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Peter Burg Werke

Vorlesung 13012021

Vorlesung 13012021

Preußisches Justizwesen: Staatsbeamte

Für das an den Universitäten gelehrte Landrecht zeichneten vom König eingesetzte Kommissionen und Rechtsgelehrte verantwortlich. Diese wurden in der  Veranstaltung vom 11.11.2020 bereits daregestellt. Zum Teil waren die Berufenen vor ihrer Ernennung an preußischen Universitäten tätig. Namentlich waren folgende Juristen zu nennen: Samuel von Cocceji, Johann Heinrich Casimir Graf von Carmer, Carl Gottlieb Svarez, Ernst Ferdinand Klein.

Von den Juristen der Universität Königsberg ist aus der Frühen Neuzeit Levin Buchius zu nennen(* 1550 in Werdau, Kurfürstentum Sachsen; † 23. August 1613 in Königsberg i. Pr.), ein deutscher Rechtsgelehrter im Herzogtum Preußen. Buchius besuchte die Universitäten in Marburg, Wittenberg, Jena und Tübingen. 1588 wurde er in Königsberg als preußischer Hofgerichtsrat angestellt. Er begleitete die Herzogin Marie Eleonore von Jülich-Kleve-Berg an den Hof ihres Vaters. An der Eberhard-Karls-Universität Tübingen promoviert, wurde er 1593 an der Albertus-Universität Königsberg erster Professor der Rechte. Er verfasste einige Dissertationen und trat vor allem durch seine legislative Tätigkeit hervor. Auf Drängen der ostpreußischen Stände und des Kurfürsten Johann Sigismund bearbeitete er einen Entwurf des Allgemeinen Landrechts, das nach seinem Tode 1620 als Landrecht des Herzogtums Preußen veröffentlicht wurde. Buchius hatte sich auch an den organisatorischen Aufgaben der Königsberger Hochschule beteiligt. So war er in den Sommersemestern 1594, 1598, 1602, 1604 und 1608 Rektor.

Wegen seiner bedeutenden Rechtsgelehrten ist auf die Universität Halle und ihre Juristische Fakultät noch näher einzugehen. Auf Bestreben Friedrich III. (Kurfürst von Brandenburg und später König Friedrich I. in Preußen) sollte im südlichen Herzogtum Magdeburg eine neue Universität entstehen. Die in Halle vorhandene Ritterakademie reichte schon lange nicht mehr für die Bedürfnisse der aufstrebenden Stadt aus. Nach längerem Hintertreiben dieser Pläne an den Höfen von Wien und Dresden weihte Kaiser Leopold I. die Alma mater hallensis am 1. Juli 1694 ein. Die herausragenden an der Gründung der Universität beteiligten Gelehrten waren die Philosophen Christian Thomasius (gleichzeitig erster Prorektor der Universität) und Christian Wolff. Durch die praktischen ethischen Schriften Thomasius’ wurde die hallische Universität zu einem Ausgangspunkt der deutschen Aufklärung. In den Folgejahren entstanden jedoch Konflikte mit den 1698 gegründeten Franckeschen Stiftungen, dem Zentrum des deutschen Pietismus. Als Konsequenz der Unnachgiebigkeit Wolffs wurde dieser vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. 1723 unter Androhung der Todesstrafe des Landes verwiesen. Wolff, der mit Gottfried Wilhelm Leibniz die Philosophie Deutschlands dominierte, emigrierte nach Marburg, wo er umjubelt wurde. Nachdem sich die Konflikte zwischen Wolff und den hallischen Pietisten gelegt hatten, holte Friedrich II. Wolff 1743 wieder an die Universität Halle zurück.

Christian Thomasius (* 1. Januar 1655 in Leipzig; † 23. September 1728 in Halle (Saale)) gilt als Wegbereiter der Frühaufklärung in Deutschland und wird gelegentlich als „Vater der deutschen Aufklärung“ bezeichnet. Thomasius trug durch sein Eintreten für eine humane Strafordnung im Sinne der Aufklärung wesentlich zur Abschaffung der Hexenprozesse und der Folter bei.  Im April 1690 wurde Thomasius zum Kurfürstlichen Rat ernannt. Er hielt juristische und philosophische Vorlesungen an der Ritterakademie in Halle und wurde zum Gründungsmitglied der Juristischen Fakultät der Friedrichs-Universität Halle, die auf wesentliches Betreiben Thomasius’ von Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg gestiftet und am 11. Juli 1694 in der Ratswaage am Halleschen Marktplatz feierlich eröffnet wurde. 1714 war er in die preußischen Reformbestrebungen Friedrich Wilhelm I. für eine einheitliche Privatrechtgesetzgebung involviert, die allerdings aufgrund Thomasius’ Bedenken letztlich nicht vorangetrieben wurden.

Thomasius kämpfte im deutschen Privatrecht gegen die unvoreingenommene Gültigkeit des römischen Rechtes an. Er brach auch mit der herkömmlichen Konzeption der Naturrechtslehre und entwickelte dabei eigene Ansätze, die er Hugo Grotius beziehungsweise Samuel von Pufendorf gegenüberstellte. Großen Wert legte er auf eine strikte Trennung von Recht und Moral. Das veranlasste ihn dazu, alle Elemente der durch Kirche geprägten Ethik als Bestandteil des ius divinum in das Ermessen des persönlichen Gewissens des Einzelnen zu verschieben. Die Einsicht in die Bedeutung des heimischen Rechtes übertrug er in seiner 1708 erschienenen Schrift Selecta Feudalia auch auf das Feudalrecht, später auf das Staats- beziehungsweise Strafrecht. 1709 wurde Thomasius zum Geheimen Justizrat ernannt und 1710 zum Nachfolger von Samuel Stryk als Direktor der Universität Halle auf Lebenszeit berufen.

Nicolaus Hieronymus Gundlingius (auch Nikolaus Hieronymus Gundling; * 25. Februar 1671 in Kirchensittenbach; † 9. Dezember 1729 in Halle (Saale)) war ein Rechtswissenschaftler, früher Aufklärer, königlich-preußischer Geheimrat und Konsistorialrat des Herzogtums Magdeburg. Der Polyhistor war Professor des Naturrechts und der Philosophie sowie Prorektor der Friedrichs-Universität Halle/Saale. Er gilt als einer der Begründer der Lehre vom Geistigen Eigentum und als einer der bedeutendsten Naturrechtslehrer des 18. Jahrhunderts.

1692 ging er an die Universität Jena. Dort freundet er sich auch mit dem Juristen und Historiker Georg Schubart an, der seine Begeisterung für Rhetorik und Historik förderte. Ab 1694 hielt er sich, nach einem kurzen Aufenthalt an der Universität Leipzig, wieder in Altdorf auf und kam 1698 mit einer Gruppe von Adligen nach Halle, wo er Christian Thomasius begegnete. Dieser bestärkte ihn im Studium der Rechtswissenschaften und dem Ziel, eine Professur in Halle anzustreben. Neben den Rechtswissenschaften widmete er sich in dieser Zeit auch der Philosophie und Geschichte. Gundling sollte in der Folge einer der bedeutendsten Schüler Thomasius werden. Er promovierte zunächst am 23. April 1703 zum licentiatus iuris, dann zum „Doctorem Juris“ am 12. Juli 1703, worauf Eberhard Danckelmann den König Friedrich I. in Preußen auf ihn aufmerksam machte. 1707 wurde er ordentlicher Professor für Geschichte und Beredsamkeit an der Philosophischen Fakultät der erst 1694 neu gegründeten Universität Halle.

Zum 51. Geburtstag Friedrich I. (1708) hielt er im Namen der Universität Halle eine Lobrede, sein erster öffentlicher Auftritt vor größerem Publikum. Am 26. Februar 1712 wechselte Gundling als ordentlicher Professor für Natur- und Völkerrecht an die Juristische Fakultät in Halle und wurde durch diesen Schritt zum Magdeburgischen Konsistorialrat. Im Jahr 1719 wurde er zum Geheimen Rat ernannt sowie auf den Lehrstuhl für Ius Publicum in Halle berufen. Sämtliche Rufe an andere Universitäten lehnte er ab. Er gilt als der Hauptvertreter der hallischen staatsrechtlich-historischen Schule, die an der der Aufklärung verschriebenen Universität Halle begründet wurde, sowie als einer der Begründer der Lehre vom Geistigen Eigentum, wobei er mit seinem Werk „Rechtliches und Verfnunfftmäßiges Bedencken…“ 1726 die erste monographische Schrift zu diesem Thema verfasste. Beeinflusst wurde Gundling in Halle hauptsächlich durch seinen Lehrer Thomasius, dessen bedeutendster Schüler er war. Die Lehre Gundlings reichte von Reichsgeschichte und -staatsrecht über Völker-, Natur- und Kirchenrecht bis hin zu Pandekten und Literaturgeschichte. Seine Lehrveranstaltungen wurden wegen seiner hervorragenden Rhetorik und Geistesschärfe, aber auch aufgrund der von Gundling gepflegten Aktualität und der „spritzigen Elemente“ gelobt. Insbesondere für das 18. Jahrhundert gilt er als einer der bedeutendsten Naturrechtslehrer.

Justus (Jobst) Henning Böhmer (* 29. Januar 1674 in Hannover; † 23. August 1749 in Halle; auch Boehmer) war ein deutscher Rechtswissenschaftler, Kirchenrechtsgelehrter, Geheimer Rat, Hofrat und Hofpfalzgraf sowie Regierungskanzler des Herzogtums Magdeburg. Stryk, seinem alten Mentor und mittlerweile preußischen Geheimrat und Dekan der juristischen Fakultät, hatte Böhmer es zu verdanken, dass er am 9. Dezember 1704 zu dessen Adjutanten und am 24. November 1711 zum ordentlichen Professor der Fakultät ernannt wurde. Fünf Jahre nach dem Tod von Stryk erhielt Böhmer am 29. Juni 1715 dessen Professur der Institutionen und des Lehnsrechts und wurde zum königlich-preußischen Hofrat ernannt.

Der preußische König beförderte ihn am 23. Mai 1719 zum Geheimen Rat und ernannte ihn schließlich am 25. Mai 1731 zum Direktor der Universität und Vizeordinarius der Juristenfakultät in Halle, nachdem er den König mittels eines vom König selbst in Auftrag gegebenen Gutachtens von der Bedeutung dieser Universität überzeugt hatte.

Nach dem Tod des Regierungskanzlers Johann Peter von Ludewig wurde Justus Henning Böhmer am 14. Dezember 1743 mit dem Amt des Regierungskanzlers des Herzogtums Magdeburg betraut und gleichzeitig zum Ordinarius der Juristenfakultät befördert. Doch nur wenige Jahre später, etwa ein Jahr nach dem Tode seines Sohnes Karl August, starb er am 23. August 1749 nach einem heftigen Schlaganfall. Er wurde begraben auf dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Stadtgottesacker zu Halle.

Mitten im Zeitalter der Aufklärung und beeinflusst von dessen Strömungen vertrat er dabei an Stelle eines religiös-gläubigen Fundamentalismus von Rechtssätzen eine zunehmend kritische und wissenschaftliche Entwicklung. Böhmers Methoden und Auffassungen beherrschten das gesamte evangelische Kirchenrecht des 18. Jahrhunderts und waren Grundlage für weitere Reformen bis in die Gegenwart. Nicht minder waren seine Erfolge in dem Bereich des Zivilrechtes. In seinem Hauptwerk Introductio in jus digestorum, ein Pandekten-Kompendium, welches sich bis in das 20. Jahrhundert behauptete, befreit er das geltende deutsche Recht von den Einflüssen des alten römischen Rechts und bereitet damit die Grundlagen für das Allgemeine Landrecht für die preußischen Staaten vor.

Christian Wolff, ab 1745 Freiherr von Wolff, (* 24. Januar 1679 in Breslau; † 9. April 1754 in Halle) war ein deutscher Universalgelehrter, Jurist und Mathematiker sowie einer der wichtigsten Philosophen der Aufklärung zwischen Leibniz und Kant. Der Aufklärer zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Naturrechts und gilt als eigentlicher Begründer der Begriffsjurisprudenz des 19. Jahrhunderts. Die deutsche Philosophie verdankt ihm ihre terminologische Grundlegung; viele von ihm definierte Begriffe wie Bewusstsein, Bedeutung, Aufmerksamkeit oder an sich wurden später in die Alltagssprache übernommen. Wolff hatte auch maßgeblichen Einfluss auf die preußische Gesetzgebung.

Christian Wolff wurde 1679 in Breslau geboren. Der bikonfessionelle (sowohl lutherisch-protestantische als auch katholische) Charakter der damals unter österreichischer Verwaltung stehenden schlesischen Stadt prägte den Schüler. Mit acht Jahren kam Christian Wolff, selbst Lutheraner, auf das Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau. Nach eigenen Aussagen verfolgte er auch die katholischen Gottesdienste und diskutierte über philosophische und theologische Fragen mit den Breslauer Jesuitenschülern. Ab 1699 studierte Wolff in Jena Theologie, vor allem aber Physik und Mathematik. Er habilitierte sich 1702 und dozierte ab 1703 privat an der Universität Leipzig, wo er auch teilweise als Prediger wirkte. 1706 wurde er Professor für Mathematik und Philosophie an der Universität Halle. 1710 wurde Christian Wolff zum Mitglied der Royal Society und 1711 der Berliner Akademie der Wissenschaften ernannt. Im selben Jahr begegnete Wolff den Klassikern der chinesischen Philosophie in der lateinischen Übersetzung von Pater François Noël (1651–1729). Die intensive Lektüre der Werke des Konfuzius und des Menzius inspirierte Wolff im Jahr 1721 zu seiner „Rede über die praktische Philosophie der Chinesen“ an der Universität Halle. In dieser Rede diente Konfuzius und die konfuzianische Tradition als lebendiger Beweis für eine Ethik, die unabhängig vom christlichen Glauben über Jahrtausende eine Hochkultur geprägt hatte. Seine pietistischen Gegner beschuldigten Wolff in der Folge des Atheismus; sie bewirkten, dass er 1723 sein Amt aufgeben und die Stadt Halle aufgrund eines Befehls des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. innerhalb von 48 Stunden verlassen musste.

Wolff ist sowohl Verteidiger einer kongruenten Ergänzung von Vernunft und Offenbarung (Theologia naturalis, 2 Bde., 1736/1737) als auch ein Anhänger der platonischen Idee des „Philosophenkönigtums“ (De philosopho regnante et de rege philosophante, in: Horae subsecivae Marburgenses, 1730). Während seine Philosophie in den 1720er und 1730er Jahren vor allem von der lutherischen Orthodoxie und von protestantisch-pietistischer Seite scharf angegriffen und unter Atheismus-Verdacht gestellt wurde, erwuchsen Wolff in den 1740er Jahren mächtige Gegner in der empiristischen englischen (Newtonianismus) und skeptizistischen (Voltaire) bis materialistischen (de La Mettrie) französischen Philosophie. Eine in dieser Phase hingegen zunehmende positive Rezeption der Aufklärungsphilosophie Wolffs ist festzustellen in den katholischen Teilen Europas, vor allem in Italien, vielfach bei Jesuiten und Benediktinern.

Wolffs Rückbesinnung auf Grotius und Pufendorf erschöpfte sich nicht darin, den moralphilosophischen Ansatz der beiden wiederherzustellen. Er setzte ihn vielmehr voraus, denn in seiner Hauptsache ging es ihm darum, für das ihn umgebende Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus eine eigenständige Staats- und Rechtslehre formulieren und umsetzen zu können. Auch das bestehende gemeine Recht erlangte – trotz der von Wolff stets bevorzugten Anwendung römischen Rechts – bisweilen naturrechtlichen Charakter, Voraussetzung wiederum dafür, dem System Wolffs einen ganzheitlichen Habitus zu geben. Positives und Vernunftrecht erlangten große Schnittmengen und Gesinnungswerte aus einer natürlichen Moral flossen dort hinein. Daraus entwickelte sich einerseits ein hoher praktischer Nutzen für die Rechtspraxis. Andererseits entstand alsbald ein gesellschaftliches Sozialbild, das später in das preußische Landrecht Einzug halten sollte. Wolffs Schüler, zu nennen ist allen voran Daniel Nettelbladt, trugen seine Ideen fort. In seiner Tradition entfaltete das Rechtsdenken Fernwirkungen, die in den Pandektismus (Erstellung eines widerspruchsfreien Systems von Rechtssätzen) hineinreichten, letztlich sollte noch das Bürgerliche Gesetzbuch durch ihn mitgeprägt werden.

Daniel Nettelbladt, auch Nettelblatt (* 14. Januar 1719 in Rostock; † 4. September 1791 in Halle (Saale)) war ein deutscher Jurist. Er gehörte zu den bedeutendsten Rechtsgelehrten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nettelbladt war seit 1765 königlich preußischer Geheimrat und ab 1775 Primarius (= Erster Professor) und Präses der juristischen Fakultät der Universität Halle.

1733, mit 14 Jahren, wurde er als akademischer Bürger an der Universität Rostock immatrikuliert. Er wählte auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters Theologie als Fachstudium. Während seines Studiums lernte er die philosophischen und juristischen Werke von Christian Wolff und Johann Ulrich von Cramer kennen, die ihn stark beeinflussten. 1735, nach dem Tod seines Vaters, wechselte er das Studienfach und studierte nun Rechtswissenschaften. Im Nachlass seines Vaters fand er einen Briefwechsel mit Wolff, der seinem Vater versprach, während des Studiums seiner Söhne für sie zu sorgen. Die Nettelbladts waren mit Wolff entfernt verschwägert. 1739 verließ Nettelbladt seine Heimatstadt und die Hochschule. Er übernahm in Schwerin die wissenschaftliche Ausbildung von zwei mecklenburgischen Adligen.

Ostern 1740 ging er nach Marburg und traf dort zum ersten Mal persönlich Christian Wolff und Johann Ulrich Cramer, die als Professoren an der Marburger Universität lehrten. Zu beiden fand Nettelbladt ein tiefes persönliches Verhältnis. In Marburg hörte er Vorlesungen von Cramer über Rechtsgeschichte, Staats- und Lehnsrecht und bei Wolff philosophische und mathematische Vorträge. Er kam dabei mit der logisch-mathematischen Deduktionstechnik Wolffs zur Herleitung konkreter Regeln aus allgemeinen Lehrsätzen in Berührung. Diese sollte er später im rechtswissenschaftlichen Bereich in eine Umkehranalyse führen, bei der einzelne naturrechtliche Rechtssätze aus der Masse der konkreten Regelungen in höchstmögliche Abstraktion geführt wurden. 1741 ging er zu Wolff nach Halle, der 1740 eine Berufung an die Hallesche Universität erhalten hatte. Dort wohnte er bei Wolff und konnte seine juristischen Studien fortsetzen. Am 17. März 1744 verteidigte Nettelbladt seine Inauguraldissertation unter dem Regierungskanzler Justus Henning Böhmer und wurde zum Doktor beider Rechte promoviert.

1746 wurde Nettelbladt Ordentlicher Professor der Rechte an der Halleschen Universität mit dem Titel eines Hofrates, allerdings ohne Gehalt. Ende des Jahres 1748 erhielt er einen Ruf als Professor nach Kopenhagen mit einem Jahresgehalt von 1000 Reichstalern. Er reiste nach Berlin, um seine Entlassung aus preußischen Staatsdiensten zu erwirken, die aber vom Universitätsoberkuratorium verboten wurde. Nettelbladt erhielt aber daraufhin eine Besoldung von 500 Talern, die 1750 erhöht wurde. 1754 erlangte er die dritte, 1763 die zweite Stelle als Professor der Rechtswissenschaft der Halleschen Universität und 1765 den Charakter eines königlich preußischen Geheimen Rates. Am 21. Oktober 1775 trat er als Primarius und Präses an die Spitze der Hallenser Juristischen Fakultät und führte zugleich den Titel eines Direktors der Hochschule und wurde auch kurze Zeit später Senior der Universität. Zu seinen Schülern gehörten unter anderen die späteren Verfasser des Allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten (1794) Carl Gottlieb Svarez, Johann Heinrich von Carmer und Ernst Ferdinand Klein.

Er starb mit 72 Jahren in Halle und wurde unter großer Anteilnahme der Universität und Bürgerschaft am 7. September 1791 auf dem Halleschen Stadtgottesacker bestattet. Sein Grab befindet sich im Gruftbogen 22.

Medizinalwesen und Medizinische Fakultät

An den Collegia medico-chirurgica in Kurbrandenburg lehrten im 17. und 18. Jahrhundert hochangesehene Persönlichkeiten, deren Werdegang über eine nichtakademische Ausbildung verlief. Zusammen mit den akademisch ausgebildeten Fachkollegen waren sie die Initiatoren einer immer mehr wissenschaftlich ausgerichteten Chirurgie. Die Chirurgen unterlagen staatlicherseits einer Doppelaufsicht, nämlich der Medizinalbehörde sowie der noch aus dem Mittelalter stammenden Zunftordnung. Als oberste Gesundheitsbehörde schuf die Regierung 1685 in Berlin das „Collegium medicum“. Mit der im Jahre 1700 gegründeten „Societät der Wissenschaften“ erhielt Preußen in der Hauptstadt 1713 ein Theatrum anatomicum. Aus dem Collegium medicum ging im Jahre 1723/24, unter dem Akademiepräsidenten Jacob Paul von Gundling, das von Friedrich Wilhelm I. gegründete Collegium medico-chirurgicum hervor, welches als Lehrinstitut mit dem Theatrum anatomicum verbunden wurde.

Zur chirurgischen Ausbildung sämtlicher Medizinalberufe wurde 1723 ein Anatomieprofessor bestellt. In Preußen standen neben den akademisch ausgebildeten Ärzten und Apothekern die in Zünften organisierten Bader und Barbiere, wie das gesamte Heilpersonal, unter der Aufsicht des Collegium medicum, welches im Jahre 1725 zum „Ober-Collegium medicum“ an der Charité umgestaltet wurde. Zudem wurden ab dem Jahre 1724 „Provinzialkollegien“ eingerichtet. Das Oberkolleg bestand aus einem Staatsminister als Vorsitzenden, den Leib- und Hofärzten, dem Physikus, den ältesten Praktikern in Berlin, dem Leib- und Generalchirurg, Hofapotheker sowie drei Chirurgen mit zwei Apothekern als Assessoren. Das Medizinaledikt vom 27. September 1725 ordnete in Preußen an, dass die Barbiere und Bader sich in der Praxis eines „Gottwohlgefälligen, nüchternen und eingezogenen mäßigen Lebens befleissigen sollten, damit sie jederzeit bei begebenden Fällen tüchtig sein mögen, ihren Nächsten mit ihrer Kunst und Wissenschaft zuträglich und mit Verstande, es sei bei Tag oder Nacht, dienen (…) auch in vorkommender Pest und Sterbenszeiten, da Gott vor sei, wenn sie beordert werden, in die Lazareten zu gehen.“

Die Preußische Armee hatte als Feldschere Bader und Wundärzte, die eine abgeschlossene Lehre vorzuweisen hatten. Vermutlich erfüllten jedoch nicht alle Feldschere diese Mindestvoraussetzungen. Auch die Ausrüstung der Feldschere galt als völlig unzureichend. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts setzte Preußen einen Generalchirurgen ein, dem alle Feldschere unterstellt waren, womit sich vieles verbesserte; vor allem wurden sie jetzt einheitlich ausgebildet. Der erste Generalchirurg war Ernst Konrad Holtzendorff (1688–1751). Durch ihn wurde die Versorgung der Verwundeten entscheidend verbessert. Zur Aus- und Weiterbildung der Armeefeldschere initiierte Holtzendorff die chirurgische Ausbildung am „Collegium medico-chirurgicum“ und wandelte als Ausbildungsstätte ein Pesthospiz in ein Armeehospital unter dem Namen „Charité“ in Berlin um, das später allen Bürgern geöffnet wurde.

Präsident des „Ober-Collegium medicum“ wurde 1724 der Professor Georg Ernst Stahl, der Leibarzt König Friedrich Wilhelms I. In Preußen konnte fortan ein Chirurg nur dann approbiert werden, wenn er einen Lehrbrief vorgelegt und mindestens sieben Jahre bei einem Meister, auch als Feldscher bei der Truppe, gedient hatte und nach einem Operationskurs von dem „Ober-Collegium Medicum“ geprüft worden war. Am 13. Dezember 1809 wurde das Collegium medico-chirurgicum aufgelöst und die Bücherei von der Pépinière (Ausbildungsanstalt für Militärärzte) übernommen, selbst wenn 1810 bis zur Aufnahme des Lehrbetriebs an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität noch vereinzelte Lehrveranstaltungen stattfanden.

Georg Ernst Stahl

Georg Ernst Stahl (* 21. oder 22. Oktober 1659 in Ansbach; † 14. Mai 1734 in Berlin) war ein deutscher Alchemist, Chemiker, Mediziner und Metallurg. Als Chemiker entwickelte er die Theorie vom „Phlogiston“ (Erklärungsmodell von Verbrennungen als Verbindung von Stoffen), als Mediziner war er Vertreter des auch als frühe Form eines psychodynamischen Krankheitskonzepts angesehenen Animismus (Beseeltheit der Natur).

Nach Besuch des Gymnasiums in Ansbach, das damals mit der Mark Brandenburg (als Fürstentum Ansbach) assoziiert war, studierte Stahl seit 1679 in Jena Medizin und Chemie. Stahl war ein gottesfürchtiger Mensch und durch den im lutherischen Ansbach vorherrschenden Pietismus geprägt. 1687 wurde er Hofarzt des Herzogs Johann Ernst von Sachsen-Weimar und erhielt 1694 eine Stelle als Professor der Medizin an der im Jahr zuvor neu gegründeten Universität Halle. 1715, zum Leibarzt des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm I. berufen, wird ihm die Position als Präsident des Collegium-Medicum in Berlin angetragen. Am 27. September 1725 erließ Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig, das Allgemeine und neu geschärfte Medicinal-Edict. Den Entwurf zu diesem Edikt hatte Stahl in Zusammenarbeit mit dem brandenburgischen Leibarzt Johann Theodor Eller entworfen. Erstmals wird darin die Ausbildung der Apotheker gesetzlich geregelt.

Johann Theodor Eller (* 29. November 1689 in Plötzkau; † 13. September 1760 in Berlin) war ein bedeutender Mediziner des 18. Jahrhunderts, Chemiker, preußischer Militärarzt und ab 1735 Leibarzt unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II.

Eller studierte zunächst in Quedlinburg und Jena Rechtswissenschaften, später in Halle, Leiden, Amsterdam und Paris Medizin und Naturwissenschaften. Louis Lemery und Wilhelm Homberg weckten sein Interesse für Chemie. Ein Aufenthalt in London brachte ihm weitere gute Beziehungen ein. Nach seiner Rückkehr 1721 wurde er Leibarzt und Physikus des Fürsten von Anhalt-Bernburg, wo er als erster in Deutschland die Pockenimpfung durchführte. Zwei Jahre später bereits wurde er nach Preußen berufen und wurde 1724 Feldmedicus, Arzt am Berliner Friedrichs-Hospital und Professor am Collegium medico-chirurgicum, das im selben Jahr gegründet worden war. Zusammen mit dem Chirurgen und Militärarzt Gabriel Senff († 1738) leitete er acht Jahre lang die 1727 eröffnete Charité in Berlin. 1735 wurde er Direktor der Physikalischen Klasse der Sozietät der Wissenschaften und Leibarzt der preußischen Könige. 1755 wurde er Direktor des Collegium medico-chirurgicum. Im Jahr 1738 wurde er mit dem akademischen Beinamen Euphorbus I. zum Mitglied (Matrikel-Nr. 484) der Leopoldina gewählt.

Medizinische Fakultät der Universität Königsberg

Johann Christoph Bohl (auch: Bohlius, Bohle; * 16. November 1703 in Königsberg (Preußen); † 29. Dezember 1785 ebenda) wurde am 16. Mai 1741 in die medizinische Fakultät der Königsberger Hochschule aufgenommen und am 23. September 1741 zweiter ordentlicher Professor der Medizin und damit verbunden königlicher preußischer Leibarzt. Nach dem Tod von Melchior Philipp Hartmann übernahm er 1766 die erste ordentliche Professur und war damit Beisitzer im Königsberger Sanitätskollegium geworden. Bohl ist als Förderer Immanuel Kants bekannt, den er auch finanziell während seiner Zeit am Collegium Fridericianum unterstützte. Zudem beteiligte sich Bohl auch an den organisatorischen Aufgaben der Königsberger Hochschule und war in den Wintersemestern 1741/42, 1745/46, 1749/50, 1753/54,1757/58, 1761/62, 1765/66 1769/70 und 1773/74 Rektor der Alma Mater.

Christoph Gottlieb Büttner (auch Christoph Gottlob oder Christoph Theophil Büttner; * 10. Juli 1708 in Brandenburg bei Königsberg; † 1. April 1776 in Königsberg (Preußen)) war ein deutscher Mediziner. 1770 wurde er zum Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt. Zudem hatte er sich an den organisatorischen Aufgaben der Königsberger Hochschule beteiligt und war in den Wintersemestern 1767/68, 1771/72 sowie 1775/76 zum Rektor der Alma Mater gewählt worden. Er starb in seiner letzten Amtszeit.

Melchior Philipp Hartmann (* 25. März 1685 in Königsberg i. Pr.; † 6. November 1765 ebenda) war ein deutscher Mediziner. Nachdem er 1726 Beisitzer des dortigen Kollegiums der Medizin geworden war, übertrug man ihm 1727 die zweite ordentliche Professur und ab 1728 die erste o. Professur an der medizinischen Fakultät. Er hatte sich auch den organisatorischen Aufgaben der Königsberger Universität beteiligt und war in den Wintersemestern 1727/28, 1731/32, 1735/36, 1739/40, 1743/44, 1747/48, 1751/52,1755/56, 1759/60, 1763/64 zehnmal Rektor der Albertina.

Namhafte Mediziner in Halle waren Friedrich Hoffmann (1660–1742), Andreas Ottomar Goelicke (1671–1744), Philipp Friedrich Theodor Meckel (1755–1803) und Johann Christian Reil (1759–1813), der  Begründer der deutschen Psychotherapie.