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Peter Burg Werke

Vorlesung 25012021

Vorlesung 25012021

15. Erhabenheit des Feldherrn und Friedrich der Große

Im Rahmen einer seiner philosophischen Hauptwerke nimmt Kant zur Frage Stellung, in welchem Ansehen Staatsmann und Feldherr in der Gesellschaft stehen. Das Urteil befindet sich im Ersten Teil der „Kritik der Urteilskraft“, der sich mit der ästhetischen Urteilskraft befasst und vom Begriff der „Erhabenheit“ handelt. Es beruht auf folgender theoretischer Grundlage: Der Anstoß einer menschlichen Empfindung, die das Gefühl der Erhabenheit auslöst, geht von einem Phänomen der Natur aus, das einen nachhaltigen Eindruck auf das menschliche Bewusstsein hinterlässt.  In der tangierten Gefühlswelt spielt der Begriff der Erhabenheit eine zentrale Rolle, der im menschlichen Empfindungsvermögen verankert ist. Kant führt einige Beispiele aus Natur und Religion für diesen Zusammenhang an, ein Beispiel wird auf den Feldherrn bezogen, der sich unter dem Kriterium der Erhabenheit deutlich von dem Staatsmann abhebt.  Im Originaltext beschreibt Kant das „Dynamisch-Erhabene“ folgendermaßen:

Quellenzitat aus der „Kritik der Urteilskraft“ (Auflagen von 1790, 1793, 1799).

B. Vom Dynamisch=Erhabenen der Natur.

§ 28. Von der Natur als einer Macht.

Macht ist ein Vermögen, welches großen Hindernissen überlegen ist. Eben dieselbe heißt eine Gewalt, wenn sie auch dem Widerstande dessen, was selbst Macht besitzt, überlegen ist. Die Natur, im ästhetischen Urtheile als Macht, die über uns keine Gewalt hat, betrachtet, ist dynamisch=erhaben.

Wenn von uns die Natur dynamisch als erhaben beurtheilt werden soll, so muß sie als Furcht erregend vorgestellt werden (obgleich nicht umgekehrt jeder Furcht erregende Gegenstand in unserm ästhetischen Urtheile erhaben gefunden wird). Denn in der ästhetischen Beurtheilung (ohne Begriff) kann die Überlegenheit über Hindernisse nur nach der Größe des Widerstandes beurtheilt werden. Nun ist aber das, dem wir zu widerstehen bestrebt sind, ein Übel und, wenn wir unser Vermögen demselben nicht gewachsen finden, ein Gegenstand der Furcht. Also kann für die ästhetische Urtheilskraft die Natur nur sofern als Macht, mithin dynamisch erhaben gelten, sofern sie als Gegenstand der Furcht betrachtet wird.

Man kann aber einen Gegenstand als furchtbar betrachten, ohne sich vor ihm zu fürchten, wenn wir ihn nämlich so beurtheilen, daß wir uns bloß den Fall denken, da wir ihm etwa Widerstand thun wollten, und daß alsdann aller Widerstand bei weitem vergeblich sein würde. So fürchtet der tugendhafte Gott, ohne sich vor ihm zu fürchten, weil er ihm und seinen Geboten widerstehen zu wollen sich als keinen von ihm besorglichen Fall denkt. Aber auf jeden solchen Fall, den er als an sich nicht unmöglich denkt, erkennt er ihn als furchtbar.

Wer sich fürchtet, kann über das Erhabene der Natur gar nicht urtheilen, so wenig als der, welcher durch Neigung und Appetit eingenommen ist, über das Schöne. Jener flieht den Anblick eines Gegenstandes,         der ihm Scheu einjagt; und es ist unmöglich, an einem Schrecken, der ernstlich gemeint wäre, Wohlgefallen zu finden. Daher ist die Annehmlichkeit aus dem Aufhören einer Beschwerde das Frohsein. Dieses aber, wegen der Befreiung von einer Gefahr, ist ein Frohsein mit dem Vorsatze, sich derselben nie mehr auszusetzen; ja man mag an jene Empfindung nicht einmal gerne zurückdenken, weit gefehlt, daß man die Gelegenheit dazu selbst aufsuchen sollte.

Kühne, überhangende, gleichsam drohende Felsen, am Himmel sich aufthürmende Donnerwolken, mit Blitzen und Krachen einherziehend, Vulcane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orkane mit ihrer zurückgelassenen         Verwüstung, der gränzenlose Ocean, in Empörung gesetzt, ein hoher Wasserfall eines mächtigen Flusses u. d. gl. machen unser Vermögen zu widerstehen in Vergleichung mit ihrer Macht zur unbedeutenden Kleinigkeit. Aber ihr Anblick wird nur um desto anziehender, je furchtbarer er ist, wenn wir uns nur in Sicherheit befinden; und wir nennen diese Gegenstände gern erhaben, weil sie die Seelenstärke über ihr gewöhnliches Mittelmaß erhöhen und ein Vermögen zu widerstehen von ganz anderer Art in uns entdecken lassen, welches uns Muth macht, uns mit der scheinbaren Allgewalt der Natur messen zu können.

Denn so wie wir zwar an der Unermeßlichkeit der Natur und der Unzulänglichkeit unseres Vermögens einen der ästhetischen Größenschätzung ihres Gebiets proportionirten Maßstab zu nehmen unsere eigene Einschränkung, gleichwohl aber doch auch an unserm Vernunftvermögen zugleich einen andern, nicht=sinnlichen Maßstab, welcher jene Unendlichkeit selbst als Einheit unter sich hat, gegen den alles in der Natur klein ist, mithin in unserm Gemüthe eine Überlegenheit über die Natur selbst in ihrer Unermeßlichkeit fanden: so giebt auch die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht uns, als Naturwesen betrachtet, zwar unsere physische Ohnmacht zu erkennen, aber entdeckt zugleich ein Vermögen, uns als von ihr unabhängig zu beurtheilen, und eine Überlegenheit über die Natur, worauf sich eine Selbsterhaltung von ganz andrer Art gründet, als diejenige ist, dievon der Natur außer uns angefochten und in Gefahr gebracht werdenkann, wobei die Menschheit in unserer Person unerniedrigt bleibt, obgleich der Mensch jener Gewalt unterliegen müßte, auf solche Weise wird die Natur in unserm ästhetischen Urtheile nicht, sofern sie furchterregend ist, als erhaben beurtheilt, sondern weil sie unsere Kraft (die nicht Natur ist) in uns aufruft, um das, wofür wir besorgt sind, (Güter, Gesundheit und Leben) als klein und daher ihre Macht (der wir in Ansehung dieser Stücke allerdings unterworfen sind) für uns und unsere Persönlichkeit demungeachtet doch für keine solche Gewalt anzusehen, unter die wir uns zu beugen hätten, wenn es auf unsre höchste Grundsätze und deren Behauptung oder Verlassung ankäme. Also heißt die Natur hier erhaben, bloß weil sie die Einbildungskraft zu Darstellung derjenigen Fälle erhebt, in welchen das Gemüth die eigene Erhabenheit seiner Bestimmung selbst über die Natur sich fühlbar machen kann.

Diese Selbstschätzung verliert dadurch nichts, daß wir uns sicher sehen müssen, um dieses begeisternde Wohlgefallen zu empfinden; mithin, weil es mit der Gefahr nicht ernst ist, es auch (wie es scheinen möchte) mit der Erhabenheit unseres Geistesvermögens eben so wenig ernst sein möchte. Denn das Wohlgefallen betrifft hier nur die sich in solchem Falle entdeckende       Bestimmung unseres Vermögens, so wie die Anlage zu demselben in unserer Natur ist; indessen daß die Entwickelung und Übung desselben uns überlassen und obliegend bleibt. Und hierin ist Wahrheit, so sehr sich auch der Mensch, wenn er seine Reflexion bis dahin erstreckt, seiner gegenwärtigen wirklichen Ohnmacht bewußt sein mag.

Dieses Princip scheint zwar zu weit hergeholt und vernünftelt, mithin für ein ästhetisches Urtheil überschwenglich zu sein: allein die Beobachtung des Menschen beweiset das Gegentheil, und daß es den gemeinsten Beurtheilungen zum Grunde liegen kann, ob man sich gleich desselben nicht immer bewußt ist. Denn was ist das, was selbst dem Wilden ein Gegenstand der größten Bewunderung ist? Ein Mensch, der nicht erschrickt, der sich nicht fürchtet, also der Gefahr nicht weicht, zugleich aber mit völliger Überlegung rüstig zu Werke geht. Auch im allergesittetsten Zustande bleibt diese vorzügliche Hochachtung für den Krieger; nur daß man noch dazu verlangt, daß er zugleich alle Tugenden des Friedens, Sanftmuth, Mitleid und selbst geziemende Sorgfalt für seine eigne Person, beweise: eben darum weil daran die Unbezwinglichkeit seines Gemüths durch Gefahr erkannt wird. Daher mag man noch so viel in der Vergleichung des Staatsmanns mit dem Feldherrn über die Vorzüglichkeit der Achtung, die einer vor dem andern verdient, streiten; das ästhetische Urtheil entscheidet für den letztern. Selbst der Krieg, wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Erhabenes an sich und macht zugleich die Denkungsart des Volks, welches ihn auf diese Art führt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren es ausgesetzt war und sich muthig darunter hat behaupten können: da hingegen ein langer Frieden den bloßen Handelsgeist, mit ihm aber den niedrigen Eigennutz, Feigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen und die Denkungsart des Volks zu erniedrigen pflegt.

Wider diese Auflösung des Begriffs des Erhabenen, sofern dieses der Macht beigelegt wird, scheint zu streiten: daß wir Gott im Ungewitter, im Sturm, im Erdbeben u. d. gl. als im Zorn, zugleich aber auch in seiner Erhabenheit sich darstellend vorstellig zu machen pflegen, wobei doch die Einbildung einer Überlegenheit unseres Gemüths über die Wirkungen und, wie es scheint, gar über die Absichten einer solchen Macht Thorheit und Frevel zugleich sein würde. Hier scheint kein Gefühl der Erhabenheit unserer eigenen Natur, sondern vielmehr Unterwerfung, Niedergeschlagenheit und Gefühl der gänzlichen Ohnmacht die Gemüthsstimmung zu sein, die sich für die Erscheinung eines solchen Gegenstandes schickt und auch gewöhnlichermaßen mit der Idee desselben bei dergleichen Naturbegebenheit verbunden zu sein pflegt. In der Religion überhaupt scheint niederwerfen, Anbetung mit niederhängendem Haupte, mit zerknirschten, angstvollen Geberden und Stimmen das einzig schickliche Benehmen in Gegenwart der Gottheit zu sein, welches daher auch die meisten Völker angenommen haben und noch beobachten. Allein diese Gemüthsstimmung ist auch bei weitem nicht mit der Idee der Erhabenheit einer Religion und ihres Gegenstandes an sich und nothwendig verbunden. Der Mensch, der sich wirklich fürchtet, weil er dazu in sich Ursache findet, indem er sich bewußt ist, mit seiner verwerflichen Gesinnung wider eine Macht zu verstoßen, deren Wille unwiderstehlich und zugleich gerecht ist, befindet sich gar nicht in der Gemüthsfassung, um die göttliche Größe zu bewundern, wozu eine Stimmung zur ruhigen Contemplation und ganz freies Urtheil erforderlich ist. Nur alsdann, wenn er sich seiner aufrichtigen gottgefälligen Gesinnung bewußt ist, dienen jene Wirkungen der Macht, in ihm die Idee der Erhabenheit dieses Wesens zu erwecken, sofern er eine dessen Willen gemäße Erhabenheit der Gesinnung bei sich selbst erkennt und dadurch über die Furcht vor solchen Wirkungen der Natur, die er nicht als Ausbrüche seines Zorns ansieht, erhoben wird. Selbst die Demuth als unnachsichtliche Beurtheilung seiner Mängel, die sonst beim Bewußtsein guter Gesinnungen leicht mit der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur bemäntelt werden könnten, ist eine erhabene Gemüthsstimmung, sich willkürlich dem Schmerze der Selbstverweise zu unterwerfen, um die Ursache dazu nach und nach zu vertilgen. Auf solche Weise allein unterscheidet sich innerlich Religion von Superstition, welche letztere nicht Ehrfurcht für das Erhabene, sondern Furcht und Angst vor dem übermächtigen Wesen, dessen Willen der erschreckte Mensch sich unterworfen sieht, ohne ihn doch hochzuschätzen, im Gemüthe gründet: woraus denn freilich nichts als Gunstbewerbung und Einschmeichelung statt einer Religion des guten Lebenswandels entspringen kann.

Also ist die Erhabenheit in keinem Dinge der Natur, sondern nur in unserm Gemüthe enthalten, sofern wir der Natur in uns und dadurch auch der Natur (sofern sie auf uns einfließt) außer uns überlegen zu sein uns bewußt werden können. Alles, was dieses Gefühl in uns erregt, wozu die Macht der Natur gehört, welche unsere Kräfte auffordert, heißt alsdann (obzwar uneigentlich) erhaben; und nur unter der Voraussetzung dieser Idee in uns und in Beziehung auf sie sind wir fähig, zur Idee der Erhabenheit desjenigen Wesens zu gelangen, welches nicht bloß durch seine Macht, die es in der Natur beweiset, innige Achtung in uns wirkt, sondern noch mehr durch das Vermögen, welches in uns gelegt ist, jene ohne Furcht zu beurtheilen und unsere Bestimmung als über dieselbe erhaben zu denken.

Vorlesungstext 25012021:

Thesenhafte Zusammenfassung des Quellenzitat:

Natur ohne Gewalt über den Menschen ist eine dynamisch-erhabene Macht. Die Natur erregt durch ihre Überlegenheit über den Widerstand gegen die Macht reale oder fiktive Furcht. Beispiel für letzteren Fall: Ein Tugendhafter fürchtet Gott ohne reale Furcht. Beispiele für das Gefühl einer Übermacht der Natur über den Menschen: Überhängende Felsen, Donnerwolken, Vulkane, Orkane, Ozeane, Wasserfälle, alle erzeugen ein Gefühl der Ohnmacht. Eine reale Geborgenheit verleiht innere Widerstandskraft. Eine Empfindung für die übermächtige Natur und gleichzeitig für die erhabene Überlegenheit über die Natur kann nebeneinander bestehen. Das Überlegenheitsgefühl verliert nichts dank Sicherheitsbewusstsein; die wirkliche Ohnmacht ist nicht entscheidend.

Zum Exempel aus dem sozialen Bereich: Ein Dynamisch-erhabener Mensch ist der Krieger; dieser erschrickt nicht, weicht der Gefahr nicht, besitzt gleichzeitig alle Tugenden des Friedens. Dem Staatsmann ist er im ästhetischen Urteil überlegen. Es gibt eine Analogie zum Volk im Krieg, der mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird. Negativer Fall: Ein langer Frieden führt zur moralischen Schwächung der Denkungsart.

Kants Bezugnahme zur Religion: Gott wird verstanden als erhabene Macht, bisweilen, z.B. bei Gewitter, erscheint er im Zorn. Das Überlegenheitsgefühl unser eigenen Natur ist dann nicht vorhanden, sondern das Gefühl der Ohnmacht dominiert in der Gemütsstimmung = ein Charakteristikum der Religion bei meisten Völkern. Doch diese Stimmung ist nach Kant nicht notwendig mit der Erhabenheit der Religion verbunden. Richtige Gemütsfassung der Erhabenheit sind Kontemplation und freies Urteil sowie Demut. Darin liegt der Unterschied von Religion und Aberglauben, letzterer bringt Furcht vor übermächtigem Wesen. Erhabenheit ist für Kant nicht in der Natur, sondern im Gemüt, in der Empfindung, in der Fähigkeit zur Beurteilung.

Ist die Erhabenheit des Feldherrn ein preußisches Ideal? Ein Indiz für Kants Hochschätzung des Militärs? Die Hochschätzung des Militärs passt zum Preußentum. Die Frage ist berechtigt, ob Kant in König Friedrich den Großen einen erhabenen Feldherrn sieht. Seine Urteile über ihn sind durchweg positiv und auch die Kriege, die dieser führte, werden von Kant nicht kritisiert. Das Friedrichbild wird durch weitere Zitate belegt.

Zitat Friedrichs des Großen  aus der Kritik der Urteilskraft, § 49. Von den Vermögen des Gemüths, welche das Genie ausmachen:

Wenn der Große König sich in einem seiner Gedichte so ausdrückt: “Laßt uns aus dem Leben ohne Murren weichen und ohne etwas zu bedauern, indem wir die Welt noch alsdann mit Wohlthaten überhäuft zurücklassen. So verbreitet die Sonne, nachdem sie ihren Tageslauf vollendet hat, noch ein mildes Licht am Himmel; und die letzten Strahlen, die sie in die Lüfte schickt, sind ihre letzten Seufzer für das Wohl der Welt”: so belebt er seine Vernunftidee von weltbürgerlicher Gesinnung noch am Ende des Lebens durch ein Attribut, welches die Einbildungskraft (in der Erinnerung an alle Annehmlichkeiten eines vollbrachten schönen Sommertages, die uns ein heiterer Abend ins Gemüth ruft) jener Vorstellung beigesellt, und welches eine Menge von Empfindungen und Nebenvorstellungen rege macht, für die sich kein Ausdruck findet. Andererseits kann sogar ein intellectueller Begriff umgekehrt zum Attribut einer Vorstellung der Sinne dienen und so diese letztere durch die Idee des Übersinnlichen beleben; aber nur indem das Ästhetische, was dem Bewußtsein des letztern subjectiv anhänglich ist, hiezu gebraucht wird.

Kommentar: Was will Friedrich II.? Er möchte der Welt in weltbürgerlicher Gesinnung ein großes Lebenswerk hinterlassen und am Ende seines Lebens zufrieden darauf zurückblicken.  Seine Vorstellung hat er in einem Gedicht bildlich zum Ausdruck gebracht. Kant zitiert ihn in der Kritik der Urteilskraft, wobei er ohne den Begriff der Erhabenheit auskommt, aber an der Hochschätzung keinen Zweifel lässt.

In der Tugendlehre der „Metaphysik der Sitten“ thematisiert Kant den Selbstmord und stellt kasuistische Fragen nach deren Legitimität. Eine Frage wirft er in Bezug auf Friedrich den Großen auf:

Kann man es einem großen unlängst verstorbenen Monarchen zum verbrecherischen Vorhaben anrechnen, daß er ein behend wirkendes Gift bei sich führte, vermuthlich damit, wenn er in dem Kriege, den er persönlich führte, gefangen würde, er nicht etwa genöthigt sei, Bedingungen der Auslösung einzugehn, die seinem Staate nachtheilig sein könnten; denn diese Absicht kann man ihm unterlegen, ohne daß man nötig hat, hierunter einen bloßen Stolz zu vermuthen?

Die Bereitschaft zum Selbstmord im Interesse des Staates wird von Kant verständnisvoll beschrieben. Das Staatsinteresse steht über dem Menschenleben, sogar über dem des höchsten Repräsentanten, dem König und Oberfeldherrn. Auch hier wird man ein preußisches Denken des Philosophen unterstellen können.

Bewertung des preußischen Militärs und Herrscherbild Friedrichs des Großen

Als Friedrich Wilhelm I. bei seiner Thronbesteigung als preußischer König einen überschuldeten Staatshaushalt vorfand, waren Ordnung, Fleiß, Bescheidenheit und Gottesfürchtigkeit seine Leitmotive für die anschließende Reform und Sanierung des Staatswesens. Seinen Beinamen „Soldatenkönig“ erwarb er sich, als er eine schlagkräftige preußische Armee aufbaute. Sein Sohn Friedrich der Große, der im Gegensatz zum Vater ein Schöngeist war, wurde als Führer des preußischen Heeres in zahlreichen Kriegen zum Sinnbild für Tapferkeit, Gerechtigkeit und Volksverbundenheit. Später, als Friedrich im hohen Alter zum sozial isolierten Mann geworden war, galt er immer noch als Vorbild für Härte, Pflichtbewusstsein und Disziplin.

Das preußische Staatsgebiet war über weite Landstriche verteilt, seine Einwohnerschaft war heterogen zusammengesetzt, auch konfessionell. So hing die Mehrheit der Preußen dem lutherischen, eine Minderheit, zu der auch das Herrscherhaus zählte, dem calvinistischen Protestantismus und eine weitere Minorität dem Katholizismus an. Nachdem Friedrich der Große Juden ins Land geholt hatte, existierten insgesamt vier größere Religionsgemeinschaften neben einigen kleineren Freikirchen in einem Staat. Zudem existierten neben der deutschen Bevölkerungsmehrheit polnische, sorbische und kaschubische Minderheiten. Friedrich Wilhelm I. verstand sich als moralisches Vorbild alle seiner Untertanen, sein Sohn machte Vernunft und Toleranz zu seinen persönlichen Verhaltensmaximen, um den vielfältigen Staat lenken zu können.

Die preußischen Herrscher verschafften dem Staat eine fortschrittliche Rechtsordnung und Verwaltung, ein der Krone gegenüber loyales Offizierskorps und einen „Vernunftpatriotismus“, der seinen Aufstieg vom herkömmlichen Barockstaat des Großen Kurfürsten zur modernen Großmacht trotz dessen ökonomisch kümmerlicher Voraussetzungen – sandige, magere Ackerböden (Preußen als „des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Streusandbüchse“); große Verwüstungen und Menschenentleerungen im Dreißigjährigen Krieg – sehr förderte.

Prägenden Einfluss hatten auch die preußischen Reformen nach der militärischen Niederlage 1806 gegen Napoleon Bonaparte bis zum Wiener Kongress 1815 (Gemeinde-, Heeres-, Schul-, Universitäts- und Steuerreform, Preußisches Judenedikt von 1812). Besonders tiefgreifend wirkte sich die Heeresreform aus, die das Verhältnis zwischen König und Militär nachhaltig veränderte und „aus dem Waffenrock das Ehrenkleid machte“. Galten die Drill und Gehorsam fördernden preußischen Tugenden lange Zeit nur für das Militär, dehnten sie sich mit der Reichsgründung 1871 auf die gesamte deutsche Zivilgesellschaft aus.

Das preußische Denken fand sinnfälligen Ausdruck: Das Glockenspiel der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, in der Friedrich der Große ursprünglich begraben lag, bot das Lied dar: „Üb’ immer Treu und Redlichkeit, / Bis an dein kühles Grab; / Und weiche keinen Fingerbreit / Von Gottes Wegen ab. / Dann wirst du, wie auf grünen Aun, / Durchs Pilgerleben gehn; / Dann kannst du, sonder Furcht und Graun, / Dem Tod’ ins Auge sehn.“

Die preußischen Tugenden sind weder in ihrer Anzahl noch in ihrer Qualität festgelegt und bilden deshalb keinen Kanon. Dabei gehen sie, mit Ausnahme des Gehorsams, auf die christlichen Kardinaltugenden zurück. Ursprünglich galten die preußischen Tugenden lediglich für das Heer und wurden erst später von der preußischen Gesellschaft, die sich selbst zunehmend am Militär orientierte, übernommen. Charakteristisch für das preußische Gesellschaftssystem war eine strenge Hierarchie. So galten Treue, Selbstverleugnung zugunsten von Staat und König („Wer auf die preußische Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört“), Tapferkeit ohne Wehleidigkeit („Lerne leiden, ohne zu klagen“), Unterordnung, Mut und Gehorsam (jedoch nicht ohne Freimut) als erstrebenswert. (Selbst)disziplin, eine unerlässliche militärische Tugend, umfasste auch Härte, gegen sich noch mehr als gegen andere.

Das Denken wurde von der realgeschichtlichen Entwicklung begleitet. Seit 1648 durften deutsche Territorialfürsten dauerhaft eigene Heereskräfte unterhalten. Während der Regierungszeit des „Großen Kurfürsten“ in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erhöhte der Kurfürst von Brandenburg-Preußen Friedrich Wilhelm die Größe der preußischen Armee auf bis zu 30.000 Mann in Kriegszeiten, entmachtete die Obristen, wodurch die wilde Soldateska langfristig diszipliniert wurde und ihre bis dahin üblichen gewalttätigen Übergriffe auf Zivilisten abnahmen. Eine straffe Militärverwaltung, die vom Kriegskommissariat überwacht wurde, begann sich zu entwickeln. Um seine Macht sowohl im Inland als auch im Ausland zu stärken, begann der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. in Preußen 1713 mit Militärreformen und einer Schwerpunktsetzung auf alles Militärische. Die Formen des gesellschaftlichen Lebens begannen sich zu dieser Zeit in Preußen auf das Militärische auszurichten. Die Armee wurde zu einer Art Selbstzweck des Staates. Demnach war in der informellen Bedeutungshierarchie zunächst der Staat dafür da, die Armee zu unterhalten und erst dann die Armee dazu da, den Staat zu schützen. Die jährlichen Militärausgaben beliefen sich auf 73 % des gesamten preußischen Jahresbudgets. Seit dieser Zeit hatten militärische Würdenträger am preußischen Hof einen höheren Rang inne als Zivile Amtsträger. Dies führte bereits in zeitgenössischen Analysen zu Bewertungen, die Preußen als Militärmonarchie klassifizierten, der feudale Fürstenstaat sich also primär auf den Militärstand gründete. Zum Zeitpunkt des Todes des Soldatenkönigs im Jahr 1740 war die preußische Armee zu einer stehenden Armee von 83.000 Mann herangewachsen, einer der größten in Europa, zu einer Zeit, als die gesamte preußische Bevölkerung 2,5 Millionen Menschen umfasste. Der preußische Militärschriftsteller Georg Heinrich von Berenhorst schrieb später, „Die preußische Monarchie bleibt immer – nicht ein Land, das eine Armee, sondern eine Armee, die ein Land hat, in welchem sie gleichsam nur einquartirt steht.“ (ein oft fälschlicherweise Voltaire und Mirabeau zugeschriebenes Zitat).

Trotz der Militarisierung des öffentlichen Lebens in Preußen gab es im 18. Jahrhundert nicht die gleiche Militärbegeisterung wie später im Wilhelminismus. Der Soldatenstand war weiterhin verrufen und verhasst. Das Ansehen der Militärs insgesamt niedrig. Die Lasten durch die Einquartierung wurden von der Zivilbevölkerung als drückend empfunden. Die Exzesse um die teilweise gewaltsamen Werbungen sorgten bis zur Einführung des Enrollierungssystems dafür, dass junge Männer aus Preußen flüchteten und desertierten.

Von den 1740er bis in die 1760er Jahre nutzte Friedrich der Große in einer langen Reihe von Angriffskriegen die beeindruckenden Streitkräfte des Landes, die von seinen Vorgängern aufgebaut worden waren, die Preußen effektiv von einer kleinen zu einer großen Macht in Europa erhoben. Die Armee behielt auch nach 1763 die höchste staatliche Priorität um das Hauptziel, den Erhalt und die Sicherung des Staates nach innen und außen zu gewährleisten. Preußen befand sich weiter im „Dauerstress kontinuierlicher Überanstrengung“ für die Armee, zulasten der Ausbildung der zivilgesellschaftlichen Kräfte.

Normierung, Sozialdisziplinierung im 18. Jahrhundert: Im Zuge der frühneuzeitlichen gesellschaftlichen Entwicklung kamen zu Beginn des 18. Jahrhunderts neue gesellschaftliche Impulse zum Tragen, die, vom entstehenden frühneuzeitlichen Staat angestoßen, bewirkten, dass neue Institutionen geformt wurden und sich die Gesellschaft als Ganzes begann zu differenzieren. Insbesondere die Armee wurde das wichtigste und größte Instrument des sich formierenden und tief in die Gesellschaft hineingreifenden Fürstenstaates.

Der Militarismus trat neben den sich ebenso ausbreitenden Bürokratismus, Fiskalismus und Etatismus als bedeutende Kraft in diesem Differenzierungsprozess hinzu. Er war in dieser Entwicklungsphase gesellschaftlich eine fortschrittlich wirkende Kraft und hemmte die Gewaltanwendung in der Bevölkerung und bewirkte stattdessen ein geordnetes und zielgerichtetes Zusammenwirken vieler Individuen mit persönlich divergierenden Interessen auf ein einheitliches und übergeordnetes Ziel hin, ohne Rücksicht auf den Einzelnen.

Kommentare zum Herrscherbild Friedrichs des Großen in der Geschichtswissenschaft

Repräsentation und Selbstinszenierung Friedrichs II. von Preußen

Friedrich der Große galt lange Zeit als derjenige frühneuzeitliche Herrscher, der für die zeitgenössischen Formen der Repräsentation, auch für Rang, Zeremoniell und Hofhaltung, nur Spott und Verachtung übrig gehabt habe. Und an diesem Eindruck war er nicht unschuldig, im Gegenteil: Er war sorgsam bemüht, seiner Umwelt diesen Eindruck zu vermitteln. So schrieb er etwa im Antimachiavell: “Die Mehrzahl dieser kleinen Fürsten, namentlich in Deutschland, richtet sich zugrunde durch die Aufwendungen, zu denen ihr trunkener Größenwahn sie verführt, die in so gar keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen; die Ehre ihres Hauses hochzuhalten, sinken sie immer tiefer, aus Eitelkeit geraten sie auf den Weg zum Elend und zum Armenhaus. Noch der allerjüngste Spross einer apanagierten Linie hält sich in seiner Einbildung für einen kleinen Ludwig XIV.: er baut sein Versailles, küsst seine Maintenon und hält sich seine Armee.”

Friedrich hält seinen Herrscherkollegen im Reich Eitelkeit und Verschwendungssucht vor, sie würden diesen, von ihm als negativ postulierten “Tugenden” den Vorzug vor Sparsamkeit und Bescheidenheit geben. Aus Sätzen wie diesen haben bis in die Gegenwart ganze Generationen von Historikern geschlussfolgert, dass Friedrich jeglicher Form von Prunk und Prachtentfaltung abhold gewesen sei, dass er Luxus verachtete und es vorzog, sparsam und bescheiden – in einer zerschlissenen Uniform 18 Stunden am Tag – seinen Pflichten nachzugehen, als selbstloser, gewissenhafter, strenger und sparsamer erster Diener seines Staates. Die Repräsentationsanstrengungen, die die Fürstenherrschaft im Ancien Régime auszeichneten, so die Darstellung dieser Historiker, gelten nicht für Friedrich. Statt Unsummen Geldes für den schönen Schein auszugeben, habe der preußische König in das Ansehen und die Ehre seines Hauses und das Wohlergehen. Doch wie die jüngste Forschung zu Friedrich hat zeigen können, ist das Bild vom sparsamen, am äußeren Schein desinteressierten König ein Mythos. Die Geschichtsschreibung konzentriert sich bei ihrer Betrachtung – wie es schon Friedrichs Zeitgenossen taten – auf solche Züge der Persönlichkeit, die den Preußenkönig von seinen Mitregenten abheben und ihm ein unverwechselbares Gepräge verleihen. Drei Punkte werden besonders herausgehoben:

1. Friedrich sei ein Verächter der zeittypischen Hofhaltung gewesen und aller damit einhergehenden Ordnungsvorstellungen und Praktiken, so beispielsweise des Zeremoniells und der Jagd. Er habe allein nach rationalen – quasi modernen – Gesichtspunkten gehandelt, habe mit unbezwingbarer Strenge gegen sich selbst und andere sich einen Namen gemacht und sein Land entwickelt.

2. Friedrich habe sich mit den aufgeklärten Geistesgrößen seiner Zeit rege ausgetauscht, weshalb der institutionelle Rahmen dieser Geselligkeit z.B. in seiner Prinzenresidenz in Rheinsberg oder später an der Tafelrunde in Sanssouci im Mittelpunkt des Interesses stand. Das Bild von Friedrich II. als Roi philosophe und als Musenkönig ist daher in der wissenschaftlichen Literatur und im kulturellen Gedächtnis der Nation fest verankert und wird in den zahlreich erschienenen Biographien über den König stets aufs neue aktualisiert.

3. Friedrich habe als “Erster Diener seines Staates” und als Roi connétable die “preußischen Werte” an sich verkörpert: Er gilt als Personifikation von Sparsamkeit, Disziplin und Pflichterfüllung gegen den Staat. Das Phänomen eines “aufgeklärten Absolutismus” wird im Grunde mit dem Preußenkönig gleichgesetzt. Sein Regierungshandeln gilt als die Rationalisierung monarchischer Herrschaft.

Für die Selbstinszenierung Friedrichs II. ist die hier angedeutete Unterscheidung von Imagepolitik und Repräsentation jedoch besonders fruchtbringend. Denn Friedrich stellte seine Bemühungen oftmals darauf ab, ein Bild von sich zu entwerfen, das ihn als spezifische Person profilierte, nicht nur in seiner Herrscherrolle als König von Preußen, sondern mitunter sogar in bewusstem Kontrast zu seinem Königsamt.

Friedrich der Große als Roi Philosophe. Rom und Paris als Bezugspunkte für das königliche Herrscherbild. “Ich liebe den Krieg um des Ruhmes Willen, aber wenn ich nicht Herrscher wäre, so wäre ich nur Philosoph”. Dieses Zitat Friedrichs des Großen kurz nach Beginn des Ersten Schlesischen Krieges, fehlt in keiner Biographie über den Preußenkönig. Das Diktum Friedrichs wird gerne als Bekenntnis der seelischen Zerrissenheit des Königs gedeutet, der zwischen seinem Geistesleben und den Zwängen des Herrscheramtes hin- und hergerissen gewesen sei. Es gilt als eines der vielen Zeugnisse für Friedrichs “Königtum der Widersprüche”, wie Theodor Schieder es einst formulierte. Statt diesen Satz als persönliches Bekenntnis Friedrichs des Großen zu lesen, sollte man ihn wohl eher als Teil seiner Herrscherinszenierung deuten. Das Zitat ist ein Zeugnis dafür, in welchen Rollen sich der Briefschreiber gegenüber seinem Adressaten darstellen wollte: nicht nur in der Rolle eines “Roi Connetable”, sondern ebenso in derjenigen eines “Roi philosophe”. Hinter den Beteuerungen Friedrichs lag die Absicht, sein persönliches Umfeld davon zu überzeugen, dass er der Philosophenrolle trotz Königsamt und Kriegstheater nicht abgeschworen habe.

Die Strahlkraft der französischen Aufklärer (Voltaire)

Um von Voltaire als Fürsten-Philosoph tituliert zu werden, brauchte es nicht mehr als die Bereitschaft Friedrichs, mit Voltaire in Kontakt zu treten und dem französischen Philosophen seine Reverenz zu erweisen. Bereits in seinem ersten Schreiben an den Kronprinzen formulierte Voltaire: “ich erkannte, dass es auf der Welt einen Prinzen gibt, der als Mensch denkt, einen Fürsten-Philosophen, der die Menschen beglücken wird”. Friedrich selbst bezeichnet sich in seinem Antwortschreiben als “Studiosus der Philosophie” und Voltaire als seinen Lehrer, ja als Lehrer der Fürsten allgemein. Nach diesem Auftakt finden sich Versatzstücke dieser Art im gesamten Briefwechsel bis zum Herrschaftsantritt Friedrichs des Großen: Der Kronprinz und König ist die Verkörperung des Roi philosophe, der Philosoph ist der Lehrer der Fürsten und des Menschengeschlechts, der Richter über Vernunft und Geschmack.

Neben dem Prestigegewinn hatte Friedrich bei seiner Korrespondenz mit Voltaire aber auch noch einen weiteren Hintergedanken. Seine Absicht war, ihn als einen der wichtigsten Multiplikatoren im aufgeklärten Europa für sich zu gewinnen. Voltaires Strahlkraft im “ganzen Weltkreis” sollte dazu dienen, den Ruhm des Kronprinzen bereits zu einer Zeit zu verbreiten, als dieser noch zur Untätigkeit verdammt war und in seinem Refugium in Rheinsberg nicht über die Möglichkeiten verfügte, auf sich aufmerksam zu machen. Der Kontakt zu Voltaire bot diese Chance auf Sichtbarkeit in der europäischen Öffentlichkeit. Allerdings hatte die Rhetorik Friedrichs den Maßstäben Voltaires zu entsprechen. Nur dann konnte er darauf hoffen, vom Philosophen öffentlich gerühmt zu werden.

Rollenwechsel: Der König als Philosoph (Marc Aurel)

Friedrichs Thronbesteigung bedeutete für sein Verhältnis zu den zeitgenössischen Philosophen, insbesondere auch zu Voltaire, einen wichtigen Einschnitt. Vor seinem Herrschaftsantritt waren alle Rollenzuschreibungen an den Kronprinzen gleichsam ungedeckte Schecks auf die Zukunft, Projektionen eines Rollenideals, das Friedrich mit rhetorischen Mitteln für sich reklamierte, ohne es im politischen Handeln unter Beweis stellen zu müssen. Als König war er von Seiten der aufgeklärten Philosophen mit der Erwartungshaltung konfrontiert, das von ihm adaptierte Rollenideal mit Leben zu füllen und dementsprechend zu regieren.

Auch und gerade die beiden Schlesischen Kriege entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einer Belastungsprobe für das ungleiche Verhältnis. Dabei ist bemerkenswert, welche Themen im Zuge dessen kontrovers behandelt wurden. Es ging zunächst um die Frage von Krieg und Frieden, auch wenn Voltaire hierbei keineswegs von Beginn an als Pazifist auftrat. Die Kriegsablehnung artikulierte der Philosoph erst, nachdem Friedrichs sprunghafter Umgang mit seinen Bündnispartnern, allen voran mit Frankreich, deren politischen Unwillen hervorrief. Eng mit dieser Diskussion verknüpft war die Frage, welcher Art das Verhältnis zwischen König und Philosoph zukünftig sein sollte. In politischen Dingen traute Friedrich Voltaire nicht über den Weg, nannte er ihn offen eine “Wetterfahne”, die für keine Seite klar Partei ergriffen habe. Auch teilte der König Voltaire unumwunden mit, dass er nicht die Absicht hätte, sich mit ihm über politische Fragen auseinanderzusetzen. Vielmehr bleibt die Poesie das einzige Feld, auf dem sich Friedrich II. an einem weiteren Austausch mit Voltaire interessiert zeigt.

Friedrich und Leibeigenschaft

Zwar gehörte das Agrarwesen nicht zu den von Friedrich dem Großen besonders intensiv behandelten Politikfeldern, wohl aber nahm die Haltung des Königs zur Leibeigenschaft seit je einen gewichtigen Platz in der Friedrich-Biographik ein. Der Beitrag zeigt an diesem Thema beispielhaft nicht nur das Auseinanderdriften zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufgeklärter Herrschaftspraxis. Darüber hinaus soll verdeutlicht werden, dass sich Friedrich auch auf diesem Terrain um die Etablierung eines Selbstbildes bemüht hatte – eines Images, das allerdings mit den gesellschaftlichen Realitäten auf dem Lande mitunter wenig zu tun hatte.

Man muss also unterscheiden zwischen den eher programmatisch gehaltenen Verordnungen und gesetzgeberischen Vorstößen des Königs einerseits und den Einzelfällen, in denen Friedrich ad hoc zwischen adligen und bäuerlichen Interessen zu entscheiden hatte und zudem auch noch die Berichte der für den jeweiligen Fall zuständigen Kriegs- und Domänenkammer berücksichtigen musste andererseits. So konnte es schon vorkommen, dass er eine supplizierende Dorfgemeinde, so wie im Juli 1779, beschied, “daß alle ihre Klagepunkte bereits hinlänglich untersucht, und solche ungegründet befunden worden”. Zumeist begnügte sich der König jedoch mit der den supplizierenden Bauern mitgeteilten Anweisung an die Kammer, “ihre darüber angebrachte Beschwerde näher zu untersuchen, und die Sache nach der Billigkeit zu regulieren.” Die Supplikanten sollten sich gedulden und dann den “weiteren Bescheid gewärtigen.” Natürlich blieb es dem König unbenommen, in Einzelentscheidungen für die klagenden bäuerlichen Hintersassen Partei zu ergreifen, und dabei durchaus auch die Öffentlichkeitswirksamkeit seiner Anordnungen im Blick zu behalten.

Exemplarisch lässt sich vor diesem Hintergrund die Behandlung des damals in der Öffentlichkeit recht breit diskutierten Falles der Gräfin Geßler einordnen. Im Jahre 1750 hatte der Kriminalsenat die Gemahlin des Generals von Geßler wegen Misshandlung ihrer Untertanen zu sechs Jahren persönlichen Arrests verurteilt. Sich der abschreckenden wie publikumswirksamen Wirkung des Falles durchaus bewusst, ließ Friedrich den Großkanzler Samuel von Cocceji schon vorab wissen, dass das Urteil gegen die Gräfin sehr “rigoreux ausfallen” würde, um vor allem die anderen Edelleuten “vor Grausamkeiten gegenüber ihren Unterthanen abzuhalten”. Der König hatte aber vor der Vollstreckung des Urteils ihren Gatten vorgewarnt, der bei ihm auf Grund seiner militärischen Verdienste in recht hohem Ansehen stand. Dadurch konnte die Gräfin nach Polen fliehen und somit der entehrenden Strafe entgehen. In diesem Vorgehen zeigt sich symptomatisch das Spannungsfeld, in dem sich Friedrich auf diesem Terrain bewegte: Dem durchaus erkennbaren Bemühen Veränderungen zugunsten der bäuerlichen Hintersassen durchzusetzen standen Rücksichtnahmen auf Interessenlagen und Befindlichkeiten des Adels entgegen!

Von daher besehen erscheint es nicht allzu überraschend, dass die Gesamtbilanz der für die Landbevölkerung in den ostelbischen Provinzen erzielten Verbesserungen eher bescheiden ausfiel. Sie ordneten sich vielmehr in eine längere Kontinuitätslinie ein, die bis in die Zeit des Großen Kurfürsten zurückreichte. Gemessen an einigen seiner zeitgenössischen Standesgenossen blieb Friedrich – vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten seiner Regierung – hinter den Möglichkeiten der Zeit zurück.

Neben durchaus zu attestierenden Verbesserungen, vor allem auf den königlichen Domänenbesitzungen, konnte man auf den adligen Rittergütern, abgesehen von jenen wenigen Gutsherren, die sich gegenüber diesen Neuerungen aus eigenem Entschluss zugänglich gezeigt hatten, kaum Veränderungen konstatieren. Zudem gestaltete sich die wirtschaftliche Lage alles andere als rosig. Mit den Worten: “Man muß aber doch gestehen, daß die Landleute der meisten Provinzen, je länger, je mehr verarmet sind”, vermittelte Anton Friedrich Büsching einen recht pessimistisch anmutenden Eindruck in seiner zwei Jahre nach dem Tode Friedrichs veröffentlichten Lebensbeschreibung des Königs.

Friedrich der Große wäre allerdings ein schlechter ‘Vermarkter’ seiner selbst gewesen, wenn er nicht auch die Rücknahme seiner ursprünglichen Zielsetzungen bei der bäuerlichen Emanzipation als Beleg für seine Weitsicht begründet hätte. In seiner Altersschrift “Regierungsformen und Herrscherpflichten” (1777) bekräftigte der König zwar zunächst seine frühere Ansicht: “Ohne Zweifel”, so Friedrich, sei “kein Mensch geboren, Sklave eines anderen Menschen zu sein; mit Recht verabscheut man einen solchen Mißbrauch und meint, man brauche nur zu wollen, um diesen barbarischen Brauch abzuschaffen. Aber so ist es nicht, er beruht auf alten, zwischen den Grundherren und den Ansiedlern abgeschlossenen Verträgen.” Doch dann relativiert er diese Überzeugungen und weist den Umständen die Schuld zu, weshalb diese nicht als Grundlage für weitreichende Veränderungen taugen: “Die Landwirtschaft ist auf die bäuerlichen Frondienste zugeschnitten; wollte man plötzlich diese abscheuliche Einrichtung abschaffen, würde der Ackerbau völlig durcheinander geraten, und es müßte der Adel zum Teil für die Verluste entschädigt werden, die er in seinen Einkünften erleiden würde”.

Resümee

Die Leistungen und Grenzen des Engagements Friedrichs des Großen für eine Verbesserung der bäuerlichen Rechtsverhältnisse spiegeln symptomatisch die schon oft betonte Diskrepanz zwischen den von aufgeklärtem Gedankengut beeinflussten Einsichten und deren Umsetzung innerhalb der Herrschaftspraxis der Monarchen des Ancien Régime wider.

Dabei war es vor allem die Beharrungskraft sowohl der adligen Rittergutsbesitzer als auch der Dorfgemeinden, die der König und die landesherrliche Amtsträgerschaft bei der Abwägung der Interessen zwischen Bauernschutz und Konservation des Adels zu spüren bekamen. Und der Monarch stand dabei “mehr zwischen als über den Fronten” – so das am Beispiel einer brandenburgischen Teillandschaft gewonnene und durchaus nachvollziehbare Urteil.

Gewiss nutzte Friedrich auch sein agrar- und rechtspolitisches Engagement, um sich bei den Zeitgenossen und der Nachwelt als ein ‘auf der Höhe der Zeit’ stehender und den Ideen der Aufklärung verpflichteter Fürst zu empfehlen und vielleicht auch – um das übergreifende Tagungsthema noch einmal ins Spiel zu bringen – um sich in diesem Sinne zu ‘inszenieren’. Gleichwohl führt uns der hier vorgeführte Ausschnitt seines Regierungshandelns besonders deutlich die Grenzen ‘aufgeklärter’ Herrschaftspraxis vor Augen. Die geschilderten Vorgänge zeigen, dass auch einem Monarchen wie Friedrich II., der sich wohl wie kein zweiter die Freiheit nahm, sein Bild für die zeitgenössische Öffentlichkeit und sukzessive auch für die Nachwelt in kreativer Weise festzuschreiben, die Erkenntnis nicht erspart blieb, dass dies allenfalls eine Freiheit in der Gebundenheit sein konnte.