{"id":454,"date":"2011-06-07T14:52:29","date_gmt":"2011-06-07T13:52:29","guid":{"rendered":"http:\/\/peter-burg.de\/?page_id=454"},"modified":"2015-05-15T23:42:57","modified_gmt":"2015-05-15T21:42:57","slug":"burschenschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/deutschland\/burschenschaft","title":{"rendered":"Burschenschaft"},"content":{"rendered":"<h3>Die Geschichte der Deutschen Burschenschaft unter besonderer Ber\u00fccksichtigung ihrer politischen Orientierung<\/h3>\n<p>von Prof. Dr. Peter Burg<\/p>\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Heinrich Heine verfasste 1840 eine Denkschrift, in der er die im Umfeld des Wartburgfestes aufgekommene \u201eTeutomanie\u201c verspottete. Dabei warf er Fragen auf:<\/p>\n<p>\u201eWo f\u00e4ngt der Germane an? Wo h\u00f6rt er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptete die Mehrheit. Darf ein Deutscher Handschuhe tragen? Ja, jedoch von B\u00fcffelhaut. &lt;&#8230;&gt; Aber Biertrinken darf ein Deutscher, und er soll es als echter Sohn Germanias\u201c.<\/p>\n<p>Anders als den Geist des Wartburgfestes lobte Heine den Geist des Hambacher Festes. Beide sind aber wesentlich mit der Burschenschaftsbewegung in Verbindung zu bringen. Daraus leitet sich als Gebot ab, die Geschichte genauer in Augenschein zu nehmen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Deutschen Burschenschaft geh\u00f6rt nicht zu den vernachl\u00e4ssigten Themen der deutschen Geschichtswissenschaft. Das ist nicht zuletzt dem umfangreichen \u201ehauseigenen\u201c Schrifttum zu verdanken. Der Burschenschaftsbewegung zugeh\u00f6rige Historiker wie Herman Haupt und Paul Wentzcke haben sich um 1900 der Thematik mit bemerkenswerter Intensit\u00e4t und in weitgehend professioneller Weise angenommen. An zweiter Stelle ist f\u00fcr die gute Forschungslage die geschichtliche Bedeutung der Thematik zu nennen. Die Burschenschaftsbewegung war zum einen Ausl\u00f6ser einschneidender politischer Aktionen, ganz \u00fcberragendes Beispiel ist das Wartburgfest von 1817, auf das die reaktion\u00e4ren Karlsbader Beschl\u00fcsse von 1819 folgten, zum anderen verk\u00f6rperte die Bewegung den jeweiligen politischen Zeitgeist bisweilen in pointierter Form.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es mehr oder weniger bevorzugte Zeitr\u00e4ume in der historischen Erforschung der Burschenschaftsbewegung. Die erste H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts hat quasi als das Goldene Zeitalter ungleich mehr Beachtung gefunden als das Wilhelminische Reich, die Weimarer Republik oder der Nationalsozialismus. Die Akzente beruhen auf einer unterschiedlichen geschichtlichen. Mein geschichtlicher Abriss beginnt mit der Vorgeschichte, legt den Schwerpunkt auf die immer noch einen Leitbildcharakter besitzende Fr\u00fchzeit der Burschenschaftsbewegung und wird in gro\u00dfen Linien bis zur Bundesrepublik Deutschland gef\u00fchrt. Dabei geht es mir vor allem darum, den politischen Standort in der jeweiligen Epoche aus wissenschaftlicher, d.h. m\u00f6glichst objektiv-distanzierter Sicht zu charakterisieren.<\/p>\n<p><strong>Vorgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Im engeren Sinn beginnt die Geschichte der Deutschen Burschenschaft am 12. Juni 1815, als in Jena eine Reihe von Landsmannschaften in der allgemeinen Burschenschaft aufging und diese, von der Nationalidee inspiriert, ihren Siegeszug in Deutschland antrat. Auf Vorl\u00e4ufer und Wegbereiter einen Blick zur\u00fcckzuwerfen lohnt sich, um den Gr\u00fcndungsakt in Jena zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Der Name Burschenschaft verweist zur\u00fcck auf eine lange Vorgeschichte. Bursche, fr\u00fchneuhochdeutsch \u201ebursgesell\u201c oder \u201ebursant\u201c, war Mitglied einer aus einem gemeinsamen Beutel lebenden Gesellschaft von Studenten, Handwerkern oder Soldaten. Aus dem lateinischen Wort \u201ebursa\u201c, Geldbeutel, leitete sich der Name der Gesellschaft und ihres Hauses ab. Die \u201eB\u00f6rse\u201c hat ja auch heute noch eine engere und weitere Bedeutung, bezeichnet das Handgeld in der Tasche und den Dreh- und Angelpunkt des Kapitalmarktes. In beiden F\u00e4llen geht es aber um einen Individualbesitz. Die B\u00f6rse der Burschenschaft bzw. ihrer Vorg\u00e4nger hatte im Unterschied dazu jedoch einen genossenschaftlichen Charakter, war Gemeinschaftsbesitz, aus dem das Zusammenleben finanziert wurde. Aus der Bezeichnung \u201eB\u00f6rse\u201c f\u00fcr die Gesellschaft und das Haus entwickelte sich schlie\u00dflich der Name f\u00fcr die Bewohner. Vor 1800 erfolgte die soziale Eingrenzung auf die Studenten; Burschenschaft bezeichnete die Gesamtheit der Studenten einer Universit\u00e4t. Die bemerkenswerte Wort- und Begriffsgeschichte f\u00fchrte so vom \u201eGeldbeutel\u201c zum Namen der nationalen Studentenverbindung.<\/p>\n<p>Auch der Begriff der \u201eNation\u201c, so wie ich ihn eben verwandte, erlebte eine erhebliche Umdeutung. F\u00fcr die mittelalterlichen Universit\u00e4ten war nicht der Begriff der Burschenschaft, sondern der der \u201eNationen\u201c grundlegend. Eine Nation vereinigte Lehrer und Studenten eines bestimmten Landes oder einer bestimmten Landschaft. Sie war eine Genossenschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung, aber auch ein Organ zur universit\u00e4ren\u00a0 Mitverwaltung, z.B. bei der Rektorwahl. Organisiert war auch das Leben in den Kollegienh\u00e4usern, den \u201eNationalbursen\u201c. Es gab Satzungen, Aufnahmeriten, Vorsteher, Abzeichen in den Landesfarben, ein geschlossenes Auftreten nach au\u00dfen, etwa zur Verteidigung eines Landsmannes.<\/p>\n<p>Mit der Reformation traten Verschiebungen im Universit\u00e4tsleben ein. In den geistlichen und katholischen Staaten blieb der Einfluss der Kirche auf die Universit\u00e4ten weiterhin stark, in den protestantischen trat der Landesf\u00fcrst an deren Stelle. Die im Mittelalter vorhandene enge Gemeinschaft von Professoren und Studenten zerfiel, die Professoren erhielten in der Fakult\u00e4tsverfassung das alleinige Sagen. Die Tradition der Nationen setzte sich au\u00dferhalb der Universit\u00e4t fort, in den Landsmannschaften, die keine sozialen Unterschiede kannten.<\/p>\n<p>Im Zuge des Absolutismus, in dem der Adel in die staatliche Verwaltung einbezogen wurde und sich Qualifikationsanforderungen stellen musste, nahm der Anteil adeliger Studenten in den Universit\u00e4ten zu. Das Sozialprofil der Studentenschaft wandelte sich, desgleichen der gesamte Habitus der Studenten. Feudale Ehrbegriffe und Duellwesen hielten Einzug, die soziale Gleichheit schwand. Die Landsmannschaften entwickelten sich zu Zusammenschl\u00fcssen auf freiwilliger Basis. Innerhalb dieser Korporationen bildeten sich in Anlehnung an das Freimaurertum kosmopolitisch orientierte geheime Studentengesellschaften und \u2013orden aus. Ihr Aufbl\u00fchen zersetzte die alten Landsmannschaften. Die Orden (Amicisten, Unitisten usw.) traten vor Ausbruch der Franz\u00f6sischen Revolution einen Siegeszug an den deutschen Universit\u00e4ten an. Da sich ihre politische Programmatik und T\u00e4tigkeit sachlich und zeitlich nicht auf das Universit\u00e4tsleben beschr\u00e4nkte, sie allgemein aufkl\u00e4rerisch wirken wollten, gerieten sie in einen Konflikt mit den herrschenden Gewalten. Nach 1789 wurden sie alsbald als Anh\u00e4nger der Revolution verd\u00e4chtigt und verfolgt und fielen der Unterdr\u00fcckungspolitik zum Opfer.<\/p>\n<p>Die Stelle von Landsmannschaften und Orden begannen um die Jahrhundertwende, anfangs halblegal, die Corps einzunehmen. Das \u00e4lteste Corps, die Onoldia (f\u00fcr Ansbach) in Erlangen, existiert heute noch. Kennzeichnend f\u00fcr die Corps waren landschaftliche Benennung und Rekrutierung. Wie die Orden begr\u00fcndeten sie eine lebensl\u00e4ngliche Mitgliedschaft, doch anders als diese waren sie unpolitisch. Die Satzungen enthielten Freundschafts- und Bildungsbeteuerungen, doch die Mitglieder, darunter insbesondere die Adeligen, strebten nach gesellschaftlicher Exklusivit\u00e4t. Ein in absolutitischer Manier gef\u00fchrter \u201eSenioren-Convent\u201c fungierte vor Ort als Gericht und Repr\u00e4sentant der Studentenschaft. Duelle geh\u00f6rten nunmehr zum normativen Rahmen.<\/p>\n<p><strong>Die Gr\u00fcndung der Deutschen Burschenschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die Befreiungskriege und die auf sie folgende Neuordnung Deutschlands bildeten den Kontext f\u00fcr die Entstehung der epochemachenden nationalen Studentenverbindung, die Allgemeine Burschenschaft. Friedrich Ludwig Jahn, der Turnvater, einst Mitglied des Unitistenordens und ein Feind der Corps, arbeitete bereits 1810 einen Gr\u00fcndungsplan f\u00fcr eine alle Sonderverbindungen aufhebende \u201eDeutsche Burschenschaft\u201c aus. Politisches Ziel, das in studentischen Kreisen Nord- und Mitteldeutschlands gro\u00dfen Anhang fand, war die Befreiung Deutschlands von der franz\u00f6sischen Besatzung bzw. Vorherrschaft. In L\u00fctzows Freikorps, das seine Fahne mit den Farben Schwarz-Rot-Gold zierte, fanden Jahns Ideen eine konkretere Gestalt.<\/p>\n<p>Allen voran dr\u00e4ngten die Jenenser Studenten zum nationalen und demokratischen Zusammenschluss, auf studentischer, dann aber auch auf allgemeiner gesellschaftlicher Ebene. Treibende Kraft f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer allgemeinen Verbindung wurde die Landsmannschaft Vandalia. Nach heftigen Auseinandersetzungen lie\u00dfen sich weitere Landsmannschaften f\u00fcr den burschenschaftlichen Gedanken gewinnen. Am 12. Juni 1815 senkten sich die Fahnen der Landsmannschaften vor einer ber\u00fchmt gewordenen \u201eTanne\u201c in Jena zum Zeichen ihres Aufgehens in der Burschenschaft. Der Tag bzw. der symbolische Akt dieses Tages wurde zur denkw\u00fcrdigen Geburtsstunde der Deutschen Burschenschaft.<\/p>\n<p>Auch die Corps schafften analog die heimatgebundene Rekrutierung ab und \u00f6ffneten sich damit der Nationalidee. Diese \u00d6ffnung f\u00fcr das Ganze des Volkes war das entscheidend Neue. Dazu geh\u00f6rte die \u00dcberwindung des deutschen staatlichen Partikularismus ebenso wie die Pflege des deutschen Kulturgutes, des Volkscharakters und des Brauchtums. Die Ideale der sogenannten Urburschenschaft, 1817 auf der Wartburg pr\u00e4gnant zusammengefasst in den Begriffen \u201eEhre \u2013 Freiheit \u2013 Vaterland\u201c, sind zum Leitbild der folgenden Generationen bis heute geworden. Auch die Gefahr einer \u00dcbersteigerung der Vaterlandsliebe, eines Umschlags in Deutscht\u00fcmelei und Nationalismus war von Anfang an gegeben \u2013 das hat Heinrich Heine richtig gesehen.<\/p>\n<p>Das Wartburgfest vom 18. Oktober 1817, der Tag wurde in Erinnerung an die Leipziger V\u00f6lkerschlacht des Jahres 1813 gew\u00e4hlt, und Burschentage in Jena im Jahre 1818 trieben die Einigung zu einer \u201eDeutschen Burschenschaft\u201c weiter voran. Vertreter von 14 Universit\u00e4ten vollzogen in Jena am 18. Oktober 1818 einen Zusammenschluss, der verfassungsgem\u00e4\u00df dem Zwecke einer \u201eChristlich-deutschen Ausbildung einer jeden leiblichen und geistigen Kraft zum Dienste des Vaterlandes\u201c dienen sollte, und dies auf der Basis einer \u201eEinheit, Freiheit und Gleichheit aller Burschen untereinander und m\u00f6glichster Gleichheit aller Rechte und Pflichten\u201c. Im Einzelnen kreisten heterogene Gedanken durch die Vorstellungswelt der sogenannten Urburschenschaft. Man schw\u00e4rmte vom mittelalterlichen Kaisertum und germanischer Mythologie, man polemisierte gegen Juden und Ausl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Bedeutsamer aber waren die Forderungen, die der Jenaer Historiker Luden und der deutsche Liberalismus in den n\u00e4chsten Jahrzehnten gleichfalls auf die Tagesordnung stellten und die sich die Deutsche Burschenschaft zu eigen machte: Einheit in politischer, rechtlicher, wirtschaftlicher und, was schon problematischer war, in religi\u00f6ser Hinsicht, konstitutionelle Verfassungen mit Selbstverwaltung, Gleichheit vor dem Gesetz, liberale Grundrechte wie Rede- und Pressefreiheit, \u00f6ffentliche Gerichtsverfahren und Geschworenengerichte, allgemeine Wehrpflicht, machtbetonte Au\u00dfenpolitik.<\/p>\n<p><strong>Politische Aktivit\u00e4ten der Burschenschaft<\/strong><\/p>\n<p>Das war das wegweisende Programm der politischen Opposition in Deutschland. Die Deutsche Burschenschaft war auf dem Wege, eine allgemeine und umfassende nationale Organisation und ein Repr\u00e4sentativorgan aller deutschen Studenten zu werden, gewisserma\u00dfen ein Sto\u00dftrupp des deutschen B\u00fcrgertums, als die Karlsbader Beschl\u00fcsse diese Entwicklung j\u00e4h abbremsten. Durch sie wurden alle studentischen Verbindungen einschlie\u00dflich der Deutschen Burschenschaft verboten. An den Universit\u00e4ten \u00fcberwachten Regierungskommissare Professoren und Studenten, die Mainzer Zentraluntersuchungskommission suchte \u00fcberall nach Verschw\u00f6rern. Nur im Untergrund konnte die Burschenschaftsbewegung weiter existieren; hierbei radikalisierte sich ihre politische Programmatik. Den Gipfel bildete das Attentat des Theologiestudenten Carl Ludwig Sand auf den Schriftsteller August von Kotzebue.<\/p>\n<p>Kennzeichnend f\u00fcr die fr\u00fche Burschenschaftsbewegung ist ihr Bekenntnis zu einer internationalen Solidarit\u00e4t. Sie sympathisierte mit den nationalen Befreiungskriegen und Aufst\u00e4nden der Griechen, Italiener, Polen und Belgier und propagierte ein konf\u00f6deriertes republikanisches Europa. Am polnischen Aufstand von 1830 nahmen Burschenschafter als K\u00e4mpfer und als \u00c4rzte teil. Auf dem Hambacher Fest vom Mai 1832 wurden die deutsch-polnische und die deutsch-franz\u00f6sische Verbr\u00fcderung gefeiert. Burschenschafter hielten Festansprachen.<\/p>\n<p>Die Richtung der \u201eGermanen\u201c dr\u00e4ngte nach der franz\u00f6sischen Julirevolution 1830 zu einer aktiven Politik, die \u201eArminen\u201c legten den Schwerpunkt auf eine allgemeine Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsarbeit. Auf dem Burschentag in Stuttgart setzten sich die Germanen mit einem revolution\u00e4ren Aktionsprogramm durch. Aus dem Umsturzplan unter Federf\u00fchrung des Vaterlandsvereins und unter Mitwirkung von Nichtakademikern ging der Frankfurter Wachensturm vom 2. April 1833 hervor, ein kl\u00e4glich gescheitertes Unternehmen zur Besetzung des Bundestages, der Versammlung der Bevollm\u00e4chtigten der deutschen Regierungen, der die Unterdr\u00fcckungspolitik der deutschen Staaten koordinierte. Den Kern des waghalsigen Wachensturms bildeten 30 bis 40 Burschenschafter. Der Deutsche Bund setzte eine erneute Demagogenverfolgung in Gang. Hunderte wurden zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilte, viele flohen ins Ausland. Die Burschenschaftsbewegung wurde nochmals ausdr\u00fccklich verboten, obwohl das alte Verdikt noch nicht aufgehoben worden war. Die f\u00fchrende politische Rolle der Burschenschaft war mit dem Misslingen des Frankfurter Wachensturms beendet.<\/p>\n<p>Das preu\u00dfische Kammergericht f\u00e4llte 39 Todesurteile, die aber allesamt in Festungshaft umgewandelt wurden. Unter den H\u00e4ftlingen befand sich der bekannte Mundartdichter Fritz Reuter. Erst als im Jahre 1840 Friedrich Wilhelm IV. den preu\u00dfischen Thron bestieg, wurden zahlreiche eingekerkerte Studenten freigelassen. Das Universit\u00e4tsleben wurde wieder freier.<\/p>\n<p><strong>Die Progressbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Eine neue studentische Bewegung, der \u201eProgress\u201c, konnte sich, vom ostpreu\u00dfischen K\u00f6nigsberg ausgehend, entfalten. Weite Kreise der Studentenschaft befreiten sich von den immer noch kursierenden romantischen, christlich-v\u00f6lkischen, mittelalterlich-verkl\u00e4rten Weltanschauungselementen. Die Mehrheit bekannte sich nunmehr zu den demokratischen Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit. Konsequent forderten die Anh\u00e4nger der Progressbewegung eine soziale Entgrenzung der Verbindung, eine Abschaffung der trennenden Farben, Abzeichen und Br\u00e4uche, von Duellen und Mensuren ohnehin. Sogenannte \u201eAllgemeinheiten\u201c sollten Studierende und Nichtakademiker verbinden. Viele Burschenschaften schwenkten in das progressistische Fahrwasser, w\u00e4hrend sich die Corps in der Mehrzahl feindselig gegen\u00fcber dieser neuen Bewegung verhielten. Repr\u00e4sentatives Beispiel der Progressbewegung ist die \u201eBurschenschaft auf dem Burgkeller\u201c in Jena. Den H\u00f6hepunkt der Progressbewegung bildete das Treffen auf dem Kyffh\u00e4user Pfingsten 1846. Hier trafen sich die Vertreter von 180 Verbindungen und bekannten sich, nach scharfen Debatten, zum alten Ideal der Einheit. Damit war der Weg gebahnt zum ersten deutschen Studententag Pfingsten 1848, einem weiteren H\u00f6hepunkt der Geschichte der Burschenschaft, deshalb auch als zweites Wartburgfest bezeichnet, das im Kontext der 1848er Revolution stand. Das Schicksal dieser Revolution sollte sich eng mit dem der Studentenbewegung verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Die Burschenschaftsbewegung in der Revolution von 1848\/49<\/p>\n<p>Im gro\u00dfen Stadtsaal von Eisenach trafen sich Pfingsten 1848 rund 1200 Studenten, um \u00fcber Aufgaben und Interessen der deutschen Studentenschaft im k\u00fcnftigen neuen Deutschland zu beraten. Es waren nicht nur Burschenschafter gekommen, auch Corpsangeh\u00f6rige, Mitglieder konfessioneller Verbindungen und nichtkorporierte Studenten. Etwa 700 der Anwesenden waren Verfechter eines liberalen und demokratischen Deutschland nach dem Vorbild der westeurop\u00e4ischen Demokratien. Ihnen standen 500 gem\u00e4\u00dfigt konservativ orientierte Studenten gegen\u00fcber. Die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse schlugen demnach, anders als in der Paulskirche, zu Gunsten der Linken aus. In Eisenach wurde unter dem f\u00fchrenden Einfluss linksgerichteter progressistischer Burschenschaften eine Reihe von hochschulpolitischen Forderungen formuliert, deren Erf\u00fcllung zum Teil bis in die Gegenwart warten musste. Das Hochschulwesen sollte insgesamt auf die H\u00f6he der demokratischen und nationalen Zivilisation gebracht werden, wie es damals hie\u00df. Dazu z\u00e4hlten im einzelnen:<\/p>\n<p>1. Bildung einer verfassten Studentenschaft an jeder Universit\u00e4t. Aus ihr sollten bestimmt werden ein Verwaltungsausschuss und Delegierte f\u00fcr einen nationalen Zusammenschluss. Von Vollversammlungen oder Parlamenten sollten Wahlen zu allen studentischen \u00c4mtern stattfinden. Gro\u00dfen Beifall fand die Ank\u00fcndigung der Herausgabe einer \u201eDeutschen Studentenzeitung\u201c.<\/p>\n<p>2. Aus den Universit\u00e4ten sollten Nationalanstalten werden, sie sollten keinen st\u00e4ndischen Aufbau besitzen. Der zu errichtende deutsche Nationalstaat sollte f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse aufkommen, eine nur dem Reichstag verantwortliche Zentralbeh\u00f6rde die Leitung des deutschen Hochschulwesens \u00fcbernehmen. Die Mitglieder der Zentralbeh\u00f6rde waren auf bestimmte Zeit unter studentischer Beteiligung zu w\u00e4hlen. Jede einzelne Universit\u00e4t verwaltete ihre Finanzen durch selbstgew\u00e4hlte Beamte und war in dieser Hinsicht prim\u00e4r der Zentralbeh\u00f6rde verantwortlich.<\/p>\n<p>3. Ganz modern ist die Forderung einer interdisziplin\u00e4ren Zusammenarbeit der einzelnen universit\u00e4ren Fachrichtungen. Forschung und Studium sollten nicht durch Fakult\u00e4ten eingeengt werden.<\/p>\n<p>4. Lehr- und Lernfreiheit sollten gew\u00e4hrleistet sein. Der Eisenacher Kongress forderte die Beteiligung der Studierenden an der Wahl der akademischen Gremien und an der Lehrstuhlbesetzung. H\u00f6rgelder, Pr\u00fcfungsgeb\u00fchren, Ex- und Immatrikulationskosten sollten verschwinden.<\/p>\n<p>5. Der Freiz\u00fcgigkeit der deutschen Studenten diente der Grundsatz, Staatsexamina an allen Universit\u00e4ten, nicht nur an der jeweiligen Landesuniversit\u00e4t ablegen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>6. Ein Staatsamt sollte nicht nur vom Besitz akademischer W\u00fcrden abh\u00e4ngig sein.<\/p>\n<p>Nicht nur in der Theorie waren die Studenten Vork\u00e4mpfer der deutschen Einheit, sondern sie waren auch als demokratische Barrikadenk\u00e4mpfer an der vordersten Front zu finden. Nicht zu vergessen sind die vielen ehemaligen Burschenschafter in der Frankfurter Paulskirche selbst, allen voran der Pr\u00e4sident der Deutschen Nationalversammlung, Heinrich von Gagern, als Student Burschenschafter in Jena<\/p>\n<p>Das parlamentarische Wirken war f\u00fcr die im deutschen Vorm\u00e4rz so massiv Verfolgten eine gro\u00dfe Genugtuung, die scheinbare Erf\u00fcllung eines herrlichen Traumes. Doch auf die langwierige Ausarbeitung einer Verfassung, die viele Kompromisse mit den bestehenden Machtverh\u00e4ltnissen einging, folgte eine bittere Ern\u00fcchterung, die Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. Aus der Desillusionierung erkl\u00e4rt sich weithin die sp\u00e4tere Beugung unter Bismarcks Realpolitik in der L\u00f6sung der nationalen deutschen Frage, schlie\u00dflich gar die Bejahung seiner Revolution von oben.<\/p>\n<p><strong>Von der Revolution zum Kaiserreich<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Scheitern der Revolution von 1848 zerfiel die Burschenschaftsbewegung f\u00fcr mehr als drei Jahrzehnte organisatorisch in Splittergruppen, w\u00e4hrend die Konkurrenzbewegung der Corps 1855 im Hohen K\u00f6sener-Senioren-Convents-Verband (HKSCV) eine Dachorganisation bildete. Auch in inhaltlicher Hinsicht gab es kein gemeinsames Band der Burschenschaften: Es gab kurzlebige radikaldemokratische Verbindungen, nationalliberale, gem\u00e4\u00dfigte und konservative Gruppen, die sich kaum von den Corps unterschieden. Die \u00f6ffentliche Anerkennung und F\u00f6rderung erhielten nach dem Scheitern der Revolution bis zum Ende des Kaiserreiches vor allem die unpolitischen Corps, die nicht zuletzt dadurch Einfluss auf Struktur und Innenleben von Verbindungen und Verb\u00e4nde aus\u00fcbten. Das war ein politisch-sozial bedeutsamer Vorgang, in dem sich ein gesamtgesellschaftlicher Zustand und Prozess spiegelten.<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche F\u00f6rderung und Anerkennung der Corpsstudenten wirkte sich in den Berufskarrieren aus. Etwa 90 % von ihnen wurden hohe Juristen, Beamte, Diplomaten, Offiziere, Gutsbesitzer. Der gesellschaftliche Druck f\u00fchrte zu einer Anpassung der Burschenschaft an den Normen- und Verhaltenskodex der Corps, die etwa in der \u00dcbernahme von Mensur- und Duellbestimmungen Ausdruck fand. 1881 entstand in diesem Kontext wieder ein \u00fcbergreifender Zweckverband der Burschenschaften, der Allgemeine Deputierten-Convent (ADC), der sich 1902 in \u201eDeutsche Burschenschaft\u201c umbenannte. Ein kleinerer Dachverband war der von 1883 bis 1933 existierende Allgemeine Deutsche Burschenbund (ADB), den Konrad K\u00fcster begr\u00fcndete und dessen renommiertestes Mitglied der Au\u00dfenminister der Weimarer Republik, Gustav Stresemann, werden sollte. Die Sammlungsbewegung ergriff auch die neuen Landsmannschaften, deren umfassender Verband sich ab 1908 \u201eDeutsche Landsmannschaft\u201c nannte.<\/p>\n<p>Kennzeichnend f\u00fcr das Verbindungswesen nach dem Scheitern der 1848er Revolution waren die Integration und der Bedeutungszuwachs der Alten Herren. Der organisatorischen Integration entsprach die Einebnung ideologischer Unterschiede zwischen Alten und Jungen. In der Ideologie aber entfalteten sich viele Elemente, die aus heutiger Sicht negativ zu werten sind: Standes- und Bildungsd\u00fcnkel, Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit, Nationalismus, Militarismus, Imperialismus. Der Antisemitismus f\u00fchrte bereits im Kaiserreich zur Verdr\u00e4ngung von Juden aus Verb\u00e4nden, auch in den vom Mittelstand getragenen Burschenschaften und Landsmannschaften, erst recht von den Corps. Die politisch und sozial emanzipatorische Rolle der Burschenschaft, der sogenannten Urburschenschaft, die f\u00fcr die ersten Jahrzehnte nach den Befreiungskriegen zu beobachten war, wurde beiseite geschoben. Wie der gesamte Zeitkontext hatte sich das Profil der studentischen Bewegung ver\u00e4ndert. Lediglich in der 1900 konstituierten \u201eFreien Deutschen Studentenschaft\u201c lassen sich Spuren der alten Ideale finden.<\/p>\n<p>Die Freie Deutsche Studentenschaft setzte sich f\u00fcr demokratische Organisation, Selbstverwaltung und Selbsthilfe der gesamten Studentenschaft ein und kn\u00fcpfte an die Programmatik der Progressbewegung an. \u00c4mter und Einrichtungen der Freien Deutschen Studentenschaft wurden in der Weimarer Republik von der Deutschen Studentenschaft \u00fcbernommen, die als erste moderne Einheitsorganisation angesehen werden kann, auch als Vorg\u00e4nger des 1949 gegr\u00fcndeten Verbandes Deutscher Studentenschaften. Gesellschaftlich bestimmend waren im Kaiserreich und in der Weimarer Republik jedoch nicht diese Organisationen, sondern in erster Linie die Corps, in zweiter Burschenschaften und Landsmannschaften.<\/p>\n<p>Im 1891 gegr\u00fcndeten Alldeutschen Verband, der einen aggressiven Imperialismus propagierte, war die akademische Jugend des Mittelstandes ebenso zu finden wie die Alten Herren. Als Kriegsfreiwillige zogen sie 1914 begeistert in den Weltkrieg, befl\u00fcgelt von nationalistischen und imperialistischen Leitzielen. Sie waren es auch, die den Kriegsausgang innerlich nicht akzeptieren konnten, die der Dolchsto\u00dflegende, der These vom Verrat des Milit\u00e4rs durch die neuen M\u00e4nner in der Politik, anhingen. Sie standen den neuen Verh\u00e4ltnissen, die die Weimarer Republik begr\u00fcndete, mehr als distanziert, feindlich, gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>Weimarer Republik<\/strong><\/p>\n<p>Symboltr\u00e4chtig und vielsagend war die Ablehnung der Schwarz-Rot-Goldenen Fahne der Weimarer Republik durch die Deutsche Burschenschaft, obwohl diese das eigene Vereinsemblem zierte. Die Weimarer Republik war in ihren Augen Ausdruck einer geistigen und sittlichen Verwilderung, hinabgeglitten in eine nationale W\u00fcrdelosigkeit.<\/p>\n<p>Dem elit\u00e4ren Denken der Korporationen lief der Einfluss der Arbeiterschaft in Staat und Gesellschaft, der sich \u00fcber die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften realisierte, zuwider. Die H\u00f6herstellung mittelst\u00e4ndischer Angestellter, von Beamten und Akademikern sahen sie gef\u00e4hrdet. An die Stelle der Leitwerte Kaiser und Reich traten nun, wohlvorbereitet durch den Nationalismus der vorangegangenen Jahrzehnte, deutsches Volkstum und v\u00f6lkisches Denken.<\/p>\n<p>Die dem Zentrum nahestehenden katholischen Verb\u00e4nde hielten sich vom v\u00f6lkischen Treiben vergleichsweise zur\u00fcck, ohne allerdings entschieden gegen dieses anzugehen. Wortf\u00fchrer und Propagandisten v\u00f6lkischen Denkens waren unter anderem die Burschenschaften, freilich hierin wiederum einer starken Str\u00f6mung in der deutschen Gesellschaft folgend.<\/p>\n<p>1921 formulierte das Handbuch f\u00fcr die Deutsche Burschenschaft gro\u00dfdeutsche Ziele, darunter den Anschluss \u00d6sterreichs. Gegen die 1919 an den reichsdeutschen Hochschulen gegr\u00fcndeten Allgemeinen Studentenaussch\u00fcsse, Selbstverwaltungsorgane nach Art der heutigen AStA, gingen die Korporationen vor und brachten sie zum Erliegen. J\u00fcdische Studenten, die in den Aussch\u00fcssen noch einen Platz hatten, wurden in aller Form aus den Korporationen hinausgedr\u00e4ngt. Die Eisenacher Beschl\u00fcsse des Burschentages von 1920 bestimmten, dass auch bei Taufe \u00fcber die Rassemerkmale der Juden nicht hinweggesehen werden d\u00fcrfe. Selbst eine v\u00f6llige Assimilation von Juden in die deutsche Gesellschaft war kraftlos angesichts der rassistischen Ideologie. In die Burschenschaft konnten nur deutsche Studenten arischer Abstammung aufgenommen werden, die sich zum Deutschtum bekannten. Der Antisemitismus widersprach dem Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz, auf dem die Weimarer Verfassung basierte.<\/p>\n<p>Der politische Standort der Burschenschaften zeigte sich in der Beteiligung an und in der Reaktion auf den Hitler-Putsch von 1923. Mit Stolz bekannten die Burschenschaftlichen Bl\u00e4tter, dass sich unter den Putschisten Burschenschafter befanden. Im M\u00fcnchener B\u00fcrgerbr\u00e4uhaus hatte Adolf Hitler in der Nacht vom 8. zum 9. November die Reichsregierung und die Bayerische Staatsregierung f\u00fcr abgesetzt erkl\u00e4rt und sich selbst zum Reichskanzler ernannt. Die bayerische Polizei hatte die Putschisten vor der Feldherrnhalle in M\u00fcnchen auseinandergetrieben, Hitler verhaftet und einige Putschisten get\u00f6tet. Die Burschenschaftlichen Bl\u00e4tter klagten die Justiz an, die die beteiligten Burschenschafter mit Zuchthaus bedrohte, weil sie den am Putsch teilnehmenden Verb\u00e4nden \u201edie Treue auf dem Weg zur deutschen Freiheit\u201c hielten.<\/p>\n<p>Im Jahre 1926 wurde der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund gegr\u00fcndet, dessen Mitglieder sich mehrheitlich aus korporierten Studenten rekrutierten, 1932 ganze 62 %. Die Freien Studentenschaften wurden von diesem Verband erobert, w\u00e4hrend die katholischen eine formelle Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der Weimarer Republik \u00fcbten. Die Burschenschaften n\u00e4herten sich ideologisch in jeder Hinsicht dem Nationalsozialismus. Sie beteiligten sich auch am F\u00fchrerkult und erkl\u00e4rten, dass sie \u201egerade um der Freiheit der Pers\u00f6nlichkeit willen (&#8230;) die autorit\u00e4re F\u00fchrung durch den Staat\u201c forderten. Leitender Mann der deutschen Burschenschaft wurde 1931 der Nationalsozialist Otto Schwab. Seit 1930 wurde der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund als ebenb\u00fcrtiger Partner von den konservativen Waffenverb\u00e4nden anerkannt.<\/p>\n<p><strong>Drittes Reich<\/strong><\/p>\n<p>Hitlers Machtergreifung wurde von den Burschenschaften folgerichtig begr\u00fc\u00dft. Im M\u00e4rz 1933 erkl\u00e4rten die f\u00fchrenden Organe: \u201eWas wir seit Jahren ersehnt und erstrebt, wof\u00fcr wir im Geist der Burschenschaften von 1817 jahraus, jahrein an uns und in uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.\u201c Die Deutsche Burschenschaft f\u00fchlte sich besonders in ihrer antisemitischen Einstellung gerechtfertigt und best\u00e4tigt. Auf angebliche Anfeindungen wegen ihrer Haltung in der Judenfrage folgte die Genugtuung, dass nun eine deutsche Regierung den Kampf gegen das Judentum auf der ganzen Linie aufgenommen habe. Die Burschenschaft verstand sich als eine getreue Schar des F\u00fchrers im neuen Reich.<\/p>\n<p>Das selbst\u00e4ndige Verb\u00e4nde- und Verbindungswesen wurde in diesem neuen Reich mit seinem totalit\u00e4ren System \u00fcberfl\u00fcssig, die Korporationsverb\u00e4nde vollzogen in hohem Ma\u00dfe eine freiwillige Gleichschaltung. Die weniger kontrollierbaren katholischen Verb\u00e4nde wurden als erste verboten und aufgel\u00f6st. Zwischen 1935 und 1937 wurde alle \u00fcbrigen Korporationsverb\u00e4nde aufgel\u00f6st. Der K\u00f6sener Verband war wegen seines feudalen Zuschnitts dem egalit\u00e4ren Nationalsozialismus ein Dorn im Auge. Auch er wurde, trotz ideologischer N\u00e4he, zwangsweise aufgel\u00f6st. Die Ehre der verbandsweisen \u00dcbernahme in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund wurde der Deutschen Burschenschaft und der Deutschen Landsmannschaft zuteil. Die kollektive \u00dcbernahme erfolgte 1935. Der interne Verbindungsbetrieb blieb meist unbehelligt.<\/p>\n<p><strong>Die Nachkriegszeit<\/strong><\/p>\n<p>In der Nachkriegszeit standen die Korporationen allesamt zun\u00e4chst in ganz niedrigem Ansehen. Offiziell versagte man ihnen die Anerkennung, nahm sie nicht zur Kenntnis. Man sah sie mit dem Makel behaftet, der auf dem Nationalsozialismus lag. 1954 noch \u00fcbten CDU und SPD Kritik an dem allenthalben aufsprie\u00dfenden Verbindungswesen. Der Bundesparteitag der SPD erkl\u00e4rte eine Parteimitgliedschaft mit der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Verbindung des \u201eKonvents deutscher Korporationsverb\u00e4nde\u201c f\u00fcr unvereinbar. Im Jahre 1954 gab es allerdings auch noch Verlautbarungen in den Burschenschaftlichen Bl\u00e4ttern, die der \u201eBlut- und Bodenideologie\u201c des Nationalsozialismus nahe standen: \u201eWem die Bindungen der Blutsverwandten, der Familie nicht mehr bedeuten als alle anderen menschlichen Bindungen, die Bindungen an den Menschen gleichen Volkstums nicht mehr als die an jeden beliebigen \u201aN\u00e4chsten\u2019 in Innerafrika oder Sibirien, der hat sich damit aus allen gottgewollten Bindungen gel\u00f6st\u201c.<\/p>\n<p>Die Anerkennung studentischer Korporationen lie\u00df jedoch nicht lange auf sich warten. Auf der 10. Berliner Arbeitstagung der Deutschen Burschenschaften vom 12. Juni 1965, an der 500 Aktive und viele Alte Herren teilnahmen, standen sehr namhafte Politiker vor dem Rednerpult, darunter Carlo Schmid (SPD), einer der V\u00e4ter des Grundgesetzes. Heinrich L\u00fcbke \u00fcbersandte Gru\u00dfworte. Die Deutsche Burschenschaft feierte an diesem Tag das 150j\u00e4hrige Bestehen, und dies unter Leitung der Jenaischen Burschenschaft. Der Wahlspruch \u201eEhre \u2013 Freiheit \u2013 Vaterland\u201c wurde bekr\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Burschenschaften und andere Verbindungen arbeiteten, aufgefordert am politischen Leben der Bundesrepublik teilzunehmen, etwa im Kuratorium Unteilbares Deutschland mit. Die Einholung in die Politik war von einer Neuorientierung begleitet, die mit den Traditionen des Kaiserreiches und erst recht mit der nationalsozialistischen Zeit brach. 1957 erkl\u00e4rten die Burschenschaftlichen Bl\u00e4tter, die aktiven Burschenschafter wollten die absolute Freiheit der Entscheidung, die Zeit gehe weiter, die Welt von heute sei eine andere. Die junge Generation wollte unter keinen Umst\u00e4nden noch einmal den Weg gehen, der 1933 mit der Selbstaufgabe der Deutschen Burschenschaft endete. Das war, wie ich meine, ein Befreiungsschlag aus einer belastenden Tradition.<\/p>\n<p>Nach der Wiedervereinigung unterst\u00fctzte die Deutsche Burschenschaft Neugr\u00fcndungen in den neuen Bundesl\u00e4ndern. Symboltr\u00e4chtige Denkm\u00e4ler in Eisenach wurden restauriert und werden heute bewirtschaftet. 1991 fand in Eisenach wieder ein Burschentag statt. Im neuen Geiste wurde 1996 eine \u201eBurschenschaftliche Stiftung f\u00fcr nationale Minderheiten- und Volksgruppenrechte in Europa\u201c gegr\u00fcndet, der sich der wichtigen Thematik der Rechte nationaler Minderheiten annimmt. Ein ideologischer Wechsel vollzog sich in diesem Jahr auch in der Frage von Kriegsdienstverweigerung und Mitgliedschaft in einer Burschenschaft. Die Entscheidung obliegt heute der jeweiligen Korporation \u2013 ein Beleg daf\u00fcr, wie die Einbindung der Burschenschaft in die Zeit grunds\u00e4tzlich bestehen bleibt.<\/p>\n<p><strong>Res\u00fcmee<\/strong><\/p>\n<p>Genau besehen muss man sagen, dass die geschichtliche Tradition in der Deutschen Burschenschaft immer nur eine eingeschr\u00e4nkte Rolle spielte, dass die Einbindung in den jeweiligen Zeitkontext dominierte, die zahlreichen Berufungen auf die Tradition der Legitimation aktueller Entscheidungen dienten. Fesseln der Tradition abzustreifen ist das gute Recht jeder Generation, keine Geschichte, keine Vorbilder k\u00f6nnen der Gegenwart Entscheidungen abnehmen. Nur ein kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte \u2013 so meine abschlie\u00dfende Empfehlung \u2013 kann auch f\u00fcr die heutige Welt hilfreich sein.<\/p>\n<p><a title=\"Vortr\u00e4ge von Prof. Dr. Peter Burg\" href=\"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/deutschland\" target=\"_self\">Mehr zum Themenbereich deutsche Geschichte<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Deutschen Burschenschaft unter besonderer Ber\u00fccksichtigung ihrer politischen Orientierung von Prof. Dr. Peter Burg Einleitung Heinrich Heine verfasste 1840 eine Denkschrift, in der er die im Umfeld des Wartburgfestes aufgekommene \u201eTeutomanie\u201c verspottete. Dabei warf er Fragen auf: \u201eWo f\u00e4ngt der Germane an? Wo h\u00f6rt er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? 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