Gehe zu: Hauptmenü | Abschnittsmenü | Beitrag

Peter Burg Werke

Vorlesung 02112020

Vorlesung 02112020

Einleitung: Kommentar zur Durchführung der Vorlesung: Kant und Preußen

Im Mittelpunkt der Vorlesung stehen Texte Kants, die sich konkret auf Preußen und Aspekte seiner Geschichte beziehen. Diese Texte werden herausgefiltert aus den zu Lebzeiten des Philosophen veröffentlichten Schriften und dem umfangreichen handschriftlichen Nachlass und in Bezug zu den angesprochenen Fakten der preußischen Geschichte gesetzt. Dabei soll herausgefunden werden, was und wie Kant seine reale Lebenswelt wahrgenommen hat.

An einigen Beispielen lässt sich die Vorgehensweise veranschaulichen:

1. Im Jahre 1784 spricht Kant in dem berühmten Aufsatz „Was ist Aufklärung“ vom „Jahrhundert Friederichs“ bzw. dem „Zeitalter der Aufklärung“. Die Zeitdiagnose des Philosophen lässt sich konfrontieren mit der preußischen Realität unter Friedrich II.

2. Im Jahre 1793, in der Herrschaftszeit Friedrich Wilhelms II.,  erscheint „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ in erster Auflage. Diese Schrift brachte Kant in Konflikt mit der preußischen Zensur und veranlasste den Philosophen zu einer Rechtfertigung und einer Verteidigung von Denk-, Presse- und Religionsfreiheit. Der Konflikt dient als Ausgangspunkt für Betrachtung der konkreten preußischen Freiheitsrechte bzw. ihrer Schranken.

3. 1795 erschien die Schrift „Zum ewigen Frieden“. In diesem Fall lässt sich ein Bezug zum Baseler Separatfrieden zwischen Frankreich und Preußen herstellen. Wie sah Kant die preußische Außenpolitik, die eine Neutralität in den Kriegsjahren dieser Epoche ansteuerte?

4. „Metaphysik der Sitten“ (1797/98) zum Verhältnis Staat und Kirche, insbesondere zur Säkularisation, zur Enteignung der Kirche, zur Wegnahme von Macht und Eigentum. Wenige Jahre später wurde aus der Diskussion eine Umsetzung in die Tat nach französischem Vorbild.

5. In der „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1798/1800) beschreibt Kant Volkscharaktere, darunter auch die Deutschen. Hier interessiert die Frage nach Klischee und Realität in der Sichtweise.

Eine Fülle von konkreten Bezugnahmen zu Preußen (Personen, Einrichtungen, Verhältnissen, Ereignissen) enthalten die „Reflexionen zur Rechtsphilosophie“, die aus dem Nachlass veröffentlicht worden sind und gewissermaßen unsystematische Materialsammlungen darstellen. Hier sind Bemerkungen zu finden über die ständische Gliederung der Gesellschaft, über Staatsformen, Rechtsverhältnisse, Wirtschaft, Sozialpolitik. Ferner begegnen Begriffe wie Gotteslästerung, Adel, Armee und Militär, Leibeigenschaft, Erbuntertänigkeit, Lehen, Gewaltenteilung, Religion, Selbstjustiz, Strafrecht.

Bezugnahmen zu Preußen in der populären Schrift des Philsophen: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784, H. 12, S. 481-494.

Ein zentraler Begriff ist Kants Zeitdiagnose als das „Jahrhundert Friederichs“. Nachfolgendes Zitat zeigt den Textzusammenhang, in dem sich diese Diagnose befindet:

„Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Daß die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im Ganzen genommen, schon im Stande waren, oder darin auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein, daß jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten, und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung, oder des Ausganges aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, allmälig weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeigen. In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung, oder das Jahrhundert Friederichs .

Ein Fürst, der es seiner nicht unwürdig findet, zu sagen: daß er es für Pflicht halte, in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen, der also selbst den hochmüthigen Namen der Toleranz von sich ablehnt: ist selbst aufgeklärt, und verdient von der dankbaren Welt und Nachwelt als derjenige gepriesen zu werden, der zuerst das menschliche Geschlecht der Unmündigkeit, wenigstens von Seiten der Regierung, entschlug, und Jedem frei ließ, sich in allem, was Gewissensangelegenheit ist, seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Unter ihm dürfen verehrungswürdige Geistliche, unbeschadet ihrer Amtspflicht, ihre vom angenommenen Symbol hier oder da abweichenden Urtheile und Einsichten, in der Qualität der Gelehrten, frei und öffentlich der der Welt zur Prüfung darlegen; noch mehr aber jeder andere, der durch keine Amtspflicht eingeschränkt ist. Dieser Geist der Freiheit breitet sich auch außerhalb aus, selbst da, wo er mit äußeren Hindernissen einer sich selbst mißverstehenden Regierung zu ringen hat. Denn es leuchtet dieser doch ein Beispiel vor, daß bei Freiheit, für die öffentliche Ruhe und Einigkeit des gemeinen Wesens nicht das mindeste zu besorgen sei. Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohigkeit heraus, wenn man nur nicht absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten.

Ich habe den Hauptpunkt der Aufklärung, die des Ausganges der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, vorzüglich in Religionssachen gesetzt: weil in Ansehung der Künste und Wissenschaften unsere Beherrscher kein Interesse haben, den Vormund über ihre Unterthanen zu spielen; überdem auch jene Unmündigkeit, so wie die schädlichste, also auch die entehrendste unter allen ist. Aber die Denkungsart eines Staatsoberhaupts, der die erstere begünstigt, geht noch weiter, und sieht ein: daß selbst in Ansehung seiner Gesetzgebung es ohne Gefahr sei, seinen Unterthanen zu erlauben, von ihrer eigenen Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machen, und ihre Gedanken über eine bessere Abfassung derselben, sogar mit einer freimüthigen Kritik der schon gegebenen, der Welt öffentlich vorzulegen; davon wir ein glänzendes Beispiel haben, wodurch noch kein Monarch demjenigen vorging, welchen wir verehren.

Aber auch nur derjenige, der, selbst aufgeklärt, sich nicht vor Schatten fürchtet, zugleich aber ein wohldisciplinirtes zahlreiches Heer zum Bürgen der öffentlichen Ruhe zur Hand hat, — kann das sagen, was ein Freistaat nicht wagen darf: räsonnirt so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; nur gehorcht! So zeigt sich hier ein befremdlicher nicht erwarteter Gang menschlicher Dinge; so wie auch sonst, wenn man ihn im Großen betrachtet, darin fast alles paradox ist. Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vortheilhaft, und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschaft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Vermögen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewikkelt hat; so wirkt dieser allmählig zurük auf die Sinnesart des Volks, (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

Folgende Themen lassen sich aus diesem Zitat ableiten:

1) Kants Urteil und die Realität der historischen Persönlichkeit.

2) Friedrichs Stellung zur Religion und seine Religionspolitik.

3) Die Zensurverhältnisse in Preußen.

4) Friedrich und die preußische Gesetzgebung

5) Preußen als Militärstaat

6) Friedrichs Beziehung zu Kunst und Wissenschaft.

7) Friedrichs humanitäre Perspektiven.

Zu 1) Friedrich II. als „Aufklärer“

Kants charakterisiert seine Zeit als ein „Zeitalter der Aufklärung“, was er maßgeblich auf Friedrich II. zurückführt, weshalb der von einem „Jahrhundert Friederichs“ spricht. Die Aufklärung sieht er in einem Prozess und Friedrich als einen Motor in diesem Prozess. Mit welcher Berechtigung?

Friedrich II. von Preußen galt schon zu seiner Zeit als „Prototyp“ des aufgeklärten Monarchen. Der preußische König hatte ein relativ klar ausgeformtes aufklärerisches Selbstbild, welches sich vor allem in den sog. „Rheinsberger Jahren“ * zwischen seiner Hochzeit und seiner Thronbesteigung ausprägte.

* Schloss Rheinsberg liegt in der Gemeinde Rheinsberg, etwa 100 km nordwestlich von Berlin im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Das am Ostufer des Grienericksees gelegene Schloss gilt als Musterbeispiel des sogenannten Friderizianischen Rokokos und diente auch als Vorbild für Schloss Sanssouci. Friedrich Wilhelm schenkte es seinem Sohn Kronprinz Friedrich.

In den 1720er Jahren geriet der Kronprinz in Konflikte mit dem Vater wegen dessen Forderung nach einer streng militärisch und religiös geprägten Erziehung. Harte körperliche und seelische Züchtigungen des Kronprinzen sind an der Tagesordnung, für Friedrichs schöngeistige Neigungen blieb wenig Raum. Trotz väterlicher Vorbehalte erhiet Friedrich unter anderem heimlich Latein- und Musikunterricht.

1730 scheiterte ein Fluchtversuch Friedrichs während einer Rundreise durch süddeutsche Höfe mit Hilfe seines Freundes, des acht Jahre älteren Leutnants Hans Hermann von Katte, im kurpfälzischen Sinsheim-Steinsfurt (im Rhein-Neckar-Kreis gelegen). Friedrich wird mit Festungshaft bestraft und in Küstrin (heute polnisch) arretiert. An Katte wurrde ein Exempel statuiert: Er wurde vor den Augen Friedrichs hingerichtet.

1731 Nach Ende des Arrests wird Friedrich in Küstrin zunächst ins Verwaltungswesen eingeführt; im Jahr darauf wurde er Befehlshaber eines Infanterieregiments in Neuruppin.

1733 Heirat mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern, die Ehe blieb kinderlos.

1736 Beginn der „Rheinsberger Jahre“ (bis 1740): Kronprinz Friedrich verlebt mit seiner Gattin auf Schloß Rheinsberg relativ unbeschwerte Jahre und widmet sich dort vor allem den schönen Künsten.

In dieser Zeit wird ein Einfluss insbesondere durch Christian Wolff, Samuel von Pufendorf und Christian Thomasius sowie den kontinuierlichen Kontakt mit Voltaire gesehen. Seine Haltung drückte sich unter anderem in seiner toleranten Religionspolitik aus.

Christian Thomasius (* 1. Januar 1655 in Leipzig; † 23. September 1728 in Halle (Saale)) war ein deutscher Jurist und Philosoph. Er gilt als Wegbereiter der Frühaufklärung in Deutschland und wird gelegentlich als „Vater der deutschen Aufklärung“ bezeichnet. Thomasius trug durch sein Eintreten für eine humane Strafordnung im Sinne der Aufklärung wesentlich zur Abschaffung der Hexenprozesse und der Folter bei.

Samuel Pufendorf, ab 1694 Freiherr von Pufendorf (* 8. Januar 1632 in Dorfchemnitz; † 26. Oktober 1694 in Berlin), war ein deutscher Naturrechtsphilosoph, Historiker sowie Natur- und Völkerrechtslehrer am Beginn des Zeitalters der Aufklärung. Er gilt als Begründer der Vernunftrechtslehre.

Christian Wolff, ab 1745 Freiherr von Wolff, (in der Encyclopédie Chrétien Wolf; * 24. Januar 1679 in Breslau; † 9. April 1754 in Halle) war ein deutscher Universalgelehrter, Jurist und Mathematiker sowie einer der wichtigsten Philosophen der Aufklärung zwischen Leibniz und Kant. Der Aufklärer zählt zu den bedeutendsten Vertretern des Naturrechts und gilt als eigentlicher Begründer der Begriffsjurisprudenz des 19. Jahrhunderts. Die deutsche Philosophie verdankt ihm ihre terminologische Grundlegung; viele von ihm definierte Begriffe wie Bewusstsein, Bedeutung, Aufmerksamkeit oder an sich wurden später in die Alltagssprache übernommen. Wolff hatte auch maßgeblichen Einfluss auf die preußische Gesetzgebung.

Am 8. August 1736 nimmt Friedrich zum erstenmal schriftlichen Kontakt mit dem 18 Jahre älteren Schriftsteller und Philosophen Voltaire auf – die fast lebenslange Korrespondenz umfaßt am Ende etwa 800 Briefe.

1739 Von Voltaire ermuntert, schreibt Friedrich einen Antitypus zu Machiavellis „Il Principe“. In seinem „Antimachiavell“ setzt der Kronprinz die Menschlichkeit als Herrschertugend an die Stelle despotischer Willkür. In dem von seinen Jugenderfahrungen geprägten Werk manifestiert sich Friedrichs Philosophie von einem aufgeklärten Absolutismus.

Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet [fʀɑ̃swa maʀi aʀwɛ], * 21. November 1694 in Paris; † 30. Mai 1778 ebenda) war ein französischer Philosoph und Schriftsteller. Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung.

Vor allem in Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert auch „das Jahrhundert Voltaires“ (le siècle de Voltaire). Als Lyriker, Dramatiker und Epiker schrieb er in erster Linie für das französische Bildungsbürgertum, als Erzähler und Philosoph für die gesamte europäische Oberschicht im Zeitalter der Aufklärung, deren Mitglieder für gewöhnlich die französische Sprache beherrschten und französischsprachige Werke zum Teil im Original lasen. Viele seiner Werke erlebten in rascher Folge mehrere Auflagen und wurden häufig auch umgehend in andere europäische Sprachen übersetzt. Voltaire verfügte über hervorragende Kenntnisse der englischen und der italienischen Sprache und veröffentlichte darin auch einige Texte. Er verbrachte einen beträchtlichen Teil seines Lebens außerhalb Frankreichs und kannte die Niederlande, England, Deutschland und die Schweiz aus eigener Erfahrung.

Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche war Voltaire ein Vordenker der Aufklärung und ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. In der Darstellung und Verteidigung dessen, was er für richtig hielt, zeigte er ein umfangreiches Wissen und Einfühlungsvermögen in die Vorstellungen seiner zeitgenössischen Leser. Sein präziser und allgemein verständlicher Stil, sein oft sarkastischer Witz und seine Kunst der Ironie gelten oft als unübertroffen.

In seiner Regierungszeit von 1740 bis 1786 initiierte Friedrich II. eine ganze Reihe von Reformen, die von aufklärerischem Denken zumindest beeinflusst waren. In diesem Zusammenhang sind die Reformen des Justizwesens hervorzuheben. Noch im Jahr des Amtsantritts wurde die Folter weitgehend abgeschafft und Einschränkungen bei der Anwendung der Todesstrafe vorgenommen. In der Rechtsprechung wurde eine Proportionalität von Verbrechen und Strafen angestrebt und der Strafvollzug sollte humanisiert werden. Erste Reformen betrafen eine Neuordnung der Prozessordnung, die die Verschleppung von Verfahren verhindern sollte. Auch manifestierten sich die Reformbemühungen im Justizwesen im nach dem Tod Friedrichs veröffentlichten Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten.

Im Bildungsbereich wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt, die sich allerdings nach Friedrichs Vorstellungen vor allem auf den Adel bezog. Die übrigen Untertanen sollten zwar Lesen und Schreiben lernen, aber „nicht zu viel wissen“.

Wenig Fortschritt fand sich hingegen in der Agrarpolitik, wo der König zwar die Erbuntertänigkeit als „widerwärtige Einrichtung“ bezeichnete, sie aber dennoch nicht landesweit, sondern nur für die ihm selbst erbuntertänigen Bauern aufhob. Auch die Außenpolitik Friedrichs mit seiner Großmachtpolitik, die sich unter anderem in den drei Schlesischen Kriegen und dem Siebenjährigen Krieg manifestierte, widersprach aufgeklärten Idealen weitgehend.