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Peter Burg Werke

Vorlesung-Feudalismus

Veranstaltung vom 02.04.2019

Lehnswesen: Begriff und Entstehung

Der Begriff Lehnswesen, auch Feudalwesen ( Feudalismus) oder Benefizialwesen genannt, bezeichnet ein politisch-ökonomische System gesellschaftlicher Beziehungen. Die modernen gesellschaftlichen Vorstellungen gehen von einem System der Trennungen aus: Recht, Moral, Wirtschaft, Arbeit(steilung), Herr-Diener, Habitus-Kleidung, Wohnung, Lebenssphären. Von diesen Vorstellungen muss man Abstand nehmen, wenn man sich die Merkmale der alteuropäischen Gesellschaft vergegenwärtigen will. Nicht Trennung, sondern Vereinigung, Gesamtheit, Konglomerat, Ganzheit ist die maßgebliche Sicht. Macht man das Lehnswesen zum Forschungsgegenstand, muss man eine synoptische Herangehensweise praktizieren, nicht isolieren oder zergliedern. Die sozialen Beziehungen im Lehnswesen betreffen zwei Seiten, die Lehnsherren und die Lehnsnehmer. Diese Gruppen umfassend nicht die gesamte Gesellschaft, denn es gab auch Menschen, die nicht in das System eingebunden waren. Grundsätzlich handelte es sich um persönliche Beziehungen, doch auf kirchlicher Seite standen auch Institutionen. Quantitativ bedeutende Lehnsnehmer waren die Abteien und geistlichen Stifte. An der Spitze dieser Institutionen standen aber wieder Personen, die Äbte und Äbtissinnen.

System des Lehnswesens

Die Spitze der Lehnspyramide am Beispiel Karls des Großen

Bild 13./14. Jahrhundert: Der Paladin Roland (Hruotland) wird von Karl dem Großen mit dem Schwert Durandal gegürtet und leistet den Lehenseid bzw. Treueid.

Hruotland, auch Hruodland, im Deutschen und Französischen traditionell Roland, im Spanischen Roldán oder Orlando, im Katalanischen Rotllà und im Italienischen Orlando genannt (* um 736; † 15. August 778 bei Roncesvalles), war Graf der bretonischen Mark (Cenomanien-um Angers) im Frankenreich Karls des Großen.

Er fungierte als Befehlshaber der Nachhut des fränkischen Heeres, mit dem Karl einen Feldzug gegen die Mauren geführt hatte und die beim Rückzug im Pyrenäen-Pass bei Roncevaux (span. Roncesvalles) nochmals angegriffen und vernichtet wurde, allerdings entgegen der Legende nicht von Mauren, sondern von – christlichen – Basken, die nach dem Überfall und der Plünderung Pamplonas durch die Franken auf Rache sannen.  Hruotland soll, der Sage zufolge, in Blaye beerdigt worden sein, das Grab wurde jedoch während der französischen Revolution zerstört.

Der historische Roland

Es gibt nur ein belegtes Dokument, in dem die historische Figur Hruotland/Roland erwähnt wird, die Vita Karoli Magni des Einhard. Hier findet sich eine Passage: “Es kam den Basken bei dieser Tat die leichte Bewaffnung und die Lage des Schlachtfeldes zustatten. Die Franken waren durch die Schwere ihrer Waffen und die ungünstige Örtlichkeit in allem gegen die Basken im Nachteil. In diesem Treffen wurden Eghart, des Königs Truchsess, der Pfalzgraf Anselm und Rodland (Roland), der Heerführer des bretannischen Grenzbezirks, nebst anderen getötet.”

Rolandssage und Literatur

Unter dem Namen Roland ist Hruotland der Hauptheld des altfranzösischen Rolandsliedes (entstanden um 1100), eines Heldenepos (Chanson de geste), das seinerseits Vorlage für eine Vielzahl literarischer Werke in ganz Westeuropa geworden ist.  Das älteste bekannte Exemplar des Rolandliedes (chanson de Roland) stammt aus dem sogenannten Oxforder Manuskript, das angeblich um 1100 von einem Mann namens Turold geschrieben wurde.

In diesen Werken, aber teilweise auch in der älteren Geschichtsschreibung gilt Roland alias Hruotland als Neffe Karls des Großen, wofür es aber keine sicheren Belege gibt. Die Sage um Roland soll aus Volkserzählungen unter den Franken entstanden sein; das älteste bekannte Schriftdokument, das die Sage des Roland erzählt, wird dem Erzbischof Turpin von Reims zugeschrieben. In dessen Erzählung kämpft Roland gegen den gigantischen Maurenkämpfer Ferracutus, dessen einzige verwundbare Stelle sein Nabel war. Später wurde die Erzählung um immer mehr und immer fantastischere Elemente erweitert, darunter sein Olifant, ein mittelalterliches Horn, und das Schwert Durendal: Unter den baskischen Bergbewohnern der Gegend kursiert die Sage, dass in stürmischen Nächten das Echo seines Olifanten zu hören sei, in das der Sterbende gestoßen haben soll, um das Hauptheer Karls zu Hilfe zu rufen. Dieser Olifant soll in Bordeaux vergraben sein, sein Schwert Durendal (oder eine Kopie davon) befindet sich angeblich in Rocamadour.

Durendal (deutsch Durandart(e), italienisch Durindana) ist der Name des angeblich wundertätigen Schwertes von Roland im altfranzösischen Rolandslied.  Dazu die Legende: Karl dem Großen wird von einem Engel ein Schwert übergeben, das der tapferste Gefolgsmann im Kampf gegen die Heiden tragen solle. Dieses Schwert überreicht Karl seinem Paladin Roland. Im Rolandslied soll das Heft des Schwertes einen Zahn des Apostels Petrus, Blut des Heiligen Basilius und ein Haar des Heiligen Dionysius sowie ein Stück vom Gewand der Jungfrau Maria enthalten.[2] Um es vor den anstürmenden Sarazenen zu bewahren, versuchte Roland das Schwert zu zerstören, nachdem er zuvor die Rolandsbresche in den Pyrenäen geschlagen hatte. Nach dem Rolandslied stürzte er sich angesichts der zu erwartenden Niederlage gegen die Mauren in sein Schwert oder legte sich darauf, nachdem er versucht hatte, es an einem Felsen zu zerstören. Einer anderen Legende zufolge schleuderte er die Waffe weg, die im Felsen von Rocamadour stecken blieb. Dort kann sie besichtigt werden.

Dichtung

Als „Paladin“ werden in der Dichtung später auch die zwölf ritterlichen Gefolgsleute Karls des Großen in der mittelalterlichen französischen Epik (chanson de geste) ab dem 11. Jahrhundert bezeichnet. Diese fiktiven Charaktere sind frei an historische fränkische Gefolgsleute des 8. Jahrhunderts angelehnt sowie durch historische Ereignisse wie die Konfrontation des Frankenreichs mit den Umayyaden in der Marca Hispanica sowie der Schlacht am Pass von Roncesvaux beeinflusst.

Die Paladine in der mittelalterlichen Literatur

Die zwölf Paladine werden in verschiedenen Romanen unterschiedlich benannt, oft erscheinen auch mehr als zwölf. Allen Geschichten gemeinsam sind jedoch die Paladine Roland und Oliver.

In der mittelalterlichen Literatur standen die Geschichten um die Paladine Karls des Großen in der Popularität den Sagen um König Artus und die Ritter der Tafelrunde in nichts nach. Den zwölf Paladinen Karls des Großen werden im Rolandslied folgende Namen gegeben:

•  Roland, Neffe Karls des Großen und Hauptheld der Geschichten

•  Oliver, Rolands Freund und stärkster Verbündeter

•  ferner Gérin, Gérier, Bérengier, Otton, Samson, Engelier, Ivon, Ivoire, Anséis, Girard

Die Geschichte wurde später in der Renaissance auch durch die italienischen Romane von Ludovico Ariosto und Torquato Tasso benutzt, die den italienischen Ausdruck paladino verwendeten und die Namen leicht abwandelten. Die von den Italienern festgelegten Varianten der Gestalten und der Ausdruck paladino wurden später in der hispanischen Barockdichtung, insbesondere 1624 im großen Epos El Bernardo des Mexikaners Bernardo de Balbuena weiter verwendet.

Paladin als Synonym

Im übertragenen Sinne wird der Begriff verwendet, um einen kühnen, unerschütterlich gläubigen Ritter und tapferen Helden zu bezeichnen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, gegen das Böse zu streiten.  Basierend auf Textstellen des Rolandslieds ist Paladin als Synonym für „der beste Freund“ in den meisten westlichen Sprachen geläufig. So betitelt im Rolandslied Karl der Große Roland mit den Worten: „… mein Paladin, mein bester Freund“, als er die Nachricht vom Tod Rolands erhält. Der Begriff wird, auch spöttisch, verwendet, um einen treuen Gefolgsmann oder Anhänger einer Person zu bezeichnen.

Rezeption in moderner Fantasy-Literatur und Rollenspielen

In Fantasy-Rollenspielen sind Paladine heilige Ritter der Kirche oder gesandt von einer Gottheit oder einem Gott, um in deren Sinne und im Namen der Ehre zu handeln. Ein strahlendes Äußeres und heroische Posen prägen ihr Bild. Oft werden sie mit Hieb- und Stichwaffen und in prunkvollen Rüstungen dargestellt, welche ggf. von einer Aura umgeben sind. Oftmals besitzen sie zudem engelsgleiche Flügel auf dem Rücken. Sie agieren auch mit unterstützenden Zaubern, insbesondere Heilzaubern, und Formen von Magie, die gegen das jeweilige Böse gerichtet sind. In diesen Übertragungen in die Fantasie finden sich sozusagen die weitreichenden Rechte aus der Geschichte wieder.

Der Bremer Roland um 1900

Als Paladin des mächtigen Königs Karl wird Roland seit dem 14. Jahrhundert, auch unter dem Einfluss Karls IV., zum Sinnbild für die Freiheit der Städte gegenüber dem Territorialfürsten. Als Zeichen für diese Freiheit wurden in vielen Städten Statuen aufgestellt. Dies war vor allem im deutschen Kulturraum verbreitet; hier ist besonders der 1404 aufgestellte Bremer Roland bekannt, dessen hölzerner Vorgänger im Auftrag des ungeliebten Erzbischofs Albert II von Bremen verbrannt worden sein soll. Unter Bremern gilt er als Warnung vor dem Angriff auf die Stadt- und Bürgerrechte.

Roland als Paladin Karls

Ein Paladin (Plural Paladine, von lateinisch palatinus) ist ein mit besonderer Würde ausgestatteter Adliger, meist ein Ritter.

Ausgangspunkt der Geschichte des Wortes Paladin ist das Palatium auf dem Mons Palatinus (Hügel Palatin). Auf diesem Hügel in Rom nahmen Kaiser Augustus und seine Nachfolger ihren Wohnsitz und hatten später dort auch ihre Regierungsgebäude. Vom Wort Palatium stammen auch die Wörter Palast und Pfalz ab. Bezogen auf den Regierungssitz bedeutet palatinus so viel wie „zum Kaiserpalast gehörig“. Als Person ist ein Palatinus, später in Konsonantenerweichung der Paladin, eine Person, die dem Kaiser besonders nahesteht.

Antike

In der Antike wurde anfangs das Personal so bezeichnet, das im Palast des Kaisers lebt, später vor allem dessen treueste Gefolgsleute, im Gegensatz zu vom Palast unabhängigen Adligen. In der Antike war der „Palatinus“ eine einflussreiche Person, da der Kaiser seine Palastangehörigen mit hohen Würden (Aufgaben, Verantwortung, Vollmachten) ausstattete. Aufgrund der sakralen Persönlichkeit eines Kaisers wurde schon zu dieser Zeit eine sakrale Dimension auf die Paladine übertragen.

Roland faltet die Hände zum Gebet. Die Zeremonie ist auch ein religiöser Akt.

Mittelalter

Seine größte Bedeutung erlangte der Paladin im Mittelalter. Sieben Kurfürsten wurden bestimmt, den König zu wählen, zu küren, und lange Zeit regierte dieser durch das Reisekönigtum, der Hofstaat blieb nicht an einer Hauptstadt, sondern zog von einer Königspfalz zur nächsten. Die Paladine dieser Zeit werden geschichtswissenschaftlich anders genannt: Aus palatinus wurde die Pfalz, und damit waren die palatini Pfalzgrafen, und der Ort an dem sie wohnten, wurde ebenfalls Pfalz genannt, genau wie das dazugehörige Land. Die Königspfalz war einer der Stützpunkte des römisch-deutschen Königs im Reich. Der Pfalzgraf war der Verwalter der Pfalz und in dessen Abwesenheit Vermittler zwischen Reich und Kaiser. Der Name und die Geschichte der Kurpfalz spiegeln die wechselvolle Geschichte dieser Beziehung wider, denn der dort wohnende Pfalzgraf war gleichzeitig außerdem seit 1214, endgültig seit 1356, einer der sieben Kurfürsten und, neben dem sächsischen Kurfürsten, einer von zwei Stellvertretern des Kaisers in dessen Abwesenheit. (Reichsvikar)

Die Pfalzgrafen (von lateinisch palatinus „der im Palast bzw. bei Hofe“) waren ursprünglich Amtsträger und Vertreter des Königs oder Kaisers. Sie standen dem Hofgericht vor und hatten eine leitende Funktion allgemeiner Art inne. Außerdem fungierten sie auch als Verbindungsmänner zwischen Bittstellern aus dem Reich und dem König oder Kaiser. Im Heiligen Römischen Reich gab es anfangs je einen Pfalzgrafen für jedes Herzogtum. Später wurden die meisten Pfalzgrafschaften einem mächtigeren Fürstentum inkorporiert. Der einzig übriggebliebene Pfalzgraf bei Rhein gehörte ab dem Spätmittelalter dem Reichsfürstenstand an und war den Herzögen faktisch gleichgestellt. Die Anrede der fürstlichen Pfalzgrafen (Pfalzgraf bei Rhein) war (Königliche) Hoheit.

Palatin (Ungarn)

Das Amt des Palatin war während der gesamten Existenz des Königreichs Ungarn (vom 10. Jahrhundert bis 1918) das höchste Amt im Königreich.

Das entsprechende Amt wurde höchstwahrscheinlich im 10. oder 11. Jahrhundert nach dem Vorbild Großmährens übernommen. Ursprünglich war der Palatin der Verwalter des königlichen Hofes, ab dem Ende des 12. Jahrhunderts war er der Vertreter des Königs, insbesondere als oberster Richter (vor allem auf dem Land). Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts war er auch königlicher Statthalter. Im Mittelalter wurde der Palatin auf Zeit bestellt (vom König vorgeschlagen, vom Landtag gebilligt), ab 1526 lebenslang. Im 16. bis 18. Jahrhundert war er unter anderem auch Vorsitzender des Landtages. Ab 1848 war die Funktion nur noch symbolischer Natur.

Neuzeit

Bild: Die drei Paladine des deutschen Kaisers, Zeichnung von Wilhelm Camphausen, 1871 in der Zeitschrift Die Gartenlaube: Albrecht von Roon, Otto von Bismarck und Helmuth Karl Bernhard von Moltke

Als „Paladin“ wurden auch in der Neuzeit von Monarchen Personen ausgezeichnet, besonders in Großbritannien und dem Deutschen Reich Bismarcks.

Adolf Hitler nannte seinen „zweiten Mann im Staat“ Hermann Göring „Paladin“.

Karl der Große (lateinisch Carolus Magnus oder Karolus Magnus, französisch und englisch Charlemagne; * wahrscheinlich 2. April 747 oder 748; † 28. Januar 814 in Aachen) war von 768 bis 814 König des Fränkischen Reichs (bis 771 gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann). Er erlangte am 25. Dezember 800 als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde, die mit ihm erneuert wurde. Der Enkel des Hausmeiers Karl Martell war der bedeutendste Herrscher aus dem Geschlecht der Karolinger. Das Frankenreich gelangte unter ihm zu seiner größten Ausdehnung und Machtentfaltung.

Leben

Kindheit und Jugend

Karl stammte aus der heute als Karolinger bezeichneten Familie, die zwar erst seit 751 die fränkische Königswürde innehatte, aber bereits in den Jahrzehnten zuvor die bestimmende Macht am Königshof war. Ihr Aufstieg begann im 7. Jahrhundert und resultierte aus der zunehmenden Schwäche des Königtums der Merowinger, wobei die wahre Macht zunehmend in die Hände der Hausmeier überging. Diese waren ursprünglich nur Verwalter des Königshofes gewesen, gewannen aber im Laufe der Zeit immer mehr Einfluss. Eine wichtige Rolle spielten bereits im 7. Jahrhundert die Arnulfinger und Pippiniden, die Vorfahren der späteren Karolinger. Ihre Machtbasis lag im östlichen Reichsteil Austrasien. Seit der Zeit Pippins des Mittleren und von dessen Sohn Karl Martell bestimmten sie endgültig die fränkische Reichspolitik. Auf Karl Martell geht auch die spätere Bezeichnung der Familie als „Karolinger“ zurück.

Zu Beginn des Jahres 754 überquerte Papst Stephan II. die Alpen und begab sich ins Frankenreich. Grund für diese Reise waren die zunehmenden Übergriffe des Langobardenkönigs Aistulf, der 751 das Exarchat von Ravenna erobert hatte. Formal unterstand dieser Raum der Herrschaftsgewalt des byzantinischen Kaisers, doch Konstantin V., der militärisch erfolgreich an der byzantinischen Ostgrenze gegen die Araber kämpfte und dort gebunden war, verzichtete zu dieser Zeit auf ein Eingreifen im Westen. Daraufhin wandte sich Stephan an den mächtigsten westlichen Herrscher und versuchte Pippin zu einem Eingreifen zu überreden.

Die Anwesenheit des Papstes nördlich der Alpen erregte Aufsehen, denn es war das erste Mal, dass sich ein Bischof von Rom ins Frankenreich begab. Beim Treffen in der Pfalz von Ponthion trat der Papst als Hilfesuchender auf. Pippin ging mit ihm ein Freundschaftsbündnis (amicitia) ein und sagte ihm Unterstützung gegen die Langobarden zu. Von dem Bündnis profitierte auch Pippin, der erst seit 751 die fränkische Königswürde bekleidete, nachdem er den machtlosen letzten Merowingerkönig Childerich III. entthront hatte. Das Bündnis mit dem Papst half Pippin bei der Legitimierung seines Königtums, gleichzeitig wurden die Frankenkönige zu den neuen Schutzherren des Papstes in Rom, was für die weitere Entwicklung weitreichende Folgen hatte. Bei einem weiteren Treffen mit dem Papst zu Ostern 754 in Quierzy konnte Pippin das fränkische Eingreifen in Italien verkünden und garantierte dem Papst mehrere (auch ehemalige byzantinische) Territorien in Mittelitalien, die sogenannte Pippinische Schenkung, welche die Grundlage für den späteren Kirchenstaat bildete. Eine konkrete päpstliche Gegenleistung folgte bereits kurz darauf, denn noch im Jahr 754 wurden Pippin sowie seine beiden Söhne von Stephan II. in Saint-Denis zu Königen der Franken gesalbt, womit das neue karolingische Königtum zusätzlich einen sakralen Charakter erhielt. Alle drei erhielten zudem vom Papst den hohen römischen Ehrentitel Patricius. Kurz darauf intervenierte Pippin erfolgreich in Italien zugunsten des Papstes, was allerdings auf den Widerstand der Byzantiner traf, da sie dies als Eingreifen in ihren Herrschaftsraum betrachteten.

763 scheint Pippin seinen Söhnen zudem mehrere Grafschaften übertragen zu haben.

Des Weiteren sind zumindest einige allgemeine Rückschlüsse auf Karls Jugend und Erziehung möglich. Es ist davon auszugehen, dass bei seiner Erziehung nicht nur auf die übliche fränkische Kriegerausbildung, die für einen König als Heerführer essentiell war, sondern auch auf eine gewisse Bildung Wert gelegt wurde. Obwohl das Bildungsniveau im 8. Jahrhundert gesunken war, war Latein am Hof, in der Verwaltung und im Gottesdienst allgegenwärtig. Anders als manch einer der späteren ostfränkischen bzw. römisch-deutschen Könige hat Karl das Lateinische offenbar auch verstanden. Einhard zufolge sprach er es wie seine Muttersprache, was eine Übertreibung sein mag. Er dürfte zudem über Lesekenntnisse des Lateinischen verfügt haben. Karl war jedenfalls ein für damalige Verhältnisse recht gebildeter Herrscher und sein Leben lang an Bildung interessiert.

Herrschaftsantritt

Bild: Karl der Große (links) und sein Sohn Pippin von Italien (ursprünglich Karlmann, starb 1810), darunter ein Schreiber; Miniatur des 10. Jahrhunderts aus einer Kopie des für Graf Eberhard von Friaul von Lupus Servatus verfassten liber legum (Codex Modena, Biblioteca Capitolare, O. I. 2, f. 154v)

Zu Ostern 774 erschien Karl plötzlich mit Gefolge vor Rom, während sein Heer noch Pavia belagerte. Papst Hadrian war davon völlig überrascht. Den Langobardenkönigen hatten die Päpste den direkten Zugang zur Stadt stets verweigert, doch den fränkischen Herrscher und neuen Schutzherren des Papsttums wollte Hadrian offenbar nicht verärgern. 30 Meilen vor der Stadt empfing man den Frankenkönig in ritueller Weise, wobei sich das Protokoll am Empfang des byzantinischen Exarchen orientierte, des obersten militärischen und zivilen Verwalters des byzantinischen Kaisers in Italien. Karl wurde zur Kirche St. Peter begleitet, wo Hadrian ihn mit einem großen Anhang feierlich empfing. Der Papst und der König begegneten einander ehrenvoll und versicherten sich ihrer gegenseitigen Freundschaft. Karl soll um die formale Erlaubnis gebeten haben, die Stadt zu betreten, was ihm gestattet wurde. Anschließend zog der Frankenkönig und römische Patricius in die ehemalige Kaiserstadt am Tiber ein, die im Mittelalter zwar nur einen Bruchteil der antiken Bevölkerungszahl aufwies, deren Monumentalbauten aber auf Besucher immer noch eindrucksvoll wirkten. Offenbar war Karl bestrebt, die Position und die Autorität des Papstes auch symbolisch zu achten. Realpolitisch bedeutsam war die bei diesem Anlass vorgenommene Erneuerung des Pactum, der von Pippin geschlossenen Übereinkunft mit dem Papsttum hinsichtlich der päpstlichen Gebietsansprüche. Geistliche und weltliche Gewalt, die beiden Universalgewalten des Mittelalters, schienen harmonisch zusammenzuwirken. Karl nahm in den folgenden Tagen an allen religiösen Kulthandlungen in Rom teil, bevor er die Stadt verließ.

Die Sachsenkriege

802 wurde mit der Lex Saxonum geschriebenes Recht für die Sachsen erlassen, das auch Elemente ihres Stammesrechts aufnahm. 802 und 804 kam es zu weiteren fränkischen Feldzügen im nördlichen Elberaum. Sächsische Einwohner wurden von dort ins östliche Frankenreich deportiert, statt ihrer wurden im Elberaum Franken angesiedelt. Die Sachsenkriege waren nun endgültig beendet. Sachsen blieb christlich und wurde nicht zuletzt durch die Einbeziehung der lokalen Eliten in das Karolingerreich integriert.

Veranstaltung vom 03.04.2019

Das Ende der Selbständigkeit Bayerns

Tassilokelch (Reproduktion), gestiftet um 780

Im Jahr 787 wurde Tassilo nach Worms vorgeladen, wo er sich dem Frankenkönig unterwerfen sollte. Der Bayernherzog erschien jedoch nicht und bemühte sich um päpstliche Vermittlung. Bald schon musste er jedoch erkennen, dass nicht nur der Papst ganz auf die Linie Karls einschwenkte und ihn zur vollständigen Unterwerfung aufforderte, sondern dass er nun auch im eigenen Herzogtum über wenig Rückhalt verfügte. Als Karl noch 787 militärisch gegen Tassilo vorging, traten mehrere bayerische Große auf die fränkische Seite über. Tassilo war isoliert und unterwarf sich im Oktober 787 Karl, dem er nun auch einen Gefolgschaftseid leistete. Gerd Althoff hat diesen Vorgang als frühestes Vorkommen der rituellen deditio (Unterwerfung) gedeutet. Dennoch blieben Spannungen bestehen und Karl sah nun offenbar eine günstige Gelegenheit, die Lage in seinem Sinn zu bereinigen. Im Juni 788 wurde Tassilo nach Ingelheim vorgeladen und dort zusammen mit seiner Familie festgesetzt. Ihm wurde vorgeworfen, mit den Awaren paktiert zu haben; hinzu kam der Vorwurf der „Fahnenflucht“. Profränkische bayerische Adelige sagten gegen den Herzog aus, der zum Tode verurteilt wurde. Karl wandelte das Urteil in lebenslange Klosterhaft um. 794 wurde Tassilo kurzzeitig aus der Klosterhaft entlassen, um auf der Synode von Frankfurt noch einmal öffentlich Reue zu bekunden und auf seine Ansprüche urkundlich zu verzichten.

In der modernen Forschung besteht kein Zweifel daran, dass die gegen Tassilo erhobenen Vorwürfe fingiert waren und in Ingelheim ein politischer Scheinprozess stattfand.[112] Karl hatte sich aus politischen Gründen entschlossen, die unliebsame Sonderstellung des mächtigen Bayernherzogs zu beenden. Eine königsähnliche Nebenherrschaft innerhalb seines Machtbereichs wollte er nicht tolerieren. Tassilos Herrschaft brach schnell zusammen, da er in seinem Herzogtum Gegner hatte, die sich von einer Zusammenarbeit mit Karl mehr versprachen. Bayern behielt in der Folgezeit dennoch eine gewisse Sonderstellung: Kirchlich blieb es eine Einheit und auch in der Verwaltung wurde nicht die Grafschaftsverfassung eingeführt, sondern die Regierung einem königlichen Präfekten übergeben. Politisch wurde es nun aber endgültig Teil des Reiches.

Die Kaiserkrönung

Königsthron im Aachener Dom

Seit 795 war Leo III. Papst in Rom. Das Papsttum war in dieser Zeit unter den Einfluss des in diverse Fraktionen aufgesplitterten römischen Stadtadels geraten, der bei der Papstwahl ausschlaggebend war. Leo wurde unter anderem ein unwürdiger Lebenswandel vorgeworfen, vor allem aber verfügte er beim stadtrömischen Adel über keinerlei politischen Rückhalt, seine Lage wurde immer prekärer. Ende April 799 spitzte sich die Konfrontation zwischen dem Papst und dem Adel so zu, dass auf Leo ein Attentatsversuch unternommen wurde, hinter dem Vertraute des vorherigen Papstes Hadrian I. standen. Leo überlebte und flüchtete zu Karl nach Paderborn.

Karl leistete Leo militärische Unterstützung und ließ ihn Ende 799 nach Rom zurückführen. Im Spätsommer des Jahres 800 begab sich Karl selbst nach Italien, Ende November erschien er in Rom. Dort kam es am 1. Weihnachtstag, dem 25. Dezember 800, in Alt-St. Peter zur Kaiserkrönung Karls des Großen durch den Papst. Damit wurde eine äußerst wirkungsmächtige Entwicklung für das gesamte weitere Mittelalter in Gang gesetzt: die Übertragung der römischen Herrschaft auf die Franken (translatio imperii). Das römische Kaisertum im Westen, wo 476 der letzte Kaiser in Italien abgesetzt worden war, wurde durch die Krönung Karls erneuert. In diesem Zusammenhang spielten heilsgeschichtliche Aspekte eine wichtige Rolle; das römische Imperium galt als das letzte Weltreich der Geschichte (Vier-Reiche-Lehre). Nun existierte ein neues „römisches Kaisertum“, das an den Herrschaftsanspruch der antiken römischen Kaiser anknüpfte und in der Folgezeit erst von den Karolingern, dann seit den Liudolfingern (Ottonen) von den römisch-deutschen Königen beansprucht wurde. Ohne die Tragweite abschätzen zu können, legte Karl somit auch den Grundstein für das römisch-deutsche Kaisertum.

Bild: Grandes Chroniques de France, Exemplar König Karls V. von Frankreich, Paris, BN, Ms. français 2813, fol. 85v, spätes 14. Jahrhundert: die Kaiserkrönung Karls I.

Translatio imperii im Mittelalter

Die Idee der translatio imperii basiert auf der Vier-Reiche-Lehre, die wiederum auf das Buch Daniel (Dan 2,21 EU) zurückgeht. In seinem Kommentar zum Buch Daniel ordnete der spätantike Kirchenvater Hieronymus der Textstelle andere Reiche zu: Babylon, Persien, Griechenland und Rom. Nach dem letzten Reich sollte das Weltende folgen.

476 erlosch das römische Kaisertum im Westen, während im Osten das oströmisch/byzantinische Reich weiterbestand. Die Sultane sahen sich nach der osmanischen Eroberung von Konstantinopel/Istanbul 1453 in der Kontinuität des damit endgültig eroberten Oströmischen Reichs. Sultan Mehmed II. „der Eroberer“ brachte das durch die Übernahme des Kaisertitels zum Ausdruck. Im Mittelalter wurde im Westen nach der Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom durch Papst Leo III. am 25. Dezember 800 die Idee eines erneuerten Römerreichs vertreten, womit das „4. Reich“ nicht untergegangen war. Allerdings sind direkte Bezüge darauf, dass die römische Kaiserwürde auf die Franken übergegangen sei, erst um die Mitte des 9. Jahrhunderts greifbar. Später wurde auch das Vier-Reiche-Schema im eschatologischen Sinne wieder aufgenommen. Nach dem Zerfall des Frankenreichs trat schließlich das Ostfränkische Reich an dessen Stelle, dessen Herrscher Otto I. 962 die Kaiserwürde erlangte. Die Vorstellung, dass das Imperium in der Nachfolge des Römerreichs stehen würde, kam aber erst im Laufe des 10./11. Jahrhunderts auf, und seit dem 13. Jahrhundert wurde das Reich als Heiliges Römisches Reich bezeichnet.

Somit bezeichnet im Mittelalter translatio imperii in erster Linie die Übertragung der römischen Kaiserwürde, wobei auch eine kuriale Translationstheorie entstand, wonach das Kaisertum nur durch den Papst übertragen werden könne. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches stützten sich auf ihre römischen Vorgänger und leiteten so ihre Befugnis ab, Gesetze zu erlassen. Im Zusammenhang mit dieser Lehre steht die Anwendung des Corpus Iuris Civilis, eines Gesetzeswerkes des oströmischen Kaisers Justinian I. Die Vorschriften wurden zwar gewohnheitsrechtlich übernommen, im Mittelalter bestand aber das Bedürfnis, die Geltung dieser Rechtssätze auf eine Autorität zu stützen. So entstand die Legende, Kaiser Lothar habe dieses Gesetzeswerk wiederentdeckt und zu geltendem Recht erklärt (Lotharische Legende). Auf der Grundlage der translatio imperii erschien es auch konsequent, römisches Recht fortzuführen.

Der Papst wirkte zwar als Koronator, befand sich aber in einer äußerst schwachen Position und war ganz von Karls Unterstützung abhängig. Als Kaiser übernahm Karl denn auch die Rolle des Richters über Leos römische Gegner.

Die Schaffung des westlichen Kaisertums wurde von mehreren Faktoren begünstigt. Im Osten existierte weiterhin das Reich der Byzantiner, die sich „Rhomäer“ (Römer) nannten und auf eine ununterbrochene staatliche Kontinuität zum spätantiken Römerreich zurückblicken konnten. Im Jahr 800 herrschte dort jedoch mit Kaiserin Irene eine Frau (was man im Westen abwertend betrachtete), die mit zahlreichen innenpolitischen Problemen zu kämpfen hatte. Aus karolingischer Perspektive wurde das sogenannte „Kaisertum der Griechen“ – eine für die Byzantiner provozierende Bezeichnung – berücksichtigt, aber abwertend beurteilt; es wurde sogar eine angebliche Übertragung des Kaisertums von Byzanz auf Karl konstruiert. In Byzanz hingegen betrachtete man Karl schlicht als Usurpator und hielt den exklusiven Anspruch auf das „römische“ Kaisertum aufrecht. Erst 812 kam es zu einer Verständigung hinsichtlich des Zweikaiserproblems. Die Kaiserkrönung des Jahres 800 war auch heilsgeschichtlich bedeutsam, da Endzeiterwartungen verbreitet waren, die mit dem römischen Reichsgedanken verbunden waren. In einer Zeit, in der das Religiöse ganz entscheidend das Denken bestimmte, erhielt die Kaiserkrönung so eine eschatologische Komponente.

Auswärtige Beziehungen

Im Zusammenhang neuerer Untersuchungen wird allerdings deutlich, wie verhältnismäßig eingeschränkt die Gestaltungskraft des Karlsreiches, immerhin das mächtigste Herrschaftsgebilde im lateinischen Europa seit dem Fall Westroms, verglichen mit anderen Großreichen dieser Zeit war. Das wird schon an einem einfachen Beispiel deutlich: 792 ordnete Karl den Bau eines 3 km langen Kanals in Mittelfranken an, der die Flusssysteme Rhein und Donau verbunden hätte. Die Bauarbeiten blieben jedoch bald stecken, so dass 793 der Bau abgebrochen wurde. 767 waren demgegenüber weitaus umfangreichere Bauvorhaben in Byzanz (wo Wasserleitungen über eine Distanz von mehr als 100 km instand gesetzt wurden) und im Kalifat (Runde Stadt Bagdad, an deren Bau über 100.000 Arbeiter beteiligt waren) ohne größere Probleme gelungen. Im China der Tang-Dynastie wiederum war 742/43 ein Kanal von rund 150 km Länge planmäßig gebaut worden. All diese Reiche hatten universale Herrschaftsansprüche, ähnlich wie das Karolingerreich nach der Kaiserkrönung Karls; die Ressourcen und die darauf basierenden Gestaltungsspielräume waren jedoch im Fall Karls wesentlich eingeschränkter.

Hof und Herrschaftspraxis

Der Hof war das Zentrum des herrschaftlichen Handelns. Die frühmittelalterlichen Könige waren Reisekönige, die mitsamt dem Hof von Pfalz zu Pfalz reisten und unterwegs die Regierungsgeschäfte regelten. Dennoch dominierte im Frankenreich die Naturalwirtschaft; materielle Grundlage des Königtums war das Krongut. Karl unterhielt eine Vielzahl von Pfalzen, die über das Reich verstreut waren, zeitweise als königliche Residenzen fungierten und der Versorgung des Königshofes dienten. Zu den besuchten Orten zählten solche, die bereits in früherer Zeit von fränkischen Königen favorisiert wurden, doch kamen unter Karl auch neue Orte hinzu, so in den eroberten Gebieten. Der Schwerpunkt seiner Reiserouten, des herrscherlichen Itinerars, lag im Nordosten, vor allem in der Region zwischen der Maas und dem Rhein-Main-Gebiet. Die Anzahl der jeweiligen Aufenthalte variiert stark und reicht von einem einzigen (wenngleich wichtigen) Aufenthalt in Frankfurt am Main bis zu 26 Aufenthalten in Aachen. Aachen wurde wohl aufgrund der nahen Waldgebiete, in denen der König seiner Jagdleidenschaft nachgehen konnte, und wegen der heißen Quellen Karls Lieblingsresidenz; nach 795 hielt er sich nur noch dreimal während des Winters an anderen Orten auf. Im Paderborner Epos – unter Außerachtlassung von Byzanz – gar als Roma secunda, als Zweites Rom, und in einer Ekloge des fränkischen Gelehrten Moduin als künftige „goldene Wiedergeburt Roms“ angepriesen, fungierte Aachen nun als königliche Hauptresidenz. Vor Ort wurden umfangreiche Baumaßnahmen durchgeführt, zu denen vor allem die Errichtung der prächtigen Aachener Königspfalz gehörte.

Bild: Das Signum Karls des Großen unter einer am 31. August 790 in Kostheim ausgefertigten Urkunde: Eigenhändig ist nur der v-förmige Vollziehungsstrich innerhalb des rautenförmigen O des sogenannten Karlsmonogramms, durch den die obere Hälfte des O zugleich als A (für KAROLVS) gelesen werden soll. Der lineare Text beiderseits des Kreuzrhombus-Monogramms lautet Signum (M.) Caroli gloriosissimi regis („Zeichen des überaus glorreichen Königs Karl“).

Das 882 entstandene Werk De ordine palatii des Erzbischofs Hinkmar von Reims gibt Einblick in den Hofaufbau. Im Verwaltungsbereich am Hof spielte die Hofkapelle, welcher der capellanus vorstand, eine wichtige Rolle. Hinzu kamen der Kanzler und die Notare. Diese waren alle Geistliche, während der Pfalzgraf weltliche Angelegenheiten regelte und ebenfalls zum engsten Beraterkreis des Königs gehörte. Des Weiteren waren eine große Anzahl von Bediensteten am Hof tätig, darunter der Kämmerer, der Mundschenk, der Quartiermeister, der Seneschall und weiteres Hauspersonal („Hausgesinde“). Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Königin, die dem königlichen Haushalt vorstand.

In der Regel zweimal im Jahr wurden Hoftage als Versammlungen des Königs und der Großen des Reiches einberufen, um anstehende politische Fragen zu klären oder Streitigkeiten zu schlichten. Herrschaft war im Frühmittelalter ganz wesentlich an einzelne Personen gebunden, es existierten faktisch keine „staatlichen Institutionen“ (und damit kein abstrakter Begriff wie Staatlichkeit) losgelöst von diesen personalen Herrschaftsstrukturen. Dennoch etablierten die Karolinger eine für die zeitgenössischen Verhältnisse relativ effektive Verwaltungsstruktur. Karl beseitigte die letzten Reste der älteren Stammesherzogtümer, mit Tassilo III. war 788 der letzte Herzog abgesetzt worden. Die Verwaltung im Reich lag nun (wie bereits teils in merowingischer Zeit) vor allem in den Händen der Grafen. Diese fungierten nicht nur als Heerführer, sondern im Rahmen der sogenannten Grafschaftsverfassung auch als königliche Amtsträger bei der Ausübung der Regalien. In bestimmten Bereichen waren sie Stellvertreter des Königs (Mark-, Burg- und Pfalzgrafen). Besondere Bedeutung erlangten die Markgrafen: In ihrem Amt bündelten sich verschiedene Kompetenzen in den neuen Grenzmarken, wo sie über weitreichende Sonderrechte verfügten. Die Übertragung von Ämtern und Gütern an ausgesuchte Adelsfamilien sicherte deren Loyalität und begründete eine neue Reichsaristokratie, die an der Königsherrschaft partizipierte; es handelte sich damit in der Zeit Karls noch nicht um vererbbare, sondern verliehene Ämter. Das Karolingerreich war ein Vielvölkerreich, über das die Franken nicht alleine herrschten, sondern in das auch andere ethnische Gruppen eingebunden waren. Einer effektiveren Herrschaftsdurchdringung sollten die sogenannten Königsboten (missi dominici) dienen. Diese wurden paarweise entsandt, je ein weltlicher und ein geistlicher Bote (in der Regel ein Graf und ein Bischof), um Anweisungen und Erlasse durchzusetzen und Abgaben einzutreiben, aber auch zur Demonstration der königlichen Herrschaftspräsenz und zur Kontrolle vor Ort. Sie konnten in einem zugeteilten Bezirk wenn nötig die unmittelbare Herrschaftsgewalt ausüben und Urteile fällen. Es waren die missi, welche den Treueeid abnahmen, den im Jahr 789 alle männlichen Bewohner des Reiches ab dem Alter von zwölf Jahren dem König leisten mussten. Damit war Karl bestrebt, die Loyalität seiner Untertanen weiter zu sichern. Der Eid wurde 802 erneut eingefordert.

Königsbote

Der lateinische Begriff missus bezeichnete im Mittelalter allgemein einen Bevollmächtigten eines Großen im eigenen Bereich; dabei stellen die missi dominici (auch missi fiscales, missi regales, missi regis), deutsch Königsboten, die wichtigste Gruppe dar.

Schon unter den frühen Karolingern beginnt eine regelmäßige Aussendung von missi dominici. Sie wurden aus den königlichen Vasallen gewählt. Ihre Hauptaufgabe war die Kontrolle des Königsguts. Daneben hatten sie noch mehrere andere Aufgaben:

Funktion als Verbindungsglieder zwischen den geistlichen und weltlichen Großen

Überwachung und Durchführung von königlichen Anordnungen

Beseitigung von Mängeln

Meldung bei Verstößen

Im Jahr 802 kommt es unter Karl dem Großen zu einer Neuordnung der Institution der Königsboten. Dabei handelte es sich nicht um einen sozialen Wechsel, also die Verdrängung ärmerer Vasallen durch die mächtigeren Getreuen Karls, denn die Beauftragten des Königs hatten schon immer der Elite des Reiches angehört (vgl. Forschungsbeitrag von J. Hannig). Die Reform Karls bezog sich vielmehr auf die Einrichtung von Missatsbezirken in den Kernzonen fränkischer Macht, die mit bereits vorhandenen Verwaltungsbezirken wie Grafschaften oder Metropolen verknüpft wurden. Die dort eingesetzten Amtsinhaber erhielten vom Herrscher besondere Machtbefugnisse.

Das System bewährte sich gut unter Karl dem Großen. Bald aber traten durch immer größere Eigeninteressen des Adels Schwierigkeiten auf. Dadurch kam es schon im 9. Jahrhundert zum Verfall des Systems, im 10. Jahrhundert ist es verschwunden.

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Grundlage einer effektiven Verwaltung war neben der herrschaftlichen Infrastruktur die Schriftlichkeit. Die Schriftkenntnisse im Frankenreich waren seit dem 7. Jahrhundert rückläufig, das Latein verwilderte zunehmend. Die sogenannte Bildungsreform Karls diente denn auch nicht nur einer kulturellen Neubelebung, sondern war auch ein wichtiger Baustein zur Sicherstellung einer effizienten Herrschaftspraxis. Karls Reformen zielten auf eine umfassende Neuordnung im kirchlichen, kulturellen und herrschaftlichen Bereich ab.

Kapitel 70 des Capitulare de villis vel curtis imperii

Königliche Verordnung über die Landgüter und/oder Höfe des Reiches

Ein wichtiges Instrument der Königsherrschaft war die Gesetzgebung, von der Karl ausgiebig Gebrauch machte. Mit den sogenannten Kapitularien wurde eine weitgehend einheitliche Gesetzgebung geschaffen, das Gerichtswesen und die Rechtsprechung wurden ebenfalls reformiert. Eine berühmte Quelle für die Wirtschaftsgeschichte, speziell für die Agrarwirtschaft und den Gartenbau, ist die Landgüterverordnung Capitulare de villis vel curtis imperii, die Karl der Große als detaillierte Vorschrift über die Verwaltung der Krongüter erließ. Damit wollte er offenbar eine reibungslose Versorgung des Königshofs sicherstellen. Im März 789 erließ Karl das Kapitular Admonitio generalis. Es war ein „programmatisches Kapitular“, das eine allgemeine Ermahnung beinhaltet und sich gegen Missstände in der Kirche und im Reich richtete. In 82 Kapiteln wurde auf die kirchliche Neuordnung, Belebung des Wissens und Bekämpfung von Häresie und Aberglauben eingegangen und allgemein auf eine bessere Lebensführung der Untertanen hingewirkt. Es wurde für Frieden und Eintracht geworben, unerwünschte Faktoren wie Hass, Neid und Zwietracht wurden verurteilt, wobei sich mehrere direkte Anweisungen an den Klerus und nur relativ wenige an alle Untertanen richteten. Diese Ermahnungen und Anordnungen waren Bestandteil eines umfassenden Reformprogramms, das die Bildungsreform einschloss und das Karl zwar nicht selbst erarbeitet, aber maßgeblich gefördert und vorangetrieben hatte. Das gesamte Leben im Reich sollte sich an dem Programm der Admonitio generalis orientieren, die Durchführung wurde den missi übertragen.

Karl erzielte damit allerdings keinen vollen Erfolg. Das ist nicht nur auf die Unzulänglichkeit seiner Herrschaftsmittel, sondern auch auf Begehrlichkeiten und Übergriffe der Großen zurückzuführen. Karl erkannte durchaus, dass die bestehenden Verhältnisse seinen Vorstellungen von Ordnung und Recht oft faktisch Grenzen setzten, und reagierte darauf, etwa indem er sich 802 um eine Neuordnung der missi bemühte. In seinen Kapitularien betonte Karl unter anderem den Schutz der Freien und prangerte teilweise kirchliche Begehrlichkeiten an. Der Schutz der Armen (pauperes) war Bestandteil des königlichen Aufgabenkatalogs, und Karl bemühte sich um eine zumindest teilweise Verbesserung der Lebensbedingungen für die ärmeren Schichten und auch für Unfreie, denen sich sogar gewisse Aufstiegsmöglichkeiten eröffneten. Die Juden, von denen manche traditionell als Fernhändler aktiv waren, genossen königlichen Schutz.

Veranstaltung vom 09.04.2019

Merowinger und Herzogtümer

Die Herrschaft Karls des Großen war zum Teil ein Neuanfang, insbesondere hinsichtlich der Wiederaufnahme des weströmischen Kaisertums. Wiederaufnahme bedeutet allerdings, dass der Anfang keine absolute Neuerung darstellte, sondern ein Neubeginn nach einer langen Unterbrechung. Heute gehe ich aber der Frage nach dem Teil der Herrschaft nach, die eine unmittelbare Vorgeschichte besaß. Die Karolinger und Karl der Große werden in eine Tradition gestellt. Die Anknüpfung an die Vorgeschichte bedeutet konkret, dass wir einen Blick auf das Königtum der Merowinger werfen.  Ein zweiter Blick richtet sich auf die Herzöge, die im Rang auf die Könige folgten.

Ein Nachweis für die Existenz der Merowinger ist erst für das 5. Jahrhundert gesichert, und zwar in Gestalt von Childerich I., der sich selbst als König bezeichnete. In Tournai (Belgien, Wallonien, Hennegau) wurde im Jahr 1653 die Grabstätte dieses Childerich I. († 481 oder 482) gefunden. Von Childerich, einem Fürst der Salfranken, stammten alle späteren Merowinger ab. Er errichtete in den 460er und 470er Jahren sein Herrschaftsgebiet im Nordosten Galliens, während die weströmische Verwaltungsordnung dort allmählich zusammenbrach und legte den Grundstein für den Aufstieg des späteren Frankenreichs unter seinem Sohn und Nachfolger Chlodwig I. Childerich wurde mit reichen Beigaben in einem Grab in Tournai bestattet, das 1653 entdeckt worden ist.

Als Salfranken (auch salische Franken, Salier oder Westfranken) wird ein etwa im 4. Jahrhundert auftretender Teilstamm der Franken bezeichnet. Sie sollen ursprünglich vom Niederrhein bis zum Salland an der IJssel gelebt und sich dann in Toxandrien (Nordbrabant, belgisch-niederländische Grenzregion) und später im Raum Tournai (Hennegau) angesiedelt haben.

Das Königsgeschlecht der Merowinger, das im 5. und 6. Jahrhundert alle fränkischen Teilstämme und andere benachbarte Gebiete unterwarf und so das Frankenreich begründete, wird traditionell den Salfranken zugerechnet. Das hochmittelalterliche Herrschergeschlecht der Salier hat einen Zusammenhang mit dem Merowinger Chlodwig I. und dem von ihm erlassenen Volksrecht, der Lex Salica hergestellt und daher seinen Namen. Unter salicus wurde bald fränkisch verstanden. Als Salier werden die Vornehmsten der Franken bezeichnet. Die Lex Salica wird zu den Germanenrechten gezählt, ist zugleich aber stark von römischen Rechtstraditionen beeinflusst.

Die Ausbreitung des fränkischen Machtbereichs erfolgte auf Kosten des untergehenden weströmischen Reiches. Die Franken wurden von den Römern als Foederaten anerkannt. Sie besetzten mit Cambrai und Arras das Land bis zur Somme. Ein Vorfahr Childerichs namens Chlodio, ein Anführer, der tüchtig und unter seinem Volk sehr vornehm gewesen war, hat bereits Tournai erobert, wo später Childerich seinen Herrschaftssitz hatte.

Childerich trug als Grabbeigabe die Uniform eines spätrömischen Offiziers; vom Militärumhang (paludamentum) war die goldene Zwiebelknopffibel erhalten. Er hatte als Föderatenführer zeitweise für Westrom gekämpft. Als Foederaten bezeichneten die Römer grundsätzlich jede Gruppe von Nichtrömern, mit denen ein Vertrag (foedus) geschlossen worden war. In der Forschung wird die Bezeichnung zumeist in Bezug auf die Spätantike (4. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) verwendet und bezeichnet dort „barbarische“ Kontingente, also nichtrömische Krieger, die unter eigenen Anführern für die Römer kämpften und als Gegenleistung Versorgungsgüter sowie oft auch Land im Imperium Romanum zugewiesen bekamen.

Childerichs Sohn Chlodwig I. herrschte von 481/482 bis 511. Er beseitigte wohl 486 den letzten römischen Rivalen Syagrius, den Sohn des Aegidius, und erhob das Frankenreich durch Siege über die benachbarten fränkischen Kleinkönige (Sigibert von Köln, Ragnachar, Chararich), die Alamannen und die Westgoten sowie durch die Annahme des katholischen Christentums zu weltgeschichtlicher Bedeutung. Durch die Annahme des katholischen Christentums wurden im Frankenreich vor allem Spannungen zwischen den Franken und der gallo-romanischen Mehrheitsbevölkerung, die ebenfalls katholisch war, vermieden. Chlodwig und seine Nachfolger beriefen sich nicht nur auf ihre Stellung als rex, sondern bewegten sich daneben lange auch noch im (post-)römischen Kontext. Die Merowinger bewahrten so auch die gallorömische Kultur, bedienten sich der Kenntnisse der alten gallorömisch-senatorischen Aristokratie und lehnten sich an die spätantike Verwaltungspraxis an. 507 griff Chlodwig die Westgoten an, tötete ihren rex Alarich II. im Kampf und eroberte den größten Teil auch des südlichen Gallien. Einen Zugang zum Mittelmeer gewannen die Franken allerdings erst nach seinem Tod.

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Chlodwig I.

Chlodwig I. (auch Chlodowech, nach lateinisch Chlodovechus, romanisiert aus altfränkisch *Hlūdawīg oder *Hlōdowig, zusammengesetzt aus westgermanisch hlūd „laut, berühmt“ und wīg „Kampf“, also etwa „berühmter Krieger“; französisch und englisch Clovis; * 466; † 27. November 511 bei Paris) war ein fränkischer König bzw. rex aus der Dynastie der Merowinger.

Er unterwarf alle anderen fränkischen reges sowie weitere germanische Stämme gewaltsam. Daher wird er als Begründer des Frankenreichs angesehen, zu dessen Hauptstadt er Paris machte. Seinen Übertritt zum Christentum vollzog er wohl nach seinem Sieg über die Alamannen in der Schlacht von Zülpich. Dieser Schritt war eine wichtige Weichenstellung für den weiteren Verlauf der mittelalterlichen Geschichte.

Als Herrscher in einer Umbruchszeit, dem es gelang, von einem fränkische Söldner (foederati) kommandierenden Heerkönig bzw. Warlord zu einem faktisch unabhängigen Herrscher aufzusteigen, knüpfte Chlodwig einerseits an spätantike römische Traditionen an, in die er sich selbst einordnete, andererseits leitete er Entwicklungen ein, die zur Herausbildung der frühmittelalterlichen Verhältnisse beitrugen.

Aufstieg

Gallien kurz vor Chlodwigs Königserhebung; sein Machtbereich umfasste anfangs nur einen Teil der fränkischen Gebiete.

Childerich scheint jedenfalls eine nicht unbedeutende Machtposition in Nordgallien errichtet zu haben, die die Grundlage für seinen Sohn Chlodwig darstellte. Chlodwig folgte seinem Vater wahrscheinlich 481/82 als „Kleinkönig“ des Kriegerverbandes der Salfranken nach. Damals gab es noch andere fränkische regna (Herrschaftsgebiete) in diesem Raum, etwa in Cambrai und bei Köln. Chlodwig kontrollierte zu dieser Zeit ungefähr den Raum der (ehemaligen?) weströmischen Provinz Belgica secunda in den heutigen südlichen Niederlanden und dem nördlichen Belgien (Toxandrien um die Provinzhauptstadt Tournai). Wie sein Vater war er offiziell nur der „Verwalter“ (administrator) der Provinz; als Heerführer bzw. „König“ (rex) hingegen dürfte er zunächst nur gegenüber seinen Soldaten aufgetreten sein. In der neueren Forschung wird Chlodwig ähnlich wie andere zeitgenössische Militärführer immer öfter als ein warlord gesehen, also als ein Heerführer, der angesichts des faktischen Zusammenbruchs Westroms und nach dem Erlöschen der kaiserlichen Autorität in Gallien eine eigene Herrschaft etabliert habe, die sich zunächst noch in den formal weiterhin bestehenden politischen Rahmen des Imperium Romanum einordnete. Als nahezu sicher gilt dabei heute, dass sein Geschlecht, die Merowinger, keineswegs eine alte Herrscherdynastie war; ihre herausragende Stellung erlangte die Familie höchstwahrscheinlich erst um die Mitte des 5. Jahrhunderts.

Chlodwig konnte die von seinem Vater übernommene Machtstellung im nördlichen Gallien erheblich ausbauen. Syagrius, der zunächst ins Westgotenreich geflüchtet war, wurde zu einem nicht genauer datierbaren Zeitpunkt an Chlodwig ausgeliefert und hingerichtet. Zu beachten ist dabei, dass Chlodwig keineswegs nur fränkische Kämpfer befehligte, sondern auch Soldaten anderer Herkunft, darunter auch große Teile der einstigen römischen Grenzarmee Nordgalliens.

Viel Beachtung findet der  Bericht des Geschichtsschreibers Gregor von Tours, der wichtigsten erzählenden Quelle hinsichtlich Chlodwigs Regierungszeit, über die Beuteverteilung nach dem Sieg bei Soissons. Demnach hatten Chlodwigs Männer bei der Plünderung einer Kirche einen großen und kostbaren Krug erbeutet. Der Bischof, dessen Kirche der Krug gehörte, bat Chlodwig um Rückgabe. Der König stimmte grundsätzlich zu, wies aber darauf hin, dass er dies nicht eigenmächtig entscheiden könne, da die Beute öffentlich durch das Los verteilt werden musste. Bei der Heeresversammlung bat er die versammelten Krieger, ihm den Krug zu überlassen, scheiterte aber am Widerstand eines einzigen einfachen Kriegers, der auf Verlosung bestand und den Krug demonstrativ zerschlug. Chlodwig musste dies, so Gregor, hinnehmen. Erst im folgenden Jahr rächte er sich, wiederum auf einer Heeresversammlung, indem er den Mann unter dem Vorwand, er habe seine Ausrüstung vernachlässigt, vor dem versammelten Heer erschlug. Der Vorfall zeigt nach Ansicht der älteren Forschung, dass sich damals noch jeder waffenfähige freie Franke dem König öffentlich mit Erfolg widersetzen konnte, indem er sich auf geltendes Recht berief (Widerstandsrecht).

Wohl 492 heiratete Chlodwig die burgundische Prinzessin Chrodechild. Laut Gregor bemühte sie sich früh darum, ihren Mann zur römischen Reichskirche zu bekehren.

In der Schlacht von Zülpich im Jahre 496 besiegte Chlodwig die Alamannen zum ersten Mal, 506 zum zweiten und entscheidenden Mal. Daneben einte er die Franken und Gallorömer schrittweise unter seiner Herrschaft. Er schaltete Sigibert von Köln, dessen Sohn Chloderich sowie seine Verwandten Chararich und Ragnachar aus und beseitigte sie.

Christianisierung

Taufe Chlodwigs I., Teilansicht eines Elfenbein-Buchdeckels (9. Jahrhundert)

Nach dem Sieg bei der Schlacht von Zülpich (westlich von Köln und Euskirchen) konvertierte Chlodwig zum römischen Christentum. Zu Weihnachten wurde er von Bischof Remigius in Reims getauft. Das Jahr der Taufe ist bis heute umstritten, zwischen 497 und 507.

In den Quellen werden zwei Motive für den Übertritt Chlodwigs zum Christentum genannt. Das eine war der christliche Königsgedanke. Die germanischen Könige durch die vermeintliche Abstammung von den heidnischen Göttern legitimiert. Diese Abstammungslegitimation und damit die Verbindung zu seinen heidnischen Vorfahren musste Chlodwig aufgeben, als er Christ wurde. Stattdessen wurde dem König verheißen, er werde einst im Himmel mit seinen Nachkommen herrschen. Dadurch wurde ein christliches Königtum begründet, das auch die Pflicht des Königs zur Mission einschloss. Das zweite Motiv war dasjenige des stärkeren Gottes (Sieghelfermotiv). Das Bekenntnis zum Christentum sollte dem König den Beistand Gottes in der Schlacht sichern. In diesem Sinne berichtet Gregor von Tours, dass Chlodwig sich für das Christentum entschied, nachdem der christliche Gott ihm in der Schlacht von Zülpich die erbetene Hilfe gewährt hatte, während er von seinen bisherigen Göttern solchen Beistand vergeblich erhoffte. Eine Rolle spielte wohl auch der Einfluss seiner zweiten, der römischen Kirche anhängenden Frau Chrodechild.

Chlodwig verlangte vom Bischof von Rom angeblich einen Preis für seine Bekehrung. Es soll vertraglich festgelegt worden sein, dass die Besetzung aller geistlichen Ämter von einer fränkischen Synode unter dem Vorsitz des Königs bestimmt werden sollte und die Geistlichen dem König steuerpflichtig waren. Dabei handelte es sich um eine Kirchenordnung in der Art des germanischen Eigenkirchenwesens, also eine stark vom Willen des Königs abhängige Kirche mit einer gewissen Eigenständigkeit gegenüber Rom. Auf diese Tradition beriefen sich die französischen Könige im Spätmittelalter, wenn sie eine Sonderstellung für die katholische Kirche Frankreichs im Sinne des Gallikanismus forderten.

Auch innenpolitische Erwägungen sprachen für den Übertritt, da damit Spannungen zwischen der christlich-romanischen Mehrheitsbevölkerung und den bis dahin heidnischen Franken verringert wurden. Große Bedeutung hatte die Taufe Chlodwigs auch für die weitere Geschichte Europas, da das Fränkische Reich, aus dem Jahrhunderte später Frankreich und Deutschland hervorgehen sollten, mit seinem Übertritt christianisiert wurde. Anders als in der römischen Antike, wo die Taufe die Zuwendung eines Einzelnen zum Christentum bedeutete, fanden im germanischen Bereich sowie später im Frühmittelalter Taufen oft im Stammesverband, also kollektiv statt. Nach dem Bericht Gregors von Tours befragte Chlodwig vor seiner Taufe die Großen und das Volk. Als diese zustimmten, ließ er sich mit angeblich 3000 Franken taufen. Allerdings wird sich der Christianisierungsprozess der Franken tatsächlich erst allmählich vollzogen haben. Zahlreiche heidnische Bräuche hielten sich noch längere Zeit; so berichtet etwa der zeitgenössische oströmische Geschichtsschreiber Prokopios  von heidnischen Menschenopfern der Franken bei einem Kriegszug nach Italien 539.

Folgenreich war auch Chlodwigs Entscheidung, das Christentum in der vom römischen Bischof vertretenen „katholischen“ Lehre anzunehmen: Anders als die Könige der allermeisten anderen germanischen Nachfolgereiche auf dem Boden des früheren Weströmischen Reiches, insbesondere der West- und Ostgoten, aber auch der Burgunder und Vandalen, die den christlichen Glauben in der Form des Arianismus angenommen hatten, bekannte sich Chlodwig zur Reichskirche des Römischen Reichs, das heißt zum athanasischen Glauben der römischen Kirche, die den Glauben der Arianer in den Jahren 325 und 381 verworfen hatte.

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* Der Arianismus war eine theologische Position innerhalb des Frühchristentums, die unmittelbar von ihrem namensgebenden Theologen Arius (ca. 260–327 n. Chr.) und seinen direkten Anhängern vertreten wurde. Arius betrachtete die beispielsweise im Bekenntnis von Nicäa (325) behauptete Wesensgleichheit von Gott/Gott-Vater und Sohn als Irrlehre, da sie dem Monotheismus zu widersprechen schien, bei welchem der Sohn und der Heilige Geist nur in untergeordneter, nicht Gott gleichkommender Stellung und Würde denkbar waren.

** Athanasius der Große (auch Athanasius von Alexandria, griechisch Ἀϑανάσιος Athanásios‚ der Unsterbliche‘; * um 300 in Alexandria; † 2. Mai 373 ebenda) war Patriarch von Alexandria und Kirchenvater wie auch vor allem durch seine vieljährige Vehemenz berühmt gewordener Gegner des ‚Arianismus‘ oder vielmehr von allem, was er dafür hielt.

Mit dem Bekenntnis zur Wesenseinheit Christi und des Vaters bezog das Konzil Stellung gegen den Arianismus. In der Folgezeit kam es aber zu Streit um die richtige Auslegung der Begriffe, der erst auf dem folgenden Konzil von Konstantinopel 381 beigelegt werden konnte.

In der Folge wurde das Bekenntnis von Nicäa oft als „der Glaube der 318 heiligen Väter“ bezeichnet. Das bezieht sich auf die 318 Bischöfe, die am ersten Konzil von Nicäa teilgenommen haben sollen; ihre Zahl sollte der Anzahl der Knechte entsprechen, mit denen Abraham in Gen 14,14 EU ausgezogen war.

Auf dem Konzil von Ephesos von 431 wurde das wörtliche Glaubensbekenntnis von Nicäa ausdrücklich bestätigt und erklärt, dass es nicht verändert werden dürfe.

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Dies war von entscheidender Bedeutung, da im Merowingerreich fortan auch keine konfessionelle Barriere zwischen den neugetauften Franken und der gallorömischen Bevölkerungsmehrheit bestand, was mittelfristig eine Vermischung von Franken und Romanen ermöglichte. Und als 519 das erste Schisma zwischen Konstantinopel und Rom beigelegt wurde, befanden sich Chlodwigs Erben zudem in Kommunion mit dem oströmischen Kaiser, was erhebliche außenpolitische Vorteile mit sich brachte. Kirchengeschichtlich war dies, rückblickend betrachtet, der Anfang vom Ende des Arianismus im Westen. Die arianischen Westgotenkönige konvertierten gegen Ende des 6. Jahrhunderts zum römischen Christentum, nachdem die Reiche der arianischen Vandalen und Ostgoten um die Mitte des Jahrhunderts im Kampf gegen den oströmischen Kaiser Justinian untergegangen waren und die Franken das Burgunderreich erobert hatten.

Spätzeit Chlodwigs

Feldzüge der Franken in Aquitanien in den Jahren 507–509

Chlodwigs Sieg über den westgotischen rex Alarich II. von Tolosa (Toulouse) in der Schlacht von Vouillé (507) brachte den größten Teil Galliens unter seine Herrschaft. Sein weiterer Vorstoß ans Mittelmeer wurde jedoch 508 von den Ostgoten unter Theoderich dem Großen vereitelt. Daher blieb die heutige Provence noch bis in die 530er Jahre gotisch, und Septimanien, ein Küstenstreifen in Südwestfrankreich um Narbonne, blieb sogar noch deutlich länger unter gotischer Herrschaft. 509 eroberte Chlodwig dafür das rheinfränkische Reich und vereinigte damit die bislang getrennten größten Einzelgruppen der Franken.

Chlodwigs Eroberungen bis zum Jahr 511 (abgebildet sind auch die salfränkischen Gebiete im Jahr 481 und die Provinz Belgica II)

Chlodwig legte größten Wert auf die Anerkennung seiner Position durch den oströmischen Kaiser, der noch immer als nomineller Oberherr auch des Westens galt. Chlodwig und seine Nachfolger übernahmen jedenfalls bewusst zentrale Elemente der spätrömischen Verwaltung – so gab es im 6. Jahrhundert am Merowingerhof noch immer das römische Amt des magister officiorum – und Herrschaftsrepräsentation, wobei sie sich der alten gallorömischen Eliten bedienten. Sie traten gegenüber der romanisierten Bevölkerung, vor allem gegenüber den Aristokraten im 507 eroberten Südgallien, noch lange als Repräsentanten des Kaisers auf. Erst um 540, dreißig Jahre nach Chlodwigs Tod, hörte man damit auf, das Bild des Kaisers auf die Goldmünzen zu setzen, und noch um 580 schilderte der oströmische Geschichtsschreiber Agathias die Franken sehr positiv: Sie würden sich im Grunde nur durch ihre Sprache und einige Besonderheiten ihrer Tracht von den Römern unterscheiden.

Gallo-römische Eliten

Zahlreiche Vertreter des gallischen Senatsadels bekleideten auch weiterhin vom späten 5. Jahrhundert bis in die folgende Merowingerzeit wichtige Posten in Verwaltung bzw. Kirche, vor allem im mittleren und südlichen Gallien, wo ihre Einflussmöglichkeiten am stärksten ausgeprägt waren. Hierbei stützten sie sich nicht zuletzt auf die eigenen (teils sehr bedeutenden) Besitztümer und Vorrechte sowie auf verwandtschaftliche Netzwerke. Den Mitgliedern der gallischen Elite gelang es so noch längere Zeit, politischen Einfluss auszuüben und kulturelle Impulse zu geben. Dem gallischen Senatorenadel kam im Hinblick auf die Formierung der frühmittelalterlichen Gesellschaft in Gallien eine erhebliche Bedeutung zu: „Die senatorische Oberschicht vermittelte dem merowingischen Gallien die stärksten Kontinuitätsstränge in geistiger Kultur, Verwaltung und Kirche.“

Der gallorömische Bischof und Geschichtsschreiber Gregor von Tours, der selbst aus einer gut vernetzten senatorischen Familie stammte (mit dem Spitzenahn Gregor von Langres), verstand sich weiterhin als Untertan des (ost-)römischen Kaisers und benutzte noch um 590 in seinen Werken das Wort senator als hohen Ehrentitel für einen speziellen Personenkreis vornehmer Gallorömer, deren Mitgliedern er einen hervorgehobenen sozialen Rang einräumte. Es handelte sich hierbei um Nachfahren von Amtspersonen des alten Imperiums, was in der frühen Merowingerzeit durchaus noch Gewicht hatte. Stroheker zufolge war die Bezeichnung senator bei Gregor von Tours denn auch nicht durch Ansehen, Macht oder Reichtum definiert, sondern durch die Abstammung von einem dieser älteren senatorischen Geschlechter.

Tod und Nachfolge

Die Aufteilung des Frankenreichs nach Chlodwigs Tod

Chlodwig starb 511 und wurde im sacrarium der Apostelkirche in Paris, der späteren Kirche Sainte-Geneviève, begraben. Nach seinem Tod teilten seine vier Söhne, wie er es verfügt hatte, die Herrschaft untereinander auf, ohne damit allerdings formal unabhängige Reiche zu gründen. Es waren Theuderich, der Sohn seiner ersten Ehefrau, einer vornehmen Fränkin, sowie Chlodomer, Childebert und Chlothar, die drei Söhne Chrodechilds. Sie gründeten vier eigene Königshöfe in Metz/Reims, Orléans, Paris und Soissons.

Rezeption

Französische Geschichtsschreiber betonten, dass er für den christlichen Glauben gekämpft habe; daher habe er seine Siege mit Gottes Hilfe errungen. Im 14. und 15. Jahrhundert zeichnete die französische Geschichtsschreibung von ihm das Bild eines idealen Königs und vorbildlichen Christen. Man beschrieb ihn als ehrlich, gütig und keusch und verglich ihn mit Karl dem Großen, der ein zweiter Chlodwig gewesen sei. Weit verbreitet war die Legende, der zufolge er als erster europäischer König die Herrschersalbung empfing; die Ampulle mit dem heiligen Salböl sei vom Himmel herabgesandt worden. Angeblich trug sein Schild bereits die Lilien des späteren (kapetingischen) Königswappens. Einen Gipfel der Clodwig-Verehrung erklommen die französischen Könige seit dem 14. Jahrhundert, als sie sich selbst unter historisch-genealogischem Bezug auf Clodwig und dessen Konversion zum Katholizismus den Ehrentitel „Allerchristlichster König“ gaben.

Seit dem Mittelalter wird Chlodwig in Frankreich in weiten Kreisen als früher französischer König, ja als Begründer der französischen Nation betrachtet. Man bezeichnet ihn traditionell als den ersten französischen König der première race (‚erstes Geschlecht‘), also der Merowinger. Als zweites französisches Königsgeschlecht gelten die Karolinger, als drittes die Kapetinger. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass Frankreich und Deutschland erst viel später durch die Trennung in West- und Ostfränkisches Reich entstanden sind, dass Chlodwigs Mutter thüringischer Abstammung war, ein Onkel in Köln residierte und er selbst mit Westfränkisch einen germanischen Dialekt sprach und daneben vermutlich Latein.

In Deutschland gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine analoge Tendenz, aus Chlodwig einen deutschen Herrscher auf gallischem Boden zu machen, was im Rahmen einer schon im 19. Jahrhundert verbreiteten Gleichsetzung von ‚germanisch‘ mit ‚deutsch‘ geschah. So veröffentlichte 1933 der prominente Mediävist Bruno Krusch eine Arbeit mit dem Titel Die erste deutsche Kaiserkrönung in Tours Weihnachten 508, womit er auf die Ernennung Chlodwigs zum römischen Ehrenkonsul bzw. patricius Bezug nahm, die als Verleihung eines quasi-kaiserlichen Rangs zu deuten sei, da Gregor von Tours (nach Ansicht der meisten heutigen Forscher allerdings irrtümlich) behauptet, der Franke habe sich seither Augustus nennen lassen.

Eine Gedenktafel für Chlodwig fand Aufnahme in die Walhalla bei Regensburg.

Der Komponist Antonio Caldara widmete Chlodwigs Bekehrung zum Christentum die Oper La Conversione di Clodoveo, Rè di Francia.

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Chlodwig verteilte die Herrschaft im formal ungeteilten Reich auf seine vier Söhne, doch starben drei Linien aus, so dass Chlothar I. von 558 bis 561 das inzwischen um Thüringen und Burgund erweiterte Reich wieder vereinigen konnte. Damals hörten die Merowinger auf, die nominelle Oberhoheit des (ost-)römischen Kaisers weiter anzuerkennen. Schrittweise wurde aus dem Machtbereich fränkischer foederati so ein zunehmend homogenes regnum. Dabei spielte – durchaus in spätantiker Tradition – das dynastische Prinzip eine zentrale Rolle für die Herrscherlegitimation; nur Merowinger hatten ein Recht auf den Thron.

Unter Chlothars Nachfolgern wurde das Fränkische Reich wieder geteilt und durch Bruderkriege zerrissen, von Chlothar II. jedoch 613 wieder vereinigt. Chlothar II. und Dagobert I. waren offenbar die letzten wahrhaft mächtigen Herrscher aus dem Geschlecht der Merowinger, doch fing bereits unter ihnen der Einfluss der Hausmeier (der maiores domus) an zu wachsen. In dieser Situation erhob sich das mit den Arnulfingern verbündete Geschlecht der Pippiniden schrittweise zu solcher Macht, dass Grimoald, der Sohn von Pippin dem Älteren, 656 den Versuch unternahm, statt des Merowingers Dagobert II. seinen eigenen Sohn zum König von Austrasien (Hauptstadt Metz) zu erheben. Weil die anderen mächtigen Familien dies aber (noch) nicht duldeten, behielten die Merowinger ihre Königswürde noch ein weiteres Jahrhundert. Obwohl im Lauf der Zeit zahlreiche Merowinger ermordet wurden, oft von nahen Verwandten, wurde die Dynastie als solche weiterhin für unantastbar gehalten. Daher mussten die Karolinger, als sie schließlich selbst den Thron bestiegen, eine neue Form der Herrschaftslegitimation suchen.

Seit der Schlacht bei Tertry im Jahre 687 herrschten offenbar faktisch die aus den Arnulfingern und Pippiniden hervorgegangenen Karolinger, auch wenn es Hinweise gibt, dass König Childebert III., den der Liber Historiae Francorum als rex iustus und vir inclytus bezeichnet, um 700 noch einmal versucht haben könnte, aktiv in die Regierungsgeschäfte einzugreifen. Karl Martell konnte schließlich die karolingischen Hausmeier-Ämter in seiner Hand vereinigen. Einer seiner Söhne, Pippin der Jüngere, erhob 743 noch einmal einen Merowinger, Childerich III., zum König, ließ ihn aber 751/2 absetzen und in das Kloster Sithiu (spätere Abtei Saint-Bertin) einweisen.

Veranstaltung vom 10.04.19

Stammesherzogtümer

Im Frühmittelalter bildeten die Merowinger das fränkische Reich und vergrößerten es durch Eroberungen gallischer und germanischer Gebiete. Diese Eroberungen wurden dem fränkischen Stammesgebiet teils direkt einverleibt, teils unter der Führung von Herzögen dem fränkischen Königreich in mehr oder weniger loser Abhängigkeit angegliedert. Welche Form der Herrschaftsausübung gewählt wurde und wie unabhängig die Herzöge agieren konnten, hing von der Stärke des unterworfenen Volkes, von seiner Entfernung vom Zentrum fränkischer Königsmacht und von der Stärke und Einheit der merowingischen Zentralgewalt ab. Immer dann, wenn die fränkischen Könige den Eindruck hatten, ihre Macht reiche nicht aus, um ein Gebiet direkt beherrschen zu können, griffen sie auf die Einsetzung von ihnen verpflichteten Herzögen zurück. Diese wiesen bessere Herrschaftsmöglichkeiten auf, da sie näher am Ort der Herrschaft tätig waren. Spätestens als in den Zeiten der Schwächung der Zentralgewalt durch die merowingischen Erbteilungen und Bruderkriege die Teilreiche Neustrien, Austrasien, Aquitanien und Burgund entstanden, gewannen die im mitteleuropäischen Siedlungsraum entstandenen Stammesherzogtümer der Alemannen, Bajuwaren und Ostfranken-Thüringer ein immer höheres Maß an Unabhängigkeit (siehe dazu Völker in Mitteleuropa). Anfangs wurden wohl eher enge fränkische Gefolgsleute der Merowinger zu Herzögen ernannt, um sowohl die neu unterworfene Bevölkerung direkter beherrschen zu können als auch die Loyalität der Herzöge zu sichern. Oft vermählten sich diese dann aber zur besseren Legitimierung ihrer Herrschaft mit Töchtern einheimischer Adliger, deren Heiratsgut ihre Verwurzelung im Stammesgebiet vergrößerte. Andererseits konnte die Herkunft des vom König eingesetzten Herzogs wirklich aus dem Stamm sein, wenn der König den Eindruck hatte, dies diene der Festigung seiner Herrschaft. Spätestens nach einigen Generationen wurden die Stammesherzöge als Angehörige ihrer Stämme angesehen, selbst wenn ihre Väter ursprünglich fränkischer Herkunft gewesen sein mochten.

Dabei erreichten diese Herzöge anfangs noch nicht unbedingt eine Beherrschung des gesamten von einem Stamm bewohnten Gebietes. So ist es eher unwahrscheinlich, dass die Herzöge der Alemannen zur Merowingerzeit das gesamte Siedlungsgebiet dieses Stammes beherrschten. In den Quellen wird beispielsweise ein alemannischer Herzog gleichzeitig mit einem Herzog des Elsass genannt. Ebenso unklar ist der Herrschaftsbereich des ostfränkisch-thüringischen Herzogs, und ob einer den Gesamtbereich beherrscht oder ob es mehrere Herzöge für Teilgebiete gegeben hat.

Eine ähnliche Entwicklung ist für die Randgebiete im gallischen Raum, in denen der königliche Einfluss geringer war, festzustellen, in denen sich ebenfalls Herzogtümer wie Aquitanien, Bretagne und Burgund bilden.

Eine andere Erklärung für die Bildung der Herzogtümer ist, dass einflussreiche Adlige im jeweiligen Stammesgebiet versuchten, zu Vertretern der Frankenkönige aufzusteigen. Inwiefern dies gelang, war davon abhängig, ob sich der Adel der Stammesgebiete den Herzögen anschloss.

Unter den Karolingern wurden diese Stammesherzogtümer aufgelöst, sie entstanden aber in den Zeiten der Auflösung der karolingischen Macht ab Ende des 9. Jahrhunderts wieder neu.

Pfalzgrafen

Im Rahmen der Entwicklung des deutschen Königreichs aus dem ostfränkischen auf der Grundlage der Stammesherzogtümer des Ostfrankenreichs erhielten die Pfalzgrafen weitgehende königliche Sonderrechte, um den Zusammenhalt des Königtums politisch zu sichern und die mächtigen Herzöge in Schach zu halten. Dabei entwickelten sich seit Ende des 10. Jahrhunderts in den Stammesherzogtümern Sachsen, Bayern, Schwaben und Lothringen Stammes-Pfalzgrafen als Vertreter und Wahrer der königlichen Rechte. Die Pfalzgrafenwürde war nun nicht mehr mit der ursprünglichen Aufgabe der Betreuung einer Königspfalz verbunden, sondern beinhaltete eine Art Kontrollfunktion und Vertretung des Königs innerhalb der Stammesherzogtümer und damit auch die zweite Position nach dem Herzog innerhalb des Herzogtums. Damit verbunden war eine Rangerhöhung gegenüber anderen Grafen des Herzogtums und das Recht, das Richteramt an Königs Statt auszuüben. Damit einher gingen Jagd-, Zoll- und Münzrecht. Der mächtigste unter den Pfalzgrafen, der Pfalzgraf bei Rhein, war Stellvertreter des Königs im Hofgericht, Reichsvikar bei Thronvakanzen, und sogar Richter über den König.

Später wurde die Bezeichnung „Pfalzgraf“ zu einem erblichen Titel in verschiedenen deutschen Fürstenhäusern. Zum Reichsfürstenstand zählten im Heiligen Römischen Reich ab dem Spätmittelalter Herzöge, Land-, Mark- und Pfalzgrafen, hinzu kamen die kirchlichen Fürsten: Erzbischöfe, Bischöfe und die Äbte und Äbtissinnen von Reichsabteien.

Abgrenzung zu ähnlichen Ämtern und Würden

Eine strikte Ämtertrennung z. B. zwischen Pfalzgrafen einerseits und anderen Fürstenämtern gab es nicht. Mächtige Pfalzgrafen waren oft in Personalunion auch Land- oder Markgrafen, Herzöge oder auch kirchliche Fürsten. Damit wuchs dem Herrschaftsbegriff „Pfalz“ im Heiligen Römischen Reich eine neue Bedeutung zu: Pfalz bezeichnete danach nicht nur befestigte Königshöfe, sondern auch von Pfalzgrafen bzw. Kurfürsten beherrschte Territorien.

In der letzten Zeit der Karolingerherrschaft (s. oben) bildeten sich im Ostfränkischen Reich die alten Stammesherzogtümer neu. Anfangs gelang es zuerst einheimischen Adligen in umkämpften Grenzgebieten, wieder den Herzogstitel zu tragen, ohne dass hiermit schon eine fest regulierte Herrschaft über ein genau umgrenztes Gebiet gemeint war. In Bayern regierten die Karolinger ab 788 als Könige oder Unterkönige und setzten zur Herrschaftsausübung bisweilen Statthalter (Präfekten) ein. So titulierte in Sachsen zuerst Ekbert, ab den 860er Jahren Liudolf als Herzog, ohne dass hiermit eine Herrschaft über das gesamte Stammesgebiet der Sachsen ausgedrückt worden wäre. In der Endzeit der Karolinger gelang es diesem bzw. seinen Nachkommen, den Liudolfingern (später meist „Ottonen“ genannt), als Herzog für das gesamte Stammesgebiet der Sachsen anerkannt zu werden. Ähnlich früh gewannen die Luitpoldinger in Bayern die herzogliche Macht. 907 gelang es den Konradinern in Franken gegen den Widerstand der älteren Babenberger die herzogliche Gewalt zu erlangen. In Schwaben (bis Mitte des 11. Jahrhunderts noch „Alamannien“) war die Situation noch nicht entschieden. Im Jahr 911 war die Macht der Stammesherzöge schon so groß, dass sie einen eigenen König für das Ostfrankenreich unter Verletzung des Geblütsrechts des westfränkischen Karolingers wählten. Die 919 durch Wahl ins Königamt gelangte sächsische Herzogsdynastie der Liudolfinger musste diese Herzöge anerkennen. Immerhin gelang es ihr in harten Kämpfen, die Bestätigung der Herzogswürde als vom König verliehenes Amt durchzusetzen. Der Vorteil für die Stammesherzöge war die doppelte Absicherung, durch die adlige Gefolgschaft von „unten“ und durch das vom König verliehene Amt von „oben“. Inwiefern sie sich aber in den Territorien insbesondere den Grafen gegenüber durchsetzen konnten, war immer davon abhängig, wie sehr sie selbst mit eigenen Grafschaften und anderen Besitztümern im jeweiligen Herzogtum präsent waren. Diese Herzogtümer waren nicht als fest umgrenzte Gebiete aufzufassen, in denen die Herzöge genau umschriebene Rechte über den einheimischen Adel und die übrige Bevölkerung ausübten. Die Intensität der Herrschaft war stattdessen abhängig von den Besitztümern, Lehen und Rechten, die der jeweilige Herzog in seinem Herzogtum besaß, aber auch von seinem Ansehen, dem Ansehen des jeweiligen Königs und der Macht seiner gräflichen Vasallen. Bis ins 11. Jahrhundert wurden die Stammesherzogtümer mehr oder weniger abhängig von der königlichen Zentralgewalt geführt, indem oft stammesfremde Herren als Herzöge eingesetzt worden waren, und dienten den konkurrierenden Fürsten als Machtbasis im Kampf um das Königtum. Danach bildeten sich in einem Prozess der Herrschaftsintensivierung aus den alten Stammesherzogtümern meist erbliche Territorialherzogtümer auf Grundlage der jeweiligen Besitztümer der Herzogsdynastien unter Verzicht auf die Besitztümer, welche die Herzöge nicht mehr unter ihre Gewalt bringen konnten.

Territorialherzogtümer

Im 12. Jahrhundert begann unter Friedrich Barbarossa die Errichtung neuer, teils räumlich zerrissener Territorialherzogtümer. Dieser Prozess fand sowohl mit seiner Unterstützung, aber auch teilweise unabhängig von ihm statt. Dabei wurde auf Einfluss- und Hoheitsgebiete alter Stammesherzogtümer zurückgegriffen und der Erosionsprozess der Stammesbezogenheit beschleunigt. So entstanden im 12. Jahrhundert die Territorial- oder Titularherzogtümer Ravensburg, Rothenburg, Teck, Steiermark, Meranien, Franken/Würzburg, Limburg, Brabant. Dieser Prozess führte im 13. Jahrhundert unter Kaiser Friedrich II. zur völligen Territorialisierung des Heiligen Römischen Reichs. An die Stelle der Stammesherzogtümer waren mehr oder weniger bedeutende Territorialherzogtümer und Titularherzogtümer getreten, die in der Folge noch teilbar waren.

Investitur und Eigenkirchenwesen

Die Investiturpraxis entspringt dem germanischen Raum, wo es gängige Praxis war, nach dem Erwerb eines Grundstückes eine Einweisung des vorherigen Besitzers zu erhalten. Überreichte Symbole für jene Praxis waren beispielsweise Halm oder Zweig. Bei der Einweisung im Eigenkirchenwesen bzw. in Niederkirchen wurden ebenfalls Symbole überreicht, wie Altartuch, Kirchenbuch oder Glockenseil. Im Gegenzug wurde dem Grundbesitzer der Kirche aufgetragen, für eine regelmäßige Besetzung des Amtes und Einhaltung der Messen Sorge zu tragen.

Investituranspruch auf Hochkirchen

Mit der Herrschaft über einen Grundbesitzer erhob der König auch den Anspruch auf dessen Investiturrecht. Das Eigenkirchenwesen galt mithin als Rechtfertigung. Einfluss auf Bischofswahlen beanspruchten Könige jedoch schon, bevor es den Investiturbegriff oder das Eigenkirchenwesen gab. Neben der Berufung auf das Eigenkirchenrecht war die sakrale Würde des Königs ein Status, auf den er sich zusätzlich berufen konnte.

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Europäische Mittelalter

Krönungsbild Heinrichs II. aus dem Regensburger Sakramentar: Darstellung des Kaisers als Vermittler zwischen Himmel und Erde (der Kaiser hineinragend in die Mandorla, in der Christus thront und dem Kaiser die Krone aufsetzt)

Das Sakralkönigtum war im europäischen Mittelalter an drei zentrale Aspekte gekoppelt. Den ersten Aspekt bildet das sogenannte Gottesgnadentum d. h. die Vorstellung, dass das „Königtum von Gott geschaffen und sein Träger von Gott erwählt“ worden sei. Der zweite Aspekt wurzelt in der Vorstellung, dass der Herrscher Gottes irdischer Stellvertreter sei. Der dritte Aspekt besagt, dass der König eine „priesterähnliche Verantwortung gegenüber der ihm anvertrauten Gesellschaft“ besitze.

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Schon die Merowinger investierten Bischöfe, doch erst die Karolinger überreichten hierbei den (Krumm-)Stab, ein Hinweis auf das Hirtenamt und eine Imitation der Bischofsweihe. Seit Otto I. wurde diese Übergabe zur Regel. Gesteigert wurde dies durch die zusätzliche Überreichung des Bischofsrings als Lehrsymbol, ebenfalls eine ursprünglich geistliche Befugnis, durch Heinrich III.

Der Bischofsring (lat.: anulus pontificalis) zählt zu den Insignien und Pontifikalien der Bischöfe und der Äbte in der römisch-katholischen Kirche, wird aber auch von lutherischen Bischöfen getragen. Er ist in der Regel golden und mit Edelsteinen besetzt, kann aber auch anders gestaltet sein. Er wird mit den Worten „Nimm den Ring, das Siegel der Treue, damit du Gottes heilige Braut, die Kirche, geschmückt durch unwandelbare Treue, unverletzt behütest“ bei der Bischofsweihe oder der Abtsbenediktion angesteckt. Der Papst trägt den sogenannten Fischerring.

Der Bischofsring ist das Zeichen der Bindung des Bischofs an seine Diözese oder des Abtes an seine Gemeinschaft, so wie der Ehering als Symbol die dauernde Bindung der Ehepartner symbolisiert. Der Ring erscheint mit dem Stab erstmals bei Isidor von Sevilla in seinem Werk De ecclesiasticis officiis (II,5) und beim Konzil von Toledo im Jahre 633 (can. 28).[1] Seit dem Jahr 1000 wird der Ring von Bischöfen und Äbten getragen.

Kritik im Rahmen der Kirchenreformen

Die Kritik an der Investitur als solche entstand vergleichsweise spät in der Zeitspanne des Investiturstreits während der Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts. Im Fokus standen bis 1078 hauptsächlich Simonie und Nikolaitismus. Kritisiert wurden folglich die Nebeneffekte der Einflussnahme weltlicher Mächte auf kirchliche Ämter (Laieninvestitur), nicht aber die Praxis selbst. Dies zeigt sich an Formulierungen synodaler Beschlüsse und der Datierung des ersten tatsächlich rechtsfähigen Investiturverbots für Laien im Jahr 1078, also nach dem Gang nach Canossa. Im Rahmen der Absichten der Kirchenreform steht an vorderer Stelle die Ausweitung und Sicherung der Vormacht Roms in der christlichen Welt. Die Ausrottung simonistischer Praktiken musste daher der erste Schritt sein, da ein solcher feudale Bindungen lösen und neu mit Rom verbinden konnte. Die Praxis, Bischöfe zu entheben und neu – diesmal in der Gnade Roms – einzusetzen wurde häufiger.

Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts

Die Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts sind das Ergebnis eines Anfang des 11. Jahrhunderts beginnenden Prozesses, bei dem innerhalb der Kirche verstärkt über die Stellung des Klerus und den Einfluss der Laien diskutiert sowie bald auch um die Position des Papsttums innerhalb der kirchlichen und weltlichen Hierarchie gestritten wurde. Grundsätzlich ging es den Reformern darum, die Kirche zu dem von ihnen angenommenen Idealzustand der Urkirche zurückzuführen, damit sie in der Lage sei, die christliche Welt gottgefällig zu führen. Die Auseinandersetzungen fokussierten sich besonders im Rahmen des so genannten Investiturstreits auf das Verhältnis zwischen weltlicher und kirchlicher Macht. Da Papst Gregor VII. († 1085) zum herausragenden Vertreter dieser Reformbewegung wurde, werden diese Reformbemühungen oft auch als Gregorianische Reformen bezeichnet. Manche Historiker halten Reform des 11. Jahrhunderts für eine bessere Bezeichnung, da die historischen Zeugnisse eine namensgebende Rolle von Papst Gregor VII. ihrer Ansicht nach nicht stützen.

Inhalte der Kirchenreform

Zölibat vs. Konkubinat und Priesterehe

Die Ehe und das Konkubinat für Priester wurden bereits im Frühmittelalter abgelehnt. So forderte schon Leo der Große, die Ehelosigkeit nicht nur für Priester, sondern auch für Subdiakone vorzuschreiben. Grundlage dieser Forderung waren die Lebensweise Jesu, Schriftstellen in der Bibel (z. B. Mt 19,12; Mt 22,30; 1 Kor 7,32–34) und die daraus entstandenen kanonischen Rechtsbestimmungen.

Allerdings konnten sich diese Vorstellungen insbesondere beim Landklerus nicht durchsetzen. Dies hing nicht zuletzt mit der mangelnden Ausbildung des niederen Klerus zusammen. Seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts wurden zunehmend Versuche unternommen, diesen Missstand, für den damals die Bezeichnung nikolaitische Ketzerei gebräuchlich wurde, zu beheben. Auf dem Konzil von Pavia 1022 wird das Zölibatsgebot noch einmal betont und festgelegt, dass die Kinder der Kleriker als Kirchenhörige unfrei waren. 1031 wurde auf der Synode von Bourges verboten, einen Kleriker oder dessen Kinder zu heiraten.

Einen weiteren Vorschub erhielt die Forderung des zölibatären Lebenswandels in der Auseinandersetzung mit der byzantinischen Kirche. Der orthodoxe Mönch Niketas Stethatos verteidigte in einer Streitschrift die nichtzölibatäre Lebensform. 1054 reagierte die westliche Kirche mit einem Traktat, das den Zölibat als essentiellen Bestandteil der katholischen Doktrin bezeichnete. 1059 wurde von der Lateransynode das Verbot ausgesprochen, bei einem Priester, der offensichtlich in einer eheähnlichen Verbindung lebte, die Heilige Messe zu hören. Papst Leo IX. verbot darüber hinaus den Gläubigen die Gemeinschaft mit nikolaitischen Priestern und erklärte alle Konkubinen der Priester als Unfreie im Besitz des Laterans. Gregor VII. ordnete an, dass “das Volk ihre Amtshandlungen [d. h. der Kleriker, die die Dekrete gegen die Klerikerehe nicht einhielten] auf keine Weise akzeptieren soll.[2] Die Synode von Melfi entzog 1089 unter Urban II. den verheirateten Subdiakonen das Amt und sprach „bei Unverbesserlichkeit […] ihre Frau dem Landesherrn als Sklavin“ zu.[3]

Waren bis dahin die Grundlagen für die Bekämpfung des nichtzölibatären Lebens von Priestern gelegt, so begannen erst Papst Alexander II. und seine Nachfolger, vor allem Gregor VII., mit der energischen Durchführung der Bestimmungen, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.

Simonie

Ebenso wie der Zölibat sollte das Verbot der Simonie die Qualität der Sakramente für die Gläubigen sicherstellen. Schon Gregor I. verurteilte Simonie als Häresie. Er erklärte darüber hinaus, dass Simonie bereits dann vorliege, wenn es durch Gefälligkeiten oder Schmeichelei zur Übertragung des geistlichen Amtes gekommen sei. Um 1012 befasste sich die Koblenzer Bischofsversammlung mit der Bedeutung der Lebensführung des Klerikers für die Qualität der von ihm vollzogenen Heiligen Messe. 1014 befasste sich die Doppelsynode unter Papst Benedikt VIII. erstmals mit der Regelung der Bischofsweihe. Allerdings galt die Simonie zunächst nur als Problem der Niederkirchen. Die Verleihung eines Bischofsamtes durch den König betrachtete man nicht als Ämterkauf. Das führte etwa dazu, dass Konrad II. auf der Synode in Tribur 1036 simonistische Praktiken verbot, auf der anderen Seite aber bedenkenlos die Besetzung von Bistümern und Abteien von Gegenleistungen abhängig machte und von den Hochkirchen das „Servitium regis“ einforderte.

Die zunehmende Beschäftigung mit dem Problem der Simonie führte schließlich zur Frage, wie die Weihen, die von einem simonistischen Priester gespendet wurden zu bewerten seien. Die radikaleren Kräfte der Reformer gingen davon aus, dass solche Sakramente nichtig seien. Der gemäßigte Flügel sah die Wirksamkeit der Sakramente nicht tangiert, weil nicht der jeweilige Priester, sondern der Heilige Geist selbst das Sakrament im eigentlichen Sinn spende. Schließlich legte eine von Papst Klemens II. und Heinrich III. einberufene Generalsynode 1047 fest, dass Kleriker, die von einem Simonisten geweiht worden waren, nach einer vierzigtägigen Buße weiterhin im Amt bleiben konnten. Allerdings konnte sich diese Ansicht nicht durchsetzen. Erst das „Decretum contra Simoniacos“ von 1059 brachte eine endgültige Lösung, die allerdings weitgehend mit den Bestimmungen von 1047 übereinstimmte.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die simonistische Weihen Thema einer Vielzahl von Abhandlungen. In diese Reihe fallen der „Liber Gratissimus“ von Petrus Damiani und die „Libri tres adversus Simoniacos“ von Humbert von Silva Candida. Petrus Damiani war ein Vertreter der gemäßigten Partei. Er ging in seinen Schriften davon aus, dass das Amt eines Klerikers für die Qualität der Sakramente ausschlaggebend sei, nicht dessen Lebenswandel. Seine Thesen stützte er unter anderem auf die Schriften Augustinus, der in der Auseinandersetzung mit der donatistischen Kirche eben jene Ansicht über den Wert der Sakramente vertreten hatte.

Humbert von Silva Candida vertrat dagegen die Ansicht, der Heilige Geist wende seine Gnade nur Katholiken in vollem Umfang zu. Da Simonisten als Häretiker galten und nach seiner Meinung Häretiker keine Katholiken seien, wären sie also nicht in der Lage, gültige Sakramente zu spenden. Humbert ging noch einen Schritt weiter, ihm erscheinen Simonisten schlimmer als Häretiker und er verglich sie mit dem apokalyptischen Tier.

Wie bei der allgemeinen Einführung des Zölibats begann die Bekämpfung der Simonie im größeren Umfang erst während des Pontifikats Alexanders II.

Veranstaltung vom 16. April 2019

Rechtsgrundlage des Lehens

Die Begründung eines Lehens geschah in der Regel durch eine Investitur (constitutio feudi, infeudatio). In fränkischer Zeit geschah das durch den sogenannten Handgang, im Mittelpunkt: Der Lehnsmann legte seine gefalteten Hände in die Hände des Lehnsherrn, die dieser umschloss. Damit begab er sich symbolisch in den Schutz seines neuen Herrn. Seit Ende des 9. Jahrhunderts wird dieser Akt durch einen Lehnseid ergänzt, der meist auf eine Reliquie geleistet wurde. Der Eid sollte nicht nur die Bindung der Partner herstellen, sondern betonen, dass der Lehnsmann seinen Status als Freier nicht verlor, denn nur Freie konnten sich durch Eid binden.

Im 11. Jahrhundert gehörten zur Investitur die Huldigung (auch Lehnnahme oder homagium, heute Hommage) aus dem Handgang und einer Willenserklärung des Lehnsmanns. Eine Willenserklärung des Herrn konnte ebenfalls erfolgen, unterblieb aber oft. Anschließend folgte der Lehnseid und manchmal ein Kuss. Weil im Mittelalter zu einem Rechtsakt auch ein sichtbares Zeichen gehörte, wurde symbolisch ein Gegenstand übergeben, dies konnte ein Stab oder eine Fahne sein (sog. „Fahnenlehn“, bei weltlichen Fürsten), die geistlichen Reichsfürsten wurden vom König durch die Übergabe eines Zepters belehnt (“Zepterlehen”). Mit zunehmender Schriftlichkeit wurde über die Beleihung auch eine Urkunde ausgestellt, die mit der Zeit immer detaillierter die Güter auflistete, die der Lehnsmann erhielt.

Bedeutung

Der Lehnsmann war verpflichtet, seinem Lehnsherrn in einem offiziellen Akt Gefolgschaft und Treue zuzusichern. Der Lehnsherr sicherte dem Vasallen im Gegenzug ebenfalls Treue und darüber hinaus Schutz sowie die Wahrung seiner Rechte zu. Die Huldigung wird zu den promissorischen Eiden (Versprechens-Eide) gezählt.

Zur Huldigung kam es in erster Linie bei der Neuvergabe von Lehen oder wenn, meist durch Erbfall, entweder ein neuer Lehnsherr oder Lehnsnehmer als Nachfolger in seine Rechte eingesetzt wurde. In diesem Fall wurde auch das Lehnsversprechen erneuert. Gemäß regionaler Rechtstraditionen konnten auch häufigere Huldigungen vorgeschrieben sein, etwa einmal jährlich. Zudem dienten auch politische Ereignisse als Anlass für erneute Huldigungen, beispielsweise große Reichsversammlungen, das Ende eines Aufstands gegen den Herrscher, die offizielle Einsetzung eines Nachfolgers in seine Erbansprüche, die Abreise oder die Rückkehr von einem Kreuzzug. Auch die Grundherren konnten von ihren Untertanen die Huldigung einfordern.

Otto II. (HRR)

Bild: Die Elfenbeintafel betont die Gleichrangigkeit zwischen Otto und Theophanu. Sie tragen griechische Gewänder und empfangen ihre Kronen aus den Händen Christi. Erstmals im Abendland werden hier Kaiser und Kaiserin gleich groß dargestellt. Allerdings steht Theophanu auf der weniger vornehmen linken Seite des Heilands.

Otto II. (auch Otto der Rote genannt; * 955; † 7. Dezember 983 in Rom) aus dem sächsischen Adelsgeschlecht der Liudolfinger (919-1024) war römisch-deutscher Kaiser von 973 bis 983.

Bereits in jungen Jahren wurde Otto durch seinen Vater Otto den Großen 961 zum Mitkönig und 967 zum Mitkaiser erhoben, um ihm die Nachfolge zu sichern. Als einziger Herrscher in nachkarolingischer Zeit wurde Otto II. bereits zu Lebzeiten des Vaters zum Kaiser erhoben. Als nach 37-jähriger Herrschaft sein Vater verstarb, trat der erst 18-jährige Otto die Alleinherrschaft an. Der plötzliche Tod des Kaisers 10 Jahre später, mit 28 Jahren, in Italien und die daraus resultierende Krise des Reiches prägten in der Nachwelt das Bild eines glücklosen Herrschers. Als einziger deutscher Herrscher wurde er in Rom beigesetzt.

Leben bis zum Herrschaftsantritt

Heiratsurkunde Ottos und Theophanus: Mit dieser Urkunde hat Otto seiner Gemahlin umfangreiche Ländereien im Reich und in Italien als Morgengabe zugewiesen. Die Urkunde ist in einer Prunkausfertigung überliefert, bei der der Text in Goldschrift auf einem mit Tierornamenten gemusterten, purpurfarbenen Grund steht.

Otto II. wurde nach Aachen geleitet, wo ihm die Lothringer huldigten, und von den rheinischen Erzbischöfen Brun von Köln, Wilhelm von Mainz und Heinrich von Trier zum König gesalbt.

Brun, häufig auch als Bruno oder Brun(o) von Sachsen bezeichnet, (* 925; † 11. Oktober 965 in Reims) war von 940 bis 953 Kanzler des ostfränkisch-deutschen Reiches und anschließend Erzbischof von Köln. Brun war der dritte und jüngste Sohn des ostfränkischen Königs Heinrich I., des Herzogs von Sachsen, und dessen zweiter Frau Mathilda. Er hatte fünf Geschwister: den späteren König und römisch-deutschen Kaiser Otto I. den Großen, Heinrich I. (ca. 920–955), Herzog von Bayern, Gerberga, Hadwig sowie den ältesten Halbbruder Thankmar.

Bereits mit fünf Jahren wurde er für den geistlichen Stand ausgewählt und dem Bischof Balderich von Utrecht übergeben. Er besuchte die Domschule in Utrecht, bis er 939 von seinem Bruder Otto I. an den Königshof berufen wurde. Hier konnte er seine Ausbildung unter den Bischöfen Israel und Rather von Verona abschließen. Brun galt als einer der gebildetsten Männer des Reiches seiner Zeit. 940 wurde er mit nur 15 Jahren Reichskanzler am Hof seines Bruders und reorganisierte die Hofkanzlei. 951 wurde er als Erzkaplan auch der höchste Hofgeistliche. Von etwa 948 bis 951 war er Abt der Reichsabtei Lorsch.

953 wurde er auf Betreiben Ottos zum Erzbischof von Köln gewählt. Anfang September 953 belieh ihn Otto I. mit dem Herzogtum Lothringen, das er seinem rebellischen Schwiegersohn Konrad dem Roten entzogen hatte. Damit wurde Brun, der höchstpersönlich gegen Konrad in den Krieg zog, zum zweitmächtigsten Mann im Reich hinter seinem Bruder, gegenüber dem er stets loyal war.

954 wurde er als Vormund seines Neffen Lothar von Frankreich, des Sohns seiner Schwester Gerberga, Regent von Frankreich. Zwei Jahre später übernahm er die Vormundschaft für Hugo Capet, den Sohn seiner Schwester Hadwig. In der Folge musste er ständig zwischen seinen beiden um die französische Krone rivalisierenden Neffen vermitteln. Außerdem war Brun während der Abwesenheit Ottos I. zusammen mit Erzbischof Wilhelm von Mainz nicht nur Regent des Kaiserreiches, sondern auch Vormund seines Neffen Otto II., den er am 26. Mai 961 in Aachen zum deutschen König gesalbt hatte.

Brun machte sich sehr um die Förderung der Klosterschulen verdient. Außerdem war er ein Anhänger und Förderer der Klosterreform von Gorze, die ein starkes Mönchstum unter weltlicher Herrschaft des jeweiligen Landesfürsten propagierte. Als Erzbischof von Köln hatte er von seinem Bruder königliche Privilegien, wie das Recht, die Stadt zu befestigen, Märkte abzuhalten, Münzen zu schlagen und Steuern zu erheben, erhalten, was Kölns Stellung als bedeutendste Stadt des Reiches weiter festigte. Außerdem war sein Hof das intellektuelle und künstlerische Zentrum in Deutschland. Hier erhielten viele der führenden Gelehrten und späteren Bischöfe ihre Ausbildung. Neben seiner Gelehrsamkeit und seiner Loyalität Otto gegenüber galt Brun als durchaus machtbewusst, aber auch als sehr fromm und persönlich bescheiden.

Wilhelm von Mainz

Wilhelm war der Sohn von Otto I. und einer vornehmen slawischen Kriegsgefangenen.  Am 17. Dezember 954 wurde er zum Erzbischof von Mainz gewählt. Von Papst Agapet II. erhielt Wilhelm die Bestätigung als Apostolischer Vikar, also Stellvertreter des Papstes in Deutschland. Von seinem Vater Otto erhielt er die Würde des Erzkapellans, aus dem sich später die Erzkanzlerwürde für Deutschland entwickelte, die bis zum Ende des Erzbistums 1803 mit dem Mainzer Erzbischofsstuhl verbunden blieb.

und Heinrich von Trier zum König gesalbt.

König Otto I. ernannte Heinrich von Trier 956 zum Erzbischof von Trier. Am 26. Mai 961 war er neben Brun von Köln und Wilhelm von Mainz der dritte Erzbischof, der Otto II. in Aachen zum König salbte. Er nahm auch an Ottos anschließendem Italienzug teil und war somit in Rom zugegen, als Otto die Päpste Johannes XII. und Benedikt V. absetzte. Heinrich starb in Rom an einer Seuche, die im Heer des Kaisers ausgebrochen war. Er wurde in Parma begraben und später in den Trierer Dom umgebettet.

Die beiden Erzbischöfe Brun und Wilhelm wurden zu Stellvertretern im Reich ernannt, mit denen der junge Otto nördlich der Alpen verblieb. Nach dreieinhalbjähriger Abwesenheit kehrte Ottos Vater Anfang 965 als Kaiser und König von Italien in sein angestammtes Reich zurück. Um der Hoffnung auf dynastische Kontinuität Ausdruck zu verleihen, wurde am 2. Februar 965 in Worms, der Stätte der Königswahl Ottos II., der Jahrestag der Kaiserkrönung gefeiert.

Thronfolger und Mitregent

In Italien blieb die politische Situation auch nach der Kaiserkrönung Ottos I. instabil. Der kaisertreue Papst Johannes XII. konnte sich gegenüber dem stadtrömischen Adelsgeschlecht der Crescentier nicht behaupten. Er wurde gefangen genommen, konnte jedoch fliehen und rief den Kaiser um Hilfe an. Nur anderthalb Jahre nach seiner Rückkehr zog Otto I. erneut nach Italien. Annähernd elfjährig war Otto II. seit Ende August 966 wieder auf sich selbst gestellt. Nach dem Tod Bruns verblieb der ältere Stiefbruder Wilhelm als alleiniger Regent. Nach der Kaiserkrönung musste Otto der Große auch sein Verhältnis zum älteren oströmisch-byzantinischen Kaisertum klären. Im Zuge der Auseinandersetzung um den Kaisertitel galt es für Byzanz, die staatsrechtliche Situation und die Herrschaftsteilung zwischen den beiden Reichen zu regeln. Faktisch beherrschte Byzanz nur einen kleinen Bereich im Süden der italienischen Halbinsel. Die Oberhoheit über die beiden Fürstentümer Capua und Benevent war seit langem umstritten. Ein Ehebündnis zwischen den beiden Mächten sollte sowohl das Zweikaiserproblem lösen als auch den Umfang des jeweiligen Herrschaftsbereichs in Italien im Rahmen eines Freundschaftsbündnisses klären. Gewahrt werden musste dabei auch das Prestige der beiden Parteien. In Ottos I. politischem Denken bildete die Kaiserkrönung seines Sohnes eine wichtige Voraussetzung für die angestrebte Ehe mit einer purpurgeborenen byzantinischen Kaisertochter. Otto versprach sich von der Eheverbindung mit der ruhmreichen makedonischen Dynastie (867-1057) offensichtlich Legitimation und Glanz für seinen Sohn und sein Haus. Um seine dynastischen Pläne zu fördern, forderte Otto in einem gemeinsam mit dem Papst verfassten Schreiben seinen Sohn auf, im Herbst 967 nach Rom zu reisen, um mit ihnen Weihnachten zu feiern. Die Abberufung nach Italien verhinderte allerdings die Entstehung einer auf ihn zugeschnittenen Klientel im sächsischen Adel. Durch den Weggang Ottos II. nach Italien und den Tod Wilhelms von Mainz im März 968 und der Königin Mathilde entstand in Sachsen ein Machtvakuum

Im Oktober 967 trafen Vater und Sohn in Verona zusammen und zogen gemeinsam über Ravenna nach Rom. Am 25. Dezember 967 wurde Otto II. in Rom zum Mitkaiser gekrönt. Damit war die Weitergabe des von seinem Vater geschaffenen Imperiums und der Kaiserkrone gesichert. Die Verhandlungen für die Vermählung Ottos II. mit einer byzantinischen Prinzessin begannen 967, doch erst 972 wurde ein Heirats- und Friedensabkommen geschlossen. Die einzige im Purpur geborene Braut, die für den 955 geborenen Otto II. aus Altersgründen in Frage kam, war Anna, die Tochter des Kaisers Romanos’ II. Doch fiel die Wahl des Kaisers Johannes Tzimiskes auf seine Nichte Theophanu, die nur eine angeheiratete Nichte eines Soldatenkaisers war. Am 14. April 972 wurde die nicht purpurgeborene Theophanu mit Otto vermählt und zur Kaiserin gekrönt. Dies bedeutete die Anerkennung des westlichen Kaisertums durch Byzanz. Dadurch entspannte sich die Situation in den südlichen Teilen Italiens. Mit einer Prunkurkunde wies der Mitkaiser seiner Gemahlin die Grafschaften Istrien und Pescara, Walcheren und Wichelen mit der reichen Abtei Nivelles samt 14.000 Hufen, die Königshöfe Boppard am Rhein, Tiel am Waal, Herford, Tilleda und Nordhausen in Sachsen als Mitgift zu.

Auch nach der Kaiserkrönung blieb Otto im Schatten seines übermächtigen Vaters. Ihm wurde administratives Handeln in eigener Verantwortung verwehrt. Anders als dessen früher Sohn Liudolf, der 950 das Herzogtum Schwaben erhalten hatte, wurde Otto von seinem Vater nach dem Eintritt in die Mündigkeit kein abgegrenzter Bereich eigener Zuständigkeit überlassen.

Liudolf (* um 930 wohl in Magdeburg; † 6. September 957 in Pombia, Lago Maggiore) aus dem Geschlecht der Liudolfinger war von ungefähr Februar 950 bis 954 Herzog von Schwaben. Der nach ihm bezeichnete Liudolfinische Aufstand zwischen März/April 953 und 954 (endgültig 17. Dezember auf dem Reichstag zu Arnstadt) stürzte das Ostfrankenreich in eine existenzbedrohende Krise. Liudolf war der älteste Sohn des sächsischen Herzogs und ostfränkischen Königs Otto des Großen und entstammte der 929 geschlossenen ersten Ehe Ottos mit Edgitha von England. Als ältester Sohn Ottos war Liudolf erster Anwärter auf dessen Nachfolge und erhielt eine sorgfältige Erziehung. In den politischen Planungen Ottos spielte Liudolf schon früh eine Rolle: Bereits 939 verlobte er ihn mit Ida (Ita), dem einzigen Kind des Schwabenherzogs und treuen Gefolgsmanns Ottos Hermann und dessen Gemahlin Regelinda. Aufgrund ihrer familiären Situation war Ida die Erbin Hermanns, der nicht nur in Schwaben, sondern auch im Wesergebiet und im Lahngau begütert war. Über diesen reichen Besitz würde Liudolf als Ehemann Idas nach Hermanns Tod verfügen. Schwaben, in dem die Herrschaft der ostfränkischen Könige weniger gefestigt war als in Franken oder Sachsen, sollte damit zu den Kernlanden des Reiches gehören.

Die Ehe Liudolfs mit Ida wurde um die Jahreswende 947/948 geschlossen und auf einem Umritt durch das Reich bekanntgemacht. Wenig später, am 10. Dezember 949, starb Hermann von Schwaben, und Liudolf trat als Erbe in dessen Herzogtum, Besitz und politische Beziehungen ein. Liudolf war nun Herzog und designierter Erbe seines Vaters. Da Königin Edgitha 946 verstorben war und Otto noch nicht wieder geheiratet hatte, war Ida die vornehmste Frau im Reich.

Aufstand: Dort warf sich Liudolf, um Verzeihung bittend, seinem Vater zu Füßen; Otto nahm seinen Sohn wieder in Gnaden auf. Damit war der Liudolfinische Aufstand beendet. Als politische Folge verloren Liudolf und Konrad der Rote ihre Herzogtümer, durften aber ihre Allodien behalten.

Den Ausgleich zwischen Liudolf und Otto I. hatte vermutlich Brun herbeigeführt. Liudolf war als erwachsener Sohn Ottos, der selbst bereits Nachkommen hatte, für den Fortbestand der Dynastie wichtig, da die Söhne Ottos mit Adelheid noch nicht in einem Alter waren, in dem man davon ausgehen konnte, dass sie erwachsen werden würden. Den Ausgleich förderte auch, dass Liudolfs Widersacher Heinrich von Bayern 955 gestorben war. 956 erhielt Liudolf von Otto den Auftrag, die Interessen Ottos in Italien zu wahren, wo Berengar von Ivrea vertragsbrüchig geworden war. Liudolf zog mit einem Heer über die Alpen und erhielt schnell lokale Unterstützung, Berengar wich nach Süden aus. Welche Pläne Otto mit der Entsendung Liudolfs verfolgte, bleibt unklar, da Liudolf nach etwa einem Jahr in Italien überraschend an einem Fieber starb.

Nach der Kaiserkrönung blieb Otto II. auf den nordalpinen Teil des Reichs beschränkt. Die von Otto II. benutzten Kaisersiegel bis zum Jahre 973 fielen schon in den äußeren Proportionen kleiner aus als diejenigen des Vaters. Der junge Kaiser erhielt keine eigene Kanzlei und auch die inhaltliche Reichweite seiner wenigen Königsurkunden blieb gering. Im August 972 kehrte Otto II. nach fünf Jahren Abwesenheit mit seinen Eltern in die Heimat zurück. In den folgenden neun Monaten, in denen der Vater noch lebte, sind sechzehn Privilegien von Otto I., aber nur vier von Otto II. überliefert. In den ersten beiden Urkunden tritt der Sohn in der Intitulatio als Coimperator Augustus auf, wodurch man beide Kaiser zumindest im Titel auf eine Stufe stellte. Doch wurde dieser Titel in den folgenden Urkunden wieder fallen gelassen.

Veranstaltung vom 17.04.2019

Johannes Philagathos

Die wohl von Johannes Philagathos gestiftete Elfenbeintafel betont die Gleichrangigkeit zwischen Otto und Theophanu.

Unter Otto II. kniet in devoter Haltung eine weitere Person. Bei dieser handelt es sich vermutlich um den Stifter der Tafel. Der Inschrift zufolge stellt sie Johannes Philagathos dar. Mit einer Hand hält er den Fuß des Schemels fest, auf dem Christus steht. Er wird als Untertan Ottos II. und Diener Christi dargestellt. Etwas befremdlich wirkt sein mit Sternen verzierter Umhang.

Johannes XVI. (* in Rossano; † 1013(?) in Rom), mit weltlichem Namen Johannes Philagathos (mittelgriechisch Ἰωάννης Φιλάγαθος), war von 997–998 Gegenpapst zu Papst Gregor V. Johannes war Lehrer von Kaiser Otto III. und Gregor V.

Johannes stammte aus dem damals zum Oströmischen Reich gehörenden Rossano. Er war Grieche und von Theophanu, der griechischen Gemahlin Ottos II., an den sächsischen Hof geholt worden. Übler Nachrede zufolge sollen die Kaiserin und ihr Berater ein ehebrecherisches Verhältnis unterhalten haben. Zwischen 980 und 982 sowie in den Jahren 991 und 992 diente er als kaiserlicher Kanzler in Italien. Zudem war er seit 982 Abt von Nonantola und seit 988 Erzbischof von Piacenza.

Er wurde von Otto III. zusammen mit dem Würzburger Bischof Bernward nach Byzanz geschickt, um dort für ihn eine Braut zu finden. Auf der Rückkehr ließ sich Johannes – der sich in der Beurteilung der Lage offenbar völlig verschätzte – von Crescentius I. Nomentanus verleiten, vom römischen Klerus zum Bischof wählen und vom Volk bestätigen. Dies veranlasste Otto 998 zu einem Romfeldzug. Vor dessen Ankunft floh Papst Johannes in die Campagna. In einem Turm wurde er entdeckt, grauenhaft entstellt und nach Rom gebracht.

Die Anmaßung wurde brutal bestraft. Otto III., der 996 seinen damals 24-jährigen Cousin Bruno von Kärnten, der sich dann Gregor V. nannte, als ersten deutschen Papst überhaupt durchgesetzt hatte, zog im Februar 998 mit einem Heer nach Rom. Philagathos versteckte sich, wurde aber von Ottos Häschern aufgespürt.

Investiturstreit

Der Investiturstreit war mit der Bekämpfung der Simonie eng verknüpft. Dabei ging es um die Frage der Laieninvestitur, das heißt, der Ernennung von Bischöfen durch Könige und Kaiser, die im Frankenreich, unter den Ottonen und auch bei den englischen und französischen Königen bis ins 11. Jahrhundert üblich gewesen war.

Im Rahmen der Kirchenreform kam es zu Konkordaten mit Frankreich, England (1107) und dem Heiligen Römischen Reich im Wormser Konkordat 1122.

Stellung des Papstes

Eine weitere Entwicklungslinie ist die Frage nach der Bedeutung des Papstes in der kirchlichen Hierarchie. Hier standen die episkopalische und die papalistische Auffassung zur Disposition. Allerdings wurde die besondere Stellung Roms von kaum einem Autor rundweg abgelehnt, es wurde vielmehr um den Umfang des römischen Primats gerungen. Der Papst galt unangefochten schon vor dieser Auseinandersetzung als das spirituelle Oberhaupt der Kirche. So definierte der Bischof Burchard von Worms in seinen „Decretorum libri XX“ den Papst als Bischof des ersten Sitzes, bei dem größere Rechtsfälle entschieden werden sollten. Er lehnte es aber ab, den Papst als höchsten Priester oder Fürst der Priester zu sehen. Seit den Synoden von Sutri und Rom entwickelte sich aus der besonderen Stellung Roms der Anspruch, der die Unterordnung der Bischöfe unter den Papst forderte. Hierin ist auch der Anfang jener Entwicklung zu suchen, die zu einem Papsttum führt, dessen Selbstverständnis durch Institutionalisierung und Verrechtlichung geprägt ist.

Während des Pontifikats Leos IX. (1049–1054) bekam die Entwicklung des römischen Primats einen neuen Schub. Durch eine in der Kürze der Amtszeit ungewöhnlich hohe Anzahl von Synoden (elf oder zwölf in fünf Jahren), die auch außerhalb Italiens abgehalten wurden, wies er den Weg aus der regionalen Gebundenheit des Pontifikats. Mit der Besetzung des Kardinalskollegiums und des Kreises seiner Berater verfolgte er dieselbe Absicht. Hier sind unter anderem Hildebrand von Soana, der 1073 Papst Gregor VII. wurde, und Humbert von Moyenmoutier zu nennen. Auf diese Weise konnte außerdem der Einfluss der römischen Adelsparteien zurückgedrängt werden.

Die Königsherrschaft des HRR wurde durch diese Entwicklung ebenfalls tangiert. Die rechtliche und verwaltungstechnische Orientierung auf Rom musste zum Konflikt mit dem deutschen Reichskirchensystem führen. Auf der anderen Seite entfernte sich das Papsttum selbst durch diese Entwicklung aus der Bindung an das deutsche Kaisertum. Leo IX. akzeptierte seine Ernennung nur unter dem Vorbehalt der Bestätigung durch die Wahl des römischen Klerus und der Bevölkerung Roms. Zwar konnte Heinrich III. mit der Designation von Gebhard von Eichstätt als Nachfolger von Leo nochmals seinen Kandidaten durchsetzen, aber schon dessen Nachfolger führten die Politik Leos fort. Nach Gebhart wurde der Reformanhänger Friedrich von Lothringen unter dem Namen Stephan IX. zum Papst erhoben und erst nachträglich um die Zustimmung gebeten. Zwar suchten die Reformkräfte einen Konflikt zu vermeiden, man war aber der Meinung, dass Stephan bereits vor der Zustimmung des königlichen Hofes rechtmäßiger Papst war – ein Schreiben an den Bischof von Reims, in dem dieser zu Gehorsam und Treue aufgefordert wird, macht dies deutlich.

Im Papstwahldekret von 1059 wurde festgelegt, wie die Einsetzung eines Papstes zu verlaufen habe. Hierin wurde festgelegt, dass der Papst nur durch Wahl des Klerus und der Bevölkerung Roms ermittelt werden könne. Dem König wurde zwar ein Mitspracherecht eingeräumt, die Formulierung ließ aber einen weiten Interpretationsspielraum für die Art und dem Umfang der Mitsprache.

Der erste nach den Bestimmungen des Papstwahldekretes gewählte Papst Alexander II. sorgte für einen weiteren Ausbau der Zentralisierung innerhalb der Kirche. Dazu führte er die Vergabe des Palliums und den Treueid für Erzbischöfe ein. Insbesondere der Treueid, der die Erzbischöfe zu regelmäßigen Ad-limina-Besuchen beim Heiligen Stuhl verpflichtete, zeigt, wie weit die Macht des Papstes bereits anerkannt wurde. In diese Richtung deuten auch erfolgreiche Legatsbesuche in Frankreich, England und Spanien.

Dictatus Papae

Gregor VII., der Nachfolger Alexanders, der 1073 das Amt übernahm, fasste schließlich im Dictatus Papae die wichtigsten Gründe für die Vorrangstellung der römischen Kirche zusammen. Er berief sich zwar hauptsächlich auf überliefertes Kirchenrecht, ergänzte aber diese Tradition durch eigene Grundsätze. Gregor leitet im Dictatus Papae seine Autorität von Petrus ab (Mt 16,18f.) und zieht so den Schluss, dass der Papst innerhalb der Kirche die absolute auctoritas innehat. Diese Autorität macht ihn zum obersten Kirchenrichter und Hüter der Lehrtradition – ein Anspruch, den er auch in Bezug auf die weltlichen Herrscher vertritt.

Der nach dem nur ein Jahr amtierenden Nachfolger Gregors eingesetzte Urban II. relativierte die Vorrangstellung des Papstes gegenüber dem Kaiser. Urban sah zwar eine seelsorgerische Verantwortung der Priester für die weltlichen Herrscher, er ging aber nicht mehr vom universalen Anspruch Gregors aus. Vielmehr vertrat er die Zweigewaltenlehre. Die Stellung des Papstes innerhalb der Kirche sah er ähnlich absolut wie Gregor. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, baute Urban die Verwaltung der römischen Kurie aus.

Paschalis II. ging in der Anerkennung der weltlichen Macht noch einen Schritt weiter. Er betrachtete eine Partnerschaft der „Potestas regia“ mit der „Sacerdotalis auctoritas“ als Ideal. Innerkirchlich konnte er die Primatialrechte des Papstes weiter

ausbauen. Dafür formulierte er für die Verleihung des Palliums eine inhaltliche Bedeutung. Er erklärte, mit dem Pallium werde dem Metropoliten die volle bischöfliche Gewalt gegeben. Ohne Pallium konnte kein Metropolit Bischöfe weihen oder Synoden abhalten.

Ergebnis der Reformen

Die Reformen der Kirche hatten das Ziel, die Qualität der Priester und damit die der Sakramente zu verbessern und zu erhalten. Ein wesentliches Anliegen Hildebrands/Gregors VII. scheint die vita apostolica für die Kanoniker gewesen zu sein. Besonders die Armutsforderung sollte durchgesetzt werden.[4] Als Begründung wird auf die primitivae ecclesiae forma („Form der Urkirche“) verwiesen. Wie in den anderen Reformfragen (Simonie, Konkubinat) wurde auch in diesem Punkt die Hoffnung der Menschen auf einen Erfolg der Reformbemühungen enttäuscht. Diese Enttäuschung führte zu einem Erstarken der religiösen Bewegungen, die sich neben der Kirche etablierten (Waldenser, Albigenser).

Die Auseinandersetzung um die Investitur, die unter Gregor und den nachfolgenden Päpsten einen breiten Raum einnahmen, war im Grunde ein Teil der Simonieproblematik, in die zunehmend die Frage nach der Stellung des Papstes im Verhältnis zur weltlichen Macht trat. Die harte Konfrontation zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. war demzufolge auch nur eine Episode in der Entwicklung. Bereits seine Nachfolger suchten den Ausgleich, der im Wormser Konkordat mit der Trennung der Temporalien und Spiritualien schließlich gefunden wurde.

Die Auseinandersetzung mit der Funktion und Stellung der Kirche und des Klerus förderte innerhalb der Kirche die Verrechtlichung, während der Ausbau der Bedeutung des Papstes über seine spirituelle Vorrangstellung hinaus den Aufbau der Kurienverwaltung notwendig machte. Beide Vorgänge förderten die Entwicklung einer Kirche, die aus der engen Bindung an die weltliche Macht, wie sie im Frühmittelalter bestand, ausbrach, und zu einem eigenständigen Machtfaktor wurde.

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Wormser Konkordat

Im Jahr 1119 trafen sich Papst Calixt II. und Kaiser Heinrich V., um eine Einigung herbeizuführen. Diese wurde schließlich 1122 mit dem Wormser Konkordat erzielt, welches seinen Ursprung unter anderem bei Ivo von Chartres hat. Kaiser Heinrich V. akzeptierte den Anspruch der Kirche auf das Recht der Investitur und verzichtete auf die Investitur mit Ring und Stab. Des Weiteren gewährte er jeder Kirche die Wahlfreiheit der Investitur. Im Gegenzug räumte Papst Calixt II. ein, dass die Wahl der deutschen Bischöfe und Äbte in Gegenwart kaiserlicher Abgeordneter verhandelt, der Gewählte aber mit den Regalien, die mit seinem geistlichen Amt verbunden waren, vom Kaiser durch das Zepter belehnt werden solle („Zepterlehen“). Kaiser Lothar III. räumte zudem der Kirche das Recht ein, zuerst Ring und Stab zu verleihen, wodurch der Einfluss des Kaisers auf die Einsetzung von Bischöfen praktisch verloren ging. Dem Wormser Konkordat vergleichbare Vereinbarungen wurden bereits 1107 mit England (Konkordat von Westminster) und Frankreich, später dann 1208 mit Aragon, 1213 mit England und 1268 mit Frankreich geschlossen und nochmals später mit Schweden und Norwegen.

Der Investiturstreit war damit beigelegt, doch hatte das Kaisertum dadurch starke Einbußen erlitten. Die sakrale Aura des Kaisers war erschüttert und die bis dahin bestehende Einheit von Kaisertum und Papsttum aufgehoben, wie auch das Reichskirchensystem faktisch zertrümmert, wenn auch nicht beseitigt wurde. Die Bischöfe bauten ihre Territorien aus, was teils in Konkurrenz zu den weltlichen Fürsten geschah, womit der Territorialisierung des Reiches Vorschub geleistet wurde – sehr zu Lasten des Königtums. All dies führte zur Neuorientierung der Idee des Kaisertums unter den Staufern, wobei die Problematik des Verhältnisses des Imperiums zum Papsttum sich im Interregnum verstärkte und bis ins Spätmittelalter Bestand hatte.

Ländliche Gesellschaft Fränkisches Reich

Hörigkeit (Rechtsgeschichte)

Als Hörige werden mittelalterliche Bauern (seltener auch andere soziale Gruppen, beispielsweise Waldschmiede oder andere Handwerker) auf Herrenhöfen bezeichnet, die sich in Abhängigkeit von einem Grundherrn (z. B. Ritter) befanden. Die Hörigkeit wurde an die Kinder vererbt.

Hörige waren unfrei und bestimmten Beschränkungen unterworfen. Sie konnten bewegliches Eigentum besitzen, jedoch keinen Grundbesitz erwerben und waren an Land gebunden (Schollenpflicht), das einem Grundbesitzer (Adel oder Kirche) gehörte, der auch die niedere Gerichtsbarkeit über sie innehatte. Sie bearbeiteten das Land mit der Verpflichtung zu unterschiedlichen Abgaben und Frondiensten an den Grundherrn, die meist auf bzw. an, Fronhöfen (Salhöfen) geleistet wurden. Im Gegenzug war der Grundherr zum Schutz der Hörigen und zu ihrer Fürsorge verpflichtet.

Das Land und die es bearbeitenden unfreien Bauern bildeten eine untrennbare Einheit, die nicht aufgelöst werden konnte, das heißt, Land konnte nicht gesondert von den Bauern veräußert werden und umgekehrt.

In Deutschland wurde die Hörigkeit durch die Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert (1848) aufgehoben. Infolge dieser Maßnahme wurden viele Hörige zu Pächtern, konnten aber auch selbst das Land in Eigenbesitz erwerben. In dessen weiterer Folge, durch den Wegfall der Grundherrenpflicht, setzte ein massives und nachhaltiges Bauernsterben ein.

Zu beachten ist der Unterschied zwischen Hörigkeit und Leibeigenschaft, was häufig zu Verwirrung führt. Als Leibeigene werden Diener des Grundherrn bezeichnet, die dessen Land und Gut bewirtschaften. Ehemals freie Bauern, die sich freiwillig dem Grundherrn unterstellt und ihm ihr Land übergeben haben, werden hingegen als zu diesem Land gehörend, als Hörige, oder auch – je nach Region – als Lassen, Laten, Liten bezeichnet. Während Leibeigene personenbezogene Abgaben an ihre Herren zahlen müssen, sind die Abgaben der hörigen Bauern gutsbezogen.

Leibeigenschaft

Die Leibeigenschaft oder Eigenbehörigkeit bezeichnet eine vom Mittelalter bis in die Neuzeit verbreitete persönliche Verfügungsbefugnis eines Leibherrn über einen Leibeigenen.

Der Begriff „leibeigen“ ist erstmals in einer von Adolf Friedrich I. von Mecklenburg herausgegebenen „Gesinde- und Bauernordnung“ von 1645 belegt.

Leibeigene waren zu Frondiensten verpflichtet und durften nicht vom Gutshof des Leibherrn wegziehen. Sie durften nur mit Genehmigung des Leibherrn heiraten und unterlagen seiner Gerichtsbarkeit. Meist waren Leibeigene auch Grundhörige, oft war der Grundherr zugleich der Leibherr des Bauern. Grundhörige bewirtschafteten Grund und Boden ihres Grundherrn (Inwärtseigen) und schuldeten ihm als Gegenleistung Naturalabgaben und Hand- und Spanndienste. Die Leibeigenschaft galt nicht für die Bürger einer Stadt. Dort galt der Rechtsgrundsatz Stadtluft macht frei. Die Leibeigenschaft verstetigte die Grundherrschaft, ähnlich wie die Erbuntertänigkeit, vergrößerte die Pflichten der Bauern und bewirkte eine doppelte Abhängigkeit der Bauern. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Handhabung und Zwecksetzung bildet die Leibeigenschaft keinen einheitlichen Rechtsbegriff. Das Bild eines unter gleichförmigen Bedingungen vor sich hin vegetierenden Bauernstandes hat die Geschichtswissenschaft aufgegeben. Die Leibeigenschaft lag ihrer Ausgestaltung nach oft zwischen Sklaverei und Hörigkeit. Sklaverei und Leibeigenschaft sind heute gleichermaßen geächtet. Leibeigenschaft in Form der Gutsherrschaft im ostelbischen Deutschland wurde aber wie Sklaverei empfunden und ihr gleichgesetzt. Grundherrschaft und Leibherrschaft wurden in dem fast einhundertfünfzigjährigen Prozess der Bauernbefreiung abgelöst.

Freie

Freie bezeichnet die Angehörigen eines Standes, die im Gegensatz, z. B. zu Sklaven oder Leibeigenen, über Freizügigkeit, Rechtsfähigkeit und z. T. politische Teilhabe verfügen. Im Römischen Reich hießen sie līberi, bei den Sachsen Frilinge.

Mittelalter

Im Frühmittelalter war die Unterteilung in Freie und Un- bzw. Minderfreie die zentrale Konzeption gesellschaftlicher Gliederung. Als Zwischenschicht trat der pauper, das ist der in seiner Freiheit bedrohte “arme” Freie, im Gegensatz zu den adeligen Freien, den potentes, auf. Im Hochmittelalter verlor sie durch sozialen Wandel und die rechtliche Angleichung Freier und Unfreier zunehmend an Bedeutung und wurde durch andere Deutungsschemata abgelöst, unter denen sich schließlich die Drei-Stände-Ordnung mit Klerus, Adel und Bauern bzw. Bürger – auch oratores, bellatores und laboratores – durchsetzte. Freie waren nach mittelalterlichen Vorstellungen allein voll rechtsfähig, hatten Anteil am Heeresaufgebot und Recht und Pflicht zur Mitwirkung am Gericht. Ebenso bedeutend ist der Besitz von eigenem Haus und Hof. Welche Bedeutung und welchen Umfang die freie Bevölkerung im frühen Mittelalter hatte, ist unklar, denn vor allem nicht-adelige Freie treten in der Regel erst dann ins Licht der Quellen, wenn sie ihre Freiheit verlieren. Man muss allerdings davon ausgehen, dass Umfang und Bedeutung der Schicht der Freien in der frühen, durch die Romantik beeinflussten Forschung weit überschätzt wurde. Schon in der Völkerwanderungszeit und im Frühmittelalter war der “Gefolgschaftsadel der Könige [...] bestimmender Faktor des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in den entstehenden germanischen Reichen.”

Bereits in vorkarolingischer Zeit, beginnend mit den germanischen Reichsbildungen, begann die Bedeutung der Kategorie der Freien zu schwinden. Bedrückt durch die Heeresfolge und andauernde kriegerische Bedrohungen, begaben sich viele Freie, oft gezwungenermaßen, in den Schutz adeliger und geistlicher Grundherren. Wobei, wegen der günstigeren Bedingungen – häufig wurde lediglich ein Wachszins verlangt -, geistliche Grundherren bevorzugt wurden. Politisch wuchs das Gewicht des Adels, der Kirche und des Königstums. Bereits seit Chlodwig I. waren keine Volksversammlungen mehr einberufen worden. Im Heeresaufgebot, das teilweise Funktionen der Volksversammlung übernahm, in der Verwaltung und Gerichtsbarkeit dominierte zusehends der aus germanischem Geblütsadel und romanischem Landadel zusammenwachsende Adelsstand; besonders nachdem unter Karl dem Großen 807 die Wehrverfassung dahingehend geändert wurde, dass nur Bauern, die über mehr als drei Hufen verfügten, jeweils auf drei Hufen einen Mann für das Heeresaufgebot zu stellen hatten. Freie Bauern begannen, sich damit sukzessive dem Heeresaufgebot zu entziehen. Gleichzeitig fand eine Annäherung der sozialen und rechtlichen Stellungen freier und unfreier Bevölkerungsteile statt. Letztlich hielten sich nur östlich des Rheins noch nicht-adelige Freie in nennenswertem Umfang, während westlich des Rheins, wo die Villikationsverfassung zur vollen Entfaltung kam, bald die Begriffe liber und nobilis ohne Unterschied verwendet werden.

Mit dem Verschwinden des ursprünglichen Standes der Freien, gewann eine neue Gruppe Freier mit der Festigung des Königtums an Bedeutung. Die sogenannten Königsfreien zeichneten sich nun gerade dadurch aus, dass sie des Königs Untertanen waren. Angesiedelt in den Grenzgebieten des fränkischen Reiches und auf Rodungsland genossen sie umfangreiche Privilegien. Eine ähnliche, eingeschränkt freie Stellung konnten die Dienstleute oder Ministerialen großer Grundherren erringen. Im Hochmittelalter brach auf eine ganz andere Weise das Bürgertum der Städte aus den personenbezogenen Herrschaftsstrukturen des mittelalterlichen Staates aus, indem es sich als Gemeinde (coniuratio, Einung, Gilde) konstituierte. Damit wurde der Einzelne frei, auch wenn die Gemeinde als Ganzes weiterhin einem Herren untertänig war. In diesem Sinne galt dann auch der Rechtsspruch: „Stadtluft macht frei“. Auch Dorfgenossenschaften abhängiger Bauern gelang es, wenn auch selten vollständig, herrschaftliche Rechte auszulösen. So entstanden teilweise freie Bauerngemeinschaften, z. B. die Schweizer Landgemeinden oder die Dithmarscher Bauernrepublik.