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Peter Burg Werke

Vorlesung 27012021

Vorlesung 27012021

16. Französische Revolution – Lage in Preußen

Quellenzitat aus: Der Streit der Fakultäten

6. Von einer Begebenheit unserer Zeit, welche diese moralische Tendenz des Menschengeschlechts beweiset.

Diese Begebenheit besteht nicht etwa in wichtigen, von Menschen verrichteten Thaten oder Unthaten, wodurch, was groß war, unter Menschen klein oder, was klein war, groß gemacht wird, und wie gleich als durch Zauberei alte, glänzende Staatsgebäude verschwinden, und andere an deren Statt wie aus den Tiefen der Erde hervorkommen. Nein: nichts von allem dem. Es ist bloß die Denkungsart der Zuschauer, welche sich bei diesem Spiele großer Umwandlungen öffentlich verräth und eine so allgemeine und doch uneigennützige Theilnehmung der Spielenden auf einer Seite gegen die auf der andern, selbst mit Gefahr, diese Parteilichkeit könne ihnen sehr nachtheilig werden, dennoch laut werden läßt, so aber (der Allgemeinheit wegen) einen Charakter des Menschengeschlechts im Ganzen und zugleich (der Uneigennützigkeit wegen) einen moralischen Charakter desselben wenigstens in der Anlage beweiset, der das Fortschreiten zum Besseren nicht allein hoffen läßt, sondern selbst schon ein solches ist, so weit das Vermögen desselben für jetzt zureicht.

Die Revolution eines geistreichen Volks, die wir in unseren Tagen haben vor sich gehen sehen, mag gelingen oder scheitern; sie mag mit Elend und Greuelthaten dermaßen angefüllt sein, daß ein wohldenkender Mensch sie, wenn er sie zum zweitenmale unternehmend glücklich auszuführen hoffen könnte, doch das Experiment auf solche Kosten zu machen nie beschließen würde, -diese Revolution, sage ich, findet doch in den Gemüthern aller Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiele mit verwickelt sind) eine Theilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasm grenzt, und deren Äußerung selbst mit Gefahr verbunden war, die also keine andere als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben kann.

Diese moralische einfließende Ursache ist zwiefach: erstens die des Rechts, daß ein Volk von anderen Mächten nicht gehindert werden müsse, sich eine bürgerliche Verfassung zu geben, wie sie ihm selbst gut zu sein dünkt; zweitens die des Zwecks (der zugleich Pflicht ist), daß diejenige Verfassung eines Volks allein an sich rechtlich und moralisch=gut sei, welche ihrer Natur nach so beschaffen ist, den Angriffskrieg nach Grundsätzen zu meiden, welche keine andere als die republicanische Verfassung, wenigstens der Idee nach, sein kann,*) mithin in die Bedingung einzutreten, wodurch der Krieg (der Quell aller Übel und Verderbniß der Sitten) abgehalten und so dem Menschengeschlechte bei aller seiner Gebrechlichkeit der Fortschritt zum Besseren negativ gesichert wird, im Fortschreiten wenigstens nicht gestört zu werden.

*) Es ist aber hiemit nicht gemeint, daß ein Volk, welches eine monarchische Constitution hat, sich damit das Recht anmaße, ja auch nur in sich geheim den Wunsch hege, sie abgeändert zu wissen; denn seine vielleicht sehr verbreitete Lage in Europa kann ihm jene Verfassung als die einzige anempfehlen, bei der es sich zwischen mächtigen Nachbaren erhalten kann. Auch ist das Murren der Unterthanen nicht des Innern der Regierung halber, sondern wegen des Benehmens derselben gegen Auswärtige, wenn sie diese etwa am Republicanisiren hinderte, gar kein Beweis der Unzufriedenheit des Volks mit seiner eigenen Verfassung, sondern vielmehr der Liebe für dieselbe, weil es wider eigene Gefahr desto mehr gesichert ist, je mehr sich andere Völker republicanisiren. -Dennoch haben verläumderische Sykophanten, um sich wichtig zu machen, diese unschuldige Kannegießerei für Neuerungssucht, Jacobinerei und Rottirung, die dem Staat Gefahr drohe, auszugeben gesucht: indessen daß auch nicht der mindeste Grund zu diesem Vorgeben da war, vornehmlich nicht in einem Lande, was vom Schauplatz der Revolution mehr als hundert Meilen entfernt war.

Dies also und die Theilnehmung am Guten mit Affect, der Enthusiasm, ob er zwar, weil aller Affect als ein solcher Tadel verdient, nicht ganz zu billigen ist, giebt doch vermittelst dieser Geschichte zu der für die Anthropologie wichtigen Bemerkung Anlaß: daß wahrer Enthusiasm nur immer aufs Idealische und zwar rein Moralische geht, dergleichen der Rechtsbegriff ist, und nicht auf den Eigennutz gepfropft werden kann. Durch Geldbelohnungen konnten die Gegner der Revolutionirenden zu dem Eifer und der Seelengröße nicht gespannt werden, den der bloße Rechtsbegriff in ihnen hervorbrachte, und selbst der Ehrbegriff des alten kriegerischen Adels (ein Analogon des Enthusiasm) verschwand vor den Waffen derer, welche das Recht des Volks, wozu sie gehörten, ins    Auge gefaßt hatten**) und sich als Beschützer desselben dachten; mit welcher Exaltation das äußere, zuschauende Publicum dann ohne die mindeste Absicht der Mitwirkung sympathisirte.

**) Von einem solchen Enthusiasm der Rechtsbehauptung für das menschliche Geschlecht kann man sagen: postquam ad arma Vulcania ventum est, – mortalis mucro glacies ceu futilis ictu dissiluit. – Warum hat es noch nie ein Herrscher gewagt, frei herauszusagen, daß er gar kein Recht des Volks gegen ihn anerkenne; daß dieses seine Glückseligkeit bloß der Wohlthätigkeit einer Regierung, die diese ihm angedeihen läßt, verdanke, und alle Anmaßung des Unterthans zu einem Recht gegen dieselbe (weil dieses den Begriff eines erlaubten Widerstands in sich [Seitenumbruch] enthält) ungereimt, ja gar strafbar sei? – Die Ursache ist; weil eine solche öffentliche Erklärung aller Unterthanen gegen ihn empören würde, ob sie gleich, wie folgsame Schafe von einem gütigen und verständigen Herren geleitet, wohlgefüttert und kräftig beschützt, über nichts, was ihrer Wohlfahrt abginge, zu klagen hätten. Denn mit Freiheit begabten Wesen gnügt nicht der Genuß der Lebensannehmlichkeit, die ihm auch von Anderen (und hier von der Regierung) zu Theil werden kann; sondern auf das Princip kommt es an, nach welchem es sich solche verschafft. Wohlfahrt aber hat kein Princip, weder für den, der sie empfängt, noch der sie austheilt (der eine setzt sie hierin, der andere darin): weil es dabei auf das Materiale des Willens ankommt, welches empirisch und so der Allgemeinheit einer Regel unfähig ist. Ein mit Freiheit begabtes Wesen kann und soll also im Bewußtsein dieses seines Vorzuges vor dem vernunftlosen Thier nach dem formalen Princip seiner Willkür keine andere Regierung für das Volk, wozu es gehört, verlangen, als eine solche, in welcher dieses mit gesetzgebend ist: d. i. das Recht der Menschen, welche gehorchen sollen, muß nothwendig vor aller Rücksicht auf Wohlbefinden vorhergehen, und dieses ist ein Heiligthum, das über allen Preis (der Nützlichkeit) erhaben ist, und welches keine Regierung, so wohlthätig sie auch immer sein mag, antasten darf. – Aber dieses Recht ist doch immer nur eine Idee, deren Ausführung auf die Bedingung der Zusammenstimmung ihrer Mittel mit der Moralität eingeschränkt ist, welche das Volk nicht überschreiten darf; welches nicht durch Revolution, die jederzeit ungerecht ist, geschehen darf.- Autokratisch herrschen und dabei doch republicanisch, d. h. im Geiste des Republicanism und nach einer Analogie mit demselben, regieren, ist das, was ein Volk mit seiner Verfassung zufrieden macht.

7. Wahrsagende Geschichte der Menschheit.

Es muß etwas Moralisches im Grundsatze sein, welches die Vernunft als rein, zugleich aber auch wegen des großen und Epoche machenden Einflusses als etwas, das die dazu anerkannte Pflicht der Seele des Menschen vor Augen stellt, und das menschliche Geschlecht im Ganzen seiner Vereinigung ( non singulorum, sed universorum ) angeht, dessen verhofftem Gelingen und den Versuchen zu demselben es mit so allgemeiner und uneigennütziger Theilnehmung zujauchzt. -Diese Begebenheit ist das Phänomen nicht einer Revolution, sondern (wie es Hr. Erhard ausdrückt) der Evolution einer naturrechtlichen Verfassung, die zwar nur unter wilden Kämpfen noch nicht selbst errungen wird – indem der Krieg von innen und außen alle bisher bestandene statutarische zerstört -, die aber doch dahin führt, zu einer Verfassung hinzustreben, welche nicht kriegssüchtig sein kann, nämlich der republicanischen; die es entweder selbst der Staatsform nach sein mag, oder auch nur nach der Regierungsart, bei der Einheit des Oberhaupts (des Monarchen) den Gesetzen analogisch, die sich ein Volk selbst nach allgemeinen Rechtsprincipien geben würde, den Staat verwalten zu lassen.

Nun behaupte ich dem Menschengeschlechte nach den Aspecten und Vorzeichen unserer Tage die Erreichung dieses Zwecks und hiemit zugleich das von da an nicht mehr gänzlich rückgängig werdende Fortschreiten desselben zum Besseren auch ohne Sehergeist vorhersagen zu können. Denn ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergißt sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte, und welches allein Natur und Freiheit, nach inneren Rechtsprincipien im Menschengeschlechte vereinigt, aber, was die Zeit betrifft, nur als unbestimmt und Begebenheit aus Zufall verheißen konnte.

Aber wenn der bei dieser Begebenheit beabsichtigte Zweck auch jetzt nicht erreicht würde, wenn die Revolution oder Reform der Verfassung eines Volks gegen das Ende doch fehlschlüge, oder, nachdem diese einige Zeit gewährt hätte, doch wiederum alles ins vorige Gleis zurückgebracht würde (wie Politiker jetzt wahrsagern), so verliert jene philosophische Vorhersagung doch nichts von ihrer Kraft. -Denn jene Begebenheit ist zu groß, zu sehr mit dem Interesse der Menschheit verwebt und ihrem Einflusse nach auf die Welt in allen ihren Theilen zu ausgebreitet, als daß sie nicht den Völkern bei irgend einer Veranlassung günstiger Umstände in Erinnerung gebracht und zu Wiederholung neuer Versuche dieser Art erweckt werden sollte; da dann bei einer für das Menschengeschlecht so wichtigen Angelegenheit endlich doch zu irgend einer Zeit die beabsichtigte Verfassung diejenige Festigkeit erreichen muß, welche die Belehrung durch öftere Erfahrung in den Gemüthern Aller zu bewirken nicht ermangeln würde.

Es ist also ein nicht bloß gutgemeinter und in praktischer Absicht empfehlungswürdiger, sondern allen Ungläubigen zum Trotz auch für die strengste Theorie haltbarer Satz: daß das menschliche Geschlecht im Fortschreiten zum Besseren immer gewesen sei und so fernerhin fortgehen werde, welches, wenn man nicht bloß auf das sieht, was in irgend einem Volk geschehen kann, sondern auch auf die Verbreitung über alle Völker der Erde, die nach und nach daran Theil nehmen dürften, die Aussicht in eine unabsehliche Zeit eröffnet; wofern nicht etwa auf die erste Epoche einer Naturrevolution, die (nach Camper und Blumenbach) bloß das Thier und Pflanzenreich, ehe noch Menschen waren, vergrub, noch eine zweite folgt, welche auch dem Menschengeschlechte eben so mitspielt, um andere Geschöpfe auf diese Bühne treten zu lassen, u. s. w. . Denn für die Allgewalt der Natur, oder vielmehr ihrer uns unerreichbaren obersten Ursache ist der Mensch wiederum nur eine Kleinigkeit. Daß ihn aber auch die Herrscher von seiner eigenen Gattung dafür nehmen und als eine solche behandeln, indem sie ihn theils thierisch, als bloßes Werkzeug ihrer Absichten, belasten, theils in ihren Streitigkeiten gegen einander aufstellen, um sie schlachten zu lassen, -das ist keine Kleinigkeit, sondern Umkehrung des Endzwecks der Schöpfung selbst.

8. Von der Schwierigkeit der auf das Fortschreiten zum Weltbesten angelegten Maximen in Ansehung ihrer Publicität.

Volksaufklärung ist die öffentliche Belehrung des Volks von seinen Pflichten und Rechten in Ansehung des Staats, dem es angehört. Weil es hier nur natürliche und aus dem gemeinen Menschenverstande hervorgehende Rechte betrifft, so sind die natürlichen Verkündiger und Ausleger derselben im Volk nicht die vom Staat bestellte amtsmäßige, sondern freie Rechtslehrer, d. i. die Philosophen, welche eben um dieser Freiheit willen, die sie sich erlauben, dem Staate, der immer nur herrschen will, anstößig sind, und werden unter dem Namen Aufklärer als für den Staat gefährliche Leute verschrieen; obzwar ihre Stimme nicht vertraulich ans Volk (als welches davon und von ihren Schriften wenig oder gar keine Notiz nimmt), sondern ehrerbietig an den Staat gerichtet und dieser jenes sein rechtliches Bedürfniß zu beherzigen angefleht wird; welches durch keinen andern Weg als den der Publicität geschehen kann, wenn ein ganzes Volk seine Beschwerde (gravamen ) vortragen will. So verhindert das Verbot der Publicität den Fortschritt eines Volks zum Besseren, selbst in dem, was das Mindeste seiner Forderung, nämlich bloß sein natürliches Recht, angeht.

Eine andere, obzwar leicht durchzuschauende, aber doch gesetzmäßig einem Volk befohlene Verheimlichung ist die von der wahren Beschaffenheit seiner Constitution. Es wäre Verletzung der Majestät des großbritannischen Volks, von ihm zu sagen, es sei eine unbeschränkte Monarchie: sondern man will, es soll eine durch die zwei Häuser des Parlaments, als Volksrepräsentanten, den Willen des Monarchen einschränkende Verfassung sein, und doch weiß ein jeder sehr gut, daß der Einfluß    desselben auf diese Repräsentanten so groß und so unfehlbar ist, daß von gedachten Häusern nichts anderes beschlossen wird, als was Er will und durch seinen Minister anträgt; der dann auch wohl einmal auf Beschlüsse anträgt, bei denen er weiß und es auch macht, daß ihm werde widersprochen werden (z.B. wegen des Negerhandels), um von der Freiheit des Parlaments einen scheinbaren Beweis zu geben. -Diese Vorstellung der Beschaffenheit der Sache hat das Trügliche an sich, daß die wahre, zu Recht beständige Verfassung gar nicht mehr gesucht wird: weil man sie in einem schon vorhandenen Beispiel gefunden zu haben vermeint, und eine lügenhafte Publicität das Volk mit Vorspiegelung einer durch das von ihm ausgehende Gesetz eingeschränkten Monarchie*) täuscht, indessen daß seine stellvertreter, durch Bestechung gewonnen, es ingeheim einem absoluten Monarchen unterwarfen.

*) Eine Ursache, deren Beschaffenheit man nicht unmittelbar einsieht, entdeckt sich durch die Wirkung, die ihr unausbleiblich anhängt. -Was ist ein absoluter Monarch? Es ist derjenige, auf dessen Befehl, wenn er sagt, es soll Krieg sein, sofort Krieg ist. -Was ist dagegen ein eingeschränkter Monarch? Der, welcher vorher das Volk befragen muß, ob Krieg sein solle oder nicht, und sagt das Volk: es soll nicht Krieg sein, so ist kein Krieg. -Denn Krieg ist ein Zustand, in welchem dem Staatsoberhaupte alle Staatskräfte zu Gebot stehen müssen. Nun hat der großbritannische Monarch recht viel Kriege geführt, ohne dazu jene Einwilligung zu suchen. Also ist dieser König ein absoluter Monarch, der er zwar der Constitution nach nicht sein sollte; die er aber immer vorbei gehen kann, weil er eben durch jene Staatskräfte, nämlich daß er alle Ämter und Würden zu vergeben in seiner Macht hat, sich der Beistimmung der Volksrepräsentanten versichert halten kann. Dieses Bestechungssystem muß aber freilich nicht Publicität haben, um zu gelingen. Es bleibt daher unter dem sehr durchsichtigen Schleier des Geheimnisses.

***

Die Idee einer mit dem natürlichen Rechte der Menschen zusammenstimmenden Constitution: daß nämlich die dem Gesetz Gehorchenden auch zugleich, vereinigt, gesetzgebend sein sollen, liegt bei allen Staatsformen zum Grunde, und das gemeine Wesen, welches, ihr gemäß durch reine Vernunftbegriffe gedacht, ein platonisches Ideal heißt ( respublica noumenon ), ist nicht ein leeres Hirngespinnst, sondern die ewige Norm für alle bürgerliche Verfassung überhaupt und entfernt allen Krieg. Eine dieser gemäß organisirte bürgerliche Gesellschaft ist die Darstellung derselben nach Freiheitsgesetzen durch ein Beispiel in der Erfahrung (respublica phaenomenon ) und kann nur nach mannigfaltigen Befehdungen und Kriegen mühsam erworben werden; ihre Verfassung aber, wenn sie im Großen einmal errungen worden, qualificirt sich zur besten unter allen, um den Krieg, den Zerstörer alles Guten, entfernt zu halten; mithin ist es Pflicht in eine solche einzutreten, vorläufig aber (weil jenes nicht so bald zu Stande kommt) Pflicht der Monarchen, ob sie gleich autokratisch herrschen, dennoch republicanisch (nicht demokratisch) zu regieren, d. i. das Volk nach Principien zu behandeln, die dem Geist der Freiheitsgesetze (wie ein Volk mit reifer Vernunft sie sich selbst vorschreiben würde) gemäß sind, wenn gleich dem Buchstaben nach es um seine Einwilligung nicht befragt würde.

9. Welchen Ertrag wird der Fortschritt zum Besseren dem Menschengeschlecht abwerfen?

Nicht ein immer wachsendes Quantum der Moralität in der Gesinnung, sondern Vermehrung der Producte ihrer Legalität in pflichtmäßigen Handlungen, durch welche Triebfeder sie auch veranlaßt sein mögen; d. i. in den guten Thaten der Menschen, die immer zahlreicher und besser ausfallen werden, also in den Phänomenen der sittlichen Beschaffenheit   des Menschengeschlechts, wird der Ertrag (das Resultat) der Bearbeitung desselben zum Besseren allein gesetzt werden können. -Denn wir haben nur empirische Data (Erfahrungen), worauf wir diese Vorhersagung gründen: nämlich auf die physische Ursache unserer Handlungen, in sofern sie geschehen, die also selbst Erscheinungen sind, nicht die moralische, welche den Pflichtbegriff von dem enthält, was geschehen sollte, und der allein rein, a priori, aufgestellt werden kann.

Allmählich wird der Gewaltthätigkeit von Seiten der mächtigen weniger, der Folgsamkeit in Ansehung der Gesetze mehr werden. Es wird etwa mehr Wohlthätigkeit, weniger Zank in Processen, mehr Zuverlässigkeit im Worthalten u.s.w. theils aus Ehrliebe, theils aus wohlverstandenem eigenen Vortheil im gemeinen Wesen entspringen und sich endlich dies auch auf die Völker im äußeren Verhältniß gegen einander bis zur weltbürgerlichen Gesellschaft erstrecken, ohne daß dabei die moralische Grundlage im Menschengeschlechte im mindesten vergrößert werden darf; als wozu auch eine Art von neuer Schöpfung (übernatürlicher Einfluß) erforderlich sein würde. -Denn wir müssen uns von Menschen in ihren Fortschritten zum Besseren auch nicht zu viel versprechen, um nicht in den Spott des Politikers mit Grunde zu verfallen, der die Hoffnung des ersteren gerne für Träumerei eines überspannten Kopfs halten möchte.*)

*) Es ist doch süß, sich Staatsverfassungen auszudenken, die den Forderungen der Vernunft (vornehmlich in rechtlicher Absicht) entsprechen: aber vermessen, sie vorzuschlagen, und strafbar, das Volk zur Abschaffung der jetzt bestehenden aufzuwiegeln. Platos Atlantica , Morus’ Utopia , Harringtons Oceana und Allais’ Severambia sind nach und nach auf die Bühne gebracht, aber nie (Cromwells verunglückte Mißgeburt einer despotischen Republik ausgenommen) auch nur versucht worden.- Es ist mit diesen Staatsschöpfungen wie mit der Weltschöpfung zugegangen: kein Mensch war dabei zugegen, noch konnte er bei einer solchen gegenwärtig sein, weil er sonst sein eigener Schöpfer hätte sein müssen. Ein Staatsproduct, wie man es hier denkt, als dereinst, so spät es auch sei, vollendet zu hoffen, ist ein süßer Traum; aber sich ihm immer zu näheren, nicht allein denkbar, sondern, so weit es mit dem moralischen Gesetze zusammen bestehen kann, Pflicht, nicht der Staatsbürger, sondern des Staatsoberhaupts.

10. In welcher Ordnung allein kann der Fortschritt zum Besseren erwartet werden?

Die Antwort ist: nicht durch den Gang der Dinge von unten hinauf, sondern den von oben herab. -Zu erwarten, daß durch Bildung der Jugend in häuslicher Unterweisung und weiterhin in Schulen, von den niedrigen an bis zu den höchsten, in Geistes= und moralischer, durch Religionslehre verstärkter Cultur es endlich dahin kommen werde, nicht bloß gute Staatsbürger, sondern zum Guten, was immer weiter fortschreiten und sich erhalten kann, zu erziehen, ist ein Plan, der den erwünschten Erfolg schwerlich hoffen läßt. Denn nicht allein daß das Volk dafür hält, daß die Kosten der Erziehung seiner Jugend nicht ihm, sondern dem Staate zu Lasten kommen müssen, der Staat aber dagegen seinerseits zu Besoldung tüchtiger und mit Lust ihrem Amte obliegender Lehrer kein Geld übrig hat (wie Büsching klagt), weil er alles zum Kriege braucht: sondern das ganze Maschinenwesen dieser Bildung hat keinen Zusammenhang, wenn es nicht nach einem überlegten Plane der obersten Staatsmacht und nach dieser ihrer Absicht entworfen, ins Spiel gesetzt und darin auch immer gleichförmig erhalten wird; wozu wohl gehören möchte, daß der Staat sich von Zeit zu Zeit auch selbst reformire und, statt Revolution Evolution versuchend, zum Besseren beständig fortschreite. Da es aber doch auch Menschen sind, welche diese Erziehung bewirken sollen, mithin solche, die dazu selbst haben gezogen werden müssen: so ist bei dieser Gebrechlichkeit der menschlichen Natur unter der Zufälligkeit der Umstände, die einen solchen Effect begünstigen, die Hoffnung ihres Fortschreitens nur in einer Weisheit von oben herab (welche, wenn sie uns unsichtbar ist, Vorsehung heißt) als positiver Bedingung, für das aber, was hierin von Menschen erwartet und gefordert werden kann, bloß negative Weisheit zur Beförderung dieses Zwecks zu erwarten, nämlich daß        sie das größte Hinderniß des Moralischen, nämlich den Krieg, der diesen immer zurückgängig macht, erstlich nach und nach menschlicher, darauf seltener, endlich als Angriffskrieg ganz schwinden zu lassen sich genöthigt sehen werden, um eine Verfassung einzuschlagen, die ihrer Natur nach, ohne sich zu schwächen, auf ächte Rechtsprincipien gegründet, beharrlich zum Bessern fortschreiten kann.

Beschluß.

Ein Arzt, der seine Patienten von Tag zu Tag auf baldige Genesung vertröstete: den einen, daß der Puls besser schlüge; den anderen, daß       der Auswurf, den dritten, daß der Schweiß Besserung verspräche, u. s. w., bekam einen Besuch von einem seiner Freunde. Wie gehts, Freund, mit eurer Krankheit? war die erste Frage. Wie wirds gehen? Ich sterbe vor lauter Besserung! – Ich verdenke es Keinem, wenn er in Ansehung der Staatsübel an dem Heil des Menschengeschlechts und dem Fortschreiten desselben zum Besseren zu verzagen anhebt; allein ich verlasse mich auf das heroische Arzneimittel, welches Hume anführt und eine schnelle Cur bewirken dürfte. – “Wenn ich jetzt (sagt er) die Nationen im Kriege gegen einander begriffen sehe, so ist es, als ob ich zwei besoffene Kerle sähe, die sich in einem Porzellänladen mit Prügeln herumschlagen. Denn nicht genug, daß sie an den Beulen, die sie sich wechselseitig geben, lange zu heilen haben, so müssen sie hinterher noch allen den Schaden bezahlen,       zahlen, den sie anrichteten.” Sero sapiunt Phryges . Die Nachwehen des gegenwärtigen Krieges aber können dem politischen Wahrsager das Geständnis einer nahe bevorstehenden Wendung des menschlichen Geschlechts zum Besseren abnöthigen, das schon jetzt im Prospect ist.

Thesen zum Quellenzitat

Kant erklärt die Begeisterung (den Enthusiasmus) der Revolutionsanhänger in angrenzenden Ländern. Die Denkungsart der Zuschauer (das Bekenntnis, die mit Risiko verbundene Anteilnahme) ist nach ihm ein Indiz für den moralischen Fortschritt des Menschengeschlechts. Die Gründe der Anteilnahme sind 1. Das Selbstbestimmungsrecht des Volkes in Bezug auf seine Verfassung (gegen fremde Einmischung); 2. Das Republikanische Verfassungsziel (das die Vermeidung eines Angriffskrieges impliziert. Der Krieg wird definiert als „Quell aller Übel und Verderbnis der Sitten“, eine These, die im Widerspruch zum Verständnis der „Erhabenheit“ eines Feldherrn und eines Kriegs in der Kritik der Urteilskraft steht. Eine Folge des Enthusiasmus ist nach Kant, dass der Fortschritt nicht gestört wird. Aus der Begeisterung für die Republik leitet der Philosoph keinen Anspruch (nicht einmal den Wunsch) auf Verfassungsänderung in Monarchie ab. Monarchie begünstigt die staatliche Macht nach außen. Kant negiert eine Unzufriedenheit der Untertanen mit den eigenen Regierungen aus innenpolitischen Gründen,  sondern sieht eine solche wegen der Einmischung in die Innenpolitik fremder Staaten (konkret in Frankreich) begründet. Die  Republikanisierung fremder Staaten sichere vielmehr die Ruhe im eigenen. Kant verharmlost die Anhängerschaft an die Revolution als „unschuldige Kannegießerei“. Er hält die Anschuldigungen für übertrieben und grundlos. Bemerkenswert ist sein Hinweis auf die Entfernung Preußens von mehr als 100 Meilen vom Schauplatz der Revolution. Von einer politischen Brisanz oder Relevanz der Anhängerschaft geht er nicht aus.

Wahrer Enthusiasmus hat nach Kant seinen Ursprung im Moralischen, so auch der Rechtsbegriff. Die Seelengröße der Anhänger war durch Geldbelohnungen für die Revolutionsgegner nicht erreichbar. Der Ehrbegriff des „alten kriegerischen Adels“, ein Analogon des Enthusiasmus, konnte gleichfalls nicht mithalten. Die Sympathie des Publikums war hervorgerufen worden, ohne dass eine Absicht der Mitwirkung bestand. Die moralische Ursache der Revolutionsbegeisterung deutet Kant geschichtlich als eine Begebenheit der Evolution einer naturrechtlichen Verfassung, nicht als eine Revolution. Der Krieg hindert einen Erfolg der Entwicklung, langfristig ist aber die Tendenz zur republikanischen Verfassung (zumindest nach der Regierungsart) in der Geschichte unumkehrbar. Ohne Sehergeist zu reklamieren ist der Fortschritt zum Bessern sicher. Die Französische Revolution ist ein unvergessliches Ereignis, hervorgegangen aus Natur und Freiheit, die nach Rechtsprinzipien im Menschengeschlecht vereinigt sind. Auch bei Rückschlägen der Revolution bleibt die Vorhersage in Kraft, weil das Interesse der Menschheit damit verbunden ist. Die Belehrung durch Erfahrung wird zur Realisation der Verfassung führen. Der Fortschritt ist auch in strengster Theorie gewiss, nicht nur empfehlenswert, falls Menschengeschlecht nicht untergeht. Für die Allgewalt der Natur ist der Mensch eine Kleinigkeit. Die Kriegführung der Herrscher bedeutet eine Umkehrung des Endzwecks der Schöpfung. Volksaufklärung hält Kant für eine treibende Kraft. Sie ist keine Angelegenheit staatlicher Beamter, sondern der Philosophen. Diese werden jedoch als „Aufklärer“ für eine Staatsgefahr gehalten. Sie erheben ihre Stimme ehrerbietig gegenüber dem Staat, nicht vertraulich gegenüber dem Volk. Das Verbot der Publizität verhindert Fortschritt, sogar in Bezug auf das natürliche Recht.

In Bezug auf die britische Verfassung wirft Kant die Frage nach dem Charakter der Monarchie auf. Entgegen ihrem Anspruch hält er den Staat für eine unbeschränkte Monarchie, was aber verheimlicht werde. Die beiden Parlamente schränkten die Monarchie nicht ein. Der Wille des Monarchen wird durchgesetzt, auch wenn z.B. in Bezug auf den Negerhandel ein Ränkespiel getrieben wird. Der Monarch stellt den Antrag auf Abschaffung in den Parlamenten, will aber einen Widerspruch gegen seinen Antrag erreichen. Kant zieht sein Kriterium für eine republikanische Verfassung heran: Eine Kriegserklärung kann ein absoluter Monarch verkünden, ein eingeschränkter nicht. Der großbritannische Monarch hat viele Kriege ohne Einwilligung geführt, was durch ein geheimes Bestechungssystem erreicht wurde. Eine Verfassung nach dem Prinzip des Naturrechts verlangt: die dem Gesetz Gehorchenden sollen vereinigt gesetzgebend sein. Diese Basis ist ein platonisches Ideal, die ewige Norm für alle  bürgerliche Verfassung, sie entfernt allen Krieg. = Diese Verfassung ist Pflicht. Die Pflicht des Monarchen ist die Praktizierung einer republikanischen Regierung, auch bei autokratischer Herrschaft.

Den Ertrag des Fortschritts sieht Kant in der Vermehrung der Produkte der Legalität in pflichtmäßigen Handlungen, die sittliche Beschaffenheit des Menschengeschlechts. Er kommt auch ohne moralische Ursache zustande. Der Fortschritt bringt eine Verringerung der Gewalttätigkeit der mächtigen, eine Vermehrung der Folgsamkeit nach Gesetzen, mehr Wohltätigkeit, weniger Zank in Prozessen, schließlich darüber hinaus eine Verbesserung der Völkerbeziehungen. „Süß“ nennt der Philosoph das Ausdenken vernünftiger Staatsverfassungen, „vermessen“ sind Vorschläge, „strafbar“ Aufwiegelung zu Veränderungen. Das entworfene Staatsideal zu erstreben ist eine Pflicht nicht der Staatsbürger, sondern des Staatsoberhaupts. Der Fortschritt zum Besseren wird nach Kant nicht durch Bildung erreicht, sondern durch einen überlegten Plan der obersten Staatsmacht. Der Staat soll sich in einer Evolution selbst reformieren. Letzte Hoffnung ist eine Weisheit von oben herab (Vorsehung), vom Menschen wird die negative Weisheit erwartet, die zu einer Verringerung der Kriege führt. Zielpunkt ist eine Verfassung nach echten Rechtsprinzipien. Der gegenwärtige Krieg lässt Kant auf eine Wendung zum Besseren hoffen.

Rezeption der Französischen Revolution

Die erste Phase der Französischen Revolution wurde im Ausland überwiegend positiv beurteilt. In zahlreichen Publikationen wurde im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die tatkräftige Umsetzung der Ideen der Aufklärung im westlichen Nachbarland begrüßt und unterstützt. Auch für die europäischen Monarchien schienen die politischen Umbrüche in Frankreich zunächst keine Bedrohung für ihre eigene Verfassung darzustellen. Kaiser Joseph II., der im Reich sehr engagiert seinen reformpolitischen Kurs vorangetrieben hatte, sah in der bürgerlichen Revolution das Ringen um die gesellschaftspolitischen Änderungen bestätigt, die er in seinem Herrschaftsgebiet durch “liberalisierende” Politik geschaffen hatte. Sein Nachfolger, Kaiser Leopold II., nahm von der Reformpolitik seines Bruders zwar Abstand, stand den Ereignissen der Französischen Revolution aber zunächst ebenfalls wohlwollend gegenüber. Die Reaktion des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. und der Mehrheit seines staatlichen Beamtenapparates auf die Anfänge der Französischen Revolution, in der sich der Nationalkonvent zur politischen Kraft manifestierte, waren ähnlich: Die westlichen Nachbarn versuchten die sozialen und politischen Fortschritte “von unten” zu erkämpfen, die im eigenen Territorium durch die Politik des aufgeklärten Absolutismus “von oben” erreicht worden waren.

Die Rezeption der Französischen Revolution unter den führenden deutschen Intellektuellen wie zum Beispiel Schiller, Goethe, Kant, Wieland, Forster, u.v.m. war zunächst sogar von einer regelrechten Revolutionsbegeisterung getragen, die sich in zahlreichen Schriften niederschlug. Viele bekundeten ihre Solidarität mit den sozialen und politischen Umwälzungen im westlichen Nachbarland durch Frankreichreisen; einige wurden sogar zu “Ehrenbürgern” der jungen Republik (September 1792) ernannt. Solange in Frankreich Reformadelige wie Mirabeau und Lafayette im Bunde mit großbürgerlichen Führungskräften die Entwicklung bestimmten und die Volksbewegung im Zaum hielten, zollten die Weimarer Geistesgrößen der Revolution im allgemeinen Beifall.

Die mehrheitliche Einschätzung der Französischen Revolution im Ausland änderte sich, als die Flucht der französischen Königsfamilie im Juni 1791 in Varennes scheiterte und sie unter allgemeinem Spott nach Paris zurückgeführt wurde. In Frankreich selbst hatte der “Verrat” von König Ludwig XVI. an “seinem” Volk zu einer Welle des Patriotismus und die weitverbreitete Unbeliebtheit der Königin, der “Österreicherin” Marie Antoinette, zu einer nationalen Feindseligkeit gegen das Habsburger Haus geführt.

Das Spektrum der Meinungen unter preußischer Zensur 1789-1806

Vom furiosen Beginn der Französischen Revolution, dem Sturm auf die Bastille, erfuhr der Berliner Zeitungsleser am 28. Juli 1789, zwei Wochen nach den Pariser Ereignissen, durch die beiden Zeitungen der preußischen Haupt- und Residenzstadt, die Vossische Zeitung und die Berlinischen Nachrichten . Mit dieser Nachricht war beim Lesepublikum ein Interesse geweckt, das den folgenden Jahren nicht abebbte und alle übrigen Nachrichteninhalte zunehmend in den Hintergrund drängte. Dieses Interesse kommt auch in der Behandlung des Themas in den Zeitschriften zum Ausdruck, vor allem auch in den zu beobachtenden Neubegründungen historisch-politischer Zeitschriften mit Schwerpunkt bei der Frankreichthematik.

Während im Jahr 1789 die ultimative Katastrophe der französischen Monarchie ihren Lauf nahm, befand sich die preußische Monarchie in einer Umbruchphase nach dem 1786 erfolgten Thronwechsel. Der von Seiten der preußischen und Berliner Aufklärer schon lange befürchtete innenpolitische Umschwung und der Bruch mit dem aufgeklärten Absolutismus Friedrichs manifestierte sich in zwei berüchtigten königlichen Erlassen des Jahres 1788: dem Wöllnerschen Religionsedikt und dem Zensuredikt auf den ersten Blick eine denkbar schlechte Grundlage für die freimütige publizistische Erörterung brisanter politischer Themen. Somit wurde die Französische Revolution zum markanten Prüfstein für das Maß der Pressefreiheit in Preußen.

Die für die Berliner Zeitungen und Zeitschriften zuständige Zensurbehörde war gemäß Zensuredikt das “Kabinettsministerium” genannte Departement der Auswärtigen Affairen [= Außenministerium], das die beiden Zeitungen Berlins und die Zeitschriften vor der Drucklegung revidierte. Unter den Berliner Periodika befanden sich im behandelten Zeitraum acht im engeren Sinne als historisch-politische Zeitschriften zu bezeichnende Journale, welche die Französische Revolution als herausragendes oder sogar ausschließliches Thema behandelten. Von diesen lassen sich vier als “prorevolutionär” und vier als “antirevolutionär” im Hinblick auf ihre Stellungnahme zur Französischen Revolution charakterisieren. Daneben ist vor allem die Behandlung des Themas in <I>dem</i> Forum der Berliner Spätaufklärung schlechthin, der <I>Berlinischen Monatsschrift</i>, von Interesse. </p> <P>Für die Zeitungen läßt sich festhalten, daß sie über Jahre in erstaunlicher Breite über alle Haupt- und Nebenumstände der Revolution berichteten, alle wichtigen Revolutionsdokumente wie die Menschenrechtserklärung und die Revolutionsverfassungen mitteilten und auch die radikalsten Meinungsäußerungen französischer Revolutionäre ohne erkennbare Zurückhaltung wiedergaben von einer gerade den Berliner Zeitungen oftmals unterstellten völlig unpolitischen Nachrichtenvermittlung kann dabei keine Rede sein. Vielmehr zeichnete sich besonders die Haude- und Spenersche Zeitung zumindest bis 1794 durch eine auffallend revolutionsfreundliche, oft antiklerikale und antiaristokratische Anteilnahme an den Pariser Ereignissen aus.

Während die Berlinische Monatsschrift</i> sich der Frankreichthematik aus taktischen Erwägungen heraus hauptsächlich auf einer abstrakten und theoretischen Ebene annahm, um von ihr beförderte Reformvorhaben (ALR) nicht zu gefährden, bezogen jeweils vier Berliner Journale klar Position gegen bzw. für die Revolution in Frankreich. Das Meinungsspektrum, das diese Zeitschriften abdeckten, reichte von der uneingeschränkten Verteidigung des französischen Ancien Régime über die Rechtfertigung der ursprünglichen Revolution von 1789 bis hin zur Verteidigung auch der radikalen Revolutionsphase unter dem Eindruck von Invasion und Bürgerkrieg. Die Vielfalt der Meinungen kann sich daher durchaus messen mit der für ihre vielfältige Presselandschaft bekannten Hansestadt Hamburg. Allerdings war Berlin weder Verlagsort solcher antirevolutionären Zeitschriften wie der aggressiven <I>Eudämonia</i> oder des <I>Revolutions-Almanachs</i>, noch und das versteht sich eigentlich von selbst erschienen jakobinische Journale wie die G. F. Rebmanns in Berlin.

Aus den im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz überlieferten Zensurakten der zentralen preußischen Behörden gewinnt man das Bild einer Zensur, deren Wirksamkeit durch verschiedene Faktoren eingeschränkt blieb: Nachdem schon früh die Entscheidung gefallen war, die Mitteilung und öffentliche Erörterung der Revolutionsthematik in Preußen nicht prinzipiell zu unterbinden, blieb unter Friedrich Wilhelm II. ein Hauptaugenmerk der Zensur gleichwohl auf religiöse Schriften gerichtet. Als ein gängiges Muster erweist sich die Befürchtung der Obrigkeit, das Verbot einer Schrift werde mehr Aufsehen erregen als deren weiteres Erscheinen. Schwerer als innenpolitische Erwägungen wog die nicht unbegründete Furcht der Regierung, bestimmte Aussagen in preußischen, unter Zensur stehenden Zeitschriften und insbesondere den Zeitungen könnten auswärts als direkte oder indirekte Meinungsäußerungen der preußischen Regierung gewertet werden. Insofern läßt sich eine etwaige “Revolutionsfurcht” der preußischen Regierung nicht nachvollziehen; vielmehr kann man bei der Handhabung der Zensur von einem “Primat der Außenpolitik” sprechen. Daneben waren Kompetenzstreitigkeiten der preußischen Behörden einer stringenten Handhabung der Zensur abträglich. Zusammenfassend kann man die Zensurpraxis des Ministeriums in Bezug auf die Erörterung der Französischen Revolution eher als Laisser-faire charakterisieren denn als Aspekt einer kohärenten, antirevolutionären Politik.

Pariser Enthüllungen aus dem Archiv der Bastille

Tatsächlich weckten insbesondere die neuesten Pariser Enthüllungen aus dem geplünderten Archiv der Bastille so die allgemeine Neugier, dass auf dem deutschen Buchmarkt jeweils mehrere Übertragungen miteinander konkurrierten. Verschiedene Übersetzungen der mehrbändigen anonymen “Dokumentation” La Bastille dévoilée (1789–1790) wurden gleichzeitig von der Bayreuther Zeitungsdruckerei und von Donatius in Lübeck verlegt. Deutsche Fassungen der Jean-Louis Carra (1743–1793)  zugeschriebenen Mémoires historiques et authentiques sur la Bastille (1789) erschienen in Frankfurt am Main und in Leipzig bei Varrentrapp & Wenner, außerdem in Leipzig und Wien bei Jacobäer und Stahel sowie in Heidelberg bei Pfähler. Der zwanzigseitige Auszug aus den Remarques historiques sur la Bastille, den der Berliner Verleger und Journalist Carl Spener (1749–1827) anfertigte, wurde bereits im August 1789 unter dem lapidaren Titel Die Bastille nicht nur in einer Sonderbeilage der Berlinischen Nachrichten, im Hannover’schen Magazin und in den Kemptener Neuesten Weltbegebenheiten, sondern auch in zwei selbständigen Broschüren veröffentlicht.

Fallbeispiel eines preußíschen Publizisten: Johann Wilhelm von Archenholtz

Die angeführten Beispiele waren Teil eines umfangreichen allgemeinen Transfers des Medienereignisses “Revolution”, der konkret von einer kaum übersehbaren Menge deutscher Übersetzungen französischer Texte getragen wurde. Der von Berlin über Paris ins zensurfreie Altona bei Hamburg übergesiedelte Publizist Johann Wilhelm von Archenholtz (1743–1812), der Kant bekannt war, brachte es im Juni 1795 auf den Punkt:

„Die Begierde deutscher Schriftsteller und Buchhändler, ausländische Schriften zu verdeutschen, … ist in Hinsicht Frankreichs jetzt aufs Höchste gestiegen. Die dortigen großen immer fortdauernden Ereignisse, die in Paris auferstandene Preßfreyheit, und der Umstand, daß diese französischen litterarischen Producte nicht Bücher, sondern fast alle Broschüren und kleine Tageblätter sind, ermuntern manchen Verlagerüstigen Mann zu dieser Jagd, die er bey starken Büchern und Werken vielleicht unterlassen würde.“

Tatsächlich wurden im Dezennium der Revolution – die Übersetzungen in der Tagespresse nicht eingerechnet – rund 1.900 politische Gegenwartstexte aus Frankreich in deutscher Sprache veröffentlicht, die beinahe zur Hälfte aus kleinen Flugschriften und Einblattdrucken bestanden. Soweit diese Übertragungen eigens von einem Übersetzungsbüro der französischen Regierung oder von der jakobinischen Presse im Elsass lanciert wurden, verfolgten sie primär propagandistische Zwecke. Zumeist stellten sie jedoch vor allem eine Ware dar, die sich am aktuellen Hauptinteresse des Publikums orientierte. Um dessen Neugier an spektakulären Ereignissen wie den Septembermassakern (1792), dem Tuileriensturm (1792) oder dem Sturz Robespierres (1794) zu befriedigen, kamen sie bevorzugt im Medium der Zeitschrift auf den Markt – etwa in Archenholtz’ Minerva,  die monatlich an 3.000 Abonnenten ausgeliefert wurde.

Archenholz sah sich schon zu seiner Militärzeit als Weltbürger und Freigeist. Seit Mitte der 1760er Jahre war er Mitglied der Freimaurer und Logenbruder u. a. von Johann Christoph Bode und Friedrich Ludwig Schröder. Als 1789 in Frankreich die Revolution ausbrach, begeisterte er sich zunächst für deren Ideale. Im August 1791 siedelte er sogar mit seiner Familie nach Paris über. Die erste Anlaufstelle für jeden Deutschen war der Deutsche Klub mit dem Kreis um Graf Gustav von Schlabrendorf. Hier fand sich dann auch Archenholz ein. Er gründete die Zeitschrift Minerva, um den Lesern in Deutschland ein zuverlässiges Bild der Ereignisse zu geben. Ende Juni 1792 musste er Frankreich jedoch auf Grund der politischen Lage fluchtartig verlassen. Nach einigen politischen Veröffentlichungen drohte ihm die Guillotine. Die zunehmenden Ausschreitungen änderten auch seine Einstellung zur Revolution.

Archenholz ließ sich nach der Rückkehr aus Frankreich wieder in Hamburg nieder und erwarb in Öjendorf ein Landgut. Er lebte als Schriftsteller und Zeitungsverleger und nannte sich „Herausgeber, vormals Hauptmann in königl. preuss. Diensten“. 1809 begann er sich aus der verlegerischen Tätigkeit zurückzuziehen und siedelte auf sein Landgut über. Dort starb er am 28. Februar 1812.

Immanuel Kant hat die große Resonanz der Französischen Revolution in Europa und vor allem in Preußen vor Augen, als er seine Bekenntnisschrift „Der Streit der Fakultäten“  herausgab.

Resüme der Vorlesung „Kant und Preußen“

Das von Kant aus der Vorlesung gewonnene Bild zeigt diesen gleichzeitig als revolutionären Denker und als loyalen Staatsbürger. Revolutionär ist seine Bewertung der republikanischen Regierungsart, die er als die einzig richtige beschreibt. Kategorisch bindet er diese an den Volkswillen. Nur was das Volk selbst entscheiden würde, kann als Maßstab eines Staatsoberhaupts dienen. Unrecht ist, was das Volk nicht beschließen würde. Kant bringt dabei immer wieder die Entscheidung über Krieg und Frieden ins Spiel.

Volk wird von Kant nicht in sozialer Hinsicht gegliedert. Er unterscheidet nicht nach Ständen, nicht zwischen höheren und niedrigeren Schichten. In dieser Weise spricht er auch vom Menschengeschlecht. Da er darin Einheiten sieht, konzipiert er eine soziale Gleichheit. In der Rechtslehre der „Metaphysik der Sitten“ bezeichnet er gar diese Gleichheit als Menschenrecht.

Kant plädiert für verschiedene Freiheitsrechte: Rede- und Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Pressefreiheit. Wichtig ist für ihn vor allem die unbegrenzte Denkfreiheit der Philosophen. Eine staatliche Einschränkung wird diesen gegenüber abgelehnt.

Kennzeichnend ist für Kant andererseits die eindeutige Loyalität gegenüber dem Staat. Diese gilt auch für eine Obrigkeit, die nicht den Idealvorstellungen entspricht. So beugt sich Kant nach einer Maßregelung auf der Basis des Pressegesetzes von 1788. Bezeichnend ist auch seine Verharmlosung der Anhängerschaft an die Französische Revolution, die er zur „unschuldigen Kannegießerei“ erklärt. Aus den radikalen politischen Bekenntnissen werden bloße Gedankenspiele. Kant erwartet allerdings, dass sich geschichtlich auf lange Sicht ein Fortschritt einstellt, der „zum Besseren“ führt.