten 1916, er war damals 19 Jahre alt und trotz seiner Ausbildung zum Geistlichen zum deutschen Milit\u00e4r eingezogen worden, in einem polnischem Krankenhaus verbrachte, \u00fcbermannte ihn ein starkes Heimwehgef\u00fchl. Seine Eltern hatten ihm ein Geschenkpaket geschickt, in dem sich ein kleiner Tannenzweig befand. Seine Kameraden hatten im gro\u00dfen Saal des Krankenhauses einen mit glitzernden Glasperlen und k\u00fcnstlichem Schnee geschm\u00fcckten Weihnachtsbaum aufgestellt. Gemeinschaftlich wurden die altbekannten deutschen Weihnachtslieder gesungen, so vor allem &#8222;Stille Nacht&#8220;. Sein Gem\u00fct war tief ergriffen, das alte romantische Deutschland, das ihn an die Kindheit erinnerte, packte ihn, schaukelte ihn z\u00e4rtlich, dr\u00e4ngte mit seiner magischen Musik all seine aktuellen Gedanken und Pl\u00e4ne in den Hintergrund und \u00fcberw\u00e4ltigte seine Gef\u00fchlswelt. Das blieb ein unvergessliches Erlebnis.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Entfernung von der Heimat<\/strong><\/span><\/p>\n<p>(\u00dcberlauf \u2013 Nationalit\u00e4tswechsel)<\/p>\n<p>Der Abschied aus Differten, der Besuch der Apostolischen Schule in Thieu und der Eintritt in den franz\u00f6sischen Jesuitenorden tangierten Peters Heimatliebe; er baute eine neue Liebesbeziehung auf, ohne die alte aufzugeben. Peter \u00f6ffnete sich der franz\u00f6sischen Kultur und Gesellschaft. Frankreich wurde Lebens- und Arbeitsraum. Er erstrebte eine Integration in die Gesellschaft der Wahlheimat. Wie bei einer Dreiecksbeziehung nicht anders zu erwarten, stellten sich Komplikationen ein. Peter durfte sich in seiner Wahlheimat Frankreich nicht offen zu seiner alten Liebe bekennen. Schon als Novize gab er sich gegen\u00fcber den Mitsch\u00fclern als Elsass-Lothringer aus. F\u00fcr einen angehenden Geistlichen war es keine leichte Sache, mit einer Zweckl\u00fcge zu leben. Das Versteckspiel mit seiner Herkunft begleitete fortan sein Leben, und er suchte immer wieder nach Rechtfertigungen f\u00fcr seine falsche Behauptung, er sei Elsass-Lothringer. Nach dieser Rechtfertigung waren die Saarl\u00e4nder allgemein, die Differter insbesondere genealogisch mit den Franzosen verwandt und kulturell oberfl\u00e4chlich germanisiert, waren lediglich k\u00fcnstlich von den Elsass-Lothringern getrennt. Er st\u00fctzte sein Argument mit dem Hinweis auf die Verbreitung franz\u00f6sischer Familiennamen wie Lafontaine, Comtesse, Tabellion usw. Das waren nur Scheinargumente. Im Herzen wusste er, wer er war, ein Differter, und Differten geh\u00f6rte nun mal seit 1815 st\u00e4ndig und vorher \u00fcberwiegend zu Deutschland bzw. seinen Vorg\u00e4ngerstaaten.<\/p>\n<p>Das Hineinwachsen in die Wahlheimat Frankreich schuf also Probleme. Peter gab sich in der Schlussphase des Ersten Weltkrieges bei seiner Gefangennahme einmal mehr als Elsass-Lothringer aus und verpflichtete sich als Fremdenlegion\u00e4r in der franz\u00f6sischen Marine. Gegen Weihnachten 1918 erhielt er einen vierzehnt\u00e4gigen Urlaub. Das war einerseits eine Wohltat f\u00fcr seine Seele, war er doch jahrelang von seiner Familie und dem Dorf getrennt gewesen. Jetzt  trieb ihn andererseits aber sein Seitenwechsel erstmals in eine geradezu unertr\u00e4gliche seelische Enge. Er sah sich zu einer Maskerade w\u00e4hrend seines Aufenthalts in Differten gezwungen. Da Peter nicht mit einer franz\u00f6sische Marineuniform bekleidet in seinem Heimatort erscheinen konnte, wenn er nicht alle Dorfbewohner erschrecken und ma\u00dflos entt\u00e4uschen wollte,  packte er noch zus\u00e4tzlich eine alte Soutane ein, die er w\u00e4hrend seines Urlaubs tragen wollte. Peters Lage war heikel. In den Augen seiner Eltern und der Dorfbewohner war er ein franz\u00f6sischer Kriegsgefangener, wie so viele andere. Er lie\u00df sie in ihrem Irrglauben. Wie sollte er verst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnen, dass er die Seiten gewechselt hatte und als franz\u00f6sischer Marinesoldat auf Urlaub war und dass er wieder zum franz\u00f6sischen Milit\u00e4r nach Toulon zur\u00fcckkehren musste, von wo er gekommen war? Das alles machte ihm schwer zu schaffen. In Differten sollte der Zug gegen 4 Uhr morgens halten, also gl\u00fccklicherweise mitten in der Nacht. Das Abteil war nicht beleuchtet. So konnte er sich gegen viertel vor vier vom Matrosen in einen Geistlichen verwandeln, ohne dass man auf ihn aufmerksam wurde.<\/p>\n<p>Peter erschien zu Hause gegen halb sechs, zu einer Zeit, als alle noch schliefen. Man kann sich die \u00dcberraschung und die unbeschreibliche Freude der Familie vorstellen, als sie ihn erblickte. Er hatte keine gro\u00dfe M\u00fche, ihnen seinen kleinen Roman glaubhaft zu machen: er habe dank einflussreicher ehemaliger Studienkameraden einen au\u00dferordentlichen Urlaub bekommen. Seine Mutter sch\u00fcttelte den Kopf und bewunderte die Geschicktheit und die Beziehungen ihres Jungen, nur darauf bedacht, seine fl\u00fcchtige Anwesenheit zu genie\u00dfen. Eine Grippe, die Peter sich w\u00e4hrend der Reise eingefangen hatte, zwang ihn gl\u00fccklicherweise das Bett zu h\u00fcten, was ihn davor bewahrte, viele Besuche abzustatten. Nachdem seine Gesundheit wieder hergestellt war, holte er einige Besuche nach.<\/p>\n<p>Peter geriet mehr als einmal in arge Verlegenheit durch Fragen, die ihm von den im Dorf stationierten franz\u00f6sischen Soldaten gestellt wurden, und durch die neugierigen Blicke, die sie auf seine funkelnagelneuen Truppenschuhe und auf seine unter der Soutane hervorlugende blaue Hose warfen. Peter f\u00fchlte sich verst\u00e4ndlicherweise sehr unbehaglich, trotz der Freude, wieder inmitten der Familie zu sein. Die j\u00fcngste seiner Schwestern (=Elisabeth), ein M\u00e4dchen von zwei Jahren, wonnig von Frische, temperamentvoll und schalkhaft, am\u00fcsierte ihn ungeheuerlich. Aber die Eltern von Kriegsgefangenen, die zu ihm kamen, um etwas \u00fcber ihre Angeh\u00f6rigen zu erfahren, brachten ihn in eine qualvolle Verlegenheit und zwangen ihn dazu zu l\u00fcgen. Peter sa\u00df wie auf gl\u00fchenden Kohlen. Das war eine der peinlichsten Situationen in seinem Leben, wenn nicht sogar die peinlichste. Er hielt es zu Hause nicht mehr aus. Nach acht Tagen beschloss er den zweiten Teil seines Urlaubs in Belgien in Florennes zu verbringen, in dem Noviziat, das er mehrmals als deutscher Soldat von seiner Truppe aus besucht hatte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Psychische Belastung<\/strong><\/span><\/p>\n<p>In Differten konnte sich Peter Lorson nicht offen zu seiner Wahlheimat Frankreich bekennen und in Frankreich nicht zu seinem Herkunftsland Deutschland. Sein ganzes Leben lang litt er unter dem geliebten Geburtsort und der Verschwiegenheit, die er ihm auferlegte. Ein schmerzhafter Zustand, der ihn bei weniger starken Nerven und einem weniger erfolgreichen Leben, so sein r\u00fcckblickendes Urteil, zerm\u00fcrbt und innerlich aufgerieben h\u00e4tte. Er verglich seine Gef\u00fchlslage mit der eines M\u00e4dchens, das ein unehelich geborenes Kind vor den Leuten verbergen m\u00f6chte. Die Geburt im Saarland erschien ihm zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Kreisen wie ein ehrenr\u00fchriger sozialer Makel, den er sorgf\u00e4ltig versteckte, wobei er gleichzeitig unter der erzwungenen Heuchelei litt. Er befand sich in der paradoxen Lage, sich unschuldig zu f\u00fchlen und doch Schuldgef\u00fchle mit sich herumtragen zu m\u00fcssen. Peter gewann dem Gedanken etwas ab, durch die im Zweiten Weltkrieg verfasste Autobiographie eine \u00f6ffentliche Beichte abzulegen und der ganzen Welt die Wahrheit zu sagen, eine Idee, die ihn gleichzeitig erleichterte und peinigte. Zu seinen Lebzeiten wurde die Autobiographie aber nicht gedruckt, sondern erst posthum nach 50 Jahren. Und heute ist die Beichte kein &#8222;Aufreger&#8220; mehr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Primiz<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt in der Liebesbeziehung zu Differten stand aber noch aus, und er war gl\u00fccklicherweise unbelastet von seiner Lebensl\u00fcge. Den absoluten H\u00f6hepunkt stellte die Feier der Primiz im Jahre 1929 dar. Wahrscheinlich wusste kaum jemand, dass Peter wenige Jahre zuvor, im Jahre 1926, offiziell die Staatsangeh\u00f6rigkeit gewechselt hatte. Der Wechsel besa\u00df zu dieser Zeit aber noch nicht den Beigeschmack, den er wenige Jahre sp\u00e4ter in Deutschland erhielt. Nationale Ressentiments wurden erst mit Hitlers Macht\u00fcbernahme aufgepeitscht und kochten in der Saarabstimmung von 1935 \u00fcber. Infolge der V\u00f6lkerbundshoheit, der das Saargebiet infolge des Versailler Vertrages von 1919 unterstand, war die Zukunft des Landes an der Saar ohnehin ungewiss.<\/p>\n<p>Peter Lorson geh\u00f6rte, davon kann man ausgehen, bei der Feier der Primiz voll und ganz zum Dorf und das Dorf zu ihm, wenigstens an dem Tag, als er sein erstes feierliches Hochamt zelebrierte, am 1. September 1929. Das war in Differten ein gro\u00dfes Ereignis. Girlanden, Bogent\u00fcren, mit Papierrosen geschm\u00fcckte B\u00e4ume s\u00e4umten die Stra\u00dfen und zierten die H\u00e4user. Die ganze Dorfbev\u00f6lkerung nahm Anteil an seiner Freude und der seiner Familie. Verglichen mit dem \u00fcblichen Sonntagskult war die Feier der Primiz nach Peters Empfinden zehn- oder hundertmal eindrucksvoller. Er war schlichtweg \u00fcberw\u00e4ltigt vom \u00e4u\u00dferen und inneren Glanz des Tages. Der religi\u00f6se Wert der Primizfeier ragte f\u00fcr alle, die auf der gleichen Wellenl\u00e4nge lagen, f\u00fcr die Pfarrei, f\u00fcr die Familie und f\u00fcr ihn selbst erheblich aus dem Allt\u00e4glichen heraus. Alle Musikvereine des Dorfes boten ihm abends ein St\u00e4ndchen dar, und er hielt mittags nach einem Trinkspruch eine Ansprache im Freien, in der er aus voller \u00dcberzeugung das deutsche Volkslied r\u00fchmte. Er verglich es mit den Liedern, die er in Frankreich, in England, in Russland, in Belgien, in Holland geh\u00f6rt hatte und gab die Palme den alten Liedern, die er in der Wiege seiner Kindheit kennen gelernt hatte. Er tat es in einer bescheidenen Ansprache, aber man verstand ihn. Im musikalischen und poetischen Bereich sowie im religi\u00f6sen Bereich hatte Peter keine M\u00fche, sich auf die Wellenl\u00e4nge dieser in der franz\u00f6sisch inspirierten Wertung oberfl\u00e4chlich germanisierten Saarl\u00e4nder, so die r\u00fcckblickende franz\u00f6sisch inspirierte Wertung, einzustellen. Im Herzen f\u00fchlte er sich nicht nur am Tag der Primiz eins mit den Differtern.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Saarl\u00e4ndische Heimat\/els\u00e4ssische Wahlheimat<\/strong><\/span><\/p>\n<p>W\u00e4re Peter Lorson nach seinem urspr\u00fcnglichen Wunsch Missionar in China geworden, so h\u00e4tten sich seine aus der Herkunft abgeleiteten Probleme in Wohlgefallen aufgel\u00f6st. Er h\u00e4tte sich zu seiner deutschen Herkunft offen bekennen k\u00f6nnen. Die Einheimischen h\u00e4tte es wenig interessiert, aus welchem europ\u00e4ischen Land er gekommen w\u00e4re. Die Herkunft w\u00e4re irrelevant gewesen. Er blieb aber in Frankreich, und das war in einer Epoche nationaler Verblendung f\u00fcr einen Deutschen der schwierigere, wenn nicht gar der schwierigste Standort. Peter erhielt andererseits im els\u00e4ssischen Stra\u00dfburg einen Wirkungs- und Lebensort, der ihm sehr entgegenkam. Hier fand er eine zweite Heimat. Land und Leute der saarl\u00e4ndischen Nachbarregion lernte er kennen und lieben. Er entwickelte einen Regionalpatriotismus und wurde ein entschiedener els\u00e4ssischer Interessenvertreter gegen die zentralistische Politik der Pariser Regierung. Im Unterschied zum Elsass fand er in S\u00fcdfrankreich, als er in den Kriegsjahren dort untertauchte, nicht die gleiche Wellenl\u00e4nge vor und blickte mit starken Vorurteilen auf die S\u00fcdfranzosen. Als moralisch verderblich erlebte er die Franzosen aus dem Raum Paris, die er als Milit\u00e4rgeistlicher an dem Elsass-Lothringen durchziehenden Festungswall, der Maginotlinie, im Blitzkrieg 1940 zu betreuen hatte. F\u00fcr die Els\u00e4sser war Pater Lorson gewisserma\u00dfen ein Adoptivsohn. Wie die Saarl\u00e4nder ordnete er sie einer deutsch-franz\u00f6sischen Mischkultur zu. Sein beruflicher Standort in Stra\u00dfburg hatte den gro\u00dfen Vorteil, dass er seinem Herkunftsland und Differten nahe war. Besuche und Kontakte lie\u00dfen sich dadurch h\u00e4ufiger realisieren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Ende des Zweiten Weltkrieges<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Am Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich Pater Lorson in S\u00fcdfrankreich aufhielt, \u00e4u\u00dferte sich seine alte Heimatliebe auf verschiedenen Stufen. Obwohl er sich zum franz\u00f6sischen Widerstand gegen die Naziherrschaft bekannte und sich publizistisch an ihm beteiligte, lagen ihm die Deutschen am Herzen. Deshalb kritisierte er das sinnlose Opfern der deutschen Soldaten, als sich ihre Niederlage klar abzeichnete. Das Leben und \u00dcberleben der Deutschen war ihm nicht gleichg\u00fcltig. Mit Recht bezweifelte er angesichts der selbstm\u00f6rderischen Durchhalteparolen, dass Adolf Hitler sein Volk wirklich liebte. Pater Lorsons Liebe zu Deutschland zeigte sich auch bei anderen Gelegenheiten. Zeit seines Lebens schmerzte es ihn, wenn sich franz\u00f6sische Gespr\u00e4chspartner zu einer pauschale Verurteilung der Deutschen hinrei\u00dfen lie\u00dfen. Er f\u00fchlte sich getroffen und angegriffen, weil er sich im Herzen trotz seines Nationalit\u00e4tswechsels als Deutscher angesprochen f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Gegen Kriegsende war Pater Lorson nat\u00fcrlich auch in gro\u00dfer Sorge um seine Familie. Er hatte l\u00e4ngere Zeit keine Nachricht mehr erhalten, wie es seiner Mutter und seinen Schwestern erging. Die Ungewissheit zerm\u00fcrbte ihn. Er machte sich Sorgen, wie die vorr\u00fcckenden alliierten Truppen mit den Saarl\u00e4ndern \u00fcberhaupt umgehen w\u00fcrden. Wissen die Yankees, so fragte er sich, dass die Saarl\u00e4nder Deutsche besonderer Art sind? Ihre Erw\u00e4hnung von &#8222;Saarlautern&#8220; (eine Wortsch\u00f6pfung der Nazis) anstatt Saarlouis lasse nicht darauf schlie\u00dfen. Den Amerikanern fehlte es seiner Meinung nach an Nuancen, an Feinheit und an historischen Kenntnissen. Sie nahmen keinerlei R\u00fccksicht auf die Beete der alten G\u00e4rten, in denen sie erbarmungslos herum trampelten. Ihm graute vor einer Verw\u00fcstung des sch\u00f6nen Warndtwaldes, mit dem ihn eine nostalgische Erinnerung an das Zwitschern der V\u00f6gel verband.<\/p>\n<p>Ende des Jahres 1944, als die Amerikaner siegreich von Frankreich aus nach Deutschland vormarschierten, wollte Peter Lorson in der Weihnachtszeit nach Differten fahren. Das war aber noch nicht m\u00f6glich. Er h\u00e4tte dort einen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung, auch seiner Familie allerdings nicht angetroffen, denn diese waren nach 1940 ein zweites Mal evakuiert worden. Als Peter Lorson an Ostern 1945 \u00fcber Paris, Metz und Creutzwald das geliebte Dorf am Rande des Warndtwaldes wieder besuchen konnte, erfuhr er in Friedrichweiler von ortsans\u00e4ssigen Frauen, dass seine Mutter vor wenigen Wochen (am 9. Februar) in Diespeck zwischen W\u00fcrzburg und N\u00fcrnberg, wo sie sich w\u00e4hrend der zweiten Evakuierung in den Kriegsjahren aufhielt, verstorben war. Sobald er allein war, lie\u00df er seinen Tr\u00e4nen freien Lauf und heulte wie ein Kind, bevor er seine in Friedrichweiler wohnende Schwester Margarethe Trunzler aufsuchte. Sein Vater Jakob Lorson war bereits 1941 eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben. Obwohl der Pater in S\u00fcdfrankreich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten untergetaucht war, wusste er davon. Er stand in brieflicher Verbindung mit der Mutter und den Geschwistern, sehr wahrscheinlich \u00fcber den Differter Pfarrer.<\/p>\n<p>In Friedrichweiler begegnete Peter einem seiner Neffen, der ihn zu seiner Mutter beziehungsweise zu Peters Schwester begleitete, die ihm schon entgegenkam. Peter fiel in ihre Arme und sie beweinten still die Mutter, die sie so sehr geliebt hatten und die sie nicht haben sterben sehen. Als Peter schlie\u00dflich die vier Kinder Margarethes wahrnahm, stellte er fest, dass sie eine erstaunliche \u00c4hnlichkeit mit seinen Geschwistern besa\u00dfen. Peter sah sich pl\u00f6tzlich in seine gl\u00fcckliche Jugendzeit versetzt. Er war wieder 10 Jahre alt und hatte Lust mit den Kindern auf die B\u00e4ume zu klettern. Manchmal rieb er sich die Augen angesichts der Auferstehung der Vergangenheit. Er f\u00fchlte sich daheim, in der Geborgenheit seiner Kindheit. Die Glocken l\u00e4uteten, die V\u00f6gel zwitscherten, die Kinder schrien. Peter hatte selten das Gef\u00fchl des Fortbestehens der Generationen so empfunden wie bei dieser Gelegenheit, als er mit dem Tod und dem Weiterleben der Familie konfrontiert war.<\/p>\n<p>Dankbare Erinnerung an die verstorbenen Eltern pr\u00e4gten nachhaltig die Gef\u00fchle des Sohnes. Das brachte er in der Widmung eines seiner B\u00fccher zum Ausdruck:<\/p>\n<p>\u201eDem Andenken meiner lieben Eltern,<\/p>\n<p>Die fern von ihrem Sohne,<\/p>\n<p>Zur herben Zeit des Krieges,<\/p>\n<p>In Gott entschlafen sind.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Saarl\u00e4ndische Zeit<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Als die Zukunft des Saarlandes nach der Befreiung Deutschlands auf der politischen Tagesordnung stand, engagierte sich Peter Lorson stark in der Saarfrage, ein Engagement, das nur von seiner Herkunft her erkl\u00e4rlich ist. Er schlug dem Au\u00dfenminister Georges Bidault kurz nach Kriegsende zun\u00e4chst die Annexion des Landes vor. In seiner franz\u00f6sisch gef\u00e4rbten Brille waren die Saarl\u00e4nder &#8211; ohne es zu wissen &#8211; Franzosen, die Frankreich zehnmal leichter eingliedern werde als die Els\u00e4sser, weil ihr Temperament franz\u00f6sischer sei. Dieses Urteil entsprach mit Sicherheit nicht dem Selbstverst\u00e4ndnis der Differter oder allgemeiner der Saarl\u00e4nder. Der Minister bedankte sich herzlich bei Peter und versprach, seine Denkanst\u00f6\u00dfe in Betracht zu ziehen.<\/p>\n<p>In Differten war Peter Lorsons Brief an den Au\u00dfenminister sicher nicht bekannt, inzwischen wohl aber doch sein Nationalit\u00e4tswechsel, seine Distanz zu Hitlerdeutschland und sein franz\u00f6sischer Milit\u00e4rdienst. Durch die Einbindung in unterschiedliche und sich feindlich gegen\u00fcberstehende politische Systeme war eine Entfremdung eingetreten. Schon aus sprachlichen Gr\u00fcnden konnte die Gedankenwelt des Jesuiten, die sich in seinem franz\u00f6sischsprachigem Schrifttum niederschlug, nicht nachvollzogen werden. Hinzu kam auf deutscher Seite die Indoktrination mit Naziparolen, die bis in die letzten d\u00f6rflichen Winkel vordrang, selbstverst\u00e4ndlich auch nach Differten. Die eingetretene Entfremdung zwischen Pater Lorson und Differten war sehr tief. Seine Heimatliebe und deren Erwiderung befanden sich in einer prek\u00e4ren Lage.<\/p>\n<p>Das alles f\u00fchrte zu einem angespannten Verh\u00e4ltnis. Peter wusste, dass im Dorf manche dem Nationalsozialismus so weit verfallen waren, dass sie mit der Kirche gebrochen hatten. Er hatte nach dem Krieg Zweifel an dem offenkundigen Klerikalismus der Saarl\u00e4nder allgemein. Er berief sich in einer Saarland-Reportage auf seine Kenntnis der Verh\u00e4ltnisse zur Zeit Hitlers. In dem Dorf, das er gut kannte, sei dort mehr als ein Parteifunktion\u00e4r aus der Kirche ausgetreten. Heute best\u00fcnde wiederum Einstimmigkeit, weil sich das Rad gedreht habe. Es gebe eine gro\u00dfe Gefahr der Unaufrichtigkeit und des Missbrauchs der religi\u00f6sen Idee. Eine geistige Abrechnung mit fr\u00fcheren NS-Leuten lag Pater Lorson jedoch fern, er pflegte das Prinzip der Vers\u00f6hnung als einen der h\u00f6chsten christlichen Grunds\u00e4tze. So sehr er sich auch gegen\u00fcber dem offiziellen Deutschland in der NS-Zeit distanzierte, nach dem Zweiten Weltkrieg blickte er wohlwollend und freundlich wie ein besorgter Vater auf das Land seiner Herkunft. Mit dem Saarland allerdings hatte er Gr\u00f6\u00dferes vor. Er wollte es zum Br\u00fcckenland f\u00fcr Europa machen. Hier schlug wieder sein Lokalpatriotismus durch. Das Ziel eines eigenst\u00e4ndigen Staates scheiterte allerdings. Die Wiedereingliederung in Deutschland erlebte Peter Lorson nicht mehr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Tod<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Dass Peter Lorson nach seinem fr\u00fchen Tod im Jahre 1954 auf eigenen Wunsch im Grab seiner Eltern beerdigt wurde, war ein sinnf\u00e4lliger Abschluss seines Lebenskreises. Er kehrte zu seinen Differter Wurzeln zur\u00fcck. Nach seinem Tod sprach Pastor Barthel Pater Lorsons Heimatliebe an. Er schloss die Grabrede mit den Worten: \u201cWir sind hier versammelt, um von Pater Lorson Abschied zu nehmen. So wie dieser Priester die Heimatpfarrei, das Saarland, die Christen in der Gesamtheit geliebt hat, so liebte er auch das Elterngrab. In diesem wird Lorson auch seine Ruhest\u00e4tte finden. Wie er uns die Treue gehalten hat und der Heimat immer verbunden war, so wollen auch wir mit den Angeh\u00f6rigen und Ordensleuten seiner stets im Gebet gedenken.\u201d Der Gottesdienst war von Trauerges\u00e4ngen des Kirchenchores umrahmt. Nach Beendigung der Messe wurde die Leiche zum Differter Waldfriedhof getragen. Auf dem Grabstein stand der deutsche Vorname Peter, den er in Frankreich abgelegt hatte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>W\u00fcrdigung<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Pater Lorson hat in Differten bis jetzt kein Denkmal erhalten, keine Gedenktafel, die man etwa an einem Haus der Familie anbringen k\u00f6nnte, selbst das Grab ist eingeebnet worden. Die Erinnerung an ihn wurde nicht gepflegt. Durch sein Wirken in Frankreich, die Vielzahl seiner Schriften in Franz\u00f6sisch, ist sein Werk f\u00fcr viele seiner deutschen Landsleute unzug\u00e4nglich und dadurch unbekannt geblieben. Anders als im Falle von Johannes Kirschweng und Wadgassen, hat Differten die Beziehung zu seinem Sohn in hohem Ma\u00dfe verloren. Dem Wiederaufbau dieser Beziehung dienen die Bem\u00fchungen der Pater-Lorson-Gesellschaft der letzten Jahre, der heutige Vortrag und nicht zu vergessen das von mir verfasste Buch.<\/p>\n<p>Dessen Entstehung hat viel mit Heimatliebe zu tun, mit der von Pater Lorson, aber auch meiner eigenen. Mich hat die Neugier auf eine interessante Person des Nachbardorfes getrieben. Ich h\u00e4tte kein Buch \u00fcber einen Jesuiten irgendwo in Deutschland geschrieben. Die jahrelange Besch\u00e4ftigung und die Lekt\u00fcre vieler B\u00fccher und Aufs\u00e4tze galten mit Peter Lorson einem von uns, einem, der aus der Dorfmitte hervorgegangen ist. Mein Motiv ist letzten Endes, wenn ich mich selbst hinterfrage, kein anderes als Heimatliebe. Mit dem Buch schlie\u00dft sich ein von der Heimatliebe gezogener Kreis. Auf den ersten Blick ist es schon erstaunlich, dass jetzt ein Buch in Pater Lorsons Heimat von Geburt erschienen ist und nicht im Elsass, verfasst von einem Autor, der die H\u00e4lfte seines Lebens au\u00dferhalb des Saarlandes, in Westfalen verbracht hat. Die Herkunft von Geburt beweist in beiden F\u00e4llen ein starkes Gewicht. Heimatliebe wird und sollte schlie\u00dflich auch das Motiv sein, das die Differter bewegt, das Buch in ihre Hausbibliothek aufzunehmen.<\/p>\n<p><a title=\"Mehr zu Peter Lorson\" href=\"..\/..\/pierre-lorson-sj-texte\/vortraege\" target=\"_self\">Weitere Vortr\u00e4ge zum Pater Peter Lorson<\/a><\/p>\n<p><a title=\"Daten zum Leben von Peter Lorson\" href=\"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/pierre-lorson-sj-texte\/biographische-daten\" target=\"_self\">Biographische Daten zu Pater Peter Lorson<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pater Lorsons Heimatliebe in Zeiten nationaler Verblendung Vortrag von Prof. Dr. Peter Burg am 6. November 2011 in Wadgassen-Differten, Pfarrs\u00e4lchen Das Thema Heimatliebe verspricht auf den ersten Blick keine Dramatik, auch keine spektakul\u00e4ren Enth\u00fcllungen. F\u00fcr die Daheimgebliebenen ist sie etwas Allt\u00e4gliches, eher unbewusst Erlebtes. Die Wertsch\u00e4tzung der Heimat stellt sich in der Regel erst in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":348,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-666","page","type-page","status-publish","hentry"],"aioseo_notices":[],"aioseo_head":"\n\t\t<!-- All in One SEO 5.0.2 - aioseo.com -->\n\t<meta name=\"description\" content=\"Das Thema Heimatliebe verspricht auf den ersten Blick keine Dramatik, auch keine spektakul\u00e4ren Enth\u00fcllungen. 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