Gehe zu: Hauptmenü | Abschnittsmenü | Beitrag

Peter Burg Werke

Woche 4 Kapitel 8

Woche 4 Kapitel 8

Gefühlskult

Tendenzen zur Destruktion der eigenen Ideale trägt die Aufklärung bereits in sich, wie es neben den selbstkritischen Satiren auch die vernunftfeindliche Empfindsamkeit zeigt. Dass die Vernunft der französischen Klassik vielmehr in zahlreichen Normierungen und Regulierungen bestanden habe, ist nicht zu übersehen. Dieser Verhaltensdruck brauchte seine Ventile: Ab dem späten 17. Jahrhundert breitete sich ein Menschenbild aus, das die Bedeutung vernunftgesteuerten Handelns einschränkte: Shaftesburys einen Moral Sense, einen „Sinn für das Moralische“ entfaltendes Individuum basierte bereits auf der Annahme, dass dieses letztlich von Gefühlen, nicht von Strategien und rationalen Erwägungen und damit von Vernunft bestimmt sei. Die Menschenbilder, die von Autoren wie Jean-Jacques Rousseau in den 1760er Jahren diskutiert wurden, sind von Idealvorstellungen eines natürlichen Verhaltens bestimmt, das sich gegen die Hofsitten richtet.

In den 1760er und 1770er Jahren gewann die Empfindsamkeitsdebatte radikale Ausläufer, die das Projekt der Aufklärung grundsätzlich in Frage stellten: Statt höfischer Öffentlichkeit wurde etwa der Rückzug ins Private auf die Spitze getrieben. Zum einen kamen radikal tugendsame Helden auf, die vereinsamen, statt dank ihrer Tugend Gemeinschaft zu stiften. Zum anderen kamen Helden in Mode, die gegen jedes zarte Gefühl rebellieren und ihre herrische Individualität zum neuen Maßstab machen. Mit den Begriffen Sturm und Drang* im Deutschen und Romantik** in der internationalen Diskussion wird ein Umbruch markiert, der keinen klaren Anfangspunkt hat und mit dem Wandel von der Nachahmungs- zur Ausdrucksästhetik zusammenhängt. Nicht mehr Gegenstände sollten nachgeahmt werden, sondern die Fülle der Empfindungen, die bei ihrem Anblick entstehen, wie es etwa Johann Jakob Engel formulierte (Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten, 1783).

* Sturm und Drang:

Sturm und Drang bezeichnet eine Strömung der deutschen Literatur in der Epoche der Aufklärung, die etwa von 1765 bis 1785 hauptsächlich von jungen, etwa 20- bis 30-jährigen Autoren getragen wurde. Wegen der „Verherrlichung des ‚Originalgenies‘ als Urbild des höheren Menschen und Künstlers“  wird diese Strömung auch als Geniezeit oder Genieperiode bezeichnet.

Die Bezeichnung Sturm und Drang kam in den 1820er Jahren auf. Sie geht auf die 1776 verfasste, 1777 veröffentlichte Komödie Sturm und Drang des deutschen Dichters Friedrich Maximilian Klinger zurück – und damit letztlich auf den aus Winterthur stammenden „Genieapostel“ Christoph Kaufmann (1753–1795). Er hatte Klinger gedrängt, sein Schauspiel so zu nennen, anstelle des ursprünglichen Titels Wirrwarr. Die Uraufführung fand in Leipzig am 1. April 1777 durch die Seylersche Schauspiel-Gesellschaft statt.

Literatur der Aufklärung als Voraussetzung

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das philosophische und literarische Leben im deutschen Sprachraum weitestgehend von der Aufklärung bestimmt. Der Verstand war die bestimmende Größe der Zeit, durch dessen freien Einsatz, wie Kant 1784 formulierte, der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ erreicht werden soll. Literatur sollte den Leser moralisch bilden, ihn erhellen und seine Vernunft wecken.

Die von der Aufklärung angestrebte Freiheit begünstigte Literaturformen, die der vernünftig argumentierenden und gebändigten Sprache verpflichtet waren. Die Forderung nach einer „regelmäßigen“ Dichtkunst wurde von Theoretikern wie Gottsched auch während der Aufklärung mit Nachdruck vorgebracht. Die Einheit von Ort, Zeit und Handlung, eine gehobene Sprache und die Trennung der Besetzung von Tragödie und Komödie mit Adel und Bürgertum waren Postulate, die man in zahlreichen Dichterakademien die angehenden Literaten lehrte.

Anfänge

Doch bereits in Friedrich Gottlieb Klopstocks Oden von 1750 zeigte sich, dass dieses Reglement zu eng gefasst war. Mit der Demonstration gegen die rein verstandesmäßige Haltung der Aufklärung war der Grundstein für die Überwindung der Vernunftherrschaft und eine Entfesslung des Gefühlsüberschwangs, der Fantasie und der Gemütskräfte als neuer dichterischen Grundhaltung gelegt.

Diese Bewegung, die wie ein Ruck durch die deutschsprachige Literatur ging, war in ihrem bürgerlich-jugendlichen Charakter von einem hohen Idealismus gekennzeichnet: Fülle des Herzens und Freiheit des Gefühls, Ahnung und Trieb, emotio statt ratio. Das Aufbegehren der Jugend hatte nun sein literarisches Äquivalent gefunden, eine neue Generation deutschsprachiger Schriftsteller fand in den Thesen Johann Gottfried Herders den Widerhall ihrer Erfahrungen und Gefühlswelt.

Herder, der zu einem Wegbereiter des Sturm und Drang wurde, kritisierte die Arroganz der Aufklärung gegenüber dem einfachen Volk und forderte dazu auf, auch die „Ächtheit“ und Tiefe von Volkslied und Volksdichtung als Kunst anzuerkennen; er erkannte, dass Aufklärung in ihr Gegenteil umschlagen kann, und forderte, dass sie nur Mittel, nicht Ziel sein dürfe. Auch Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs Ugolino (1768) kann man in die Frühphase des Sturm und Drang einordnen, die Schweizer Johann Heinrich Füssli und Johann Caspar Lavater als ihre Vorgänger ansehen.

Besonderheiten

Das Persönlichkeitsideal der jungen Generation in der deutschen Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts wendete sich gegen Autorität und Tradition. An Stelle einer erlernbaren Regelpoetik, die man in Dichterakademien lernen konnte, setzten die „jungen Wilden“ die Selbstständigkeit des Original-Genies, das sein Erleben und seine Erfahrungen in eine individuelle künstlerische Form brachte, die mit den Regeln der traditionellen Poetik sehr frei umging. Man bezweifelte die Maßgeblichkeit der ratio und begann die emotio ins Zentrum zu rücken.

Die überkommenen Regeln wurden mit Verweis auf das eigene Können und die Kraft genialer Originalität als Krücken verworfen, die das gesunde Genie der jungen Autoren nicht benötige. Nicht in eine Form sollte das Werk passen, sondern in die Welt, wie die Generation des Sturm und Drang sie erlebte, ihr Lebensgefühl widerspiegelnd.

Ein neues, innig umfassendes und sich einfühlendes Verhältnis zur Natur vereinte sich mit einer tragischen Grundauffassung vom Genie. Das Gefühl rückte ins Zentrum der literarischen Aussage. „Die Stimme des Herzens ist ausschlaggebend für die vernünftige Entscheidung.“ Dieses Zitat von Johann Gottfried Herder zeigt den Protest gegen die herrschenden Moralvorstellungen, die Entscheidungen von der Moral und nicht vom Herzen abhängig machten. Hinzu kam die Verschärfung der Kritik an repressiven Auswüchsen des feudalen Systems, allerdings unter Akzeptanz des aufgeklärten Absolutismus, sowie eine voranschreitende Säkularisierung und die Forderung nach Befreiung der Leidenschaften von einer konventionellen Moral. Dieser Befreiungsakt war allerdings auch mit Leiden verbunden, da er zum Verstoß gegen die fortbestehenden bürgerlichen Konventionen führen musste.

Die Hauptform der Dichtung in der Epoche des Sturm und Drang stellte das Drama dar, allerdings unter weitgehender Aufhebung der drei Einheiten von Handlung, Zeit und Ort. So bestand die Urfassung des Götz von Berlichingen aus 59 Szenen; er war kaum spielbar und somit ein Lesestück. Das immer wiederkehrende Thema war der Konflikt des Naturgenies, der nach Freiheit strebenden, widerspenstigen Jugend, mit den Schranken der bestehenden Weltordnung, die die handelnden Personen als Aufrührer und Verbrecher erscheinen ließ. Formales Vorbild wurde Shakespeare anstelle der Dichter der antiken Welt, von denen jedoch Pindar und Homer weiter geschätzt wurden.

Auf die Ausarbeitung einer eigenen Ästhetik verzichteten die Vertreter des Sturm und Drang; sie verweigerten jedwedes integrative literarische, poetologische oder politische Konzept. „Eine Theorie des Sturm und Drang [...] gibt es nicht.“

Die exaltierte, ungebändigte und doch gefühls- und ausdrucksstarke Sprache des Sturm und Drang war voller Ausrufe, halber Sätze und forcierter Kraftausdrücke und neigte zum derbrealistisch Volkstümlichen. Man nahm kein Blatt mehr vor den Mund und brachte die Sprache des Volkes und der Jugend auf die Bühnen. Die Frontstellung der jungen Schriftsteller gegen eine aristokratische Hofkultur nach französischem Vorbild sowie ihre Sympathie für Begriffe wie Natur, Herz und Volk fielen bereits den Zeitgenossen auf. Eine eigenständige „Jugendkultur“ in der Literatur war entstanden. Kritiker bemängelten, die Vernachlässigung der dramatischen Technik und Einheiten in den Werken des Sturm und Drang gehe bis zum beliebig häufigen Schauplatzwechsel, oft über den Grad bühnenmäßiger Wirksamkeit (und Darstellbarkeit) hinaus.

Autoren und Werke

Die Autoren des Sturm und Drang kamen hauptsächlich aus dem Mittel- und Kleinbürgertum. Sie suchten ihre literarische Tätigkeit finanziell unter anderem durch Hauslehrer- oder Pfarrstellen abzusichern, da sie von der Literatur nicht leben konnten. Ihnen fehlte die breite soziale Resonanz, weshalb ihre Bewegung eher auf Bekannte und Freunde beschränkt blieb, mit denen man sich zu Männerbünden, wie dem Göttinger Hainbund, zusammenschloss. Zentren des Sturm und Drang waren Straßburg, Göttingen und Frankfurt am Main. Für viele, darunter Goethe und Schiller, betraf der Sturm und Drang nur einen begrenzten Abschnitt ihres Lebens und Schaffens. Die meisten Autoren und Werke waren nur einem kleinen interessierten Kreis bekannt und sind heute weitgehend vergessen.

Zu den bedeutendsten Vordenkern, Theoretikern, Schriftstellern und Werken gehören:

Johann Georg Hamann (1730–1788)

Johann Georg Hamann (* 27. August 1730 in Königsberg; † 21. Juni 1788 in Münster) war ein deutscher Philosoph und Schriftsteller. Er wurde durch ein christliches Erweckungserlebnis entscheidend geprägt. Hamann ging vom sokratischen Nichtwissen aus und deutete dies als ein Plädoyer für den Glauben. Eine höhere Einheit könne nicht durch den trennenden Verstand erfasst werden. Er kritisierte die Aufklärung und betonte, dass es Vernunft vor Sprache und Geschichte nicht geben könne. Nach Hamann beruht die Fähigkeit zu denken auf Sprache. Er gilt als ein Wegbereiter des Sturm und Drang. Goethe nannte ihn einen der hellsten Köpfe seiner Zeit.

In kritischer Haltung zu den Philosophen der Aufklärung verfocht Hamann von nun an eine Rückbesinnung auf Motive wie Gottesbestimmung, Schöpfung und göttliche Menschwerdung, sowie auf die Einheit von Vernunft und Sinnlichkeit, Allgemeinem und Einzelnem bzw. Begriff und wahrnehmbarem Zeichen. Er erkannte im Denken den zufälligsten und abstraktesten Modus der menschlichen Existenz. Dem Erfassen der Wirklichkeit mit dem Verstand stellte er Empfinden und Glauben gegenüber, die den ganzen Menschen unausweichlich verpflichteten. Unser eigenes Dasein und die Existenz aller Dinge außer uns müsse geglaubt und könne auf „keine andere Art ausgemacht“ werden.[9] Dem Glauben komme so eine größere Gewissheit als der Vernunft zu.

Sokratisches Nichtwissen

Hamann erhebt die Subjektivität des Genies über den kritisch denkenden Kopf. Die aufklärerische Vernunftautonomie lehnt Hamann ab. Während die Aufklärung der Erkenntnis optimistisch begegnet, betrachtet er die Wirklichkeit skeptischer und ist zugleich offener für das Geheimnis. Der Glaube entspricht ihm eher als das rationale Wissen. Überzeugt davon, dass sich unsere seelischen Regungen in einem Halbdunkel abspielen, bedient sich Hamann einer teilweise schwer verständlichen Sprache. Er verknüpft das Motto des Orakels von Delphi „Erkenne dich selbst!“ mit der Maxime des Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ und verlangt vom Dichter und Denker die „Herzwärme der Willkür“. Hamann analysiert die Unwissenheit des Sokrates als radikale Selbsterkenntnis, Empfindung und Glaube. Das sokratische Nichtwissen sei kein Werk der Vernunft und so wenig wie Schmecken und Sehen auf Gründe gestützt. Die Kehrseite der Unwissenheit des Sokrates sei sein Daimonion. Sokrates könne sein Daimonion nicht beschreiben. Er sei begnadet, habe aber seine Schöpferkraft nicht unter Kontrolle. Er verführe seine Mitbürger zu einer verborgenen Wahrheit. Sokrates respektiere sein Daimonion als kritische Instanz und betrachte es mit Gottesfurcht. Wissensdünkel seien abzulegen und das neue Leben müsse der Gottesliebe folgen. In der gnädigen Hinwendung Gottes eröffne sich ein neuer schöpferischer Freiheitsraum für den Menschen. Wahre Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis seien nicht voneinander zu lösen.

„Hieraus sieht man, wie nothwendig unser Selbst in dem Schöpfer desselben gegründet ist, daß wir die Erkenntnis unserer Selbst nicht in uns[erer] Macht haben, daß um den Umfang desselben auszumäßen, wir biß in den Schoß der Gottheit dring[en] müssen, die allein d[as] ganze Geheimnis uns[eres] Wesens bestimmen und auflösen kann. […] Gott und mein Nächster gehören also zu meiner Selbsterkenntnis, zu meiner Selbstliebe.“

Kritik der Aufklärung

Hamann war, ähnlich wie sein Freund Herder, ein aufgeklärter Aufklärungskritiker, der selbst als christlicher Autor wirken wollte. In seiner Kritik der Vernunftkritik Kants lehnte Hamann die strikte Trennung zwischen Sinnlichkeit, durch welche die Gegenstände gegeben werden, und Verstand, durch welche diese gedacht werden, ab. Hamann bezeichnet diese Kritik der Vernunftkritik als Metakritik. Es handelt sich um eine Wortschöpfung Hamanns, die 1784 im Titel seiner Schrift Metakritik über den Purismum der Vernunft erschien und dann von Herder in der Schrift Verstand und Erfahrung. Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft 1799 aufgegriffen wurde.

In der Sprache erblickte Hamann die ursprüngliche Einheit von Sinnlichkeit und Verstand. Weil das ganze Denkvermögen auf Sprache beruhe, gebe uns „die schlechte Busenschlange der gemeinen Volkssprache das schönste Gleichnis für die hypostatische Vereinigung der sinnlichen und verständlichen Naturen“. Vernunft vor Sprache und Geschichte könne es nicht geben. Philosophie ohne Geschichte seien „Grillen und Wortkram“.

„Die erste Reinigung der Philosophie bestand nehmlich in dem theils misverstandenen, theils mislungenen Versuch, die Vernunft von aller Ueberlieferung, Tradition und Glauben daran unabhängig zu machen.“

– Johann Georg Hamann

Hamann wirft Kant vor, die Reichweite der Vernunft immer schon im Voraus wissen zu wollen und dadurch die Vernunft auf sich selbst zu beschränken und sie gegenüber dem Neuen und insbesondere der Anrede Gottes unempfänglich zu machen.[32] Vernunft dürfe ihre Abhängigkeit und Endlichkeit nicht verleugnen. Vernunft sei durch Erziehung, Erfahrung und die Sinne vermittelt und damit letztlich geschichtlich. Deshalb werde sie auch von Neigungen und Abneigungen beeinflusst.

„Die Gesundheit der Vernunft ist der wohlfeilste, eigenmächtigste und unverschämteste Selbstruhm, durch den alles zum voraus gesetzt wird, was eben zu beweisen war, und wodurch alle freye Untersuchung der Wahrheit gewaltthätiger als durch die Unfehlbarkeit der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen wird.“

– Johann Georg Hamann

Nach Hamann beruht jede Erkenntnis auf Überzeugungen, die selbst nicht mit der Vernunft begründet oder widerlegt werden können. Jeder, der über etwas nachdenke und dabei etwas verstehe, bringe dabei seine eigenen Voraussetzungen ein. Das präge dann auch seine Erkenntnisse.

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg (* 3. Januar 1737 in Tondern, Schleswig; † 1. November 1823 in Altona; Pseudonyme: Ohle Madsen, Zacharias Jernstrup, Irmenfried Wetstein) war ein deutscher Dichter und Kritiker, der lange in dänischen Diensten stand.

Er entwickelte den Genie-Begriff und argumentierte gegen eine rationalistische, an Regeln orientierte Literaturkritik für eine solche, die das Verständnis eines Werks aus diesem selbst zu gewinnen sucht.

Mit seinen Literaturbriefen und der Tragödie Ugolino, die 1768 erschien und als sein dramatisches Hauptwerk gilt, bereitete Gerstenberg dem Sturm und Drang den Boden. Die Handlung des Dramas basiert auf der Leidensgeschichte des Ugolino della Gherardesca, der mit seinen Söhnen in einem Turm eingekerkert wurde und verhungerte. Den Stoff hatte Dante im XXXII. und XXXIII. Gesang des Inferno behandelt.

Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791)

Christian Friedrich Daniel Schubart (* 24. März 1739 in Obersontheim; † 10. Oktober 1791 in Stuttgart) war ein deutscher Dichter, Organist, Komponist und Journalist.

Historische Bedeutung erlangte er insbesondere durch seine scharf formulierten sozialkritischen Schriften, mit denen er die absolutistische Herrschaft und deren Dekadenz im damaligen Herzogtum Württemberg öffentlich anprangerte.

In seinem lyrischen Schaffen war Schubart sowohl der Sensibilität Klopstocks als auch den volksliedhaften bis pathetischen Vertretern des Sturm und Drang verbunden. Dank seines improvisatorischen Talents und seiner stets offen ausgesprochenen Meinung stieg seine Beliebtheit bei den unteren sozialen Schichten sehr rasch. Er wurde sogar zu einer Art Sprachrohr der Unterdrückten aufgrund seiner die Herrschenden anklagenden Lyrik (wie etwa Die Fürstengruft von 1783 oder Kaplied von 1787) sowie durch seine Tätigkeit als Journalist. Aus seiner generell ablehnenden Haltung gegenüber despotischem und obskurantistischem Handeln machte er nie ein Geheimnis und wurde damit zum Vorbild für jüngere Dichter wie Schiller und Hölderlin.

Seine Abhandlung Zur Geschichte des menschlichen Herzens mit der darin enthaltenen Anekdote um zwei ungleiche Brüder und den Konflikt mit dem Vater aus dem Jahre 1775 diente Schiller als Inspiration für Die Räuber. Franz Schubert vertonte sein Gedicht Die Forelle als Kunstlied, das in der Bearbeitung als Forellenquintett große Bekanntheit erlangte.

Mit seinen Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst (während der Festungshaft verfasst, 1806 posthum im Druck erschienen) schuf er ein wichtiges Werk, in dem er viele Informationen zum Musikleben seiner Zeit festhielt; darunter Berichte über verschiedene Musikzentren und Hofkapellen

Johann Gottfried Herder (1744–1803)

Johann Gottfried Herder, ab 1802 von Herder (Rufname Gottfried,[1] * 25. August 1744 in Mohrungen, Ostpreußen; † 18. Dezember 1803 in Weimar), war ein deutscher Dichter, Übersetzer, Theologe sowie Geschichts- und Kultur-Philosoph der Weimarer Klassik. Er war einer der einflussreichsten Schriftsteller und Denker deutscher Sprache im Zeitalter der Aufklärung und zählt mit Christoph Martin Wieland, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller zum klassischen Viergestirn von Weimar.

Die Zeit des Bückeburger Aufenthalts war Herders eigentliche Sturm- und Drang-Periode. Seine 1772 von der Berliner Akademie preisgekrönte Abhandlung über den Ursprung der Sprache, die er noch in Straßburg begonnen hatte, eröffnete eine Reihe von Schriften, mit denen er bahnbrechend für die junge deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft werden sollte. Gemeinsam mit Goethe schrieb er 1772 für die von Merck redigierten Frankfurter Gelehrten Anzeigen, ein kritisches und programmatisches Organ deutscher bürgerlich-oppositioneller Intelligenz, zu dem er viele Rezensionen zu Geschichtsschreibung, Philosophie und Religion beisteuerte. 1773 zerbrach die Freundschaft zu Merck.

Die Aufsätze Ossian und die Lieder alter Völker, Shakespeare in den fliegenden Blättern Von deutscher Art und Kunst (Hamburg 1772) und seine Schrift Ursache des gesunkenen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblüht (1775 von der Berliner Akademie preisgekrönt) stellten Herder in den Mittelpunkt der Sturm-und-Drang-Bewegung, die eine aus dem Leben stammende und auf das Leben wirkende Dichtung wiedergewinnen wollte. Die Poesie bewertete er umso höher, je näher sie der Natur stand. Die herrlichsten Poesien seien von den ältesten Völkern geschaffen worden, von „wilden Natursöhnen“. Die Kultur ist für die natürliche Poesie im Herderschen Sinne schädlich. Ausgehend von Homers und Shakespeares Dichtungen stellte er heraus, dass Poesie auch bei „unzivilisierten“ Völkern den Kristallisationspunkt für humane Gesellschaftsformen bildet. Diese Eigenschaft sah er nicht nur bei Homer, sondern auch im Alten Testament bei Moses, der die 10 Gebote überlieferte und in der Edda. Daraus folgten seine bahnbrechenden Anstrengungen, nicht nur deutsches Liedgut zu sammeln, sondern auch altnordische Mythen und die Dichtungen der Minnesänger. Matthias Claudius gab den Wandsbecker Boten bis 1775 heraus, bei dem Goethe, Herder und Gottfried August Bürger mitwirkten.

Mit der Schrift Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit stritt er 1774 gegen die seiner Meinung nach öde und lebensferne zeitgenössische Bildung. Gleichzeitig eröffnete er einer neuen Geschichtsauffassung den Weg, die weder auf Geschichtspessimismus beruhte noch einem uneingeschränkten Fortschrittsglauben anhing. Geschichte gliedert sich demnach in organisch aufeinander aufbauende Epochen und eine Vielfalt gleichzeitig bestehender Kulturen, die ihr jeweiliges Eigenrecht sowie ihren Eigenwert besitzen und nicht mit ihnen äußerlichen Maßstäben beurteilt werden dürfen. Dem Staat als angeblich höchster Organisationsform und Endziel menschlichen Lebens steht Herder als bloßem Abstraktum skeptisch gegenüber, wohingegen unmittelbar erfahrbaren lebendigen menschlichen Beziehungen im Rahmen von Familie, Verwandtschaft, Freundschaft und Gastfreundschaft höchster Wert als Quelle menschlichen Glückes zukomme.

Er entwarf Brutus. Ein Drama zur Musik das von Johann Christoph Friedrich Bach, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, vertont wurde. Aus ihrem gemeinsamen Schaffen stammen die Oratorien Die Kindheit Jesu und Die Auferweckung des Lazarus (1773) sowie einige Kantaten und zwei dramatische Werke (der schon genannte Brutus und Philoktetes, beide 1774), wobei der kritische Herder offenbar in der engen Zusammenarbeit mit Bach seine musikästhetischen Ansichten in die Praxis umgesetzt sah. Diese Phase endete vorläufig 1776.

Hatte schon die Schrift Auch eine Philosophie entschiedenen Widerspruch hervorgerufen, so war dies noch mehr der Fall bei seinen (halb-)theologischen Schriften, der Ältesten Urkunde des Menschengeschlechts (1774–1776), den Briefen zweener Brüder Jesu in unserm Kanon (1775), den Erläuterungen zum Neuen Testament, aus einer neueröffneten morgenländischen Quelle (1775) und den 15 Provinzialblättern An Prediger (1774). Die Angriffe veranlassten ihn, seine schon zum Druck vorbereitete Sammlung der „Volkslieder“ zurückzuhalten. Sie steigerten seine Reizbarkeit und ein Misstrauen, welches schon früh in ihm erwacht war.

Johann Kaspar Lavaters Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe mit kleineren Beiträgen Herders erschienen 1775–1778. Ab 1780 jedoch distanzierte er sich von Lavaters religiösem Mystizismus, aus ähnlichen Gründen lehnte er auch die Studien Emanuel Swedenborgs ab. Herder verhandelte um eine Berufung an die Universität Göttingen (wo man ihm ein Kolloquium zur Prüfung seiner Rechtgläubigkeit auferlegen wollte), als ihn durch Goethes Vermittlung Herzog Karl August von Sachsen-Weimar im Frühjahr 1776 zum Generalsuperintendenten, Mitglied des Oberkonsistorial- und Kirchenrats, Oberpfarrer und ersten Prediger an die Stadtkirche St. Peter und Paul nach Weimar, in die Residenz seines Herzogtums, berief. Nach dem Tod seiner Bückeburger Gönnerin, der Gräfin Maria, entschloss er sich, dem Ruf zu folgen und traf am 2. Oktober 1776 in Weimar ein.

Der Prozess, mit dem sich die hervorragendsten Repräsentanten des Sturm und Dranges in die Protagonisten der Weimarer Klassik verwandelten, begann bei Herder Ende der 1770er Jahre. Die Abhandlungen Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele. Bemerkungen und Träume, Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traum und die Herausgabe der Lieder der Liebe, mit Übersetzung des Hohenliedes Salomos sowie der längst vorbereiteten Volkslieder[7] waren 1778 seine ersten Veröffentlichungen in Weimar. Mit seiner Abhandlung Über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten wollte er erneut den Nachweis erbringen, dass echte Poesie die Sprache der Sinne ist. Seine sorgfältig ausgewählten und übersetzten Volkslieder sollten dies einem breiten Publikum vermitteln.