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Peter Burg Werke

Vorlesung

Prof. Dr. Peter Burg

Renaissance und Humanismus

Vorlesung SS 2018

Die Renaissance war eine europäische Kulturepoche im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert. Der Begriff bezeichnet die Wiederbelebung der kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike. Ausgehend von Norditalien beeinflussten Künstler und Gelehrten der Renaissance mit ihrer Malerei, Architektur, Skulptur, Literatur und Philosophie die Länder nördlich der Alpen. Charakteristisch waren ferner die Erfindungen und Entdeckungen als Folgen eines allgemeinen geistigen Erwachens. Der mit der Renaissance aufkommende Humanismus war eine breite Bildungsbewegung, die auf antike oder als antik angesehene Vorstellungen zurückgriff. Sie erhoffte sich eine optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend. Der humanistische Lebensentwurf  trat als Alternative neben das aus dem Mittelalter überkommene Menschenbild, das stark auf Gott und das Jenseits ausgerichtet war.

Literaturhinweise: Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. Beck, München 2005; Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien (1860) (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)

Zeit: dienstags und mittwochs jeweils 10-12 Uhr

Gewünschter Raum: Orléansring 12

Beginn: 10. April 2018; Ende: 27. Juni 2018

(In der Woche nach den Pfingstferien, am 29./30. 5., fällt die Vorlesung aus).

Veranstaltung vom 09.04.2018

Renaissance

Einführung: Begriff

Erstmals wurde der Begriff (italienisch rinascita oder Rinascimento [„Wiedergeburt“) 1550 von dem italienischen Künstler und Künstlerbiographen Giorgio Vasari verwendet, um die Überwindung der mittelalterlichen Kunst zu bezeichnen. Vasari unterscheidet in der Entwicklung der Kunst drei Zeitalter:

das glanzvolle Zeitalter der griechisch-römischen Antike

ein Zwischenzeitalter des Verfalls, das etwa mit der Epoche des Mittelalters gleichgesetzt werden kann,

das Zeitalter des Wiederauflebens der Künste und der Wiedergeburt des antiken Geistes im Mittelalter seit etwa 1250

Nach Vasari hatten bereits die italienischen Bildhauer, Architekten und Maler der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts „in dunkelsten Zeiten den Meistern, die nach ihnen kamen, den Weg gewiesen, der zur Vollkommenheit führt“.

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Renaissance-Humanismus

ist die moderne Bezeichnung für eine machtvolle geistige Strömung in der Zeit der Renaissance, die zuerst von Francesco Petrarca (1304–1374) angeregt wurde. Sie hatte in Florenz ein herausragendes Zentrum und breitete sich im 15. und 16. Jahrhundert über den größten Teil Europas aus.

In erster Linie war es eine literarisch ausgerichtete Bildungsbewegung. Die Humanisten traten für eine umfassende Bildungsreform ein, von der sie eine optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend erhofften. Humanistische Bildung sollte den Menschen befähigen, seine wahre Bestimmung zu erkennen und durch Nachahmung klassischer Vorbilder ein ideales Menschentum zu verwirklichen. Ein wertvoller, wahrheitsgemäßer Inhalt und eine vollendete sprachliche Form bildeten für die Humanisten eine Einheit. Daher galt ihr besonderes Augenmerk der Pflege des sprachlichen Ausdrucks. Der Sprach- und Literaturwissenschaft fiel im humanistischen Bildungsprogramm eine zentrale Rolle zu.

Ein prägendes Merkmal der humanistischen Bewegung war das Bewusstsein, einer neuen Epoche anzugehören, und das Bedürfnis, sich von der Vergangenheit der vorhergehenden Jahrhunderte abzugrenzen. Diese Vergangenheit, die man „Mittelalter“ zu nennen begann, wurde von den maßgeblichen Vertretern der neuen Denkrichtung verächtlich abgelehnt. Insbesondere den spätmittelalterlichen scholastischen Lehrbetrieb hielten die Humanisten für verfehlt. Dem Mittelalter stellten sie die Antike als schlechthin maßgebliche Norm für alle Lebensbereiche entgegen. Eines ihrer Hauptanliegen war die Gewinnung eines direkten Zugangs zu dieser Norm in ihrer ursprünglichen, unverfälschten Gestalt. Daraus ergab sich die Forderung nach Rückbesinnung auf die authentischen antiken Quellen, knapp ausgedrückt in dem lateinischen Schlagwort ad fontes.

„Finsteres Mittelalter“

Als finsteres Mittelalter bezeichnet man stark wertend den empfundenen Rückschritt des europäischen Mittelalters. Die Vorstellung des finsteren Mittelalters geht vor allem auf Abgrenzungstendenzen während der Zeit der Renaissance zurück. Das Mittelalter wurde von der latein-dominierten Gelehrtenwelt des 16. und 17. Jahrhunderts häufig als „finsteres Zeitalter“ charakterisiert, das es durch eine Rückbesinnung auf Ideale der Antike und der einsetzenden Entwicklung in der beginnenden Neuzeit zu überwinden galt.

In der Renaissance wurde die Epoche zwischen der Antike und der eigenen Gegenwart als ein Zeitalter betrachtet, in dem das Wissen und die Werte der antiken Kulturen in Vergessenheit geraten waren, woraus sich die kulturelle und geistige Unterlegenheit des Mittelalters ableiten ließ. Diese Bewertung wurde im 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden Romantik übernommen und weiter ausgebaut, wobei die Rezeption vergangener Zeiten gemäß der Aufklärung, der Moral des Viktorianischen Zeitalters und durch „Fortschrittsgläubigkeit“ und Vernunftorientierung beeinflusst wurde. Dadurch entstand im 19. Jahrhundert eine moderne und bis heute populäre Rezeption des historischen Mittelalters, die im Großen und Ganzen eher auf dem romantischen Zeitgeist als auf historischen Quellen basiert.

Mit dem Begriff sollte eine Abgrenzung zur Antike stattfinden. Beispielsweise sollte der Wissensverlust betont werden ( Bücherverluste in der Spätantike, bedeutende Bibliotheken zerstört) sowie ein angeblicher Rückfall hinter den (auf antiken Kenntnissen basierenden) Wissensstand der arabischen Welt (Blütezeit des Islam: Bagdad, Andalusien, Chorosan/Afghanistan, Iran). Unter dem Schlagwort des finsteren Mittelalters wurden auch vermeintliche Rückschritte betont, etwa der Mythos der flachen Erde. Oder der vermeintlicher Rückfall in ein Geozentrisches Weltbild. Beispiele sind auch die Zerstörung römischer Wasserleitungen durch Unwissen, Hexenprozesse (die tatsächlich erst in der frühen Neuzeit stattfanden).

Im Laufe der Zeit haben sich auf diese Weise Vorstellungen vom historischen Mittelalter herausgebildet, die keine historische Grundlage haben und sich dennoch einer breiten Bekanntheit erfreuen. In der modernen Forschung wird das Mittelalter hingegen wesentlich differenzierter betrachtet, zumal Entwicklungen im Mittelalter für die westliche Welt bis heute prägend sind und viele verbreitete Vorstellungen sich nicht mit den Quellen belegen lassen. In diesem Sinne werden etwa die im Frühmittelalter – das lange als Paradebeispiel eines angeblich dunklen Zeitalters galt – gelegten Fundamente für die spätere Entwicklung im Kontext der damaligen historischen Entwicklung bewertet. In diesem Zusammenhang erweist sich die Vorstellung eines angeblichen „finsteren Zeitalters“ als Konstruktion einer stark wertenden Betrachtung in Renaissance und früher Neuzeit.

Populäre Mythen, Missverständnisse und historische Streitpunkte

Menschen des Mittelalters glaubten, die Erde sei flach.

Dieses moderne Vorurteil wird durch historische Quellen nicht gestützt. Die bekannteste Abbildung, welche oft als symbolischer „Beweis“ herangezogen wird, ist der Holzstich von Flammarion, der jedoch aus dem Jahr 1888 stammt und deshalb nichts beweist. Die Behauptung, Menschen des Mittelalters glaubten, dass die Erde flach sei, taucht zum ersten Mal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Vor allem Washington Irving trug wesentlich zur Festigung des Mythos bei. In seiner Kolumbus-Biografie von 1828 unterstellte er den Matrosen, sie hätten Angst gehabt, vom Rand der „Erdenscheibe“ herunterzufallen. Die im Mittelalter maßgeblichen Ideen des Aristoteles und das ptolemäische Weltbild beschreiben die Erde als eine Art Sphäroid, für die Gelehrten des Hochmittelalters war daher die Vorstellung einer „Erdenscheibe“ abwegig.

Menschen im Mittelalter waren ungebildet, rückständig und abergläubisch

Mittelalterliche Produktion von Manuskripten

Diese Vorstellung trifft auf große Teile der Gesellschaft zu. So lag die Alphabetisierungsquote in Europa noch im 16. Jahrhundert (also dem Beginn der Neuzeit) bei nur 20 Prozent.

Im Mittelalter wirkten allerdings auch bedeutende Gelehrte, etwa Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Roger Bacon und Meister Eckhart. Die Gründung von Universitäten, der Ausbau der Städte, technologische Fortschritte (z. B. die Erfindung der Brille) sowie umfangreiche zeitgenössische Überlieferungen widersprechen nach Einschätzung der Historikerin Karin Schneider-Ferber der Annahme eines „barbarischen“ Mittelalters.

Arabische Gelehrte brachten die Wissenschaft nach Europa

Es ist unter Historikern umstritten, wie groß der Einfluss der arabisch-islamischen Welt auf die Bewahrung der griechisch-römisch-antiken Wissenschaft und deren Rückkehr nach Europa war.

Nach dem Zusammenbruch des einheitlichen Römischen Reiches gingen viele Werke der antiken Wissenschaftler und Philosophen verloren, unter anderem Schriften über Mathematik, Astronomie und Medizin. Viele davon fanden Eingang in die arabisch-muslimische Welt und lagen in arabischer Übersetzung vor, so dass viele Werke z. B. von Aristoteles und Euklid, die in Europa verloren gegangen waren, erst im Zuge der Reconquista und der Kreuzzüge quasi eine Rückführung nach Europa erfuhren. Dabei profitierte der Westen auch von den Werken arabischer Philosophen und Denker, die noch jahrhundertelang die westliche Wissenschaft entscheidend mitgeprägt haben.

Andererseits gab es nach Einschätzung anderer Historiker in Europa bereits im 8. Jahrhundert weitreichende Bildung und regelrechte Bildungszentren. Vor allem die sogenannte karolingische Renaissance widerlege die Vorstellung, die westliche Wissenschaft sei komplett aus dem Orient übernommen worden. Ebenfalls weit verbreitet ist die Vorstellung, dass wichtige Erfindungen wie Schwarzpulver, Papier, Buchdruck, Armbrust, Kompass und Fernrohr allesamt aus China oder Persien übernommen worden seien. Das Schwarzpulver gelangte vermutlich durch die Expansion des Mongolischen Reiches nach Europa, und das Papier fand nachweislich entlang der Seidenstraße seinen Weg nach Europa. Zu den meisten chinesischen Erfindungen existieren jedoch europäische Gegenstücke, die oft bis in die römisch-griechische Antike reichen und keinen chinesischen oder persischen Einfluss erkennen lassen. Man geht heute davon aus, dass die meisten dieser Erfindungen keine Kopien oder Übernahmen, sondern eigene Parallelentwicklungen darstellten.

Gewalt, Krieg und Seuchen waren allgegenwärtig; die Lebenserwartung war gering

Obwohl es in Europa zwischen 500 und 1500 zahlreiche Kriege gab, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass diese mit größerer Brutalität oder Rücksichtslosigkeit als in der Neuzeit geführt wurden. Außerdem ist in der Zeit zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert ein deutliches Bevölkerungswachstum sowie eine Ausbreitung des Siedlungsgebietes feststellbar, was auf die günstigeren Klimabedingungen zurückzuführen ist. Auch die Vorstellung, die Menschen im Mittelalter seien körperlich klein gewesen, ist heute weitgehend widerlegt. Untersuchungen an Skeletten in den letzten Jahrzehnten haben ergeben, dass die mittelalterlichen Menschen etwa gleich groß waren wie Europäer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Europa erlebte im Hochmittelalter eine ausgeprägte Wärmeperiode, im Süden Englands wurde Wein angebaut. Erst im 14./15. Jahrhundert verschlechterte sich das Klima während der sogenannten Kleinen Eiszeit; die damit verbundene Mangelernährung wirkte sich in den darauffolgenden Jahrhunderten auf die durchschnittliche Körpergröße aus.

Die statistische Lebenserwartung war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts besonders durch eine hohe Kindersterblichkeit von bis zu 50 % gering. Neben den heute verharmlosend als "Kinderkrankheiten" bezeichneten Infektionen waren vor allem Infektionen durch infizierte Wunden und anschließenden Wundbrand und Sepsis lebensbedrohend. Überstand ein Kind die ersten Lebensjahre, so hatte es offensichtlich einen genügend hohen Immunschutz aufgebaut und konnte durchaus ein relativ hohes Lebensalter erreichen.

Pest als dominierende Seuche des Mittelalters

Niedere Stände mussten ständigen Hunger, Kälte und unmenschliche Arbeit erdulden

Das Bild vom geschundenen Bauern in zerlumpter Kleidung wurde vor allem durch Filme über das Mittelalter populär. Tatsächlich war das Leben der niederen Stände weniger entbehrungsreich, als heute oft angenommen wird. Der durchschnittliche Fleischverbrauch pro Kopf war im Mittelalter ca. siebenmal so hoch wie im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts und immer noch höher als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Während der mittelalterlichen Warmzeit waren Missernten viel seltener als später, was den sozialen und technologischen Fortschritt sowie die Expansion der Siedlungsräume ermöglichte. Außerdem ist zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ein rasanter Bevölkerungszuwachs nachweisbar, der nur bei ausreichender Ernährung stattfinden konnte. Klimatisch und jahreszeitlich bedingte Schwankungen in der Erntemenge und Nahrungsverfügbarkeit gab es zu allen Zeiten (Hunger im späten Winter), eine permanente Hungersnot lässt sich im Hochmittelalter aber nicht nachweisen.

Abwesenheit der Körperhygiene

Zahlreiche Badehäuser sind in mittelalterlichen Städten archäologisch belegt.[22] In zeitgenössischen Schriften wird zu ausgedehnter Körperpflege und Hygiene gemahnt (z. B. Passionibus Mulierum Curandorum von Trotula, Regimen Sanitatis Salernitanum aus dem Umfeld der Schule von Salerno, Compendium Medicinae von Gilbertus Anglicus). Wie auch zu anderen Zeiten und in anderen Ländern war Hygiene eine persönliche Angelegenheit. Besonders im nördlichen Europa finden sich seit dem Frühmittelalter hölzerne Badehäuser und Dampfbäder, wie sie bis heute in Skandinavien und Osteuropa verwendet werden.

Willkür, Folter und Hinrichtungen waren an der Tagesordnung

Die Hexenverfolgung erreichte erst im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Bereits der Sachsenspiegel, ein bedeutender hochmittelalterlicher Rechtskodex, offenbart wohlstrukturierte Rechtsverhältnisse, große Teile des Lebens waren geregelt. Bürger und Bauern waren angesichts der bestehenden Rechtsordnungen keineswegs rechtlos.

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Giorgio Vasari

Selbstporträt (zwischen 1550 und 1567), Galleria degli Uffizi, Florenz

Giorgio Vasari (* 1511 in Arezzo/Toskana; 1574 in Florenz) war ein italienischer Architekt, Hofmaler der Medici und Biograph italienischer Künstler, darunter Leonardo da Vinci, Raffael und Michelangelo. Er gilt durch seine Schriften über das Leben und Werk zeitgenössischer Meister als einer der ersten Kunsthistoriker. Vasari führte den Begriff der Gotik ein, allerdings abwertend: Als Verehrer der Ästhetik der antiken Kunst empfand er diesen mittelalterlichen Kunststil als fremdartig, barbarisch, wirr (italienisch gotico). Auch die Stilbezeichnung Manierismus geht auf ihn zurück. In seinen Beschreibungen der italienischen Künstler verwendete Vasari 1550 zudem als Erster das Wort rinascita (Renaissance).

Leben

Vasaris Familie kam aus der Tradition der Töpferkunst von Arezzo (ital. vasaio – Töpfer). Nach einer Ausbildung in Arezzo gelang es dem Vater, seinen Sohn Giorgio unter die Obhut der Medici zu stellen, wo er gemeinsam mit den Medici-Söhnen Ippolito und Alessandro ausgebildet wurde. Neben seinen literarischen Fähigkeiten erweiterte Vasari sein Wissen um die Malerei.

Mit dem republikanischen Umsturz von 1527 floh Vasari aus Florenz in seine Heimatstadt Arezzo, wo er erste Aufträge erhielt. 1530 war er erstmals in Rom, ab 1531 arbeitete er wieder im Auftrag der Medici. Nach der Ermordung des Florentiner Regenten Alessandro de’ Medici durch seinen Vetter Lorenzino de’ Medici im Januar 1537 wurde Vasari Maler des Ordens der Olivetaner/eines Zweigordens der Benediktiner. In dieser Funktion konnte Vasari auf seinen Reisen Informationen zu den Kunstwerken Italiens sammeln, die er später in seinen Lebensbeschreibungen verarbeitete. Dieses Werk, in dem über einen Zeitraum von drei Jahrhunderten insgesamt 162 Künstlerbiographien dargestellt werden (viele hatten im Auftrag der Medici gearbeitet), gilt als die wichtigste Informationsquelle über die Künstler der italienischen Renaissance. „Für die Idee, die Geschichte der Kunst als Heroengeschichte, als Abfolge herausragender Individuen zu erzählen, bedeuten Giorgio Vasaris erstmals 1550 im Druck erschienene Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten ein wirkungsmächtiges Ereignis“; zuvor hatte man nur Herrscher, Feldherrn, Philosophen, Heilige, nicht aber Künstler einer solchen Darstellung gewürdigt.

Vasari freskierte 1546 einen Saal der Cancelleria, der päpstlichen Kanzlei, in Rom mit Szenen aus dem Leben von Papst Paul III. In Florenz arbeitete er nach dem großen Arno-Hochwasser im Jahre 1557 an der Wiederherstellung vieler Gebäude (Palazzo Vecchio, Uffizien). In seiner Heimatstadt Arezzo gestaltete er kirchliche Gebäude grundlegend um.

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Um 1820/30 wurde der Begriff „Renaissance“ in der heute geläufigen Schreibweise aus dem Italienischen ins Französische übernommen. Etwa 1840 erfolgte im deutschsprachigen Schrifttum eine Entlehnung aus dem Französischen, um eine kulturgeschichtliche Epoche Europas während des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit zu benennen. Der Begriff wurde in dieser Bedeutung maßgebend vom Basler Historiker Jacob Burckhardt mit seinem Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ (1860) geprägt.

Allgemein spricht man auch in anderen Zusammenhängen von Renaissance, wenn alte Werte oder Ideen wieder zum Durchbruch gelangen. So bezeichnet man es oft als Renaissance, wenn regionale Kulturen im 19. und 20. Jahrhundert sich verstärkt für ihre Eigenarten (und Sprachen) interessiert haben, wie in der irischen Renaissance. Im Englischen bezeichnet man ferner als renaissance man einen Menschen mit besonders vielen und verschiedenen Fähigkeiten.

Jacob Christoph Burckhardt (* 1818 in Basel; † 1897 ebenda) war ein Schweizer Kulturhistoriker mit Schwerpunkt Kunstgeschichte. Er lehrte jahrzehntelang an der Universität Basel. Große Bekanntheit erhielt er durch sein Buch „Die Cultur der Renaissance in Italien“.

Burckhardt, um 1840

Jacob Burckhardt wurde 1818 in Basel als viertes von sieben Kindern geboren. Er stammte aus einer alten und erfolgreichen Familie des Basler Daig. Im Althochdeutschen bezeichnet «Daig» ursprünglich die Wehranlage, bestehend aus Graben und dahinterliegender Mauer. Die Worterklärung lautet: Daig = ritterliche Mauerbewohner.»

<Daig (ausgesprochen; dt. «Teig») ist eine im Raum Basel und in der Deutschschweiz geläufige Bezeichnung für diejenigen Familien der Stadtbasler Oberschicht, die seit Generationen das Bürgerrecht besitzen. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Gruppe, die gekennzeichnet ist durch eine ausgeprägte Selbstabgrenzung, sowohl abwärts (gegenüber Mittelstand und Unterschicht) als auch seitwärts (gegenüber «Neureichen»). Die soziale Geschlossenheit und die Wirkungsmacht des «Daig» haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark abgenommen.>

Etliche Vorfahren Burckhardts waren Geistliche, auch sein gleichnamiger Vater war Pfarrer der reformierten Kirche in Basel, zugleich Vorsteher der Basler Geistlichkeit. Im Elternhaus und auf dem Gymnasium erhielt Burckhardt eine umfassende humanistische Bildung. Seine Lehrer vermittelten ihm ausgezeichnete Kenntnisse in Französisch, Italienisch sowie in den alten Sprachen und förderten seine historischen und literarischen Neigungen.

In seiner Heimatstadt studierte Jacob Burckhardt seit 1837 auf Wunsch des Vaters Evangelische Theologie. Nebenbei befasste er sich schon damals mit Geschichte und Philologie. Nach vier Semestern wechselte er an die Universität in Berlin, um sich vollends dem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie zuzuwenden. In Berlin hörte er von 1839 bis 1843 unter anderem Vorlesungen bei Leopold von Ranke, Johann Gustav Droysen, August Böckh, Franz Kugler und Jacob Grimm. Hier machte Jacob Burckhardt auch die Bekanntschaft mit Bettina von Arnim.

Aufgrund der beiden von Ranke angeregten Arbeiten über den Hausmeier Karl Martell, den Enkel Kaiser Karls des Großen, und Konrad von Hochstaden, den seinerzeit mächtigen Erzbischof von Köln, wurde Jacob Burckhardt 1843 in Basel in Abwesenheit promoviert. Bereits im darauf folgenden Jahr habilitierte er sich dort für Geschichte und wurde 1845 außerordentlicher Professor.

Von 1855 bis 1858 war Jacob Burckhardt ordentlicher Professor für Kunstgeschichte am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. 1858 übernahm er an der Universität Basel den Lehrstuhl für Geschichte und Kunstgeschichte, den er bis 1893 innehatte. Fortan konzentrierte er sich auf seine Vorlesungen, die anfangs alle Epochen der europäischen Kulturgeschichte abdeckten, seit 1886 jedoch ausschließlich die Kunstgeschichte zum Thema hatten. Daneben trat er als gewandter Redner durch öffentliche Vorträge hervor. Friedrich Nietzsche, der als Deutschlands jüngster Universitätsprofessor von Leipzig nach Basel gekommen war und bereits mit vierundzwanzig Jahren als eine philologische Kapazität galt, würdigte Burckhardt als «unseren großen, größten Lehrer».

1872 lehnte Burckhardt den Ruf ab, Nachfolger Rankes an der Universität Berlin zu werden. Die letzten dreißig Jahre seines Lebens widmete er sich ganz der Lehre in Basel und veröffentlichte in dieser Zeit keine weiteren Werke. Zu seinen Schülern zählte der berühmte Schweizer Kunsthistoriker und Kunsttheoretiker Heinrich Wölfflin (1864–1945). 1886 gab Burckhardt seine Professur auf, hielt aber noch sieben Jahre lang die kunstgeschichtlichen Vorlesungen. Am 8. August 1897 starb der kinderlos gebliebene Junggeselle in Basel im Alter von 79 Jahren. Seine Heimatstadt erlebte in dieser Lebensspanne einen beachtlichen Wandel, die Einwohnerzahl wuchs von 16′000 auf über 100′000 an, die Stadtbefestigung wurde geschleift, und der Eisenbahnbau erreichte die Stadt.

Heutzutage wird Burckhardt nicht nur durch häufiges Zitieren geehrt, der höchste Geldschein der Schweiz, der 1000-Franken-Schein, trägt seit 1995 sein Porträt. Der auch im deutschen Sprachraum viel verwendete Begriff «terrible simplificateur» (Flachdenker) wurde von ihm geprägt, er tritt erstmals in einem Brief Burckhardts 1889 auf. Burckhardt hat sich auch zur Tugend des «Dilettantismus» bekannt, der er die Fähigkeit einer antispezialistischen Übersicht zuerkannte.

Werk

Burckhardts Aufenthalte in Italien bewirkten eine Neuorientierung an den klassischen Idealen der Epoche Winckelmanns, Goethes und Wilhelm von Humboldts. Er übernahm eine europäisch-humanistische Sichtweise und rückte vom vorherrschenden Paradigma politischer Geschichte ab. Vernehmbar wird dies vor allem in seinen drei «klassischen» Werken, die ihn zum herausragenden Kulturhistoriker und Mitbegründer der modernen Kunstgeschichte werden ließen. Burckhardt widersprach entschieden geschichtsphilosophischen Spekulationen, die Geschichte als zeitliche Entwicklung eines übergeordneten, ewigen Geschichtsprozesses auffassten. Das einzig konstante Phänomen der Geschichte war für ihn die Natur des Menschen. Das Ziel des Daseins und der ganzen Geschichte blieb für Jacob Burckhardt rätselhaft.

Burckhardts 1853 veröffentlichtes erstes Hauptwerk ist „Die Zeit Constantins des Großen“, die er als notwendigen Übergang von der Antike zum Christentum und als Grundlage der mittelalterlichen Kultur verstand. Burckhardt sah Kaiser Konstantin im Unterschied zur seinerzeit vorherrschenden Sichtweise recht negativ, als einen reinen Machtpolitiker, dessen Hinwendung zum Christentum nur politischen Überlegungen geschuldet gewesen sei. 1855 erschien sein zweites Werk Cicerone, in dem er die italienische Kunstwelt von der Antike bis zur Gegenwart schildert.

Von größter historiographischer Bedeutung war sein 1860 veröffentlichtes Werk „Die Cultur der Renaissance in Italien“, das den Strukturwandel von Staat und Kirche im Ausgang des Mittelalters und die damit einhergehende Ausbildung des «modernen», individuellen Menschen beschreibt. Lange Zeit wurde dieser Begriff als Epochenbezeichnung der Kunstgeschichte verwendet. Erst durch Burckhardts Studien der italienischen Kultur des 15. und 16. Jahrhunderts und durch die Veröffentlichung seiner Ergebnisse wird die «Renaissance» in der öffentlichen Meinung wahrgenommen. Das Werk gilt auch heute noch als das Standardwerk über diese Epoche. Burckhardt zeichnet darin ein Gesamtbild der italienischen Renaissancegesellschaft. Neben Burckhardt hat Georg Voigt die Bewegung des italienischen Humanismus als Phänomen der geistigen Hochkultur untersucht. Für ihn bedeutet der Humanismus das Wesentliche, wovon sich dieses Zeitalter der Renaissance vom Mittelalter unterscheidet. Es geht dabei um die Selbsterkenntnis des Menschen durch ein Sich-Zurück-Besinnen auf die Antike (besonders Cicero) als ein „sich Selbst“, ein Individuum, das aus dem korporativen mittelalterlichen Verband heraustritt. Der Erste, der nach der Einschätzung Voigts Humanist im eigentlichen Sinne zu nennen wäre, ist Francesco Petrarca. Voigt verwendet 1859 als erster den Begriff Humanismus zur Beschreibung einer historischen Epoche. Burckhardt und Voigt gemeinsam ist die Erkenntnis, dass die Renaissance die Moderne in Europa eingeleitet hat.

Nach seinem Tod hinterließ Burckhardt vier unveröffentlichte, druckreife Werke, darunter Erinnerungen aus Rubens. Des Weiteren wurden aus seinem Nachlass die Griechische Kulturgeschichte und die vielgelesenen Weltgeschichtlichen Betrachtungen veröffentlicht.

Die Werke Burckhardts wurden häufig verlegt und übersetzt. Von dem regen Schriftverkehr Burckhardts sind über 1700 Briefe erhalten geblieben und ebenfalls veröffentlicht worden. Im Herbst 2000 begann die Veröffentlichung einer neuen Kritischen Gesamtausgabe im Verlag C. H. Beck, ein auf 27 Bände angelegtes Unternehmen. Die Bände 1 bis 9 sind den von Jacob Burckhardt selbst publizierten beziehungsweise zur Publikation vorbereiteten Schriften gewidmet, die Bände 10 bis 26 enthalten die Werke, Vorträge und Vorlesungen aus dem Nachlass, Band 27 enthält das Register.

Zeitliche Einordnung

Üblicherweise teilt man die kunstgeschichtliche Epoche der Renaissance, vor allem die italienische Renaissance, in drei Perioden ein:

Frührenaissance

Hochrenaissance

Spätrenaissance oder Manierismus

Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert sieht die heutige Kunstgeschichte (und die Geschichtswissenschaft allgemein) den Bruch zwischen Mittelalter und Renaissance weniger schroff. Bereits im 13. Jahrhundert oder davor kündigten sich Entwicklungen an, die an die Renaissance erinnerten, wie der Städtebau.

Als Karolingische Renaissance bezeichnet man die Rückbesinnung auf die Antike, die unter Karl dem Großen um 800 eingesetzt hatte. Sie gilt aber als wesentlich unterschiedlich zur Epoche der Renaissance, die im späten 14. Jahrhundert begann.

Begriff Karolingische Renaissance

Als karolingische Renaissance, auch karolingische Renovatio oder karolingische Erneuerung genannt, bezeichnet man den kulturellen Aufschwung im Frühmittelalter zur Zeit der frühen Karolinger, der vom Hof Karls des Großen im 8. Jahrhundert ausging. Die Erneuerung betraf insbesondere das Bildungswesen, die mittellateinische Sprache und Literatur, das Buchwesen und die Baukunst.

Der 1839 eingeführte, heute eingebürgerte Begriff wurde im Jahr 1924 mit dem Hinweis auf Kontinuitäten von der spätantiken zur merowingischen und karolingischen Kultur teilweise in Frage gestellt. Die Verwendung des Begriffsbestandteils Renaissance ist auch deswegen umstritten, weil dadurch eine Analogie zur Epoche des Renaissance-Humanismus suggeriert wird, die sich von der Zeit der karolingischen Renaissance wesentlich unterscheidet. Alternativ werden daher die Begriffe Bildungsreform Karls des Großen oder karolingische Erneuerung (lateinisch renovatio) verwendet.

Veranstaltung vom 11.04.18

Frührenaissance

Die Anfänge der Renaissanceepoche werden im späten 14. Jahrhundert in Italien gesehen; als Kernzeitraum gilt das 15. und 16. Jahrhundert. Gegenüber dem älteren wissenschaftlichen Modell einer Initialbewegung in Italien und der unaufhaltsamen nachfolgenden Ausbreitung über Europa geht man heute in den Kulturwissenschaften immer mehr von einer mehrsträngigen und vernetzten Situation wechselseitiger Einflüsse aus.

Die Frührenaissance war die erste Phase der Renaissance und wird etwa von 1420 bis 1500 datiert. Sie begann zuerst in Italien im frühen 15. Jahrhundert und zeigte verwandte Phänomene auch im übrigen Europa, z. B. in der altniederländischen Malerei. In Italien spricht man vom Quattrocento. Ein wesentliches Kriterium war die Orientierung der Kunst an dem Vorbild der Natur. Wesentliches Mittel dazu war in der Malerei die Zentralperspektive, zu der zum ersten Mal mathematische Gesetze formuliert wurden, und die Wiederbelebung der antiken Kunst. Die christliche Symbolik der Gotik bestimmte noch weitgehend den Zweck und den Charakter der Werke, aber seit der Erfindung der Zentralperspektive durch Filippo Brunelleschi und Leon Battista Alberti gewann jetzt für viele Bilder auch die Wirklichkeitsnähe entscheidende Bedeutung.

Filippo Brunelleschi (* 1377 in Florenz; † 15. April 1446 ebenda) war einer der führenden italienischen Architekten und Bildhauer der Frührenaissance. Sein Hauptwerk war der Bau der Kuppel der Kathedrale von Florenz (Santa Maria del Fiore).

Entdeckung der mathematisch konstruierbaren Perspektive

Aufgrund seiner im Jahr 1410 perspektivisch gemalten Tafeln der Piazza S. Giovanni und der Piazza della Signoria gilt Brunelleschi auch als Entdecker der mathematisch konstruierbaren Perspektive und ihrer Gesetze, womit er auch unmittelbar seinen Florentiner Künstlerkollegen Masaccio beeinflusste.

In der Folgezeit wird die Perspektivkonstruktion ein Instrument zur Kontrolle des Verhältnisses von der Tiefe des Raumes zur Umgebung. Nicht zufällig sind die technologische Forschung und die Ausarbeitung eines neuen metrisch-proportionalen Systems auf der Basis klassischer Ordnungen von Anfang an Themen, die von Brunelleschi gleichzeitig mit wissenschaftlicher Experimentierkunst erforscht werden.

Leon Battista Alberti (* 14. Februar 1404 in Genua; † 25. April 1472 in Rom) war ein italienischer Humanist, Schriftsteller, Mathematiker, Kunst- und Architekturtheoretiker sowie Architekt und Medailleur[1] der Frührenaissance.

Alberti gehört zu den erstaunlichsten und widersprüchlichsten Gestalten der italienischen Renaissance. Jacob Burckhardt sieht in ihm in seiner „Kultur der Renaissance“ eine Verkörperung des uomo universale.[2] Begabt mit außergewöhnlich vielen Talenten trat er als Autor von diversen Fachbüchern, kunsttheoretischen Traktaten, mathematischen Abhandlungen sowie von Büchern über gesellschaftliche Themen wie „Della famiglia“ oder von großangelegten Satiren wie „Momus“ hervor. Darüber hinaus beherrschte er alle sieben „artes liberales“. Einzigartig in seiner Zeit aber wurde er als Theoretiker der Malerei, Skulptur und Architektur.

Als Kleriker und langjähriger Angestellter der päpstlichen Kanzlei entwickelte er sich darüber hinaus durch sein theoretisches und praktisches Studium der römischen Antike und durch seinen Zugang zu den führenden Humanistenkreisen des 15. Jahrhunderts zum größten Fachmann seiner Zeit für die antike Baukunst.

Kunsttheoretische Schriften

In seinen kunsttheoretischen Schriften strebt Alberti danach, die von ihm beobachtete, in seiner Zeit übliche künstlerische Praxis zu verändern, nämlich die Unwissenheit (ignorantia) der Künstler zu beseitigen und Vernunft und Erkenntnis zu notwendigen Grundlagen der Kunst zu erklären. Sein Verdienst liegt auch darin, dem Diskurs über Kunst eine Sprache und eine rationale und literarische Grundlage gegeben zu haben.

De pictura (Über die Malkunst) 1435/1436

Ziel des Traktats ist weder eine Geschichte der Malerei noch eine handwerkliche Anleitung in der Art des Cennino Cennini, vielmehr soll die Malerei auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden. Im ersten Buch geht es um die Geometrie des Euklid, die Optik und deren Anwendung in der perspektivischen Malerei. Für Alberti ist der Körper, in der Antike definiert durch Teilbarkeit nach Länge, Breite und Tiefe, ein Gegenstand, der unter sichtbaren Oberflächen verborgen ist, oder was von der Oberfläche bedeckt ist, an denen unser Sehen an eine Grenze stößt. Folgerichtig hat er sich mit dem Problem des Sehens zu beschäftigen. Die Beweglichkeit des Sehens ist nur schwer mit der starren Sehpyramide, dem in seiner Zeit üblichen optischen Modell für den Sehvorgang, in Einklang zu bringen. Das führt ihn zu einer Neudefinition des Bildes als einer der möglichen Schnittebenen durch die Sehpyramide und deren Projektion, die er Fenster nennt. Mit seinen Ausführungen beschreibt er die theoretischen Grundlagen perspektivischer Darstellung. Praktische Hilfsmittel für den Maler sind das Fadengitter oder velum und der Guckkasten, die camera ottica. In der Übertragung der Dreidimensionalität der Welt in die Zweidimensionalität der Bildfläche sah er eine Demonstration der Macht des menschlichen Geistes. Eine genaue mathematische Beschreibung perspektivischer Darstellung liefert allerdings erst Piero della Francesca in seinem Buch De Prospettiva Pigendi um 1470.

Leonardo da Vinci – Abendmahl (1495–1498)

Die Perspektive

Bildlich dargestellte Fluchtpunktlinien

Leonardo da Vinci äußerte sich im Codex Madrid folgendermaßen zur Perspektive:

„[…] ein Auge, das eine Wandmalerei betrachtet, versetzt sich immer in die Mitte des Bildes. Für sich ist die Perspektive, die eine gerade Wand bietet, falsch, wenn sie nicht der Standort des betrachtenden Auges korrigiert, indem er die Wand perspektivisch verkürzt zeigt.“

In der Geschichte perspektivischer Darstellungsweisen vollzog sich im 15. Jahrhundert der Sprung vom Gebrauch handwerklicher Regeln und Erfahrungen zur Anwendung mathematisch fundierter Konstruktionssysteme – das Abendmahl Leonardos ist das Paradebeispiel.

Leonardo schreibt selbst über die Perspektive des Abendmahls:

„Wenn man ganz nahe vor dem Abendmahl steht, der Christusfigur gegenüber, erscheinen die seitlichen Teile zwangsläufig verkleinert im Verhältnis zur Mitte des Freskos, die einem näher ist. Wenn, wie wir gesehen haben, die traditionelle – flache – Perspektive die äußersten Seiten des Bildes über Gebühr vergrößert darstellt, so werden sie dafür vom Auge des Betrachters verkleinert, sobald es sich in der Mittelachse befindet; und es lässt sich unschwer zeigen, dass diese beiden Verzerrungen einander aufheben“

Der Leipziger Kunsthistoriker Frank Zöllner schreibt:

„Wie schon die Florentiner Künstler vor ihm, stellt Leonardo das letzte Abendmahl des Herrn in einem nach Regeln der Zentralperspektive konstruierten bühnenartigen Raum dar.“

Es handelt sich bei der im Abendmahl angewendeten Perspektive um eine Zentralperspektive, wie wir sie heute noch verwenden. Wie der Name bereits andeutet, definiert sich diese Abbildungsart einer dreidimensionalen Welt auf eine Fläche durch das Vorhandensein eines Projektionszentrums, auch Augpunkt genannt. Bei dem Augpunkt handelt es sich um den Standpunkt des Betrachters. Dieser Augpunkt befindet sich beim Abendmahl nachweislich in der Schläfe der Christusfigur (das ist bei den letzten Restaurierungsarbeiten festgestellt worden – man hat das Loch eines Nagels gefunden, das heißt, das von Leonardo da Vinci festgelegte Zentrum des Bildes ist die Schläfe der Christusfigur und gleichzeitig der Punkt, in dem sich alle (perspektivischen) Strahlen treffen. Da Vinci hat die Strahlen mittels eines Nagels und gespannter Schnüre ermittelt.

Altniederländische Malerei

Altniederländische Malerei bezeichnet eine Epoche der niederländischen, insbesondere flämischen Malerei, die etwa im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts einsetzte und ungefähr ein Jahrhundert andauerte. Die Kunst der Spätgotik ging zu dieser Zeit in die Kunst der Frührenaissance über. Hatte sich in der Spätgotik, ausgehend von Frankreich, eine universelle Formensprache entwickelt, an der auch schon zahlreiche Meister des niederländischen Raumes beteiligt waren, so bildete sich dort jetzt eine erkennbar eigenständige regionale Malschule heraus, deren neue Errungenschaft eine die Porträtmalerei einschließende, wirklichkeitsgetreue Darstellung war. Der Begriff Flämische Primitive (Primitifs flamands) ist eine aus der Kunstwissenschaft des 19. Jahrhunderts stammende Bezeichnung für die Künstlergruppe der Altniederländischen Malerei.

Historischer Hintergrund

Seit dem 14. Jahrhundert hatte sich ein kultursoziologischer Wandel vollzogen: Weltliche Mäzene lösten die Kirche als wichtigsten Auftraggeber für Kunstwerke ab. Die höfische Kunstproduktion der Spätgotik, deren Zentrum Frankreich gewesen war, wurde bereits teilweise von Niederländern dominiert.

Die Niederlande waren durch das Haus Burgund auch herrschaftlich mit Frankreich verbunden, so dass es für flämische, wallonische und holländische Künstler leicht war, an den dortigen Höfen von Anjou, Orléans, Berry oder dem des französischen Königs Fuß zu fassen. Herausragende Meister dieser oft auch internationale Gotik genannten und über Burgund, Böhmen, Frankreich und Norditalien verbreiteten Kunst waren z. B. die Brüder von Limburg aus Geldern.

Nach der Schlacht von Azincourt (1415) und dem Tod des Herzogs von Berry zog sich der burgundische Herzog Philipp der Gute nach Flandern zurück. Die Übersiedlung des burgundischen Hofes nach Flandern ermöglichte den einheimischen Meistern beste Arbeitsbedingungen in ihrer eigenen Heimat. Nun wurden aus franko-flämischen Künstlern Niederländer. Die neue niederländische Künstlergeneration bediente sich aber nicht mehr der universellen, gotischen Formsprache. Sie ist daher als spezifisch niederländische Schule zu bezeichnen.

Der Reichtum der Handelsmetropolen förderte diese Entwicklung noch zusätzlich. Auch bürgerliche Auftraggeber konnten sich nun auf kurzem Wege von den führenden Werkstätten beliefern lassen. Eine Blütezeit der flämischen und brabantischen Städte (Brügge, Antwerpen, Gent, Brüssel, Ypern, Mechelen, Löwen) hatte die Patrizier zu ebenbürtigen Konkurrenten der Fürsten werden lassen, die diesen an Reichtum und Macht nicht nachstanden. Diese neben den Höfen und den Kirchen dritte Auftraggeber- und Mäzenatengruppe wirkte maßgeblich auf die Themenwahl der Künstler ein. Auch religiöse Kunstwerke, wie Altarbilder, wurden häufig nicht mehr direkt von der Kirche in Auftrag gegeben, sondern wurden beispielsweise auch von Kaufmannsgilden gestiftet.

Aufträge für den repräsentativen Gebrauch von Gemälden im eigenen Haus brachten eine völlig neue Kunstgattung hervor, die Porträtmalerei, und diese beförderte wiederum ein individualisierendes Element in der Kunst, das den ohnehin wirksamen Tendenzen ganz und gar entsprach.

Merkmale der Altniederländischen Kunst

Rogier van der Weyden: Landschaft auf dem Triptychon der Familie Braque (um 1450)

Um die Höfe der Herzöge von Burgund in Dijon und Brügge und die Stadt Tournai entwickelte sich im 15. Jahrhundert eine eigene Malschule zwischen der Gotik und der Renaissance. Einige Kunsthistoriker vermuten die Wurzeln in der französisch-flämischen Buchmalerei, etwa bei Jean Pucelle oder den Brüdern von Limburg. Pucelles Illuminationen mit ihrer plastischen Körperlichkeit der Figuren und Darstellungen perspektivisch angelegter Innenräume lassen ihn als Wegbereiter der Altniederländischen Malerei erscheinen.

Die altniederländischen Werke unterscheiden sich durch ihren oft nahezu fotografischen Realismus deutlich von ihren gotischen Vorgängern. Die Anregungen der italienischen Früh- und Hochrenaissance entwickelten sich in Verbindung mit den einheimischen Traditionen zu einer eigenständigen, völlig neuen Bildsprache. Ein wesentlicher Zug der niederländischen Naturbeobachtung ist die Darstellung der Landschaft. Zunächst wurden die mittelalterlichen Goldgründe durch realistische Landschaften als Bildhintergrund ersetzt, bevor die Landschaftsmalerei eine eigenständige künstlerische Gattung wurde.

Die genaue Naturbeobachtung erstreckte sich auch auf die Darstellung des menschlichen Körpers. Die Aktdarstellung von Adam und Eva auf dem Genter Altar von Jan van Eyck weisen eine seit der Antike nicht mehr erreichte Natürlichkeit auf. Sie unterscheidet sich wesentlich von den gleichzeitig in der italienischen Renaissance einsetzenden Aktdarstellungen, die viel mehr von wissenschaftlich-anatomischer Konstruktion geprägt waren, während Jan van Eyck die Oberfläche und die Bewegung des Körpers genau beobachtete und bis ins kleinste Detail darstellte.

Das unverwechselbar Neue in der altniederländischen Malerei war zum einen die detaillierte stoffliche Oberflächencharakterisierung und zum anderen eine Plastizität durch genau beobachtete und wirkungsvoll eingesetzte Lichteffekte. Dem neuen Stil lag zunächst einmal eine neue Technik zugrunde: die Ölmalerei.

Die niederländische und flämische Malerei orientierte sich vor van Eyck und Robert Campin an der internationalen Gotik, die meist als „Schöner“ oder „Weicher Stil“ bezeichnet wird. Auch die großen Meister konnten sich noch länger nicht ganz von diesem Einfluss lösen, die lang gestreckten Gestalten und der reiche Faltenwurf der Gewänder verweisen deutlich auf die älteren Traditionen. Allgemein wird der altniederländischen Malerei vor dem 15. Jahrhundert heute wenig Beachtung zuteil. Die Werke gelten meist als provinziell und zweitrangig.

Robert Campin: Porträt eines fetten Mannes (um 1425)

In vielen kunstgeschichtlichen Publikationen wird die altniederländische Malerei erst ab dem meist mit Robert Campin gleichgesetzten Meister von Flémalle behandelt. Von ihm und seinen Mitarbeitern sowie von Hubert und Jan van Eyck werden die Anfänge der altniederländischen Malerei im engeren Sinne geprägt. Der 1432 vollendete Genter Altar der Brüder van Eyck gilt als ein Hauptwerk dieser Epoche. Schon die Zeitgenossen betrachteten die Kunstwerke Jan van Eycks und der anderen flämischen Meister als Ars nova, als etwas vollkommen Neues. Zeitlich entwickelte sich die altniederländische Malerei etwa gleichzeitig mit der Renaissance in Italien.

Mit dem Porträt wurde erstmals ein weltliches, individualisiertes Thema zu einem Hauptmotiv der Malerei. Das Genrebild und das Stillleben kamen dagegen erst im niederländischen Barock des 17. Jahrhunderts zum Durchbruch. Allerdings weist die Altniederländische Malerei durch ihre „Verbürgerlichung“ schon in die Neuzeit. Als Auftraggeber traten die reichen Patrizier und Handelsherren immer mehr neben den Adel und den Klerus. Die Gestalten wurden nicht mehr idealisiert dargestellt. Dem Betrachter treten echte Menschen mit ihren körperlichen Unzulänglichkeiten entgegen. Falten, Tränensäcke, alles wurde schonungslos naturalistisch wiedergegeben. Die Heiligen hatten ihren Platz nicht mehr nur in den Gotteshäusern, sie hielten ihren Einzug auch in die Wohnstuben der Bürger.

Die Werke der frühen Niederländer und Flamen werden heute in den großen internationalen Kunstmuseen ausgestellt. Einige Altäre und Gemälde befinden sich jedoch auch noch an ihren alten Standorten in Kirchen, Kathedralen und Schlössern wie der berühmte Genter Altar in der St.-Bavo-Kathedrale in Gent. Aus Sicherheitsgründen ist er allerdings heute nur durch dicke Panzerglasscheiben zu studieren.

Auswirkungen

Italien

Besonders das Werk Jan van Eycks erregte in Italien, dem Ursprungsland der Renaissance, größtes Aufsehen. Der Humanist Bartolomeo Facio rühmte den Meister einige Jahre nach dessen Tod gar als „Malerfürsten unseres Jahrhunderts“.

Während sich die italienischen Maler komplizierter mathematischer und geometrischer Hilfsmittel (Fluchtliniensysteme u. a.) bedienten, gelang es dem Flamen scheinbar mühelos, die „Wirklichkeit“ korrekt wiederzugeben. Das Bildgeschehen spielte sich nicht mehr nach gotischer Art gleichsam auf einer Bühne ab. Die Räume sind perspektivisch richtig wiedergegeben, die Landschaften nicht mehr kulissenhaft schematisiert. Weite, äußerst detailliert ausgeführte Hintergründe lenken den Blick in die Unendlichkeit. Auch Gewänder, Möbel und Ausstattungsstücke wurden oft nahezu fotorealistisch dargestellt.

Die maniera Fiamminga übte einen ungeheuren Einfluss auf die Kunst des italienischen Quattrocento aus. Antonello da Messina galt deshalb lange sogar als direkter Schüler Jan van Eycks. Italienische Sammler bestellten zahlreiche Bilder bei den nördlichen Meistern, Mäzene ermöglichten jungen Künstlern die Ausbildung in flämischen Werkstätten.

Van Eyck galt lange als der „Erfinder“ der Ölmalerei. Tatsächlich sind seine Gemälde jedoch in einer Mischtechnik ausgeführt, die traditionelle Temperamalerei wurde durch Elemente der Öltechnik ergänzt. Der Meister verwendete teilweise Terpentinöle (Weißlack) als Bindemittel. Die Farbe trocknet so wesentlich schneller und behält ihre intensive Leuchtkraft. Diese Neuerungen wurden rasch von anderen Künstlern in ganz Europa aufgegriffen.

Neben der ungewöhnlichen Leuchtkraft der Farben beeindruckte die Italiener besonders die „innige Frömmigkeit“ der Flamen. Die eigene Malerei war eher vom Humanismus geprägt, der nördlichen Kunst gelang die Verbindung des Naturalismus mit einer tiefen Religiosität.

Deutschland

Auch das benachbarte Deutschland wurde von der neuen Kunstauffassung beherrscht, die neben den italienischen Schulen die abendländische Kunst für nahezu zwei Jahrhunderte prägen sollte. Giorgio Vasari zählte sogar Albrecht Dürer und dessen Vorgänger Martin Schongauer zu den Flamen. In der Tat wäre das Werk dieser beiden Künstler ohne diese Anregungen undenkbar. 1520/21 hatte der große Nürnberger während seiner „Niederländischen Reise“ Gelegenheit, die flämische Kunst in ihrem Ursprungsland zu studieren.

Als eines der frühesten deutschen Gemälde „flämischer“ Art gilt der Kalvarienberg der Familie Wasservass (um 1420–1430, Köln, Wallraf-Richartz-Museum). Noch deutlicher wird der burgundisch-flämische Einfluss bei Stefan Lochner. Durch die räumliche Nähe wurde die Malerei in Köln und am Niederrhein in besonderem Maße von der niederländischen Kunst geprägt. Der Kölner Patrizier Goddert von dem Wasservass bestellte um 1455 bei Rogier van der Weyden den Columba- oder Dreikönigsaltar (heute München, Alte Pinakothek) für seine Familienkapelle.

Spanien

Die ersten Einflüsse der nördlichen Malweise in Spanien werden im Königreich Aragon sichtbar, zu dem auch Valencia, Katalonien und die Balearen gehörten. König Alfonso V. sandte seinen Hofmaler Lluís Dalmau bereits 1431 nach Flandern. Valencia, damals eines der wichtigsten Zentren der mediterranen Welt, zog Künstler aus allen Teilen Europas an. Neben die traditionellen Malschulen des „Internationalen Stils“ traten flämisch beeinflusste Werkstätten und italienische Anregungen. Es entwickelte sich eine „hispano-flämische“ Kunstrichtung.

Auch im Königreich Kastilien werden die nördlichen Einflüsse bereits früh deutlich. Die einheimischen Meister verwendeten jedoch statt der üblichen Eichenbretter Pinienholz als Maluntergrund und bevorzugten weiterhin die Tempera als Malmaterial. Auffällig ist die „verschwenderische“ Verwendung von Blattgold und Goldpulver in der Malerei Kastiliens und Aragons. Weitere Besonderheiten sind die reiche Ornamentik und die oft riesigen Ausmaße spanischer Flügelaltäre.

Die kastilischen Könige besaßen einige bedeutende Werke Rogier van der Weydens, Hans Memlings und Jan van Eycks.

Hochrenaissance

Als Hochrenaissance bezeichnet man die zweite Phase der Renaissance in der Zeit von etwa 1500 bis 1530 in Italien und 1555 bis 1590 in den deutschen Staaten. Die Kunstmeister dieser Periode strebten nach höchster künstlerischer Vollkommenheit und Harmonie: Leonardo da Vinci, Michelangelo und Tizian beherrschten meisterhaft die Darstellung des menschlichen Körpers, Raffael die problemlose Handhabung der räumlichen Perspektive, Tizian und Leonardo da Vinci schufen zudem virtuose Farbeinsätze. Ihr Vorbild der klassischen Antike galt den Zeitgenossen der Hochrenaissance durch die Werke ihrer gepriesenen Meister nicht nur als beherrscht, sondern als übertroffen. Gleiches sahen sie in der vorbildhaften Architektur Bramantes und Michelangelos sowie in der Literatur eines Castiglione, Machiavelli oder Ariosto.

Zentrum dieser Periode ist das päpstliche Rom. In diese Zeit fallen Bramantes Zentralbau-Entwürfe für die neue Peterskirche, Leonardo da Vincis berühmte Bilder („Das Abendmahl“, „Mona Lisa“), Raffaels Ausmalung der „Stanzen“ (der Gemächer des Papstes) und sein berühmtestes Altarbild, die „Sixtinische Madonna“, Michelangelos Skulpturen („David“, „Moses“) und seine Fresken an der Decke der Sixtinischen Kapelle.

Der deutsche Maler Albrecht Dürer gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Renaissance nördlich der Alpen. Besonders bekannt und beliebt sind dessen Kupferstiche.

Die Zitadelle Spandau in Berlin gilt als eine der bedeutendsten und besterhaltenen Festungen Europas aus der Zeit der Hochrenaissance.

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci (* 1452 in Anchiano bei Vinci in der Toskana; 1519 auf Schloss Clos Lucé, Amboise) war ein italienischer Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph. Er gilt als einer der berühmtesten Universalgelehrten aller Zeiten. Sein Namenszusatz da Vinci ist kein Familien-, sondern ein Herkunftsname und bedeutet „aus Vinci“. Der Geburtsort Vinci ist ein Kastell bzw. befestigtes Hügeldorf und liegt in der Nähe der Stadt Empoli (circa 30 Kilometer westlich von Florenz) in der heutigen Provinz Florenz, Region Toskana.

Herkunft, Lehre und Studien (1452–1481)

Leonardos Eltern waren der zur Geburt Leonardos 25-jährige Notar Piero da Vinci (1427–1504) und die damals 22-jährige Magd Caterina. Mittlerweile vermutet man in ihr eine getaufte arabische Sklavin, die bei Piero vorübergehend als Magd arbeitete. Die Hypothese ist jedoch umstritten und wird kontrovers diskutiert.

Die Mutter heiratete später den Töpfereibesitzer Accattabriga di Piero del Vacca aus Vinci und bekam fünf weitere Kinder. Der Vater Piero war viermal verheiratet und hatte von seinen beiden letzten Frauen neun Söhne und zwei Töchter. Leonardo nahm er als leiblichen Sohn an. Als erfolgreicher Notar gehörte die Familie de’ Medici zu seinen Klienten wie auch Mitglieder der regierenden Signoria, des Rats des Stadtstaates Florenz.

Leonardo, der ab 1457 bei der Familie seines Vater lebte, verbrachte den größten Teil seiner Jugend in Florenz. Schon früh interessierte er sich für Musik, Zeichnen und Modellieren. Durch Vermittlung seines Vaters, mit dem Leonardo nach Florenz umgezogen war, nahm ihn 1469 der Künstler Andrea del Verrocchio (1435–1488), der die künstlerische Begabung des Jungen erkannte, in seine Werkstatt auf.

Lehrjahre bei Verrocchio

Verrocchio war einer der bedeutendsten Bildhauer im damaligen Florenz, der auch als Maler und Goldschmied tätig war. In seinem Atelier lernte und arbeitete Leonardo, etwa von 1470 bis 1477, in Gesellschaft von weiteren Schülern. In den Künstlerwerkstätten des 15. und 16. Jahrhunderts war es üblich, dass der Meister die Anfertigung eines Werkes nicht allein vornahm, sondern Teile der Ausführung seinen Gesellen und Schülern übertrug. Das vermutlich früheste erhaltene Zeugnis eines Gemäldes aus der Werkstatt Verrocchios unter Beteiligung Leonardo da Vincis ist Tobias und der Engel (datiert um 1470–1475). Kunsthistoriker nehmen an, dass Leonardo den Fisch in der linken Hand des Tobias, den Hund zu Füßen des Engels und auch den Haarschopf des Tobias gemalt haben könnte. Diese Bildobjekte, so behauptet der Leonardo-Biograf Charles Nicholl, zeigten eine Virtuosität und Perfektion, zu der Verrocchio nicht in der Lage war.

Nach dem Abschluss seiner Lehrzeit im Alter von etwa 20 Jahren, arbeitete Leonardo weiter in Verrocchios Werkstatt. Seit 1472 findet sich Leonardos Name in den Listen der Sankt Lukas-Gilde (Compagnia di San Luca), der Malergilde von Florenz. In Florenz lebte und arbeitete er weitere zehn Jahre und arbeitete gemeinsam unter anderen mit den Malern Sandro Botticelli und Perugino. Im Gegensatz zum später geborenen Michelangelo (1475–1564) wurde Leonardo als offen und freundlich geschildert.

Leonardo musste sich 1476 einer Anklage wegen Sodomie stellen. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit stand dieser Begriff auch für Homosexualität. Leonardo wurde vorgeworfen, mit einem 17-jährigen Prostituierten sexuellen Kontakt gepflegt zu haben. Beamte des Florentiner Magistrats ermittelten gegen ihn, doch der Vorwurf konnte nicht bestätigt werden und Leonardo wurde freigesprochen.

Veranstaltung vom 17.04.2017

Als sensibler Künstler begann Leonardo früh, seine Gedanken und Gefühle in Notizbüchern (Codici) zu notieren. Aus seinen Notizen ist zu schließen, dass er nicht, wie andere Renaissancekünstler, die Pracht der antiken Kunst durch Imitation von Modellen wiederbeleben wollte, sondern sich als Schüler der Natur berufen fühlte, die Schönheiten der Natur selbst und diese im Zusammenspiel mit Menschen darzustellen. Merkwürdige Formen von Hügeln und Felsen, seltene Pflanzen und Tiere, Bewegungen des Wassers, ungewöhnliche Gesichter und Figuren von Menschen waren die Dinge, die er in seiner Malerei und in seinen Naturstudien aufgriff. Die früheste datierte Zeichnung ist die Arnolandschaft vom 5. August 1473 (heute in den Uffizien in Florenz). Seine Porträtgemälde malte er meist vor einer Hintergrundlandschaft und in seinen Notizbüchern hielt er eine Vielzahl von Pflanzen- und Tierstudien fest.

Um 1477 scheint er die Gunst von Lorenzo il Magnifico (1449–1492), dem Stadtherrn von Florenz, gefunden zu haben und arbeitete als freier Künstler unter dessen Patronage. Es entstanden erste Porträts und Marienbilder, die Madonna Benois (1475–1478, Eremitage in Sankt Petersburg) und ein Porträt Ginevra de’ Bencis (1478–1480, National Gallery in Washington D.C.), einer Tochter von Amerigo de’ Benci, der Leonardos Leidenschaft für kosmografische Studien teilte.

<Das Bildnis der Ginevra de’ Benci ist ein Gemälde des italienischen Renaissancekünstlers Leonardo da Vinci (1452–1519). Es wird um 1474 bis 1478 datiert und befindet sich im Bestand der National Gallery of Art in Washington D.C.

Das Porträt ist das einzige Gemälde von Leonardo da Vinci, das sich derzeit in einer Sammlung außerhalb Europas befindet. Das Bild gehört zu Leonardos frühesten Versuchen mit dem damals neuen Medium der Ölfarbe. Die sorgfältige Darstellung der Natur und die feine Dreidimensionalität des Gesichts zeigen schon deutlich den neuen Naturalismus, mit dem Leonardo die Renaissancemalerei später veränderte. Die abgebildete Person ist mit allmählich ineinander übergehenden Farbabstufungen und Schatten dargestellt, nicht durch Linien und abrupte Übergänge von Farbe oder Licht.

Die dargestellte Person Ginevra de’ Benci (1457–1520) war die Tochter eines wohlhabenden Florentiner Bankiers. Ihr Porträt wurde wahrscheinlich zur Zeit ihrer Eheschließung mit dem Kaufmann Luigi Niccolini (* um 1440) in Auftrag gegeben. Ginevra war damals sechzehn Jahre alt.

Es ist ungeklärt, ob sich das Bild jemals im Besitz der Familie de’ Benci befunden hat. Seit dem 17. oder 18. Jahrhundert befand es sich in der Sammlung des Fürstenhauses von Liechtenstein. Von Franz Josef II. von Liechtenstein erwarb es die National Gallery of Art in Washington D.C. im Jahr 1967 für 5 Millionen US-Dollar aus den Mitteln des Ailsa Mellon Bruce Fonds.

Damit war das Bildnis der Ginevra de’ Benci das bis dahin am teuersten verkaufte Gemälde

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1481 erhielt er einen ersten größeren Auftrag vom Augustinerkloster San Donato a Scopeto nahe Florenz für ein Altarbild und er zeichnete die Skizzen für die Anbetung der Heiligen Drei Könige (heute in den Uffizien in Florenz). Als sich viele seiner Künstlerfreunde in Rom niederließen, um für den Heiligen Stuhl zu arbeiten, ergab sich 1481 für ihn die Chance einer Stellung am Hof der Sforza, der Herzöge von Mailand.

Frühe Mailänder Jahre (1482–1499)

Die Familie Sforza regierte Mailand und die Lombardei von 1450 bis 1535. Begründer der Dynastie, die meist eng mit der florentiner Herrscherfamilie Medici verbündet war, war Francesco Sforza (1401–1466). Nach seinem Tode wurde sein ältester Sohn Galeazzo (1444–1476) Herzog. Nach dessen Ermordung im Jahr 1476 kam Ludovico Sforza (genannt il Moro, „der Dunkle“; 1452–1508) als Protektor seines Neffen Gian Galeazzo Sforza (1469–1494), tatsächlich aber als Usurpator des Staates, an die Macht. Ludovico griff ein Projekt zur Errichtung eines Reitermonuments des Francesco Sforza zu Ehren des Gründers des Herrscherhauses wieder auf und suchte einen geeigneten Künstler. Von den Medici wurde der junge Leonardo empfohlen, der sich daraufhin am Hofe in Mailand vorstellte.

Wegen bevorstehender Kämpfe zwischen Mailand und der Republik Venedig erwähnte Leonardo in einem Empfehlungsschreiben an den Herzog ausführlich und detailliert seine Fähigkeiten und Erfindungen in der Militärtechnik. Erst am Schluss des Briefes betonte er sein Können als Bauingenieur und Architekt und fügte schließlich einen kurzen Hinweis auf seine Kenntnisse als Maler und Bildhauer hinzu, die die Grundlage zu einer angemessenen Ausführung des Monuments für Francesco Sforza bilden könnten. Nach seiner Anstellung arbeitete Leonardo mit Unterbrechungen über zwanzig Jahre für die Sforza.

In Mailand entwickelte sich Leonardo zum führenden Künstler und zum Organisator für Hofzeremonien und Festivitäten. Anlässlich der Hochzeit des jungen Herzogs Gian Galeazzo mit Isabella von Aragon 1487 entwarf der Künstler die Bühnenbilder und Kostüme der Masque Il paradiso. Die Pestepidemie der Jahre 1484 bis 1485 in Mailand veranlasste ihn wohl, dem Fürsten Pläne vorzulegen, nach welchen die Stadt unterteilt und nach verbesserten sanitären Prinzipien wiederaufgebaut werden sollte. In seinem Notizbuch notierte er:

„Der mittlere, unterirdische Hauptkanal nimmt kein trübes Wasser auf, sondern Wasser, welches durch die Gräben außerhalb der Stadt fließt, mit vier Mühlen am Eingang und vier am Ausgang. Dies macht man, indem das Wasser oberhalb von Romoloutino staut.“

Leonardo, der im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen eine äußerst gepflegte Erscheinung war und sehr auf Sauberkeit achtete (und bereits den Zusammenhang zwischen Pest und Schmutz erkannte), organisierte mit Hilfe von Booten die erste Müllabfuhr in Mailand und trug somit zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt bei.

In den Jahren 1485–1486 war er an der Planung der Verschönerung und Verstärkung des Castello und der Vollendung des Mailänder Doms beteiligt. Er konnte sich allerdings nicht durchsetzen und entwarf daraufhin für die junge Herzogin einen Badepavillon von ungewöhnlicher Raffinesse und Schönheit. Parallel dazu machte er Aufzeichnungen über die Ergebnisse seiner Studien in Geometrie, Statik und Dynamik, menschlicher Anatomie sowie den Phänomenen von Licht und Schatten und setzte sich eingehend mit dem Entwurf des Sforza-Reitermonuments auseinander. Intensiv betrieb er Studien über die Bewegung und die Anatomie von Pferden und über die Kunst bzw. Wissenschaft der Bronzebearbeitung und Gießtechnik. Das Reiterstandbild sollte die größte Bronzestatue der damaligen Zeit werden.

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Im April 1490 schien Ludovico die Geduld mit Leonardo verloren zu haben und versuchte, einen anderen Bildhauer mit der Realisierung zu beauftragen. Zu dieser Zeit, im siebten Jahr seines Aufenthalts in Mailand, ging Leonardo schließlich doch auf Druck des Herzogs an die Vorbereitung eines Modells. Nach Ludovicos Plan sollte das Denkmal zum Zeitpunkt seiner Eheschließung mit Beatrice d’Este im Januar 1491 fertiggestellt sein. Leonardo hatte jedoch auch zu diesem Zeitpunkt nur Entwürfe vorzuweisen.

Am 23. April 1490, so schreibt Leonardo in seinen Notizen, begann er erneut mit der Arbeit an dem Denkmal. Er verwarf seinen ersten Entwurf, beschloss, das Pferd eines der Leibwächter des Fürsten als Modell zu nehmen und begann mit neuen Proportionsstudien, neuen detaillierten anatomischen Zeichnungen und mit Berechnungen über den Materialverbrauch und die technische Durchführung des Großprojekts. Für den Guss wurden etwa 100 Tonnen Bronze veranschlagt und bereitgestellt. In den Gärten am Palazzo Vecchio entstand ein 7 m hohes 1:1-Modell aus Ton.

Aus Anlass der Verlobung von Bianca Maria Sforza mit dem römisch-deutschen König und späteren Kaiser Maximilian I. im November 1493 fand die feierliche Enthüllung des Modells statt, das von den Mailändern – sie nannten das Pferd Il colosso – mit Staunen und Bewunderung zur Kenntnis genommen wurde. Ab diesem Zeitpunkt war das Modell bereit für den Bronzeguss. Im Zuge des Feldzugs Ludwig XII. durch Italien, als sich auch die Este in Ferrara durch den französischen König bedroht fühlten, wurde die Bronze jedoch nach Ferrara transportiert und zur Herstellung von Waffen verwendet.

Am 10. September 1499 fielen französische Truppen unter dem Kommando Gian Giacomo Trivulzios in Mailand ein, Soldaten nahmen Leonardos Pferd zur Zielscheibe und zerstörten es vollständig. Von Leonardos kolossalem Reiterstandbild zeugen nur noch seine Zeichnungen und Notizen.

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Im selben Jahr verbrachte Leonardo ungestört einige Monate mit mathematischen und physikalischen Forschungen in den Bibliotheken und unter den Gelehrten von Pavia. Hierhin war er als Berater hinsichtlich einiger architektonischer Schwierigkeiten beim Bau der Kathedrale berufen worden. In Pavia erhielt er durch das Studium eines antiken Reitermonuments (des sogenannten Regisole, der 1796 zerstört wurde) neue Anregungen für seinen Francesco Sforza. Aus dem Jahr 1492 stammen die Studie über Körperproportionen nach Vitruv sowie Proportionsstudien von menschlichen Körpern und Gesichtern und anatomische Studien, denn er wollte „das Innere des Menschen“ genau kennenlernen und begann an seinem Buch Von der menschlichen Figur zu arbeiten.

Der vitruvianische Mensch, Proportionsstudie nach Vitruv 1492

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Er wurde wahrscheinlich um 80–70 v. Chr. als freier römischer Bürger in Kampanien geboren. Als junger Mann genoss er nach eigenen Angaben eine Architektenausbildung, die zur damaligen Zeit auch das Ingenieurwesen umfasste. Im Bürgerkrieg war er unter Gaius Iulius Caesar für den Bau von Kriegsmaschinen verantwortlich und zog mit diesem auch nach Spanien, Gallien und Britannien. Nach Caesars Ermordung im Jahr 44 v. Chr. übernahm er die gleiche Funktion auch im Heer von Kaiser Augustus und wurde um 33 v. Chr. aus dem Heeresdienst entlassen. Danach arbeitete er als Architekt und als Ingenieur am Bau des Wassernetzes in Rom, wo er ein neues System der Wasserverteilung einführte. Zu seinen Errungenschaften als Architekt gehörten der Bau der Basilika von Fanum Fortunae, dem heutigen Fano. Er beschrieb auch als Erster Töne als eine Bewegung der Luft, erkannte bereits die Wellennatur des Schalls und verglich dessen Ausbreitung mit der von Wasserwellen.

Im Alter verlegte er sich auf das Schreiben und profitierte dabei von einer Pension, die ihm Augustus zugestanden hatte, um seine finanzielle Unabhängigkeit zu garantieren. Zwischen 33 und 22 v. Chr. entstand dann sein Werk, Zehn Bücher über Architektur (Originaltitel: De architectura libri decem). Über das Todesdatum Vitruvs gibt es keinerlei Angaben, was darauf schließen lässt, dass er zu Lebzeiten nur geringe Popularität genoss. Wahrscheinlich starb er etwa um das Jahr 15 v. Chr.

Größere Bekanntheit erlangte Vitruv erst in späterer Zeit, besonders in der Renaissance. Eine neue Stilrichtung der Architektur, die sich die Antike zum Vorbild nahm, griff auf Vitruv zurück, um die Grundlagen der römischen Architektur zu lernen. Nun suchte man in den Klosterbibliotheken nach den seltenen Vitruv-Handschriften, wie unter anderem der Humanist Poggio Bracciolini, der im Jahr 1416 eine Vitruv-Handschrift in der St. Galler Klosterbibliothek fand.[3] Gedruckt wurde das Buch zum ersten Mal von Giovanni Sulpicio ca. 1486 in Rom herausgegeben.

Da Vitruvs Werk nicht illustriert war, wurde es für die Rezeption in der Renaissance nötig, neben seinen (teils schwer verständlichen) theoretischen Erläuterungen auch die antiken Werke der Architektur zu betrachten um die Anweisungen aus den 10 Büchern umsetzen zu können.

Gleichzeitig wichen die erhaltenen antiken Gebäude vielfach von den Angaben Vitruvs ab, da sie erst nach seinem Tod entstanden waren. Dies schuf dem Architekten einen Spielraum in der Umsetzung, der es ermöglichte, über eine reine Antikenkopie hinauszugehen.

Im Jahre 1511 erschien eine weitere Ausgabe von Fra Giovanni Giocondi da Verona in Venedig, 1521 der erste (illustrierte) Druck einer italienischen Ausgabe von Cesare Cesariano. Und obwohl Italienisch lange Zeit die führende Sprache der europäischen Architekturtheorie blieb, folgten rasch Übersetzungen in andere Sprachen.

Seit dem 15. Jahrhundert beeinflusste Vitruv eine Vielzahl, wenn nicht im Grunde alle europäischen Architekturtraktate und die europäische Architekturtheorie. 1452 veröffentlichte Alberti sein „de re aedificatoria“, das in Aufbau und theoretischer Setzung an Vitruv anschloss.

William Newton: Commentaires sur Vitruve … London, 1780. Exemplar der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mainz. Signatur: III i : 2° / 163 h

Noch im 18. Jahrhundert griff François de Cuvilliés den Titel für sein Lehrbuch Vitruve Bavarois auf. Der englische Architekt William Newton (1735–1790), ein Nachfahre von Isaac Newton, verfasste einen französischsprachigen Kommentar zu Vitruv der im Jahr 1780 erschien; dies war die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit „De architectura“. Dieser Druck ist mit zahlreichen ganzseitigen Stichen versehen, eines von nur zwei bekannten Exemplaren in deutschen Bibliotheken befindet sich in der Stadtbibliothek Mainz und ist Teil der Rarasammlung.

Eine zentrale Passage in Vitruvs Abhandlung stellt die Theorie des wohlgeformten Menschen (homo bene figuratus) vor. Anhand geometrischer Formen werden die Proportionen des Menschen zueinander beschrieben. Dies inspirierte mehrere Künstler der Renaissance zu Skizzen, unter anderem auch Albrecht Dürer. Die berühmteste Illustration stammt von Leonardo da Vinci und erlangte unter dem Namen „Der vitruvianische Mensch“ Berühmtheit. Mit dieser Zeichnung belegte Leonardo die These Vitruvs, der aufrecht stehende Mensch füge sich sowohl in die geometrische Form des Quadrates wie des Kreises ein.

Die Methode des Moduls, die von Vitruv grundgelegt wurde, wurde im 20. Jahrhundert als Modulor wieder aufgenommen, einem Maßsystem des Architekten Le Corbusier, das auf dem Goldenen Schnitt basiert.

Zur eigenständigen Rezeption des Wortes „Modul“ siehe auch Modell.

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In den folgenden Jahren verschafften ihm die zunehmenden Festivitäten und der Prunk des Mailänder Hofes fortwährend Aufträge, darunter die Komposition und Rezitation von Sagen, Fabeln und Prophezeiungen (d. h. moralischen und sozialen, im Futurum formulierten Satiren und Allegorien).

Wanderjahre (1499–1512)

Wieder in Florenz

Als Leonardo und sein Freund Luca Pacioli Mailand im Dezember 1499 verließen, war ihr Ziel Venedig. Leonardo bot dort seine Dienste als Ingenieur an und stellte seine Kriegsmaschinen vor, darunter auch einen Taucheranzug für den Unterwasserkampf. Er bekam jedoch keine Anstellung und zog weiter nach Mantua, wo er von der Herzogin Isabella Gonzaga empfangen wurde, die als kultivierteste Dame ihrer Zeit galt. Er versprach, zu einem späteren Zeitpunkt ein Porträt von ihr zu malen; zunächst fertigte er eine Kreidezeichnung an, die sich heute im Louvre befindet.

Die Freunde zogen im April 1500 nach Florenz, das gerade die Schreckensherrschaft Savonarolas überstanden hatte und wieder Republik geworden war. Hier fand Leonardo vorübergehend Unterschlupf im Kloster Annunziata, wo er sich verpflichtete, ein Altarbild für die Basilica della Santissima Annunziata zu malen. Ein Jahr verging, ohne dass der Auftrag ausgeführt wurde. Wissenschaftliche Fragen der physikalischen Geografie und des Ingenieurwesens fesselten Leonardo mehr als die Malerei. Er schrieb an Briefpartner, um Erkundigungen über die Gezeiten im Euxinischen und Kaspischen Meer einzuholen. Zur Information der Mercanti berichtete er über die gegen einen drohenden Erdrutsch auf dem Hügel von San Salvatore dell’Osservanza zu ergreifenden Maßnahmen. Er legte Zeichnungen und Modelle für die Kanalisierung und die Kontrolle des Arno vor und entwickelte einen Plan zum Transport des Florentiner Baptisteriums (Dantes bel San Giovanni) in einen anderen Stadtteil, wo es auf einen großen Marmorsockel gestellt werden sollte.

Den ungeduldigen Serviten-Brüdern von Annunziata legte er schließlich im April 1501 einen Entwurf des Altarbilds auf Karton vor, der in Florenz unter großer Beteiligung von Publikum ausgestellt wurde. Das Thema war die Jungfrau, die sich auf dem Schoß der Heiligen Anna sitzend vorbeugt, um ihr Kind festzuhalten, das halb aus ihrer Umarmung entflohen ist, um mit einem Lamm auf dem Boden zu spielen. Trotz des allgemeinen Lobs für seinen Entwurf vollendete Leonardo das Altarbild nicht. Die Mönche von Annunziata mussten den Auftrag an Filippino Lippi geben, nach dessen Tod die Aufgabe von Perugino beendet wurde. Leonardo vollendete erst später das Bild (1506–1516), das als Anna Metterca oder Anna selbdritt („Anna zu dritt“) heute im Louvre zu sehen ist.

Im Dienst Cesare Borgias

Im Frühjahr 1502 trat er in den Dienst Cesare Borgias, des Herzogs von Valentino. Dieser war zu diesem Zeitpunkt mit der Konsolidierung seiner jüngsten Eroberungen in der Romagna beschäftigt. Zwischen Mai 1502 und März 1503 bereiste Leonardo als oberster Ingenieur einen großen Teil Mittelitaliens. Nach einem Besuch in Piombino an der Küste gegenüber Elba fuhr er über Siena nach Urbino, wo er kartografische Zeichnungen anfertigte. Anschließend wurde er über Pesaro und Rimini nach Cesena gerufen; zwischen Cesena und Cesenatico verbrachte er zwei Monate, in denen er Kanal- und Hafenarbeiten plante und leitete und mit der Planung zur Restaurierung des Palasts von Friedrich II. beauftragt wurde.

Danach begleitete er seinen Arbeitgeber, der in Imola von Feinden belagert wurde. Hier lernte Leonardo auch Niccolò Machiavelli kennen, der als Abgesandter von Florenz mit Cesare Verhandlungen führte. Er folgte ihm nach Sinigallia, Perugia und schließlich über Chiusi und Acquapendente nach Orvieto und Rom, wo Cesare im Februar 1503 ankam. In dieser Zeit verließ Leonardo den skrupellosen Herzog und kehrte zurück nach Florenz.

In Florenz bekam Leonardo auf Initiative von Machiavelli und Piero Soderini den Auftrag, ein großes Schlachtengemälde für eine der Wände des neuen Ratssaals im Palazzo della Signoria zu schaffen. Er wählte als Thema eine Episode des Sieges der Florentiner über die Mailänder nahe einer Brücke bei Anghiari im oberen Tibertal. Der jüngere Michelangelo, der gerade seinen David vollendet hatte, wurde mit einem weiteren Schlachtengemälde auf einer anderen Wand des gleichen Saals betraut und entschied sich für die Schlacht bei Cascina.

Mona Lisa, 1503–1506. Paris, Louvre

In den Jahren 1503–1506 arbeitete Leonardo auch intensiv am Porträt der Mona Lisa. Einige Quellen belegen, dass die neapolitanische Hausfrau Monna Lisa del Giocondo (geb. Gherardini), Gattin des Francesco di Bartolommeo di Zanobi del Giocondo, für dieses Bild Modell saß. In Lisa Gherardini soll er ein Modell gefunden haben, dessen Antlitz und Lächeln einen einzigartigen, rätselhaften Charme besaß. Er arbeitete an diesem Porträt während eines Teils von vier aufeinander folgenden Jahren und ließ während der Sitzungen Musik aufspielen. Zeit seines Lebens konnte sich Leonardo nicht von dem Bild (Maße 77 × 53 cm) trennen. Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass der Auftraggeber Giuliano di Lorenzo de’ Medici gewesen sei und das Bild eine idealisierte Mutter darstelle. Andere Quellen sollen belegen, dass es sich bei Mona Lisa um den heimlichen Geliebten Salaj handelt, der für das Bild Modell war. Demnach handele es sich bei dem Gemälde eigentlich um die Darstellung eines Mannes. Der Name Mona Lisa sei ein Anagramm zu Mon Salai (dt.: „Mein Salai“). Bereits der erste Biograph von Leonardo, Giorgio Vasari (1511–1574), erwähnte diese These zum Anagramm.

Nach seinem Tod blieb das Werk im Nachlass, wurde mit anderen Gemälden von seinem Schüler Salaj verwaltet und später von Franz I. von Frankreich für viertausend Goldflorin erworben. Seit 1804 ist es im Louvre ausgestellt. Vorübergehend gelangte es in den Besitz von Napoleon, der es in seinem Schlafzimmer platzierte und von dem rätselhaften Lächeln fasziniert war.

Heute ist das Gemälde ein ausgesprochener Publikumsmagnet, das Original ist jedoch nach einem Anschlag im Jahr 1956 nur noch durch Panzerglas zu betrachten. Der Reichtum der Farben hat sich im Lauf der Jahrhunderte verflüchtigt, teils durch Beschädigungen, teils weil der Maler bei seinen Bemühungen um Effekte daran gewöhnt war, seine Figuren auf einem Hintergrund zu modellieren, der im Laufe der Zeit dunkler wurde. Doch selbst in nachgedunkeltem Zustand bleiben die Raffinesse des Ausdrucks und die Präzision und Feinheit der Zeichnung erkennbar.

Die letzten Jahre (1512–1519)

Rom, im Dienste des Vatikans

Inzwischen hatte Papst Julius II. Rom zum Zentrum der italienischen Kunst gemacht. Als ihm 1513 Giovanni de Medici als Leo X. nachfolgte, wurde Leonardo vom jüngeren Bruder des Papstes, Giuliano di Lorenzo de’ Medici, als Künstler nach Rom berufen. Er wurde im Belvedere des Vatikans untergebracht und sah viele alte Freunde wie den Baumeister Donato Bramante oder den Maler Sodoma wieder. Er bekam ein eigenes Atelier mit einem deutschen Mitarbeiter, der jedoch den Auftrag hatte, den Papst, der keine Sympathien für Leonardo hegte, stets über dessen Aktivitäten zu unterrichten.

Die Bedingungen in Rom stellten sich als ungünstig für Leonardo heraus. Vom Papst wurde er nur halbherzig geduldet, ganz anders die jüngeren Künstler Raffael und Michelangelo, die sich durch ihre Arbeiten in den Stanzen und der Sixtinischen Kapelle große Anerkennung erwarben und vom Papst gefördert wurden. Ihre rivalisierenden Anhänger hassten sich gegenseitig und wandten sich erbittert gegen den altgedienten, inzwischen ergrauten Günstling der Medici. Der junge Raffael allerdings bewunderte sein altes Vorbild und hatte ihn Jahre zuvor in seinem großen Fresko Die Schule von Athen als den im Zentrum stehenden Platon verewigt.

Leonardo litt in seinen römischen Jahren nicht nur an Krankheiten, sondern auch an der Hektik und den Intrigen im Vatikan. Zum ersten Mal im Leben fühlte er sich zurückgesetzt und gekränkt, vor allem als man ihn wegen seiner anatomischen Studien bespitzelte und ihm Leichenfledderei und Pietätlosigkeit vorwarf. Insgesamt blieb Leonardo knapp zwei Jahre in Rom und arbeitete kaum als Maler (bis auf den lächelnden Johannes den Täufer), sondern mehr als Ingenieur. Unter anderem arbeitete er an einem Projekt zur Energiegewinnung aus Sonnenlicht. Mit Hilfe eines deutschen Spiegelmachers und eines Metallschmiedes baute er verschiedene Hohlspiegel (Sonnenreflektoren), um mit diesen die Sonnenenergie in Wärme zu verwandeln und kochendes Wasser für eine Färberei zu gewinnen.

Die einzigen aus Leonardos Zeit in Rom bekannten Ingenieurtätigkeiten waren die Arbeiten am Hafen und an den Verteidigungsanlagen von Civitavecchia sowie Aktivitäten zur Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe. Durch weitere umfangreiche anatomische Studien entdeckte Leonardo damals auch die Arteriosklerose bei alten Menschen. Doch seine Aufzeichnungen hierüber wurden nie publiziert und blieben jahrhundertelang verschollen, ebenso seine apokalyptischen Visionen, die später im Codex Atlanticus gefunden wurden.

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Der Codex Atlanticus (italienisch: Codice Atlantico) bezeichnet eine gebundene Sammlung von Zeichnungen, Skizzen und Notizen des italienischen Renaissancekünstlers Leonardo da Vinci (1452–1519).

Den Namen Codex Atlanticus erhielt die Handschrift wegen ihres großen Atlasformats. Um 1780 wurde das Werk in einem Katalog der Biblioteca Ambrosiana als „codice in forma atlantica“ verzeichnet. Das Werk besteht heute aus 1119 Blättern im Format 64,5 × 43,5 cm und befindet sich im Bestand der Biblioteca Ambrosiana in Mailand.

Nach dem Tod Leonis im Jahre 1608 gelangte der Codex in den Besitz des Grafen Galeazzo Arconati, der ihn im Jahre 1637 der Ambrosianischen Bibliothek in Mailand schenkte.  Im Jahr 1795 gelangte das Werk, gemeinsam mit zwölf weiteren Manuskripten Leonardos, als Kriegsbeute Napoleons in die Bibliothek des Institut de France nach Paris und kehrte 1815, nach dem Sturz Napoleons, an die Biblioteca Ambrosiana zurück. 1938 schuf Alfredo Ravasco einen Buchkasten aus Bergkristall und Lapislazuli für die Aufbewahrung des Codex.

In den 1960er Jahren wurde der Band zerlegt, restauriert und neu geordnet, so dass heute alle Zeichnungen auf ein eigenes Blatt montiert sind.  Seit Abschluss der Restaurierung im Jahre 1968 besteht der Codex aus 1119 Blättern, die in zwölf Bänden gebunden sind.

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Inzwischen war sein französischer Gönner Ludwig XII. in den letzten Tagen des Jahres 1514 gestorben. Sein junger und brillanter Nachfolger Franz I. von Frankreich überraschte Europa: Er stieß an der Spitze einer Armee über die Alpen vor, um seine Rechte in Italien geltend zu machen und in der Schlacht von Marignano das Herzogtum Mailand zurückzuerobern. Nach einigem Zögern befahl Leo X. im Sommer 1515 Giuliano de Medici, die päpstlichen Truppen in die Emilia zu führen und die Bewegungen der Invasoren zu beobachten. Leonardo begleitete seinen Mäzen bis nach Florenz, wo Giuliano erkrankte und am 17. März 1516 verstarb. In seiner alten Heimatstadt wurde Leonardo dem neuen französischen König vorgestellt. Der junge Souverän und der alte Künstler und Wissenschaftler verstanden sich gut, und so nahm der Altmeister – nach anfänglichem Zögern – die Einladung des Königs an, seine letzten Jahre in Frankreich zu verbringen, wo ihm ein neues Heim, Ehre und Achtung zugesichert wurden. Abermals packte er alles Hab und Gut (vor allem drei seiner Bilder: Mona Lisa, Johannes und Anna selbdritt) und machte sich mit seinen Schülern Salai und Francesco Melzi auf den langen Weg.

Alterssitz in Frankreich

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Leonardo da Vinci im Schloss Clos Lucé in Amboise, das ihm zusammen mit einer großzügigen Pension überlassen wurde. Der Hof kam oft nach Amboise, und der König erfreute sich regelmäßig der Gesellschaft seines Schützlings. Er erklärte, dass Vincis Wissen in der Philosophie und den schönen Künsten jenseits dessen stehe, was alle Sterblichen wüssten.

Im Frühjahr 1518 hatte Leonardo Gelegenheit, seine alten Talente als Organisator von Festen einzusetzen, als gleichzeitig der Dauphin getauft und eine Medici-Bourbonische Hochzeit gefeiert wurde. Bereits in Rom hatte er einen mechanischen Löwen konstruiert, der sich zum Erstaunen aller Gäste einige Schritte alleine fortbewegen konnte. Unter den Gästen war auch der Kardinal Louis d’Aragon, dessen Sekretär einen Bericht hinterlassen hat, aus dem hervorgeht, dass Leonardo anscheinend an einer Behinderung litt, die die Bewegung seiner Hand beeinträchtigte. Er zeigte dem Kardinal drei seiner Bilder: Mona Lisa, Anna selbdritt und einen jugendlichen Johannes den Täufer. Dieses wahrscheinlich letzte Bild von seiner Hand hat er möglicherweise erst in Frankreich vollendet. Es zeigt das abgedunkelte Bild eines Johannes, der, ein von innen kommendes Lächeln auf den Lippen, prophetisch mit einem Finger aufwärts zeigt. Besonders deutlich wird hier Leonardos Chiaroscuro-Technik.

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Chiaroscuro (italienisch: „hell-dunkel“), Hell-Dunkel-Malerei, auch franz.: Clair-obscur, bezeichnet ein in der Spätrenaissance und im Barock entwickeltes Gestaltungsmittel der Grafik und Malerei, das sich durch starke Hell-Dunkel-Kontraste auszeichnete und sowohl der Steigerung des Räumlichen als auch der des Ausdrucks diente.

Einer der ersten Künstler, die sich mit dem Verhältnis von Lichtquelle zu erhelltem Gegenstand und den Bedingungen von Licht und Schatten intensiv auseinandersetzten, war Leonardo da Vinci. Er unterschied zwischen luce (Leuchtlicht) für das anstrahlende und lumen (Körperlicht) für das vom Beleuchteten ausgehende Licht, sowie natürlichem und künstlichem Licht. Über die Effekte von Helldunkel hob Leonardo den unverhüllten Körper wie das Gesicht hervor, während er für die transparente Atmosphäre einen rauchig-nebligen Schleier weichen Lichtes einsetzte und durch diesen Sfumato Abstufungen des Hintergrundes bis hin zur Auflösung der Konturen erreichte.

Eine besonders dramatische Form – Tenebrismo genannt – entwickelte Caravaggio kurz vor 1600, der hartes, gerichtetes Licht einsetzte, um die Figuren aus der Umgebung herauszuheben und ihre inneren Spannungen gesteigert zum Ausdruck zu bringen. Rembrandt van Rijn nutzte Helldunkeleffekte in vielen seiner Grafiken und Gemälde, insbesondere auch zur Darstellung seelischer Befindlichkeiten. Georges de la Tour, Peter Paul Rubens, Francisco de Zurbarán und Diego Velázquez waren ebenfalls Meister dieser Technik.

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Bis wenige Wochen vor seinem Tod war Leonardo aktiv, sei es als Planer für einen neuen Palast in Amboise, als Projektingenieur für einen großen Kanal (Canal du Centre) zwischen Loire und Saône oder als Zeichner anatomischer Studien oder Architekturstudien in seinen Büchern. Gegen Ende seines Lebens sah der weise Uomo universale das Ende der – von ihm wenig geachteten – Menschheit voraus und malte verschiedene Wasserstudien der Sintflut, die man in seinen Heften fand. Dabei war auch zu lesen:

„Die Luft wird dünner und ohne Feuchtigkeit sein, die Flüsse werden ohne Wasserzufuhr bleiben, das Erdreich nichts mehr wachsen lassen. Die Tiere werden verhungern. Auch den Menschen wird nichts übrig bleiben, als zu sterben. Die einst fruchtbare Erde wird wüst und leer.“

Tod und Nachlass

Leonardo stirbt in den Armen des Königs, gemalt von Jean-Auguste-Dominique Ingres

Grab Leonardos in Amboise

Am Osterabend 1519, dem Tode nahe, machte Leonardo sein Testament. Er bestimmte, dass in drei verschiedenen Kirchen in Amboise Messen gelesen und Kerzen angezündet werden sollten. Er wollte auf dem Friedhof in St. Florentin mit einer Zeremonie, an der sechzig arme Männer als Fackelträger teilnehmen sollten, bestattet werden.

Vasari berichtet von einer Bekehrung und Reue Leonardos auf dem Totenbett. Obwohl viele seiner Meisterwerke christliche Motive zeigen (es waren meistens Auftragswerke), kann über seine Haltung zur Kirche und zur Religion keine Aussage gemacht werden. Von der Kirche wurde er oft verdächtigt, er betreibe magische Künste. Leonardo war jedoch Wissenschaftler und lehnte – im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen – magische Praktiken ab. Grundlage seiner Arbeiten war die Erfahrung. Die Erforschung der Naturgesetze interessierte ihn mehr als religiöse Dogmen; aber wenn er diese erwähnte, tat er es mit Respekt. Nachdem er die Sakramente der Kirche empfangen hatte, starb er am 2. Mai 1519.

König Franz in Saint-Germain-en-Laye soll über den Verlust Leonardos geweint haben, andere Quellen berichten, dass Leonardo in den Armen seines Königs verstarb. Nach einer vorläufigen Bestattung an einem anderen Ort wurden die Gebeine entsprechend seinem Willen am 12. August zum Kloster von St. Florentin gebracht. Im 19. Jahrhundert gingen bei Restaurierungsarbeiten die sterblichen Überreste jedoch verloren, so dass der Verbleib von Leonardos Leichnam bis heute unbekannt ist.

Er hinterließ alle seine Manuskripte und die gesamte Ausstattung seines Ateliers zusammen mit anderen Geschenken seinem Testamentsvollstrecker Francesco Melzi, seinem Diener Battista Villani und Salai jeweils die Hälfte seines Weinbergs außerhalb von Mailand, Geld und Kleider seinem Dienstmädchen Maturina, weiteres Geld den Armen des Hospitals in Amboise und vierhundert Dukaten, die in Florenz hinterlegt waren, seinen Halbbrüdern.

Werk und Würdigung

Sigmund Freud schreibt in seinem Büchlein Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (1910):

„Er glich einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle schliefen.“

Leonardo sah sich vornehmlich als Moral- und Naturphilosoph und benutzte zum Ausdruck seiner Intentionen sowohl die Schrift (Prosa und Dichtung) wie auch das Bild (Gemälde und Skizzen). Er notierte:

„Dichtung hat mit Moralphilosophie zu tun, Malerei mit Naturphilosophie.“

Bedeutung für Kunst und Wissenschaft

Leonardo schuf nicht nur zahlreiche Kunstwerke, sondern außerdem eine große Anzahl von Entwürfen für Gebäude, Maschinen, Kunstgegenstände, Gemälde und Skulpturen, die zu verwirklichen er nie die Zeit fand. Von sich selber sagte er, dass er die Idee mehr liebe als deren Ausführung, und dass er am Anfang einer Tätigkeit bereits ans Ende dächte. Tun und Erkennen waren für ihn gleichermaßen wichtig. Teilweise wurde seine Tatkraft von seinem großen Forschungsdrang gelähmt. Zunächst wollte er lernen, Meisterwerke der Kunst zu schaffen. Mehr und mehr interessierte er sich dann aber für das Wissen über die Natur und war fasziniert von deren Vielfalt und Schönheit und schrieb:

„Für die Ehrgeizigen, die sich weder mit dem Geschenk des Lebens noch mit der Schönheit der Welt zufriedengeben, liegt eine Strafe darin, dass sie sich selbst dieses Leben verbittern und die Vorteile und die Schönheit der Welt nicht besitzen.“

Leonardo verband die Vergilsche Sehnsucht rerum cognoscere causas (die Ursachen der Dinge zu erkennen) mit dem Willen zum sichtbaren Schaffen. Seine Notizbücher, Zeichnungen und Skizzen bestehen aus ca. 6000 Blättern. Zu seinen Lebzeiten wurde insbesondere von seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten nichts veröffentlicht. Erst im 19. und 20. Jahrhundert fanden sich die Manuskripte in Bibliotheken und privaten Sammlungen und wurden somit erst spät gewürdigt.

Er schuf im Laufe seines Lebens eine große Zahl von künstlerisch wertvollen Illustrationen zu verschiedenen Themen wie Biologie, Anatomie, Technik, Waffentechnik, Wasserwirtschaft und Architektur und hinterließ Bauwerke, technische Anlagen und Beobachtungen des Kosmos. Besonders bedeutsam sind seine sehr genauen anatomischen und naturwissenschaftlichen Zeichnungen. Bereits gegen Ende seiner Lebenszeit wurde er als Uomo Universale verehrt und wird auch von heutigen Historikern als eines der außergewöhnlichsten Genies aller Zeiten bezeichnet.

Anatomische Studien

In Florenz, Mailand und Rom betrieb Leonardo umfangreiche anatomische Studien. Er soll mehr als 30 Leichen seziert haben. Dabei kooperierte er meist mit angesehenen Ärzten der Zeit. Auf Fragen nach seinem Tun antwortete er, derlei Studien hälfen ihm in der Malerei, den menschlichen Körper mit seinen Proportionen, seinen sichtbaren Muskeln und seinen anderen anatomischen Details korrekt wiederzugeben. Als Naturwissenschaftler interessierte er sich aber besonders für das Innere des Menschen und entdeckte dabei u. a. die Verkalkung von Gefäßen bei alten Menschen. Besonders faszinierte ihn die Embryologie, er fertigte – wahrscheinlich als erster Mensch überhaupt – Zeichnungen eines Kindes im Mutterleib an.

Auch Leonardos bekannteste Körperstudie – welche heute die italienische 1-Euro-Münze und Krankenkassenscheckkarten ziert – „Der vitruvianische Mensch“, ist eine Art Anatomiestudie. Die Idee dieses Proportionsschemas der menschlichen Gestalt stammt von Vitruv, einem römischen Architekten, Ingenieur und Schriftsteller des 1. Jahrhunderts v. Chr. (daher der Name „Der Vitruvische Mensch“.). Allerdings hat Leonardo nur den Mittelpunkt des Kreises in den Nabel gelegt, den des Quadrates – aus welchen Gründen auch immer – jedoch in den Genitalbereich.

Wissenschaftliche Arbeiten

Im fortgeschrittenen Alter beschäftigte sich Leonardo neben der Anatomie besonders eingehend mit Botanik, Geometrie, Mathematik und Geologie. Vor allem faszinierte ihn das Wasser.

Er versuchte zu ergründen, warum es Wolken gibt, warum es regnet, warum Wasser fließt, warum es Wellen, Ebbe und Flut gibt und warum man auf Bergen Muscheln findet. Er konstruierte Boote und das erste U-Boot, baute hydraulische Anlagen zur Bewässerung und Kanalisation. Er experimentierte mit Pflanzen und Wasser, um die Bedingungen für das Pflanzenwachstum zu ergründen. In vielen Zeichnungen versuchte er die Bewegung des Wassers festzuhalten. Interessanterweise sind fast alle Hintergründe seiner Bilder Landschaften mit Wasser. Als erster erkannte er die Kugelgestalt eines Wassertropfens und somit die Oberflächenspannung des Wassers und hielt seine Erkenntnisse im „Codex Leicester“ fest, in dem unter anderem zu lesen ist:

„Das Wasser ist zum Lebenssaft dieser trockenen Erde bestimmt. Auch findet man das Wasser bald sauer, bald scharf, bald herb und bald bitter, bald süß, bald dick oder dünn, bald schädlich oder verderblich, bald heilsam oder giftig.“[15]

Leonard zeichnete Landschaften und hat unter anderem einen Satz von sechs groß angelegten genauen Karten hinterlassen, die fast das ganze Territorium der Maremma, der Toskana und Umbriens zwischen dem Apennin und der Tyrrhenischen See abdecken. Darüber hinaus hat er Pläne zur Umleitung des Flusses Arno ausgearbeitet, die jedoch nicht ausgeführt wurden. Besonders bekannt ist sein Stadtplan von Imola. Die meisten von Leonardos kartografischen Werken befinden sich in der Sammlung der britischen Königin auf Schloss Windsor sowie im Codex Atlanticus in der Ambrosiana in Mailand.

In seinen Studien zur Architektur ging Leonardo der Frage nach, wie man einem Gebäude Kapellen und Nischen anfügen könne, ohne die Symmetrie des Gebäudekerns zu zerstören. Dem Mathematiker Hermann Weyl zufolge entdeckte Leonardo dabei ein mathematisches Resultat, das heute als Satz von Leonardo genannt wird und in dem die Frage nach der Struktur gewisser endlicher Isometriegruppen beantwortet wird.

Um ihn als Wissenschaftler zu ehren, wurde von der IAU 1935 der Mondkrater da Vinci und 1973 der Marskrater da Vinci nach ihm benannt. Gleiches gilt für die im Jahr 1960 durch das UK Antarctic Place-Names Committee vorgenommene Benennung des Leonardo-Gletschers im Grahamland auf der Antarktischen Halbinsel.

Als Ingenieur war Leonardo ein Pionier und seiner Zeit weit voraus. Seine Intention war, Maschinen (und Waffen) zur Entlastung des Menschen bei seiner Arbeit und Kriegsführung zu schaffen, sozusagen: „die Produktivität zu erhöhen“. Im Laufe der Zeit nahmen seine wissenschaftlichen Forschungen und sein durch Studium angeeignetes Wissen über Naturkräfte, die er zum Nutzen der Menschheit einsetzen wollte, immer mehr an Bedeutung zu. Jahrzehntelang skizzierte er beispielsweise Fluggeräte, die den heutigen Hubschraubern gleichen.

Um 1505 ließ Leonardo am Monte Ceceri bei Fiesole, im Nordosten von Florenz, Flugübungen mit einem Segelfluggerät durchführen. Die Versuche scheiterten, und er notierte in seinem Manuskript „Kodex über den Vogelflug“, dass sich sein Assistent Tommaso Masini dabei ein Bein oder einige Rippen brach.

Er konstruierte auch Zahnräder und Getriebe. Viele seiner Geräte wurden inzwischen nachgebaut. Beispielsweise wurde seine Skizze „Wunder der Kunst des mechanischen Getriebes“ als Kunstwerk und als Unendlichkeitsmaschine für didaktische Zwecke im Dynamikum realisiert.

In jüngerer Zeit wurden Entwürfe Leonardos für moderne Bauwerke umgesetzt, so z. B. die Leonardo-da-Vinci-Brücke in Ås bei Oslo, die Funktionalität mit großer Schönheit vereinigt. Eine Leonardo-Brücke, die ohne mechanische Befestigung auskommt, wurde 2005 vorübergehend in Freiburg im Breisgau aus Holz errichtet. Auch andere Leonardo-Konstruktionen werden realisiert. So versuchen Wissenschaftler, einen Roboter aufgrund von in verschiedenen Manuskriptseiten gefundenen Hinweisen zu bauen. Ihm selbst fehlten vor allem die mathematischen Kenntnisse und die finanziellen Mittel zur Verwirklichung einiger seiner Erfindungen. Andere waren der Zeit so weit voraus, dass sie erst im 20. Jahrhundert (ohne Rückgriff auf Leonardo) „erfunden“ wurden.

Leonardo wurde auch die Erfindung des Fahrrades zugeschrieben. Die Fahrradzeichnung, welche um 1970 gefunden wurde, hat sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Fälschung erwiesen.

Für die malerische Teildisziplin Farbenlehre gilt Leonardo als frühester Wegbereiter. Er beschrieb in seinen Notizen über Kunst und Malerei farbharmonische Phänomene wie den Simultankontrast und die Komplementärfarben. Im Regenbogen sah er eine Offenbarung der Harmoniegesetze durch die Natur. Auch die später von Goethe entwickelte Farbpsychologie nahm Leonardo insofern schon vorweg, als er Farbdisharmonien als unholde Gesellschaft beschrieb. Er vereinte sein Wissen über Licht und Schatten mit den alten Florentiner Stärken der linearen Zeichnung und des psychologischen Ausdrucks und schuf auf dieser Grundlage seine Meisterwerke. Er entwickelt die Sfumato-Technik zu seinem Markenzeichen, wobei er Ölfarben kreierte und diese mit äußerster Geduld schichtweise und in Abstufungen auftrug. Wie es ihm gelang, sein Verständnis von Licht und Schatten in die Malerei einzubringen, ist bis in die heutige Zeit in der Kunst ein wichtiges Thema. Eindrucksvolle Beispiele hierfür sind seine Gewänderfaltenstudien und sein letztes Bild Johannes der Täufer, der in einem magischen Licht erscheint. Einzigartig sind Leonardos Skizzen von Gesichtern, die meist als Vorstudien für Gemälde entstanden sind:

Es wird vermutet, dass Leonardo beabsichtigte, eine Enzyklopädie zu verfassen, die das Wissen seiner Zeit zusammenführen sollte. Skizzen und Entwürfe, Ideen und Gedanken notierte er in seinen Notizbüchern (Codices) meist völlig ungeordnet, scheinbar sprunghaft, gerade da, wo er Platz fand. Ein Zeitzeuge berichtet, dass Leonardo ein kleines Notizbuch stets an seinem Gürtel trug.[24]

Texte und Kommentare verfasste Leonardo in Spiegelschrift. Die Erklärung dafür ist umstritten. Eine Vermutung ist, dass dies ein Ausdruck seiner ausgeprägten Linkshändigkeit war. Eine andere Annahme besagt, er habe die Spiegelschrift benutzt, um seine Ideen nicht sofort allgemein zugänglich zu machen. Zu seiner Zeit gab es noch keinen rechtlichen Schutz der Urheberschaft an Erfindungen (wie das heutige Patentrecht). Gilden und Geheimbünde übertrugen das Wissen vom Meister auf den Lehrling.

Leonardos Notizbücher, die nach dem Tod des Künstlers in den Besitz der Adelsfamilie Melzi gelangten, gingen als Gesamtwerk verloren. Bücher und einzelne Blätter wurden verkauft oder verschenkt und sind heute weltweit verstreut.

Viele seiner Notizen sind Reflexionen über die Welt und den darin lebenden Menschen, oft mit einem Hang zum Sarkasmus und zum Makabren, was sich auch in den zeichnerischen „Menschenstudien“ niederschlug, ganz im Gegensatz zur Ästhetik der Gesichter in seinen Bildern. Auf seine Zeitgenossen war er überhaupt nicht gut zu sprechen:

„Zahlreich sind jene, die sich als einfache Kanäle für die Nahrung, Erzeuger von Dung, Füller von Latrinen bezeichnen könnten, denn sie kennen keine andere Beschäftigung in dieser Welt. Sie befleißigen sich keiner Tugend. Von ihnen bleiben nur volle Latrinen übrig.“

Leonardo drückte komplexe Zusammenhänge oft in Form von Aphorismen aus, beispielsweise:

„Jede unserer Erkenntnis beginnt mit den Sinnen.“

„Das Flusswasser, das du berührst, ist das letzte von dem, was weggeflossen ist, und das erste von dem, das heranfließt. So ist die Gegenwart.“

„Jeder Teil strebt danach, in seinem Ganzen zu sein, in dem er sich besser fühlt. Jeder Teil neigt dazu, sich wieder mit seinem Ganzen zu vereinigen, um seiner Unvollkommenheit zu entgehen.“

„Jeder Teil eines Dings enthält etwas von der Natur des Ganzen.“

„So wie ein gut angewendeter Tag frohen Schlaf bringt, so bringt ein gut verbrachtes Leben heiteren Tod.“

„Aus dem Tod anderer machen wir unser Leben. In allem Toten bleibt fühlloses Leben, das, sowie es die Mägen der Lebenden erreicht, wieder zu empfindlichem und geistigem Leben wird.“

„Wenn auch der menschliche Geist durch vielfache Erfindungen mit verschiedenen Instrumenten auf dasselbe Ziel zugeht, nie wird er eine Erfindung machen, die schöner, leichter und kürzer wäre als die Natur.“

„Das ist ein armseliger Schüler, der seinen Lehrer nicht übertrifft.“

„Wer wenig denkt, irrt viel.“

Rätsel

Vor allem in seiner Zeit am Hofe in Mailand schrieb Leonardo auch viele Rätsel, mit denen er die Gesellschaft der Hoffeste unterhielt, beispielsweise:

„Die Menschen werden ihre eigenen Vorräte wegwerfen. (Des Rätsels Lösung: beim Säen.)“

Prophezeiungen

Eindrücklich sind die Prophezeiungen, die er im Alter schrieb:

„Auf der Erde wird man Geschöpfe sich unaufhörlich bekämpfen sehen, mit sehr schweren Verlusten und zahlreichen Toten auf beiden Seiten. Ihre Arglist kennt keine Grenzen. In den riesigen Wäldern auf der Welt fällen ihre grausamen Mitglieder eine riesige Zahl an Bäumen. Sind sie erst mit Nahrung vollgestopft, wie wollen sie ihr Bedürfnis befriedigen, jedem lebenden Wesen Tod, Trübsal, Verzweiflung, Terror und Exil zuzufügen … O Erde! Worauf wartest du, um dich zu öffnen und sie in die tiefen Spalten deiner großen Abgründe und deiner Höhlen zu reißen und dem Angesicht des Himmels ein so grausames und furchtbares Monster nicht mehr zu zeigen!“

Veranstaltung vom 18.04.2018

Michelangelo Buonarroti, Kurzform Michelangelo (vollständiger Name Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni; 1475 in Caprese, Toskana, Provinz Arezzo; † 1564 in Rom). Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der italienischen Hochrenaissance und weit darüber hinaus.

Michelangelo stammte aus einer angesehenen Bürgerfamilie in Florenz, die zur Partei der Guelfen (Parteigänger des Papstes) gehörte. Er war der zweite Sohn des Lodovico di Leonardo Buonarroti Simoni und der Francesca di Neri und wurde am 6. März 1475 in Caprese in der heutigen Provinz Arezzo geboren, wo sein Vater für ein Jahr als Stadtvogt amtierte. Danach zog seine Familie nach Florenz zurück. Getauft wurde er am 8. März 1475 in der Kirche San Giovanni zu Caprese. Michelangelo hatte vier Brüder: Lionardo (1473–1510), Buonarroto (1477–1528), Giovansimone (1479–1548) und Sigismondo (1481–1555). Seine Amme war die Frau eines Steinmetzen aus Settignano bei Florenz. Michelangelos Mutter starb, als er sechs Jahre alt war; sein Vater heiratete in zweiter Ehe 1485 Lucrezia Ubaldini (gest. 1497).

Um 1482 kam Michelangelo in die Lateinschule des Francesco da Urbino. Schon als Junge wollte er gegen den Widerstand seines Vaters Künstler werden. Nach einem heftigen Streit siegte sein Wille über den Stolz seines Vaters, und so wurde er mit 13 Jahren bezahlter Schüler in der Werkstatt von Domenico Ghirlandaio (1448-1494). Bei ihm studierte Michelangelo die Grundlagen der Freskokunst, mit der er zwanzig Jahre später in Rom reüssierte. Wie alle florentinischen Künstler seiner Zeit lernte er auch in der Brancacci-Kapelle der Kirche Santa Maria del Carmine in Florenz, der sog. „Sixtinische Kapelle der Frührenaissance“.

Obwohl sich Michelangelo zunächst der Malerei zuwandte, war er mehr der Bildhauerei zugeneigt. Noch vor Ende seiner Ausbildungszeit als Maler trat er 1489 in die Kunstschule des florentinischen Bankiers und Politikers aus dem Hause der Medici Lorenzo il Magnifico ein. Die Leitung hatte Bertoldo di Giovanni inne, ein Schüler des berühmten Bildhauers Donatello. Das in dieser Zeit entstandene Marmorrelief Kentaurenschlacht gilt als das älteste erhaltene bildhauerische Werk Michelangelos, da die Zuschreibung des Reliefs Madonna an der Treppe umstritten ist. Lorenzo de’ Medici behandelte Michelangelo wie seinen eigenen Sohn und förderte ihn in Kunst und Philosophie. Bei einem Streit schlug ihn sein Mitschüler Torrigiano ins Gesicht und entstellte ihn, was dazu führte, dass Michelangelo sein ganzes Leben hindurch unter seiner „Hässlichkeit“ litt. Michelangelo ist durch diese und andere erlittenen Kränkungen in depressive Krisen gestürzt. Jedoch ist er aus diesen gestärkt hervorgegangen, wovon seine grandiosen Werke zeugen.

Studienaufenthalt in Bologna

Michelangelo hatte der Schule und dem Haushalt der Medici kaum drei Jahre angehört, als sein berühmter Mäzen Lorenzo starb. Dessen Sohn Piero di Lorenzo de’ Medici erbte die Stellung, aber nicht die Qualitäten seines Vaters. Florenz rieb sich bald an seiner Herrschaft, und gegen Herbst 1494 wurde offensichtlich, dass ihm und seinen Anhängern eine Katastrophe drohte. Michelangelo war von Natur aus plötzlichen und dunklen Vorahnungen ausgesetzt; eine davon ergriff ihn nun, und ohne den bald folgenden Aufstand des Volks abzuwarten, setzte er sich mit zwei Begleitern nach Bologna ab.

Nach rund einem Jahr, als die Arbeit in Bologna scheiterte und in Florenz sein Name während seiner Abwesenheit auf eine Liste von Künstlern gesetzt worden war, die einen neuen Versammlungssaal für den Großen Rat in Florenz ausstatten sollten, kehrte Michelangelo nach Hause zurück.

Rückkehr in das Florenz unter Savonarola

Nach der Machtübernahme durch Savonarola im Jahr 1494, die den ganzen Charakter des bürgerlichen Lebens in Florenz verändert hatte, erhielt Michelangelo keine Aufträge von der Stadtregierung.

Michelangelo kam das erste Mal Ende Juni 1496 nach Rom. Schließlich gewann Michelangelo die Gunst des Kardinals Jean Bilhères de Lagraulas (auch Jean de Villiers de La Groslaye), Abt von St. Denis und Kardinalpriester von Santa Sabina, von dem er den Auftrag für die Pietà von St. Peter bekam. Die Pietà ist die einzige Statue Michelangelos, die er signierte, was auf die Bedeutung hinweist, die sie für den Künstler selbst hatte. Über der Brust der Madonna liegt diagonal ein Band, auf dem die Worte eingemeißelt stehen: MICHAEL ANGELUS. BONAROTUS. FLORENT. FACIEBA[T].

Zweite Rückkehr nach Florenz

Ein Werk größeren Interesses in Florenz bestand in der Ausführung der kolossalen Statue des David. Sie wurde aus einem riesigen Marmorblock gehauen, den ein anderer Bildhauer, Agostino di Duccio, 40 Jahre zuvor erfolglos zu bearbeiten begonnen hatte und der seitdem nutzlos herumlag. Es gelang Michelangelo, ohne Rücksichtnahme auf die traditionelle Behandlung des Themas oder den historischen Charakter seines Helden, einen jugendlichen, düsteren Koloss herauszumeißeln, wachsam gespannt und ausgeglichen vor seiner großen Tat.

Das Ergebnis beeindruckt durch die freie und gleichzeitig präzise Ausführung und die triumphierende Kraft des Ausdrucks. Die besten Künstler von Florenz sollten gemeinsam den Ort zur Aufstellung der Statue festlegen. Sie einigten sich schließlich auf die Terrasse des Palastes der Signoria gegenüber der Loggia dei Lanzi. Michelangelos David behielt hier seinen Platz, bis er 1882 zu seinem Schutz in einen Saal der Akademie der Künste versetzt wurde, wo er unvermeidlich eingeengt erscheint; nur eine Kopie des Werkes befindet sich heute vor der Signoria. Nach einer Serie leichter Erdbeben in der Toskana kündigte der Kulturminister Italiens 2014 an, die Statue mit einem erdbebensicheren Sockel auszustatten.

Weitere Bildhauereiarbeiten aus derselben Periode: ein zweiter David in Bronze und in kleinerem Maßstab, in Auftrag gegeben von Marschall Pierre Rohan und von dem jungen Meister Benedetto da Rovezzano zur Vollendung übergeben, der ihn 1508 nach Frankreich versandte; ein großartiger, grob behauener Sankt Matthäus für die Kathedrale von Florenz, den er begann, aber nie vollendete; eine Madonna mit dem Kinde im Auftrag eines Händlers aus Brügge sowie zwei unvollendete Basreliefs über das gleiche Thema.

Auch als Maler war Michelangelo zur selben Zeit keineswegs müßig, sondern schuf für seinen und Raffaels gemeinsamen Patron Angelo Doni die Heilige Familie (Tondo Doni, Tempera auf Holz), die sich heute in den Uffizien befindet. Im Herbst 1504, als er den David vollendete, beauftragte ihn die Florentiner Regierung mit einem Monumentalgemälde. Leonardo da Vinci war engagiert worden, seinen großartigen Karton der Schlacht von Anghiari auf die Wände des großen Saals des Stadtrats zu malen. Der Gonfaloniere Piero Soderini stellte nun für Michelangelo die Bestellung eines begleitenden Werks sicher.

Michelangelo wählte ein Ereignis von 1364 in der Schlacht von Cascina während des Kriegs mit Pisa, als die Florentiner Soldaten vom Feind während des Badens überrascht wurden. Mit gewohntem Schwung machte er sich an die Aufgabe und hatte einen großen Teil des Kartons vollendet, als er Anfang Frühjahr 1505 die Arbeit abbrach, um eine Berufung nach Rom durch Papst Julius II. anzunehmen.

Sein souverän gestalteter, unvollendeter Karton zeigt, wie sehr Michelangelo vom Vorbild seines älteren Rivalen Leonardo profitiert hatte. Michelangelos Jugendwerke sind zum größten Teil vergleichsweise ruhig im Charakter. Seine frühe Bildhauerei übertrifft die Werke der Antike in ihrer Wissenschaft und Perfektion und strahlt dennoch antike Abgeklärtheit aus. Sie ist von intellektueller Forschung, nicht von Aufruhr oder Anstrengung geprägt. Auf dem Karton der Badenden kamen erstmals die Qualitäten zum Ausdruck, die später sprichwörtlich mit Michelangelo assoziiert wurden, seine furia und terribilità, die seine unvergleichliche technische Meisterschaft und sein Wissen begleiten. Mit Michelangelos Abreise nach Rom Anfang 1505 kann die erste Phase seiner Karriere als beendet gelten.

Zweiter Aufenthalt in Rom (1505 bis 1506)

Kurz nach seiner Ankunft in Rom erhielt Michelangelo von Papst Julius II. einen angemessenen Auftrag. Der eigenwillige und unternehmensfreudige Geist hatte die Idee zu einem Grabmonument, das ihn rühmen und nach seinem Tode feiern sollte, das jedoch noch zu Lebzeiten und nach eigenen Plänen auszuführen war. Nach Annahme von Michelangelos Entwurf verbrachte der Künstler den Winter 1505/1506 in den Steinbrüchen von Carrara und überwachte den Aushub und die Lieferung des Marmors. Im Frühjahr kehrte er nach Rom zurück, und als der Marmor ankam, machte er sich energisch an die Vorbereitung der Arbeit. Für eine Weile verfolgte der Papst den Fortschritt gespannt und war voller Güte für den jungen Bildhauer. Aber dann wechselte seine Stimmung. In Michelangelos Abwesenheit hatte Julius Donato Bramante – kein Freund Michelangelos – ausgewählt, um einen neuen architektonischen Plan auszuführen: den Neubau der Peterskirche. Dem Einfluss und der Böswilligkeit Bramantes schrieb Michelangelo die ihm nun zukommende unwillkommene Einladung zu, das große bildhauerische Werk zu unterbrechen, um die Sixtinische Kapelle mit Fresken zu dekorieren.

Dritte Rückkehr nach Florenz

Bald wurden die Gedanken Julius’ von Kriegsplänen und Eroberungen abgelenkt. Eines Tages hörte Michelangelo ihn bei Tisch zu seinem Juwelier sagen, dass er kein Geld mehr für Steine auszugeben gedenke, ob klein oder groß. Zum Unbehagen des Künstlers trug noch bei, dass er, als er persönlich erschien, um Zahlungen einzufordern, Tag für Tag vertröstet und schließlich mit wenig Höflichkeit entlassen wurde. Darauf ergriff ihn seine dunkle Stimmung. Überzeugt, dass nicht nur seine Beschäftigung, sondern auch sein Leben in Gefahr sei, verließ er plötzlich Rom, und bevor die Boten des Papsts ihn einholen konnten, war er im April 1506 auf sicherem Florentiner Territorium.

Nachdem er wieder zuhause war, überhörte er jeglichen Antrag aus Rom wegen einer Rückkehr und blieb den Sommer über in Florenz. Womit er beschäftigt war, weiß man nicht bestimmt, aber anscheinend unter anderem mit der Fortsetzung des großen Schlachtengemäldes.

Julius-Skulptur in Bologna

Während desselben Sommers plante und führte Julius den siegreichen Feldzug durch, der in seinem widerstandslosen Einzug an der Spitze seiner Armee in Bologna endete. Michelangelo ließ sich überzeugen, sich unter sicherem Geleit und Versprechen erneuter Gunst dorthin zu begeben. Julius empfing den Künstler freundlich, denn in der Tat bestand zwischen den beiden vulkanischen Naturen eine natürliche Affinität. Er verlangte von ihm sein eigenes Bildnis in Bronze, das als Symbol seiner erobernden Autorität über den Haupteingang der Basilika San Petronio gesetzt werden sollte.

In den nächsten fünfzehn Monaten widmete Michelangelo seine ganze Kraft dieser neuen Aufgabe, doch der gezahlte Preis ließ ihm kaum etwas zum Leben. Außerdem war er in der Technik der Metallbearbeitung unerfahren, und ein Assistent, den er aus Florenz hatte herbeirufen lassen, stellte sich als aufsässig heraus und musste entlassen werden. Trotzdem setzte sich sein Genie gegen alle Schwierigkeiten durch, und am 21. Februar 1508 wurde der majestätische Bronzekoloss des sitzenden Papstes mit Robe und Zepter, mit einer Hand die Schlüssel greifend und die andere in einer Geste der Segnung und des Kommandos ausgestreckt, zu seinem Platz über dem Kirchenportal gehoben.

Drei Jahre später wurde die Skulptur in einer Revolution zerstört. Das Volk Bolognas erhob sich gegen die Autorität des Papstes; seine Delegaten und Anhänger wurden verjagt und das Bildnis von seinem Platz geschleudert. Das Werk Michelangelos wurde höhnisch durch die Straßen geschleift, zerschlagen und die Bruchstücke in den Ofen geworfen.

Dritter Aufenthalt in Rom

Sixtinische Kapelle – Decken- und Wandmalereien

Decke der Sixtinischen Kapelle

Inzwischen war der Künstler nach der Beendigung der Arbeit seinem versöhnten Meister nach Rom zurückgefolgt. Hier erwartete ihn jedoch nicht die Weiterführung des päpstlichen Grabmals, sondern die Ausführung einiger Malereien in der Sixtinischen Kapelle, was vor seiner Abreise in Frage gestellt worden war. Er behauptete immer, die Malerei sei nicht sein Geschäft; er war sich der Hoffnungen seiner Feinde bewusst, dass eine große Unternehmung in Freskomalerei seine Fähigkeiten übersteigen würde; und er ging das Projekt mit Bedenken und Widerwillen an. Tatsächlich ist dieses ihm aufgedrängte Werk bis heute sein wichtigster Ruhmestitel geworden.

Seine Geschichte ist die eines unbeugsamen Willens und fast übermenschlicher Energie, wenn auch sein Wille sich kaum jemals durchsetzen konnte und seine Energie immer mit den Umständen kämpfte. Das einzige Werk seines ganzen Lebens, das er entsprechend seiner ursprünglichen Vorstellung vollenden konnte, war die Dekoration der Sixtinischen Decke. Der erste Plan des Papstes umfasste lediglich die zwölf Apostel. Michelangelo begann entsprechend, konnte sich aber nicht mit so Dürftigem zufriedengeben und schlug stattdessen einen Entwurf mit vielen hundert Figuren vor, die die Geschichte der Schöpfung bis zur Sintflut verkörpern sollten, mit zusätzlichen Bildnissen von Propheten und Sibyllen und den Vorvätern Christi.

Das Ganze sollte durch ein ausgefeiltes Rahmenwerk aus gemalter Architektur eingefasst und unterteilt werden, mit einer Vielzahl namenloser menschlicher Gestalten, die zwischen dem statischen Rahmenwerk und den großen dramatischen und prophetischen Szenen vermitteln sollten. Der Papst gewährte dem Künstler die Freiheit, nach seinen Vorstellungen zu verfahren. Gegen Mai 1508 waren die Vorbereitungen in der Kapelle beendet, und die Arbeit begann. Später im selben Jahr berief Michelangelo ein paar Assistenzmaler aus Florenz. In den Traditionen der früheren Florentiner Schule ausgebildet, waren sie anscheinend nicht in der Lage, Michelangelos Entwürfe in Fresko entweder genügend frei oder hinreichend gleichförmig auszudeuten, um ihn zufriedenzustellen. Jedenfalls entließ er sie bald und führte den Rest der kolossalen Aufgabe alleine durch, abgesehen von notwendiger, rein mechanischer Hilfe.

Die körperlichen Bedingungen der anhaltenden Arbeit mit dem Gesicht nach oben an dieser weit ausgedehnten Deckenfläche waren extrem ungünstig und aufreibend. Nach viereinhalb Jahren mühseliger Arbeit war die Aufgabe vollendet. Michelangelo war während seines Fortschreitens gleichermaßen durch Zahlungsverzögerungen und durch feindliche Intrigen geplagt worden, indem seine Gegner Zweifel an seinen Fähigkeiten aufwarfen und die Überlegenheit Raffaels rühmten. Dieser sanfte Geist wäre von Natur aus kein Feind gewesen, aber unglücklicherweise verhinderte Michelangelos launisches, auf sich selbst konzentriertes Temperament eine Freundschaft zwischen den beiden Künstlern, die den Unfriedenstiftern hätte Einhalt gebieten können.

Einmal zwang ihn ein dringender Bedarf an Geldern zur Förderung des Projekts, seine Arbeit für einen Moment zu unterbrechen und seinen rücksichtslosen Patron bis nach Bologna zu verfolgen. Dies war zwischen September 1510, als die große Reihe der Themen entlang dem Zentrum des Gewölbes fertiggestellt war, und Januar 1511, als der Meister sich wieder an die Arbeit machte und anfing, die komplizierten seitlichen Räume seines dekorativen Plans auszufüllen.

Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle)

Die Hauptfläche der Sixtinischen Decke bildet das die Kapelle überlagernde Tonnengewölbe und teilt sich in vier größere Felder auf, die sich mit fünf kleineren Feldern abwechseln. Folgenden Themen werden in dieser Reihenfolge von Michelangelo behandelt:

1. die Scheidung des Lichts von der Dunkelheit;

2. Schöpfung von Sonne, Mond und Sternen;

3. Schöpfung der Wasser;

4. Erschaffung des Mannes;

5. Erschaffung der Frau;

6. Versuchung und Vertreibung aus dem Paradies;

7. das Opfer Noahs;

8. die Sintflut;

9. die Trunkenheit Noahs.

Die Figuren in den letzten drei Szenen sind in kleinerem Maßstab als die der ersten sechs. In den Feldern 1, 3, 5, 7 und 9 ist das Bildfeld durch das architektonische Rahmenwerk mit seinen sitzenden Paaren von Unterstützen – gewöhnlich als Sklaven oder Atlasse bekannt – eingeengt.

Diese kleineren Kompositionen flankierend, befinden sich entlang der seitlichen Flächen zwischen der Gewölbekrone und den Mauern an den Seiten sitzende Figuren, abwechselnd Propheten und Sibyllen. Die sitzenden architektonischen Figuren sind großartig in der Vielfalt ihrer Posen und strahlen viel Lebenskraft aus.

Die Arbeitsweise des Deckenfreskos der Sixtinischen Kapelle im Vatikan ist relativ simpel. Es wurden dazu Kartons mit den Entwürfen, die Michelangelo zuvor im Maßstab 1:1 aufgezeichnet und in die er an den wichtigsten Stellen Löcher gemacht hatte, auf den noch feuchten Putz aufgelegt und mit Kohlestaub an den Löchern bearbeitet. Danach wurden die Schablonen wieder abgenommen, und er konnte sich beim Malen auf die Markierungen konzentrieren.

Zwei weitere Propheten werden an den Enden der Reihe eingeführt, so dass es insgesamt sieben Propheten und fünf Sibyllen gibt. Die Dreiecke rechts und links der Propheten an den beiden Enden enthalten den Tod Goliaths, den Tod des Holofernes, die dreiste Schlange und die Bestrafung Hamans. In den zwölf Lunetten über den Fenstern sind Gruppen der Vorfahren Christi, deren Namen mit Inschriften bezeichnet sind, und in den zwölf Dreiecken über ihnen (zwischen den Propheten und Sibyllen) andere verwandte Gruppen, hockend oder sitzend. Letztere sind in vergleichsweise einfachen menschlichen Handlungen gezeigt – erhöht, aber nicht verfälscht.

Das Werk spiegelt alle Fähigkeiten Michelangelos auf ihrem Höhepunkt wider. Der Künstler scheint im Laufe der Arbeit an Souveränität gewonnen zu haben. Offenbar hat er mit dem chronologisch letzten Thema begonnen, der Trunkenheit Noahs, und rückwärts gearbeitet, wobei er ab dem vierten Thema (Versuchung durch die Schlange und Vertreibung aus dem Paradies) den Maßstab seiner Figuren vergrößert zu haben scheint, um die Wirkung zu verbessern. Absolutes Spitzenwerk aber behauptet das Fresko der „Erschaffung Adams“, das man abertausend Mal publiziert findet in der Welt und eine qualitative Steigerung aller Figuren verkörpert.

Michelangelo hat durch seine enorme Persönlichkeit und kraftvolle Malerei einen hohen Einfluss auf sämtliche Maler seiner Zeit ausgeübt. Manche aber sind in plumpen Übertreibungen und Klobigkeiten verharrt und konnten dem Vorbild in seiner Größe und Kraft in keiner Weise nahekommen. Einige wenige aber zeigten eine gewisse Unabhängigkeit und entwickelten dadurch Bilder von starker Ausdruckskraft.

Julius-Grabmonument

Teilansicht des Grabmonuments

Kaum war die Sixtinische Kapelle vollendet, nahm Michelangelo die Arbeit an dem Marmor für Julius’ Monument wieder auf. Aber nach nur vier Monaten starb Julius. Seine Erben gingen sofort (im Sommer 1513) einen neuen Vertrag mit Michelangelo für eine verkleinerte Ausführung des Monuments ein. Die ursprünglichen Pläne sind unbekannt. Wir wissen nur, dass das Monument in einer der Kapellen von St. Peter stehen sollte, losgelöst von der Wand, viereckig und frei, was in der bisherigen Grabarchitektur der Renaissance unbekannt war.

Auch der neue Plan war noch umfangreich und prachtvoll. Er sah eine große dreiseitige Struktur mit zwei Stockwerken vor, hervorstehend von der Kirchenwand, und an seinen drei freien Seiten mit Statuen geschmückt. Im oberen Stock sollte die Kolossalfigur des Papstes liegen, mit einer Vision der Jungfrau mit dem Kind über ihm, klagenden Engeln an den Seiten, Propheten und Allegorien in den Ecken – insgesamt 16 Figuren. Im unteren Stock waren 24 Figuren in Nischen und auf vorstehenden Sockeln vorgesehen: in den Nischen Sieger; vor den Endpilastern zwischen ihnen Sklaven oder Gefangene, die anscheinend entweder eroberte Provinzen oder Künste und Wissenschaften in Sklaverei nach dem Tod ihres Patrons symbolisieren.

Ein sehr beschädigter und umstrittener Entwurf des Meisters in Berlin, mit einer Kopie von Sacchetti, soll den Entwurf in diesem Stadium der Verkleinerung darstellen. Das gesamte Werk sollte innerhalb von neun Jahren fertiggestellt werden. Während der nächsten drei Jahre scheint Michelangelo wenigstens drei der versprochenen Figuren vollendet zu haben, für die Blöcke aus Carrara schon im Juli 1508 in Rom angekommen waren. Neben David sind dies seine berühmtesten überlieferten Skulpturen, der Moses, seit 1545 in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom, und die beiden Sklaven im Louvre.

Moses, ursprünglich für eine der Seiten im oberen Stock vorgesehen, ist nun auf Augenhöhe platziert: im Zentrum der Hauptansicht des Monuments, wie es schließlich, in einem reduzierten und geänderten Maßstab, von Michelangelo und seinen Assistenten in hohem Alter beendet wurde. Der Prophet, der vom Berg Sinai hätte herabkommen und die Israeliten das goldene Kalb anbeten sehen sollen, sitzt stark bärtig und eingehüllt, lediglich mit enthülltem linkem Arm, seinen Kopf erhoben und nach links gewandt, seine linke Hand auf dem Schoß und die rechte die Gesetzestafeln greifend. Das Werk ist, abgesehen von ein oder zwei Stellen, äußerst vollendet, und die Statue sieht aus wie einer der Propheten der Sixtinischen Decke in Marmor gehauen – eine Inkarnation majestätischer Entrüstung und Bedrohung.

Die zwei Sklaven im Louvre sind junge männliche Figuren von gleichermaßen perfekter Ausführung, bis auf das Band auf der Brust des einen und am rechten Bein des anderen nackt. Der eine, mit der linken Hand an den Kopf erhoben und der rechten an die Brust gepresst, die Augen fast geschlossen, scheint den Qualen des Todes zu erliegen. Der andere, mit den Armen hinter dem Rücken, schaut nach oben, hoffnungslos kämpfend. Alle drei Figuren wurden zwischen 1513 und 1516 beendet.

Rückkehr nach Florenz

Plan für die Fassade von San Lorenzo

San Lorenzo in Florenz. Links die Biblioteca Laurenziana nach Plänen Michelangelos

1513 war Kardinal Giovanni de Medici unter dem Titel Leo X. Julius II. auf dem Papstthron nachgefolgt. Etwa zur selben Zeit hatten die Medici, auch durch Gewalt und Betrug, ihren Einfluss in Florenz wiederhergestellt, indem sie die freien Institutionen stürzten, die seit den Tagen Savonarolas vorgeherrscht hatten. Auf der einen Seite war diese Familie traditionell Freund und Patron Michelangelos; auf der anderen Seite war er ein patriotischer Freund der Republik Florenz. Von da an standen also seine persönlichen Sympathien und seine politische Treue in Konflikt.

Es ist oft geäußert worden, dass Kummer und Verwirrung über diesen Konflikt ihren Schatten über einen Großteil seiner Kunst geworfen haben. Zunächst einmal unterbrach er nach der Machtübernahme der Medici erneut seine Arbeit am Grabmal Julius’. Leo X. und seine Verwandten hegten einen großen neuen Plan zur Anreicherung und Verzierung der Fassade ihrer eigenen Familienkirche San Lorenzo in Florenz. Michelangelo ließ sich von der Idee mitreißen, vergaß seine andere große Aufgabe und bot seine Dienste für die neue Fassade an.

Sie wurden gerne akzeptiert, obwohl man zunächst die Arbeit Leonardo da Vinci hatte anvertrauen wollen. Julius’ Erben ihrerseits zeigten sich entgegenkommend, und das Gesuch Leos erlaubte ihnen, den drei Jahre alten Vertrag zugunsten eines anderen zu annullieren, nachdem das Ausmaß und die bildhauerischen Dekorationen des Julius-Monuments wiederum um fast die Hälfte reduziert worden waren. Michelangelo erstellte für die Fassade von San Lorenzo zügig einen Plan aus kombinierter Bildhauerei und Architektur, so großartig und ehrgeizig wie derjenige für das ursprüngliche Julius-Monument. Der Vertrag wurde im Januar 1518 unterzeichnet, und der Künstler begab sich nach Carrara, um den Bruch des Marmors zu überwachen.

Obwohl Michelangelo mit nunmehr 43 Jahren die zweite Hälfte seines Lebens bevorstand, waren seine besten Tage vorüber. Alle bisherigen Widrigkeiten waren nichts im Vergleich zu denen, die ihm noch bevorstanden. Zur Materiallieferung für die Fassade von San Lorenzo hatte er eine Firma von Steinmetzen in Carrara beauftragt, und er selbst ging anscheinend mit ihnen eine Art Partnerschaft ein.

Als alles dort unter seiner Aufsicht gut fortschritt, baten ihn die Medici und der Florentiner Magistrat aus politischen Gründen, nach neuen Steinbrüchen in Pietrasanta bei Serravalle auf Florentiner Gebiet umzuziehen. Zur Entrüstung seiner alten Kunden in Carrara und seiner eigenen musste Michelangelo nun seinen Arbeitsort hierhin verlegen. Die mechanischen Schwierigkeiten beim Aushub und Transport des Marmors, die Untreue und Inkompetenz seiner Mitarbeiter erzürnten ihn so sehr, dass er den ganzen Auftrag hinwarf. Die Verträge für die Fassade wurden im März 1518 annulliert, und aus dem ganzen prachtvollen Plan wurde nichts.

Andere Arbeiten (1518–1522)

Michelangelo kehrte nach Florenz zurück, wo zahlreiche Arbeitsvorschläge auf ihn zukamen. Der König von Frankreich wünschte etwas von seiner Hand, um es neben zwei Bildern Raffaels zu platzieren, die sich in seinem Besitz befanden. Die Behörden von Bologna wollten von ihm die Fassade ihrer Kirche St. Petronius gestaltet haben; die von Genua eine Bronzestatue ihres großen Kommandeurs Andrea Doria. Kardinal Grimani bat inständig um jegliche Gemälde oder Statuen, die er übrig habe; andere Kunstliebhaber bedrängten ihn um Kleinigkeiten wie Stiftzeichnungen oder Entwürfe.

Schließlich flehte ihn sein Freund und Anhänger Sebastiano del Piombo in Rom – immer begierig, die Fehde zwischen Michelangelo- und Raffael-Anhängern zu nähren – nach Raffaels Tod an, nach Rom zurückzukehren, um den Schülern des toten Meisters die Malarbeit zu entreißen, die noch in den Kammern des Vatikan erledigt werden musste. Michelangelo kam keiner dieser Bitten nach. Sichere Kenntnisse über seine Tätigkeit zwischen 1518 und 1522 beschränken sich auf die Grobbearbeitung weiterer vier Sklaven für das Grabmal Julius’ und die Ausführung eines Auftrags für drei römische Bürger für die Statue Der auferstandene Christus, den er schon 1514 erhalten hatte.

Die grob bearbeiteten Sklaven befanden sich lange Zeit in einer Grotta in den Boboli-Gärten, ihr heutiger Standort ist die Galleria dell’Accademia in Florenz. Der Christus, praktisch vom Meister beendet, mit den letzten Ausbesserungen durch seine Schüler, steht in der Kirche Santa Maria sopra Minerva in Rom, für die er bestimmt war; er zeigt wenig Hingebung und Erfindungsgeist, wenn auch die von Michelangelo selbst fertiggestellten Teile formal und handwerklich äußerst vollendet sind.

Medici-Grabmäler

Das Grabepitaph von Giuliano de Medici

Die nächsten zwölf Jahre (1522–1534) verbrachte Michelangelo in Florenz, wieder hauptsächlich in den Diensten seiner gegensätzlichen und launischen Patrone – der Medici. Der Plan einer großen Gruppe von Monumenten für verstorbene Mitglieder dieser Familie, die in einer neuen Sakristei oder Grabkapelle in San Lorenzo aufgestellt werden sollte, wurde Michelangelo erstmals 1520 von Kardinal Giulio de Medici angetragen. Allerdings ging kein praktischer Impuls für das Werk aus, bis Giulio nach dem Tod Leos X. und dem kurzen Pontifikat des puritanischen und ikonoklastischen Hadrian VI. 1523 selbst unter dem Titel Clemens VII. Papst wurde.

Selbst dann war die Initiative nur schwankend. Zuerst schlug Clemens vor, Michelangelo einen weiteren Künstler, Andrea Sansovino, für diese Aufgabe beizuordnen. Nachdem dieser Vorschlag auf Michelangelos entschiedenen Einspruch fallengelassen wurde, lenkte Clemens den Künstler als Nächstes mit einer Bestellung für einen neuen architektonischen Entwurf ab, nämlich für die vorgeschlagene Medici- oder Laurentinische Bibliothek. Die Biblioteca Laurenziana war von Clemens VII. als vorrangiges Projekt eingestuft worden und sollte, mit 50.000 Dukaten ausgestattet, so schnell wie nur möglich erbaut werden. Die Arbeit nahm Michelangelos Zeit zwischen April 1524 und Oktober 1526 voll in Anspruch. Erst danach widmete er sich wieder der Arbeit an der Kapelle. Nach vielen Änderungen schließlich Gestalt annehmend, enthielten die Pläne für die Grabkapelle (Sagrestia Nuova) nicht wie zunächst vorgesehen Denkmäler für die Gründerväter des Hauses, Cosimo il Vecchio, Lorenzo il Magnifico oder Leo X., sondern nur für zwei jüngere Mitglieder des Hauses, die kurz zuvor gestorben waren, Giuliano, duc de Nemours, und Lorenzo, Herzog von Urbino.

Michelangelo brütete lange über verschiedenen Entwürfen für diese Arbeit und war noch mit der Ausführung beschäftigt – seine Zeit wurde teilweise auch für die Baupläne für die Medici-Bibliothek in Anspruch genommen –, als politische Revolutionen ihn unterbrachen. 1527 ereignete sich der Sacco di Roma und damit der Untergang Papst Clemens’. Die Florentiner nahmen die Gelegenheit wahr, die Medici aus der Stadt zu vertreiben und wieder eine Republik zu errichten.

Verteidigung von Florenz

Natürlich standen damit keine Geldmittel mehr für die Arbeiten in San Lorenzo zur Verfügung, und Michelangelo beschäftigte sich auf Einladung der neuen Signoria eine Weile mit einer Gruppe aus Herkules und Cacus und einer weiteren aus Samson und den Philistern – letztere aus einem Marmorklotz zu hauen, der schon für einen anderen Zweck von Baccio Bandinelli bearbeitet worden war.

Bald darauf wurde er aber gerufen, um die Stadt selbst vor Gefahr zu schützen. Clemens und sein Feind Karl V. hatten sich versöhnt und waren nun beide erpicht, Florenz wieder unter die Herrschaft der Medici zu bringen. Hinsichtlich der bevorstehenden Belagerung wurde Michelangelo zum leitenden Techniker für die Befestigungen berufen. Er verbrachte den Frühsommer 1529 mit der Verstärkung der Verteidigungsanlagen von San Miniato; von Juli bis September war er auf einer diplomatischen Mission in Ferrara und Venedig.

Nachdem er Mitte September zurückkehrte, erwies sich die florentinische Sache wegen internen Verrats und der überwältigenden Stärke der Feinde als aussichtslos. Nach einem Anfall von Melancholie reiste er plötzlich nach Venedig ab, wo er für eine Weile blieb und wegen eines zukünftigen Wohnsitzes in Frankreich verhandelte. Noch während der Belagerung kehrte er nach Florenz zurück, aber am letzten Todeskampf um die Freiheit der Stadt hatte er keinen Anteil mehr.

Als sich die Stadt 1530 ihren Eroberern unterwarf, wurde den meisten, die an ihrer Verteidigung mitgewirkt hatten, keine Gnade zuteil. Michelangelo glaubte sich mit den anderen in Gefahr, aber auf Intervention Baccio Valoris wurde er sogleich von Papst Clemens wieder angestellt. In den nächsten vier Jahren setzte er zeitweise seine Arbeit an den Medici-Monumenten – ab 1532 mit der Unterstützung Giovanni Angelo Montorsolis und anderen Schülern – und dem Bau der Laurentinischen Bibliothek fort.

Fertigstellung der Medici-Grabmäler

1531 erkrankte Michelangelo schwer; 1532 hatte er einen längeren Aufenthalt in Rom und ging einen weiteren Vertrag für die Vollendung des Julius-Monuments ein, das jetzt noch mehr reduziert wurde und statt in St. Peter in der Kirche San Pietro in Vincoli platziert werden sollte. Im Herbst 1534 verließ er endgültig Florenz. Die anstehenden Arbeiten in der Medici-Kapelle wurden von Schülern beendet, und die Kapelle wurde erst 1545 zur Betrachtung geöffnet.

Die Statuen für das Medici-Monument zählen neben Moses und den Sklaven zu den besten Werken aus Michelangelos mittlerer Periode der Bildhauerei. Sie bestehen aus einer Madonna mit Kind und zwei monumentalen Gruppen, beide mit einer sitzenden Porträt-Statue in einer Nische und zwei emblematischen Figuren, die an jeder Seite oberhalb eines Sarkophags lehnen. Die unvollendete Madonna mit Kind verbindet ein realistisches, natürlich lebhaftes Motiv mit gelehrt komplexem Design und majestätischer Wirkung. Sie wurde schließlich – entgegen der anfänglichen Absicht des Künstlers – an einer leeren Wand der Kapelle aufgestellt und von Statuen der Heiligen Cosmo und Damian, Werken von Schülern, in großem Abstand flankiert.

Die Porträts sind nicht realistisch, sondern typisch behandelt. Lorenzo scheint schlaues Grübeln und konzentrierte innere Überlegung zu versinnbildlichen, Giuliano Wachsamkeit und selbstsichere praktische Umschau unmittelbar vor einer Handlung. Diesem Kontrast zwischen meditativem und aktivem Charakter entspricht der Kontrast zwischen den emblematischen Gruppen, die die Porträts begleiten. Zu den Füßen des Herzogs Giuliano lehnen Nacht und Tag, erstere weiblich, letzterer männlich personifiziert. Die Nacht versinkt in einer Haltung tiefen, unruhigen Schlummerns; der Tag, mit Kopf und Gesicht aus dem Marmor herausgestemmt, erwacht voll Zorn und Unruhe.

Ebenso grandios, aber weniger stark, sind die Haltungen der beiden korrespondierenden Figuren, die zwischen Schlafen und Wachen am Sarkophag des nachdenklichen Lorenzo lehnen. Von diesen ist die männliche Figur als Abend bekannt, die weibliche als Morgen (Crepuscolo und Aurora). Michelangelos ursprüngliche Vorstellung, die teilweise auf antiken Vorbildern in Giebel- und Sarkophaggruppen basierte, verband Erde und Himmel mit Nacht und Tag auf dem Monument Giulianos, und andere, zweifellos entsprechende Figuren, mit Morgen und Abend auf dem Monument Lorenzos. Diese Figuren fielen später aus dem Plan heraus, und die für sie vorgesehenen Winkel blieben leer.

Nach seinen eigenen Aufzeichnungen wollte Michelangelo darstellen, wie die Elemente und Mächte von Erde und Himmel den Tod der Fürsten beklagen. Auf der breiten Basis am Fuß der Monumente sollten Flussgötter liegen. Sie wurden nie vollendet, aber ein Bronzeabdruck eines von ihnen sowie der Torso eines großen Modells sind identifiziert worden und im Nationalmuseum bzw. in der Akademie in Florenz zu sehen.

Das Jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle

Rom (1534–1541)

Sixtinische Kapelle – Jüngstes Gericht

Minos wird von einer Schlange gebissen

Michelangelo hatte beabsichtigt, entsprechend dem neuen Vertrag von 1532 all seine Kräfte der Fertigstellung des Julianischen Monuments zu widmen, sobald er die Medici-Grabmäler beendet haben würde. Aber seine Absicht wurde wiederum enttäuscht. Papst Clemens bestand darauf, dass er seine Dekorationen der Sixtinischen Kapelle vervollständigen müsse, indem er die große Frontwand über dem Altar neu bemale, die bis dahin mit Fresken von Perugino ausgeschmückt war. Das gewählte Thema war das Jüngste Gericht, und Michelangelo begann Entwürfe vorzubereiten. Im Herbst 1534, mit 60 Jahren, ließ er sich für den Rest seines Lebens in Rom nieder. Unmittelbar darauf starb Clemens. Sein Nachfolger im Papstamt war Paul III. aus dem Haus der Farnese.

Mehr noch als sein Vorgänger beanspruchte Paul III. Michelangelo für sich und zwang ihn, alle anderen Engagements aufzuschieben. In den folgenden sieben Jahren war Michelangelos Zeit im Wesentlichen mit der Malerei des Jüngsten Gerichts ausgefüllt. Anders als bei den Deckenfresken verwendete Michelangelo darin beinahe verschwenderisch blaue Farbe, die zur damaligen Zeit aus zerriebenem Lapislazuli bestand und entsprechend teuer war. Das lag unter anderem daran, dass dieses Werk der Papst persönlich in Auftrag gegeben hat [4], und ihm damit ein erheblich höheres Budget für das Wandgemälde zur Verfügung stand. Heute gilt es, gemessen am Wert der Materialien, als eines der teuersten Gemälde der Welt. Da es Michelangelo nicht gestattet war, seine Fresken zu signieren, wandte er einen Trick an, um sich dennoch darin zu verewigen. Die Haut, die Bartholomäus in seiner linken Hand hält, zeigt Michelangelos Konterfei [5]. Nachdem dieses 1541 vollendet war, musste er anschließend zwei weitere große Fresken in einer neuen Kapelle, die der Papst im Vatikan hatte bauen lassen, und die nach ihm Cappella Paolina genannt wurde, übernehmen. Die Sujets dieser Fresken waren die Konversion des Paulus und das Martyrium des Petrus.

Das Fresko des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle ist eines der berühmtesten Einzelbilder der Welt. Darin hat Michelangelo alle geistigen Erfahrungen als Künstler zum Ausdruck gebracht. Im Zentrum des Bildes steht der Weltrichter. Die göttliche Gerechtigkeit scheidet unerbittlich die Guten von den Verdammten. In den Lünetten am oberen Rand des Bildes sieht man die Attribute Christi: Kreuz, Säule und Dornenkrone, die Passionssymbole. Auf der linken Seite des Bildes sieht man, wie ein Begleiter Johannes den Täufer am rechten Arm ergreift, um ihn auf die beiden Frauen zu seiner Rechten hinzuweisen. Es handelt sich um Herodias, die ihre Tochter Salome um Verzeihung bittet. Pavel Florenskij weist auf die besondere „Raumordnung im ‚Letzten Gericht‘“ Michelangelos hin und schreibt weiter:

„Das Fresko zeigt eine gewisse Neigung. (Je höher ein Punkt auf einem Bild ist, desto entfernter ist der Punkt der Darstellung vom Auge des Betrachters. Der Beschaffenheit des Auges nach müßte es dieselben, [k]raft perspektivischer Verkürzungen der Figuren, immer kleiner werdend sehen. Das erkennt man bekannter Weise daran, daß die unteren Figuren die höheren verstellen.) Doch was ihre Größe betrifft, so nimmt auf diesem Fresko bei zunehmender Höhe auch die Größe der Figuren zu, d. h. mit wachsender Entfernung vom Betrachter! Das aber sind Eigenschaften des geistigen Raumes. Je entfernter etwas ist, desto größer und je näher sich in ihm etwas befindet, desto kleiner ist es. Es handelt sich hierbei um die sog. umgekehrte Perspektive. Betrachten wir dieses Fresko, so beginnen wir unsere vollständige Unvergleichbarkeit mit ihrem Raum zu fühlen. Wir werden von diesem Raum nicht angezogen. Und im Gegenteil: Er stößt uns ab, wie ein Quecksilbermeer unseren Körper abstoßen würde. Wenn wir diesen auch zu betrachten vermögen, so ist er und, die wir mit Kant und Euklid denken, transzendent. Obwohl Michelangelo im Barock lebte, gehörte er weder in die vergangene, noch in die zukünftige Epoche. Er war deren Zeitgenosse und er war es zugleich nicht.“

Rom (1542–1564)

Grabstätte Michelangelos

Nach der Vollendung des Weltgerichtes forderte Papst Paul III. von Michelangelo, seine Privatkapelle, die Cappella Paolina, mit Fresken zu schmücken. In den beiden Fresken erreichte Michelangelo nochmals einen geistigen Höhepunkt. In Symbolen stellt der Künstler das Schicksal des einzelnen Menschen dar, denn die Bekehrung Pauli und die Kreuzigung Petri sind innere Selbstbildnisse und sollen die planlos herumirrenden Zuschauer erschrecken und zum Erkennen anregen. Von sich sagte Michelangelo, dass die Freskenmalerei keine Sache für alte Leute sei, daher er nicht mehr die Kraft in sich fühle, die eine solche Liebe wie die Malerei beanspruche.

In den unvollendeten Skulpturen ist an die Stelle des Bildwerkes ein Zeichen getreten, das sich der Deutung durch das Wort entzieht.

Kunst, die ent-hüllt oder als Schönheit wieder ver-hüllt, die Wahrheit wieder verschleiert, ist ein bewusstes und gewolltes Nachvollziehen des Schöpfungszyklus.

1547 übernahm Michelangelo die Bauleitung am immer noch fragmentarischen neuen Petersdom. Unter Rückbezug auf die Pläne seines Vor-Vorgängers Donato Bramante entwarf er auch die Rippenkuppel inmitten eines Zentralbaues, die jedoch erst nach seinem Tod in veränderter Form von Giacomo della Porta ausgeführt wurde.

Michelangelo Buonarroti verstarb am 18. Februar 1564 in Rom. Er wurde in der Kirche Santa Croce in Florenz beigesetzt.

Veranstaltung vom 24.04.18

In der Zeit etwa zwischen 1513 und 1515 arbeitete Michelangelo an der Moses-Figur, die in der ursprünglichen Planung als Eckfigur des rechteckigen Freigrabs vorgesehen war. Die Vollendung des Moses erfolgte allerdings erst kurz vor der Aufstellung des Grabmals in San Pietro in Vincoli. Die unvollendete Statue lagerte somit etwa vier Jahrzehnte in Michelangelos Werkstatt in Rom. Etwa in demselben Zeitraum schuf Michelangelo auch zwei Sklavenfiguren (nach Borsi zwei Jahre vor dem Moses), die jedoch nicht in das Grabmal eingingen und sich heute im Louvre in Paris befinden. Grobe Entwürfe zweier Statuen, möglicherweise Sklaven, die sich heute in der Casa Buonarroti in Florenz befinden, gehen möglicherweise ebenfalls auf diese Zeit zurück.

Die Sklaven- bzw. Gefangen-Figuren wurden und werden von Kunsthistorikern traditionell mit dem Juliusgrabmal in Verbindung gebracht – eine solche Verknüpfung ist aufgrund der frühen Entwürfe, die eindeutig solche Figuren beinhalteten, naheliegend. Vor allem in jüngerer Zeit wurden jedoch auch Stimmen laut, die eine solche Verbindung negieren.

Grimm spricht in seiner Michelangelo-Biographie voller Bewunderung von dem sterbenden Sklaven: „Vielleicht ist die zarte Schönheit dieses sterbenden Jünglings noch durchdringender als die Gewalt des Moses… Wenn ich ausspreche, daß sie [die Statue des sterbenden Sklaven] für mich das erhabenste Stück Bildhauerarbeit ist, so tue ich das in Erinnerung an die Meisterwerke der antiken Kunst.“

Im Jahr 1522 fordern die Della Rovere für das Grabmal geleistete Anzahlungen zurück und drohen 1524 mit einem Prozess. Ende der 10er/Anfang der 20er Jahre nahm Michelangelo die Arbeit am Grabmal in Florenz wieder auf. Manche Kunsthistoriker nehmen an, dass aus dieser Zeit vier unvollendete Gefangenen-Statuen (die sogenannten Boboli-Sklaven) (heute in der Galleria dell’Accademia, Florenz), sowie die Statue eines Siegers (heute Palazzo Vecchio, Florenz) stammen. Andere Kunsthistoriker datieren die Boboli-Sklaven und den Sieger auf einen Zeitpunkt nach 1532. Keine dieser fünf Statuen ist, obwohl ursprünglich wohl für das Juliusgrabmal vorgesehen, in dieses eingegangen.

Die vier Sklaven-Statuen sind typisch für das Non-finito, das Unvollendet-Sein, in Michelangelos Werk. Die vier Skulpturen haben daher immer im Mittelpunkt der Michelangelo-Forschung gestanden.[46] Kunsthistoriker haben immer wieder darüber spekuliert, ob dieses Non-finito lediglich auf die chronische Überlastung des Meisters zurückzuführen ist (dies ist gewissermaßen die offensichtliche, naheliegende Erklärung), oder ob dies von Michelangelo so intendiert war. Kunsthistoriker weisen darauf hin, dass das Non-finito Michelangelos Idee reflektiere, dass die Figuren bereits fertig im Stein enthalten seien und die Kunst des Bildhauers „lediglich“ darin bestehe, diese von dem überflüssigen, sie umgebenden Material zu befreien.

Die Statuen befanden sich bis zum Tod des Meisters in dessen Studio in Florenz. Sie wurden 1586 in den Boboli-Garten des Palazzo Pitti verbracht, wo sie, symbolträchtig, in einer Grotte aufgestellt wurden. Dort befanden sie sich bis 1908, als sie an ihren heutigen Standort, die Galleria dell’Accademia verbracht wurden.

Werk

Auffassung

Michelangelo sah sich in erster Linie als Bildhauer, nicht als Maler, Architekt oder Dichter, obwohl er auf allen diesen Gebieten Bedeutendes und Wegweisendes leistete. Doch die Skulptur stellte er über alle anderen Kunstformen, was viele seiner Briefe belegen, die noch dazu meist mit „Michelangiolo, scultore“ („Michelangelo, Bildhauer“) unterzeichnet sind.

Seinen platonischen Auffassungen entsprechend basierte Michelangelos künstlerisches Schaffen auf der Vorstellung, dass der Geist als höchstes Prinzip die Idee enthält, die allem sinnlichen Erfahren übergeordnet ist.

So sah er schon im rohen Marmorblock das Kunstwerk vorgeformt, es schlummerte als Idee bereits im Stein und musste nur noch aus ihm „befreit“ werden.

Er betrachtete den Stein zudem als etwas, dem Seele zu verleihen war. Die Auseinandersetzung mit Beschaffenheit und Form des Materials war für ihn dabei von großer Bedeutung. Die Wahl des Blocks stellte für Michelangelo bereits einen wichtigen Aspekt seiner künstlerischen Arbeit dar, verbrachte er doch immer wieder etliche Wochen, teilweise gar Monate, in den Steinbrüchen.

Die Grundidee entstand mit Hilfe von ausschließlich nach dem Modell entstandenen Zeichnungen. Machte er sich dann an den Block, bearbeitete er in der Regel alle Partien der Figur gleichzeitig, um die Gesamtheit im Auge zu behalten. Seitenansichten wurden nicht getrennt entwickelt, sie ergaben sich aus dem Fortschreiten des Werkes. Lediglich der Rückenansicht und dem Gesicht widmete er sich oftmals als letztes. Er ging bei der Bearbeitung der Oberflächen stufenweise vor. So standen bei seinen zahlreichen unvollendeten Arbeiten, die uns Einblick in seine Vorgehensweise gewähren, perfekt ausgearbeitete und polierte neben halb und grob gehauenen Partien.

Ein besonderer Aspekt in Michelangelos Schaffen und gleichzeitig ein Ausdruck seines Respekts vor dem Material zeigt seine Gestaltung und Behandlung der Sockel seiner Skulpturen. In frühen Werken, wie dem Bacchus, der Pietá der Peterskirche, dem David oder dem Christus ist noch eine gewisse realistische Nachahmung der Natur erkennbar.

Später, etwa bei Moses, Rachel, Lea, Sieger und den Sklaven des Louvre ist die Form der Sockel einem geometrischen Prinzip unterworfen, das sich allerdings durch ein Fehlen von konsequenter Strenge auszeichnet. Diese Sockel sind von zahlreichen, subtilen Unregelmäßigkeiten und Asymmetrien belebt und erlangen so eine künstlerische Aussage. Sie stehen gleichwertig neben der eigentlichen Darstellung, wobei eine größere Harmonie durch Betonung der Ganzheit erreicht wird.

Das Problem des Non-finito bei Michelangelo

Michelangelo entwickelte im Laufe seines Lebens eine große Anzahl an Plänen zu Werken und Projekten von teilweise gigantischen Ausmaßen. Nur ein Bruchteil dessen, was sein Geist hervorbrachte, wurde letztlich ausgeführt. Die Gründe dafür werden sehr konträr diskutiert. Von einfachen Erklärungen, wie Zeitmangel oder Interesseverlust, bis zu philosophischen und psychologischen Interpretationen sind in der Literatur zu dieser Problematik mannigfaltige Ansätze zu finden.

Das markanteste Beispiel für die rudimentäre Realisierung eines großangelegten Projekts ist die geistige und künstlerische Arbeit am Grabmal des Papstes Julius II. Über 40 Jahre beschäftigte sich Michelangelo mit diesem seinem ehrgeizigsten Vorhaben, das er selbst als „seine Tragödie“ bezeichnete. Vom ursprünglichen Entwurf eines freistehenden Monuments mit mehr als 40 Figuren blieben nach vielerlei Beschneidungen und Revisionen, bedingt durch zahlreiche äußere Einflüsse, die vergleichsweise bescheidene Lösung eines Wandgrabs mit lediglich drei selbstausgeführten Figuren (Moses, Rahel und Lea) sowie einige einzelne Skulpturen, die keine Verwendung im Ensemble finden (sechs Sklaven, Sieger).

Das Unvollendete reflektiert sich in einem großen Teil von Michelangelos bildhauerischer Arbeit. Immerhin wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass das „non-finito“ bei Michelangelo kein von vornherein feststehendes Prinzip war, wie etwa fast 400 Jahre später bei Rodin, der sich zweifellos von der Vorstellung des Unvollendeten in Michelangelos Skulpturen inspirieren ließ und diesen Effekt kalkuliert in sein eigenes Werk integrierte, um besonders ausgearbeiteten Partien mehr Nachdruck zu verleihen.

Es wird allerdings die Ansicht vertreten, dass das Nichtzuendeführen mancher Figuren das Ergebnis wohlerwogener ästhetischer Entscheidungen während des Arbeitsprozesses gewesen sei.

Einige Autoren sind der Meinung, dass der „Perfektionist“ Michelangelo mit der Realisierung seiner „Idee“ in Form einer gänzlich ausgearbeiteten Figur immer unzufrieden gewesen wäre und lieber die Unzulänglichkeit einer gewissen Offenheit in Kauf nahm, als das Risiko einzugehen, durch völlige Festlegung den Kern nicht in absoluter Weise zu treffen. Ähnliche Mutmaßungen schreiben Michelangelo etwa diese Haltung zu: „Ganz perfekt geht es sowieso nicht, also ist eine Weiterführung nicht sinnvoll.“ Insgesamt ist es schwer zu entscheiden, bei welchen der unvollendeten Skulpturen solche Überlegungen eine Rolle gespielt haben mögen.

Betrachtet man die in unterschiedlichen Stadien belassenen Köpfe der Abendröte und des Tages in der Gesamtheit der anderen, weitestgehend ausgefeilten Figuren der Medici-Gräber, stellt sich die Frage, ob hier wirklich ein bewusster Abbruch der Arbeit aus künstlerischen Überlegungen heraus stattfand, oder ob die geplante Vollendung wegen äußerer Umstände unterblieb.

An der Pietà Rondanini arbeitete Michelangelo bis zu seinem Tod und konnte sie nicht fertigstellen. Hier ist ersichtlich, dass der Künstler während des Schaffens eine völlige Umgestaltung vornahm und sogar Teile der Skulptur wieder zerstörte. Ob dies geschah, um eine ursprüngliche Idee durch eine neue zu ersetzen, oder ob der Meister sich schlicht „verhauen“ hat, bleibt offen.

Genauso unerklärt und Spekulationen unterworfen ist die Frage, ob die vier unvollendeten Sklaven nicht perfekter hätten gestaltet werden können oder ob sie einfach liegenblieben, weil sie nicht mehr in das beschnittene Programm des letztlich ausgeführten Julius-Grabmals passten.

Der Michelangelo-Code

Sixtinische Kapelle

Baltimore – Die Struktur des menschlichen Gehirns – oder zumindest Teile desselben – haben US-Hirnforscher in einem Fresko in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans entdeckt. Es seien anatomische Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirns im Fresko “Die Scheidung von Licht und Finsternis” von Michelangelo Buonarroti zu sehen, schreiben Ian Suk und Rafael Tamargo im Fachmagazin “Neurosurgery”. Das Bild nimmt Bezug auf die Schöpfungsgeschichte. Im Detail geht es um die Region um Kinn und Kehle Gottes.

Schon 1990 hatte ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos Fresko “Die Erschaffung Adams” (ebenfalls in der Sixtinischen Kapelle) eine perfekte Darstellung des Gehirns gesehen. Eine geheime Botschaft? Ein kleines Aufbegehren gegen die Kirche, die als Auftraggeber und somit zahlender Kunde aber nicht brüskiert werden durfte?

Pieta

Bei der berühmten Römischen Pietà von Michelangelo Buonarroti, die im Vatikan steht, stellte man fest, dass rechts eine kleine Figur fehlt, die bei einem Terrakottamodell noch vorhanden war, das man Michelangelo als Vorentwurf der Marmor-Pietà zuschreibt. Wegen Ansätzen von angefügten Flügeln interpretierte man sie zunächst als Engelchen oder Putto. Heute wird immer wieder behauptet, dass es sich um einen kleinen Amor, einen Cupido, gehandelt hat, weil angedeutete Lederriemen am Torso einen Köcher mit Pfeil und Bogen getragen hätten. Interpretiert man nun die Frau der Pietà als Jesu Mutter, macht das keinen Sinn. Ganz anders sieht es aus, wenn man darin Maria Magdalena sieht, seine Geliebte oder Ehefrau. Wollte Michelangelo heimlich andeuten, dass dies seine Vorstellung von Jesu Frau darstellen soll? Auch die Gesichtszüge, die auf eine sehr junge Frau hindeuten, zu jung, um seine Mutter zu sein, stützen die Theorie. Möglicherweise war den Kirchenmännern der versteckte Hinweis aufgefallen, und sie ließen deshalb die kleine Figur entfernen.

Das letzte Abendmahl

Leonardo da Vinci Leonardo da Vinci – Bücher malte das Bild zwischen 1494 und 1498 an die Wand des Speisesaals (Refektoriums) der Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie in Mailand. Es handelt sich um Seccomalerei (Sekkomalerei), die auf die trockene Wand aufgebracht wurde. Im Gegensatz zu Fresken (Freskomalerei), die auf den feuchten Putz gemalt wurden, ist Sekkomalerei weniger haltbar, deshalb ist das Bild im Original schon sehr beschädigt und wurde öfters restauriert. Wenn man bedenkt, dass Leonardo da Vinci vier Jahre an dem Bild malte, hat er sich bestimmt viele Gedanken über jede Einzelheit gemacht und es gibt natürlich Stellen, die zu den wildesten Spekulationen führten, z.B. der auffalende V-förmige Winkel zwischen Jesus und der Frau zu seiner Rechten: Hier reichen die Interpretationen von einem alten Symbol des weiblichen Unterleibs bis zum Winkel der Freimaurer. Auch das etwas versteckte Messer in der Faust eines der Jünger ist verdächtig. Zum Essen hält man ein Messer nicht so!

Maria Magdalena bei Leonardo da Vinci und Dan Brown

Leonardo da Vinci Leonardo da Vinci – Bücher malte das Bild an die Wand des Speisesaals (Refektoriums) der Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie in Mailand in den Jahren 1494 bis 1498. Es handelt sich um eine sogen. Seccomalerei (Sekkomalerei), die auf die trockene Wand aufgebracht wurde. Im Gegensatz zu Fresken (Freskomalerei), die auf den feuchten Putz gemalt wurden, ist Sekkomalerei weniger haltbar, deshalb ist das Bild schon sehr beschädigt.

Da neben Jesus nur zwölf Personen abgebildet sind, meinte man einfach, es müsse sich um einen der Jünger (Johannes) handeln. Schaut man sich das Bild genauer an, muss man eindeutig feststellen, dass es sich um eine Frau handelt. Obwohl es mehrfach restauriert wurde, glaube ich nicht, dass es nachträglich so verändert wurde und wenn doch, hätte man das sicher bei der neuesten Renovierung 1978 bis 1999 gemerkt. Da die Erklärung absolut nicht befriedigt, bleibt die Frage: Warum malte Leonardo da Vinci hier eine Frau?! Seit das Buch Sakrileg von Dan Brown Dan Brown – Bücher ein Bestseller und als The Da Vinci Code verfilmt wurde, fragt sich das die ganze Welt. Dan Brown stellt in seinem Roman die Behauptung auf, es handle sich um Maria Magdalena, Maria Magdalena – Bücher die in Wirklichkeit Jesu Frau war und sogar ein Kind mit ihm hatte.

1492

Alexander VI.  (bürgerlicher Name Roderic Llançol i de Borja, italienisch: Rodrigo Borgia; geboren am 1. Januar 1431 in Xàtiva bei València, gestorben am  18. August 1503 in Rom) studiert ab etwa 1453 in Bologna kanonisches Recht, wird von seinem Onkel (Bruder der Mutter) gefördert, in die Struktur der Kirche eingebunden und nimmt die italinienische Schreibweise des Namens „Borgia“ an, als der Onkel  1455 als Kalixt III. zum Papst gewählt wird. Der päpstliche Onkel fördert seinen Neffen im Sinne der Familie und ernennt ihn am 20. Februar 1456 zum Kardinaldiakon von San Nicola in Carcere und schon ein Jahr später zum Vizekanzler der Kirche – ein Amt, das Rodrigo Borgia die nächsten Päpste behält: So dient er als Vizekanzler Kalixt III. (1455-1458), Pius II. (1458-1464), Paul II. (1464-1471),  Sixtus IV. (1471-1484) und Innozenz VIII.  (1484-1492), bis er selber deren Nachfolger wird – in 37 Jahren als Kardinal hat er ein erhebliches Vermögen angehäuft und mit 30 Bistümern gilt er als einer der reichsten Männer Europas. Es heißt, Borgia habe seine Papstwahl erkauft, indem er das Gebot des französischen Königs Karl VIII. und der Republik Genua 300.000 Golddukaten für den  Favoriten Ascania Sforza mit vier Maultier¬ladungen Silber überboten habe

Rodrigo Borgia ist ein Familienmensch. Bereits als junger Prälat muß er sich um 1458 von Pius II. rügen lassen, weil er seine Geliebte öffentlich in den Arm nimmt, er lebt als Kardinal zwanzig Jahr mit  Vanozza de’ Cattanei zusammen, der Mutter seiner Kinder Juan Borgia (1474-1497, Giovanni, später Herzog von Gandía), Cesare Borgia (1476-1507, später Herzog der Romagna), Lucrezia Borgia (1480-1519, später Herzogin von Ferrara) und Jofré Borgia (1481-1517, später Fürst von Squillace). Außerdem hat er mindestens sechs weitere Kinder mit anderen Frauen.

1492 wird Rodrigo Borgia am 11. August zum Papst ernannt, nachdem es im Konklave ein hartes Finale mit seinem Widersacher Albania Sforza (Mailand) gegeben hat. Er gibt sich selber den Namen Alexander VI. – vermutlich als Machtanspruch und Anspielung auf Alexander den Großen. Allerdings achtet Papst Alexander VI ab sofort zumindest ein bißchen auf Anstand, so daß seine Kinder aus dem päpstlichen Palast ausziehen müssen und – sehr praktisch – in die Obhut der Schwiegermutter von Giulia Farese gegeben werden. So kann der Papst nach Feierabend schnell in den Palazzo Santa Maria in Portico herübergehen, der sich in der Nähe des Vatikans befindet und hat dort die Kinder und seine Geliebte um sich. Übrigens werden Giulia und die sechs Jahre jüngere Lucrecia gute Freundinnen. Um 1499/1500 endet das Liebesverhältnis, vermutlich, weil Giulia durch eine jüngere Geliebte ausgetauscht wird (Als Giulia 1522 stirbt, vermacht sie all ihren Besitz der mit Alexander VI. gezeugten Tochter. Nur ihr Bett vermacht sie dem älteren Bruder – vermutlich ein Hinweis auf den Grund seines rasanten Aufstiegs).

Ebenfalls 1492 läßt Alexander die Ehe seiner Tochter Lucrezia annulllieren, weil sie als Papsttochter nun höher verheiratet werden kann. Der erste Ehemann wird finanziell abgefunden, der zweite, Giovanni Sforza, soll die  Sforzas enger an die Borgias binden, denn die Sforza haben hohe Bestechungsgelder bezahlt, damit Alexander als Papst gewählt werden konnte. Lucrezia gilt als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit und hat nun einen entsprechend hohen Marktwert.

Nach der Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus und andere bestimmt Alexander 1494 im Vertrag von Tordesillas, daß diese neu entdeckte Welt zwischen Portugal und Spanien aufzuteilen ist. Der französische König Franz I. erkennt dies aber nicht an.

1495 verbietet Alexander dem Bußprediger und heimlichen Herrscher von Florenz, Savonarola, weiterhin zu predigen, vor allen Dingen, Kritik an seinem Lebensstil zu üben. Er bietet ihm schließlich die Kardinalwürde an, wenn er nur endlich schweigen würde, doch Savonarola hält sich nicht daran, wird daraufhin als Ketzer verurteilt und 1498 verbrannt.

Alexander VI. (italienisch Rodrigo Borgia; * 1. Januar 1431 in Xàtiva bei València; † 18. August 1503 in Rom) war von 1492 bis 1503 Papst. Er war eine der politisch einflussreichsten Persönlichkeiten Italiens der Renaissance. Jahrzehntelang arbeitete Rodrigo de Borja darauf hin, die Tiara zu erlangen, bis er am 11. August 1492 als Papst aus dem Konklave hervorging. Alexander war der letzte dem Territorium Spaniens Entstammende, der zum Papst gewählt wurde.

1503

Papstwahl Julius’

Innerhalb der Kurie gilt Julius als Anführer der Opposition gegen Papst Alexander VI. und da Alexander genug Feinde hat, besorgt sich Giuliano nach und nach seine Mehrheiten, damit an dessen Todestag alles glatt gehen wird. Geld genug dafür ist vorhanden. Das Konklave, das Giuliano della Rovere am 1. November 1503 wählt, braucht daher auch nur diesen Tag und 87 von 88 Kardinälen geben ihm seine Stimme (Selbstenthaltung ist damals noch nicht üblich) . Möglich wird dies Ergebnis durch die vorher getroffene Absprachen, verbunden mit mehr oder weniger Bestechung und Julius Cäsar gilt als des neuen Papstes Vorbild nicht nur bei der Namensgebung – auch Cäsar benutzte oft nicht gerade saubere Mittel, blieb aber in der Sache legitim. Den Verkauf von Ämtern (Simonie) läßt Julius sinnigerweise direkt nach seiner Wahl verbieten – wie es heißt, habe er Interesse daran, das päpstliche Amt wieder aufzuwerten.

Julius und Cesare Borgia

Als nächstes läßt Julias am 29. November Cesare Borgia (Alexanders Sohn) verhaften und enteignen und zwingt ihn, alle Ländereien und Ämter, die ihm sein Vater verschafft hat, dem Vatikan wieder zurückzugeben. Daraufhin kommt es zum Bruch zwischen dem Papst und dem französischen König Ludwig XII., der Mailand und andere norditalienische Städte erobert. Cesare kann zwar nach Neapel flüchten, doch dort läßt der spanische König Ferdinand II von Aragón ihn ebenfalls verhaften, foltern und ihn ein halbes Jahr später nach Spanien bringen. Wieder gelingt ihm die Flucht, diesmal zu seinem Schwager Jean d´Albret, dem König von Navarra, mit dem er sich verbündet, doch er stirbt, als er 11. März 1507 bei einer Belagerung in einen Hinterhalt gerät.

Neuerungen

Julius begründet die päpstliche Leibwache „Schweizergarde“ und läßt sie am 22. Januar das erste Mal aufmarschieren. Die Repräsentation geht mit Riesenschritten weiter. Am 18. April findet die Grundsteinlegung des neuen Petersdomes statt, der die größte Kirche der Welt sein soll (im Prinzip stimmt dies bis heute auch). Julius holt sich die besten Künstler, die man kriegen kann:  Das Grabmal des Petrus soll Michelangelo gestalten, außerdem soll dieser das Deckengewölbe der Sixtinischen Kapelle ausmalen, Raffael soll in den Privatgemächern im Vatikanpalast, den Stanzen die Decken gestalten und ein paar Portraits anfertigen und die Gesamtleitung und bauliche Oberaufsicht bekommt der Architekt Bramante. Die Stadt wird im Prinzip neu erfunden, komplett neu geplant und es entsteht in Rom ein eigener Staat – der Vatikan. Dazu paßt, daß Julius eine eigene Münze für den Vatikan prägen läßt. Beauftragt damit wird die Hausbank des Vatikans, die Fugger-Bank

Machtpolitik I

Julius II. tritt im März in Cambrai unterzeichneten Bündnisvertrag gegen Venedig 10. Dezember 1508 bei, der vom französischen König Ludwig XII. und Kaiser Maximilian I. bereits unterzeichnet ist. Das bedeutet, daß er Frankreich und Deutschland als Verbündete hat und das Problem Sizilien und Venedig  demnächst lösen kann. Ferdinand II. von Aragon ist ebenfalls mit in dieser Liga und damit wird eine zentrale Machtachse geschaffen, die es so erst weder in der EU gibt. Die Niederlage der venezianischen Truppen am 14. Mai 1509 beim lombardischen Agnadello bestätigt diese Politik und ab diesem Zeitpunkt beginnt Venedigs Abstieg, wenn es auch nach der Schlacht von Lepanto 1571 noch einmal einen leichten Aufschwung gibt.

Machtpolitik II

Das nächste Ziel Julius II. ist nun die Vertreibung der Franzosen aus Italien. Zu diesem Zweck gründet er am 4. Oktober die „Heilige Liga“. Gemeinsam mit Kaiser Maximilian I., König Ferdinand II. von Aragón und der Republik Venedig wird den Franzosen der Krieg erklärt und als es am 11. April 1512 zur Schlacht bei Ravenna kommt, stehen sich ca. 40.000 Mann gegenüber. Über 12.000 Soldaten fallen, der größte Teil davon päpstlich/spanische Truppen, aber trotzdem können sich die Franzosen nicht mehr in Italien halten und so hat Julius auch sein nächstes Ziel erreicht und Sizilien und damit ganz Italien zurück gewonnen. Der französische König lädt als Reaktion darauf zu einem Konzil für den 1. September 1511 ausgerechnet nach Pisa ein, was Julius kontert und seinerseits zu dem Konzil für den 19. April 1512 in den Lateran einlädt. Beschlossen wird dort zwar nichts Wichtiges, aber hier geht es ums Prinzip.

Julius stirbt in der Nacht vom 20. zum 21. Februar 1513 in Rom. Begraben ist er mit Sixtus IV. zusammen unter einer schlichten Marmorplatte im Petersdom unterhalb des Denkmals für Papst Clemens X. – eines der schlichtesten Grabmäler, die man nur schlecht findet. Seine Vision eines vereinten Italiens unter päpstlicher Führung wird nicht erfüllt.

Das Juliusgrabmal ist ein von Michelangelo Buonarroti und Gehilfen ausgeführtes Grabmonument für Papst Julius II. in der Gestalt eines zweigeschossigen Wandgrabes mit sieben Statuen, darunter dem berühmten gehörnten Moses. Das aus Carraramarmor bestehende Grabmal befindet sich in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom. Die Ausführung des Werks erstreckte sich über etwa vierzig Jahre, von 1505 bis 1545. Das Grabmal ist jedoch ein Kenotaph. Julius II. ruht zusammen mit Sixtus IV. unter einer schlichten Marmorplatte im Petersdom unterhalb des Denkmals für Papst Clemens X. Ausgerechnet jener Papst, der Sankt Peter für sein monumentales Grabmal umbauen wollte, ist somit in einem der schlichtesten, kaum beachteten Papst-Grabmäler bestattet.

Die Basilika Sankt Peter im Vatikan in Rom, im deutschsprachigen Raum meist Petersdom genannt (auch Basilica Sancti Petri in Vaticano, Petersbasilika, vatikanische Basilika oder Templum Vaticanum), ist die Memorialkirche des Apostels Simon Petrus. Der Vorgängerbau des heutigen Petersdomes, Alt-St. Peter, wurde um das Jahr 324 von Konstantin dem Großen über dem vermuteten Grab des hl. Petrus errichtet. Mit dem heutigen Bau wurde im Jahr 1506 begonnen, 1626 war er weitestgehend vollendet.

Veranstaltung vom 25.04.2018

Adrian Willaert (* um 1490 in Roeselare (französisch: Roulers); † 7. Dezember 1562 in Venedig) war ein franko-flämischer Komponist und Kapellmeister der Renaissance.

Adrian Willaert wurde um 1490 in Flandern geboren. Als Geburtsort wird in einer zeitgenössischen Quelle von 1531 Roeselare (französisch Roulers) genannt, eine andere Quelle von 1628 nennt Brügge. Willaerts Vater war vermutlich Musiker.

Über Jugend und erste musikalische Ausbildung ist nichts bekannt. Laut Willaerts späterem Schüler Gioseffo Zarlino (1517-1590) begab sich Willaert nach Paris, um dort die Rechte zu studieren, wechselte dann aber zur Musik und war Schüler Jean Moutons (1459-1522), der unter Ludwig XII. und Franz I. Kapellsänger war. Nach einer anderen zeitgenössischen Quelle von 1560 soll Willaert ein Schüler von Josquin Desprez (um 1450-1521) gewesen sein. Unstrittig ist, dass Willaert durch die französische Musik der damaligen Zeit beeinflusst war.

Laut Zarlino begab sich Willaert nach seinen Studien in Paris zunächst wieder nach Flandern und anschliessend nach Italien. Zur Zeit von Papst Leo X. soll er sich in Rom aufgehalten haben (vermutlich von 1515 bis 1520, Leo X. ist 1521 gestorben). Von 1522 bis 1525 war Willaert am Hofe von Herzog Alfonso I. in Ferrara tätig, danach war er bis 1527 in Mailand Sänger in der Kapelle des Erzbischofs Ippolito II. d’Este (Sohn von Alfonso I.).

Am 12. Dezember 1527 wurde Willaert als Nachfolger von Petrus de Fossis, der ebenfalls ein flämischer Musiker war, zum Kapellmeister von San Marco in Venedig (“Magister capellae cantus ecclesiastice Sancti Marci”) gewählt. Dieses Amt hatte er 35 Jahre lang inne, bis zu seinem Tod im Jahr 1562. 1542 und 1556 reiste Willaert nach Flandern, neben der Anwerbung von Sängern und Erbschaftsangelegenheiten ging es dabei möglicherweise auch um die Vorbereitung von Drucken seiner Motetten bei Susato. < der mehrstimmigen Vokalmusik ein Gattungsbegriff, der seit dem 13. Jahrhundert anzutreffen ist. Der Begriff beschreibt im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche musikalische Formen: Unterschiedlicher Text in den verschiedenen Stimmen und ein wiederkehrender Rhythmus in der Unterstimme (Isorhythmie) kennzeichnen die frühe Motette bis zum 15. Jahrhundert; die spätere Motette ist typischerweise geistliche Musik, in der zu den Singstimmen auch Instrumente hinzutreten können.>  << Isorhythmie (von griech. ἴσος „gleich“ und ῥυθμός „Zeitmaß“, etwa „gleiche rhythmische Ordnung“), auch Isorhythmik genannt, ist ein Gestaltungsprinzip der Motette im 14. und 15. Jahrhundert. Die Begriffe stammen nicht aus der Zeit, sondern sind moderne Bezeichnungen, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Friedrich Ludwig geprägt wurden.

Bei der Isorhythmie wird eine rhythmische Struktur abschnittsweise wiederholt, wobei die Tonhöhen in der Regel wechseln. Das sich wiederholende rhythmische Modell wird Talea (von altfranzösisch taille „Abschnitt“) genannt; es korrespondiert im Normalfall mit der strophischen Form des Textes. Dieses Modell muss nicht immer streng in allen Stimmen durchgehalten werden, es tritt vor allem in den Cantus-firmus-Stimmen, also im Tenor und Contratenor auf. Der korrespondierende melodische Abschnitt ist der Color (von lat. color „Farbe, Ton“). Besonders in der isorhythmischen Motette des 14. und 15. Jahrhunderts, die als Höhepunkt der Ars nova gilt, werden Taleae und Colores nicht deckungsgleich genutzt, sondern die melodischen und rhythmischen Phasen werden gegeneinander verschoben und überlagern sich. Bei mehrteiligen Motetten erscheinen in den Schlussteilen häufig Diminutionen und Mensurwechsel in der Oberstimme.>>

Um 1550 wollte er Venedig verlassen und wieder in seine Heimat zurückkehren, vielleicht im Zusammenhang mit seiner Altersgicht, die ihm zunehmend zu schaffen machte (1549 bezeichnet er sich als “sanus … et mente et intellectu, sed corpore infirmitatis podagrarum valde infirmus”). Er entschloss sich aber auf Drängen seiner Freunde zum Bleiben und erhielt ab 1556 eine Hilfskraft zur Entlastung.

Während Willaerts Zeit als Kapellmeister wurde San Marco in Venedig zu einem Zentrum der europäischen Musikkultur. Willaert sammelte einen großen Kreis von Schülern und Freunden um sich, seine Schüler waren neben dem bereits erwähnten Musiktheoretiker Gioseffo Zarlino unter anderem Andrea Gabrieli (1510-1586), Gioseffo Guami (1540-1611), Claudio Merulo (1533-1604) und Cipriano de Rore (1515-1565). Der besondere venezianische Stil entstand zunächst durch eine Synthese von flämischen, französischen und italienischen Stilelementen in Willaerts Werken und bekam dann durch seine Bedeutung als Lehrer und von den Zeitgenossen hochangesehener Musiker Einfluss auf eine ganze Epoche. Claudio Monteverdi (1567-1643) sah noch 1607 in Willaerts Musik die Vollendung der “prima prattica”.

Von Willaerts umfangreichem Werk (Messen, Psalmen, Motetten, Chansons, Madrigale und Instrumentalwerke) ist trotz der hohen Qualität und der musikgeschichtlichen Bedeutung der Kompositionen leider nur wenig auf CD verfügbar. Bei Oehms gibt es eine Aufnahme der Madrigalsammlung “Musica Nova”, die 1559 im Druck erschien.

Ars nova (lat. neue Kunst) ist eine Epoche der Musikgeschichte im Frankreich des 14. Jahrhunderts, welche die Ars antiqua ablöst. In dieser Zeit entsteht eine hochentwickelte, zum großen Teil mehrstimmige Vokalmusik. Gelegentlich wird der Begriff auch allgemeiner für die Entwicklung der mehrstimmigen Musik im Europa des 14. Jahrhunderts insgesamt verwendet.

Die Bezeichnung geht zurück auf den Titel der Abhandlung Ars nova, die Philippe de Vitry zugeschrieben wird und die etwa 1322/23 erschienen ist. Im entsprechenden Artikel der MGG wird aber angezweifelt, dass es sich hierbei überhaupt um einen förmlichen, programmatischen Traktat gehandelt hat. Ein anderer wichtiger Traktat ist die kurz davor verfasste Notitia artis musicae des Musiktheoretikers Johannes de Muris, in dem die neue, verbesserte Mensuralnotation erläutert wird, welche die Möglichkeiten der Notation beim Rhythmus stark erweiterte. Auf deren Grundlage entstehen in dieser Zeit, vergleicht man es mit den Werken der Ars antiqua, harmonisch und rhythmisch sehr komplexe und differenzierte Kompositionen, die dabei durchaus emotional motiviert und zugleich hoch expressiv sind. Konkret wurden jetzt auch zweizeitige imperfekte Teilungen der Notenwerte akzeptiert und verwendet. Zuvor waren beinahe ausschließlich Dreiteilungen vorhanden, deren Notwendigkeit von der Dreieinigkeit Gottes abgeleitet war. Der Dichtermusiker Guillaume de Machaut verknüpfte verschiedene Kompositionsmittel in seiner Messe de Nostre Dame und fand damit einen bis dato unerhörten Ausdruck. Sie ging als erste Komposition der musikalischen Teile des Ordinariums eines einzelnen, bekannten Komponisten in die Musikgeschichte ein.

Ablehnung

Die ars nova trifft bei ihrem Erscheinen auf heftigen Widerstand der Verfechter der Alten Kunst (ars antiqua) unter ihrem Wortführer Jakobus von Lüttich. Als Papst Johannes XXII. in der Bulle Docta sanctorum patrum 1322 die Aufführung der neuen Musik in der Kirche verbietet, findet die Musik vor allem beim höfischen Adel Anhängerschaft und Unterstützung; in diesem Umfeld entstehen vermehrt weltliche Musikformen.

Gattungen

Die vorherrschenden Gattungen der Ars nova sind neben der Motette verschiedene mehrstimmige Liedformen (Ballade, Rondeau, Virelai). Als formale Kompositionsprinzipien entwickeln sich Isoperiodik und Isorhythmik. Höhepunkt der Entwicklung stellt die isorhythmische Motette dar.

Komponisten

Die herausragenden Künstler der Ars nova waren u. a. Philippe de Vitry und Guillaume de Machaut (um 1300–1377). Als früheste Quelle für den neuen Stil gilt die Handschrift F-Pn146, die unter anderem den Roman de Fauvel enthält. Das Manuskript von Ivrea (I-IV 115) ist wahrscheinlich im südostfranzösischen Raum entstanden, und ist mit insgesamt 37 Motetten die umfangreichste erhaltene Motettensammlung der Ars nova. Drei Motetten werden Machaut zugeschrieben. Das ist relativ sicher, denn sie sind ebenfalls in der Handschrift Machaut 2 (F-Pn 1586) enthalten. Auch Vitry werden enthaltene Motetten zugeschrieben.

Weiterführung

Die italienische Entsprechung bzw. Weiterentwicklung der Ars nova führte zur sogenannten Trecento-Notation, die vergleichbare, aber geringfügig andere Möglichkeiten der Differenzierung der Notenwerte bot. Bekanntester italienischer Komponist dieser Zeit war Francesco Landini. Als eine Art Fortsetzungs- bzw. Nebenzweig der Ars nova kann die bis ins 15. Jh. anhaltende Ars subtilior gesehen werden.

Cantus firmus (etwa: „feststehender Gesang“, Plural Cantus firmi, Abkürzung c. f.), auch cantus prius factus („vorher gemachter Gesang“), nennt man eine festgelegte Melodie, die im Rahmen eines musikalischen Werkes von den anderen Stimmen umspielt wird, ohne selbst besonders weitgehend verändert zu werden.

Geschichte

In der beginnenden Mehrstimmigkeit des Mittelalters war es üblich, dass der Tenor (hier noch auf der ersten Silbe betont, v. lat. tenere, „halten“) die Linie des Chorals hielt, also den Cantus firmus innehatte, während eine, zwei, später auch drei weitere Stimmen ihn umspielten.

Diese Technik wurde in der Musik der Renaissance um kontrapunktische Künste erweitert, wie den Cantus firmus in zwei Stimmen zeit- und lagenversetzt anzubringen. Im Quodlibet experimentierte man damit, bis zu drei verschiedene Cantus firmi, z. B. Volkslieder, gegeneinander zu setzen. Beliebt war auch die Parodiemesse, in der immer wieder eine bekannte Melodie als Cantus firmus auftaucht („parodiert wird“), beispielsweise das weltliche L’homme armé. Eine typische Cantus-firmus-Gattung der Renaissance ist auch das deutsche Tenorlied, ein vierstimmiger A-cappella-Chorsatz, bei dem die Melodiestimme im Tenor liegt.

Ein bedeutendes von Cantus-firmus-Techniken geprägtes Werk an der Schwelle von der Renaissance zum Frühbarock ist Claudio Monteverdis Marienvesper. In ihr sind die gregorianischen Vespergesänge durchgehend in die mit neuesten musikalischen Mitteln gestalteten Vokalkonzerte eingewoben.

In der Barockmusik wurde die Cantus-firmus-Technik weiter intensiv gepflegt. Besonders kennzeichnend ist er in der barocken Orgelbearbeitung; üblicherweise beginnen die anderen Stimmen mit imitierenden Einsätzen, die der zu verarbeitenden Melodie bereits entlehnt sind, bevor diese dann in längeren Notenwerten einsetzt. Wie die meisten Komponisten geistlicher Musik im Barockzeitalter verwendete auch Johann Sebastian Bach diese Technik sehr häufig in seinen Kantaten und Orgelwerken. Ein weiterer bedeutender Komponist von Cantus-firmus-Kompositionen war Johann Pachelbel.

Unter Diminution versteht man in der Musik verschiedene Sachverhalte:

Im allgemeineren Sinne bedeutet Diminution die Verkleinerung von Notenwerten (z. B. von halben Noten zu Viertelnoten). So ist es beispielsweise möglich, dass ein musikalisches Thema im Verlauf eines Stückes auch einmal in diminuierter Form, also in kürzeren Notenwerten und damit schneller erklingt. Werden Notenwerte hingegen vergrößert, spricht man von Augmentation.

Diminution kann auch die Intervallstruktur eines Stücks betreffen; dann werden Tonsprünge in einer Melodie verkleinert. Auch hier heißt das gegensätzliche Verfahren Augmentation.

Diminution im spezielleren Sinne ist eine Art der Verzierung, die mit Verkleinerung des Zeitwerts der Noten arbeitet. Beim Diminuieren einer Melodie werden die gegebenen Noten zu Notengruppen mit halben, geviertelten oder anderweitig unterteilten Notenwerten. In jeder dieser Notengruppen taucht der ursprüngliche Ton in der Regel (aber nicht immer) wenigstens einmal auf, während die anderen Tonhöhen dazu erfunden werden. Als Ergebnis entsteht eine Melodielinie, die wie eine Umspielung der Originalmelodie in schnelleren Tönen wirkt. Die Diminution wurde in der Musik des 17. Jahrhunderts zu einem beliebten Mittel der improvisierten Variation. Sie betrifft die musikalischen Parameter Rhythmus und Melodie. Eine Form, die sich der Diminution bedient, ist das Double.

Mensuralnotation ist die Bezeichnung einer Notenschrift, die vom 13. bis etwa 16. Jahrhundert für europäische polyphone Vokalmusik verwendet wurde. Sie löste die Modalnotation ab. Der Unterschied zur Modalnotation bezieht sich auf die Fähigkeit des Systems der Mensuralnotation, präzises rhythmisches Dauern als Zahlenverhältnisse zwischen Notenwerten zu beschreiben.

Orlando di Lasso (französisch: Roland oder Orlande de Lassus; * 1532 in Mons, Hennegau; † 14. Juni 1594 in München) war einer der bedeutendsten Komponisten und Kapellmeister der Renaissance.

Leben und Wirken

Altersbild von Orlando di Lasso, um 1593, aus der internationalen Musikbibliothek Bologna

Der Geburtsort von Orlando di Lasso ist unbestritten; nicht ganz gesichert ist sein Geburtsjahr. Weil Angehörige der Oberschicht ihr Geburtsdatum genau kannten, wird von Musikhistorikern geschlossen, dass der Komponist aus einfachen Verhältnissen stammte. Er selbst hat meistens 1532 als sein Geburtsjahr angegeben. Seinen ersten Unterricht im Lesen, Schreiben und Gesang erhielt er in seiner Heimatstadt, wo er an der Kirche Saint-Nicolas-en-Bertaimont bis zu seinem 13. Lebensjahr als Chorknabe wirkte. Anwerber des Adels suchten damals in ganz Europa, besonders in den sogenannten spanischen Niederlanden, nach schönen Knabenstimmen. Der erste Biograf von Lasso, Samuel von Quickelberg, berichtet, dass Orlando wegen seiner „hellen, lieblichen Stimm“ zwei Mal entführt und von seinen Eltern wieder zurückgeholt wurde. Im Herbst 1544 verließ er seine Heimatstadt im Dienst von Ferrante I. Gonzaga, Vizekönig von Sizilien und Feldherr von Kaiser Karl V. Ferrante war nach dem Friedensschluss von Crépy am 14. September 1544 auf der Durchreise durch die Niederlande und reiste mit Orlando über Fontainebleau zunächst nach Mantua und Genua und schließlich nach Palermo auf Sizilien, wo sie am 1. November 1545 ankamen. Hier erhielt Orlando Zugang zu den Kreisen des heimischen Adels. Auch lernte er auf dieser und den folgenden Reisen durch Italien die dortige Volksmusik und die Improvisation der Commedia dell’Arte kennen, was ihn zu seinen ersten eigenen Kompositionsversuchen anregte.

Im Juni des darauf folgenden Jahres reiste er mit Ferrante Gonzaga nach Mailand; dort wurde sein Dienstherr zum Gouverneur und Befehlshaber der kaiserlichen Garnison ernannt. Hier machte Orlando die Bekanntschaft des Komponisten Bartolomeo Torresano (um 1510–1569). Einiges spricht dafür, dass sich zwischen beiden ein Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelte; Musikhistoriker vermuten, dass Torresano möglicherweise der Urheber des Madrigals „Non vi vieto“ ist, das zunächst Orlando di Lasso zugeschrieben wurde. Im Januar 1549 vertraute Ferrante Gonzaga den jungen Lasso, bei dem der Stimmbruch eingetreten war, dem kaisertreuen Ritter Costantino Castrioto an, mit welchem er nach Neapel ging, wo er als Musiker etwa drei Jahre lang bei Giovanni Battista d’Azzia, dem Marchese della Terza, weilte. Letzterer war ein Schwager Ferrantes und Amateurdichter; Orlando vertonte eines seiner Sonette, „Euro gentil“. In seinen Diensten machte Orlando ausführliche Bekanntschaft mit dem gesellschaftlichen Leben der dortigen Oberschicht, mit dem humanistischen Ideal des umfassend gebildeten Menschen, wo in Zirkeln Theateraufführungen mit Musikbegleitung praktiziert wurden, sowie mit den Improvisationen von Neapels Straßenmusikanten und seinen Straßentheatern. All dies übte einen lebhaften Einfluss auf Orlandos Persönlichkeitsentwicklung und Kompositionen aus. Darüber hinaus erwarb er umfassende Literaturkenntnisse und sprach bald fließend Deutsch, Italienisch, Französisch und Latein.

Mit knapp 20 Jahren, zwischen Dezember 1551 und Mai 1552, stand Orlando im Dienst von Antonio Altoviti, Erzbischof von Florenz, der sich infolge einer Familienfehde nach Rom abgesetzt hatte. Welche Funktion der junge Komponist bei ihm innehatte, ist nicht überliefert. Musikhistoriker halten es für möglich, dass Ferrante seinen Schützling Orlando bewusst zu diesem frankophilen Würdenträger entsandt hatte, um durch ihn Informationen über dessen politische Absichten zu erlangen. Altoviti war Musikkenner und unterstützte den Komponisten Giovanni Animuccia (um 1514–1571), der in einer Widmung 1552 von einer „neuen Musik“ spricht, womit er auf die aktuelle Kontroverse über Tongeschlechter zwischen Nicola Vicentino und Vicente Lusitano seit Juni 1551 in Rom anspielte. Orlando lernte damals wohl diese neuen Tendenzen kennen und wies später, in seinem ersten Antwerpener Druck 1555, auf sie hin. Zwischen Mai 1552 und März 1553 könnte er in Rom in Kreisen neapolitanischer Exilanten verkehrt haben, Anhänger des frankreichtreuen Fürsten von Salerno, Fernando Sanseverino, Erzfeind Ferrante Gonzagas, der danach strebte, Neapel von der Herrschaft Spaniens zu befreien. Zu diesen Exilanten gehörte auch einer der bekanntesten Komponisten neapolitanischer Lieder, Giovanni Domenico da Nola; in einer römischen Ausgabe größtenteils anonymer solcher Villanellen von 1555 ist Orlando di Lasso im Titel namentlich erwähnt. Mit der Flucht Sanseverinos an den französischen Hof im März 1553 fällt zeitlich Orlandos Anstellung bei der römischen Lateranbasilika zusammen, der nach dem Petersdom zweitbedeutendsten Kirche Roms. Die Erlangung eines so prestigeträchtigen Postens durch einen derart jungen Musiker ist eigentlich nur durch die Förderung hochgestellter Personen erklärbar, so durch Kardinal Ercole Gonzaga, den Bruder Ferrantes, der eine enge Beziehung zum Domkapitel der Lateranbasilika unterhielt. Musikhistoriker gehen davon aus, dass Orlando dort auch Kontakt zu Palestrina aufgenommen und später bis ins hohe Alter aufrechterhalten hat. Etwa im Juni 1554 kündigte der Komponist seine Stellung und verließ Rom, um wegen der Erkrankung seiner Eltern zurück in die Niederlande zu reisen, welche bei seiner Ankunft jedoch bereits verstorben waren. Mit dem Sänger, Diplomaten und Abenteurer Giulio Cesare Brancaccio (um 1515 – um 1585), einem Freund aus Neapel, ging er anschließend erneut auf Reisen und gelangte zu einem politisch bedeutsamen Zeitpunkt nach England, als die Hochzeit von Philipp, Sohn Karls V., mit Maria Tudor bevorstand. Sein Begleiter geriet in den Verdacht, ein Anhänger der Franzosen zu sein, und wurde des Landes verwiesen; Orlando kehrte in seine Heimat zurück und ließ sich für zwei Jahre in Antwerpen nieder.

Antwerpen war als Handelsmetropole wegen der vielfältigen Kontaktmöglichkeiten und der dort ansässigen Verleger Tielman Susato und Jean Laet, die seine Werke herausgeben konnten, ein ausgezeichneter Ort für die Beförderung der internationalen Karriere eines niederländischen Komponisten. Die als „Opus 1“ bekannte Sammlung von Madrigalen, Villanellen, Chansons und Motetten Orlandos erschien bei Susato 1555 in zwei Fassungen: einmal als 14. und letzter Teil einer Chansonreihe (seit 1543) und kurz darauf auch mit italienischem Titel und einer Widmung an Stefano Gentile, einem prominenten Genuesen in Antwerpen. Auch sein 1556 vom Verleger Laet gedrucktes „Antwerpener Motettenbuch“ ist auf Italienisch verfasst und Antoine Perrenot de Granvelle gewidmet, einem einflussreichen Politiker und Minister Karls V. und Philipps II. von Spanien. Orlando bemühte sich offenbar mit Hilfe prominenter Persönlichkeiten um eine Anstellung in Italien oder Spanien, war damit aber nicht erfolgreich. Immerhin wurde er durch die Vermittlung von Granvelle und dem in Antwerpen Handel treibenden Johann Jakob Fugger im September 1556 als Tenorsänger an den Hof Herzogs Albrecht V. nach München verpflichtet. Dort bezog er ein außerordentlich hohes Salär, was darauf hindeutet, dass er von Anfang an zeitweise neben Ludwig Daser auch als Kapellmeister tätig war. Er besaß mittlerweile gediegenste Kenntnisse fast sämtlicher Gattungen der Vokalpolyphonie, insbesondere der Motette. Aus seiner Erstveröffentlichung bei Susato geht hervor, dass er sich ausdrücklich von „neuen Vorbildern“ aus Italien anregen ließ und als letzte Komposition die chromatische Motette „Calami sonum ferentes“ von Cipriano de Rore in diese Sammlung aufnahm.

Im Jahr 1558 heiratete der Komponist Regina Wäckinger, die Tochter eines Landshuter Hofkanzlisten, der auch ein Bediensteter Herzog Albrechts Ehefraus Anna war. Ihre Ehe war sehr glücklich, auch weil die bodenständige und praktische Regina einen Ausgleich zu dem temperamentvollen Wesen Orlandos herzustellen vermochte. Die genaue Zahl ihrer Kinder ist nicht überliefert; schriftlich belegt sind drei Töchter und fünf Söhne; letztere wurden sämtlich Musiker.

Die Münchener Hofkapelle bestritt damals die Kirchenmusik der täglichen Messe des Herzogs und war außerdem für die offizielle Festmusik, private Kammermusik und die Huldigungsmusik bei Staatsempfängen zuständig; zudem begleitete sie den Herzog auf seinen Reisen. Im Jahr 1550 umfasste sie 19, 1569 bereits 63 Musiker. Zu Orlandos Aufgaben gehörten u. a. Reisen durch Europa zur Anwerbung neuer Musiker, die Unterrichtung der Chorknaben, die teilweise sogar in seiner Familie lebten, Proben mit den Musikern und die Komposition zahlreicher neuer Werke. Aus dem Briefwechsel zwischen Orlando und Granvelle ergibt sich, dass sich der Komponist dort in seinen ersten Münchener Jahren nicht sehr wohl fühlte und sogar in Erwägung zog, sich eine andere Anstellung zu suchen. Dies war möglicherweise seinen Arbeitsbedingungen unter Albrecht V. geschuldet, der ihm umfangreiche und prestigeträchtige Kompositionen abverlangte, ihm jedoch nicht gestattete, diese auch drucken zu lassen, weil er sie als ausschließliches Eigentum des bayerischen Hofs ansah und sich für Aufführungen zum privaten Gebrauch vorbehalten wollte – so die Prophetiae sibyllarum, die Sacrae lectiones ex propheta Job und insbesondere die Septem psalmi poenitentiales, alle vermutlich von 1556 bis 1559 geschrieben. Die letztgenannten Bußpsalmen ragen durch eine prunkvolle, vom Hofmaler Hans Mielich (1516–1573) mit Miniaturen verzierte Handschrift heraus und entstanden zwischen 1563 und 1570. Anfang der 1560er Jahre schien sich Orlandos Verhältnis zu seinem Dienstherrn gebessert zu haben, vor allem, seit er 1563 an Stelle des erkrankten Ludwig Daser zum Kapellmeister befördert worden war; bereits im vorausgegangenen Jahr hatte er die Kapelle auf Albrechts Reise nach Prag und Frankfurt zur Krönung von Maximilian II. zum böhmischen König und deutschen Kaiser geleitet. Ebenfalls 1562 erschien Orlandos erfolgreichste Motettensammlung bei Berg und Neuber in Nürnberg, welche bis 1586 dreizehn weitere Nachdrucke erfuhr.

Zwischenzeitlich waren auch die Madrigale des Komponisten in Italien sehr erfolgreich, und es erschienen die ersten französischen Chansons 1559 bei Adrian Le Roy in Paris sowie 1560 bei Pierre Phalèse in Löwen. Sein eigentlicher internationaler Durchbruch mit Chansons und Motetten bahnte sich 1564/1565 an, als die Ausgaben dieser Gattungen bei Le Roy und Ballard in Paris, bei Phalèse in Löwen und bei Scotto sowie Gardano in Venedig erschienen. Das Jahr 1567 stellte das vorläufige Ende seines Madrigalschaffens dar, nachdem das vierte Buch fünfstimmiger Madrigale erschienen war, Alfonso II. d’Este von Ferrara gewidmet. Von da an rückten vor allem die Gattungen Magnificat und deutsches Lied in den Vordergrund. Erbprinz Wilhelm von Bayern hatte sich 1568 in München mit Renata von Lothringen vermählt und in Landshut eine eigene Hofhaltung eingerichtet; ihm widmete der Komponist im gleichen Jahr seine erste Sammlung deutscher Lieder. Diese Hochzeit stellte einen Höhepunkt des Wirkens der Hofkapelle unter Orlando di Lasso dar, bei welcher der Komponist anlässlich einer aufgeführten Commedia dell’Arte selbst als Akteur, Sänger und Lautenspieler auftrat.[3][4] Durch seinen ständig wachsenden Ruhm als Komponist sahen sich viele europäische Drucker veranlasst, umfangreiche Nachdrucke herauszugeben; in München geschah dies ab 1569 durch die Motettenausgabe von Adam Berg in seinen zwölf Bänden der Patrocinium musices. Auch die Hugenotten übernahmen Kompositionen Orlandos in Form geistlicher Kontrafakturen seiner Chansons. Im Jahr 1570 wurde er von Kaiser Maximilian II. in den erblichen Adelsstand erhoben. Zweimal – in den Jahren 1575 und 1583 – gewann Orlando den Komponistenwettbewerb von Évreux, jeweils für die beste lateinische Motette.

Infolge der zahlreichen Kontakte des Komponisten zu anderen europäischen Höfen, insbesondere zu Karl IX. von Frankreich durch Vermittlung des Verlegers Adrien Le Roy, bestand in München zeitweilig die Befürchtung, dass er den Hof verlassen könnte. Jedoch hatte Orlando schon 1574 das Angebot des französischen Königs, in dessen Dienste zu treten, ausgeschlagen, obwohl er von ihm seit 1560 eine Ehrenpension bezog. Nach dem Tod Albrechts V. 1579 erhielt der Komponist von Kurfürst August von Sachsen 1580 das Angebot, als Kapellmeister an dessen Hof in Dresden zu kommen. Abgesehen von konfessionellen Erwägungen stützte sich Orlandos Ablehnung auf seine komfortable finanzielle Situation in München und womöglich auch auf sein vorgerücktes Alter. In den vorausgegangenen zehn Jahren hatte er bereits ein hervorragendes Verhältnis zu Albrechts Nachfolger Wilhelm entwickelt; dieser sorgte auch ab 1573 für die Herausgabe einer eindrucksvollen Reihe großformatiger Chorbücher mit Orlandos Messen, Offizien, Lesungen und Magnificats in den erwähnten Patrocinium musices. Der Komponist begleitete 1581 seinen neuen Dienstherrn Wilhelm auch auf einer Wallfahrt nach Altötting.

Orlando di Lasso

Nachdem in den 1570er Jahren der Einfluss der Jesuiten in Bayern, insbesondere durch Petrus Canisius zunahm, war auch die religiöse Haltung Albrechts und seines Sohns Wilhelm strenger geworden; bei letzterem führte dies u. a. zu einer inbrünstigen Marienverehrung. Bereits unter Herzog Albrecht wurde in dessen späten Jahren an der Hofkapelle gespart und die personelle Ausstattung verkleinert. Dies setzte sich unter Wilhelm fort, und sogar Orlandos Salär wurde zeitweilig gekürzt. Auch der Komponist folgte der neuen religiösen Tendenz: Die Komposition weltlicher Werke ging mehr und mehr zurück, bei den Madrigalen fand hingegen eine Verschiebung zum Madrigale spirituale statt, und auch bei den Sammlungen deutscher Lieder (1583 und 1590) ist eine gesteigerte religiöse Tendenz erkennbar. Die 1588 erschienenen dreistimmigen Sätze der ersten 50 Psalmen in der deutschen Fassung von Caspar Ulenberg, die der Komponist gemeinsam mit seinem Sohn Rudolph herausgab, bezeugen eine streng gegenreformatorische Einstellung.

Orlando di Lasso erkrankte im Jahr 1591 ernstlich, vermutlich ein Schlaganfall, gesundete aber wieder und konnte seine Kapellmeistertätigkeit wieder aufnehmen, ungeachtet eines Angebots seines Dienstherrn, sich in den Ruhestand zurückzuziehen, wohl wegen einer damit verbundenen Gehaltskürzung. Er nahm auch bis ins hohe Alter an den Reichstagen teil. 1592 wurde Wilhelms Hofkapelle auf Grund der zunehmenden Ausgaben für den Bau der Michaelskirche auf 17 Musiker verkleinert. 1594 stand sogar der Komponist selbst auf der Liste der zu Entlassenden. Dieser hatte noch am 24. Mai 1594 sein Werk Lagrimae di San Pietro (Die Bußtränen des heiligen Petrus) Papst Clemens VIII. gewidmet und starb am 14. Juni desselben Jahres. Er hinterließ seine Witwe Regina und seine Kinder; zwei seiner Söhne, Ferdinand und Rudolph, waren Mitglieder der Hofkapelle und zeichneten sich auch als Komponisten aus. Seine Tochter Regina heiratete den Maler Hans von Aachen. Orlandos Grabinschrift auf dem Friedhof der Kirche St. Salvator in München, der 1789 aufgelassen wurde, lautete:

Discant hab ich als Kind gesungen

Als Knabe weiht’ ich mich dem Alt

Dem Mann ist der Tenor gelungen

In Tiefen jetzt die Stimm’ verhallt.

Laß, Wandrer, Gott den Herrn uns loben

Sei dumpfer Bass mein Ton,

Die Seele bei ihm oben!

Das Epitaph Orlando di Lassos wird im Bayerischen Nationalmuseum in München verwahrt.

Bedeutung

Ohne Zweifel war Orlando di Lasso der berühmteste Komponist des 16. Jahrhunderts, dessen außerordentlich vielseitiges Gesamtwerk sich durch den blühenden Musikaliendruck sehr schnell über Mittel-, West- und Südeuropa verbreitete. Zwischen 1555 und 1594 kamen durchschnittlich jeden Monat eine Ausgabe von Orlandos Werken heraus, und zwar als Individualdrucke oder Sammlungen (Anthologien), seien es Nachdrucke oder neue Werke, eine Zahl, mit der er alle Musikerkollegen übertraf. Die Musikherausgeber in Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden wetteiferten geradezu in der Vermarktung neuer oder bereits erschienener Werke des Komponisten. Sein Erfolg lässt sich auch aus der ungewöhnlich großen Zahl von Instrumentalbearbeitungen seiner Kompositionen ablesen und den vielen, hauptsächlich geistlichen Kontrafakturen vor allem seiner Chansons in Frankreich, England und Deutschland. Orlando pflegte gute Kontakte zu vielen weltlichen Herrschern Europas, so zu Karl IX. von Frankreich, zu den eigenen Dienstherren des bayerischen Hauses Wittelsbach, Graf Eitel Friedrich von Hohenzollern-Hechingen, Herzog Alfonso II. d’Este in Ferrara, zu dem ersten Minister von Kaiser Karl V., zum Nürnberger Senat und zu Mitgliedern der Augsburger Bankiersfamilie Fugger; im geistlichen Bereich gehörten dazu die Päpste Gregor XIII. und Clemens VIII., die Bischöfe von Augsburg, Würzburg und Bamberg sowie die Äbte von Benediktbeuern, St. Emeram in Regensburg, Weingarten, Weihenstephan und Ottobeuren. Die meisten dieser Persönlichkeiten waren auch Widmungsträger seiner Werke. Darüber hinaus haben auch zahlreiche Musiktheoretiker seiner Zeit das Gesamtwerk Orlandos als Vorbild zur Nachahmung herausgestellt. Orlandos Motettensammlungen wirkten auch als Anregung für etliche Komponisten seiner Zeit, eigene derartige Sammlungen herauszubringen (Alexander Utendal, Ivo de Vento) oder dienten als bevorzugte Vorlage für deren Bearbeitungen (herausragendes Beispiel: Jean de Castro). In der Gattung der Parodiemesse gibt es mindestens 80 Messen anderer Komponisten, die auf eine Vorlage von Orlando di Lasso zurückgehen.

Orlando war ein Hochgebildeter der Renaissance und ausgeprägter Kosmopolit des 16. Jahrhunderts, aus dessen Briefwechsel hervorgeht, dass er keine Scheu hatte, frei seine Meinung zu äußern. Dem Unverstand seiner bayerischen Dienstherren gegenüber wusste er seine geistige Überlegenheit geschickt einzusetzen. Er vereinte höchste kompositorische Meisterschaft mit enormer Schaffenskraft, wodurch es, durch ihn und Palestrina, zum letzten Höhepunkt der franko-flämischen Musik kam. Er zeigte eine schöpferische Universalität wie kein anderer und komponierte deutsche Lieder, französische Chansons, liturgische Musik wie Messen, Magnificats und Hymnen ebenso wie Werke zur weltlichen Repräsentation. Zu den frühesten Kommentaren über die Charakteristiken seiner Musik gehört eine Aussage seines Biografen Samuel von Quickelberg zu seinen Bußpsalmen, in denen er das außerordentliche Vermögen Orlandos beschreibt, Texte illustrativ und affektvoll in Töne umzusetzen, womit er zu einer Ausdruckskraft gelangte, die in seiner Zeit unerreicht war. Ausgehend von dem imitativen Kontrapunkt der vorangegangenen Komponistengeneration verlässt er die strenge Durchimitation und komponiert einen auffallenden „Kontraststil“, in dem das musikalische Gewebe im Dienst des Textes von Abschnitt zu Abschnitt wechselt. Der Herausgeber Adrian Le Roy charakterisiert Orlandos musikalische Sprache sinngemäß als „bündig ohne viele Wiederholungen (im Gegensatz etwa zu Jacobus Clemens non Papa oder Nicolas Gombert), griffig formuliert und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, unter Weglassung von allem unnötigen Beiwerk“.

Die beispiellose Vielseitigkeit des Komponisten ist besonders an seinem überwältigenden Motettenschaffen sichtbar, über 500 ein- und mehrteiligen Werken für zwei bis zwölf Stimmen, gekrönt von der posthumen Ausgabe Magnum opus musicum von 1604 durch einen seiner Söhne. In dieser Werkgruppe fallen außer der großen Variabilität in Länge und Besetzung die starke textliche und stilistische Verschiedenheit auf. In den religiös geprägten Motetten besitzen die Psalmvertonungen das größte Gewicht; daneben dienten das Buch Hiob, die Sprüche und das Hohelied Salomos und aus dem Neuen Testament hauptsächlich die vier Evangelien als Grundlage. Ein großes Gewicht besitzen auch die weltlichen Motetten, wie Auftrags-, Huldigungs- und Staatsmotetten mit neolateinischen Versen, Hochzeitskompositionen, humoristischen Motetten und Trinklieder; daneben befinden sich auch didaktische Motetten zu zwei und drei Stimmen für die Söhne von Herzog Albrecht und Chöre für das Jesuitentheater, so die Serie von sechs Werken für das Drama „Christus Iudex“ des italienischen Jesuiten Stefano Tucci. In der Beherrschung der „Klangregie“ zeigt sich Orlando unübertroffen, wenn er bei seinen fünf- und sechsstimmigen Werken mit grenzenloser Fantasie, meist im Dienst des Textes, verschiedene Stimmgruppierungen aufeinander folgen lässt, wobei in den überwiegend syllabischen Passagen ab dem Nürnberger Motettenbuch von 1562 perfekt dosierte, textbestimmte Melismatik eingesetzt wird. Ebenso vielseitig und textbestimmt verfährt der Komponist mit Rhythmus und Synkopen sowie mit dem Einsatz von Zusammenklängen, wo er von Dissonanzen, Querständen und Alterationen einen ebenso lebhaften wie effizienten Gebrauch macht. Orlandos Motetten sind überwiegend frei komponiert, lassen aber dennoch eine gründliche Kenntnis der überlieferten Techniken wie Cantus firmus, Ostinato, Soggetto cavato und Kanon oder auch eine Kombination von mehreren dieser Techniken erkennen; solche Anregungen lassen sich auf Vorbilder wie Josquin Desprez, Adrian Willaert, Cipriano de Rore, Jacobus Clemens non Papa und Ludwig Senfl zurückführen. Schüler Lassos waren unter anderen Giovanni Gabrieli (in den Jahren 1575 bis 1579), Antonius Gosswin und Leonhard Lechner.

Im Mittelpunkt von Lassos liturgischem Schaffen stehen zwei Gattungen: das Mess-Ordinarium und das Magnificat. Es gibt von ihm 60 Messen mit gesicherter Autorschaft und 15 weitere, wo dies nicht gesichert ist. Die umfangreichste Ausgabe von Messen war die von Le Roy und Ballard 1577 mit 18 Werken; auffallend sind auch die posthumen Ausgaben Paris 1607 und München 1610, darüber hinaus auch eine erhebliche Zahl von etwa 20 handschriftlichen Messen, die nie gedruckt wurden. Der letzte historische Druck einer Messe war die kurze Missa Iager (Missa venatorum), die bei Christophe Ballard in Paris 1687 herauskam. Den absoluten Höhepunkt erlebte unter Orlando di Lasso die Parodiemesse sowohl hinsichtlich der Vorlagenvielfalt wie auch der Kompositionstechnik. Der Hauptanteil der Vorlagen geht auf eigene (15) und andere Motetten (Jachet de Mantua und Ludwig Daser) sowie auf Madrigale von ihm selbst und von anderen zurück (Cipriano de Rore, Jacobus Arcadelt, Sebastiano Festa, Adrian Willaert und Palestrina). Unter den Chansons als Vorlagen sind Claudin de Sermisy, Pierre Certon und Jacobus Clemens non Papa vertreten. Die enorme Mannigfaltigkeit von Lassos Messenschaffen reicht von kurzen, überwiegend homophonen Kompositionen bis zu ausgedehnten kontrapunktischen Zyklen. Seine immer wieder variierte Parodietechnik wechselt vom wörtlichen Zitat und begrenzter Bearbeitung bis zur weitgehenden Neuinterpretation der Vorlage, so dass seine Messen als ein wahres Kompendium der Parodietechnik in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts gelten können. Er verstand es auf unnachahmliche Weise, einem Modell zu folgen und es gleichzeitig umzubilden. Sein enormes Schaffen von 102 Magnificat-Vertonungen und zwölf marianischen Litania Lauretana resultiert aus der Einführung der liturgischen Reformen (Usus romanus) am herzoglich bayerischen Hof seit etwa 1580. Orlandos Beitrag zu dieser Gattung gilt als einzigartig, nicht nur wegen des Umfangs, sondern auch weil er hier erstmals das Parodieprinzip systematisch auf die Komposition von Magnificats anwandte. „Die Verschiedenheit bei der Wahl der Modelle, namentlich Madrigale (Cipriano de Rore), Motetten (Josquin Desprez) und Chansons (Claudin de Sermisy) ist so überwältigend, dass seine Gruppe von Parodiemagnificats, ebenso wie seine Parodiemessen, einen idealen Querschnitt aller möglichen Stile des 16. Jahrhunderts bietet“ (Ignace Bossuyt in der Quelle MGG).

Der Komponist spielte auch eine Vorreiterrolle in der Geschichte des Madrigals im ausgehenden 16. Jahrhundert, denn er hat als Erster in den Niederlanden Madrigale und Villanellen herausgegeben. Gerade die frühesten fünfstimmigen Ausgaben dieser Gattung (Venedig 1555 und Rom 1557) wurden schon ab 1586 von etlichen italienischen Verlegern wie Scotto, Barré, Gardano, Rampazetto und Merulo mehr als zehn Mal nachgedruckt. Später verringerte sich dieser Zuspruch und auch die Zahl solcher Werke Orlandos, bis er in seinen letzten Jahren diesen Typus wieder aufnahm und mit seinen Lagrime di San Pietro zur Krönung führte. Diese spätere Periode ab 1583 unterschied sich deutlich von der früheren, besonders in der Auswahl der Texte, zwar immer noch häufig auf Texte von Petrarca, aber mehr mit religiösem Einschlag, dann auch auf Texte von Gabriele Fiamma (1533–1585) und Luigi Tansillo (1510–1568), dem Textdichter der Lagrime. Das letztere siebenstimmige Werk ist ein monumentaler, auch modal zusammenhängender Zyklus in 21 Teilen, in dem die syllabische Deklamation vorherrscht und in dem melodische Linien, Rhythmus und Zusammenklang ebenfalls vom Text bestimmt sind, wobei auch melismatische Passagen vorkommen. So zeigen diese Stücke sehr illustrativ die synthetische Vorgehensweise des Komponisten, in denen der römische und der venezianische Madrigaltyp verschmolzen werden, darüber hinaus auch die unerschöpfliche Vielseitigkeit des Komponisten, mit einer unübertroffenen Ausdruckskraft wie in den Motetten und höchster Ökonomie sowie beispielhafter Knappheit in seinen Mitteln. Die späten Madrigale von Orlando di Lasso können als hoch brillante Synthese der „klassischen Errungenschaften“ ihrer Gattung gelten, die keinen Hang zur Extravaganz oder zur Verunklarung geltender Regeln zeigen.

Orlando di Lasso war auch der am höchsten geachtete Komponist französischer Chansons seiner Zeit, vor allem natürlich in Frankreich und in den Niederlanden, wo auch die meisten Ausgaben erschienen sind. Die beeindruckende Zahl an Nachdrucken bis 1619 belegt die besondere und dauerhafte Nachfrage nach den Chansons des Komponisten sowie seine besondere Popularität bei den Instrumentalisten, wie sie hauptsächlich aus der Zahl der Lautentabulaturen hervorgeht, aber auch bei den Hugenotten in Frankreich und England, wo viele Kontrafakturen der Chansons entstanden. Die Verschiedenheit der ausgewählten Texte korrespondiert mit der für Lasso typischen Verschiedenheit der musikalischen Stile, wobei sich drei Tendenzen unterscheiden lassen: die niederländische Tradition des imitativen Kontrapunkts nach Nicolas Gombert und Clemens non Papa, die deklamatorische Rhythmik nach Clément Janequin und Claudin de Sermisy und den am Madrigal orientierten Stil von Cipriano de Rore. Als besonders herausragend gelten hier die Stücke des madrigalistischen Chansons und als besonders ungewöhnlich die vier achtstimmigen, doppelchörigen Chansons in Dialogform. Insgesamt wird deutlich, dass Orlando di Lasso auf dem Gebiet des französischen Chanson der am stärksten international orientierte Komponist war.

Eine mehr regionale Gattung stellen die deutschen Lieder Orlandos dar, mit denen er an die Tradition von Ludwig Senfl anknüpfte. Im Unterschied zur bisherigen Form machte er hier zunächst die Fünfstimmigkeit zur beherrschenden Norm, pflegte aber später auch die vierstimmige Form und zeigt auch hier seine legendäre Vielseitigkeit in Textauswahl und Besetzung. Wie bei den Madrigalen und Chansons zeigt sich bei seinen späteren deutschen Liedern eine Tendenz zu religiösen Themen, darunter das monumentale zwölfteilige „Die gnad kombt oben her“. In diese Gruppe gehören auch die ersten 50 Psalmen, die abwechselnd von Orlando und seinem Sohn Rudolph komponiert wurden. Zahlreiche Texte entnahm der Komponist von Ludwig Senfl und der Anthologie von Georg Forster, aber keine polyphonen Modelle. Im Unterschied zu den früheren deutschen Liedern waren das keine Tenorlieder, sondern lehnten sich mehr an die französische Chanson an, gelegentlich auch an das Madrigal oder die Villanella; nur in einigen Liedern ist die herkömmliche Tradition des Cantus-firmus-Lieds deutlich sichtbar. Dagegen befindet sich in den geistlichen Liedern die Hauptmelodie durchgängig im Tenor, und die anderen Stimmen begleiten sie imitativ-paraphrasierend; dies kann als merklicher Beitrag Orlandos zur deutschen Choralmotette angesehen werden. Er kannte auch die Villanellen von Jakob Regnart und übernahm von ihm einen Refrain in sein Werk Die gnad kombt oben her. Der große Erfolg des deutschen Liedschaffens von Orlando di Lasso ergibt sich auch aus den zahlreichen Nachdrucken dieser Stücke von Adam Berg in München und Clara Gerlach in Nürnberg, zu seinen Lebzeiten und danach.

Werke (summarisch)

Viele Werke sind auch in Tabulaturen überliefert; zahlreiche Kompositionen erschienen ferner als geistliche Kontrafakturen in den Sammlungen mit Hugenottenmusik, vor allem bei Simon Goulard. Die Überlieferung der Werke Orlando di Lassos umfasst für die Zeit von 1555 bis 1629 mehr als 120 verschiedene Individualdrucke (teilweise in mehreren Auflagen und Nachdrucken), auch in vielen Sammeldrucken und Handschriften.

Veranstaltung vom 02.05.18

Einkommen von Orlando di Lasso

Der bayer. Herzog garantierte ihm lebenslängliche Besoldung, Pensionsversorgung für die Witwe im Überlebensfall und gab Anstellungszusicherungen für die Söhne Ferdinand und Rudolph. Von Anfang an mit höherer Besoldung versehen als der noch amtierende Vorgänger im Kapellmeisteramt, erreichte L. ein hohes Gehalt, das ihn – er war nur Musiker – im Einkommen einem einfachen Hofrat gleichsetzte.

Ab Herbst 1556 ist Lasso als Tenorist in München nachweisbar, wohin er auf Vermittlung der Fugger gekommen war. Ein Briefwechsel mit dem Bischof von Arras Antoine Perrenot de Granvelle belegt jedoch, dass er an einer Stelle an einem größeren Hof interessiert war (evtl. bei Philipp II. von Spanien?). Erste Gehaltszahlungen in München sind für 1557 nachweisbar: er erhielt 180 und einen halben Gulden, während der Kapellmeister Ludwig Daser nur mit 150 Gulden besoldet war.

Schon bald nach seinem Münchner Dienstantritt unternahm Lasso in herzoglichem Auftrag oder in dessen Begleitung zahlreiche Reisen: Um Sänger und Musiker anzuwerben ging er 1560 und wohl auch 1564 in die Niederlande, 1574 reiste er zum selben Zweck nach Italien; dort wurde er (im April 1574) von Papst Gregor XIII. zum Ritter des Goldenen Sprons erhoben. 1562 begleitete Lasso seinen Dienstherrn Albrecht V. nach Prag zu den Krönungsfeierlichkeiten Maximilians II. zum König von Böhmen und anschließend nach Frankfurt, wo Maximilian zum deutschen König gekrönt wurde. Auch sonst war Lasso mit ausgewählten Musikern der Hofkapelle aus Repräsentationsgründen im Gefolge des Herzogs: so bei den Reichstagen in Augsburg 1566, Regensburg 1567 und Augsburg 1582. 1570 war er mit Albrecht V. bei Maximilian II. in Prag. Im Oktober 1573 ging er als Bote Albrechts mit Geschenken an Maximilian nach Wien. Im September 1574 wirkte er mit bei den Feierlichkeiten zur Hochzeit des Pfalzgrafen Philipp von Neuburg mit Prinzessin Anna von Jülich, Kleve und Berg. Auch private Reisen sind belegt: Im Mai 1571 war er in Paris; nach seiner Rückkehr wurde sein Gehalt von 325 auf 400 Gulden aufgestockt, da man ihn wohl unbedingt in München halten wollte. Noch 1574 versuchte Charles IX., Lasso über den mit ihm bekannten Lautenisten und Verleger Adrian le Roy Lasso nach Frankreich zu holen. Die wohl letzte große Reise war im September/Oktober 1585 eine Wallfahrt nach Loreto, die Lasso zusammen mit einigen Hofmusikern durchführte.

Deutscher Text von Adolf Sandberger // Orlando di Lasso, 1555 (1530-94) // Das Original, „Je l’ayme bien“ beginnend, steht in Lassos „Primo libro, dove si contengono Madrigali etc.“ (1555), Neudruck in der Gesamtausgabe der Lassoschen Werke, 12. Band. Auf den schönen, legatissimo zu singenden Beginn folgt als Mittelsatz die realistisch gestaltete Stelle: „Was flüstern auch“, nach welcher der erste Teil wiederholt wird. Also ein Vorklang der dreiteiligen Liedform. Modern im besten Sinne. Edle Melodie.

Ich liebe dich, ich steh zu dir, ich liebe dich, ich steh zu dir, ich liebe dich, ich steh zu dir: dies Wort erfüll die Seele mir bis einst mein Sang ganz ausgeklungen. Was flüstern auch die neidschen Zungen, was flüstern auch die neidschen Zungen, was flüstern auch die neidschen Zungen, ich liebe dich, ich steh zu dir, ich liebe dich, ich steh zu dir, ich liebe dich, ich steh zu dir!

Wir haben  Orlando di Lasso kennengelernt, einen der wichtigsten Komponisten der Renaissance. Er wurde auch „princeps musicorum“, Fürst der Musiker, genannt.
>Hier kann man „Das große Nasenlied“ von Orlando di Lasso anhören.
Der lustige Text beschreibt die unterschiedlichsten Nasen.

Hört zu ein neus Gedicht von Nasen zugericht,
der sein sehr viel und gnueg, ein jeder will mit fueg
damit sein in dem Gsellenspiel, ein schöne Nasen haben will;
dem soll man sie lassen zu ruh, es seind noch ander Nasen gnueg.
Krade, krumpe, pucklete, einbogne, murrete,
dicke, breite, spitzet, maset, schrammet, gflickte,
dreiecket und knollet, vierecket und drollet,
gschneitzte, rotzig, butzig, gstumpfet, kumpfet, ruesig,
driefend, blietzend, schnoflent, schnaufend, schnarchend, schnopffent,
frostblaue, brennrote, zucket, frade, zschlagne, zkratzte, zbißne, zschnidne, zhackte,
zrißne, blocket, hacket, zincket, muncket, pflunschet, stincket, gleisset,
wimbret, hogret, vol engering, knopret, ebne, schelche, flache, ein krußblane,
weiche Nasen wie die Affennasen drat mit klaffen und ander noch vil mehr,
die wir nit zählen her, wir haben der genueg, nun höret weiter zu!
So findt man gülden, silberen, messing, zinnen, küpfferen, stählin, eisen,
steinen, beinen, hirnen, hültzen, wäxen, gschnitzte, goßne, gfrorne, gmalte Nasen,
lange, kurtze, große, weite, hohe, nidere Nasen,
Fleischnasen, Fischnasen, altfränkisch Nasen, gantz Nasen, schön Nasen, sauber Nasen,
wohlgformet Nasen, gar allerlei Nasen mit Knoden und fasen.
Der gwinnen will den Kranz, König werden am Nasen-Tanz,
der kumb bis Sonntag frueh gen Gimpelsbrunn darzue.

Reiches Quellenmaterial zu Lasso findet sich vor allem in der Bayerischen Staatsbibliothek München, bedeutsam sind außerdem die Bestände der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg und der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Für Augsburg sei verwiesen auf die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Die Bischöfliche Zentralbibliothek Regensburg enthält die Bestände des Kirchenmusikreformers, Priesters und Arztes Carl Proske mit Musik von Lasso enthaltenden Drucken und Handschriften, die dieser 1861 dem Bischöflichen Stuhl vermacht hatte. (Proske hat das in seinem Besitz befindliche Magnum opus musicum weitestgehend im Jahr 1842 spartiert und damit eine wesentliche Voraussetzung für die von Haberl erstellte Edition der Motetten in der Alten Gesamtausgabe geschaffen, da sich Haberl auf Proskes Sparten stützen konnte.) Auch die Bibliothek des Priestermusikers, Kirchenmusikreformers und Musikwissenschaftlers Franz Xaver Haberl ging in die Regensburger Bibliothek mit ein.

Die Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek, die insgesamt eine der größten und bedeutendsten Sammlungen mit Musik des 16. Jahrhunderts und den für die Musik Orlando di Lassos weltweit größten Quellenbestand besitzt, verwahrt das aus der Münchner Hofkapelle zur Zeit Lassos überkommene Aufführungsmaterial: Chorbücher mit geistlicher Musik, die zum Teil prächtig ausgestattet und, wohl unter Lassos Aufsicht, durchwegs von hervorragenden Schreibern wie Franz Flori hergestellt wurden. (Handschriftliche Stimmbücher aus der Hofkapelle fehlen ganz; da deren Verbleib bis heute nicht geklärt ist, müssen sie als verloren gelten.) Im Zug der Säkularisation (seit 1802) kamen weitere Chorbücher, handschriftliche Stimmbücher und Tabulaturen aus bayerischen Klöstern in die Bibliothek, 1828 wurden die zahlreichen Chorbücher aus St. Michael (der Jesuiten- und Hofkirche) übernommen. Außerdem besitzt die Musikabteilung der Münchner Bibliothek eine große Anzahl von Einzeldrucken und Sammelwerken des 16. und frühen 17. Jahrhunderts mit Musik Lassos, die zum Teil zu den ältesten Beständen der 1558 von Albrecht V. gegründeten Hofbibliothek zählen, also nicht im Gebrauch der Hofkapelle waren. Angekauft wurde um 1585 die Sammlung des Augsburger Ratsherrn Johann Heinrich Herwart (1520-1583) und 1594 die Bibliothek des Augsburger und Eichstätter Domherren Johann Georg Werdenstein (1542-1608); beide enthielten reiche Bestände an Musikdrucken des 16. Jahrhunderts und bilden den Grundstock der großen Sammlung der Staatsbibliothek an Musikdrucken des 16. Jahrhunderts. Der Bestand wurde stetig erweitert, so konnten 1995 einige Drucke mit Musik Lassos aus der vormaligen Bibliothek von Geneviève Thibaut (Comtesse de Chambure) erworben werden. (Zu den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek vgl. den Überblick von Hartmut Schaefer: München, B. Handschriften und Bibliotheken, Sp.598-605; außerdem die Martin Bente u.a., Katalog der Musikhandschriften 1 und Marie Louise Göllner, Katalog der Musikhandschriften 2). Daneben besitzt die Musikabteilung Sparten aus dem 19. Jahrhundert: so hat der Kustos der Sammlung Julius Joseph Maier selbst Musik Lassos in Partitur geschrieben und im Jahr 1877 den Nachlass von Friedrich Filitz erworben, der eine Sparte des Magnum opus musicum erstellt hatte.

Bayerisches Nationalmuseum

Hofmusik der Wittelsbacher

Instrumente der höfischen Musikkunst des 16. bis 18. Jahrhunderts bilden den Hauptteil der Sammlung, darunter bedeutende Holz- und Blechblasinstrumente. Sie gehen zum Teil zurück auf die Münchner Hofkapelle, die von dem berühmten Renaissance-Komponisten Orlando di Lasso geleitet wurde. Weitere Instrumente kamen über die Pfälzer Wittelsbacher und vor allem Kurfürst Karl Theodor, der die Mannheimer Hofkapelle förderte, nach München.

Humanismus

Als Humanismus wird die geistige Strömung in der Zeit der Renaissance bezeichnet, die von Francesco Petrarca (1304–1374) angeregt wurde, in Florenz ein herausragendes Zentrum besaß und sich im 15. und 16. Jahrhundert über den größten Teil Europas ausbreitete.

In erster Linie war es eine literarisch ausgerichtete Bildungsbewegung. Die Humanisten traten für eine umfassende Bildungsreform ein, von der sie eine optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend erhofften. Humanistische Bildung sollte den Menschen befähigen, seine wahre Bestimmung zu erkennen und durch Nachahmung klassischer Vorbilder ein ideales Menschentum zu verwirklichen. Ein wertvoller, wahrheitsgemäßer Inhalt und eine vollendete sprachliche Form bildeten für die Humanisten eine Einheit. Daher galt ihr besonderes Augenmerk der Pflege des sprachlichen Ausdrucks. Der Sprach- und Literaturwissenschaft fiel im humanistischen Bildungsprogramm eine zentrale Rolle zu.

Ein prägendes Merkmal der humanistischen Bewegung war das Bewusstsein, einer neuen Epoche anzugehören, und das Bedürfnis, sich von der Vergangenheit der vorhergehenden Jahrhunderte abzugrenzen. Die Vergangenheit, die man „Mittelalter“ zu nennen begann, wurde von den maßgeblichen Vertretern der neuen Denkrichtung verächtlich abgelehnt. Insbesondere den spätmittelalterlichen scholastischen Lehrbetrieb hielten die Humanisten für verfehlt. Dem Mittelalter stellten sie die Antike als schlechthin maßgebliche Norm für alle Lebensbereiche entgegen. Eines ihrer Hauptanliegen war die Gewinnung eines direkten Zugangs zu dieser Norm in ihrer ursprünglichen, unverfälschten Gestalt. Daraus ergab sich die Forderung nach Rückbesinnung auf die authentischen antiken Quellen, die zu dem Schlagwort ad fontes greifen ließ.

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Scholastik („seine Muße den Wissenschaften widmend“) ist die Denkweise und Methode der Beweisführung, die in der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt des Mittelalters entwickelt wurde.

Bei dieser Methode handelt es sich um ein von den logischen Schriften des Aristoteles ausgehendes Verfahren zur Klärung von Fragen mittels theoretischer Erwägungen, ausgehend von Prämissen („Voraussetzung, Annahme“). Dabei wird eine Behauptung untersucht, indem zuerst die für und die gegen sie sprechenden Argumente nacheinander dargelegt werden und dann eine Entscheidung über ihre Richtigkeit getroffen und begründet wird. Behauptungen werden widerlegt, indem sie entweder als unlogisch oder als Ergebnis einer begrifflichen Unklarheit erwiesen werden oder indem gezeigt wird, dass sie mit evidenten oder bereits bewiesenen Tatsachen unvereinbar sind.

Der heute bekannteste Teil der scholastischen Literatur handelt von theologischen Fragen. Die Scholastik war jedoch keineswegs auf theologische Themen und Ziele begrenzt, sondern umfasste die Gesamtheit des Wissensbetriebs. Die scholastische Methode wurde als die Vorgehensweise schlechthin betrachtet.

Außerdem dient der Begriff „Scholastik“ zur Bezeichnung der Epoche der Philosophie- und Theologiegeschichte, in der die scholastische Methode sich durchsetzte und das höhere Bildungswesen prägte.

Kritik:

Prominente Humanisten wie Petrarca und Erasmus von Rotterdam (Ende der 1460er Jahre-1536). Sie griffen die ganze scholastische Wissenschaft mit großer Schärfe an, weil sie steril sei und ihre Fragestellungen und Lösungen nutzlos und belanglos seien. Die Humanisten meinten, dass die Scholastiker Aristoteles nicht verstehen konnten, da sie ihn nur aus mangelhaften Übersetzungen kannten und aus der Perspektive des Averroes betrachteten. Außerdem verabscheuten die Humanisten die Sprache der Scholastiker, das spätmittelalterliche Latein mit seinen vielen scholastischen Fachbegriffen. Sie wollten nur antikes, klassisches Latein gelten lassen.

(Averroës (auch Avérroes oder Averrhoës, * 14. April 1126 in Córdoba; † 10. Dezember 1198 in Marrakesch) war ein andalusischer Philosoph, Jurist, Arzt und arabischsprachiger Schriftsteller. Er war Hofarzt der berberischen Dynastie der Almohaden von Marokko.

Averroës verfasste eine medizinische Enzyklopädie und fast zu jedem Werk von Aristoteles einen Kommentar. In der christlichen Scholastik des Mittelalters, auf die er großen Einfluss ausübte, wurde er deshalb schlicht als „Der Kommentator“ bezeichnet, so wie Aristoteles nur „der Philosoph“ genannt wurde.

Averroës sah in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen, glücklich zu werden. Die Logik (nach Aristoteles) lieferte für ihn die Möglichkeit, aus den Daten der Sinne zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Die Logik war für ihn das Gesetz des Denkens und der Wahrheit.)

Pioniere des modernen Wissenschaftsverständnisses übten in der frühen Neuzeit Kritik an der Scholastik. Die Kritik der konservativen Antidialektiker und der Humanisten konnte der Scholastik wenig anhaben, denn sie hatten keine konstruktiven wissenschaftlichen Alternativen anzubieten. In der frühen Neuzeit entstand aber eine dritte Art von Gegnerschaft, die in einem langen Prozess das Ende der Scholastik herbeigeführt hat. Man wollte sich nicht mehr damit begnügen, Beobachtungen so zu deuten, dass sie mit vorgegebenen Prinzipien und deren Konsequenzen vereinbar waren und sich eine widerspruchsfreie Theorie ergab. Stattdessen begann man empirisch vorzugehen, dadurch dem Erfahrungswissen Vorrang einzuräumen und nötigenfalls die Prinzipien zu ändern oder aufzugeben, also neben der Deduktion vorrangig die Induktion als wissenschaftliche Methode gelten zu lassen. Diese Kritik zielte auf die Hauptschwäche der deduktiven scholastischen Methode, nämlich den Umstand, dass die Ergebnisse der Scholastiker trotz allen Scharfsinns nicht besser sein konnten als die Prämissen, von denen sie ausgingen. Außerdem ersetzte die frühneuzeitliche Naturwissenschaft das qualitätsbezogene Denken der Scholastiker teilweise durch ein quantitätsbezogenes. Bei dieser Entwicklung spielte insbesondere Francis Bacon (1561-1626) als Gegner der scholastischen Tradition eine wesentliche Rolle. Er war ein Wegbereiter des Empirismus.

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Begriffsgeschichte

Der Begriff „Humanismus“ wurde von dem Philosophen und Bildungspolitiker Friedrich Immanuel Niethammer (1766–1848) eingeführt. Niethammers 1808 veröffentlichte pädagogische Kampfschrift „Der Streit des Philanthropinismus und Humanismus in der Theorie des Erziehungs-Unterrichts unsrer Zeit“ erregte Aufsehen. Als Humanismus bezeichnete er die pädagogische Grundhaltung derjenigen, die den Unterrichtsstoff nicht unter dem Gesichtspunkt seiner praktischen (materiellen) Verwertbarkeit beurteilen, sondern Bildung als Selbstzweck unabhängig von Nützlichkeitserwägungen anstreben. Dabei kommt der Erlangung sprachlicher und literarischer Kenntnisse und Fähigkeiten eine zentrale Rolle zu. Als entscheidender Faktor im Lernprozess gilt die Anregung durch das intensive Studium „klassischer“ Vorbilder, die man nachahmt. Dieses Bildungsideal war das traditionelle, seit der Renaissance allgemein herrschende. Daher begann man um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die Geistesbewegung in der Epoche der Renaissance, die das Programm einer so konzipierten Bildung formuliert und umgesetzt hatte, als Humanismus zu bezeichnen.

Als kulturhistorischer Epochenbegriff für eine lange Zeit des Übergangs vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit wurde „Humanismus“ erstmals von Karl Hagen 1841 verwendet und dann von Georg Voigt in seinem 1859 erschienenen Werk „Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus“ etabliert. Einen Anstoß dazu gab die Idee Johann Gustav Droysens, den Begriff „Hellenismus“ für die mit Alexander dem Großen beginnende Epoche zu verwenden.

Das Wort „Humanist“ ist erstmals gegen Ende des 15. Jahrhunderts bezeugt, und zwar zunächst als Berufsbezeichnung für Inhaber einschlägiger Lehrstühle, analog zu „Jurist“ oder „Kanonist“ (Kirchenrechtler). Erst im frühen 16. Jahrhundert wurde es auch für außeruniversitäre Gebildete verwendet, die sich als humanistae verstanden.

Der älteste Beleg für humanista stammt aus dem Jahr 1490. Ursprünglich war humanista eine Berufsbezeichnung für Inhaber derjenigen Lehrstühle an den Universitäten, die den studia humanitatis gewidmet waren, also dem Unterricht in lateinischer und altgriechischer Grammatik und Rhetorik und antiker Literatur, insbesondere den Werken antiker Dichter, Philosophen und Geschichtsschreiber.

Obwohl der Humanismus außerhalb der Universitäten entstanden ist, ist die Bezeichnung Humanist somit rein universitären Ursprungs. Sie kam anfangs nur umgangssprachlich im Studentenjargon vor. Erst im frühen 16. Jahrhundert wurde humanista als offizieller Titel für einen Hochschullehrer verwendet. Damals wurde es auch üblich, außeruniversitäre Gebildete, die sich mit literarischen Studien befassten, als Humanisten zu bezeichnen. Allerdings vertraten viele Humanisten einen strengen Klassizismus, das heißt, sie waren der Überzeugung, man dürfe keine lateinischen Ausdrücke verwenden, die bei den antiken Klassikern nicht vorkommen. Manche meinten, man müsse sich im Lateinischen ausschließlich auf den Wortschatz Ciceros beschränken (radikaler Ciceronianismus). Für die zahlreichen klassizistisch denkenden Humanisten kam daher ein neu gebildetes Wort (Neologismus) wie humanista als Selbstbezeichnung nicht in Betracht. Da die Wortneubildung mit dem Suffix -ista ihrem Sprachgefühl zuwiderlief, nannten sie sich lieber “Dichter” (poetae) oder “Redner” (oratores).

Selbstverständnis und Ziele der Humanisten

Ausgangspunkt der Bewegung war das Konzept der Humanität (lateinisch humanitas „Menschennatur“, „das Menschengemäße, den Menschen Auszeichnende“), das in der Antike von Cicero formuliert worden war. Auf die Ausformung der humanitas zielten die von Cicero als studia humanitatis bezeichneten Bildungsbestrebungen. In antiken Philosophenkreisen – besonders bei Cicero – wurde betont, dass der Mensch sich vom Tier durch die Sprache unterscheidet. Das bedeutet, dass er in der Erlernung und Pflege sprachlicher Kommunikation seine Menschlichkeit lebt und das spezifisch Menschliche hervortreten lässt. Daher war der Gedanke naheliegend, dass die Kultivierung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit den Menschen erst richtig zum Menschen macht, wobei sie ihn auch moralisch emporhebt und zum Philosophieren befähigt. Daraus konnte man folgern, dass Sprachgebrauch auf dem höchsten erreichbaren Niveau die grundlegendste und vornehmste Tätigkeit des Menschen ist. Aus dieser Überlegung entstand in der Frühen Neuzeit der Begriff studia humaniora („die mehr [als andere Fächer] menschengemäßen Studien“ oder „die zu höherem Menschentum führenden Studien“) zur Bezeichnung der Bildung im humanistischen Sinn.

Von solchen Gedankengängen ausgehend sind die Humanisten zur Annahme gelangt, dass zwischen der Qualität der sprachlichen Form und der Qualität des durch sie mitgeteilten Inhalts ein notwendiger Zusammenhang bestehe, insbesondere dass ein in schlechtem Stil geschriebener Text auch inhaltlich nicht ernst zu nehmen und sein Autor ein Barbar sei. Daher wurde am Mittelalter und am mittelalterlichen Latein heftige Kritik geübt, indem man nur die klassischen Vorbilder (vor allem Cicero) gelten ließ. Besonders die Scholastik mit ihrer eigenen, von klassischem Latein besonders weit entfernten Fachsprache wurde von den Humanisten verachtet und verspottet. Eines ihrer Hauptanliegen war die Reinigung der lateinischen Sprache von „barbarischen“ Verfälschungen und die Wiederherstellung ihrer ursprünglichen Schönheit.

<Marcus Tullius Cicero (klassische Aussprache: [ˈkɪkɛroː]; * 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae) war ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr.

Cicero war einer der vielseitigsten Köpfe der römischen Antike. Als Schriftsteller war er schon für die Antike stilistisches Vorbild, seine Werke wurden als Muster einer vollendeten, „goldenen“ Latinität nachgeahmt (Ciceronianismus). Seine Bedeutung auf philosophischem Gebiet liegt in erster Linie nicht in seinen eigenständigen Erkenntnissen, sondern in der Vermittlung griechischen philosophischen Gedankenguts an die lateinischsprachige Welt; oft sind seine griechischen Quellen nur in seiner Bearbeitung greifbar, da sie sonst nirgends überliefert sind. Für die Niederschlagung der Verschwörung des Catilina und die daraus resultierende vorläufige Rettung der Republik ehrte ihn der Senat mit dem Titel pater patriae (Vater des Vaterlandes). Sein umfangreicher Schriftverkehr, insbesondere die Briefe an Atticus, beeinflussten maßgeblich und nachhaltig die europäische Briefkultur.

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Ihren Höhepunkt erreichte die Kultivierung der Sprache aus der Sicht der Humanisten in der Dichtkunst, die daher bei ihnen die höchste Wertschätzung genoss. Wie für die Prosa Cicero war für die Poesie Vergil das maßgebliche Vorbild. Sehr geschätzt wurden auch die Kunst des literarisch anspruchsvollen Briefwechsels, die Rhetorik und der literarische Dialog. Der Dialog galt als vorzügliches Mittel zur Übung des Scharfsinns und der Argumentationskunst. Die Rhetorik wurde zur Zentraldisziplin aufgewertet. Weil viele Wortführer der humanistischen Bewegung Rhetoriklehrer waren oder als Redner auftraten, nannte man die Humanisten oft auch einfach „Redner“ (oratores).

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Publius Vergilius Maro, deutsch gewöhnlich Vergil, (* 15. Oktober 70 v. Chr. bei Mantua; † 21. September 19 v. Chr. in Brindisi) war ein lateinischer Dichter und Epiker, der während der Zeit der Römischen Bürgerkriege und des Prinzipats des Octavian (ab 27 v. Chr. Augustus) lebte. Er gilt als wichtigster Autor der klassischen römischen Antike und ist ein Klassiker der lateinischen Schullektüre. Er gehörte bereits unter Zeitgenossen zu den bekanntesten Dichtern der „augusteischen Literatur“. Seine Werke, die Bucolica (Eklogen), die Georgica und die Aeneis und deren Gedanken revolutionierten die lateinische Dichtung und sind kurz nach seinem Tode immer wieder abgeschrieben, herausgegeben, kommentiert und intertextuell verarbeitet worden.

Das Epos Aeneis liefert den Gründungsmythos bzw. die Vorgeschichte zur Gründung der Stadt Rom unter Verarbeitung der mythologischen Stoffe aus den homerischen Epen Ilias und Odyssee. Die Aeneis löste damit die Annales des Quintus Ennius quasi als römisches Nationalepos ab.

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Wer so dachte und empfand und in der Lage war, sich mündlich und schriftlich in klassischem Latein elegant und fehlerfrei auszudrücken, wurde von den Humanisten als einer der ihren betrachtet. Erwartet wurde von einem Humanisten, dass er die lateinische Grammatik und die Rhetorik beherrschte und sich in antiker Geschichte und Moralphilosophie und in der altrömischen Literatur gut auskannte und lateinisch dichten konnte. Vom Ausmaß solcher Kenntnisse und vor allem von der Eleganz ihrer Präsentation hing der Rang des Humanisten unter seinesgleichen ab. Griechischkenntnisse waren sehr erwünscht, aber nicht notwendig; viele Humanisten lasen griechische Werke nur in lateinischer Übersetzung.

Da die Humanisten der Ansicht waren, dass möglichst alle Menschen gebildet sein sollten, stand den Frauen die aktive Teilnahme an der humanistischen Kultur offen. Frauen traten vor allem als Mäzeninnen, Dichterinnen und Autorinnen literarischer Briefe hervor. Einerseits fanden ihre Leistungen überschwängliche Anerkennung, andererseits hatten sich manche von ihnen auch mit Kritikern auseinanderzusetzen, die ihre Aktivitäten als unweiblich und daher unziemlich rügten.

Philosophische und religiöse Aspekte

In der Philosophie dominierte die Ethik; Logik und Metaphysik traten in den Hintergrund. Die weitaus meisten Humanisten waren eher Philologen und Historiker als kreative Philosophen. Dies hing mit ihrer Überzeugung zusammen, dass Erkenntnis und Tugend aus unmittelbarem Kontakt des Lesers mit den klassischen Texten entstehen, sofern diese in unverfälschter Form zugänglich sind. Es herrschte die Überzeugung, dass die Orientierung an Vorbildern für den Erwerb der Tugend erforderlich sei. Die angestrebten Tugenden wurzelten in der (nichtchristlichen) Antike, sie verdrängten christlich-mittelalterliche Tugenden wie die Demut. Das humanistische Persönlichkeitsideal bestand in der Verbindung von Bildung und Tugend.

Daneben gibt es noch andere Merkmale, die zur Unterscheidung des humanistischen Welt- und Menschenbildes vom mittelalterlichen angeführt werden. Diese Erscheinungen, die man schlagwortartig mit Begriffen wie „Individualismus“ oder „Autonomie des Subjekts“ zu erfassen versucht, beziehen sich aber auf die Renaissance allgemein und nicht nur speziell auf den Humanismus.

Oft wird behauptet, ein Merkmal der Humanisten sei ihr distanziertes Verhältnis zum Christentum und zur Kirche gewesen. Das trifft aber so nicht generell zu. Die Humanisten gingen von dem allgemeinen Grundsatz der universalen Vorbildlichkeit der Antike aus und bezogen dabei auch die „heidnische“ Religion ein. Daher hatten sie zum antiken „Heidentum“ in der Regel ein unbefangenes, meist positives Verhältnis. Es war bei ihnen üblich, auch christliche Inhalte in klassisch-antikem Gewand zu präsentieren samt einschlägigen Begriffen aus der altgriechischen und altrömischen Religion und Mythologie. Die meisten von ihnen konnten dies mit ihrem Christentum gut vereinbaren. Manche waren wohl nur noch dem Namen nach Christen, andere nach kirchlichen Maßstäben fromm. Ihre religiösen und philosophischen Positionen waren sehr unterschiedlich und in manchen Fällen – auch aus Gründen der Opportunität – vage, unklar oder schwankend. Häufig suchten sie nach einem Ausgleich zwischen gegensätzlichen philosophischen und religiösen Auffassungen und neigten zum Synkretismus. Es gab unter ihnen Platoniker und Aristoteliker, Stoiker und Epikureer, Geistliche und Antiklerikale.

Zwar gab es unter den Humanisten auch Mönche, doch im Allgemeinen war das Mönchtum (besonders die Bettelorden) der Hauptgegner des Humanismus, denn die Mönchsorden waren stark in einer mittelalterlichen Geisteshaltung verwurzelt. Mit ihrer Betonung der Würde des Menschen distanzierten sich die Humanisten von dem im Mittelalter dominierenden Menschenbild, in dem die sündhafte Verworfenheit des Menschen eine zentrale Rolle spielte.

Hinsichtlich der Einschätzung des Status der Menschheit bestand auch ein Gegensatz zwischen Humanismus und Reformation. Dieser zeigte sich besonders scharf im Streit um die Willensfreiheit gegenüber Gott. Nach dem humanistischen Verständnis wendet sich der Mensch durch die Kraft seines freien Willens Gott zu oder von ihm ab. Dagegen protestierte Martin Luther in seiner Streitschrift De servo arbitrio, in der er die Existenz einer solchen Willensfreiheit heftig bestritt.

Geschichtsverständnis

Die Betonung der Ethik, der Frage nach dem richtigen (tugendhaften) Verhalten, machte sich auch in der humanistischen Geschichtsschreibung geltend. Die Geschichte galt (wie schon bei Cicero und anderen antiken Autoren) als Lehrmeisterin. Das in Geschichtswerken geschilderte vorbildliche Verhalten von Helden und Staatsmännern sollte zur Nachahmung anspornen, die Weisheit der Vorbilder bei der Lösung von Gegenwartsproblemen helfen.

Im Schulwesen führte die Konzentration auf ethische Themen allerdings zu einem begrenzten Geschichtsverständnis; die Aufmerksamkeit richtete sich nicht primär auf die Geschichte als solche, sondern auf ihre literarische Verarbeitung. Im Vordergrund standen das Wirken einzelner Persönlichkeiten sowie militärische Ereignisse, während wirtschaftliche, soziale und rechtliche Faktoren meist oberflächlich behandelt wurden. Im Rahmen des altertumskundlichen Unterrichts wurden zwar Geschichtskenntnisse vermittelt, doch als eigenständiges Schulfach wurde Geschichte nur sehr langsam, später als die übrigen humanistischen Fächer, etabliert. Zunächst war die historia in humanistischen Lehrsystematiken eine Hilfswissenschaft der Rhetorik, später wurde sie oft der Ethik zugeordnet. Andererseits brachte der Renaissance-Humanismus erstmals bedeutende geschichtstheoretische Werke hervor; im Mittelalter hatte noch keine systematische Auseinandersetzung mit geschichtstheoretischen Fragen stattgefunden.

Berufstätigkeit

Wichtige berufliche Betätigungsfelder für Humanisten waren Bibliothekswesen, Buchproduktion und Buchhandel. Einige gründeten und leiteten Privatschulen, andere organisierten bestehende Schulen neu oder arbeiteten als Hauslehrer. Neben dem Bildungsbereich bot vor allem der Staatsdienst und insbesondere der diplomatische Dienst berufliche Möglichkeiten und Aufstiegschancen. An Fürstenhöfen oder in Stadtregierungen fanden Humanisten Beschäftigung als Räte und Sekretäre, sie waren als Publizisten, Festredner, Hofdichter, Geschichtsschreiber und Prinzenerzieher für ihre Dienstherren tätig. Ein wichtiger Arbeitgeber war die Kirche; viele Humanisten waren Kleriker und bezogen ein Einkommen aus Pfründen oder fanden eine Anstellung im kirchlichen Dienst.

Anfänglich stand der Humanismus dem Universitätsbetrieb fern, doch wurden in Italien im 15. Jahrhundert zunehmend Humanisten auf Lehrstühle für Grammatik und Rhetorik berufen oder es wurden besondere Lehrstühle für humanistische Studien geschaffen. Es gab eigene Professuren für Poetik (Dichtungstheorie). Um die Mitte des 15. Jahrhunderts waren die humanistischen Studien an den italienischen Universitäten fest etabliert. Außerhalb Italiens konnte sich der Humanismus vielerorts erst im 16. Jahrhundert dauerhaft an den Universitäten durchsetzen.

Anfänge

Francesco Petrarca

Der eigentliche Humanismus begann um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit Petrarca. Im Unterschied zu den Vorhumanisten stellte sich Petrarca scharf und polemisch in Gegensatz zum gesamten mittelalterlich-scholastischen Bildungswesen seiner Zeit. Er hoffte auf eine beginnende neue Kulturblüte und sogar auf ein neues Zeitalter. Dieses sollte nicht nur kulturell, sondern auch politisch an die Antike, an das Römische Reich anknüpfen. Daher unterstützte Petrarca 1347 mit Begeisterung den Staatsstreich des Cola di Rienzo in Rom. Cola war selbst gebildet, von der römischen Antike fasziniert und ein glänzender Redner, womit er ein Ideal des Humanismus verkörperte. Er war die führende Persönlichkeit einer adelsfeindlichen Strömung, die einen italienischen Staat mit Rom als Mittelpunkt anstrebte. Die politischen Träume und Utopien scheiterten zwar an den Machtverhältnissen und an Colas Mangel an Realitätssinn, aber die kulturelle Seite der Erneuerungsbewegung, die der politisch vorsichtigere Petrarca repräsentierte, setzte sich nachhaltig durch.

Petrarcas Erfolg beruhte darauf, dass er nicht nur die Ideale und Sehnsüchte vieler gebildeter Zeitgenossen artikulierte, sondern auch als Persönlichkeit den neuen Zeitgeist verkörperte. Bei ihm begegnen bereits voll ausgeprägt die markantesten Merkmale des Renaissance-Humanismus:

die Idee einer Vorbildlichkeit der altrömischen Staats- und Gesellschaftsordnung

scharfe Ablehnung des scholastischen Universitätsbetriebs, das heißt des im Spätmittelalter dominierenden Aristotelismus. Petrarca respektierte zwar Aristoteles als antiken Klassiker, wandte sich aber heftig gegen dessen mittelalterliche arabische und lateinischsprachige Interpreten, besonders gegen Averroes. Letztlich lief das auf eine fundamentale Kritik an Aristoteles hinaus.

Verwerfung der spekulativen Metaphysik und Theologie des Spätmittelalters und der als sinnlos empfundenen logischen Tüfteleien; dadurch weitgehende Reduzierung der Philosophie auf die Tugendlehre.

Wiederentdeckung verschollener klassischer Texte, Sammeln und Kopieren von Handschriften, Anlegen einer umfangreichen Privatbibliothek. Rückkehr zu unmittelbarem, unbefangenem Kontakt mit den antiken Texten durch Befreiung von dem mittelalterlichen Deutungsmonopol kirchlicher Autoritäten. Grenzenlose Bewunderung Ciceros.

Die Auffassung der Begegnung mit den antiken Autoren als ein Zwiegespräch. Das Verhältnis des Lesers zum Autor bzw. zum Buch, in dem der Autor gegenwärtig ist, ist dialogisch. Im täglichen Dialog mit den Autoren erhält der Humanist Antworten auf seine Fragen und Normen für sein Verhalten.

Wie zahlreiche Humanisten war Petrarca selbstbewusst, auf Kritik empfindlich und schnell zu maßloser Polemik gegen wirkliche oder vermeintliche Neider und Feinde bereit.

Petrarca bewunderte auch die griechische Kultur, aber seine Griechischkenntnisse waren wie bei vielen Humanisten bescheiden.

Schwerpunkte im Denken Petrarcas waren außerdem:

der Kampf gegen die in den medizinischen und juristischen Fakultäten herrschenden Wissenschaftskonzepte. Den Ärzten warf er Ignoranz und Scharlatanerie vor, den Juristen Spitzfindigkeit.

ein an der Haltung des Kirchenvaters Augustinus orientiertes weltflüchtiges und kulturpessimistisches Christentum mit Weltuntergangsstimmung. Pessimistische Einstellungen sind auch bei manchen späteren Humanisten anzutreffen, obwohl im Renaissance-Humanismus optimistische Welt- und Menschenbilder überwiegen.

Veranstaltung vom 08.05.2017

Vergilius Romanus

Vergilius Romanus, folio 14 recto: Vergil (Portrait des Dichters)

Vergilius Romanus ist der Name einer illuminierten Handschrift des 5. Jahrhunderts mit Texten Vergils, die als Codex Vaticanus latinus 3867 in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrt wird.

Der Text umfasst die Aeneis, die Georgica und einige der Eclogae des Vergil. Von besonderer Bedeutung ist die Handschrift jedoch durch die 19 erhaltenen Bilder, die als Hauptwerke der spätantiken Buchmalerei gelten und zur Untersuchung der Verbindung der Kunst der Antike und der mittelalterlichen Buchmalerei herangezogen werden. Die Illustrationen des Vergilius Romanus weisen zwar noch Stilmerkmale der antiken Maltradition auf, wie man sie z. B. bereits zuvor in dem im 4. Jahrhundert entstandenen illustrierten Manuskript des Vergilius Vaticanus erkennen kann; jedoch deutet der Vergilius Romanus die Abwendung von diesem klassischen Formenkanon an. Die beiden Werke mit Illustrationen zu Vergil können im Vergleich die Weiterentwicklung einer durch den Vergilius Vaticanus vertretenen Buchillustration der Antike zur mittelalterlichen Buchmalerei zeigen.

Der Entstehungsort der Handschrift ist umstritten, vermutlich liegt dieser im Osten des römischen Imperiums.

Faksimile

•             Vergilius Romanus. Codice vaticano latino 3867, conservato nella Biblioteca Apostolica Vaticana (= Codices e Vaticanis selecti. Band 66) Jaca Book, Mailand / Belser, Zürich 1985–86 (Faksimile und Kommentarband).

Folio 14 recto del Vergilius Romanus, conteniendo un retrato de Virgilio.

El Vergilius Romanus (Biblioteca Vaticana, Cod. Vat. lat. 3867), también conocido como Virgilio Romano, es un manuscrito iluminado del siglo V de las obras de Virgilio. Contiene la Eneida, las Geórgicas y algunas de las Bucólicas. Es uno de los más antiguos e importantes manuscritos virgilianos. Está formado por 309 folios de vellón de 335 por 324 mm. Fue escrito en mayúsculas rústicas con 18 líneas por página.

Meister des Vergilius Romanus: Vergil (Portrait des Dichters), 5. Jahrhundert

Meister des Vergilius Romanus ist der Notname für einen Künstler der Spätantike, der im 5. Jahrhundert eine Handschrift mit Texten Vergils illustrierte, die als Codex Vaticanus latinus 3867 in der Bibliothek des Vatikan aufbewahrt wird und als Vergilius Romanus bekannt ist.

Das Werk des Meisters ist eine der wenigen überlieferten Arbeiten dieser Epoche des Übergangs von durch klassischen Realismus der Spätantike geprägter Malerei in das neue Kunstverständnis der mittelalterlichen Buchmalerei. Die 19 erhaltenen Bilder des Manuskriptes gelten heute als Hauptwerke der antiken Buchmalerei und werden zur Untersuchung der Verbindung der Kunst der Antike und der mittelalterlichen Buchmalerei herangezogen.

Die Illustrationen zum Vergilius Romanus weisen zwar noch Stilmerkmale der antiken Maltradition auf, wie man sie z.B. bereits zuvor in dem im 4. Jahrhundert entstandenen illustrierten Manuskript des Meisters des Vergilius Vaticanus erkennen kann; jedoch deutet der Vergilius Romanus die Abwendung von diesem klassischen Formenkanon an. Die beiden Werke mit Illustrationen zu Vergil können im Vergleich die Weiterentwicklung einer durch den Meister des Vergilius Vaticanus vertretenen Buchillustration der Antike zur mittelalterlichen Buchmalerei zeigen.

The manuscript contains three author portraits (Folios 3v, 9r, and 14 r), these portraits show a reliance on the early papyrus scroll tradition of manuscript portraits. They are inserted into the text column within a frame, the portraits show Vergil sitting on a chair between a lectern and a locked chest. The portrait on folio 3v has the lectern on Vergil’s right on the chest on his left, which is reversed in the other two portraits.

Rustic capitals (Latin: littera capitalis rustica) is an ancient Roman calligraphic script. Because the term is negatively connotated supposing an opposition to the more ‘civilized’ form of the Roman square capitals, Bernhard Bischoff prefers to call the script canonized capitals.

Florenz als kulturelles Zentrum

Florenz als herausragende Kunst- und Kulturstätte war die Keimzelle des Humanismus. Von dort gingen entscheidende Impulse sowohl für die Philologie als auch für die Philosophie und die humanistische Geschichtsschreibung aus. Aus Florenz stammende bzw. dort ausgebildete Humanisten trugen ihr Wissen in andere Zentren. Die herausragende Rolle des Florentiner Humanismus blieb bis in die 1490er Jahre erhalten. Dann wirkte sich jedoch der im Zeitraum 1494–1498 dominierende Einfluss des antihumanistischen Mönchs Savonarola auf das Kulturleben verheerend aus, und die Wirren der Folgezeit hemmten die Erholung.

In Florenz bestand keine starke scholastische Tradition, da die Stadt keine erstrangige Universität hatte. Das geistige Leben spielte sich großenteils in lockeren Gesprächszirkeln ab. Diese offene Atmosphäre bot günstige Voraussetzungen für eine humanistische Diskussionskultur. Das Amt des Kanzlers der Republik war seit Coluccio Salutati (Kanzler 1375–1406) von Humanisten besetzt. Es bot dem Amtsinhaber Gelegenheit, der Öffentlichkeit die Vorzüge einer Verflechtung politischen und literarischen Wirkens und damit den staatspolitischen Nutzen des Humanismus zu demonstrieren. Salutati nutzte in seinen Sendschreiben und politischen Schriften diese Chance mit großem Erfolg. Durch seine wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Leistungen machte er Florenz zum Hauptzentrum des italienischen Humanismus, zu dessen führenden Theoretikern er gehörte.

Ein weiterer großer Vorteil für den Florentiner Humanismus war die Vorherrschaft der Familie Medici (1434–1494). Cosimo de’ Medici („il Vecchio“, † 1464)[25] und sein Enkel Lorenzo („il Magnifico“, † 1492) zeichneten sich durch großzügige Förderung der Künste und Wissenschaften aus. Lorenzo, selbst ein begabter Dichter und Schriftsteller, war das Modell eines Renaissance-Mäzens.

Allerdings hat die angeblich von Cosimo nach dem Vorbild der antiken Platonischen Akademie begründete Platonische Akademie in Florenz als Institution nicht existiert; die Bezeichnung „Platonische Akademie von Florenz“ wurde erst im 17. Jahrhundert erfunden. Tatsächlich handelte es sich nur um den Schülerkreis des bedeutenden Florentiner Humanisten Marsilio Ficino (1433–1499). Ficino, der von Cosimo unterstützt wurde, erstrebte eine Synthese von antikem Neuplatonismus und katholischem Christentum. Mit großem Fleiß widmete er sich der Übersetzung (ins Lateinische) und Kommentierung von Werken Platons und antiker Platoniker.

Zu Ficinos Kreis gehörte der umfassend gebildete, arabisch- und hebräischkundige Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494), der für die Vereinbarkeit aller philosophischen und religiösen Traditionen einschließlich der islamischen eintrat und ein prominenter Vertreter der christlichen Kabbala war. Picos Rede Über die Würde des Menschen gehört zu den berühmtesten Texten der Renaissance, obwohl sie nie gehalten und erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Sie gilt als Programmschrift der humanistischen Anthropologie. Pico leitet die Würde des Menschen aus der Willens- und Wahlfreiheit ab, die den Menschen auszeichne und von allen übrigen Geschöpfen unterscheide und damit seine Einzigartigkeit und Gottebenbildlichkeit begründe.

Rom

Von den jüngeren römischen Humanistengemeinschaften des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts widmeten sich die bekanntesten der Pflege des Ciceronianismus (der an Ciceros Vorbild orientierten Latinität) und der neulateinischen Dichtung. In Rom wurde der reine Ciceronianismus noch nachdrücklicher betont als in anderen Zentren; darin trafen sich die Bedürfnisse der päpstlichen Kanzlei mit den Neigungen der Humanisten. Einen Höhepunkt erreichte diese Strömung mit den streng ciceronianisch gesinnten Humanisten Pietro Bembo († 1547) und Jacopo Sadoleto († 1547), die als Sekretäre Leos X. großen Einfluss an der Kurie erlangten. Bembo, der dem Venezianer Adel entstammte, betätigte sich auch als Geschichtsschreiber und stieg zum Kardinal auf. In seinem einflussreichen Hauptwerk Prose della volgar lingua legte er 1525 eine Grammatik und Stiltheorie der italienischen Literatursprache vor. Als klassische Vorbilder, die im Italienischen nachzuahmen seien, etablierte er Petrarca für die Lyrik und Boccaccio für die Prosa.

Pico della Mirandola

Giovanni war ein Sohn des Grafen Gianfrancesco Pico della Mirandola (ca. 1415–1467) und der Giulia Bojardo (* ca. 1425–1478). Er war der jüngste Sohn, sein Bruder Galeotto Pico della Mirandola (ca. 1443–1499) war fast zwanzig Jahre älter. Nach dem Tod seines Vaters (1467) wurde er von seiner Mutter erzogen und auf eine kirchliche Laufbahn vorbereitet. Schon im Alter von 14 Jahren beschäftigte er sich mit Philosophie und den klassischen Sprachen. 1477 begann er ein juristisches Studium (Kirchenrecht) an der Universität Bologna, das er aber abbrach. Nach dem Tod seiner Mutter (1478) wechselte er 1479 nach Ferrara, wo er sich den studia humanitatis zuwandte, und 1480 nach Padua zum Studium der Philosophie. Padua war ein Zentrum des italienischen Averroismus, mit dem sich Pico nun auseinandersetzte. 1483 übersiedelte er nach Florenz und betätigte sich dort in dem Kreis um Lorenzo il Magnifico, dem u. a. Marsilio Ficino und Angelo Poliziano angehörten. Mit Ficino verband ihn seither eine lebenslange enge Freundschaft, die von späteren philosophischen Meinungsverschiedenheiten nicht getrübt wurde. In diesem Zusammenhang bekannte sich Pico ausdrücklich zum Freundschaftsideal der Pythagoreer. Von Juli 1485 bis März 1486 hielt er sich in Paris auf, wo er sich entschieden zum Averroismus bekannte, kehrte aber bald nach Italien zurück. Er lernte die arabische, die hebräische und die aramäische Sprache.

<<Als Averroismus bezeichnet man eine auf den arabischen Philosophen Averroës (Ibn Ruschd) zurückgehende Richtung in der europäischen Philosophie des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Sie erregte wegen der theologischen Konsequenzen der Auffassungen, die sie vertrat bzw. die ihr von gegnerischer Seite unterstellt wurden, großes Aufsehen. „Averroist“ ist nicht eine Selbstbezeichnung der Anhänger dieser Richtung, sondern ein von deren Gegnern in polemischer Absicht geprägter Begriff. Da Averroes und die Averroisten Aristoteliker waren, handelt es sich um eine Strömung innerhalb des Aristotelismus.>>

1486 begann er mit dem Studium der Kabbalah und beauftragte den jüdischen Konvertiten Raimundo Moncada (Flavius Mithridates), kabbalistische Literatur ins Lateinische zu übersetzen. Er war der erste christliche Gelehrte, der sich, ohne selbst jüdischer Abstammung zu sein, intensiv mit der Kabbalah befasste. Zugleich bereitete er eine Reise nach Rom vor, wo er 900 philosophische und theologische Thesen, die er verfasst hatte, öffentlich vor allen interessierten Gelehrten der Welt verteidigen wollte. Zu diesem Zweck beschloss er zu einem großen europäischen Kongress einzuladen, der in Anwesenheit des Papstes und des Kardinalskollegiums stattfinden sollte; die Reisekosten der teilnehmenden Gelehrten wollte er selbst tragen. Sein Ziel war, eine fundamentale Übereinstimmung aller philosophischen und religiösen Lehren aufzuzeigen, die letztlich alle im Christentum enthalten seien, und damit zu einer weltweiten Verständigung und zum Frieden beizutragen. Auf dem Weg nach Rom verliebte er sich in eine verheiratete Frau, die er auf ihren Wunsch entführte. Der Ehemann ließ die Flüchtigen verfolgen und aufspüren; die Frau wurde zurückgebracht, Pico erlitt eine Verletzung und musste sich monatelang verstecken. Lorenzo de’ Medici schützte ihn vor der Verhaftung. Nach dieser Verzögerung traf er erst im November 1486 in Rom ein. Dort veröffentlichte er die Thesen am 7. Dezember 1486. Die für Januar 1487 geplante öffentliche Disputation fand jedoch nicht statt, denn Papst Innozenz VIII. setzte eine sechzehnköpfige Kommission ein, welche die Rechtgläubigkeit der in den Thesen vertretenen Auffassungen prüfen sollte. Pico war nicht bereit, vor der Kommission zu erscheinen. Nach heftiger Debatte kam die Kommission zu dem Ergebnis, dreizehn der Thesen seien häretisch und sollten daher verurteilt werden. Dies hatte zunächst keine Maßnahmen gegen Pico zur Folge. Als er sich aber in einer Rechtfertigungsschrift, der Apologia, verteidigte, ohne eine Äußerung des Papstes abzuwarten, wurde ihm dies in der Kurie verübelt. In einer Bulle mit dem Datum des 4. August 1487 verurteilte der Papst die Thesen insgesamt und ordnete die Verbrennung sämtlicher Exemplare an, doch zögerte er die Veröffentlichung der Bulle hinaus. Als er aber erfuhr, dass Pico die Apologia hatte drucken lassen, fasste er deren Verbreitung als offene Rebellion auf, die er Pico nie verzieh. In dieser bedrohlichen Lage reiste Pico im November aus Rom ab, was von seinen Kritikern als Flucht gedeutet wurde, denn er stand nun unter Häresieverdacht. Da der Papst seine Festnahme forderte, wurde er auf dem Weg nach Paris in der Nähe von Lyon verhaftet. Er erlangte jedoch die Gunst König Karls VIII., der ihn freiließ und schützte. Daher konnte er 1488 in Freiheit nach Florenz zurückkehren, wo er unter dem Schutz Lorenzos stand. Dort und in der Nähe von Ferrara verbrachte er den Rest seines Lebens mit philosophischen und religiösen Studien. Dabei traten religiöse Themen immer mehr in den Vordergrund. In der letzten Phase seines Lebens bekannte er sich zu den Ansichten des radikalen Predigers Girolamo Savonarola, in dessen Dominikanerkloster San Marco er dann 1494 bestattet wurde. Am 18. Juni 1493 hatte Papst Alexander VI. alle von seinem Vorgänger Innozenz VIII. gegen Pico verhängten Maßnahmen rückgängig gemacht. Pico starb an einem Fieber; der überraschende Tod des vielversprechenden Gelehrten rief große Bestürzung hervor, und es verbreitete sich bald das Gerücht, er sei von seinem Sekretär vergiftet worden.

Anthropologie

Picos Anthropologie ist in der Rede über die Würde des Menschen dargelegt. Diese gehört zu den berühmtesten Texten der Renaissance, da sie als Programmschrift gilt, in der die Prinzipien einer neuzeitlichen humanistischen Anthropologie verkündet werden. In diesem Sinne wurde die Rede von Jacob Burckhardt gedeutet, der sie als „eines der edelsten Vermächtnisse der Kulturepoche“ (der Renaissance) bezeichnete.

Den Ausgangspunkt bildet ein Zitat aus einem antiken hermetischen Werk: „Ein großes Wunder ist der Mensch.“ <Die Hermetik bezeichnet eine in der Antike wurzelnde spirituelle Offenbarungs- und Geheimlehre. Der Name geht zurück auf die sagenhafte Gestalt des Hermes Trismegistos („dreifach größter Hermes“), einer im ägyptischen Hellenismus entstandenen synkretistischen Verschmelzung des griechischen Gottes Hermes und des ägyptischen Gottes Thot. Hermes Trismegistos, der über Kosmologie, Kosmogonie, Läuterung der Seele und Naturkunde belehrende, mystagogisch sich gebende Verfasser der neuplatonische, stoische und gnostische Merkmale enthaltenden, sogenannten hermetischen Schriften (Hermetica), gilt als Urvater der Alchemie.>>

Thot (oder Thoth, Tehut, Tahuti, Djehuti) ist in der ägyptischen Mythologie der ibisköpfige oder paviangestaltige Gott des Mondes, der Magie, der Wissenschaft, der Schreiber, der Weisheit und des Kalenders. In den Pyramidentexten galt Thot als Gott des Westens.

Den Menschen hat Gott zuletzt geschaffen, nachdem er den niederen Lebewesen (Tieren und Pflanzen) und den höheren (Engeln und himmlischen Geistern) ihre jeweiligen unveränderlichen Bestimmungen und Orte zugeteilt hatte. Dem Menschen als einzigem Wesen hat der Schöpfer die Eigenschaft verliehen, nicht festgelegt zu sein. Daher ist der Mensch „ein Werk von unbestimmter Gestalt“. Alle übrigen Geschöpfe sind von Natur aus mit Eigenschaften ausgestattet, die ihr mögliches Verhalten auf einen bestimmten Rahmen begrenzen, und demgemäß sind ihnen feste Wohnsitze zugewiesen. Der Mensch hingegen ist frei in die Mitte der Welt gestellt, damit er sich dort umschauen, alles Vorhandene erkunden und dann seine Wahl treffen kann. Damit wird er zu seinem eigenen Gestalter, der nach seinem freien Willen selbst entscheidet, wie und wo er sein will. Hierin liegt das Wunderbare seiner Natur und seine besondere Würde, und insofern ist er Abbild Gottes. Er ist weder himmlisch noch irdisch. Daher kann er gemäß seiner Entscheidung zum Tier entarten oder pflanzenartig vegetieren oder auch seine Vernunftanlage so entwickeln, dass er engelartig wird. Schließlich kann er sich sogar, „mit keiner Rolle der Geschöpfe zufrieden, in den Mittelpunkt seiner Einheit zurückziehen“, wo er sich „in der abgeschiedenen Finsternis des Vaters“ mit der Gottheit vereinigt. Wegen dieser vielfältigen Möglichkeiten und der ständig wechselnden und sich selbst verwandelnden Natur des Menschen vergleicht ihn Pico mit einem Chamäleon. Überschwänglich preist er die Sonderstellung des Menschen in der Schöpfung.

Den Aufstieg zu Gott fasst Pico in Anlehnung an Pseudo-Dionysius Areopagita als dreistufigen Prozess auf. Auf die Reinigung (purgatio) folgt die Erleuchtung (illuminatio) und dann die Vollendung (perfectio). Die Reinigung geschieht durch Wissenschaften: durch die Moralphilosophie, die zur Bändigung der Leidenschaften befähigt, und die Logik, die zu rechtem Gebrauch der Verstandeskräfte anleitet. Zur Erleuchtung dient die Naturphilosophie, welche die Wunder der Natur erforscht und es ermöglicht, im Geschaffenen die Macht des Schöpfers zu erkennen. Zur Vollendung führt die Theologie als diejenige Disziplin, deren Gegenstand die unmittelbare Erkenntnis des Göttlichen ist. Zusammen bilden die drei Stufen bzw. Wissensgebiete eine dreigeteilte Philosophie (philosophia tripartita). Deren Inhalte sind nach Picos Überzeugung nicht nur den verschiedenen Richtungen der christlichen Philosophie gemeinsam, sondern auch den Lehren vorchristlicher und islamischer Philosophen (Platon, Aristoteles, Avicenna, Averroes).

Auf Jacob Burckhardts Sichtweise fußt eine populäre Deutung der Oratio als Manifest einer für die Renaissance typischen stolzen Selbstverherrlichung des Menschen, der sich zum Herrn seines Schicksals gemacht habe. Diese Interpretation wird von der neueren Forschung als einseitig betrachtet; sie greift einen Aspekt übertreibend heraus und wird dem Gesamtanliegen Picos nicht gerecht.

In dem Werk „Heptaplus“ hob Pico hervor, dass der Mensch als Mikrokosmos nicht nur an allem teilhabe, sondern alles Irdische beherrsche. Keine erschaffene Substanz weigere sich ihm zu dienen. Die Erde, die Elemente und die Tiere seien für ihn da, und auch der Himmel und die Engel bemühten sich um sein Wohl.

Savonarola

1490 wurde Savonarola auf Bitten Lorenzo de’ Medicis wiederum als Lektor nach Florenz entsandt. Er setzte seine Reformpredigten fort. Nicht nur kirchliche Missstände, sondern auch Reichtum, ungerechte Herrschaft und die Ausrichtung des zeitgenössischen Renaissance-Humanismus an Idealen der Antike prangerte er an. Gleichwohl blieben die Medici ihm wohlgesinnt, und Lorenzos Sohn Piero unterstützte maßgeblich Savonarolas Wahl zum Prior von San Marco.

Fegefeuer der Eitelkeiten

Im Jahre 1495 untersagte Papst Alexander VI. Savonarola, weiterhin zu predigen. Für kurze Zeit hielt dieser sich auch daran, prangerte aber bald wieder die Missstände in der Kirche an. Anfang Februar 1497 ließ Savonarola große Scharen von Jugendlichen und Kindern („Fanciulli“) durch Florenz ziehen, die „im Namen Christi“ alles beschlagnahmten, was als Symbol für die Verkommenheit der Menschen gedeutet werden konnte. Dazu zählten nicht nur heidnische Schriften (oder solche, die von Savonarola dazu gezählt wurden) oder pornographische Bilder, sondern auch Gemälde, Schmuck, Kosmetika, Spiegel, weltliche Musikinstrumente und -noten, Spielkarten, aufwendig gefertigte Möbel oder teure Kleidungsstücke. Teilweise lieferten die Besitzer diese Dinge auch selbst ab, sei es aus tatsächlicher Reue oder aus Angst vor Repressalien. Am 7. Februar 1497 und am 17. Februar 1498 wurden all diese Gegenstände auf einem riesigen Scheiterhaufen auf der Piazza della Signoria verbrannt. Der Maler Sandro Botticelli warf einige seiner Bilder selbst in die Flammen. Nicht alle, auch nicht alle Ordensmänner und Kleriker, unterstützten diese Verbrennungsaktionen. Vor allem die Franziskaner von Santa Croce und die Dominikaner von Santa Maria Novella kritisierten das Vorgehen Savonarolas. Die Franziskaner unter Domenico da Ponzo standen auf Seiten der Gegner Savonarolas und pflegten ohnedies gegen ihn zu predigen.

Verehrung

Savonarola-Denkmal in Ferrara

Medaille mit einem Bildnis Savonarolas von Niccolò Fiorentino, auch genannt Spinelli, Niccolò di Forzore

Die Evangelische Kirche in Deutschland gedenkt Savonarolas als Märtyrer der Kirche am 23. Mai im Evangelischen Namenkalender. Der Augustiner Martin Luther schrieb im Jahre 1523 einen Prolog zu Savonarolas lateinischer Ausgabe Meditatio pia et erudita H. Savonarolae a Papa exusti super psalmos Miserere mei, et In te Domine speravi– Savonarola verfasste sie 1498 in seiner Gefangenschaft – darin betitelte Luther Savonarola als „heiligen Mann“. Der lutherische Theologe Cyriacus Spangenberg beschrieb 1556 erstmals in deutscher Sprache eine ausführliche Lebensgeschichte Savonarolas „Historia vom Leben, Lere und Tode Hieronymi Savonarole. Anno 1498 in Florentz verbrand“ und sah in ihm einen vorlutherischen Reformator.

In der römisch-katholischen Kirche leitete Papst Johannes Paul II. am 23. Mai 1998 auf Betreiben des Erzbischofs von Florenz ein Seligsprechungsverfahren ein.

Niccolò Machiavelli zufolge, der auf Bitten des florentinischen Gesandten in Rom, Ricciardo Becchi, den späten und aufrührerischen Predigten von Savonarola am 1. und 2. März 1498 in San Marco lauschte, habe Savonarola einen Bildersturm gepredigt und die Verhetzung von Kindern betrieben, die ihre Eltern denunzieren sollten, wobei er einen derart demagogischen Eifer an den Tag legte, dass Machiavelli, der als ziemlich tolerant galt, ihm religiös-idealistische Verblendung vorwarf. Zudem sah Machiavelli keinen Sinn in der Zerstörung schöner und wertvoller Sachen, sondern im späten Wirken von Savonarola nur Destruktives. Die Entscheidung, ein gottgefälliges Leben in Armut zuzubringen, sei nur für jeden Gläubigen selbst zu verantworten, und rechtfertige keinerlei Übergriffe auf Mitbürger und deren Eigentum. Das große Feuer der Eitelkeiten führe nur zu Exzessen von Neid und Missgunst. Zudem sei Savonarola keiner mäßigenden „Stimme der Vernunft“ zugänglich – sei sie weltlicher oder kirchlicher Herkunft. Die extremistischen Eigenmächtigkeiten seiner Lehre (etwa die Erklärung, der Besitz schöner Dinge sei automatisch „verkommen“) und die daraus motivierten Übergriffe führten letztendlich zu Savonarolas Untergang.

Deutscher Humanismus

Anfänge im 15. Jahrhundert

Ein erster Umschlag humanistischer Ideen nördlich der Alpen hatte auf den großen, und sehr international ausgerichteten kirchlichen Reform-Konzilen in Konstanz (1414 – 1418) und vor allem in Basel (1431 – 1449) stattgefunden, jedoch noch ohne größere Breitenwirkung in Deutschland.

In breiterer Form wurden im deutschen Sprachraum die Ideen des Humanismus erst ab der Mitte des 15. Jahrhunderts aufgegriffen. Die Kernthemen der Humanisten nördlich der Alpen wie die Erneuerung bzw. Neueinführung der Grammatik, Rhetorik, Poesie, Moralphilosophie, Naturphilosophie sowie Geographie und antike und neuere Geschichte fußten auf italienischen Mustern, die in verschiedenen Bereichen aufgegriffen und an die eigenen Verhältnisse angepasst wurden.

Eine Schlüsselrolle bei der Einführung von Themen und Textmustern in Deutschland spielte der italienische Humanist Enea Silvio de’ Piccolomini, der vor seiner Wahl zum Papst von 1443 bis 1455 als Diplomat und Sekretär Kaiser Friedrichs III. in Wien tätig war. Er wurde zur Leitfigur der ersten humanistischen Netzwerke in Mitteleuropa.

Kirchlicher Werdegang

Vor seiner kirchlichen Laufbahn führte Enea Silvio Piccolomini ein Leben als Dichter und Lebemann und war in seinem Wirken ebenso widersprüchlich wie später als Papst.

Der humanistisch gebildete Jurist und Poet nahm 1432 als Begleiter von Kardinal Domenico Capranica am Basler Konzil teil. Dort hatte er die Funktion eines Verteidigers und gehörte zur Partei der Konziliaristen. <Der Konziliarismus (auch konziliare Theorie oder konziliare Bewegung) besagt, dass die Entscheidungen der Konzilien unter bestimmten Voraussetzungen höchste Autorität beanspruchen können, der sich selbst ein Papst beugen müsse. Als Bedingung dafür galt, dass ein Konzil formal korrekt einberufen sein und die ganze Christenheit repräsentieren musste.>  1440 wurde Piccolomini Sekretär des Gegenpapstes Felix V. und war ab 1442 Gesandter des Konzils am Frankfurter Reichstag. Die Zeit bis 1445 verbrachte er vornehmlich am Hof des nachmaligen Kaisers Friedrich III. aus dem Haus der Habsburger in Wiener Neustadt und Graz, unter anderem als königlicher Sekretär. Friedrich III. schätzte seine Dienste sowie seine lockeren Verse und erklärte ihn mit der Dichterkrone zum „poeta laureatus“. An der Universität Wien hielt Piccolomini während dieser Zeit Vorlesungen über die Dichter der Antike und übte damit einen bedeutenden Einfluss auf den deutschen Humanismus aus.

Nach 10 Jahren im Dienst Kaiser Friedrichs III. verließ Piccolomini im Jahr 1455 endgültig den Wiener Hof, um der Kurie zu dienen. Am 17. Dezember 1456 wurde er von Papst Kalixt III. zum Kardinalpriester von Santa Sabina und 1457 Fürstbischof vom Ermland erhoben; als solcher betonte er nun den Primat des Papstes. Außerdem wurde er im gleichen Jahr Archidiakon von Xanten.

In seinen Hauptwerken „Asien“ und „Europa“, die er mit einer umfassend angelegten Kosmographie ausstattete, stellte er sein umfangreiches Wissen unter Beweis. Seine Schrift Asien vollendete er als Papst, seinem zweiten Hauptwerk Europa fehlte nur noch die letzte Durchsicht. In beiden Werken behandelte er die Geographie, die Sitten der Völker, die weltliche und kirchliche Geschichte sowie die wirtschaftlichen und sozialen Besonderheiten. Er bezog auch das byzantinische Reich in sein Europa mit ein. Damit hatte Enea als erster den Kontinent Europa mit ausführlichen inhaltlichen Darstellungen beschrieben. Die klassischen kosmographisch gestützten Werke nutzte Kolumbus bei der Planung seiner Reisen. Seine Werke wurden alsbald gedruckt und in vielen Ausgaben verbreitet.

Daneben fertigte er auch humanistische Schriften an, wie sein Buch Pentalogus de rebus ecclesiae et imperii (etwa: Ein Gespräch zu fünft über die Dinge von Kirche und Staat). Darin fordert er den König 1443 zum entschiedenen Eingreifen auf, um die Einheit der Kirche wiederherzustellen und verlangt ein neues Konzil.

Auseinandersetzung mit der türkischen Bedrohung

Schon bevor er Papst wurde, sah Piccolomini im Erstarken der Türken die Gefahr der islamischen Expansion und rief zur Abwehr der Türken auf, die am 23. Mai 1453 Konstantinopel eroberten und Griechenland besetzt hatten. Auf dem Frankfurter Reichstag, den er als kaiserlicher Kommissar leitete, beschwor er in einer dreistündigen Rede am 15. Oktober 1454, eine Art Europa-Armee aufzubauen und führte erstmals seit der Karolinger-Zeit wieder den Begriff „Europa“ ein, wobei er zusätzlich die Bezeichnungen Christenheit und „Vaterland“ verwendete.

„Wenn wir die Wahrheit gestehen wollen, hat die Christenheit seit vielen Jahrhunderten keine größere Schmach erlebt als jetzt; denn in früheren Zeiten sind wir nur in Asien und Afrika, also in fremden Ländern geschlagen worden, jetzt aber wurden wir in Europa, also in unserem Vaterland, in unserem eigenen Haus, an unserem eigenen Wohnsitz aufs Schwerste getroffen.“

Pontifikat

Am 19. August 1458 wurde Enea Silvio Piccolomini in einem dreitägigen Konklave in Rom zum Papst gewählt und am 3. September inthronisiert. In seinen Memoiren erinnerte sich Pius II. mit Abscheu an das abgekartete Spiel im Konklave. Die Wahl seines Papstnamens gilt als Anspielung auf den pio Enea, den „frommen Äneas“, von Vergil.

Als Papst war Piccolomini nun ein entschiedener Verfechter des Papalismus und kämpfte für die Entscheidungsgewalt des Papstes in allen kirchlichen und weltlichen Belangen. So erließ er am 18. Januar 1460 die Bulle Execrabilis, die eine Appellation an ein allgemeines Konzil gegen den Papst mit der Exkommunikation belegte. Damit war dem Konziliarismus ein wichtiges Instrument aus der Hand genommen.

Veranstaltung vom 09.05.2018

Pius II. baute seine Geburtsstadt Corsignano zur idealen Renaissancestadt um, die sich nach ihm Pienza nennt. Darüber hinaus war er der Stifter der 1460 gegründeten Universität Basel. Durch seine Verwicklung in den „Brixner Streit“ des Philosophen und Kardinals Nikolaus von Kues entfremdete er sich von der Öffentlichkeit in Deutschland.

<<<Nikolaus von Kues

Nikolaus von Kues. Zeitgenössisches Stifterbild vom Hochaltar der Kapelle des St.-Nikolaus-Hospitals, Bernkastel-Kues

Nikolaus von Kues [kuːs], latinisiert Nicolaus Cusanus oder Nicolaus de Cusa (* 1401 in Kues an der Mosel, heute Bernkastel-Kues; † 11. August 1464 in Todi, Umbrien), war ein schon zu Lebzeiten berühmter, universal gebildeter deutscher Philosoph, Theologe und Mathematiker. Er gehörte zu den ersten deutschen Humanisten in der Epoche des Übergangs zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Ob die herkömmliche Bezeichnung „Mystiker“ für ihn sinnvoll erscheint, hängt von der Definition des Begriffs Mystik ab und wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt.

In der Kirchenpolitik spielte Nikolaus eine bedeutende Rolle, insbesondere in den Auseinandersetzungen um die Kirchenreform. Auf dem Konzil von Basel stand er anfangs auf der Seite der Mehrheit der Konzilsteilnehmer, die eine Beschränkung der Befugnisse des Papstes forderte. Später wechselte er aber ins päpstliche Lager, das letztlich die Oberhand gewann. Er setzte sich tatkräftig für die päpstlichen Interessen ein, zeigte diplomatisches Geschick und machte eine glanzvolle Karriere als Kardinal (ab 1448), päpstlicher Legat, Fürstbischof von Brixen und Generalvikar im Kirchenstaat. In Brixen stieß er allerdings auf den massiven Widerstand des Adels und des Landesfürsten, gegen den er sich nicht durchsetzen konnte.

Als Philosoph stand Nikolaus in der Tradition des Neuplatonismus, dessen Gedankengut er sowohl aus antikem als auch aus mittelalterlichem Schrifttum aufnahm. Sein Denken kreiste um das Konzept des Zusammenfalls der Gegensätze zu einer Einheit, in der sich die Widersprüche zwischen scheinbar Unvereinbarem auflösen. Metaphysisch und theologisch sah er in Gott den Ort dieser Einheit. Auch in der Staatstheorie und Politik bekannte er sich zu einem Einheitsideal. Das Ziel, eine möglichst umfassende Eintracht zu verwirklichen, hatte für ihn höchsten Wert, sachliche Meinungsverschiedenheiten hielt er demgegenüber für zweitrangig. Im Sinne dieser Denkweise entwickelte er eine für seine Zeit ungewöhnliche Vorstellung von religiöser Toleranz. Dem Islam, mit dem er sich intensiv auseinandersetzte, billigte er einen gewissen Wahrheitsgehalt und eine Existenzberechtigung zu.>>>

Pius II. starb am 15. August 1464 in Ancona. Er hatte dort versucht, ein Heer gegen die Türken aufzustellen. Seine sterblichen Überreste wurden zuerst im Petersdom beigesetzt, 1614 in die römische Kirche Sant’Andrea della Valle überführt. Die Fresken von Pinturicchio in der Piccolomini-Bibliothek im Dom von Siena zeigen bedeutende Stationen des Lebensweges Pius‘ II.

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Einzelne deutsche Fürstenhöfe (der Kaiserhof Friedrichs III. und fürstlichen Höfe wie in Heidelberg, Eichstätt, Landshut, Stuttgart) bildeten erste Zentren des Humanismus nördlich der Alpen. Einen wesentlichen Beitrag zur Rezeption des Humanismus nördlich der Alpen leisteten dabei jene Deutsche, die in Italien Jura oder Medizin studiert hatten und von dort antike und humanistische lateinische Texte mitbrachten und im deutschen Sprachraum verbreiteten.

Die Studia humanitatis werden an deutschen Universitäten gelehrt

Peter Luder war einer der ersten Deutschen, der als „Wanderhumanist“ den italienischen Humanismus auch an deutschen Universitäten lehrte und so zu weiterer Verbreitung beitrug. Nachdem er jahrelang in Italien umhergezogen war und dort Beziehungen geknüpft hatte, auch Schüler von Guarino da Verona gewesen war, kam er auf eine Einladung von Pfalzgraf Friedrich I. hin 1456 nach Heidelberg und die dortige Universität.

Der Pfalzgraf war vermutlich über die Universität Padua auf Luder aufmerksam geworden. Luders Start in Heidelberg war spektakulär. Er präsentierte sich der Universitätsöffentlichkeit mit einer programmatischen Rede zur Empfehlung der studia humanitatis. Es war die erste derartige Rede an einer deutschen Universität. Sie gilt als Initialzündung des Humanismus in Deutschland. So setzt man das Jahr 1456, in dem Luder seine Rede hielt, als Schlüsseldatum des deutschen Humanismus an. Dieses Plädoyer für die studia humanitatis wurde künftig Luders Paraderede, mit der er jeweils an den Universitäten, an denen er nach seiner Zeit in Heidelberg lehrte, seinen Einstand gab. In Erfurt und Leipzig hatte Luder weniger Erfolg. Bedeutend wurde sein Schüler Hartmann Schedel, der die Schedelsche Weltchronik herausbrachte.

Auch an der 1460 gegründeten Universität Basel wurden Studia humanitatis gelehrt. 1468 kehrte Luder nach einer medizinischen Promotion in Padua ins deutschsprachige Gebiet zurück und wurde in Basel der Nachfolger von Peter Anton von Clapis. Auch an den im letzten Drittel in Deutschland gegründeten Universitäten in Freiburg (1457), Ingolstadt (1472), Tübingen (1477) und Mainz (1477) wurden von Anfang an neben den traditionellen Fächern auch die neuen humanistischen Stoffe gelehrt, allerdings zunächst oft in untergeordneter Position.

Die ersten Humanisten verstanden sich oft als Angehörige einer exklusiven Gruppe und pflegten auch äußerliche Kennzeichen, wozu die Anwendung humanistischer Schriftbilder gehörte. Sie benutzten für ihre Aufzeichnungen oft eine humanistischen Schreibschrift nach italienischen Vorbildern. Auch für Inschriften wurden mit Schrifttypen wie der humanistischen Kapitalis und Renaissance-Kapitalis Schriftbilder in Anlehnung an antike Vorbilder und italienische Frühformen entwickelt und können aufgrund ihrer schwierigen Umsetzung als Zeichen für die demonstrative Vertrautheit mit humanistischen Ideen angesehen werden.

Diskurse um die deutsche Nation

Ein beliebtes Thema humanistischer Reden war das Deutschenlob, die Würdigung von als typisch deutsch geltenden Tugenden: Treue, Tapferkeit, Standhaftigkeit, Frömmigkeit und Einfachheit (simplicitas im Sinne von Unverdorbenheit, Natürlichkeit). Diese Qualitäten wurden den Deutschen anfangs von italienischen Gelehrten, die dabei auf antike Topoi zurückgriffen, zugeschrieben. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden sie von deutschen Universitätsrednern als Selbsteinschätzung übernommen, in der Folgezeit prägten sie den humanistischen Diskurs über eine deutsche Identität. Dabei betonten die Humanisten den deutschen Besitz des Kaisertums (imperium) und damit des Vorrangs in Europa. Sie behaupteten, der Adelsstand sei deutschen Ursprungs und die Deutschen seien den Italienern und Franzosen moralisch überlegen. Gepriesen wurde auch der deutsche Erfindungsgeist. Dabei verwies man gern auf die Erfindung der Buchdruckerkunst, die als deutsche Kollektivleistung galt. Theoretisch umfasste der Anspruch auf nationale Überlegenheit alle Deutschen, konkret fassten die Humanisten dabei aber nur die Bildungselite ins Auge.

Blüte um 1500

In Deutschland waren die ersten herausragenden Vertreter eines eigenständigen Humanismus, der sich von den italienischen Vorbildern emanzipierte, Rudolf Agricola († 1485) und Konrad Celtis († 1508). Celtis war der erste bedeutende neulateinische Dichter in Deutschland. Er stand im Mittelpunkt eines weitgespannten Netzes von Kontakten und Freundschaften. Durch Gründung von Gelehrtengemeinschaften (sodalitates) in einer Reihe von Städten stärkte Celtis den Zusammenhalt und Austausch der Humanisten. Der 1486 gewählte deutsche König Maximilian I. förderte die humanistische Bewegung aus politischen Gründen. In Wien gründete er 1501 ein humanistisches Poetenkolleg mit Celtis als Leiter; es gehörte zur Universität und hatte vier Lehrer (für Poetik, Rhetorik, Mathematik und Astronomie). Als Studienabschluss war kein traditioneller akademischer Grad, sondern eine Dichterkrönung vorgesehen.

Zu den Wortführern der humanistischen Bewegung in Deutschland zählten um 1500 die Juristen Konrad Peutinger (1465–1547) und Willibald Pirckheimer (1470–1530), die Historiker Johannes Aventinus (1477–1534) und Jakob Wimpheling (1450–1528), der Philosoph, Gräzist und Hebraist Johannes Reuchlin (1455–1522), der Publizist Ulrich von Hutten (1488–1523) und der Historiker und Philologe Beatus Rhenanus (1485–1547). Ulrich von Hutten war der profilierteste Repräsentant eines kämpferischen politischen Humanismus; er verband humanistische Gelehrsamkeit mit patriotischen Zielen und einem kulturpolitischen Nationalismus. In der nächsten Generation nahm der Gräzist und Bildungsreformer Philipp Melanchthon (1497–1560) eine überragende Stellung ein; er wurde Praeceptor Germaniae („Lehrmeister Deutschlands“) genannt. Als Wissenschaftsorganisator prägte er die Schul- und Universitätsorganisation im protestantischen Raum nachhaltig, als Verfasser von Schul- und Studienbüchern wurde er für die Didaktik wegweisend. Er beeinflusste Martin Luther im Sinne humanistischer Werte.

Peter Luder (lateinisch Petrus Luder; * um 1415 in Kislau bei Mingolsheim im Kraichgau; † 1472) war ein aus armen Verhältnissen stammender deutscher Wanderredner, Humanist, Mediziner und Gelehrter.

1431 begann er mit 16 Jahren ein Studium an der Universität Heidelberg ging, das er 1433 abbrach, begab sich aus Abenteuerlust und mittellos nach Italien, von wo aus ihn seine Reise 1434 über Rom, Venedig, die Adria, durch den Balkan nach Albanien, Makedonien und Griechenland führte. Ungefähr vor 1440 begann er seine humanistischen Studien an der Universität Ferrara, konzentrierte sich dabei auf Geschichte, Rhetorik und Dichtung. Von Pfarrer zu Pfarrer und von Kloster zu Kloster wanderte er im Mittelmeerraum. 1445 wird Luder in Venedig aktenkundig. Der Herrscher der Republik, Doge Francesco Foscari, ernannte ihn zum Notar und zeichnete ihn mit dem Ehrentitel eines Schildträgers aus.

Auf Einladung des Kurfürsten Friedrich I. brach er im Mai 1456 nach Heidelberg auf und hielt dort am 14. Juli 1456 seine erste Vorlesung. Luder stieß mit seiner Rede an der scholastischen Universität Heidelberg auf Widerstand. So standen viele der scholastischen Professoren den von Luder vertretenen studia humanitatis ablehnend gegenüber. Der Grund dafür dürfte wohl auch sein freizügiger Lebenswandel gewesen sein; Luder zeugte in Heidelberg mehrere uneheliche Töchter. Seine Hoffnung, in Heidelberg eine Stelle als Professor zu bekommen, wurde enttäuscht, und ständige Geldsorgen waren die Folge.

Am 11. Februar 1458 hielt Luder in der Universität eine Lobrede auf Kurfürst Friedrich den Siegreichen. Zwei Jahre später, im Spätsommer 1460, war er in Ulm, jedoch wurde er schon Ende des Jahres an der Universität Erfurt aufgenommen.

Von dort wechselte er 1462 zur Universität Leipzig. Mit seiner Antrittsrede initiierte er den Humanismus in Deutschland. Zu seinen Leipziger Schülern und humanistischen Freunden zählte Hartmann Schedel, der spätere Verfasser der Schedelschen Weltchronik und Heinrich Stercker, der spätere gelehrte Rat in Kursachsen.

Promotion in Padua

Im gleichen Jahr (1462) ging er wieder nach Padua, da er wohl eingesehen hatte, dass nur ein Titel die Chance auf eine sichere Anstellung bot. Daraufhin bat der Pfalzgraf seinen Humanisten, bei niemand anderem in den Dienst zu treten und zurückzukehren. 1463/1464 begann Luder, zusammen mit Hartmann Schedel, ein Medizinstudium an der Universität Padua, am 2. Juni 1464 folgt endlich seine Promotion.

1468 kehrte Luder ins deutschsprachige Gebiet zurück. An der Universität Basel brauchte man ihn als Mediziner und Humanisten. Luder trat in den Dienst des Herzogs Sigismund von Tirol. Im März 1470 kam eine österreichische Delegation an den burgundischen Hof in Brügge, darunter Peter Lüderer, Doctor der Medicin, für den diplomatischen Einsatz wurde er mit 30 Gulden besoldet. Eine neue Spur findet sich an der Universität Wien, wo er sich im Sommersemester 1470 in die Matrikel als Dominus Petrus Luder de Kyslaw Spirensis diocesis doctor in medicin eingetragen hat.

Einer seiner Schüler hielt im Tagebuch fest, dass Luder im Jahr 1472 gestorben sei. Somit dürfte er nur 57 Jahre alt geworden sein.

Rezeption

Luder ist in den vergangenen Jahrzehnten als eine herausragende Persönlichkeit der Geistes- und Universitätsgeschichte wiederentdeckt worden. Er gilt als Pionier, Apostel oder Wegbereiter der „Studia humanitatis“ in Deutschland. Er ist Gegenstand zahlreicher Spezialstudien. Der berühmte „Kislauer“, der sich selbst als klein von Wuchs und schwarzhaarig bezeichnete, ist für die universitäre Forschung ein herausragendes Beispiel für den Frühhumanismus in Deutschland. Seine prominentesten Schüler in Heidelberg waren die bekannten deutschen Frühhumanisten Matthias von Kemnat und Stefan Hoest. Mit Matthias von Kemnat, dem späteren Hofkaplan und Historiographen von Kurfürst Friedrich I., verband Luder eine sehr persönliche, enge Freundschaft. Luders Nachfolger in Heidelberg wurde der Theologe Stephan Hoest.

Lange Zeit stand die Beurteilung seines Wirkens in einem relativ negativen Lichte. Daran hatten die Urteile von Wilhelm Wattenbach und Georg Voigt einen maßgebenden Anteil. Zwar erkannte man an, dass Luder eine Vorreiterrolle bei der Verbreitung humanistischen Gedankengutes spielte. Dennoch ließen sie sich vornehmlich von dessen Schwächen einnehmen, die er als Persönlichkeit ganz unzweifelhaft an den Tag legte. Luder als Lateinlehrer betrieb auch nicht die eigentliche Wiederbelebung der Antike, sondern bezieht sich auf das Neulatein. Heute wird er vor allem als Vorreiter zur Verbreitung der Ideen des italienischen Renaissance-Humanismus in Deutschland geschätzt.

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Konrad Peutinger (* 14. Oktober 1465 in Augsburg; † 28. Dezember 1547 ebenda) war ein Jurist, Humanist und Antiquar. Als Augsburger Stadtschreiber war er einer der wichtigsten Politiker der Reichsstadt in der Reformationszeit. Er war Berater von Kaiser Maximilian I. und dessen Nachfolger Kaiser Karl V.

Peutinger stammte aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie der Reichsstadt Augsburg. Er schlug nach dem Studium in Bologna und Padua, wo er zum Doktor beider Rechte promovierte, eine Laufbahn als Jurist ein. Dabei lernte er die Bewegung des Renaissance-Humanismus intensiver kennen, die ihn lebenslang begleiten sollte. 1493 wurde er zum Syndikus in seiner Vaterstadt Augsburg erwählt. Als Abgeordneter derselben wohnte er mehreren Reichstagen bei wie z. B. dem Reichstag zu Worms (1521) und wurde von Maximilian I. zum kaiserlichen Rat ernannt. Peutinger war von 1497 bis 1534 zudem Stadtschreiber in Augsburg, wo er 1515 ein noch erhaltenes Anwesen erwarb, das sogenannte Peutingerhaus. Auch wenn die Verbindungen zu Maximilians Nachfolger Karl V. lockerer waren, konnte Peutinger seine Position in Augsburg wie auf überregionaler Ebene zunächst noch behaupten. Erst 1534, als nach dem Scheitern seiner Politik, die auf einen Ausgleich zwischen den streitenden Religionsparteien zielte, die Reformation in Augsburg eingeführt wurde, trat er von seinem Amt als Stadtschreiber zurück. Er starb 28. Dezember 1547 in Augsburg. Zuvor wurde er von Kaiser Karl V. in den erblichen Adelsstand erhoben.

Neben der Pflege der Kontakte zu anderen humanistischen Gelehrten wie z. B. Erasmus von Rotterdam erhielt sich Peutinger die Verbindungen nach Italien, um sich weiterhin zahlreiche neue Bücher juristischen oder humanistischen, das heißt auch altsprachlich-philologischen Inhaltes, kommen zu lassen. Peutinger interessierte sich aber nicht nur für Bücher aus Italien, er hatte auch Kontakte zu Druckern in seiner Heimatstadt Augsburg, in Basel und in Straßburg. Über die Straßburger dürfte er auch mit dem Humanisten Jacob Sturm im Kontakt gestanden haben. Im Laufe der Jahre sammelte Peutinger dadurch eine überaus beachtliche Bibliothek an. Zu seinen Freunden gehörte auch der Nürnberger Kaufherr und Humanist Willibald Pirckheimer, der wiederum mit dem bekannten Maler Albrecht Dürer befreundet war. Das Zusammentragen einer für damalige Verhältnisse außergewöhnlich großen Bibliothek entspricht dieser Geisteshaltung.

Peutinger war auf dem Reichstag zu Worms im Jahr 1521 während der Verhandlung der „Causa Lutheri“ anwesend. Sein Bericht über diese Verhandlung für den Augsburger Rat ist erhalten geblieben und für den tatsächlichen Verlauf der Verhandlung, in der Martin Luther die Leugnung seiner Schriften ablehnte, eine wichtige Quelle. Dieser Bericht liegt u. a. durch den Kirchenhistoriker Theodor von Kolde in seinen „Analecta Lutherana“ ediert vor.

Als auf dem Reichstag zu Speyer des Jahres 1530 den Nürnberger Kaufleuten und den Fuggern Zinswucher und Monopolmissbrauch vorgeworfen wurde, trat der Jurist Konrad Peutinger als Verteidiger der Kaufleute auf. Er sprach sich gegen Eingriffe des Staates in die Preisbildung aus und wies die Verantwortung der Großkaufleute für die Preisanstiege im Reich zurück. Dabei argumentierte er mit dem Recht auf freies Unternehmertum und betonte, dass die ökonomische Verfolgung des Eigennutzes (propria utilitas) die Wirtschaft insgesamt ankurbelt und somit auch zu einem gesteigerten Allgemeinwohl (commoditas publica) führt. Damit nahm er eine Argumentationslinie ein, die später die Grundlage des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft werden sollte. Dennoch wurde vom Reichstag ein Monopolverbot beschlossen, das jedoch gegenüber den Fuggern und Welsern, auf Grund ihrer Bedeutung für Kaiser Karl V. nie exekutiert wurde.

Besondere Bedeutung für die Entwicklung der historischen Wissenschaften erlangten seine Sammlungen antiker Überreste und seine Schriften zur Erforschung der römischen Antike seiner Heimatregion. Noch heute sind Teile seiner Sammlung römischer Steindenkmäler in seinem Augsburger Wohnhaus, dem sogenannten Peutingerhaus, zu sehen. Überragende Bedeutung besitzen weiterhin sein Werk Inscriptiones Romanae (Augsburg 1520) und die nach ihm benannte Tabula Peutingeriana, eine spätantike Straßenkarte des Römischen Reiches, die sich später als eine der wichtigsten Quellen aus dieser Zeit herausgestellt hat. Peutinger hatte die Karte 1507 von Conrad Celtis aus Wien erhalten und daraufhin eine Veröffentlichung vorbereitet, die jedoch erst nach seinem Tode zustande kam. Daneben stammt von ihm die erste Edition der Historia Gothorum des Jordanes und der Historia gentis Langobardorum des Paulus Diaconus.

In seiner Heimatstadt Augsburg erinnert bis heute das Peutinger-Gymnasium an ihn.

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Willibald Pirckheimer (auch Bilibald Pirkheimer, lateinisch Bilibaldus; * 4. Dezember 1470 in Eichstätt; † 22. Dezember 1530 in Nürnberg) war ein deutscher Renaissance-Humanist. Er war ein Freund Albrecht Dürers und Berater Kaiser Maximilians I.

Als Sohn des Anwalts Johannes Pirckheimer in der fürstbischöflichen Residenzstadt Eichstätt geboren, durchlief Willibald Pirckheimer ein siebenjähriges Studium in Italien, an den Universitäten in Padua und Pavia. Er folgte damit einer Familientradition, die sein Großonkel Thomas Pirckheimer etabliert hatte, der sich als erster juristischen und humanistischen Studien in Italien zugewandt hatte. Seine ältere Schwester Caritas Pirckheimer war Äbtissin des Nürnberger Klaraklosters. Vermutlich 1495 begegnete er erstmals Albrecht Dürer.

Er war Mitglied eines Kreises von Nürnberger Humanisten, dem auch Conrad Celtis, Sebald Schreyer (1446 bis 1520) und Hartmann Schedel, der Verfasser der Schedelschen Weltchronik, angehörten. Er übersetzte zahlreiche klassische Werke ins Deutsche sowie griechische Werke ins Lateinische. In diesem Zusammenhang ist seine Herausgabe der Geographia von Ptolemäus im Jahre 1525 zu erwähnen. Kaiser Maximilian I. beriet sich mit ihm über literarische Fragen.

1499 wurde Pirckheimer vom Nürnberger Magistrat zum Kommandanten des reichsstädtischen Truppenkontingents im Schwabenkrieg gegen die Eidgenossen ernannt, in der Landgrafschaft Klettgau plünderten seine Truppen mehrere Dörfer, so vor allem Rechberg. Er erhielt bei seiner Rückkehr einen goldenen Pokal überreicht. Eine Anspielung darauf findet sich möglicherweise in Dürers Stich Nemesis um 1502.

Da Dürer keine klassische Ausbildung genossen hatte, wird üblicherweise angenommen, dass die zahlreichen klassischen und humanistischen Anspielungen in seinen Werken auf Gespräche mit Pirckheimer zurückgehen; als Ausnahme hierzu gilt hauptsächlich Melencolia I. Pirckheimer lieh Dürer das Geld für dessen zweite Italienreise um 1506/1507, und zehn Briefe von Dürer an Pirckheimer aus Italien bezeugen ihre enge Freundschaft.

Wie Dürer liegt Pirckheimer auf dem Nürnberger St.-Johannis-Friedhof begraben (Grab St. Johannis I / 1414).

Publizist

Pirckheimer engagierte sich in den gelehrten Auseinandersetzungen seiner Zeit. Insbesondere setzte er sich für Johannes Reuchlin und Martin Luther ein. Wahrscheinlich war er der Autor der 1520 unter dem Pseudonym „Joannes Franciscus Cottalambergius“ veröffentlichten Satire Eccius Dedolatus (etwa: Der gehobelte Eck), mit der der Luthergegner Johannes Eck verspottet wurde. Jedenfalls ließ ihn Eck deshalb in die päpstlichen Bannbullen von 1520 und 1521 gegen Luther und seine Anhänger aufnehmen. Dem Protestantismus gegenüber war Pirckheimer aber eher kritisch eingestellt.

Künstler

Gemeinsam mit Johannes Stabius entwarf er das allegorische Grundgerüst zu „Triumphzug“ und „Ehrenpforte“ (die Albrecht Dürer illustrierte), in denen das politische Konzept Maximilians I. propagiert wurde. Pirckheimer war auch maßgeblich am Entwurf des ikonografischen Programms des Nürnberger Rathaussaales beteiligt. Dürer, der wohl frühzeitig in die Planungen eingebunden war, war von 1521 bis 1522 ab für die Umsetzung verantwortlich; die Ausmalung des Saales war nicht vor 1528 bis 1530 fertig.

Jurist und Gutachter

Eine herausragende Rolle spielte Willibald Pirckheimer für die Rezeption des römischen Rechts in Deutschland. Gregor Haloander, ein junger Gelehrter, hatte in Italien Materialien für die von ihm geplante kritische Ausgabe der Pandekten von Justinian gesammelt und sich für die Durchführung dieses Plans um Unterstützung an den Nürnberger Rat gewandt. Eine Ratskommission bat im Jahr 1528 Willibald Pirckheimer um eine gutachterliche Stellungnahme, die äußerst günstig ausfiel. Dies und die Befürwortung durch den Reformator Philipp Melanchthon hat dazu geführt, dass im Jahr 1529 mit Unterstützung der Stadt Nürnberg das römische Recht in dem von Gregor Haloander bearbeiteten Text unter dem Titel Digestorum seu Pandectarum libri quinquaginta erscheinen konnte.

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Johannes Reuchlin

Johannes Reuchlin (auch Johann Reichlin, gräzisiert Kapnion, Capnio (Räuchlein); * 29. Januar 1455 in Pforzheim; † 30. Juni 1522 in Stuttgart) war ein deutscher Philosoph, Humanist, Jurist und Diplomat. Er gilt als der erste bedeutendere deutsche Hebraist christlichen Bekenntnisses. Er war der Großonkel von Philipp Melanchthon.

Reuchlin wurde am 29. Januar 1455, „zur 9. Stunde des Nachmittags“, in Pforzheim als Sohn des Klosterverwalters Georg Reuchlin und seiner Frau Elissa Erinna Eck geboren. Der Vater war Stiftsverwalter des Dominikanerklosters Pforzheim und das Epitaph seiner Mutter befand sich bis zur Zerstörung im Kreuzgang. Das genaue Geburtsdatum wurde von der Forschungsstelle Reuchlin der Akademie Heidelberg in einem der Bücher Reuchlins entdeckt, wo es von Johannes Reuchlins Neffen Dionysius Reuchlin dem Jüngeren zusammen mit den genauen Sterbedaten dokumentiert ist. Er hatte unter anderem eine Schwester Elisabeth Reuter, geb. Reuchlin, die die Großmutter von Philipp Melanchthon ist.

Im Alter von 15 Jahren schrieb er sich nach dem Besuch der Elementar- und Lateinschulen des Pforzheimer Dominikanerklosters St. Stephan anno 1470 an der Universität zu Freiburg ein, wo er zunächst Grammatik, Philosophie und Rhetorik studierte.

Ein Ruf als Kenner der lateinischen Sprache eilte ihm voraus. 1473 begleitete er als Erzieher, nachdem er am Hofe auch wegen seiner schönen Chorstimme eingeführt worden war, den 3. Sohn des badischen Markgrafen, Friedrich von Baden, Karl, zum Studium nach Paris. Hier war er auch Schüler des Theologen Johannes Heynlin von Stein.

1474 ließ er sich an der Universität Basel einschreiben, wo er sein Studium der Freien Künste 1477 mit dem Magister artium abschloss. In Basel entstand mit dem lateinischen Wörterbuch Vocabularius breviloquus Reuchlins erstes Werk.

Sein Jurastudium begann er 1479 an der Universität Orléans. In seinem Widmungsschreiben zu De rudimentis Hebraicis vom 7. März 1506 an seinen Bruder Dionysius berichtet Reuchlin, er habe in Orléans sein Studium des römischen Rechts durch Unterricht in den alten Sprachen finanziert. Im Wintersemester 1480/1481 wechselte er im Besitz eines Bakkalartitels an die Universität Poitiers, die als Studenten hauptsächlich Adlige und reiche Bürgerliche anzog, wenn sie danach in Verwaltungen tätig sein wollten. Am 14. Juni 1481 erhielt er dort sein Lizentiatendiplom im kaiserlichen (römischen) Recht.

Im folgenden Wintersemester 1481/1482 übernahm er in Tübingen für kurze Zeit ein Lehramt für Poetik oder für die Institutionen des römischen Rechts. Hierzu ließ er sich am 9. Dezember 1481 in die Matrikel der Universität Tübingen einschreiben und warb in einer überlieferten Ansprache für den Besuch der Tübinger Universität.

Im Dienst des Grafen Eberhard von Württemberg

Veranstaltung vom 15.05.2018

Nikolaus von Kues: Konstantinische Schenkung

Als Humanist leistete Nikolaus Bedeutendes in der historisch-philologischen Forschung, sowohl durch Auffindung von Handschriften teils verschollener antiker Werke und Entdeckung unbekannter mittelalterlicher Quellen als auch durch seine kritische Auseinandersetzung mit den Quellentexten. Er gehörte zu den Pionieren der rechtshistorischen Forschung, die damals wegen der Auseinandersetzungen um die Kirchenreform einen besonderen Aktualitätswert hatte. 1433 zeigte er erstmals mit philologischen Argumenten, dass die Konstantinische Schenkung, eine angebliche Urkunde Kaiser Konstantins des Großen, auf die sich die Kurie seit dem 11. Jahrhundert zur Begründung ihrer territorialen Ansprüche stützte, eine Fälschung ist. Wenige Jahre später erbrachte Lorenzo Valla einen Beweis der Fälschung, der ebenfalls auf sprachlichen Beobachtungen basierte. Unter den Handschriften mit Werken antiker Schriftsteller, die er entdeckte, war eine, die zwölf bis dahin unbekannte Komödien des Plautus enthielt, und eine mit den ersten sechs Büchern der Annalen des Tacitus.

Wie bei Humanisten üblich war auch Nikolaus bibliophil (bücherliebend), er sammelte eifrig wertvolle Handschriften aller Art, wobei er auch Bände mit prachtvollem Buchschmuck zu schätzen wusste. Allerdings war er kein typischer Renaissance-Humanist, denn das primär an stilistischer Qualität orientierte Literatentum, die Begeisterung für vollendete rhetorische und poetische Kunst spielte bei ihm eine geringe Rolle. Stattdessen zeigte er ein bei damaligen Humanisten seltenes Interesse an eigenständiger Auseinandersetzung mit schwierigen philosophischen und theologischen Fragen.

Der Begriff der Konstantinischen Schenkung (Lateinisch Constitutum Constantini bzw. Donatio Constantini ad Silvestrem I papam) bezieht sich auf eine von der Wissenschaft um das Jahr 800 datierte gefälschte Urkunde, die angeblich in den Jahren 315/317 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde. Darin wird Papst Silvester I. (Pontifex von 314–335) und seinen sämtlichen Nachfolgern usque in finem saeculi, d. h. bis ans Ende der Zeit, eine auf geistliche Belange gerichtete, jedoch zugleich politisch wirksame Oberherrschaft über Rom, Italien, die gesamte Westhälfte des Römischen Reichs, aber auch das gesamte Erdenrund mittels Schenkung übertragen.

Die Päpste nutzten die Urkunde, um ihre Vormacht in der Christenheit und territoriale Ansprüche zu begründen. Als im 15. Jahrhundert die Fälschung nachgewiesen wurde, blieb dies bis zur Kritik der Reformation am Papsttum weitgehend unbekannt. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert behauptete die katholische Kirche, dass die Urkunde zwar gefälscht sei, es die Schenkung aber dennoch gegeben habe. Heute gilt die gefälschte Urkunde als „Symbol für die irdische Gestalt der Kirche“ und nicht als Anspruchsbeleg auf einen Besitztitel für den Kirchenstaat.

Reuchling – Fortsetzung

Von Februar bis April 1482 begleitete Reuchlin den württembergischen Grafen Eberhard von Württemberg (Eberhard im Bart) als zweiter Orator auf dessen Reise nach Rom, bei der mit Papst Sixtus IV. erfolgreich vor allem über die personelle und finanzielle Trennung der 1477 gegründeten Universität Tübingen vom Tübinger Sankt-Georg-Stift verhandelt wurde. Entscheidende Impulse erhielt er auf dieser und weiteren Italienreisen 1495 und 1498 durch zahlreiche Begegnungen in Rom und Florenz, darunter mit den Humanisten Angelo Poliziano, Marsilio Ficino, Giovanni Pico della Mirandola und Aldus Manutius.

Seit Frühjahr 1483 gehörte Reuchlin zu den besoldeten Räten des Grafen im württembergischen Dienst und wurde Bürger in Stuttgart. Auf Grund der um 1484 geschlossenen Ehe mit einer vermögenden Tochter des in Ditzingen bei Leonberg lebenden Hänslin Müller fiel ihm reicher Landbesitz zu.[8] Dadurch verfügte er über die finanziellen Mittel, um für seine weitere Karriere im Dienst des Grafen im Wintersemester 1484/1485 den Doktortitel im kaiserlichen Recht (legum doctor) an der Universität Tübingen zu erwerben. Auf zahlreichen wichtigen diplomatischen Missionen war er für den Grafen unterwegs und wurde seit 1483 außerdem mehrfach als Beisitzer an das württembergische Hofgericht berufen. Auf dem Reichstag zu Frankfurt 1486 traf er auf den Aristotelesinterpreten Hermolao Barbaro.

Während eines Aufenthalts Reuchlins bei Kaiser Friedrich III. in Linz in wichtigem Auftrag für den Grafen erhielt er vom Kaiser den erblichen Adelsstand und das Ehrenamt eines Hofpfalzgrafen. In Linz ergab sich für Reuchlin darüber hinaus ein prägender Kontakt zum kaiserlichen Leibarzt und wissenschaftlich gebildeten Juden Jacob ben Jechiel Loans, der ihn in der hebräischen Sprache unterrichtete. Der Linzer Aufenthalt wurde zur entscheidenden Etappe auf Reuchlins Weg zum führenden deutschen Hebraisten seiner Zeit.

Möglicherweise hat Reuchlin in seinem Werk über die Kunst der Kabbalistik, (hebräisch קַבָּלָה) (De arte cabalistica) Jacob ben Jechiel Loans ein literarisches Denkmal gesetzt: Zwei christliche Schüler des gelehrten Juden Simon bedauern, dass dieser wegen des Sabbats ihr erstmaliges Zusammentreffen beenden muss. Nachdem er gegangen ist, preisen sie wortreich seine Weisheit und einer der Schüler ruft schließlich aus:

„Gute Götter, ein Jude, von Juden geboren, ernährt, erzogen und unterwiesen, ein Volk, das überall von den Völkern als barbarisch, abergläubisch, gemein, verworfen und dem Glanz aller guten Wissenschaften abgeneigt angesehen wird – glaube mir, ich hätte in meiner Sehnsucht diesem Mann gerne die ganze lange Nacht ins Antlitz gesehen und seinen Worten gelauscht, wenn nicht dieser unglückselige Sabbatabend dazwischen gekommen wäre.“

Dies gilt als Beispiel für Reuchlins ungewöhnliches Verständnis für andere Religionen in einer von Intoleranz geprägten Zeit, (Antijudaismus).

Flucht nach Heidelberg

Nach dem Tod des zum Herzog erhobenen Eberhard im Bart im Februar 1496 verließ Reuchlin Württemberg und überließ seiner Frau bis zu ihrem Tod um 1500 die Bewirtschaftung seines Landsitzes bei Ditzingen. Die Ehe blieb kinderlos. Er musste die Rache Konrad Holzingers, eines engen Beraters des nachfolgenden Herzogs Eberhard II., fürchten, den er im November 1488 durch Berthold von Henneberg, den Erzbischof von Mainz, hatte verhaften lassen und der von Graf Eberhard im Bart danach in Tübingen in Haft genommen worden war.

In Heidelberg fand er Aufnahme beim Kanzler des Kurfürsten Philipp, dem Wormser Bischof Johann von Dalberg, und am Pfälzer Hof. Hier schloss er sich einem Gelehrtenkreis um Jakob Wimpfeling, Heinrich von Bunau, Dietrich von Plieningen, Conrad Leontorius, Adam Werner von Themar, Jakob Dracontius und Johann Vigilius an.[9] Hier entstand die Komödie Sergius sive Capitis caput, in einer von Freundschaften geprägten Umgebung. Das Stück ist eine satirische Verhöhnung des Reliquienkultes und ein Angriff gegen die, welche ihn ins Exil getrieben haben. Auch sein zweites Drama Henno entstand in dieser Zeit und wurde im Hause Dalberg 1497 uraufgeführt.

Bei einer weiteren Italienreise im Auftrag Philipps 1498 erwarb er hebräische und griechische Werke, nahm Kontakt mit dem Drucker und Verleger Aldus Manutius in Venedig auf und besuchte erneut den Humanisten Marsilio Ficino in Florenz.

Richter des Schwäbischen Bunds

Nach der Entmachtung Herzog Eberhards II. 1498 kehrte Reuchlin mit Unterstützung seines Mentors Johannes Vergenhans nach Württemberg zurück und wurde im Januar 1502 als dessen Nachfolger zu einem der drei hochbezahlten Richter des Schwäbischen Bundes gewählt. Damit war er Richter im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Reuchlin nannte sich stolz Triumvir Sueviae und bemerkte in einer von Johann Philipp Datt 1698 zitierten lateinischen Auskunft (übersetzt von Adolf Laufs), er habe das Vaterland durch gerechtes Judizieren vor drohenden kriegerischen Umtrieben bewahrt und dabei seine fremdsprachigen Studien nicht vergessen.

Ausdruck humanistischer Gesprächskultur waren die gelehrten Gastmähler mit philosophisch-politischen Diskussionen, die sich nach einem Bericht von Michael Köchlin alias Coccinius jeweils den Sitzungen des 1502 bis 1513 regelmäßig in Tübingen tagenden Bundesgerichts anschlossen. Auch unter Mitwirkung des 1510 von Reuchlin aus Pforzheim nach Tübingen vermittelten Georg Simler und des Druckers Thomas Anshelm wurde die Universität Tübingen in dieser Zeit wieder eines der Zentren des Humanismus im deutschen Südwesten.

Als am 1. Februar 1513 das Bundesgericht von Tübingen nach Augsburg verlegt wurde, da Herzog Ulrich von Württemberg dem im Vorjahr verlängerten Schwäbischen Bund nicht mehr beigetreten war, legten alle drei Bundesrichter wegen ihrer engen Verbindung mit dem württembergischen Hof im Januar 1513 ihre Ämter nieder.

Reuchlin verbrachte seine letzten Lebensjahre nunmehr als Privatgelehrter und Rat, dabei überschattet von dem Konflikt mit den Dominikanern (siehe Abschnitt unten). Aus den dynastischen Auseinandersetzungen in Württemberg nach der Ermordung Hans von Huttens 1515 durch Herzog Ulrich und der Flucht seiner Frau Sabina von Bayern hielt sich Reuchlin heraus, um eine Unterstützung Herzog Ulrichs im Prozess mit den Dominikanern vor dem Apostolischen Stuhl in Rom nicht zu gefährden.

Die Eroberung Württembergs 1519 durch den Schwäbischen Bund veranlasste Reuchlin nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau Anna Decker nochmals zur Flucht, weil er Räubereien fürchtete. Seine Frau kam aus einer wohlhabenden Familie und die Heirat fand während seiner Zeit in Stuttgart statt. Das einzige Kind aus dieser Ehe starb in jungen Jahren. Im November 1519 fand er Unterkunft in Ingolstadt und erhielt im Februar 1520 auf Betreiben des bayerischen Herzogs Wilhelm IV. an der Universität Ingolstadt eine hochbezahlte Professur für Hebräisch. Johannes Gussubelius († 1529) hielt eine ausführliche Festrede auf Reuchlin.

Im Frühjahr 1521 verließ Reuchlin Ingolstadt jedoch wieder, vermutlich wegen der Pest, und kehrte unter großem Beifall nach Tübingen zurück, wo er eine Professur für Hebräisch und zusätzlich jetzt auch für Griechisch übernahm. Luthers Kirchenreform lehnte er ab und ließ sich kurz vor seinem Tod zum Priester weihen. Seine Ablehnung der Position Luthers lässt sich daran ablesen, dass er den Briefverkehr zu seinem Ziehsohn Philipp Melanchthon, einem Vertrauten Luthers, abbrach und seine Bibliothek, die Melanchton heiß begehrte, dem St. Michaelsstift in Pforzheim vermachte. Am Morgen des 3. Juni 1522 erlag er in Stuttgart dem Gelbfieber und wurde in der Stuttgarter Leonhardskirche neben seiner zweiten Frau bestattet.

„Wir legen die Fundamente der Zukunft: Die Wahrheit wird über der Welt aufgehen, das Dunkel verschwinden, das Licht wird leuchten.“

– Johannes Reuchlin, 1522

Grabplatte vom Epitaph von Johannes Reuchlin, 1501, ab 1949 im Städtischen Lapidarium Stuttgart. Seit 1955 in der Leonhardskirche. Das Foto zeigt die eingemauerte Grabplatte in der Leonhardskirche.

Epitaph

Noch zu Lebzeiten hat Reuchlin im Jahre 1501 einen Stein mit seinem Anspruch auf Gelehrsamkeit fertigen lassen. Es wird angenommen, dass es sich um ein Epitaph handelt und der Stein als Grabstein Verwendung finden sollte. Die Inschriften bedeuten: links oben in hebräischer Schrift die Worte Olam Ha Chajim, also Ewiges Leben; rechts oben in griechischer Schrift das Wort Anastasis, also Auferstehung. Unter dem Bogen befindet sich der lateinische Satz: ANN(O) CHR(ISTI) MDI SIBI ET POSTERITATI CAPNIONIAE IOANNES REUCHLIN PHORCENSIS S(ACRUM). Im Jahre Christi 1501 hat Johannes Reuchlin aus Pforzheim für sich selbst und für die capnionische Nachwelt diesen Stein geweiht. Eine weitere Theorie geht davon aus, dass Reuchlin den Stein wie einen römischen Hausstein an seinem Haus Stiftstraße 10 direkt gegenüber dem Chor der Stiftskirche in Stuttgart als Hausinschrift angebracht hatte.

Reuchlin als humanistischer Schriftsteller

De arte cabalistica, Hagenau 1530, Titelseite mit dem Wappen Reuchlins

Erasmus von Rotterdam und Johannes Reuchlin gelten als die beiden wichtigsten europäischen Humanisten. Von seinem älteren niederländischen Kommilitonen Rudolf Agricola beeinflusst, entwickelte sich Reuchlin zum deutschen Repräsentanten des Renaissance-Platonismus. Er entdeckte die mystische und theologische Grundhaltung in den Chaldäischen Orakeln und der Kabbala (De verbo mirifico 1494 und De arte cabalistica 1517), bei Zoroaster und Pythagoras. In De arte cabalistica, seinem Hauptwerk, entwirft er im 2. Buch, dass Pythagoras die kabbalistische Lehre übernahm. Pythagoras wird als theologisch-philosophische Vermittlungsfigur zwischen jüdischer Weisheit und griechischer Wissenschaft eingeführt.

Im Vorwort zu De arte cabbalistica schreibt er:

„Marsilio (Ficino) brachte Platon für Italien heraus und Lefèvre d’Étaples stellte Aristoteles für Frankreich wieder her. Ich werde die Zahl vervollständigen, und ich, Capnion, werde Pythagoras den Deutschen zeigen, wiedergeboren durch mich.“

Stolz, Selbstbewusstsein und Sendungsbewusstsein sprechen aus dem Munde des Pforzheimers.

Nikolaus von Kues beeinflusste Reuchlin erheblich, er benutzt sein Vokabular und greift den Begriff des Symbolischen auf. Handschriften von Kues befanden sich in seinem Besitz. In De arte cabbalistica, das Papst Leo X. (einem Medici) gewidmet ist, benutzt er zur Verteidigung seines Pythagoreismus das Vokabular des Kardinals Nikolaus v. Kues, der seine Zahlen-Wissenschaft schon symbolisch beschrieben hatte.

Reuchlins Buch Augenspiegel, in dem er dafür eintrat, jüdische Bücher nicht zu verbrennen, wurde von Theologen der Kölner und Erfurter Universität begutachtet und von ihnen zur Zensur empfohlen. Der Erfurter Theologe Hermann Serges entschied sich zwar auch für die Zensur des Werks, äußerte jedoch volle Anerkennung für Reuchlins Gelehrsamkeit und literarische Verdienste.

Als neulateinischer Dichter unternahm er den Schritt vom Dialog zum Drama und wurde so Begründer des neueren deutschen Dramas und des Schuldramas. In Heidelberg entstanden 1496/1497 seine dramatisierte Satire Sergius und die Komödie Scaenica Progymnasmata (Henno), letzteres von Hans Sachs als Fastnachtsspiel bearbeitet. Er greift thematisch die italienische Commedia dell’arte auf.

Seine Übersetzungen, Textausgaben und persönlichen Anregungen förderten die Kenntnis der altgriechischen Sprache. Durch sein in Deutschland damals außergewöhnliches Studium der althebräischen Sprache erschloss er der Wissenschaft das Alte Testament. In der Folgezeit diente sein Werk De rudimentis hebraicis dazu als Grundlage.

Der Metzger Johannes Pfefferkorn, ein in Köln 1504 zum Christentum konvertierter Jude, veröffentlichte 1505 mit Unterstützung der Kölner Dominikaner zunächst mehrere Schmähschriften gegen Juden, so 1507 den Judenspiegel. Er erlangte 1509 ein Mandat von Kaiser Maximilian I. zur Beschlagnahme aller jüdischen Schriften, die er verbrennen wollte. Er beantragte auch das Verbot aller jüdischen Bücher. 1509 kam es zu einer Begegnung mit Reuchlin, weil Pfefferkorn ihn für sein Vorhaben gewinnen wollte. Reuchlin ging nicht darauf ein. Insbesondere der Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen wollte Pfefferkorns Aktivitäten Einhalt gebieten. Im Rahmen der Auseinandersetzungen wurde er von Kaiser Maximilian I. angehalten, von Universitäten und Gelehrten Gutachten zur Frage der jüdischen Bücher einzuholen. Die Universitäten Mainz, Köln, Erfurt und Heidelberg sowie die Gelehrten Reuchlin, Victor von Carben, ein Kölner Priester, sowie der Inquisitor der Kölner Dominikaner Jakob van Hoogstraten wurden im Jahr 1510 beauftragt, den Einfluss der jüdischen Bücher auf den christlichen Glauben zu beurteilen. Allein Reuchlin sprach sich in seinem Gutachten für einen Schutz der jüdischen Schriften aus. Daraufhin kam es zu einem mehrjähriger Streitschriftenkrieg, in dem Reuchlin seine Ablehnung des Verbots 1511 in seiner Schrift Augenspiegel verteidigte. Darin ermahnte er die christliche Welt: Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt![17] Die Auseinandersetzung gipfelte in den anonym publizierten „Dunkelmännerbriefen“, fingierten Briefen, in denen Gegner des Humanismus parodiert und lächerlich gemacht wurden.[18] In einem radebrechenden Küchenlatein haben die Dunkelmänner sprechende Namen wie Dollenkopf, Fotzenhut oder Gänseprediger.

Die öffentliche Meinung in Deutschland folgte der Auffassung Reuchlins, der sich dennoch 1513 in Rom einem Häresieprozess stellen musste. Zwar schloss sich das 5. Laterankonzil (1512–1517) der Auffassung Reuchlins aus, im Talmud keine gegen das Christentum gerichteten Stellen finden zu können. Als Jakob van Hoogstraten Reuchlins Schriften verbrennen ließ, appellierte dieser an Papst Leo X., welcher 1514 die Bischöfe von Worms und Speyer beauftragte, im sogenannten „Reuchlin-Streit“ zu entscheiden. Während sich der Wormser Bischof überhaupt nicht um die Angelegenheit kümmerte, gab der Speyerer Bischof Georg von der Pfalz wichtige Staatsgeschäfte vor und delegierte den Fall an den Domherren Georg von Schwalbach, der jedoch – angeblich aus Furcht vor den Dominikanern – aufgab und Domdekan Thomas Truchseß von Wetzhausen, einen Schüler Reuchlins, mit der Angelegenheit betraute. Dieser kam zu dem Schluss, dass der Augenspiegel keine Irrlehren enthalte. Das Urteil blieb jedoch nur ein Zwischenergebnis.[20] 1520 verbot der Papst schließlich die Schriften Reuchlins durch Machtspruch.

Rezeption

Ehrungen

Bereits der Reformator Philipp Melanchthon, der ein Großneffe Reuchlins war, wies 1552 auf die großen Verdienste Reuchlins hin. Johann Wolfgang von Goethe nannte ihn ein Wunderzeichen.[22]

Seit 1955 verleiht die Stadt Pforzheim alle 2 Jahre für geisteswissenschaftliche Arbeiten deutscher Sprache den Reuchlin-Preis.

Das Museum Johannes Reuchlin an der Schlosskirche Pforzheim

Nach zweijähriger Bauzeit wurde am 6. September 2008 in Pforzheim das neue Museum Johannes Reuchlin eröffnet. Der 1,2 Millionen Euro teure Wiederaufbau an die Schlosskirche Pforzheim nach Entwürfen des Hamburger Architekten Bernhard Hirche soll Historie und Moderne zu einer „kritischen Rekonstruktion“ vereinen. Die im Krieg zerstörte Reuchlin-Bibliothek wurde als moderner Anbau wiederhergestellt. Im Inneren sind die im Krieg zerstörten Baufragmente der Gotik weiterhin zu sehen. Frei im Raum stehen Vitrinen, die an die Buchregale der einstigen Stiftsbibliothek erinnern. Das Museum Johannes Reuchlin gewährt auf vier Etagen umfangreichen Einblick in das Leben und Wirken des Humanisten und zeichnet mit modernsten Medien den Disput nach, den Reuchlin an der Schwelle zur Neuzeit gegen die „Dunkelmänner“ führte.

Stimmen zu Reuchlin

„Reuchlin! Wer will sich mit ihm vergleichen, zu seiner Zeit ein Wunderzeichen.“

– Johann Goethe in den Zahmen Xenien (V)

„… da hätte man gern auch die jüdische Tradition unterdrückt, und man ging damit um, alle hebräischen Bücher zu vernichten, und am Rhein begann die Bücherverfolgung, wogegen unser vortrefflicher Doktor Reuchlin so glorreich gekämpft hat. Die Kölner Theologen, die damals agierten, besonders Hoogstraeten, waren keineswegs so geistesbeschränkt, wie der tapfere Mitkämpfer Reuchlins, Ritter Ulrich von Hutten, sie in seinen »litteris obscurorum virorum« schildert. Es galt die Unterdrückung der hebräischen Sprache. Als Reuchlin siegte, konnte Luther sein Werk beginnen.“

– Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland – Kapitel 1[28]

„Als ich vor mehr als drei Jahren daran ging, für meine Zeitgenossen dieses großartige Leben neu zu beschreiben, leiteten mich zwei Motive: der Kampf, den Reuchlin auszufechten hatte, war ein Kampf um die Freiheit des Geistes, um die Freiheit der Meinungsäußerung, dem sich damals an der Schwelle der Renaissance ein Rest des Mittelalters, der Inquisition entgegenstellte.“

Erasmus von Rotterdam

Im frühen 16. Jahrhundert war der Niederländer Erasmus von Rotterdam der angesehenste und einflussreichste Humanist nördlich der Alpen. Von großer Tragweite war seine Bemühung, eine reine, unverfälschte Fassung des Neuen Testaments durch Rückgriff auf dessen griechischen Text zu gewinnen. Leitend das Motto der Renaissance: ad fontes. Einen außerordentlich starken Widerhall fanden – auch außerhalb von Gelehrtenkreisen – seine Schriften auf dem Gebiet der Lebensratschläge.

Kindheit und Jugendzeit

Erasmus wurde als nicht ehelicher Sohn des römisch-katholischen Goudaer Priesters Rotger Gerard († 1484) und der verwitweten Zevenberger Arzttochter Margaretha Rogerius († 1483), seiner Haushälterin, wahrscheinlich in Rotterdam zwischen 1464 und 1469 geboren. Er hatte einen drei Jahre älteren Bruder namens Pieter, mit dem er zusammen erzogen wurde. Den Beinamen Desiderius fügte sich Erasmus später hinzu und benutzte ihn ab 1496.

Zusammen mit seinem Bruder besuchte er von 1478 bis 1485 die zum Stift St. Lebuinus gehörende Lateinschule der Brüder vom gemeinsamen Leben in Deventer. Dort hörte und sah Erasmus auch Rudolf Agricola, den er sein Leben lang als Beispiel und Inspiration ansah, auch sein Interesse an der Literatur der klassischen Antike wurde geweckt. Agricola übte großen Einfluss auf den frühen Humanismus in Deutschland aus. Er wurde 1443 in Baflo bei Groningen geboren und starb 1485 in Heidelberg, einem Zentrum des Humanismus als erfolgreicher humanistischer Professor.

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Wie kaum ein anderer seiner Generation in Mitteleuropa hatte sich Agricola den Humanismus in seiner italienischen Ausprägung angeeignet und zu seinem Lebensprogramm gemacht. Als Erzieher setzte er sich leidenschaftlich für eine umfassende Bildung nach dem Vorbild der antiken Artes liberales ein. Die Vorgehensweise erläuterte er in seinem Werk „De formando studio“, welches als die erste pädagogische Abhandlung eines deutschen Humanisten gilt. Er übersetzte zahlreiche griechische Werke ins Lateinische und trat für das Studium der Antike ein.

Als einer der ersten Humanisten nördlich der Alpen verkörperte er das Ideal des Universalgelehrten mit weitreichender Wirkung seiner Schriften viele Jahrzehnte über seinen Tod hinaus. Im Zuge dieser Wirkung wird der Einfluss des literarischen Humanismus vor allem im deutschsprachigen Raum auf Musik und Musiktheorie spürbar, wie zuvor in Italien unter Francesco Petrarca (1304−1374). Dank Agricola wurde Musik auch in Deutschland Teil der humanistischen Erziehung.

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Ursprünglich wollte Erasmus nach seiner Schulzeit auf die Universität in Hertogenbosch gehen, doch grassierende Epidemien verhinderten den Besuch. So entschied sein Vormund, den Jungen auf ein Ordensleben vorzubereiten. Sein Bruder Pieter war bereits in das Klooster Sion (Regularkanoniker nach den Regeln des heiligen Augustinus) bei Delft eingetreten.

Im Jahre 1485 verließ Erasmus die Lateinschule zwar ohne Abschluss, jedoch mit ausgezeichneten Lateinkenntnissen. 1487 wurde er Regularkanoniker im Kloster der Augustinerchorherren Klooster Emmaüs te Stein bei Gouda.  Als Chorherr empfing Erasmus im April 1492 die Priesterweihe und verließ im folgenden Jahr als Sekretär im Dienste des Bischofs von Cambrai das Kloster, das er später nie wieder betrat.

Studienzeit

Von 1495 bis 1499 studierte Erasmus an der Sorbonne in Paris Theologie. In Paris hatte er Kontakt zu den französischen Humanisten. Seit November 1498 war er Erzieher von Lord Mountjoy und lebte in dessen Wohnung in Paris. Im Sommer 1499 ging er mit seinem Schüler nach Bedwell in Hertfordshire, England. Dort wurde er mit Thomas Morus und John Colet bekannt, später auch mit William Warham, John Fisher und dem jungen Prinzen Heinrich, dem späteren König Heinrich VIII. Morus nahm ihn 1499 in die Residenz im Eltham Palace mit, wo Heinrich mit seinen jüngeren Geschwistern aufwuchs, später hielt er zu dem erwachsenen König einen regelmäßigen Briefkontakt in Latein. In England lernte er das höfische Leben kennen und schätzen und entwickelte sich vom Kanoniker zu einem weltgewandten Gelehrten.

Von 1500 bis 1506 hielt er sich abwechselnd in den Niederlanden, in Paris und in England auf. Einen Ruf an die Universität Löwen im Jahre 1502 lehnte er ab, als er sich vorübergehend intensiv auf die Übersetzung griechischer Texte konzentriert hatte. 1506 zog er nach Italien, das er bis 1509 bereiste und wo er intensive Schriftstudien betrieb. In Turin (Herzogtum Savoyen) promovierte er zum Doktor der Theologie; damit verbunden erhielt er den Titel eines Reichsbarons. In Venedig lernte er den Verleger Aldus Manutius kennen und ließ bei ihm einige seiner Werke drucken.

Anschließend zog es ihn wieder nach England zurück, wo er an der Universität Cambridge Griechisch lehrte. Erasmus dozierte von 1510 bis 1515 am Queens’ College in Cambridge. Ab 1515 wirkte er einige Jahre am Hofe von Burgund in Löwen, unter anderem als Erzieher (Rat) des Prinzen Karl, des späteren Kaisers Karl V.

Basler und Freiburger Jahre

Von 1514 bis 1529 lebte und wirkte Erasmus in Basel (Alte Eidgenossenschaft) und ließ seine Schriften in der Werkstatt seines späteren Freundes Johann Froben drucken. Obgleich Erasmus nie an der Universität Löwen studierte oder lehrte, weilte er 1517 einige Monate in Löwen und wirkte an der Gründung des Collegium Trilingue mit. Diese Einrichtung zum Studium des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen war die erste Institution dieser Art in Europa; dort wurden griechische und hebräische Texte nicht mehr in lateinischer Übersetzung, sondern in ihren Originalfassungen studiert. Im Jahr 1518 erschien die erste Ausgabe der Colloquia. Häufig als sein Meisterwerk angesehen, kritisiert die Schrift die Missbräuche der Kirche mit Courage und Schärfe.

Als sich die an Zwingli angelehnte Reformation in Basel durchsetzte, ging Erasmus 1529 nach Freiburg im Breisgau, denn als Priester und Augustiner-Chorherr lehnte er die Reformation ab. Dort wohnte er zunächst im Haus Zum Walfisch und kaufte sich 1531 – inzwischen wohlhabend – das Haus Zum Kindlein Jesu.

Erasmus hatte sich länger in England aufgehalten und seinem Freund Thomas im Jahre 1509 sein berühmtes „Lob der Torheit“ gewidmet. Nach Morus’ Tod (1535) fand Erasmus die rühmenden Worte: „Thomas Morus, Lordkanzler von England, dessen Seele reiner war als der reinste Schnee, dessen Genius so groß war, wie England nie einen hatte, ja nie wieder haben wird, obgleich England eine Mutter großer Geister ist.“

<<< Das Lob der Torheit wurde schon zu Lebzeiten des Erasmus in viele europäische Sprachen übersetzt, denn Satiren waren in der Renaissance die bevorzugte Literatur der Gebildeten.

Sein heute bekanntestes Werk ist die Satire Lob der Torheit (Laus stultitiae) aus dem Jahr 1509, die er seinem Freund Thomas Morus widmete. In dieser „Stilübung“ (wie er sie nannte) trat er mit Spott und Ernst tief verwurzelten Irrtümern entgegen und setzte sich für vernünftige Anschauungen ein. Dafür fand er die ironischen Worte: „Die christliche Religion steht einer gewissen Torheit recht nahe; hingegen mit der Weisheit verträgt sie sich schlecht!“

Inhalt

Stultitia tritt als Frau mit „schlechtem Ruf“ an ein Katheder, bekennt sich als personifizierte Torheit und lobt genussvoll ihre „Tugenden“. Die ersten Sätze des Buches verdeutlichen sofort die Intention des Erasmus:

„Die Torheit tritt auf und spricht: Mögen die Menschen in aller Welt von mir sagen, was sie wollen – weiß ich doch, wie übel von der Torheit auch die ärgsten Toren reden –, es bleibt dabei: Mir, ja mir ganz allein und meiner Kraft haben es Götter und Menschen zu danken, wenn sie heiter und frohgemut sind.“

In ironischer Überzeichnung lässt Erasmus „seine“ Weltherrscherin Stultitia, die sich mit ihren Töchtern Eigenliebe, Schmeichelei, Vergesslichkeit, Faulheit und Lust (den sog. Todsünden) die Welt untertan gemacht hat, sich loben, und zielt dabei mit rhetorischer Eleganz auf die Dummheiten und Laster der Menschen. Ohne große Umschweife liest Stultitia dem erstaunten Zuhörer (Leser) deutlich die Leviten, nimmt fromme Christen, Kaufleute, Fürsten, Advokaten, Mönche, Gottesdiener, Heilige und Gelehrte aufs Korn und zeichnet auf raffinierte Art und Weise ein Spiegelbild der Zeit:

„Was ihr von mir zu hören bekommt, ist allerdings bloß eine einfache Stegreifrede, kunstlos, doch ehrlich. Und meint mir ja nicht, das was ich sage sei nach Redner-Manier gelogen, nur um mein Genie leuchten zu lassen. Ihr kennt das ja: Merkt einer auf mit einer Rede, über die er dreißig Jahre gebrütet hat – oft ist sie auch gestohlen –, so schwört er euch, er habe sie in drei Tagen wie spielend hingeschrieben oder gar diktiert. O nein – ich liebe es von jeher, alles das zu sagen, was mir Dummen just auf die Zunge kommt. Nur erwartet nicht, dass ich mich nach der Schablone der gewöhnlichen Redner definiere oder gar disponiere. Ein übler Anfang wäre beides, denn eine Kraft, die in der ganzen Welt wirkt, lässt sich in keine Formel bannen, und eine Gottheit zerstückelt man nicht, zu der sich alle Kreaturen zusammenfinden.“

Den Zuhörern erklärt die fiktive Rednerin, die mit ihrem „Wörtermischmasch“, nach dem Vorbild der von ihr kritisierten Gelehrten, willkürlich Zitate aus Dichtung, Philosophie und Theologie auswählt und in ihrem Sinn interpretiert, d. h. verfälscht, dass sich vor allem das Närrische und die Dummheit günstig und fördernd auf das Miteinander der Menschen auswirkt. Wo sie auch auftrete, herrsche Freude und Frohmut, alle stehen sie in ihrer Schuld, denn sie hat ihre Gaben – auch ungefragt – immer großzügig verteilt … an jedermann (dass kein Mensch ohne meine Weihe und Gunst ein angenehmes Leben führen kann):

Alle Menschen (dass der Schein […] mehr fesselt als die Wahrheit) der einzelnen Nationen (eine Art kollektiver Eigenliebe), ob Junge (Ist Jungsein denn etwas anderes als Unbesonnenheit und Unvernunft) oder Alte (Je mehr sie sich dem Greisenalter nähern, um so mehr kommen sie auf die Kindheit zurück), Frauen (In der Liebe hängen die Mädchen eindeutig mit ganzem Herzen an den Toren, den Weisen meiden und verabscheuen sie wie einen Skorpion) und Männer (Ich beriet ihn nach meiner Weise: Er solle sich ein Weib nehmen, jenes ebenso dumme und läppische wie ergötzliche und reizvolle Wesen), v. a. das einfache Volk (wie […] jene am glücklichsten leben, denen Künste völlig fremd sind und die nur dem Trieb der Natur folgen), aber auch Geistliche oder Weltleute (dass sie alle auf ihren Vorteil bedacht sind und keiner es dabei an Gesetzeskenntnis fehlen lässt. […] Irgendwelche Lasten wälzt man wohlweislich auf fremde Schultern ab und reicht sie wie einen Ball von Hand zu Hand weiter), wobei die „Geistige[n]“ und „das Volk“ sich in einem „unüberbrückbare[n] Gegensatz der Anschauungen […] einander als verrückt betrachten“, Kaufleute (das widerwärtigste aller Geschäfte), Dichter (Eigenliebe und Schmeichelei sind diesem Haufen vor alle eigentümlich), Schriftsteller (Ohne große Vorarbeit schreibt er, was ihm gerade einfällt), Rhetoren (bei Gauklern in die Lehre gegangen), Juristen (Mit hartnäckiger Verbissenheit können sie nämlich um des Kaisers Bart streiten und verlieren in der Hitze des Gefechts meist die Wahrheit aus den Augen), Grammatiker (In ihren Tretmühlen und Folterkammern –, inmitten des Kinderhaufens, altern vor der der Zeit), Wissenschaftler (Was macht es schon, wenn so einer stirbt, der nie gelebt hat?), Philosophen (wenig […] für irgendwelche Aufgaben des täglichen Lebens brauchbar […] – Sie tun so, als ob sie der Erschafferin Natur hinter ihre Geheimnisse geschaut hätten und unmittelbar aus dem Rat der Götter zu uns gekommen wären), Religiose und Mönche (halten sie es für den Inbegriff frommen Wandels, die Bildung bis zur Unkenntnis des Lesens zu vernachlässigen), Theologen (Als Scharfsinn bezeichnen sie, was die Menge nicht begreift […] – greifen […] hier und dort vier oder fünf Worte auf, entstellen sie nach Bedarf und machen sie mundgerecht), Papst und Kardinäle (Statt dessen sind sie aber äußerst freigebig in Interdikten, Amtsenthebungen, Bannandrohungen), Bischöfe (Im Wettbewerb um geistliche Ämter und Pfründen wird sich ein Büffel eher durchsetzen als ein Weiser), Fürsten oder Könige (die Bürger zu schröpfen und die Staatseinkünfte in die eigene Tasche zu leiten […] auch die gröbste Ungerechtigkeit noch unter dem Schein des Rechtes auftritt […] – wenn einer […] daran […] denken wollte, würde er nicht ein trübseliges und ruheloses Leben führen?). In summa ergibt das eine verrückte Welt (das gesamt menschliche Leben ist nichts anderes als ein Spiel der Torheit […] – Ein Verrückter lacht über den andern, und sie bereiten sich gegenseitig Vergnügen), in der nur die „Torheit allein […] Freiheit“ schafft, indem sie den Blick des Menschen (Von hoher Warte […] [sähe] er das menschliche Leben in maßloses Unheil verstrickt) vom „großen Elend“ ablenkt (Dieser Trug und Schein ist es doch, der die Augen der Zuschauer gebannt hält […] – das eben heißt Mensch sein!):

„Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten, als um Befreiung von der Torheit.“

Erasmus schrieb seine „Stilübung“ in nur wenigen Tagen als durchgängiges Werk ohne Kapitelüberschriften, gedacht als eine etwa dreistündige Rede (heute auf etwa 100 DIN-A5-Seiten gedruckt). Auch ohne Kapitelüberschriften lässt sich die Struktur des Werkes gut erkennen und wie folgt einteilen: Die Torheit tritt auf • Sie berichtet von ihrer Zeugung und ihren Vorzügen • Sie lobt die Jungen und das Alter • Die Torheit lästert über die Götter • Sie erklärt den Unterschied von Mann und Weib • Was sie von der Freundschaft und der Ehe hält • Über Kunst, Krieg und weise Männer • Torheiten über die Klugheit, Weisheit und Tollheit • Die Torheit bedauert das Menschsein • Die Torheit lobt die Wissenschaften • Über das glückliche Dasein der Toren • Die Torheit und der Wahn • Über Aberglaube, Ablass und Heilige • Dünkel und Schmeichelei, Sein und Schein • Das törichte Welt-Theater • Die Torheit und die Theologie • Über Mönche und Prediger • Über Könige und Fürsten • Über Bischöfe, Kardinäle, Päpste und Priester • Weisheiten und Eigenlob • Biblische Torheiten • Sind fromme Christen Toren? • Epilog im Himmel.

Mit Selbstironie lässt Erasmus seine Stultitia ihre „Lobrede“ beenden:

„Und jetzt – ich sehe es euch an – erwartet ihr den Epilog. Allein, da seid ihr wirklich zu dumm, wenn ihr meint, ich wisse selber noch, was ich geschwatzt habe, schüttete ich doch einen ganzen Sack Wörtermischmasch vor euch aus. Ein altes Wort heißt: ‚Ein Zechfreund soll vergessen können‘, ein neues: ‚Ein Hörer soll vergessen können.‘ Drum Gott befohlen, brav geklatscht, gelebt und getrunken, ihr hochansehnlichen Jünger der Torheit!“

Erasmus hat mit seinem Werk (noch war die Inquisition nicht abgeschafft) einen erstaunlichen Balanceakt vollbracht, in dem er Kirche und Christen so kritisierte, dass er argumentieren konnte, nicht er, sondern nur eine Törin, könne eine solche Rede halten (ein solches Buch schreiben). Auf dem Konzil von Trient (1545) wurde das Buch – wie die meisten anderen Bücher von Erasmus – auf den Index gesetzt.

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Die erste deutsche Übersetzung besorgte Sebastian Franck, sie erschien im Jahr 1534 in Ulm. Franck war gegen jede religiöse Bevormundung.

Veranstaltung vom 16.05.2018

In den Jahren 1522 bis 1534 setzte sich Erasmus in verschiedenen Schriften mit den Lehren und Schriften Luthers auseinander (siehe Abschnitt Verhältnis zu Luther). Zwei Jahre vor seinem Tod versuchte er mit der Schrift De sarcienda ecclesiae concordia noch einmal, die zerstrittenen Glaubensparteien zu befrieden. In den grundlegenden Glaubensfragen wäre man einig, war Erasmus überzeugt, weniger Wichtiges, die Adiaphora, könne man den einzelnen Gläubigen und ihren Gemeinden freistellen. In den von Kaiser und Fürsten initiierten Religionsgesprächen versuchten bedeutende Theologen bis ins 17. Jahrhundert hinein, die Konfessionen auf der erasmischen Grundlage wieder zusammenzuführen. Sie blieben erfolglos.

1536 schrieb Erasmus sein letztes Werk, De puritate ecclesiae christianae (lat. ‚Von der reinen christlichen Kirche‘), eine Auslegung von Psalm 14, die er einem einfachen Leser, einem Zöllner, mit dem er sich auf einer seiner vielen Reisen angefreundet hatte, widmete. Sein Einfluss war bis in das Zeitalter der Aufklärung in Europa von überragender Bedeutung.

Erasmus hat sich besonders um die Bibelexegese verdient gemacht, in der er die Grundlagen für die reformatorische Theologie legte. Sein schlechter Ruf, er habe vor allem auf die ethisch-moralische Seite der Religion Wert gelegt, beruht auf einem kleinen Frühwerk von 1503, dem Enchiridion militis Christiani (Handbuch des christlichen Streiters), das zu seiner Zeit sehr beliebt war und in der Forschung lange als ein Hauptwerk von Erasmus galt. Zunächst der Reformation gegenüber offen, wandte sich der Humanist von ihr ab, als er Martin Luther in einem unüberbrückbaren Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche sah. Sie war auch die Ursache für seinen Streit mit Ulrich von Hutten.

Weitere Schriften

1516 schrieb er Die Erziehung des christlichen Fürsten (Institutio Principis Christiani), die er als neuernannter Rat des Fürsten dem späteren Karl V. widmete. Das Werk sieht in christlich-moralischen Lebensgrundsätzen des Regierungsoberhauptes die wichtigste Voraussetzung für eine friedliche, segensreiche Politik. Dieser Fürstenspiegel war bei den zeitgenössischen Fürsten sehr beliebt. Ferdinand I. soll es auswendig gelernt haben.

1517 erschien Die Klage des Friedens, in der Erasmus während des erbarmungslosen Machtkampfes um die Oberherrschaft in Italien dem Friedenswillen eine Stimme verlieh. Er hat damit eine dezidierte pazifistische Position vertreten und lehnte Kriege mit einer Ausnahme ab: Nur wenn das gesamte Volk sich für einen Krieg ausspreche, sei er legitim.

In seinem 1528 herausgegebenen Dialogus Ciceronianus trat Erasmus für eine individuell gestaltete Lebensweise ein, die sich nicht nur an antiken Vorbildern orientieren sollte.

In den letzten Lebensjahren vervollständigte Erasmus eines seiner umfangreichsten Hauptwerke, die Adagia. Es ist eine Sammlung von antiken Weisheiten und Sprichwörtern (als Fortsetzung seines Erstwerkes Antibarbari, vor 1500 begonnen), die er schrittweise von etwa 800 auf über 4250 Zitate ausbaute. Es wurde sein erfolgreichstes Werk und bis in die Zeit der Aufklärung gelesen (auch Goethe hatte es stets zur Hand). Ein ähnliches Werk, eine Sammlung von fast 3000 Anekdoten und Zitaten berühmter Männer und Frauen aus der Antike, sind die Apophthegmata, die er 1534 für den Herzog Wilhelm von Cleve veröffentlichte.

Seine Colloquien (1518) und sein „Benimmbuch“ De civilitate (1530) wurden in den Schulen gelesen. Erasmus wandte sich gegen kirchliche Missstände, die Veräußerlichung der Religion und den Dogmenzwang. Er beklagte: „Wenn man sich die Durchschnitts-Christen ansieht, besteht nicht all ihr Tun und Lassen in Zeremonien?“ Auch Täufer und Spiritualisten, zum Beispiel Sebastian Franck, beriefen sich auf ihn.

Verhältnis zu Luther und zur Reformation

Erasmus und Luther haben einander nie getroffen, korrespondierten jedoch mehr oder weniger öffentlich ab 1519 miteinander. Am 28. März 1519 wandte sich Martin Luther erstmals direkt und persönlich mit einem Brief an Erasmus. Stattdessen wandte sich Erasmus am 14. April 1519 direkt an Friedrich den Weisen von Sachsen; unter anderem schrieb er, dass ihm Martin Luther „vollkommen unbekannt“ sei, dass aber jeder der ihn kenne „sein Leben billige[n]“ möge. Am 30. Mai 1519 erhielt Luther dann von Erasmus erstmals persönlich einen Brief.  Während Luther eine „harte Linie“ gegen das aus seiner Sicht dekadente Papsttum der römisch-katholischen Kirche vertrat, setzte sich Erasmus für „innere Reformen“ ein und bat Luther um Mäßigung, so in seinem Brief vom 30. Mai 1519.

Der Diskurs um den freien Willen

Auch in religiösen Fragen zeigten sich bald Unterschiede. Während Erasmus die These aufstellte, Gott habe dem Menschen einen freien Willen gegeben, zwischen dem Guten und dem Bösen zu wählen, der freilich nur mit Gottes Gnade wirksam werden könne, argumentierte Luther mit der Erbsünde und der Allmacht Gottes, durch die jede Tat des Menschen vorausbestimmt sei. Luther verglich den menschlichen Willen mit einem Pferd, „das der Teufel reitet“ oder das Gott lenkt. Es sei unmöglich, einen der beiden Reiter loszuwerden, denn jedes menschliche Schicksal sei vorherbestimmt und endet entweder in der Hölle oder im Himmel. Gottes Liebe und Hass seien ewig und unverrückbar, schrieb Luther in seiner Erwiderung an Erasmus, sie seien schon gewesen, „ehe der Welt Grund gelegt ward“, noch ehe es einen Willen oder Werke des Willens gab.

1524 veröffentlichte Erasmus seine Entgegnung: „De libero arbitrio“ (Vom freien Willen), ein Werk, mit dem der Bruch mit Luther endgültig besiegelt wurde. Seine letzte kritische Auseinandersetzung mit dem Titel Hyperaspistes kommentierte Luther mit dem bekannten Ausspruch: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.“

Einerseits sparte Erasmus nicht mit beißender Kritik an frömmelnden Christen, heuchlerischen Mönchen, korrupten Päpsten, katholischen Riten und dem Ablasshandel. Andererseits verteidigte er das Papsttum, distanzierte sich von jeder Veränderung durch Gewalt und versagte den Reformatoren seine Unterstützung. Luther empfand dies als Verrat und schrieb ihm:

„Da wir sehen, dass Dir der Herr weder den Mut noch die Gesinnung verliehen hat, jene Ungeheuer [die Päpste] offen und zuversichtlich gemeinsam mit uns anzugreifen, wagen wir von Dir nicht zu fordern, was über Dein Maß und Deine Kräfte geht.“

In der Schrift von 1524 setzte Erasmus sich mit der Frage der Willensfreiheit auseinander. Luther hatte den freien Willen, in seinen Schriften, eines seiner zentralen Themata, zur Gnadentheologie stets verworfen. Erasmus setzte die unterschiedlichen Argumente zur freien Entscheidung des Willens gegeneinander. Seine Argumente zur Willensfreiheit belegte Erasmus auch durch zahlreiche Bibelstellen, ohne sie nur auf philosophische Überlegungen beantworten zu wollen.

Während für Erasmus der Mensch frei sei, sich in die eine oder andere Richtung zu verändern, jeweils das Gute oder das Böse zu wählen und damit Gott und Satan in Position eines Observanten kämen, um die menschliche Dynamik des Willens zu beobachten, ist für Luther der Mensch in einer direkten Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Teufel eingebunden, und würde so von seinem inneren Willen in die eine oder andere Richtung getrieben werden.

Luther bestritt den freien Willen des Menschen durchweg. Nach dem Sündenfall gibt es für Luther keinen freien Willen, kein Wahlvermögen des Menschen, so lateinisch arbitrium ‚Entscheidung, die freie Entscheidung‘. Die Frage seines Heils ist nach Luthers Auffassung ausschließlich ein Akt der göttlichen Gnade. Der Mensch kann nichts befördern und nichts unterbinden, nicht durch Taten und nicht durch Bemühungen (vergleiche Bußsakrament, Gnadenschatz und Ablass). Menschliche Handlungen, Willenshandlungen beträfen stets den äußeren Menschen und stünden mit dem göttlichen Gnadenweg überhaupt nicht in Beziehung. Luther folgt der paulinisch-augustinischen Richtung, wonach alles von der Gnadenwahl Gottes abhängt, nachdem die Erbsünde die Menschen fundamental korrumpierte.

Mit De servo arbitrio (deutsch: Über den geknechteten Willen oder Vom unfreien Willen) legte Martin Luther im Dezember 1525 eine Schrift vor, die man als Reaktion auf die humanistische Lehrmeinung von Erasmus Schrift De libero arbitrio (September 1524) ansehen kann. Der Luthersche Text gilt als eines seiner bedeutendsten theologischen Werke.

Auch manche Historiker – insbesondere aus dem evangelischen Lager – teilten später diese Einschätzung und kritisierten die als unentschlossen empfundene Haltung des Erasmus. Auch die Tatsache, dass er sich in der Reuchlin-Affäre, die viele humanistische Gemüter in Wallung brachte, zu einigen antijudaistischen Bemerkungen gegen Pfefferkorn hinreißen ließ, brachte ihm Kritik ein. Für Erasmus, der das Neue Testament gegenüber dem Alten als übergeordnet ansah und Talmud wie auch Kabbala ablehnend gegenüberstand, spielten Juden auch eine negative Rolle in den Konflikten mit den Täufern und im Bauernkrieg. Eine potentielle Gefahr sah er ebenso in jüdischen Konvertiten, die seiner Ansicht nach trotz Taufe an ihren jüdischen Traditionen festhielten und das Christentum angeblich von innen zersetzten. Im Gegensatz dazu hat Erasmus aber bei anderen Gelegenheiten gegen Antijudaismus protestiert.

Antijudaismus bei Erasmus

Erasmus hat sich entschieden judenfeindlich geäußert, doch finden sich Aussagen kaum in seinen Werken, sondern vornehmlich in seiner Korrespondenz. Für Erasmus stellte das Neue Testament die einzige Quelle zur Wahrheit dar, so dass man auf das Alte Testament verzichten könne. In einen Brief bemerkte er:

„Ich erwäge, dass die Kirche dem Alten Testament nicht so viel Wert zumessen solle. Das Alte Testament behandelt nur die Schatten, mit denen die Menschen eine Zeit lang leben mussten. Das Alte Testament (…) ist heute fast wichtiger geworden als die Literatur des Christentums. Auf die eine oder andere Weise beschäftigen wir uns emsig damit, uns vollständig von Christus zu distanzieren.“

Erasmus beschrieb die Juden mehrfach als eine „Pest“, so etwa im Jahre 1517 in einem Briefwechsel mit dem Hebraisten und Reformer Wolfgang Fabricius Capito aus Straßburg:

„Nichts ist gefährlicher für die Erziehung des Christen als die übelste Pest, das Judentum.“

Rezeption und Würdigung aus moderner Sicht

Als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Repräsentanten des europäischen Humanismus wurde der Theologe durch seine kirchenkritische Haltung und seine der historisch-kritischen Exegese verpflichteten theologischen Schriften zum Vorreiter der Reformation. Durch sein Eintreten für relative Religionsfreiheit nahm er eine humanistische Position jenseits des katholischen wie auch des lutherischen Dogmatismus ein. Ihn als Verteidiger „religiöser Toleranz“ zu bezeichnen, ist insofern missverständlich, weil er selbst stattdessen die Begriffe Frieden und Konkordanz verwendet (tolerantia nur für die Wahl des Geringeren von zwei Übeln, was bei Konflikten religiöser Doktrinen nicht vorliegt). Ernsthafte Irrlehren, zu denen er letztlich auch die Reformation zählte, sollten auch seiner Meinung nach unterdrückt werden, ggf. auch durch Anwendung der Todesstrafe.

Erasmus zählte zu den geachtetsten Gelehrten seiner Zeit, man nannte ihn „den Fürsten der Humanisten“. Er korrespondierte mit fast allen Herrschern und Päpsten seiner Epoche und wurde allseits für seine offenen Worte und den brillanten Stil bewundert und geachtet, beispielsweise vom englischen König Heinrich VIII.

Der Priester und Mönch Erasmus übte scharfe Kritik an Missständen in der Kirche und trat für eine innere Reform der katholischen Kirche ein und gilt daher auch als Kirchenreformer. Er galt als einer der ersten „Europäer“ und hoffte auf die „Vernunft“ der Herrschenden, auch ohne Krieg zu einem dauerhaften Frieden zu kommen. Er legte Wert auf Neutralität und Toleranz und sah die Gefahren der Religionskriege voraus. Seine eigene Lebensleistung schätzt er in einem Brief an Willibald Pirckheimer wie folgt ein:

„Meine Lebensleistung bestand darin, dass ich eine begrabene und vergessene Literatur zu neuem Leben erweckt und dass ich die Theologen von ihren philosophischen Haarspaltereien zur Kenntnis des Neuen Testaments zurückgeführt habe.“

Wegen seiner kritischen Haltung zur römisch-katholischen Kirche wurden seine Werke auf dem Konzil von Trient auf den Index gesetzt. Der holländische Kultur-Historiker und Erasmus-Biograph Johan Huizinga charakterisiert Erasmus als einen geistigen Typus der ziemlich seltenen Gruppe, die zugleich unbedingte Idealisten und durchaus Gemäßigte seien; „sie können die Unvollkommenheit der Welt nicht ertragen, sie müssen sich widersetzen; aber sie fühlen sich bei den Extremen nicht zu Hause, sie schrecken vor der Tat zurück, weil sie wissen, dass diese immer ebenso viel zerbricht als aufbaut; und so ziehen sie sich zurück und rufen weiter, alles müsse anders werden; aber wenn die Entscheidung kommt, wählen sie zaudernd die Partei der Tradition und des Bestehenden. Auch hier liegt ein Stück von der Tragik im Leben des Erasmus: Er war der Mann, der das Neue und Kommende besser sah als irgendjemand; der sich mit dem Alten überwerfen musste und doch das Neue nicht ergreifen konnte.“

Als kritischer Denker seiner Zeit zählte Erasmus zu den Wegbereitern der europäischen Aufklärung und wurde gleichermaßen von Spinoza, Rousseau, Voltaire, Kant, Goethe, Schopenhauer und Nietzsche geachtet.

Ehrungen

Ihm zu Ehren wurden das Erasmus-Programm für Studenten in der Europäischen Union, der Erasmuspreis sowie weitere Institutionen und Dinge benannt.

Thomas Morus (englisch Thomas More; * wahrscheinlich 7. Februar 1478 in London; † 6. Juli 1535 ebenda) war ein englischer Staatsmann und humanistischer Autor. Er ist ein Heiliger und Märtyrer der anglikanischen Kirche (Gedenktag am 6. Juli) sowie der römisch-katholischen Kirche (Gedenktag 22. Juni), in der er als Patron der Regierenden und Politiker proklamiert wurde.

Leben

Thomas Morus war der Sohn des Anwalts und Richters John More (um 1450–1530) und dessen Frau Agnes, geborene Graunger (um 1455–1499). Sie war die Tochter eines Stadtrates und Händlers aus Calais, des Alderman and Merchant of the Staple of Calais Thomas Graunger. Thomas Morus besuchte eine Lateinschule und leistete als Zwölfjähriger am Hof des Lordkanzlers, Erzbischof John Morton von Canterbury, Pagendienste. Dieser schickte ihn zwei Jahre mit einem Stipendium nach Oxford, wo Morus Latein und Griechisch studierte – eine damals noch umstrittene Gelehrsamkeit, die sein Vater nicht gerne sah – und ab 1496 eine juristische Ausbildung in der Rechtsschule Lincoln’s Inn durchlief. 1501 schrieb Morus lateinische und englische Verse, schloss sein juristisches Examen ab und begann selbst zu lehren.

Erste Stationen und Familiengründung

Thomas Morus wurde bald ein erfolgreicher Rechtsanwalt und Unterhändler. 1504 wurde er Parlamentsmitglied. Sein Widerspruch gegen die Steuererhöhungen König Heinrichs VII. erregte Aufsehen. Eine Zeit lang lebte er als Postulant bei den Kartäusern in London.

1505 heiratete er Joan Colt. Dieser Ehe entstammten drei Töchter (Margaret, Elisabeth, Cecily) und ein Sohn (John). Als Joan Colt nach sechsjähriger Ehe gestorben, ging Thomas Morus bald darauf mit der Witwe Alice Middleton eine zweite Ehe ein, die kinderlos blieb. Alice Middleton brachte allerdings eine Tochter aus erster Ehe mit.

Diplomat im Dienst Heinrichs VIII.

Von 1510 an war er acht Jahre lang einer von zwei sogenannten Undersheriffs von London und lehrte an Lincoln’s Inn Recht. König Heinrich VIII. wurde auf Morus aufmerksam und schickte ihn auf diplomatische Missionen. 1516 verfasste Morus das erste Buch der Utopia und redigierte das ganze Werk, das im Dezember erschien.

1517, mit 39 Jahren, trat er ganz in den Dienst des Königs von England, der ihn bald zum Mitglied des Privy Council machte. Außerdem vermittelte er in diesem Jahr bei den Mai-Unruhen in London. 1521 wurde er zum Ritter geschlagen. 1523 wurde er Parlamentssprecher.

Er war ein entschiedener Gegner Luthers und half Heinrich VIII., eine Arbeit über ihn zu schreiben, die dem englischen König den päpstlichen Ehrentitel Verteidiger des Glaubens eintrug. Morus’ eigene Arbeit über Luther wurde europaweit gelesen.

Im Privatleben engagierte sich Morus sehr für die Erziehung seiner Töchter, denen er die gleiche Bildung zukommen ließ wie seinem Sohn. Seine älteste Tochter Margaret Roper galt als eine der gelehrtesten Frauen ihrer Zeit.

Er war auch sehr freigiebig, ernährte während einer Hungersnot Hunderte aus seiner eigenen Tasche und entließ seine Landarbeiter auch dann nicht, wenn Mangel an Arbeit herrschte.

Die Annullierung der Ehe Heinrichs VIII.

1529 musste Kardinal Thomas Wolsey, der Erzbischof von York, von seinem Amt als Lordkanzler zurücktreten, weil er den Papst nicht dazu bewegen konnte, die Ehe Heinrichs VIII. mit Katharina von Aragón zu annullieren. Daraufhin wurde Morus zum Lordkanzler ernannt, der in der Auseinandersetzung mit dem Protestantismus die Innenpolitik seines Königs unterstützt hatte. Eine Scheidung war nach geltendem Kirchenrecht unmöglich und Morus akzeptierte, dass über die Annullierung der Ehe des Königs nur der Papst entscheiden durfte. Heinrich VIII. war von Morus als Lordkanzler enttäuscht.

Papst Clemens VII. hätte einer Aufhebung der Ehe Heinrichs mit Katharina eventuell zugestimmt, wenn ihn nicht Katharinas Neffe, Kaiser Karl V., nach dem Sacco di Roma in der Hand gehabt hätte. Als der Papst ablehnte, erklärte Heinrich sich selbst zum Oberhaupt der Kirche von England. Die Geistlichkeit musste den Suprematseid schwören und damit den König als weltlichen und geistlichen Herrscher als Oberhaupt der nunmehr anglikanischen Kirche anerkennen. Als Laie brauchte Morus diesen Eid allerdings nicht abzulegen, doch aus Treue zur römischen Kirche trat er am 16. Mai 1532 vom Amt des Lordkanzlers zurück, um nicht einem dem römischen Stuhl ungehorsamen König dienen zu müssen. Möglicherweise standen auch gesundheitliche Beschwerden hinter seinem Rücktrittsgesuch.

Durch seinen Rücktritt konnte Morus sich zunächst einer Verdächtigung wegen Hochverrats entziehen. Doch als das Parlament 1534 den Act of Succession verabschiedete, der die Legitimität aller Kinder, die Heinrich VIII. und seiner Frau Anne Boleyn geboren werden würden, feststellte und außerdem jedwede fremde Autorität (also auch des Papstes) über geistliche Belange einschließlich der Verfügungsgewalt über Kirchen, Klöster und Abteien zurückwies, wurde von Inhabern öffentlicher Ämter und von Personen, die im Verdacht standen, Heinrich nicht zu unterstützen, ein Eid auf dieses Gesetz verlangt.

Prozess und Hinrichtung

Morus sollte diesen Eid im April 1534 leisten. Weil er dies ablehnte, wurde er – gemeinsam mit Bischof John Fisher von Rochester – im Tower von London eingekerkert. Beide wurden vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Zuvor hatte Morus bereits seine Grabinschrift verfasst und sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Das Parlament verhängte die Acht über ihn und zog sein Vermögen zugunsten der Krone ein. Noch im Kerker schrieb Thomas Morus geistliche Traktate und Trostschriften.

Am 6. Juli 1535 wurde Thomas Morus im Alter von 57 Jahren auf dem Schafott auf dem Tower Hill hingerichtet. Das Urteil sah die für nichtadelige Hochverräter übliche Todesart vor: das Hängen, Ausweiden und Vierteilen. Das Urteil wurde jedoch vom König in Enthauptung ohne vorherige Folter abgeändert. Morus’ Kopf wurde einen Monat lang auf der London Bridge zur Schau gestellt und dann von seiner Tochter Margaret Roper gegen Zahlung eines Bestechungsgeldes heruntergeholt und in der Familiengruft der Roper in St. Dunstan zu Canterbury beigesetzt.

Seinen Humor, für den Thomas Morus bekannt war, habe er sich bis zuletzt bewahrt: Laut einer Anekdote bat er den Henker bei seiner Hinrichtung, beim Zuschlagen mit dem Beil auf seinen Bart zu achten, da dieser nicht Hochverrat begangen habe.

Leistungen

Thomas Morus war ein ungewöhnlich gebildeter Mann, gleichzeitig fachkundiger Jurist und ein geschickter Unterhändler. Seine Unparteilichkeit als Undersheriff und in anderen Positionen wurde gerühmt. Er galt als fleißiger Beamter, der sämtliche anhängigen Gerichtsfälle abarbeitete.

Als Katholik setzte er sich konsequent für die Autorität des Heiligen Stuhls ein. So ließ er als Lordkanzler, seiner humanistischen Einstellung zum Trotz, Anhänger der Reformation verfolgen und verbrennen. Diese Strafe traf „Wiederholungstäter“, die sich nach einem Widerruf erneut mit protestantischen Schriften beschäftigt hatten.

Während Morus als Undersheriff amtierte, fand er die Zeit, eine Geschichte König Richards III. zu verfassen. Diese gilt – auch wegen ihrer meisterlichen Beherrschung der englischen Prosa – als Juwel der englischen Geschichtsschreibung.

Erste Seite der „Utopia“, Druck von 1518

Sein bekanntestes Werk ist De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia („Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia“), in dem er 1516 wohl in Anlehnung an Platons Dialog Timaios ein erfundenes Inselreich mit einer ganz anderen Gesellschaftsstruktur beschrieb, als sie zu seiner Zeit in England herrschte. In den Sozialwissenschaften wird das Werk als Kritik an den damaligen Verhältnissen und als Gegenentwurf zum zeitgenössischen England gesehen, andere sehen darin eine boshafte Satire desselben England. In dem Stadtstaat dieser Insel herrscht eine Art Kommunismus:

Die Interessen des Einzelnen sind denen der Gemeinschaft untergeordnet. Wie in einem (idealen) Kloster hat jeder zu arbeiten; jedermann bekommt Bildung und genießt religiöse Toleranz. Grund und Boden sind gemeinsamer Besitz. Nach dem ersten Erscheinen in Löwen (Brabant) wurde es bald in mehrere Sprachen übersetzt und bildet einen Vorläufer des utopischen Romans.

Die Erstveröffentlichung geschah auf Betreiben des berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam 1516 in Löwen, weitere Drucke folgten 1517 in Paris und 1518 in Basel. Die erste deutsche Übersetzung – unter dem Titel Von der wunderbarlichen Innsul Utopia genannt, das andere Buch – erschien 1524.[2] Hierbei wurde jedoch nur der zweite Teil übersetzt.

Rahmenhandlung sind die Erzählungen eines Seemannes, der eine Zeit lang bei den Utopiern gelebt haben will. Der Roman beschreibt eine auf rationalen Gleichheitsgrundsätzen, Arbeitsamkeit und dem Streben nach Bildung basierende Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen. In der Republik ist aller Besitz gemeinschaftlich, Anwälte sind unbekannt, und unabwendbare Kriege werden bevorzugt mit ausländischen Söldnern geführt.

Das Buch war so prägend, dass man fortan jeden Roman, in dem eine erfundene, positive Gesellschaft dargestellt wird, als Utopie oder utopischen Roman bezeichnete. Bedeutende Utopien nach Utopia waren La città del Sole (Sonnenstadt) von Tommaso Campanella, Neu Atlantis von Francis Bacon, A Modern Utopia von H. G. Wells, Ecotopia von Ernest Callenbach und Island von Aldous Huxley.

Das Genre des utopischen Romans wird heute oft als Bereich der Science-Fiction aufgefasst.

Das Leben der Utopier

Der erste Teil des Werks hat eine Rahmenhandlung zum Inhalt, in der Thomas Morus eine ausführliche Kritik an den damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen Europas, insbesondere Englands, übte. Heftig prangerte er beispielsweise die Praxis der Todesstrafe an, die in England selbst Dieben drohte, so dass es für sie keinen Unterschied zwischen Stehlen und Morden gab. Im zweiten Teil schildert er die Organisation des zukünftigen Staates Utopia und die Lebensverhältnisse seiner Bewohner.

Die Utopier leben in Städten und bilden Familienverbände. Erwachsene gehen eine monogame Ehe ein. Es herrscht allgemein eine patriarchalische Hierarchie, und die Älteren bestimmen über die Jüngeren. Überfamiliär ist die Gemeinschaft klosterähnlich organisiert mit Gemeinschaftsküchen und gemeinsamen Speisungen. Ein jährlich gewählter Vorsteher („Phylarch“) hat die Aufsicht über einen Familienverband von 30 Familien. Privateigentum existiert nicht, jeder bekommt unentgeltlich diejenigen von der Gemeinschaft produzierten Güter für den persönlichen Bedarf zugeteilt, die er begehrt. Männer und Frauen arbeiten als Handwerker sechs Stunden am Tag. In welchem Handwerk ein Bürger ausgebildet wird, kann er selbst entscheiden. Es besteht Arbeitspflicht, und turnusgemäß werden die Utopier aufs Land verschickt, wo sie gemeinschaftlich Ackerbau betreiben. Für Kinder besteht Schulpflicht. Besonders Begabte erhalten eine wissenschaftliche oder künstlerische Ausbildung. Die wissenschaftlichen Vorlesungen sind öffentlich, sie zu besuchen ist die beliebteste Freizeitgestaltung der Utopier. Besonderen Wert legen die Bürger auf eine für jeden Kranken optimale Krankenversorgung. Männer und Frauen üben regelmäßig für den Kriegsdienst. Kriegsverbrecher und Straftäter, teils als Todeskandidaten aus dem Ausland gekauft, müssen Zwangsarbeit leisten. In der säkular organisierten Gemeinschaft herrscht religiöse Toleranz.

Der Staat ist eine Republik. Jede Stadt wird von einem Senat regiert, der sich aus Wahlbeamten auf Zeit zusammensetzt. Das jeweilige Stadtoberhaupt ist auf Lebenszeit gewählt; entwickelt es tyrannische Züge, so kann es abgesetzt werden.

Geldverkehr kennen die Utopier nicht. Sie sollen aber durch eine Überproduktion an Gütern vieles davon anhäufen und verwenden es, um Söldnerheere zu unterhalten oder Handel zu betreiben. Die Utopier selbst schätzen Gold nicht.

Städte dürfen nur eine bestimmte Größe erreichen. Überbevölkerung wird durch Migration bzw. Bildung einer Kolonie im Ausland ausgeglichen. Umgekehrt findet bei Einwohnermangel ein Rückfluss aus den Kolonien oder überbevölkerten Städten statt.

Abschaffung des Privateigentums

Nachhaltigste Wirkung hatte das Plädoyer des fiktiven Berichterstatters über Utopia für die Abschaffung des Privateigentums:

„Indessen … scheint mir – um es offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, dass es überall da, wo es Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben, es sei denn, man wäre der Ansicht, dass es dort gerecht zugehe, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird und auch diese nicht in jeder Beziehung gut gestellt sind, die übrigen jedoch ganz übel …

Wenn ich das, wie gesagt, bedenke, werde ich dem Platon besser gerecht und wundere mich weniger, dass er es verschmäht hat, solchen Leuten überhaupt noch Gesetze zu geben, die die gleichmäßige Verteilung aller Güter ablehnten.“

Veranstaltung vom 05.06.2018

Niccolò di Bernardo dei Machiavelli (* 3. Mai 1469 in Florenz; † 21. Juni 1527 ebenda) war ein florentinischer Philosoph, Politiker, Diplomat, Chronist, Schriftsteller und Dichter.

Vor allem aufgrund seines Werkes Il Principe (Der Fürst) gilt er als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit. Machiavelli ging es darum, Macht analytisch zu untersuchen, anstatt normativ vorzugehen und die Differenz zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist, festzustellen. Er orientierte sich in seiner Analyse an dem, was er für empirisch feststellbar hielt. Sein politisch-philosophisches Werk „Discorsi“ ist daneben in den Hintergrund getreten.

Herkunft, republikanische Prägung und Ablehnung der Medici

Niccolò Machiavelli entstammte einer angesehenen, jedoch verarmten Familie. Er wuchs zusammen mit drei Geschwistern im Florentiner Stadtviertel Santo Spirito südlich des Arno auf. Über seine Mutter ist nur bekannt, dass sie belesen war und kleinere Schriften verfasste. Der Vater arbeitete hauptsächlich als Anwalt, war aber im Beruf erfolglos und verarmte. Mit seinem geringen Gehalt unterhielt er eine kleine Bibliothek und ermöglichte seinem Sohn Niccolò eine umfassende humanistische Bildung. So lernte Machiavelli schon früh autodidaktisch die Werke antiker Klassiker kennen, unter anderen die Werke von Aristoteles, Boethius (eines neuplatonischen Gelehrten im Dienste des Ostgotenkönigs Theoderich um 500, des Hochverrats verdächtigt und hingerichtet), Cicero (De officiis) und Claudius Ptolemäus (2. Jh., Astronom, Philosoph aus Alexandria). Machiavelli wurde von Privatlehrern in den Sieben Freien Künsten unterwiesen und lernte schon sehr frühr Grammatik und Latein. Gegen die  Medici entwickelte er eine tiefe Abneigung. Er erkannte früh das Wesen der politischen Macht als „Ringen von Interessen und sozialen Schichten“.

Republikanischer Politiker und Florentiner Amtsträger

Nach der Verbrennung Girolamo Savonarolas als Ketzer begann  Machiavellis politische Karriere in Florenz. Man wählte den 29jährigen am 15. Juni 1498 unter vier Bewerbern zum Staatssekretär der Zweiten Kanzlei des Rats der „Dieci di pace e di libertà“ (Rat der Zehn, wörtlich: „Zehn von Frieden und Freiheit“) der Republik Florenz; er war bis 1512 für die Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Diese Wahl war überraschend, da Machiavelli gegen die starke Konkurrenz eines Professors für Beredsamkeit und zweier studierter Juristen zu bestehen hatte. Am 19. Juni bestätigte der Große Rat von Florenz seine Ernennung. Machiavelli wurde offenbar deshalb Zweiter Kanzler, weil er weder den vertriebenen Medici noch Savonarola nahestand. Im Mai 1500 wurde Niccolò Machiavelli durch den Tod seines Vaters Bernardo Oberhaupt seines Familienzweiges. Im Sommer 1501 heiratete er Marietta Corsini, wie damals üblich nach sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten. Mit ihr hatte er fünf Söhne und eine Tochter

Diplomatische Missionen für die Republik

Im Sommer 1499 setzte Florenz im Kampf um Pisa auf französische Hilfe, die aber auch keinen Erfolg brachte. Machiavelli wurde unter der Führung des Patriziers Francesco della Casa im Juli 1500 zum französischen Hof geschickt, um mit Ludwig XII. zu verhandeln. Machiavelli kam durch die Verhandlungen zum Schluss, dass man sich auf Ludwig XII. nicht verlassen konnte, da er „gierig, käuflich, verräterisch [und] opportunistisch“ sei.  Er lernte  aus dieser Reise, dass Menschen, je näher sie der Macht kamen, desto stärker von Ehrgeiz (avarizia) beherrscht würden, gerade wenn man alles erreicht hatte und nichts mehr zu gewinnen war.

Am 4. Juni begann Arezzo einen Aufstand gegen die Florentiner Herrschaft. Andere Orte folgten der Rebellion, in die Cesare Borgia wahrscheinlich verwickelt war. Um Näheres über ihn zu erfahren, schickte man Francesco Soderini, Bischof von Volterra, und Machiavelli am 22. Juni 1502 nach Urbino. Dort beschäftigte sich Machiavelli intensiv mit Cesare Borgia, dem Sohn des Papstes Alexander VI., der Machiavelli später zu seinem Hauptwerk „Der Fürst“ anregte. Nach gut drei Wochen trennte man sich ohne Vertragsabschluss. Nach der Rückkehr wurde Piero Soderini, der Bruder Francescos, zum Florentiner Staatsoberhaupt auf Lebenszeit gewählt.

Am 6. Oktober 1502 brach Machiavelli nach Imola auf, um dort in der Nacht auf dem 8. Oktober erstmals mit Cesare Borgia zu sprechen. Am 23. Oktober beurteilte er ihn in einem Brief nach Florenz: „… Was seinen Staat betrifft, den ich aus der Nähe zu studieren Gelegenheit hatte, so ist er ausschließlich auf Glück (fortuna) aufgebaut. Das heißt, seine Macht beruht auf der sicheren Meinung, dass ihn der König von Frankreich mit Truppen unterstützt und der Papst mit Geld.“

Am 31. Dezember lud Cesare Borgia seine Gegner unter dem Vorwand der Versöhnung nach Senigallia; alle kamen. Zwei ließ er sofort erwürgen, zwei behielt er als Geiseln und rief gleich darauf mitten in der Nacht Machiavelli zu sich, der sich vom „übermenschlichen Mut“ beeindruckt zeigte und dieses Geschehen später schriftstellerisch überhöht schilderte, wodurch es „Ewigkeitswert“ erhielt.

Am 18. August 1503 starb der Papst, der Vater Cesare Borgias; seine Macht schrumpfte, obwohl er weiterhin von Frankreich unterstützt wurde. Der neu gewählte Papst Pius III. starb knapp vier Wochen nach seiner Ernennung. Daraufhin wurde Machiavelli Ende September von der Signoria nach Rom zur Papstwahl geschickt, wo er mit allen Mächtigen seiner Zeit Gespräche führte.

Am 1. November 1503 wurde Julius II. zum Papst gewählt, weil er nach Machiavellis Ansicht den „Wählern das Blaue vom Himmel herunter versprochen [hatte], und zwar jedem das, was er am meisten wünschte“; Cesare Borgia wurden die Romagna mit der Festung Ostia und die Leitung der Truppen des Papstes versprochen. Mitte November wurde Cesare Borgia dort gefangen genommen und erpresst, wie Machiavelli „[m]it unüberhörbarem Behagen“ berichtete.

<Cesare Borgia:

Cesare Borgia (* 1475 oder 1476 in Rom oder Subiaco; † 12. März 1507 bei Viana, Spanien), 1. Herzog von Valentinois (als solcher il Valentino genannt) und der Romagna, Fürst von Andria und von Venafro, Graf von Diois, Herr von Piombino, Camerino und Urbino, Gonfaloniere und Feldhauptmann der Kirche, war ein italienischer Renaissancefürst, Feldherr, Kardinal und Erzbischof. Cesare Borgia war der uneheliche Sohn von Rodrigo Borgia, dem späteren Papst Alexander VI.

Cesare Borgia in Philosophie und Kunst des 19. Jahrhunderts

Vertreter eines amoralischen Ästhetizismus haben in Borgia oft den Repräsentanten eines Menschentyps gesehen, der es, obwohl kaltblütiger Machtmensch, zu ästhetischer Größe bringt. So schrieb Friedrich Nietzsche in seinem Buch Ecce homo, dass man sich den Übermenschen eher als Cesare Borgia denn als Parsifal vorstellen müsse.[70] In Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray wird er als eine der historischen Persönlichkeiten genannt, von deren Untaten Dorian Gray mit Begeisterung liest. Diese romantische Verklärung sieht von der historischen Realität weitgehend ab.

Heutige Betrachtung

Mögliches Porträt von Cesare Borgia von Dosso Dossi

Seinen Zeitgenossen galt Cesare Borgia vielfach als Tyrann, der für seine Skrupellosigkeit im Umgang mit seinen Gegnern berüchtigt war. So sollen auch sein Schwager, Alfonso von Aragon und Herzog von Bisceglie, am 18. August 1500 und die vier Condottiere Vitellozzo Vitelli, Oliverotto von Fermo und Paolo und Francesco Orsini, die sich im Herbst 1502 in La Magione am Trasimenischen See mit anderen Männern erfolglos gegen ihn verschworen hatten, im Januar 1503 in seinem Auftrag unter anderem von seinem Hauptmann Michelotto Corella ermordet worden sein. In seinem Traktat Der Fürst (Il Principe) thematisierte Niccolò Machiavelli die Alleinherrschaft Borgias und bezeichnete diese als vorbildhaft für die Regierung eines Fürsten, der seine machtpolitischen Ziele erreichen will. Er erläuterte, wie wenig zimperlich ein Herrscher vorgehen muss, wenn er Gebiete erobern und diese langfristig sichern will. Machiavellis emotionslose Beschreibungen von Cesares Taten brachten diesem den Ruf außerordentlicher Kaltherzigkeit und Skrupellosigkeit ein.

Das Bild, das die Nachwelt von dem Verhältnis zwischen Alexander und Cesare heute hat, wird aber im Wesentlichen von den Schilderungen Jacob Burckhardts geprägt:

„Als aber der Papst mit der Zeit unter die Herrschaft seines Sohnes geriet, nahmen die Mittel der Gewalt jenen völlig satanischen Charakter an, der notwendig auf die Zwecke zurückwirkt. Was im Kampf gegen die römischen Großen und gegen die romagnolischen Dynastien geschah, überstieg im Gebiet der Treulosigkeit und Grausamkeit sogar dasjenige Maß, an welches z. B. die Aragonesen von Neapel die Welt bereits gewöhnt hatten, und auch das Talent der Täuschung war größer. Vollends grauenhaft ist die Art und Weise, wie Cesare den Vater isoliert, indem er den Bruder, den Schwager und andere Verwandte und Höflinge ermordet, sobald ihm deren Gunst beim Papst oder ihre Stellung unbequem wird. Alexander mußte zu der Ermordung seines geliebtesten Sohnes, des Duca di Gandia, seine Einwilligung geben, weil er selber stündlich vor Cesare zitterte.“[71]

Borgias Ruf und Ansehen werden in der heutigen Geschichtsforschung differenziert betrachtet. Historische Dokumente legen nahe, dass sein schlechter Ruf teilweise auf Übertreibungen seiner Feinde beruht. Anhaltspunkte dafür finden sich in dem allgemein schlechten Ansehen, das die Borgia aufgrund ihrer spanischen Herkunft in den Augen der alteingesessenen italienischen Familien hatten. Man sah die Borgia als eine Art Mafia an, da sie sich in Ämter und Hierarchien einkauften und systematisch ihre eigenen Verwandten in wichtige Stellungen brachten (Nepotismus). Die gegen Cesare vorgebrachten Anschuldigungen der Günstlingswirtschaft, der sexuellen Ausschweifung und der Grausamkeit waren in der Renaissance typische Begleitformen jeder feudalen Herrschaft und nicht auf die Familie Borgia beschränkt.[72] Ein weiterer Grund für die Propaganda gegen Cesare Borgia waren wahrscheinlich auch die militärischen Erfolge Cesares, der sich mit Unterstützung seines päpstlichen Vaters anschickte, die Romagna, weitere Teile des Kirchenstaates sowie angrenzende Gebiete einzunehmen, und viele Fürsten um ihre Besitzungen fürchten ließ. Jedoch sind sich die Historiker einig, dass die Herrschaft Cesare Borgias in der Romagna auch einen positiven Einfluss hatte. Während seiner Regierung wurde die Romagna, die von Anomie geprägt war, geeint, die Verwaltung geordnet und ein Rechtssystem eingeführt, so dass Friede und Ergebenheit herrschte. Die Aktionen Cesares und die Politik seines Vaters in der Romagna wurden bereits von Machiavelli in den Discorsi als positiv bewertet und können als Basis für die spätere Entwicklung eines italienischen Nationalstaatsgedankens interpretiert werden:

„Die Romagna war, bevor Alexander VI. die kleinen Herrscher beseitigte, die dieses Land beherrschten, ein Muster für das lasterhafte Leben; beim geringsten Anlaß kam es zu den ärgsten Raub- und Mordtaten. Dies war eine Folge der Verdorbenheit der Machthaber, nicht eine Folge der verdorbenen Natur der Menschen, wie jene behaupteten.“[73]

Diese Hochachtung vor der Romagnapolitik der Borgia wurde auch von den Bewohnern der Romagna geteilt, indem sie ihm Treue hielten, als dieser schon entmachtet worden war. So hielt Forlì immer noch zu ihm, als er in Neapel gefangengenommen wurde, und wollte die Tore nicht für die Truppen von Julius II. öffnen. Unter Folter schließlich befahl Cesare seinem Stadtkommandanten Mirafuente die Kapitulation.[74] Das Wohlwollen der Bevölkerung von Faenza sicherte sich Cesare dadurch, dass er seine Männer, die wegen des Wintereinbruchs ein Lager aufschlagen mussten, vor der Plünderung zurückhielt und den Einwohnern keinen Schaden zukommen ließ.

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Machiavellis Militärreform: Bürgermiliz statt Söldnerheer

Der Kampf um das abtrünnige Pisa beschäftigte die Stadt Florenz weiter. Da Söldner nach Machiavellis Auffassung generell unzuverlässig und allein auf ihre eigenen Interessen bedacht seien, schuf Machiavelli ab 1506 ein Heer nach römischem Vorbild, in dem eine Anzahl florentinischer Bürger und Bauern dienen mussten. Machiavelli schrieb: „… ihr werdet es noch sehen, welchen Unterschied es ausmacht, Bürger-Soldaten nach Tüchtigkeitsauslese und nicht nach Korruption zu bekommen.“ Machiavelli wollte das Florentiner Gemeinwesen grundlegend umwandeln und statt Patronage Leistung und Verdienst zur Grundlage machen. Durch diese Reformen bekam Machiavelli ein neues Amt im Magistrat; er leitete ohne zusätzliches Gehalt die Militärbehörde. Ihm oblag die Kriegführung ebenso wie die Aufstellung, Ausbildung und Versorgung der neugegründeten Miliz, von der er sich den Aufstieg und das politische Überleben der Republik Florenz versprach. Die Aristokraten der Stadt waren über diese sonst allgemein anerkannte Bürgermiliz nicht erfreut.

Begegnung mit Papst Julius II. und Reise nach Deutschland

Von August bis November 1506 wurde „der Menschen-Erforscher“ Machiavelli zu Papst Julius II. nach Rom geschickt, um sich und der Stadt Florenz ein Bild vom Papst und seiner Ziele zu machen. Machiavelli beschrieb ihn wie folgt: „Wer sein Wesen gut kennt, weiß, dass er zur Heftigkeit und Überstürzung neigt und dass diese Überstürzung, Bologna zurückzuerobern, die am wenigsten gefährliche Überstürzung sein wird, zu der er neigen wird“; der Papst strebe also nichts anderes als die Vorrangstellung in Italien an.

Machiavelli wurde am 19. Juni 1507 zum Geschäftsträger der Republik beim römisch-deutschen Kaiser Maximilian I. gewählt, was wenige Tage darauf auf Druck von Aristokraten zurückgenommen wurde, da der Sohn eines verarmten Anwalts ihnen nicht standesgemäß schien. Stattdessen schickte man Francesco Vettori, der aber nicht die üblichen, geforderten Berichte an Piero Soderini lieferte. Machiavelli war über die Entscheidung bitter enttäuscht. Er fühlte sich betrogen und zurückgesetzt. Am 17. Dezember machte sich Machiavelli dann doch im Auftrag der Stadt nach Südtirol auf und traf am 11. Januar 1508 in Bozen beim Kaiser ein.

Aus der folgenden Zusammenarbeit mit Vettori entstand eine lebenslange Freundschaft. Machiavellis Aufgabe war es, dem Kaiser Florenz zu erklären; unlösbar für ihn, da Maximilian offenbar selbst nicht klar war, was er wollte. Machiavelli blieb bis zum Frühjahr beim Kaiser und verfasste darüber Berichte.

Die Eindrücke der Reise über die Schweiz nach Deutschland reflektierte er und kam zu dem Ergebnis, die Schweizer genössen „ohne jeden Unterschied des Ranges – mit Ausnahme derer, die als gewählte Amtsträger tätig sind – eine wirkliche freie Freiheit“, im Gegensatz zu Florenz, wo es seiner Meinung nach „eine unfreie Freiheit“ gab, die nicht nach persönlichem Verdienst, sondern nach Familie ging. Damit kehrte Machiavelli eine jahrhundertealte Werteordnung um. Die Schweizer und Deutschen seien nicht mehr Barbaren, sondern Vorbild für Italien.

Sieg von Machiavellis Bürgermiliz in Pisa

Im Februar und März 1509 führte Machiavelli seine Bauernmiliz nach Pisa, das am 8. Juni 1509 nach kurzem Kampf kapitulierte. Pisa wurde nach Ansicht Machiavellis für seinen langjährigen Widerstand nicht genügend bestraft, so dass es sich bei nächster Gelegenheit wieder erheben würde. Dennoch war der triumphale Sieg über Pisa der größte politische Erfolg Machiavellis, der ihm jedoch nur kurz gedankt wurde. Er selbst musste nach Verona, während Luigi Guicciardini, ein Patrizier, seinen deutlich prestigeträchtigeren Auftrag in Mantua übernahm, was Machiavelli als „unerträgliche Herabwürdigung“ betrachtete.

Mit Leonardo da Vinci arbeiteteMachiavelli in seiner Zeit in Florenz eng zusammen. Um Pisa zu besiegen, wurde erwogen, einen Kanal zu bauen, um den Arno umzuleiten und auf diese Weise Pisa vom Meer abzuschneiden. An diesem Kriegsprojekt war da Vinci als Naturforscher und Zeichner beteiligt. Er malte ein Bild über die Schlacht von Anghiari, und Machiavelli beschrieb diese Schlacht in den Florentiner Geschichten. Machiavelli lernte durch die Zusammenarbeit mit da Vinci, dass Erfahrungswissen (Empirie) eine sicherere Quelle ist als das bisher übliche Wissen der Humanisten. Machiavelli „kehrt als Grundlage seiner Schrift [Der Fürst] die Erfahrung hervor, die über die Dauer vieler Jahre zur kompetenten Wahrnehmung der Wirklichkeit geführt hat.“

Florenz geriet 1510 zwischen die Fronten im unerwarteten Konflikt zwischen Papst Julius II. und dem französischen König Ludwig XII. Machiavelli wurde daraufhin nach Lyon geschickt, wo er am 7. Juli 1510 eintraf. Traditionell hatte Florenz ein Bündnis mit dem französischen Hof, wollte es sich aber nicht mit dem Papst verscherzen. Der Kleinstaat war in einer schwierigen Position zwischen den Blöcken, die beide Unterstützung verlangten und beide ungleich stärker waren. Dieser Konflikt war nicht auflösbar, so dass Machiavelli bis zum September dort bleiben musste, ohne eine diplomatisch „klare Linie“ zu finden. So schickte er, was sehr ungewöhnlich war, seine Berichte ohne jegliche Kommentare nach Florenz. In ihnen schätzte er die kommende politische Weltmachtstellung des mit dem Papst verbundenen Spanien völlig falsch ein. Florenz entschied sich für Frankreich und gegen den Papst. „Die Macht der Tradition“ hatte hier in einer Krisenlage „auch in einem so unkonventionellen Geist“ gewirkt; er war zum „Gefangenen seiner eigenen Dogmen“ geworden: „Spanien zählte nicht, weil es sich von den ewig gültigen Vorbildern des alten Roms entfernt hatte.“

Diplomatische und militärische Totalniederlage von Florenz

Am 22. August 1512 wurde Machiavelli von seinen militärischen Missionen zurückgerufen. Die päpstliche Allianz wollte unter spanischer Führung gegen Florenz vorgehen. Der spanische Heerführer Raimondo de Cardona bot Florenz an, gegen Zahlung von 30.000 Florin abzuziehen. Florenz lehnte ab; als aber am 29. August Prato erobert und grausam geplündert worden war, sah sich die Stadt gezwungen, die Summe an Spanien zu entrichten, um nicht wie Prato zu enden.

Rückkehr der Medici, Sturz Machiavellis

Am 31. August wurde Soderini aus Florenz geführt; die Medici kehrten, vom spanischen Vizekönig geschützt, zurück. Kardinal Giovanni de’ Medici, sein Bruder Guiliano und sein Neffe Giulio übernahmen die Macht, verteilten Posten an ihre Gefolgschaft und entfernten diejenigen, denen sie misstrauten – darunter an prominenter Stelle Machiavelli. Er verlor seine Ämter (Jahresgehalt 200 Florin) am 7. November, ihm folgte Niccolò Michelozzi nach. Der Erste Kanzler, Marcello Virgilio Adriani, behielt dagegen wie die meisten Amtsträger sein Amt, bis er 1522 starb. Am 10. November 1512, verurteilte man Machiavelli dazu, 1000 Florin zu hinterlegen, die sein „künftiges Wohlverhalten“ sicherstellen sollten. Da er nicht genügend Kapital besaß, sprangen drei Freunde ein. Am 17. November wurde Machiavelli verboten, den Regierungspalast zu betreten, obwohl noch öffentliche Gelder in seinem Besitz waren und er diese dort abrechnen musste; dabei wurde kein Fehlbetrag gefunden, was belegt, dass Machiavelli den „Ruhmestitel“, „unbestechlich zu sein“, zu Recht führte.

Gefangenschaft und Folter

Die restituierte Herrschaft der Medici blieb nicht unbestritten. Verschwörer um Agostino Capponi und Pietropaola Boscoli konspirierten gegen die Medici und erstellten im Februar 1513 eine Liste, in der sie Gegner der Medici nannten; auf Platz sieben stand Machiavelli. Er war nicht zuhause, als die Staatspolizei ihn aufsuchte, stellte sich aber kurz darauf. Wie damals üblich, wurde Machiavelli bei den Verhören gefoltert und sechsmal ohne Ergebnis ,aufgehängt‘; Capponi und Boscoli richtete man am 23. Februar hin. Am 11. März 1513 wurde Giovanni de’ Medici zum Papst gewählt und nannte sich Leo X. Dies wurde in Florenz gefeiert und die Gefangenen amnestiert, so dass Machiavelli am 12. März wieder frei war.

Der Fall von Florenz als Bruch im Leben Machiavellis

Machiavelli war von der Niederlage der florentinischen Republik – mit der sein persönliches Scheitern verbunden war – tief getroffen. Er reflektierte den Fall der Republik Florenz in einem Brief, den er an eine anonyme Adlige richtete, und kritisierte seinen politischen Führer Soderini scharf. Nach Machiavelli war Piero Soderini „ein Gefangener seiner Illusionen“. Soderini habe „das Grundgesetz der Politik, dass der Zweck die Mittel heiligt, nicht nur verkannt, sondern in sein ängstliches Gegenteil verkehrt. Er wollte es zu vielen recht machen und hat darüber die erste Pflicht des Staatsmanns, den Staat um jeden Preis zu erhalten, vernachlässigt.“ Eigene politische Fehler sah und analysierte er dabei nicht.

Des Weiteren schrieb Machiavelli drei Sinngedichte zum Fall von Florenz. Eines ist Giovanni Battista Soderini, einem Neffen Piero Soderinis, gewidmet und handelt von der Glücksgöttin Fortuna. Machiavelli kommt in dem Gedicht zu dem Schluss, dass Fortuna „über ihre Feinde Schande und Elend ausbreiten“ kann, aber „die Gesetze der Politik kann sie nicht verändern.“ Denn: „Der perfekt geordnete Staat kann das launische Glück ausschalten.“ Das zweite Gedicht „Von der Gelegenheit“ ist Filippo de’ Nerli gewidmet: Wer virtù hat, nutzt die Gelegenheit (occasione), ohne Reue zu zeigen. Das dritte Gedicht „Über die Undankbarkeit“, gewidmet Giovanni Folchi, hat auch einen persönlichen Bezug: „Durch dieses Gedicht will ich aus dem Herzen reißen oder zumindest mildern den Schmerz über das Unglück, der in mir tobt und wütet“

Machiavelli, der Reformer, erntet seiner Meinung nach nur Undank durch Neid und Missgunst seiner Florentiner Mitbürger.

Leben in Armut

In den folgenden Jahren wohnte Machiavelli mit seiner Frau und den mittlerweile sechs Kindern auf seinem kleinen Landgut 15 Kilometer südwestlich von Florenz. Machiavelli ertrug es nicht mehr, tatenlos in Florenz zu leben, da er bei den Medici nicht mehr gefragt war. Innerhalb eines halben Jahres nach seiner Folter schrieb er sein berühmtestes Werk „Il Principe“ 1513. Der ursprüngliche Titel hieß De principatibus (Von den Fürstentümern) und „ist ein sprachliches Täuschungsmanöver, das die Humanisten lächerlich machen soll.“ Die Kapitelüberschriften sind lateinisch verfasst, der Text aber in der toskanischen Volkssprache, dem heutigen Italienisch.

Streben nach politischer Rehabilitierung und der Rückkehr in politische Ämter

Machiavelli versuchte in der Zeit seiner allmählich gelockerten Verbannung, durch politische Dienste und Schriften in Ämter und Würden zurückzukehren. Dieses Bestreben bestimmte den Rest seines Lebens.

Reisen, Verfassungsanalysen und Denkschriften Machiavellis

Machiavelli unternahm einige Geschäftsreisen (1516 Livorno, 1518 Genua, 1519 und 1520 Lucca). In dem Memorandum „Über die Angelegenheiten von Lucca“ schrieb er, dass die Verfassung für Florenz „vorbildlich sein sollte“, da die Mitglieder der Stadtregierung nicht über zu viel persönliche Macht verfügten und der Große Rat kontrolliert wurde. Schon in der Discorsi schrieb Machiavelli, dass „die republikanischen Grundwerte … bei der breiten Masse besser geschützt“ würden als bei den einflussreichen Familien.

Lorenzo de’ Medici, Herzog von Urbino

Nach dem frühen Tod Lorenzo de’ Medicis am 4. Mai 1519 veranstaltete der Kardinal Giulio de’ Medici (später Papst Clemens VII.) „ein regelrechtes Brainstorming“ über die Zukunft der Stadt Florenz. Machiavelli beteiligte sich mit der Denkschrift „Abhandlung über die florentinischen Angelegenheiten“ nach dem Tod Lorenzo de’ Medicis. Machiavelli empfahl dem Kardinal, nach einer Analyse der Geschichte der Stadt, dass die Medici zunächst an der Macht bleiben sollten, es solle aber „einen engen Rat der 65, einen mittleren Rat der 100 und einen großen Rat der 1000“ geben: Ersterem solle die Exekutive obliegen, dem dritten die Legislative und dem mittleren eine Scharnierfunktion. Nach dem Ableben der Medici solle alle Macht an die Räte gehen. Machiavelli war sich sicher, dass die verbliebenen Medici nicht mehr lange leben würden, da 1520 nur zwei zehnjährige illegitime Kinder, Alessandro de’ Medici und Ippolito de’ Medici, für die nächste Generation der Medici zur Verfügung standen.

In dieser bahnbrechenden Schrift zog Machiavelli den praktischen Nutzen aus seiner Schrift über die Fürstentümer. Für eine derartige, revolutionär wirkende Offenheit gab es nicht nur kein Vorbild, Machiavellis Menschenbild der ambizione und der avarizia sprach selbst dagegen, dass die Medici freiwillig mit Blick auf ihr zu erwartendes Ableben präventiv auf die Macht verzichteten. Auch das von ihm verfasste „Gesetz der Geschichte“ sprach dagegen. In seiner Rolle als „Außenseiter […] quer zu den Mächtigen und außerhalb aller einflussreichen Zirkel“ hatte Machiavelli nichts mehr zu verlieren; tiefer als im Jahr 1519 konnte Machiavelli nicht mehr fallen. Zu gewinnen hatte er durch solche schonungslosen Betrachtungen aber auch nichts. Die beiden Medici setzten nichts von Machiavellis Vorschlägen um und förderten auch keinen Neuanfang seiner Karriere.

Im Mai 1521 wurde Machiavelli vom Amt für öffentliche Angelegenheiten in Florenz nach Carpi (bei Modena) geschickt, um einen Fastenprediger auszusuchen. Die Mission war erfolglos, aber Machiavelli berichtete in zynischen Briefen von seiner Reise. Dadurch verlor er Reputation bei den Regierenden und den eigenen Glauben an die Wirksamkeit seines Rates.

Krise und Behauptung der Medici

Am 1. Dezember 1521 starb Leo X. mit 46 Jahren. Wie von Machiavelli erwartet und mit wenig Feingefühl veröffentlicht, blieb den Medici neben den beiden jungen unehelichen Söhnen nur noch der Kardinal Giulio de’ Medici, der nun erneut aufrief, Ideen zu sammeln, wie es mit Florenz weitergehen solle. Machiavelli nahm auch diesmal kein Blatt vor den Mund und forderte „eine Republik zu schaffen, die sich auf den gemeinsamen Nutzen aller Bürger gründete:“

„Kein Gesetz ist vor Gott und den Menschen lobenswerter als die Ordnung, die eine wahre, einige und heilige Republik begründet, in der man frei beratschlagt, klug diskutiert und das Beschlossene getreulich ausführt.“

Widerwilliges Arrangement mit der Herrschaft der Medici

Machiavelli blieb wenig übrig als sich mit der Präsenz der Medici zu arrangieren. Im Auftrag Kardinal Giulio de’ Medicis schrieb Machiavelli die Geschichte von Florenz (Istorie Fiorentine) und erhielt dafür 100 Florin. In dem Werk beschrieb er die Medici positiv, äußerte aber unterschwellige Kritik: Im März 1525 war die Istorie Fiorentine bis zum Jahr 1492 fertig. Weiter wagte Machiavelli nicht zu schreiben und fürchtete, beim jetzigen Papst vollends in Ungnade zu fallen, wenn er seine Sicht unverschlüsselt schreibe. So wählte Machiavelli einen Mittelweg. Er lobte scheinbar Cosimo de’ Medici (1389–1464) und stellte ihn als perfekten Fürsten dar, aber er stellt ihn auch als Paten von Florenz dar, da dank seines Geldes alle von ihm abhängig waren. Cosimo befriedete Florenz, lähmte aber gleichzeitig den Ehrgeiz. Dadurch erstickte er den Antrieb bei den Bürgern, selbstständig zu sein. Außerdem stiegen die Anhänger der Medici in Florenz auf und nicht die Besten, was die Medici, nicht aber den Florentiner Staat stärkte.

Machiavelli schrieb dieses Geschichtswerk inhaltlich im Gegensatz zu den bisher üblichen – moralisch wertenden – Werken, da er die eigentlichen, pessimistisch eingeschätzten Triebkräfte menschlichen Handelns in der Geschichte beschrieb. Es ging Machiavelli darum, „hinter die Fassaden der Propaganda zu blicken und die Kräfte aufzuzeigen, die ungerechte Sozial- und Staatsordnungen zusammen hielten: Täuschung und Gewalt auf der Seite der Mächtigen, Angst und Aberglaube bei den Unterdrückten.“

So berichtet Machiavelli in der Istorie Fiorentine vom Aufstand der rechtlosen Wollarbeiter (Ciompi-Aufstand) 1378. Ihre Forderungen waren nach Machiavelli unter anderem, eine eigene Zunft zu bekommen und einen Anteil an den Ämtern in Florenz. Der Aufstand scheiterte nach Machiavelli deshalb, weil die Solidarität der Wollarbeiter nicht groß genug war und sie den Aufstand aus Furcht vor Strafe nicht bis zum Ende durchzogen, also nicht ausreichend Entschiedenheit bewiesen. Machiavellis Auffassung nach hätten die Wollarbeiter „dafür sorgen [müssen], dass [sie] für das, was [sie] in den letzten Tagen getan haben, nicht bestraft werden können. […] denn wo viele die Gesetze übertreten, wird niemand belangt.“ Machiavelli hielt damit den passiven Florentinern den Spiegel vor: „Alle Macht ist Raub und all ihre Rechtfertigung pure Ideologie.“

Machiavelli übergab das Werk im Mai 1525 dem Papst Clemens VII. Er gab Machiavelli dafür 120 Golddukaten aus seinem persönlichen Vermögen. Am 11. oder 12. Juni verließ er Rom und erreichte Faenza am 21. Juni. Im Auftrag des Papstes sollte Machiavelli mit Francesco Guicciardini über das Verhalten der Italiener gegenüber Karl V. sprechen. Machiavellis Idee, die Romagna militärisch aufzurüsten, wurde aber von Guicciardini und dem Papst abgelehnt, so dass Machiavelli am 26. Juli nach Florenz abreiste. Während dieser Zeit schloss er Freundschaft mit Guicciardini.

Der Sturz der Medici und die gescheiterte Rückkehr Machiavellis

Florenz verhielt sich wieder passiv, statt, wie Machiavelli, der keine kaiserliche und deutsche Präsenz in Italien wollte und lieber die Medici ertrug, es vorschlug, die Entscheidungsschlacht zu suchen. Die Uneinigkeit der Italiener begünstigte die Eindringlinge. Das kaiserliche Heer überquerte den Apennin, aber Florenz wurde nicht erobert und geplündert, sondern am 6. Mai 1527 Rom (Sacco di Roma). Der Papst flüchtete erst in die Engelsburg und einem Gerücht zufolge danach nach Civitavecchia. Dorthin wurde Machiavelli geschickt, um die Flucht des Papstes mit dem Schiff zu organisieren; am 22. Mai 1527 schickte er von dort einen Brief an Guicciardini, der Machiavellis letzte bekannte Schrift ist.

Nach dem Fall Roms endete auch die Zeit der Medici in Florenz. Nach einer erfolgreichen Rebellion gegen die „verhassten Medici“ wurde die Republik ausgerufen und die frühere Verfassung am 16. Mai 1527 wieder in Kraft gesetzt. Daraufhin bewarb sich Machiavelli um eine Sekretärsstelle, erhielt aber wegen seiner scheinbaren Nähe zu den Medicis auf der Sitzung des Großen Rates am 10. Juni 1527 nur 12 gegen 555 Stimmen. Stattdessen wurde Francesco Tarugi zum Zweiten Kanzler gewählt. Elf Tage darauf, am 21. Juni 1527, starb Machiavelli an einem Magenleiden.

Grab Niccolò Machiavellis in der Kirche Santa Croce

Sein Grabmal befindet sich in der Kirche Santa Croce in Florenz. Ein britischer Bewunderer ließ 300 Jahre nach dem Tod folgende Inschrift anbringen: TANTO NOMINI NULLUM PAR ELOGIUM – ,Solchem Namen ist kein Lobesspruch ebenbürtig‘, darunter Name und Sterbedatum: OBIT AN. A. P. V. M D X X V I I – OBIIT Anno A Partu Virginis MDXXVII – starb im Jahre nach der jungfräulichen Geburt 1527.

Veranstaltung vom 06.06.2018

Florenz und Pisa

Florenz war nun eine durch und durch demokratische und kaufmännische Republik und seine ganze Politik wurde hauptsächlich von kommerziellen Gesichtspunkten dominiert: Seine Rivalität mit Pisa hatte seine Wurzeln im Ehrgeiz, sicheren Zugang zum Meer zu erhalten, sein starker Guelfismus war das Ergebnis seiner Entschlossenheit, die Bankgeschäfte des Papsttums zu sichern und sein Bestreben, das Territorium innerhalb der Toskana auszuweiten, eine Folge der Notwendigkeit die Handelsrouten des Landes offen zu halten. Die Florentiner Demokratie war jedoch durch die Stadtmauern beschränkt, denn niemand aus dem Contado und keiner der Bürger der unterworfenen Städte genoss politische Rechte, die den Einwohnern von Florenz und mitnichten allen von ihnen vorbehalten waren.

1397 bis 1392 hatte Florenz zwei weitere Kriege gegen Gian Galeazzo Visconti gewonnen, der sich nach der Eroberung der Toskana strebend die Herrschaft über Pisa, Siena und Perugia angeeignet hatte. Nachdem Hawkwood tot war, erwarb sich Florenz Hilfe von Kaiser Rupert. Die Kaisertruppen wurden geschlagen; aber gerade als die Mailänder auf Florenz marschieren wollten, starb Visconti. Seine Territorien wurden dann zwischen seinen Söhnen und seinen Condollieri aufgeteilt. Pisa wurde inzwischen von Giovanni Maria Visconti regiert, und Florenz ging in Hinblick darauf ein Bündnis mit Papst Bonifatius IX. ein, der Perugia und Bologna wiedergewinnen wollte. Erneut brach Krieg aus, und das Bündnis war erfolgreich, aber sobald Bonifatius IX. seine Ziele erreicht hatte, schloss er Frieden und ließ die Florentiner unzufrieden zurück. Ihr Versuch, Pisa alleine zu erobern, scheiterte, und Gabriele Maria stellte sich unter den Schutz des französischen Königs. Die Florentiner machten daraufhin Anträge an Frankreich, das die Gegenpäpste durch das große Schisma hindurch unterstützt hatte, und boten an, dass sie den damaligen Gegenpapst Benedikt XIII. im Gegenzug für einen Verkauf Pisas unterstützen würden. Darauf einigte man sich, und 1405 wurde die Stadt für 260.000 Florin an Florenz verkauft. Gino Capponi, der Florentiner Bevollmächtigte, nahm die Zitadelle in Besitz, aber einige Tage später erhoben sich die Bürger mit Waffen und eroberten sie von den Söldnern zurück. Im nächsten Jahr wurde die inzwischen von Giovanni Gambacorti regierte Stadt von den Florentinern belagert, die die Mündung des Arno blockierten. Nach sechs Monaten Belagerung kapitulierte Pisa (9. Oktober 1406), und obwohl es nicht geplündert wurde, wurden viele der Bürger verbannt und andere dazu gezwungen, in Florenz zu leben. Von dieser Entvölkerung sollte es sich nicht wieder erholen. Florenz besaß nun einen großen Seehafen und war endlich in der Lage, direkt Seehandel zu betreiben.

Vertreibung der Medici

Ihm folgte sein Sohn Piero nach, der keine der Qualitäten seines Vaters hatte und eine Reihe politischer Fehler machte. Als Karl VIII. von Frankreich nach Italien kam, um Neapel zu erobern, entschied Piero Neapel zu unterstützen, obwohl die traditionellen Sympathien des Volks auf der Seite des französischen Königs waren. Und als Karl auf Florentiner Territorium eintraf und Sarzana besetzte, ging Piero in sein Lager und bat ihn um Entschuldigung. Der König verlangte die Abtretung Pisas, Livornos und anderer Städte, was Piero gestattete. Bei seiner Rückkehr nach Florenz am 8. November 1494 fand er die Opposition gestärkt und seine Popularität gesunken, insbesondere als die Nachricht von den skandalösen Abtretungen an Karl bekannt wurde. Ihm wurde der Zugang zum Palast verwehrt, und das Volk begann Popolo e libertà entgegen den Medici-Ruf Palle palle (nach den Kugeln auf dem Medici-Wappen) zu rufen. Mit einer kleinen Eskorte floh er aus der Stadt, kurz darauf auch sein Bruder Giovanni. Am selben Tag erhob sich Pisa gegen die Florentiner und wurde von Karl besetzt.

Pisa und Livorno

Der 23.000 Hektar große Naturpark, zu dem neben San Rossore auch Migliarino und die Sumpfgebiete von Massaciuccoli gehören, zieht sich die Küste entlang nach Süden bis Livorno. Das einstige Fischerdorf um den Turm der Gräfin Matilde von Canossa ist das toskanische Tor zum Mittelmeer. Die Medici, Großherzöge der Toskana, bauten Livorno zum neuen Hafen des florentinischen Staates aus, weil der Hafen von Pisa versandete, und schufen eine fünfeckige Idealstadt. Das Denkmal des Gründers Fernando I. di Medici mit vier angeketteten Maurensklaven zu seinen Füßen erinnert daran.

Der Zufluss des Meerwassers in die Stadt erfolgt über die alten Gräben und Kanäle des Viertels “Venezia Nuova”, das im Stil der berühmten Lagunenstadt erbaut wurde und zwischen den Bastionen der alten und neuen Festung liegt. Ein “Stadtbummel” auf dem Medicikanäle genannten dichten Geflecht aus befahrbaren Wasserstraßen führt auch unter Livornos Hauptplatz von fast 300 Meter Länge hindurch und an einer Kirche vorbei, die jetzt als Gefängnis dient. Recht abenteuerlich gestaltet sich zum Abschluss der Einstieg in die Lagerkeller der Markthalle auf Wasserniveau, wo früher die Waren angeliefert wurden.

Literarisches Vermächtnis

Machiavellis politisches Vermächtnis findet sich in seinen vier Hauptwerken. Dazu gehören neben seinem bekanntesten Buch Il Principe (Der Fürst) von 1513, das erstmals 1532 posthum erschien, die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius), die er von 1513 bis 1517 schrieb und die 1532 veröffentlicht wurden, sowie seine 1521 verfasste Istorie fiorentine (Geschichte von Florenz) und sein im selben Jahr entstandenes Werk Dell’Arte della guerra (Von der Kriegskunst).

Es gibt große Widersprüche zwischen den einzelnen Schriften Machiavellis. So handeln die Discorsi eher vom Aufbau und den Vorteilen einer republikanischen Verfassung, während Il Principe sich mit Alleinherrschaft und den damit verbundenen machtpolitischen Überlegungen beschäftigt. Diese Widersprüche lassen sich jedoch auflösen, wenn man alle seine Werke betrachtet; so schreibt ein Biograph: „Das Mißverständnis, dem er von Beginn an ausgesetzt ist, resultiert aus seiner Reduzierung auf den Politiker und auf den Autor des «Principe»; erforderlich aber ist der Blick auf sein Gesamtwerk und die Einsicht in den untrennbaren Zusammenhang aller seiner Teile zum Verständnis jedes einzelnen.“

Machiavelli als politischer Philosoph

Machiavelli widmete sich nach seinem Sturz einer umfassenderen schriftstellerischen Tätigkeit und dem Ziel einer politischen Rehabilitierung. In dieser Zeit entstanden seine beiden Hauptwerke Il Principe, welches er unmittelbar nach seinen schweren Folterungen mit „verkrüppelten Händen“ niederschrieb, und die Discorsi. Gedruckt wurden beide Bücher 1531 und 1532.

Il Principe – Der Fürst als Herrscher

<Fürstenspiegel:

Im Spätmittelalter entstanden in Skandinavien, England, Spanien und Frankreich zahlreiche nationale, auf das eigene Königreich bezogene Spiegel. Im Reich setzten die Spiegeltexte für Regenten der Territorialherrschaften ein (unter anderem Philipp von Leyden ab 1355 mit seinem stark staatsrechtlich geprägten Werk De cura reipublicae et sorte principantis).

Der Renaissance-Humanismus brachte neue Spiegel hervor. Mit der Akzentuierung des Pädagogischen, der Geschichte und der Antike wies Petrarca (1383) die Richtung. Die Spiegel kamen wieder in Verbindung zur (habsburgischen) Monarchie des Reiches. Bekannte Beispiele aus der Feder des Enea Silvio Piccolomini sind sein Traktat für Herzog Sigmund (1443) und „De liberorum educatione“ (der sog. „Ladislaustraktat“) (1450). Der elsässische Humanist Jakob Wimpfeling schrieb drei Traktate: „Philippica“ für den späteren Fürstbischof Philipp von der Pfalz (1498) und „Agatharchia“ für seinen Bruder Pfalzgraf Ludwig V. (1498) und „Carmen heroicum hecatosticon“ für Herzog Eberhard im Bart (1495).

Erasmus von Rotterdam bot hier mit seiner 1516 publizierten Institutio principis christiani die Klassisches und Christliches verbindende Klimax. Zur gleichen Zeit schuf Niccolò Machiavelli mit seinem Werk Il principe (1513, erschienen 1532) das Gegenbild zum christlich-naturrechtlichen Ideal des Herrschers. Er rief große Gegenschriften sowohl reformatorischer als auch gegenreformatorischer Autoren hervor (Innocent Gentillet 1576 oder Pedro de Ribadeneira 1595). War mit Machiavelli die Idee der Staatsräson beherrschend geworden, so war diese in den konfessionell bestimmten zahlreich vorhandenen Texten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts im Reich zunächst noch kaum vertreten. Reinhard Lorich (1537) und Jakob Omphal (1550) verbanden traditionelle Herrschertugend mit neuer juristischer Verwaltungslehre. Melchior von Ossa (Politisches Testament 1555/1556), Georg Engelhard von Löhneysen (Aulico-politica 1622/1624) und Veit Ludwig von Seckendorff (Teutscher Fürstenstaat 1656) formen diese Perspektive aus.

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Machiavellis Buch Il Principe (Der Fürst) steht nur stilistisch in der langen Tradition der Fürstenspiegel, inhaltlich waren diese für ihn „hohles Geschwätz“, geprägt von „Wunschdenken“. Er bricht mit der Tradition normativer Fürstenspiegel bereits damit, dass sein Fürst kein Erbfürst ist, sondern sich den Thron im politischen Spiel selbst errungen hat.

Machiavelli formuliert in diesem Werk als erster überhaupt die Grundsätze der Staatsräson, dass nämlich ein Herrscher, um die elementaren Notwendigkeiten des Staates zu erfüllen, „die Gesetze der traditionellen Moral verletzen“ können müsse, sonst gehe er mit dem Staat zusammen unter. Für einen Herrscher sei es demnach gleichgültig, ob er als gut oder als böse gilt, wichtig sei nur der Erfolg, der voraussetzt, vom Volk nicht gehasst zu werden und folgende drei Gebote zu beachten: „Du sollst dich nicht an den Gütern deiner Untertanen gütlich tun; du sollst dich nicht an ihren Frauen vergreifen; du sollst nicht einfach aus Spaß töten.“

Zudem verlange erfolgreiche Politik außerdem „die Kunst, den richtigen Schein zu erzeugen.“ Machiavelli schreibt im Fürstenbuch:

„Die Menschen urteilen im Allgemeinen nach dem Augenschein, nicht mit den Händen. Sehen nämlich kann jeder, verstehen können wenige. Jeder sieht, wie du dich gibst, wenige wissen, wie du bist. Und diese wenigen wagen es nicht, sich der Meinung der vielen entgegen zu stellen. Denn diese haben die Majestät des Staates zur Verteidigung ihres Standpunkts.“

Der Fürst muss die traditionelle Moral vorgeblich wahren können, aber er darf auch – im Interesse der Staatsräson – vor Gewalt und Terror nicht zurückschrecken.

Machiavelli untersucht verschiedene erfolgreiche Fürsten der Geschichte. Francesco I. Sforza kommt in seinem Urteil dem Ideal recht nahe, aber nur Cesare Borgia könnte ein perfekter Fürst sein, weil er den Mut hatte, seine Feinde in Senigalla zu ermorden, und weil er seine Macht in den eroberten Gebieten geschickt erhielt. Er beging jedoch einen Fehler, als er, nachdem sein Vater gestorben war, dem neuen Papst vertraute, der ihn schließlich jedoch entmachtete. Borgia also „wurde gewogen und zu leicht befunden.“ Einen perfekten Fürsten kennt die Geschichte in Machiavellis Augen also nicht, er verspricht jedoch, dass die Anleitung des Principe es ermögliche, zum perfekten Fürsten zu werden. Machiavelli widmete das Buch Lorenzo di Piero de’ Medici. In der Schlusspassage gab Machiavelli Lorenzo die Aufgabe, Italien von den Barbaren zu befreien und zu einen. Deshalb verehrte man Machiavelli im 19. Jahrhundert als Ahnherren der italienischen Nationalbewegung; Machiavelli hatte allerdings nur „eine gemeinsame Abwehrfront“ gegen Eingriffe von außen bilden wollen.

Das Werk stellt einen Bruch mit der politischen, philosophischen und theologischen Tradition dar. Die Macht wurde von der traditionellen Moral freigesprochen. Das Buch löste zwei „Schockwellen“ aus, die eine dadurch, „dass der Politik die Maske der Wohlanständigkeit heruntergerissen und Herrschaft als Inszenierung der Propaganda entlarvt wurde“, die zweite, indem „diese bestürzenden Fakten beschrieben, analysiert und ohne jeden Aufruhr zur ethischen Besinnung akzeptiert wurden.“ Den ersten bekannten Kommentar zu diesem Werk machte Francesco Vettori in einem Brief vom 18. Januar 1514.

„Il Principe“ wurde Lorenzo di Piero de’ Medici gewidmet, nachdem der Autor das Werk zuerst Giuliano di Lorenzo de’ Medici hatte widmen wollen. „Diese Widmungen Machiavellis enthalten ungeachtet des Themas klare und scharfe, mit den Mitteln humanistischer Rhetorik ausgestaltete Kritik an den Medici des Cinquecento“, für die er nur Verachtung übrig hat. Als der wichtigste Berater Lorenzos, Francesco Vettori, diesen auf das Werk hinwies, zeigte Lorenzo kein Interesse daran.

In seinem berühmtesten Werk beschreibt Machiavelli, wie ein Herrscher politische Macht gewinnen und bewahren kann, wobei das politische Ziel die Errichtung einer Republik sein sollte. Das Werk wird oft als Verteidigung des Despotismus und der Tyrannei solcher machtbewussten Herrscher wie Cesare Borgia verstanden, aber Borgia ist „nicht der «principe» Machiavellis“. Borgia ist gefährlich, „aber Gefährlichkeit macht keinen principe.“ Borgia ist unglaubwürdig, aber nach Machiavelli muss ein Fürst glaubwürdig sein. „Was er [Borgia] verkörpert, ist die furcht- und schreckenserregende Darstellung von Macht, die sich im Ausnutzen des Augenblicks, im virtuosen Vabanque, d. h. riskantes Unterfangen, zeigt und bis zum nächsten Mord reicht.“ In Machiavellis „Herrschernovelle «Castruccio Castracani» [entwirft …] er seinen Modellfürsten, den «principe nuovo»“ (Neuer Fürst), aber „«Il Principe» kennt keinen realen Akteur, der den Fürsten verkörpert. Als Typus ist er [der neue Fürst] ein humanistisches Konstrukt, zusammengesetzt aus Mythos, Geschichte und Gegenwart, und als Projektion derealisiert.“ Das heißt, Machiavelli konstruiert einen Idealfürsten, der aber von keiner lebenden Person je erreicht werden kann.  Machiavelli bricht in dem Fürstenbuch mit zwei Traditionen. Ein guter Fürst sollte nach den alten Traditionen nicht wild und brutal wie ein Löwe sein und nicht so listig und täuschend wie ein Fuchs, sondern er sollte tugendhaft herrschen. Machiavelli lehrt genau das Gegenteil:

„Und weil denn ein Fürst imstande sein soll, die Bestie zu spielen, so muss er von diesen den Fuchs und den Löwen annehmen; denn der Löwe entgeht den Schlingen nicht, und der Fuchs kann dem Wolf nicht entgehen. Er muß also ein Fuchs sein, um die Schlingen zu kennen, und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken.“

Als zweites bricht Machiavelli mit der Tradition, dass ein Fürst generös sein muss, indem er Freunde beschenkt und auch selber im Luxus zu leben hat. Ein Fürst, der dies befolgt, schmeichelt aber nur ein paar Mitläufern und ruiniert mit dem Luxusleben sein Fürstentum.

Inhalt

XVIII. Kapitel: Inwieweit Herrscher ihr Wort halten sollen

Des Weiteren betont Machiavelli, dass in Bezug auf moralisches Verhalten, in erster Linie der Schein von Belang ist. So erklärt er den Wortbruch des Fürsten für fast unausweichlich, will dieser denn Erfolg haben. Und da Machiavelli im Erfolg das wichtigste Ziel des Fürsten sieht, stuft er die Lüge als legitimes Mittel ein, um diesen Zweck zu verwirklichen. Allerdings weist er darauf hin, dass dies im Verdeckten stattfinden müsse. Dann nämlich könne höchstens eine Minderheit die wahre Natur des Fürsten erkennen, während die breite Masse weiterhin an die Aufrichtigkeit seines Herrschers glaube. Und da der Machterhalt des Fürsten im Wesentlichen von dieser Mehrheit der Bevölkerung abhänge, kommt Machiavelli zu dem Ergebnis, dass der Fürst durchaus wortbrüchig werden dürfe, solange dies unbemerkt geschehe, weil er auf diese Weise seine Erfolge zu mehren vermag ohne seine Herrschaft dabei in Gefahr zu bringen.

XXV. Kapitel: Was Fortuna in den Dingen dieser Welt vermag und wie man ihr begegnen soll

In diesem Kapitel erkennt Machiavelli zwar an, dass manche Dinge auf Erden alleine vom Zufall oder einer höheren Macht bestimmt würden. Er meint aber auch, dass in etwa der Hälfte aller Fälle der Fürst in der Lage sei, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Dazu sei es allerdings nötig, klug zu planen und ausreichend Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen, um sich gegen die verschiedensten Unwägbarkeiten und Schicksalsschläge des Lebens zu wappnen. Ebenso wichtig wie umsichtige Prävention, sei es aber, dass der Fürst in den entscheidenden Momenten energisch und zupackend handle. Denn, so beschreibt es der Autor zu Abschluss des Kapitels metaphorisch: „… Fortuna ist ein Weib; um es unterzukriegen muss man es schlagen und stoßen.“

XXVI. Kapitel: Aufruf, in Italien die Macht zu ergreifen und es von den Barbaren zu befreien

Letztlich haben fast alle Ratschläge Machiavellis mit dem Schluss-Kapitel zu tun, in welchem er wie Otfried Höffe meint, Lorenzo di Piero de’ Medici dazu auffordert „sich Italiens zu bemächtigen und es von den Barbaren zu befreien.“ Um Lorenzo von seinem Projekt zu überzeugen, beschreibt ihm Machiavelli welch großen Ruhm ein Erfolg in diesem Unterfangen mit sich brächte. Darüber hinaus berge das italienische Volk enormes Potential in sich, und bedürfe lediglich eines starken Führers um dieses voll ausschöpfen zu können. Und so ruft Machiavelli Lorenzo dazu auf, dem Beispiel vergangener Herrscher wie Theseus oder Moses zu folgen, indem er sein Volk aus der Knechtschaft befreie und es in eine glorreiche Zukunft führe.

Kernbegriffe

Im Fürsten skizziert Machiavelli bereits einige Konzepte, die er in den Discorsi noch genauer erläutert, und ohne die sein Denken schwer zu begreifen ist. Diese Konzepte sind häufig sehr facettenreich, was eine einheitliche Übersetzung ins Deutsche schwierig macht, und erklärt, dass auch hierzulande in den Besprechungen des Werks häufig auf die italienischen Termini zurückgegriffen wird.

Zu diesen Konzepten zählen unter anderen:

Die Fortuna

Die Fortuna ist eine althergebrachte Figur, die Machiavelli im Fürsten aufgreift. Sie wurde bereits in der Antike als „Göttin der Kontingenz“ verehrt; später im Mittelalter wandelte sich das Verständnis der Fortuna, die fortan als „Schaffnerin der göttlichen Vorhersehung“ galt. Diese wechselhafte Geschichte des Begriffs erklärt die Schwierigkeiten der deutschen Übersetzer, die „fortuna“ abwechselnd mit „Glück“ oder „Schicksal“ wiedergeben.

Zusätzlich dazu wohnt der Fortuna im Fürsten eine fundamentale Ambiguität inne, da sie den Herrscher sowohl an der Macht halten (XII.Kapitel), als ihn auch zu Fall bringen kann (VII.Kapitel).

Allgemein sieht Machiavelli in der Fortuna aber vornehmlich eine Gefahr für den Fürsten, wie es das XXV. Kapitel zeigt. Dort macht er dem Fürsten aber auch Mut, wenn er versichert:

„Doch da wir einen freien Willen haben, halte ich es nichtsdestoweniger für möglich, daß Fortuna zur Hälfte Herrin über unsere Taten ist, daß sie aber die andere Hälfte oder beinahe so viel uns selber überlässt.“  – Niccolò Machiavelli.

Dazu empfiehlt Machiavelli dem Fürsten sich vorausschauend gegen die Unwägbarkeiten des Schicksals abzusichern und im Zweifel durch energisches und tatkräftiges Handeln den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen.

Die Virtù

Das Konzept der virtù bezeichnet bei Machiavelli die Tugend des Herrschers im weitesten Sinne. Im Fürsten ist sie noch eine exklusive Charaktereigenschaft, die dem uomo virtuoso von Geburt an inne wohnt, und ihm die Kraft verleiht die Macht im Staate zu ergreifen, sie zu verteidigen und der Fortuna zu trotzen. Dabei offenbart der Begriff allerdings einen bemerkenswerten Facettenreichtum. Er bezeichnet sowohl ein sehr rationelles Denken, wodurch der Fürst Probleme bereits frühzeitig identifizieren und somit leichter bewältigen kann (III.Kapitel). Ebenso versteht Machiavelli darunter eine außerordentliche Tüchtigkeit, durch die der Fürst seine wohldurchdachten Pläne in die Tat umzusetzen vermag (VII.Kapitel). Schließlich verleiht Machiavelli seiner virtù auch eine etwas martialische Seite, die an die römische Virtus erinnern lässt. So heißt es im XXV. Kapitel des Fürsten:

„Ich bin aber der Meinung, daß es besser ist, draufgängerisch als bedächtig zu sein. Denn Fortuna ist ein Weib; um es unterzukriegen, muss man es schlagen und stoßen.“  – Niccolò Machiavelli

Rezeption

Da Machiavelli zur Zeit des Fürsten auch mehrere Komödien und Satiren geschrieben hat (z. B. Belfagor, La Mandragola) und das Werk in einem Brief an seinen Freund Guicciardini im Mai 1521 als „Ghiribizzi“ (Phantastereien) bezeichnete, gibt es für die Interpretation des Werks viele Spielräume. Der historische Kontext und die persönliche Situation des Autors im Moment der Verfassung werden häufig herangezogen, um besonders kontrovers diskutierte Passagen des Werks zu deuten und zu erklären. Denn im Lauf seiner Geschichte hat Der Fürst sehr widersprüchliche Reaktionen hervorgerufen.

So rief Machiavellis Principe unmittelbar nach seiner Veröffentlichung harsche Kritik hervor. Machiavellis geistige Widersacher sahen in dem Traktat eine Anleitung für nach persönlichem Erfolg und Macht strebende Politiker und empörten sich ob der geringen Beachtung, die Machiavelli den christlichen Moralvorstellungen der damaligen Zeit zollte. Darüber hinaus störten sich viele Zeitgenossen an Machiavellis empirischem Denkansatz, der im Widerspruch zur rationalistischen Methodik der Scholastik stand[26]. Diese vernichtende Kritik führte dazu, dass Der Fürst im Jahre 1557 von der päpstlichen Indexkommission zensiert wurde[27]. Auch spätere Aufklärer wie Spinoza, Rousseau und Diderot waren der Auffassung, dass Machiavelli mit dem Principe in erster Linie einer korrupten Machtpolitik die ideologische Legitimation entziehen wollte.

Die Kritiker des Principe prägten somit den Begriff des Machiavellismus, welcher auch heute meist noch als abwertender Begriff verwendet und mit Tyrannei, Ausbeutung und Gewissenlosigkeit in Verbindung gebracht wird.

Diese Lesart des Fürsten widerspricht jedoch den Intentionen, die Machiavellis in seinem Hauptwerk Discorsi formuliert, und mit denen er sich als leidenschaftlicher Republikaner zu erkennen gibt: „Nicht das Wohl der einzelnen, sondern das öffentliche Wohl macht Staaten groß!“ oder „Republiken sind Staaten, in denen das Volk Fürst ist!“ Und so analysiert der deutsche Politiker Carlo Schmid in seiner Machiavelli-Biographie:

„Wer glaubt, Machiavelli sage, Politik könne man nur mit Gift und Dolch, Lüge und Verbrechen machen, hat ihn gründlich missverstanden. Wo es ohne diese Dinge geht, darf man diese Mittel gar nicht anwenden, nicht aus moralischen Gründen, sondern weil es unpolitisch wäre, es zu tun. Wo aber, gewissermaßen von der Technik des Machtkampfes her, in einer bestimmten Lage Gift und Dolch, Lüge und Verbrechen nicht entbehrt werden können, um den Gegner zu überwinden, wenn es wirklich um Sein oder Nichtsein geht, dann ist einer als Staatsmann nur dann richtig am Platze, wenn er es über sich bringt, sich dieser Mittel zu bedienen, sei es als nihilistischer Zyniker, sei es als einer, der dem Staat „das Königsopfer seiner Seele“ bringt. Das ist der Sinn des Wortes von Machiavelli, dass ein Staatsmann auch böse handeln können müsse.“

– Carlo Schmid

Somit lässt sich auch erklären, dass Der Fürst im Lauf der Zeit, nebst Anhängern aus dem politischen Betrieb wie z. B. Napoleon Bonaparte oder Cavour, auch Bewunderer unter den Geistesgrößen wie etwa Goethe, Hegel oder Nietzsche fand.

Auch vormalige Gegner Machiavellis wie Friedrich II. von Preußen, der in seiner Jugend zusammen mit Voltaire eine flammende Streitschrift gegen den Principe verfasst hatte, erkannten mit der Zeit wie realistisch die Sicht des Florentiner Staatsbeamten war und gaben dessen Thesen recht. So gestand Friedrich II. später in seinem politischen Testament:

„Ich muss leider zugeben, dass Machiavelli recht hat.“

– Friedrich II.

Heute wird darüber hinaus darauf hingewiesen, dass ein Fürst, der sich, wie Machiavelli es rät, nicht am Besitz und den Frauen seiner Untertanen vergreift, für die Verhältnisse der Renaissance ein berechenbarer Fürst gewesen wäre, der relative Rechtssicherheit garantiert. Und auch der empirische und werturteilsfreie Denkansatz Machiavellis wird heutzutage häufig als revolutionär hervorgehoben, da er dem modernen politischen Denken von Autoren wie Max Weber oder Carl Schmitt erst den Weg geebnet habe.

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Die Discorsi – Das Wesen einer starken Republik

In dem Werk Discorsi, welches vermutlich parallel zum Fürstenbuch entstand, entwickelt Machiavelli das vor dem Hintergrund des Il Principe scheinbar erstaunliche Ideal einer Republik ohne Fürsten. So soll „Macht und persönlicher Status stets getrennt“ und der „Staatsschatz stets wohlgefüllt, der Bürger hingegen arm“ sein. Die Discorsi sind ein Kommentar zum Geschichtswerk des Titus Livius, der die Geschichte der römischen Republik beschreibt. Machiavelli zieht die römische Geschichte heran, um aus ihr seine Überzeugungen zu gewinnen und zu festigen: „Über alles, auch über sich selbst, konnte Machiavelli spotten, doch nicht über die Größe Roms. Dieser Glaube verlieh ihm Halt, Orientierung, Gewissheit und ein Quäntchen Optimismus in den Jahren der politischen Kaltstellung und Isolation.“

Machiavelli war erstaunt, dass die Juristen zu seiner Zeit sich an das römische Recht anlehnten, die Künstler die klassische Kunst imitierten und die Ärzte von der Antike lernten, aber „kein Herrscher und kein Freistaat, kein Feldherr und kein Bürger auf die Beispiele früherer Zeiten zurück[griff]“.Die Discorsi wurden ein intellektueller und politischer Wegweiser für alle, die eine freie Republik begrüßten. Während Machiavellis Lebenszeit erlangten die Discorsi kaum eine Bedeutung.

Beide Werke waren vorerst nur zur Lektüre durch ausgewählte Leser bestimmt. Francesco Guicciardini konnte die Discorsi nach Machiavellis Tod lesen und kritisierte die Romgläubigkeit besonders, da „Livius’ Erzählung von der römischen Frühzeit aus patriotischen Sagen bestand [, aber Machiavelli] las diese erbaulichen Legenden als lauter Wahrheit“. Außerdem könne man die Zeit der  römischen Republik nicht mehr mit dem Florenz des 16. Jahrhunderts vergleichen.

Wie „Der Fürst“ standen die Discorsi auf dem Index der katholischen Kirche3.

In seinem umfangreichen Werk entwickelt Machiavelli, der ein überzeugter Republikaner war, seine Vorstellung über ein ideales Staatswesen, wobei der römische Geschichtsschreiber Titus Livius (59 v. Chr. bis 17 n. Chr.) ihm den roten Faden lieferte, „denn nur Livius befaßte sich mit der Gründung des römischen Staates.“ Machiavelli arbeitete heraus, dass sich Geschichte wiederhole und führt in seinem Werk viele Beispiele aus der Antike und der damals aktuellen italienischen Zeitgeschichte (Italienische Kriege) an:

„Untersucht man sorgfältig die Vergangenheit, so ist es ein Leichtes, die zukünftigen Ereignisse vorherzusehen und dieselben Hilfsmittel anzuwenden, welche von den Alten angewendet worden sind, oder neue Mittel, entsprechend der Ähnlichkeit der Vorfälle, zu ersinnen. Da aber solche Betrachtungen vernachlässigt oder nicht verstanden werden oder, wenn verstanden, den Regierenden unbekannt sind, so ist die Folge davon, dass jederzeit dieselben Unordnungen stattfinden.“

Die Kunst des Krieges

Im August 1521 wurde „Über die Kunst des Krieges“ (Dell’Arte della Guerra) gedruckt. Geschrieben hat Machiavelli dieses Werk auch für seine Freunde der Orti Oricellari Gruppe. Mit ihnen verkehrte Machiavelli in dieser für ihn unbefriedigenden Zeit, was ihm half, seinem Leben einen Sinn zu verleihen. Gewidmet ist es Lorenzo di Filippo Strozzi, der ihn während der dunklen Jahre gelegentlich beschenkte und ihn bei Kardinal Giulio de’ Medici eingeführt hatte.

Ein Biograph behauptet, dass für Machiavelli die Praxis der Kriegskunst der Abschluss und die Grundlage des zivilen Lebens ist. Machiavelli ist sich bewusst, dass Krieg verheerende Folgen hat, aber eine Republik oder ein Fürstentum muss sich verteidigen können. Ein Herrscher muss den Frieden lieben und wissen, wann er Krieg führen muss.

Das Werk wurde von bedeutenden Zeitgenossen wie Kardinal Giovanni Salviati angepriesen. Im 16. Jahrhundert wurde Über die Kunst des Krieges sieben Mal nachgedruckt und in verschiedene Sprachen übersetzt.

Geschichte von Florenz

Im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici verfasste Machiavelli von 1521 bis 1525 seine Abhandlung über die Geschichte von Florenz, die den Zeitraum von der Gründung der Stadt bis zum Tode Lorenzos des Prächtigen abdeckt. Diese Geschichte der Florentiner Innenpolitik und Parteikämpfe ist keine zuverlässige Historiographie, sondern folgt mit historischen Lehrstücken in rhetorischer Sprache (Historia magistra vitae) humanistischen Traditionen und exemplifiziert – besonders durch den Einbau fiktiver Reflexionen und Reden der beschriebenen Akteure – Machiavellis politische Ideen.

Machiavellis Geschichts- und Menschenbild

Nach Alessandro Pinzani wird die „traditionelle aristotelische Definition des Menschen als zôon politikon“ von Machiavelli verworfen. „Der Mensch ist in Machiavellis Augen ein Wesen, für das kein Ideal von individueller Vervollkommnung – wie bei Aristoteles – mehr gilt. Somit wird auch die teleologische Geschichtsauffassung des politischen Aristotelismus verworfen, wonach das Telos der Geschichte die Vervollkommnung der menschlichen Natur – sprich: der politischen Natur des Menschen – sei. Die politische Gesellschaft entsteht nach Machiavelli nicht aufgrund irgendeines Plans der Natur, sondern ‚durch Zufall‘ (Discorsi I 2,11)“.

Machiavelli sieht die Geschichte „keineswegs in einem kontinuierlichen Fortschritt ‚zum Besseren‘, wie Kant und Hegel später behaupten werden, noch ist sie als Heilsgeschichte zu lesen“. Die „Menschheit bewegt sich vielmehr unendlich in einem Kreis“. Nach Alessandro Pinzani übernimmt Machiavelli durch Polybios Platons Theorie des Verfassungskreislaufes. Deswegen ist das Minimalziel für Machiavelli nur, „die unausweichliche Dekadenz der Republik möglichst zu verlangsamen“. Deswegen muss die Verfassung der Republik eine Mischform sein. So schreibt Machiavelli in den Discorsi folgendes:

„Nach meiner Meinung sind daher alle diese Staatsformen verderblich, und zwar die drei guten wegen ihrer Kurzlebigkeit und die drei anderen wegen ihrer Schlechtigkeit. In Erkenntnis dieser Mängel haben weise Gesetzgeber jede der drei guten Regierungsformen für sich allein vermieden und eine aus allen dreien zusammengesetzte gewählt. Diese hielten sie für fester und dauerhafter, da sich Fürst, Adel und Volk, in ein- und denselben Staat zur Regierung vereinigt, gegenseitig überwachen“

„Virtù (Tugend/Tüchtigkeit) ist der Kernbegriff in Machiavellis Theorie und politischer Lehre.“ Unter dem Begriff virtù versteht Machiavelli die politische Energie bzw. den Tatendrang, etwas zu tun. „Seine an der politischen Realität orientierten Ratschläge sind nicht auf ein wünschbares (Tugend)-Ideal ausgerichtet, sondern auf ihre Tauglichkeit für die Praxis.“ Sowohl einzelne Menschen als auch ganze Völker können Träger dieser Kraft sein. Diese virtù ist nie gleich verteilt. Wo sie allerdings war, führte sie zu großen Reichen. So hatte das Römische Reich eine so große Macht erreicht, weil seine Anführer und sein Volk von viel virtù beseelt waren. Folglich kann man diese metaphysische Kraft nicht erzwingen, aber man kann günstige Voraussetzungen für sie schaffen, z. B. in der Struktur der Verfassung. Die Bürger müssen zur virtù erzogen werden.

Gegenspieler der virtù ist die fortuna in Anlehnung an die Glücks- und Schicksalsgöttin der Römischen Mythologie. Sie steht für das Schicksal, den Zufall, aber auch für die Gelegenheit. Sie ist der unberechenbare Faktor in der politischen Rechnung. „Diese Begrifflichkeit erlaubt es Machiavelli, mit christlichen Vorstellungen zu brechen.“ Machiavelli sieht den Herrscher immer in einem Kampf gegen fortuna. Allerdings macht diese nur etwa die Hälfte des Erfolges aus; die andere Hälfte ist bestimmt durch Willenskraft (virtù) und praktische Vorbereitung. Für letzteres stellt ein großer Teil von Machiavellis Werk einen praktischen Ratgeber für Soziales Handeln dar.

Weitere wichtige Begriffe sind ambizione (Ehrgeiz), necessità (Notwendigkeit) und occasione (Gelegenheit). Ambizione stellt für Machiavelli die entscheidende Triebfeder menschlichen Handelns dar. „Dieser Begriff ist […] bei Machiavelli weitgehend negativ konnotiert, da der Ehrgeiz häufig das Allgemeinwohl den privaten, egoistischen Interessen unterordnet.“ Necessità „wird von Machiavelli als Ausdruck der politischen und staatlichen Ausnahmesituation eingeführt.“ Wenn ein politisches Gemeinwesen durch innere oder äußere Bedrohungen gefährdet ist, bilden moralische Bedenken eine untergeordnete Rolle; man wird gezwungen, amoralisch zu handeln. Zum Zwecke der Selbstbehauptung sind dann alle Mittel erlaubt.

Occasione „beschreibt den historischen Augenblick, den ein besonderer, tugendhafter Mann (uomo virtuoso) oder auch die Führungsschicht eines Staates zu nutzen verstehen muss, um sich als Gesetzgeber oder Feldherr auszuzeichnen.“ Fortuna kann, schreibt Machiavelli, nicht nur negativ wirken, sondern eine günstige Gelegenheit schaffen, in der ein guter Herrscher Gutes bewirken kann zum Wohle der Allgemeinheit, aber in der ein schlechter Herrscher dies auch ausnützen wird.

Machiavelli als Dichter

Satirische Werke

Neben politischen und philosophischen Schriften verfasste Machiavelli drei Komödien. „Andria“ ist eine Übersetzung der gleichnamigen Terenz-Komödie. Die „Mandragola“ ist eine eigenständige Komödie, die bis heute aufgeführt wird. Sie handelt von einem Jüngling, der sich in die Frau eines einflussreichen Florentiner Arztes verliebt und diese mit Raffinesse und Intrige erobert. Diese Komödie wurde vielfach als politische Allegorie gelesen. Ihr Entstehungsdatum (vermutlich 1518) ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Ihr folgt die 1525 uraufgeführte Komödie „Clizia“, eine Auftragsarbeit, die das Niveau der Mandragola nicht ganz erreicht. Clizia ist stofflich an die Casina von Plautus angelehnt, aber keine direkte Übersetzung mehr. Handlungsort und -zeit wurden vom antiken Griechenland ins zeitgenössische Florenz verlegt.

Zu Machiavellis satirischen Werken zählt neben frühen Spott- und Karnevalsliedern auch eine Novelle mit dem umfangreichen Titel: „Der Erzteufel Belfagor wird von Pluto auf die Erde gesandt, mit der Verpflichtung, eine Frau zu nehmen. Er kommt, nimmt eine Frau, und unvermögend ihren Hochmut zu ertragen, kehrt er lieber in die Hölle zurück, als sich wieder mit ihr zu vereinigen.“

In Machiavellis Werken findet sich oft ein ausgeprägter Zynismus. In einem Brief an Francesco Guicciardini schreibt er: „Ich sage nie mehr, was ich glaube, und glaube nie mehr, was ich sage, und wenn mir doch einmal ein wahres Wort entschlüpft, verstecke ich es gleich hinter soviel Lügen, dass es nicht wieder zu finden ist.“

Machiavellis dramatisches Schaffen umfasste sechs Werke, von denen nur die drei oben erwähnten erhalten sind. Während des Rinascimento und der Besinnung auf die alten Meister der Antike begannen um 1500 verstärkt Übersetzungstätigkeiten, die eng mit dem Prinzip der „imitatio“ verbunden waren. Neben der Dramengattung Tragödie erhielt die im Mittelalter gering geschätzte Komödie unter Berufung auf Terenz und Plautus einen höheren Stellenwert. Durch das die imitatio ergänzende Prinzip der aemulatio entstehen aus Machiavellis Feder das verloren gegangene Stück Le Maschere nach Aristophanes, von dessen Existenz wir durch Machiavellis Neffen Giuliano de’ Ricci wissen.

Gedichte

Machiavelli schrieb auch Gedichte. Am 8. November 1504 veröffentlichte er eine gereimte »Zehnjahresgeschichte« Decentale. „Machiavelli hielt sich, wie spätere Zeugnisse belegen, für einen großen Dichter in der Nachfolge Dantes und auf gleicher Augenhöhe mit einem Ludovico Ariosto.“ In diesem Gedicht verspotte er unter anderem Cesare Borgia (Herzog von Valence).

„Als Alexander VI. vom Himmel getötet wurde,

wurde auch der Staat des Herzogs von Valence

in viele Teile zerbrochen und verteilt.

Julius allein nährte noch Borgias Hoffnung,

so dass der Herzog in ihm zu finden glaubte

das Mitleid, das er selbst mit niemanden hatte.“

Dies Gedicht von Machiavelli benennt auch sein politisches Ziel. „Nach 548 Verszeilen folgte [..] die Moral der Geschichte: Florenz braucht ein neues Militärsystem, wenn es als Staat unter Staaten, das heißt: als Wolf unter Wölfen bestehen will.“

Machiavellismus ist eine im 16. Jahrhundert aufgekommene Bezeichnung für eine Niccolò Machiavelli (1469–1527) zugesprochene politische Theorie, nach der zur Erlangung oder Erhaltung politischer Macht jedes Mittel unabhängig von Recht und Moral erlaubt ist. Machiavellismus ist zumeist negativ konnotiert und wird abwertend verwendet. Inwieweit Machiavelli wirklich einen Machiavellismus vertreten hat, ist umstritten.

Zu den politischen und praktischen Positionen des Machiavellismus

Die politische beziehungsweise praktische Philosophie des Machiavellismus, die sich als politischer Realismus versteht, vertritt die Auffassung des jeweiligen Herrschers mit dem Ziel der Sicherung des eigenen Erfolges

•  durch uneingeschränkte Macht, durchgesetzt mit Gewalt,

•  durch unkontrollierten Machtgebrauch und

•  unbegrenzten Machterwerb.

Seine politischen Handlungen sollen keinen moralischen oder ethischen Kriterien unterworfen werden. Die Kategorien Wahr und Gut im Handeln werden ausgeschaltet oder auf die der Nützlichkeit reduziert. Soziale Bezugspunkte werden nur in Betracht gezogen, insofern sie für die Berechnung des politischen Erfolgs von Bedeutung sind. Diejenige Macht und Herrschaft gilt als die „beste“ oder „geeignetste“, in der das politische Ziel des oder der Herrschenden adäquat verwirklicht wird. Als allgemeines Prinzip gilt somit: Der Zweck heiligt die Mittel. Die Grundsätze des Machiavellis sind jedoch nur von Vorteil, insofern der ausführende Herrscher das nötige strategische Denken besitzt. Dies ist unmittelbar mit der Gunst des Augenblickes verbunden.

Zur Deutung der Schrift Il Principe und ihrer Reaktionen feudalistischer Herrschaft

Der Machiavellismus, der eine Verfälschung und Fehldeutung der staatstheoretischen Auffassungen Machiavellis (in seinen Discorsi deutlicher formuliert) darstellt, hat sich in der politischen Ideologie in den verschiedensten Formen ausgeprägt. Bereits nach dem Erscheinen von Il Principe (Der Fürst) im Jahre 1532 – fünf Jahre nach dem Tod von Machiavelli – wurde seine Schrift als das „klassische“ Handbuch tyrannischer Machtpolitik gebrandmarkt und ihr Verfasser als skrupellos verketzert, hatte er doch mit seiner – teilweise empirisch exakt fundierten – Beschreibung politischer Zustände und Herrschaftspraktiken im Feudalismus eine Desillusionierung der religiös verklärten Machtansprüche feudaler Herrscher hervorgerufen.

Die Repräsentanten der feudalen Staats-, Fürsten- und Kirchengewalten diffamierten das Werk Machiavellis als „höllische Ausgeburt brutaler und hinterhältiger Machtpolitik“, weil sie mit Machiavellis Schriften eine Art Spiegel vorgehalten bekamen, der in vielfacher Weise ein lebendes Abbild der Machtinhalte sowie Formen und Methoden feudaler Macht und Herrschaft lieferte. Diese Täuschungen fielen insofern auf einen fruchtbaren Boden, als bei den Angehörigen des feudalabsolutistischen Bürgertums eine Distanzierung von „machiavellistischer Machtpolitik“ zum Anliegen des politischen Grundverständnisses gehörte.

Friedrich II. (der Große) und Antimachiavell

Antimachiavellismus ist eine Gegenströmung zum Machiavellismus, der auf die Schrift Il Principe von Niccolò Machiavelli zurückgeht.

In dem Buch von Friedrich dem Großen geht es wie bei Machiavelli um den Erwerb, den Ausbau und die Erhaltung von Macht in Fürstentümern. Das politische Ziel für Machiavelli ist aber eine Republik. Die Antimachiavellisten (Anhänger des Antimachiavellismus) kritisieren unter anderem die Skrupellosigkeit, die Machiavelli als Handlungsempfehlung ausgibt.

Titelblatt von 1740

Als erste Antimachiavellisten können die Jesuiten verstanden werden, die 1557 für eine päpstliche Indizierung (durch Paul IV.) der Schrift Il Principe sorgten.

Der Begriff Antimachiavellismus geht zurück auf Friedrich den Großen. Dieser verfasste Anti-Machiavel, oder Versuch einer Kritik über Nic. Machiavels Regierungskunst eines Fürsten [sic], die 1740 von Voltaire herausgegeben wurde. Dort setzt sich der Freimaurer kritisch mit Machiavellis Theorie der Macht auseinander. Als Ziel formuliert der Kronprinz „Ich übernehme die Verteidigung der Menschlichkeit wider diesen Unmenschen [Machiavelli], der dieselbe vernichten will; ich setze die Vernunft und die Gerechtigkeit dem Betrug und dem Laster entgegen, und ich habe es gewagt, meine Betrachtungen über Machiavels Buch von Kapitel zu Kapitel anzustellen, damit das Gegengift unmittelbar auf die Vergiftung folge.“

In seinen politischen Testamenten und schon im Anti-Machiavell gab Friedrich II. zu, dass dieser wohl in einigen Teilen recht habe, revidierte Machiavellis Thesen allerdings zu jederzeit und stellte ihnen ein moralisches Gegenstück entgegen.

Der Antimachiavellist geht von einem prinzipiell anderen Welt- und Menschenbild aus. Während Machiavelli von einem grundsätzlich schlechten, machtgierigen, unvollkommenen Menschen ausgeht, vertritt ein Antimachiavellist eine optimistisch-humanistische Sichtweise.

Dirk Hoeges geht davon aus, dass die Kritik Machiavelli verfehlt. „Das gilt für die Rezeption durch die Jahrhunderte, durch Aufklärer wie Voltaire und Friedrich den Großen, der vor lauter Moral und Rechthaberei den literarischen Verstand verlor; das gilt für den Faschismus in der Person Mussolinis und für manchen selbstgerechten Demokraten. Eifern, Geifern, borniertes Moralisieren, billige Empörung, Textgestocher, Usurpation und Blütenlese auf allen Seiten; dabei ist vom Schriftsteller, Dichter und Virtuosen in Sprache und Stil nirgends die Rede. Von Machiavellis Leiden an seiner Zeit ganz zu schweigen. Die Geschichte seines Werks ist die Geschichte seiner Ausbeutung. Allen voran die Kommis der jeweiligen herrschenden Moral.“

“Anti-Machiavel”

Anti-Machiavel heißt ein Werk, das sich aus dem Briefwechsel zwischen Friedrich des II. von Preußen und Voltaire 1736–1740 heraus entwickelt hatte. Der damalige Kronprinz hatte im Alter von 24 Jahren mit dem Philosophen und Schriftsteller durch einen Brief vom 8. August 1736 Kontakt aufgenommen. Mit einem seiner Antwortschreiben hatte ihm Voltaire sodann einige Kapitel aus seinem Siècle de Louis XIV zur Vorablektüre zugesandt. Der Kronprinz lobte darauf den Entwurf insgesamt, aber kritisierte, dass darin Voltaire Machiavelli unter die großen Männer seiner Zeit rangiert habe.

Der Kronprinz bezieht sich dabei auf den schlechten Ruf, den Machiavelli bereits erworben hatte, und den breit entwickelten Antimachiavellismus, der sich von dem in der aktuellen Politik praktizierten Machiavellismus abzuheben suchte. Als der Kronprinz im Brief vom 22. März 1739 den vagen Plan äußerte, ein Werk gegen Machiavellis Fürsten zu verfassen, bestärkte ihn Voltaire in diesem Vorhaben, weil er sich eine positive Wirkung auf die aktuelle Politik durch ein derartiges Werk eines künftigen Monarchen versprach.

Der Kronprinz sandte erste Kapitel, die er entworfen hatte, Voltaire zu, von welchem er in erster Linie sprachliche Korrekturhilfe erwartete, da das Werk in französischer Sprache verfasst ward. Der Kronprinz studierte Machiavelli in einer schlechten französischen Übersetzung. Voltaire indessen schlug sodann vor, nicht jedem Kapitel ein Resümee der Ausführungen Machiavellis voranzustellen, sondern die komplette Übersetzung des Fürsten durch Amelot de la Housssaye dem Buch beizufügen. Nachdem das Werk in einer druckfertigen Form vorlag, war zunächst unklar, ob der Kronprinz es in der vorliegenden Form durch Voltaire herausgeben und veröffentlichen lassen wollte. Doch plötzlich stellt sich heraus, dass der Vater Friedrich des II. schwer erkrankt und letzterer rasch die Regierung antreten müsse. Der Kronprinz hat in dieser politischen Situation nicht mehr den Kopf frei für Buchveröffentlichungen; außerdem befürchtet er immer mehr, dass kritische Passagen seines Textes über andere Herrscher oder die Kirche diplomatische Komplikationen heraufbeschwören könnten. So überträgt er Voltaire die Aufgabe, sein Werk in Holland drucken zu lassen, und lässt ihm bei den übrigen herausgeberischen Aufgaben mehr oder weniger freie Hand. Voltaire eilt sich, diesen Wunsch zu erfüllen. Aber der Eifer stellt sich als voreilig heraus, da es schnell zu einem Bruch mit dem Verleger Jean van Duren in Den Haag kommt, der sich nicht geneigt zeigt, nachträgliche Änderungen, die sich insbesondere aufgrund politischer Bedenken des preußischen Königs ergeben, in der Druckfassung abzuändern. Voltaire sieht sich schließlich gezwungen, das dem Verleger ausgehändigte Manuskript nachträglich zu verschlechtern, und da er diese Erstveröffentlichung unter dem Titel Examen du Prince de Machiavel, avec des notes wegen des hartnäckigen Widerstands des Verlegers trotzdem nicht verhindern kann, sich davon öffentlich zu distanzieren und eine Neuauflage einer bereinigten und überarbeiteten Fassung, bei Pierre Paupie zu veranstalten, dieses Mal unter dem Titel: Anti-Machiavel ou Essai de critique sur le Prince de Machiavel. Publié par Mr. De Voltaire. Sie wird sogleich von Voltaire als die einzige authentische Fassung des Werkes angekündigt.

Nachdem Friedrich II. in die große Politik als König von Preußen eingetreten war, bereut er sofort, dass das Werk jemals veröffentlicht worden war und damit seiner Person oder seiner eigenen politischen Rolle zugeordnet werden könnte. Es war dies aber allerorten ein offenes Geheimnis; dennoch fand es Voltaire später, dass man überall in Europa den Anti-Machiavel kaufen konnte, nur nicht in Preußen. Dort konnte man, offiziell zumindest, nur den Fürsten Machiavellis bekommen.

Veranstaltung vom 12.06.2018

Johannes Gutenberg

Bild: Johannes Gutenberg in einem postumen Fantasiebildnis des 16. Jahrhunderts. Authentische Bildnisse sind nicht überliefert.

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg (* um 1400 in Mainz; † vor dem 26. Februar 1468 ebenda), gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern (Mobilletterndruck) und der Druckerpresse.  Die 42-zeilige Bibel, das Hauptwerk Gutenbergs.

Bild: Die 42-zeilige Bibel, das Hauptwerk Gutenbergs.

Die Verwendung von beweglichen Lettern ab 1450 revolutionierte die herkömmliche Methode der Buchproduktion (das Abschreiben von Hand) und löste in Europa eine Medienrevolution aus. Gutenbergs Buchdruck breitete sich schnell in Europa und später in der ganzen Welt aus und wird als ein Schlüsselelement der Renaissance betrachtet. Insbesondere das Hauptwerk, die Gutenberg-Bibel, zwischen 1452 und 1454 entstanden, wird allgemein für ihre hohe ästhetische und technische Qualität gerühmt.

Zu Gutenbergs zahlreichen Beiträgen zur Buchdruckerkunst gehören neben der Verwendung von beweglichen Lettern und eines Handgießinstruments auch die Entwicklung einer besonders praktikablen Legierung aus Zinn, Blei und Antimon, ein silberglänzendes und sprödes Halbmetall,  und einer ölhaltigen schwarzen Druckfarbe. Zudem entwickelte er die Druckerpresse. Das besondere Verdienst Gutenbergs liegt darin, alle Komponenten zu einem effizienten Produktionsprozess zusammengeführt zu haben, der erstmals die manufakturmäßige Herstellung von Büchern mit identischem Text ermöglichte. 1997 wurde Gutenbergs Buchdruck vom US-Magazin Time-Life zur bedeutendsten Erfindung des zweiten Jahrtausends gewählt, und 1999 kürte das amerikanische A&E Network, ein amerikanischer Privatsender in Manhattan, Gutenberg zum „Mann des Jahrtausends“.

Herkunft und Jugend

Johannes Gutenberg wurde um 1400 als drittes Kind des Patriziers und Kaufmanns Friedrich (Friele) Gensfleisch und dessen zweiter Frau Else Wirich wahrscheinlich in Mainz, im elterlichen Hof zum Gutenberg, geboren und starb dort am 3. Februar 1468. Da sich sein Geburtsdatum nicht genau feststellen lässt, legte die Gutenberg-Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts das Geburtsjahr auf 1400 fest, um anschließend im Jahre 1900 seinen 500. Geburtstag zu feiern. Der Beiname „zum Gutenberg“ wurde von der Familie erst ab den 1420er Jahren hinzugefügt. Familiennamen waren damals noch unstet, vielerorts war es damals üblich, den Geburtsnamen mit dem Namen des jeweiligen Hausbesitzes zu ergänzen oder durch diesen zu ersetzen.

1411 zogen 117 Patrizier kurzfristig aus Mainz aus, um in einer Auseinandersetzung mit den Zünften ihrem Anspruch auf die Privilegien der Steuer- und Zollfreiheit Nachdruck zu verleihen. Darunter war auch Vater Gensfleisch mit seinen Kindern. Mit hoher Wahrscheinlichkeit zog die Familie nach Eltville (in Hessen, an der Grenze zu Rheinland-Pfalz), wo sie aus mütterlichem Erbe ein Haus besaß. Als Sohn eines wohlhabenden Patriziers hat Gutenberg wahrscheinlich eine Lateinschule besucht.

Ein Universitätsstudium lässt sich im Hinblick auf seine späteren Tätigkeiten ebenfalls vermuten. In den Matrikelbüchern der Universität Erfurt findet sich ein Eintrag zur Immatrikulation eines Johannes de Alta Villa (Eltville) im Sommersemester 1418. Fraglich ist, ob es sich hier um Johannes Gutenberg handelte.

Ein erstes Dokument, das Gutenberg namentlich erwähnt, stammt aus dem Jahre 1420. Die Notiz berichtet über Erbstreitigkeiten der Geschwister Gutenberg und einer Halbschwester nach dem Tod von Friele Gensfleisch senior 1419. Über den Ausgang wird nicht berichtet, allerdings belegt diese Quelle die Rechtsmündigkeit (älter als 14 Jahre) Gutenbergs zu diesem Zeitpunkt, da er nicht durch einen Vormund vertreten wurde.

Der Aufenthaltsort und die Tätigkeiten Gutenbergs in den 1420er Jahren sind unbekannt. Nach einer neuerlichen Abwanderungswelle im Zuge weiterer Auseinandersetzungen zwischen Zünften und Patriziern 1429 wird durch zwei Quellen nur belegt, dass Gutenberg sich nicht in Mainz aufhielt. Zum einen vertrat ihn seine Mutter bei Verhandlungen über den Erhalt einer Leibrente, zum anderen wurde er in dem Sühnevertrag des Mainzer Erzbischofs Konrad III. 1430 erwähnt. Dieser bot den Geflohenen eine Rückkehr ohne Auflagen an. Gutenberg lehnte das Angebot ab und blieb der Stadt fern.

Straßburger Jahre

Ab 1434 und bis 1444 lässt sich der Aufenthalt von Gutenberg in Straßburg belegen. Rückschlüsse auf Gutenbergs geschäftliche und handwerkliche Tätigkeiten in Straßburg sind durch die Gerichtsakten des sogenannten Dritzehn-Prozesses möglich. 1437 nahm er Andreas Dritzehn in die Lehre, um ihm das „Polieren von Edelsteinen“ (Münz- und Goldschmiedehandwerk) beizubringen. Zusätzlich gründete er eine Finanzierungsgesellschaft mit mehreren Teilhabern zur Vorfinanzierung eines neuen technischen Verfahrens. Darüber hinaus hatte er eine vertragliche Vereinbarung mit dem Vogt Hans Riffe von Lichtenau zur Produktion von Wallfahrtsandenken. Zusammen mit Andreas Dritzehn sollte er Wallfahrtsspiegel  (Wallfahrtsandenken) aus einer Blei-Zinn-Legierung für die Aachen-Wallfahrt im Jahre 1439 herstellen.

Aufgrund einer Pestepidemie fand die Wallfahrt jedoch erst im Jahre 1440 statt. Andreas Dritzehn starb 1439 vor ihrer Vollendung, und seine Brüder Georg und Klaus versuchten, sich in die Gesellschaft einzuklagen und einen Teil des investierten Kapitals zurückzufordern. Aus den Gerichtsakten geht hervor, dass ein weiteres Projekt in Arbeit war, das Unternehmen „aventur und kunst“, wobei „Kunst“ im damaligen Sprachgebrauch als „handwerkliches Können“ zu verstehen ist. “aventur” wurde seinerzeit eine Unternehmung mit offenem Ende, Risiko genannt, ein wirtschaftliches “Abenteuer”; “Kunst” war auch das handwerkliche Können.  Johannes Gutenberg, Hans Riffe, Andreas Dritzehn und Andreas Heilmann hatten dafür einen zusätzlichen Vertrag abgeschlossen. In den Protokollen der Zeugenbefragungen finden sich unter anderem Aussagen zum Einkauf von Blei und dem Bau einer Presse. Es wird vermutet, dass dies die ersten Schritte für Gutenbergs spätere Entwicklungen waren. Von 1441 bis 1444 wird Gutenberg mehrfach in den Steuerlisten der Stadt Straßburg aufgeführt. Danach ist sein Aufenthaltsort unbekannt.

Bild: Straßburger Statue (et la lumière fut)

Rückkehr nach Mainz

Durch Quellen belegt ist Gutenbergs Aufenthalt in Mainz erst wieder ab Oktober 1448. Er schloss einen Kreditvertrag in Höhe von 150 Gulden mit seinem Vetter Arnold Gelthus ab. Es wird vermutet, dass Gutenberg das Darlehen in den Aufbau einer Druckwerkstatt investierte. Er suchte Kontakt zu weiteren Geldgebern, wie dem Mainzer Kaufmann Johannes Fust. Dieser gab ihm um 1449 einen zinslosen Kredit von 800 Gulden und erhielt dafür als Pfand die vom Geld angeschafften Gerätschaften. Um 1450 waren Gutenbergs Experimente so weit fortgeschritten, dass er mit dem Satz und Druck von Einblattdrucken und Büchern begann. Die frühen Drucke, die Gutenberg zugeordnet werden, lassen sich in zwei Gruppen aufteilen. Zum einen Kleindrucke, wie Wörterbücher, Kurzgrammatiken, Ablassbriefe und Kalender und zum anderen die lateinische Bibel (Gutenberg-Bibel oder B42).

1452 gab Fust ein zweites Darlehen von 800 Gulden, um das gemeinsame „Werck der Bucher“ verwirklichen zu können. Hierbei handelte es sich wahrscheinlich um die Herausgabe der 42-zeiligen Bibel. Ein wichtiges Dokument, das über diese geschäftliche Beziehung zwischen Gutenberg und Fust informiert und zugleich auch deren Ende dokumentiert, ist das Helmaspergersche Notariatsinstrument vom 6. November 1455. Fust warf Gutenberg 1455 vor, die Gelder, die ausschließlich für den Druck der Bibel bestimmt waren, für andere Druckvorhaben zweckentfremdet zu haben. Im Rechtsstreit unterlag Gutenberg, und er musste die Werkstatt und den Lagerbestand der B42 an Fust abtreten. Fust führte mit Gutenbergs Mitarbeiter Peter Schöffer das Geschäft mit Erfolg weiter, während Gutenberg in sein Elternhaus Hof zum Gutenberg zurückkehrte, um dort erneut eine Druckerei zu gründen.

Der Bericht vom Prozess Fust gegen Gutenberg: das Helmaspergersche Notariatsinstrument.

Ulrich Helmasperger, Kleriker des Bistums Bamberg, Kaiserlicher Notar und geschworener öffentlicher Schreiber am erzbischöflichen Gericht zu Mainz, hat am 6. November 1455 das nach ihm benannte Notariatsinstrument abgefasst, die einzige zeitgenössische Quelle, die von den Geschäftsbeziehungen zwischen Gutenberg und Fust sowie von Gutenbergs Erfindung, dem “Werk der Bücher” berichtet. Darin wird beurkundet, dass der Mainzer Bürger Johannes Fust durch Eidesleistung folgendes bekräftigt habe: Er habe Gutenberg eine Summe von 1550 Gulden vorgestreckt, die er selber habe leihen und zu sechs Prozent verzinsen müssen. Was darin nicht auf das Werk der Bücher zu ihrem gemeinsamen Nutzen gegangen sei, betrachte er als Darlehen und fordere es mit Zinsen zurück. Es wird kurz über den ersten Klagepunkt – die Rückzahlung der Geldsummen – und über das für Gutenberg ungünstige Urteil referiert. über die endgültige Entscheidung – Fusts Forderung auf Auflösung der Gemeinschaft und die Folgen – ist im Notariatsinstrument nichts gesagt. Das Dokument lässt nach wie vor eine Reihe von Fragen offen.

Die Handschrift wurde 1741 der Universitätsbibliothek von dem Göttinger Historiker Johann David Köhler geschenkt, der im gleichen Jahr mit der von ihm verfassten „Hochverdienten und aus bewährten Urkunden wohlbeglaubten Ehrenrettung Johann Gutenbergs“ der Gutenbergforschung wichtige Anstöße gegeben hat. Später war die Handschrift in Vergessenheit geraten und wurde erst 1886 von Karl Dziatzko wiederentdeckt.

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Da der Mainzer Jurist Dr. Konrad Humery 1468 Druckgeräte aus Gutenbergs Nachlass erhielt, wird von einer geschäftlichen Partnerschaft der beiden ausgegangen, die es Gutenberg ermöglichte, weiterhin in einer Druckwerkstatt zu arbeiten. 1465 wurde Johannes Gutenberg von Adolf von Nassau in sein Hofgesinde aufgenommen. Als Hofmann erhielt er jährlich Kleidung, Korn und Wein und wurde zusätzlich von Diensten und Steuern befreit.

Er lebte bis zu seinem Tod im Algesheimer Hof in der Mainzer Altstadt in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Geburtshaus Hof zum Gutenberg und seiner Taufkirche St. Christoph in der Mainzer Altstadt.

Gutenbergs genauer Todestag ist nicht bekannt. Da Konrad Humery bezeugt, vor dem 26. Februar 1468 eine Druckerpresse aus dem Nachlass von Gutenberg erhalten zu haben, liegt ein terminus ante quem vor: Gutenberg ist vor dem 26. Februar 1468 verstorben. Beerdigt wurde Gutenberg, wie aus dem Nachruf eines Verwandten hervorgeht, in der Mainzer Franziskanerkirche. Diese wurde allerdings nach zahlreichen Umbauten im 18. Jahrhundert abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Gutenbergs Grab ist deshalb nicht mehr auffindbar.

Druckverfahren

Gutenberg erfand den Buchdruck durch Verbesserung und Entwicklung der damals bereits bekannten Reproduktions- und Druckverfahren (das Arbeiten mit Holzblöcken, Druckplatten oder Stempeln) zu einem Gesamtsystem. Der Kern von Gutenbergs Entwicklungen waren das Handgießinstrument, mit dessen Hilfe Drucklettern einzeln, schneller und feiner gegossen werden konnten, die Erfindung der Druckerpresse und eine verbesserte Druckfarbe.

Gutenbergs Konstruktion einer Druckerpresse war wahrscheinlich eine Weiterentwicklung und Umgestaltung einer Spindelpresse. Diese wurden schon länger bei der Papier- und Weinherstellung eingesetzt. Das Drehen der Spindel mit Hilfe des Pressbengels bewirkte die Abwärtsbewegung einer senkrechten Metallplatte (Tiegel), die den entstehenden Druck gleichmäßig auf die Unterlage mit dem Druckstock verteilte.

Gutenbergs Bedeutung

Europäische Buchdruckproduktion von Gutenberg bis 1800

Die Entwicklungen Gutenbergs leiteten eine dritte Medienrevolution (nach Ausbildung der Sprache und Erfindung komplexer Schriftsysteme) ein. Durch das Verfahren mit beweglichen Lettern konnten Bücher schneller, billiger und in größeren Mengen hergestellt werden als zuvor. Druckerzeugnisse gehörten bald zum Alltag und lösten die Handschriften ab. Der Humanismus und die Reformation wurden durch den Buchdruck nicht unwesentlich beeinflusst, er ermöglichte erst deren weite Verbreitung. Das System trug zur Alphabetisierung bei, indem es Texte und somit auch Bildung wesentlich mehr Menschen als zuvor zugänglich machte. Für verschiedene Medienwissenschaftler leitet deswegen die Erfindung aus der Gutenberg-Druckerei einen neuen Zeitabschnitt der Medienentwicklung ein.

Gutenberg-Bibel

Gutenberg druckte nach dem hier beschriebenen Verfahren und nach Vorlage einer Vulgata die 42-zeilige sogenannte Gutenberg-Bibel (abgekürzt B42). Die Gutenberg-Bibel gilt noch heute als eines der schönsten Erzeugnisse der Druckkunst, was oft damit begründet wird, dass sie nach über 500 Jahren noch aussieht wie zur Zeit ihrer Entstehung. Dies ist der Qualität des verwendeten Papiers bzw. Pergaments zu verdanken sowie Gutenbergs außerordentlicher Sorgfalt beim Satz. Tatsächlich ist für die Schönheit dieser Bibel die Schrifttype und deren Komposition verantwortlich, die etwa einer Textura und Schwabacher entsprechen.

Die handschriftliche Vorlage für den Drucksatz war eine sogenannte Vulgata, eine lateinische Übersetzung des Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert. In der Zeit Gutenbergs war diese Bibelversion weit verbreitet. Neben dem Inhalt folgte er auch bei Satzgestaltung und Schrift den Traditionen der Handschrift.

634 Seiten. Der erste Band enthält den ersten Teil des Alten Testaments, der zweite Band hauptsächlich die Propheten des Alten Testaments und das Neue Testament. (Eine Ausnahme bildet das Exemplar, das heute in der Library of Congress in Washington aufbewahrt wird, angekauft von Otto Vollbehr. Diese Ausgabe setzt sich aus drei Bänden zusammen.)

Herstellung

Über Entstehung und Herstellung der B42 gibt es keine gesicherten historischen Quellen. Um den Bibeldruck rekonstruieren zu können, führte die Forschung mehrere Untersuchungen an den erhaltenen Exemplaren durch. Neben Druckfarben- und Papieranalysen verglich sie die Exemplare genauestens miteinander. Daraus ergeben sich die Vermutungen, dass zu Beginn vier, später sechs Setzer an der Satzherstellung arbeiteten und auf zwei Pressen parallel gedruckt wurde. Für den kompletten Prozess von der Typenherstellung bis zu den ausgedruckten Seiten wird ein Zeitraum von zwei Jahren berechnet. Hinzu kommt die benötigte Zeit für Rubrizierung, Illuminierung, Bindung und Einbandgestaltung, welche externe Werkstätten übernahmen. Einen ähnlichen Zeitrahmen umfasste die Abschrift eines Bibelexemplars im Skriptorium. Gutenberg stellte mit Hilfe seiner Entwicklung des Drucks mit beweglichen Metall-Lettern in dieser Zeit um die 180 Exemplare her.

Erscheinungstermin und Auflagenhöhe

Es gibt zwei Quellen, die Rückschlüsse auf Erscheinen und Auflagenhöhe der B42 zulassen. Zum einen ein handschriftlicher Vermerk in einem erhaltenen Exemplar. Dieser berichtet, dass die Ausschmückungen im August 1456 fertiggestellt waren. Zu diesem Zeitpunkt musste der Druck also abgeschlossen sein.

Das zweite Dokument ist ein Brief von Enea Silvio Piccolomini (später Papst Pius II.), datiert auf den 12. März 1455. Dieser berichtete dem Empfänger Kardinal Juan de Caravajal von einem Besuch in Frankfurt am Main. Bei dem Besuch traf er einen „erstaunlichen Mann“, der Bibelseiten „in höchst sauberer und korrekter Schrift ausgeführt, nirgendwo nachgemacht“ präsentierte. Piccolomini berichtete weiter, dass die Bibeln bereits vor ihrer Vollendung verkauft gewesen seien und er von 158 und 180 fertigen Büchern gehört hätte. Wenn er hier, wie in der Forschung vermutet, von Johannes Gutenberg und der B42 spricht, war der Bibeldruck vor Anfang 1455 vollendet. Die unterschiedlichen Zahlenangaben Piccolominis werden mit einer Auflagenhöhe in der Druckphase erklärt. Unterstützt wird dieses Argument von der Tatsache, dass in einigen erhaltenen Exemplaren die 40-zeiligen Seiten durch neugesetzte 42-zeilig ersetzt wurden.

Exemplare heute

Bild: Vitrine mit der Gutenberg-Bibel der Library of Congress (1944)

Eine Münchner Bibliothekarin legte 1979 ein Verzeichnis aller existierenden Exemplare der 42-zeiligen Gutenbergbibel vor: Die bekannten Exemplare der zweiundvierzigzeiligen Bibel und ihre Besitzer, das sie erstmals im Kommentarband zur Faksimile-Ausgabe des Berliner Exemplars veröffentlichte. Sie identifizierte 47 Stücke und ihre Besitzer. Seit der Veröffentlichung des Hubay-Verzeichnisses wurden zwei weitere Exemplare identifiziert, so dass heute von der Gutenberg-Bibel weltweit noch 49 bekannte Exemplare existieren. Diese sind teilweise nur noch einbändig oder in Fragmenten erhalten. 1987 wurde zuletzt eines dieser Bücher verkauft: Der Kaufpreis von 9,75 Millionen DM (rund 5 Millionen Euro) ist einer der höchsten, der je für ein Druckwerk bezahlt wurde.

Das Exemplar in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen wurde 2001 von der UNESCO in die Liste des Weltdokumentenerbes „Memory of the World“ aufgenommen.

Geschichte des Buchdrucks

Europa und Gutenberg

Die Buchdruck-Revolution bewirkte einen sprunghaften Anstieg der europäischen Buchproduktion. Das gedruckte Buch zu einem Massenartikel, der die Grundlagen der heutigen Wissensgesellschaft legte und entscheidend zur Entfaltung der Wissenschaften beitrug. Schlüssel seines Erfolges war die technische Reife des Systems nach langen Phasen erheblicher Rückschläge und nach hohen Investitionen auf Kredit und als Beteiligungen, die Gutenberg den wesentlichen kommerziellen Erfolgsanteil an seinen Bemühungen kosteten. Den frühen Drucker-Verlegern boten seine Erfindungen einige Profitchancen, wenn auch viele Drucker erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten hatten (großer Kapitalaufwand für die Herstellung der Metallettern, der Druckerpresse und für den Ankauf der Papiervorräte). Durch den Buchdruck wurden Bücher für eine breitere Allgemeinheit erschwinglich.

Medien- und technikhistorisch wird Gutenberg heute weniger als technischer Erfinder gewürdigt denn als technisch inspirierter Kaufmann, der ein Bedarfspotenzial mit erheblichen Geldmitteln erschloss. Dies deshalb, weil man seine 42-zeilige Bibel (B42) wie auch die Lutherbibel, die nach ihm der Durchbruch dieser Techniken war, auch ohne seine Erfindung der beweglichen Lettern druckmäßig hätte vervielfältigen können, denn der Text änderte sich ja nicht so schnell, sodass feste, „gravierte“ (embossierte) Platten ebenso gut bzw. besser als die Gebinde einzelner, eigentlich loser Lettern in der mittleren Auflage durchhielten.

Seine Kalkulationen auf der Grundlage zu hoher Erwartungen an die Auflagenfähigkeit/Produktivität seiner Techniken (zunächst kaum Vorteile zur Klosterhandschrift) sollten sich lange nicht erfüllen, was die Finanzierungen mehrfach ins Rutschen brachte. Der Durchbruch zu den großen, preiswerten Auflagen erfolgte nach der Einführung fester Druckplatten („mater-pater“-Verfahren durch Abgüsse vom Satz) in Verbindung mit der Schnelligkeit, in der Texte durch das Setzen vorgefertigter Lettern erstellt werden konnten.

Von Mainz aus breitete sich im 15. und 16. Jahrhundert die Buchdrucktechnik Gutenbergs in Europa aus:     1458 erste Druckerei in Straßburg     1464 in Basel     1465 in Köln, Rom     1467 in Eltville     1468 in Augsburg     1469 in Venedig     1470 in Nürnberg, Paris     1472 in Ulm     1473 in Krakau, Buda, in Spanien und England     1476 in Pilsen     1482 in Wien     1483 in Kosinj, (Lika, Kroatien)     1563 in Russland     1593 in Mexiko

Während es 1470 noch siebzehn Druckorte gab, erhöhte sich ihre Zahl bis zum Jahr 1490 auf 204 Druckorte. Bis 1500 gab es 252 Druckorte, von denen 62 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lagen. In der Frühdruckerzeit wurden durchschnittliche Auflagen von 150 bis 250 Exemplaren erreicht. Etwa 77 % aller Inkunabeln erschienen in lateinischer Sprache.

Zunächst wurden Bücher (Bibeln, Fachliteratur und Belletristik), daneben auch kleinere Texte wie Ablassbriefe, Kalender, Donate gedruckt. Im Laufe der Zeit entstanden Großbetriebe wie der von Anton Koberger in Nürnberg. Dieser beschäftigte bis zu 100 Arbeiter an 24 Pressen. Im 16. Jahrhundert bildete der Druck der Schriften Martin Luthers fast ein Drittel der gesamten Auflage. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts blieb das Verfahren des Setzens von Hand mit beweglichen Lettern unverändert. Erst mit der Einführung praxisgerechter Setzmaschinen (hierzu zählte ab 1886 speziell die Linotype-Setzmaschine) änderte sich vor allem für Zeitungen und Bücher das bisherige Setzverfahren. Auch die Bleisetzmaschinen produzierten Text für den Druck auf aktuellen Hochdruck-Druckmaschinen. Eine Kombination von bisherigen Einzellettern (z. B. für Überschriften) und Setzmaschinen-Textzeilen war ohne Einschränkung möglich.

Im russischen Kulturraum wurde der Buchdruck durch Iwan Fjodorow (1510–1583) etabliert, der 1563 ein Epistolarium in russischer Sprache druckte.

Der osmanische Sultan Ahmed III. erlaubte 1727 zwar İbrahim Müteferrika die Einrichtung einer Druckerei, verbot aber den Druck religiöser Schriften des Islam. Dieses Verbot wurde bis 1803 befolgt und hatte somit zur Folge, dass der Druck islamischer – im Gegensatz zu christlichen – Schriften erst ab 1817 Aufschwung erhielt.[5] Dieser wurde vor allem durch die Erfindung der Lithographie durch Aloys Senefelder ermöglicht, da damit z. B. der Koran in Handschrift gedruckt werden konnte. In dieser Zeit entstanden im Orient mehrere Druckereien.

Das Aufkommen des Buchdruckes führte zu einer Umstrukturierung der Werkstätten. Nun wurden Facharbeiter verschiedener Berufe notwendig. Eine neue Art des intellektuellen Austausches wurde möglich. Der Drucker führte alle ausgeführten Arbeiten zusammen. Sein Aufgabenbereich war die Beschaffung von Geld und die für den Druck benötigten Komponenten. Er stellte Arbeiter ein, verschaffte sich einen Überblick über den Buchmarkt und gab Rundschreiben und Flugblätter heraus. Zu Beginn musste der Drucker auch für den Absatz seiner Produkte sorgen, was später die Buchführer übernahmen. Schon früh setzte eine Arbeitsteilung zwischen der technischen Abteilung und der Finanzierung ein.

Rolle Gutenbergs

Gutenbergs technische Leistung bestand darin, eine Reihe von Verfahren zu entwickeln, die den Buchdruck erst ermöglichten:

Herstellung von Einzellettern in genügend großer Zahl und perfekter Passform

das Formenwechseln beim Gießen der Typen (siehe Handgießinstrument)

den Aufbau der Druckerpresse

den Setzkasten

Gutenbergs Leistung liegt auch in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Etablierung des Buchdruckes durch die erste Massenvervielfältigung der Bibel.

Bedeutung des Buchdruckes

Der Buchdruck ermöglichte die exakte Reproduktion von Wissen in einem zuvor nie gekannten Ausmaß. Während Bücher zuvor manuell in Skriptorien kopiert wurden, wurde der menschliche Faktor ersetzbar. Auch Abschreibfehler wurden vermeidbar.

Die Autorschaft bekam Bedeutung. Es wurde wichtig, wer etwas gesagt bzw. geschrieben hatte, was und wie jemand präzise formuliert hatte und wann dieses zu datieren war. Bücher wurden attraktiver und strukturierter, indem sich die Kennzeichnung durch Seitenzahlen (Paginierung), Inhaltsverzeichnisse, Register sowie Titelblätter durchsetzte.

Das Lesen veränderte sich: Während Bücher zuvor laut (vor-) gelesen wurden, entwickelte es sich zum heutigen Stilllesen. Eine allgemeine Alphabetisierung begann und leitete eine Bildungsrevolution ein. Das Denken veränderte sich in Anpassung an die Schriftform (lineares und kausales Denken). Die Methodik und die Wissenschaft neuer Bücher überbot bisweilen sogar die als verständliche Form von Begriffen, in bildlicher Form, die Metaphern. Man konnte Bücher auch ohne eine gedankliche Bildform verstehen.

Wissen wurde allgemein zugänglicher, da gedruckte Bücher preiswerter als die handschriftlich kopierten waren, da es mehr Exemplare eines Buches gab. So wurden Schriften in den Umlauf gebracht. Nach Neil Postmans Buch Das Verschwinden der Kindheit führt die Alphabetisierung (dort soziale Literalität genannt) zu einem Lebensabschnitt Kindheit, in welchem die Menschen sich durch das (Lesen-) Lernen vom „nicht mehr Säugling“ zum Erwachsenen entwickeln.

„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert und mehr als das Blei in der Flinte das Blei im Setzkasten“

– Georg Christoph Lichtenberg

Schwarze Kunst und Schriftsatz

Zunftwappen der Buchdrucker

Die Zeit von Gutenberg bis zur Umstellung auf den Computersatz um 1985 wird auch als „Bleizeit“ bezeichnet. Das weltweit erste, vollständig in Gold gedruckte Buch sind Die vier Bücher von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen, das in einer Prachtausgabe von nur 15 Exemplaren bei Gottlieb Haase Söhne in Prag im Jahre 1843 entstand. Das erste Exemplar wurde seiner Majestät Ernst August König von Hannover gewidmet, in dessen königlicher Bibliothek sich das mit Silbereinband und Königswappen versehene Exemplar befand.

Jahrhunderte befolgten die „Ritter der schwarzen Zunft“ ein hochdifferenziertes Regelwerk. Zwar gibt es in heutiger Zeit auch Textverarbeitungsprogramme, mit denen die Abstände der Buchstaben nach festen Regeln gesteuert werden und somit z. B. Ligaturen gesetzt werden können, jedoch geht das Wissen um die Schwarze Kunst mehr und mehr verloren. Weiterhin wird von einigen Künstlern der Buchdruck wie zu Gutenbergs Zeiten durchgeführt, und bei Treffen, beispielsweise in Mainz bei der Minipressen-Messe, wird noch die „Sprache der Schwarzen Kunst“ (Druckersprache) gepflegt. Dort geben Fachbegriffe den Ton an wie zum Beispiel:

Alphabet: eine Folge von 23 Druckbögen

Fliegenkopf: eine kopfüber gesetzte Letter, die ein schwarzes Kästchen erzeugt

Hochzeit: ein doppelt gesetztes Wort oder eine doppelt gesetzte Zeile

Hurenkind: die letzte Zeile eines Absatzes, wenn sie zugleich die erste einer neuen Spalte oder Seite ist

Leiche: ein fehlender Buchstabe oder ein fehlendes Wort

Schusterjunge: ein Seiten- oder Spaltenumbruch unmittelbar nach der ersten Zeile eines neuen Absatzes

Zwiebelfisch: ein im Text erscheinender Buchstabe einer falschen Schriftart

Veranstaltung vom 13.06.2018

Nikolaus Kopernikus (* 1473 in Thorn (Woiwodschaft Kujawien/Pommern); †  1543 in Frauenburg (Woiwodschaft Ermland/Masuren); eigentlich Niklas Koppernigk, latinisiert Nicolaus Cop[p]ernicus, polonisiert Mikołaj Kopernik) war ein Domherr des Fürstbistums Ermland in Preußen sowie Astronom und Arzt, der sich auch der Mathematik und Kartographie widmete.

In seinem Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ beschreibt er ein heliozentrisches Weltbild, nach dem die Erde ein Planet sei, sich um ihre eigene Achse drehe und sich zudem wie die anderen Planeten um die Sonne bewege. Darüber hinaus deutet er darin erstmals die langsame Verschiebung des Frühlingspunktes als Richtungsänderung der Erdachse. Kopernikus revolutionierte das bis dahin vorherrschende geozentrische Weltbild und steht damit am Beginn der neuzeitlichen Astronomie.

Leben

Nikolaus Kopernikus war der Sohn eines wohlhabenden Kupferhändlers und Schöffen in Thorn, und seiner Frau Barbara Watzenrode. Die Familie Koppernigk gehörte zur deutschsprachigen Bürgerschaft der Hansestadt Thorn im Kulmerland, der ältesten Stadt Preußens, die sich im Dreizehnjährigen Krieg im Verein mit dem Preußischen Bund aus dem Deutschordensstaat gelöst und sich 1467 als Teil des autonomen Königlichen Preußen dem König von Polen als Schutzherrn unterstellt hatte. Kopernikus’ Vater war zwischen 1454 und 1458 aus Krakau, wo er als Kupferhändler tätig gewesen war, nach Thorn umgesiedelt. Die Familie mütterlicherseits war ebenfalls wohlhabend. Sie stammte ursprünglich aus Wazygenrode. 1370 kam sie nach Thorn, wo Kopernikus’ Großvater Lukas Watzenrode (der Ältere) ab 1440 als Schöffe und später als Schöffenmeister tätig war.

Kopernikus’ Familie wurde in den dritten Orden des hl. Dominikus aufgenommen. Als sein Vater 1483 starb, war Nikolaus zehn Jahre alt. Der Bruder seiner Mutter, Lucas Watzenrode, seit 1489 Fürstbischof von Ermland, sorgte nach dem Tod der Eltern für die Ausbildung der vier Waisen. Der ältere Bruder Andreas wurde wie Nikolaus ebenfalls Domherr in Frauenburg, erkrankte aber um 1508 an Aussatz, wurde später ausgeschlossen und starb um 1518 vermutlich in Italien. Die ältere Schwester Barbara Koppernigk wurde Äbtissin im Kloster von Kulm, die jüngere Katharina heiratete einen Krakauer Kaufmann.

Ausbildung

Kopernikus wurde zunächst an der Sankt-Johannes-Schule in Thorn ausgebildet. In den Jahren 1488 bis 1491 besuchte er eine höhere Schule wahrscheinlich in Kulm (Chełmno),einer Nachbarstadt von Thorn, wo mehrere weibliche Verwandte von Kopernikus im Zisterzienserinnen-Kloster lebten, unter anderem Kopernikus’ Stieftante Katharina und später auch seine Schwester Barbara als Äbtissinnen. Von 1491 bis 1494 besuchte Kopernikus gemeinsam mit seinem Bruder Andreas die Universität Krakau, wo er die Sieben Freien Künste studierte. Er war dort unter anderem Schüler von Albert de Brudzewo, erlangte dort aber keinen Abschluss. Während dieser Zeit lernte er auch den schlesischen Gelehrten Laurentius Corvinus kennen, der später in Thorn tätig war.

1495 wurde Kopernikus zum Kanoniker der ermländischen Domschule in Frauenburg ernannt. Sein Onkel Watzenrode schickte ihn an die Universität Bologna, wo er zum Wintersemester 1496/1497 ein Studium beider Rechte begann, jedoch noch keinen akademischen Grad darin erwarb. In Bologna studierte Kopernikus neben Griechisch bei Urceus Codrus auch Astronomie und lernte bei Domenico Maria da Novara neuere Theorien zur Bewegung der Planeten kennen. Er erwarb sich dort den Titel eines Magister artium. Novara führte ihn in die Gedankenwelt des Neuplatonismus ein, für den die Sonne als materielles Abbild Gottes bzw. des Einen von herausgehobener Bedeutung war.

1500 verließ Kopernikus Bologna und verbrachte anlässlich des Heiligen Jahres einige Zeit in Rom, bevor er 1501 nach Frauenburg ins Ermland zurückkehrte. Er erbat eine Genehmigung für eine Verlängerung seines Studienaufenthaltens in Italien und begann noch im selben Jahr ein Medizinstudium an der Universität Padua. Parallel dazu setzte er sein Jurastudium fort. Während dieser Zeit wurde Kopernikus das Amt eines Scholastikers der Breslauer Kreuzkirche übertragen, das er nicht persönlich ausübte, jedoch bis kurz vor seinem Tod innehielt. Kopernikus und sein Bruder Andreas, welcher ebenfalls eine Studienerlaubnis erhalten hatte, hielten sich zeitweilig auch bei der Kurie in Rom als Bevollmächtigte des Frauenburger Domkapitels auf.

Zum Doktor des Kirchenrechts (Doctor iuris canonici) wurde Kopernikus am 31. Mai 1503, mit 30 Jahren, an der Universität Ferrara promoviert. Einen akademischen Grad in der Medizin erwarb er nicht.

Dom zu Frauenburg (heute Frombork)

Turm in Frauenburg, den Kopernikus mehrere Jahrzehnte bis zu seinem Tode 1543 besaß.

1503 kehrte er ins Ermland zurück und begann zunächst als Sekretär und Arzt für seinen Onkel Lucas Watzenrode, den Fürstbischof des Ermlandes, zu arbeiten. Kopernikus wurde Arzt und bekam durch seinen Onkel eine Stelle im ermländischen Domkapitel in Frauenburg, in hoc remotissimo angulo terræ („im hintersten Winkel der Welt“), wie er die Lage seiner Arbeitsstätte in der Vorrede an den Papst in seinem Hauptwerk beschrieb. Watzenrode plante, seinen Neffen ebenfalls Fürstbischof werden zu lassen.

Kopernikus hatte als Administrator die Regierungsgeschäfte zu regeln. In den Verhandlungen über die Reform des preußischen Münzwesens erarbeitete er die Position der preußischen Städte. Er gab dazu ein Schreiben heraus, das noch Jahrhunderte später als wegweisend für die Geldtheorie angesehen wurde. Im Jahr 1504 beteiligte sich Kopernikus an den Preußischen Landtagen in Marienburg und Elbing, 1506 sprach er auf der Preußischen Ständeversammlung in Marienburg. Als Administrator verfasste er 1516–1521 die Locationes mansorum desertorum (Die Verteilung der verlassenen Bauernhöfe).

Trotz der schwierigen Lage in Preußen, wo Städte und Menschen für und gegen die katholische Regierung kämpften, konnten Watzenrode, als Fürstbischof zugleich Landesherr, und sein Neffe Kopernikus die Eigenständigkeit des Ermlands gegenüber dem Orden und Selbstverwaltungsbefugnisse gegenüber der polnischen Krone bewahren. Zum Kanzler des Ermländer Domkapitels wurde Kopernikus 1510, 1519, 1525 und 1528 gewählt. Im Jahr 1510 unternahm Kopernikus als erste Amtshandlung als Kanzler, gemeinsam mit dem späteren Fürstbischof Fabian von Lossainen, eine Reise nach Allenstein. Im folgenden Jahr nahm er als Vertreter seines Onkels an der Hochzeit von Sigismund I. teil. Nach dem Tode des bisherigen Ermländer Bischofs Mauritius Ferber wurde Kopernikus 1537 von Tiedemann Giese als Bischof vorgeschlagen, unterlag jedoch Johannes Dantiscus von Höfen.

In den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Deutschen Orden und Polen vertrat Kopernikus genau wie sein Onkel die Seite des Preußischen Bundes, welcher mit Polen gegen den Deutschen Orden verbündet war. Nach der Zerstörung Frauenburgs durch Truppen Albrechts I. von Brandenburg-Ansbach 1520 im sogenannten Reiterkrieg verlegte Kopernikus seine Residenz nach Allenstein. Dort organisierte er die Verteidigung der Stadt gegen die Ordensritter. Kopernikus kehrte 1521 nach Frauenburg zurück. Er wurde Teil einer königlich-polnischen Gesandtschaft zum Hochmeister des Ordens und Kommissar von Ermland zur Rückerstattung von Besitztümern der polnischen Krone. Von König Sigismund von Polen erlangte er die Freigabe ermländischer Orte, die von (befreundeten) polnischen Truppen besetzt waren. Eine Freigabe von Orten, die von Truppen des Deutschen Ordens besetzt waren, war jedoch nicht zu erreichen.

Kopernikus praktizierte noch in seinem 69. Lebensjahr als Arzt, als Herzog Albrecht sich am 6. April 1541 schriftlich mit der Bitte an ihn wandte, dem erkrankten Georg von Kunheim der Ältere, Amtshauptmann auf Tapiau, zur Seite zu stehen. Für seinen Schriftverkehr benutzte Kopernikus bis ins hohe Alter entweder die lateinische oder die deutsche Sprache.

Wirken

Astronomische Forschung

Kopernikus betätigte sich als beobachtender Astronom, allerdings mit Hilfsmitteln, die – gemessen an den Möglichkeiten seiner Zeit – recht primitiv waren. Welcher Art seine Instrumente waren, ist nicht genau bekannt; gesichert scheint nur die Benutzung eines Dreistabs. Es sind nur 63 eigene Beobachtungen bekannt, von denen er nur einen kleineren Teil für sein Hauptwerk verwendete. Die von ihm angestrebte Genauigkeit lag bei 10 Bogenminuten, welche er zum Teil erheblich verfehlte, während der dänische Astronom Tycho Brahe (1546-1601) wenig später bereits die Genauigkeit einer halben Bogenminute erreichte. Kopernikus stützte sein Hauptwerk weitestgehend auf die ihm zur Verfügung stehenden antiken Daten.

Entstehungsgeschichte „Über die Umschwünge der himmlischen Kreise“ (De revolutionibus orbium coelestium)

In seinem unveröffentlichten Commentariolus stellte Kopernikus seine Theorie vom Umlauf der Planeten um die Sonne und der durch die Drehung der Erde bedingten scheinbaren Bewegung der Fixsterne auf. Kurz vor seinem Tode im Jahre 1543 veröffentlichte er seine Schrift „De revolutionibus orbium coelestium“, in der er die Präzession des Frühlingspunktes durch eine langsame Bewegung der Erdachse erklärte. < Speziell in der Astronomie ist mit Präzession die Richtungsänderung der Erdachse gemeint, die eine Folge der Massenanziehung des Mondes und der Sonne in Verbindung mit der Abweichung der Erdfigur von der Kugelform ist. Sie äußert sich durch das Fortschreiten des Frühlingspunkts entlang der Ekliptik, woraus sich auch die Bezeichnung Präzession herleitet. >> Kopernikus benutzte bei der Beschreibung der Planetenbahnen Überlagerungen von gleichförmigen Kreisbewegungen mit einem Zentrum in der Nähe der Sonne. Sämtliche Vorgänger von Kopernikus folgten der Auffassung Hipparchs von Nicäa (190-120 v. Chr.), des bedeutendsten griechischen Astronoms siner Zeit, der als Ursache für die Präzession eine langsame Drehung der Fixsternsphäre annahm. Kopernikus’ Freunde aus der Geistlichkeit versuchten Kopernikus zur Veröffentlichung seiner astronomischen Arbeiten zu bewegen. Kardinal Schönberg bot an, die Kosten des Buchdrucks zu tragen. Lange zögerte er damit, weil er eine Ablehnung durch das wissenschaftliche oder kirchliche Establishment befürchtete.

Kurz vor Kopernikus’ Tod im Jahre 1543 erfolgte in Nürnberg die Veröffentlichung des Papst Paul III. gewidmeten Hauptwerkes „De revolutionibus orbium coelestium (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise)“. Kopernikus war nicht der erste Wissenschaftler an der Wende zur Neuzeit, der ein heliozentrisches System in Betracht zog. Vor ihm wurde dieser Gedanke von Nikolaus von Kues, dem allerdings die Mittel für eine mathematische Ausarbeitung fehlten, und von Regiomontanus diskutiert, dessen früher Tod seinem Werk ein vorzeitiges Ende setzte. Kopernikus baute auf den Werken dieser beiden Wissenschaftler auf.

Nachwirkung

Kopernikus’ Theorie stieß nach ihrer Veröffentlichung auf einhellige Ablehnung sowohl bei Katholiken als auch bei Protestanten. Einzig bei einigen Neuplatonikern fand er Zustimmung. Entgegen einer landläufigen Ansicht wurde die Propagierung des heliozentrischen Weltbildes zu seinen Lebzeiten keineswegs als Ketzerei angesehen, sondern allenfalls als Hirngespinst. Immerhin schien ja das geozentrische System wesentlich besser mit dem gesunden Menschenverstand übereinzustimmen als eine sich bewegende Erde: Bei der Bewegung müsste man doch einen Fahrtwind spüren, fallende Gegenstände eine schräge Bahn besitzen, auch sollten die Fixsterne im Jahresverlauf eine scheinbare Kreisbewegung ausführen, argumentierten die Gegner des Kopernikus entsprechend der Lehre des Ptolemäus.

Martin Luther wird eine kritische Äußerung über die zentrale These des Kopernikus zugeschrieben, nach der das heliozentrische Weltbild der Bibel widerspreche, da es im Alten Testament heißt, Josua habe im Kampf gegen die Amoriter Mond und Sonne befohlen stillzustehen (Jos 10,12-13 LUT). Bei dieser Luther zugeschriebenen Äußerung handelt es sich nach dem Physiker und Wissenschaftshistoriker Andreas Kleinert um eine „handgreifliche Geschichtslüge“. Wie er nachweisen kann, wurde Luther erst im 19. Jahrhundert während des Kulturkampfes von zwei katholischen Historikern zum Gegner des kopernikanischen Weltsystems gemacht. Da überhaupt nur eine einzige Äußerung Luthers hierzu bekannt sei, liege der Schluss nahe, dass sich der Reformator für dieses Thema gar nicht interessiert habe. Eine Ablehnung der heliozentrischen Lehre erfolgte von protestantischer Seite u. a. durch Melanchthon.

Während das Werk des Kopernikus zunächst als reines Rechenmodell verwendet wurde, lieferten die Beobachtungen von Galileo Galilei von 1610 an überzeugende Argumente für die physikalische Realität des heliozentrischen Systems. Den physikalischen Nachweis konnten aber erst James Bradley 1728 mit der Entdeckung der Aberration des Lichtes und 1838 Friedrich Wilhelm Bessel mit der ersten sicheren Bestimmung der Fixsternparallaxe erbringen. Johannes Kepler fand mit den ellipsenförmigen Planetenbahnen, die er in seinen drei Gesetzen beschrieb, das korrekte mathematische Modell. Isaac Newton lieferte mit dem Gravitationsgesetz schließlich die physikalische Begründung der Keplerschen Gesetze, auf die sich das heliozentrische Weltbild stützt.

Ökonomie und Münzwesen

Im Deutschordensstaat bestand eine einheitliche und verhältnismäßig wohl geregelte Währung. Mit seinem im 15. Jahrhundert einsetzenden Niedergang gestalteten sämtliche inzwischen vorhandenen Münzherren (Hochmeister, Könige von Polen, westpreußischer Städtetag) ihre Münzen ständig leichter. Kopernikus hat sich ab 1517 mit dem Münzwesen beschäftigt und dabei als erster die Quantitätstheorie des Geldes formuliert, wonach Inflation durch eine Zunahme der Geldmenge entsteht.

Er nahm regelmäßig in beratender Funktion an Besprechungen zur Erarbeitung einer neuen Münzordnung teil. In seinen Münzdenkschriften ging Kopernikus als theoretisch geschulter Denker zur Klärung der praktischen Probleme auf die Begrifflichkeit zurück und fand dabei die Doppelfunktion des Geldes, zugleich Maßstab der Preise und Zirkulationsmittel zu sein. Bereits vor Thomas Gresham formulierte er das später so genannte Greshamsche Gesetz, wonach schlechtes Geld mit geringem Edelmetallgehalt gutes Geld mit hohem Edelmetallgehalt verdrängt. Die Angelegenheit wurde durch den polnischen König Sigismund I. in seiner Münzordnung von 1528 pragmatisch und ohne Berücksichtigung der Erkenntnisse des Kopernikus vorläufig entschieden. Außer seiner Macht als oberster Landesherr hatte der König den Vorteil, dass seine Position sich etwa zwischen der der Stände und der des Herzogs befand. Die preußischen Städte behielten ihre vorherigen Rechte zum eigenen Münzschlagen. Die vergleichbaren Münzwerte königlich- und herzoglich-preußischer, polnischer und litauischer Währung schufen das größte Währungsgebiet des damaligen Europas.

Die von Kopernikus entworfene Brotpreisordnung war Teil seiner administrativen Tätigkeit. Die Ordnung zeichnet sich durch für die Zeit untypische mathematische Betrachtungen aus. Kopernikus stellt einen funktionalen Zusammenhang her, der zu einer Hyperbel führt, die im 16. Jahrhundert analytisch nicht zu beschreiben war. Er widmet sich darin einem Problem, das vermutlich bereits römischen Ursprungs und in der praktischen Mathematik unter dem Begriff des Pfennigbrotes bekannt ist.

Kopernikus war der bedeutendste ökonomische Denker nach Aristoteles und vor der bürgerlich klassischen Epoche der Wirtschaftstheorie, er war der erste, der die naturalwirtschaftlichen Schranken, die dem ökonomischen Denken des ausgehenden Mittelalters noch gezogen waren, durchbrach, indem er das Steigen und Sinken des Geldwertes widerspruchsfrei erklärte, dadurch die Gesetzmäßigkeiten dieser Bewegung erkannte und anerkannte und sie folglich als einen ausschließlich ökonomisch deutbaren Sachverhalt behandelte.

Ehrungen

Das heliozentrische Weltbild wird oft als „kopernikanisches Weltbild“ bezeichnet. Nach Kopernikus wurden das chemische Element Copernicium, der Stern Copernicus, der Mondkrater Copernicus und der Asteroid (1322) Coppernicus benannt, ebenso die 1945 in Toruń gegründete Universität sowie das im Herbst 2010 in Warschau eröffnete multimediale Wissenschaftszentrum Centrum Nauki Kopernik.

Am 19. Februar 2010, seinem 537. Geburtstag, wurde das von Wissenschaftlern der Thorner Universität betreute Webportal Nicolaus Copernicus Thorunensis freigeschaltet.

Zu seinem 500. Geburtstag fanden in Polen, den beiden deutschen Staaten und weltweit zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. Kopernikus wird bis heute von deutscher und polnischer Seite jeweils für die eigene Nation beansprucht, wobei die Vereinnahmung in Polen Bestandteil staatlicher Politik ist: Am 12. Juni 2003 verabschiedete der Polnische Senat, die zweite Kammer des polnischen Parlaments, eine Erklärung zur Erinnerung an den großen Polen Mikołaj Kopernik.

Seit dem 6. Dezember 2005 trägt der Breslauer Flughafen seinen Namen.

Veranstaltung vom 19.06.2018

Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim

Agrippa von Nettesheim (1533)

Heinrich Cornelius, genannt Agrippa von Nettesheim, nach dem Gründer der Stadt Köln, römischer Feldherr, Schwiegersohn des Kaisers Augustus – latinisiert Henricus Cornelius Agrippa ab/de Nettesheym/Nettesheim (* 14. September 1486 in Köln; † 18. Februar 1535 in Grenoble) war ein deutscher Universalgelehrter, Theologe, Jurist, Arzt und Philosoph. Er zählt in seiner Auseinandersetzung mit Magie, Religion, Astrologie, Naturphilosophie und mit seinen Beiträgen zur Religionsphilosophie zu den bedeutenden Gelehrten seiner Zeit.

Leben

Heinrich Cornelius stammte aus einer verarmten Kölner Adelsfamilie. Er hatte eine Schwester. Über seine Kindheit und frühe Jugend ist nichts bekannt. Die Matrikel der Universität zu Köln verzeichnet für den 22. Juli 1499 die Immatrikulation des Henricus de Nettesheym, Sohn des gleichnamigen Vaters, der als Kölner Bürger möglicherweise in den Diensten des Hauses Österreich stand, an der Fakultät der freien Künste. Im Dekanatsbuch der Artistenfakultät wurde Heinrich Cornelius, genannt Agrippa von Nettesheim, am 29. Mai 1500 für das Baccalaureat/Bachelor zugelassen. Ein Eintrag vom 1. Juli 1500 verzeichnet den Beginn der Determination und am 14. März 1502 die Zulassung zur Licentiatenprüfung.

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Die Determination (determinatio) war die abschließende Disputation, der sich ein Student vor Erlangung des akademischen  Grades eines Bakkalars zu unterziehen hatte. Nach Absolvierung der vorgeschriebenen Vorlesungen und Disputationen suchte er bei der Fakultät um die Zulassung zur Determination an. Nach erfolgreicher Prüfung durch die Examinatoren wurden die zugelassenen Kandidaten gereiht (locatio); diese Reihung berücksichtigte nicht nur das Wissen und die Verweildauer an der Universität, sondern auch den sozialen Rang der Kandidaten. Nach erfolgreicher Disputation fand die Promotion statt.

Ein Lizenziat (auch Lizentiat; von lateinischen licentiatus abgeleitet, abgekürzt lic.) ist der Inhaber einer akademischen Licentia docendi (Erlaubnis zu lehren). Es ist ein akademischer Grad, der ursprünglich im Anschluss an das Bakkalaureat und dann teils als Vorbedingung für den Magister oder das Doktorat, teils auch als mehr oder minder gleichrangiges Äquivalent erworben wurde. In der Stellung des Lizentiats zu anderen akademischen Graden sind auch die Epoche, das Land, die Universität und die Fakultät zu berücksichtigen.

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Über weitere universitäre Abschlüsse in Köln ist nichts bekannt. Der autodidaktische Studienplan Agrippas umfasste Latein, Astrologie, Theologie, Grundlagen des magischen Denkens, hermetische Bücher ,

< Hermetik (auch Hermetismus) ist die neuzeitliche Bezeichnung für eine antike, vor allem in der Renaissance stark nachwirkende religiös-philosophische Offenbarungslehre. Der Name bezieht sich auf die mythische Gestalt des Hermes Trismegistos (griechisch Ἑρμῆς Τρισμέγιστος Hermḗs Trismégistos), des „dreifach größten Hermes“, der als der Wissensspender galt.

In der Frührenaissance wurde das zuvor verschollene Corpus Hermeticum, eine Sammlung antiker hermetischer Offenbarungsschriften, entdeckt. Marsilio Ficino übersetzte es aus dem Griechischen ins Lateinische. Die Wirkung war stark und nachhaltig, denn viele Renaissance-Humanisten hielten Hermes Trismegistos für einen Verkünder altehrwürdiger Weisheitslehren aus der Zeit der alttestamentlichen Propheten. Man glaubte, dass seine Lehren mit dem christlichen Glauben vereinbar seien und diesem sogar eine Stütze bieten könnten. Der humanistischen Hermesverehrung wurde jedoch die Grundlage entzogen, als Isaac Casaubon 1614 die kaiserzeitliche Entstehung des angeblich uralten Corpus nachwies. Dennoch faszinierten die hermetischen Offenbarungen weiterhin in okkultistischen und esoterischen Kreisen.>

orphische Hymnen,

>>>Orphische Dichtung ist die Bezeichnung für das Schrifttum der antiken Orphiker in Versform. Die Gedichte wurden von den Orphikern, die sie verfassten, dem mythischen Sänger Orpheus zugeschrieben. Die Überzeugung, dass der fiktive Autor Orpheus tatsächlich die Gedichte verfasst habe, war in der Antike auch außerhalb orphischer Kreise weit verbreitet und wurde noch in der Renaissance vertreten. Die orphische Dichtung besteht hauptsächlich aus mythischen Schilderungen der Weltentstehung (Kosmogonie) und Hymnen. Das Versmaß ist immer der Hexameter.>>>

Kabbala,

Die Kabbala (auch Kabbalah), übersetzt „das Überlieferte“, ist eine mystische Tradition des Judentums und bezeichnet sowohl bestimmte („kabbalistische“) überlieferte Lehren als auch bestimmte überlieferte Schriften.[1] Sie steht in einer jahrhundertelangen mündlichen Überlieferung, deren Wurzeln sich im Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums, finden.

Die Basis kabbalistischer Traditionen ist die Suche des Menschen nach der Erfahrung einer unmittelbaren Beziehung zu Gott. Es gibt verschiedene kabbalistische Schriften und Schulen, aber keine Dogmatik oder abprüfbaren Lehrinhalt, also keine allgemeingültige kabbalistische Lehre.

Des Weiteren gibt es eine reichhaltige schriftliche Überlieferung zum Teil gegensätzlicher kabbalistischer Strömungen (beispielsweise die ekstatische und die theosophische Richtung in der älteren Kabbala). Als bedeutendstes Schriftwerk der Kabbala gilt der Zohar, ein pseudepigraphisches Werk aus der theosophischen Richtung der älteren Kabbala.

Die schriftliche Überlieferung und Produktion der Kabbala enthält auch gnostische, neuplatonische und christliche Elemente. Seit Pico della Mirandola (15. Jahrhundert) wird die Kabbala auch in nichtjüdischen Kreisen fortgeführt (vgl. Christliche Kabbala, Hermetische Kabbala).>>>

Weitere Studienfächer: Römisches Recht, Medizin, Mechanik, Optik und Geometrie.

1502 oder 1503 (mit 16 Jahren) wechselte Agrippa den Studienort und reiste nach Paris, von 1507 stammen die ältesten bekannten und erhaltenen Briefe. Mit finanzieller Unterstützung wohlhabender Bürger führte er während dieser Zeit auch die ersten umfangreichen alchemistischen Experimente durch.

Im Jahre 1508 reiste er mit Freunden nach Spanien und heuerte etliche Söldner an, um nach einem Hilferuf seines Freundes, des Basken Janotus, dessen Burg zurückzuerobern. Nach dem Sieg wendete sich aber das Blatt, weil eine Überzahl an unzufriedenen Bauern die Burg umlagerte, die letzte Zuflucht in einem Turm bestand und das Aushungern drohte. Agrippa ließ einen Soldaten, dem er die Schreckensmale der Pest auf das Gesicht künstlich auftrug, unter die belagernden Bauern gehen, die in Panik vor einer Ansteckung das Weite suchten. Agrippa, seinen Freunden und den Söldnern gelang die Flucht. Nach Aufenthalten in Lyon und Autun hielt der von Geldnot geplagte Agrippa im Frühjahr 1509 als Dozent bzw. Professor an der Universität Dole < Die Universität Dole war eine Hochschule in Dole in der Freigrafschaft Burgund. Sie bestand von 1422 bis 1691 und war eine der wichtigsten Universitäten für Zivilrecht und Kanonisches Recht in Westeuropa. > Vorlesungen über Johannes Reuchlins Werk De verbo mirifico (Das wundertätige Wort), und zwar auf Einladung des Kanzlers der Universität und Erzbischofs von Besançon Antoine I. de Vergy. Da er anscheinend wieder ein festes Einkommen bezog, wurden seine Vorlesungen kostenlos angeboten.

Die Vorlesungen stießen auf großes Interesse, aber auch auf heftige Kritik von Seiten des Provinzials der burgundischen Franziskaner, Jean Catilinet. Während einer Fastenpredigt in Gent (nach Antwerpen zweitgrößte Stadt in Flandern), bei der sich auch die Regentin Margarete von Österreich (Statthalterin der habsburgischen Niedeerlande) mit ihrem Hofstaat unter den Zuhörern befand, bezeichnete Catilinet Agrippa als „judaisierenden Häretiker“. Agrippa verließ nach einiger Zeit Dole und reiste nach England. Hier verfasste er ein Jahr später ein in Briefform an Catilinet gerichtetes Rechtfertigungsschreiben, das unter dem Titel Expostulatio cum Joanne Catilineti auch in den gesammelten Abhandlungen von 1529 gedruckt wurde.

Noch in Dole verfasste Agrippa außerdem eine „Declamatio de nobilitate et praecellentia foeminei sexus“ zum Lob des weiblichen Geschlechts. Themen sind historische Leistungen von Frauen, Erziehungskritik und vieles mehr. Eine These lautet, Frauen seien unbestechlich, deshalb sei die Korruptionskultur in Kirche und Staat eine rein männliche Domäne. Agrippa versuchte, sich durch diese Schrift die Gunst Margaretes von Österreich und damit auch eine akademische Festanstellung am Hofe zu sichern. Durch Jean Catilinet, der zugleich Hofprediger war, wurde der Druck der Schrift und auch das ehrenvolle Amt am Hof verhindert.

Ende 1509 zurück in Köln, nahm Agrippa Kontakt zu dem berühmten Gelehrten, Hexentheoretiker und Abt Johannes Trithemius des Benediktinerklosters zu Sponheim, der seit 1506 in Würzburg als Abt am Schottenkloster wirkte, auf, dem ein längerer Arbeitsbesuch seitens Agrippas folgte. Während dieser Zusammenkunft verfasste Agrippa mit Johannes Trithemius und auf dessen Anregung hin bis zum Frühjahr 1510 sein dreibändiges Hauptwerk mit dem Titel „De occulta philosophia“ über die bis dahin bekannte Magie, eine erstmalige systematische Zusammenfassung durch Verifizierung und Klassifizierung dieses Wissens seiner Zeit. „Dieses gelehrte Kompendium von riesenhaften Ausmaßen bildete die Grundlage für den frühen Ruhm und eilfertige Verleumdungen, obwohl auch dieses Werk erst Jahrzehnte später in einer gedruckten Fassung erschien.“

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De Occulta Philosophia, Libri tres

Dieses Frühwerk des 23-jährigen Agrippa entstand in einer Zeit des Umbruches. Scheiterhaufen nahmen beängstigend zu, Kriege ließen wenige in Frieden, die Reformation spaltete katholische Kirchenhoheit, Copernicus beendete das geozentrische Weltbild und erschütterte das Abendland. Mit De Occulta Philosophia (Von der verborgenen Philosophie) gelang ihm auf Anhieb eine Art frühhumanistischer „Bestseller“. Er stellte darin streng systematisch die Astrologie, Kabbala, Theologie, Mantik, Evokationsmagie, Angeologie, Amulett- und Talismanzauber einträchtig nebeneinander und verteidigte seine „heilige Magie“ in elegantem Stil gegen „Zauberer“ und „Teufelsbeschwörer“. Zu seiner Zeit war dies für ihn lebensgefährlich und bei seinen Lesern sensationell. Deshalb erschienen innerhalb von nur drei Jahren drei Auflagen in Antwerpen, Paris und Köln (1530–1533).

„Die magische Wissenschaft, der so viele Kräfte zu Gebot stehen, und die eine Fülle der erhabensten Mysterien besitzt, umfasst die tiefste Betrachtung der verborgensten Dinge, das Wesen, die Macht, die Beschaffenheit, den Stoff, die Kraft und die Kenntnis der ganzen Natur. Sie lehrt uns die Verschiedenheit und die Übereinstimmung der Dinge kennen. Daraus folgen ihre wunderbaren Wirkungen; indem sie die verschiedensten Kräfte miteinander vereinigt und überall das entsprechende Untere mit den Gaben und Kräften des Oberen verbindet und vermählt. Die Wissenschaft ist daher die vollkommendste und höchste, sie ist eine erhabene und heilige Philosophie, ja sie ist die absolute Vollendung der edelsten Philosophie.“ (De Occulta Philosophia, Buch I, K. 2, S. 13)

Metaphysik

In seinem Hauptwerk De occulta Philosophia vertritt Agrippa von Nettesheim einen Neuplatonismus. Die Auffassung in seinem Hauptwerk hat zumindest bis zur Verfassung der Declamatio („Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaft und die Verteidigungsschrift“) Gültigkeit. Seine Lehre von Gott ist zum Teil noch christlich, aber man kann sich die Frage stellen, ob er nicht beispielsweise der Ansicht der Trinität nur deswegen war, weil er dadurch dem Häresieverdacht entgehen konnte. In der Occulta Philosophia ist einerseits von Vater, Sohn und Heiliger Geist die Rede, auf der anderen Seite ist der Gottesbegriff aber auch platonisch oder vielmehr neuplatonisch im antiken (heidnischen) Sinne. Denn Agrippa spricht auch von einem Gott, in dem alle Dinge als Ideen vorhanden sind. Die Ideenlehre wurde so im gewissen Sinne auch von christlichen Neuplatonikern wie Augustinus gesehen. Was Augustinus allerdings nicht mehr vertreten hat, ist der Begriff der Weltseele. Dieser stammt aus dem Timaios von Platon und wurde im Neuplatonismus von Plotin eins zu eins übernommen. Der Unterschied zwischen der christlichen Trinitätslehre und der Lehre von Plotin ist, dass Plotin die göttlichen Hypostasen (das Eine, den Geist und die Weltseele) als hierarchisch betrachtet. Ganz oben in der Hierarchie steht das Eine (Gott), aus dem alles andere hervorgeht und in das alles wieder zurückkehrt. Das Eine ist Einheit, während der Geist oder die Weltseele bereits „Zweiheiten“ sind. Die Lehre der „Dreieinigkeit“ spricht von einem „dreieinigen“ Gott, der wiederum nicht mehr so stark hierarchisch zu denken ist wie im Neuplatonismus von Plotin. Außerdem wird Gott von den Griechen (Platon, Plotin, Proklos, Porphyrius etc.) nicht als „Subjekt“ gesehen.

Was Agrippa vom mittelalterlichen Neuplatonismus (Augustinus, Eriugena etc.) damit noch unterscheidet, ist der Gedanke, dass der Kosmos von den Kräften des Archetypus durchströmt wird. In gewisser Weise ist damit Gott auch „in der Welt“. Die Welt als ganze kann als „Inkarnation Gottes“ betrachtet werden. Andere Neuplatoniker sprechen vom Abbild Gottes (auch die christlichen). Insofern ist der Unterschied zum Christentum immer nur sehr gering und daher konnte Agrippa möglicherweise auch der Inquisition entkommen. Agrippa vertritt auch einen „Panpsychismus“ und das unterscheidet ihn sowohl von Plotin als auch von christlichen Neuplatonikern des Mittelalters. Im Kapitel 56 der „Occulta Philosophia“ heißt es:

„… denn da der Weltkörper ein ganzer Körper ist, dessen Teile die Körper aller Lebewesen sind, und da, je vollkommener und edler der Weltkörper als der Körper der einzelnen Wesen ist, wäre es absurd anzunehmen, daß, wenn jedes unvollkommene Körperchen und Weltteilchen… Leben besitzt und eine Seele hat, die ganze Welt als vollkommenster und edelster Körper weder lebe, noch eine Seele habe.“

Hier wird implizit auf die Weltseele hingewiesen. Gleichzeitig kommt beim Zitat eindeutig durch, dass alle Dinge eine Seele haben (auch die Materie) und damit widerspricht Agrippa mittelalterlichen Vorstellungen eindeutig. Auch bei Plotin war die Materie (das Böse) gleichzeitig auch unbeseelt. Jene „Aufwertung“ der Materie wird bei Giordano Bruno noch viel stärker betont werden, so dass dieser sogar in den Verdacht kam, einen Pantheismus zu vertreten. Der Panpsychismus ist ein typisches Kennzeichen des Neuplatonismus der Renaissance.

Welche Rolle spielt der Mensch oder vielmehr die menschliche Seele in diesem Weltbild? Der Mensch ist getreu der neuplatonischen Weltanschauung Abbild Gottes und stellt einen Mikrokosmos dar. So kommt es, dass Agrippa auch die einzelnen Glieder und Organe des menschlichen Körpers jeweils bestimmten Gestirnen zuordnet, wie z. B. die Milz dem Saturn oder das rechte Ohr dem Jupiter. Agrippa lehnt sich sehr eng an die Lehre des Averroës an, wenn er von den vier inneren Sinnen spricht (Gemeinsinn, Einbildungskraft, Phantasie, Gedächtnis). Auch bei der Seelenlehre versucht Agrippa immer, dass seine Lehre mit der christlichen im Einklang bleibt, was freilich nicht immer gelingt .

Auch bei den Aussagen über den Zustand der menschlichen Seele nach dem Tode bleiben die Aussagen von Agrippa in gewisser Weise widersprüchlich. Er kommt auch hier offensichtlich mit der Lehre des Christentums in Schwierigkeiten. Zum einen weist er auf die Lehre der „Wiedervergeltung“ (Reinkarnation) hin, ohne sich selbst zu der angeführten Meinung zu äußern. Ein Zitat aus der „Occulta Philosophia“ soll die angeführte These unterstreichen (Vgl.: Kap. 41 Occulta Philosophia):

„Auf diese Weise, glaubte der große Origenes, seien auch die Worte Christi im Evangelium auszulegen: Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen. Auch die heidnischen Philosophen glauben an derartige Vergeltung und nennen sie Adrastea, d. i. die Macht der göttlichen Gesetze, wonach in künftigen Zeiten einem jeden vergolten wird nach der Beschaffenheit und den Verdiensten seines früheren Lebens, so daß, wer ungerecht im vorigen Leben herrschte, in andern in den Zustand der Sklaverei gerät, wer seine Hände mit Blut besudelte, gleiche Vergeltung erleiden muß, und wer einen tierischen Lebenswandel führte, in einen tierischen Körper eingeschlossen wird.“

Er bezieht sich auf die Lehre der Wiedergeburt und versucht, diese mit der heiligen Schrift in Einklang zu bringen. Es wird aus diesem Zitat offensichtlich, dass Agrippa ähnlich Platon, Plotin oder später auch Bruno an Seelenwanderung glaubte. Agrippa verbindet ähnlich Giovanni Pico della Mirandola unterschiedliche Lehren verschiedener Religionen.

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Kaiser Maximilian I. schickte 1510 viele Gesandte nach England, um auf die kommende Politik von König Heinrich VIII. einzuwirken. Agrippa wurde vom Kaiser wegen seiner Sprachbegabung ausgewählt (acht Sprachen beherrschte er, sechs davon fließend) und mit geheimen kaiserlichen Instruktionen nach England geschickt. Hier besuchte er auch die Vorlesungen des Humanisten John Colet an der Universität Oxford über die Besonderheiten des paulinischen Christentums. Einige Zeit verweilte Agrippa auf Einladung des Gelehrten in dessen Haus in London.

<<< John Colet (* 1467 in London; † 18. September 1519 ebenda) war ein britischer katholischer Priester und prominenter Londoner Theologe, der als Übersetzer des Neuen Testaments ins Englische zum Wegbereiter der Reformation in Großbritannien wurde. Als enger Freund des Humanisten Erasmus von Rotterdam gründete er die Oxford School zur Erziehung und Ausbildung katholischer Theologen im Geist der humanistischen Toleranz.>>>

Zurück in Köln hielt Agrippa 1511 Vorlesungen an der Universität über Theologie. In dieser Zeit begann der Streit der Kölner Dominikaner, darunter Johannes Pfefferkorn, gegen den Gelehrten Johannes Reuchlin wegen der Verfemung judaistischen Schrifttums. Agrippa bezog zu diesem Streit auch Stellung und warf den Gegnern Johannes Reuchlins Ungelehrtheit vor. Dieser Streit, der noch jahrelang an vielen Universitäten von bedeutenden Gelehrten geführt wurde, reichte bis zu den späteren Dunkelmännerbriefen.

Noch im selben Jahr reiste Agrippa nach Italien, um nach eigenen Angaben in Triest als Kaiserlicher Offizier eine schwer bewachte Kriegskasse durch das Land zu begleiten. Ende 1511 nahm er am Konzil zu Pisa teil. Anfang 1512 reiste er nach Pavia und hielt unter anderem Vorlesungen an der dortigen Universität über den Philosophen Platon. Mitte 1512 kämpfte er als Offizier im Heer Kaiser Maximilians I. gegen die Venezianer und wurde wegen Tapferkeit vor dem Feind noch auf dem Kampfplatz zum Ritter, Eques auratus, geschlagen. 1513 begleitete er in diplomatischen Missionen unterwegs auch als Theologe den Kardinal von Santa Croce zum Konzil in Pisa, bei dem Giovanni de’ Medici zum Papst Leo X. gewählt wurde. Nach der Wahl Papst Leos X. wurde Agrippas Exkommunikation durch eine Rekonziliation aufgehoben. Im Jahr 1515 hielt er in Pavia Vorlesungen über „Hermes Trismegistos“ und die ihm zugeschriebenen Zauber und Offenbarungsbücher, im Wesentlichen die hermetischen Schriften Picatrix und Pimander aus dem Corpus Hermeticum.

In Metz wurde Agrippa von den Stadtoberen ausgewählt, eine wegen Hexerei angeklagte Frau aus dem Dorf Woippy vor dem Inquisitor Claudius Salini zu verteidigen. Man ging von einer Verurteilung aus, deswegen ließ man Agrippa freie Wahl bei seiner Verteidigung. In dem sich hinziehenden Prozess schaffte Agrippa es aber, den aus dem Hexenhammer (Malleus maleficarum) rezitierenden Inquisitor zu widerlegen, und die Frau wurde freigesprochen. <Der Hexenhammer (lateinisch Malleus maleficarum) ist ein Werk zur Legitimation der Hexenverfolgung, das der Theologe und Dominikaner Heinrich Kramer (lateinisch Henricus Institoris) im Jahre 1486 in Speyer veröffentlichte und das bis ins 17. Jahrhundert hinein in 29 Auflagen erschien.>> Dadurch fiel Agrippa selbst bei Obrigkeit und Stadtherren in Metz in Ungnade. Öffentliche Dispute mit dem Klerus und die Gerüchte der einfachen Bürger („Wer gegen die Inquisition gewinnt, kann nur ein Teufelsbündler sein.“) machten ihm das Leben in Metz immer schwerer. Überall in der Stadt wurden Gerüchte gestreut, wonach Agrippa selbst ein Schwarz- oder Teufelskünstler sei, der heimlich Zaubergeister beschwöre. „Damit war der Grundstein für eine Legende gelegt, die Agrippa zeit seines Lebens über das Grab hinaus verfolgen sollte.“

Am 25. Januar 1520 verließ Agrippa Metz und reiste nach Köln, dort schrieb er die Streitschrift „De beatissime Annae monogamia“. Im Juli des Jahres traf er sich in Köln mit dem antiklerikalen Reichsritter und führenden Reformator Ulrich von Hutten. Agrippa wurde auch zu der Zeit der magische Teil der Bücher und Schriften aus dem Erbe von Trithemius ausgehändigt.

1522 wurde Agrippa Direktor des Stadtkrankenhauses von Genf. 1523 versuchten die Stadtherren von Genf vergeblich, Agrippa zum Bleiben zu bewegen, denn sie sahen in ihm einen führenden Gelehrten ihrer Zeit. Noch im selben Jahr zog Agrippa weiter ins schweizerische Freiburg im Üechtland und wurde dort Stadtphysicus, er vertiefte seine okkulten Studien und traf Agenten des mit König Franz I. verfeindeten Herzogs von Bourbon. In Freiburg verfasste Agrippa eine Verteidigungsschrift als offenen Brief für seinen schon längst verstorbenen alten Meister Trithemius, der mittlerweile als Schwarzmagier und Betrüger diffamiert wurde.

<<Trithemius gilt als eine der vielseitigsten und bedeutendsten deutschen Gelehrtenpersönlichkeiten seiner Zeit, und das, obwohl er nie eine Universität besucht hatte. Neben seiner regen Vortragstätigkeit war er ein begehrter Lehrer und Ratgeber in intellektuellen und höfischen Kreisen. Die Freunde Johannes Reuchlin und Conrad Celtis rühmten seine Gelehrsamkeit. Alexander Hegius berichtete über seinen Besuch mit den Worten: „Ich habe das große, glänzende Licht der Welt gesehen“. Der junge Kurfürst Joachim I. von Brandenburg nannte Trithemius den „Glanz unseres Zeitalters“.

Trithemius verfasste über 90 Werke theologischer, historischer, bibliographischer als auch geheimsprachlicher Natur.

Trithemius befasste sich über 20 Jahre seines Lebens mit Sprachen und Geheimsprachen; diese Interessen fanden ihren nachhaltigsten Niederschlag in zwei kryptologischen Werken. Über die missverstandene Steganographia geriet Trithemius seit 1503 in den Verdacht der schwarzen Magie.

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Ende 1528 begann Agrippa in der Stadt Antwerpen als Arzt zu arbeiten, nebenbei finanzierten ihn reiche Bürger bei gemeinsamen alchemistischen und mechanischen Experimenten. Um seine finanzielle Lage aufzubessern, vermittelte er auch sein Wissen oder stellte Horoskope an Leute aus allen Gesellschaftsschichten aus, sogar Mönche zählten zu ihnen. Neuen Ärger in Antwerpen handelte er sich damit ein, dass er für die freie Arztwahl plädierte und einen Mann, der ohne Erlaubnis der Fakultät als Medicus praktizierte, verteidigte. Agrippa versuchte ohne Erfolg, sich das Amt des Leibarztes von Margarete von Österreich zu sichern. In Antwerpen war die Pest ausgebrochen und am 17. August starb auch seine Frau daran, auch mehrere Angestellte aus seiner Dienerschaft raffte die Pest dahin. Agrippa blieb und kümmerte sich um die Pestkranken in der Stadt, ließ aber seine Kinder aus Antwerpen bringen. Ende des Jahres bekam er das Angebot von Heinrich VIII., nach England zu reisen, um als Advokat für ihn zu arbeiten. Agrippa entschied sich aber für die Stelle des Kaiserlichen Archivars und Historiographen in Mechelen für Margarete von Österreich, Regentin der Niederlande, eine Stelle, die er noch 1529 antrat.

Im Februar 1530 schrieb Agrippa einen offiziellen Bericht zum Krönungsritual von Karl V. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und König der Lombardei. Für die redigierten zwei Hauptbücher „De Incertitudine et vanitate scientiarum“ und „De Occulta Philosophia“ und einen Teil seiner weiteren Schriften bekam er nach langen Verhandlungen das Kaiserliche Privileg zum Druck. Mitte 1530 wurde das Buch „De Incertitudine et vanitate scientiarum“ von Agrippas Verleger Cornelius Grapheus in Antwerpen gedruckt und veröffentlicht. Dieses Buch verbreitete sich sehr schnell unter den Gelehrten Europas. In diesem Buch, das wie „De Occulta Philosophia“ auch den niedrigen Wissenschaftsstand (unter anderem auch im Bereich der Medizin kritisch betrachtete, griff er auch die kirchlichen und politischen Zustände seiner Zeit an und damit direkt den Klerus und die Kaste der höfischen Beamten und Amtsträger der Regierenden. Auch beschrieb Agrippa in diesem Buch selbstkritisch sein eigenes Wirken.

Der Klerus der Katholischen Kirche, die das Buch verbieten wollte, sah in diesem Werk nur „Häresie und Ketzerei“. Um die theologischen und rechtlichen Fragen abzuklären, wurde die Universität Löwen hinzugezogen, die aber ebenfalls dieses Buch aufs Strengste verurteilte. Der Kaiser verlangte, wenigstens die Kritik an der Kirche und dem Klerus zu widerrufen. Agrippa verweigerte dies, so dass der Kaiser sich gezwungen sah, Agrippa keinen weiteren Lohn mehr zu zahlen. Das Gericht in Mechelen ließ nicht lange auf sich warten, dann wurde er in einer schriftlichen Anklage aufgefordert, das Buch nicht weiter zu veröffentlichen. Agrippa schrieb mit einer Gegenschrift in Form einer Apologia, in der er jeden Anklagepunkt einzeln widerlegte, so dass es zu keinem Druckverbot seines Buches kam. Auch Erasmus von Rotterdam bekam persönlich ein Exemplar mit Brief von Agrippa zugeschickt. Erasmus fand viel Lob für das Buch, mahnte Agrippa aber zugleich zu mehr Vorsicht bei seiner umfassenden Kritik. Bei einer Durchreise Ende 1530 durch Brüssel wurde Agrippa unter einem Vorwand inhaftiert und dann in den Schuldturm geworfen. Gleichzeitig ließ der Magistrat der Stadt Brüssel und die städtischen Religionsaufseher einige Exemplare von „De Incertitudine et vanitate scientiarum“ öffentlich verbrennen. Mit der Auflage, Brüssel sofort zu verlassen, ließ man Agrippa nach einiger Zeit wieder frei. In Mechelen zurück, schrieb Agrippa eine Grabrede und ein Panegyricus für die am 1. Dezember 1530 verstorbene Regentin Margarete.

In seiner Zeit in Mechelen heiratete er auch ein drittes Mal, Name und Herkunft seiner Angetrauten sind nicht bekannt. Am 2. März 1531 verdammte die Universität Sorbonne in Paris die französische Edition von „De Incertitudine et vanitate scientiarum“ offiziell als Werk eines Ketzers. „Die Schrift sei der lutherischen Häresie nahe, es kritisiert unter anderem Einrichtungen der Kirche und muss daher dem Feuer übergeben werden“. Der erasmische Humanist Louis de Berquin, obwohl er unter dem persönlichen Schutz von König Franz I. stand, war von der Sorbonne 1529 angeklagt und dann auch hingerichtet worden. So suchte Agrippa für sich neue Protektion und reiste Richtung Köln. Ab März 1532 weilte er einige Monate auf dem Landsitz des Erzbischofs von Köln Hermann von Wied, wo er sich von den klerikalen und universitären Fehden erholen konnte. Der päpstliche Legat Kardinal Lorenzo Campeggi verteidigte ihn, wohl um ihn auch zu bewegen, eine Schrift gegen Heinrich VIII. und seine Scheidungsangelegenheiten herauszugeben; auf dieses Angebot ging Agrippa jedoch nicht ein. Am 18. Februar 1535 verstarb Agrippa im Alter von 48 Jahren in Grenoble. Die Beisetzung Agrippas fand auf einem Konvent der Dominikaner statt, seine letzte Ruhe gewährte man ihm in einer Kirche der Dominikaner.

Für die Inschrift seines Grabsteins ließ sich ein Unbekannter etwas Besonderes einfallen, denn auf diesem fand man die Inschrift, der geeignete Ort für Agrippa wäre wohl der Hades. Agrippa besaß einen schwarzen Hund, den er Monsieur nannte, der sogar mit Kerberos gleichgesetzt wurde, wie es aus seiner Grabinschrift hervorgeht.

Begegnung mit Dr. Faust

Agrippa und der historische Dr. Johann Faust sollen sich 1532 begegnet sein. Johann Weyer, ein Schüler Agrippas, schrieb mit seinem Buch „De praestigiis daemonum“ ein grundlegendes Werk zur Verteidigung von der Hexerei beschuldigten Personen. Der Universalgelehrte Agrippa von Nettesheim inspirierte teilweise Johann Wolfgang von Goethe nicht nur mit seinen Schriften zur Gestaltung des Faust-Dramas.

Veranstaltung vom 20.06.2018

Francis Bacon, 1. Viscount St. Albans, 1. Baron Verulam (Baron Baco von Verulam; lateinisch Baco oder Baconus de Verulamio; * 22. Januar 1561 in London; † 9. April 1626 in Highgate bei London) war ein englischer Philosoph, Jurist, Staatsmann und gilt als Wegbereiter des Empirismus.

Francis Bacon wurde am 22. Januar 1561 in London als der jüngere der beiden Söhne aus der zweiten Ehe von Sir Nicholas Bacon (1509–1579), als Lord Keeper of the Great Seal Inhaber des höchsten juristischen Staatsamtes, unter Elisabeth I. geboren. Seine Mutter war Anne Cooke Bacon, deren Schwester mit Lord Burghley verheiratet war. Lady Anne war sehr religiös. Sie war Mitglied einer Sekte, die sich gegen staatliche Regulierungen verwahrte. Sie war außerordentlich gebildet, perfekt im Lateinischen und Griechischen sowie in den neueren Sprachen Französisch und Italienisch. Sie hatte einen großen Einfluss auf ihre Söhne, die zunächst im Hause erzogen wurden.

Aus der ersten Ehe des Nicholas Bacon mit Jane Bacon, einer geborenen Fernley (ca. 1518 – ca. 1552), hatte Francis Bacon drei Halbbrüder. Mit seinem Bruder Anthony war er bis zu seinem Tod freundschaftlich und beruflich verbunden. Die Religiosität seiner Mutter und das politische Leben seines Vaters prägten sein Leben und sein Weltbild. Beide lebten ihm vor, die Verpflichtung gegenüber dem Volk höher zu bewerten als das eigene Glück.

Ausbildung

Im Alter von 13 Jahren kam er aufs Trinity College in Cambridge, wo er Medizin und Jura studierte und mit seinem älteren Bruder Anthony Bacon (1558–1601) lebte. Wie in anderen renommierten Schulen auch, so war es auch im Trinity College noch üblich, das Einpauken des Lernstoffes dem eigenen Denken vorzuziehen. Selbst Texte der mittelalterlichen Reformer Duns Scotus, William von Ockham und Roger Bacon wurden nicht gelesen. Möglicherweise stammt schon aus dieser Zeit seine Abneigung gegen „fruchtlose“ aristotelische Philosophie nach Art der Scholastik.

1576 wurden die Brüder Bacon bei der societas magistrorum (d. h. Lehrkörper) von Gray’s Inn (einer der vier Juristenschulen in London) aufgenommen. Wenige Monate später gingen sie ins Ausland zu Sir Amias Paulet, dem englischen Botschafter in Paris. Die turbulente Lage von Frankreichs Regierung und Gesellschaft zur Zeit der Regentschaft Heinrichs III. bot dem Attaché Francis Bacon wertvolles politisches Anschauungsmaterial.

Im Februar 1579 kehrte er wegen des plötzlichen Todes des Vaters nach England zurück. Sir Nicholas hatte nicht mehr für die finanzielle Absicherung seines Jüngsten sorgen können. Es wurde notwendig, einen Beruf zu ergreifen, und Bacon nahm noch 1579 sein Studium der Rechtswissenschaft an den Inns of Court (Gray’s Inn) wieder auf. 1582 erwarb er einen Abschluss und ließ sich als Barrister (Anwalt) nieder. 1584 wurde er Mitglied des House of Commons, dem er bis 1614 angehörte. Ab 1588 war er an der Gray’s Inn als lecturer tätig.

Bacons Lebensentwurf war damals dreigeteilt: Er bestand aus der Schaffung besserer Voraussetzungen für die Wissensproduktion im Interesse einer wissenschaftlich gültigen und technisch verwertbaren Wahrheitsfindung, aus dem praktisch-politischen Wunsch, seinem Land zu dienen, und aus der Hoffnung, etwas für die Kirche tun zu können. In einem Brief an Königin Elisabeth bat er 1584 um Unterstützung für seine großen Pläne. Dieses politische Memorandum fand wenig Widerhall. Erfolg als Anwalt und Parlamentarier zu haben, schien in dieser Hinsicht aussichtsreicher zu sein.

Konflikte und Heirat

Zu Beginn der 90er Jahre hatte er in Robert Devereux, 2. Earl of Essex einen Patron gefunden, dem er als politischer Berater diente und der ihn förderte. Sein Widerspruch gegen die kurze Zahlungsfrist von drei Jahren für dreifache Subsidien der Regierung ließ Bacon 1593 bei Königin Elisabeth I. in Ungnade fallen. Alle Versuche Bacons, die Gunst der Königin zurückzugewinnen, scheiterten, ebenso Essex’ Interventionen zu seinen Gunsten.

Gegen Bacons Rat übernahm Essex 1598 das Kommando des Feldzugs gegen die aufständischen Iren. Sein Misserfolg ließ Essex in Ungnade fallen. Er wurde unter Hausarrest gestellt und sein wertvolles Rotweinimport-Monopol eingezogen. Daraufhin versuchte er einen Staatsstreich, der jedoch scheiterte und zum völligen Verlust seiner einstigen Günstling-Stellung bei Königin Elisabeth I. führte. Bacon wurde von der Königin beordert, gegen Essex zu ermitteln und an dem Prozess gegen den Earl im Jahre 1601 als „learned counsel“ (Vertreter der Krone) teilzunehmen. Essex versuchte Bacon vor dem Kronrat zu belasten, was Bacon mit Mühe verhindern konnte.

Das Verhalten Bacons im Falle Essex’ hat für Auseinandersetzungen in der Literatur gesorgt. „Nach Lage der umfangreichen Dokumente war der Tathergang eindeutig …“ schrieb Krohn. Ein möglicher Versuch, sich dem Befehl Elisabeths I. zu entziehen, hätte Bacon selbst verdächtig gemacht. Schon zu Lebzeiten wurde Bacon öffentlich von seinen Freunden und Anhängern von Essex dafür getadelt, dass er gegenüber einem Freund verräterisch und undankbar gehandelt habe. Seine Gegendarstellung wurde nicht akzeptiert.

Francis Bacon heiratete mit 45 Jahren aus finanziellen Gründen Alice Barnham (1592–1650), die vierzehnjährige Tochter eines Londoner Stadtrats und Parlamentsabgeordneten. Davon abgesehen hält sich ein Gerücht über Bacons Homosexualität. John Aubrey zeigte sein Missfallen über Bacons sexuelle Orientierung, und der puritanische Moralist Sir Simonds D’Ewes, der mit Bacon im Parlament saß, erwähnt die Neigung Bacons in seiner Autobiographie. In der Druckfassung von 1845 wurden die entsprechenden Passagen allerdings zensiert.

Erst unter Jakob I. gelang es ihm, politisch aufzusteigen. Im Zuge der Krönungsfeierlichkeiten wurde Bacon 1603 – als einer von 300 Gefolgsleuten – zum Ritter geschlagen, was wohl auf Bitten seines Vetters Robert Cecil erfolgte. Im Jahr 1607 wurde er zum Generalstaatsanwalt (Solicitor General) ernannt. In dieser Eigenschaft klagte er unter anderem Walter Raleigh an, was zu dessen Verurteilung zum Tod führte. Bacon war möglicherweise selbst an Folterungen beteiligt. Gesichert ist das jedoch nicht. Er war in seiner Funktion als Lordkanzler Zeuge der Folterung des aufrührerischen Priesters Edmund Peacham und unterschrieb – gemeinsam mit etlichen anderen Amtspersonen – die Empfehlung, auch den dissidenten Schulmeister Samuel Peacock auf der Streckbank zu befragen. Persönlich hatte er allerdings kein Vertrauen in die Methode, da Menschen lügen würden, um die Schmerzen zu beenden. 1613 stieg er, nach dem Tod seines Vorgängers, zum Generalfiskal (Attorney General) auf. 1617 wurde er Großsiegelbewahrer, 1618 wurde er zum Lordkanzler befördert und erhielt den erblichen Adelstitel Baron Verulam. 1621 wurde er zum Viscount St. Albans erhoben.

Wenig später wurde er im Zusammenhang mit der strittigen Bewilligung von Haushaltsmitteln der Bestechlichkeit bezichtigt. Bacon vertrat in dieser Auseinandersetzung die Interessen der Krone gegen das Parlament, das eine Untersuchungskommission einsetzte, um weitere Geldmittel zu blockieren und bereits ausgezahlte zurückzufordern. In dieser Untersuchung wurden 27 Zeugen befragt, die Bacon beschuldigten Geldmittel angenommen zu haben. Das Gericht konnte einen Einfluss auf die Bewilligung von Geldern an Einzelne nicht bestätigen. Nach Geständnis und Verurteilung zu einer Geld- und Haftstrafe wurde er bis zu seinem Tod vom Hof verbannt. Das Strafmaß, das im Ermessen des Königs stand, betrug nur vier Tage. Die Geldstrafe wurde nie vollstreckt.

Schriftsteller

Auf dem Familiensitz in Gorhambury widmete er sich intensiv schriftstellerischen Tätigkeiten. Als Staatsmann und Parlamentarier hatte er sich immer wieder schriftlich an den Hof gewandt. 1597 veröffentlichte er eine Sammlung politischer Aufsätze. 1605 folgte The Advancement of Learning, ein erfolgloser Versuch Unterstützer für die Veränderung der Wissenschaften zu finden. 1609 erschien unter dem Titel „On the Wisdom of the Ancients“ eine Analyse der klassischen, griechischen Mythologie.

Es entstanden einige Zeit später das bekannte „Novum Organum „(1620) und „The History of Henry VII.“ (1622). Ebenfalls 1622 erschienen „Historia Ventorum und Histora Vitae et Mortis“, zwei naturwissenschaftliche Veröffentlichungen, in denen Bacon sich zu Winderscheinungen äußerte und Ideen für eine gesunde, lebensverlängernde Lebensführung vortrug. Schließlich folgten zur Reformidee der Wissenschaften 1623 „De Augmentis Scientarium“ und 1624 eine utopische Erzählung über „The New Atlantis“.

Am 9. April 1626 starb er in Highgate (damals nahe London) an den Folgen des einzigen von ihm überlieferten empirischen Versuches: Beim Experiment, ob sich die Haltbarkeit toter Hühnchen durch Ausstopfen mit Schnee verlängern ließe, zog er sich eine Erkältung zu und erlag wenig später einer Lungenentzündung. Er hinterließ Schulden in Höhe von 22 000 £.

Als er 1626 kinderlos starb, erloschen seine Adelstitel.

Bacon und Shakespeare

Im Jahr 1856 wurde von Delia Bacon zum ersten Mal behauptet, und dann in ihrem Buch The Philosophy of Shakespeare’s Plays (1857), der frühesten Anti-Stratford-Monographie, wiederholt, dass Bacon die Shakespeare-Werke verfasst habe. Sie entwickelte die Ansicht, dass sich hinter den Shakespeare-Stücken eine Gruppe von Schriftstellern mit Francis Bacon, Sir Walter Raleigh und Edmund Spenser verberge.

Constance Pott (1833–1915) unterstützte eine modifizierte Sicht; sie gründete 1885 die Francis Bacon Society und veröffentlichte 1891 ihre auf Bacon zentrierte Theorie unter dem Titel Francis Bacon and His Secret Society. Die Bacon-Gesellschaft vertritt noch heute die These, Bacon sei der eigentliche Verfasser der Werke Shakespeares. Von der wissenschaftlichen Shakespeare-Forschung wird diese Behauptung – wie auch weitere über eine andere Verfasserschaft der Shakespeare-Werke – abgelehnt.

Werk

Aus Francis Bacons Doppelkarriere als Philosoph und Politiker ergab sich, dass er zahlreiche philosophische, literarische und juristische Schriften verfasste, die aber nicht immer sogleich publiziert wurden. Nach frühen politischen Denkschriften, u. a. für Königin Elisabeth, veröffentlichte Bacon erstmals einige seiner „Essays“ 1597.

Als seine beiden Hauptwerke sah er selbst „De dignitate et augmentis scientiarum“ (Über die Würde und den Fortgang der Wissenschaften), die ein erster Versuch einer Universalenzyklopädie genannt werden kann, und „Novum organon scientiarum“ (1620), die Prinzipien einer Methodenlehre der Wissenschaften, an. De augmentis… ist eine erweiterte Fassung seines früheren Werkes Advancement of Learning (1605) und stellt nicht nur eine systematische Übersicht über den Wissensstand seiner Zeit dar, sondern skizziert zudem künftige Gebiete der naturwissenschaftlichen Forschung. Diese beiden Schriften waren nur als Teil eines wesentlich umfassenderen Werkes gedacht, das Bacon geplant, jedoch nie vollendet hat.

1609 erscheint in London seine – sehr populäre – Interpretation antiker Mythen Francisci Baconi „De Sapientia Veterum Liber“. Er vergleicht sie mit Hieroglyphen oder Parabeln, deren wissenschaftlichen Kern er offen legen und so für die Erweiterung der Kenntnisse seiner Zeit nutzbar machen möchte.

Etwa im Jahr 1614 schreibt er mit „Nova Atlantis“ eine wirkungsgeschichtlich folgenreiche Utopie, in der er unter anderem die Gründung wissenschaftlicher Akademien nach seinen Vorstellungen anregt (unvollendet – erstmals im Druck in seinem Todesjahr). Er schildert dazu einen Tempel auf der Insel Bensalem (Friedenssohn), wo seine Schätze, seine Wissenschaftsideen von weisen Männern, die Wissenschaftler und Priester in einer Person sind, aufbewahrt und gehütet werden.

Besondere Wirkung auf seine Zeitgenossen haben seine Essays (1597 erstmals erschienen, ein „Longseller“, der bis heute bei den englischen Buchhändlern ununterbrochen lieferbar ist), die 1612 von zehn auf 38 erweitert wurden und schließlich in die aus 58 Aufsätzen bestehende Fassung von 1625 unter dem Titel The Essayes or Counsels, Civill and Morall; zusammengefasst wurden. Nicht nur mit den Essays – für den Titel haben vermutlich Montaignes Essayes Pate gestanden – auch mit anderen Werken ist Bacon einer der einflussreichsten englischen Schriftsteller seiner Zeit; er versteht wie kein Zweiter, Farbigkeit der Sprache mit Durchsichtigkeit, gedankliche Fülle mit Klarheit zu verbinden. Seine bildhafte Sprache macht die von ihm erörterten Gegenstände anziehend und anschaulich. In Verbindung mit der Klarheit seines Methodenbewusstseins ist dieser Stil auch ein Element seiner ungewöhnlichen Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt.

Bacons Sekretär und Nachlassverwalter William Rawley (1588—1667) hat dafür gesorgt, dass die vielen Werke, die Bacon in den Jahren nach seiner Entlassung aus allen Ämtern und der Verbannung aus London geschrieben, aber nicht mehr publiziert hat, postum veröffentlicht wurden.

Wissenschaftliche Leistung

In Cambridge bringt ihn das Studium verschiedener damaliger Disziplinen zu dem Schluss, dass sowohl die angewandten Methoden als auch die erlangten Ergebnisse fehlerbehaftet seien. Seine Verehrung für Aristoteles steht nur scheinbar in Kontrast zu seiner Abneigung gegenüber der aktuellen scholastischen, sich auf einen reduktionistisch verstandenen Aristoteles berufenden Philosophie und ihrer Vorliebe für begrifflich-deduktive Verfahren. Sie erscheint ihm als öde, streitlustig und falsch in ihren Zielsetzungen. Die Philosophie brauche einen wahren Zweck und neue Methoden, ihn zu erreichen.

Die Formel „Wissen ist Macht“ wird auf ihn zurückgeführt. Der Gedanke findet sich dem Sinne nach schon in den „Essayes“ (1597) und dann im Aphorismus I des Ersten Buches des „Novum Organum“. Er forderte damit, was später in der Aufklärung die Naturwissenschaft weitgehend bestimmt hat: ihre praktische Nutzanwendung. Ziel der Wissenschaft sei Naturbeherrschung im Interesse des Fortschritts. Der Mensch könne die Natur jedoch nur dann beherrschen, wenn er sie kenne. Das Ziel naturwissenschaftlichen Erkennens jedoch werde vom Philosophen bestimmt, dieser müsse auch die allgemein verbindlichen Methoden finden. Nach Bacons Ansicht herrschten in der Philosophie bisher Grundsätze, die der Verstand ohne Rücksicht auf die wirkliche Natur der Dinge einfach als gegeben voraussetzte: dies nannte er die „Methode der Antizipationen“.

Ihr stellte er seine „Methode der Interpretationen“ (true directions concerning the interpretation of nature) gegenüber, die auf das genaue und gründliche Verständnis der Natur abzielt. Unser Verstand solle die Natur auslegen wie der gute Interpret einen Autor, indem er sich müht, auf ihren Geist einzugehen. Dies gelinge nicht durch hochfliegende Ideen und scholastische Spitzfindigkeiten, sondern nur durch Unterwerfung unter die Natur: „natura parendo vincitur“. (Die Natur wird besiegt, indem man ihr gehorcht.) Dazu müssten wir uns vor allem verschiedener Vorurteile entledigen, die Bacon Idole nennt und die unsere Erkenntnis trüben oder bis zum Selbstbetrug verfälschen. Um also eine wirkliche Einsicht in das Wesen der Dinge zu erlangen, muss sich der erkennende Mensch zunächst von allen Trugbildern oder Vorurteilen freimachen. Wirkliche Erkenntnis sei reale Abbildung der Natur, ohne verfälschende Vorstellungen oder Idole.

Bacons System der Idole hat ein Vorbild in Ciceros Typologie und dessen Konzeption, dass wir Menschen untereinander vier Arten von “Masken” (in zeitgenössischer wissenschaftlicher Terminologie übertragen Verhaltensweisen) tragen. Es gebe erworbene und angeborene Vorurteile; letztere seien der Natur des Intellekts eigen. Bacon unterscheidet beim Forscher vier Gruppen dieser Idole:

1. Idola Specus (Höhlen-Trugbilder) nennt er diejenigen Täuschungen, die sich aus den dunklen Tiefen des Individuums ergeben. Er spricht damit, modern gesagt, das Unbewusste in unseren Handlungen und Denkweisen an (einer etwa hebt Ähnlichkeiten hervor, wo ein anderer Differenzen sieht). Nach seiner Auffassung sind diese Irrtümer zu wirr und vielfältig, um systematisch beschrieben zu werden.

2. Idola Theatri (Trugbilder des Theaters/der Tradition), Irrtümer aus überlieferten, überzeugend dargelegten Lehrsätzen: „Dogmen“ oder Meinungen einer Autorität, die wir glauben, ohne zu „hinterfragen“. Dazu zählt Bacon nicht nur die unkritische Haltung der Scholastiker gegenüber „den Autoritäten“, sondern er kritisiert in diesem Zusammenhang auch die eher skeptischen Humanisten, soweit sie dogmatisch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften trennen und die letzteren geringschätzen.

3. Idola Fori (Trugbilder der Tribüne/des Marktes) nennt er diejenigen Irrtümer, für die unser Sprachgebrauch verantwortlich ist. Diese Idola entsprängen der Gewohnheit, an die Stelle der Dinge Worte zu setzen: sie verwechseln die konventionellen Zeichen für die Dinge mit den Dingen selbst, den Marktwert mit ihrem Realwert – womit Bacon diesmal die „Realisten“ aufs Korn nimmt. Laut Hans-Joachim Störig entspringen solche „idola fori“ bzw. stereotypisierte Begriffe „aus Berührung und geselligem Verkehr der Menschen untereinander. Eine besondere Rolle spielt dabei die Sprache als das wichtigste Instrument des zwischenmenschlichen Verkehrs.“ In diesen Überlegungen finden sich somit schon Aspekte einer Sprachkritik und Ideologiekritik wie in der neueren Philosophie und Soziologie.

4. Idola Tribus (Trugbilder der Gattung) sind für Bacon Fehler unseres Verstandes – am schwierigsten zu erkennen und zu vermeiden. Die Gattung Mensch neige naturgemäß dazu, Dinge und Vorgänge aus menschlicher Sicht zu sehen und zu beurteilen. Dabei verlören die Dinge der Natur ihre Eigentümlichkeit und würden von der Denkweise oder den Affekten des Forschers beeinflusst. Ein Beispiel ist für ihn die menschliche Neigung, plötzliche oder außergewöhnliche Vorgänge zu stark zu betonen.

Mit der Kritik an den idola tribus scheint Bacon sich der kritischen Philosophie Kants zu nähern. Für Bacon aber ist „Natur“ nicht etwas unergründbares (transzendentes), von dem im Geiste nur eine menschenmögliche Vorstellung (transzendentales) erzeugt wird, sondern etwas Objektives, dessen wahres Wesen menschlicher Verstand sehr wohl zu erkennen vermag – falls es ihm nur gelingt, sich aus dem Bann trügerischer Bilder und Schlüsse zu lösen.

Als überzeugter Gegner spitzfindiger Diskussionen, die keine neuen Erkenntnisse bringen, setzt er auf eingehende Naturbeobachtung und das Experiment – Empirie also. Nicht mysteriöse gestaltende Wesen (formae substantiales) dürfen nach seiner Auffassung als Erklärungsgrund physikalischer Vorgänge angenommen werden, sondern nur Naturgesetze, die wiederum durch Beobachtung und induktive Schlussfolgerungen gefunden werden können. Dabei dürfen nie Endursachen (fines) als Erklärungsgründe mit untergeschoben werden. Wissenschaftlich brauchbare Beobachtungen müssen für ihn wiederholbar sein. Aus diesem Grunde ist er entschiedener Gegner magischer oder kabbalistischer Praktiken. Aus ebendiesem Grunde ist Bacon auch kritisch gegenüber der Intuition: intuitiv bzw. durch Analogieschlüsse gewonnene Behauptungen und Meinungen gehören nicht zu seinem Bild einer mit der Systematisierung von Erfahrungen und daraus gewonnenen Erkenntnissen kontinuierlich fortschreitenden Forschung. Bacon bleibt methodologisch konsequent Empiriker.

Bacon im historischen Kontext

Renaissance-Philosophie

Im Wesentlichen folgte Bacon mit seiner Idee zur Erneuerung der Wissenschaft von Erfahrung auszugehen einer Tendenz der Zeit. Der Unterschied zu anderen Renaissance-Wissenschaftlern ergab sich aus der jeweils verschiedenen Bedeutung von Erfahrung. Bacons Erfahrung ist sensualistische Erfahrung und schließt jede nichtsinnliche Erfahrung aus.

Für Agrippa von Nettesheim beispielsweise, einen typischen und viel gelesenen Vertreter der Renaissance-Wissenschaften, war Erfahrung dagegen eine Mischung aus sichtbaren Fakten und aus daran gebundenen, geheimen Kräften, die unsichtbar, d. h. magisch wirkten. Dass dies zutreffe, bestätige die Erfahrung. Nettesheim verwendete daher in seinem über 300 Jahre rezipierten dreibändigen Werk „De occulta philosophia“ (Über die geheimen Wissenschaften, 1510) ganz selbstverständlich gängige Überzeugungen und Erfahrungen vom Wirken dieser Kräfte, um Naturphänomene zu erklären.

Der Renaissance-Philosoph Paracelsus verband seine Forschungen mit dem spekulativen Konzept einer alles umfassenden Beseelung von Organischem und Anorganischem. Auch er behauptete die Wirkung dieser Allseele in der Erfahrung bestätigt zu sehen.

Kritik Bacons

Aus seinem sensualistischen Ansatz entstand Bacons Kritik an Erfahrungswissenschaftlern seiner Zeit. Er lehnte diejenigen ab, die Erfahrungen mit Aberglauben und Theologie vermischten. Solche Erfahrungswissenschaftler – wie z. B. auch die Alchemisten seiner Zeit – richteten aus seiner Sicht großen Schaden zum Nachteil der Menschen an. Philosophen wie Paracelsus löschten das „Licht der Natur“ aus und verrieten so die Erfahrung, schrieb Bacon.  Aus seiner Sicht verhinderten solche Empiriker sogar neue Entdeckungen, weil sie vor allem ihrem Wunsch nach Gewissheit folgten und „Hals über Kopf … zu den letzten Gründen der Dinge“ Zuflucht nähmen, anstatt ausdauernd bei Versuchen auszuharren.

Dagegen erläuterte Bacon, dass die Erfahrung magischer Kräfte oder anderer spekulativen Zusammenhänge zwischen den Naturphänomenen nichts weiter als Antizipationen seien, d. h. gemeinsam geteilte irrtümliche Annahmen (Vorurteile). Letztere dienten nur dazu, Einvernehmen zwischen Menschen herzustellen. Sie seien wissenschaftlich aber ohne Belang, da diese Dinge unsichtbar sind und ausschließlich auf Glauben beruhten.

Diese irrtümlichen Annahmen, die idola, hielt Bacon für die Folgen des Spracherwerbs in der Familie und im gesellschaftlichen Kontakt mit anderen. Es werden Wörter für nicht sinnlich wahrnehmbare Dinge und unklare Termini gelernt, an denen Menschen dann festhalten. Auch das Aneignen einer bestimmten Fachsprache im Studium und in der Ausübung der Wissenschaften führe zu irrtümlichen Annahmen und unbrauchbaren Ergebnissen. Sie sollten durch verbessertes Nachdenken, durch eine neue Logik abgebaut werden, die sich an der Sache statt an den methodischen Vorgaben von Autoritäten, wie Aristoteles und Thomas von Aquin, orientiere.

Der Forscher könne, wenn man Bacon folge, wohl nur „als Kind … in das Himmelreich“ der Wissenschaften kommen, bemerkte Feuerbach dazu. Um ein Kind zu werden, ergänzte er, müsse ein Forscher sich von allen Theorien, Vorurteilen und Autoritäten frei machen.

Die Untersuchung dieser Idole sei, so Perez Zagorin, der bedeutendste und eigenständigste Beitrag Bacons zur Philosophie. Vergleichbares sei von früheren Denkern bisher nur am Rande bzw. überhaupt nicht erwähnt worden.

Autodidakten

Autodidaktische Beiträge zu wissenschaftlichen und praktischen Themen vor allem von Künstlern lassen sich schon für das 15. Jahrhundert belegen. Unter ihnen waren Ghiberti, Uccello, Piero della Francesca, Leonardo und Dürer. Auch sie gingen für ihre Kunsttheorien grundsätzlich davon aus, dass sich nur durch die Erfahrung der Natur bildnerische Vorstellungen entwickelten.

Rezeption

Francis Bacon

Bacon, so Hegel, sei trotz „der Verdorbenheit seines Charakters“ ein Mann von Geist, klar blickend und kenntnisreich gewesen. Man könne ihn als „Führer, Autorität und Urheber für das experimentierende Philosophieren“ nennen. Ihm fehle allerdings die für einen Philosophen unbedingt erforderliche Fähigkeit zur Spekulation mit abstrakten Begriffen und Gedanken.

Wie Francis Bacon forderten um die Wende zum 17. Jahrhundert auch andere Renaissance-Vertreter von der Erfahrung ausgehende Forschung: Galileo Galilei in Pisa, Venedig und Florenz, Johannes Kepler in Prag machten präzise Beobachtungen zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten.

Horkheimer und Adorno sehen in ihm den Vertreter einer ‚instrumentellen Vernunft‘ und damit einer vor allem auf Naturbeherrschung abzielenden Aufklärung:

„[…] Trotz seiner Fremdheit zur Mathematik hat Bacon die Gesinnung der Wissenschaft, die auf ihn folgte, gut getroffen. […] der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die entzauberte Natur gebieten.“

– Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947, S. 14.

Heute gilt Bacon – neben Descartes – als empirisch-rationalistischer Naturphilosoph und Wissenschaftstheoretiker sowie als einer der Begründer der modernen Wissenschaftsmethodik.

Veranstaltung vom 26.06.18

Tilman Riemenschneider

Mutmaßliches Selbstporträt, Detail vom Creglinger Marien-Retabel

Tilman Riemenschneider am Frankoniabrunnen vor der Würzburger Residenz

Tilman Riemenschneider (* um 1460 in Heiligenstadt/Eichsfeld (Thüringen); † 7. Juli 1531 in Würzburg) war ein deutscher Bildschnitzer und Bildhauer sowie Bürgermeister und Freiheitskämpfer. Er zählt zu den bedeutendsten Künstlern am Übergang von der Spätgotik zur Renaissance um 1500.

Leben

Die frühen Jahre

Der heilige Georg im Kampf mit dem Drachen, um 1490/1495 (Bode-Museum, Berlin)

Trauernde Frauen (um 1508)

Heilige Barbara, um 1510, Bayerisches Nationalmuseum

Tilman Riemenschneider wurde zwischen 1459 und 1462 in Heiligenstadt im Eichsfeld geboren. Als Riemenschneider etwa fünf Jahre alt war, musste sein Vater wegen früherer Verwicklungen in die Mainzer Stiftsfehde (Adolf von Nassau kontra Diether von Isenburg, ersterer setzte sich durch) Heiligenstadt verlassen und verlor außerdem seinen Besitz. Die Familie zog nach Osterode/Kreis Göttingen, Niedersachsen, um, wo sich der Vater als Münzmeister niederließ und Tilman seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte.

Um 1473 lernte Tilman Riemenschneider das Bildhauer- und Bildschnitzerhandwerk. Heute geht man davon aus, dass er sein Handwerk in Straßburg (bei Nachfolgern des stilprägenden Niclas Gerhaert van Leyden) und Ulm erlernte. Tilman Riemenschneider kam aber in dieser Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit der Kunst Martin Schongauers (1445/50-1491, Colmar – Breisach) in Berührung, dessen Kupferstiche ihm später als Vorlagen dienten.

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Seiner delikaten Malerei wegen wurde Schongauer von seinen Zeitgenossen „Martin Schön“ oder „Hübsch Martin“ genannt. Erhalten haben sich von seinen Gemälden nur sehr wenige. Aus dem Jahr 1473 stammt sein malerisches Hauptwerk, die Madonna im Rosenhag (Dominikanerkirche Colmar), Dieses Meisterwerk spätgotischer Madonnenbilder zeichnet sich durch große Klarheit in Komposition und Ausführung aus.

Nicht nur wegen der technischen und künstlerischen Qualität seiner Kupferstiche, die die Möglichkeiten dieser Technik zur Vollendung bringen, gilt Schongauer als einer der bedeutendsten Graphiker vor Albrecht Dürer, den er entscheidend beeinflusste. Wohl als erster stellte er Druckgraphik in größerer Zahl her und betrieb ihre kommerzielle Verbreitung. Als erster Stecher hat er seine Werke signiert: Im Ganzen verläuft die stilistische Entwicklung von breit erzählendem Detailreichtum zu größerer, ernsterer und repräsentativerer Form.

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Die Würzburger Zeit

1483 gelangte Riemenschneider in seine Wahlheimat, die fürstbischöfliche Residenzstadt Würzburg, wo er am 7. Dezember 1483 als Malerknecht in die Sankt-Lucas-Gilde der Maler, Bildhauer und Glaser (zunftartige Bruderschaft) aufgenommen wurde.

Nachdem er am 28. Februar 1485 Anna Schmidt, die Witwe eines Goldschmiedemeisters geheiratet hatte, endete sein Gesellendasein. Ihm wurden die Würzburger Bürgerrechte verliehen und er kam zu Meisterehren. Dieser Weg des gesellschaftlichen Aufstiegs war im Spätmittelalter durchaus üblich. Die starre Zunftordnung ließ Ortsfremden oft gar keine andere Möglichkeit, in die Reihen der einheimischen Handwerksmeister aufgenommen zu werden. Außer Status und Vermögen, unter anderem das Anwesen in der Franziskanergasse, brachte Tilman Riemenschneiders erste Frau drei Söhne in die Ehe mit. Sie starb nach fast zehn Ehejahren und hinterließ ihm eine gemeinsame Tochter. 1497 heiratete Tilman Riemenschneider zum zweiten Mal. Auch die zweite Frau, Anna Rappolt, mit der er eine weitere Tochter und drei Söhne – darunter den späteren Südtiroler Maler Bartlmä Dill Riemenschneider – hatte, starb um 1506/07 im neunten Ehejahr. Ein Jahr nach dem Tod seiner zweiten Frau heiratete Tilman Riemenschneider 1507 zum dritten Mal, Margarete Wurzbach. Nachdem auch diese verstorben war, heiratete er um 1520 Margarete, Witwe des Kilian Thurner, Tochter des Viertelmeisters Hans Schirmer, die ihn überlebte. Während die Ehefrauen immer jeweils den großen Meisterhaushalt führten, betrieb Tilman Riemenschneider sein Gewerbe mit viel Geschäftssinn und Kunstfertigkeit. Um 1500 hatte er als Künstler einen hervorragenden Ruf, er war zum wohlhabenden Bürger und Vorsteher seiner Zunft geworden. Er besaß in Würzburg mehrere Häuser, reichlich Grundbesitz mit eigenen Weinbergen und eine florierende Werkstatt, in der er viele, teils sehr begabte Gesellen beschäftigte.

Die öffentlichen Ämter

Würzburg wurde seit dem 13. Jahrhundert von dem Bischof, dem Domkapitel und dem Unteren Rat und dem Oberen Rat regiert. Im November 1504 wurde Tilman Riemenschneider in den Unteren Rat der Stadt Würzburg berufen, dem er danach über 20 Jahre angehörte. Er bekleidete in dieser Funktion die Ämter eines Baumeisters und Fischereimeisters sowie eines Pflegers und Vermögensverwalters der Würzburger Marienkapelle. Viermal wurde Riemenschneider in den übergeordneten bischöflichen Oberrat entsandt. Hier vertrat er gegenüber dem Bischof und den Domherren die Interessen der Stadt.

Durch die öffentlichen Ämter und Privilegien als Ratsherr mehrte er nicht nur sein gesellschaftliches Ansehen, sondern erlangte auch viele große, lukrative Aufträge. 1520/21 wurde er zum Bürgermeister gewählt. Dieses Amt übte er bis 1524 aus. Zu dieser Zeit wehte schon der Geist der Reformation durchs Land und nahm auch viele Würzburger Bürger für sich ein.

Die Zeit des Bauernkriegs

Der Rat der Stadt führte seit längerem politische Auseinandersetzungen mit dem damaligen mächtigen Fürstbischof Konrad II. von Thüngen, der als Landesherr in der Festung Marienberg direkt oberhalb der Stadt residierte. Der Streit eskalierte 1525 während des Deutschen Bauernkriegs, als sich aufständische Bauern vor der Stadt sammelten und die Würzburger Bürger sich mit ihnen gegen den Bischof verbündeten. Die Festung Marienberg hielt jedoch der Belagerung und den Angriffen aus der Stadt stand. Der Bischof drohte sogar der Stadt mit Zerstörung, was die Bürger in ihrem Kampfeswillen demoralisierte. Zur entscheidenden Schlacht kam es am 4. Juni 1525 außerhalb der Stadt, wo die anrückenden Landsknechte des Georg Truchsess von Waldburg-Zeil das Bauernheer vernichteten. Da die Bauern am Vortag von ihrem militärischen Führer Götz von Berlichingen verlassen worden waren, mussten sie führerlos in den Kampf und hatten keine Chance. Innerhalb von zwei Stunden wurden 8.000 Bauern getötet. Als die gut ausgerüsteten und kampferprobten Truppen des Bischofs zum Angriff auf die Stadt übergingen, endete auch der Aufstand der Bürger in ihrer totalen Niederlage und Unterwerfung.

Die Anführer des Aufstands – unter ihnen alle Würzburger Ratsherren – wurden in den Verliesen der Festung Marienberg eingekerkert, gefoltert und zum Teil grausam bestraft. Auch Tilman Riemenschneider war zwei Monate in Kerkerhaft, in der er „vom hencker hart gewogen und gemartert“ wurde. Lange hielt sich die Legende, dass dem Künstler, der sich in die Politik verstrickt hatte, im Kerker die Hände gebrochen wurden und er danach nie mehr arbeiten konnte. Aber dafür gibt es keine Beweise. Erst gegen Zahlung der Hälfte seines Vermögens wurde er frei gelassen. Die nachtragende Obrigkeit sorgte dafür, dass Tilman Riemenschneider seine politischen Ämter und seine Arbeit verlor und bald in Vergessenheit geriet. Nach seiner Freilassung erhielt er nie mehr einen größeren Auftrag. Tod 1531.

Aufträge und Auftraggeber

Riemenschneider schuf neben einigen profanen Arbeiten in der Hauptsache Bildwerke religiösen Inhalts. Seine Kunden waren der Klerus, aber auch die Bürgerliche Gesellschaft. Zu seinen frühen Aufträgen zählten die Arbeiten für die Skulpturen der Marienkapelle (Würzburg). Wahrscheinlich waren diese öffentlich sichtbaren Werke erst der Grundstein für sein Ansehen und für seine weiteren Arbeitsaufträge. Von der Stadt Würzburg blieb dieses sein einziger Großauftrag. Allerdings für den Ratstisch erhielt er von der Stadt einen besonderen Auftrag. Gabriel von Eyb, der Bischof von Eichstätt, hatte den Würzburgern eine Platte aus Solnhofener Kalkstein geschenkt. Riemenschneider sollte hierfür ein Tischgestell anfertigen und die Platte mit dem Wappen der Stadt Würzburg, dem des Bischofs Gabriel von Eyb und dem des Fürstbischofs Lorenz von Bibra versehen. Auflage war, dass „wie man den disch kere, das iglichs wappen oben stehen solle“ (wie man den Tisch auch dreht, die Wappen sollten oben stehen). Der Künstler löste das Problem, indem er die Wappen in konzentrischer Anordnung in den Mittelpunkt der runden Platte einfügte.

Der Würzburger Fürstbischof Lorenz von Bibra wurde einer der wichtigsten Auftraggeber Riemenschneiders. Unter anderem arbeitete er an dem Tabernakel des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hochaltars im Würzburger Dom. Außerdem schuf er die Grabdenkmale des Lorenz von Bibra und von dessen Vorgänger Fürstbischof Rudolf von Scherenberg, die noch heute im Dom zu sehen sind.

Lorenz von Bibra und Riemenschneider

< Lorenz von Bibra (* 1459 in Mellrichstadt, Kreis Rhön-Grabfeld, Unterfranken in Bayern; † 6. Februar 1519 in Würzburg), Herzog in Franken, war Dompropst und von 1495 bis zu seinem Tod 1519 Fürstbischof von Würzburg. Er ist ein Zeitgenosse von Kaiser Maximilian I. (1493–1519), dem Lorenz auch als Berater diente.

Grabmal des Lorenz von Bibra, gefertigt von Tilman Riemenschneider, im Würzburger Dom

Im Gegensatz zu seinem Nachfolger hatte Lorenz gute Beziehungen zum berühmten Bildhauer Tilman Riemenschneider, der eine Zeitlang auch Bürgermeister von Würzburg war. Lorenz beauftragte ihn mit einer Änderung der neuen Kirche in Bibra. Er beauftragte Riemenschneider auch, für sich und seinen Vorgänger Rudolf II. von Scherenberg jeweils einen Epitaphaltar in der Kathedrale von Würzburg zu fertigen. Heute stehen die beiden Grabdenkmäler nebeneinander, aus gleichem Stein und mit gleichem Motiv, aber in zwei verschiedenen Stilen, Spätgotik und Renaissance.

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Stil

Die Aufträge für Riemenschneiders Altarschreine waren meistens in Form, Thema, Aufteilung, Figurenprogramm und Größe genau vorgegeben und ließen nicht viel Raum für künstlerische Freiheiten. Oft hatten Tischler bereits die Vorarbeiten hierzu geleistet. Die von Riemenschneider geschaffenen Holz- und Steinskulpturen zeichnen sich durch ausdrucksstarke Gesichter (oft mit einem „nach innen gekehrten Blick“) und durch detaillierte Gewandungen mit reichem Faltenwurf aus. Einige seiner Werke waren nie farbig gefasst und nach einer verbreiteten Ansicht von vornherein auf Holzsichtigkeit hin angelegt; er ist einer der ersten bedeutenden Bildhauer, bei dem dies der Fall ist. Die Farbfassungen an anderen seiner Werke stammen teilweise von seinem Zeitgenossen Jakob Mülholzer, der von 1490/91 bis 1514/15 nachgewiesen ist und in jener Zeit mit Riemenschneider auch in engem Kontakt stand.

Zuordnung der Werke

Da Riemenschneider keines seiner Werke signiert hat, ist die Unterscheidung zwischen vollständig eigenhändiger Arbeit Riemenschneiders und Arbeiten der Mitarbeiter in seiner Werkstatt sehr schwer. Ursprünglich war das auch gar nicht gewollt. Nur in seiner Frühzeit, als die Werkstatt noch wenig Arbeit hatte, werden die Werke vom Meister selbst hergestellt worden sein. Hierzu zählen unter anderem die Figuren von Adam und Eva am Südportal der Würzburger Marienkapelle. Der Stadtrat forderte von ihm eine „meysterliche“, sprich eigenhändige Fertigung. Die Originale befinden sich heute im Mainfränkischen Museum auf der Festung Marienberg.

Riemenschneider und Werkstatt

Heiliger Stephanus Riemenschneider und Werkstatt (etwa 1520)

Als später die Nachfrage nach seinen Werken stark anstieg und Riemenschneider selbst immer mehr durch seine öffentlichen Ämter in Anspruch genommen wurde, oblag die Ausführung der Arbeiten immer mehr seiner Werkstatt. Hier waren zeitweise allein zwölf Lehrlinge beschäftigt. Wahrscheinlich hat Riemenschneider oft nur die Entwürfe geliefert und die Fertigung beaufsichtigt. Diese Werke werden heute mit „Tilman Riemenschneider und Werkstatt“ bezeichnet.

Umkreis Tilman Riemenschneider

Riemenschneiders Werkstatt war großer Fluktuation unterworfen. Lehrlinge begaben sich auf Gesellenwanderung. Gesellen erwarben selbst den Meisterbrief und gründeten eigene Werkstätten. Hieraus gingen Werke hervor, die zwar den deutlichen Einfluss Riemenschneiders zeigten, aber eigene Gestaltungsweisen hervor brachten. Auch Nachahmer seines Stils, die nicht aus Riemenschneiders Werkstatt kamen, aber von seinem Namen profitieren wollten, fertigten eigene Werke an. Diese werden mit „Umkreis Tilman Riemenschneider“ geführt.

Das Lebensende, Erinnern und Gedenken

Grab und Grabstein an der Nordseite des St.-Kilian-Doms in Würzburg

Riemenschneider führte mit seiner vierten Ehefrau nach der Haftentlassung in Würzburg ein zurückgezogenes Leben. Er wohnte und arbeitete im von seiner ersten Frau mit in die Ehe eingebrachten Hof zum Wolfmannszichlein in der Franziskanergasse 1 und starb dort am 7. Juli 1531. Er wurde auf dem Friedhof zwischen dem Würzburger Dom und dem Kollegiatstift Neumünster beigesetzt. Als Nachfolger Tilmans übernahm sein Sohn aus zweiter Ehe Georg Riemenschneider, auch als Jörg bekannt, die Werkstatt. 1822 fand man bei Straßenarbeiten die Grabplatte Riemenschneiders, die sein Sohn Jörg angefertigt haben soll, wieder. Ein Abguss ist heute in der Nähe des Fundorts an der Außenmauer des St.-Kilian-Doms gegenüber dem Eingang zum Dom-Museum befestigt. Das Original befindet sich im Mainfränkischen Museum auf der Festung Marienberg. Erst im 19. Jahrhundert wurden auch Tilman Riemenschneiders Kunstfertigkeit und seine Kunstwerke wiederentdeckt und gewürdigt.

Matthias Grünewald und der Isenheimer Altar

Matthias Grünewald (16. Jahrhundert), auch Matthias von Aschaffenburg, war ein bedeutender Maler und Grafiker der Renaissance. Die Forschungsmeinungen zu seiner Identität sind geteilt. Mal wird eine Geburt um 1475/1480 in Würzburg angenommen und ein Todesdatum am 31. August 1528 in Halle an der Saale; dann vermutet man seinen Geburtsort in der Nähe von Aschaffenburg und nimmt 1531/32 als Todeszeitpunkt an.

Biographische Forschungen sind erst spät in Gang gekommen. Der Kunsthistoriker Zülch legte 1917 erstmals Forschungsergebnisse, 1938 erschien dann seine bis heute bedeutsame Monographie „Der historische Grünewald“. Obwohl diese in einigen Details aus Sicht der heutigen Forschung nicht mehr haltbar ist, da auch er trotz quellenkritischer Arbeit wohl die Lebensläufe einiger nicht mit dem historischen Grünewald identischer Künstler „vermischte“, haben sich seine Erkenntnisse zur Person seitdem nur noch wenig geändert.

Demnach nannte sich der Künstler Mathis (modern: Matthias) Gothart, obwohl er wohl ein geborener Nithart war. Die genannte Kombination von Künstlernamen und Familiennamen ist die schlüssigste Erklärung für sämtliche bekannten Signaturen des Künstlers, obwohl die Doppelung nicht aufgeklärt werden konnte. Obwohl Gothart und Nithart schon 1516 respektive 1526 urkundlich nachweisbar sind, erscheinen sie beide im Inventar des Nachlasses des Künstlers 1528 zusammen mit Objekten, die sie mit dem rekonstruierbaren Lebenslauf und auch Werk des historischen „Grünewald“ in Verbindung bringen.

Bis zu diesem Jahr 1512 verlief das Leben Grünewalds im Wesentlichen so, wie Zülch und andere Kunsthistoriker es geschildert haben. Danach aber verfolgten sie die Dokumente des Mathis Gothart oder Mathis Nithart und nicht die Mathis Grüns. Dieser kam Ende des Jahres 1512 nach Frankfurt und heiratete eine 18-jährige Jüdin, die am 15. August desselben Jahres unter großer Anteilnahme der Geistlichkeit, der Orden und des Rates der Stadt im Frankfurter Dom auf den Namen Anna getauft worden war. Am 15. Dezember leistete Grünewald den Bürgereid und kaufte zwei Tage später das Haus zum Löwenstein in der Kannengießergasse am Dom. Die großen Bildtafeln des Altars für die Antoniter malte er jedoch in Isenheim selbst, obwohl er sich zwischendurch auch immer wieder in Frankfurt aufhielt. Im Jahre 1516 war der Altar vollendet und Grünewald bewarb sich in Frankfurt vergeblich um das städtische Holzmesser-Amt, da der neue Erzbischof Albrecht von Brandenburg (seit dem 9. März 1514 im Amt) Grünewald nicht als Hofmaler bestätigt, sondern diesen Posten stattdessen an Mathis Gothart vergeben hatte. Grünewald ist also nie offizieller Hofmaler Albrecht von Brandenburgs gewesen.

Nach 1516 bewarb er sich auch 1519 noch einmal vergeblich um zwei städtische Ämter, das Bau- und das Pförtner-Amt, die ihm geregelte Einnahmen garantiert hätten. Mehrfach wurde er vor dem Frankfurter Gericht wegen Schulden verklagt. Statt wie viele andere Künstler Porträts von Fürsten, Adeligen und Kaufleuten zu malen oder Holzschnitte und Kupferstiche anzufertigen, war Grünewalds Kunst einseitig auf religiöse Themen beschränkt. Dadurch war es ihm auch nicht möglich, einen größeren Kreis von Förderern um sich zu versammeln. Sein einziger großer und ständiger Mäzen war Kardinal Albrecht, der zwar ein großer Liebhaber der Kunst, aber auch ein säumiger Zahler seiner Schulden war. Die finanzielle Lage spitzte sich zu, als im Jahre 1523 die Frau Grünewalds dem Wahnsinn verfiel und ins Heilig-Geist-Spital eingewiesen werden musste. Es gelang ihm jedoch, mit seinen zahlreichen Gläubigern Zahlungsvereinbarungen zu treffen. Am 2. April 1527 verkaufte er schließlich sein Haus in Frankfurt, stellte seine Habe bei Hans Fyoll unter und verließ mit seinem kleinen Kind, über dessen Namen und Geschlecht nichts bekannt ist, die Stadt. Zweieinhalb Jahre später, im September 1529, tauchte Grünewald im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Burg Reichenberg im Odenwald in den Diensten der Herren von Erbach wieder auf. In dieser letzten Schaffensphase des Malers entstanden die beiden Karlsruher Kreuzigungstafeln des sogenannten Tauberbischofsheimer Altars (nach 1528), die nur als Kopie erhaltene Magdalenenklage, das Erlanger Selbstbildnis (1529) sowie als letztes Werk die Aschaffenburger Beweinung (um 1530).

Grünewald starb zwischen dem 23. März 1531 und dem 16. Oktober 1532, noch in den Diensten der Herren von Erbach. Die Todesursache ist nicht bekannt. Sein Kind starb wahrscheinlich etwa um die gleiche Zeit. Seine Frau, die sich nach wie vor im Spital in Frankfurt befand, war nicht in der Lage, sich selbst um das Erbe zu kümmern. Sie überließ dies dem Verwalter des Spitals, Jakob Folcker, der in einem Brief vom 16. Oktober 1532 an die Herren von Erbach um die Zusendung des Nachlasses bat. Zu diesem Zeitpunkt muss also Grünewald bereits gestorben gewesen sein; der eigentliche Todestag kann aber wesentlich früher liegen. Durch seinen Fortgang aus Frankfurt scheint er schnell aus dem Blickfeld seiner Freunde und möglichen Verehrer seiner Kunst verschwunden zu sein. Sie haben seinen Tod nicht wahrgenommen.

Isenheimer Altar

Als Isenheimer Altar wird der Wandelaltar aus dem Antoniterkloster in Isenheim im Oberelsass (Département Haut-Rhin) bezeichnet, der im Museum Unterlinden in Colmar in drei Schauseiten getrennt ausgestellt ist. Die Gemälde auf zwei feststehenden und vier drehbaren Altar-Flügeln sind das in den Jahren 1512 bis 1516 geschaffene Hauptwerk von Matthias Grünewald (Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald) und zugleich eines der bedeutendsten Meisterwerke der deutschen Tafelmalerei. Die Skulpturen im Altarschrein werden dem um 1490 in Straßburg tätigen Bildschnitzer Niklaus von Hagenau zugeschrieben.

Präsentation des Isenheimer Altars im Colmarer Museum

Die einzelnen Teile des Retabels von Isenheim, bestehend aus elf gemalten Tafeln und den geschnitzten Figuren, sind heute im Museum Unterlinden in drei Gruppierungen auf je einem eigenen Sockel ausgestellt, wobei der ursprüngliche Zustand mit den beweglichen Altarflügeln aufgegeben werden musste zugunsten einer getrennten Aufstellung der einzelnen Tafelbilder, um alle Schauseiten gleichzeitig und im gleichen Raum präsentieren zu können:

• Erste Schauseite: Kreuzigung Jesu Christi auf den geschlossenen Altarflügeln (Mitteltafel). Zu beiden Seiten die feststehenden seitlichen Flügelbilder mit dem Märtyrer Sebastian und dem Einsiedler Antonius. Sockelgemälde in der Predella: Beweinung Christi. (Ursprüngliche Rückseiten der Mitteltafel: Verkündigung des Herrn und Auferstehung Jesu Christi als linkes und rechtes Flügelbild der zweiten Schauseite bei geöffneten äußeren Flügeltüren.)

• Zweite Schauseite: Engelskonzert und Menschwerdung Christi auf den geschlossenen inneren Altarflügeln (Mitteltafel); daneben die äußeren Flügeltüren mit Verkündigung und Auferstehung. Predella wie bei der ersten Schauseite. (Ursprüngliche Rückseiten der Mitteltafel: Besuch des Antonius bei Paulus von Theben und die Versuchungen des Antonius als linkes und rechtes Flügelbild der dritten Schauseite bei geöffneten Altarflügeln.)

• Dritte Schauseite: Altarschrein mit geschnitzten Skulpturen von Antonius in der Mitte mit den Kirchenvätern Augustinus von Hippo und Hieronymus zur Seite; daneben die äußeren Flügeltüren mit Besuch des Antonius bei Paulus von Theben und Versuchung des Antonius. Sockelschrein in der Predella: geschnitzte Büsten von Christus und den Aposteln.

•  Präsentation des Isenheimer Altars im Colmarer Museum

Vor dem Umbau des Museum: Die drei Schauseiten

Heutiger Zustand: Erste Schauseite

Erste Rückseite

Zweite Schauseite

Zweite Rückseite

Dritte Schauseite

Geschichte des Isenheimer Altars

Das Kloster in Isenheim hatte zuvor bereits einen Wandelaltar besessen, den Martin Schongauer 1475 im Auftrag des Klosterpräzeptors Johann de Orliaco (Jean d’Orlier in französischer Schreibweise) gemalt hatte. Er zeigte in geschlossenem Zustand auf den beiden festen Flügeln des Triptychons die Verkündigungsszene mit Maria und dem Engel Gabriel. Im geöffneten Zustand sah man auf dem linken Flügel, wie Maria das Kind anbetet, und rechts Antonius den Einsiedler mit der Stifterfigur des damaligen Klosterpräzeptors Jean d´Orlier. Im geöffneten Zustand war in der Mitte eine lebensgroße Skulptur der Jungfrau Maria zu sehen. Die Altarflügel sind im Museum Unterlinden ausgestellt; die Marienskulptur befindet sich seit 1924 im Pariser Louvre.

Es ist unklar und wegen fehlender Dokumente vermutlich auch nicht mehr zu klären, wann und wo Grünewald mit den Vorbereitungen für die Altargemälde begonnen hat und wo sich seine Werkstatt befand. Außerdem ist bis heute ungeklärt, warum die Wahl auf Grünewald gefallen ist. Nur wenige seiner Werke sind signiert; die Altartafel mit dem hl. Sebastian soll das undeutliche Monogramm M.G.N. aufweisen. Das Salbgefäß neben Maria Magdalena auf der Kreuzigungstafel soll in den Ornamenten das vom Maler eingetragene Datum 1515 enthalten.

Grünewald war auf der Suche nach einem neuen Menschenbild und einer neuen Ausdrucksform in der Malerei. „Grünewalds Eigenart und Bedeutung liegt in seinem überragenden malerischen Können, das er in starken Gegensätzen wie in feinsten Abstufungen und in großzügiger Austeilung von Licht und Schatten aus dem Farbzusammenhang komponiert. … Er hat in seiner Eigenart ein Höchstes geleistet, das unbegreiflicher erscheint als die Großtaten Dürers“.

Der Altar wurde mehrere Male auseinander genommen und an anderen Orten verwahrt oder wieder aufgebaut, so 1793 bis 1852 im ehemaligen Jesuitenkolleg in Colmar, 1852 bis 1914 im neuen Unterlinden-Museum in Colmar, 1914 bis 1917 im Tresor der Sparkasse in Colmar, 1917 bis 1919 in der Alten Pinakothek in München, 1919 bis 1940 auf Schloss Lafarge bei Limoges und auf Schloss Hautefort / Périgord, 1940 bis 1945 in Colmar und anschließend auf der Hohkönigsburg im Elsass, 1945 bis 2013 im Unterlinden-Museum, 2013 bis 2015 in der Dominikanerkirche Colmar sowie seit 2015 wieder im restaurierten und umgebauten Museum Unterlinden. Das den Altar umgebende Schnitzwerk war 1783 in Isenheim verblieben und ist seit 1860 verschwunden.

2011 begann eine umstrittene Restaurierung der Gemälde. Seit 2015 ist der Isenheimer Altar neu präsentiert. Man hat ihn in schlichten Stahlstrukturen gerahmt, um den Status des Altars als Kunstwerk zu betonen. Dazu wurde eine neue Beleuchtung der Altarteile installiert.

Konzeption des Isenheimer Altars

Die am Altar tätigen Künstler sind weitgehend den Plänen ihrer Auftraggeber und Berater gefolgt, darunter insbesondere dem Präzeptor Jean d´Orlier und seinem Nachfolger Guido Guersi, die sich ihrerseits an die theologischen Kenntnisse ihrer Zeit sowie an die Schriften der Kirchenväter und an die Lehren der Scholastik gehalten haben.

Jean d´Orlier, wahrscheinlich um 1425 in Savoyen geboren, zunächst Präzeptor des Antoniterhauses in Ferrara, einem Zentrum des Humanismus, danach von 1464 bis 1490 Präzeptor in Isenheim. Auf Jean d´Orlier wird die Konzeption des ganzen Altarwerks zurückgeführt, insbesondere die bildhafte Entfaltung der Altarsymbolik.

Guido Guersi, Präzeptor des Antoniterklosters Isenheim von 1490 bis 1516, vorher bereits Sakristan und Vertrauter von Jean d´Orlier, der ihn zu seinem Nachfolger vorgesehen hatte. Sein Wappen und vielleicht auch seine porträthafte Darstellung finden sich auf der Bildtafel mit dem Besuch des Antonius bei Paulus von Theben.

Der Altar stand ursprünglich in der Apsis der Anfang des 15. Jahrhunderts errichteten Hospitalkirche des Antoniterklosters in Isenheim. Er war gerahmt und überhöht von Baldachinen und Fialen, so dass er mit ca. 8 m Höhe fast bis zum Chorgewölbe reichte.

Die verschiedenen Schauseiten des Altars waren von Anfang an auf das liturgische Kirchenjahr ausgerichtet, so dass sich aus dessen Ablauf ergeben muss, an welchen Tagen welche Schauseiten geöffnet worden sind. Die folgende Ordnung kann vermutet werden:

Das geschlossene Retabel ist dem Schmerz gewidmet. Die mittlere Tafel mit der Kreuzigung und die beiden Flügelbilder mit Sebastian als Patron der Sterbenden und Antonius als Ordenspatron sowie die Beweinung des toten Christus auf der Predella waren zu sehen an allen normalen Werktagen und während der Fastenzeit. Die mittlere Schauseite mit Verkündigung, Engelskonzert, Menschwerdung und Auferstehung Christi schildert den Jubel und Triumph des Glaubens; sie wurde geöffnet: in der Weihnachtszeit und vielleicht auch im Advent sowie von Ostern bis Pfingsten (Pentecostes), vermutlich auch an Sonntagen. Die innere Schauseite mit dem Schreinsaltar des Ordenspatrons Antonius sowie mit Hieronymus und Augustinus und mit den beiden Bildtafeln aus dem Leben des Antonius wurde wahrscheinlich gezeigt am Fest des hl. Antonius (17. Januar) sowie bei Ablegung eines Ordensgelübdes, einer Priesterweihe oder beim Amtsantritt eines neuen Präzeptors.

Während bei der ebenfalls von Grünewald gemalten Stuppacher Madonna vor allem die Visionen der Birgitta von Schweden für das Bildprogramm maßgebend gewesen sein sollen, waren es für den Isenheimer Altar vermutlich die Visionen der Hildegard von Bingen.

Veranstaltung vom 27.06.2018

Albrecht Dürer der Jüngere.

Albrecht Dürer der Jüngere (auch Duerer; * 21. Mai 1471 in Nürnberg; † 6. April 1528 ebenda), ein Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker. Mit seinen Gemälden, Zeichnungen, Kupferstichen und Holzschnitten zählt er zu den herausragenden Vertretern der Renaissance.

Albrecht Dürer der Ältere stammte aus dem Dorf Ajtós in der Nähe der Stadt Gyula in Ungarn und ist in Ungarn unter diesem Namen (Ajtósi Dürer Albrecht) bekannt (ajtó = Tür). Albrecht Dürer glich die von seinem Vater gebrauchte Schreibweise Türer an die in Nürnberg übliche fränkische Aussprache der harten Konsonanten an und schuf mit der Umwandlung in Dürer die Voraussetzung für sein Monogramm, das große A mit dem untergestellten D. Dürer war der erste bedeutende Künstler nach Martin Schongauer, der seine Grafiken systematisch mit einem Monogramm kennzeichnete.

Leben

Albrecht Dürers Vater,kam 1455 aus Ungarn nach Nürnberg und übte hier erfolgreich den Beruf eines Goldschmieds aus. 1467 heiratete er Barbara Holper (* 1452; † 16. Mai 1514), die Tochter des Hieronymus Holper. Binnen 25 Jahren gebar sie 18 Kinder, von denen nur drei die Kindheit überlebten.

Als drittes Kind dieser Ehe wurde Albrecht am 21. Mai 1471 geboren: „Ich Albrecht Dürer bin am Prudentientage, der war am Freitag, da man gezählt hat 1471 Jahr, in der freien Reichsstadt Nürnberg geboren.“ Seit 1475 lebte die Familie Dürer in einem eigenen Haus unterhalb der Burg. Albrecht Dürer jun. beschrieb seine Mutter als eine emsige Kirchgängerin, die ihre Kinder „fleißig“ und oft bestrafte. „Wohl geschwächt durch die vielen Schwangerschaften war sie häufig krank.“

Bis zu seinem 13. Lebensjahr besuchte Albrecht Dürer die Schule. In früher Jugend nahm ihn der Vater mit in seine Werkstatt, um ihn gleichfalls zum Goldschmied auszubilden. Aus diesen Lehrjahren stammen sein Brustbild, das er 1484 nach dem Spiegel auf Pergament zeichnete (jetzt in der Albertina in Wien) und eine Madonna mit zwei Engeln von 1485 (Kupferstichkabinett Berlin).

Ende 1486 bis 1490 lernte und arbeitete er bei dem Nürnberger Maler Michael Wolgemut; Indizien sprechen dafür, dass Dürer an den Entwurfsarbeiten zur 1493 erschienenen Schedelschen Weltchronik beteiligt war. Daneben bildete sich Dürer auch anhand von zeitgenössischen Kupferstichen, zum Beispiel denen von Martin Schongauer.

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Michael Wolgemut (* 1434 in Nürnberg; † 30. November 1519 ebenda; auch Michael Wohlgemut oder Michael Wohlgemuth) war ein Maler und ein Meister des Holzschnitts. Er war Schüler von Hans Pleydenwurff und der wichtigste Vertreter der älteren fränkischen Schule sowie Vorbild und Lehrmeister Albrecht Dürers.

Hartmann Schedel (* 13. Februar 1440 in Nürnberg; † 28. November 1514 ebenda) war ein deutscher Arzt, Humanist und Historiker. Sein wichtigstes Werk ist die sogenannte Schedelsche Weltchronik aus dem Jahr 1493. Die Weltchronik-Illustration ist ein gemeinsames Werk Wolgemuts und seines Stiefsohns Wilhelm Pleydenwurff.

Die lateinische Auflage umfasst 656 Seiten, die deutsche 596 Seiten. Das Werk enthält 1809 Holzschnitt-Illustrationen der Werkstatt von Michael Wolgemut. Unter den Illustrationen befinden sich 29 doppelseitige Stadtansichten und zwei doppelseitige Landkarten: eine Weltkarte und eine Europakarte. Michael Wolgemut begann 1487 zusammen mit Wilhelm Pleydenwurff, seinem Stiefsohn, mit den Entwurfsarbeiten zu den Holzschnitten. Auch Beiträge des jungen Albrecht Dürer, der bis 1490 bei Wolgemut in die Lehre ging, sind wahrscheinlich.

Die Auflagenhöhe ist nicht bekannt. Die lateinische Auflage, die in ganz Europa vertrieben wurde, wird höher gewesen sein als die deutsche. Gedruckt wurde sie bei Anton Koberger in Nürnberg. Über die damaligen Preise der Weltchronik ist fast nichts bekannt. Ein 1495 in London verkauftes Exemplar kostete 66 Shilling 8 Pence. Der Druck der Weltchronik, der immense Kosten verursachte, wurde kein verlegerischer Erfolg, denn 1509 waren noch 571 Exemplare am Lager.

Der Marktwert heute noch bekannter Exemplare hängt vom Erhaltungszustand ab. Ein hervorragend erhaltenes Exemplar wurde im Jahr 2010 für ca. 850.000 US-Dollar in London versteigert. Ein Exemplar, bei dem zwei Drittel der Seiten fehlen, wurde 2011 für 35.000 US-Dollar angeboten.

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Von Ostern 1490 bis Pfingsten 1494 begab sich Dürer auf Wanderschaft an den Oberrhein. Möglicherweise war er zunächst in den Niederlanden oder am Mittelrhein, bevor er sich 1492 im Elsass aufhielt. Den in Colmar lebenden Maler Martin Schongauer, dessen Werk ihn sehr beeinflusste, lernte er nicht mehr kennen, da dieser bereits am 2. Februar 1491 gestorben war. Später wirkte Dürer in Basel. Hier entstanden die berühmten Holzschnitte zu Sebastian Brants Narrenschiff (Erstdruck 1494).

Sebastian Brant (latinisiert Titio; geboren 1457 oder 1458 in Straßburg; gestorben 10. Mai 1521 ebenda) war ein deutscher Jurist, Professor für Rechtswissenschaft an der Universität Basel (1489–1500) und von 1502 bis zu seinem Tod 1521 Stadtsyndikus und Kanzler der Freien Reichsstadt Straßburg. Er war einer der produktivsten Autoren lateinischer Andachtslyrik und Herausgeber von antiken Klassikern und Schriften italienischer Humanisten. Sein 1494 veröffentlichtes Werk „Das Narrenschiff“ begründete seinen Ruhm als Autor des deutschen Humanismus.

Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Das Werk wurde 1497 ins Lateinische übersetzt und durch Weiterübersetzungen in verschiedene Sprachen in ganz Europa verbreitet.

Zum Inhalt

Das Buch gliedert sich in eine Vorrede und 112 Kapitel, die in den meisten Fällen jeweils ein typisches menschliches Fehlverhalten oder Laster beschreiben und als Auswuchs närrischer Unvernunft präsentieren, so z. B. Habsucht, Kleidermoden, Schwätzerei oder Ehebruch, auch vor der Einnahme Konstantinopels durch das Osmanische Reich und dem nahen Weltende wird gewarnt; Regierende bekommen gute Ratschläge, und ein neuer Heiliger namens St. Grobian führt sich wie ein Flegel auf. Das Schlusskapitel stellt diesem Reigen von Narren den Weisen als Ideal vernünftiger Lebenshaltung gegenüber und klingt im Schlussreim mit dem Namen des Autors aus, noch gefolgt von einem gereimten Explicit und einer in späteren Auflagen hinzugefügten protestation, die sich über unbefugte Plagiate und Erweiterungen beschwert.

Ist der Narr durchgehendes Leitmotiv, so taucht das Narrenschiff als rahmenprägendes Motiv nur einige Male auf; dafür erfindet der Verfasser neue Wortzusammensetzungen, wie z. B. Narrentanz und Narrenspiegel, die womöglich geläufige Titel religiöser Schriften, wie Totentanz und Bußspiegel, parodieren sollten. Überdies wird der Narrenbrei gerührt oder Mitgliedschaft im Narrenorden beschrieben. Brant lässt keinen Bereich des Lebens und des Wissens aus, dem nicht eine Kategorie der Narretei zugeordnet werden könnte:

Der Weg zur Weisheit führt für Brant nicht über die „unmündige Frömmigkeit“, sondern über seinen fründ Vergilium, das heißt die menschliche Vernunft. Brant erfasst „das Problem menschlichen Verhaltens“ auf der Grundlage der biblischen Psalmen und Weisheitsschriften und der antiken Philosophie: „Brants Ideal ist der Weise der Stoiker“. Im Narrenschyff liest sich das im Kapitel Der wyß man („Der weise Mann“) so:  „Er achtet nicht auf das, was der Adel / der Adlige spricht; Oder auf des gemeinen/einfachen Volkes Geschrei; Er ist rund; ganz wie ein Ei (wohl übertragen zu verstehen als: so glatt wie ein Ei, so dass alles an ihm abgleitet)“

Das Narrenschyff wurde von den Zeitgenossen sogleich in den höchsten Tönen gelobt, insbesondere von den Frühhumanisten des Oberrheins, mit denen Brant bekannt gewesen sein dürfte. Wahrscheinlich plante er, sein Werk selbst ins Lateinische zu übersetzen, übertrug diese Aufgabe dann aber seinem Schüler Jakob Locher, dessen Arbeit unter dem Titel Stultifera Navis am 1. Juni 1497 in Straßburg erschien, gedruckt von Johann Grüninger. Diese Ausgabe verbreitete sich schnell über die Landesgrenzen hinweg und machte Brants Werk zu einem internationalen Erfolg. Die Übersetzung Lochers ist keine wörtliche, sondern eher eine lateinische Nachdichtung, die den Erwartungen des lateinkundigen Publikums und dessen klassischem Bildungshintergrund Rechnung getragen habe. Eine mittelniederdeutsche Ausgabe wurde 1497 unter dem Titel Dat narren schyp von Hans van Ghetelen in Lübeck gedruckt.

Im Lauf des 16. Jahrhunderts erfreuten sich die Narrenfiguren Sebastian Brants weiterhin großer Beliebtheit, gleichwohl wurden sie von den kirchlichen Institutionen nicht mehr gern gesehen.

Zu den Illustrationen

Zum Erfolg des Narrenschiffs und seiner Folgepublikationen trugen nicht zuletzt die ansprechenden und lebendigen Illustrationen bei. Für Bergmann von Olpes Druck 1494 fertigte der Meister der Bergmannschen Offizin, eventuell identisch mit Albrecht Dürer, der sich auf seiner Wanderschaft in Basel aufhielt, als Hauptmeister 73 Holzschnitte von insgesamt 103 an. Der Nürnberger Drucker Peter Wagner (vor 1460–nach 1500) hat in seiner Ausgabe das Werk mit 114 Holzschnitten ausgestattet. In der Ausgabe von Geilers Navicula sind diese in Komposition und Strichführung ausdrucksstarken Illustrationen übernommen worden. Die Holzschnitte in Lochers Stultivera Navis gewinnen ihre Effekte durch den raffinierten Schnitt der Flächen, um einen Hell-Dunkel-Kontrast zu erzielen.

Einordnung

Das Narrenschiff gehört zur volkstümlichen Literaturform der Narrengeschichten, einer satirischen Literatur, die die Belehrung über die menschlichen Schwächen und die Kritik des Zeitgeistes zum Inhalt hat; ihre Ausdrucksformen sind die Karikatur und die Übertreibung. Hierzu sind nach Brants Narrenschiff auch das Lob der Torheit (1509) des Erasmus von Rotterdam sowie Till Eulenspiegel (1515) und die Schildbürger (1597) zu nennen.

Auch wenn Brant am Ende des Narrenschyff-Erstdrucks von 1494 sagt, es sei entstanden vff die Vasenacht/die man des narren kirchwich nennet, ist daraus nicht zu schließen, dass er seine Narren aus den Karnevalsbräuchen gewonnen haben könnte, die bis auf den heutigen Tag solide Bürger für einige Tage im Jahr in überschwänglich feiernde Narren verwandeln. Eher ist es so, dass im ausgehenden Mittelalter der Narr bereits längst vor Brant als eine gottverneinende, sündige Figur bekannt war, die mit dem eigentlichen Fastnachtsfest noch gar nichts zu tun hatte; für die Moralsatire bot sich die Figur des Narren geradezu an. Sie ist daher keine Zufälligkeit. Stattdessen übernahm der Autor hier eine in allen Bevölkerungsschichten verstandene Symbolfigur. Somit ist es nicht verwunderlich, wenn Sebastian Brants Narrenbeispiele in den Illustrationen allesamt mit den typischen Narrenattributen – Narrenkappen, Eselsohren und Schellen u. a. – dargestellt werden.

Sicher ist allerdings auch, dass Sebastian Brant und sein Narrenschiff die Allegorie des Narren schlagartig europaweit zur beliebtesten Figur des ausgehenden Mittelalters machten.

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1494 heiratete Dürer Agnes Frey (1475–1539), die Tochter eines Freundes seines Vaters aus einer alteingesessenen, angesehenen Nürnberger Familie, die allerdings nur 200 Florin Mitgift in die Ehe einbrachte. Die Ehe blieb kinderlos.

Dürer machte sich 1497 selbstständig, und wohl ab 1503 konnte er in der Nürnberger Altstadt eine Werkstatt mit Hans Schäufelein, Hans von Kulmbach und Hans Baldung Grien als Mitarbeiter betreiben. Er arbeitete sehr intensiv an seinen Werken. In diese erste Periode seines Künstlerlebens fallen vorwiegend Porträts und einige Selbstporträts: das Bildnis seines Vaters (1497) in London (National Gallery), sein Selbstporträt (1498) im Prado in Madrid, das des Lindauer Kaufmanns Oswald Krell (beschriftet „Oswolt Krel. 1499“) in München (Bayerische Staatsgemäldesammlung), sein Selbstporträt (1500) ebenfalls in München, Bildnis Friedrichs des Weisen (1494/97) in Berlin (Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz) u. a. Von 1500 stammt auch der kleine Christus am Kreuz in der Dresdner Galerie, ein Bildchen von unvergleichlicher Feinheit der Ausführung, und aus derselben Zeit ein Altarwerk ebenfalls in Dresden („Die sieben Schmerzen Mariä“ und Maria das Kind anbetend, Mitteltafel in München), der „Dresdner Altar“.

Hauptsächlich widmete er sich jedoch dem Kupferstich und dem Vorlagenzeichnen für den Holzschnitt. Besonders den Kupferstich erprobte er schon sehr früh; das erste datierte Blatt ist von 1497, dem aber gewiss schon verschiedene andere vorangegangen waren. Aus dieser Zeit stammen ferner: Die Offenbarung des Johannes (1498), eine Folge von 16 Holzschnitten, Adam und Eva (1504), ein Kupferstich und Der verlorene Sohn bei den Schweinen (um 1496)(Abb.), dessen Tierdarstellung maßgeblich für die Rückzüchtung des so genannten Albrecht-Dürer-Schweins wurde.

<Das Albrecht-Dürer-Schwein ist eine Rückzüchtung des mittelalterlichen Hausschweins. Heute wird es nur noch in Tierparks und Wildgehegen gehalten, um eine plastische Vorstellung der Hausschweine um 1500 zu geben.>

Dürers Verbindung zum Humanismus kommt u. a. in den Illustrationen zu Conrad Celtis’ (1459-1508) Schrift Quatuor libri Amorum (1502) zum Ausdruck, der seinerseits Dürer zuvor bereits als zweiten Apelles (Maler, Zeitgenosse Alexanders des Großen, Bilder nur aus der Literatur bekannt) gepriesen hatte.

<Celtis, der als deutscher „Erzhumanist“ bezeichnet worden ist, gründete mehrere wissenschaftliche Gesellschaften (Sodalitäten), so 1491 die Sodalitas litteraria Rhenana und 1497 die Sodalitas litteraria Danubiana. Sein Briefwechsel ist eine wichtige Quelle für das gelehrte Netzwerk des deutschen Humanismus.

In seinen lyrischen Werken ahmte Celtis Ovid und Horaz nach. Als Hauptwerk dürfen die Quattuor libri amorum („Vier Bücher Liebesgedichte“, Nürnberg 1502) betrachtet werden. Albrecht Dürer lieferte dazu Holzschnitt-Illustrationen. Unter anderem ist ein geografisches Schema Deutschlands beigefügt, das Böhmen und die Elbe in der Mitte Deutschlands ansiedelt, umrahmt von vier deutschen Städten. Außerdem trat Celtis als Epigrammautor hervor und als Verfasser einer Poetik (Ars versificandi et carminum, 1486).>>

Reise nach Venedig (1505–1507)

Im Jahr 1505 unternahm Dürer eine belegbare Reise nach Venedig, wo damals die größten Renaissancemaler der venezianischen Schule, darunter Tizian, tätig waren. Vor allen aber beeindruckte ihn Giovanni Bellini (1437-1516, Frührenaissance), den er in einem Brief als den „pest in gemell“ (Bester in der Malerei) pries. Wenn ihn sein ernstes Studium, sein Fleiß und seine Einsicht schon früher in der Heimat den Wert der Korrektheit der Zeichnung und eine wahre Naturauffassung schätzen lehrten, so sah er hier eine ungeahnte Kraft und Tiefe des Kolorits, die nachhaltig auf ihn einwirkten.

Die deutschen Kaufleute in Venedig, deren Oberältester Jakob Fugger (1459-1525) aus Augsburg war, bestellten für die Bartholomäuskirche in Venedig ein großes Bild, das Rosenkranzfest. <Jakob Fugger „von der Lilie“ (auch genannt Jakob Fugger „der Reiche“ oder seltener „Jakob II. Fugger“; * 6. März 1459 in Augsburg; † 30. Dezember 1525 ebenda) war zwischen etwa 1495 und 1525 der bedeutendste Kaufherr, Montanunternehmer und Bankier Europas. Fugger finanziert 1505/06 die Schweizergarde für Papst Julius II.> Das Bild erwarb Kaiser Rudolf II. später für eine große Summe  und ließ es von vier Männern nach Prag tragen, wo es sich jetzt in der Národní Galerie (Nationalgalerie) befindet (zuvor im dortigen Kloster Strahov). Es stellt eine Krönung der Madonna durch zwei Engel dar. Die Jungfrau reicht dem Kaiser, das Christuskind dem Papst Rosenkränze, ebenso der heilige Dominik und mehrere Engel den Umstehenden. In dem durch Übermalung sehr verdorbenen Bild ist der venezianische Einfluss in der Komposition und Farbgebung deutlich zu erkennen. In Venedig malte Dürer auch ein paar Portraits, z. B. 1506 Burkhard von Speyer. Obgleich Dürer in Venedig hohe Anerkennung fand und der Rat von Venedig ihm ein Jahresgehalt von 200 Dukaten anbot, wenn er sich in der Stadt dauerhaft niederlassen würde, trat er die Rückreise in seine Vaterstadt an. Ein 1505 in Venedig erschienenes Exemplar von Euklids Elementen der Mathematik trägt ein Monogramm Dürers nebst den Worten: Dz puch hab ich zw Venedich vm ein Dugatn kawft im 1507 jor. Albrecht Dürer („Dieses Buch habe ich zu Venedig um einen Dukaten gekauft im 1507ten Jahr. Albrecht Dürer“).

1507–1514

Ab 1509 war Dürer Gesandter des Größeren Rats in Nürnberg, und so kann man davon ausgehen, dass er maßgeblich an der Planung künstlerischer Projekte der Stadt beteiligt war. Während dieser Jahre veröffentlichte er außer vielen kleineren Arbeiten in Kupferstich und Holzschnitt drei beeindruckende Holzschnittfolgen; in diesen Werkkomplexen zeigt sich Dürers Meisterschaft auf dem Gebiet der Grafik ganz besonders. Im Einzelnen handelt es sich um:

•  Die kleine (Holzschnitt-)Passion (dat. 1509 und 1510) mit 37 Blättern im Format 130 × 100 mm, 1511 als Buch veröffentlicht

•  Die große Passion (1510), die sich in Darstellung und Format wesentlich von der kleinen unterscheidet und aus 11 Darstellungen aus dem Leben des Heilands und einem Titelblatt besteht

•  Marienleben bzw. Das Leben der Maria (1510 und 1511) in 20 Darstellungen

Von den Gemälden kennt man aus dem Jahr 1512 das Tafelbild Maria mit der Birnenschnitte. Auch erhielt Dürer einen Freibrief von seinem Gönner Kaiser Maximilian zum Schutz vor der Nachbildung seiner Holzschnitte und Kupferstiche. Als hervorragende Werke aus dem Jahr 1512 sind noch zu erwähnen die Stiche: Maria auf der Rasenbank, Christus der Dulder, beides Nadelarbeiten, der heilige Hieronymus in der Felsenschlucht vor dem Betpult, sowie die Auferstehung, weiterhin 1513 Das Schweißtuch der Veronika, von zwei Engeln gehalten (ein sehr ähnliches Motiv entstand 1516 als Eisenradierung) und 1514 der Dudelsackpfeifer.

Dürer hat mehrfach im Auftrag des Kaisers Maximilian I. gearbeitet. Seit spätestens 1510/11 gab es Verbindungen, die eventuell Willibald Pirckheimer vermittelt hatte. Alle Werke dienten zumindest mittelbar der Ehre und dem Ruhm des Kaisers .

Weitere Werke: Illustrationen zu den Hieroglyphen des Horapollon in der Übersetzung von Willibald Pirckheimer; Der Triumph (Ehrenpforte Maximilians I. und Großer Triumphwagen), für den Dürer und dessen Werkstatt-Mitarbeiter Hans Springinklee und Wolf Traut den größten und bedeutendsten Teil zu liefern hatten (die Beschriftungen sind Johann Neudörffer zu verdanken); das möglicherweise für den St. Georgs-Orden bestimmte Gebetbuch Maximilians I.

Zu dieser Zeit entstanden parallel seine drei als Meisterstiche bekannten Werke: Ritter, Tod und Teufel (1513), Der heilige Hieronymus im Gehäus (1514), Melencolia I (1514) sowie vielleicht das ursprünglich für die Nürnberger Katharinen-Kirche bestimmte, jetzt in der Münchener Pinakothek befindliche Altarblatt der Geburt Christi mit den beiden Stifterbrüdern Paumgartner, bekannt als Paumgartner-Altar. Zwei Monate vor deren Tod († 1514) fertigt er eine Kohlezeichnung seiner Mutter an; das erste Porträt eines sterbenskranken Menschen. Seit 1515 sind auch Eisenradierungen von Dürer überliefert.

1515–1520

Die Jahre unmittelbar vor seiner niederländischen Reise waren von einer intensiven Zuwendung zu seinen theoretischen Arbeiten geprägt. Sein Lehrbuch der Malerei konnte er wegen seines Ablebens nicht vollenden, jedoch erschien 1525 in Nürnberg sein Lehrbuch zur Geometrie und Mathematik, gefolgt von der Befestigungslehre im Jahre 1527. Postum wurde schließlich 1528 sein theoretisches Hauptwerk zur Proportionslehre, die “Vier Bücher von menschlicher Proportion”, dank seiner Frau Agnes veröffentlicht.

Im Jahr 1515 entstand der Holzschnitt Rhinocerus, eines der bekanntesten Werke Dürers.

Im Sommer 1518 war er als Vertreter der Stadt Nürnberg auf dem Reichstag in Augsburg, wo er Jakob Fugger und andere bedeutende Persönlichkeiten im Werk verewigte. Die Bekanntschaft mit Schriften Luthers, „der mir aus großen engsten geholfen hat“, fällt wohl in diese Zeit.

Reise in die Niederlande (1520–1521)

Vom 12. Juli 1520 ab begab sich Dürer mit seiner Frau und der Magd Susanna über Bamberg, Frankfurt, Mainz, Köln nach Antwerpen. Letztere Stadt sollte während seines Aufenthalts seine zentrale Residenz werden, von wo aus er zahlreiche Ausflüge in andere Städte unternahm. Ein Jahr später, am 2. Juli 1521 trat er die Rückreise an.

Der Grund für die Reise war vor allem ökonomischer Natur. Im Januar 1519 war Dürers wichtigster Gönner Kaiser Maximilian I verstorben. Dieser hatte dem Künstler 1515 eine jährliche Leibrente von 100 Gulden zugesprochen, die die Stadt Nürnberg von der Reichsteuern abziehen sollte. Mit dem Ableben des Kaisers verweigerte der Nürnberger Rat die Fortzahlung dieses Privilegs und forderte eine neuerliche Bestätigung durch den Nachfolger Maximilians, dem späteren Karl V.

Die Krönung sollte am 20. Oktober in Aachen stattfinden und die Monate vorher nutzte Dürer dafür, um sich ein breitgefächertes Netzwerk aus Personen aus dem näheren und weiteren Umfeld des Thronanwärters zu spannen, die er als Fürsprecher für seine Angelegenheit gewinnen wollte. Vor allem die Gunst von Karls Tante Margarete von Österreich (1480–1530) sollte sich als maßgebend herausstellen.

Die Bestätigung seiner Rente erreichte ihn bereits am 12. November in Köln und doch verweilte Dürer noch viele weitere Monate in den Niederlanden. Dies hängt sicherlich auch mit dem Erfolg, der ihm während der Reise zuteil kam, zusammen. Die Reise in die Niederlande war ein Triumph ohnegleichen und überall wurde der Meister mit Respekt und Bewunderung überschüttet, die er wohlwollend entgegen nahm; Fürsten, fremde Botschafter, Händler, Gelehrte, wie Erasmus von Rotterdam, und Künstler nahmen ihn bereitwillig in ihrer Mitte auf. Der Antwerpener Magistrat bot ihm sogar vergeblich ein Jahresgehalt von 300 Philippsgulden, Steuerfreiheit, ein schönes Haus zum Geschenk, freien Unterhalt und außerdem Bezahlung aller seiner öffentlichen Arbeiten an, um ihn zum ständigen Verbleiben in seiner Stadt zu bewegen.

Von hoher Bedeutung für ihn waren der Anblick der niederländischen Kunstschätze und die Bekanntschaft mit den hervorragenden dortigen Künstlern. Sein während dieser Reise geführtes Tagebuch ist im herausgegebenen Schriftlichen Nachlass enthalten. Auch eine große Anzahl Bildnisse von Geistlichen, fürstlichen Personen, Künstlern usw. sind ein Ergebnis seiner niederländischen Reise.

Nach seiner Heimkehr in die Vaterstadt widmete sich Dürer wieder der künstlerischen Tätigkeit. In den Jahren 1520/21 leitete er die heute verlorene Ausschmückung des Nürnberger Rathauses, die in Nachzeichnungen von 1530 in Wien, Albertina, überliefert ist. Das Programm für die Fassadenmalereien hatte Pirckheimer entworfen.

Aus dem Jahr 1526 besitzt die Alte Pinakothek in München zwei monumentale Tafeln, die zu den bedeutendsten Werken des Künstlers gehören: die lebensgroßen Figuren der vier Apostel Paulus und Petrus und der Evangelisten Markus und Johannes (Seitenstücke), zugleich die vier Temperamente verbildlichend (siehe Temperamentenlehre). Diese Tafeln hatte Dürer ursprünglich der Stadt Nürnberg geschenkt, sie waren im dortigen Rathaus ausgestellt. Aus dem Jahr 1526 stammt auch das Ölbild des Hieronymus Holzschuher in Berlin (Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz), das beste aller Bildnisse von der Hand Dürers, und ferner das Bildnis Jakob Muffels (ebenfalls in Berlin). Besonders erwähnenswert – nicht zuletzt auch wegen des ungewöhnlichen Darstellungstypus – ist das Bildnis Johann Kleeberger, welches sich im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet. Es stammt aus dem Jahr 1526 und soll das letzte Gemälde sein, das Albrecht Dürer gemalt hat.

In den letzten Jahren widmete sich Dürer vermehrt der Kunsttheorie; dabei kommt er zu Einsichten, die durchaus denen der Italiener widersprechen.

Krankheit und Tod

Dürer starb von Krankheit ausgezehrt („ausgedörrt“) am 6. April 1528, kurz vor seinem siebenundfünfzigsten Geburtstag. Bis zu seinem Tod war Dürer produktiv tätig, wobei er wohl zuletzt an der Vorbereitung zum Druck einer theoretischen Hauptschrift zur Proportionslehre arbeitete. Nicht weit entfernt von dem Grab seines Freundes Willibald Pirckheimer (St. Johannis I / 1414) ruhten die irdischen Reste Dürers auf dem St. Johannisfriedhof zu Nürnberg lange unter einer einfachen Metallplatte, die sein Schwiegervater Frey für sich und seine Familie errichten ließ, bis 1681 Joachim von Sandrart das verfallene Grab neu errichtete (St. Johannis I / 0649).

Kunsthistorische Würdigung

Dürer hat für die Entwicklung des Holzschnittes und des Kupferstiches Bedeutendes geleistet. Den Holzschnitt hat er aus dem „Dienst der Buchillustration“ befreit und ihm den Rang eines eigenständigen Kunstwerks verliehen, das dem gemalten Bild an die Seite gestellt werden konnte. Dürer schuf durch Verfeinerung der Linien und eine Erweiterung des künstlerischen Vokabulars eine reichere Tonigkeit bzw. feinere Farbabstufungen und führte den Holzschnitt so formal in die Nähe des Kupferstichs.

Wie den Holzschnitt so perfektionierte und revolutionierte Dürer auch die Techniken des Kupferstichs. Durch Blätter wie Ritter, Tod und Teufel und Melencolia I wurde er in ganz Europa bekannt. Dürer hat genau wie Tizian, Michelangelo und Raffael die Bedeutung der Druckgrafik darin gesehen, den eigenen künstlerischen Ruf zu verbreiten und durch den Vertrieb zu Einnahmen zu kommen. Benutzten die Italiener die Grafik zur Verbreitung ihrer Gemälde, so erhebt Dürer den Holzschnitt selbst zum Kunstwerk. In diesem Zusammenhang spricht man von Reproduktionsgrafik und Originalgrafik. Dürer hat seine druckgrafischen Zyklen im eigenen Verlag ediert und über den Buchhandel vertrieben. Der Vertrieb druckgrafischer Blätter hatte zur Folge, dass neue künstlerische Entwicklungen schnell und gleichmäßig in ganz Europa Verbreitung fanden.

Das gesteigerte Selbstbewusstsein und die vielschichtige Selbstreflexion deutet sich in Dürers zahlreichen Selbstporträts an. In ihnen thematisiert der Künstler seinen eigenen gesellschaftlichen Stand und darüber hinaus die hohe Wertigkeit der bildenden Kunst als intellektuelle Disziplin in einer Zeit, als diese noch zum gemeinen Handwerk gezählt wurde.

Neben seinem künstlerischen Schaffen schrieb Dürer Werke über das Perspektivproblem in der Malerei, darunter „Underweisung der Messung“, und betätigte sich mit der Befestigung von Städten. Ein wichtiger Ratgeber war ihm dabei der römische Architekt und Architekturtheoretiker Vitruv mit seinen zehn Büchern „De architectura“. Nach Dürers Befestigungslehre, 1527 in Nürnberg erschienen unter dem Titel „Etliche underricht / zu befestigung der Stett / Schlosz / und flecken“, wurde im selben Jahr noch die 1480 mitten in die Donau gebaute Ulmer Stadtmauer von Hans Beheim d. Ä., einem Nürnberger Baumeister, umgebaut. Erst 1585 wurde der Munot zu Schaffhausen nach 22-jähriger Bauzeit vollendet, die einzige Festung, die Dürers Ideen widerspiegelt.

Dürer als Mathematiker

In der Geschichte der Mathematik zeichnet sich die Renaissance als ein Zeitraum aus, in der wesentliche mathematische Fortschritte gehäuft von Praktikern kamen. Der „mathematischste Kopf“ unter den Künstlern seiner Zeit war Albrecht Dürer. So wirkte er 1515 im Auftrag von Kaiser Maximilian I. an einer von dem Hofastronomen Johannes Stabius entworfenen Karte der Erdhalbkugel mit (Stabius-Dürer-Karte) mit. Sein Kupferstich Melencolia I enthält einige mathematische Andeutungen: Zum einen ist ein magisches Quadrat abgebildet, dessen Zeilen, Spalten, Diagonale, die Zahlen in den 4 Quadranten, die 4 Zahlen im Zentrum und die 4 Zahlen in der Ecke stets dieselbe Summe 34 ergeben und das in seinen beiden mittleren unteren Feldern das Entstehungsjahr 1514 angibt – in den Feldern links und rechts daneben zeigen zudem die Ziffern 4 und 1 die Initialen Dürers im Alphabet an (4 entspricht dem vierten Buchstaben des Alphabets, also dem D wie Dürer, die 1 dem ersten Buchstaben, also dem A wie Albrecht); zum anderen wird ein Polyeder (siehe Hauptartikel Rhomboederstumpf) gezeigt, der durch Streckung zweier diametral gegenüberliegender Ecken eines Würfels zu einem Rhomboeder und durch anschließendes Abschneiden der beiden Spitzen senkrecht zu dieser Achse entsteht, so dass er wieder eine Umkugel wie der ursprüngliche Würfel besitzt.

Wissenschaftshistorisch bemerkenswert jedoch ist seine „Underweysung der messung mit dem zirckel und richtscheyt in Linien ebnen unnd gantzen corporen“, das erste Mathematikbuch deutscher Sprache mit bedeutenden neuen Erkenntnissen. Im Titel ist das Wort „Messung“ im Zusammenhang mit der damals vorherrschenden Übersetzung „Messkunst“ für das griechische Wort Geometrie zu verstehen und bedeutet im heutigen Wortsinn eher „Konstruktion“. In der Underweysung definiert Dürer spezielle Kurven, insbesondere erstmals die Muschellinie und die Pascalsche Schnecke (die er selber wegen ihrer Konstruktionsvorschrift „Spinnenlinie“ nannte), gibt eine neue Konstruktion einer Ellipse an, erkennt Ellipse, Parabel und Hyperbel als Kegelschnitte (und ist damit Vorläufer von Gaspard Monge), zeigt ein neuartiges und sehr genaues Verfahren zur Winkeldreiteilung und stellt die Tangens-Funktion grafisch dar (motiviert durch das ganz praktische Problem, die Schrifthöhe in Abhängigkeit von der Höhe ihrer Anbringung so zu staffeln, dass alle Zeilen gleich hoch erscheinen).

Dürer geht dabei deduktiv und systematisch vor und ist sich des grundlegenden Unterschieds zwischen exakten Lösungen (er nennt sie „demonstrative“) und näherungsweisen („mechanice“) Lösungen stets bewusst, was ihn sogar von den meisten Mathematikern seiner Zeit abhebt.

Mitarbeiter

Heute ist man fast sicher, dass Dürer eigentlich keine Schüler angenommen und ausgebildet hat; vielmehr war es offensichtlich so, dass er relativ eigenständige Maler bzw. Zeichner in seine Werkstatt als Gesellen aufnahm und diese sich weiterentwickeln ließ.