{"id":428,"date":"2011-06-07T12:33:50","date_gmt":"2011-06-07T11:33:50","guid":{"rendered":"http:\/\/peter-burg.de\/?page_id=428"},"modified":"2015-05-14T13:59:16","modified_gmt":"2015-05-14T11:59:16","slug":"vortrag","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/preussen\/westfalen\/vortrag","title":{"rendered":"Vortrag"},"content":{"rendered":"<h3>Die Provinz Westfalen im 19. Jahrhundert<\/h3>\n<p>Vortrag im Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena (letzte Speicherung: 16.11.2010)<\/p>\n<p>von Prof. Dr. Peter Burg<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren, im Folgenden werde ich die charakteristischen Z\u00fcge der preu\u00dfischen Provinz Westfalen im 19. Jahrhundert vorstellen. Dazu ist auf die Ausgangslage zur\u00fcckzugehen. Die Vorgeschichte der Provinz war zum Teil \u201aunpreu\u00dfisch\u2019, und gerade dieser Teil, auf den sich die Aufgabe der Integration bezog, gab der Region ein spezifisches Gepr\u00e4ge im preu\u00dfischen Staat. Am Anfang stand die S\u00e4kularisation \u2013 ein Import der Franz\u00f6sischen Revolution. Der Reichsdeputationshauptschluss vom 26. Februar 1803 brachte f\u00fcr Westfalen den wahrscheinlich tiefsten Einschnitt in seiner Geschichte. Die territoriale Herrschaft von Kirche und Geistlichkeit fand ein Ende, davon waren im westf\u00e4lischen Raum die Bist\u00fcmer M\u00fcnster und Paderborn sowie das Erzbistum K\u00f6ln so wie weitere kleinere geistliche Territorien betroffen. Einer der gro\u00dfen Gewinner der S\u00e4kularisation war Preu\u00dfen, dennoch bildeten dessen Neuerwerbungen zusammen mit den altpreu\u00dfischen Gebieten der Grafschaft Mark, des F\u00fcrstbistums Minden und der Grafschaft Ravensberg noch keinen abgerundeten Territorialkomplex. Ein solcher entstand erst nach dem Wiener Kongress mit der Provinz Westfalen.<\/p>\n<p>Die preu\u00dfische Besitz\u00fcbernahme stie\u00df in den Bist\u00fcmern Paderborn und M\u00fcnster auf offene Feindseligkeit. Man lehnte die Eingliederung in einen protestantisch gepr\u00e4gten Staat ab, f\u00fcrchtete sich vor Steuerdruck und dem preu\u00dfischen Milit\u00e4rsystem und erwartete von einer b\u00fcrokratischen Staatsverwaltung nichts Gutes. \u201eUnter dem Krummstab l\u00e4sst sich gut leben\u201c: das war das alte, dem Untergang geweihte Lebensgef\u00fchl. \u201eWeg mit dem alten Schlendrian\u201c: lautete die Devise der importierten preu\u00dfischen Beamten. Einen Grund zur Verstimmung gab die gleichzeitig erfolgte Verm\u00f6genss\u00e4kularisation. Preu\u00dfen enteignete wie alle angeblich f\u00fcr linksrheinische Verluste \u201aentsch\u00e4digten\u2019 Staaten eine ganze Reihe von Kl\u00f6stern oder geistlichen Instituten. Geschont wurden vor allem Einrichtungen, die sich karitativen Zwecken widmeten, und der preu\u00dfische Staat verwendete \u00fcberhaupt den eingezogenen geistlichen Besitz weitgehend f\u00fcr die Ausstattung von Krankenh\u00e4usern und Unterrichtsanstalten oder andere gemeinn\u00fctzige Institutionen. Die meist adeligen Familien, die die geistlichen Einrichtungen nicht zuletzt zur Versorgung von Familienangeh\u00f6rigen mit Dotationen und Stiftungen aus ihrem Verm\u00f6gen ausgestattet\u00a0 hatten, werteten die Verstaatlichungen als Enteignung und unverzeihlichen Rechtsbruch.<\/p>\n<p>Kein geringerer als der Freiherr vom Stein, der fast seit zwei Jahrzehnte im rheinisch-westf\u00e4lischen Raum als preu\u00dfischer Beamter t\u00e4tig war, war mit der Eingliederung der neuen Gebiete beauftragt. Er hatte eine starke Sympathie f\u00fcr die Menschen und das Land seines Wirkungskreises entwickelt und suchte die Gef\u00fchle der Westfalen bei der Einrichtung der preu\u00dfischen Verwaltung zu schonen und m\u00f6glichst viele Beamte aus der f\u00fcrstbisch\u00f6flichen Zeit zu \u00fcbernehmen. Die Befugnisse der Domkapitel und anderer st\u00e4ndischer Organe in Fragen von Politik, Gesetzgebung und Steuerbewilligung wurden allerdings aufgehoben und die preu\u00dfische Beh\u00f6rdenorganisation mit den Regierungen f\u00fcr die Rechtsprechung und den Kriegs- und Dom\u00e4nenkammern f\u00fcr die allgemeine Verwaltung auf die Neuerwerbungen \u00fcbertragen. Stein wurde schon im Jahre 1804 nach Berlin abberufen. Sein Nachfolger wurde der \u2013 altpreu\u00dfische \u2013 Westfale Ludwig Freiherr von Vincke, der Steins Organisationsarbeit in kongenialer Weise fortsetzte, auf Grund des wenig sp\u00e4ter ausbrechenden Krieges zwischen Frankreich und Preu\u00dfen und der darauf folgenden Abtretung aller preu\u00dfischen Westprovinzen aber keine nachhaltigen Ergebnisse mehr erzielen konnte.<\/p>\n<p>Auch die napoleonische Zeit hinterlie\u00df nachhaltige Spuren in Westfalen. Von dauerhaften Folgen waren unter anderem die Reformen im Rechtswesen. Die Vorz\u00fcge des franz\u00f6sischen Rechtes scheinen in Westfalen weitgehend anerkannt worden zu sein, so z. B. die \u00d6ffentlichkeit und M\u00fcndlichkeit der Gerichtsverfahren und die Einrichtung von Geschworenengerichten bei Kapitalverbrechen oder politischen Vergehen, die Liberalisierung des b\u00fcrgerlichen Rechts, die Gewerbefreiheit und die Aufhebung aller Schranken f\u00fcr die freie Verf\u00fcgbarkeit \u00fcber das Grundeigentum. In Westfalen regte sich deshalb immer wieder Protest, wenn Rechtsverh\u00e4ltnisse aus den \u00f6stlichen Kernprovinzen der Monarchie in die Provinz \u00fcbertragen werden sollten.<\/p>\n<p>Nach der \u201eV\u00f6lkerschlacht\u201c von Leipzig r\u00fcckten im Herbst 1813 preu\u00dfische und russische Truppen in Westfalen ein, w\u00e4hrend die franz\u00f6sischen Autorit\u00e4ten kampflos das Feld r\u00e4umten. Der Aufruf zur Meldung als Freiwillige fand in Westfalen ein sehr unterschiedliches Echo. In den altpreu\u00dfischen Gebieten war die Bereitschaft zur Kriegsteilnahme sehr gro\u00df, hingegen fanden sich in den 1803 s\u00e4kularisierten Gebieten zur Entt\u00e4uschung der kommissarischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rden nur sehr wenige Freiwillige. Dieses Verhalten grub sich tief in das Ged\u00e4chtnis der Berliner Regierung ein und wurde als Gradmesser der Loyalit\u00e4t und Zuverl\u00e4ssigkeit gewertet. Die Einsch\u00e4tzung diente f\u00fcr die k\u00fcnftige Rekrutierung preu\u00dfischer Beamter als Kriterium. Die Bevorzugung von Altpreu\u00dfen bzw. die Benachteiligung von Katholiken in Westfalen und noch ausgepr\u00e4gter im Rheinland hatte in diesem Urerlebnis eine wichtige Wurzel.<\/p>\n<p>Die nach den Befreiungskriegen und dem Wiener Kongress gebildete Provinz Westfalen bestand aus nicht weniger als 20 vormals selbst\u00e4ndigen Territorien. Ihr Kerngebiet war das M\u00fcnsterland, d.h. das Gebiet des ehemaligen F\u00fcrstbistums M\u00fcnster, mit seiner katholischen Bev\u00f6lkerung, einem selbstbewussten Adel und einem auf gro\u00dfen H\u00f6fen lebenden Bauernstand, der das Anerbenrecht praktizierte, also Hof und Land nur an einen Nachkommen vererbte. Das ehemalige Hochstift Paderborn war im Vergleich dazu st\u00e4rker durch b\u00e4uerliche Kleinbetriebe, Waldwirtschaft und Heimgewerbe in der vorindustriellen Textilproduktion gepr\u00e4gt, wodurch es in der Wirtschaftskrise des Vorm\u00e4rz ebenso wie die altpreu\u00dfischen Provinzen Minden, Tecklenburg und Ravensberg zum Armenhaus Westfalens wurde. Das ehemalige Herzogtum Westfalen, das zu Kurk\u00f6ln geh\u00f6rt hatte, mit dem Verwaltungssitz Arnsberg umfasste gro\u00dfe Teile des Sauerlandes. &lt;Sie erkennen, nebenbei bemerkt, die Mehrdeutigkeit des Begriffs Westfalen.&gt; Auf die Energiequellen Holzkohle und Wasserkraft gest\u00fctzt, war im Sauerland eine Stahl- und Kleineisenindustrie entstanden. Die Erzvorkommen gingen allerdings allm\u00e4hlich zu Ende. Die dynamischste Wirtschaftsregion Westfalens war die altpreu\u00dfische Grafschaft Mark mit den Industrie- und Handelszentren Iserlohn und Hagen, w\u00e4hrend Dortmund, Bochum und Essen im Vorm\u00e4rz noch vergleichsweise unbedeutende Ackerb\u00fcrgerst\u00e4dte waren und erst mit der von S\u00fcden nach Norden vordringenden Erschlie\u00dfung der Steinkohlenfl\u00f6ze im Kontext der Industriellen Revolution zu den gro\u00dfen Metropolen des Ruhrgebiets aufstiegen.<\/p>\n<p>Mit der Integration der heterogenen Bestandteile war vorrangig der Oberpr\u00e4sident Vincke betraut, der zum eigentlichen Vater der Provinz Westfalen wurde. Er war \u201ctief durchdrungen von einem preu\u00dfisch-protestantisch gepr\u00e4gten Westfalenbewusstsein\u201c. Zwar entstammte er dem westf\u00e4lischen Adel, aber er geh\u00f6rte nicht zu den bedeutenden Grundbesitzern der Provinz und wurde namentlich vom m\u00fcnsterl\u00e4ndischen Adel als oberster Repr\u00e4sentant des preu\u00dfischen Staates vor Ort und vielleicht auch wegen seiner protestantischen Konfession von diesem nie voll akzeptiert. Vincke hat die rudiment\u00e4r vorhandenen Wurzeln eines westf\u00e4lischen Gemeinschaftsbewusstseins, die er bei seinem Amtsantritt vorfand, gezielt gepflegt und auch damit dazu beigetragen, dass aus der Provinz Westfalen mehr wurde als eine blo\u00df administrative Einheit und dass ein Identit\u00e4tsbewusstsein entstand. Der Oberpr\u00e4sident verstand Geschichtspflege als Mittel zur Erzeugung eines Bewussteins westf\u00e4lischer Identit\u00e4t \u00fcber landschaftliche, konfessionelle und politische Unterschiede hinweg und damit als Instrument zur Homogenisierung Westfalens.<\/p>\n<p>Defizit\u00e4r blieben die Aktivit\u00e4ten der Provinzialverwaltung im Bereich der Unterrichtswesens, dessen unmittelbare Beaufsichtigung in kirchlicher Hand lag. Unverst\u00e4ndlich ist, dass Vincke keinen Versuch gemacht hat, die in der napoleonischen Zeit eingegangene Universit\u00e4t M\u00fcnster wieder aufleben zu lassen. Dass Westfalen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die einzige preu\u00dfische Provinz ohne Universit\u00e4t blieb, war ein gewichtiges Manko.<\/p>\n<p>Neben dem Oberpr\u00e4sidenten besa\u00dfen die Provinzialst\u00e4nde eine Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die gesamte Provinz. Nachdem die Einrichtung einer preu\u00dfischen Gesamtstaatsverfassung f\u00fcrs erste, bis zur Revolution von 1848, gescheitert war, wurde das \u201eAllgemeine Gesetz wegen Anordnung der Provinzialst\u00e4nde\u201c vom 5. Juni 1823 verabschiedet. Die Zusammensetzung der St\u00e4nde unterschied sich von Provinz zu Provinz, je nach der regionalen \u00a0politisch-sozialen Struktur. In Westfalen stellten die Besitzer ritterschaftlicher G\u00fcter, die St\u00e4dte und die Landgemeinden jeweils 20 Mitglieder. Die Standesherren besa\u00dfen dar\u00fcber hinaus jeweils eine Virilstimme, in Westfalen waren dies anfangs elf. Dass Freiherr vom Stein vom preu\u00dfischen K\u00f6nig f\u00fcr seine Person, nicht f\u00fcr seine Familie das standesherrliche Mitgliedsrecht erhielt, ist ein Sonderfall, eine Auszeichnung f\u00fcr seine Verdienste um den Staat. Moderne Elemente enthielt das Provinzialst\u00e4ndegesetz insofern, als die Abgeordneten ein freies Mandat besa\u00dfen und die Beschl\u00fcsse nach der Mehrheit der Stimmen und nicht in altst\u00e4ndischen \u201eKurien\u201c gefasst wurden.<\/p>\n<p>Das Gesetz \u00fcber die Provinzialst\u00e4nde blieb allerdings meilenweit hinter dem Standard zur\u00fcck, den die s\u00fcddeutschen Staaten mit ihren fr\u00fchkonstitutionellen Verfassungen vorgegeben hatten, und dennoch behauptete die preu\u00dfische Regierung, damit ihr vor Jahren gegebenes Verfassungsversprechen zu erf\u00fcllen. Trotz aller Einschr\u00e4nkungen seines Wirkungskreises hat der Provinziallandtag sicherlich das Zusammenwachsen der heterogenen Territorien der Provinz Westfalen gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>In der Regel behandelten die preu\u00dfischen Provinziallandtage die gleichen Themen und formulierten ihre Stellungnahmen zu den Regierungsvorlagen in Landtagsabschieden. Protokolle und Abschiede erm\u00f6glichen eine Rekonstruktion des Meinungsbildes der acht preu\u00dfischen Provinzen zu bestimmten Sachfragen. Damit bietet sich f\u00fcr eine vergleichende regionalgeschichtliche Betrachtung eine gute Quellengrundlage, die bis heute nicht einmal in Ans\u00e4tzen ausgewertet worden ist. Aufgrund seiner mageren Kompetenz und seines geringen historisch-politischen Ansehens wird die Geschichte der Provinzialst\u00e4nde ohnehin stiefm\u00fctterlich behandelt.<\/p>\n<p>Konflikte im Westf\u00e4lischen Provinziallandtag, die an die \u00d6ffentlichkeit drangen, fehlten nicht, etwa anl\u00e4sslich der Einforderung der preu\u00dfischen Gesamtstaatsverfassung oder der Anlage von Katasterunterlagen.\u00a0 Sie waren aber nicht vergleichbar mit den konfessionellen Konflikte, die die \u00d6ffentlichkeit ersch\u00fctterten und das Gesicht der Provinz pr\u00e4gten. Die Konflikte erwuchsen aus dem konkreten Zusammenleben von Katholiken und Protestanten. Bei der Gr\u00fcndung der Provinz Westfalen waren rund 55,5 Prozent der Einwohner katholischen, 39,5 Prozent evangelischen. Von den \u00fcbrigen waren allen die 1 Prozent Einwohner j\u00fcdischen Glaubens noch von einer gewissen Relevanz. Ausgerechnet aus der menschlichen N\u00e4he von Einwohnern unterschiedlicher Konfession sollten Probleme erwachsen.<\/p>\n<p>Nachdem die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in organisatorischer Hinsicht befriedigend gekl\u00e4rt waren, belastete der \u201eMischehenstreit\u201c den inneren Frieden zwischen dem preu\u00dfischen Staat und dem katholischen Teil seiner Bev\u00f6lkerung schwer und nachhaltig, denn hier begegnen uns die Anf\u00e4nge des politischen Katholizismus. Zu den verwickelten Regelungen: Nach den Bestimmungen des Allgemeinen Landrechts von 1794 waren bei Ehen von Partnern unterschiedlicher Konfession die S\u00f6hne in der Religion des Vaters, die T\u00f6chter in derjenigen der Mutter zu erziehen. Es gab des Weiteren eine Deklaration aus dem Jahre 1803, nach welcher alle Kinder in der Religion des Vaters erzogen werden mussten, und auch das napoleonische Recht bestimmte, dass allein der Vater \u00fcber die Religionszugeh\u00f6rigkeit der Kinder entschied.<\/p>\n<p>Langwierige Verhandlungen zwischen dem Staat, der Kurie und den preu\u00dfischen Bisch\u00f6fen \u00fcber die Mischehenfrage f\u00fchrten schlie\u00dflich zur Berliner Konvention vom 19. Juni 1834, die im Kern jedem Geistlichen die Entscheidung \u00fcberlie\u00df, ob er eine Ehe von Partnern unterschiedlicher Konfession feierlich einsegnen oder sich auf eine Rolle \u201epassiver Assistenz\u201c beschr\u00e4nken wollte, wenn ihm die Absicht der Brautleute bekannt war, ihre Kinder im evangelischen Glauben zu erziehen. Die Bisch\u00f6fe von M\u00fcnster, Paderborn und Trier erkl\u00e4rten ihre Zustimmung zu diesem vom Erzbischof von K\u00f6ln ausgehandelten Kompromiss. Die Konvention wurde geheim gehalten, um die Chancen f\u00fcr ihre stillschweigende Duldung zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Dieser Kompromiss lie\u00df sich jedoch nicht mehr aufrechterhalten, sobald der prinzipientreue Clemens August von Droste-Vischering 1835 Erzbischof von K\u00f6ln geworden war und eine sch\u00e4rfere Praxis in der Mischehenfrage forderte. Er hatte zwar vor der Best\u00e4tigung seiner Wahl durch den Staat die Beachtung der Berliner Konvention zugesagt, berief sich jetzt aber auf ein p\u00e4pstliches Breve vom M\u00e4rz 1830, das seiner Meinung nach beim Abschluss der Konvention nicht hinreichend ber\u00fccksichtigt worden war. Der Konflikt eskalierte, bis sich die Regierung im November 1837 entschloss, den Erzbischof seines Amtes zu entheben und ihn in der Festungsstadt Minden in einem B\u00fcrgerhaus zu internieren. Das K\u00f6lner Domkapitel nahm diese Zwangsma\u00dfnahme widerspruchslos hin, und auch die \u00d6ffentlichkeit blieb zun\u00e4chst ruhig. Lediglich der rheinische und westf\u00e4lische Adel engagierte sich f\u00fcr den Erzbischof. Er sandte eine Deputation nach Berlin, die jedoch auf schroffe Ablehnung stie\u00df.<\/p>\n<p>Zu einem Gegenstand lebhaftester \u00f6ffentlicher Diskussion wurde das \u201eK\u00f6lner Ereignis\u201c\u00a0 erst durch den rheinischen Publizisten Joseph G\u00f6rres. Er verurteilte die preu\u00dfische Haltung in der Mischehenfrage aufs sch\u00e4rfste und wurde jetzt zum leidenschaftlichsten Sprecher der Interessen der katholischen Kirche. Er entfachte einen politischen Streit, der in Hunderten von Schriften ausgetragen wurde, und der auch in diplomatischen Kreisen des Auslands, besonders in Belgien und Frankreich, lebhaften Widerhall fand. Offenbar hatte G\u00f6rres einen empfindlichen Nerv der \u00f6ffentlichen Meinung getroffen. Der m\u00fcnsterl\u00e4ndische Adel boykottierte jetzt offizielle Festlichkeiten und besuchte stattdessen den in Minden internierten Erzbischof. Preu\u00dfische Beamte wurden gesellschaftlich ignoriert. Einzelne Adelige verlie\u00dfen den preu\u00dfischen Staatsdienst. Die Protestwelle erfasste auch das B\u00fcrgertum, das sich jetzt in wachsender Zahl an religi\u00f6sen Manifestationen wie z.\u00a0B. Prozessionen beteiligte. Vereinzelt kam es auch zu antipreu\u00dfischcn Demonstrationen.<\/p>\n<p>Nach dem Thronwechsel von 1840 lenkte der preu\u00dfische Staat in der Mischehenfrage ein. In einem Abkommen aus dem Jahre 1840 legte er die Behandlung der Mischehen in die freie Verantwortung der Bisch\u00f6fe. Die Wogen gl\u00e4tteten sich zwar, doch die Wunden, die das \u201eK\u00f6lner Ereignis\u201c aufgerissen hatte, sollten sp\u00e4ter durch den \u201eKulturkampf\u201c nach der Reichsgr\u00fcndung wieder aufgerissen werden.<\/p>\n<p>Der Konflikt zwischen Staat und Kirche f\u00fchrte zu Meinungsk\u00e4mpfen, spaltete die Gesellschaft aber nur eingeschr\u00e4nkt. Hier standen den divergierenden Kr\u00e4ften integrierende gegen\u00fcber. So besa\u00df die Literatur einen Einfluss auf das Westfalenbewusstsein. Kein Name verbindet sich mehr mit westf\u00e4lischer Literatur als der von Annette von Droste-H\u00fclshoff. Ihr Leben und Werk sind verankert in Westfalen, genauer im M\u00fcnsterland, erkl\u00e4ren sich aber nicht aus Zeitgeschmack und Provinzialit\u00e4t. Ihr k\u00fcnstlerisches Erbe ist Teil der Weltliteratur, was von der \u00fcbrigen westf\u00e4lischen Literaturszene nicht gesagt werden kann. Dieser kommt jedoch Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung eines regionalen Identit\u00e4tsbewusstseins zu. In Geschichte und Natur wurden Elemente der Selbstfindung gesucht. Einer besonderen Pflege erfreute sich der bereits Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommene Hermannskult. In Westfalen fand das f\u00fcr das deutsche Nationalbewusstsein insgesamt bedeutsame Thema einen besonderen Anklang. Im Jahre 1875 wurde nach zahlreichen literarischen Aufarbeitungen das Hermannsdenkmal bei Detmold im Teutoburger Wald eingeweiht. Das sieben Meter lange Schwert tr\u00e4gt die Inschrift: &#8222;Deutsche Einigkeit meine St\u00e4rke &#8211; meine St\u00e4rke Deutschlands Macht&#8220;.<\/p>\n<p>Karl Leberecht Immermann, ein geb\u00fcrtiger Magdeburger, wurde zum Vorbild einer stammest\u00fcmelnden patriotischen Heimatkunst. Der Jurist stand in Kontakt mit den romantischen Schriftstellern Friedrich de La Motte Fouqu\u00e9 und Ludwig Tieck. Besonders wirksam wurde sein in der Soester B\u00f6rde spielender M\u00fcnchhausenroman, der als Westfalenroman schlechthin gilt. Die Popularit\u00e4t fu\u00dfte auf dem darin enthaltenen Oberhofteil, der in den Jahren 1861 bis 1931 in 85 separaten Ausgaben aufgelegt wurde. Darin wird das soziale Gef\u00fcge eines gro\u00dfen westf\u00e4lischen Bauernhofes idealisierend gezeichnet. Von diesem Romanteil ging die Anregung f\u00fcr Freiligraths Konzept zum &#8222;Malerischen und romantischen Westphalen&#8220; aus, das eine pr\u00e4gende Wirkung f\u00fcr das deutsche Westfalenbild und das westf\u00e4lische Selbstverst\u00e4ndnis besa\u00df.<\/p>\n<p>In der Revolution von 1848\/49 traten alte und neue Bruchlinien in der Provinz Westfalen auf. Der Typus agrarischer Konflikte stellte bis dahin auffallendes Merkmal dar. Doch jetzt war \u201en\u00e4chst Schlesien Westfalen die preu\u00dfische Provinz mit den meisten Bauernunruhen\u201c.\u00a0 Je nach den lokalen Verh\u00e4ltnissen ging es dabei um das Verh\u00e4ltnis zwischen Bauern und Grundherren, um die Gemeinheitsteilungen, die nach Ansicht der l\u00e4ndlichen Unterschichten r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden sollten, und um das Jagdrecht. Dazu kamen die Forderungen nach Steuersenkung, nach autonomer Festsetzung der Kommunalsteuern und St\u00e4rkung der Selbstverwaltung durch freie Wahl von Amtm\u00e4nnern und Landr\u00e4ten. Exzesse gegen\u00fcber unbeliebten Beamten und herrschaftlichen Rentmeistern waren an der Tagesordnung. Die sozialen Spannungen zwischen besitzenden Bauern und landloser Unterschicht boten zus\u00e4tzliches Konfliktpotential.<\/p>\n<p>Der Zorn der Bauern richtete sich nicht nur gegen die Grundherren, sondern auch gegen die \u201eWucherer\u201c, bei denen sie Kredite zum Landerwerb, zur Entschuldung, f\u00fcr die Abl\u00f6sung von Lasten oder zur Befriedigung von Erbanspr\u00fcchen aufgenommnen hatten. Kreditgeber wurden zum Ziel gewaltt\u00e4tiger Ausschreitungen. Dies waren vor allem Vieh- und Getreideh\u00e4ndler, die in engem Kontakt zur l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung standen. Ein ungerechter Zorn richtete sich vor allem gegen die Juden unter den Geldgebern, und so kam es w\u00e4hrend der M\u00e4rzunruhen auch zu antisemitischen Ausschreitungen. Sie sind f\u00fcr mindestens zw\u00f6lf Orte belegt.<\/p>\n<p>Handelte es sich hier um tempor\u00e4re Konfliktlinien, so meldete sich mit den konfessionellen Divergenzen gewisserma\u00dfen ein Dauerbrand zu Wort. Bei den Wahlen zur deutschen und zur preu\u00dfischen Nationalversammlung betrieb die katholische Kirche die Orgisierung ihrer W\u00e4hlerschaft mit besonderem Nachdruck. Am 28. M\u00e4rz war in Mainz ein erster \u201ePius-Verein f\u00fcr religi\u00f6se Freiheit\u201c gegr\u00fcndet worden, um die Anliegen der katholischen Kirche in den verfassungspolitischen Auseinandersetzungen der Revolutionszeit vertreten zu k\u00f6nnen. Nach dem Mainzer Aufruf\u00a0 breiteten sich die Piusvereine auch in Westfalen sehr schnell aus. Am 13. April entstand in M\u00fcnster ein \u201eKatholischer Verein\u201c (sp\u00e4ter umbenannt in Piusverein), und M\u00fcnster und Paderborn wurden zu Zentren des katholischen Vereinswesens in Westfalen. Die Bisch\u00f6fe riefen dazu auf, nur solche M\u00e4nner zu w\u00e4hlen, von deren Fr\u00f6mmigkeit und Gewissenhaftigkeit sie \u00fcberzeugt seien, und die \u00f6rtliche Geistlichkeit engagierte sich f\u00fcr die Gr\u00fcndung lokaler Piusvereine und f\u00fcr die Umsetzung der bisch\u00f6flichen Wahlempfehlungen. So ging die katholische Kirche als einzige gesellschaftliche Kraft mit einer partei\u00e4hnlichen Organisation 1848 in die Maiwahlen hinein.<\/p>\n<p>Unter den westf\u00e4lischen Abgeordneten in der deutschen Nationalversammlung waren die Geistlichen sowie die Richter und beamteten Juristen sehr viel st\u00e4rker vertreten als im Durchschnitt der Abgeordneten, schw\u00e4cher hingegen die Lehrberufe, die Verwaltungsbeamten und vor allem die freiberufliche Intelligenz. Sie schlossen sich\u00a0 \u00fcberwiegend den Fraktionen der Mitte, vor allem dem rechtsliberalen Zentrum, der Fraktion \u201eCasino\u201c an, die auf Grund ihrer zahlenm\u00e4\u00dfigen St\u00e4rke und ihrer parlamentarischen Schl\u00fcsselstellung die Gestalt der Reichsverfassung weitgehend bestimmen konnte. Die Wahl des Erzherzogs Johann von \u00d6sterreich zum provisorischen Staatsoberhaupt Deutschlands (\u201eReichsverweser\u201c) wurde in Westfalen lebhaft begr\u00fc\u00dft und st\u00e4rker gefeiert als im \u00fcbrigen Preu\u00dfen.<\/p>\n<p>Bei der Frage nach signifikanten Merkmalen der Provinz Westfalen muss man den Bereich der Politik verlassen und kann auch nicht nur nach Konfliktzonen Ausschau halten. Dadurch k\u00f6nnte ein so wichtiger Prozess wie die Industrialisierung aus dem Blick geraten, die auch die \u00fcberwiegend agrarisch strukturierte Region erfasste. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Westfalen infolge der Industrialisierung von einem wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel gr\u00f6\u00dften Ausma\u00dfes ergriffen und ver\u00e4ndert. Aus dem romantisch verkl\u00e4rten \u201eLand der roten Erde\u201c entstand innerhalb weniger Jahrzehnte in einer zunehmend an Dynamik gewinnenden Entwicklung das bedeutendste Zentrum der Schwerindustrie in Europa, das \u201eRuhrgebiet\u201c. Die Ballungszentren verlagerten sich aus den Bistums- und Verwaltungssitzen in Gro\u00dfst\u00e4dte und Industriemetropolen wie Dortmund, Bochum oder Essen. Es begann ein Prozess der Verst\u00e4dterung und Urbanisierung, kleine Orte wurden innerhalb von wenigen Jahrzehnten zu St\u00e4dten betr\u00e4chtlichen Ausma\u00dfes.<\/p>\n<p>Die Nachfrage nach Arbeitskr\u00e4ften f\u00fchrte zun\u00e4chst Menschen aus den angrenzenden l\u00e4ndlichen Regionen in die industriellen Zentren, sp\u00e4ter wurden auch Arbeiter aus den \u00f6stlichen Provinzen des deutschen Reiches angesogen, die h\u00e4ufig polnischer Abstammung waren. Aus den unterschiedlichsten demographischen Elementen entstand das \u201eRuhrvolk\u201c, w\u00e4hrend sich gleichzeitig aus bescheidenen Anf\u00e4ngen heraus eine neue gro\u00dfb\u00fcrgerliche Schicht von Industriellen, Unternehmern und Kaufleuten entwickelte, f\u00fcr welche die Familie Krupp das herausragende Beispiel ist. Zwar gab es auch in den 1850er Jahren noch einmal eine Welle der Auswanderung nach \u00dcbersee, besonders nach Nordamerika, aber die dr\u00e4ngendsten sozialen Probleme des Vorm\u00e4rz wie massenhafte Arbeitslosigkeit, Unterbesch\u00e4ftigung, Pauperismus, Hunger, Krankheiten und Not sollten doch innerhalb einer Generation weitgehend verschwinden.<\/p>\n<p>Die Industrialisierung mit ihren tief greifenden Folgen hat die beiden westlichen Provinzen Preu\u00dfens &#8211; Rheinland und Westfalen &#8211; enger miteinander verbunden als es gemeinsame geschichtliche Erinnerungen vermochten. Wirtschaftskraft und Bev\u00f6lkerungsdichte, ein Drittel der Bev\u00f6lkerung auf einer Fl\u00e4che von weniger als einem Sechstel des Staatsgebietes, haben ihnen zunehmendes Gewicht innerhalb Preu\u00dfens gegeben. Gleichzeitig ist vom Westen aus seit der Mitte des Jahrhunderts b\u00fcrgerliches Gedankengut in den Osten gedrungen und hat Einfluss sowohl auf die \u00f6konomische als auch auf die politische Willensbildung gewonnen.<\/p>\n<p>Der Einfluss betraf aber mehr die preu\u00dfische Innen- als die Au\u00dfenpolitik. Au\u00dfenpolitisch baute sich im Westen der Monarchie in den Einigungskriegen ein neuer Konflikt. Die kleindeutsche L\u00f6sung der nationalen Frage stie\u00df in den preu\u00dfischen Westprovinzen auf wenig Gegenliebe. Die Kriegsvorbereitung gegen \u00d6sterreich rief eine heftige Opposition auf den Plan, die sich vor allem an der Person des preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten rieb. Liberale Stadtverordnetenversammlungen in Rheinland und Westfalen forderten dessen Entlassung, die \u201eRheinische Zeitung\u201c wollte ihm \u201ekeinen Mann und keinen Groschen\u201c bewilligen. Nicht nur der katholische Adel, auch die katholischen Mittelschichten Westfalens waren Gegner Bismarcks und seiner Deutschlandpolitik, die zun\u00e4chst nur Norddeutschland unter preu\u00dfische Vorherrschaft bringen und damit die mehrheitlich katholischen Gebiete S\u00fcddeutschlands und vor allem \u00d6sterreich ausschlie\u00dfen wollte.<\/p>\n<p>Nach Bismarcks Reichsgr\u00fcndung wandelte sich die Beziehung zwischen Staat und Kirche allgemein, insbesondere aber zwischen dem\u00a0 preu\u00dfischem Staat und der Katholischen Kirche. Die Beziehungen zwischen dem Staat und der katholischen Bev\u00f6lkerung im Rheinland und in Westfalen wurden durch den so genannten \u201eKulturkampf\u201c (ein von Rudolf Virchow 1873 gepr\u00e4gter Begriff) st\u00e4rker als in anderen deutschen Staaten und in den anderen preu\u00dfischen Provinzen belastet. Er wurde von Preu\u00dfen mit b\u00fcrokratischer H\u00e4rte durchgef\u00fchrt. Bayern zog sich aus ihm alsbald wieder zur\u00fcck und in Hessen und Baden nahm er gem\u00e4\u00dfigtere Formen an.<\/p>\n<p>In Westfalen wurde der Kulturkampf offenbar mit gr\u00f6\u00dferer Verbissenheit ausgefochten als in den anderen preu\u00dfischen Provinzen. Dies lag in erster Linie am Oberpr\u00e4sidenten Friedrich von K\u00fchlwetter, der zwar Katholik war, den \u201eUltramontanismus\u201c und jede Form von Einmischung der katholischen Kirche in \u00f6ffentliche Angelegenheiten jedoch zutiefst verabscheute. Mit seiner \u00fcbertrieben strengen, zum Teil kleinlichen und bis ans L\u00e4cherliche gehenden Ausf\u00fchrung der Kulturkampfgesetze weckte er die alten antipreu\u00dfischen Ressentiments zu neuem Leben. Das nat\u00fcrliche Rechtsgef\u00fchl der Westfalen emp\u00f6rte sich gegen die ungerechte Unterdr\u00fcckung ihrer Kirche, und die staatliche Offensive traf \u00fcberdies mit einer in Westfalen besonders lebendigen kirchlichen Erneuerungsbewegung zusammen. Im Rheinland und in Westfalen bewirkte der Kulturkampf eine durchgreifende Umschichtung der politischen Strukturen. Er warf tiefe Gr\u00e4ben auf und erzeugte rund zwei Jahrzehnte lang eine nahezu unvers\u00f6hnliche Frontstellung zwischen Katholizismus und Preu\u00dfentum.<\/p>\n<p>In der Provinzialhauptstadt M\u00fcnster spitzten sich die Auswirkungen des Kulturkampfes besonders zu. Er erreichte seinen H\u00f6hepunkt im Jahre 1875, als der \u201eBekennerbischof\u201c Bernhard Brinkmann vor\u00fcbergehend verhaftet und anschlie\u00dfend einem Amtsenthebungsverfahren unterworfen wurde. Der Bischof entzog sich einer erneuten Verhaftung durch Flucht ins Exil nach Holland. Die Di\u00f6zesanverwaltung stellte ihre T\u00e4tigkeit ein. In Paderborn war Bischof Martin schon im August 1874 verhaftet und im Januar 1875 f\u00fcr abgesetzt erkl\u00e4rt worden. Er floh im August 1875 aus der Festungsstadt Wesel \u00fcber die Niederlande nach Belgien, wo er vier Jahre sp\u00e4ter verstarb.<\/p>\n<p>Das Vorgehen des Staates gegen die Bisch\u00f6fe l\u00f6ste eine Welle demonstrativer Kundgebungen der Loyalit\u00e4t und der Solidarit\u00e4t in allen Bev\u00f6lkerungskreisen aus, unter denen eine Adresse von 50 Damen des M\u00fcnsterschen Adels vom Februar 1874 selbst im Ausland Aufsehen erregte. Die Kundgebungen zugunsten der Bisch\u00f6fe nahmen teilweise den Charakter von Massendemonstrationen an. Einen organisatorischen R\u00fcckhalt der katholischen Opposition bildeten in Westfalen zahlreiche lokale \u201eVolksvereine\u201c, die in der Rheinprovinz nicht die gleiche Bedeutung besa\u00dfen. Der Zusammenhalt des Kirchenvolkes mit seinen Oberhirten war nicht zu brechen, er wurde vielmehr durch den Kulturkampf noch gest\u00e4rkt.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Man kann davon ausgehen, dass die Verbundenheit westf\u00e4lischer Bauern und Arbeiter mit dem Geistlichen ihres Ortes sehr gro\u00df gewesen ist und dass es f\u00fcr diese eine unertr\u00e4gliche Vorstellung war, Taufe, Hochzeit und Beerdigung ohne geistlichen Beistand zu erleben und auf den sonnt\u00e4glichen Empfang der Heiligen Kommunion verzichten zu m\u00fcssen. Wenn man bedenkt, dass um 1880 rund 40 Prozent der westf\u00e4lischen Pfarreien verwaist waren, kann man die Tragweite dieser Problematik ermessen.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger der Kulturkampf dauerte, desto mehr wurde der preu\u00dfischen Regierung deutlich, dass sie sich in eine Sackgasse verrannt hatte. Die enge Bindung an die liberalen Parteien des Reichstags, die die Kulturkampfgesetzgebung erm\u00f6glicht hatte, wurde Bismarck unbehaglich, und an der Kurie war 1878 mit Leo XIII. ein Papst gew\u00e4hlt worden, der sein pers\u00f6nliches Prestige nicht mit der konsequenten Durchfechtung der Kulturkampfpositionen verband. So flaute der Kulturkampf seit 1878 allm\u00e4hlich ab. In Westfalen konnten die Gl\u00e4ubigen es daran sehen, dass der im Exil verstorbene und zun\u00e4chst nur heimlich nach Paderborn \u00fcberf\u00fchrte Bischof Martin feierlich im Dom beigesetzt werden durfte. Dass Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1884 M\u00fcnster besuchte (und in allen Formen geziemender H\u00f6flichkeit empfangen wurde), l\u00e4sst sich als Geste der Vers\u00f6hnung interpretieren.<\/p>\n<p>Dennoch sind bleibende Wirkungen festzustellen. Der Kulturkampf f\u00fchrte dem Zentrum die katholischen W\u00e4hler Rheinland-Westfalens in hellen Scharen zu. Mehr als in den katholischen Gebieten S\u00fcddeutschlands gelang es dem Zentrum, die katholische W\u00e4hlerschaft zu mobilisieren, unterst\u00fctzt durch den Klerus, der eine Wahlentscheidung zugunsten dieser Partei zur Glaubensfrage machte. Lag der Anteil der Partei bei den Reichstagswahlen von 1871 in Deutschland bei 9,5 %, so errang sie in Rheinland-Westfalen 24,4 %. Bei den Reichstagswahlen 1871 bis 1912 lag der Zentrumsanteil reichsweit bei 14 %, w\u00e4hrend er in Rheinland-Westfalen im Mittel bei 34,8 % lag. Ihren R\u00fcckhalt fand die Partei vornehmlich in den l\u00e4ndlich-kleinst\u00e4dtischen Gebieten. Erst in den 1890er Jahren sahen sich die rheinischen und westf\u00e4lischen Katholiken sowie deren politischer Zusammenschluss, die Zentrumspartei, als staatstragende Kr\u00e4fte hofiert. Dies erleichterte ihre Integration in den preu\u00dfisch-deutschen Staat.<\/p>\n<p>Mit dem R\u00fcckhalt der katholischen Bev\u00f6lkerungsanteile Westfalens konnte das Zentrum bis zum Ende des Kaiserreiches und dar\u00fcber hinaus eine beherrschende Rolle im politischen Leben des katholischen Westfalen spielen. Dabei half ihm das gesamte katholische \u201eMilieu\u201c, d. h. der Klerus, Handwerker- und Gesellenvereine, christliche Gewerkschaften, Bauernvereine und andere gesellschaftliche Vereinigungen aller Art. Zur eigentlichen Basisorganisation des Zentrums wurde der 1890 gegr\u00fcndete \u201eVolksverein f\u00fcr das katholische Deutschland\u201c. Politisch hatte der Kulturkampf bewirkt, dass die Partei des Zentrums nicht nur gest\u00e4rkt, sondern fortan fest etabliert war. Der Ultramontanismus f\u00fchrte zur Begr\u00fcndung der christlichen Demokratie in Deutschland, die von Anfang an weniger nationale als europ\u00e4ische Wurzeln hatte. Das Zentrum wurde f\u00fcr die n\u00e4chsten 60 Jahre ein bestimmender Faktor des deutschen Parteiensystems.<\/p>\n<p>Aufs Ganze gesehen muss man, res\u00fcmiert man die vorgetragenen Beobachtungen, die Tendenzen der Divergenz und der Vereinheitlichung jeweils relativieren.<\/p>\n<p>Die zentripedalen Kr\u00e4fte waren stets st\u00e4rker als die zentrifugalen. Die zentrifugalen Kr\u00e4fte steigerten sich nie bis zu einer separatistischen Bewegung. Der rheinische Separatismus begegnet als historisches Ph\u00e4nomen, aber nicht ein westf\u00e4lischer. Zweifellos gab es Nuancen zwischen den preu\u00dfischen Provinzen im Hinblick auf die Akzeptanz der Hohenzollernherrschaft. Westfalen ist dabei eher in der Mitte anzusiedeln. Das Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl war selbstverst\u00e4ndlich nicht so stark wie im Kernland, aber wohl st\u00e4rker als im Rheinland oder in den neuen Provinzen Hannover, Schleswig-Holstein, Hessen-Nassau. Die Anh\u00e4nglichkeit an das Reich war gr\u00f6\u00dfer als die an Preu\u00dfen. Der Kaiser war eine Integrationsfigur f\u00fcr beide Ebenen. Doch diese Figur verschwand mit dem Kaiserreich. Westfalen ist dar\u00fcber hinaus \u2013 bis zum heutigen Nachfolger, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe \u2013 als eine Einheit erhalten geblieben. Doch nicht mehr unangefochten. Seit der Industriellen Revolution besitzt das Ruhrgebiet eine Sprengkraft f\u00fcr die alten Provinzen. Dieses homogene St\u00e4dtekonglomerat konnte bis jetzt die alten Gem\u00e4uer noch nicht zum Einsturz bringen, das Thema einer Verwaltungsneugliederung zu Lasten der alten Provinz kommt jedoch gleichfalls nicht zur Ruhe.<\/p>\n<p><a title=\"Texte zur Geschichte von Westfalen\" href=\"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/westfalen\" target=\"_self\">Weitere Texte zu Westfalen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Provinz Westfalen im 19. 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