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Peter Burg Werke

Vorlesung 21122020

Vorlesung 21122020

Kants Maßregelung

In der am 1. Oktober 1794 von Wöllner ausgesprochenen und vom Monarchen angeordneten Maßregelung für Kant ist von einem „seit geraumer Zeit mit großem Mißfallen“ die Rede, die das philosophische Schrifttum erregt habe durch die „Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christenthums“. Namentlich wird auf die „Religion innerhalb der Gränzen der bloßen Vernunft“ Bezug genommen, die 1793 in erster Auflage erschienen war und am 26. Januar 1794 erneut publiziert wurde. 1791 war Kant erstmals mit seiner Schrift „Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee“ in Konflikt mit Woellners Behörde geraten. 1794 wurde ihm des Weiteren per Kabinettsorder verboten, Beiträge für die „Berlinische Monatsschrift“ zu verfassen. Kant wird in der Maßregelung vorgeworfen, „unverantwortlich“ seine „Pflicht als Lehrer der Jugend“ verletzt zu haben. Zur „Vermeidung“ der „höchsten Ungnade“ sollte sich Kant „künftighin Nichts dergleichen“ mehr „zu Schulden kommen lassen“, widrigenfalls hatte er sich „unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen“.

Mit einer umfassenden, an den König gerichteten, nicht datierten Rechtfertigung reagierte Kant auf die Maßregelung. Er habe sich als in seinen „akademischen Vorlesungen“ „als Lehrer der Jugend“ niemals ein Urteil über die Heilige Schrift und das Christentum angemaßt. Als Beleg verweist er auf die seiner Lehre als Grundlagen dienenden Handbücher des Philosophen Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762), in denen die Grenzen seiner Wissenschaft nie in Richtung religiöser Themen überschritten würden. Kant sieht sich auch nicht als „Volkslehrer“, der etwa in dem Buch „Religion innerhalb der Grenzen …“ gegen die „öffentliche Landesreligion“ gewirkt habe. Dafür wäre auch das Werk von Baumgarten gar nicht geeignet, sondern nur als Disputationsgrundlage für Fakultätsgelehrte“. Was aus der Prüfung „durch dazu sich qualificirende Facultäten“ als „einer öffentlichen Landesreligion zuträglich“ gefunden werde, könne dann „zur Kenntniß der Regierung gelangen“. Die gerügte Schrift enthält nach Kant „gar keine Würdigung des Christenthums“, sondern „nur die Würdigung der natürlichen Religion“. Bibelzitate seien lediglich „zur Bestätigung gewisser reiner Vernunftlehren der Religion“  herangezogen worden, was zu einem Missverständnis geführt haben könne.  Wie der Theologe und Orientalist Johann David Michaelis (1717-1791), ein Vorläufer der empirischen Sozialforschung, „in seiner philosophischen Moral“ wollte durch die Bibelzitate nicht „etwas Biblisches in die Philosophie“ bringen oder umgekehrt, sondern durch die vergleichende Methode nur ein Urteil erhellen.

Kant versichert seine Rechtgläubigkeit im traditionellen Sinne durch das Bekenntnis seiner „großen Hochachtung für die biblische Glaubenslehre“. Er versichert sogar bewiesen zu haben, in der Schrift „Religion innerhalb der Grenzen“, „daß die Bibel, als das beste vorhandene, zur Gründung und Erhaltung einer wahrhaftig seelenbessernden Landesreligion auf unabsehliche Zeiten taugliche Leitmittel der öffentlichen Religionsunterweisung“ von ihm angepriesen werde. Die „Zusammenstimmung“ der Bibel „mit dem reinsten moralischen Vernunftglauben“, die er nachgewiesen habe, sei „die beste und dauerhafteste Lobrede“. Das aufrichtige Bekenntnis zur Bibel sieht er auch angesichts seines Alters, das 71. Lebensjahr, glaubhaft, da er „in Kurzem einem Weltrichter als Herzenskündiger Rechenschaft geben müsse“.

Kant kommt auch der Aufforderung der Zensurbehörde nach, sich künftig jeder „Herabwürdigung des Christenthums“ zu enthalten. Hier greift er zu einem sophistischen Ausweg. Er versichert dem König feierlich, das er sich „fernerhin aller öffentlichen Vorträge die Religion betreffend, es sei die natürliche oder geoffenbarte, sowohl in Vorlesungen als in Schriften, gänzlich enthalten werde“. Da er das Versprechen nur dem aktuellen Herrscher gab, nahm er sich die Freiheit heraus, nach dessen Ableben frei urteilen zu dürfen. Ein erster Gebrauch dieser Freiheit liegt in der Veröffentlichung  des Zensurkonflikts zwischen Kant und der preußischen Regierung, desgleichen in der Bewertung der letzten Regierungsphase unter Friedrich Wilhelm II. Diese sah er gekennzeichnet durch ein „fortwährendes Treiben zu einem sich immer mehr von der Vernunft entfernenden Glauben“. Die Kandidaten der Theologie wurden von einer „Glaubenscommission“ geprüft, die ein Examensschema „nach pietistischem Zuschnitte* zugrunde legte. Das Schema scheuchte „gewissenhafte Candidaten“ scharenweise „von geistlichen Ämtern“, die zu den Juristen überschwenkten und deren Fakultät „übervölkerten“.  Die Kommission forderte „Gram“, „Zerknirschung“ und „Begnadigung“ vor der Zulassung. Die Reue musste vom Himmel erbeten werden, was für Kant paradox war. Denn wer Reue und Glauben besaß, musste nicht mehr darum bitten.  Das Bekehrungserlebnis war zentrales Kennzeichen für den Hallischen Pietismus.

Kommentar zum Pietismus als preußische Staatsreligion:

Der Hallische Pietismus ist eine Form des lutherischen Pietismus, die auf den Theologen und Pädagogen August Hermann Francke (1663-1727) zurückzuführen ist. Francke kooperierte beim Aufbau seiner Schulstadt (Franckesche Stiftungen) und bei der Studienreform in Halle eng mit dem preußischen Staat. Der Francke-Schüler Johann Julius Hecker (1707-1768) gründete 1747 in Berlin die erste praxisorientierte Realschule, war 1748 Begründer des ersten preußischen Lehrerseminars und bereitete das Generallandschulreglement vom 12. August 1763 maßgeblich vor. Das Reglement bildete die Grundlage für die Entwicklung des preußischen Volksschulwesens.

Die Universität Halle wurde 1694 neu gegründet, und mehrere Lehrstühle gingen an pietistische Dozenten. Außer Francke wirkten hier Paul Anton (1661-1730), Joachim Justus Breithaupt (1658-1732), Anastasius Freylinghausen (1670-1739) und Joachim Lange (1670-1744). Sie alle vertraten die gleiche Richtung.

In Preußen war neben Halle als Strahlungszentrum auch Ostpreußen eine eigenständige, pietistisch geprägte Region. Diesen Pietismus, mit dem sich z. B. Kant, Herder und Hamann auseinandersetzten, kann man in einem weiteren Sinn als Hallischen Pietismus bezeichnen. Zunächst hatte Georg Friedrich Rogall * an der Universität Königsberg die „Hallesche Lehrart“ eingeführt; ab 1728 war das ostpreußische Konsistorium pietistisch. Mit Blick auf Halle und Ostpreußen bezeichnete der Historiker Carl Hinrichs, Verfasser des Werkes Preußentum und Pietismus, den Pietismus als „preußische Staatsreligion.“

* Georg Friedrich Rogall (* 14. April 1701 in Königsberg; † 6. April 1733 ebenda) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er gilt als Wegbereiter des Pietismus in Ostpreußen. 1725 promovierte Rogall zum Doktor der Theologie und wurde, gegen den Widerstand des Dekans der theologischen Fakultät, Johann Jakob Quandt (1686-1772), auf Befehl König Friedrich Wilhelms I. ordentlicher Professor der Philosophie sowie außerordentlicher Professor der Theologie an der Albertus-Universität. 1727 wurde Rogall Inspektor und Prediger am pietistischen Collegium Fridericianum; 1729 übernahm er deren Direktionsgeschäfte, 1731 wurde er offiziell Direktor. In Rogalls Zeit als Direktor fällt die Aufnahme Immanuel Kants als Schüler. 1729 wurde Rogall Konsistorialrat, 1731 ordentlicher Professor der Theologie, 1731 Pastor am Königsberger Dom und Inspektor der Domschule. Mit 32 Jahren starb er im Jahr darauf in Königsberg an „Entkräftung“.

Der Hallische Pietismus war kein auf Preußen beschränktes Phänomen. Die theologische Fakultät in Halle zog zahlreiche auswärtige Studenten an, die in ihrer Heimat als Multiplikatoren wirkten. In verschiedenen protestantischen Regionen Deutschlands gab es deshalb eine Phase, in der sie durch den Hallischen Pietismus geprägt wurden. Francke wurde auf seiner „Reise ins Reich“ 1717/1718 überall ehrenhaft empfangen. Als ein Prediger der altlutherischen Orthodoxie ihn in Ulm öffentlich kritisierte, erlaubte ihm der Stadtrat, im Ulmer Münster selbst zu predigen, was Francke auch vor großem Publikum tat und als „völligen Sieg des Glaubens“ verbuchen konnte. Die Reise war insgesamt ein Propagandaerfolg.

Francke pflegte einen ausgedehnten Briefwechsel mit Freunden in anderen Staaten (insbesondere mit der deutschen Bevölkerung in Nordamerika, Russland, dem Baltikum und Südosteuropa), was vielerorts zur Gründung von Schulen und Waisenhäusern nach Hallischem Muster führte. 1706 wurden Bartholomäus Ziegenbalg (1682-1719) und Heinrich Plütschau (1676-1752) von der Dänisch-Hallischen Mission nach Indien ausgesandt, 1742 wurde Heinrich Melchior Mühlenberg (1711-1787) nach Nordamerika ausgesandt und wurde zum Organisator der dortigen lutherischen Kirche.

Kennzeichnend für Franckes Frömmigkeitstyp ist die plötzliche, datierbare und einmalige Bekehrung. Francke hatte 1687 in Lüneburg ein religiöses Erlebnis, das seine vorausgegangene innere Krise beendete: „Denn wie man eine Hand umwendet, so war alle mein Zweiffel hinweg.“ Durch die Lektüre von Johann Arndt (1555-1621) und Miguel de Molinos (1628-1696) war Francke bereits mit dem Gedanken vertraut, dass es eine plötzliche Lebenswende, einen Durchbruch, zu Gott hin geben könne. Später hat Francke den Bekehrungsweg systematisch dargestellt. Zwar werde man schon als Säugling durch den Taufbund in die Gotteskindschaft aufgenommen, aber der Mensch breche diesen Bund, so dass er in der Buße erneuert werden müsse. Das geschieht nach Francke gemäß der „Ordnung Gottes“ in mehreren Stufen:

1. „Göttliche Rührung“ des Sünders z. B. durch Leiden oder durch ein treffendes Wort. Lässt sich der Mensch davon ansprechen, folgt die nächste Stufe.

2. „Buß-Kampf“ durch Auseinandersetzung mit Teufel und Welt. Der Mensch erfährt sein Scheitern, bereut es und sehnt sich nach Gottes Vergebung. Diese „Geburts-Schmertzen“ (länger andauernde Lebenskrise, tiefe Niedergeschlagenheit) sind unvermeidlich.

3. „Durchbruch“, der Sünder ergreift die Rechtfertigung und tritt in den Stand des Glaubens. Dies geht mit positiven Empfindungen (Trost, Freude) einher.

Francke verstand sich als Lutheraner und meinte, hierbei im Einklang mit Martin Luther zu sein; tatsächlich setzte er einige Akzente anders. Der „Durchbruch“ bedeutet bei ihm eine Statusveränderung des Menschen, zwar sei der Mensch lebenslang Anfechtungen ausgesetzt, doch diese haben nach der Bekehrung nicht mehr so viel Gewicht. Francke betonte anders als Luther die menschliche Willensfreiheit; die Frömmigkeit müsse aus den Werken erkennbar sein. Die Kirche werde durch die frommen Mitglieder konstituiert, nicht wie bei Luther durch Wort und Sakrament.

Die Schüler wurden zur Selbstkontrolle erzogen. Francke empfahl eine tägliche abendliche Gewissenserforschung und regte an, dass die älteren Schüler Tagebuch führten. Den Bußkampf, den Francke selbst durchlaufen hatte, sollten auch die Schüler nachvollziehen und durch das Bekehrungserlebnis zu gelassenem, unermüdlichen Einsatz für Gott voranschreiten. Symbol dafür war der Adler, der sich von der Erde gelöst hat und ungeblendet das Licht der Sonne schaut. Diese Darstellung krönt das Giebelfeld über dem Hauptportal des Halleschen Waisenhauses.

„Es wurde das Schicksal des hallischen Pietismus und schnitt ihm schließlich die Lebensfäden ab, daß er sich völlig in die Organisation des aufstrebenden preußischen Staates hineinziehen lassen mußte.“ Die Defizite zeigten sich in der Auseinandersetzung mit der Aufklärung. Symptomatisch war hier die Vertreibung des Aufklärungsphilosophen Christian Wolff von der Universität Halle. Auf Intervention Franckes hin ordnete Friedrich Wilhelm I. 1723 dessen Absetzung und Landesverweisung an. „Der Hallische Pietismus bediente sich in seinem Kampf gegen die Aufklärung auch … denunziatorischer Argumentation sowie der Inanspruchnahme staatlicher Gewalt… Er versuchte auf diese Weise seine denkerische Schwäche zu verdecken, die aus seiner Geringschätzung der Philosophie resultierte. Ein überzeugendes und konsequentes alternatives System vermochte er indes nicht zu offerieren.“ (Martin Brecht)

Kommentar zu Friedrich Wilhelm III.

Kant  beschreibt den Herrscherwechsel von Friedrich Wilhelm II. zu Friedrich Wilhelm III. als Beginn einer neuen Ära, die „Freiheit im Denken“ brachte.  Der neue Herrscher sollte von 1797 bis 1840 regieren und den Philosophen aus Königsberger um mehrere Jahrzehnte überleben.

Friedrich Wilhelm III. (* 3. August 1770 in Potsdam; † 7. Juni 1840 in Berlin) aus dem Haus Hohenzollern war seit 1797 König von Preußen und Kurfürst von Brandenburg.  Er wurde am 3. August 1770 in Potsdam als ältester Sohn des damaligen Thronfolgers und späteren preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. und Friederike von Hessen-Darmstadt geboren. Friedrich II., die zentrale Gestalt der preußischen Geschichte, war sein Großonkel. Der junge Friedrich Wilhelm hatte diesen noch gekannt. Er galt als schüchternes und zurückhaltendes Kind. Auch als Erwachsener hatte Friedrich Wilhelm III. ein eher trockenes und nüchternes Wesen. Legendär wurde die charakteristische Kürze seiner Redeweise. Besonders das Weglassen der Personalpronomina wurde Vorbild für die knappe preußische Militärsprache.

Am 24. Dezember 1793 heiratete Friedrich Wilhelm Luise zu Mecklenburg-[Strelitz]. Im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin, wo er auch als König wohnen blieb, und im bescheidenen Sommersitz Schloss Paretz bei Potsdam führte Friedrich Wilhelm ein fast schon bürgerliches Leben und eine vorbildhafte Ehe. Aus der Ehe stammten zehn Kinder, von denen sieben erwachsen wurden. Prinz Friedrich Wilhelm IV., der älteste Sohn, folgte seinem Vater als preußischer König nach. Prinz Wilhelm I., der zweitgeborene Sohn, wurde 1861 preußischer König und ab 1871 der erste Kaiser des Deutschen Kaiserreiches. Die älteste Tochter, Prinzessin Charlotte von Preußen, bestieg als Alexandra Fjodorowna den russischen Zarenthron. Luise von Preußen, die jüngste Tochter aus der Ehe mit Luise, wurde Prinzessin der Niederlande. Tochter Alexandrine von Preußen wurde Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin.

Herrschaftsantritt (1797)

Am 9. November 1797 überließ König Friedrich Wilhelm II. seinem Sohn die Regierungsgeschäfte, da er dazu aufgrund von Atemnot und Bewegungsunfähigkeit nicht mehr in der Lage war. Während eines Krampfanfalls starb Friedrich Wilhelm II. am 16. November 1797, morgens um 8:58 Uhr, im Alter von 53 Jahren im Marmorpalais. Am frühen Morgen des 16. November 1797 erfuhr Friedrich Wilhelm in Berlin von einem Boten, dass König Friedrich Wilhelm II. im Sterben lag. Auf dem Weg zum Marmorpalais in Potsdam begegnete dem Kronprinzen der königliche Kabinettsrat von Bischoffwerder, der die Nachricht vom Tod des Königs nach Berlin überbringen sollte.

Aus dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm wurde König Friedrich Wilhelm III. Als offizielle Zeremonie des Amtsantrittes diente die Huldigung von Ständen und Untertanen. Im Kern war die Huldigung ein Eidschwur, welchen Vertreter im Namen des ganzen Volkes vor ihrem Monarchen ablegten. Den Aufwand im Rahmen seiner festlichen Huldigung versuchte Friedrich Wilhelm III. zu begrenzen. Dies geschah aus zwei Gründen. Sein Vater, Friedrich Wilhelm II., hatte seinem Nachfolger 48 Millionen Taler Staatsschulden hinterlassen. Außerdem wollte Friedrich Wilhelm III. sich von seinem Vorgänger, der eine sehr prachtvolle höfische Repräsentation pflegte, bewusst abgrenzen. Die Huldigungsfeste in den einzelnen Landesteilen ersetzte der König durch feierliche Huldigungen in Königsberg und Berlin. In Königsberg, der Hauptstadt des Königreichs Preußen, auf dem seine Königswürde beruhte, begann die Festlichkeit mit einer Predigt und dem Eidschwur der Bischöfe und Minister gegenüber dem neuen König. Der König seinerseits ließ zwei Reden, eine in deutsch und eine in polnisch, an die versammelten Stände verlesen. Das außerhalb der Reichsgrenzen liegende Königreich hatte infolge der Teilungen Polens über zwei Millionen polnische Einwohner hinzugewonnen. Zu den folgenden Festtagen in Königsberg waren 3000 Personen eingeladen. Die Huldigung für die innerhalb Deutschlands liegenden „preußischen Staaten“ fand am 6. Juli 1798 in Berlin statt. Nach dem Gottesdienst im Berliner Dom zogen die königliche Familie und die Vertreter von Adel und Klerus ins Berliner Stadtschloss. Im Rittersaal schworen zunächst die Prinzen des Königshauses ihren Treueid auf König und Gesetze, dann im Weißen Saal die oberen Stände. Der König versprach den Ständen im Gegenzug „mit Gnade und Gerechtigkeit zu regieren“. Im Anschluss trat der König auf den Balkon des Stadtschlosses, um auch von den im Lustgarten versammelten Vertretern den Eid entgegenzunehmen. Angesichts der Französischen Revolution boten die Huldigungsfestlichkeiten die Gelegenheit, einen Beweis für die lebendige Beziehung zwischen Monarch und Volk zu liefern.

Höfische Sittenpolitik

Angewidert vom moralischen Zerfall am Hofe seines Vaters (Intrigen einer kleinen Hofclique, Affären des königlichen Vaters, der mit drei Frauen verheiratet war), war er bemüht, die Sittlichkeit im Königshaus wiederherzustellen. Bereits kurz vor dem Tod seines Vaters hatte er diese Maßnahme in der Schrift „Gedanken über die Regierungskunst“ begründet: „Ein fürstlicher Hof ist gewöhnlich mit trotzigen, eingebildeten, hochmüthigen und impertinenten Subjekten versehen. Eben daher kömmt es denn, dass die meisten Höfe gewöhnlich als Sitze des Lasters und der Üppigkeit von dem Land verabscheut werden.“  – Friedrich Wilhelm III.

Die Gräfin von Lichtenau, geborene Wilhelmine Encke (1752-1820), die von ihm gehasste Mätresse seines Vaters, ließ Friedrich Wilhelm unter Arrest stellen, ihre Wohnung wurde durchsucht und ihr Besitz beschlagnahmt. Der König warf ihr in einer Kabinettsorder vom 13. März 1798 vor, „die wichtigsten wie die geringsten Regierungsangelegenheiten von ihren landesverderblichen Einfluss abhängig gemacht (zu) haben“. Allerdings fanden die königlichen Untersuchungen keinen Beweis dafür, dass sie in die Politik Friedrich Wilhelms II. eingegriffen hatte. Die Prinzessinnengruppe, eine Skulptur des Bildhauers Johann Gottfried Schadow aus dem Jahr 1795, entzog der König der Öffentlichkeit, da sie ihm „fatal“ erschien. Dargestellt war neben seiner inzwischen gekrönten Frau Luise deren jung verwitwete Schwester Friederike, Herzogin von Mecklenburg, die nach einem turbulenten Leben schließlich zur Königin  von Hannover aufstieg.

Auch als Königspaar lebten Friedrich Wilhelm III. und Luise mit ihren Kindern im Kronprinzenpalais. Das Berliner Stadtschloss diente der Monarchie zu seltenen, repräsentativen Staatsakten wie der Huldigungsfestlichkeit und ansonsten als Behördensitz. Anders als seine Vorgänger zog Friedrich Wilhelm eine klare Trennlinie zwischen Privatleben und öffentlicher Funktion. Sein relativ schlichter, fast bürgerlicher Lebensstil fand in der Öffentlichkeit positiven Anklang. Ein Zitat Friedrich Wilhelms III. beschreibt die Pflichtauffassung und kann als Beispiel seiner knappen militärischen Sprache gelten: „Jeder Staatsdiener hat doppelte Pflicht: Gegen den Landesherrn und gegen das Land. Kann wohl vorkommen, daß die nicht vereinbar sind, dann aber ist die gegen das Land die höhere.“

Schon vor 1806 hatte Friedrich Wilhelm III. Interesse an innenpolitischen Reformen gezeigt, die jedoch nur zögerlich verliefen, da sie auf den Widerstand der Landstände, seiner Kamarilla und Teilen der Bürokratie trafen. In einem Edikt vom 13. Oktober 1798 wies der König die Finanzkommission an, „auf die Heranziehung des Adels zur Grundsteuer Bedacht zu nehmen“. Friedrich Wilhelm III. ging es in dem Edikt um eine Erhöhung der Grundsteuer, die der Adel an den Staat zahlte. Das Vorhaben scheiterte jedoch, da ein hoher Beamter die königliche Order veröffentlichte und daraufhin die preußischen Landstände protestierten.>>>>>

Kant beschreibt die durch den Herrschaftswechsel vollzogene Wende wie folgt:

Dem Unwesen des Wöllnerschen Regiment sei „nunmehr gesteuret“. Dazu trug maßgeblich das „Oberschulkollegium“ bei, das dank „einer weisen Landesregierung“ von einem „erleuchteten Staatsmann“ geleitet werde, der einen Blick für den „ganzen Lehrstand“ habe und nicht nur für ein „besonderes Fach“ (die Theologie). Dadurch werde „das Fortschreiten der Cultur im Felde der Wissenschaften wider alle neue Eingriffe der Obscuranten“ gesichert.  Der neue Geist ermöglichte die Ausgabe der Schrift „Der Streit der Facultäten”.

Kommentar zum Oberschulkollegium:

Die höheren Schulen unterstanden bereits seit 1787 der staatlichen Aufsicht durch das Berliner Oberschulkollegium, das der aufklärerische Kultusminister Karl Abraham von Zedlitz eingeführt hatte, um die höheren Schulen der geistlichen Kontrolle zu entziehen, aber vorerst trotzdem von Theologen besetzt wurde. Die Königliche Examinations-Commission in geistlichen Sachen (auch Immediate Examinationskommission oder kurz Immediatexamenskommission genannt) war eine preußische Zensurbehörde, die gleichfalls der Aufsicht diente. Sie wurde vom preußischen König Friedrich Wilhelm II. durch Kabinettsorder an den Staats- und Justizminister und Chef des geistlichen Departements Johann Christoph von Woellner vom 14. Mai 1791 zur Einhaltung und Kontrolle des drei Jahre zuvor erlassenen Religionsedikts eingerichtet. Ihr Ziel war die Reglementierung religiöser und geistiger Aktivitäten in Preußen. Über das Edikt vom 19. Juli 1788 wachte bis dahin ein Oberkonsistorium, das nun um drei Räte erweitert wurde. Dazu zählten Hermann Daniel Hermes, Hofrat Gottlob Friedrich Hillmer und der Prediger Theodor Carl Georg Woltersdorff. Die Examinationskommission sollte von drei Räten geleitet werden. Ihre Aufgabe war es unter anderem, Pfarramts- und Schulamtskandidaten dahingehend zu prüfen, ob sie „nicht von den schädlichen Irrthümern der jezzigen Neologen und sogenannten Aufklärer angesteckt“ waren. Zu den bekanntesten Opfern dieser Zensurbehörde zählte Immanuel Kant mit seiner 1793 erstmals veröffentlichten Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Der Theologe Karl Friedrich Bahrdt sah sich aufgrund der neuen Reglementierungen gezwungen, sein Lehramt niederzulegen.

Repräsentant der von Kant gewürdigten neuen Staatsaufsicht im Oberschulkollegium waren der Präsident Karl Franz von Irwing, Mitglieder wie Johann Heinrich Ludwig Meierotto (1742-1800), Friedrich Gedike (1754-1803) oder  Gotthelf Samuel Steinbart (* 21. September 1738 in Züllichau; † 3. Februar 1809 in Frankfurt (Oder)),  ein protestantischer Theologe, Pädagoge und Philosoph der Aufklärung. Steinbart war Vertreter des Theologischen Rationalismus und der Neologie. Der Vater Johann Christian Steinbart leitete in Züllichau ein pietistisches Waisenhaus. Auf der Schule zum Kloster Berge kam Gotthelf erstmals mit den Schriften Voltaires in Kontakt, die ihn zunehmend für die Aufklärung einnahmen. Steinbart studierte in Halle bei Siegmund Jakob Baumgarten und in Frankfurt (Oder) bei Johann Gottlieb Töllner protestantische Theologie, um nach einem Aufenthalt in Berlin schließlich die Leitung des Waisenhauses in Züllichau von seinem Vater zu übernehmen.

1774 wurde Steinbart auf den Frankfurter Lehrstuhl für Philosophie berufen und später zusätzlich als außerordentlicher Professor für Theologie auch Nachfolger seines Lehrers Töllner. 1778 erschien Steinbarts Werk „System der reinen Philosophie oder Glückseligkeitslehre des Christenthums“ …, das in rationalistischer Weise den Zusammenhang zwischen der christlichen Lehre und Lebensführung und der innerweltlichen Glückseligkeit hervorzuheben trachtet. Wenngleich auch die von Steinbart benannten Tugenden, wie Ehrlichkeit, Klugheit oder Bescheidenheit, allgemein anerkannt wurden, forderten Eigenliebe, Glück und Zufriedenheit als Maximen christlichen Lebens den Protest der Lutherischen Orthodoxie heraus. Die einhergehende Vermenschlichung der Gestalt Jesu Christi zu einem Tugendlehrer provozierte weitere Konflikte.

Dennoch wurde Steinbart mit seinem noch mehrere Auflagen erfahrenden Werk zum Doktor der Theologie promoviert, dann 1787 zum theologischen Berater König Friedrich Wilhelms III. ernannt und als Oberschulrat in das Berliner Oberschulkollegium berufen. Weitere mehr oder minder populärwissenschaftliche Werke folgten. An die immer noch von ihm geleitete Züllichauer Erziehungsanstalt wurde ein Lehrerseminar angegliedert, dessen Führung Steinbart ebenfalls übernahm. Erst mit dem Untergang der Historischen Theologie und der Zunehmenden Geltung der Kantischen Moralphilosophie sank auch die Bedeutung des später dem Eudämonismus zugeordneten Ansatzes von Steinbart.