{"id":352,"date":"2011-05-28T12:00:42","date_gmt":"2011-05-28T11:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/peter-burg.de\/?page_id=352"},"modified":"2015-05-14T13:58:52","modified_gmt":"2015-05-14T11:58:52","slug":"am-anfang-stand-differten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/pierre-lorson-sj-texte\/vortraege\/am-anfang-stand-differten","title":{"rendered":"Am Anfang stand Differten"},"content":{"rendered":"<h3>Peter Lorsons Reise in die Welt des Christentums<\/h3>\n<p>von Prof. Dr. Peter Burg<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>I. Einf\u00fchrung: Die Bedeutung<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Pater Lorson drohte inmitten der Dorfgemeinschaft, aus der er hervorgegangen ist und in der er seine letzte Ruhest\u00e4tte gefunden hat, in Vergessenheit zu geraten, bevor ihn seine Mitb\u00fcrger richtig kennen gelernt hatten. Das Unverst\u00e4ndnis, dem er ausgesetzt war und noch ist, ist nicht zuletzt dadurch bedingt, dass aus Peter Lorson ein Pierre Lorson, dass aus dem geb\u00fcrtigen Differter ein Wahlfranzose wurde. Sein wichtigster Wirkungsort war Stra\u00dfburg, seine Schriften verfasste er ganz \u00fcberwiegend in franz\u00f6sischer Sprache. Heute, nach einer Epoche der nationalistischen Verirrungen und dem Zusammenwachsen Europas, ist in der kulturellen Doppelgleisigkeit, in der Mittlerfunktion, eine Pionierleistung zu sehen.<\/p>\n<p>Der Boden f\u00fcr eine &#8222;Heimholung&#8220; von Pierre Lorson, f\u00fcr die R\u00fcckkehr von Peter Lorson, ist bereitet. In den letzten Jahren ist nicht nur ein Weg am Friedhof nach ihm benannt worden, Leben und Werk sind auch in einer Reihe von Zeitungsartikeln zusammenfassend gew\u00fcrdigt worden. Pater Lorson pflegte Kontakt mit der politischen und geistigen Elite. Er wirkte als Domprediger und Seelsorger in Stra\u00dfburg und verfasste eine gro\u00dfe Anzahl von Schriften, so zum Thema des Rassismus in nationalsozialistischer Zeit, zur Friedens- und Europaidee sowie zum Charakter des modernen Krieges nach dem Zweiten Weltkrieg. Seinen franz\u00f6sischen Mitb\u00fcrgern stellte er deutsche Literatur und religionsphilosophische Schriften vor. In\u00a0 seinen theologischen B\u00fcchern und Aufs\u00e4tzen setzte er sich f\u00fcr ein von christlichen Werten geleitetes Alltagsleben ein. Alles das ist mittlerweile in gro\u00dfen Z\u00fcgen bekannt. Weithin unbekannt ist der Werdegang, der dem H\u00f6hepunkt seines Wirkens und Schaffens vorausging. Dank einer von Peter Lorson hinterlassenen und jetzt in deutscher \u00dcbersetzung gedruckt vorliegenden <a title=\"Die franz\u00f6sische Autobiographie des Jesuiten\" href=\"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/pierre-lorson-sj-texte\/histoire-d-une-vie\" target=\"_self\">Autobiographie<\/a> l\u00e4sst sich der Werdegang rekonstruieren. Im Folgenden werde ich Seiten seines Lebens nacheinander \u2013 von au\u00dfen nach innend gehend \u2013 aufbl\u00e4ttern. Dabei wird sich zeigen, dass sein Lebensweg als eine Reise in die Welt des Christentums gesehen werden kann, die ihrem Ausgangspunkt Differten viel st\u00e4rker verhaftet ist, als es zun\u00e4chst scheinen mag. Der Gedankenbogen beginnt mit der genealogischen Abstammung und der sozialen Herkunft, f\u00fchrt \u00fcber Charakterz\u00fcge und kulturelle Bildung zur Religiosit\u00e4t als dem Zentrum seiner Person. Schlie\u00dflich ist von seinem nationalen Selbstverst\u00e4ndnis zu sprechen, der Stellung des Differters bzw. Saarl\u00e4nders zwischen Deutschland und Frankreich.<\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">II. Die genealogische Herkunft<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Genealogisch und damit auch genetisch ist Peter Lorson, wie jeder Ortskundige schon aus dem Namen schlie\u00dfen kann, ganz stark mit der einheimischen Bev\u00f6lkerung verkn\u00fcpft, er ist &#8222;einer von uns&#8220; \u2013 als Tr\u00e4ger des Namens Burg kann ich mich in das Wort &#8222;uns&#8220; einbeziehen. Der Name Lorson f\u00fchrt zu den ersten Einwohnern von Friedrichweiler, die von Anfang an in einem regen Bev\u00f6lkerungsaustausch mit den Differter Nachbarn standen. Eine Br\u00fccke quer durch den f\u00fcr Peter Lorson so erinnerungstr\u00e4chtigen Warndt brachte die Verbindung des gleichnamigen Gro\u00dfvaters mit Katharina Clanget aus Lauterbach. Die m\u00fctterliche Linie Kiefer war noch nicht lange im Raume Differten\/Friedrichweiler verwurzelt, der Gro\u00dfvater Wilhelm Kiefer noch in Illingen geboren. Die Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits, Anna Maria Baltus, stellt aber wieder die Beziehung zu den &#8222;Ureinwohnern&#8220; her. Den Namen Baltus wird Peter Lorson sp\u00e4ter als Pseudonym gebrauchen, unter dem er ein Buch und etliche Aufs\u00e4tze herausgab und das er auch f\u00fcr die Autobiographie vorsah.<\/p>\n<p>Von der Abstammung zu sprechen ist wichtig, nicht nur, um darauf hinzuweisen, dass Peter Lorson einer von uns war, sondern auch, weil sie im Selbstverst\u00e4ndnis des geb\u00fcrtigen Differters eine gro\u00dfe Rolle spielte. Er ging von einem franz\u00f6sischen Ursprung seiner Vorfahren aus und ordnet die saarl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerungsmehrheit hinsichtlich ihrer Abstammung Lothringen zu. Aus dieser Zuordnung erkl\u00e4rt er sein schnelles Einfinden in die franz\u00f6sische Sprache und Kultur und legitimiert sp\u00e4ter seine &#8222;Naturalisierung&#8220; in den franz\u00f6sischen Staat &#8211; letzteres nicht ohne gro\u00dfe innere Konflikte.<\/p>\n<p>Die Problemzone der nationalen Identit\u00e4t besa\u00df auf Pater Lorsons Lebensreise einen pr\u00e4genden, wenn nicht gar bestimmenden Einfluss. Seine Deutung der Abstammung erfolgte ohne Kenntnis der genealogischen Daten, \u00fcber die wir heute dank der Einwohnerb\u00fccher von Josef Burg, dem ehemaligen Hostenbacher Schulrektor, verf\u00fcgen. Der Differter Raum wurde nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, das wissen wir auch aus den Heimatb\u00fcchern, quasi neu besiedelt. Die Herkunftsorte der Einwanderer lassen sich nicht immer genau identifizieren. Es handelte sich unter anderem um Lothringer und Els\u00e4sser, die sich aber noch keineswegs als Angeh\u00f6rige der franz\u00f6sischen Nation f\u00fchlten. Vereinzelt wanderten Franzosen aus dem Kerngebiet ein, ferner Pf\u00e4lzer und sogar Tiroler. Sie bildeten vor der Franz\u00f6sischen Revolution einen Schmelztiegel, in dem Gegens\u00e4tze der Volkszugeh\u00f6rigkeit noch keine Rolle spielten. Entscheidend waren die politischen Grenzziehungen nach der Niederlage und Verbannung Napoleons auf die Insel St. Helena im Jahre 1815. Erst danach bildeten sich nationale Identit\u00e4ten aus. Das von Peter Lorson benutzte Argument der franz\u00f6sisch-lothringischen Abstammung zur Begr\u00fcndung seines Wechsels der Nationalit\u00e4t\u00a0 hat demnach keinen festen Boden. Es f\u00fchrte auch bei ihm nicht zu einer inneren Beruhigung, vielmehr zu einer Doppelpoligkeit. Daf\u00fcr sorgte nicht zuletzt die starke Verwurzelung in Differten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>III. Die soziale Herkunft<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Sozial entstammte Peter Lorson dem in Differten vorherrschenden Milieu. Er war neben sieben T\u00f6chtern der einzige Sohn eines Bergmanns, der in Kleinrosseln arbeitete und im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft betrieb. Das Einkommen reichte mit M\u00fche zum nackten Existenzerhalt der gro\u00dfen Familie. Unvergessen blieb f\u00fcr Pater Lorson die Suche der Mutter mit allen Geschwistern nach einem heruntergefallenen Geldst\u00fcck, das erst einige Tage sp\u00e4ter wieder aufgefunden wurde. An der Trauer \u00fcber den Verlust und dem Jubel \u00fcber das gl\u00fcckliche Wiederauffinden nahm die ganze Kinderschar Anteil. Tief beeindruckte Peter Lorson der fr\u00fche Tod von Geschwistern, den er auf Armut und fehlende Hygiene zur\u00fcckf\u00fchrte. Das war kein besonderes Schicksal in Differten, sondern eher das typische.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe soziale Unterschiede bestanden in Differten nicht. Das Besondere war die \u00fcberdurchschnittliche Begabung des Jungen. Sie konnte damals in dem gegebenen sozialen Umfeld nicht entwickelt werden. Ein Kosten verursachender Besuch einer weiterf\u00fchrenden Schule oder gar einer Universit\u00e4t war nicht m\u00f6glich. Die tiefe Dankbarkeit gegen\u00fcber der Kirche und dem Jesuitenorden daf\u00fcr, dass diese ihm eine freie Ausbildung erm\u00f6glichten, erkl\u00e4rt sich aus dem sozialen Milieu, das dem begabten Kind keine Aufstiegschancen bot. Doch er blieb diesem Milieu verbunden. Sein Wunsch, den Vater, Jakob Lorson, einmal auf dem stundenlangen Weg zur Grube und bei der Fahrt unter Tage zu begleiten, um dessen Leistung am eigenen Leib zu sp\u00fcren und nachempfinden zu k\u00f6nnen, blieb wach, solange dieser lebte &#8211; d.h. bis im Jahr 1941.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>IV. Abenteuerlust und Lebensmut<\/strong><\/span><\/p>\n<p>In Differten keimten die Eigenschaften und Charakterz\u00fcge, die Peter Lorson sp\u00e4ter kennzeichneten. Dazu z\u00e4hlten die Lust auf Abenteuer und der pers\u00f6nliche Wagemut. Der h\u00e4usliche und d\u00f6rfliche Rahmen zum Ausleben dieser Neigungen war zu eng. Der Warndtwald musste f\u00fcr Streifz\u00fcge und die kindlichen Spiele mit Altersgenossen herhalten. Die hier verbrachten Stunden stellten f\u00fcr den sp\u00e4teren Jesuitenpater eine gl\u00fcckliche Erinnerung dar.<\/p>\n<p>Fehlende Abenteuer in der Realit\u00e4t fanden Ersatz in der Phantasie, die von der katholisch-christlichen Literatur angeregt wurde: die Geschichten von Heiligen, M\u00e4rtyrern und Missionaren erzeugten in dem Kind eine Sehnsucht zur Nachfolge, nach einer Sprengung der Fesseln des h\u00e4uslichen und sozialen Milieus. Mit dem Besuch der Missionsschule in Belgien wurde dem Erlebnishunger und Tatendrang des mittlerweile 13j\u00e4hrigen Rechnung getragen.<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg brach w\u00e4hrend der Schulzeit aus, die Peter \u2013 im Jahre 1915 \u2013 noch beenden konnte. Im Jahre 1916 wurde er aber mitten aus dem Noviziat des Jesuitenordens herausgerissen und in die deutsche Wehrmacht eingezogen. Der Krieg war f\u00fcr den k\u00fcnftigen Geistlichen kein Abenteuer, so wie ihn anfangs viele Deutsche empfunden hatten. Doch Mut und abenteuerlichen Sinn bewies er auch hier. Zun\u00e4chst einmal, indem er die beh\u00f6rdlichen Anweisungen ignorierte, nach denen er von seinen Ausbildungsst\u00e4tten in Belgien abgeschnitten worden w\u00e4re. Als Soldat hoffte er, dass der einzige Schuss, den er im Krieg abfeuern musste, keinen Gegner getroffen hatte. Todesmut bewies er bei den Kontrollg\u00e4ngen an der Front in Frankreich, wo er zum Abh\u00f6ren von gegnerischen Nachrichten eingesetzt wurde. Wenn er sich nicht als Soldat auszeichnete, so geschah dies nicht aus fehlendem Mut, sondern aus religi\u00f6s-humanistischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Der Sinn nach Abenteuern war Peter Lorson in der 15 Jahre dauernden Ausbildung zum Jesuiten, die er nach dem Krieg fortsetzte, nicht abhanden gekommen. Entt\u00e4uscht nahm er den Auftrag der Ordensoberen entgegen, zun\u00e4chst Unterricht an einem Gymnasium in Lille zu erteilen und dann als Domprediger in Stra\u00dfburg zu wirken. Eine Professur im Libanon w\u00e4re ihm schon lieber gewesen, wenn er schon nicht seinen Kindheits- und Jugendtraum erf\u00fcllen konnte, Missionar in China zu werden. Im Internat der Apostolischen Schule hatte er mit gro\u00dfen Buchstaben auf einen Hut aus grobem Seidenstoff geschrieben: &#8222;Hoch lebe China&#8220;, um seine Vorliebe offen zu bekennen.<\/p>\n<p>Nach dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland im Zweiten Weltkrieg 1940 bewegte sich der Jesuitenpater unter Gef\u00e4hrdung seines Lebens in der besetzten Zone,\u00a0 sprach mit deutschen Soldaten, wies sie sogar auf die verbrecherische Politik des Hitlerregimes hin. Dabei hatte die Gestapo in Stra\u00dfburg schon nach ihm gefahndet. Im s\u00fcdlichen Frankreich, in der freien Zone, bekannte er sich zum Widerstand, den General de Gaulle vom englischen Exil aus betrieb. Damit stand er im Gegensatz zur franz\u00f6sischen Regierung unter Marschall P\u00e9tain, der mit dem Naziregime kollaborierte. Auch das war nicht ungef\u00e4hrlich. Nach dem Krieg konnte sich sein Lebensmut in weniger lebensbedrohlichen Aktivit\u00e4ten entfalten. Er ging ohne jede Scheu auf die hochgestellten politischen Pers\u00f6nlichkeiten seiner Zeit zu, um f\u00fcr seine politischen, seine pazifistischen und europ\u00e4ischen Ziele zu werben.<\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">V. Intellektuelle F\u00e4higkeiten und geistige Neugier<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Die Entdeckung des geistigen Kosmos bildete f\u00fcr Peter Lorson einen integrierenden Bestandteil der Suche nach Abenteuern. Die dazu erforderlichen intellektuellen F\u00e4higkeiten zeigten sich in der Differter Schulzeit. Sie wurden hier entwickelt und ge\u00fcbt. Peter Lorson konnte in der belgischen Missionsschule auf einer soliden Volksschulausbildung aufbauen. Als einer der besten Sch\u00fcler durfte er in Differten bei besonderen Anl\u00e4ssen wie den Kaisergeburtstagsfeiern Gedichte vortragen. Allerdings f\u00fcllte ihn das geistige Angebot der Volksschule nicht aus. Er beneidete die Gleichaltrigen, die das Gymnasium in V\u00f6lklingen besuchten. F\u00fcr begabte Sch\u00fcler ohne einen finanziellen R\u00fcckhalt boten die \u00f6rtlichen Pfarrer Ausbildungschancen, indem sie den Besuch von Internaten vermittelten, die die Kirche meist auf der Grundlage wohlt\u00e4tiger Stiftungen unterhielt.<\/p>\n<p>Dass Peter Lorson einen geistlichen Beruf ergriff bzw. einer Berufung folgte, d\u00fcrfte auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, dass er eine Chance zur Befriedigung seiner intellektuellen Bed\u00fcrfnisse wahrnehmen wollte. L\u00e4ngst war das begabte Kind in der Schule aufgefallen, als die Mutter dem damaligen Pfarrer Meiers den Wunsch des einzigen Sohnes, Geistlicher zu werden, mitteilte. Der junge Peter erhielt die gew\u00fcnschte Chance. Der Pfarrer besa\u00df nicht nur eine Schl\u00fcsselstellung f\u00fcr die Er\u00f6ffnung eines weiten geistigen Horizontes, sondern auch ganz konkret f\u00fcr den Besuch einer Schule im belgisch-franz\u00f6sischen Kulturraum. Sein Amtsvorg\u00e4nger Bach hatte begabte Differter und Friedrichweiler Sch\u00fcler in den deutschen Kulturraum vermittelt. Pfarrer Meiers, ein geb\u00fcrtiger Luxemburger, war frankophil. Die f\u00fcr das weitere Leben von Peter Lorson schicksalhafte Weichenstellung ging demnach von ihm aus. Durch die Empfehlung einer franz\u00f6sisch-sprachigen Schule hatte der geb\u00fcrtige Differter einige Probleme mehr zu bew\u00e4ltigen, in der Ausbildung wie im Leben.<\/p>\n<p>Das Erlernen der franz\u00f6sischen Sprache fiel Peter Lorson leicht. Er glaubte gar, dass das franz\u00f6sische Blut in seinen Adern ihm dies erleichtert h\u00e4tte, dass schon einmal Erlerntes wieder ins Bewusstsein zur\u00fcckgef\u00fchrt worden w\u00e4re. Franz\u00f6sisch sollte im praktischen Gebrauch f\u00fcr ihn an die erste Stelle r\u00fccken. Die Zweisprachigkeit verschaffte ihm w\u00e4hrend seines Lebens immer wieder Vorteile. In seinen Europakonzeptionen spielte die Zweisprachigkeit als Ferment der Einigung und Verst\u00e4ndigung eine Rolle. Er diskutierte verschiedene Varianten. Der Deutsche sollte beispielsweise Englisch oder Franz\u00f6sisch beherrschen, der Engl\u00e4nder Franz\u00f6sisch oder Deutsch usw. Die lateinische Sprache fand im Laufe der Ausbildung von Peter Lorson eine lebendige Anwendung in Vorlesungen und Gespr\u00e4chen. Peter Lorson erwog sogar die Verwendung von Latein als gemeinsame europ\u00e4ische Sprache. Auf der Schule lernte er ferner Griechisch, w\u00e4hrend des Juvenats, der zweiten, dem Literaturstudium gewidmeten Stufe der jesuitischen Ausbildung, hielt er sich zeitweise in England auf und erwarb Englischkenntnisse. Sprachkenntnisse waren f\u00fcr ihn aber nie Selbstzweck, sondern er sah in ihnen Instrumente der Kommunikation.<\/p>\n<p>Die intellektuelle Kapazit\u00e4t von Peter Lorson \u00e4u\u00dferte sich in der Rezeption Unterrichtsstoffes. Auf allen Ausbildungsstufen steigerte er sich fast in eine Lesewut hinein. Sein Interesse galt vorz\u00fcglich der Literatur, Philosophie und Theologie, nur in der Mathematik tat er sich schwer. Die kreative Rezeption, von der sp\u00e4ter seine zahlreichen Buchbesprechungen zeugen, wurde bald von Schriftstellerei begleitet. Diese lief langsam an, der erste wissenschaftliche Aufsatz erschien 1929, im Jahr der Priesterweihe, das erste und gleich mit einem Preis der Acad\u00e9mie fran\u00e7aise ausgezeichnete Buch im Jahre 1936, die &#8222;Reisen im Christentum&#8220;, das gr\u00f6\u00dftenteils aus zuvor publizierten Aufs\u00e4tzen besteht. Die literarischen Werke bezeichnete er als seine Kinder. Sie erblickten in immer rascherer Folge das Licht der Welt. Nur aus einer gro\u00dfen Schaffenskraft ist der Umfang seiner \u00dcbersetzungen, B\u00fccher, Aufs\u00e4tze, Beitr\u00e4ge zu erkl\u00e4ren. Seine kleineren Beitr\u00e4ge in Zeitungen werden kaum jemals vollst\u00e4ndig recherchiert werden k\u00f6nnen. Neben dem literarischen Schaffen stand die Hauptt\u00e4tigkeit als Seelsorger. Die geistige Regsamkeit, deren Keime schon in der Differter Kindheit zu erkennen sind, blieb Peter Lorson bis zu seiner letzten Stunde erhalten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>V. Die kulturelle Pr\u00e4gung<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Nie hat Peter Lorson eine starke Pr\u00e4gung durch die deutsche Kultur in seiner Differter Kindheit geleugnet. Nachhaltig und positiv beeinflusst sah er sich im R\u00fcckblick durch die romantische Dichtung und die Volkslieder. Gern sang er sp\u00e4ter im Kreis der Familie die alten Lieder. Wurden sie in der Ferne gesungen, so packte ihn starkes Heimweh. Die Elemente der deutschen Kultur, die Herz und Seele ber\u00fchren, haben ihn besonders angesprochen. Sie verk\u00f6rperten f\u00fcr ihn das gute Deutschland, das er immer gegen\u00fcber dem schlechten Pendant abgrenzte. Die Notwendigkeit einer scharfen Unterscheidung dr\u00e4ngte sich Peter Lorson immer st\u00e4rker auf. Als Kind wurde er wie alle anderen auch unter negativen Vorzeichen erzogen: zu einem nationalistischen, imperialistischen, militaristischen Denken. Einen engeren preu\u00dfischen Patriotismus sah er in seiner Kindheit nicht weit verbreitet. In der Tat stand das katholische Rheinland in einer gewissen Distanz und Opposition zum protestantischen Herrscherhaus, das seinerseits die Katholiken wiederholt in die N\u00e4he von Staatsfeinden r\u00fcckte.<\/p>\n<p>Peter Lorsons Konstruktion eines negativen Deutschlandbildes erhielt einen Impuls durch den Ersten Weltkrieg. Der Internatssch\u00fcler, der im Sommer 1914 nach Hause in die Ferien fuhr, bemerkte die Kriegsbegeisterung junger Soldaten und des gr\u00f6\u00dften Teils der deutschen Bev\u00f6lkerung. Das f\u00fchrte ihn dazu, Schuld und Verantwortung allein Deutschland zuzuweisen. In Wirklichkeit, so hat die historische Ursachenforschung ergeben, schlitterte ganz Europa leichtfertig in den Krieg. Die pers\u00f6nlich bitteren Erfahrungen von Peter Lorson im Krieg, die Leistung des Grundwehrdienstes unter einem Schleifer, einem preu\u00dfisch-pommerschen Unteroffizier, hat gewiss die Vertiefung eines gespaltenen Deutschlandbildes bewirkt.<\/p>\n<p>Gravierend f\u00fcr die Sicht auf Deutschland wurde dann aber doch das Hitlerregime, dessen Inhumanit\u00e4t er in zwei Schriften scharf gei\u00dfelte. Mit gro\u00dfer Besorgnis sah er, dass die Jugend im rassistischen Sinne erzogen und die Bev\u00f6lkerung mit allen publizistischen Mitteln manipuliert wurde. Zu allen Zeiten war Peter Lorson aber in der Lage, zwischen guten und schlechten Deutschen zu differenzieren. Er war einer der ersten, der nach dem Zweiten Weltkrieg die H\u00e4nde zur Vers\u00f6hnung ausstreckte.<\/p>\n<p>Andererseits war sein Frankreichbild nicht simpel glorifizierend. Er nahm dort gleichfalls chauvinistische Z\u00fcge wahr, sogar unter seinen Mitbr\u00fcdern. Er distanzierte sich von Fehlurteilen, obwohl er dies in einem Land, das f\u00fcr ihn &#8222;nur&#8220; zu einer Wahlheimat geworden war, nicht mit gr\u00f6\u00dftem Freimut tun konnte. Immer bem\u00fchte sich Peter Lorson um den Sieg der besseren Einsichten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>VI. Die Religiosit\u00e4t<\/strong><\/span><\/p>\n<p>In Differten begann die wichtigste Reise von Peter Lorson, die Reise im und durch das Christentum, geographisch und bildlich gesprochen. &#8222;Die einfache d\u00f6rfliche Religion hat mich bis in die Tiefe meiner Seele durchdrungen&#8220;, mit diesen Worten beschreibt Pater Lorson 1943 in seinem autobiographischen R\u00fcckblick seinen Weg zum Priestertum. Das Elternhaus und die d\u00f6rfliche Kirchengemeinschaft vermittelten beide eine tiefe Fr\u00f6mmigkeit. Die von ihnen ausgehenden Einfl\u00fcsse wirkten ziemlich gleichm\u00e4\u00dfig auf die gesamte Generation, hatten nichts Ungew\u00f6hnliches an sich. Aus der Reihe fiel das &#8218;Aufgehen der Saat&#8216; in der seelisch-geistigen Welt des jungen Peter. Die Mutter lebte wie viele Frauen Christentum und christliche Tugenden vor: das Einf\u00fcgen in Gottes Schicksal, das geduldige Ertragen von Schmerz und Leid bei der Geburt und dem fr\u00fchen Tod von Kindern, die harte Arbeit im Haus und au\u00dfer Hauses zur Existenzsicherung der Familie, das Suchen von Trost im Gebet. Das alles beeindruckte die Kinderseele stark, vielleicht waren aber die Erz\u00e4hlungen und Berichte aus der christlichen Welt noch wichtiger, die die Mutter im Kreis der Familie ausbreitete und die die Phantasie des Jungen inspirierten. Au\u00dferhalb des Familienkreises war es der religi\u00f6se Kult mit seinen Glaubensinhalten, aber auch mit seiner Feierlichkeit und Farbenpracht innerhalb und au\u00dferhalb der Kirche, der Peter Lorson f\u00fcr eine Berufung zum Priestertum vorbereitete. Mit dem Antritt der Reise in die Apostolische Schule in Belgien war die innere Entscheidung f\u00fcr den geistlichen Beruf gefallen.<\/p>\n<p>Nach den von Peter Lorson als &#8222;gl\u00fccklich&#8220; bezeichneten Jahren auf der Apostolischen Schule im belgischen Thieu trat der 17j\u00e4hrige im M\u00e4rz 1915 in ein Noviziat des Jesuitenordens, Provinz der Champagne, ein, das sich wegen des Niederlassungsverbots der Jesuiten in Frankreich gleichfalls in Belgien befand. Der Eintritt in diesen Orden war von der Schule selbst her nicht vorgegeben oder naheliegend, doch einer der Lehrer beriet Peter bei seiner Wahl.<\/p>\n<p>Mystische Versenkung, Gewissenspr\u00fcfung, Gebet, Selbstz\u00fcchtigung, eucharistische Feiern, Klausuren, Exerzitien, Unterweisungen, K\u00fcchen- und Krankendienste standen f\u00fcr Peter Lorson im Noviziat auf der Tagesordnung, w\u00e4hrend der Krieg Europa ersch\u00fctterte und das neutrale Belgien v\u00f6lkerrechtswidrig von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde. Die erste Ausbildungsstation der Jesuiten, das Noviziat, musste Peter im Jahre 1916 vorzeitig beenden, denn er wurde gemustert und eingezogen. In einer Soutane meldete er sich in Eschweiler bei Aachen zum Dienst. Krasser konnte der Gegensatz der Welten nicht sein, die hier aufeinander prallten. Der raue Kasernenton und die vergeistigte, sensible Welt des Novizen. F\u00fchlte sich Peter Lorson dank g\u00f6ttlicher Gnade zum Priestertum berufen, so wurde er f\u00fcr einen von Vorurteilen erf\u00fcllten preu\u00dfischen Unteroffizier zum S\u00fcndenbock. Aus der Bahn konnte dies den innerlich gefestigten Novizen freilich nicht rei\u00dfen. Mitten im Krieg, der ihn zun\u00e4chst nach Frankreich, dann nach Polen und in den Westen der Ukraine und wieder nach Frankreich f\u00fchrte, setzte er seine religi\u00f6sen \u00dcbungen fort, wo sich die Gelegenheit ergab. Vor einem deutschen Milit\u00e4rgeistlichen legte er am Pfingstsonntag des Jahres 1917 das Gel\u00fcbde von Armut, Keuschheit und Gehorsam ab. Damit war er definitiv in die Gesellschaft Jesu eingetreten.<\/p>\n<p>In der bemerkenswert langen Ausbildungszeit der Jesuiten von 15 Jahren wird der angehende Pater in einem durchdachten Plan einer inneren Reife zugef\u00fchrt. Auf allen Stufen mischen sich die Elemente von Theorie und Praxis. Neben der Wissensvermittlung stehen Exerzitien und kirchliche Dienste. Nicht die Leistung des Einzelk\u00e4mpfers steht im Vordergrund, sondern das Gemeinschaftsleben. Humanismus und Familiarit\u00e4t sind zentrale Werte. In einer dreij\u00e4hrigen Lehrert\u00e4tigkeit, eingeordnet zwischen dem Studium der Philosophie und der Theologie, wird die Vermittlerfunktion ge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Die Ausbildungsabschnitte waren f\u00fcr Peter Lorson nicht zuletzt infolge des franz\u00f6sischen Niederlassungsverbots f\u00fcr Jesuiten immer mit einem Ortswechsel verbunden. Befanden sich Schule, Noviziat und Juvenat an belgischen Orten, so studierte Peter Lorson Philosophie im Herzen Frankreichs, in der Auvergne, in Vals pr\u00e8s Le Puy. In Lille war er drei Jahre Lehrer. Zum Theologiestudium begab er sich wieder nach Belgien, und das dritte Jahr des Noviziats fand in Nordfrankreich statt. Die Reise im Christentum durchquerte \u00e4u\u00dfere und innere R\u00e4ume. Die Priesterweihe im Jahre 1929, mitten im Theologiestudium, stellte einen H\u00f6hepunkt dar. Die erste Feier eines Hochamtes fand am 1. September 1929 in der Heimatgemeinde Differten statt. In der Erinnerung des Paters ein gelungenes Fest. Das Dorf war herrlich geschm\u00fcckt. Die Bev\u00f6lkerung, vor allem aber die eigene Familie, befand sich in einer Hochstimmung.<\/p>\n<p>Mittlerweile nach dem erfolgreichen Durchlaufen aller Ausbildungsstufen tief in das Christentum hineingewachsen, folgte ab 1931 der berufliche Einsatz, den der Orden bestimmte, zwar nach Anh\u00f6rung des jungen Paters, aber nicht unbedingt nach dessen W\u00fcnschen. Vermutlich bald nach 1930 nahm er die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft an, was seine T\u00e4tigkeit in Frankreich sicher erheblich erleichterte. Nach zweij\u00e4hriger T\u00e4tigkeit als Lehrer in Lille wurde er 1933 nach Stra\u00dfburg entsandt. F\u00fcr den Standort d\u00fcrften seine Herkunft und vor allem seine Doppelsprachigkeit den Ausschlag gegeben haben. Jetzt begann die Laufbahn als Seelsorger und Schriftsteller. Beides waren Formen der Verk\u00fcndigung.<\/p>\n<p>Betrachtet man das Schrifttum, das in einigen F\u00e4llen aus Predigten hervorging, so spiegeln sich hier die Schwerpunkte seiner Interessen, seiner Ausbildung und seiner Anliegen wieder. Er schrieb \u00fcber Literatur, Philosophie, Theologie, leitete aber auch zum religi\u00f6sen Leben an. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg bereiste Pater Lorson einige europ\u00e4ische L\u00e4nder: Polen, England, Deutschland, die Schweiz. &#8222;Reisen im Christentum&#8220; waren dies, und so lautete auch der Titel des ersten Buches. Es handelt vom Katholizismus, von katholischen Einrichtungen und katholische Denkern und Schriftstellern dieser L\u00e4nder. Den franz\u00f6sischen Landsleuten werden Kenntnisse \u00fcber den Katholizismus in Europa nahegebracht. Die Acad\u00e9mie fran\u00e7aise w\u00fcrdigte das Anliegen mit der Zuerkennung eines Preises.<\/p>\n<p>Aus christlicher Sicht beleuchtete Peter Lorson das rassistische Gedankengut der nationalsozialistischen Ideologen, vor allem Adolf Hitlers und Alfred Rosenbergs. Tief betroffen war er von den praktischen Folgen, dem Antisemitismus, der Zwangssterilisation, den Heiratsbeschr\u00e4nkungen und der Indoktrinierung der Menschen. Als Pater Lorson zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in die franz\u00f6sische Armee eingezogen wurde, sprach er auf Vortr\u00e4gen vor den Soldaten \u00fcber die Inhumanit\u00e4t der deutschen Rassenlehren, so dass sie verstehen konnten, wof\u00fcr sie k\u00e4mpften. Mitten im Krieg zelebrierte er Messen unter freiem Himmel. Im besetzten Frankreich besa\u00df er alsbald keine Wirkungsm\u00f6glichkeit mehr, so dass er in Nizza und Fr\u00e9jus einer Seelsorger- und Lehrt\u00e4tigkeit nachging. Selbst in diesen \u00e4u\u00dferlich turbulenten Jahren fand er die innere Ruhe, theologische B\u00fccher und die jetzt gedruckte Autobiographie zu schreiben.<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Pater Lorson an seine alte Wirkungsst\u00e4tte in Stra\u00dfburg zur\u00fcck. Die dortige Niederlassung des Europarates d\u00fcrfte er als gl\u00fccklichen Umstand zur Propagierung seiner politischen Ideale verstanden haben. In \u201eLa Symphonie pacifique\u201c widmete er sich dem Zusammenhang von individuellem, nationalen und internationalem Frieden. Die Biographie des els\u00e4ssischen Bischofs Charles Ruch verband er mit der Forderung nach kirchlicher Autonomie im Elsass. In dem heute noch diskutierten und in deutscher Sprache vorliegenden Buch \u201eWehrpflicht und christliches Gewissen\u201c forderte er die Respektierung der Gewissensfreiheit f\u00fcr jeden Einzelnen im Falle einer Einberufung. Der moderne Krieg, der nach seiner Meinung notwendiger Weise unschuldige Opfer fordert und Gute wie B\u00f6se trifft, ungerecht und inhuman ist,\u00a0 war eines seiner letzten Themen, behandelt in \u201eD\u00e9fense de tuer\u201c. In der nach dem Zweiten Weltkrieg starken Friedensbewegung fand das wohl verbreitetste Werk viel Beachtung.<\/p>\n<p>Der Durchdringung des Alltagslebens mit christlichen Werten wollte er drei B\u00fccher widmen. Eines ist erschienen: das \u00fcber das \u201egeheiligte Vergn\u00fcgen\u201c, ein zweites \u00fcber die Arbeit liegt unver\u00f6ffentlicht im Nachlass, ein drittes \u00fcber das christliche Leben in der Gegenwart blieb Idee.<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit beobachtete Pater Lorson die Anf\u00e4nge der europ\u00e4ischen Einigung. Auf dem H\u00f6hepunkt seiner sch\u00f6pferischen Leistungsf\u00e4higkeit, ein halbes Jahr vor seinem Tod, verfasste er das B\u00fcchlein: &#8222;Vom alten zum neuen Europa&#8220;, erschienen Ende 1953, unter dem Namen von Ren\u00e9 Baltus &#8211; neben seiner Autobiographie gewisserma\u00dfen das zweite Verm\u00e4chtnis. In einem gro\u00df angelegten Gedankenbogen, der vom Mittelalter bis zu seiner Gegenwart reicht, zeigt er die christlichen Grundlagen dieses Europa auf, und auf diesen Grundlagen soll der weitere Aufbau erfolgen, am Ende \u2013 bei Anerkennung der idealen Basis \u2013 die ganze Welt in einem politischen, wirtschaftlichen und sozialen System umfassen. Die Vision und das Projekt einer friedlichen Welt wiegt durch seinen unerwarteten Tod als eines seiner letzten Worte um so schwerer. Wenn er sich dabei hinter dem Namen Baltus verbirgt, so zeigt er damit wieder auf seine saarl\u00e4ndische Herkunft zur\u00fcck.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>VII. Die saarl\u00e4ndische Herkunft<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Dass am Anfang der Lebensreise von Peter Lorson der saarl\u00e4ndische Ort Differten stand, war f\u00fcr den Geistlichen in einem mehrfachen Sinne von Bedeutung:<\/p>\n<p>1. Auf Differten, besonders das Elternhaus, aber auch die Freunde der Kindheit, konzentrierte sich die starke Heimatverbundenheit von Peter Lorson.<\/p>\n<p>2. Differten stellte als deutsche Gemeinde f\u00fcr jemand, der mitten unter zum gro\u00dfen Teil deutschfeindlichen Franzosen lebte und in Frankreich seine kulturelle Heimat gefunden hatte, eine pers\u00f6nliche Belastung dar.<\/p>\n<p>3. Das Saargebiet bzw. das Saarland stellte nach den Abtrennungen vom Deutschen Reich bzw. der Bundesrepublik Deutschland ein europ\u00e4isches Politikum dar. Die Frage einer eventuellen Zugeh\u00f6rigkeit zu Frankreich musste f\u00fcr den Jesuitenpater von besonderem Interesse sein, lag hier doch eine M\u00f6glichkeit, seinen pers\u00f6nlichen inneren Zwiespalt aufzuheben.<\/p>\n<p>Theoretisch m\u00fcsste f\u00fcr einen Katholiken, der per se nicht in nationalen Grenzen denkt, dieser Themenkomplex unerheblich sein. Die Praxis zeigt die Endlichkeit menschlichen Denkens. Das gilt f\u00fcr Peter Lorson wie f\u00fcr seine Mitbr\u00fcder, ganz zu schweigen von den katholischen Laien. F\u00fcr den Jesuitenpater war die Frage der nationalen Identit\u00e4t ein Leidensquell, wenn nicht ein Trauma. Die Sch\u00fclerschaft der Apostolischen Schule in Belgien war l\u00e4nder\u00fcbergreifend, insofern die Herkunft unproblematisch. W\u00e4hrend des Noviziats in der Provinz der Champagne des Jesuitenordens nahm Peter Lorson selbst unter den angehenden Geistlichen nationale Emotionen wahr. Er suchte diese nach Empfehlungen der Ausbilder abzufedern, indem er sich gegen\u00fcber den Mitsch\u00fclern als Lothringer ausgab. Damit begann ein &#8222;Versteckspiel&#8220;, das mehr oder weniger das ganze Leben des Saarl\u00e4nders durchzog.<\/p>\n<p>Im Ersten Weltkrieg selbst war er von keinerlei antifranz\u00f6sischen Gef\u00fchlen geleitet, im Gegenteil, er war bereits in die franz\u00f6sische Kultur hineingewachsen. Einer Aufforderung von franz\u00f6sischen Zivilisten zu einer Desertion kam er aus R\u00fccksichtnahme auf Familie und Orden nicht nach, f\u00fcr die er Repressalien f\u00fcrchtete. In eine Entscheidungssituation geriet er in der Kriegsgefangenschaft, als die Elsass-Lothringer, bis dahin Reichsdeutsche, von den deutschen Soldaten abgesondert wurden. Eine erste Chance zur Meldung als Elsass-Lothringer lie\u00df er verstreichen, eine zweite nahm er wahr, nachdem er den deutschen Wehrpass zerrissen hatte. Die Szene ist \u2013 wie manche andere \u2013 filmreif in der Autobiographie beschrieben. Der Rubikon war nun \u00fcberschritten. Peter Lorson stellte sich der franz\u00f6sischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rde unter einem erfundenen Namen und einem falschen Geburtsort. Um unter \u201aechten\u2019 Lothringern nicht aufzufallen, meldete er sich in die Fremdenlegion und trat in den Marinedienst ein. Als Mitglied des franz\u00f6sischen Milit\u00e4rs feierte er den Sieg \u00fcber die Deutschen mit. Auf Heimaturlaub erlebte er erstmals die bittere Seite einer Doppelexistenz. In Differten offenbarte er nicht seinen aktuellen Stand. Die Marineuniform hatte er vor seinem Besuch mit einer Soutane gewechselt, die Geschwister im Elternhaus wussten sie nicht zu deuten. Im Zweiten Weltkrieg geriet Pater Lorson durch die unterschiedlichen Angaben in seinem alten Wehrpass in Bedr\u00e4ngnis, konnte aber die fehlerhaften Angaben verbergen\u00a0 Mit der Demobilisierung der franz\u00f6sischen Armee Anfang 1919 konnte er auch den zweiten Milit\u00e4rdienst beenden und seine Ordenslaufbahn fortsetzen. Von revanchistischen und deutschenfeindlichen Ansichten seiner Mitbr\u00fcder distanzierte er sich.<\/p>\n<p>Als Problem begegnete Peter Lorson, der sich in Frankreich alsbald nach dem Ersten Weltkrieg Pierre nannte, seine Herkunft in Lille, als er am Coll\u00e8ge St. Joseph als Lehrer wirken wollte. Der Schulleiter hatte Vorbehalte gegen einen Saarl\u00e4nder, der in der deutschen Wehrmacht gedient hatte. Ein Ordensbruder konnte ihn beschwichtigen. Zu einem noch nicht bekannten Zeitpunkt nahm Peter, mittlerweile Pierre, die franz\u00f6sische Staatsangeh\u00f6rigkeit an. Das ging problemlos, weil er im franz\u00f6sischen Milit\u00e4r gedient hatte. Die sog. &#8222;Naturalisierung&#8220; war ein logischer Schritt nach den vielen Jahren, in denen Frankreich l\u00e4ngst zur Wahlheimat geworden war. Der Wechsel d\u00fcrfte das Wirken im Nachbarland erheblich erleichtert haben. Heute w\u00fcrde eine solche Entscheidung emotionslos akzeptiert werden, in einer Zeit des gesteigerten Nationalismus war dies nicht der Fall. Manche dieser alten Wertungen sind, ohne dass ein klares Bewusstsein \u00fcber ihrer Herkunft besteht, heute noch virulent. Niemand hat aber, davon sollten sich die Skeptiker in der Autobiographie \u00fcberzeugen, mehr unter der Trennung gelitten als Pater Lorson selbst.<\/p>\n<p>Anerkennung hat nun aber, auch das sollten Kritiker bedenken, gerade das Nazideutschland nicht verdient. Niemandem ist ein Vorwurf daraus zu machen, wenn er sich damals von Deutschland abgewandt oder gar die Ideologie bek\u00e4mpft hat. Letzteres hat Pater Lorson von Stra\u00dfburg aus getan. Wieder hat er sich dabei versteckt, als er ein Buch gegen rassistisches Denken unter dem Pseudonym Lucien Valdor herausgegeben hat. Die Bibliotheken, die das Buch besitzen, haben die Identit\u00e4t bis heute nicht aufgedeckt. Ausgerechnet in Frankreich wird es sogar dem namhaften Religionsphilosophen Romano Guardini zugeschrieben.<\/p>\n<p>Wenn Peter Lorson seit der Niederschrift der Autobiographie im Jahre 1943 das Pseudonym Ren\u00e9 Baltus f\u00fcr einige Schriften verwendet, so hinterl\u00e4sst dies &#8211; vor allem f\u00fcr die Nachkriegszeit &#8211; den Eindruck eines unn\u00f6tigen Versteckspiels.<\/p>\n<p>Pater Lorson h\u00e4tte es begr\u00fc\u00dft, wenn das Saarland Frankreich eingegliedert worden w\u00e4re. Mit dieser politischen Auffassung repr\u00e4sentierte er nicht die Meinung der Mehrheit. Pater Lorsons Leben und Werk ist auch in seiner Zeitgebundenheit ein geschichtlicher Lernstoff geworden, insbesondere\u00a0 f\u00fcr die Heimatgeschichte.<\/p>\n<p>Die Heimatverbundenheit Peter Lorsons hat alle Zeiten \u00fcberdauert. Sie wurde durch die st\u00e4ndige Trennung nur noch st\u00e4rker. Im Kreis der Familie sang er die Volkslieder der Jugendzeit. Mit allergr\u00f6\u00dfter Spannung, ohne die Genehmigung seiner Vorgesetzten abzuwarten, eilte er nach dem Zweiten Weltkrieg quer durch Frankreich nach Differten. Schon l\u00e4ngere Zeit gab es keine Korrespondenz mit Geschwistern und der Mutter. Tief war seine Best\u00fcrzung, als er von Creutzwald kommend in Friedrichweiler vom Tod der ungew\u00f6hnlich hoch verehrten Mutter am Evakuierungsort in Bayern erfuhr. Sieht man die starke Familienbindung des Paters, so hat er im Grab seiner Eltern eine Ruhest\u00e4tte gefunden, wie sie sinnvoller nicht sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">VIII. Res\u00fcmee: Das Erinnerungsw\u00fcrdige<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Warum sollte die Erinnerung an Pater Lorson gepflegt werden? Er war der geborene Mittler zwischen deutscher und franz\u00f6sischer Kultur. In vielen Aufs\u00e4tzen hat er deutsche Literatur, Philosophie und Theologie vorgestellt. Er war insofern Sachwalter deutscher Interessen, als er einseitige und negative Pauschalurteile in seiner Wahlheimat zur\u00fcckwies und f\u00fcr das &#8222;gute Deutschland&#8220; warb. Wichtige Schriften, insbesondere Werke Romano Guardinis, hat er ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Bedeutender als der Informationsaustausch war jedoch das praktische Wirken, das anhalten kann, wenn seine Werke rezipiert werden. Ein kurzlebiges und l\u00fcckenhaftes Ged\u00e4chtnis stellt n\u00e4mlich insbesondere dann einen Verlust dar, wenn jemand Lebensperspektiven \u00f6ffnen oder Lebenshaltungen best\u00e4rken kann, die eine geistige Bereicherung darstellen. Dass eine Besch\u00e4ftigung mit seinem Leben und Werk eine solche Bereicherung bieten kann, das geht, wie ich hoffe, aus meinen Ausf\u00fchrungen hervor. In Wort und Schrift hat er sich bem\u00fcht, vielen Menschen zu einer Lebenserf\u00fcllung im christlichen Sinne zu verhelfen. Wer sich die Frage nach der Erf\u00fcllung der Wehrpflicht stellte, den suchte er in seiner Gewissensfreiheit und -entscheidung zu best\u00e4rken. Wer einen Beitrag zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung leisten wollte, der fand Anregungen, Mittel und Wege. Ein selbst\u00e4ndiges, ein humanistisches, ein soziales Denken stie\u00df er vielf\u00e4ltig an. Wer nach innerem und \u00e4u\u00dferem Gleichgewicht im Leben sucht, dem werden Perspektiven aufgezeigt. Durch seine Predigten in Stra\u00dfburg, gelegentlich in Differten und Friedrichweiler, hat er dazu beigetragen, dass die konstruktiven Lebenselemente ein Gegengewicht zu den destruktiven erhalten. Differten darf sich deshalb freuen und stolz darauf sein, einen intellektuell so herausragenden B\u00fcrger wie den Jesuitenpater Peter Lorson in seiner Mitte gehabt zu haben.<\/p>\n<p><a title=\"Vortrag &quot;Auf den Spuren von Pater Lorson&quot;\" href=\"https:\/\/peter-burg.de\/wordpress\/pierre-lorson-sj-texte\/vortraege\/odilienberg\" target=\"_self\"><\/a><a title=\"Mehr zu Peter Lorson\" href=\"..\/..\/pierre-lorson-sj-texte\/vortraege\" target=\"_self\">Weitere Vortr\u00e4ge zum Pater Peter Lorson<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Lorsons Reise in die Welt des Christentums von Prof. Dr. Peter Burg I. 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