Gehe zu: Hauptmenü | Abschnittsmenü | Beitrag

Peter Burg Werke

Vorlesung 04112020

Vorlesung 04112020

2) Friedrich der Große und die Religion

Immanuel Kant beruft sich auf Friedrichs Maxime, seinen Bürgern in Religionsdingen keine Vorschriften zu machen. Kant hält diese Position für sehr wichtig, um den Prozess der Aufklärung und der Emanzipation der Menschheit  voranzubringen. Wie war Friedrichs Verhältnis zur Revolution beschaffen, das für seine Zeit prägend war?

Friedrich der Große folgte als agnostischer Sohn einem frommen Vater auf den Königsthron. Dennoch hat sich Friedrich der Große Zeit seines Lebens mit theologischen und spirituellen Fragen beschäftigt. Offensichtlich ließ ihn die Religion seines Vaters nicht los. Wie in anderer Hinsicht auch erweist sich Friedrich der Große im Hinblick auf seine Stellung zur Religion als zwiespältig. Die Ambivalenz und das Schillernde seiner theologischen und spirituellen Aussagen haben Wissenschaftler zu unterschiedlichsten, ja konträren Einschätzungen seiner Religiosität geführt. So gibt es Urteile, die Friedrich als vollkommen unreligiösen Menschen bezeichnen. Andere deuten ihn als frommen, wenn auch äußerst eigenwilligen Christen. Die Zwiespältigkeit im Urteil lässt sich bereits bei den Zeitgenossen Friedrich des Großen ausmachen.

Entscheidend für den Glauben eines Menschen ist seine religiöse Sozialisation. Das gilt auch für Friedrich, erst recht, weil die schwere Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Vater nicht zuletzt eine Auseinandersetzung um die religiöse Überzeugung war. Friedrich Wilhelm I. versuchte mit allen Mitteln seinem Sohn das eigene pietistische Glaubensverständnis zu vermitteln. Dies geschah zum Teil mit brachialer Gewalt, mit Schlägen und Hieben – sogar in der Öffentlichkeit. Die Vehemenz erklärt sich zum einen aus dem cholerischen Charakter des Soldatenkönigs. Zum anderen hat sie jedoch darin ihren Grund, dass Friedrich Wilhelm I. in seiner Religiosität die Garantie dafür sah, dass Friedrich seine Auffassung vom Herrscheramt als Dienstamt übernehmen würde. Um im Konflikt mit dem Vater zu überleben, begann Friedrich, sich gegenüber dem Vater zu verstellen. Im Lauf von Kindheit und Jugend ist ihm diese Verstellungskunst zur zweiten Natur geworden. Hierin hat das merkwürdig Schillernde seiner Persönlichkeit ihre wesentliche Ursache.

Distanz zur frommen Ehefrau

Auch die Friedrich vom Vater verordnete Ehefrau Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern ist in der Geschichte sehr unterschiedlich beurteilt worden. Im jeweiligen Urteil spiegelt sich meist stärker die jeweilige Stellung des Autors zu Friedrich dem Großen als dass ein objektives Urteil über Elisabeth Christine vorliegen würde. Als geborene Welfin war sie mit den wichtigsten Königshäusern Europas eng verwandt. Sie war sogar eine Nichte Kaiserin Maria Theresias. Offensichtlich unterschied sich ihre Kindheit diametral von der Friedrichs. Aufgewachsen mit 13 Geschwistern umgab sie eine liebevolle und offene Atmosphäre. Vor allem war ein unerschütterlich christliches Menschen- und Weltbild wesentlich für die gesamte Familie, auch für Elisabeth Christine. Der vertrauensvolle Umgang in Wolfenbüttel ist verantwortlich für ihr lebenslanges Gottvertrauen und ihre ernsthafte Frömmigkeit. Gerade ihre Frömmigkeit war ein wesentlicher Grund, wieso die Prinzessin den Vorstellungen ihres Schwiegervaters für eine Braut Friedrichs entsprach. „Die [älteste von Bevern] ist modeste und eingezogen […] so müssen Frauen sein. […] Die Prinzessin ist nit hässlich, auch nit schön […]. Sie ist ein gottesfürchtiger Mensch.“ Eine solche Frömmigkeit stand den Vorstellungen Friedrichs von einer möglichen Ehefrau diametral entgegen.

Auch wenn Elisabeth Christine von Friedrich nach dessen Thronbesteigung eine große Wohnung im Berliner Stadtschloss zugewiesen bekam, war doch auch in der Öffentlichkeit deutlich, dass die beiden Eheleute nicht mehr zusammenlebten. Friedrich hatte in die Tat umgesetzt, was er bereits als Kronprinz einem Vertrauten angekündigt hatte: Sich sobald er einmal König sein würde, von seiner Frau zu trennen. Elisabeth Christine übernahm fortan die protokollarischen Repräsentationspflichten einer Königin in Berlin, während Friedrich sich – wenn er nicht gerade unterwegs war – meist in Potsdam aufhielt.

Es lässt sich nur schwer von der Hand weisen, dass die unterschiedliche Stellung zum traditionellen christlichen Glauben mitverantwortlich war für die getrennten Haushalte von Elisabeth Christine und Friedrich. Ende der 1760er Jahre, als sich abzeichnete, dass alle Hoffnungen Elisabeth Christines auf eine gemeinsame Zukunft mit dem König sich als trügerisch erwiesen, begann sie, sich immer intensiver mit theologischen Schriften zu befassen. Einerseits bemühte sie sich darum, durch das Studium der entsprechenden Schriften ihre Enttäuschungen zu verarbeiten. Andererseits fing sie an, theologische Schriften aus dem Deutschen ins Französische zu übersetzen, drucken zu lassen und ihrem Ehemann zu schenken. Sie hoffte wohl, Friedrich auf diese Weise eine Brücke zum von ihr vertretenen christlichen Glauben zu bauen. Elisabeth Christine pflegte in Berlin engen Kontakt zu bedeutenden Vertretern des aufgeklärten Protestantismus. Johann Joachim Spalding < Johann Joachim Spalding (* 1. November 1714 in Tribsees, Schwedisch-Pommern; † 25. Mai 1804 in Berlin) war ein deutscher protestantischer Theologe, Kirchenlieddichter, Popularphilosoph und der wichtigste Vertreter der Neologie <= neue Lehre, ethisch-aufklärerische geprägter Protestantismus> in der Zeit der Aufklärung> und der Domprediger August Friedrich Sack < August Friedrich Wilhelm Sack (* 4. Februar 1703 in Harzgerode; † 22. April 1786 in Berlin) war ein deutscher Philosoph, Theologe, berühmter Kanzelredner und Schriftsteller. > standen dabei im Vordergrund, außerdem der Theologe und Geograph Anton Friedrich Büsching < Anton Friedrich Büsching (* 27. September 1724 in Stadthagen, Schaumburg-Lippe; † 28. Mai 1793 in Berlin) war ein deutscher evangelischer Theologe und Geograph>. Zu den von Elisabeth Christine übersetzen Werken gehörten Spaldings Werk über die Bestimmung des Menschen und Predigten von Sack. Zwischen 1776 und 1789 publizierte sie nachweisbar 11 Bücher.

Nimmt man diese schriftstellerische Tätigkeit Elisabeth Christines ernst, so stellt sie sich als Friedrich durchaus ebenbürtige intellektuelle Gattin dar. Allerdings: sie beharrte dabei inhaltlich auf ihrem christlichen Weltbild. Im Zentrum standen Betrachtungen über die Güte und Allgegenwart Gottes. Vor allem ging es darum, mit Schicksalsschlägen im Vertrauen auf Gottes Vorsehung fertig zu werden. Zeitgenossen fiel in den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens auf, dass sie trotz finanzieller Engpässe ein ausgeglichenes Wesen zeigte und bis an ihr Lebensende an der Liebe zu Friedrich festhielt. Ein erstaunliches Phänomen angesichts der Fülle von Zurücksetzungen, die der König ihr zuteilwerden ließ. An Elisabeth Christine wird ein von Friedrich unterschiedener Lebensentwurf erkennbar: Offenbar gibt es eine Befreiung des menschlichen Geistes nicht allein auf dem Wege des Vernunftgebrauchs. Es stimmt nachdenklich, dass Friedrich der Große im Gegensatz zu seiner Gattin einsam und verbittert in Sanssouci gestorben ist.

Begräbnis bei den Hunden

Jeder, der Schloss Sanssouci besichtigt, ist erstaunt über die Tatsache, dass Friedrich der Große auf der Terrasse des Schlosses neben seinen Lieblingshunden bestattet worden ist. Sein Grab ist mit einer Steinplatte versehen, die die gleiche Größe besitzt wie diejenigen, die seinen Lieblingshunden gewidmet sind. Auch die Schriftgröße der Namen ist vergleichbar. Was verbirgt sich hinter diesem testamentarisch verfügten Wunsch Friedrichs? Welchen Skandal die Verfügung im 18. Jh. bedeutete, wird daran erkennbar, dass sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II. diesem Wunsch nicht nachgekommen ist. Friedrich der Große wurde auf dessen Anordnung nach seinem Tod mit großem Zeremoniell neben dem Vater in der Potsdamer Garnisonskirche beigesetzt. Erst am 17. August 1991, also mehr als zwei Jahrhunderte später,  ist Friedrich seinem Wunsch gemäß auf der Terrasse von Schloss Sanssouci neben seinen Hunden bestattet worden.

Welche Motive verbergen sich hinter Friedrichs Verfügung? In seinem privaten Testament von 1769 schrieb der König: „Gerne und ohne Klagen gebe ich meinen Lebensodem der wohltätigen Natur zurück, die ihn mir gütig verliehen hat, und meinen Leib den Elementen, aus denen er gebildet ist. Ich habe wie ein Philosoph gelebt und will als solcher begraben werden, ohne Glanz, ohne Pracht, ohne Prunk. Ich will weder seziert noch einbalsamiert werden. Man bestatte mich in Sans-Souci oben auf der Terrasse in einem Grab, das ich mir habe herrichten lassen… Wenn ich im Krieg oder auf einer Reise sterbe, soll man mich am erstbesten Ort begraben und im Winter nach Sans-Souci an die von mir bezeichnete Stelle bringen.“ In seinem ersten Privattestament vom 11. Januar 1752 hatte er verfügt: „Man bringe mich beim Schein einer Laterne, und ohne dass mir jemand folgt, nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse, rechterhand, wenn man hinaufsteigt.“

Was sagt Friedrichs Begräbniswunsch über seine Lebensphilosophie aus? Sie lässt einen antifamiliären, einen antihöfischen und einen antikirchlichen Affekt erkennen. Friedrich möchte sowohl seine Familie als auch die Repräsentanten seines Staates und auch die Geistlichkeit von seinem Begräbnis fernhalten. Traditionsgemäß spielten alle drei Gruppen bei der Beerdigung eines Staatsoberhauptes in der Barockzeit eine entscheidende Rolle. Es ist also weniger das Motiv der bürgerlichen Bescheidenheit, das Friedrich bestimmt. Wichtiger ist, dass er in seiner Entscheidung ohne Rücksicht auf Konventionen vorgeht. Vor allem aber lässt die Bestattungsverfügung erkennen, dass er das traditionelle Gottesgnadentum des Herrschers, erst Recht den Summepiskopat, in Zweifel zieht. Die Begräbnisvorschrift zeigt, dass er sich radikal von verwandtschaftlichen, öffentlichen und religiösen Bindungen und Rücksichtnahmen gelöst hat. Es war die Autonomie seiner philosophischen Vorstellungen, die das Gesetz seines Handelns bestimmte.

Ob man allerdings soweit gehen und sagen kann, dass Friedrich mit der Bestattungsvorschrift zum Ausdruck bringen wollte, dass er sein Leben keinem Schöpfergott, sondern der Natur verdankte, ist fraglich, ebenso dass der christliche Offenbarungsglaube für ihn keinerlei Rolle mehr spielte. Was jedoch auffällt ist die Tatsache, dass hier offensichtlich ein Mensch begraben werden wollte, der nicht hoch von seiner eigenen und der menschlichen Natur insgesamt dachte. Immerhin finden sich bei Martin Luther Äußerungen, die einen ähnlichen Umgang mit den menschlichen Leichnam erkennen lassen. Friedrich  meinte einmal, dass man nach seinem Tod mit seinen Knochen gerne die Birnen vom Baum herunterschlagen könnte. Er hatte sich in den letzten Lebensjahren immer mehr zum Menschenverächter entwickelt. Vielleicht wollte er zum Ausdruck bringen, dass das menschliche Sterben genauso jedes höheren Sinnbezuges entbehre wie das Leben selbst. Trotzdem beugten sich seine Nachkommen seinem Wunsch, als sie 1991, nach fast 200 Jahren, den Leichnam umbetteten.

Einblicke in Friedrichs persönliche Religiosität

Im Hinblick auf Friedrichs Religion fällt auf, dass er eine außergewöhnlich gute Kenntnis von Bibel und Kirchengeschichte besaß. Sie stellt das Ergebnis seiner auf die persönliche Anordnung Friedrich Wilhelm I. zurückgehenden religiösen Erziehung in Kindheit und Jugend dar. In einem Gespräch bemerkte Friedrich der Große 1760, dass sein Vater ihn zum Theologen habe machen wollen. Weiter beeindruckt das nicht nachlassende Interesse an theologischen Fragestellungen. Friedrich äußerte sich Zeit seines Lebens literarisch zu theologischen und philosophischen Fragen. Wie kein anderes der gekrönten Häupter Europas seiner Zeit betätigte er sich als theologischer Schriftsteller. Offensichtlich hat ihn der christliche Glaube sein Leben lang nicht losgelassen.

Andererseits übte er Zeit seines Lebens an den traditionellen Lehren und Spiritualitätsformen des Christentums, auch an der evangelischen Kirche und Theologie, Kritik. Dabei kritisierte er sie nicht nur, sondern verspottete sie sogar, z.T. mit beißender Ironie und Sarkasmus. Im Gegensatz zum Vater spiegelte sich seine eigene Religiosität konsequenterweise nicht in Gottesdienstbesuch, Gebet, Bibellektüre und frommen Aussagen.

Ein einheitliches Urteil über sein Glaubensverständnis ist nicht möglich. Einerseits wandte er sich bewusst vom traditionellen Christentum orthodoxer oder pietistischer Prägung ab. Andererseits machte er sich genauso wenig den radikalen Atheismus eines Voltaire zu eigen. Aber auch dem deistischen Glaubensverständnis hing er nicht vollkommen an. Es bleiben Aussagen, die in dieses Schema nicht hineinpassen. Letztlich stehen unterschiedliche, sich widersprechende Aussagen nebeneinander, die nicht verbunden werden können.

Als rationalistischer Kritiker lehnte Friedrich in seinen theologischen Streitschriften die wesentlichen Lehren der Bibel und der Kirche ab. Dazu gehörte das trinitarische Gottesverständnis, die altkirchliche Auffassung von Person und Werk Jesu Christi, auch die Lehre von den letzten Dingen, also vom Jüngstem Gericht und von der Auferstehung. Genauso wenig fand Friedrich einen Zugang zur reformatorischen Rechtfertigungslehre und zur Vorsehungslehre, der providentia dei. Stattdessen ist sein Glaubensverständnis vom Geist der Aufklärung geprägt: Er ist nicht länger bereit, seine Vernunft einer fremden Autorität, wie den biblischen Texten oder den Vorgaben der dogmatischen Tradition, zu unterwerfen. Nur was vernünftig plausibel erscheint, kann Anspruch auf Wahrheit und Wirklichkeit erheben. Entsprechend weicht das Wunder der naturwissenschaftlichen Erklärung und das christliche Erlösungsverständnis den Forderungen der Moral. Friedrichs Glaube ist wie der der anderen deutschen Aufklärer geprägt von den drei  tragenden Säulen Gott, Tugend, Unsterblichkeit. Der König ist der Überzeugung, dass die Welt von einem Schöpfergott gemacht wurde, der sich analog zu einem Uhrmacher danach aus dem Weltgeschehen zurückzog. Gott stiftete der Welt eherne Gesetze ein, nach denen die Natur funktioniert.

Kern der Religion ist für Friedrich die Ethik. Gegenüber Voltaire fällt auf, dass er die moralische Verkündigung Jesu hochschätzt. Wie schon sein Vater ist er von der Stoa. Ein besonderes Merkmal der stoischen Philosophie ist die kosmologische, auf Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtungsweise, aus der sich ein in allen Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen waltendes universelles Prinzip ergibt. Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe (Ataraxie) nach Weisheit strebt.

Aus der Hochschätzung der Ethik ergibt sich konsequenterweise die Frage nach der Möglichkeit des Menschen, in den Weltlauf gestaltend einzugreifen. Es gibt Äußerungen, aus denen hervorgeht, dass Friedrich darüber nachdachte, ob Gott nicht doch in den Lauf der Welt aufgrund seiner Barmherzigkeit eingreift. Veranlassen die Nöte der Menschen und ihre Anstrengungen Gott etwa doch – anders als der Deismus meint –, darauf zu reagieren? In einem Brief an seine Schwester Ulrike, die Königin von Schweden, schreibt Friedrich am 20. Mai 1771: „Niemand hat uns gefragt, ob wir zur Welt kommen wollen. Man setzt uns hinein, Gott weiß wie; wir leiden an Leib und Seele und sterben dann, ohne dass jemand uns sagen könnte, warum wir diese Verwandlungen durchmachen und in so viele grausame Lebenslagen kommen, nur um zu sterben und ins Grab zu sinken, tief empört über die alberne Rolle, die wir haben spielen müssen. Das Sicherste ist, die irdischen Dinge mit philosophischer Gleichgültigkeit zu betrachten und die Welt als einen Durchgangsort anzusehen, als eine Herberge, in der wir nicht lange verweilen, alle Freude so tief auskosten, als wir vermögen, und sich gegen den Kummer ein dickes Polster anzulegen.“ Die Welt ist für Friedrich also keineswegs die beste aller möglichen Welten.

Einige Jahre später versichert er der Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen, dass er sich anvertraut „der allmächtigen Hand Gottes, der mich führt und überlasse ich mich meinem Schicksal.“ Man spürt, dass Friedrich auch hier deistische Vorstellungen verlässt. Ein Gott, der in die Gesetze der Welt um des Menschen willen eingreift, ist im Deismus nicht denkbar.

Unabhängig von solchen Einzelaussagen ist Friedrich grundsätzlich der Überzeugung, dass Gott der Welt einen Sinn insofern eingestiftet hat, dass Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben herrschen soll. Dabei ist es das Gewissen, das dem Menschen zeigt, was er zu tun und zu lassen hat. Eine der theologisch interessantesten Schriften Friedrichs ist seine sogenannte Predigt über das Jüngste Gericht (vollendet im Januar 1759 im Breslauer Winterlager). Aus zeitgenössischen Berichten wissen wir, dass diese Predigt einen ernsten Hintergrund besitzt. Der König ist überzeugt, dass es einen Tag geben wird, an dem „irdische Macht und Größe nichts mehr gilt, da der Mensch all seines prunkenden Scheines entkleidet wird, … da ihn nichts vor der allmächtigen Hand seines Schöpfers und Richters rettet.“ Friedrich begründet den Gedanken an ein Jüngstes Gericht ethisch. Um der Durchsetzung der Gerechtigkeit willen ist ein transzendenter Ausgleich nötig.

Immer wieder kritisiert Friedrich den atheistischen Materialismus, wie er etwa von Baron Paul-Henri d’Holbach vertreten wird. Friedrich ist nicht dessen Auffassung, wonach das Christentum an allem Unglück in der Welt schuldig sei. Unter Verweis auf die Lehre Jesu betont er vielmehr, dass der Gottesglaube im Sinne des Deismus und die Moral für ein gelingendes Zusammenleben unter den Menschen unerlässlich sei. „Fände sich im Evangelium nichts als diese einzige Vorschrift: ‚Tut den anderen nicht, was ihr nicht wollt, das man euch tue’ – man wäre verpflichtet, zu gestehen, dass diese wenigen Worte, die Quintessenz aller Moral enthalten.“

Man kann fragen, wie Friedrich dazu kam, den rationalistischen Deismus an bestimmten Stellen hinter sich zu lassen. Wahrscheinlich hat dazu wesentlich seine Lebenserfahrung als Feldherr und Regent beigetragen. Dabei wurde er mit menschlichen Schicksalen und Tragödien konfrontiert, angesichts derer der Hinweis auf die der Welt immanenten positiven Naturgesetze nicht ausreichten. Der Versuch Friedrichs, seine Lebenserfahrungen religiös zu verarbeiten, führte ihn immer wieder zum Postulat der Existenz eines barmherzigen Gottes. Es war eine durch den Alltag ausgelöste Verunsicherung, die ihn das rationalistische deistische System in Frage stellen ließ.

Im Gespräch mit General von Ziethen, einem der bedeutendsten Generäle Friedrichs während des Siebenjährigen Krieges, entspannte sich folgender Dialog: Ziehten sagte: „Königliche Majestät, ihr wisst, dass ich bereit bin, auf euren Befehl alles einzusetzen, Leben, Leib und Gut. Aber es ist noch eine Majestät über euch, die lasse ich nicht antasten. Ich gebe euch einen Rat, Majestät: Wenn ihr dem Volk und den Soldaten diesen Heiland abspenstig macht, grabt ihr euch selbst das Grab. Halten zu Gnaden, Majestät!“ Friedrich antwortete, indem er seine Hand auf die Schulter Ziethens legte: „Von Ziethen, glücklicher von Ziethen. Um einen solchen Glauben beneide ich ihn!“