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Peter Burg Werke

Woche 4 Kapitel 7

Woche 4 Kapitel 7

Morallehren

Thomas Hobbes ging 1651 in seinem Hauptwerk „Leviathan“ davon aus, dass die Natur des Menschen verderbt sei und dass nur die Angst vor Strafe die Menschheit davon abhalte, sich selbst zu zerfleischen. Dagegen glaubte der Leser, an den sich Shaftesbury 1696 mit seinem Inquiry Concerning Virtue or Merit richtete, dass der Mensch von Natur aus das größte Glück empfinde, wenn er in Harmonie mit seiner Umwelt lebe.* Bernard Mandeville attackierte Shaftesbury in den erweiterten Fassungen seiner Fable of the Bees 1714 und 1723: Das stimme wohl, denn die meisten Menschen hielten sich in ihrem Innersten für tugendsam und zeigten sogar ein schlechtes Gewissen, wenn niemand ihre Untugend bemerke. Doch sage das nichts über die Natur des Menschen aus, sondern allenfalls über die Erziehung, die ihn solche Tugenden verinnerlichen lasse. In der Folge stabilisiere die Gesellschaft sich selbst, indem sie Menschen, bei denen die Erziehung glückt, mit verantwortlichen Positionen ködere und belohne.**

Shaftesbury

*Anthony Ashley Cooper 3. Earl of Shaftesbury (auch Ashley-Cooper, kurz Shaftesbury; * 16. Februarjul./ 26. Februar 1671greg. in London; † 4. Februarjul./ 15. Februar 1713greg. in Chiaia, Neapel <er wurde also nur 42 Jahre alt>, war ein englischer Philosoph, Schriftsteller, Politiker, Kunstkritiker und Literaturtheoretiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Wortführer der frühen Aufklärung.

Der gleichnamige Großvater des Philosophen, der erste Earl of Shaftesbury, gehörte als Peer dem englischen Hochadel an. Unter der Leitung des Aufklärers John Locke erhielt der künftige dritte Earl eine gründliche Bildung, die er in den Jahren 1687 bis 1689 auf einer Reise durch mehrere europäische Länder vertiefte. Von 1695 bis 1698 gehörte er dem Unterhaus an. Beim Tod seines Vaters im November 1699 erbte er dessen Adelstitel und die Mitgliedschaft im Oberhaus. Damit begann für ihn eine neue Phase politischer Aktivität, die bis 1702 dauerte. In der Folgezeit konzentrierte er sich auf seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit. Als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, suchte er 1711 Erholung in Italien. Seine letzten fünfzehn Lebensmonate verbrachte er in Neapel.

Als Politiker setzte sich Shaftesbury für liberale Anliegen ein. Er kämpfte für die Ziele der Whigs, einer parlamentarischen Gruppierung, die für den Vorrang des Parlaments in der Staatsordnung eintrat. Als Schriftsteller warb er für das Lebensideal eines aufgeklärten, integren, kultivierten und kunstverständigen Gentleman.

Auf philosophischem Gebiet galt Shaftesburys Interesse den Grundlagen und Prinzipien der Ethik und der Ästhetik. Mit seinem 1711 publizierten Hauptwerk, den Characteristicks of Men, Manners, Opinions, Times (Merkmale der Menschen, Sitten, Meinungen, Zeiten) schuf er eine Gesamtdarstellung seines humanistisch geprägten Welt- und Menschenbildes, die er bis zu seinem Tod überarbeitete.

Ein Kernelement von Shaftesburys Gedankengut ist seine Kritik an der herkömmlichen religiösen Praxis. Er verwarf den Anspruch des Priestertums, eine von Gott mitgeteilte Wahrheit zu kennen und mit der verbindlichen Auslegung dieser Offenbarung betraut zu sein. Als Abwehrmittel gegen religiösen Fanatismus empfahl er den Humor. In seine Ablehnung der christlichen Dogmatik bezog er alle Lehren ein, die er für unethisch und vernunftwidrig hielt, vor allem die biblische Vorstellung von Lohn und Strafe im Jenseits. Dem Offenbarungsglauben setzte er sein Konzept einer „natürlichen“ Religion entgegen, das er aus der Reflexion über die Natur ableitete. Nach seinem Verständnis begründet die Religion nicht die Moral, sondern setzt sie als Naturgegebenheit voraus und orientiert sich an ihr. Die Grundlage dafür bildete Shaftesburys Fundierung der Ethik im moral sense, einem autonomen moralischen Sinn, dessen Existenz er postulierte. Dieser Sinn sei im Menschen ebenso wie die ästhetische Erfahrung von Natur aus angelegt und ermögliche eine harmonische Entfaltung des Individuums und der sozialen Gemeinschaft.

Mit der Theorie der naturgemäßen Veranlagung wollte Shaftesbury Ethik und Ästhetik auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen und in einer vorgegebenen Weltordnung verankern. Moralisches Streben und Schönheitsdrang hielt er für untrennbare Merkmale des Menschen. Eingehend untersuchte er die Voraussetzungen und Grundlagen bedeutender schöpferischer Leistungen in der bildenden Kunst. Für die Malerei formulierte er detaillierte Qualitätskriterien, für die Dichtung und Schriftstellerei beschrieb er die Anforderungen, die ein Autor an sich zu stellen habe.

Shaftesburys Lebensideal, sein optimistisches Menschenbild und sein Schönheitskult wurden in der Epoche der Aufklärung für eine breite Leserschaft wegweisend. Seine Ideen inspirierten zahlreiche Denker und Schriftsteller. Allerdings stieß seine Philosophie auch auf heftigen Widerspruch, vor allem in konservativen christlichen Kreisen. Ein entschiedener Gegner war der Sozialtheoretiker Bernard de Mandeville, der das traditionelle moralische Leitbild verwarf und ein alternatives Gesellschaftsmodell vorlegte.

Wirkung im deutschen Sprachraum

Im deutschen Sprachraum fand das Gedankengut des Engländers ab den 1740er Jahren ein besonders starkes und nachhaltiges Echo. Bis um 1800 kannten fast alle bedeutenden deutschsprachigen Schriftsteller, Philosophen und Theologen sein Werk, und meist zählten sie ihn zu den großen Denkern und Anregern.

Gottfried Wilhelm Leibniz war der erste prominente deutsche Leser Shaftesburys. Er entdeckte in dem englischen Aufklärer mit großer Freude einen Gleichgesinnten. Leibniz las die Characteristicks schon bald nach ihrem Erscheinen und vermerkte dazu im Jahr 1712, er habe darin fast den ganzen Gehalt seiner Theodizee vorgefunden. Mit Begeisterung äußerte sich Leibniz über Stil und Inhalt des Dialogs The Moralists, dessen optimistischer Idealismus seiner eigenen Grundüberzeugung entsprach. Allerdings erhob er Einwände gegen den Vorschlag, abwegige Ideen lächerlich zu machen.

Auf literarischem Gebiet fand Shaftesbury den Beifall von Johann Christoph Gottsched. Dieser sehr einflussreiche Theoretiker teilte die Überzeugung des Engländers von der Objektivität des Schönen und stimmte seiner Forderung zu, dass das Phantastische in der Poesie zu meiden sei und der Dichter sich am reinen Vorbild der Natur orientieren solle. Um die Positionierung des Kritikers als literarische, moralische und philosophische Schiedsinstanz zu untermauern, machte sich Gottsched einschlägige Ausführungen im Soliloquy (Monolog) zunutze. Bei der Begründung seiner Überzeugung, dass die Dichtkunst Regeln unterliegen müsse und nicht willkürlichen Geschmacksurteilen nach persönlichen Vorlieben zu überlassen sei, berief sich Gottsched auf den „tiefsinnigen Grafen von Schaftesbury“.

Um die Jahrhundertmitte betätigte sich in Berlin ein Kreis von Literaten, die Shaftesbury bewunderten. Ihre Aktivitäten bildeten einen Höhepunkt der deutschen Shaftesbury-Rezeption. Der Moralphilosoph und Schriftsteller Christian Fürchtegott Gellert verwertete die Moral-Sense-Theorie für sein Konzept einer Bildungselite, der die Aufgabe zufalle, als Avantgarde des moralischen Fortschritts die Ausbildung eines allgemeinen ästhetischen und moralischen Geschmacks voranzutreiben. Außergewöhnliche Geistes- und Seelengröße sei die Frucht der Kultivierung des moralischen Empfindens, das Gellert mit dem ästhetischen gleichsetzte.

Das von den Critischen Nachrichten popularisierte Bild von Shaftesburys Gedankenwelt prägte auch die Rezeption in der zweiten Generation seiner Berliner Leser, die nach der Jahrhundertmitte hervortrat. Zu ihr gehörten der junge Gotthold Ephraim Lessing, der an den Critischen Nachrichten mitarbeitete, Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai. Diese Autoren rückten die kunsttheoretischen und ästhetischen Aspekte gegenüber den zuvor dominierenden moralischen stärker ins Blickfeld. Gemeinsam redigierten die drei Aufklärer die Zeitschrift Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste.

Mendelssohns Verehrung für Shaftesbury zeigt sich in seinen frühen Arbeiten durchgehend. Sein Verhältnis zu dem Vorbild war von Bewunderung und spielerischer Konkurrenz bestimmt, einer Haltung, die er mit der Bemerkung ausdrückte, The Moralists gefalle ihm recht gut, „aber so etwas kann ich auch machen“. Mit seinen formal an die Moralists anknüpfenden, 1755 publizierten Briefen über die Empfindungen wollte Mendelssohn erproben, inwieweit die Einkleidung philosophischer Gedanken in eine ansprechende literarische Form für seine Zwecke tauglich war.

Christoph Martin Wieland kam über Bodmer mit der Gedankenwelt Shaftesburys in Kontakt und beschäftigte sich dann lebenslang mit dem Frühaufklärer. Er zählte ihn neben Xenophon, Plutarch und Horaz zu den auserlesenen Schriftstellern. Wieland griff die Idee des moralischen Sinnes auf und teilte Shaftesburys Überzeugung, dass moralische und ästhetische Bewusstseinsinhalte nicht voneinander zu trennen seien. Gemäß dieser Sichtweise befand er, ein unterentwickelter Schönheitssinn sei ein Anzeichen für ein mangelhaft ausgebildetes moralisches Urteilsvermögen. Shaftesburys Theorie des moral sense war für Wieland die Grundlage seiner Forderung, dass die Schriftsteller als gebildete und tugendhafte Elite eine besondere Verantwortung zu übernehmen hätten. Ihnen falle die Aufgabe zu, als Volkserzieher den allgemeinen Geschmack zu prägen und damit den moralischen Zustand der gesamten Gesellschaft zu verbessern. Später distanzierte sich Wieland allerdings von dieser Position seiner Jugendzeit und beurteilte die Moral-Sense-Theorie wesentlich skeptischer. Goethe hob in seinem Nachruf auf Wieland dessen besondere Nähe zu Shaftesbury hervor: „An einem solchen Manne fand nun unser Wieland […] einen wahrhaften älteren Zwillingsbruder im Geiste, dem er vollkommen glich, ohne nach ihm gebildet zu sein.“

Zurückhaltender fiel jedoch Goethes eigenes Urteil über die Leistung des Briten aus. Er lobte ihn als trefflichen Denker, der aber das als richtig Erkannte nicht habe in die schöpferische Tat umsetzen können. Goethe meinte, Wieland habe als Schriftsteller und Dichter das verwirklicht, was sein „Zwillingsbruder“ gefordert hatte.

Auf Johann Gottfried Herder machte Shaftesburys Bildungsidee einen tiefen Eindruck. Er bewunderte ihn als Verkörperung eines edlen Lebensideals und zitierte ihn oft. Im Jahr 1800 veröffentlichte er unter dem Titel Naturhymnus seine poetische Übersetzung einer Passage aus The Moralists, in der die Schöpfung verherrlicht wird. In zwei Nummern seiner Zeitschrift Adrastea empfahl er dem Publikum einige Grundgedanken des Lords. Bei der Behandlung der Tugendlehre betonte er die Einheit des moralischen Gefühls mit der Vernunft. Außerdem ging er auf wit and humour – in seiner Übersetzung Geist und Frohsinn – ein. Er befand, diese Qualitäten seien in dem von Shaftesbury gemeinten Sinn zu begreifen; dann seien sie „Würze und Blüthe des Lebens“ und für die Bildung unentbehrlich.

Das Interesse Immanuel Kants galt hauptsächlich dem moralphilosophischen Werk. Seinem Verständnis zufolge kommt der moral sense der Tugend dadurch nahe, dass er sie um ihrer selbst willen schätzt und nicht um eines Vorteils willen. Nach diesem Gesichtspunkt urteilte Kant, unter den bisherigen Philosophen seien Shaftesbury, Hutcheson und Hume „in der Aufsuchung der ersten Gründe aller Sittlichkeit“ am weitesten gelangt, wenngleich ihre Versuche „unvollendet und mangelhaft“ seien. Shaftesbury sei jedoch zu tadeln, weil er der Lust und Unlust Relevanz für die Moralität zugesprochen habe. Darin sei er, wenngleich in weitem Abstand und nur bis zu einem bestimmten Punkt, der höchst verwerflichen Lehre Epikurs gefolgt.

Bernard Mandeville

Bernard Mandeville (* 15. November 1670 in Rotterdam; † 21. Januar 1733 in Hackney bei London) war ein niederländischer Arzt und Sozialtheoretiker, der in England lebte und in englischer Sprache veröffentlichte.

In seinem Hauptwerk, der Bienenfabel, beschrieb er als einer der ersten die Wirtschaft als Kreislaufsystem und stellte die provozierende These auf, dass nicht die Tugend die eigentliche Quelle des Gemeinwohls sei, sondern das Laster.

Die Bienenfabel

Die provokanten ethischen Anschauungen, die Mandeville in der Bienenfabel formulierte, lösten schon unter den Zeitgenossen eine lebhafte Diskussion aus, in der seine Ansichten fast durchweg abgelehnt wurden. Die zentrale Aussage des Werkes lässt sich gut an den letzten Zeilen des Werkes ablesen:

“Mit Tugend bloß kommt man nicht weit;

Wer wünscht, daß eine goldne Zeit

Zurückkehrt, sollte nicht vergessen:

Man musste damals Eicheln essen.”

Dass persönliche Tugend (Genügsamkeit, Friedfertigkeit) für Fortschritt und Prosperität der Gesellschaft weniger förderlich seien als Luxus, Verschwendung, Krieg und Ausbeutung, erregte Widerspruch. Das Obergericht von Middlesex erklärte die Bienenfabel für geeignet, „alle Religion und bürgerliche Herrschaft“ umzustürzen, wogegen Mandeville sich in einer „Rechtfertigung“ wehrte (in der dritten Auflage von 1724). Widerspruch erntete er vor allem bei dem idealistischen Philosophen George Berkeley und bei den Ökonomen Francis Hutcheson und Adam Smith, Smith übernahm aber etliche seiner Beispiele.

Mandevilles ökonomische Thesen dürften auch heute noch Anstoß erregen. Für ihn beruhte die Prosperität einer Gesellschaft auf der billigen Arbeit der Unterprivilegierten. So gelte, „daß in einem freien Volke, wo die Sklaverei verboten ist, der sicherste Reichtum in einer großen Menge schwer arbeitender Armer besteht.“  Es gehört zu den größten Leistungen Mandevilles, dass er die Lage des Proletariats ohne Beschönigungsversuche theoretisch zu erfassen suchte. Karl Marx nannte ihn dafür einen „ehrlichen Mann und hellen Kopf“ und rechnete Mandeville positiv an, dass er unendlich kühner und ehrlicher als die philisterhaften Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft gewesen ist.

Auch die heutige Wirtschaftsideologie greift auf Ideen zurück, die Mandeville als erster in solcher Deutlichkeit ausgesprochen haben dürfte:

„Wenn die arbeitende Bevölkerung in einem Land zwölf Stunden am Tag und sechs Tage in der Woche arbeitet, während sie in einem anderen Lande nur acht Stunden am Tage und nicht mehr als vier Tage in der Woche beschäftigt wird, müssen Produkte letzterer teurer sein und haben damit einen Konkurrenznachteil. Eine Handelsnation könne die andere nur unterbieten, wenn ihre Nahrungsmittel und alle Lebensbedürfnisse … billiger sind, oder aber ihre Arbeiter sind fleißiger oder arbeiten länger oder (sie) begnügen sich mit einer einfacheren Lebensführung als ihre Nachbarn.“

Akademien und gelehrte Gesellschaften

Eigene Gesellschaften werden im 17. und 18. Jahrhundert im westlichen Europa mit dem Ziel gegründet, erzieherisch auf die Moral und das Bewusstsein einzuwirken: Öffentlich agierende Gesellschaften wie die 1691 in London gegründete Society for the Reformation of Manners und sich der Öffentlichkeit entziehende wie der Illuminatenorden oder die Freimaurerlogen, die gegenüber den religiösen Glaubensangeboten neue, dem Deismus nahestehende philosophischere unterbreiten. Außerdem trafen sich die Aufklärer in Literarischen Salons, die zumeist von gebildeten Frauen geleitet wurden.

Im späten 17. Jahrhundert kam es mit königlicher Unterstützung zur Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften: 1660 wurde die Royal Society in London gegründet, 1666 die Académie des sciences in Paris.

Mit staatlicher Unterstützung formierten sich gelehrte Gesellschaften und Akademien als Einrichtungen, in denen Vertreter eines neuen Gelehrtentypus in wechselseitigem Austausch auf methodischer Grundlage nach Erkenntniserweiterung strebten. Vorreiter der Akademie-Gründungen in Deutschland war Gottfried Wilhelm Leibniz, dem 1700 mit kurfürstlicher Förderung die Schaffung einer wissenschaftlichen Akademie in Berlin gelang. Zu deren Zielen gehörte die Sammlung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse für praktische Zwecke, Impulse für Staat, Wirtschaft und Kultur sollten erarbeitet, die Sprach- und Geisteswissenschaften gefördert werden.

Bezeichnend für das Selbstverständnis vieler frühaufklärerischer Gelehrter war eine kosmopolitische Ausrichtung, wonach die ganze Welt als Heimat und alle Menschen als Brüder angesehen wurden. Reisen und Reiseberichte erlaubten Vergleiche der politischen Verhältnisse und Lebensumstände und forderten eine Abkehr von der Ethnozentrik. Der Schweizer Gelehrte Leonhard Euler zum Beispiel war erst an der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg, dann an der Berliner Akademie, blieb beiden verbunden und wurde als technischer Beamter und Wissenschaftler lange Zeit von beiden Regierungen weiter bezahlt.

Eine andere Form gelehrter Gesellschaften stellten die von Gottsched initiierten, hauptsächlich literarisch motivierten „Deutschen Gesellschaften“ dar. Ihnen gehörten vorwiegend Pfarrer, Lehrer und Professoren aus dem gebildeten städtischen Bürgertum an, auch Studenten und einige Adlige. In diesen Gesellschaften galten für den Diskussionsstil bestimmte Regeln, wonach zum Beispiel niemand dem anderen ins Wort fallen oder vom Thema abschweifen durfte.

„Jeder konnte nacheinander zu Wort kommen, sollte seine Kritik bescheiden und kurz vortragen und dabei jedes anzügliche Wort wie jede satirische Bemerkung vermeiden. Eine ‚gesittete‘ Diskussion bestimmte also die Runde.“

Freimaurerlogen und Geheimgesellschaften

Frühe Sammelpunkte für aufklärerisch Gesinnte waren neben Akademien und gelehrten Gesellschaften auch Organisationsformen, die sich abseits der das öffentliche Leben dominierenden Wirkungsbereiche von Fürstenhof und Kirche in Freimaurerlogen und Geheimgesellschaften organisierten. Ursprünglich in der Tradition der englischen mittelalterlichen Werkmaurerei und der von den Bauhütten beim Kathedralbau entwickelten Bräuche stehend, kamen als neuzeitliche Freimaurer nun Vertreter der gebildeten bürgerlichen Schichten und von Teilen des Adels in den Logen zusammen, um sich unter Einhaltung spezifischer Gemeinschaftsriten zu Staatsbürgern heranzubilden, die ihr Denken und Handeln in selbstbestimmter Weise an den Geboten einer aufgeklärten Vernunft ausrichteten. Von England ausgehend verbreitete sich die Freimaurer-Bewegung seit Anfang des 18. Jahrhunderts über ganz Europa.

Im von der Öffentlichkeit abgeschirmten Raum der Logen galt die Gleichheit der Mitglieder, die einander Bruder oder Freunde nannten und in diesem Rahmen Standesunterschiede und konfessionelle Trennungen aufhoben. Das galt für Katholiken, Lutheraner und Calvinisten wie für Juden. „Die Sozietäten waren so frei von konfessionellem Geist, dass sie sich gleicherweise in katholischen wie protestantischen Territorien ausbreiten konnten.“

Geheimbünde in diversen Ausprägungen hatten nach dem Zeugnis des Freiherrn Knigge Ende des 18. Jahrhunderts großen Zulauf. Knigge selbst gehörte dem von Adam Weishaupt 1776 gegründeten Illuminatenorden an, der zu Beginn der 1780er Jahre sich über Bayern hinaus in Nord- und Westdeutschland ausbreitete. Zu den Illuminaten stießen vielfach unzufriedene Freimaurer, auch Prominente wie z. B. Goethe, Herder und Herzog Karl August. Bereits 1784/1785 ereilten die Illuminaten aber Verbotsedikte des bayerischen Kurfürsten Karl Theodor, der beschlagnahmte Papiere Weishaupts publik machte und die darin propagierte radikale Aufklärung als staatsgefährdend betrachtete. So wurde der Illuminatenorden von der konservativen Reaktion später in Verschwörungstheorien auch zum Entstehungsherd und Auslöser der Französischen Revolution gemacht.

Aufklärerisches Staatsdenken und eine aktive, teils dirigistische Wirtschaftspolitik von Staats wegen entwickelten sich parallel; in England gingen die Anfänge der Industriellen Revolution Hand in Hand mit den theoretischen und praktischen Neuerungen der politischen Verfassung. Kaufleute, Bankiers und Unternehmer blieben einerseits zwar eingebunden in die für sie jeweils maßgeblichen Wirtschaftsstrukturen ihres Landes. Mit ihrer Offenheit für Impulse von außen, ihrer auf nützliche Neuerungen und Gewinnmöglichkeiten gerichteten Wissbegierde und ihrem der Lebenswirklichkeit verbundenen Pragmatismus waren sie einstweilen „unauffällige Vertreter einer Welt im Umbruch.“

Zwar stellten Beamte, Universitätsprofessoren und die durch die Aufklärung häufig zu „Volkslehrern“ sich entwickelnden Pfarrleute und Prediger die Wortführer des aufgeklärten städtischen Bürgertums. Daneben und mit ihnen zunehmend durch Eheschließung verbunden, bezogen aber auch Kaufleute und Handwerksvertreter als traditionelle städtische Eliten aus der Aufklärung neue Reputation, da ihnen die Nützlichkeit für das Gemeinwesen nicht abzusprechen war, nun aber auch das ihnen zugeordnete Motiv des schnöden geldlichen Gewinnstrebens – im Zeichen einer weniger religiös geprägten Betrachtung ökonomischer Sachverhalte – sie nicht mehr aus der „guten Gesellschaft“ ausgrenzte. Das Bürgertum bildete fortan eine erweiterte Wertegemeinschaft, die Meinungsführerschaft in einer zunehmend gebildeten und reformorientierten Öffentlichkeit beanspruchte.

Salonkultur und Lesezirkel

Ständige Orte des geselligen Beisammenseins von Gelehrten und Gebildeten, des Gedankenaustauschs und engagierter Dispute im Zeichen aufklärerischen Denkens waren die zumeist von Frauen unterhaltenen Salons mit berühmten Beispielen in Paris und Berlin. Während Freimaurer und Lesegesellschaften Frauen ausdrücklich ausschlossen, konnten sie im Rahmen der von ihnen geführten Salons an den gelehrten Erörterungen ihrer Gäste sowohl teilhaben als auch eigene Impulse setzen, beginnend bei der durch Einladung bestimmten Zusammensetzung ihrer Gäste-Runden.

Die verschiedenen Salons ergänzten sich zum Teil in Konkurrenz zueinander. Bei der Neugründung eines Pariser Salons durch Madame Necker kam nur mehr der Freitag für eine wöchentliche Zusammenkunft der gewünschten Gäste in Frage. An anderen Tagen der Woche waren sie bereits an andere Salons gebunden. Edward Gibbon, der 1763 mit Empfehlungsschreiben aus London die Pariser Salons besuchte, war an vier Wochentagen regelmäßig Gast bei solchen Gesprächsrunden, die er teils als anregend, aber teils auch als befremdlich erlebte.

Als in Deutschland verbreitetste Aufklärungsgesellschaften anzusehen sind die am Ende des 18. Jahrhunderts auf eine Gesamtzahl von 430 geschätzten Lesegesellschaften. Da Bücher relativ teuer und öffentliche Bibliotheken noch rar waren, schlossen Interessierte sich zu Sammelabonnements zusammen und bildeten Lesezirkel, in denen Bücher und Zeitschriften reihum gelesen wurden. In Lesekabinetten gab es nicht nur der Bibliothekslektüre vorbehaltene Räume, sondern auch separate Räumlichkeiten, die dem Gedankenaustausch und der Diskussion über das Gelesene dienten.

Nach englischem Vorbild wurden literarische Kleinformen wie Essay und Traktat zu Hauptverbreitungsformen des aufklärerischen Denkens und neuer philosophischer Anschauungen. Ihr vorwiegender Erscheinungsort waren zu abonnierende Periodika, die zu einer „Leserevolution“ in Deutschland seit Mitte des 18. Jahrhunderts wesentlich beitrugen.

Nicht in allen Ländern bildete sich eine Salonkultur. In Schweden führte die Abschaffung der Zensur und die weitgehende Meinungsfreiheit seit 1766 zu einer weiten Verbreitung von Druckerzeugnissen, die sich an der politischen Diskussion beteiligten.

Hervorragende Beispiele für in der Frühaufklärung aktive Frauen in Deutschland sind Friederike Caroline Neuber, die Begründerin des modernen Theaters, Christiana Mariana von Ziegler als Autorin im Umfeld der Gottscheds in Leipzig und Luise Adelgunde Gottsched als Ehefrau und aktive Mitarbeiterin des Verlegers, deren Wirken die Moral und Philosophie der Aufklärung weithin bekannt machte. In späteren Jahren waren Frauen immer stärker von der vollen Teilnahme am Aufklärungsdiskurs ausgeschlossen.