Gehe zu: Hauptmenü | Abschnittsmenü | Beitrag

Peter Burg Werke

Vorlesung

Vorlesung Wintersemester 2018/19

Islam und Christentum in der Frühen Neuzeit

Vorlesung

Die Vorlesung handelt von der frühneuzeitlichen Expansion des Islam in bis dahin christliche Territorien. Ein zentrales Thema sind die Lebens- und Existenzbedingungen von Christen und Mohammedanern im Kontext des sich ausdehnenden Osmanischen Reiches.  Es geht um Unterwerfung, Anpassung, Eigenständigkeit, Binnen- und Auswanderung der christlichen Bevölkerungsminderheit sowie um Mentalität und soziale Stellung der sich zum Islam bekennenden Majorität. Ein weiteres Thema ist die Verschränkung von Innen- und Außenpolitik. Als apokalyptische Zeitenwende wurde die Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 empfunden. Sultan Mehmed II. strebte darüber hinaus nach der römischen Kaiserkrone, wollte aber auch einen kulturellen Austausch mit Europa. Bei Katholiken wie bei Protestanten galten die Türken als Erzfeinde des Christentums, die es zu bekämpfen galt. Nach der erfolgreichen Abwehr einer Eroberung Wiens durch die Osmanen (1683) schwand in Europa das Gefühl einer existentiellen Bedrohung. Fortan intensivierten sich diplomatische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen Orient und Okzident. In der Vorlesung soll deutlich werden, dass das Verhältnis von Islam und Christentum damals wie heute eine weltgeschichtliche Bedeutung besaß.

Literaturhinweise: Bat Ye‘or, Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam: Vom Dschihad zum Schutzvertrag – 7. bis 20. Jahrhundert, Gräfelfing 2002, 2. Aufl. 2005; Patrick Franke, Der Islam: Staat und Religion im Europa der Neuzeit (Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte Mainz), 2012.

Zeit: dienstags und mittwochs, 10-12 Uhr,

Ort: Gewünschter Raum: Orléansring 12, SRZ 204

Beginn: 23.10.2018

Ende: 16.01.2019

Veranstaltung vom 23.10.2018

Der Fall Konstantinopels 1453

Die Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 durch ein etwa 80.000 Mann starkes Belagerungsheer des osmanischen Sultans Mehmed II. beendete das Byzantinische Reich. Die Verteidigung der Stadt oblag Kaiser Konstantin XI., der etwa 7.000–10.000 Soldaten zur Verfügung hatte und aller Wahrscheinlichkeit nach während des letzten Sturms auf die Stadt fiel.

< Mehmed II. ( İA Meḥemmed b. Murād; * 30. März 1432 in Edirne = Edirne, früher Adrianopel (bulgarisch Одрин Odrin, neugriechisch Αδριανούπολις Adrianoúpolis), ist mit 152.000 Einwohnern die westlichste Großstadt der Türkei. Sie liegt im bulgarisch-griechisch-türkischen Dreiländereck, in Ostthrakien, dem europäischen Teil der Türkei. Die ehemalige Hauptstadt des Osmanischen Reiches ist heute das Verwaltungszentrum einer gleichnamigen Provinz.; † 3. Mai 1481 bei Gebze= Gebze (antiker Name Libyssa; altgriechisch Λίβυσσα; alte Namen Gekbuze, Ghviza, Gavize, Gebize) ist eine türkische Industriestadt am Marmarameer in der Provinz Kocaeli, Gebze liegt heute am anatolischen Stadtrand von Istanbul. In der Umgebung der Stadt finden sich zahlreiche Industrieanlagen), genannt Ebū ʾl-Fetḥ  ‚Vater der Eroberung‘) und postum Fātiḥ (‚der Eroberer‘), war der siebte Sultan des Osmanischen Reiches. Er regierte von 1444 bis 1446 und dann von 1451 bis zu seinem Tod. Am 29. Mai 1453 eroberte er Konstantinopel und besiegelte damit das Ende des Byzantinischen Reiches. Aufgrund seiner zahlreichen Eroberungen kann er neben Osman I. als zweiter Gründer des Osmanischen Reiches bezeichnet werden, für das er die territoriale, ideologische und ökonomische Basis schuf.

Mehmed II. wurde als vierter Sohn Sultan Murads II. am 30. März 1432 geboren.Seine Mutter Hüma Hatun war eine Sklavin unbekannter Herkunft. Die beiden älteren Halbbrüder Ahmed (* 1420) und Alâeddin Ali (* 1430) starben in den Jahren 1437 und 1443 unter ungeklärten Umständen.

Dem Kind Mehmed wird ein ungestümer und aufbegehrender Sinn zugeschrieben. Er weigerte sich zu gehorchen und Belehrungen anzunehmen. Lehrerfolge blieben zunächst gering. Vor allem die Unterrichtung in Glaubensfragen und in der Koranlesung fruchtete kaum. Daher gab Murad II. seinen Sohn in die Obhut von Molla Ahmed Gürânî, der in Kairo Rechtswissenschaft und Korankunde studiert hatte. Ihm soll Murad II. sogar ein Züchtigungsrecht erteilt haben, das Gürânî auch ausübte. Als weiterer Erzieher wird Molla Hamideddin, späterer Professor in Bursa und Istanbul, genannt.

Der Tod des Prinzen Alâeddin Ali im Jahr 1443 versetzte Mehmed als Elfjährigen in die Rolle des Thronfolgers. Er wurde nach Edirne an die Seite seines Vaters geholt, um in die Regierungsgeschäfte Einblick zu bekommen. Mit der Einsetzung als Sultan 1444 bekam er die beiden Lālā <= Mentoren, Beschützer> Zağanos und Nişancı İbrahim, den Beylerbey von Rumelien <Provinzgouverneur> Şehâbeddin Pascha sowie den Großwesir Çandarlı II. Halil Pascha und den Heeresrichter Molla Hüsrev zugeordnet. Während Zağanos, İbrahim und der Hämling (ḫādim) Şehâbeddin eher kriegstreiberischen Einfluss nahmen, versuchte der Großwesir mäßigend auf Mehmed einzuwirken, der sich schon in dieser Zeit die Eroberung Konstantinopels zum Ziel setzte[3], angeregt von der Lektüre legendenhafter, türkisch und arabisch abgefasster Viten Alexanders des Großen und Cäsars. Zwischen Mehmed und dem Großwesir ergaben sich immer wieder ernste Konflikte, unter anderem, weil sich Mehmed, wie italienische und osmanische Quellen berichten, 1444 von dem Gedankengut eines persischen, namentlich unbekannten Sendboten der Ḥurūfī-Sekte beeinflussen ließ, der eine Aussöhnung von Islam und Christentum im Sinne des Scheichs Bedreddin propagierte. Die Auseinandersetzung zwischen Mehmed auf der einen und Halil Pascha und dem Mufti Fahreddin auf der anderen Seite endete mit der Hinrichtung des von Mehmed begünstigten Sendboten. Durch diesen Vorgang wird Mehmeds Hinneigung zu heterodoxen religiösen Meinungen bestätigt, die lebenslang bestehen blieb und Mehmeds religiöse Unterrichtserfolge infrage stellte.

Mehmeds Ausbildung dienten auch seine betreuten Statthalterschaften und seine Teilnahme an den Kriegszügen seines Vaters, nachdem dieser 1446 das erste Sultanat Mehmeds beendet hatte.

Weitgehenden Einfluss als Lehrer und Berater übte der – auch von Murad II. geschätzte – islamische Gelehrte und Heiler Scheich Akşemseddin spätestens seit 1451 auf Mehmed aus. Er motivierte und unterstützte den Sultan in seinem Vorhaben, Konstantinopel zu erobern. Seiner Meinung nach hatten Mehmed und die Osmanische Armee das Potenzial, die vom Propheten Mohammed einem Hadith zufolge gelobten Akteure dieser Eroberung zu sein. Der Hadith lautet:

„Wahrlich, Konstantinopel wird erobert. Wie vortrefflich ist der Befehlshaber, der Befehlshaber [von Konstantinopel]! Und wie vortrefflich ist das Heer, jenes Heer [das Konstantinopel erobert]!“

Mehmeds Weg zur Macht

Als sich Murad II. in der Zeit um den 1. September 1444 vom Sultanat zurückzog, berief er Mehmed, der schon seit dem Frühjahr 1444 bei ihm in Edirne weilte und in die Regierungsgeschäfte Einblick nehmen konnte, zum Reichsstatthalter Rumeliens mit Sitz in Edirne und gebot in einer Erklärung vor den Kapıkulu und Paschas in der Ebene von Mihalıç, künftig seinen Sohn Mehmed als Padischah zu betrachten. Dadurch wollte er verhindern, dass der in Konstantinopel unter der Obhut des Kaisers weilende Prinz Orhan als Prätendent Thronansprüche stellen konnte.

Manisa, Sitz Mehmeds als Statthalter und Ruhesitz Murads II., Miniatur aus dem Şemāʾil-nāme-ʾi Āl-i ʿOs̲mān von Talikizâde

Mehmed II. tritt 1451 seine erneute Herrschaft in Edirne an, Miniatur aus dem Hüner-nāme

Da die Ungarn den wenige Monate zuvor im Beisein Mehmeds geschlossenen Frieden im Herbst 1444 brachen und zusammen mit einem Kreuzritterherr anrückten, sah Murad II. sich gezwungen, in Mehmeds Regierungsgeschäfte einzugreifen und den Feldzug gegen das christliche Heer anzuführen. Nach der gewonnenen Schlacht bei Warna überließ er Mehmed schließlich das Sultanat, zog sich ganz von den Herrscherpflichten zurück und richtete seinen Ruhesitz in Manisa ein.

Als sich die Janitscharen im Jahr 1446, vorgeblich einer Solderhöhung wegen, gegen den jungen Sultan auflehnten, kam es zu verheerenden Bränden in Edirne, und Şehâbeddin Pascha entkam nur knapp den vermutlich vom Großwesir Halil Pascha aufgewiegelten Soldaten. Die Revolte (Buçuk-Tepe Vaḳʿası) – die erste in der Geschichte der Janitscharen – endete mit einer Erhöhung des Tagessolds um einen halben (buçuk) Akçe und führte zur erneuten Thronbesteigung Murads II., der vom Großwesir gerufen worden war. Murad II. schickte seinen Sohn wieder als Gouverneur nach Manisa, beteiligte ihn aber mehrmals an Kriegszügen wie beispielsweise 1448 als Truppenführer bei der Schlacht auf dem Amselfeld. Nach dem Tod seines Vaters wurde Mehmed am 18. Februar 1451 in Edirne als Sultan Mehmed II. inthronisiert. Ob die Herrschaftsübernahme Mehmeds II. völlig reibungslos verlief, lässt sich nicht abschließend beantworten. Während Chalkokondyles über einen letztlich vom Großwesir verhinderten Aufstand (der Janitscharen?) berichtet, findet sich in osmanischen Chroniken kein Hinweis auf derartige Unruhen.

Militärische Kampagnen

Mehmeds II. militärische Kampagnen erneuerten und festigten die osmanische Hegemonialherrschaft auf der Balkanhalbinsel und in Anatolien. Damit gelang ihm die Errichtung und Sicherung eines großen osmanischen Imperiums, an dessen Verwirklichung Bayezid I. in der Schlacht bei Ankara 1402 gescheitert war. Seine meist erfolgreichen Feldzüge wurden durch eine geschickte Bündnis- und Friedenspolitik ergänzt. Mehmeds erstes, großes Ziel war die Eroberung Konstantinopels, das als Rest des byzantinischen Reiches und Enklave innerhalb der osmanischen Besitzungen an der geographischen Schnittstelle der beiden Landmassen Anatoliens und des Balkans lag.

Familienleben

Bayezid folgte seinem Vater Murad I. auf den Thron, nachdem dieser 1389 bei der Schlacht auf dem Amselfeld getötet worden war. Sofort ließ er seinen Bruder Yakub ermorden und begründete damit eine lange Tradition: Der Brudermord beim Amtsantritt war bei den Sultanen des Osmanischen Reiches bis ins 17. Jahrhundert gängig.[1] Seine Mutter war die Valide Sultan Gülçiçek Hatun, die aus Griechenland stammte. Bayezid heiratete zuerst Devlet Schah Khatun, Tochter des Emirs von Germiyan, zu deren Mitgift Kütahya und angrenzende Territorien gehörte. Sie war die Mutter Mehmeds I., der 1413 das Osmanische Reich wiederherstellte. Zwei Jahre vor seiner Thronbesteigung heiratete Bayezid eine Tochter des byzantinischen Kaisers Johannes Palaiologos. Er war zudem mit Olivera Despina vermählt.

Die Eroberung von Konstantinopel

Die Belagerung Konstantinopels durch die Türken, Miniatur aus Voyage d’Outremer von Bertrandon de la Broquière, 1455

Bereits unter Mehmeds Vater Murad II. hatte sich das Osmanische Reich nach einer Krisenphase konsolidiert. Auf dieser Grundlage konnte Mehmed die Offensive gegen Konstantinopel verstärken. Um sich den Rücken frei zu halten, schloss er zunächst 1452 Friedensverträge mit Ungarn und Venedig. Dank den gut ausgebildeten und stets weiterentwickelten Artillerie-Einheiten der Topçu[48] fiel die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches am 29. Mai 1453 und wurde kurz danach von Mehmed zum Thronsitz des Osmanischen Reiches erklärt: من بعد تختم استنبولدر / min-baʿd taḫtım İstanbuldur / ‚fürderhin ist mein Thronsitz Istanbul‘.

Herrschertitulatur für Sultan Mehmed II. auf einer Inschrift von 1478 an der Großherrlichen Pforte (Bāb-ı Hümāyūn) des Topkapı-Palastes, Entwurf von Alî b. Yahya.

Durch diese Tat erhielte Mehmed II. in der islamischen Welt ein beispielloses Charisma und konnte so dem mamelukischen Sultan von Ägypten gegenüber behaupten, nunmehr der Einzige in der islamischen Welt zu sein, der das Schwert des Glaubenskampfes (ġazā) in Händen halte. In der Folge wurde er als der in Mohammeds Hadith erwartete Befehlshaber betrachtet und ließ sich auch als ابو الفتح / Ebū ʾl-Fetḥ / ‚Vater der Eroberung‘ bezeichnen. Er selbst sah sich nun als „Kaiser der Römer“ (قیصر روم / Ḳayṣer-i Rūm) und stellte sich damit ganz bewusst in die Kontinuität des Reiches der Rum-Seldschuken und des Oströmischen Reiches.

Zwar hatte Konstantinopel, als es Mehmed zufiel, als östliches Kaisertum und Gegenpol zum westeuropäischen Kaisertum keine machtpolitische Bedeutung mehr, sein Fall löste aber dennoch eine Schockwelle des Entsetzens in Europa aus. Mit dem Ende des christlichen Ostroms hatte die bisher gültige Zweistaatenlehre keinen Bestand mehr. Nach eschatologischer Ausdeutung dieser Weltreichslehre konnte damit das vorhergesagte Auftreten des Antichristen einhergehen. Die Namensgleichheit Mehmeds II. mit dem Propheten Mohammed erleichterte dabei die Einbindung des Antichristmodells in den politischen und religiösen Türkendiskurs. Die Eroberung Konstantinopels verstärkte die Angst der Christenheit vor der Türkengefahr und wurde als eine, die gesamteuropäische Öffentlichkeit bewegende, epochale Zeitenwende empfunden. Diese Bedrohung durch das Reich Mehmeds II. führte zu dem nochmaligen Versuch, den Kreuzzugsgedanken zu beleben.>

<Konstantinos XI. Palaiologos (Konstantínos Dragásis Paleológos Κωνσταντῖνος Δραγάσης Παλαιολόγος, * 9. Februar 1404 in Konstantinopel; † 29. Mai 1453 in Konstantinopel) war von 1448 bis 1453 der letzte byzantinische Kaiser und starb bei der Verteidigung Konstantinopels. Der von ihm bevorzugte Zuname Dragases leitet sich vom serbischen Adelsgeschlecht Dragaš seiner Mutter Helena Dragaš ab. Konstantinos war der Nachfolger seines Bruders Johannes VIII. Palaiologos.

(Johannes VIII. Palaiologos (griechisch Ἰωάννης Η’ Παλαιολόγος, * 1392 in Konstantinopel; † 31. Oktober 1448) war ein Sohn Manuels II. und als dessen Nachfolger seit 1425 byzantinischer Kaiser.

Territoriale Situation des Byzantinisches Reiches um 1450; der direkt angrenzende, hellgrüne Teil stellt das Gebiet des Osmanischen Reiches dar.

1422 und 1442 widerstand Konstantinopel der Belagerung durch die Osmanen unter Murad II. Um sich vor ihnen zu schützen, besuchte Johannes den römischen Papst Eugen IV. und versuchte, eine Einigung zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche zu finden, was 1439 auf dem Unionskonzil von Ferrara–Florenz in Florenz vertraglich festgelegt wurde. Die Kirchenunion war jedoch ein Fehlschlag.

Johannes VIII. war dreimal verheiratet. Seine erste Gattin war von 1414 bis 1417 Anna von Moskau (1393–1417), die Tochter des russischen Großfürsten Wassili I. 1421 vermählte er sich in zweiter Ehe mit Sophia von Montferrat oder Sofia Paleologa (ca. 1399–1434), der Tochter des Markgrafen Theodor II. von Montferrat. Sie war angeblich sehr hässlich, und Johannes VIII. vernachlässigte sie und verstieß sie schließlich im August 1426. Gut ein Jahr später, im September 1427, heiratete der byzantinische Kaiser zum dritten und letzten Mal, diesmal Maria von Trapezunt, die Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios IV. von Trapezunt, die 1439 starb. Aus keiner von Johannes’ Ehen gingen Kinder hervor; daher folgte ihm 1448 sein Bruder Konstantin XI. nach.)

Konstantinos war das achte von zehn Kindern seines Vaters Manuel II. Palaiologos und seiner Mutter Helena Dragaš und wuchs unter beider Obhut in Konstantinopel auf. Von 1437 bis 1439 war er Regent in Konstantinopel für seinen abwesenden Bruder, Kaiser Johannes VIII. Palaiologos. Vor seiner eigenen Kaiserschaft war Konstantinos der Despot der byzantinischen Provinz Morea auf der Halbinsel Peloponnes, wo er die letzten Relikte der fränkischen Fremdherrschaft beseitigte. Nach dem Tod seines Bruders im Oktober 1448 wurde er Kaiser und am 6. Januar 1449 noch in der Despotatshauptstadt Mistra gekrönt, um eventuellen osmanischen Einsprüchen zuvorzukommen. Dennoch war zu diesem Zeitpunkt der Untergang des Reiches so gut wie besiegelt.

Die osmanischen Türken unter Sultan Mehmed II. hatten bereits fast ganz Kleinasien erobert. Nur ein kleines Gebiet um Konstantinopel und ein schmaler Küstenstreifen entlang der östlichen Schwarzmeerküste waren neben der Morea und einigen ägäischen Inseln die letzten verbliebenen Gebiete des byzantinischen Reiches. Der Sultan bot dem Kaiser die Herrschaft über die Morea an, die er ablehnte. Im Jahr 1452 begann die osmanische Armee mit den Vorbereitungen zur Belagerung, die schließlich am 2. April 1453 begann. Am 29. Mai 1453 bereiteten sich der Kaiser, die oströmischen Soldaten und fünfhundert auf Schiffen eingetroffene Genueser, die von den Byzantinern begeistert empfangen wurden, auf den letzten Kampf vor und beteten noch ein letztes Mal in der Hagia Sophia, ehe die Osmanen angriffen. Es war ein harter und verlustreicher Kampf, aber die Osmanen verfügten über Mineure und eine Kanone extrem großen Kalibers (75 cm), die kurz zuvor erst von einem ungarischen Kanonengießer erfunden worden war. Nach einigen Historikern war sie wegen der zu geringen Menge an Geschossen und Problemen mit dem eigenen gewaltigen Rückstoß nicht siegentscheidend. Ein kleines Nebentor (die Kerkaporta nahe Blachernae), das nicht verriegelt und möglicherweise durch den Kanonenbeschuss blockiert war, war von den Verteidigern übersehen worden und gewährte den Angreifern Einlass. Die Byzantiner verloren letztlich den Kampf. Kaiser Konstantinos XI. wurde heroisch kämpfend an den Toren der Hauptstadt gesehen, sein Leichnam jedoch nie gefunden. Um ihn drehen sich seit Jahrhunderten Legenden und Mythen – eine Sage erzählt, dass der Eroberer Mehmed II. jeden Leichnam waschen und untersuchen ließ, bis man ihn angeblich fand (vor dem Kampf legte er sämtliche Abzeichen ab, nur die purpurnen Schuhe vergaß er). Was dann mit ihm geschah, ist unklar.

Konstantinos Tod und die Einnahme Konstantinopels bedeuteten den Untergang des byzantinischen Reiches und des letzten christlichen Bollwerks gegen das osmanische Großreich. Am Schwarzen Meer in Kleinasien existierte noch das kleine Kaiserreich Trapezunt, das christlich und byzantinisch-griechisch geprägt war. 1461 wurde auch dieses von den Osmanen erobert, was das vollständige Ende der christlichen Herrschaft in Kleinasien bedeutete.

Inoffizieller Heiliger

Konstantin wird von vielen orthodoxen Christen als Heiliger betrachtet. Offiziell ist er aber nie kanonisiert worden, da er weder einen besonders religiösen Lebenswandel geführt hatte noch der Tod in der Schlacht als spezielles Martyrium für die Orthodoxie angesehen wird.

>>>

Der Untergang des Byzantinischen Reiches markiert zugleich den endgültigen Aufstieg des Osmanischen Reiches zur Großmacht. Sowohl in der türkischen als auch der westeuropäischen Rezeption kommt der Eroberung ein hoher symbolischer Wert zu; sie wird je nach Perspektive als Ausweis von imperialer Größe bzw. als Fanal für Zerfall und Untergang betrachtet. In der Geschichtsschreibung wird die Eroberung von Konstantinopel bisweilen als eines der Ereignisse genannt, die den Übergang vom europäischen Mittelalter in die Frühe Neuzeit oder auch die Renaissance markieren.

Bei der Eroberung von Konstantinopel trafen zwei Reiche mit völlig verschiedener Ausgangslage aufeinander. Das ehemals mächtige Byzantinische Reich (auch griechisches oder oströmisches Kaiserreich genannt) blickte auf eine fast tausendjährige Geschichte zurück, war aber seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts von einem schleichenden Niedergang geprägt. Im Osten bedrängten die türkischen Seldschuken das Byzantinische Reich und leiteten mit dem Sieg in der Schlacht von Manzikert die schrittweise Eroberung Kleinasiens ein, was den allmählichen Verlust der bevölkerungsreichen „Kornkammer“ Anatolien bedeutete. Im Westen wurde das griechischsprachige und orthodoxe Byzanz von den „lateinischen“ Mächten des katholischen Europa, insbesondere Venedig, bedroht. Die Hauptstadt Konstantinopel, die in der sogenannten mittelbyzantinischen Epoche (etwa Mitte des 7. bis Anfang des 13. Jahrhunderts) schätzungsweise 400.000 bis 500.000 Einwohner hatte, war in ihrer Geschichte zwar mehrfach erfolglos belagert worden, fiel aber schließlich im Jahre 1204 während des Vierten Kreuzzugs in „fränkische“ Hände (→ Lateinisches Kaiserreich). Auch wenn die Stadt im Jahre 1261 wieder zurückerobert werden konnte, gelang eine Wiederherstellung des Reiches nur auf vergleichsweise bescheidenem Niveau. Es wurde zudem ab dem 14. Jahrhundert immer stärker vom Osmanischen Reich bedrängt. Zum Zeitpunkt der Belagerung 1453 hatte Konstantinopel nur noch schätzungsweise 40.000 Einwohner, das Byzantinische Reich bestand lediglich aus der Hauptstadt und ihrem weiteren Umland, einigen Inseln im nördlichen Teil der Ägäis (Lemnos, Samothraki und Imbros) sowie dem größten Teil der Peloponnes, dem sogenannten autonomen Despotat von Morea.

Das Osmanische Reich war im Gegensatz dazu erst im Jahre 1299 in Söğüt begründet worden und erlebte in den ersten hundert Jahren seines Bestehens eine enorme und fortwährende Expansion in Kleinasien und Europa. Diese geschah sowohl auf Kosten des Byzantinischen Reiches als auch der anderen türkischen Herrschaften (Beyliks). Nach einer Niederlage der Osmanen gegen Timur Lenk in der Schlacht bei Ankara im Jahre 1402 folgte bis 1413 ein Konflikt um die Thronfolge (sogenanntes Osmanisches Interregnum), in dem sich schließlich Mehmed I. durchsetzen konnte, der die Expansion des Osmanischen Reiches erneut vorantrieb. Ein erster Versuch seines Sohnes Murad II., Konstantinopel im Jahre 1422 zu erobern, musste aufgegeben werden. Nach einem langen und verlustreichen Krieg auf dem Balkan schloss Murad 1444 einen zehnjährigen Frieden mit seinen dortigen Feinden und verzichtete zugunsten seines erst vierzehnjährigen Sohnes Mehmed II. auf den Thron. Noch im gleichen Jahr nutzte Ungarn die vermeintliche Schwäche, um das Osmanische Reich anzugreifen. Murad kehrte aus dem Ruhestand zurück, schlug die Ungarn 1444 in der Schlacht bei Warna vernichtend und übernahm als Reaktion auf einen Aufstand der Janitscharen ab 1446 auch formal wieder die Herrschaft. Bis zu seinem Tod im Jahre 1451 gelangen ihm weitere Siege in Europa sowie in Kleinasien, so dass sein mittlerweile neunzehnjähriger Sohn ein innerlich stabiles und an den Grenzen gesichertes Reich übernahm.

<Die Janitscharen (osmanisch یكیچری اوجاغی, İA Yeñiçeri Ocaġı, „Janitscharenkorps“, wörtlich „Feuerstelle der neuen Truppe“) waren im Osmanischen Reich die Elitetruppe der Armee. Sie stellten die Leibwache des Sultans und erreichten höchste Positionen im osmanischen Staatswesen. Die Truppen hatten ihren Ursprung im 14. Jahrhundert und wurden 1826 aufgelöst.>

Während Murad II. im Alter ein durchaus freundschaftliches Verhältnis zum tributpflichtigen Byzantinischen Reich unterhalten hatte, machte Mehmed II. kaum einen Hehl aus seinem Wunsch, Konstantinopel zu erobern. Schließlich erschwerte die eingeengte Lage Konstantinopels zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil des Osmanischen Reichs dessen weitere Ausdehnung. Vor allem der Transport von Truppen zwischen Europa und Asien gestaltete sich durch die christliche Dominanz zur See für die Osmanen schwierig. Zudem war Konstantinopel ein wichtiger Handels- und Warenumschlagplatz mit noch immer großen Reichtümern. Auch wenn der byzantinische Kaiser ein Vasall des osmanischen Sultans war, sicherte er doch die christliche Kontrolle über den Bosporus und dessen wichtige Handelsverbindungen (Seidenstraße) für westeuropäische, insbesondere italienische, Händler. Die italienischen Stadtstaaten, die die stärksten Konkurrenten des Osmanischen Reichs bei der Kontrolle des östlichen Mittelmeeres bzw. des Schwarzen Meeres darstellten, nutzten Konstantinopel als sichere Basis für ihre wirtschaftlichen und militärischen Operationen. Angesichts der durch die letzten Feldzüge Murads geschaffenen guten Ausgangslage schien die Gelegenheit für einen Angriff auf Konstantinopel günstig.

Vorbereitungen

Bau der Festung Rumeli Hisarı

Der Bau der Festung Rumeli Hisarı wurde von den Byzantinern als sichtbares Zeichen für die Vorbereitung eines Angriffs verstanden.

Etwa ein halbes Jahr nach seiner endgültigen Thronbesteigung unternahm Mehmed II. im Winter 1451 mit dem Befehl, Arbeitskräfte anzuwerben und Material für den Bau einer Festung am Bosporus zu sammeln, den ersten Schritt zur Eroberung der Stadt. Der Bauplatz an der engsten Stelle des Bosporus, gegenüber der bereits im Jahre 1393/94 von Sultan Bayezid I. errichteten Festung Anadolu Hisarı („anatolische Festung“), war strategisch gut gewählt, um den Schiffsverkehr vom und in das Schwarze Meer zu kontrollieren. Die Arbeiten an dem Rumeli Hisarı („europäische Festung“) genannten Bauwerk auf der byzantinischen Seite des Bosporus begannen am 15. April 1452 und waren am 31. August beendet. Bereits während der Bauarbeiten kam es zu kleineren Auseinandersetzungen mit Einwohnern Konstantinopels, die die Arbeiter bedrohten und auf eigene Faust versuchten, das Vorhaben zu sabotieren. Kaiser Konstantin versuchte derweil durch Briefe und Geschenke, Sultan Mehmed ebenfalls zu einer Einstellung der Arbeiten zu bewegen. Als schließlich zwei von ihm im Juni 1452 geschickte Gesandte von Mehmed geköpft wurden, konnte es auf byzantinischer Seite keine Zweifel mehr an den Intentionen des jungen Sultans geben.

Nach Fertigstellung der Festung am 28. August 1452 reiste Mehmed vor Konstantinopel, um der osmanischen Tradition gemäß die Stadt und ihre Wehranlagen drei Tage zu inspizieren. Anschließend begab er sich zurück nach Edirne, der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches, um sich den weiteren Vorbereitungen der Belagerung zu widmen. Noch vor seiner Abreise hatte er die neuerbaute Festung dem Befehl von Firuz Bey unterstellt und mit einer Besatzung von 400 Mann sowie zunächst einer Reihe von Bronzekanonen versehen. Er erteilte den Befehl, dass jedes passierende Schiff eine Passagegebühr zu zahlen habe; Schiffe, die sich weigerten, seien zu versenken. Diese Maßnahme sollte den osmanischen Herrschaftsanspruch quasi unmittelbar vor den Toren der byzantinischen Hauptstadt unterstreichen. Am 25. November 1452 kam es schließlich zum ersten Zwischenfall, als drei venezianische Schiffe, die aus dem Schwarzen Meer kamen, sich weigerten, die Gebühr zu entrichten. Während zwei der Schiffe dem Kanonenfeuer entrinnen konnten, wurde die dritte mit Getreide beladene Galeere versenkt. Die aufgegriffene Mannschaft wurde zum Sultan gebracht, der sich zu diesem Zeitpunkt in Dimotika aufhielt, und geköpft, der Kapitän Antonio Erizzo hingegen gepfählt.

Kanonen des Urban

Zweiteiliges osmanisches Belagerungsgeschütz von 1464, vergleichbar den Kanonen des Urban

Bei der Belagerung Konstantinopels spielten die von einem gewissen Urban hergestellten Kanonen eine zentrale Rolle. Über den Christen Urban ist nur vergleichsweise wenig bekannt; er tritt erst im Zusammenhang mit der Belagerung Konstantinopels ins Licht der Geschichte. Als sein Herkunftsland wird je nach Quelle Ungarn, Dakien, Dänemark, Böhmen, Deutschland oder Serbien angegeben; seine Profession entweder als Stückegießer, Schmied oder Techniker. Sicher belegt ist nur, dass Urban sich im Sommer 1452 am byzantinischen Hof aufhielt, entweder, weil er schon in den Diensten Kaiser Konstantins stand oder ihm diese erst anbieten wollte. In jedem Fall kam Urban anschließend nach Edirne, um sich Mehmed II. anzudienen. Der an technischen Neuerungen interessierte und aufgeschlossene Sultan verpflichtete Urban zu einem sehr hohen Lohn. Urbans erste Aufgabe wurde die Herstellung von großen Kanonen für die Zwillingsfestungen Anadolu Hisarı und Rumeli Hisarı am Bosporus. Es waren vermutlich diese an der Wasserlinie der Festungen aufgestellten Kanonen, mit denen im November 1452 die venezianische Galeere versenkt wurde. Anschließend wurde Urban auch mit der Herstellung der für die bevorstehende Belagerung Konstantinopels benötigten Kanonen betraut.

Urban ließ in seiner Werkstatt insgesamt 69 Kanonen verschiedener Größe gießen, darunter fünf für die damalige Zeit riesige Geschütze. Die kleineren feuerten zumeist Steinkugeln von 90 kg bis 230 kg ab. Die größte Kanone, das sogenannte Konstantinopel-Geschütz, mit einer Rohrlänge von über acht Metern und einem Durchmesser von 75 cm, verschoss Kugeln von ca. 550–600 kg. Die zweitgrößte, vermutlich „Basilisk“ genannt, wurde mit immerhin noch ca. 360 kg schweren Geschossen geladen. Für die größte Kanone wurden zudem sechs Eisenkugeln gefertigt, die deren Durchschlagskraft noch einmal deutlich erhöhen sollten. Die Schussfrequenz der größten Kanone wird in christlichen Quellen mit 20 Minuten, in osmanischen Quellen mit ein bis zwei Stunden angegeben. Die Aussagen der christlichen Chronisten sollten mit Vorsicht genossen werden, so dass die Angaben der osmanischen Zeitzeugen als plausibler gelten können.

Byzantinische Hilferufe

Zeitgenössische Darstellung des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI.

Nach dem Bau von Rumeli Hisarı und der Hinrichtung seiner Gesandten war Kaiser Konstantin klar, dass es Krieg geben würde. Das Byzantinische Reich würde diesen Krieg, genauer die Belagerung von Konstantinopel, unmöglich ohne fremde Hilfe gewinnen können. So suchte Konstantin im Herbst 1452 mit allen Herrschern Kontakt, die möglicherweise Hilfe anbieten konnten. Kaiser Friedrich III. des Heiligen Römischen Reiches verfügte jedoch über keine finanziellen Mittel, England und Frankreich hatten gerade erst den Hundertjährigen Krieg beendet, so dass ein solches Unternehmen gar nicht denkbar war. Das Königreich Aragon unter Alfons V. hätte wohl helfen können, zog es aber vor, seine Truppen für die Verteidigung seiner eigenen Interessen in Italien einzusetzen. In Ungarn herrschten innenpolitische Auseinandersetzungen, und Serbien war osmanischer Vasall und nicht gewillt, diese Rolle zu verlassen. Georgien und Trapezunt standen an ihren Grenzen selber unter enormem Druck und waren zu effektiver Hilfe nicht in der Lage. Die türkischen Beyliks hatten den Zorn des jungen Sultans kaum ein Jahr zuvor zu spüren bekommen und waren zu neuen Aktionen nicht bereit. Das byzantinische Despotat Morea wurde auf der Peloponnes ab Oktober 1452 selbst durch eine osmanische Streitmacht unter Turahan Bey in Schach gehalten.

Die größten Hoffnungen setzte Konstantin auf Genua und Venedig, deren Interessen durch die Machtausbreitung der Osmanen ganz unmittelbar berührt waren, aber auch auf Papst Nikolaus V. Der Papst selbst verfügte nicht über ausreichend Mittel, um eine nennenswerte Hilfsflotte auszurüsten, versprach aber, auf Venedig entsprechend einzuwirken. Als Gegenleistung für seine Unterstützung forderte er allerdings nichts weniger als den Vollzug der Kirchenunion, was Konstantin notgedrungen zusagte. In den folgenden Monaten entspann sich ein diplomatischer Kleinkrieg zwischen dem Papst und Venedig, bei dem es vordergründig um ausstehende Schulden für einige vom vorherigen Papst Eugen IV. im Jahre 1444 angemietete venezianische Galeeren ging. Der Aufstand von Stefano Porcari gegen den Papst in Rom im Frühjahr 1453 trug ebenfalls zur weiteren Verzögerung bei. Schlussendlich einigte man sich in Venedig auf die Entsendung einer Flottille, die aber erst im Juni 1453, zwei Wochen nach dem Fall Konstantinopels, überhaupt in See stach. Papst Nikolaus, von den ständigen Verzögerungen entnervt, hatte seinerseits bereits im März 1453 drei genuesische Galeeren angemietet und diese beladen mit Nahrungsmitteln und Waffen auf den Weg geschickt. Die Republik Genua selbst übte sich in Zurückhaltung. Man bot alle Unterstützung bei den weiteren diplomatischen Bemühungen an, sei auch bereit, eine Galeere mit Hilfsgütern zu entsenden, wolle sich aber nicht mit eigenen Truppen an der Verteidigung der Stadt beteiligen. Immerhin stellte es die genuesische Regierung ihren Bürgern frei, auf eigene Kosten den Byzantinern beizustehen.

Veranstaltung vom 24.10.2018

Organisation der Stadtverteidigung

Der Genuese Giovanni Giustiniani Longo nutzte die Erlaubnis seiner Heimatstadt und traf am 29. Januar 1453 mit 700 gutbewaffneten Männern aus Genua, Chios und Rhodos in der bedrohten Stadt ein. Bei seiner Ankunft wurde er überschwänglich begrüßt, der Kaiser übertrug ihm das Kommando über die Landmauern und versprach, ihm nach dem Sieg die Insel Lemnos als Lehen zu übergeben. Ebenso verpflichteten sich die Kapitäne zweier auf der Rückfahrt in Konstantinopel haltmachender venezianischer Galeeren, Gabriele Trevisano und Alviso Diedo, in der Stadt zu bleiben und die Verteidiger zu unterstützen. Die bereits in der Stadt lebenden Lateiner waren uneins, ob sie bleiben sollten. In der Nacht des 27. Februar verließen sieben Galeeren mit etwa 700 Italienern Konstantinopel. Viele andere Venezianer und Genueser, auch Bürger aus der benachbarten genuesischen Siedlung Pera, entschlossen sich hingegen, bei der Verteidigung der Stadt zu helfen. Darunter waren viele Angehörige vornehmer Familien wie der venezianischen Cornaro, Mocenigo, Contarini und Venier oder die Genueser Maurizio Cattaneo, Geronimo und Leonardo di Langasco und die drei Brüder Bocchiardo, die aus eigenen Mitteln kleine Truppenkontingente anwarben. Auch die in der Stadt ansässige kleine katalanische Niederlassung erklärte sich unter ihrem Konsul Péré Julia bereit zu bleiben. Der in Konstantinopel lebende osmanische Thronprätendent Orhan – ein Enkel des 1409 getöteten Sultanssohnes Suleiman, der im Osmanischen Interregnum erfolglos um den Thron gekämpft hatte – schloss sich den Verteidigern ebenfalls an, da Mehmed ihn im Falle eines Sieges in jedem Fall töten lassen würde.

Eine Zählung des byzantinischen Geschichtsschreibers und kaiserlichen Sekretärs Georgios Sphrantzes kam im März 1453 auf 4973 waffenfähige Griechen und knapp 2000 Ausländer, die für die Verteidigung zur Verfügung standen. Diese geringe Zahl an Verteidigern war ein Schock für den Kaiser, und er ordnete an, sie geheim zu halten. In den folgenden Wochen wurden alle Matrosen der in der Stadt liegenden Schiffe zum Militärdienst verpflichtet. Zusätzlich ließ der Kaiser die verfügbaren Edelmetalle einschmelzen und sowohl für den Ankauf aller irgendwie verfügbaren Truppen als auch für die Reparatur der Mauerwerke verwenden. Durch diese Maßnahmen stieg die Zahl der Verteidiger schließlich auf etwa 6000 Griechen und 3000 Ausländer.

Aufmarsch der osmanischen Armee

Während man in Konstantinopel versuchte, mit den vorhandenen Mitteln und vor allem wenigen Truppen ein höchstmögliches Maß an Verteidigungsbereitschaft aufzubauen, vollzog sich der Aufmarsch der osmanischen Armee in aller Planmäßigkeit. Bereits im Februar 1453 rückten erste osmanische Verbände in das weitere Umland der Stadt vor, und es kam zu ständigen Scharmützeln mit den wenigen byzantinischen Soldaten. Eine Reihe von kleineren byzantinischen Siedlungen am Marmarameer und am Schwarzen Meer (Mesembria, Anchalius, Bizye) fielen in osmanische Hände, lediglich Selymbria und Epibatos widerstanden diesen ersten handstreichartigen Attacken. Die Vorauskommandos hatten unter anderem die Aufgabe, die Straße von Edirne nach Konstantinopel für den Transport der Belagerungskanonen vorzubereiten und die die Stadt umgebenden Hügel von Bäumen, Buschwerk und Weingärten für ein freies Sichtfeld zu befreien. Der Abtransport der Kanonen selbst begann ebenfalls bereits im Februar, allein das Konstantinopel-Geschütz musste dabei von 60 Ochsen und 200 Männern bewegt werden. Ab diesem Zeitpunkt war eine Kommunikation der in der Stadt Ansässigen mit der Außenwelt nur noch über den Seeweg möglich. Die im Verlauf des März aus Anatolien nach und nach eintreffenden Truppen konnten ungehindert und durch die Festungen Anadolu und Rumeli Hisarı geschützt den Bosporus überqueren. Gleichzeitig versammelten sich die aus dem europäischen Teil des osmanischen Reichs kommenden Truppen, unter ihnen auch ein serbisches Kontingent von 1500 Reitern. Ende März stach die in Gelibolu stationierte osmanische Flotte in See. Am 23. März verließ Sultan Mehmed mit seinem Gefolge Edirne. Er traf am Ostermontag, dem 2. April 1453, vor Konstantinopel ein. Von einigen noch aus dem Schwarzen Meer kommenden Schiffen abgesehen war bis zum 5. April die gesamte osmanische Armee versammelt und nahm am folgenden Tag schließlich die geplanten Ausgangsstellungen vor Konstantinopel ein.[

Militärische Ausgangslage

Byzantinisches Reich

Restaurierter Abschnitt der Theodosianischen Mauer am Bürgertor nach Pegae (heute Selymbria-Tor)

Konstantinopel besaß etwa 21 km Stadtmauern und war damit wahrscheinlich eine der am besten befestigten Städte ihrer Zeit. Während die etwa 6,5 km bzw. 9 km langen Strecken zum Wasser entlang des Goldenen Horns bzw. des Marmarameers aus einer einfachen Mauer bestanden, wurde die Landseite auf etwa 5,5 km Länge von der Theodosianischen Mauer geschützt. Sie bestand aus einem etwa 20 Meter breiten Graben mit drei aufeinanderfolgenden Mauern, zwischen denen jeweils ein Laufgang lag. Entlang der zweiten und dritten Mauer standen – zueinander versetzt – alle 50 bis 100 Meter Verteidigungstürme. Lediglich im nördlichsten Abschnitt der Landmauer, am Blachernae-Viertel, wurde die Landseite von einer einfachen Mauer geschützt. Die zwischen 7000 und 10.000 Verteidiger der Stadt waren allerdings zu wenige, um dieses umfangreiche Mauerwerk vollständig zu bemannen. Entlang der Theodosianischen Mauer wurde daher nur die vordere Linie besetzt, um gegebenenfalls ein Zurückweichen auf die beiden rückwärtigen Mauern zu ermöglichen. Die kampfstärksten Truppen, die byzantinische Armee sowie die von den Italienern gestellten Truppen, standen an der Landmauer dem Gros der osmanischen Truppen gegenüber. Giovanni Giustiniani Longo hatte vom Kaiser bei seiner Ankunft das Feldkommando zur Verteidigung dieses wichtigsten Mauerabschnitts übertragen bekommen und sich unverzüglich um die notwendigen Vorbereitungen bemüht. Die vorgelagerten Gräben waren ausgeräumt, mit Wasser geflutet und Schäden an den Mauern soweit möglich behoben worden. Zur Abwehr der osmanischen Kanonengeschosse ließ man lange, mit Stroh gefüllte Stoffbahnen anfertigen, die an den Mauern aufgehängt wurden und die Wucht einschlagender Geschosse dämpfen sollten. Die Griechen verfügten ihrerseits über eine Reihe von Kanonen und Steinschleudermaschinen zur Verteidigung. Insbesondere die Kanonen (die allesamt von erheblich kleinerem Kaliber als die der osmanischen Belagerer waren) erwiesen sich aber als wenig nützlich, da nur wenig Salpeter für deren Einsatz zur Verfügung stand und selbst die kleineren Kanonen durch die Erschütterung beim Abfeuern das Mauerwerk der Stadt zu beschädigen drohten.

Die Seemauern zum Marmarameer waren hingegen nur dünn und mit weniger kampfkräftigen Einheiten besetzt. An der Einfahrt zum Goldenen Horn stand Kardinal Isidoros mit 200 Mann, es folgten Richtung Westen Péré Julia und seine katalanischen Männer, der türkische Thronprätendent Orhan mit seinem Gefolge und schließlich orthodoxe Mönche aus den Klöstern der Stadt. Ein Angriff entlang dieser Seeseite erschien unwahrscheinlich, und die hier stationierten Truppen sollten vor allem abschrecken und beobachten.

Die Seeleute unter dem Kommando des venezianischen Kapitäns Gabriele Trevisano wachten über die Seemauer am Goldenen Horn, wohl auch, um nötigenfalls die Flotte der Verteidiger schnell verstärken zu können. Die insgesamt 26 Galeeren (zehn byzantinische, je fünf genuesische und venezianische, drei kretische und jeweils ein Schiff aus Ancona, Katalonien und der Provence der Verteidiger wurden vom ebenfalls venezianischen Kapitän Alviso Diedo befehligt. Zahlenmäßig war diese Flotte der osmanischen zwar deutlich unterlegen, allerdings waren die Galeeren der Verteidiger technisch weiterentwickelt und in einem Seegefecht durch die höhere Wandung im Vorteil. Die Hauptaufgabe der Flotte bestand darin, die Osmanen von einem Angriff zu See durch das Goldene Horn abzuhalten und möglicherweise eintreffenden Verstärkungen Geleit zu geben. Als zusätzliche Sicherung lag eine eiserne Sperrkette bereit, die zur benachbarten genuesischen Kolonie Pera (das heutige Galata-Viertel im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu) gespannt werden konnte und den Zugang ins Goldene Horn verhindern würde.

Angesichts der zahlenmäßigen Unterlegenheit lag die einzige Hoffnung der Byzantiner auf einer möglichen Unterstützung von außen. Nur durch eine möglichst lange Herauszögerung der Belagerung, so die Hoffnung, werde sich eine Entsatzarmee auf den Weg machen oder eine benachbarte Macht die Gunst der Stunde für einen Angriff auf das osmanische Territorium nutzen. Die Bedingungen für eine Versorgung der Bevölkerung schienen hierfür sogar günstig. Vor der Belagerung hatte man so viele Nahrungsvorräte wie möglich in die Stadt schaffen lassen; zudem verfügte das in Bezug auf die Einwohnerzahl stark geschrumpfte Konstantinopel mittlerweile über viele freie Flächen innerhalb der Mauern, auf denen ohnehin Feldfrüchte angebaut und Vieh gehalten wurde.

Osmanisches Reich

Karte der Belagerung von Konstantinopel

Die osmanische Armee vor Konstantinopel umfasste je nach Quelle und Untersuchung zwischen 50.000 und 400.000 Mann. Da die zeitgenössischen griechischen und lateinischen Chronisten zu Übertreibungen neigten, darf letztere Zahl als weit überhöht angesehen werden. Türkische Quellen selbst sprechen von etwa 80.000 Mann kämpfender Truppe, was auch in der modernen Forschung als realistische Angabe betrachtet wird. Das osmanische Heer umfasste vorwiegend Kavallerie (vermutlich 30–40.000), die bei der Belagerung zu Fuß kämpfte. Hinzu kam türkische Infanterie, die zum Großteil aus Başı Bozuk und einem etwa 12.000 Mann starken Kontingent Janitscharen bestand, darüber hinaus christliche Truppen aus den europäischen Gebieten des Osmanischen Reiches, die wohl ebenfalls einige tausend Mann umfassten. Das Kernstück für die Belagerung Konstantinopels bildete die Topçu, die osmanische Artillerietruppe, die 69 Kanonen verschiedenster Größe mit sich führte. Die Menge und die zentrale Rolle, die diese Waffengattung bei der Belagerung der Stadt spielte, waren für die damalige Zeit ungewöhnlich und neuartig.

Zu der kämpfenden Truppe kam ein in seiner Größe kaum zu schätzender Tross (viele Arbeiter, aber auch Händler, Ärzte, Wäscherinnen etc.) hinzu, die für Schanzarbeiten, den Aufbau der Belagerungsmaschinen (neben den Kanonen kamen auch klassische Waffen wie die Blide <Katapulte> zum Einsatz) und allgemeine Logistik gebraucht wurden. Unter den Arbeitern befand sich auch ein Kontingent serbischer Mineure, die durch Tunnelgrabungen und unterirdische Sprengungen die Mauern Konstantinopels zum Einsturz bringen sollten. Die osmanische Flotte umfasste etwa 100–200 Schiffe, die aber neben ca. 30 größeren Schiffen (Trieren, Dieren und Rudergaleeren) vor allem aus kleineren Fustae <kleine schnelle Schiffe> und Transportschiffen bestand.

Mehmed II. plante, den Hauptangriff entlang der Theodosianischen Landmauer zu führen. < Theodosius II. (griechisch Θεοδόσιος Β’; * 10. April 401 in Konstantinopel;[1] † 28. Juli 450), einziger Sohn der Aelia Eudoxia und des Arcadius, war von 408 bis zu seinem Tod oströmischer Kaiser. Im Codex Theodosianus ließ er die Gesetze und Verfügungen der römischen Kaiser seit 312 sammeln. Während Theodosius traditionell als schwacher, uneigenständiger Herrscher gilt, wird in der neueren Forschung vermehrt auf die Erfolge seiner langen Regierungszeit verwiesen, die der Osthälfte des Römischen Reiches zudem Stabilität verlieh. > Um anderen Mächten (den italienischen Städten, Ungarn, türkischen Beyliks etc.) keine Möglichkeit zur Ausnutzung der Situation zu geben, wollte Mehmed keine langwierige Belagerung riskieren, sondern die Entscheidung durch den massiven Einsatz der Topçu <Artillerie> erzwingen, die eine Bresche in die als unüberwindlich geltenden Mauern der Stadt schlagen sollten. Den zahlenmäßig weit überlegenen osmanischen Truppen würde so der Zugang zur Stadt ermöglicht und langwierige, verlustreiche Angriffe gegen die mächtigen Mauern vermieden werden. Den rechten Flügel seiner Hauptstreitkräfte bildeten im Wesentlichen anatolische Truppen unter dem Befehl von İshak Paşa. Der linke Flügel unter Karaca Bey bestand überwiegend aus rumelischen Truppen sowie Verbänden der europäischen Vasallen. Das Zentrum bildeten die Janitscharen und wurde von Mehmed selbst befehligt.

Um die benachbarte genuesische Siedlung Pera in Schach zu halten und eine mögliche Versorgung der Verteidiger über Land zu verhindern, sollte eine kleinere Landstreitmacht unter dem Befehl von Zaganos Pascha das Territorium hinter dem Goldenen Horn besetzen. Die zunächst von Süleyman Baltaoğlu befehligte große, aber technisch unterlegene Flotte sollte die Stadt von der Seeseite her abriegeln. Als ständige Bedrohung würde sie Truppen der Verteidiger am Goldenen Horn binden. Noch wichtiger war allerdings die Aufgabe der Flotte, jeden Versuch, die Stadt über See mit Nachschub oder einem Entsatzheer zu erreichen, zu unterbinden.

Verlauf der Belagerung: Beginn (6. bis 11. April 1453)

Die ersten Tage der Belagerung waren noch nicht von größeren Kampfhandlungen geprägt. Sultan Mehmed sandte gemäß dem islamischen Recht eine ultimative Aufforderung an Kaiser Konstantin, die Stadt kampflos (ṣulḥan) zu übergeben, die erwartungsgemäß abgelehnt wurde. Die osmanischen Truppen widmeten sich in den ersten Tagen überwiegend Schanzarbeiten, insbesondere die größeren Geschütze musste man zunächst in Fundamente einlassen, da der Untergrund zu weich war, um ihrem Rückstoß standzuhalten. Die Kanonen wurden in insgesamt 14 oder 15 Batterien aufgeteilt und entlang der Landmauer in Stellung gebracht. Die kleineren osmanischen Geschütze, die wesentlich schneller in Betrieb genommen werden konnten, nahmen bereits im Tagesverlauf des 6. April den Beschuss der Stadt auf. Ein schwacher Mauerabschnitt im Bereich des Charisios-Tores war bereits am Abend schwer beschädigt und sollte am 7. April unter dem erneuten Beschuss zusammenbrechen. Den Verteidigern gelang es allerdings schnell die Lücke mit Geröll provisorisch zu schließen.

Damit solche Breschen zukünftig schnell besetzt werden konnten, begannen die Arbeiter des Belagerungsheeres damit, den der Landmauer vorgelagerten Graben zuzuschütten. Um die verschiedenen Teile der osmanischen Armee besser miteinander zu verbinden, wurde zudem eine Heerstraße vom Hauptlager der osmanischen Armee vor der Landmauer, hinter dem Goldenen Horn vorbei zu Zağanos Paşas Truppen und von dort hinter der neutralen genuesischen Siedlung Pera entlang bis zum Hauptstützpunkt der Flotte am Bosporus angelegt. Die Mineure erhielten Anweisung, geeignete Stellen für eine Untertunnelung der Mauern auszumachen und mit den Grabungsarbeiten zu beginnen. Ebenfalls am ersten Tag der Belagerung ließ Mehmed zwei kleinere byzantinische Burgen im Umland der Stadt angreifen. Die kleinere, nahe dem Dorf Studios an der Küste des Marmarameeres, ergab sich binnen weniger Stunden. Die größere bei Therapia leistete zwei Tage lang Widerstand. Alle hierbei gemachten Gefangenen (36 in Studios und 40 in Therapia) wurden in den folgenden Tagen in Sichtweite der Stadt gepfählt.

Die osmanische Flotte hatte ihr Hauptquartier beim sogenannten Kai der Doppelsäulen (Diplokinion, heute steht dort der Dolmabahçe-Palast) aufgeschlagen. Ein erster sondierender Angriff auf das Goldene Horn am 9. April – über den aber nichts weiter bekannt ist – scheint schnell abgeschlagen worden zu sein. Da die osmanische Flotte noch auf einige mit größeren Kanonen bestückte Nachzügler aus dem Schwarzen Meer wartete, entschied Admiral Süleyman Baltaoğlu die Zeit zu nutzen, um die noch unter byzantinischer Kontrolle stehenden Prinzeninseln im Marmarameer zu besetzen. Hierbei weigerten sich lediglich die Mönche des Klosters St. Georg auf der Insel Prinkipo (heute: Büyükada) sich zu ergeben und verschanzten sich in einem befestigten Turm ihres Klosters. Schließlich ließ Baltaoğlu ein Feuer am Turm entfachen um die Verteidiger herauszutreiben. Diese verbrannten oder wurden vor dem Turm niedergemacht, die Inselbevölkerung wurde anschließend als Strafe für diesen Akt des Widerstands in die Sklaverei verkauft.

Den Verteidigern Konstantinopels blieb zunächst nicht viel anderes als Warten übrig. An einen bewaffneten Ausfall war angesichts der zahlenmäßigen osmanischen Überlegenheit nicht zu denken. Die zum Schutz vor Beschuss an die Mauern gespannten Stoffballen stellten sich schnell als weitgehend wirkungslos heraus. Nachdem am 7. April der erste Mauerabschnitt unter dem Beschuss einbrach, sollten die Verteidiger fortan die Nächte nutzen, um Schäden an den Mauern auszubessern und Lücken mit Geröll notdürftig aufzufüllen.

Erste Gefechte (12. bis 19. April 1453)

Am 12. April trafen schließlich die letzten Schiffe der osmanischen Flotte aus dem Schwarzen Meer ein und Baltaoğlu ließ unverzüglich einen Großangriff auf die die Sperrkette bewachenden Galeeren am Goldenen Horn starten. In der folgenden Schlacht zeigte sich das volle Ausmaß der seefahrerischen Überlegenheit der Verteidiger. Obwohl die Angreifer alle verfügbaren Waffen (Kanonen, Pfeile, Brandbomben) einsetzten und sich in großer Zahl anschickten, die Galeeren mit Hilfe von Leitern und Seilen zu entern, wurden die Angriffe ein ums andere Male abgeschlagen. Die hochwandigen Galeeren erwiesen sich als uneinnehmbare Festungen, von denen aus die Decks der viel niedriger gebauten osmanischen Schiffe sehr effektiv mit Geschossen und Steinen eingedeckt werden konnten. Die erfahrenen Seeleute und Steuermännern der Verteidiger taten ihr Übriges, um die osmanische Flotte schnell ins Hintertreffen geraten zu lassen. Als die Verteidiger sich schließlich zu einem Gegenangriff formierten und die osmanischen Schiffe einzukreisen drohten, blieb Baltaoğlu nur der Rückzug. Für diesen Tag geschlagen fand sich seine Flotte schließlich wieder an ihrem Ankerplatz beim Kai der Doppelsäulen ein.

Sultan Mehmed, zutiefst enttäuscht vom Verlauf der Seeschlacht, wies seine Geschützgießereien an, unverzüglich Kanonen mit einem höheren Schusswinkel anzufertigen, so dass die Galeeren oberhalb der Wandung getroffen werden konnten. Eine dieser neuen Kanonen wurde nur wenige Tage später an der Landspitze von Galata aufgestellt und nahm die vor der Sperrkette kreuzenden Schiffe der Verteidiger unter Beschuss. Bereits mit dem zweiten Schuss gelang ein Volltreffer mitschiffs,  der eine der Galeeren versenkte und etliche Seemänner das Leben kostete. Die Verteidiger sahen sich daraufhin gezwungen, sich endgültig hinter die Sperrkette zurückzuziehen. Auf der Seeseite war somit zunächst ein Patt eingetreten, bei dem beide Seiten vor einem erneuten Angriff zurückschreckten.

Auch entlang der Landmauer kam es zu ersten heftigen Gefechten. Am 12. April waren schließlich alle Kanonen der Belagerer einsatzbereit, darunter auch das gigantische Konstantinopel-Geschütz. Auch wenn dieses lediglich sieben Schuss pro Tag abgeben konnte, waren die Verwüstungen, die die vermutlich über 500 kg wiegenden Geschosse anrichteten, fürchterlich. Von da ab stand die Stadt unter einem unablässigen Beschuss, der die Mauern der Stadt in nur wenigen Tagen an einer Vielzahl von Stellen zum Einsturz brachte. Die Verteidiger mühten sich Nacht um Nacht, die entstandenen Breschen mit Geröll und Schutt aufzufüllen. Giustiniani Longi ließ zudem auf den Trümmern hölzerne Spieße und Palisaden errichten, die den zu erwartenden Sturmangriff abwehren helfen sollten. Der vorgelagerte Graben war mittlerweile weitestgehend zugeschüttet.

Am 18. April, nach fast einer Woche dauernden Beschusses, beschloss Mehmed, dass die Zeit für einen ersten Sturmangriff gekommen sei. Etwa zwei Stunden nach Sonnenuntergang gingen Speerwerfer, schwer gepanzerte Fußsoldaten und Teile der Janitscharen auf der Höhe des Mesoteichions (dort senkten sich die Mauern in das Tal des Flüsschens Lykos ab, der unter den Mauern hindurch bis ins Marmarameer floss) gegen die Stadt vor. Kaiser Konstantin, der einen wesentlich breiteren Angriff erwartete, eilte zu den anderen Mauerabschnitten, um die dortigen Verteidiger in Bereitschaft zu versetzen – unnötigerweise, wie sich erweisen sollte. Giustiniani Longi koordinierte vor Ort die Verteidiger und bestätigte dabei seinen Ruf als kompetenter Militär. Alle osmanischen Angriffe konnten ein ums andere Mal abgeschlagen werden, griechische und ausländische Soldaten ließen alle Rivalitäten beiseite und arbeiteten reibungslos zusammen. Den Verteidigern kam zugute, dass die Angreifer nur auf geringer Breite vorgingen, ihre zahlenmäßige Überlegenheit damit nicht stark ins Gewicht fiel. Nach vier Stunden ohne greifbare Ergebnisse ließ Mehmed den Angriff abbrechen. Laut dem Venezianer Nicoló Barbaro blieben etwa zweihundert osmanische Soldaten tot zurück, während die Verteidiger zwar viele Verletzte, aber keinen einzigen Gefallenen zu beklagen hatten.

Der erste Sturmangriff war damit überaus erfolgreich abgeschlagen worden. Zusammen mit der schweren Niederlage die man der osmanischen Flotte beigefügt hatte, waren viele Verteidiger frohen Mutes. Man würde bestimmt lange genug durchhalten können, bis ein Entsatzheer der einen oder anderen Macht eintreffen würde.

Kampf um das Goldene Horn (20. bis 28. April 1453)

Am Freitag, den 20. April 1453 trafen schließlich die drei vom Papst angemieteten genuesischen Galeeren, begleitet von einem byzantinischen Lastschiff, im Marmarameer ein. Die Genueser waren von einem Sturm in Chios aufgehalten worden und hatten ihre Reise erst am 15. April von dort nach Konstantinopel fortsetzen können. Das Lastschiff wiederum war von den byzantinischen Botschaftern in Sizilien organisiert worden und mit Getreide für die belagerte Stadt beladen. Die Schiffe wurden von osmanischen Spähern frühzeitig ausgemacht und Sultan Mehmed ließ Baltaoğlu ausrichten, er habe die christlichen Schiffe unter allen Umständen aufzuhalten oder brauche andernfalls nicht lebend zurückzukehren. Baltaoğlu ließ alle Ruderschiffe der osmanischen Flotte bereitmachen und auslaufen – aufgrund des starken Südwinds ließ er die ausschließlich mit Segeln ausgerüsteten Schiffe zurück. Die beiden Flotten trafen am frühen Nachmittag des Tages vor der Südostspitze von Konstantinopel aufeinander und es entbrannte ein heftiges Seegefecht. Sultan Mehmed beobachtete das Seegefecht vom Ufer des Bosporus bei Pera, in Konstantinopel drängten sich die Einwohner ihrerseits auf den Hügeln der Stadt um das Geschehen zu verfolgen. Etwa eine Stunde setzten die christlichen Schiffe ihre Fahrt fort, ohne dass es den Angreifern gelang sie aufzuhalten. Eben als sie um die Landspitze in das Goldene Horn einbiegen wollten flaute der Wind ab und die Galeeren trieben von der Strömung gezogen langsam auf Pera zu. Baltaoğlu erkannte seine Chance und trieb seine Matrosen zu immer neuen Enterattacken an. Insbesondere das byzantinische Schiff geriet dabei immer stärker in Bedrängnis und bald gingen den Seeleuten an Bord die Geschosse aus. Die Genueser erkannten die Situation und ließen ihre Schiffe längsseits der kaiserlichen Galeere festmachen. Der Kampf dauerte den ganzen restlichen Abend an und erst als bei Sonnenuntergang der Wind erneut auffrischte, gelang es den christlichen Schiffen, sich aus der Umklammerung zu lösen und in das Goldene Horn einzulaufen.

Insgesamt hatten die Osmanen etwa einhundert Gefallene und über dreihundert Verwundete zu beklagen. Auf den christlichen Galeeren waren 23 Seeleute gefallen und über die Hälfte der Besatzungen hatte Verwundungen erlitten. In der Stadt weckte dieser Erfolg große Hoffnungen auf weitere Verstärkungen aus dem Westen. Sie sollten sich in den nächsten Wochen allerdings nicht erfüllen. Sultan Mehmed war außer sich vor Wut, und er befürchtete wohl, dass diese Niederlage seine noch wenig gefestigte Autorität bei den Truppen untergraben könnte. Jedenfalls ließ er Baltaoğlu am nächsten Tag zu sich zitieren, bezeichnete ihn als Verräter und befahl seine Enthauptung. Lediglich die Fürsprache von Baltaoğlus Offizieren bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Trotzdem wurde er vom Oberbefehl der Flotte entbunden, aller Ämter enthoben, sein gesamter Besitz konfisziert und an die Janitscharen verteilt. Sein Nachfolger wurde mit Hamza Bey ein enger Vertrauter des Sultans.

Bereits vor der Seeschlacht am 20. April hatte Sultan Mehmed darüber nachgedacht, wie er das Goldene Horn unter seine Kontrolle bringen, und damit die Flotte der Verteidiger unschädlich machen könnte. Hierzu hatte er die angelegte Heerstraße zu einer Schiffstransportstraße ausbauen und Tragewiegen anfertigen lassen. Die Arbeiten hieran wurden intensiviert und im Verlauf des 22. April wurde etwa die Hälfte der osmanischen Flotte aus dem Bosporus über den Hügel hinter Pera (in etwa an der Stelle des heutigen Taksim-Platzes) gezogen. Beim sogenannten Tal der Quellen, dem heutigen Stadtteil Kasımpaşa, wurden die Schiffe im Goldenen Horn wieder gewassert. Der Janitschare Konstantin aus Ostrovitza beschreibt in seinen Memoiren eines Janitscharen diese Schiffsrutsche:

„[…] führte der Sultan die Schiffe auf sehr eigentümliche Weise und mit großem Aufwand herbei, worüber die ganze Stadt und das Heer in Verwirrung gerieten. Und zwar tat er das folgendermaßen: Bergaufwärts wurde ein Graben angelegt, der mit Balken ausgeschlagen und dick mit Fett eingeschmiert war; darüber hinaus wurden für jedes Schiff richtige Segel hergestellt. Als man die Windsegel hochgezogen hatte, glitten alle 30 Schiffe eins nach dem anderen wie über Wasser hinweg, bei Fahnenschwingen und Trommelwirbel, die Kanonen feuerten.“

Während der Überführung schossen die hinter Pera aufgestellten osmanischen Kanonen unablässig ins Goldene Horn um einen möglichen Seeangriff abzuwehren. Den Verteidigern blieb zunächst nichts anderes übrig, als das erstaunliche Schauspiel der Schiffsprozession zu beobachten. Kaiser Konstantin, Giustiniani Longi und die venezianischen Kapitäne kamen schließlich überein, in der Nacht des 24. April einen Überraschungsangriff zu starten und die osmanischen Schiffe an ihrem Ankerplatz im Tal der Quellen niederzubrennen. Die in Konstantinopel befindlichen Genueser wurden nicht eingeweiht, weil man befürchtete, dass dann auch die Bewohner der genuesischen Siedlung Pera von dem Angriff erfahren würden und man dort mit Agenten des Sultans rechnete. Die Genuesen in Konstantinopel erfuhren aber doch noch von dem Vorhaben und bestanden darauf daran beteiligt zu werden, was schließlich zu einer Verschiebung des Angriffs auf den 28. April führte.

Der Angriff zwei Stunden vor Morgengrauen des 28. April geriet zu einem Desaster, da die Osmanen anscheinend tatsächlich von dem Vorhaben erfahren hatten. Sobald die mit Brennmaterial beladene kleine Flotte der Verteidiger (zwei Lastschiffe, zwei Galeeren und drei Fustae) nahe genug heran war, fingen osmanische Kanonen an sie zu beschießen. Auf See wurde nur kurz gekämpft, dann zogen sich die christlichen Schiffe hastig zurück. Lediglich ein osmanisches Schiff konnte in Brand gesetzt werden, hingegen ging eine venezianische Galeere sowie eine Fustae im Feuer der Kanonen verloren. Etwa neunzig Seeleute hatten ihr Leben gelassen, vierzig davon waren auf der osmanisch besetzten Seite des Goldenen Horns an Land geschwommen und wurden am folgenden Tag in Sichtweite der Stadt hingerichtet. Die Verteidiger ließen als Reaktion hierauf ebenfalls 260 gefangene osmanische Soldaten auf den Mauern hinrichten. Aber dies konnte nicht verschleiern, dass die Belagerer das Goldene Horn nun dominierten und einen wichtigen taktischen Sieg errungen hatten: Die Schiffe der Verteidiger konnten nun die Häfen der Stadt im Goldenen Horn nicht mehr verlassen und sie waren zudem gezwungen, weitere Truppen von der Landmauer abzuziehen, um nun auch diesen Mauerabschnitt bemannen zu können. Sultan Mehmed nutzte die Situation, um am nördlichen Ende des Goldenen Horns eine Pontonbrücke anlegen zu lassen, um seine Truppen und Geschütze nötigenfalls noch schneller verlegen zu können. Zudem waren an der Pontonbrücke schwimmende Plattformen für Kanonen befestigt, die nun das Blachernae-Viertel aus einem anderen Winkel beschießen konnten.

Letzte Wochen (29. April bis 26. Mai 1453)

Der Verlust des Goldenen Horns ließ die Hoffnungen in der Stadt schwinden. Es gab erste Lebensmittelengpässe, die immer mehr Soldaten zwangen, sich von den Mauern zu stehlen und ihre Familien bei der Nahrungsmittelbeschaffung zu unterstützen. Der Kaiser ließ Anfang Mai schließlich alle verfügbaren Gelder zum Aufkauf von Nahrungsmitteln verwenden und diese über eine Kommission in festgelegte Rationen an die Bürger verteilen, wodurch zumindest die schlimmste Not gelindert werden konnte. In der Nacht des 3. Mai wurde im Schutz der Dunkelheit eine Grippo mit zwölf Mann Besatzung in die Ägäis entsandt, um dort nach Anzeichen für die Ankunft einer Entsatzflotte zu suchen.

Anscheinend führte Kaiser Konstantin Anfang Mai über die Genueser in Pera erneut geheime Verhandlungen mit Sultan Mehmed über eine Beendigung der Belagerung. Aber die Bedingungen blieben unverändert: Die Stadt müsse kampflos übergeben werden, dann bliebe der Besitz seiner Einwohner unangetastet. Der Kaiser dürfe sich unbehelligt in das Despotat Morea zurückziehen. Auch wenn einige seiner Berater ihn zur Annahme dieses Angebots drängten, blieb für Konstantin die Aufgabe der Stadt inakzeptabel.

Nachdem das Goldene Horn gesichert schien, konzentrierte Sultan Mehmed in den folgenden Wochen alle Bemühungen auf die Landmauer. Am 7. Mai wurde ein erneuter Sturmangriff entlang des Mesoteichions abgeschlagen und am 12. Mai einer auf der Höhe des Blachernae-Viertels, an dem die dreifache Theodosius-Mauer endete und in einer einfachen Mauer fortlief. Die hinter Pera stationierten Kanonen wurden am 14. Mai wieder vor die Stadt verlegt. Die Kanonen feuerten nun unablässig Tag und Nacht auf die Stadt. Zugleich intensivierten die osmanischen Truppen ihre Bemühungen, den vorgelagerten Graben zuzuschütten beziehungsweise mit Planken und Bohlen zu überbauen. Es wurden mehrere Belagerungstürme konstruiert, die die Arbeiter am Graben schützen und schließlich über die Planken direkt an die Mauer geschoben werden sollten. Der erste dieser Türme erreichte am 18. Mai die Mauern, konnte von den Verteidigern aber mit Pulver gesprengt werden. In den folgenden Tagen gelang es weitere Türme auf diese Weise zu zerstören, die restlichen ließ Mehmed daraufhin wieder zurückziehen.

Gleichzeitig intensivierten im Mai die serbischen Mineure ihre Tätigkeit. Nachdem die Verteidiger am 16. Mai die Grabungen entdeckten, wurde der erfahrene Ingenieur Johannes Grant, vermutlich ein Deutscher oder Schotte, mit deren Abwehr beauftragt. In den folgenden Tagen gelang es durch hastige Gegengrabungen mehrere Tunnel der Angreifer auszuräuchern oder unter Wasser zu setzen, aber es blieb eine stete Herausforderung, alle neuen Grabungen zu entdecken. Am 23. Mai gelang es den Verteidigern, eine Gruppe von serbischen Bergleuten sowie ihren osmanischen Offizier gefangen zu nehmen. Unter Folter verriet dieser die Position aller Tunnel. Noch am gleichen Tag gelang es alle Tunnel der Angreifer zu vernichten, woraufhin die Osmanen auf weitere Untergrabungsversuche verzichteten.

Die osmanische Flotte unternahm im Mai einige Demonstrationen. Am 16. und 17. Mai, sowie erneut am 21. Mai lief sie vom Bosporus aus bis an die Sperrkette, zu Kampfhandlungen kam es dabei aber nicht. Die Verteidiger waren hierdurch aber immer wieder gezwungen ihre nach dem Verlust des Goldenen Horns auf den Mauern stationierten Seeleute abzuziehen und die Schiffe in Bereitschaft zu versetzen.

Auch wenn alle Vorhaben der Angreifer immer wieder vereitelt werden konnten, waren die verteidigenden Soldaten von den Kämpfen am Tag und den Schanzarbeiten in der Nacht zunehmend übermüdet. Am 23. Mai kehrte die ausgesandte Grippa schließlich wieder nach Konstantinopel zurück – eine Entsatzflotte hatte nicht ausgemacht werden können. Die Einwohner Konstantinopels meinten vermehrt Zeichen für den nahen Untergang auszumachen. So sagten alte Volkssagen voraus, dass der letzte Kaiser den gleichen Namen wie der erste Kaiser tragen werde und die Stadt erst bei abnehmendem Mond fallen werde – dass der Vollmond am 22. Mai mit einer dreistündigen Mondfinsternis verbunden war, schien die Ängste über die kommende Katastrophe zu bestätigen. Bei einer am 24. Mai abgehaltenen Prozession zu Ehren der Mutter Gottes rutschte die mitgeführte Ikone von dem Tragegestell und erschien den Herbeigeeilten, die versuchten sie wieder aufzurichten plötzlich schwer wie Blei. Wenig später wurde die Prozession von einem schrecklichen Hagel und Regen heimgesucht, der ihren Abbruch erzwang. Noch am gleichen Tag stieg ein für diese Jahreszeit völlig ungewöhnlicher Nebel in der Stadt herauf und es hieß, der Heilige Geist verlasse in dessen Schutz die Stadt. Schließlich meinte man in der folgenden Nacht ein seltsames Licht zu erblicken, das um die Spitze der Kuppel der Hagia Sophia kreiste. Interessanterweise wurde dieses Licht auch im osmanischen Lager gesichtet, dem besorgten Sultan aber von seinen Gelehrten als verheißungsvolles Zeichen für den nahen Sieg gedeutet. Unabhängig davon, ob diese Ereignisse sich tatsächlich in der beschriebenen Weise zutrugen, geben sie eindrücklich wieder, wie niedergeschlagen und bedrückt die Stimmung in der belagerten Stadt in den letzten Tagen des Mai gewesen sein muss.

Aber auch im osmanischen Lager sank die Moral zusehends. Bislang hatten die Verteidiger allen Angriffen widerstanden und mit jedem Tag, den die Belagerung andauerte, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, dass weitere christliche Truppen zur Verteidigung der Stadt eintrafen oder beispielsweise die Ungarn die Situation für einen Angriff nutzten. Insbesondere die alten Berater des vormaligen Sultan Murad hatten sich von Anfang an gegen die Belagerung ausgesprochen und sahen sich nun in ihren Befürchtungen bestätigt. Nicht zuletzt um diese Kritiker zu besänftigen, nahm Mehmed am Freitag, dem 25. Mai, ein letztes Mal Unterhandlungen mit Kaiser Konstantin auf, die aber keine greifbaren Ergebnisse brachten. Am folgenden Samstag kam es zu einem größeren Kriegsrat im Lager des Sultans, bei dem beschlossen wurde, dass es nun Zeit sei, eine Entscheidung zu erzwingen. Alle Truppen sollten den Sonntag und Montag nutzen, um sich auszuruhen und vorzubereiten, am Dienstag, dem 29. Mai, würde man die Stadt mit allen verfügbaren Kräften angreifen.

Der Fall Konstantinopels

Am 29. Mai um 1:30 Uhr morgens begann auf der vollständigen Länge der Landmauer der letzte Sturmangriff auf Konstantinopel. Die erste Welle bildeten irreguläre Teile der osmanischen Armee. Nach etwa zweistündigem Kampf wurden sie zurückgezogen, und eine zweite Welle von regulären Truppen setzte den Angriff fort. Um etwa 5:30 Uhr wurden auch diese Truppen zurückgenommen, und die Janitscharen übernahmen die dritte Angriffswelle. Gleichzeitig griff die Flotte die Mauern am Goldenen Horn und am Marmarameer an. Bei Sonnenaufgang brach die Verteidigung, vermutlich auf der Höhe des St. Romanus-Tores, endgültig zusammen. In kurzer Zeit gelang es den Janitscharen, ihre Stellung hier zu festigen und entlang der Verteidigungsanlagen vorzurücken, um weitere Tore zu öffnen.

Über die genauen Gründe für den Durchbruch der Janitscharen existieren verschiedene Versionen. Nach der christlichen Geschichtsschreibung gelang den Janitscharen der Zugang zur Stadt über eine kleine, unverschlossen gelassene Ausfallpforte, die sogenannte Kerkoporta, in der Nähe des St. Romanus-Tores. Byzantinischen Volkssagen zufolge sei die Stadt verloren, wenn die Kerkoporta vom Feind durchbrochen würde. Als am frühen Morgen des 29. Mai der Schrei „Die Stadt ist verloren!“ erklang, schien sich somit eine Prophezeiung erfüllt zu haben. Osmanische Chronisten heben als Gründe für den Sieg der Janitscharen vor allem deren Disziplin und Kampfkraft hervor.

Ob der Durchbruch der Mauer beim St. Romanus-Tor tatsächlich der erste war, ist aber nicht gesichert. Einige Historiker gehen auch davon aus, dass es den osmanischen Truppen weiter südlich bereits zuvor gelungen war, die Befestigung zu durchbrechen.

Die Truppen der Verteidiger lösten sich schnell auf; die Ausländer strebten Richtung Hafen zu ihren dort ankernden Schiffen, die Soldaten der Stadt eilten zu ihren Familien. Georgios Sphrantzes zufolge, der als byzantinischer Beamter den Fall Konstantinopels erlebte, hatten die osmanischen Truppen bereits um 8.30 Uhr vormittags die ganze Metropole eingenommen.

Die Stadt wurde von den siegreichen osmanischen Truppen geplündert. Dabei kam es insbesondere in den ersten Stunden zu vielen blutigen Übergriffen gegen die Einwohner. Unter anderem wurden Menschen, die sich in die Hagia Sophia geflüchtet hatten, dort von den Soldaten niedergemacht. Erst nachdem die Eroberer bemerkten, dass jeder organisierte bewaffnete Widerstand zusammengebrochen war, konzentrierten sie sich auf die Plünderung der reichen Kirchen und Klöster Konstantinopels. In der Chronik des Aschikpaschazade heißt es dazu:

„Da gab es gute Beute. Gold und Silber und Juwelen und kostbare Stoffe wurden auf den Markt im Heerlager gebracht und in Haufen aufgestapelt; all dieses wurde nun feilgeboten. Die Giauren <= Christen> von İstanbul wurden zu Sklaven gemacht, und die schönen Mädchen wurden von den Gazi <Kämpfer für die Sache Gottes> in die Arme genommen.“

Von den Plünderungen ausgenommen waren nur einige Viertel wie zum Beispiel Petrion und Studion, in denen die Bewohner die Mauern ihrer Siedlung rechtzeitig öffneten und sich den osmanischen Truppen ergaben. Der byzantinische Historiker Kritobulos von Imbros (Michael Kritopulos), der für einige Zeit Gouverneur der gleichnamigen Ägäis-Insel Imbros (heute Imroz oder Gökçeada, Türkei) war und der 1467 ein bedeutendes Geschichtswerk über die 17 ersten Regierungsjahre des Eroberersultans Mehmed II. verfasste, berichtet über die Einnahme Konstantinopels:

„Danach zog der Sultan in die Polis ein und betrachtete eingehend ihre Größe und Lage, ihre Pracht und Herrlichkeit, die große Zahl, Größe und Schönheit ihrer Kirchen und öffentlichen Gebäude, ihre Einzel- und Gemeinschaftshäuser, die luxuriöse Anlage der Häuser der Vornehmen, außerdem die Lage des Hafens und der Werften und dass die Stadt in jeder Hinsicht mit allem Nötigen ausgestattet und von der Natur begünstigt war, kurz ihre gesamte Einrichtung und Schmuck. Er sah aber auch die große Zahl der Umgekommenen, die Verlassenheit der Häuser, und die völlige Zerstörung und Vernichtung der Stadt. Und jäh überkam ihn Mitleid und nicht geringe Reue wegen ihrer Zerstörung und Plünderung, und er vergoss Tränen, seufzte laut und schmerzlich und rief: ‚Welch eine Stadt haben wir der Plünderung und Verwüstung ausgeliefert!‘ So schmerzte es ihn in der Seele.“

Durch den Angriff fast aller Matrosen auf die Seemauern war die osmanische Flotte handlungsunfähig, was etwa 15 bis 20 mit Flüchtlingen beladenen christlichen Schiffen die Ausfahrt aus dem Goldenen Horn und den Rückzug Richtung Ägäis freimachte. Dabei konnten viele wertvolle Schriften gerettet werden, die noch heute in Florenz zu sehen sind. Kaiser Konstantin XI. fiel im Kampf an der Theodosischen Mauer.

„Hiermit erkläre ich mich und zeichne meinen Erlass für meine Anhänger auf. Meine Worte betreffen die Christen, bekannt oder unbekannt in Ost und West, Nah und Fern. Diejenigen, die meinem Erlass nicht Folge leisten, seien sie Sultane oder gewöhnliche Muslime, widersetzen sich auch dem Willen Gottes und seien verflucht. Ob Priester oder Mönche an einem Berg Unterschlupf finden, oder ob sie in der offenen Wüste, in einer Stadt, einem Dorf oder in einer Kirche wohnen – ich persönlich verbürge mich mit meinen Armeen und Gefolgsleuten für sie und verteidige sie gegen ihre Feinde. Jene Priester gehören zu meinem Volk (meiner tabaa). Ich nehme Abstand davon, ihnen irgendeinen Schaden zuzufügen. Es ist verboten, einen Bischof von seinen Pflichten abzuhalten, einen Priester von seiner Kirche fernzuhalten und einen Eremiten von seiner Unterkunft. Ein Muslim darf eine Christin, die er geheiratet hat, nicht daran hindern, in ihrer Kirche Gott zu verehren und den Schriften ihrer Religion Genüge zu tun. Wer sich gegen diese Anordnungen stellt, soll als Feind Allahs und seines Gesandten betrachtet werden. Muslime sind verpflichtet, sich bis ans Ende der Welt an diese Anordnungen zu halten.“

Folgen

Das Osmanische Reich konnte mit der Eroberung Konstantinopels seine Herrschaft an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien konsolidieren und legte den Grundstein für seine weitere Expansion. Nur wenige Tage nach der Eroberung Konstantinopels, am 3. Juni, musste sich auch die genuesische Kolonie Pera Sultan Mehmed unterwerfen. Die byzantinischen Inseln Lemnos und Imbros wurden noch im selben Jahr erobert. Das Despotat Morea, als letztes direktes Überbleibsel des ehemals mächtigen Byzantinischen Reiches, fiel schließlich 1460. Für die italienischen Städte war der Verlust der Kontrolle über den Bosporus ein schwerer Schlag, der ihren Schwarzmeer- und Levante-Handel fortan stark beeinträchtigte.

Eine weitere Folge der Eroberung Konstantinopels war die Auswanderung vieler griechischer Gelehrter in den lateinischen Westen, insbesondere nach Italien. In Verbindung mit dem parallel aufkommenden Buchdruck fanden deren Lehren und die von ihnen mitgebrachten antiken Schriften schnell Verbreitung. Wenngleich dieser Prozess bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten eingesetzt hatte, erfuhr er durch den endgültigen Untergang des Byzantinischen Reiches eine Intensivierung. In der Geschichtswissenschaft gilt dieser Zufluss antiker Gelehrsamkeit und griechischen Denkens als eines der auslösenden Momente für die Renaissance und den Humanismus im katholischen Europa. Beispielhaft für diese Migration von Wissen stehen die byzantinischen Gelehrten Bessarion, Johannes Argyropulos und Andreas Johannes Laskaris.

Nach der Eroberung erklärte Mehmed „Istanbul“ zur neuen Hauptstadt des Osmanischen Reichs ‚fürderhin ist mein Thronsitz Istanbul‘. Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass Istanbul eine abgeschliffene Form des griechischen Ausrufs: „is tin polin“ ist, der so viel wie „In die Stadt!“ oder „Hinein in die Stadt!“ bedeutet und mit dem über das Land ziehende Werber des Sultans in den folgenden Jahren versucht haben sollen, die geflohene griechische Bevölkerung zur Rückkehr zu bewegen.

Veranstaltung vom 30.10.2018

Nikolaus von Cues zur Türkenfrage

Nikolaus von Kues [kuːs], latinisiert Nicolaus Cusanus oder Nicolaus de Cusa (* 1401 in Kues an der Mosel, heute Bernkastel-Kues; † 11. August 1464 in Todi, Umbrien), war ein schon zu Lebzeiten berühmter, universal gebildeter deutscher Philosoph, Theologe und Mathematiker. Er gehörte zu den ersten deutschen Humanisten in der Epoche des Übergangs zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit.

Als Gesandter in Konstantinopel

Am 17. Mai 1437 verließ Nikolaus Basel und begab sich im Auftrag der päpstlichen Partei zu Verhandlungen über die Kircheneinheit nach Konstantinopel. Dort setzte er sich gegen eine Gesandtschaft der Konzilsmehrheit durch. Am 27. November 1437 brachen der byzantinische Kaiser Johannes VIII. Palaiologos, der Patriarch von Konstantinopel und zahlreiche Bischöfe der Ostkirche mit den päpstlichen Gesandten, darunter Nikolaus, nach Westen auf. Ihr Ziel war, die Einheit auf einem Unionskonzil zu verwirklichen und so auch militärische Unterstützung für das Byzantinische Reich zu gewinnen, das im Kampf gegen die Türken vom Untergang bedroht war. Zu den Teilnehmern der langen Schiffsreise gehörte der griechische Erzbischof und spätere Kardinal Bessarion, der mit Nikolaus Freundschaft schloss. Am 8. Februar 1438 landeten sie in Venedig. Damit hatte sich Nikolaus erfolgreich auf europäischer Ebene in der Politik profiliert.

Philosophie und Theologie

Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der verschiedenen religiösen Lehren und nach der Toleranz zwischen den Religionen untersucht Nikolaus in De pace fidei („Über den Glaubensfrieden“), einer Schrift, die 1453 unter dem Eindruck der Eroberung Konstantinopels durch die Türken entstand. Speziell unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses zwischen Christentum und Islam erörtert er diese Thematik 1460/61 erneut in der Cribratio Alkorani („Sichtung des Korans“, drei Bücher).

Religionsfrieden

Das Ideal der Eintracht strebt Nikolaus nicht nur in Kirche und Staat an, sondern er möchte es auch im Verhältnis zwischen Anhängern verschiedener Glaubensrichtungen verwirklicht sehen. Den Weg dazu sieht er im Dialog über die Glaubensinhalte. Daher setzt er sich wiederholt intensiv mit der Frage nach dem Wahrheitsgehalt der verschiedenen Religionen bzw. Konfessionen auseinander: Judentum, antikes „Heidentum“, Islam, katholisches Christentum, Lehren der „Böhmen“ (Hussiten), der Perser (Zoroastrismus), Chaldäer usw. Er meint, jede Religion habe ein berechtigtes Anliegen und einen bestimmten Zugang zur Wahrheit und sei insofern besser, als ihre Gegner wahrhaben wollen, doch nur im Christentum seien alle diese Anliegen verwirklicht und Teilerkenntnisse vereint. So habe das Judentum mit Recht Gott als absolut, von allem sinnlich Wahrnehmbaren abgelöst erkannt und verehrt. Die Heiden hingegen hätten Gottes Wirken in seinen verschiedenen sichtbaren Werken wahrgenommen und ihm daher gemäß deren Verschiedenheit je verschiedene Namen gegeben; das sei nur scheinbar Polytheismus. Im Christentum sei beides zu finden, einerseits die Transzendenz Gottes, andererseits aber auch ein göttlicher Aspekt des sinnlich Wahrnehmbaren, denn der Mensch und Gott Christus habe beides in sich vereint. Daher verleugne ein Jude, der Christus ablehnt, damit den wahren Kern seiner eigenen Religion. Im Unterschied zur traditionellen christlichen Auffassung stellt Nikolaus die Juden nicht über die Heiden, sondern billigt beiden Religionen gleichermaßen eine gewisse Berechtigung zu, die jedoch dann hinfällig werde, wenn ihre Vertreter sich weigern, die richtig verstandene Verehrung Christi als die eigentliche Verwirklichung des von ihnen Angestrebten zu erkennen.

In De pace fidei („Über den Glaubensfrieden“) bedient sich Nikolaus zur Darlegung seiner Auffassung einer literarischen Fiktion. Geschildert wird eine Vision eines Mannes – gemeint ist der Autor selbst –, der eine Versammlung im Himmel miterlebt. Unter der Leitung Gottes beraten die Engel und die Seligen über das Elend auf der Erde, das durch gewaltsame religiöse Konflikte verursacht wird. Die weisesten Vertreter der einzelnen Völker werden – wie in Ekstase entrückt – herangezogen. Vor dem Wort Gottes sowie den Aposteln Petrus und Paulus legen sie ihre Standpunkte dar und werden von ihnen über die göttliche Wahrheit belehrt. Die Belehrung erfolgt nicht autoritativ, sondern mittels philosophischer Argumentation; die Weisen treten als Philosophen auf. Sie erhalten den Auftrag, zu ihren Völkern zurückzukehren und in Jerusalem eine Versammlung einzuberufen, auf der ein ewiger weltweiter Glaubensfrieden beschlossen werden soll.

In dieser Einkleidung präsentiert Nikolaus seine Meinung über die religiösen Streitigkeiten und deren mögliche Beendigung. Danach hat Gott den einzelnen Völkern zu verschiedenen Zeiten Könige und Propheten geschickt, die das rohe, ungebildete Volk unterwiesen und religiöse Vorschriften und kultische Riten einführten. Die Menschen haben dann jedoch diese „Gewohnheiten“ mit der absoluten Wahrheit verwechselt. Auch weiterhin sind sie der irrigen Überzeugung, ihre religiösen Sitten seien die Umsetzung direkter, wörtlicher Anweisungen Gottes. Daher meinen sie, sie müssten ihren besonderen Glauben, den sie aus Gewohnheit für allein wahr halten, auch mit Waffengewalt gegen die anderen durchsetzen bzw. verteidigen.

Damit glauben sie den göttlichen Willen zu erfüllen. In Wahrheit sind aber aus Nikolaus’ Sicht die Verehrungsformen der verschiedenen Religionen und die unterschiedlichen christlichen Riten nur besondere Ausprägungen einer einzigen schlechthin wahren Universalreligion. In dieser kommt Christus die zentrale Funktion des Vermittlers zwischen Gott und den Menschen zu, weil in ihm die göttliche und die menschliche Natur auf die beste überhaupt mögliche Weise vereint sind. Nikolaus versucht zu zeigen, dass die Existenz eines solchen vollkommenen Vermittlers eine notwendige Konsequenz aus Gottes Vollkommenheit sei.

Die Einheit unter den Religionsgemeinschaften (lateinisch sectae), die Nikolaus analog zu seinem Bemühen um Einheit innerhalb der Christenheit erstrebt, läuft jedoch nicht auf ein Nebeneinander aller ihrer Lehren in Gleichberechtigung hinaus. Vielmehr tritt er dafür ein, den Nichtchristen christliche Glaubensinhalte wie Trinität, Menschwerdung Gottes und Sakramente so zu erläutern, dass die Andersgläubigen die richtig verstandene Verehrung Christi als die eigentliche Grundlage ihres eigenen Glaubens erkennen. Somit sollen die Anhänger anderer Religionen faktisch Christen werden, auch wenn sie an ihren Riten und Gebräuchen wie etwa der Beschneidung festhalten, was Nikolaus ihnen zugesteht.

Nikolaus hält sogar eine Vielfalt von Bräuchen und Riten für wünschenswert. Er lässt den Apostel Paulus einen Wettstreit der Völker (nationes) befürworten. Jedes Volk solle seine besondere religiöse Tradition pflegen, um die anderen im Wettstreit zu übertreffen. Eine solche Konkurrenz könne die Frömmigkeit fördern. Nikolaus lässt sogar seinen Christus erklären, die Verehrung einer Mehrzahl von Göttern im Polytheismus gelte implizit der allem zugrunde liegenden einen Gottheit und brauche daher nicht abgeschafft zu werden. Es solle nur zusätzlich der Kult der einen Ursache aller Dinge explizit in die religiöse Praxis (religio manifesta) der Polytheisten aufgenommen werden. Sie könnten dann ihre Götter weiterhin verehren so wie die Christen ihre Heiligen, sollten aber die Anbetung dem einen Schöpfer vorbehalten. So könne der Konflikt zwischen ihnen und den Monotheisten beigelegt werden.

Auseinandersetzung mit religiöser Differenz

Es scheint, dass Cusanus seine Haltung zum Problem religiöser Differenz in Grundzügen bereits früh, anlässlich der innerkirchlichen und reichspolitischen Auseinandersetzung mit den aufständischen Anhängern des hingerichteten Jan Hus in Böhmen entwickelte. Noch auf dem Basler Konzil verfasste er 1433 einen Traktat zur Hussitenfrage, in dem er grundsätzlich die Position der Böhmen hinsichtlich Kelchkommunion und Schriftauslegung klar ablehnt. Dennoch formuliert De usu communionis den Grundgedanken, dass vorbehaltlich einer (im betreffenden Fall nicht gegebenen) Übereinstimmung der Gesamtkirche, ein und derselbe christliche Glaube auch durch verschiedene Riten zum Ausdruck gebracht werden könnte.

Diesen Gedanken der religio una in varietate rituum wendet Cusanus rund 20 Jahre später an, als er auf die Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. 1453 mit der Schrift De pace fidei (Über den Frieden im Glauben) reagierte. De pace fidei behandelt in Form einer fiktiven Zusammenkunft von Gläubigen verschiedener Religionen die Frage, wie ein umfassender und dauerhafter Friede trotz gegebener Differenzen möglich sei. Der in Dialogform gehaltene Text inszeniert eine Belehrung der anwesenden Gläubigen (z. T. durch Christus, als das Wort (verbum), durch welches die Schöpfung erfolgt ist) darüber, dass sie im Sinn ihrer Gottesverehrung (religio) eigentlich übereinstimmen, während Differenzen lediglich in der äußeren Gestalt von Riten bestünden. Methodisch wird zu diesem Zweck eine Reinterpretation vorgefundener Glaubensüberzeugungen geleistet, welche die Vielfalt gegebener religiöser Überzeugungen und Praktiken inhaltlich auf religionsübergreifend geteilte Voraussetzungen (praesuppositiones) zurück führt. Dies ist allerdings den einzelnen Religionsvertretern in Form einer aufwändigen „Präsuppositionsdialektik“ oft erst vor Augen zu führen.

Der Text weist eine klare Tendenz auf, zentrale christliche Dogmen als Bestandteil der einen, von allen eigentlich geteilten Religion auszuweisen (dies ist auch die Strategie der Interpretation des Korans in der Cribratio Alkorani = Sichtung des Koran). Nicht nur deshalb sollte die bisweilen vorgetragene Würdigung von De pace fidei als „Toleranzschrift“ zumindest relativiert werden. Toleranz ist vor allem auch deshalb nicht die Stoßrichtung des Textes, weil dieser den Religionsfrieden durch die Beseitigung, nicht die Duldung von Alterität zu erreichen versucht. Die cusanische Schrift steht somit eher in der Tradition fiktiver mittelalterlicher Religionsdialoge (etwa Abélards oder Ramon Llulls), welche eine rationale Übereinkunft in Glaubensstreitigkeiten nicht nur für möglich hielten, sondern in modellhafter Auseinandersetzung mit anderen Religionen auch vorzuführen versuchten. Angesichts weitaus aggressiverer Reaktionen auf die türkische Eroberung Konstantinopels erscheint dieser rationale Zugang zum Problem religiöser Differenz durchaus verdienstlich genug – und im Kontext der Erkenntnistheorie und Anthropologie des Cusanus von überdauerndem Interesse.

Eine Modernität von De pace fidei lässt sich jenseits der Toleranzbehauptung im Übrigen auch im Sinne der Ritenvielfalt als früher Formulierung eines Rechts auf einen Pluralismus kultureller Identitäten vertreten. Dabei ist auch von Interesse, dass der Text eine Art friedlichen Wettbewerb der verschiedenen religiösen Kulturen um die gelingende Form der äußeren Gottesverehrung in die Zukunft projiziert.

Im vorliegenden Zusammenhang mag schließlich noch die Auseinandersetzung mit Orakelglaube und Idolatrie von Interesse scheinen. Cusanus nimmt hier eine rationalisierende Haltung ein und führt die scheinbaren magischen Fähigkeiten von Götzenbildern und Orakeln auf die mehr oder minder treffsichere divinatorische Tätigkeit menschlicher Priester zurück. Konsequenterweise vertritt De pace fidei eine Art Fortschrittsperspektive, aus welcher die Aufgabe entsprechender Praktiken als Hinwendung zum eigentlichen Inhalt religiöser Verehrung verstanden wird.

Türkenkalender für das Jahr 1455

Diese Flugschrift mit der Überschrift „Eyn manung der cristenheit widder die durken“ war eine Propagandaschrift, die vor den Türken warnen sollte und die Unterstützung zu einem Kreuzzug forderte (Anlass: Eroberung Konstantinopels 1453). Der Kalender begann mit dem 1. Januar 1455, und in jedem Monat wurde, neben den Angaben zum Datum des Neumondes, ein geistlicher oder weltlicher Herrscher zum Widerstand aufgerufen. Obwohl der Text aus paarweise gereimten Versen bestand, wurde er in fortlaufenden Zeilen gesetzt.

Ein bis heute erhaltenes vollständiges Exemplar (Bayerische Staatsbibliothek München, Rar. 1) besteht aus sechs Blättern und lässt Schlussfolgerungen über den Typenbestand zuTürkenbulle (1455/1456)

Papst Calixtus III. aus der berühmt-berüchtigten Familie der Borgia rief in der am 29. Juni 1455 verkündeten Bulle zu einer Teilnahme und Unterstützung eines Kreuzzuges ab dem 1. Mai 1456 auf. Sein Pontifikat stand zwar unter den Zeichen des Kampfes gegen die Türken, die das Abendland bedrohten, doch war er der erste Papst, der einem nahezu schrankenlosen Nepotismus huldigte. Die lateinischen und deutschen Ausgaben (Übersetzung durch den Bischof Heinrich Kalteisen von Drontheim) dieser Flugschrift wurden demzufolge in der Zeit zwischen Juni 1455 und April 1456 hergestellt. Ein vollständiges deutsches Exemplar (25 bedruckte Seiten) findet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin, ein lateinisches in Princeton/USA.

Nestorianismus ist die christologische Lehre, dass die göttliche und menschliche Natur in der Person Jesus Christus geteilt und unvermischt sei, und damit eine Form des Dyophysitismus. Sie ist nach Nestorius benannt, der von 428 bis 431 Patriarch von Konstantinopel war und sie maßgeblich vertreten hat. Insbesondere Kyrill von Alexandria hat sie heftig kritisiert, und auf dem Konzil von Ephesos 431 und dem Zweiten Konzil von Konstantinopel 553 wurde die Lehre als Häresie verurteilt. Nur die Kirche des Ostens vertrat daraufhin noch die nestorianische Lehre, weshalb sie auch als Nestorianische Kirche bekannt ist.

Als Reaktion auf den Nestorianismus entstand der gegensätzlich ausgerichtete Monophysitismus (auch Miaphysitismus), nach dem Jesus vollkommen göttlich sei und nur eine göttliche Natur habe. Dieser wurde auf dem Konzil von Chalcedon 451 verworfen und die Zweinaturenlehre angenommen, nach der göttliche und menschliche Natur Christi unvermischt und ungetrennt nebeneinander stehen.

Maria wird nur als Christusgebärerin, aber nicht als Gottesgebärerin verehrt.

Veranstaltung vom 31.10.2018

Ausbreitung von Christentum und Islam

Entwicklung des Christentums bis zum Frühmittelalter

Der Begriff „Christentum“ (von griech. Χριστιανισμός, Christianismós) wird erstmals in einem Brief des syrischen Bischofs Ignatius von Antiochien im 2. Jahrhundert erwähnt. Nach der Apostelgeschichte wurden die Jünger Jesu Christi zuerst von den Bewohnern der zum Römischen Reich gehörenden syrischen Stadt Antiochia am Orontes Christianói, Christen genannt, in welche die Christen nach den ersten Verfolgungen in Palästina geflohen waren. Man sah offenbar das Christusbekenntnis der Anhänger Jesu als charakteristisch für ihren Glauben an. Die Christen übernahmen diese Bezeichnung bald auch für sich selbst. Das deutsche Wort Kristentûm ist erstmals bei Walther von der Vogelweide belegt.

Ursprung

Die Wurzeln des Christentums liegen im Judentum im römisch beherrschten Israel zu Beginn des 1. Jahrhunderts. Es geht zurück auf die Anhänger des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazaret. Mit dem Judentum ist das Christentum insbesondere durch den ersten Teil seiner Bibel verbunden, der den jüdischen heiligen Schriften des Tanach entspricht und im Christentum Altes Testament genannt wird. Ohne das Alte Testament wäre der christliche Glaube geschichtslos und bliebe unverständlich. Christen lesen die Texte des Alten Testaments von Jesus Christus her und auf ihn hin (christologische Interpretation).

Im 1. Jahrhundert kam es zur graduellen Loslösung des Christentums vom Judentum, mit einem scharfen Schnitt nach der römischen Eroberung Jerusalems im Jahr 70, und schon davor gab es Auseinandersetzungen zwischen Judenchristen und Heidenchristen, bei denen es im Wesentlichen darum ging, wie weit nichtjüdische Christen ans jüdische Gesetz gebunden sind. Diese Auseinandersetzungen fanden eine erste Lösung im Apostelkonzil. Ebenso entstanden in dieser Zeit die Briefe, Evangelien und übrigen Schriften des Neuen Testaments und kamen nach und nach in den liturgischen Gebrauch, parallel zu den von Anfang an verwendeten Schriften des Alten Testaments.

Das Christentum verbreitete sich in kurzer Zeit im Mittelmeerraum. Dabei übte der Hellenismus erheblichen Einfluss auf das christliche Denken aus. Erheblichen Einfluss gewann der Hellenismus früh auch auf das Judentum und auf das sich daraus entwickelnde Christentum – der Apostel Paulus von Tarsus war ein gründlich hellenisierter Jude und auch die Sprache des Neuen Testaments und der meisten frühen Kirchenväter war das Griechische.

Lehre

Jesus ist nach christlichem Glaubensverständnis zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch. Die christliche Lehre, die auf dem biblischen Zeugnis basiert, hat folgenden zentralen Inhalt: Gott wandte sich in der Menschwerdung („Inkarnation“) in seinem Sohn Jesus Christus der in Sünde verstrickten Menschheit zu; der Tod Jesu Christi am Kreuz bewirkte die Erlösung durch Beseitigung von Schuld und Sünde der Menschheit.

Überblick

Das Christentum entstand im 1. Jahrhundert aus dem Glauben einer Minderheit im palästinischen Judentum an die Gottessohnschaft Jesu von Nazaret. Urchristen wie Paulus von Tarsus und der Evangelist Johannes entfalteten diesen Glauben auch mit Begriffen aus der griechischen Philosophie. Seitdem verbreitete sich die neue Religion trotz Verfolgungen im gesamten Römischen Reich.

Zu den ersten Christenverfolgungen und Märtyrern kam es bei innerjüdischen Auseinandersetzungen mit Tempelpriestern und Pharisäern (Stephanus, Jakobus der Ältere, Jakobus der Gerechte), dann auch im römischen Reich (Simon Petrus, Paulus von Tarsus) unter Nero. Es kam zu Christenverfolgungen unter Domitian (81–96) und Trajan (98–117).

Nach dem Tod von Mark Aurel 180 lebten die Christen in relativem Frieden bis zu den Christenverfolgungen unter Decius (249–253) und Valerian (253–260). Diese fanden, im Gegensatz zu früher, im ganzen Reich statt und zielten darauf, das Christentum auszurotten. Verbreitet war die Anwendung von Folter, um Christen zum Abfall zu bewegen. Insbesondere Bischöfe und Priester wurden getötet, Eigentum von Christen wurde konfisziert, christliche Schriften wurden zerstört.

Die massivsten Christenverfolgungen fanden Anfang des vierten Jahrhunderts unter Diokletian statt. Besonders im Osten des Reichs, in Kleinasien, Syrien und Palästina, verliefen sie sehr blutig.

Die größte Christenverfolgung unter Diokletian (303–311) endete damit, dass Kaiser Galerius 311 das Toleranzedikt von Nikomedia verabschiedete, das die Christenverfolgungen im römischen Reich im Wesentlichen beendete. Zwei Jahre später erweiterten Kaiser Konstantin I. und Licinius, Kaiser des Ostens, dieses Edikt im Toleranzedikt von Mailand, das allen im römischen Reich freie Religionsausübung zusicherte.

Als Reaktion auf die Verfolgungen und auf sarkastische Schriften heidnischer Schriftsteller (Celsus) traten im 2. Jahrhundert Apologeten auf, die in ihren Schriften den christlichen Glauben verteidigten. Zu den bedeutendsten gehörten in der Mitte des 2. Jahrhunderts Justin der Märtyrer, Tatian und Athenagoras und Anfang des 3. Jahrhunderts Origenes und Tertullian.

Nach dem Ende der staatlichen Verfolgungen 311 wurde sie später zur Staatsreligion und schließlich zur heute größten Weltreligion. Mit der Bildung von Kirchen mit einer Beamtenhierarchie (Klerus) gingen dogmatische Streitfragen einher, die mitunter zu Kirchenspaltungen und Neubildung von Konfessionen führten.

Nach 300 Jahren waren etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung des römischen Reiches Christen geworden. Die theologischen Zentren dieser Ausbreitung lagen in Kleinasien, Syrien und Nordafrika. Nachdem es im Römischen Reich in der Zeit Konstantins erst toleriert und dann unter Justinian I. sogar zur Staatsreligion wurde, breitete es sich innerhalb der griechisch-römischen Kultur so stark aus, dass es außerhalb des Römischen Reichs mit diesem identifiziert wurde. In der ausgehenden Spätantike umfasste seine Ausdehnung die des Römischen Reichs und einiger angrenzender Gebiete wie Armenien oder Äthiopien; auch im Sassanidenreich breitete es sich, in Gestalt der nestorianischen Glaubensrichtung, langsam aus.

< Justinian I.

Justinian, eigentlich Flavius Petrus Sabbatius Iustinianus, altgriechisch Φλάβιος Πέτρος Σαββάτιος Ἰουστινιανός, in einigen Quellen und Teilen der älteren Literatur auch Justinian der Große genannt (* um 482 in Tauresium; † 14. November 565 in Konstantinopel), war vom 1. August 527 bis zu seinem Tod römischer Kaiser. In manchen orthodoxen Quellen wird er als Heiliger bezeichnet, im offiziellen kirchlichen Synaxarion wird er jedoch nicht als Heiliger geführt.

Justinian gilt als einer der bedeutendsten Herrscher der Spätantike. Seine Regierungszeit markiert eine wichtige Übergangsphase vom antiken Imperium Romanum zum Byzantinischen Reich des Mittelalters. Für das Ende der Antike stehen die von ihm befohlene Schließung der neuplatonischen Philosophenschule in Athen 529 und die Abschaffung des altrömischen Amts des Konsuls im Jahr 542. Andererseits gelang es ihm in langen Kriegen gegen Ostgoten und Vandalen, weite Teile des 476 untergegangenen Weströmischen Reichs wiederzugewinnen, die im Verlauf der sogenannten Völkerwanderung an die Germanen gefallen waren. Im Osten sah sich das Reich zu seiner Zeit in ähnlich schwere, wechselhafte Kämpfe mit den neupersischen Sassaniden verwickelt. Prägende Bedeutung gewann Justinian für die Rechtsgeschichte, da er die Kompilation des römischen Rechts, das später so genannte Corpus Iuris Civilis, in Auftrag gab.

Das Kaisertum erfuhr während seiner Regierung eine immer stärkere Sakralisierung. Dies zerstörte die letzten Reste der einst vom Prinzipat geschaffenen Fiktion, dass der Kaiser nur ein primus inter pares sei. Die wichtigste erzählende Quelle für die Zeit Justinians sind die Werke des Geschichtsschreibers Prokopios von Caesarea, der die Politik des Kaisers heftig kritisierte.

>

Die weitgehende Christianisierung des Römischen Reichs führte jedoch nicht zu einer christlichen Einheitskultur. Neben der Reichskirche mit einem lateinischen Schwerpunkt in Rom und einem griechischen in Konstantinopel gab es, insbesondere im Vorderen Orient und Ägypten, verschiedene monophysitische Kirchen und die Assyrische Kirche des Ostens, die alle in der lokalen Sprache und Kultur fest verankert waren und blieben.

Nach den Verfolgungen durch Decius sah sich die Kirche mit der Frage konfrontiert, wie sie mit den Christen umgehen sollte, die unter dem Druck der Verfolgung abgefallen waren – und allgemeiner mit Christen, die nach der Taufe schwer gesündigt hatten. Diese Frage der Ekklesiologie sollte insbesondere den Westen während der nächsten 150 Jahre beschäftigen. Eine Fraktion unter Novatian gehörte zu den ersten Gruppen, die um der Reinheit der Kirche willen eine rigorose Exkommunikationspraxis forderten, eine Haltung, die auch von den Donatisten vertreten wurde. Im Gegensatz dazu vertraten im 3. Jahrhundert Cyprian und im späten 4. Jahrhundert Augustinus von Hippo eine Kirche, die sich, wie ihr Gründer Jesus Christus, den Sündern zuwenden solle.

Die zweite Frage, die im 3. Jahrhundert von verschiedener Seite diskutiert wurde, betraf die Christologie, insbesondere das Verhältnis Jesu Christi zu Gott dem Vater. Sabellius war der prominenteste Vertreter des modalistischen Monarchianismus, der die Sicht vertrat, dass sich der eine Gott nacheinander als Schöpfer, Jesus Christus und Heiliger Geist offenbarte. Im Gegensatz dazu vertraten etwa Paul von Samosata und nach ihm Lukian von Antiochia, der seinerseits der Lehrer von Arius und Eusebius von Nikomedia war, den dynamischen Monarchianismus, der Jesus Christus ganz als Menschen sah, der bei seiner Taufe von Gott adoptiert worden war. Beide Lehren wurden von Bischofssynoden verurteilt. Die christologischen Streitigkeiten gingen jedoch bis ins 6. Jahrhundert weiter.

In der Bibelauslegung entwickelten sich zwei unterschiedliche Schulen, die Antiochenische Schule, die sich unter Berücksichtigung von Feinheiten des Wortschatzes und der Grammatik auf die Erforschung des tatsächlichen Schriftsinns konzentrierte, und die Alexandrinische Schule, die in der Nachfolge von Origenes den Schwerpunkt in der allegorischen Bibelauslegung hatte. Der Gegensatz zwischen Antiochia und Alexandria sollte sich später auch in der Politik und in der Dogmatik weiter auswirken.

Der Monophysitismus (von altgriechisch μόνος monos ‚einzig‘ und φύσις physis ‚Natur‘) oder Miaphysitismus (von μία mia ‚eine‘) ist die christologische Lehre, dass Jesus Christus nach der Vereinigung des Göttlichen und Menschlichen in der Inkarnation nur eine einzige, göttliche Natur habe. Dies steht im Gegensatz zur Zweinaturenlehre, nach der göttliche und menschliche Natur Christi „unvermischt und ungetrennt“ nebeneinander stehen. Auf dem Konzil von Chalcedon 451 wurde die Zweinaturenlehre angenommen und der Monophysitismus verworfen, allerdings in einigen orientalisch-orthodoxen Kirchen weiterhin vertreten.

Die Antichalcedonier selbst wenden sich von jeher gegen die Benennung als „Monophysiten“, die in den Quellen ohnehin erst im 7. Jahrhundert erscheint (und zudem meist in verunglimpfender Absicht), und bevorzugen die Bezeichnung Miaphysiten. Die griechische Wurzel mia bedeutet eins. Dieses Wort betont eher die Einheit als die Einzahl und reflektiert besser die Position, dass in Christus das Göttliche und das Menschliche eine Natur bilden, vereint „ohne Vermischung, ohne Trennung, ohne Durcheinander und ohne Wechsel“, wie eine seit der Spätantike übliche theologische Formel lautet. In ihrer eigenen Wahrnehmung lehnen die Mono- bzw. Miaphysiten die Zweinaturenlehre also nicht prinzipiell ab und gehen durchaus davon aus, Jesus Christus sei Gott und Mensch gewesen – sie nehmen dabei allerdings an, dass sich die beiden Naturen Christi vermischt hätten, wobei die göttliche dominiert habe.

In der Forschung vermeidet man heute oft die missverständliche und parteiische Bezeichnung „Monophysiten“. Vor allem außerhalb der Spezialliteratur ist diese aber immer noch gebräuchlich.

Die Assyrische Kirche des Ostens (vollständiger Name: Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens, aramäisch ܥܕܬܐ ܩܕܝܫܬܐ ܘܫܠܝܚܝܬܐ ܩܬܘܠܝܩܝ ܕܡܕܢܚܐ ܕܐܬܘܪ̈ܝܐ) ist eine autokephale und völlig eigenständige Ostkirche syrischer Tradition in Nachfolge des im Sassanidenreich entstandenen altchristlichen Katholikats von Seleukia-Ktesiphon.

Während schon im 2. und 3. Jahrhundert in lokalen Synoden über Lehrfragen entschieden worden war, gab es im 4. Jahrhundert erstmals ökumenische Konzilien – das erste Konzil von Nicäa 325 und das erste Konzil von Konstantinopel 381 – denen nach damaliger Sicht die höchste Autorität in Fragen der Lehre und Kirchenorganisation zukam, wobei eine solche Autorität von der unterlegenen Seite längst nicht immer anerkannt wurde.

Die Assyrische Kirche des Ostens hat sich beim nestorianischen Streit auf dem Konzil von Chalcedon (451) von den übrigen Kirchen getrennt, ohne jedoch tatsächlich den Nestorianismus zu vertreten.

Die Nestorianer waren die vorherrschende christliche Kirche im persischen Reich und unter den Abbassiden. Es waren nestorianische Christen, die an den Höfen der Kalifen die alten griechischen Philosophen ins Arabische übersetzten, die dann Jahrhunderte später von den Arabern ins europäische Mittelalter kamen. Die Nestorianer waren missionarisch sehr aktiv: es gab viele nestorianische Gemeinden und Bischöfe entlang der Seidenstraße und 635 kamen sie bis nach China, wo sie Klöster gründeten und einen Metropoliten einsetzten. Bis zum Jahr Tausend waren diese Gemeinden jedoch dem Islam und Buddhismus gewichen. Einzig in Südindien und Ceylon blieben nestorianische Gemeinden bestehen.

Die miaphysitischen Kirchen, u. a. die Koptische Kirche und die Armenische Apostolische Kirche, haben 451 die Entscheidungen des ökumenischen Konzils von Chalcedon nicht anerkannt und sich daraufhin getrennt. Die Gründe dafür waren teils theologisch und teils politisch begründet.

Die Patriarchate von Alexandria (einschließlich Äthiopien) und Jerusalem waren weitgehend miaphysitisch und sagten sich von der Reichskirche los, wenn es auch überall parallel dazu Minderheiten gab, die bei der Reichskirche blieben.

Die Armenische Kirche bestand auch unter der Herrschaft der Sassaniden und Araber weiter und trug wesentlich zur armenischen Identität bei und hatte ihre eigene Literatur und Architektur, zahlreiche Klöster und Schulen und eine eigene Kunstrichtung. Sie verbreitete sich im Wesentlichen durch armenische Kolonien und Händler.

Christologie und Trinität

Die Frage der Trinität (Dreigestalt) Gottes gewann in der Frühphase des Christentums an Bedeutung. Eine sich auf den Presbyter Arius beziehende Gruppe von Christen Arianer vertrat die Ansicht, dass Gottvater, Sohn und Heiliger Geist nicht wesensgleich (gr. ὁμοούσιος), sondern Sohn und Geist dem Vater nur wesensähnlich (gr. ὁμοιύσιος) sind. Aus Sicht der Arianer war lediglich der Vater Gott. Geist und Sohn sind zwar von Anbeginn existent, aber von Gott geschaffen und damit lediglich Abbilder Gottes.

Diese Frage nach der Gestalt Gottes berührte auch die Eigenschaft des Christentums als Monotheismus und war damit von zentraler Bedeutung für das frühe Christentum.

Historische Entwicklung

Alte Kirche

In der Alten Kirche entstanden in den Regionen des römischen Reiches Obermetropolien, die die Vorherrschaft in ihrem Gebiet innehatten. Daraus entwickelten sich die fünf altkirchlichen Patriarchaten, die als Pentarchie im Römischen Reich die gesamte damalige Weltkirche abbildeten. Vier sind heute orthodoxe Patriarchate und das fünfte Patriarchat Rom bildet die Lateinische Kirche, der Patriarchentitel wird aber seit 2006 nicht mehr geführt.

Römisch-katholische Kirche

Das Patriarchat des Abendlandes in Rom war das einzige der fünf altkirchlichen Patriarchate im Weströmischen Reich. Aus diesem entwickelte sich die Lateinische Kirche, die die größte Rituskirche der römisch-katholischen Kirche bildet, und das Papsttum. Historisch gesehen übt der Papst die patriarchale Jurisdiktion über die Lateinische Kirche und alle Partikularkirchen aus, die keiner anderen patriarchalen Jurisdiktion angehören. Der von den Päpsten seit dem 5. Jahrhundert geführten Titel Patriarch des Abendlandes wird seit 2006 unter Papst Benedikt XVI. nicht mehr offiziell geführt.Neben Rom gibt es noch weitere Patriarchate in der römisch-katholischen Kirche, fünf in der Lateinischen Kirche und acht in den Katholischen Ostkirchen.

Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat eine Doppelrolle innerhalb der orthodoxen Kirche: Zum einen ist er das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Konstantinopel, zum anderen steht er den Bischöfen der gesamten orthodoxen Christenheit als „primus inter pares“ vor. Sein Amtssitz liegt im Phanar in Istanbul. Laut türkischem Recht muss der Patriarch türkischer Staatsbürger sein (einzige Ausnahme nach 1923: Athinagoras; 1948–72). Sein offizieller Titel ist Erzbischof des Neuen Roms Konstantinopel und Oekumenischer Patriarch. Seit 1991 hat das Amt Seine Allheiligkeit Bartholomeos I. inne.

Patriarch von Alexandrien: Patriarch von Alexandrien ist die Bezeichnung für die Bischöfe dreier christlicher Konfessionen, die alle ihren historischen Sitz in der ägyptischen Stadt Alexandria haben. Gemäß kirchlicher Tradition wurde der alexandrinische Bischofssitz vom Evangelisten Markus im Jahr 42 gegründet. Bis zum Konzil von Chalkedon (451) wird die gemeinsame Sukzessionslinie von allen drei Kirchen anerkannt.

Zurzeit wird der Titel von den folgenden Bischöfen geführt:  Der koptische-orthodoxe Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der koptischen Kirche, dessen volle Bezeichnung Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhls des heiligen Markus lautet. Amtsinhaber ist seit November 2012 Tawadros II.

Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche von Alexandrien. Seine volle Bezeichnung lautet Papst von Alexandrien und ganz Afrika und Patriarch des Stuhls des heiligen Markus. Derzeitiger Amtsinhaber ist Theodoros II.

Der koptisch-katholische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der mit Rom unierten koptisch-katholischen Kirche. Sein voller Titel lautet Patriarch von Alexandrien der Kopten. Derzeitiger Amtsinhaber ist Ibrahim Isaac Sidrak, Stellvertreter ist Kyrillos Kamal William Samaan OFM, Bischof der Eparchie Assiut.

Den Titel eines Patriarchen von Alexandrien führt auch das Oberhaupt der katholischen Melkiten, Patriarch von Antiochien und dem Ganzen Orient, von Alexandrien und von Jerusalem. Derzeitiger Amtsinhaber ist Gregor III. Laham.

Das Lateinische Patriarchat von Alexandrien bestand seit 1215 und wurde 1964 abgeschafft.

Das Patriarchat von Antiochien (auch Patriarchat von Antiochia) ist ein altkirchliches Patriarchat mit dem historischen Zentrum Antiochia am Orontes (Antiochien). Der Überlieferung zufolge wurde es vom Apostel Petrus gegründet. Dessen legitime Nachfolge beanspruchen, nach Spaltung des Patriarchats im Gefolge des Konzils von Chalcedon und nachfolgenden Trennungen, heute mindestens drei Kirchen. Ein jedes dieser Patriarchate betrachtet ihren eigenen Patriarchen als legitimen Nachfolger des Apostels Petrus auf der Kathedra von Antiochien. Aus historischen Gründen residiert keines dieser Kirchenoberhäupter noch in der Stadt Antiochien (heute Antakya in der Türkei).

Als Patriarch von Jerusalem amtieren heute die Oberhäupter mehrerer verschiedener christlicher Kirchen Jerusalems:

Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem steht in der Nachfolge des altkirchlichen Patriarchats von Jerusalem.

Der katholische melkitisch-griechische „Patriarch von Antiochia und dem ganzen Orient“ führt seit 1838 auch die Titel eines Patriarchen von Jerusalem und von Alexandria. Er ist somit nominell Oberhaupt dreier altkirchlicher Patriarchate.

Der lateinische Patriarch von Jerusalem ist seit 1954 bzw. 1964 der einzige lateinische Patriarch im Osten.

Der armenische Patriarch von Jerusalem vertritt allein die armenische apostolische Kirche in Jerusalem. Er erhielt seinen Titel erst im Mittelalter und steht im Rang unter einem Katholikos.

Der griechisch-orthodoxe Patriarch und der syrische-orthodoxe Metropolit betrachten sich beide als Nachfolger auf der Kathedra des Apostels Jakobus des Herrenbruders, der als erster Bischof von Jerusalem gilt.

Das Melkitische Patriarchat und das Lateinische Patriarchat sind Teilkirchen der Römisch-katholischen Kirche.

Da Jerusalem durch das Konzil von Chalkedon 451 zum Patriarchat erhoben wurde, dieses jedoch von den Orientalisch-orthodoxen Kirchen nicht anerkannt wird, führen weder der zuständige syrisch-orthodoxe Metropolit von Jerusalem (Patriarchat Antiochien) noch der koptisch-orthodoxe Bischof in Jerusalem (Patriarchat Alexandrien) den Patriarchentitel. Auch der anglikanische (anfangs zugleich uniert-protestantische) Bischof von Jerusalem führte nie den Titel eines Patriarchen.

Konzile

Sollte über wesentliche Lehrfragen entschieden werden, wurde ein Konzil (eine Versammlung von Bischöfen) einberufen. Das höchste Ansehen genossen die ökumenischen Konzile, in denen Bischöfe aus allen Patriarchaten zusammenkamen. Mehreren Konzilien, die sich selbst als „ökumenisch“ betrachteten, wurde dieser Status wegen mangelnder Zustimmung der Ortskirchen allerdings später aberkannt. Insgesamt gab es von 325 bis 787 sieben ökumenische Konzile, die bis heute von der katholischen, den orthodoxen, den anglikanischen und den meisten evangelischen Kirchen anerkannt werden; einige protestantische Kirchen lehnen allerdings das Zweite Konzil von Nicäa wegen seiner Aussagen über die Bilderverehrung ab.

Nach dem Konzil von Ephesos 431 n. Chr. kam es zu einer ersten Spaltung, nämlich der Abspaltung der Apostolischen Kirche des Ostens („Nestorianer“). Auf dem folgenden ökumenischen Konzil von Chalcedon wurde die Natur Christi als zugleich menschlich und göttlich definiert. Die miaphysitischen Kirchen, zu denen unter anderen die koptische Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche und die armenische apostolische Kirche gehören, betonen die Einigung (Enosis) der menschlichen und der göttlichen Natur Christi und lehnen die Lehre eines „zweifachen Christus“ ab, wie er im extremen Dyophysitismus vertreten wird. Die Reichskirche rezipierte die gemäßigte Zwei-Naturen-Lehre des Chalcedonense, so dass sie Bestandteil der Dogmatik der meisten heute existierenden Konfessionen ist.

In den folgenden Jahrhunderten vertiefte sich in der Reichskirche die Entfremdung zwischen der östlichen und westlichen Tradition bis zum Bruch. Die westliche Tradition entwickelte sich in der Spätantike und im frühen Mittelalter im weströmischen Reich, während die östliche Tradition in Konstantinopel, Kleinasien, Syrien und Ägypten entstand (Byzantinisches Reich). Die eigentlich dogmatischen Unterschiede bleiben zwar gering, aber die lateinische Kirche hatte in dieser Zeit Lehren entwickelt, die nicht von ökumenischen Konzilien abgesegnet worden waren (z. B. Erbsündenlehre, Fegefeuer, Filioque, päpstlicher Primat des Papstes). Weitere Unterschiede bestanden seit langem bezüglich politischer Umgebung, Sprache und Fragen des Ritus und der Liturgie (Samstagsfasten, Azyma). Die Situation spitzte sich im 11. Jahrhundert zu, so dass es 1054 zu einer gegenseitigen Exkommunikation zwischen dem Papst und dem Patriarchen von Konstantinopel kam. Dieses Datum gilt üblicherweise als Beginn des morgenländischen Schismas.

Veranstaltung vom 06.11.2018

Islam und Christentum im Vergleich

Allah = „der Gott“ (eine der 365 arabischen Götzen, die Mohammed zum einzig wahren Gott erhob)

Gott, der Schöpfer, Erlöser und Erhalter Himmels und der Erde, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat.
Allah ist von der Schöpfung getrennt, es besteht keine Brücke zwischen Gott und den Menschen. Gott: Brücke zwischen Gott und Mensch durch Jesus Christus: Gott wurde Mensch und starb für uns!
Allah ist nicht ein Gott der Liebe und Beziehung. Er ist nicht Vater der Gläubigen. Er ist erhaben, unnahbar gefühllos und handelt immer willkürlich. Er ist so transzendent, dass er nie personenbezogen handelt. Gott ist Licht (= heilig) und Liebe; ein Gott der Beziehung.

Er gab den Menschen einen freien Willen, und wirbt um die Gegenliebe des Menschen.

Er ist Vater der Erlösten in Christus.

Der Mensch ist dem Willen Allahs auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Der Mensch hat keinen freien Willen, sondern alles ist von Allah bestimmt, der unberechenbar und der Urheber von gut und böse ist. Der Mensch hat einen freien Willen, mit dem er sich für oder gegen Jesus Christus entscheiden kann. Gott appelliert an diesen freien Willen des Menschen.
Das Ziel: völlige Unterwerfung (Islam) unter Allah. Das Ziel der Erlösung ist ewige Gemeinschaft mit Gott.
Kein allgemeiner Sündenfall mit Auswirkung auf alle Menschen. Sündenfall Adams hatte Folgen für alle Nachkommen Adams. Durch Adams Sünde kam der Tod.
Der Mensch ist nicht von Allah getrennt. Der Mensch ist durch die Sünde von Gott getrennt.
Das Heil: Keine Versöhnung, keine Sühne ist nötig. Versöhnung ist nur durch Jesus Christus möglich.
Der Mensch soll sich für das Gute entscheiden und das Böse meiden. Der Mensch ist böse und kann von sich aus nichts Gutes vor Gott tun. Und er kann nicht durch Gutestun seine Schuld vor Gott wiedergutmachen.
Der Mensch kann Allah durch gute Werke gefallen. Der Mensch kann durch das Tun guter Werke nicht vor Gott gerecht werden. Rm 3,20; Ga 2,20
Allah hat keine Kinder. Jesus Christus darf nicht als Gott verehrt werden. Jesus wurde von Allah erschaffen. Jesus Christus ist Gott; er war immer und existierte ewig mit dem Vater. Jh 1,1; 1Jh 5,21
Er wurde von Allah in den Leib der Maria versetzt. Jesus Christus ist nur ein Mensch, nicht Allahs Sohn. Vor 2000 Jahren wurde er durch den Heiligen Geist in Maria empfangen: Gott wurde Fleisch (Mensch). Lk 1,35
Allah ist nur einer, nicht drei.

Der Koran behauptet, die Christen würden zu drei Göttern beten: zu Gott, zu Jesus und zu Maria.

Gott ist einer und drei. Jh 1,1-3

Die Christen beten zum Vater und zum Sohn. Sie tun es in der Kraft und Leitung des Heiligen Geistes. Maria war ein Mensch. Sie ist nicht Gott und wird daher nicht angebetet.

Jesus war einer der wichtigsten Propheten. Aber Mohammed ist der größte und wichtigste und letzte. Jesus Christus ist der verheißene Erlöser und Retter der Welt. Er ist Sohn Gottes und damit der größte Prophet. [Mohammeds Lehre steht im Widerspruch zur Bibel.]
Mohammed wurde durch Jesus angekündigt. Nicht Mohammed wurde durch Jesus angekündigt, sondern der Heilige Geist. Jh 14,16f
Jesus wurde nicht gekreuzigt und ist nicht auferstanden. (Der Koran macht keine klaren Angaben. Man meint, Jesus wurde von Allah entrückt. Ein anderer starb an seiner Stelle.) 1Kr 15,3-4: „dass Christus für unsere Sünden starb nach den Schriften, und dass er begraben wurde und dass er am dritten Tag auferweckt wurde nach den Schriften, und dass er Kephas (= Petrus) erschien, sodann den Zwölfen.“
Es gibt kein stellvertretendes Opfer. Jesus Christus starb stellvertretend für alle Menschen. 1P 1,18f
Sünde ist ein Vergehen gegen Menschen. Es betrifft Allah nicht. Sünde ist in erster Linie immer ein Vergehen gegen Gott und schmerzt ihn. Erst in zweiter Linie betrifft sie den Menschen, der unter ihr leidet.
Es gibt sündlose Menschen: die Propheten Es gibt keine sündlosen Menschen außer Jesus Christus.
Glaube = Allah anerkennen (Aufsagen des Bekenntnisses: Es gibt keinen Allah [o: Gott] außer Allah und Mohammed ist sein Prophet), sich ihm unterwerfen, ihm danken, seine Gebote halten. Glaube = seine Schuld und Verlorenheit einsehen, Jesu Erlösung und persönliche Herrschaft in allen Lebensbereichen für sich in Anspruch nehmen und sich ihm anvertrauen.
Niemand kann sich seines Heils gewiss sein. Kismet! Wer den Sohn Gottes hat, hat das Leben. ER kommt nicht ins Gericht! Jh 5,24 und 1Jh 5,11-13
Der Koran (ca. 300 Seiten) wurde Mohammed direkt eingegeben, ohne Beteiligung seiner Persönlichkeit. Die Bibel (ca. 5mal so dick; Sammlung der 66 hl. Schriften; die Propheten schrieben unter Leitung des Hl. Geistes.
Entstehung des Koran: Er entstand nicht, sondern war – als „Wort Gottes“ – ewig im „siebten Himmel“. Der Engel Gabriel brachte ihn zu Mohammed auf die Erde. Gottes Wort wurde durch die Propheten gegeben, wobei die Persönlichkeit der Autoren nicht ausgeschaltet war. Das Ergebnis ist „gottgehauchtes“ Wort Gottes. 2T 3,16. Die Schriften der Propheten (1500 v. Chr. bis 100 n. Chr.) wurden in der „Bibel“ gesammelt.
Die Lehre soll auch mit Gewalt verbreitet werden. Die Lehre soll durch Verkündigung und gelebte Liebe verbreitet werden. Kol 4,5-6

Die Entstehung dieser Lehre

Mohammeds erste Offenbarung:

Mohammed empfängt sie im Alter von 40 Jahren. Nach Meditation in der Einöde. Dschibrail = Gabriel »Als ich schlief, so erzählt der Prophet später, trat der Engel Gabriel zu mir mit einem Tuch wie aus Brokat, worauf etwas geschrieben stand, und sprach: “Lies!” “Ich kann nicht lesen”, erwiderte ich. Da presste er das Tuch auf mich, so dass ich dachte, es wäre mein Tod. Dann ließ er mich los und sagte wieder: “Lies!” “Ich kann nicht lesen”, antwortete ich. Und wieder würgte er mich mit dem Tuch, dass ich dachte, ich müsste sterben. Und als er mich freigab, befahl er erneut: “Lies!” Und zum dritten Male antwortete ich: “Ich kann nicht lesen.” Als er mich dann nochmals fast zu Tode würgte und mir wieder zu lesen befahl, fragte ich aus Angst, er könnte es nochmals tun: “Was soll ich lesen?” Da sprach er: “LIES IM NAMEN DEINES HERRN, DES SCHÖPFERS, DER DEN MENSCHEN ERSCHUF AUS GERONNENEM BLUT! LIES! UND DER EDELMÜTIGSTE IST DEIN HERR, ER, DER DAS SCHREIBROHR ZU BRAUCHEN LEHRTE, DER DIE MENSCHEN LEHRTE, WAS SIE NICHT WUSSTEN.” (Sure 96:15) Ich wiederholte die Worte, und als ich geendet hatte, entfernte er sich von mir. Ich aber erwachte, und es war mir, als wären mir die Worte ins Herz geschrieben. Sodann machte ich mich auf, um auf den Berg zu steigen, doch auf halber Höhe vernahm ich eine Stimme vom Himmel: “O Mohammed, du bist der Gesandte Allahs, und ich bin Gabriel!”

Es folgten weitere Offenbarungen; die Symptome, die den Empfang seiner Visionen und Auditionen begleiteten, waren nach seiner Schilderung die folgenden: Die Offenbarung kündigt sich durch Getöse wie von einer Glocke an; dann wurde er jeweils von einem Schlag getroffen.

»Niemals kommt die Offenbarung zu mir, ohne, dass ich glaube, meine Seele würde mir genommen.«

Er fiel zuweilen auf den Boden, als sei er betrunken, und brüllte wie ein Kamelfohlen.

Mohammed über die Juden:

Eine gezielte Verleumdung des Glaubens der Juden ist die Sure 9:30:

»Es sprechen die Juden: “Esra ist Allahs Sohn.”…Solches ist das Wort ihres Mundes. Sie führen ähnliche Reden wie die Ungläubigen von zuvor. Allah schlage sie tot! Wie sind sie verstandeslos

Den Juden wird im Koran angelastet, sie hätten alle Stellen aus ihren heiligen Schriften getilgt, die das Kommen Mohammeds ankündigten (Sure 2:159; 5:13)

Die Glaubenslehre Mohammeds

Die Pflichtenlehre des Islam

1. Das Glaubensbekenntnis

»Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.«

2. Das rituelle Gebet

Fünfmal des Tage,

nach Mekka gewandt, insgesandt 34mal vor Allah niederwerfen und bekennen, dieser sei der Größte.

Jeder Muslim in der ganzen Welt spricht sein bis auf die letzte Silbe vorformuliertes Gebet auf Arabisch.

Körperhaltung, Bewegungen und Anzahl Gebetsabläufe sind bei jeder der fünf befohlenen Gebetszeiten genau vorgeschrieben.

3. Das Fasten

Einen Monat: Ramadan – von kurz vor Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

4. Das Almosengeben

2,5% des Vermögens – einmal im Jahr – an die Armen.

5. Die Pilgerreise

Einmal im Leben – nach Mekka

Die Lehre des Islam über Gott

- »Gott ist Licht« (1Jo 1:5) – »Gott ist Liebe« (1Jo 4:16)

Von der Einheit und Einzigartigkeit Allahs

Aus dieser folgt

Von der Allmacht, Erhabenheit und Souveränität Allahs.

Allah ist so erhaben, dass er sich nicht verpflichtet wissen kann; er ist nicht an ein Wort gebunden (= keine Treue!)

Er ist allmächtig und unumschränkt, weshalb er auch sein Wort brechen kann.

Bibel: Gott ist Licht. : Er ist wahr, Er ist gerecht, Er ist wahrhaftig, Er ist zuverlässig, Er ist treu. Entsprechen nennt Ihn das Alte Testament bereits ‘ælohê ‘amên, den »Gott des Amen« (Jes 65:16), den Gott der Treue. Gott ist daher der Bundesgott. Er »bewahrt den Bund und die Güte«. Siebenmal steht diese Wendung im Alten Testament (5Mo 7:9 u.a.). Er hat sich an Sein Wort gebunden; Er hat sich Seinem Volk, dem Er Verheißungen gegeben hat, verpflichtet.

Al lah ist Führer und Verführer

Allah ist listig, täuscht und führt Menschen in die Irre:

Allah führt nun irre, wen er will, und leitet recht, wen er will. Er ist der Mächtige und Weise. 14,5

»Wen Allah leitet, der ist rechtgeleitet; und wen Allah irreführt, nimmer findest du einen Helfer für ihn außer ihm« (17:99)

»Sie (die Juden) schmiedeten Listen, und Allah schmiedete Listen; und Allah ist der beste Listenschmied« (3:47).

Das hier mit »Listen schmieden« übersetzte Verbum lautet arabisch makara; es wird im Arabisch-Englischen Wörterbuch von Wortabet und Porter wiedergegeben mit: to deceive, das hiezu gehörige Hauptwort makrun mit: trick, deceit, fraud.

Der Koran weiß über die Juden wenig Gutes zu sagen; so verwundert es uns nicht, dass es von ihnen heißt, dass sie auf Trug, Täuschung und List auswaren. Nur war Allah noch besser im Täuschen; seine List war noch größer als ihre. Die verschlagenen Juden wollten den Messias in eine Falle locken und töten; aber der noch verschlagenere Allah legte sie herein: Er sorgte dafür, dass Judas plötzlich aussah wie Jesus; und so kreuzigten die Juden »einen ihm (dem Messias) Ähnlichen« (4:155, 156).

Weitere Stellen zur List Allahs sind die Suren 7:97,182; 8:30; 13:42; 14:47; 27:51,52; 43:79; 52:42; 68:45; 86:15,16. Da Allah sein eigenes Wort brechen, d. h. auch treulos sein darf, darf auch der Muslim lügen, wenn er damit der Sache des Islam dient.

Der persische islamische Dichter und Gelehrte Al Ghazali ist einer der vielen, der lehrte, im Kampf der Muslime gegen die Ungläubigen sei die Lüge erlaubt: »Wisse, dass die Lüge in sich nicht falsch ist. Wenn eine Lüge der einzige Weg ist, ein gutes Ergebnis zu erzielen, ist sie erlaubt. Daher müssen wir lügen, wenn die Wahrheit zu einem unliebsamen Ergebnis führen müsste.«

Von Gottes Liebe

Das lehrt der Koran nicht. Allah hat 99 Namen, die als die schönsten gelten, die einer haben kann (59:23,24). Unter diesen allen findet sich weder der Name »Vater« noch auch »Liebe«.

Bibel: Gott ist »der Vater der Erbarmungen« (2Kor 1:3) und »der Gott aller Gnade« (1Pet 5:10). Er ist »langsam zum Zorn und groß an Güte« (Ps 103:8). Es ist der Gott der Liebe, der den Sünder rettet, indem Er ihm die Sünden vergibt. Das sind nicht erhabene aber leere Worte, sondern Er hat Seine Gnade, Sein Erbarmen und Seine Güte bewiesen. In Seiner Liebe hat Er seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern unsere Sünden auf ihn gelegt (Joh 3:16).

Von Gottes Vorherbestimmung

5,40: Weißt du denn nicht, dass Allah die Herrschaft über Himmel und Erde hat, und dass er bestraft, wen er will, und vergibt, wem er will? Allah hat zu allem die Macht.

Kismet

Er ist der willkürlich Rettende und Verderbende. Wenn er rettet, berührt es ihn nicht, wenn er verdirbt, berührt es ihn nicht. So sagt eine Hadith (eine verbindliche und an Autorität dem Koran gleichgestellte Tradition):

»Allah schuf den Menschen aus einem Erdenkloß, teilte ihn in zwei Teile, warf den einen in die Hölle und sprach: “Diesen ins ewige Feuer was kümmert’s mich?” Er warf den andern in den Himmel und sprach: “Diesen ins Paradies was kümmert’s mich?«

Seine Absicht bleibt immer verborgen, im Dunkel. Er ist selbst nicht Licht, und keiner kann wissen, was ihm einfallen könnte.

In der Bibel häufen sich Bekenntnisse wie: »Bei Dir ist der Quell des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht« (Ps 36:10); und: »Wenn wir im Licht wandeln, wie Er im Lichte ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, Seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde« (1Jo 1:7).

Koran:

»Allah führt die Ungerechten irre, und Allah tut was er will« (14:32). »Also führt Allah irre, wen er will, und leitet recht, wen er will« (74:34), »Wollt ihr recht leiten, wen Allah irregeleitet hat? Und wen Allah irreführt, nimmer findet der für ihn einen Weg« (4:90).

Mit dieser Auffassung von Allah hängt das Wort Islam zusammen. Es bedeutet »Unterwerfung«; nicht aber Unterwerfung unter Gottes geoffenbarten und durch Seine treue verbürgten Heilswillen, sondern Unterwerfung unter das Unvermeidliche, und zwar unter Unvermeidliches, das immer unbekannt bleibt, bleiben muss. Bibel: Wie anders ist die Sprache des ganzen Alten und Neuen Testaments. Dort finden sich Einladungen wie: »Suchet, und ihr werdet finden« (Mt 7:7). »Der Aufrichtigen geht Licht auf in der Finsternis« (Ps 112:).

Von Gottes Dreieinigkeit

In der Bibel erfahren wir, dass der eine Gott in drei Personen geoffenbart ist.

Koran: »Er ist der eine Gott, der ewige Gott; er zeugt nicht und wird nicht gezeugt und keiner ist ihm gleich« (Sure 112). »Er hat sich keine Genossin genommen und keinen Sohn« (72:3) »Abraham war weder Jude noch Christ; vielmehr war er lauteren Glaubens, ein Muslim, und keiner derer, die Allah Gefährten geben« (3:60).

Es ist offenkundig, dass Mohammed sich bewusst und polemisch gegen die christliche Lehre von der Dreieinigkeit und von der Gottheit Jesu Christi wandte;

Es wurden den Christen groteske Vorstellungen andichtete, von denen sie wissen mussten, dass die Christen solches nicht glaubten. So unterstellt er ihnen, dass sie an eine Dreieinigkeit glauben, die aus Gott dem Vater, Maria und Jesus, dem Sohn bestünde:

»Und wenn Allah sprechen wird: “O Jesus, Sohn der Maria, hast du zu den Menschen gesprochen: Nehmet mich und meine Mutter als zwei Götter neben Allah an?”, dann wird er (Jesus) sprechen: “Preis sei dir! Es steht mir nicht zu, etwas zu sprechen, was nicht wahr ist.« (5:116).

Über die Christen ausgesprochenen Drohungen und Flüche im Koran:

Sure 9:29-31: von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand (?) Tribut entrichten!

3O Die Juden sagen: ,’Uzair (d. h. Esra) ist der Sohn Gottes.’ Und die Christen sagen: ,Christus ist der Sohn Gottes.’ Das sagen sie nur so obenhin. Sie tun es (mit dieser ihrer Aussage) denen gleich, die früher ungläubig waren. Diese gottverfluchten (Leute) (w. Gott bekämpfe sie)! Wie können sie nur so verschroben sein! Sie haben sich ihre Gelehrten und Mönche sowie Christus, den Sohn der Maria, an Gottes Statt zu Herren genommen. Dabei ist ihnen (doch) nichts Anderes befohlen worden, als einem einzigen Gott zu dienen, außer dem es keinen Gott gibt.

Sure 19: 88 Sie (d.h. die Ungläubigen, oder: die Christen?) sagen: ,Der Barmherzige hat sich ein Kind zugelegt.’ 89 (Sag:) Da (d.h. mit dieser eurer Behauptung) habt ihr etwas Schreckliches begangen.

90 Schier brechen die Himmel (aus Entsetzen) darüber auseinander und spaltet sich die Erde und stürzen die Berge in sich zusammen, 91 dass sie dem Barmherzigen ein Kind zuschreiben. 92 Dem Barmherzigen steht es nicht an, sich ein Kind zuzulegen. 93 Es gibt niemand im Himmel und auf der Erde, der (dereinst) nicht als Diener zum Barmherzigen kommen wurde. 94 Er hat sie (alle) gezählt und errechnet. 95 Und sie alle werden am Tag der Auferstehung einzeln zu ihm kommen. 96 Denen, die glauben und tun, was recht ist, wird der Barmherzige (dereinst) Liebe zukommen lassen.

 Fazit:

Der Gott des Koran, der Gott, dem Mohammed diente und 

Der Gott des Koran, der Gott, dem Mohammed diente und den er predigte, ist nicht der Gott der Bibel, ist nicht der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er ist vielmehr der altarabische Hochgott (Götze) Allah, der sich mit den Attributen der Gottheit schmückt.

Die Lehre des Islam über Jesus Christus

Im Koran – zahlreiche Titel Jesu: Sohn Marias, der Messias, das Wort Gottes, Gesandter Gottes, Knecht Gottes, Prophet. Geist Gottes Wort der Wahrheit., aber nie Sohn Gottes! Oder Gott selbst!

Jungfrauengeburt Jesu, Seine Sündlosigkeit, zahlreiche Seiner Wunder (allerdings auch Wunderliches und Unhistorisches, das Mohammed aus apokryphen Evangelien und Jesuserzählungen gehört hatte , seine Wiederkunft (grotesk entstellt).

Aber die beiden entscheidenden Wahrheiten über die Person Jesu von Nazareth werden geleugnet; nicht einfach verschwiegen, sondern polemisch bekämpft, als das sind:

 die Gottheit Jesu Christi

 der Tod Jesu Christi

Keine der Weltreligionen bekämpft so offen und so direkt die Gottessohnschaft Jesu Christi wie der Islam.

Nach biblischer Terminologie ist jede Lehre, welche den Vater und den Sohn leugnet, eine antichristliche Lehre (1Jo 2:22). Als solche muss darum das Judentum gelten, und als solche muss mehr als jede andere Ideologie die Religion Mohammeds gelten.

Ist nämlich Jesus Christus nicht Gott, kann Er uns nicht retten;

Wenn Jesus Christus ein Geschöpf ist, kann er niemanden von dessen Sünden befreien,

so nützt sein stellvertretender Tod niemandem außer ihm selbst. Er muss Gott sein, wenn Sein Tod den Tod aller, die Ihm vertrauen aufwiegen soll. Er muss Gott sein, wenn Sein Tod die Sünde der Welt wegnehmen soll.

Der Koran sagt zur Gottheit Jesu Christi:

»Und sie sprechen: “Gezeugt hat der Erbarmer einen Sohn.” Wahrlich, ihr behauptet ein ungeheuerlich Ding. Fast möchten die Himmel darob zerreißen und die Erde möchte sich spalten und es möchten die Berge stürzen in Trümmer, dass sie dem Erbarmer einen Sohn beilegen, dem es nicht geziemt einen Sohn zu zeugen« (19:91-93).

Keine der Weltreligionen bekämpft offen und polemisch die Wahrheit von Kreuzestod Jesu Christi.

Der Koran erklärt: »Sie (die Juden) sprachen: “Siehe, wir haben den Messias Jesus, den Sohn der Maria, den Gesandten Allahs, ermordet.” doch ermordeten sie ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern einen ihm Ähnlichen … darum verfluchen wir sie.« (4:156).

Der Tod Jesu Christi ist neben Seiner Gottheit die zweite Säule, auf der unser Heil ruht. Daher heißt es im Neuen Testament, dass Er sterben mußte. Er ist das »Lamm Gottes«, das zur Schlachtbank geführt wird (Apg 8:32); er hat Seine Seele ausgeschüttet in den Tod (Jes 53:11); durch den Tod hat er den zunichtegemacht, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel (Heb 2:14). Ist Er aber nicht gestorben, gibt es keine Vergebung. Er mag hundertmal sündlos und er mag hundertmal göttlich sein; ist Er nicht stellvertretend für Sünder in den Tod gegangen, gibt es keine Vergebung. Einige Irrtümer über Jesus aus muslimischer Sicht

1. Jesus starb nicht am Kreuz (3,54-55), sondern Gott erhob Jesus zu sich empor (4,157-158).

2. Jesus ist nicht auferstanden.

3. Jesus ist nicht der Erlöser.

4. Jesus wird zwar als Messias bezeichnet, ist aber nicht der im Alten Testament angekündigte Gesalbte.

5. Jesus ist weder Gott (5,17) noch ein gottähnliches Wesen, noch Gottes Sohn (4,171). Das bestätigt er sogar selbst (5,72).

6. Jesus ist nicht der Herr (arab. rabb) (9,71).

7. Jesus ist nicht die zweite Person der Dreieinigkeit (5,73).

Der Koran wird damit deutlich, dass alle äußerliche Ähnlichkeit des Islam mit dem Christentum nur Schein ist. Der Islam ist die dem Christentum am diametralsten entgegenstehende aller Religionen und Heilslehren. Er ist Antichristentum in reinster Form.

Die Lehre des Islam über die Heiligen Schriften

Der Koran Mohammeds behauptet kühn, die Juden und die Christen hätten die Bibel gefälscht: »Aber ein Teil von ihnen hat Allahs Wort vernommen und verstanden und hernach wissentlich verkehrt

Die Lehre des Islam über die Heiligen Schriften

Der Koran Mohammeds behauptet kühn, die Juden und die Christen hätten die Bibel gefälscht: »Aber ein Teil von ihnen hat Allahs Wort vernommen und verstanden und hernach wissentlich verkehrt« (2:70; 4:47,48) »O Volk der Schrift, nunmehr ist unser Gesandter zu euch gekommen, euch vieles von der Schrift kundzutun, was ihr verbargt … Gekommen ist nunmehr zu euch von Allah ein Licht und ein klares Buch« (5:18).

Entweder hat Jesus Christus die Wahrheit gesprochen oder dann hat Mohammed die Wahrheit gesprochen; beide können nicht die Wahrheit gesprochen haben.

In Mt 24:35 lesen wir: »Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.«

Wenn Mohammed recht hatte, dann hat sich Paulus getäuscht, der an seinen Mitarbeiter Timotheus schrieb: »Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christo Jesu ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit« (2Tim 3:1416)

Von den heiligen Büchern

Allah hat zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Völkern heilige Bücher gesandt, oder »herniederkommen lassen« wie der koranische Terminus lautet. So weiß der Koran zu berichten, auf Mose sei die Torah, auf David die Psalmen und auf Jesus das Evangelium »herniedergekommen«. Am Ende aber habe Allah als letzte und für alle Menschen aller nachfolgenden Geschlechter verbindliche Offenbarung den Koran auf Mohammed »herniederkommen lassen«.

Von den Propheten

Nachdem Allah durch alle Geschlechter und zu allen Völkern Propheten gesandt habe (Vor allem Adam, Noah, Abraham, Mose, David, Jesus sei mit Mohammed der letzte Prophet mit der endgültigen und abschließenden Willensbekundung Allahs erschienen.

Mohammed = »Siegel der Propheten«

Die Lehre des Islam vom heiligen Krieg (Dschihad)

Aus islamischer Sicht besteht die Welt aus zwei Lagern<:

Dar ul Islam, dem »Haus des Islam«, und dem

Dar ul Harb, dem »Haus des Krieges«.

Das »Haus des Islam« ist jener Teil der Welt, der dem Islam unterworfen ist, das »Haus des Krieges« ist jener Teil der Welt, der durch Krieg noch dem Islam zu unterwerfen ist.

Dieser Krieg zur Ausbreitung des Islam heißt »heiliger Krieg«, arabisch Dschihad.

Der ideale Muslim ist nach muslimischem Verständnis ein mächtiger Mann, ein erfolgreicher Krieger, ein Herrscher unter den Menschen. Leiden, Verzichten, Verlieren, Unterliegen ist im Islam nicht vorgesehen.

Arnold Hottinger, ein verstohlener Judenhasser und offener Araberfreund, der also sicher nicht aus antimuslimischem Vorurteil heraus schreibt, sagt in seinem Buch “Die Araber vor ihrer Zukunft” (Verlag NZZ, 1988) ganz richtig, dass für jeden Muslim selbstverständlich ist: »Der Islam herrscht, er wird nicht beherrscht«. Darum sei den Muslimen Libanons eine christliche Regierung unannehmbar.

Weil nun der Islam die von Allah verfügte Ordnung sei, die die ganze Welt zu umfassen habe, ist jeder Muslim verpflichtet dafür zu kämpfen, dass dieses Ziel möglichst bald erreicht werde und das mit allen Mitteln:

Ihr sollt mit ihnen kämpfen, oder sie werden Muslime (48:16)

Er ist´s, der seinen Gesandten mit der Leitung und der Religion der Wahrheit entsandt hat, um sie über jede andere Religion siegreich zu machen, auch wenn es den Götzendienern zuwider ist (61:9)

Dies nennt der Koran »Kämpfen im Weg Allahs«. Die Aufforderungen zu solchem Kampf sind häufig und recht eindeutig:

Und erschlagt sie [die Juden und Christen], wo immer ihr auf sie stoßt (2:187) Und bekämpft sie, bis die Verführung aufgehört hat und der Glaube an Allah da ist (2:189) Nehmt keinen von ihnen zum Freund…Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet (4:91)

So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab (8:12)… Und nicht ihr erschluget sie, sondern Allah erschlug sie (8:17) Und kämpft wider sie, bis kein Bürgerkrieg mehr ist, und bis alles an Allah glaubt (8:40)

Kämpft wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an AllahAllah schlag´ sie tot! Wie sind sie verstandeslos! (9:29,f)

O du Prophet, streite wider die Ungläubigen und Heuchler und verfahre hart mit ihnen (9:74) [Denen gehört das Paradies], die auf dem Wege Allahs streiten, die töten und getötet werden; ihnen gehört die wahre Verheißung (9:112) O ihr, die ihr glaubt, kämpft wider die Ungläubigen an euren Grenzen, und wahrlich, lasst sie die Härte in euch verspüren. Und wisst, dass Allah mit denen ist, die ihn fürchten (9:124). Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; dann schnüret die Bande…Und diejenigen, die in Allahs Weg getötet werden…einführen wird er sie ins Paradies (47:47)

Ihr sollt mit ihnen kämpfen, oder sie werden Muslime (48:16)

Er ist´s, der seinen Gesandten mit der Leitung und der Religion der Wahrheit entsandt hat, um sie über jede andere Religion siegreich zu machen, auch wenn es den Götzendienern zuwider ist (61:9, auch 48:28).

Der Koran sagt:

„… erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten [d.h. zum Islam konvertieren] und die Armensteuer zahlen, so lasst sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig [zu Muslimen] … Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah und an den Jüngsten Tag … Ziehet aus, leicht und schwer [bewaffnet], und eifert mit Glut und Blut in Allahs Weg“ Sure 9,5.29.41

„Und bekämpft in Allahs Pfad, wer euch bekämpft; doch übertretet nicht; siehe, Allah liebt nicht die Übertreter. Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben … So sie jedoch ablassen, siehe, so ist Allah verzeihend und barmherzig.“ Sure 2,186-188

„Vorgeschrieben ist euch der Kampf [Dschihad], doch ist er euch ein Abscheu. Aber vielleicht verabscheut ihr ein Ding, das gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr ein Ding, das schlecht für euch ist; und Allah weiß, ihr aber wisset nicht“ (Sure 2,212- 213).

Sure 9,19 erklärt unmissverständlich, dass der Glaube an Allah und dem Jüngsten Tag sowie der Eifer „in Allahs Weg“ (die deutsche Übertragung merkt an: „diese Redensart bedeutet stets den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen“) mehr Lohn mit sich bringen als alles andere im Islam.

Der Dschihad ist der Kampf zur Ausbreitung des Islam mit jedem Mittel und ist Pflicht aller Muslime. Darüber hinaus wurde er von Mohammed zum materiellen Gewinn ausgeübt.

Sure 61,10-12 verdeutlicht, dass Eifer für Allah nicht nur eine religiöse Pflicht ist, sondern auch Mittel zum Wohlstand, genau wie im Geschäftsleben.

Sure 5,37 sagt, alle Feinde Allahs (d.h. alle Nichtmuslime bzw. „Ungläubigen“) müssen:

getötet oder gekreuzigt oder an den Händen und Füßen wechselseitig verstümmelt oder aus dem Lande vertrieben werden … und im Jenseits wird ihnen schmerzliche Strafe …“

Die Bibel sagt: „Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar.“ Matthäus 5,39

„Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch fluchen; betet für die, die euch beleidigen!“ Lukas 6,27-28

„Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht! … Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden! Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn! Denn es steht geschrieben: ›Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.‹ ›Wenn nun deinen Feind hungert, so speise ihn; wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken! Denn wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.‹ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten!“ Römer 12,14.18-21

[Bei der Gefangennahme Jesu, einige Stunden vor seiner Hinrichtung:] „Dann traten sie heran und legten die Hände an Jesus und ergriffen ihn. Und siehe, einer von denen, die mit Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. Da spricht Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert wieder an seinen Ort! Denn alle, die das Schwert nehmen, werden durchs Schwert umkommen.“ Matthäus 26,50-52 „Und als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte genannt wird, kreuzigten sie daselbst ihn und die Übeltäter, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Lk 23,33f

Die Lehre des Islam über das Heil

Werksgerechtigkeit ohne Heilsgewissheit

Die Pflichtenlehre weist den Islam als eine Gesetzesreligion aus; der Mensch verdient sich wie in allen von Menschen erfundenen Religionen heißen sie nun Islam, Buddhismus, Hinduismus, Shintoismus oder Sikhismus durch eigene Leistung seine Seligkeit: Er soll »Gutes vorausschicken, um es wiederzufinden bei Allah« (Sure 73:20; 69:24; 89:25).

Gute Werken heißen zuweilen gar »ein vorteilhafter Handel« (35:26).

Und wie in jeder menschlichen Religion kann der Anhänger nie Gewissheit finden über sein persönliches Schicksal.

So ist es denn für den Muslim eine Ausgemachte Sache, dass er (nachdem er alle Pflichten erfüllt hat) nur dann ins Paradies eingeht, wenn Allah will. Und er darf hoffen, dass er durch die Fürsprache Mohammeds ins Paradies eingelassen wird, denn das ist ihm versprochen worden, wenn Allah will, arabisch: ‘in schâ ‘Allah. Nur dann, sonst nicht.

Aber ob Allah will, das weiß nur Allah, und er lässt sich von niemandem in die Karten schauen Für wen das Paradies bestimmt ist

Bibel: nur diejenigen das ewige Leben erben werden, die an Jesus Christus als Sohn Gottes und sein stellvertretendes Opfer am Kreuz glauben,

Koran: nur diejenigen, die an Muhammad als Propheten Gottes und die Wahrheit des Korans glauben. Die Christen dagegen sind gerade die Götzendiener, die ungläubig sind, weil sie mit Jesus und Maria neben Gott zwei weitere Götter stellen und damit die schwerste Sünde begehen: Vielgötterei.

 Aufgrund dieser theologischen Unterschiede zwischen Islam und Christentum wird offensichtlich, dass der einzige, allmächtige Gott des Korans nicht der dreieinige Gott der Bibel, der Vater Jesu Christi, ist.

Videos im Internet zu Islam und Christentum

IV Islam eine Religion der Barmherzigkeit: Mouhanad Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit

https://www.youtube.com/watch?v=_6VuTEuS7SY

III Al Hayat, Kritik an Khorchide, Mohammed für harte Bestrafung eines Diebes

https://www.youtube.com/watch?v=8CCNholsfpE

Al Hayat, dito weitere Aussagen des Koran (Feindschaft, Hass)

https://www.youtube.com/watch?v=iZm3duTpk4w

II Kontroverse Diskussion zwischen Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide

https://www.youtube.com/watch?v=0LUNaBPu4Nw

I Islam und Christentum, Johannes Hartls Vergleich in 90 sec.

https://www.youtube.com/watch?v=x2gFjyPTeO8

David Wood, Hauptunterschiede: Theologie, Ethik, Beweise4

https://www.youtube.com/watch?v=yQMvjmwuEfc

<Pater Josef Herget, 28 min, Was Christentum und Islam unterscheidet>

https://www.youtube.com/watch?v=5QqAT9AWSoc

Ausbreitung des Islam und erste Blütezeit

Arabien vor dem Islam

Muslime bezeichnen die Zeit vor dem Islam als Dschāhiliyya, Epoche der „Unwissenheit“. Der Islam hat seinen Ursprung auf einem hauptsächlich von Beduinen bewohnten Steppen- und Wüstengebiet. Arabien war zur damaligen Zeit keine politisch und gesellschaftlich einheitliche Gemeinschaft, sondern lag am Rande des Einflussgebiets des Byzantinischen Reichs auf der einen und des Perserreichs auf der anderen Seite sowie deren Vasallenstaaten. Mekka, die Heimat Mohammeds, hatte sich aufgrund seiner günstigen Lage an der Weihrauchstraße, die von Südarabien nach Syrien verlief, zu einer Handelsmetropole entwickelt, die von den Koreischiten <führende politische Rolle>, einem arabischen Stamm von Kaufleuten, dominiert wurde, dem auch Mohammeds Sippe, die Haschemiten, angehörten.

Obwohl auch zahlreiche Juden und Christen auf der arabischen Halbinsel lebten, bekannte sich nach islamischer Überlieferung die Mehrheit der Bewohner zu einer Vielzahl heidnischer Stammesgötter. In Mekka wurde die Lokalgottheit Hubal <eine wichtige astrale Gottheit, deren aus rotem Karneol gefertigtes Standbild in der Kaaba stand.> verehrt. Die Kaaba in Mekka war bereits in vorislamischer Zeit ein bedeutender Wallfahrtsort und stellte eine Quelle wirtschaftlichen, religiösen und politischen Einflusses für die Koreischiten dar.

Nach der frühesten bekannten Prophetenbiografie („Das Leben des Gesandten Gottes“ – knapp 150 Jahre nach Mohammeds Tod verfasst) wurde Mohammed um 570 in Mekka geboren. Im Alter von etwa vierzig Jahren (609) hatte er in der Höhle von Hira erstmals Visionen.

Bild: Die Höhle von Hira, die Stätte der ersten Visionen Mohammeds

Der Erzengel Gabriel < Er gilt als Erklärer von Visionen und als Bote Gottes.> gebot ihm, das Wort Gottes (Allahs) niederzuschreiben. Zunächst teilte er seine Erfahrung nur einem kleinen Kreis von Vertrauten mit, gewann aber bald Anhänger. Als diese die alte polytheistische Religion zu bekämpfen begannen, kam es zum Bruch zwischen Mohammed und den Koreischiten. Mohammed unterstellte sich 620 mit seinen Anhängern dem Schutz der beiden medinensischen Stämme der Aus und Chasradsch <zwei arabische Stämme>, die einen Schlichter suchten. Im September 622 zog Mohammed mit seinen Anhängern von Mekka nach Yathrib (Medina), ein Ereignis, das als Hedschra den Beginn der islamischen Zeitrechnung markiert.

Die Übersiedlung nach Medina markiert zugleich auch den Beginn der politischen Tätigkeit Mohammeds. Er hatte in der medinensischen Gesellschaft die angesehene Stellung eines Schlichters und wurde zugleich als Oberhaupt der islamischen Gemeinde (Umma, geht über einen Stamm hinaus) angesehen. Der Islam erfuhr in Medina eine erste gesellschaftliche Ausformung. Die medinensischen Suren des Korans nehmen stärker Bezug auf konkrete Regelungen des Lebens und der Organisation der islamischen Gemeinschaft. Mohammed führte seit 623 mehrere Feldzüge gegen Mekka (Sieg der Muslime in der Schlacht von Badr (624), die Schlacht von Uhud (625) und die Grabenschlacht (627)), bis im März 628 ein Waffenstillstand geschlossen wurde. 629 traten die Muslime zum ersten Mal die Pilgerreise nach Mekka (Haddsch) an. 630 übergaben die Führer von Mekka die Stadt an Mohammed, der daraufhin die heidnischen Götterbilder aus der Kaaba entfernen ließ.

Veranstaltung vom 07.11.2018

In den Jahren vor dem Tode Mohammeds 632 weitete sich der Einfluss des Islams auf die ganze arabische Halbinsel aus. Mit den Stammesführern wurden Verträge geschlossen, die teils eine Tributpflicht, teils die Anerkennung Mohammeds als Propheten enthielten. Die in Ibn Hischāms Bearbeitung von Ibn Ishāqs Prophetenbiographie überlieferte Gemeindeordnung von Medina ist ein Vertrag, den Mohammed im Jahr 622 zwischen den Auswanderern aus Mekka und seinen Helfern in Yathrib, dem späteren Medina, schloss. Er definiert eine Reihe von Rechten und Pflichten, und schuf somit die Grundlage für den Gemeinschaftsbegriff der Umma.

Als Mohammed am 8. Juni 632 in Medina starb, hinterließ er keinen männlichen Erben. Seine einzige Tochter war Fatima (606-632). Fatima  war die jüngste Tochter und gemäß schiitischer Ansicht die einzige Tochter Mohammeds von seiner ersten und lange Zeit einzigen Gattin Chadīdscha bint Chuwailid und die Gattin ʿAlī ibn Abī Tālibs. Aus dieser Ehe gingen die Söhne Hasan ibn ʿAlī und al-Husain ibn ʿAlī hervor. Fatima gehört zur Ahl al-bait‚ zurFamilie des (Propheten-)Hauses‘. Schiiten zählen sie als einzige Frau zusammen mit Mohammed und den zwölf Imamen zu den „Vierzehn Unfehlbaren“.  Die Vierzehn Unfehlbaren der Zwölferschiiten (Imamiten) sind eine Personengruppe, deren Mitglieder im Glauben der Schiiten als „gefeit vor Irrtum und Sünde“ gelten. Gemäß dem Konzept der ʿIsma gelten sie als unfehlbar. Dies sind der Prophet Mohammed, dessen Tochter Fatima und die zwölf namentlich bekannten Imame, darunter die zwei Söhne Fatimas.

Sie hatte zum Zeitpunkt von Mohammeds Tod noch keine Söhne im ausreichenden Alter, um eine Führungsrolle zu übernehmen. Der Prophet hatte weder einen Nachfolger bestimmt noch eine Prozedur zu dessen Wahl festgelegt. Nach seinem Tod 632 trafen sich die muslimischen Führer der Gemeinden. Ein Teil von ihnen vertrat die Meinung, Mohammed habe seinen Vetter ʿAlī ibn Abī Tālib zu seinem Nachfolger auserkoren. Der Großteil der Muslime war davon nicht überzeugt und legte erste Richtlinien für eine Nachfolge fest. Demnach musste der Nachfolger des Propheten ein Araber aus dem Stamme Mohammeds, der Quraisch, sein, der zum einen für die Einhaltung der Regeln des islamischen Glaubens und zum anderen für die Verbreitung des Islam verantwortlich war. Die Mehrheit der muslimischen Führer wählte Abū Bakr, den Vater von Mohammeds Lieblingsfrau Aischa, zum Nachfolger des Propheten. Er nahm den Titel chalifat rasuli llah an.

634 wurde ʿUmar ibn al-Chattāb zum zweiten Kalifen gewählt und führte zudem den Kalifentitel Amīr al-Mu’minīn („Befehlshaber der Gläubigen“) ein. In seiner Amtszeit setzte die islamische Expansion ein, und den Muslimen gelang es, ihren Einfluss auf Syrien (635–636), Mesopotamien (636) und Ägypten (639–642) auszudehnen. Nach ihrem Sieg bei Nihawand südlich von Hamadan brach das Reich der Sassaniden im Iran endgültig auseinander.

ʿUthmān ibn ʿAffān, ein Schwiegersohn Mohammeds, wurde 644 zum dritten Kalifen gewählt. Bedeutung erlangte seine Regierungszeit vor allem durch die endgültige Abfassung des Koran. Er setzte aber auch die Expansionen seines Vorgängers fort. So wurden 647 Tripolitanien (heute Libyen) und weitere Teile des Iran erobert sowie erste Vorstöße nach Anatolien unternommen. Mit der Zeit machte sich Uthman durch die Bevorzugung seiner umayyadischen Sippe bei der Ämter- und Beuteverteilung etliche Feinde, insbesondere unter den Heerführern und den Muslimen der eroberten Gebiete. 656 wurde er von aufständischen Muslimen aus Ägypten und dem Irak in Medina ermordet.

Uthmans Gegner waren vor allem die Anhänger des Ali ibn Abi Talib, die späteren Schiiten. Diese und die aufständischen Führer wählten Ali nun zum Kalifen. Doch Muawiya, der Statthalter von Syrien aus der Sippe der Umayyaden und damit ein Verwandter Uthmans, verweigerte die Gefolgschaft. Es kam zum Ausbruch von Kämpfen. Nach der Schlacht von Siffin einigte man sich auf Verhandlungen. Eine Gruppe von Muslimen, die späteren Charidschiten, sah darin eine Postenschacherei und eine große Schande und verließ das Lager Alis. 661 fiel Ali einem Attentat dieser Gruppe zum Opfer. Sein Sohn Hasan verzichtete auf seinen Herrschaftsanspruch, als er die Übermacht der Umayyaden erkannte.

Ali war der letzte gewählte Kalif. Muawiya führte während seiner Herrschaft die Erbfolge ein und begründete somit die erste Kalifen-Dynastie (die der Umayyaden in Damaskus). Seither wurden die proklamierten Nachfolger zum neuen Kalifen, oder der Titel ging durch Kriege auf andere Herrscher über. Hasans Bruder Husain erhob zwar nach Muawiyas Tod Anspruch auf das Kalifat, wurde aber in der Schlacht von Kerbela (680) geschlagen.

In der Schlacht von Kerbela, die am 10. Oktober 680 beim zentralirakischen Kerbela stattfand, wurde der Prophetenenkel Hussein getötet. Mit dieser Schlacht war die schiitische Hoffnung, ihren dritten Imam anstelle von Yazid I. als Kalifen, als Oberhaupt der islamischen Gemeinde, einzusetzen, gescheitert. In der islamischen Geschichte nach der Schia steht die Schlacht von Kerbela symbolisch für den Kampf zwischen „Gut und Böse“ – „Unterdrückte gegen Unterdrücker“ – und gilt als einer der tragischsten Vorfälle für die Schiiten.[2] Da viele Anhänger Husseins zum Zeitpunkt der Schlacht nicht mehr zu Hussein hielten und von ihm abfielen – aus Angst vor der Übermacht der Truppen Yazids – wurden Hussein und sein Heer vernichtend geschlagen. Von schiitischer Seite wird berichtet, dass das Truppenverhältnis in dieser Schlacht 10.000 zu 72 zu Ungunsten Husseins gewesen sei.

Schiiten und Aleviten gedenken dieser Schlacht während des alljährlichen Aschura-Tages (am 10. Tag des Monats Muharram), bei dem sie durch viele Rituale symbolischer Trauer den Abfall der Anhänger Husseins von dessen Seite beklagen und beweinen.

Die Ära der rechtgeleiteten Kalifen (632–661)

Der Begriff „Rechtgeleitete Kalifen“ bezeichnet nach sunnitischer Auffassung die vier ersten Kalifen, welche zwischen 632 und 661 die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, vor deren Spaltung führten. Die vier Nachfolger sind Abdallah Abū Bakr (r. 632–634), ʿUmar ibn al-Chattāb (r. 634–644), ʿUthmān ibn ʿAffān, (r. 644–655) und ʿAlī ibn Abī Tālib (r. 656–661). Während dieser dreißig Jahre breitete sich der Islam weiter aus, gleichzeitig traten Nachfolgestreitigkeiten auf, die letztlich zur Spaltung des Islams in Sunna und Schia führten.

In die kurze Regierungszeit Abū Bakrs fallen die Ridda-Kriege. Das Kalifat ʿUmar ibn al-Chattābs markiert entscheidende Siege über das Byzantinische Reich und die persischen Sassaniden und somit die Ausdehnung des Islams auf Syrien und Palaestina (Bilad al- Scham), Ägypten, Teile Mesopotamiens und des Iran. Ausschlaggebend für die schnelle Eroberung der ehemals byzantinischen und persischen Gebiete war nicht allein die Motivation und Beweglichkeit der arabischen Truppen, sondern vor allem die Tatsache, dass Byzanz und Persien von den erst 628/29 beendeten langen und blutigen Römisch-Persischen Kriegen erschöpft waren. Die arabischen Eroberer profitierten anschließend erheblich von der bereits vorhandenen höheren kulturellen Entwicklung in den ehemaligen byzantinischen Gebieten und in Persien; ebenso wurde die effektive byzantinische und persische Verwaltungspraxis weitgehend übernommen bzw. adaptiert.

Die bedeutendste kulturelle Leistung ʿUthmān ibn ʿAffāns war die abschließende und bis heute maßgebliche Redaktion des Koran, etwa zwanzig Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed. Um 651 kam die erste islamische Expansionswelle im Westen in der Cyrenaica (Libyen) und im Osten am Amudarja (Nordpersien, Turkmenistan, Afghanistan) zum Erliegen. Kleinasien blieb bis ins 11. Jahrhundert unter byzantinischer Herrschaft.

Die Wahl ʿAlī ibn Abī Tālibs führte zur offenen Auseinandersetzung in der Nachfolgefrage. 656 kam es zur Kamelschlacht, dem ersten Bürgerkrieg “Fitna” und 657 zur Schlacht von Siffin am mittleren Euphrat zwischen ʿAli und seinem Rivalen Mu’awiya. Mit der Ermordung ʿAlīs durch Charidschiten 661 endet die Reihe der „rechtgeleiteten Kalifen“.

Islamwissenschaftliche Konzepte zur Entstehungsgeschichte des Koran

Der Islamwissenschaftler G. R. Hawting geht davon aus, dass der Islam nicht in einem Umfeld der Unwissenheit und des heidnischen Polytheismus entstanden sei. Vielmehr setzten die vielfachen Bezüge zu den Texten der Bibel Kenntnisse der jüdischen und christlichen Lehre voraus. Die Lehren des Korans sollten beispielsweise der christlichen Dreifaltigkeitslehre, die nach islamischem Verständnis der Einheit Gottes unangebrachte Attribute beigesellten einen kompromissloseren Begriff von Monotheismus gegenüberstellen. Um die Reinheit der islamischen Lehre besonders klar hervortreten zu lassen, sei die vorislamische Zeit polemisch als unwissend und der heidnischen Vielgötterei verfallen dargestellt worden. In späteren Korankommentaren und in der traditionellen islamischen Literatur sei diese Polemik wörtlich genommen und den arabischen Zeitgenossen Mohammeds zugeschrieben worden. Vom Gesichtspunkt der vergleichenden Religionswissenschaft aus stellt Hawting die historische Wahrheit der traditionellen Darstellung der vorislamischen arabischen Religion in Frage.

Die historische Authentizität der Prophetenbiographien von Ibn Ishāq bzw. Ibn Hischām, die erst im 8. und 9. Jahrhundert entstanden sind, wurde von Hans Jansen angezweifelt. Es wurde vermutet, dass die Geschichtswerke dem Zweck dienen sollten, die politische Herrschaft der Abbasidenkalifen religiös zu legitimieren. Die Gemeindeordnung von Medina wird jedoch für authentisch gehalten. Mit Hilfe der historisch-kritischen Methode wurde die Geschichte des Korantextes erforscht. Einige Forscher ziehen Mohammed als Verfasser in Zweifel und nehmen spätere Überarbeitungen und Hinzufügungen an. Fred Donner nimmt an, dass der Islam als eine „Bewegung von Gläubigen“ entstand, in der ursprünglich auch Christen und Juden als gleichberechtigte Mitglieder eingeschlossen waren, und dass eine Abgrenzung des eigentlichen Islams erst seit dem späten 7. Jahrhundert stattfand. Einzelne Autoren wie Yehuda Nevo und  Karl-Heinz Ohlig vertreten hinsichtlich der Frühzeit des Islams umstrittene Positionen wie etwa, dass Mohammed als historische Person nicht existiert habe, oder für die Entstehung des Islams unwichtig gewesen sei. Durch sprachwissenschaftliche Analysen des Koran belegt Christoph Luxenberg seine Hypothese, das Buch sei in einer aramäisch-arabischen Mischsprache verfasst. Folglich stellt er die traditionelle Sichtweise einer von der Zeit Mohammeds bis zur schriftlichen Niederlegung des Korans unter ʿUthmān ibn ʿAffān lückenlosen mündlichen Überlieferung in Frage. Er geht von einer älteren Schriftfassung aus. Der Koran beruhe demnach auf einer zum Teil missverstandenen Übersetzung eines syrischen, christlich-antitrinitarischen Lektionars. Diese aus der Perspektive der kritischen Koranwissenschaft relevante Hypothese sei für die vom traditionellen Koranverständnis geprägte religiöse oder politische Geschichte der islamischen Welt von geringerer Bedeutung.

Das wissenschaftliche Interesse richtet sich auf die geschichtliche Entwicklung der heute als „islamische Welt“ oder „islamischer Kulturraum“ bekannten Weltregion, sowie auf die Entstehung islamisch geprägter gesellschaftlicher und politischer Strukturen in den eroberten Ländern. Die islamische Expansion wurde während der ersten Jahrhunderte wesentlich von Arabern getragen und wird deshalb synonym auch als „arabische Expansion“ bezeichnet. Abweichend von den Beschreibungen der frühen islamischen Historiker geht man heute davon aus, dass die Schwäche des byzantinischen und des persischen Sassanidenreichs die Eroberungen erleichterte. In der Frühzeit herrschte eine islamische Minderheit über eine überwiegend noch jüdisch oder christlich geprägte Mehrheit. Die neuen islamischen Herrscher übernahmen in den eroberten Gebieten zunächst die bestehenden wirtschaftlichen und Verwaltungsstrukturen ihrer Vorgänger. Die frühesten bekannten Bauten der islamischen Architektur zeigen deutlich die Übernahme und kulturelle Umformung architektonischer und künstlerischer Gestaltungsprinzipien der syrisch-byzantinischen Tradition. Bauten wie der unter dem Umayyadenkalifen Abd al-Malik in Jerusalem errichtete Felsendom wurden in ihrer Bedeutung als frühe Symbole eines islamischen Herrschaftsbewusstseins ebenso analysiert wie die wenig später auftretenden islamischen Münzprägungen, die den Machtanspruch der Kalifen im Alltag sichtbar machten.

Verlust der religiösen Einheit

Bereits 660 errichtete Muʿāwiya in Damaskus ein Gegen-Kalifat. Die Auseinandersetzung zwischen Muʿāwiya und ʿAlī brachte die Oppositionsbewegung der Charidschiten 661 dazu, Anschläge zugleich auf Ali und Mu’awiya durchzuführem. Muʿāwiya überlebte, wurde Kalif, und gründete die Dynastie der Umayyaden. Die Schlacht von Kerbela am 10. Oktober 680 manifestierte die Spaltung der Muslime in Sunniten und Schiiten, als der Enkel Mohammeds und Sohn ʿAlis, Hussein, getötet wurde. In der Folge kam es bis 692 zu Bürgerkriegen (Fitna). Der islamische Begriff Fitna bezeichnet schwere Zeiten, in denen vermehrt mit Glaubensspaltung und Glaubensabfall gerechnet werden kann.

Die Sunniten (bis zum 19. Jahrhundert auch: Sonniten) bilden die größte Glaubensrichtung im Islam. Ihre Glaubensrichtung selbst wird als Sunnitentum oder Sunnismus bezeichnet. Eine Eigenbezeichnung ist ahl as-sunna (أهل السنة ‚Volk der Tradition‘) oder im Türkischen Ehl-i Sünnet bzw. Sünnilik. Die Bezeichnung Sunniten stammt demnach von dem Wort Sunna (سنة ‚die Tradition des Propheten des Islam, Mohammed‘). Sunnitische Muslime werden auch als أهل السنة والجماعة ahl as-sunna wal-dschamāʿa ‚Volk der Tradition und der Einheit (der Muslime)‘ zusammengefasst, was darauf hinweisen soll, dass die Sunniten vereinigt sind. Heute gelten die Schiiten als die wichtigste Gegengruppe zu den Sunniten, allerdings hat sich das sunnitische Selbstbewusstsein im Mittelalter nicht nur in Absetzung zu den Schiiten, sondern auch zu den Muʿtaziliten und Charidschiten herausgebildet.

Verbreitung

Sunniten stellen in den meisten islamischen Ländern die Mehrheit der Muslime, mit Ausnahme von Iran, Irak, Oman, Libanon, Aserbaidschan sowie Bahrain. In Bahrain sind ca. 75 Prozent der Bevölkerung schiitisch, doch wird das politische Leben seit dem 18. Jahrhundert von wenigen tribalen sunnitischen Familien beherrscht.

Nach der Spaltung wurden die Schiiten von Imamen geführt, die Nachkommen des ʿAlī ibn Abī Tālib und Fatimas, der Tochter Mohammeds waren. Die Frage der rechtmäßigen Nachfolge blieb umstritten. Bis zum 9. Jahrhundert waren die schiitischen Hauptzweige entstanden, die Imamiten („Zwölfer-Schiiten“), Ismailiten („Siebener-Schiiten“) und Zaiditen („Fünfer-Schiiten“). Die Ismailiten erkannten als rechtmäßigen Nachfolger Dschafar as-Sadiqs nicht Mūsā al-Kāzim, sondern Ismail ibn Dschafar an – daher ihr Name. Ismails Sohn Muhammad wurde von seinen Anhängern als siebenter Imam betrachtet (daher der Begriff „Siebener-Schiiten“) und soll nicht gestorben, sondern in eine Verborgenheit gegangen sein, aus der er als Qaim („der sich Erhebende“, „der Aufstehende“) oder Mahdi wiederkehren würde.

Als Imamiten (arabisch الامامية, DMG al-Imāmīya) werden in der islamischen Doxographie diejenigen Schiiten bezeichnet, die nach dem Ende des umayyadischen Kalifats das Imamat in der husainidischen Linie der Nachkommenschaft von ʿAlī ibn Abī Tālib weiterführten und den Imam als allwissenden Führer betrachteten, sich auf politischer Ebene jedoch quietistisch verhielten.[1] Mehrere von ihnen lehrten, dass ihr jeweiliger Imam entrückt worden sei. In nicht-imamitischen Quellen werden diese Gruppen auch unter der abwertenden Bezeichnung Rāfiditen zusammengefasst. Der arabische Begriff der Imāmīya erscheint zum ersten Mal in einer zaiditischen Quelle, die von Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gest. 935) zitiert wird und wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts stammt.

Die meisten imamitischen Gruppierungen gingen schon im Mittelalter unter, die einzige imamitische Gruppe, die bis in die Gegenwart fortbesteht, ist die Zwölfer-Schia. Deswegen wird der Begriff Imamiten heute meist als Synonym für die Zwölfer-Schiiten verwendet.

Die Zwölfer-Schia (arabisch الشيعة الإثنا عشرية asch-Schīʿa al-Ithnā ʿAscharīya, DMG aš-Šīʿa al-Iṯnā ʿAšarīya) ist derjenige Zweig innerhalb der Schia, nach dessen Lehre es insgesamt zwölf Imame gibt. Der erste von ihnen ist ʿAlī ibn Abī Tālib, der letzte Muhammad al-Mahdī, der in der Verborgenheit leben und erst am Ende der Zeiten zurückkehren soll. Die Zwölfer-Schiiten bilden mit 80 % Anteil die überwältigende Mehrheit der Schiiten, weshalb man sie häufig auch nur ganz allgemein als die Schiiten bezeichnet. Ihre Gesamtanzahl wird auf 175 Millionen und ihr Anteil an der muslimischen Weltbevölkerung auf 11 Prozent geschätzt. In den Ländern Iran, Aserbaidschan, Irak und Bahrain stellen die Zwölfer-Schiiten die Bevölkerungsmehrheit. Daneben leben bedeutende zwölfer-schiitische Minderheiten im Libanon, in Kuwait, Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien, Syrien und Indien. Kleinere Minderheiten existieren in weiteren Ländern Afrikas, Europas, Amerika und Asiens. Die Zwölfer-Schia hat eine eigene Rechtsschule, die nach dem sechsten Imam Dschaʿfar as-Sādiq als dschaʿfaritisch bezeichnet wird. In Iran ist der Islam der zwölfer-schiitischen, dschaʿfaritischen Richtung die Religion des Staates.

Die Bezeichnung „Zwölfer“ (Iṯnā ʿAšarīya) für diejenigen Schiiten, die an die Entrückung und Wiederkehr des zwölften Imams glauben, hat sich erst Ende des 10. Jahrhunderts verbreitet. Die Zwölfer-Schiiten werden auch als Imamiten bezeichnet, allerdings fallen die beiden Begriffe bedeutungsmäßig nicht völlig zusammen, denn im Mittelalter gab es neben der Zwölfer-Schia noch verschiedene andere imamitische Gruppierungen, die die Anzahl der Imame nicht auf zwölf beschränkten.[5] Autoren sunnitischer und zaiditischer Ausrichtung bezeichneten diese Richtung der Schia bis zum frühen 13. Jahrhundert auch als Qatʿīya. Der Name wird damit erklärt, dass die Zwölfer-Schiiten im Gegensatz zu anderen Schiiten mit Bestimmtheit (qaṭʿan) annahmen, dass der siebte Imam Mūsā al-Kāzim gestorben sei und seinen Sohn ʿAlī ar-Ridā als Nachfolger designiert habe.

Die Ismailiten (arabisch الإسماعيلية al-Ismāʿīlīya, persisch اسماعیلیان Esmāʿīlīyān, Sindhi ‎اسماعیلی Ismā’īlī; auch Ismaeliten) bilden eine Religionsgemeinschaft im schiitischen Islam, die im 8. Jahrhundert als Ergebnis einer Spaltung der Imamiten-Schia hervorgegangen ist. Nach der aus dieser Spaltung ebenfalls hervorgegangenen Zwölfer-Schia stellen die Ismailiten heute mit etwas mehr als 20 Millionen Anhängern die zweitgrößte schiitische Glaubenskonfession.

Historische Bedeutung erlangte diese Schia (šīʿa) durch das von ihr begründete Kalifat der Fatimiden in Nordafrika und Ägypten; dem einzigen in der Geschichte des Islams, das aus dem Schiitentum hervorgegangen ist. Dieses Kalifat wurde 910 proklamiert und beanspruchte die Herrschaft über die gesamte muslimische Welt (umma) in Konkurrenz zum sunnitischen Kalifat der Abbasiden. Beendet wurde das Fatimiden-Kalifat im Jahr 1171 durch den sunnitischen Machthaber Saladin.

Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts sind die Ismailiten selbst in verschiedene Glaubensgemeinden gespalten, von denen jede die Fortführung des wahren Ismailitentums für sich reklamiert, weshalb sie auch eine nahezu identische Glaubenslehre aufweisen. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen Gruppierungen liegt in der Frage der rechtmäßigen Führerschaft über die Gemeinde, so dass jede ismailitische Strömung einer eigenen Linie von „Vorstehern“ (imām) folgt. Von den drei heute noch bestehenden ismailitischen Gruppierungen sind die Nizariten die zahlenmäßig größte; sie vereinen das Gros aller Ismailiten unter ihrem spirituellen Oberhaupt Imam Aga Khan IV., weshalb der Sammelbegriff „Ismailiten“ heute als bevorzugtes Synonym für die Nizariten verwendet wird. Neben ihnen bestehen allerdings noch die zahlenmäßig deutlich kleineren Gruppen der Tayyibiten und Mu’miniten, welche die Imamreihe der Nizariten nicht anerkennen und je einer eigenen folgen.

Ismailitische Moschee in Duschanbe, Tadschikistan.

Eine weitere religiöse Gruppierung, die ihre Genese aus dem Ismailitentum heraus erfuhr, sind die Drusen, deren Glaubenslehre sich allerdings von jener der Ismailiten entfernt hat.

In der Mitte des 9. Jahrhunderts begann Abdallah al-Akbar (gest. nach 874), als Stellvertreter für Mahdi Muhammad ibn Ismail aufzutreten. Er verkündete das Erscheinen des verborgenen siebenten Imams, durch den die Abbasiden gestürzt, alle Gesetzesreligionen (neben dem Christentum und Judentum auch der Islam) abgeschafft und die kultlose Urreligion hergestellt werden sollte. Er scharte eine Gemeinde um sich und entsandte in alle Teile der islamischen Welt Missionare (Dāʿī). Nach Abdallahs Tod übernahmen sein Sohn Ahmad und sein Enkel Abu sch-Schalaghlagh die Leitung. Letzterer fand vor allem im Maghreb Anhänger, wo auch Abu Abd Allah asch-Schiʿi wirkte. Abu sch-Schalaghlagh designierte seinen Neffen Said ibn al-Husain als Nachfolger, der als der wahre Mahdi auftrat. Damit löste er wiederum eine Spaltung der Ismailiten aus, da die Qarmaten und andere Gruppen weiterhin an der Erwartung des verborgenen Mahdis Muhammad ibn Ismail festhielten.

Nachdem Abu Abd Allah asch-Schiʿi unter den Berbern des Maghreb Anhänger gewonnen hatte, stürzte er die Dynastie der Aghlabiden in Ifrīqiya, die das Gebiet des heutigen Ost-Algerien, Tunesien und Nord-Libyen beherrscht hatten. Damit ebnete er den Weg für Abdallah al-Mahdi, der in Ifriqiya die Dynastie der Fatimiden begründete.

Die Zaiditen (arabisch زيدية, DMG Zaidīya) bilden innerhalb des Islams einen Zweig der Schiiten. Sie sind nach Zaid ibn ʿAlī benannt, einem Enkel des Prophetenenkels Husain, der sich 740 in Kufa gegen die Herrschaft der Umayyaden erhob und dabei den Tod fand. Die Zaiditen verfügen über eine eigene Rechtsschule und sind seit dem 9. Jahrhundert vor allem im Jemen verwurzelt, wo ihre Imame bis 1962 über ein selbständiges Fürstentum herrschten. Auch die Scherifen von Mekka waren bis zum 14. Jahrhundert Zaiditen.

Die Zaiditen werden manchmal auch „Fünfer-Schiiten“ genannt, doch ist diese Bezeichnung irreführend, weil anders als bei den Zwölfer-Schiiten die Anzahl der Imame bei den Zaiditen nicht auf eine bestimmte Anzahl beschränkt ist. In der wissenschaftlichen Literatur zur Schia wird diese Bezeichnung auch nicht verwendet.

Karte: Conquête … bis 750

Ausbreitung des Islams bis zum Jahr 750:

•  Ausbreitung unter Mohammed, 612–632

•  Ausbreitung unter den ersten drei Kalifen, 632–655

•  Ausbreitung unter dem Umayyaden-Kalifat 661–750

Arabisch-Byzantinische Kriege (632–718)

•  635: Eroberung Syriens;

•  636: Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien;

•  639: Eroberung Armeniens und Ägyptens;

•  642–697/8: Eroberung des Maghreb;

•  674–678: Erste Belagerung von Konstantinopel;

•  717–718: Zweite Belagerung von Konstantinopel;

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts war das Byzantinische Reich somit auf Kleinasien, die Stadt Konstantinopel und einige Inseln und Küstenbereiche in Griechenland beschränkt.

Eroberung des Sasanidenreichs (zweites persisches Großreich 224-651, 1. Großreich 550-330 v.Chr.)

Nach dem Sieg gegen Byzanz in der Schlacht am Jarmuk 636 konnte ʿUmar Truppen in den Osten verlegen und die Offensive gegen die Sasaniden verstärken. Im Südirak kam es (wahrscheinlich 636) zur Schlacht von al-Qādisīya, die mit der Niederlage und dem Rückzug der sasanidischen Truppen endete. Die Hauptstadt Ktesiphon musste aufgegeben werden. 642 wurde das persische Heer in der Schlacht bei Nehawend erneut besiegt. Yazdegerd III. wurde im Zuge interner Machtkämpfe im Jahre 651 in Merw ermordet. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts befand sich ganz Chusistan unter arabischer Kontrolle.

1980 verwendete das irakische Regime Saddam Husseins die Schlacht von al-Qādisīya zur propagandistischen Unterstützung der Invasion Chusistans, die den Beginn des Iran-Irak-Krieges (1980–1988) markiert.

Expansion nach Indien

Schon 664, 32 Jahre nach Mohammeds Tod, stieß der Statthalter von Chorasan, al-Muhallab ibn Abi Sufra, bis nach Multan im heutigen Punjab vor. Die umayyadischen Heere erreichten 712 den Indus, weitere Eroberungen wurden vorerst mit der Niederlage Muhammad ibn al-Qasims in der Schlacht von Rajasthan im Jahr 738 aufgehalten. Gleichzeitig erweiterten sich Handelskontakte zwischen Arabern und Indern, wobei vor allem in den Hafenstädten der indischen Westküste Niederlassungen arabischer Händler entstanden. Bereits im Jahr 642 wurde in Kasaragod eine erste Moschee errichtet. Weniger friedlich gestalteten sich die Verhältnisse am oberen Indus, wo die muslimischen Machthaber in Persien immer wieder in Konflikte mit den Herrschern von Sindh gerieten, ohne dabei zunächst territoriale Gewinne zu erzielen.

Besondere Bedeutung erlangte die nach der im heutigen Afghanistan gelegenen Stadt Ghazna benannte turkstämmige Dynastie der Ghaznawiden. Sie wurde 977 gegründet und attackierte unter Mahmud von Ghazni (998–1030) in insgesamt 17 Feldzügen das Industal, wobei die bewegliche Kavallerie der Invasoren sich dem indischen Fußheer mit seinen Elefanten in der Schlacht überlegen zeigte, allerdings entstanden durch die klimatischen Bedingungen Indiens erhebliche Versorgungsprobleme besonders für die Pferde der Invasoren. Den Ghaznawiden gelang es so, sich im Punjab festzusetzen. Am Hof der Ghaznawiden stellte sich zugleich eine erste kulturelle Blüte ein; so wirkten dort der Dichter Firdausi und der Gelehrte und Arzt Al Biruni, der neben einer berühmten Arzneilehre auch ein Buch über die Geschichte Indiens (Kitab Tarich al-Hind) schrieb. Neben den kriegerischen Auseinandersetzungen lässt sich also bereits hier auch ein kultureller Austausch beobachten.

1186 stürzten die Ghuriden, im Jahr 1192 konnte Muhammad von Ghur eine Konföderation der indischen Rajputen unter Führung des Fürsten von Delhi, Prithviraj III. Chauhan in der Schlacht von Taraori besiegen. Muhammad zog daraufhin in Delhi ein. 1206 wurde er von seinem General Qutb-ud-Din Aibak ermordet, der damit das Sultanat von Delhi begründete.

Expansion nach Ostasien

Der Islam erreichte das maritime Südostasien im 7. Jahrhundert durch arabische Händler aus Jemen, die vor allem im westlichen Teil des heutigen Indonesien und auf Sri Lanka Handel trieben. Sufi-Missionare übersetzten Werke ihrer Literatur aus dem Arabischen und Persischen in die malaiische Sprache; hierzu wurde mit der Jawi-Schrift ein arabisches Schriftsystem entwickelt, in dem die malaiische Sprache geschrieben werden kann. 1292 besuchte Marco Polo auf seiner Rückreise per Schiff aus China Sumatra, und berichtete von dort, dass die überwiegende Zahl der Einwohner sich zum Islam bekehrt hätte.

1402 gründete Parameswara das Sultanat von Malakka. Von Malakka aus verbreitete sich der Islam weiter auf dem Malaiischen Archipel. 1511 eroberten die Portugiesen mit der Stadt Malakka den Regierungssitz, worauf das Sultanat zerfiel. Während Malakka 130 Jahre lang ein koloniales Zentrum der Portugiesen in Ostasien blieb, entstanden auf der Malaiischen Halbinsel verschiedene kleinere Sultanate, wie die Sultanate von Johor und Perak. 1641 eroberten die Niederländer das portugiesische Malakka. Es war der Beginn des Niedergangs des portugiesischen Kolonialreichs in Südostasien und der Aufstieg der Kolonie Niederländisch-Indien. 1824 fiel Malakka an die Engländer.

China

Handel bestand schon zwischen dem präislamischen Arabien und der Südküste Chinas; Verbindungen bestanden auch zwischen den zentralasiatischen Völkern und der islamischen Welt, nicht zuletzt über den alten Handelsweg der Seidenstraße. Spätestens zur Zeit der Tang-Dynastie, wenige Jahrzehnte nach der Hidschra, erreichten islamische Diplomaten auch China. Eine der ältesten Moscheen Chinas, die Huaisheng-Moschee, wurde schon im 7. Jahrhundert erbaut.

Umayyaden und Abbasiden

Umayyaden (Damaskus: 661–750, Córdoba –1031)

Die Umayyaden gehörten zum arabischen Stamm der Quraisch aus Mekka. Die Dynastie herrschte von 661 bis 750 n. Chr. als Kalifen von Damaskus aus und begründete die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den Sufyāniden, die sich auf Abū Sufyān ibn Harb zurückführen, und den ab 685 herrschenden Marwāniden, den Nachkommen von Marwān ibn al-Hakam.

Unter der Regierung der Umayyaden wurden die Grenzen des Reiches im Osten bis zum Indus und im Westen bis zur Iberischen Halbinsel vorgeschoben, wo die neue Provinz Al-Andalus entstand. Nach ihrer Vertreibung aus dem Maschrek durch die Abbasiden gründeten sie im Jahr 756 in al-Andalus das Emirat von Córdoba, wo sie bis 1031 herrschten, seit 929 auch wieder mit dem Titel eines Kalifen. Im Osten wurde im gleichen Jahr der Indus erreicht. Transoxanien mit den Städten Buchara und Samarkand und die Landschaft Choresmien südlich des Aralsees gerieten ebenfalls unter islamische Herrschaft.

Die Schlacht von Tours und Poitiers 732 wurde von europäischer Seite als „Rettung des Abendlandes vor dem Islam“ durch Karl Martell angesehen, war aber wohl eher ein Scharmützel zwischen fränkischen Truppen und einer kleineren muslimischen Truppe auf einem Raubzug (ghazwa) gegen Eudo von Aquitanien. Die Festungen Narbonne, Carcassonne und Nîmes und Teile der Provence blieben vorerst muslimisch.

Die ersten Jahrzehnte der Umayyadenherrschaft sind gekennzeichnet durch die aktive Aneignung und Umformung der antiken Kunst und Architektur, die die Eroberer in den neu angeeigneten Gebieten vorgefunden hatten. Anhand von Münzprägungen lässt sich das entstehende politische, wirtschaftliche und religiöse Selbstbewusstsein der islamischen Herrscher nachvollziehen.

In den ersten fünfzig Jahren der Islamischen Expansion verwendeten die islamischen Eroberer zunächst die vorhandenen Münzen der Kaiser Herakleios und seines Nachfolgers Konstans II. weiter. Münzen dieser beiden Kaiser wurden in fast allen syrischen Fundstätten aus dieser Zeit archäologisch nachgewiesen, und müssen in Byzanz geprägt worden und nach Syrien exportiert worden sein. Im spätantiken iranischen Sassanidenreich war dabei eine weitgehend monometallische Silberwährung verwendet worden, die Oströmer prägten Gold-, Bronze- und Kupfermünzen. In den früheren sassanidischen Provinzen wurden nach der arabischen Eroberung weiterhin silberne Drachmen und goldene Dinare mit den Porträts von Chosrau II. oder Yazdegerd III. auf dem Avers und einem Feuertempel auf dem Revers verwendet. Geändert wurde nur das Datum, hinzugesetzt wurde eine kurze fromme Legende, oft die Basmala, und der Name des Herrschers. Vereinzelt finden sich auch islamische Symbole oder Portraits muslimischer Herrscher.

Der Münzimport aus dem byzantinischen Reich kam etwa 655–658 zum Erliegen. Ab 696, dem Jahr der Münzreform des Umayyaden Abd al-Malik, wurde in seinem Herrschaftsbereich ein bimetallisches Währungssystem, bestehend aus Gold- (Dinar) und Silbermünzen (Dirham), verwendet. Bei dem 696 eingeführten Dinar handelt es sich um eine Goldmünze nach dem Vorbild des byzantinischen Solidus. Das Porträt des byzantinischen Kaisers wurde durch das Bild des Kalifen, später vollkommen durch anikonische, rein epigraphische Stücke ersetzt.

Die Prägung eigener, genormter Münzen setzt die Existenz einer gut organisierten und differenzierten Verwaltung schon zu Abd al-Maliks Zeit voraus. Die neuen Münzen erreichten jeden Einwohner der beherrschten Gebiete, die Verteilung der bildlosen neuen Münzen demonstriert den Machtanspruch der Kalifen. Die Ausgabe eigener Münzen erleichtert das Eintreiben von Steuern und somit die Finanzierung der immensen Bautätigkeit der Kalifen von Damaskus im Bilad al-Scham ebenso wie die Besoldung des stehenden Heeres, welches nach in Registern festgelegten Löhnen bar, in Dirham, bezahlt wurde.

Gold- und Silbermünzen der islamischen Herrscher waren schon im 8. Jahrhundert ein verbreitetes Zahlungsmittel. In großer Zahl finden sie sich in skandinavischen Hortfunden wie beispielsweise im schottischen Skaill Hort und Grabbeigaben der Wikingerzeit und zeugen von den weit reichenden Handelsbeziehungen der islamischen Welt.

Abbasiden (750–1258)

Die Dynastie der Abbasiden regierte von 749 bis 1258. Sie stammt von al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib, einem Onkel Mohammeds, ab und gehört also zur Sippe der Haschimiten. Sie erlangte im Zuge der Revolution des Abu Muslim die Macht. Zu Beginn ihrer Herrschaft eroberten sie die Mittelmeerinseln mitsamt den Balearen, und 827 Sizilien. Abu l-Abbas as-Saffah (gest.754) war der erste abbasidische Herrscher.

Im 9. und 10. Jahrhundert etablierten sich in einigen Provinzen erste islamische Lokaldynastien:

•  die arabischen Idrisiden (789–985) im westlichen Maghreb, dem heutigen Marokko,

•  die arabischen Aghlabiden (800–909) in Tunesien und Tripolitanien,

•  die türkischen Tuluniden (868–906) und Ichschididen (935–969) im Niltal (Ägypten),

•  die persischen Tahiriden (821–873) und Samaniden (873–999) in Nordostpersien und Transoxanien.

Die Grenzen des Reiches blieben dabei stabil, es kam jedoch immer wieder zu Konflikten mit Byzanz, so 910 um Zypern, 911 um Samos und 932 um Lemnos.

„Blütezeit des Islams“

As-Saffars Nachfolger al-Mansur (reg. 754–775) gründete die Stadt Bagdad und machte sie zum neuen Zentrum des islamischen Reichs. Mansurs Enkel Hārūn ar-Raschīd (reg. 786–809) ist der wohl bekannteste Herrscher der Abbasidendynastie, verewigt in den Märchen von Tausendundeine Nacht. Der Kalif Al-Ma’mun (813–833) und einige seiner Nachfolger förderten die theologische Richtung der Muʿtazila, die stark von der griechischen Philosophie beeinflusst war und Willensfreiheit und Rationalität in den Vordergrund ihrer Lehre stellte, sowie von der Erschaffenheit des Korans ausging. Intellektuelle wie der Philosoph al-Kindi (800–873), ar-Razi (864–930), der Rechtsgelehrte al-Farabi (870–950) und der Mediziner Avicenna (980–1037) sind Vertreter des islamischen Geisteslebens ihrer Zeit, die als Blütezeit des Islams bezeichnet wird.

Als Blütezeit des Islam (auch Goldenes Zeitalter des Islam genannt) wird in der populärwissenschaftlichen Literatur die unter den Abbasiden (750 n. Chr. – 1258 n. Chr.) entwickelte Zivilisation in den islamisch beherrschten Gebieten bezeichnet.

< Die Dynastie der Abbasiden  löste 750 die Umayyaden in der Regierung des Kalifats ab. Sie wurde wie die Umayyaden und später die Osmanen von fast allen Sunniten anerkannt. Der Name der Abbasiden geht zurück auf al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib, einen Onkel des Propheten Mohammed. Die Familie gehört zur Sippe der Haschimiten. Das Kalifat der Abbasiden in Bagdad wurde 1258 mit der Eroberung von Bagdad durch die Mongolen und der Hinrichtung des Kalifen al-Musta’sim beendet.

Die Dynastie der Abbasiden bestand durch Einsetzungen durch den mamlukischen Sultan Baibars fort. In der Folge existierte ein durch die Mamluken erhaltenes abbasidisches Ersatz-Kalifat in Kairo, welches die realpolitische Machtausübung an die Mamluken formal übertrug und unter Muslimen außerhalb des Herrschaftsgebietes nur noch geringere Anerkennung erhielt. Mit der Eroberung Kairos durch die Osmanen 1517 wurde die Dynastie der Abbasiden endgültig beendet. Nach mehreren Migrationsbewegungen leben Abbasiden heutzutage vorwiegend in Palästina. >

Ein Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Forschung entstand in wenigen Jahrzehnten in der im Jahr 762 gegründeten Stadt Bagdad. Es beerbte die wenige Kilometer entfernte im Jahr 637 von den Arabern eroberte persische Metropole Seleukia-Ktesiphon (= heute Irak).

Ebenfalls zu einem Zentrum des Wissens und der Literatur entwickelte sich die Region Chorasan in Zentralasien < im Gebiet der heutigen Staaten Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan>. Sie bildete später den Kern der iranischen Renaissance.

Auch das von den Mauren beherrschte Al-Andalus, insbesondere das Emirat von Córdoba/Kalifat von Córdoba und das spätere Emirat von Granada im Süden der Iberischen Halbinsel erreichten im Mittelalter eine Blüte an Kultur und Wissenschaft.

Die führende Stellung in den Wissenschaften ist noch heute an der arabischen Vorsilbe al- bei grundlegenden Fachbegriffen wie Algebra, Alchemie, Alkohol und Alkalien erkennbar. Die bekanntesten Wissenschaftler waren in folgenden Gebieten tätig:

Medizin

•  Hunayn ibn Ishaq, latinisiert Johannitius (809–874), christlich-arabischer Mediziner, Geschichtsschreiber, mit Übersetzungen des Aristoteles, Hippokrates und Galenos sowie durch bedeutende Bücher über die Einführung in die Medizin und Augenheilkunde bekannt geworden.

•  Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya al-Razi, latinisiert Rhazes (865–925), persischer Universalgelehrter, erkannte als einer der ersten den Unterschied zwischen Pocken und Masern und probte bereits mit Gipsverbänden zur Heilung von Knochenbrüchen. Sein medizinisches Werk blieb bis zum 17. Jahrhundert unangefochten bestehen.

•  Ibn Sina, latinisiert Avicenna (980–1037), der bekannteste Mediziner des Islam und Perser. Er übersetzte die Schriften des Aristoteles, Hippokrates und Galen. Außerdem verfasste er den Kanon der Medizin, welcher bis zum 17. Jahrhundert das wichtigste Buch über die Heilkunde darstellte.

•  Ibn an-Nafis (gestorben um 1288) entdeckte durch theoretische Überlegungen den kleinen Blutkreislauf. Als Lungenkreislauf oder kleiner Kreislauf wird der Teil des Blutkreislaufs bezeichnet, der das Blut vom Herzen zur Lunge bringt und wieder zurückführt.

Mathematik

Mit Girih-Kacheln bestehend aus fünf verschiedenen Fliesenformen, die gemeinsam aperiodisch wiederholte Muster formen, waren islamische Architekten der westlichen Welt um mehr als fünfhundert Jahre voraus: Die Ornamente einiger orientalischer Bauten weisen eine so genannte quasikristalline Geometrie auf.

Mit Girih-Kacheln bestehend aus fünf verschiedenen Fliesenformen, die gemeinsam aperiodisch wiederholte Muster formen, waren islamische Architekten der westlichen Welt um mehr als fünfhundert Jahre voraus: Die Ornamente einiger orientalischer Bauten weisen eine so genannte quasikristalline Geometrie auf.

Mit Girih-Kacheln (persisch گره Girih/Gereh) bezeichnet man einen Satz von 5 Fliesen, die zur Dekoration von Gebäuden im islamischen Kulturkreis verwendet wurden.

Die 5 Kachelformen sind:

•  das Zehneck (regulär, Winkel jeweils 144°),

•  das Fünfeck (regulär, Winkel jeweils 108°),

•  das Sechseck (irregulär und konvex mit Winkeln von 72° und 144°),

•  der Rhombus (Winkel von jeweils 72° und 108°)

•  und eine Fliege (irreguläres Sechseck mit Winkeln von jeweils 72° und 216°).

Die Bemusterung der Elemente ist so gestaltet, dass diese weitgehend beliebig anreihbar sind und ihre Winkel zueinander harmonieren. Beim Legen eines Musters ergeben sich in der Kombination dann Figuren wie Sterne, Vielecke und Ähnliches. Durch Adaption der initialen Linienmuster sind auch Kreisbogen- und blumenähnliche Flächendesigns möglich.

•  Durch die Verwendung der indischen Zahlschrift löste der persische Mathematiker al-Chwarizmi (780–846) eine Revolution der Rechenmethoden aus. Des Weiteren ist das Wort Algorithmus auf ihn zurückzuführen und in seinem Werk Hisab al-dschabr wa-l-muqabala erklärt er (wie am Titel zu erkennen) den für die damalige Mathematik erneuerten Rechenzweig Algebra.

Die indoarabischen Ziffern oder (indisch-)arabischen Ziffern sind die elementaren Zeichen einer Zahlschrift, in der Zahlen positionell auf der Grundlage eines Dezimalsystems mit neun aus der altindischen Brahmi-Schrift herzuleitenden Zahlzeichen und einem eigenen, oft als Kreis oder Punkt geschriebenen Zeichen für die Null dargestellt werden.

•  Bedeutende Entdeckungen im Bereich der Trigonometrie (Sinussatz, Tangentenregel) machte der persische Gelehrte Abu l-Wafa (940–998). Er übersetzte zudem Ptomemaios’ Hauptwerk Almagest ins Arabische.

•  Al-Biruni (973–1048) war einer der großen Universalgelehrten des Mittelalters.

•  Der persische Mathematiker, Astronom, Philosoph und Dichter Omar Chayyām (1048–1131) erfand unter anderem das Dreieck der Binomialkoeffizienten und beschrieb die Lösung kubischer Gleichungen (= Pascalsches Dreieck).

Astronomie

•  Der bedeutendste Astronom war Muhammad Ibn Dschubair al-Battani, latinisiert Albategnius oder Albatanius (858–929). Er überlieferte die Astronomie von Ptolemäus und bestimmte unter anderem die Schiefe der Ekliptik und die Tagundnachtgleiche.

•  Abd ar-Rahman as-Sufi (903–986) schrieb ein Buch über die bekannten Sternbilder mit Sternnamen und Helligkeiten.

•  Ibn Yunus (950–1009), der Hofastronom am Kalifenhof, stellte die „Hakimitischen Planetentafeln“ auf.

•  Abu Ali al-Hasan ibn al-Haitham, latinisiert Alhazen (965–1040), Astronom und Physiker, steuerte Werke über Optik und Planetenbewegungen bei, die bis Kepler maßgeblich waren. Er erkannte die Grundlagen des Sehvorganges, die Bedeutung der Linsenkrümmung und beschrieb das Prinzip der „Camera Obscura“.

•  Ali ibn Abi r-Ridschal, latinisiert Abenragel[4] (um 1040), verfasste das umfangreichste Lehrbuch des Mittelalters über Astrologie. Alfons X. ließ es ins Kastilische übersetzen.

•  Der Experimentalphysiker des Mittelalters war Abu l-Fath Abd ar-Rahman (al-Chazini) im 12. Jahrhundert. Er konstruierte unter anderem Wasseruhren, Quadranten, Zirkel und erstellte die „Sandjarische Tafeln“ zur Planetenbestimmung.

•  Muhammad Taragay (Ulugh Beg) (1394–1449), schuf als Herrscher in Samarkand, das größte Observatorium der damaligen Zeit. Sein Handbuch über die Astronomie wurde in der Genauigkeit erst von Brahe übertroffen.

Sternnamen wie Aldebaran, Algol, Altair, Rigel und andere sowie die Bezeichnung Zenit und Nadir kommen aus dem Arabischen.

Veranstaltung vom 13.11.2018

Nachfolge Mohammeds

Auf das Thema der Nachfolge Mohammeds ist nochmals zurückzukommen, da in dieser Frage der Ursprung der verhängnisvollen Spaltung in Sunniten und Schiiten liegt. Mohammed hatte die Frage nicht geregelt, so dass die Nachfolgebestimmung in der Zuständigkeit der moslemischen Führer lag. Einigkeit bestand im Hinblick auf das Wahlprinzip, auf die Zugehörigkeit zum Stamme Mohammeds, der Quraisch, und die Rechtgläubigkeit im Sinne des Propheten. Nach den vier ersten Kalifen wurde das Wahlprinzip aufgegeben und eine dynastische Erbfolge eingeführt. Von Anfang an bestand ein Dissenz in Bezug auf die Zugehörigkeit zur Familie Mohammeds.  Darin unterschieden sich die Sunniten und Schiiten.

Der Großteil der Muslime, die späteren Sunniten, zogen keine engen Grenzen. Die erste Kalifenwahl fiel auf Abu Bakr, den Schwiegervater von Mohammeds Lieblingsfrau Aischa, die dritte auf einen Schwiegersohn des Propheten. Der zweite Kalif, ʿUmar ibn al-Chattāb‘,  war lediglich ein Stammesverwandter, der sich vom erbitterten Gegner zum eifrigen Gefolgsmann entwickelte. Der vierte gewählte Kalif, Ali ibn Abi Talib, erhielt die Anerkennung einer Minderheit der Muslime, der späteren Schiiten. Es handelte sich um den Vetter und Schwiegersohn Mohammeds, den Ehemann der Tochter Fatima. Nach dem Tod Alis durch ein Attentat 661 gelangte sein Gegner aus der Sippe der Umayyaden und Verwandter Uthmans, der Statthalter Sysiens, Muawiya, an die Macht und begründete eine Erbdynastie, in der bis 750 14 Kalifen die Herrschaft innehatten. Die Familie der Umayyaden gehörte zur Zeit Mohammeds zu dessen größten Feinden. Die schiitische Hoffnung auf Stellung eines Kalifen scheiterte in der Schlacht von Kerbela (im Irak) 680, in der der Prophetenenkel Hussein fiel.  Für die Schiiten ist dies ein Ereignis von fundamentaler Bedeutung und wird jährlich in einer Gedenkfeier bedacht.

Auf die Umayyaden folgten die Abbasiden (750-1258), die gleichfalls zum sunnitischen Islam zählen, auch wenn die Abstammungslinie dieser Dynastien auf Al-Abas, den Vater eines Halbbruders von Mohammed zurückgeht. Die Familie besetzte traditionell ein Ehrenamt in der Kaaba. Schiiten in Kufa (Irak) verhalfen den Abbasiden zur Machtübernahme. Erster Kalif war Abul-Abbas as-Saffah.

Eroberungen des Islam auf Kosten des Byzantinischen Reiches: Syrien, Jordanien, Armenien, Ägypten, Maghreb.

Aus einem herrschenden Volk wurde ein unterworfenes Volk.

Neue Herrschaft, neue Religion, neue Normen.

Karte: Conquête … bis 750

Ausbreitung des Islams bis zum Jahr 750:

•  Ausbreitung unter Mohammed, 612–632

•  Ausbreitung unter den ersten drei Kalifen, 632–655

•  Ausbreitung unter dem Umayyaden-Kalifat 661–750

Arabisch-Byzantinische Kriege (632–718)

•  635: Eroberung Syriens;

•  636: Schlacht am Jarmuk im heutigen Jordanien;

•  639: Eroberung Armeniens und Ägyptens;

•  642–697/8: Eroberung des Maghreb;

•  674–678: Erste Belagerung von Konstantinopel;

•  717–718: Zweite Belagerung von Konstantinopel;

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts war das Byzantinische Reich somit auf Kleinasien, die Stadt Konstantinopel und einige Inseln und Küstenbereiche in Griechenland beschränkt.

Eroberung des Sasanidenreichs (zweites persisches Großreich 224-651, 1. Großreich 550-330 v.Chr.)

Nach dem Sieg gegen Byzanz in der Schlacht am Jarmuk 636 konnte ʿUmar Truppen in den Osten verlegen und die Offensive gegen die Sasaniden verstärken. Im Südirak kam es (wahrscheinlich 636) zur Schlacht von al-Qādisīya, die mit der Niederlage und dem Rückzug der sasanidischen Truppen endete. Die Hauptstadt Ktesiphon musste aufgegeben werden. 642 wurde das persische Heer in der Schlacht bei Nehawend erneut besiegt. Yazdegerd III. wurde im Zuge interner Machtkämpfe im Jahre 651 in Merw ermordet. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts befand sich ganz Chusistan unter arabischer Kontrolle.

1980 verwendete das irakische Regime Saddam Husseins die Schlacht von al-Qādisīya zur propagandistischen Unterstützung der Invasion Chusistans, die den Beginn des Iran-Irak-Krieges (1980–1988) markiert.

Expansion nach Indien

Schon 664, 32 Jahre nach Mohammeds Tod, stieß der Statthalter von Chorasan, al-Muhallab ibn Abi Sufra, bis nach Multan im heutigen Punjab vor. Die umayyadischen Heere erreichten 712 den Indus, weitere Eroberungen wurden vorerst mit der Niederlage Muhammad ibn al-Qasims in der Schlacht von Rajasthan im Jahr 738 aufgehalten. Gleichzeitig erweiterten sich Handelskontakte zwischen Arabern und Indern, wobei vor allem in den Hafenstädten der indischen Westküste Niederlassungen arabischer Händler entstanden. Bereits im Jahr 642 wurde in Kasaragod eine erste Moschee errichtet. Weniger friedlich gestalteten sich die Verhältnisse am oberen Indus, wo die muslimischen Machthaber in Persien immer wieder in Konflikte mit den Herrschern von Sindh gerieten, ohne dabei zunächst territoriale Gewinne zu erzielen.

Besondere Bedeutung erlangte die nach der im heutigen Afghanistan gelegenen Stadt Ghazna benannte turkstämmige Dynastie der Ghaznawiden. Sie wurde 977 gegründet und attackierte unter Mahmud von Ghazni (998–1030) in insgesamt 17 Feldzügen das Industal, wobei die bewegliche Kavallerie der Invasoren sich dem indischen Fußheer mit seinen Elefanten in der Schlacht überlegen zeigte, allerdings entstanden durch die klimatischen Bedingungen Indiens erhebliche Versorgungsprobleme besonders für die Pferde der Invasoren. Den Ghaznawiden gelang es so, sich im Punjab festzusetzen. Am Hof der Ghaznawiden stellte sich zugleich eine erste kulturelle Blüte ein; so wirkten dort der Dichter Firdausi und der Gelehrte und Arzt Al Biruni, der neben einer berühmten Arzneilehre auch ein Buch über die Geschichte Indiens (Kitab Tarich al-Hind) schrieb. Neben den kriegerischen Auseinandersetzungen lässt sich also bereits hier auch ein kultureller Austausch beobachten.

1186 stürzten die Ghuriden, im Jahr 1192 konnte Muhammad von Ghur eine Konföderation der indischen Rajputen unter Führung des Fürsten von Delhi, Prithviraj III. Chauhan in der Schlacht von Taraori besiegen. Muhammad zog daraufhin in Delhi ein. 1206 wurde er von seinem General Qutb-ud-Din Aibak ermordet, der damit das Sultanat von Delhi begründete.

Expansion nach Ostasien

Der Islam erreichte das maritime Südostasien im 7. Jahrhundert durch arabische Händler aus Jemen, die vor allem im westlichen Teil des heutigen Indonesien und auf Sri Lanka Handel trieben. Sufi-Missionare übersetzten Werke ihrer Literatur aus dem Arabischen und Persischen in die malaiische Sprache; hierzu wurde mit der Jawi-Schrift ein arabisches Schriftsystem entwickelt, in dem die malaiische Sprache geschrieben werden kann. 1292 besuchte Marco Polo auf seiner Rückreise per Schiff aus China Sumatra, und berichtete von dort, dass die überwiegende Zahl der Einwohner sich zum Islam bekehrt hätte.

1402 gründete Parameswara das Sultanat von Malakka. Von Malakka aus verbreitete sich der Islam weiter auf dem Malaiischen Archipel. 1511 eroberten die Portugiesen mit der Stadt Malakka den Regierungssitz, worauf das Sultanat zerfiel. Während Malakka 130 Jahre lang ein koloniales Zentrum der Portugiesen in Ostasien blieb, entstanden auf der Malaiischen Halbinsel verschiedene kleinere Sultanate, wie die Sultanate von Johor und Perak. 1641 eroberten die Niederländer das portugiesische Malakka. Es war der Beginn des Niedergangs des portugiesischen Kolonialreichs in Südostasien und der Aufstieg der Kolonie Niederländisch-Indien. 1824 fiel Malakka an die Engländer.

China

Handel bestand schon zwischen dem präislamischen Arabien und der Südküste Chinas; Verbindungen bestanden auch zwischen den zentralasiatischen Völkern und der islamischen Welt, nicht zuletzt über den alten Handelsweg der Seidenstraße. Spätestens zur Zeit der Tang-Dynastie, wenige Jahrzehnte nach der Hidschra, erreichten islamische Diplomaten auch China. Eine der ältesten Moscheen Chinas, die Huaisheng-Moschee, wurde schon im 7. Jahrhundert erbaut.

Umayyaden und Abbasiden

Umayyaden (Damaskus: 661–750, Córdoba –1031)

Die Umayyaden gehörten zum arabischen Stamm der Quraisch aus Mekka. Die Dynastie herrschte von 661 bis 750 n. Chr. als Kalifen von Damaskus aus und begründete die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den Sufyāniden, die sich auf Abū Sufyān ibn Harb zurückführen, und den ab 685 herrschenden Marwāniden, den Nachkommen von Marwān ibn al-Hakam.

Unter der Regierung der Umayyaden wurden die Grenzen des Reiches im Osten bis zum Indus und im Westen bis zur Iberischen Halbinsel vorgeschoben, wo die neue Provinz Al-Andalus entstand. Nach ihrer Vertreibung aus dem Maschrek durch die Abbasiden gründeten sie im Jahr 756 in al-Andalus das Emirat von Córdoba, wo sie bis 1031 herrschten, seit 929 auch wieder mit dem Titel eines Kalifen. Im Osten wurde im gleichen Jahr der Indus erreicht. Transoxanien mit den Städten Buchara und Samarkand und die Landschaft Choresmien südlich des Aralsees gerieten ebenfalls unter islamische Herrschaft.

Die Schlacht von Tours und Poitiers 732 wurde von europäischer Seite als „Rettung des Abendlandes vor dem Islam“ durch Karl Martell angesehen, war aber wohl eher ein Scharmützel zwischen fränkischen Truppen und einer kleineren muslimischen Truppe auf einem Raubzug (ghazwa) gegen Eudo von Aquitanien. Die Festungen Narbonne, Carcassonne und Nîmes und Teile der Provence blieben vorerst muslimisch.

Die ersten Jahrzehnte der Umayyadenherrschaft sind gekennzeichnet durch die aktive Aneignung und Umformung der antiken Kunst und Architektur, die die Eroberer in den neu angeeigneten Gebieten vorgefunden hatten. Anhand von Münzprägungen lässt sich das entstehende politische, wirtschaftliche und religiöse Selbstbewusstsein der islamischen Herrscher nachvollziehen.

In den ersten fünfzig Jahren der Islamischen Expansion verwendeten die islamischen Eroberer zunächst die vorhandenen Münzen der Kaiser Herakleios und seines Nachfolgers Konstans II. weiter. Münzen dieser beiden Kaiser wurden in fast allen syrischen Fundstätten aus dieser Zeit archäologisch nachgewiesen, und müssen in Byzanz geprägt worden und nach Syrien exportiert worden sein. Im spätantiken iranischen Sassanidenreich war dabei eine weitgehend monometallische Silberwährung verwendet worden, die Oströmer prägten Gold-, Bronze- und Kupfermünzen. In den früheren sassanidischen Provinzen wurden nach der arabischen Eroberung weiterhin silberne Drachmen und goldene Dinare mit den Porträts von Chosrau II. oder Yazdegerd III. auf dem Avers und einem Feuertempel auf dem Revers verwendet. Geändert wurde nur das Datum, hinzugesetzt wurde eine kurze fromme Legende, oft die Basmala, und der Name des Herrschers. Vereinzelt finden sich auch islamische Symbole oder Portraits muslimischer Herrscher.

Der Münzimport aus dem byzantinischen Reich kam etwa 655–658 zum Erliegen. Ab 696, dem Jahr der Münzreform des Umayyaden Abd al-Malik, wurde in seinem Herrschaftsbereich ein bimetallisches Währungssystem, bestehend aus Gold- (Dinar) und Silbermünzen (Dirham), verwendet. Bei dem 696 eingeführten Dinar handelt es sich um eine Goldmünze nach dem Vorbild des byzantinischen Solidus. Das Porträt des byzantinischen Kaisers wurde durch das Bild des Kalifen, später vollkommen durch anikonische, rein epigraphische Stücke ersetzt.

Die Prägung eigener, genormter Münzen setzt die Existenz einer gut organisierten und differenzierten Verwaltung schon zu Abd al-Maliks Zeit voraus. Die neuen Münzen erreichten jeden Einwohner der beherrschten Gebiete, die Verteilung der bildlosen neuen Münzen demonstriert den Machtanspruch der Kalifen. Die Ausgabe eigener Münzen erleichtert das Eintreiben von Steuern und somit die Finanzierung der immensen Bautätigkeit der Kalifen von Damaskus im Bilad al-Scham ebenso wie die Besoldung des stehenden Heeres, welches nach in Registern festgelegten Löhnen bar, in Dirham, bezahlt wurde.

Gold- und Silbermünzen der islamischen Herrscher waren schon im 8. Jahrhundert ein verbreitetes Zahlungsmittel. In großer Zahl finden sie sich in skandinavischen Hortfunden wie beispielsweise im schottischen Skaill Hort und Grabbeigaben der Wikingerzeit und zeugen von den weit reichenden Handelsbeziehungen der islamischen Welt.

Abbasiden (750–1258)

Die Dynastie der Abbasiden regierte von 749 bis 1258. Sie stammt von al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib, einem Onkel Mohammeds, ab und gehört also zur Sippe der Haschimiten. Sie erlangte im Zuge der Revolution des Abu Muslim die Macht. Zu Beginn ihrer Herrschaft eroberten sie die Mittelmeerinseln mitsamt den Balearen, und 827 Sizilien. Abu l-Abbas as-Saffah (gest.754) war der erste abbasidische Herrscher.

Im 9. und 10. Jahrhundert etablierten sich in einigen Provinzen erste islamische Lokaldynastien:

•  die arabischen Idrisiden (789–985) im westlichen Maghreb, dem heutigen Marokko,

•  die arabischen Aghlabiden (800–909) in Tunesien und Tripolitanien,

•  die türkischen Tuluniden (868–906) und Ichschididen (935–969) im Niltal (Ägypten),

•  die persischen Tahiriden (821–873) und Samaniden (873–999) in Nordostpersien und Transoxanien.

Die Grenzen des Reiches blieben dabei stabil, es kam jedoch immer wieder zu Konflikten mit Byzanz, so 910 um Zypern, 911 um Samos und 932 um Lemnos.

Das Bilderverbot im Islam (vor allem im sunnitischen Islam )ist das Ergebnis einer kontrovers geführten Diskussion über die Legitimität bildlicher Darstellungen von Menschen und Tieren sowohl im profanen als auch im religiösen Bereich.

Der Koran und bildliche Darstellungen

Der Koran enthält kein Bilderverbot. In einigen Koranversen wird Allah als der größte Bildner und Schöpfer dargestellt, als „der Schöpfer, Erschaffer und Gestalter“. In der islamischen theologischen Literatur werden Suren zitiert, die sich nicht gegen Bilder an sich, sondern gegen ihre Verehrung und damit gegen Polytheismus und Götzendienst richten. „Speziell im sakralen Bereich, d. h. in den Moscheebauten sowie in den Koranhandschriften, finden sich so gut wie gar keine Bilder von lebenden Wesen.“

Bilderfeindlichkeit und -verbot in der Hadith-Literatur: das sind die sechs sunnitischen kanonischen Sammlungen, die Aussprüche, Handlungen und Anweisungen des Propheten Mohammed enthalten, die in einer islamischen Gesellschaft als Sunna, als nachahmenswerte oder zu befolgende Normen verstanden werden. Somit sind sie nach dem Koran die zweite Quelle der islamischen Jurisprudenz

Der erste schriftlich überlieferte Beleg gegen bildliche Darstellungen ist erst in der Hadith-Literatur im späten 8. Jahrhundert nachweisbar. Als Umm Habiba und Umm Salama – zwei Ehefrauen Mohammeds – über die Māriya-Kirche Abessiniens und über die dortigen bildlichen Darstellungen dem Propheten kurz vor dessen Tod berichteten, soll er der Tradition zufolge geantwortet haben:

„Wenn unter denen ein frommer Mann stirbt, bauen sie über seinem Grab eine Gebetsstätte und bringen darin diese Bilder an. Solche Leute sind vor Gott am Tage der Auferstehung die schlechtesten Geschöpfe.“

Mit der Entstehung der kanonischen Hadith-Sammlungen, deren Verfasser zwischen 870 und 915 gestorben sind, kamen auch weitere Aussprüche Mohammeds in Umlauf, die seine persönliche Abneigung gegenüber bildlichen Darstellungen zum Ausdruck brachten. Auch in den vier Büchern der Schiiten lassen sich bilderfeindliche Überlieferungen finden. Eine genau beschriebene und geforderte Bestrafung für die Herstellung und Benutzung bildlicher Darstellungen im Diesseits ist allerdings auch nicht im Hadith überliefert; die nur im Jenseits angedrohte Höllenstrafe soll den Menschen von der Bilder- und Skulpturenherstellung und vom Besitz derselben abschrecken.

Historische Dokumentation

Die später belegbare Scheu vor bildlichen Darstellungen ist unter den ersten Umayyaden nicht dokumentiert; unter dem Kalifen Mu’awiya I. – regiert zwischen 661 und 680 – finden sich Herrscherporträts auf arabischen Münzen. Erst mit der Münzreform in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts setzt sich eine bilderfeindliche Haltung allmählich durch. Während die letzte umayyadische Münze – unter sassanidischem Einfluss – mit dem Bild des Kalifen Abd al-Malik aus dem Jahre 703 stammt, tragen die Münzen der Folgezeit nur noch arabische Inschriften.

Die bildliche Darstellung von Menschen erfolgte vor allem in zwei Phasen der islamischen Geschichte: Während die erste die Umayyaden- und frühe Abbasidenherrschaft zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert umfasst, begann die zweite unter den Fatimiden im 10./11. Jahrhundert und erreichte ihren Höhepunkt in der Buchmalerei des späten 12. und 13. Jahrhunderts im islamisch geprägten Mesopotamien.

Auf ‘Abd al-Malik geht auch die Initiative zum Bau des Felsendoms in Jerusalem zurück, der sich im Innenraum durch reichhaltige Rankelemente und Mosaiken nach byzantinischem Vorbild auszeichnet.

Der „Hischam-Palast“ bei Jericho, ein Wüstenpalast, der mit seinen großzügigen Darstellungen in Mosaiken und Skulpturen zu den schönsten Zeugen islamischer Baukunst aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts zählt. Viele der Skulpturen, der Kalif, halbnackte Frauen, Jagdszenen, allesamt unter byzantinischem – oder nabatäischem – Einfluss stehend, ferner Teile der Gebetsstätte sind heute im Rockefeller-Museum in Jerusalem ausgestellt. Ein weiteres Beispiel stellt Qusair ‘Amra mit seinen Fresken unbekleideter Frauen aus derselben Zeit dar. al-Hakam II. (gest. 976) ließ in Madinat az-zahra bei Córdoba einen mit menschlichen Figuren ausgeschmückten Brunnen aufstellen.

Auch im Innenraum der Ka’ba waren Skulpturen aufgestellt, die der im Jahr 736 verstorbene mekkanische Gelehrte ‘Ata’ ibn Abi Rabah noch selber gesehen hat: die Figuren Jesu und Marias sind erst im Jahre 692, während des Brandes der Ka’ba unter dem „Gegenkalifen“ Abdallah ibn az-Zubair, vernichtet worden.

Das Edikt des Umayyadenkalifen Yazid ibn ‘Abd al-Malik über die Zerstörung von Bildern in christlichen Kirchen auf seinem Staatsgebiet im Jahre 721 oder 722 ist im Zusammenhang mit den damals entfachten Byzantinischen Bilderstreit zu sehen.

Der byzantinische Bilderstreit war eine Zeit der leidenschaftlichen theologischen Debatte in der orthodox-katholischen Kirche und dem byzantinischen Kaiserhaus während des 8. und 9. Jahrhunderts, in der es um den richtigen Gebrauch und die Verehrung von Ikonen ging. Die beiden Parteien wurden in der späteren Betrachtung als Ikonoklasten (Ikonenzerstörer) und Ikonodulen (Ikonenverehrer) bezeichnet.

Die islamische Jurisprudenz

Da weder der Koran noch die Hadith-Literatur eindeutige Belege für ein Bilderverbot im Islam liefern, war die islamische Jurisprudenz (fiqh) gefordert, rechtsverbindliche Regelungen in dieser Frage zu treffen. Die islamischen Rechtsgelehrten vertreten über die bildliche Darstellung von Mensch und Tier drei, zum Teil kontroverse Ansichten:

•  Darstellungen sind nicht verboten, haram, soweit sie nicht als Gegenstände der religiösen Verehrung – neben dem einzigen Gott – dienen. Die Darstellung Gottes ist selbstverständlich tabu, die Beschreibung seiner Attribute und seines Wesens in theologischen Schriften ist nicht Gegenstand der Jurisprudenz.

•  Darstellung von Gegenständen, die „Schatten werfen“, also Skulpturen, ist verboten, Zeichnungen von denselben auf Papier, Wänden, in Textilien, sind nicht verboten, aber verwerflich (makruh). Sind Personen oder Tiere ohne Kopf, oder in anderer Hinsicht nicht vollständig dargestellt, aber werfen Schatten, so sind sie erlaubt. Das im Orient und in Nordafrika verbreitete Schattentheater ist somit islamrechtlich legalisiert, da die Figuren durchlöchert sind und somit keine „Seele“ (ruh) haben können.

•  die Darstellung von Lebewesen, Mensch und Tier, ist in jeder Hinsicht verboten.

Alle drei Richtungen können aus der Hadith-Literatur entsprechende, auf Mohammed zurückgeführte Aussagen als Argumentationsgrundlage für ihre Lehre anführen.

Mehrere Hadithe, sowohl Prophetensprüche als auch Aussagen der Prophetengefährten, setzen sich in diesem Zusammenhang mit dem Schachspiel schatrandsch auseinander. Das Verbot des Schachspiels ist begründet, weil dabei Figuren, die Schatten werfen, verwendet werden und weil das Spiel (lahw) an sich vom Gebet ablenkt. Dagegen wird das zur Zeit Saladins neu aufgekommene Schattenspiel geduldet, da die Figuren „durchlöchert“ (muṯaqqab) und somit keine Lebewesen sind.

< Unter dem Namen „Sultan Saladin“ wurde er zu einem Mythos der muslimischen Welt und vorbildhaften islamischen Herrscher. Er eroberte im Jahr 1187 Jerusalem; als erfolgreicher Gegenspieler der Kreuzfahrer wurde er oft verklärt und romantisiert>

Ein weiterer Gegenstand, dessen Darstellung im Islam verboten ist, ist das Kreuz, das Symbol der Christen. Es ist nicht nur das Symbol der Rum, der Byzantiner, der Feinde des Islam, sondern wird am Tage der Auferstehung von Isa bin Maryam selbst zerstört – so heißt es zumindest in mehreren auf den Propheten zurückgeführten Hadithen in den kanonischen Traditionssammlungen. Der Prophet soll, weiteren Traditionen zufolge, das Kreuz in seiner Umgebung und die Muster desselben aus Kleidungsstücken, wohl durch christliche Händler zu den Arabern gelangt, haben  entfernen lassen.

Die gleiche Geisteshaltung drückt man in einem bei Ahmad ibn Hanbal erhaltenen Hadith aus, in dem man Mohammed wie folgt sprechen lässt:

„Gott hat mich als Gnade und Rechtleitung an die Menschheit gesandt und befahl mir, die Blas- und Saiteninstrumente, die Idole, das Kreuz und die Dschahiliyya-Sitten zu zerstören.“

Schon in den ältesten Schriften der islamischen Jurisprudenz ist die öffentliche Aufstellung des Kreuzes durch die unter islamischer Herrschaft lebende nicht-muslimische Bevölkerung in den Siedlungsgebieten der Muslime schari’a-rechtlich untersagt.

Wie bildliche Darstellungen von Menschen, Tieren und Gegenständen, die „Schatten werfen“, darf der Muslim kein Kreuz herstellen, seine Herstellung nicht anordnen oder damit Handel treiben.

Generell lässt sich feststellen, dass die bildliche Darstellung in Kunst und Architektur desto stärker vermieden wird, je

•  näher das Bau- oder Kunstwerk dem religiösen Bereich steht (z. B. die Moschee und ihr Inventar),

•  glaubensstrenger das Umfeld (Auftraggeber, Künstler, Herrscher) ist, in dem ein Bau- oder Kunstwerk entsteht,

•  mehr Menschen der Bereich zugänglich ist, in dem sich ein Bau- oder Kunstwerk befindet.

Man kann davon ausgehen, „dass das Bilderverbot, das ja von Theologen überliefert, juristisch formuliert und innerhalb gewisser Grenzen auch überwacht wurde, vor allem in der sakralen Kunst beachtet worden ist: besonders natürlich in Moscheen, aber auch in anderen öffentlichen Bauten, weiter auf Grabsteinen und, was die Buchkunst angeht, in Koranhandschriften.“ Dies gilt allerdings mit Einschränkungen. In einem im Jahre 1930 in Istanbul aufgefundenen Koranexemplar sind mehrere Abbildungen erhalten. Der unbekannte Kopist, der das Buch 1816 anfertigte, war ein Schüler eines gewissen Dāmād ʿUṯmān ʿAfīf Zādeh († 1804). Die schwarz-weißen Zeichnungen sind dem Korantext später hinzugefügt worden und stellen Episoden aus dem Leben Mohammeds im Kreis seiner Gefährten dar.

Dass von einem absoluten Bilderverbot im Islam nicht die Rede sein kann, zeigen zahlreiche Beispiele in der islamischen Kunst: Repräsentative Räume, Paläste und Badeanlagen sind im profanen Bauwesen ohne bildliche Darstellungen genauso wenig vorstellbar wie in der erbaulichen Literatur (adab), z. B. in den Makamen von al-Hariri, oder im Fabelwerk Kalīla wa Dimna. In medizinischen und naturwissenschaftlichen Werken aus dem arabisch-islamischen Kulturraum ist die Darstellung lebender Wesen ebenfalls häufig.

Islamische Bilder Mohammeds

Der Prophet Mohammed (zu Pferde) unterwirft die Banu Nadir. Aus dem Dschami’ at-tawarich, 14. Jahrhundert.

Die Darstellung des Propheten wird im islamischen Kulturraum unterschiedlich bewertet. In Verbindung mit der großen Bedeutung des Wortes, gleichsam als Träger der Offenbarung, führt das Vermeiden bildlicher Darstellungen zu einer überragenden Rolle von Schrift (Kalligraphie) und Ornament in der islamischen Kunst. Dabei wird die Schrift häufig selbst zum Schmuck, oder Ornamente werden schriftähnlich gestaltet.

Bilder Mohammeds sind daher selten; sie finden sich hauptsächlich als Buchmalereien in persischen und ottomanischen Manuskripten. Bilder dieser Art traten zuerst ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts im Reich der zum Islam übergetretenen mongolischen Ilchane auf. Mohammeds Nachtreise war ein besonders beliebtes Motiv. Anfänglich zeigten die Bilder eine Darstellung von Mohammeds Gesicht, oft von einem Heiligenschein oder einer flammenden Aureole umgeben; ab dem 16. Jahrhundert wurde dazu übergegangen, sein Gesicht aus Pietät hinter einem Schleier zu verbergen oder Mohammed nur als Flamme darzustellen. Die Buchmalereien waren nicht Teil des öffentlichen Lebens, sondern dienten der privaten Erbauung von Herrschern und wohlhabenden Patronen, die diese Bilder für sich anfertigen ließen. Im Iran findet man dagegen heute populäre Bilder von Mohammed, die als Postkarten oder Poster verkauft werden.

Islamischer Ikonoklasmus

In der Geschichte fanden zahlreiche ikonoklastische Zerstörungen von Bildwerken anderer Kulturen und Religionen durch Muslime statt; ganz stark haben die buddhistischen, hinduistischen und jainistischen Stätten im Norden Indiens gelitten (siehe z. B. Quwwat-ul-Islam-Moschee in Delhi).

Philosophie

Ein arabisches Manuskript aus dem 13. Jahrhundert: Sokrates (Soqrāt) in Diskussion mit seinen Schülern

•  Ibn Ruschd, latinisiert Averroes, zählt neben al-Biruni zu einem der größten Universalgelehrten des Islam. Er verfasste eine medizinische Enzyklopädie und fast zu jedem Werk des Aristoteles einen Kommentar. In der christlichen Scholastik des Mittelalters, auf die er großen Einfluss ausübte, wurde er deshalb schlicht als „der Kommentator“ bezeichnet, so wie Aristoteles nur „der Philosoph“ genannt wurde.

•  al-Kindi, latinisiert Alkindus, ließ zahlreiche Werke von Aristoteles und anderen griechischen Philosophen durch Mitarbeiter, die zum Teil griechisch-christlicher Herkunft waren, übersetzen. Er gilt als erster großer Philosoph des Islam und war einer der Begründer einer mathematischen Denkweise in der Philosophie → Logik.

Einheit und Vielfalt der muslimischen Gesellschaft

Ein grundlegendes Kennzeichen der islamischen Gesellschaft war und ist die Spannung zwischen dem Ideal der Einheit des Glaubens und der Realität der kulturellen Vielfalt in der riesigen islamischen Welt. Seit der Zeit des Propheten und seiner unmittelbaren Nachfolger erreichte die religiöse Botschaft des Islams unterschiedliche Völker mit verschiedenen Traditionen. Es war und bleibt eine Herausforderung, auf dem Boden unterschiedlichster Traditionen allen gemeinsame Normen festzulegen und durchzusetzen. Dennoch war und ist diese Vielfalt eine Quelle bedeutender kultureller Vitalität.

Normenfindung

Der Koran und die in den Hadith überlieferten Aussprüche und Handlungen (Sunna) des Propheten bilden die Grundlage der islamischen Normenfindung (Fiqh). Weitere kanonische Quellen der Rechtsfindung sind der Konsens qualifizierter Gelehrter (Idschmāʿ) und der Analogieschluss (Qiyās). Auch einzelne Gelehrte (Mudschtahid) können aus eigenständigem Urteil heraus (Idschtihād) Normen setzen. Die islamische Rechtstheorie (Usūl al-fiqh) befasst sich mit den Quellen und methodischen Grundlagen der Normenfindung. Das hieraus entstandene Regelwerk für einen gottgefälligen Lebensweg, die Scharia, umfasst das als Einheit verstandene religiöse und säkulare Leben. Den sozialen Pflichten nicht nachzukommen, wiegt daher als Abfall vom Islam ebenso schwer wie die Leugnung der Einheit Gottes (Tauhīd) oder der Rechtmäßigkeit der Lehre des Propheten.

<Der Begriff Hadith (der Hadith, auch das Hadith; Erzählung, Bericht, Mitteilung, Überlieferung‘) bezeichnet die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des islamischen Propheten Mohammed sowie der Aussprüche und Handlungen Dritter, die dieser stillschweigend gebilligt haben soll. Der Singular Hadith wird für eine einzelne Überlieferung verwendet, aber auch für die Gesamtheit der Überlieferungen. Der Plural lautet im Deutschen Hadithe.

Die große Bedeutung der Hadithe im Islam ergibt sich daraus, dass die Handlungsweise (Sunna) des Propheten normativen Charakter besitzt und nach dem Koran die zweite Quelle der islamischen Normenlehre (Fiqh) darstellt. Die Hadithe gelten als das Mittel, über das sich die nachkommenden Generationen über diese Handlungsweise informieren können. Darum wird das Studium der Hadithe noch heute als einer der wichtigsten Zweige der islamischen religiösen Wissenschaften angesehen.>

Staatsbegriff

Im Gegensatz zum Christentum, das in den ersten Jahrhunderten seiner Existenz keine politische Macht besaß, verfügte der Islam schon in seiner frühesten Epoche über einheitliche politische und administrative Strukturen. Im Zuge ihrer schnellen Ausbreitung gewann die islamische Gemeinschaft unmittelbaren Zugang zu den Konzepten der antiken Philosophie und ihrer logischen Arbeitsweise und konnte auf bestehende administrative und wirtschaftliche Strukturen zurückgreifen. In einem langsamen Prozess entwickelte sich unter dem Einfluss der vorbestehenden präislamischen Kulturen die islamische Gesellschaft.

Erhalt und Durchsetzung der Scharia, Verteidigung der Umma gegen äußere Feinde sowie die Ausbreitung des Islams im „Heiligen Krieg“ (Dschihad) setzen politische Macht voraus. Politisches Handeln war demnach religiöse Pflichterfüllung. Der Verlust der religiösen Einheit des Islams machte eine detaillierte Ausarbeitung des islamischen Herrschaftsverständnisses notwendig. Seit dem 8. Jahrhundert entwickelten islamische Philosophen und Rechtsgelehrte wie Abu Nasr Muhammad al-Farabi (um 872–950) Theorien zum idealen Gemeinwesen. Im 10./11. Jahrhundert stellten der schafiitische Rechtsgelehrte Abū l-Hasan al-Māwardī (972–1058) sowie der aschʿaritische Gelehrte Abū l-Maʿālī ʿAbd al-Malik ibn ʿAbdallāh al-Dschuwainī (1028–1085) grundlegende Betrachtungen zum Staatsmodell des Kalifats (Imamat) vor. Der hanbalitische Gelehrte Ibn Taimīya (1263–1328) entwickelte den Gedanken, dass das Recht auf Aussagen des Korans und der Prophetenüberlieferung (Sunna) zu beruhen und ein Staat die Durchsetzung der Scharia zu garantieren habe.

Stadt- und Landbevölkerung

Der Historiker und Politiker Ibn Chaldūn (1332–1406) analysierte im 14. Jahrhundert die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Maghreb. In seinem Buch al-Muqaddima analysierte er ausführlich das Verhältnis von ländlich-beduinischem und städtisch-sesshaftem Leben, das einen für ihn zentralen sozialen Konflikt abbildet. Die Gesellschaft der arabisch-islamischen Welt des Mittelalters war in ihrer historischen Entwicklung von zwei sozialen Kontexten bestimmt, dem Nomadentum einerseits und dem städtischen Leben andererseits. Mit Hilfe des Konzepts der „ʿAsabīya“ (zu übersetzen als „innere Bindung, Sippenloyaliät, Solidarität“) erklärt er den Aufstieg und Fall von Zivilisationen, wobei der Glaube und die ʿAsabīya sich ergänzen können, wie zum Beispiel während der Herrschaft der Kalifen. Die Beduinen und andere nomadische Bewohner der Wüstenregionen (al-ʿumrān al-badawī) haben eine starke ʿAsabīya und sind fester im Glauben, während der innere Zusammenhalt der Stadtbewohner (al-ʿumrān al-hadarī) im Verlauf mehrerer Generationen immer mehr an Kraft verliert. Nach einer Spanne von mehreren Generationen ist die auf der ʿAsabīya gründende Macht der städtischen Dynastie derart geschrumpft, dass sie Opfer eines aggressiven Stammes vom Land mit stärkerer ʿAsabīya wird, der nach Eroberung und teilweiser Zerstörung der Städte eine neue Dynastie errichtet.

Ab dem 10. Jahrhundert prägte der Gegensatz zwischen den hochentwickelten dynastischen Erbmonarchien persischer Prägung und den nomadischen Traditionen der ab dieser Zeit in großer Zahl einwandernden Turkvölker mit ihren Prinzipien der Nachfolge gemäß der Seniorität und der Abhängigkeit des Herrschers in erster Linie von der Loyalität seines Stammes die politische Entwicklung der islamischen Welt. Unter den Seldschukenherrschern Alp Arslan (1063–1072) und seinem Nachfolger Malik Şâh (1072–1092), beide unterstützt durch ihren fähigen Großwesir Nizām al-Mulk gelang es, die beiden unterschiedlichen Traditionen in einem politischen System zu vereinigen.

Islamische Eliten

ʿUlamā’ – die Rechtsgelehrten

Koran und Hadith waren seit dem 9. (3. islamischen) Jahrhundert als Hauptquellen der göttlichen Ordnung allgemein anerkannt. Die Scharia kodifiziert die Leitlinien zur Frömmigkeit und religiösen Hingabe. Seit dem 9. Jahrhundert war auch ein Netzwerk von Gelehrten der Rechtswissenschaft (Fiqh) entstanden, die ʿUlamā’, deren Aufgabe es ist, die Einzelheiten der göttlichen Gebote auszulegen und durchzusetzen. Im Gegensatz zur zentralisierten Hierarchie der christlichen Kirche ist die Teilhabe an der ʿUlamā’ nicht an eine Ordination gebunden, und wurde nie von einer zentralen Institution geleitet und überwacht. Vielen Muslimen genügt die Kombination aus göttlicher Führung und Anleitung durch die ʿUlamā’ (Taqlid) als Grundlage ihres religiösen Lebens.

Sufis – die Mystiker

Manche Muslime entwickelten das Bedürfnis, das Göttliche noch auf eine andere Weise zu erfahren als durch Gesetz und Auslegung. Der Sufismus bietet einen emotionalen, leichter zugänglichen Weg zu religiösem Erleben und wird gelegentlich als bewusste Gegenbewegung gegen die rationalistischen Tendenzen der Rechtsgelehrsamkeit und der systematischen Theologie angesehen. Die Sufimeister (Scheichs, pir, baba) und ihre Schüler boten eine Ergänzung und teilweise auch eine Alternative zur Rechtsgelehrsamkeit der ʿUlamā’. In Nordindien im 11., Senegal im 16., und Kasachstan im 17. Jahrhundert waren es Sufi-Missionare, die der Bevölkerung den Islam nahebrachten, auch indem sie lokale Traditionen der „Volksfrömmigkeit“ unbefangener aufgriffen als die Rechtsgelehrten. Diese bekämpften teilweise die Lehren der Sufis, die Bewegung kam aber nie vollständig zum Erliegen. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fand der Sufismus wieder vermehrt Interesse, vor allem in der gebildeten Mittelklasse.

Veranstaltung vom 14.11.2018

Sunniten und Schiiten

Sunniten betrachten die Herrschaft von Menschen als legitim vor Gott, der orthodoxe Schiitismus kann sich dagegen keine menschliche Herrschaft auf der Erde vor Wiedererscheinen des Mahdi vorstellen. Gebrochen mit dieser Tradition hat Ajatollah Chomeini nach der Revolution von 1979, als er argumentierte, dass eine weltliche Herrschaft des obersten religiösen Juristen von Gott als legitim betrachtet wird, solange der Mahdi noch nicht wieder erschienen ist.

Grundlagen und Unterschiede der Mahdi-Lehre

Eine allgemeine Beschreibung des islamischen Mahdi-Glaubens bietet Ibn Chaldūn (gest. 1406) im 51. Abschnitt des dritten Kapitels seiner Muqaddima. Dort heißt es:

„Wisse, dass es unter der Allgemeinheit der Muslime in allen Zeiten bekannt war, dass am Ende der Zeiten ein Mann von den Ahl al-bait hervortreten muss, der die Religion stärken und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen wird. Die Muslime werden ihm folgen, und er wird von den islamischen Ländern Besitz ergreifen. Er wird der Mahdī genannt werden. Unmittelbar darauf werden das Hervortreten des Daddschāl und alle nachfolgenden Ereignisse geschehen, die nach dem gesunden Hadith Voraussetzung für das Eintreten der zweiten Stunde (sc. der Auferstehung) sind. Danach wird Jesus herabsteigen und den Daddschāl töten. Oder Jesus wird zusammen mit ihm (sc. dem Mahdi) herabsteigen, ihm bei der Tötung des Daddschāl helfen und hinter ihm beten.“

Als Grundlage für diese Vorstellung dienten verschiedene Hadithe, auf die Ibn Chaldūn ebenfalls näher eingeht. So wird in einem Hadith, den Abū Dāwūd as-Sidschistānī unter Berufung auf Abū Saʿīd al-Chudrī überliefert, Mohammed mit den Worten zitiert: „Der Mahdī ist von mir. Er hat eine kahle Stirn und eine Adlernase. Er wird die Welt mit Gerechtigkeit und Recht erfüllen, so wie sie vorher mit Ungerechtigkeit und Unrecht erfüllt war. Er wird sieben Jahre herrschen.“ In einer anderen Version des Hadith, die von Ibn Mādscha überliefert wird, lauten die Worte Mohammeds: „Es wird in meiner Umma den Mahdī geben. Wenn es kurz ist, wird er sieben Jahre herrschen, sonst neun. Meine Umma wird in dieser Zeit unerhörten Wohlstand erleben. Die Erde wird ihre Nahrung hervorbringen und nichts davon zurückhalten. Es wird haufenweise Geld geben. Ein Mann wird aufstehen und sagen: ‚O Mahdī, gib mir etwas.‘ Und er wird antworten: ‚Nimm einfach‘“

Einer verbreiteten Vorstellung nach, handelt es sich beim Mahdi um einen der Nachkommen von Fatima und ihren Ehemann Ali ibn Abi Talib, also einen Hasaniden oder einen Husainiden. Ibn Chaldūn meinte allerdings, dass der Mahdī unbedingt aus den hasanidischen oder husainidischen Beduinen hervorgehen müsse, die die Herrschaft über Mekka, Medina und den Hedschas innehatten, weil allein sie über genügend ʿAsabīya und Kampfgeist verfügten, um sich militärisch durchzusetzen.

Sunnitischer Islam

Im sunnitischen Islam gibt es keine kanonische Auffassung zum Mahdi und der Glaube an diesen variiert unter Sunniten und sunnitischen Gelehrten. Während einige Gelehrte wie Ibn Chaldūn die wenigen Andeutungen in den sunnitischen Hadithen für unauthentisch hielten und somit den Glauben an einen endzeitlichen Mahdi gänzlich verwarfen, arbeiteten andere Gelehrte wie Ibn Kathir, detaillierte Endzeit-Szenarien aus, in denen der Mahdi zusammen mit Jesus gegen den Daddschal (= falscher Messias, Antichrist) kämpfen. Eine andere Meinung schließt einen Mahdi als endzeitliche Erlöserfigur mit ein, verwirft allerdings die Vorstellung, es handle sich beim Mahdi um eine separate eigenständige Person. Stattdessen wird die Bezeichnung Mahdi als ein Titel aufgefasst, den Jesus, bei seiner Rückkehr erhält. Dieser Vorstellung nach vollführt Jesus die Aufgabe, die alternativ dem Mahdi zugeschrieben wird und richtet anschließend über die Menschheit.

Des Weiteren etablierte sich die Vorstellung des Mahdis im Volksglauben. Anders als die schiitische Vorstellung des Mahdis, lehnen alle sunnitischen Vorstellungen es ab, dass der Mahdi bereits als Mensch geboren wurde und im Verborgenen weilt.

Schiitischer Islam

Den Imamiten oder Zwölfer-Schiiten, der größten Gruppe der Schiiten gilt der Verborgene Imam als Mahdi. Dieser soll dereinst zurückkommen, wenn die Menschheit aus ärgster Not nach Erlösung ruft, und die Welt retten, denn er ist die messianische Gestalt. Bei den Imamiten steht der Mahdi nicht isoliert da. Es hat elf Generationen von Imamen gegeben, die nach mündlichen Überlieferungen alle schließlich von den Machthabern ihrer Zeit aus Staatsräson ermordet worden sind. Diesem Schicksal hat sich der 12. Imam, – der Mahdi, durch Flucht im Kindesalter entzogen. Daher ist Muhammad al-Mahdī der lebende Imam und lebt bis heute im Verborgenen weiter. Er soll anfänglich noch über vier Generationen hinweg (etwa 70 Jahre lang) mittels Botschaftern (hohen Gelehrten) schriftlich mit der Gemeinde Kontakt gehalten haben – diese Zeit nennen die Schiiten die „kleine Abwesenheit“ (al-ġaiba aṣ-ṣuġrā). Im Jahre 941 christlicher Zeitrechnung habe er auch diese Art der Kommunikation unterbrochen, ist aber stets über jeden seiner Anhänger im Bilde. Dies ist die Periode der „großen Abwesenheit“ (al-ġaiba al-kubrā), die solange andauern soll, bis Gott sein Wiedererscheinen befehlen wird. Die Schiiten warten daher sehnsüchtig auf seine Wiederkunft. Folgerichtig bezeichnet die Verfassung des schiitischen Iran von 1979 daher auch den Zwölften Imam als eigentliches Staatsoberhaupt. Der Klerus herrscht nach dieser Auffassung nur in seiner Stellvertretung bis zu dessen Wiederkehr aus der Verborgenheit (das nennt man Wilayate-Faqih).

Ahmadiyya-Gemeinde

Die Ahmadiyya setzt den erwarteten Mahdi mit Jesus gleich, während Schiiten und zum Teil Sunniten dies ablehnen und sich auf anders lautende Überlieferungen beziehen. Während viele islamische Gruppen einen Mahdi erwarten, der politisch oder kriegerisch agiert, glauben Ahmadi-Muslime, dass der Mahdi einen spirituellen und intellektuellen Dschihad führen wird.

Interpretationen in mystischen Auslegungen

Einigen mystischen Vorstellungen nach, wird der Mahdi als die eigene Rechtleitung zum Besiegen des inneren Daddschāls bezeichnet. Also jene Erkenntnisse, sich nicht als Körper, sondern als Bewusstsein in einem Körper, zu betrachten und so zur Fana führen oder Gedanken und Taten, die die Illusion des Ichs aufheben.

Spaltung des Islams

Dieses Schisma dreht sich um die Frage, wer hat das Recht, die Gemeinde zu führen. Die Antworten von Sunniten und Schiiten sind da konträr: Die Sunniten argumentieren realpolitisch, Allah habe denjenigen ausgesucht, der sich tatsächlich durchgesetzt hat. Denn der habe gezeigt, dass er die Gemeinde führen kann.

Die Schiiten hingegen akzeptieren als Führer der Gemeinde nur einen Nachkommen von Ali, dem Schwiegersohn von Mohammed, dem vierten Kalifen. Denn der trage das göttliche Licht in sich.

Und die Schlacht in Kerbela im Jahr 680 im heutigen Südirak hat die Entscheidung gebracht, der Sunnit Yazid hat Hussein, den Sohn des Ali besiegt und die Schiiten sagen, dass seither nur Usurpatoren über die Welt geherrscht hätten. Es gebe keine Gerechtigkeit mehr. Um Gerechtigkeit herzustellen, müssten diese Usurpatoren gestürzt werden.

Und das führt zu unterschiedlichen politischen Ordnungsvorstellungen: Sunniten sind eher konservativ, verteidigen den Status quo, Schiiten waren in der ganzen Geschichte eher die Sozialrevolutionäre, die Kommunisten und seit 1979 haben sie die Chance, seit der iranischen Revolution, sich für Kerbela zu rächen und durch den Revolutionsexport in die sunnitisch-arabische Welt einzudringen.

Und das ist die große Spaltung im Islam. Und sie befeuert den machtpolitischen Konflikt, den wir zwischen der arabischen Welt und dem schiitischen Iran haben.

Wie könnte eine Versöhnung zwischen Sunniten und Schiiten aussehen? Was müsste dafür passieren?

Eine Versöhnung kann nur von Theologen eingeleitet werden. Denn diese unterschiedlichen politischen Ordnungsvorstellungen sind nicht aus der Welt zu räumen, ohne dass es eine theologische Annäherung gibt. Es gibt große theologische Unterschiede: Beispielsweise akzeptieren die Schiiten nicht die ersten drei Kalifen, die ersten drei Nachfolger von Mohammed, sie akzeptieren erst den vierten. Sie akzeptieren damit nicht die vielen Überlieferungen der Worte und Taten von Mohammed, die über diese Kalifen gegangen sind.

Ein anderer Punkt ist, dass (der iranische Ajatollah, d. Red.) Chomeini 1979 das Herrschaftspostulat des bestqualifizierten Rechtsgelehrten, Velayat-e faqih, durchgesetzt hat und gesagt hat, das sei bi-amrillah, das sei im Auftrag Gottes. Erst wenn die schiitischen Theologen diese Dinge zurücknehmen, kommt es zu einer Annäherung. Dann wäre der Grundstein gelegt dafür, dass der politische Konflikt beigelegt werden kann.

Denn die sunnitischen Araber sehen heute das Eindringen Irans als eine existenzielle Herausforderung. Die arabische Welt war seit Saladin, seit dem 12. Jahrhundert, sunnitisch und jetzt seit 1979 drängen schiitische Iraner ein. Und sie sehen das als eine existenzielle Gefahr für das Arabertum und den sunnitischen Islam.

Aber um das beizulegen, Sie haben völlig Recht, muss zunächst ein Dialog geführt werden zwischen sunnitischen und schiitischen Theologen. Ich war mehrfach bei solchen Versuchen dabei: Die sind nie in Harmonie geendet.

Herrscher

Eine dritte Strömung des islamischen Selbstverständnisses stellt neben ʿUlamā’ und Sufis der „herrscherliche“ Islam der islamischen Monarchen dar. Mit dem Verlust der politischen Einheit am Ende der Abbasidenherrschaft und der Zerstörung Bagdads im Mongolensturm des 13. Jahrhunderts verlor das Kalifenamt seine ursprüngliche Bedeutung. Die Staatsform des Sultanats brachte die politische Macht in die Hände von Herrschern, die ihre Macht auf Militär und Administration stützten, und deren erstes Ziel der Erhalt ihrer Monarchie („mulk“) war. Vom Sultan erlassene Gesetze waren vom Staatsinteresse geleitet und wurden von der politischen Elite durchgesetzt. Formal wurde der Sultan, nachdem er die Herrschaft ererbt oder an sich gerissen hatte, vom Kalif eingesetzt und in der Zeremonie der Baiʿa anerkannt. Die ursprünglich umfassende Gesellschaftsordnung der Scharia wandelte sich eher zu einem negativen Prinzip, einer Ordnung, die der Herrscher nicht übertreten sollte. In den Augen der ʿUlamā’ bestand die Aufgabe des säkularen Herrschers darin, die Gesellschaft nach innen und außen so abzusichern, dass die Scharia durchgesetzt werden und die Gemeinde gedeihen konnte. Der Monarch garantierte den Bestand der ʿUlamā’ und errichtete und förderte die Hochschulen. Um seine Interessen auch gegen die ʿUlamā’ durchsetzen zu können, ernannten die Herrscher Muftis, deren Aufgabe es war, Rechtsgutachten (Fatwa) zu erstellen. Dennoch stellte sich die Frage, ob ein säkularer Monarch legitimes Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft sein konnte.

Nach al-Māwardī hatte der Kalif das Recht, die militärische Macht an einen Feldherrn („amir“) in den Außenbereichen seines Territoriums zu delegieren, sowie durch Stellvertreter („wasir“) im Inneren zu regieren. Zweihundert Jahre später definierte al-Ghazālī die Rolle des Imam als – nach sunnitischem Verständnis – legitimen Machthaber der Umma, der die reale Macht an den Monarchen delegiert und die Gläubigen auffordert, Gehorsam zu leisten und so die Einheit der Umma zu erhalten. Im Gedankengut al-Ghazālīs finden Elemente der klassisch-griechischen Philosophie, besonders aus Platons „Politik“ und der Ethik des Aristoteles mit dem altpersischen Herrscherbegriff des Großkönigs Eingang in die islamische Gesellschaftsphilosophie. In seinem Werk „Siyāsatnāma“ beschreibt Nizām al-Mulk, der persische Großwesir der Seldschukensultane Alp Arslan und Malik Schāh nach Art eines Fürstenspiegels den neuen Herrschaftsbegriff.

Ein islamischer Monarch verfügte aufgrund der ihm zufließenden Steuern aus Zakāt und Dschizya über erhebliche Ressourcen, die es ihm erlaubten, Hofmanufakturen zu unterhalten, die die Kultur und Kunst ihrer Zeit prägten. Aus der Sichtweise des herrscherlichen Islam dienten erfolgreiche Kriege, repräsentative Kunst, prächtige Architektur und Literatur letztlich der Darstellung der Vorrangstellung des Islams. In dieser Rolle schufen islamische Herrscher einige der bemerkenswertesten Errungenschaften der vormodernen islamischen Zivilisation.

Autoritätskonflikte zwischen den Eliten

Die Frage, inwieweit von der Zeit der Umayyaden (661–750) an von einer Trennung der politischen und religiösen Autorität auszugehen ist, wird kontrovers diskutiert. Eindeutig führte jedoch die fehlende, etwa der christlichen Kirche vergleichbare zentrale Leitung zu einer ausgeprägten und zeitweise lähmenden Vielfalt in religiösen und rechtlichen Fragen. Deutlich wird, dass die Institution der ʿUlamā’ sich vor Übergriffen des Herrschers auf ihre Autorität in der Rechtsprechung bewahren musste. Die einerseits dem Ideal der religiösen Einstimmigkeit widersprechende Pluralität der ʿUlamā’ schützte diese andererseits vor der direkten Einflussnahme des Staats. Die unscharfe Trennung von politischer und religiöser Rechtsgewalt basiert auf der nie grundsätzlich in Frage gestellten Idee, dass Mohammed und seine Nachfolger die politische Ordnung abschließend festgelegt hätten. Dies unterscheidet die politische Ordnung islamischer Gesellschaften von der Entwicklung in Europa, wo mit dem Aufkommen der Idee der Gewaltenteilung, formuliert von John Locke, letztlich eine Trennung der politischen und religiösen Verantwortlichkeit und die Unabhängigkeit der Rechtsprechung erreicht wurde.

Die Spannung zwischen dem charismatischen Ideal der Einheit von Religion und Staat und der Erfahrung der alltäglichen politischen Realität bildet eine in der islamischen Kultur latente Quelle für dynamische Reformen, aber auch für Rebellion und Krieg im Namen der Einheit des Islams. Das moderne politische Denken in Teilen der islamischen Welt hat diese Spannung aufgegriffen und teilweise bis zu terroristischer Gewalt übersteigert.

Dhimmi – Christen und Juden

Vor allem während der Frühzeit der arabischen Expansion herrschte eine muslimische Minderheit über eine Bevölkerung, die mehrheitlich christlichen Glaubens war. Gleichzeitig bestanden in den nun islamisch beherrschten Gebieten seit Alters her bedeutende jüdische Gemeinden. Christliche Autoren brachten die Eroberung der christlichen Gebiete teilweise mit der nahe erwarteten Apokalypse in Verbindung. Weite Teile der eroberten Gebiete blieben zunächst noch christlich bzw. zoroastrisch. Ein nestorianischer Bischofs schreibt: „Diese Araber, denen Gott in unseren Tagen die Herrschaft gegeben hat, sind auch unsere Herren geworden; sie bekämpfen jedoch nicht die christliche Religion. Vielmehr schützen sie unseren Glauben, achten unsere Priester und Heiligen und machen Zuwendungen an unsere Kirchen und unsere Klöster.“

Seit dem späten 7. Jahrhundert stieg mit dem Erstarken des Selbstbewußtseins der muslimischen Herrscher der Assimilationsdruck auf die christliche Bevölkerung. Es kam zu Diskriminierungen, dem Ausschluss von Nichtmuslimen aus der Verwaltung, zur Einmischung in innerchristliche Angelegenheiten und zur Konfiszierung von Kirchengütern sowie einzelnen Übergriffen auf Kirchen.

In der islamischen Rechtstradition der Dhimma werden Monotheisten wie Juden oder Christen als „Dhimmi“ mit eingeschränktem Rechtsstatus geduldet und staatlicherseits geschützt. Demnach hatten Dhimmi Anspruch auf den Schutz des Sultans und auf die freie Ausübung ihrer Religion, wofür sie eine besondere Steuer zu entrichten hatten, die „Dschizya“, da sie nicht der nur für Muslime geltenden Zakāt unterworfen werden konnten.

Polytheistische Religionen

Die religiöse Rechtsprechung zählt „heidnische“, polytheistische Religionen in nicht islamisch beherrschten Ländern zum Dār al-Harb und regelt die Bedingungen, unter denen ein Dschihad geführt werden kann. Diesem Ideal stand häufig die politische Realität entgegen: Insbesondere in der Anfangszeit stand die herrschende islamische Minderheit in den neu eroberten Gebieten einer nicht-islamischen Mehrheit gegenüber.

In der Situation des Sultanats von Delhi wird der Umgang mit dem Problem beispielhaft deutlich. Einerseits äußert sich Amir Chosrau in seinen Werken häufig abwertend über Hindus, andererseits mussten Muslime in Alltag und Handel friedlich mit Anhängern polytheistischer Religionen (“Muschrikūn”) wie beispielsweise Hindus und Jains umgehen. Von Muhammad bin Tughluq ist überliefert, dass er als Herrscher gute Beziehungen zu seinen hinduistischen Untertanen unterhielt und sich auf ihren Festen zeigte. Jackson sieht die Zerstörung hinduistischer Tempel durch muslimische Herrscher und den Einbau von Spolien aus den Tempelbauten in Moscheen wie beispielsweise im Qutb Minar in Delhi eher in der Tradition hinduistischer Herrscher, die durch die Zerstörung der Tempelbauten ihrer Rivalen deren Herrschaft weiter schwächen wollten. Es ist aber auch überliefert, dass die Sultane von Delhi ihren Schutz auch auf Hindu- und Jaintempel ausdehnten. Spätestens zu Zeiten Firuz Schah Tughluqs im 14. Jahrhundert ist dokumentiert, dass einige Hindu-Untertanen eine der Dschizya vergleichbare Kopfsteuer entrichteten.

Verwaltung und Lage der unterworfenen Bewohner im Islam

Administrative Maßnahmen der Araber in den eroberten Gebieten

In Syrien teilten die Araber das Land nach byzantinischem Vorbild in vier Verwaltungsregionen auf. Es wurden auch ehemalige Verwaltungsbeamte übernommen, was zur Folge hatte, dass Griechisch (in den ehemaligen oströmischen Gebieten) und Persisch (im ehemaligen Sassanidenreich) als Verwaltungssprache weiterhin benutzt wurden. Die griechische Verwaltung wurde von Damaskus aus geregelt, die persischsprachige von Kufa (zentral in Irak gelegen) aus; erst in der Regierungszeit Abd al-Maliks wurden beide Sprachen in der Verwaltung durch das Arabische ersetzt und zurückgedrängt. <Er regierte von 685 bis 705. Im Jahre 692 errichtete er den Felsendom in Jerusalem.> Dieser Prozess verlief allerdings offenbar recht langsam, denn noch im frühen 8. Jahrhundert war die amtliche Korrespondenz des ägyptischen Statthalters Korrah ben Sharik auch in griechischer Sprache verfasst, wie erhaltene Papyri belegen.

Des Weiteren benutzten die Araber zunächst die im Umlauf befindlichen byzantinischen und sassanidischen Münzen, die oft nur leicht verändert nachgeprägt wurden, bis sie selbst neue Münzen prägten, die keine Bilder mehr aufwiesen. Die Araber gründeten auch neue Städte <Kufa, Basra (100 kam vom Persischen Golf entfernt), Fustat (Stadt am Nil, Ruinen im Süden von Kairo), Kairouan (150 km südwestlich von Tunis, Fès (älteste der vier Königsstädte Marokkos>, die zunächst als Militärlager dienten, aber schließlich die Funktion von Verwaltungs- und Kulturzentren übernahmen. So wurde die arabische Verwaltung für Ägypten zunächst von Fustat aus organisiert, worüber erhaltene Papyri informieren.

Offenbar änderten die Araber relativ wenig an den bestehenden Verwaltungssystemen, die ohnehin effektiv gearbeitet hatten. Zunächst war der neue Großstaat aber relativ locker aufgebaut, wobei die Gouverneure weitgehend freie Hand hatten. Erst Muawiya I., der eigentliche Organisator des Kalifenreiches, schuf eine straffere Zentralverwaltung. Dabei waren in den ehemals oströmischen/byzantinischen Gebieten zunächst immer noch überwiegend Christen tätig, wie etwa Sarjun ibn Mansur, der unter Muawiya für die Finanzen zuständig war.

<Sarjun (Sargun) ibn Mansur war ein hoher christlicher Beamter am Hof der Umayyaden. Er stammte aus einer angesehenen syrischen Familie und war offenbar Christ. Nach den Eroberungen ab Mitte des 7. Jahrhunderts waren die Araber auf die effektiv arbeitende Administration in den ehemaligen byzantinischen Gebieten dringend angewiesen, wo die Mehrheit der Bevölkerung noch lange christlich war; aus diesem Grund stützten sich die Kalifen zunächst auf die entsprechend qualifizierten Beamten. Sarjun genoss das Vertrauen Muʿāwiyas, als dessen Sekretär (katib) und wohl oberster Finanzbeamter er fungierte. Ebenso diente er Yazid I., mit dem er schon lange bekannt war, da er zusammen mit dem bekannten umayyadischen Hofpoeten al-Akhtal (der ebenfalls Christ war) Tischgenosse des späteren Kalifen war. Er hatte offenbar beachtlichen Einfluss am Kalifenhof und setzte sich für Belange der christlichen Bevölkerung im Kalifenreich ein. So war er daran beteiligt, Abd al-Malik davon abzuhalten, Teile der Säulen aus Gethsemane für ein islamisches Heiligtum zu nutzen.

Sarjuns Familie war offenbar sehr wohlhabend, er selbst verfügte unter anderem in Syrien, Palästina und Arabien über Besitzungen. Sein Sohn wurde später als Johannes von Damaskus bekannt. Ihn ließ Sarjun ebenfalls christlich erziehen und auch Johannes diente einige Zeit als hochrangiger Sekretär dem Kalifen. Um 700 verloren jedoch viele christliche Beamte ihre zuvor einflussreichen Posten im Kalifenreich, als anscheinend neue Regelungen dafür Personen muslimischen Glaubens vorschrieben, wenngleich dies nicht immer konsequent umgesetzt wurde.>

Die Islamisierung bzw. Arabisierung der eroberten Gebiete zog sich über einen längeren Zeitraum hin und machte anfangs nur langsam Fortschritte. Dazu trug bei, dass erst in der Abbasidenzeit die Aufstiegsmöglichkeiten für nicht-arabische Muslime zunahmen.

Lage anderer Religionen unter muslimischer Herrschaft

Nach damaliger Auslegung des islamischen Gesetzes, der Scharia, waren die muslimischen Herrscher dazu verpflichtet, die Gegenwart anderer Buchreligionen – also Christen, Juden und in Persien auch die mit den im Koran in Sure 22:17 erwähnten Sabäern identifizierten Zoroastrier – zu tolerieren, anders als Polytheisten. Sie durften ihren Glauben behalten, in kleinen Gemeinschaften ausleben und nicht dazu gezwungen werden, diesen aufzugeben.

Die christlichen Kirchen in Ägypten, Syrien und Mesopotamien behielten noch längere Zeit ihre Bedeutung und die Mehrheit der Bevölkerung unter arabischer Herrschaft blieb noch lange christlich. Einige Christen arbeiteten zunächst weiterhin in der Verwaltung des Kalifenreichs, andere waren am Kalifenhof als Gelehrte tätig, wie z. B. Mitte des 8. Jahrhunderts Theophilos von Edessa.

< Theophilos von Edessa (* 695; † Mitte Juli 785) war am Hof des Kalifen al-Mahdi in Bagdad als Hofastrologe und bedeutender Gelehrter tätig. Er war vielfältig gebildet und verfügte über gute Kenntnisse der griechischen Literatur. Er war anscheinend mit einigen persischen und vielleicht auch indischen astrologischen Schriften vertraut. Theophilos schrieb zahlreiche Werke, unter anderem Übersetzungen griechischer Schriften ins Syrische, astrologische Abhandlungen und eine Chronik, die bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts reichte. Seine Tätigkeit deutet auf das lebendige intellektuelle Milieu syrischer Christen auch unter der islamischen Herrschaft hin. Seine Werke wurden von mehreren späteren Autoren herangezogen, doch sind sie nicht vollständig erhalten.>

Die arabische Herrschaft stieß nach Abschluss der Eroberung zunächst anscheinend auf keinen nennenswerten Widerstand, zumal die Araber die alte Verwaltungsordnung nutzten und sich so gesehen zunächst relativ wenig änderte.

Im Koran wird strikt zwischen den Muslimen und Andersgläubigen unterschieden, so dass Christen und Juden zwar ein Teil-Glauben zugestanden, ihnen aber auch ein Teil-Unglauben unterstellt und der Absolutheitsanspruch beider Religionen bestritten wird, da der Islam der einzig wahre Glauben sei. Die Zoroastrier stellten einen Sonderfall dar und gehörten streng genommen keiner Offenbarungsreligion an. Nach einigem Zögern wurden sie aber von muslimischen Religionsgelehrten miteinbezogen und mit den Sabäern betrachtet und demnach nicht als Götzenverehrer betrachtet, die zwangsbekehrt werden sollten. Die Überlieferung zeigt zudem, dass muslimische Autoren (später vor allem solche persischer Abstammung) ein recht großes Interesse am Zoroastrismus hatten und iranische Elemente teils die frühe arabisch-islamische Literatur beeinflusst haben.

Exkurs Zoroastrismus:

Der Zoroastrismus bzw. Zarathustrismus (auch: Mazdaismus oder Parsismus) ist eine Religion mit heute etwa 120.000–150.000 Anhängern, die vermutlich in Baktrien im östlichen iranischen Hochland entstand und sich etwa im 7. bis 4. Jahrhundert v. Chr. im iranischen Kulturraum (in Persien und im zentralasiatischen Raum) ausgebreitet hat. Ihr Stifter war Zarathustra, über dessen Datierung in der Forschung bis heute Uneinigkeit herrscht (zwischen 1800 und 600 v. Chr.). Die Anhänger des Zoroastrismus werden Zoroastrier oder Zarathustrier genannt. Größere Gemeinden leben in Indien, Iran und den USA. Die Anhängerschaft im heutigen Indien und Pakistan bezeichnet man auch als Parsen.

Im Zentrum des auf Zarathustra zurückgeführten Glaubens, der auf ältere iranische Kulte zurückgeht, steht der Schöpfergott Ahura Mazda/Ohrmazd (daher manchmal auch „Mazdaismus“). Er wird begleitet von unsterblichen Heiligen (Amescha Spenta) sowie von seinem Widersacher, dem bösen Dämon Angra Mainyu (Ahriman).

Obwohl die Zoroastrier mehrere Gottheiten (z. B. Anahita oder Mithra) kennen, die Ahura Mazda unterstützen, ist die Religion grundsätzlich monotheistisch und vom Dualismus zwischen Ahura Mazda und Ahriman geprägt: „Und im Anbeginn waren diese beiden Geister, die Zwillinge, die nach ihrem eigenen Worte das Gute und das Böse im Denken, Reden und Tun heißen. Zwischen ihnen haben die Guthandelnden richtig gewählt.“ Das Ringen zwischen Gut und Böse findet im Menschen seinen Ausdruck zwischen den guten (Vohu Mano) und schlechten Gedanken (Ahem Nano).

Der religiöse Glaube des Zoroastrismus bewertet die Schöpfung des Gottes Ahura Mazda als gut. Ist doch die Welt von Gott in ihrem Gutsein erschaffen worden, in dieser Welt aber ringt das Gutsein beständig, in einem immerwährenden Kampf, zwischen den guten (Ahura Mazda) und den bösen (Angra Mainyu) Mächten. Zur guten Schöpfung Ahura Mazdas gehören unter anderem Tiere, Menschen, Pflanzen, Feuer, Wasser, Erde und Metall.

Die Welt teilt sich nach zoroastrischer Vorstellung in ein Reich des Lichtes, in dem auf alle Ewigkeit Ahura Mazda (Ohrmazd), der Herr der Weisheit wohnt, und einen Abgrund der Finsternis, der seinen Widersacher Angra Mainyu (Ahriman), die Macht der Negation, der Zerstörung und des Todes verbirgt. Zwischen dem Herrn des Lichtes und jenem der Finsternis tobt dieser Kampf, dessen Schauplatz die Erde ist. Ein Kampf, der so lange andauert bis Ahura Mazda die dämonischen Gegenmächte in ihren Abgrund zurückgestoßen haben wird.

Ahura Mazda schuf den Menschen oder besser jene Menschen, die auf Erden zugänglich sind für die Wesen des Lichts. Die Wesen des Lichts sind die heiligen Unsterblichen, neben Ahura Mazda sind dies sechs Erzengel als Schöpfer verschiedener Bereiche:

Drei männliche Erzengel. Diese schufen als

•  (Vohu) Manah, „(guter) Sinn“, das gesamte Tierreich,

•  Arta (Vahishta), „(beste) Wahrheit“, das Feuer und die Wärme,

•  Xshathra (Vairya), „(begehrenswerte) Herrschaft“, das Reich der Metalle.

Drei weibliche Erzengel. Diese schufen als

•  (Spenta) Armaiti, „(heilige) Ergebenheit“, die Erde und die Frau,

•  Haarvatat, „Unversehrtheit“, das Reich des Wassers,

•  Amertat, „Unsterblichkeit“, die Pflanzenwelt.

In diesen von ihnen geschaffenen Bereichen kann der (empfängliche) Mensch den Mächten des Lichtes begegnen, und an ihrem Werk der Erlösung mitwirken. Der einzelne Mensch steht somit in einer individuellen Verantwortung und in einer existenziellen Entscheidungssituation, für oder gegen das Reich Ahura Mazdas einzustehen.

Bei Zarathustra erscheint der Herr der Weisheit also stets umringt von sechs Mächten des Lichtes, mit denen zusammen er als erster (oder siebter) die göttliche Siebenheit bildet. Als sieben Mächte heißen sie Amahraspands (Amerta Spenta), »die Heiligen Unsterblichen«. Ihre Heiligkeit ist eine energetische Ausstrahlung, die allen Dingen ihr überfließendes Sein gibt. Diese sieben Unsterblichen werden auch als die sieben Erzengel des Zarathustra bezeichnet.

Der Zoroastrismus lehrt nicht nur eine Zweiteilung der Welt in einen kosmischen Dualismus von Gut und Böse, er trennt auch die körperliche von der geistigen Sphäre. Der Mensch ist in der gottgeschöpften Welt aufgefordert zur Wahrhaftigkeit, dem Wohlergehen aber auch Ergebenheit zu streben.

Die menschlichen Seelen gelangen nach dem Tode ihrer irdischen Hülle an die Brücke der Scheidung (Činvat-Brücke). Die Brücke spannt sich vom Berg (Hara-Berezaiti), der in der Mitte der Welt liegt, hin zu einem Gipfel am Rande des Himmels. Während aber die Seelen, die auf den Pfaden der Wahrhaftigkeit (Asha) wandelten, hiernach in das Paradies (Garodemäna oder Garotman) gelangen, fahren die Seelen der Bösen hinab in die Hölle. Es sind die drei Totenrichter Mithra, Rashnu und Sraosha, die die Seelen der Verstorbenen wägen. Aber auch die finsteren Daevas Aeshma und Astovidatu, die zu den Scharen Ahrimans gehören, lauern hier, um sich der Menschenseele zu bemächtigen.

Der Zoroastrismus basiert auf der heiligen Schrift Avesta. Gottesbilder sind dem Zoroastrismus fremd. Er kennt allerdings Feuertempel, in denen ein ständig brennendes Feuer (als heilige Flamme) gehütet wird, das als Symbol der Gottheit und der vollkommenen Reinheit gilt.

Der heutige Zoroastrismus

Der heutige Zoroastrismus existiert in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Dies liegt insbesondere an der sehr veränderten Situation der Anhänger. Die modernen Zoroastrier leben weit verstreut: zirka 65.000 leben in Indien, dort werden sie Parsen genannt. Im Iran leben heute nur noch zirka 25.000 (2011). Sie gehören hier zu den am stärksten wachsenden Religionsgruppen (2006 noch knapp 20.000). In den USA und Kanada leben etwa 18.000–25.000, in Pakistan maximal 5000, weitere zerstreut in anderen westlichen Ländern. Insgesamt dürfte es heute 120.000–150.000 Zoroastrier geben.

In Indien wird, beeinflusst vom Hinduismus, der Glaube an die Existenz der Amesha Spentas sehr in den Vordergrund gerückt, wodurch der zoroastrische Glaube dort polytheistische Tendenzen bekommen hat. Rituale spielen eine große Rolle.

Im Iran hat sich der Zoroastrismus heute zu einer stark auf Innerlichkeit ausgerichteten, sehr rationalen, ethischen Philosophie entwickelt. Im Mittelpunkt steht der Glaube an einen guten, gerechten, allwissenden Gott Ahura Mazda. Diesem guten Gott wird gedient, indem man (aus einem freien Willen heraus) „gut denkt, gut spricht und gut handelt“.

Bekannte Zoroastrier

•  Xerxes I. (persisch Khashayarshah, 519–465 v. Chr.), persischer Großkönig aus der Dynastie der Achämeniden

•  Schapur I., auch der Große genannt († um 270 n. Chr.), persischer Großkönig aus der Dynastie der Sassaniden

•  Die Familie Tata, eine indische Unternehmerdynastie

•  Feroze Gandhi (1912–1960), aus der Nehru-Gandhi-Familie, Ehemann Indira Gandhis und Vater Rajiv Gandhis und Sanjay Gandhis

•  Zubin Mehta (* 1936), indischer Dirigent

•  Freddie Mercury (eigentlich Farrokh Bulsara, 1946–1991), Sänger der Rockband Queen

Als einzige monotheistische Religion und Religion eines befreundeten Volkes hat das Judentum in den Jahren nach dem Babylonischen Exil (6. bis 4. Jh. v. Chr.) viele Bilder aus dem Zoroastrismus, der damaligen Hauptreligion, übernehmen können, deren wichtigstes Element wohl der Glaube an das Ende der Welt ist: Die beiden wichtigsten vorchristlichen Referenzen, das Buch Daniel und das Henochbuch, sind (vermutlich) in dieser Zeit entstanden. Der Teufel als Gegenspieler Gottes geht vermutlich auf Ahriman zurück. Die Begriffe Himmel und Hölle waren im älteren Judentum unbekannt; hier dürfte ein Einfluss des Zoroastrismus, aber auch der griechischen Vorstellung von einem Hades erfolgt sein. Über die jüdische Tradition sind diese Vorstellungen auch in die christliche und die islamische Religion eingegangen und dort zu zentralen Elementen geworden. Inwieweit der Zoroastrismus den frühen Islam in Persien noch direkt beeinflusst hat, lässt sich aber im Einzelnen schwer nachweisen.

Einen nicht unerheblichen Einfluss, gerade mit der Aufnahme Ahrimans – allerdings mit einer starken Abweichung der diesem ursprünglich zugeschriebenen Attribute – in einen christlichen Zusammenhang, hat der Zoroastrismus auch auf die Anthroposophie, die Lehre Rudolf Steiners.

Angra Mainyu ist ein avestischer Begriff, der in der zoroastrischen Theologie die Zerstörung bzw. das Zerstörerische repräsentiert. In den mittelpersischen Texten der zoroastrischen Tradition erscheint der Name als Ahriman.>>>

Die Andersgläubigen mussten eine spezielle Kopfsteuer (Dschizya) entrichten, durften ihren Glauben behalten, und in eigenen Gemeinden, dessen innere Angelegenheiten sie allerdings selbst regeln mussten, ausüben. Dennoch war ihnen der Neubau von Synagogen und Kirchen in Städten und größeren Ortschaften untersagt und sie durften keine Waffen tragen, wenngleich unter den ersten Kalifen christliche Araber als Soldaten dennoch zwangsverpflichtet wurden und Andersgläubige auch zu militärischen Hilfsdiensten verpflichtet waren. Ebenso wurden im Erbrecht Einschränkungen vorgenommen und teils spezielle Kleidungsvorschriften erlassen. Durch diese Maßnahmen wurde deutlich hervorgehoben, dass die nichtmuslimische Mehrheitsbevölkerung den Muslimen rechtlich keineswegs gleichgestellt war. Dieser Status wird als Dhimma bezeichnet, der neben Juden und Christen auch den Zoroastriern (sowie den Sabiern, die aber eher eine lokale Rolle spielten) zuerkannt wurde. Demnach handelte es sich um „Schutzbefohlene“, deren Religion eine gewisse Freiheit genießt, aber grundsätzlich dem Islam unterworfen ist, deren Anhänger nicht als vollwertige Gläubige anerkannt sind und gegen die im Koran teilweise durchaus auch polemisiert wird. Hierbei stand nicht zuletzt die Anerkennung der prophetischen Sendung Mohammeds und die koranische Offenbarung im Zentrum der muslimischen Betrachtungen, da diese Aspekte im Judentum und im Christentum freilich nicht vorkamen. Viele Bestimmungen gehen hierbei noch auf die Phase der islamischen Geschichte zurück, als sich die muslimische Gemeinde konstituierte und in einem Kampf um die Selbstbehauptung befand.

Grundsätzlich war das Verhalten der neuen muslimischen Herren gegenüber der zahlenmäßig weit überlegenen christlichen Mehrheitsbevölkerung oft von Zweckmäßigkeiten geprägt: Man nutzte Christen in der Verwaltung, weil diese damit vertraut waren, und man benutzte die Schutzverträge, um die christliche Mehrheitsbevölkerung unter eine gewisse Kontrolle zu bringen, da man auf deren Mitwirken angewiesen war; die zunächst ausgeübte Toleranz gegenüber Nichtmuslimen entsprang demnach vor allem praktischen Erwägungen. In der Anfangszeit nach der Eroberung gestaltete sich das Zusammenleben zunächst ohne größere Schwierigkeiten. Dies änderte sich allerdings in der folgenden Zeit, als es zu Übergriffen und restriktiven Maßnahmen gegen Christen kam, so bereits Ende des 7. Jahrhunderts. Dies hing mit der jeweiligen Religionspolitik des regierenden Kalifen zusammen. Als im Jahr 699 Arabisch Amtssprache in der Verwaltung wurde und damit Griechisch bzw. Mittelpersisch ablöste, war dies anscheinend auch mit dem Verbot verbunden, Nichtmuslime in der Verwaltung zu beschäftigen; allerdings wurde dies wohl nicht konsequent in die Praxis umgesetzt, weil sie auf vielen Posten lange Zeit unentbehrlich waren. Christen (und Zoroastrier im ehemaligen Perserreich) durften somit keine hohen staatlichen Posten mehr bekleiden und wurden von einem erheblichen Teil der Gesellschaft ausgeschlossen. Johannes von Damaskus, der Sohn des Sarjun ibn Mansur, zog sich denn auch um 700 in ein Kloster zurück, doch christliche Beamte sind auch in der Folgezeit durchaus noch belegt, bevor mit dieser Praxis ganz gebrochen wurde.

Das Gesellschaftsleben wurde verstärkt auf den neuen islamischen Glauben ausgerichtet und die Lebenssphären von Muslimen und Nichtmuslimen sollten offenbar bewusst voneinander getrennt werden. Dies lässt sich unter anderem an den erwähnten neuen Münzprägungen dieser Zeit ablesen (seit ca. 697), die ohne Bilder, dafür aber mit Koransuren (Sure 112) versehen waren. Religiöse Kulthandlungen von Nichtmuslimen, die zunächst kaum behindert wurden, wurden noch in der späten Umayyadenzeit stärker eingeschränkt; hinzu kamen Handlungen, die ein gewisses Überlegenheitsgefühl der muslimischen Herrscher gegenüber Nichtmuslimen demonstrierten. So wurden im Kalifat die öffentliche Präsentation von Kreuzen und christliche Gebete in der Öffentlichkeit untersagt sowie eventuell einzelne Kirchen zerstört (die Quellenlage für den letzten Punkt ist nicht eindeutig). Sicher ist, dass restriktive Maßnahmen und Regulationen speziell im Hinblick auf Christen zunahmen. So kam es nun verstärkt zu Eingriffen der muslimischen Herrscher in innerchristliche Angelegenheiten und auch zur Konfiszierung von Kirchen; seit dem 9. Jahrhundert entstanden zudem Werke muslimischer Autoren, in denen gegen andere Buchreligionen polemisiert wurde.

Der insgesamt steigende Druck blieb nicht ohne Auswirkungen: In Ägypten revoltierten die christlichen Kopten zwischen 725 und 773 allein sechsmal gegen die muslimische Herrschaft, doch wurden die Aufstände niedergeschlagen. Die Übergriffe nahmen dann spürbar im 9. Jahrhundert wieder zu, als einzelne Kirchen geplündert und zerstört wurden. Ebenso nahm die Steuerbelastung zu. Insgesamt ist festzuhalten, dass es (nach restriktiven Maßnahmen bereits in der späten Umayyadenzeit) seit der frühen Abbasidenzeit, als sich die islamische Gemeinschaft in den eroberten Gebieten langsam zu konsolidieren begann, zu einer von staatlichen Stellen betriebenen Gängelung von Christen im Alltag kam. Sie durften ihren Glauben zwar behalten, es kam aber zu sozialen Demütigungen und zu Phasen der Unterdrückung mit gezielten Verfolgungen, wobei politische und religiöse Motive miteinander vermischt wurden; allerdings gab es auch Phasen, in denen einige Maßnahmen zumindest zeitweise gelockert wurden. Um 900 wurden zwar noch einmal für kurze Zeit Verwaltungsposten mit Christen und Juden besetzt, doch ein 908 erlassenes Edikt verbot erneut die Beschäftigung von Nichtmuslimen in öffentlichen Funktionen: Christen und Juden durften demnach nur als Ärzte (wobei etwa christliche Ärzte am Kalifenhof durchaus einen guten Ruf genossen) oder Bankiers beschäftigt werden, zudem wurden für beide Gruppen spezielle Kleidungsvorschriften erlassen. Der früheste christliche Bericht über das Verhältnis von Christen und Muslimen stammt von dem Katholikos Ischo-Jab III.

Ischo-Jab III. (Īšōʻjahb; † 659) war Katholikos der Apostolischen Kirche des Ostens von 649 bis zu seinem Tod im Jahr 659. Er gilt als einer der bedeutendsten Katholikoi der Apostolischen Kirche, wobei die Quellenlage zu seinem Leben und Wirken vergleichsweise günstig ist.

Die Zahl der Konvertiten blieb in den eroberten Gebieten zunächst offenbar gering, da sich die damit verbundenen Vorteile in den ersten Jahrzehnten in engen Grenzen hielten: Bis zur Machtübernahme der Abbasiden konnten unabhängig von der Religion nur Männer Karriere machen, die eine arabische Herkunft nachzuweisen vermochten. Christentum und Zoroastrismus wurden nur nach und nach zurückgedrängt; wohl erst um das Jahr 1000 sprach die Mehrheit der Bevölkerung Ägyptens und des Irak Arabisch, während in Persien die eigene kulturelle Identität stärker bewahrt werden konnte. Anscheinend waren auch einige muslimische Theologen und Rechtsgelehrte der Ansicht, dass diskriminierende Maßnahmen gegenüber Nichtmuslimen den Übertritt zum Islam forcieren würden; der soziale Druck war daher wohl ein wichtiger Faktor bei der „Islamisierung“ der eroberten Gesellschaften, wo die christliche Mehrheitsbevölkerung mit der Zeit zu einer Minderheit wurde.

Gründe für den Fall Persiens und für die oströmischen Gebietsverluste

Ostrom (Byzanz) und Persien waren vom langen Krieg gegeneinander vollkommen erschöpft. Seit 540 hatte es nur gut 20 Jahre lang Frieden zwischen den beiden Mächten gegeben, im letzten Krieg hatten die Sassaniden die Römer an den Rand des Untergangs gebracht (siehe auch Römisch-Persische Kriege). Die oströmische Armee war nach den langen Kriegen gegen die Perser aus finanziellen Gründen demobilisiert worden und benötigte eine lange Vorlaufzeit, um wieder aktiviert zu werden. Das Sassanidenreich war derweil wohl weniger durch die Kämpfe mit den Römern als vor allem durch die seit 628 tobenden Bürgerkriege geschwächt; der große persische Sieg in der Schlacht an der Brücke 634 illustriert, dass man den Muslimen militärisch durchaus gewachsen gewesen wäre, wenn es Yazdegerd III. gelungen wäre, sein Reich im Inneren zu befrieden. Stattdessen aber liefen viele persische Magnaten zu den Angreifern über.

Ohnehin scheinen wirtschaftliche Erwägungen (wie die Handelsinteressen der Quraisch) eine wichtigere Rolle gespielt zu haben als oft unterstellte religiöse Erwägungen. Des Weiteren ist in den Quellen belegt, dass Verbände militärisch gut geschulter christlicher Araber teils zu den muslimischen Eroberern überliefen; nicht aus religiösen Motiven, sondern weil die bisherigen Zahlungen Ostroms und Persiens weitgehend weggebrochen waren. Religiöse Motive sollten daher auch nicht überbetont werden. Erst spätere Quellen berichten von Versuchen, die Bevölkerung der unterworfenen Gebiete zum Islam zu bekehren; wahrscheinlich wird dabei eine spätere Entwicklung bereits auf die Frühzeit projiziert. Als schließlich viele Christen, Juden und Zoroastrier konvertierten, brachten sie ihre Vorstellungen und Praktiken in die neue Religion mit ein.

In der neuesten Forschung wird teils die Position vertreten, bei der frühen Islamischen Expansion habe es sich weniger um eine Invasion als vielmehr um einen Aufstand gehandelt, da die meisten Araber zuvor unter direkter oder indirekter römischer und persischer Herrschaft gestanden hatten und es nun unternommen hätten, sich die Macht und den Reichtum ihrer bisherigen Herren gewaltsam anzueignen. Aus diesem Grund hätten sie anfangs keinen Anlass gehabt, etwas an den bestehenden Strukturen zu ändern. Dies wiederum dürfte es den Bewohnern der eroberten Gebiete erleichtert haben, die neuen Herren zu akzeptieren, die anfangs nur eine winzige Minderheit darstellten.

Veranstaltung vom 20.11.2018

Kreuzzüge

Die Kreuzzüge waren von der Lateinischen Kirche sanktionierte, strategisch, religiös und wirtschaftlich motivierte Kriege zwischen 1095/99 und dem 13. Jahrhundert.  Der Begriff „Kreuzzug“ geht zurück auf die Befestigung eines Kreuzzeichens an der Kleidung derer, die den Kreuzfahrereid ablegten. In den zeitgenössischen Quellen waren hingegen andere Bezeichnungen verbreitet, vor allem expeditio, iter und peregrinatio (wie sich Teilnehmer oft auch als peregrini bezeichneten und damit das Motiv einer bewaffneten Pilgerfahrt betonten). Der französische Begriff croisade stammt aus dem 15. Jh. (okzitanisch crozada um 1213), die deutsche Übersetzung „Kreuzzug“ ist modern.

Die lateinische Kirche oder römische Kirche, auch Westkirche oder westliche Kirche genannt, ist die größte und bedeutendste Rituskirche  innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Lateinisch bezieht sich hierbei auf den Ritus, der als traditionelle Kirchensprache Latein verwende. Die 23 katholischen Ostkirchen, die orthodoxe oder orientalische Riten sowie andere Liturgiesprachen benutzen, sind ebenfalls Bestandteil der römisch-katholischen Kirche. Im engeren Sinne wird der Begriff römisch-katholische Kirche aber auch eingeschränkt auf die lateinische Kirche verwendet.

Die lateinische Kirche umfasst die Diözesen des Patriarchats von Rom, die seit dem 2. Jahrhundert von der griechischen zur lateinischen Liturgiesprache übergegangen waren und diese auch in ihren Missionsgebieten beibehielten. Dieser westliche Teil der alten Kirche trennte sich im Großen Schisma von 1054 vom östlichen Teil der Kirche, den Ostkirchen. Später vereinigten sich Teile der verschiedenen Ostkirchen wieder mit der katholischen Kirche, indem sie insbesondere den Primat des Papstes anerkannten und dabei Parallelhierarchien zu ihren orthodoxen Stammkirchen bildeten; dabei behielten sie jedoch weitgehend ihre rechtliche Eigenständigkeit und ihren bis dahin gepflegten Ritus bei. Diese katholischen Ostkirchen bezeichnet man als uniert. Das Gesetzbuch der lateinischen Kirche ist dabei der Codex Iuris Canonici; in den unierten Kirchen gilt der Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium. Der Papst ist als Bischof von Rom sowohl Oberhaupt der gesamten katholischen Kirche als auch Oberhaupt der lateinischen Teilkirche.

Die Orientkreuzzüge richteten sich demnach mit der Sanktion der römischen Kirche gegen die muslimischen Staaten im Nahen Osten. Im 13. Jahrhundert wurde der Begriff „Kreuzzug“ auch auf andere militärische Aktionen ausgeweitet, deren Ziel nicht das Heilige Land war (crux cismarina). In diesem erweiterten Sinne werden auch die Feldzüge gegen nicht christianisierte, sog. heidnische Völker wie Wenden, Finnen und Balten oder gegen Ketzer wie die Albigenser und gegen die nicht unierte Ostkirche dazu gezählt.

Nachdem ein Kreuzfahrerheer 1099 Jerusalem erobert hatte, wurden in der Levante insgesamt vier Kreuzfahrerstaaten <Bild> gegründet. Infolge ihrer Bedrohung durch die muslimischen Anrainerstaaten wurden weitere Kreuzzüge durchgeführt, denen meistens kaum ein Erfolg beschieden war. Das Königreich Jerusalem erlitt 1187 in der Schlacht bei Hattin eine schwere Niederlage, auch Jerusalem ging wieder verloren. Die Schlacht bei Hattin (in manchen Aufzeichnungen auch Hattyn, Huttin, Hittin oder Hittim genannt) am 4. Juli 1187 war die größte militärische Niederlage der Kreuzfahrer und führte zum Verlust großer Teile der Kreuzfahrerstaaten einschließlich des Königreichs Jerusalem an die Muslime.Das Schlachtfeld befand sich zwischen Akkon und dem See Genezareth, südlich der doppelten Hügelspitze, die Hörner von Hattin genannt wurde. Der See Genezareth liegt in Sichtweite.

Mit Akkon fiel 1291 die letzte Kreuzfahrerfestung in Outremer. Die Kreuzfahrerstaaten wiesen folglich nur eine kurze Geschichte auf.

Vorgeschichte des Ersten Kreuzzugs

Die militärische, teilweise mit Übergriffen verbundene Unterwerfung und Besiedlung christlicher Gebiete durch arabisch-muslimische Eroberer seit dem 7. Jahrhundert im Nahen Osten, in Nordafrika, Italien (Eroberung Sardiniens, der Einfall in Rom und die Zerstörung der Basilika St. Peter im Jahre 846) sowie  der Einfall in Spanien und Portugal forderten eine Reaktion heraus. Seit 638 stand Jerusalem unter muslimischer Herrschaft. Von christlicher Seite wurde die Eroberung des Heiligen Landes und die Zurückdrängung der sog. Sarazenen als Rückeroberung und als ein Akt der Verteidigung des Christentums betrachtet, der mit Unterstützung der Kirche angeführt wurde.

< Der Begriff Sarazenen (von lateinisch sar[r]acenus; wahrscheinlich über arabisch scharakyn bzw. scharqiyūn, ‚Morgenländer‘ in Bezug auf die semitischen Bewohner Nordwest-Arabiens, von arabisch schar[a]ki, ‚östlich‘ abgeleitet, bezeichnet ursprünglich einen im Nordwesten der arabischen Halbinsel siedelnden Volksstamm. Infolge der islamischen Expansion wurde der Begriff in lateinischen Quellen und im christlichen Europa als Sammelbezeichnung für die islamisierten Völker verwendet, die ab etwa 700 n. Chr. in den Mittelmeerraum eindrangen, auch unter dem Eindruck der von ihnen ausgehenden Piraterie. Zu ihnen zählten diese Quellen z. B. die Abbasiden, Fatimiden und Ziriden, einer Berberdynastie.>

Ein religiös begründetes Motiv der Kreuzzüge war die Wiederherstellung des ungehinderten Zugangs der christlichen Pilger zu den heiligen Stätten, der durch moslemische Übergriffe auf die in den levantinischen Häfen ankommenden Pilger unmöglich gemacht wurde. Ein islamischer Chronist aus Aleppo sieht in diesen Übergriffen den Grund für den ersten Kreuzzug an.

Dem Ersten Kreuzzug war ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos um militärische Unterstützung gegen die Seldschuken vorausgegangen. Am 27. November 1095 rief Papst Urban II. die Christen auf der Synode von Clermont zum Kreuzzug in das „Heilige Land“ auf. Urban II. forderte, die dort ansässigen Muslime zu vertreiben und in Jerusalem die den Christen heiligen Stätten in Besitz zu nehmen. Mehr als acht Jahrzehnte waren vergangen, nachdem es in der Regierungszeit des fatimidischen Kalifen al-Hakim 1009 zur Zerstörung der Grabeskirche gekommen war, eines der größten Heiligtümer des Christentums. Dieses Sakrileg war am Ende des Jahrhunderts unvergessen.

Deshalb ist auf die lange Vorgeschichte des ersten Kreuzzugs näher einzugehen, auf die Bedeutung der Zerstörung der Grabeskirche und den dafür verantwortlichen Kalifen al-Hakim.

Bilder Grabeskirche

Als Grabeskirche oder Kirche vom Heiligen Grab wird die Kirche in der Altstadt Jerusalems bezeichnet, die an der überlieferten Stelle der Kreuzigung und des Grabes Jesu steht. Die Grabeskirche zählt zu den größten Heiligtümern des Christentums.  „Grabeskirche“ ist die in der Westkirche übliche Bezeichnung. In der Ostkirche bzw. von orthodoxen Christen wird das Gebäude Auferstehungskirche genannt. Die Kirche ist der Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem und des katholischen Erzpriesters der Basilika des Heiligen Grabes. Das „Heilige Grab“ im Innern der Kirche wurde verschiedentlich nachgebaut.

Geschichte

Bild: Außenansicht von Südosten: große graue Kuppel über dem Grab (Rotunde), kleine graue Kuppel über dem Katholikon

Nach dem Zeugnis mehrerer spätantiker Schriftsteller des 4. Jahrhunderts wurden im Jahre 325 bei einem Besuch von Helena, der Mutter des Kaisers Konstantin, in Jerusalem die Standorte von Tod und Auferstehung Jesu Christi unter einem römischen Tempel der Venus aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. aufgefunden. Dieser Fund führte zu einer Verbreitung von Kreuzreliquien und einem Wiederaufleben der Verehrung des Grabes, die durch den Bau des darüber liegenden Venustempels hatte unterbunden werden sollen.

Die Lokalisierung der Grabeskirche als Ort der Kreuzigung Jesu und von Ostererscheinungen <leeres Grab, Himmelfahrt) gilt als durchaus berechtigt. Für diese Annahme sprechen neben der langen Überlieferung und Tradition auch historische und archäologische Hinweise sowie die Tatsache, dass jenes Gebiet zur Zeit Jesu außerhalb der damaligen Stadtmauern, aber bereits zur Zeit Konstantins im Stadtgebiet lag. Wie mehrere Gräber und Grabnischen auf dem Gebiet der Kirche belegen (es sind sieben weitere Gräber bekannt), gab es hier um die Zeitenwende tatsächlich Begräbnisse.

Bereits für den Bau des Venustempels dürfte ein Teil des ursprünglichen Felsens entfernt worden sein. Dabei wurde das Grab wiederentdeckt: – Eusebius von Caesarea <Eusebius von Caesarea (* 260/64 in Palaestina; † 339 oder 340 in Caesarea, Stadt Palästinas, Kreuzfahrerfestung, bedeutende archäologische Stätten) war ein spätantiker christlicher Theologe und Geschichtsschreiber. Seine Werke bilden eine der wichtigsten Quellen für die frühe Kirchengeschichte. Eusebius wird daher als der „Vater der Kirchengeschichte“ bezeichnet und zu den Kirchenvätern gezählt.>

„Als sich aber statt des beseitigten Fußbodens ein anderer in der Tiefe der Erde zeigte, da zeigte sich auch gegen aller Erwarten das hehre und hochheilige Denkmal der Auferstehung des Heilandes, und der heiligsten Höhle sollte da ein ähnliches Wiederaufleben beschieden sein wie dem Erlöser selber: nachdem sie lange Zeit im Dunkel verborgen gewesen war, kam sie wiederum ans Licht und gab denen, die sie zu sehen herbeigekommen waren, deutliche Kunde von den daselbst geschehenen Wundern; denn sie bezeugte die Auferstehung des Erlösers durch Tatsachen, die lauter sprachen als jeder Mund.“

Der Bau der Basilika wurde bald nach 326 von Kaiser Konstantin in Auftrag gegeben; er trat an die Stelle des römischen Heiligtums und wurde am 13. September 335 geweiht. Die Anlage, die den Ort des Grabes und den nahebei liegenden Golgota-Hügel einbezog, bestand aus einer Rotunde um die zentrale Verehrungsstätte des durch eine Ädikula ausgezeichneten Heiligen Grabes im Westen (teilweise erhalten), einem Eingangsportikus und einer großen Basilika im Osten (nicht erhalten). Der Golgota-Felsen, heutzutage innerhalb der Grabeskirche, lag unter freiem Himmel zwischen den beiden Gebäuden Rotunde und Basilika.

Die Kirche wurde im Jahre 614 bei der Eroberung Jerusalems durch den persischen Sassanidenherrscher Chosrau II., den letzten bedeutenden Großkönig der Sassaniden, durch Feuer beschädigt, wobei der General Schahrbaraz das Heilige Kreuz nach Ktesiphon verschleppte.

<Farruchan († 630), besser bekannt unter seinem Beinamen Schahrbaraz, was etwa so viel bedeutet wie „der königliche Eber“, war ein persischer General und Usurpator im 7. Jahrhundert.

Er kämpfte für den Sassanidenkönig Chosrau II. erfolgreich gegen die Oströmer und eroberte 613 Damaskus sowie 614 Jerusalem, wobei zahlreiche Christen getötet wurden und mehrere Kirchen der Stadt, wie die Grabeskirche, die Basilika Hagia Sion und die Kirche St. Maria an der Stelle der späteren al-Aqsa-Moschee, zerstört wurden. Schließlich führte er das angebliche „Heilige Kreuz“ nach Persien fort, was eine deutliche Schockwirkung bei den Christen hinterließ. Für seine aggressive Art der Kriegsführung verlieh Chosrau ihm den besagten Beinamen „der Eber“.

<< 614, 22. Mai: Der Sassanidengeneral Schahrbaraz eroberte Jerusalem und überführte die Reliquien nach Ktesiphon, wo sie von der christlichen „Königin der Königinnen“, Schirin, in Empfang genommen wurden.

•  628: Der Sassanidenkönig Chosrau II. unterlag dem byzantinischen Kaiser Herakleios. Durch seinen Tod entstanden Machtkämpfe um den Thron. Die Tochter Chosraus II., Boran, schloss mit Byzanz einen Friedensvertrag ab und veranlasste die Rückgabe der Reliquien[3].

•  630, 21. März: feierliche Wiederausstellung des Teilstücks des „Heiligen Kreuzes“ in Jerusalem.>>

Im Krieg gegen Kaiser Herakleios (610-641 byzantinischer Kaiser) unterlag Schahrbaraz diesem zunächst 622 (oder 623, wahrscheinlich in Kappadokien). 625 gelang es Herakleios wieder, sich dem Zugriff Schahrbaraz und des Generals Schahin, eines Rivalen Schahrbaraz’, zu entziehen.

Nach dem Sturz Chosraus und dem Friedensschluss mit Ostrom mussten die Perser die besetzten Gebiete räumen, doch zog sich dieser Vorgang offenbar in die Länge. Im Juli 629 verständigte sich Schahrbaraz mit Kaiser Herakleios und sie gingen einen Pakt ein. 630 tötete Schahrbaraz König Ardaschir III. und machte sich selbst zum Großkönig. Er fand jedoch keinen Rückhalt im Reich, da er nicht dem Herrscherhaus der Sassaniden angehörte und wurde nach nur kurzer Herrschaft (April bis Juni 630) ermordet. Während seiner kurzen Herrschaft wütete zu allem Übel auch die Pest in Ktesiphon.

Nach mehreren Quellen hatte er zuvor irgendwann den christlichen Glauben angenommen; in diesem Fall wäre er der erste und einzige persische Großkönig gewesen, der kein Zoroastrier war. Sein Sohn mit dem griechischen Namen Niketas war jedenfalls sicher getauft und diente nach der Ermordung seines Vaters einige Zeit im oströmischen Militär, bevor er sich nach der verlorenen Schlacht am Jarmuk von 636 (Jarmuk = der größte Nebenfluss des Jordan. Er bildet die Grenze zwischen Syrien und Jordanien und kurz vor der Einmündung in den Jordan zwischen Israel und Jordanien; Byzanz verlor seine Besitzungen in Syrien und Palästina und etwas später auch in Ägypten), in der er Teile der kaiserlichen Truppen kommandierte, nach Emesa (heute Homs in Syrien) zurückzog und schließlich von den siegreichen Arabern hingerichtet wurde.

>>>

630 marschierte Kaiser Herakleios triumphierend in Jerusalem ein und brachte das Kreuz in die wiedererrichtete Grabeskirche zurück. Die frühen islamischen Herrscher beschützten die christlichen Stätten in Jerusalem, verboten ihre Zerstörung und ihre Verwendung zu Wohnzwecken. So blieb der Bau weiterhin eine christliche Kirche.

Die Grabeskirche wurde erst im 11. Jahrhundert wieder in ihrer Existenz bedroht. Insbesondere wurde dabei das zu dieser Zeit noch weitgehend intakte Felsengrab abgebrochen, sodass heute vom eigentlichen Grab nur Bruchstücke erhalten sind. Dieses dunkle Kapitel hängt mit dem Kalifen Al-Ḥākim zusammen, der von 1000 bis 1021 in Kairo regierte. Er vollzog eine radikale Wendung in der Politik der herrschenden Fatimiden-Dynastie, die der ismailitischen Richtung der Schiiten angehörte und sich verhältnismäßig tolerant sowohl gegenüber den Sunniten als auch den nicht-islamischen Religionen gezeigt hatte. Al-Ḥākim hingegen wollte den Untertanen seine neue Interpretation von Islam mit allen Mitteln aufzwingen. Die Christen und Juden wurden am härtesten von seiner radikalen Einstellung getroffen.

Bilder: – Grabeskirche 1149

-         Seite aus dem Reisebuch des Bernhard von Breydenbach: Sanctae peregrinationes, illustriert und gedruckt in Mainz von Erhard Reuwich, 11. Februar 1486

Die Zerstörung des Heiligen Grabes bildete den Höhepunkt dieser religiösen Intoleranz. Das Ereignis löste solches Entsetzen aus, dass der Nachhall schnell das Abendland erreichte und auch dort eine ungeahnte Welle der Empörung auslöste. Beim späteren Wiederaufbau konnten aber die fast vollständig erhaltenen Außenmauern und Teile der Stützenstellung wiederverwendet werden. Auf jeden Fall war ab dem 11. Jahrhundert der heute bestimmende charakteristische Aufbau aus verhältnismäßig hohen Postamenten, die teilweise nach den konstantinischen Mustern nachgearbeitet waren, gedrungenen Säulen mit einer Art korinthischen Kapitellen und darüber Rundbogenarkaden, die keinerlei Profile besaßen, sondern wie aus der dicken Mauer ausgestanzt wirken, vorhanden. Im Osten war der ursprüngliche Rhythmus von Pfeilern und Säulen aufgebrochen zugunsten einer geweiteten Öffnung zu einer neu erbauten Apsis.

Als nach der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter 1099 der Bereich östlich der Rotunde um 1160/1170 durch den Anbau der heute noch bestehenden Kirche umgestaltet wurde, war die Anastasis, der Rundbau über dem Grab Christi, selbst von keinen gravierenden Eingriffen betroffen.

Seit einer Renovierung 1555 wechselte die Kontrolle über die Kirche zwischen den Franziskanern und den Orthodoxen, je nachdem, welche Konfession für bestimmte Zeit einen Ferman  <Ein Ferman ist ein Erlass, ein Dekret, eine Vollmacht oder eine Verordnung eines Souveräns in islamischen Ländern. Die Urkunde wird von ihm oder einem seiner damit beauftragten Minister unterzeichnet. Der Begriff hat seinen Ursprung im persischen und bedeutet so viel wie „Befehl“, „Verordnung“ oder „Auftrag“.>> von der Hohen Pforte erhalten konnte, oft durch offene Bestechung. 1767, als man genug von den begleitenden Streitereien und Unruhen hatte, erließ die Hohe Pforte einen Ferman, der die Kirche zwischen den Parteien aufteilte. Der letzte Ferman von 1852 (Status quo 1852) bestätigte das Arrangement und ließ es zu einer permanenten Regelung werden.

Der Streit um die Schutzherrschaft über die Grabeskirche war 1853 vordergründig Auslöser des Krimkrieges um die Vorherrschaft im zerfallenden Osmanischen Reich, in dem sich Russland einerseits und das Osmanische Reich, Frankreich und Großbritannien andererseits gegenüberstanden.

Bild: Die Grabeskirche heute

Heute ist die Grabeskirche in den Händen von sechs christlichen Konfessionen: Die Hauptverwaltung der Kirche haben die Griechisch-Orthodoxen, die römisch-katholische Kirche, vertreten durch den Franziskaner-Orden, und die Armenische Apostolische Kirche inne. Im 19. Jahrhundert kamen die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die Kopten und die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche hinzu. Sie bekamen nur einige kleinere Schreine und Aufgaben zugeteilt; die Äthiopier leben als kleine Gruppe auf einem Dach der Kirche. Dieses Deir-al-Sultan-Kloster wird jedoch von den Kopten beansprucht und ist seit 2004 einsturzgefährdet. Der Streit verhindert eine Renovierung. Protestantische Konfessionen sind in der Kirche nicht vertreten.

<<Deir Es-Sultan ist ein Kloster auf dem Dach der Grabeskirche in Jerusalem.

Das Kloster wurde während des von den Kreuzfahrern errichteten Königreichs Jerusalem 1187 durch äthiopisch-orthodoxe Christen gegründet, die seit Jahrhunderten in Jerusalem ansässig waren.

Das Eigentum am Kloster ist eine Quelle des Streits zwischen der koptisch-orthodoxen Kirche und der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, mit beiden Parteien unter Angabe langjähriger historischer Ansprüche auf das Eigentum. Deir Es-Sultan ist eine von mehreren heiligen Stätten in der Umgebung, deren Eigentum zwischen verschiedenen christlichen Konfessionen umstritten ist.

Der aktuelle Streit entstand im April 1970, als äthiopische Gläubige im Kloster die Abwesenheit der koptischen Gläubigen aufgrund der Osterriten nutzten, um eine Sperre auf einer Treppe nach unten anzubringen.

>>

Wegen der Streitigkeiten verwahrt die muslimische Familie Joudeh seit mehreren Jahrhunderten die Schlüssel der Kirche und die ebenfalls muslimische Familie Nusseibeh schließt die Haupttür morgens auf und abends wieder zu. Außerdem traten die Familienmitglieder oft als Schlichter auf. Die Joudehs und Nusseibehs werden mindestens seit der Zeit Saladins (1171/74 – 1193)  mit der Kirche in Verbindung gebracht.

Die israelischen Behörden beließen die festgesetzte Aufteilung (status quo), nachdem die Altstadt nach dem Sechstagekrieg 1967 unter ihre Verwaltung gekommen war. Die komplizierten Besitzverhältnisse erschweren bauliche Maßnahmen, da jede Veränderung eine Verletzung des Status quo verursachen könnte. So steht zum Beispiel eine längst nutzlos gewordene Holzleiter an der Fassade über dem Hauptportal. Sie diente im 19. Jahrhundert den Mönchen zum Einstieg in die Kirche, wenn die Tore behördlich geschlossen waren. Seit vielen Jahrzehnten laufen Bestrebungen, sie zu entfernen, doch ist nicht geregelt, wer dazu befugt wäre.

Nicht nur der Besitz in der Kirche ist genau geregelt, sondern auch, wer wann wo wie lange beten darf. So muss zum Beispiel das Grab für die tägliche Prozession der Franziskaner von den Orthodoxen frei gemacht werden. Besonders kritisch wird die Situation zu Ostern, wenn alle Kirchen das Hochfest der Auferstehung feiern. Da die Katholiken selten am Termin der Ostkirche feiern, kommt es da vor allem zum Konflikt unter den Orthodoxen. So kommt es gelegentlich zu Handgreiflichkeiten zwischen Mönchen wegen der nicht eingehaltenen Gebetsordnung. Auch während der Sperrzeiten in der Nacht bleiben Mönche aller Konfessionen in der Kirche. In der Kirche gelten wegen der unumstößlichen Zeiteinteilung auch keine Sommerzeitregelungen. Im Sommer ist daher eine entsprechende Zeitverschiebung zu berücksichtigen.

al-Hakim bi-amr Allah

Abu Ali al-Mansur ibn al-Aziz (* 18. August 985 in Kairo; † 13. Februar 1021 bei Helwan, Industriestadt in Ägypten, 25 km südlich von Kairo) war ab dem 13. Oktober 996 bis zu seinem Verschwinden am 13. Februar 1021 unter dem Herrschernamen al-Hakim bi-amr Allah ‚der auf Gottes Geheiß herrscht‘), in der deutschsprachigen Literatur kurz al-Hakim genannt, der sechste Kalif der Fatimiden und der sechzehnte Imam der Schia der Ismailiten. Dem Kanon der Religion des Einzigkeitsbekenntnisses nach, deren Anhänger als „Drusen“ bekannt sind, war seine Person die bis heute letzte physische Inkarnation des Schöpfergottes (Allāh) auf Erden.

Aga Khane

Die 1310 entstandene Schia der Qasim-Schahi-Nizariten stellt heute mit geschätzt 20 Millionen Anhängern nicht nur das Gros aller Nizari-Ismailiten, sondern aller Ismailiten überhaupt. Ihre Imame lebten bis in das 19. Jahrhundert in Persien, wo sie den erblichen Adelstitel Aga Khan verliehen bekamen. Aber schon Aga Khan I. war 1841 zur Flucht nach Indien genötigt. Die Imamlinie besteht bis heute fort; aktuelles Oberhaupt ist Imam Aga Khan IV. Genealogie vorhanden.

Drusen

Die Drusen (‚Bekenner der Einheit Gottes‘) sind eine arabischsprachige Religionsgemeinschaft im Nahen Osten, die im frühen 11. Jahrhundert in Ägypten als Abspaltung der ismailitischen Schia entstand. Angehörige dieser Gemeinschaft leben heute vor allem in Syrien (ca. 700.000), im Libanon (ca. 280.000, also etwa 4,5 % der Bevölkerung), in Israel (125.300, 1,6 % der Bevölkerung im Jahr 2004) sowie in sehr geringer Zahl auch in Jordanien.

Begründer der drusischen Lehre war Hamza ibn Ali ibn Ahmad, ein persischer Missionar aus Ostiran, der Anfang des 11. Jahrhunderts in der fatimidischen Daʿwa tätig war. < Daʿwa-Bewegungen, mit politischen Herrschaftsansprüchen verbunden; Daʿwa = „Ruf zum Islam“ bzw. „Ruf zu Gott“ in Form von missionarischer Aktivität. > Er behauptete im Jahre 1017, die Ära des Qāʾim (eschatologischer Herrscher) sei angebrochen und der regierende fatimidische Kalif al-Ḥākim sei Gott.

Frühe Jahre

Prinz Mansur war der zweitgeborene Sohn des Kalifen al-Aziz (975–996), sein älterer Halbbruder Prinz Muhammad war aber schon als Kind im Jahr 993 gestorben, so das er als allein möglicher Nachfolger für das Kalifat zurückblieb. Seine Mutter war eine melkitisch-christliche Konkubine des Vaters, deren Brüder die höchsten Würden der griechischen Kirche des Orients bekleideten.

Die Melkiten waren im Allgemeinen griechischsprachige Stadtbürger, die im Westen der Levante und in Ägypten lebten. Die melkitische Kirche war in drei historische Patriarchate aufgeteilt: Alexandrien, Antiochien und Jerusalem, jeweils unter dem Patriarchen von Konstantinopel.

Als erster nachmaliger Kalif ist Mansur im ägyptischen al-Qahira (Kairo) geboren wurden, in das die Dynastie im Jahr 973 unter seinem Großvater al-Muizz ihre Hauptresidenz vom afrikanischen al-Mansuriya verlegt hatte. Im Alter von acht Jahren wohnte Mansur erstmals einem öffentlichem Akt seines Vaters anlässlich einer Freitagspredigt zum Ramadan des Jahres 993 (Oktober/November) in der im Bau befindlichen Moschee vor dem Nordtor Bab al-Futuh bei, die später nach ihm benannt werden sollte. Zu diesem Anlass wurde über ihm die Herrscherinsignie des goldenen Sonnenschirms gehalten, was einer öffentlichen Designation (naṣṣ) als Nachfolger gleichkam.

Bild: Die al-Hakim-Moschee „die Strahlende“ (al-Anwār) in Kairo.

996 begleitete der elfjährige Mansur seinen Vater nach Bilbais, wo das fatimidische Heer anlässlich eines bevorstehenden Feldzuges gegen Byzanz in Syrien zusammengezogen wurde. Am 13. Oktober war er hier die letzte Person gewesen, die seinen Vater lebend sah, als er den bereits erkrankten al-Aziz nach dem Mittagsgebet in das lokale Badehaus begleitete. Vom Vater zum Spielen in den Vorgarten geschickt, wurde er hier wenig später im Wipfel einer Sykomore sitzend von seinem Lehrmeister Bardschawan aufgefunden, der ihm den Tod des Vaters mitteilte, den goldenen Herrscherturban aufsetzte und die Huldigung als neuer Imam-Kalif entgegenbrachte. Die Nachfolge des Mansur markierte einen kritischen Moment in der Geschichte der Fatimiden, denn als erster Kalif war er im unmündigen Alter auf den Thron gekommen, weshalb eine Regentschaft für ihn gebildet werden musste. In Bilbeis konnte sich zuerst der Anführer der Kutama-Berber Hassan ibn Ammar als Königsmacher in Szene setzen, der noch am Nachmittag des 13. Oktober 996 die öffentliche Proklamation Mansurs zum neuen Kalif unter dem Namen „der auf Gottes Geheiß herrscht“ (al-Ḥākim bi-amr Allāh) vornahm und sich von seinen Kriegern zum „Mittler“ (wisāṭa) zwischen ihnen und dem Kalif ausrufen ließ, womit er sich also eine Stellung ähnlich der eines Wesirs anmaßte.

Nach nur einem Jahr wurde im September 997 das Regime des Ibn Ammar beendet, nachdem er sich durch eine Begünstigung der aus dem berberischen Westen (maġrib) stammenden Kutama bei den Ägyptern und anderen Orientalen verhasst gemacht hatte. Der Staatsstreich gegen ihn wurde von den Soldaten der türkstämmigen Militärsklaven (mamlūk) durchgeführt, dessen Organisator wiederum der aus dem Hintergrund heraus agierende Bardschawan war. Für die kommenden zweieinhalb Jahre lag die Staatsführung in den Händen des Eunuchen, der sich als kompetenter Verwalter und Außenpolitiker profilierte. Sein bedeutendstes Vermächtnis war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Kaiser Basileios II. zur Klärung der Machtverhältnisse in Syrien, die schlussendlich eine Allianz zwischen den Fatimiden und Byzanz gegen den gemeinsamen Feind, die Abbasiden von Bagdad, begründen sollten. Als Verhandlungsführer wurde Orestes nach Konstantinopel entsandt, der orthodoxe Patriarch von Jerusalem und Onkel von al-Hakim.

Selbstherrschaft

Mit einer Bluttat leitete al-Hakim seine persönliche Herrschaft ein. Unter dem Vorwand eine neu angelegte Gartenanlage in Kairo besichtigen zu wollen, wurde Bardschawan am 26. März 1000 von dem fünfzehnjährigen al-Hakim in eine Falle gelockt. Gemeinsam mit seinem Schirmträger legte der Kalif bei der Ermordung seines alten Lehrmeisters persönlich mit Hand an. Gegenüber der Öffentlichkeit begründete er diese schon ein Jahr im Voraus geplante Tat als Akt der Befreiung aus der Kuratel des selbstsüchtigen Eunuchen, von dem er jahrelang entmündigt und in seiner Würde gedemütigt wurden sei. Wohl als Resultat dieser Erfahrungen aus seiner Kindheit hatte sich bei al-Hakim ein lebenslanges Misstrauen gegenüber seiner nächsten Umgebung in Staat und Militär eingestellt, das sich regelmäßig in oft übertriebenen Straforgien entlud. Beamte oder Militärs, die sich seines Vertrauens noch sicher waren, konnten beim leisesten Verdacht schon am nächsten Tag seiner Ungnade und damit dem Richtschwert anheimfallen. Niemanden neben sich ließ er mächtig werden. Von vierzehn seiner Wesire, die er in seiner fünfundzwanzigjährigen Herrscherzeit verschliss, haben ihn nur zwei überlebt und nur einer war eines natürlichen Todes gestorben. Das Misstrauen des al-Hakim, der sich außerdem von Intriganten beeinflussen ließ, sorgte besonders in der Generation der Söhne und Enkel der ersten Gefolgsmänner der Fatimiden für einen hohen Blutzoll. Im Jahr 1003 ließ al-Hakim seinen Cousin Prinz Abd al-A’la samt seiner Freundesclique umbringen, weil dieser sich während eines Trinkgelages von einem Sterndeuter als wahrer Imam hat lobpreisen lassen, worin al-Hakim einen Angriff auf seine Herrscherwürde erkannte. Jedenfalls hielt es seine Schwester Sitt al-Mulk für angebracht, seinen Sohn Ali und dessen Mutter unter ihre besondere Protektion zu stellen.

Veranstaltung vom 21.11.2018

Von Lakaien und Beamten am Hof gefürchtet, erfreute sich al-Hakim bei der einfachen Bevölkerung Kairos einer hohen Beliebtheit, der durch die Annahme auffälliger Gewohnheiten seine Untertanen in Erstaunen versetzte und die deshalb von feindlichen Beobachtern als Symptome eines geistigen Defekts interpretiert wurden. In jungen Jahren mischte er sich in Verkleidung unter die Volksmenge und nahm an den oft ausschweifenden Festtagen der Muslime und Christen teil. Damit wurde er offenbar zum Vorbild für die Märchenfigur des Harun ar-Raschid aus „Tausendundeiner Nacht“. Nachdem sich sein Lebensstil ab dem Jahr 1004 zunehmend zu dem eines frommen Asketen wandelte, begann al-Hakim mit seinen nahezu täglichen Umritten in die Altstadt al-Fustat-Misr, mit denen er wohl der von Intrigen und Gier vergifteten Atmosphäre der Palaststadt Kairo zu entkommen suchte. Die Gestalt des hageren und schlicht gekleideten Kalifen, der auf einem Esel bar aller imperialen Insignien und ohne Eskorte durch die Gassen der Suks, oder entlang des Nilufers vorbei an den einfachen Menschen ritt wurde zu einem vertrauten Bestandteil des Stadtbildes. Märchenhaft und doch auch real war seine schrankenlose Freigiebigkeit, die in mehreren zeitgenössischen Berichten geschildert wird. Keinen Günstling, Bittsteller oder Kläger wies er ab, wenn es darum ging, finanzielle Sorgen zu beruhigen, Almosen zu verteilen, oder Koranausgaben zu signieren und zu küssen. Petitionen nahm er für gewöhnlich mit eigener Hand an. Den gelegentlich mit Vorsicht vorgebrachten Einsprüchen seiner Wesire gegen eine zunehmende Verschwendung von Staatsvermögen begegnete er durch die Erklärung, dass alles Vermögen Gottes Eigentum sei, das den Menschen als Diener Gottes zustehe. Er als Imam sei selbst nur ein Treuhänder dieses Vermögens, das er den Menschen nicht vorenthalten dürfe. Der freigiebige Kalif, der das Volk am Reichtum teilhaben lässt, hat al-Hakim auch mit eigenem Namen Eingang in die 388. Nacht der Märchensammlung von „Tausendundeiner Nacht“ finden lassen.

Al-Hakims Bedürfnis gegenüber allen seinen Untertanen als gerechter und freigiebiger, ein dem Volk zugänglicher Herrscher aufzutreten äußerte sich auch in seinen Schenkungen gegenüber den Gebetshäusern von Kairo. Neben der alten Amr-Hauptmoschee gehörte auch die von den ismailitischen Fatimiden nach der Machtübernahme 969 gegründete „die Strahlende“ (al-Azhar), heute die bedeutendste theologische Lehranstalt des Sunnitentums, zu den vom ihm reichhaltig bedachten und baulich erweiterten Einrichtungen. Ihr offizieller Name ist „die Strahlende“ (al-Anwār), doch wurde sie schon im 11. Jahrhundert unter dem Namen al-Hakims bekannt, da der Kalif hier persönlich das Freitagsgebet zu leiten pflegte. Eine ureigene Gründung al-Hakims war die zum Ramadan 1013 geweihte Moschee im Stadtteil Raschida, für deren Bau mehrere koptische Kirchen weichen mussten und die im frühen 15. Jahrhundert verfiel. Auch in Alexandria und anderen Ortschaften Ägyptens ließ der Kalif neue Moscheen errichten. Neben den Stiftungen zur Förderung des Glaubens, war auch die der Wissenschaft ein besonders Anliegen al-Hakims. So ließ er 1005 das „Haus der Weisheit“ (dār al-ḥikma) in Kairo errichten, für das er seine Privatbibliothek als Grundstock für deren Buchbestands stiftete. Während seiner Herrschaft entwickelte sich das Haus zu einem Zentrum der islamischen Wissenschaft, das in Konkurrenz zu der bis dahin führenden Bildungseinrichtung der muslimischen Welt geltende „Haus der Weisheit“ von Bagdad treten konnte, von dem erfolgreich mehrere Mathematiker, Ärzte und Rechtsgelehrte abgeworben werden konnten. Im Gegensatz zu dieser, die nur für ausgewählte Gelehrte zugänglich war, hatte al-Hakim sein Haus für alle Untertanen zugänglich gemacht. Die besondere Förderung des Kalifen galt die Astronomie, um mit derer Erforschung des Himmels und der Gestirne eine exakte Astrologie zu ermöglichen, mit der sich al-Hakim von Jugend auf beschäftigt hatte. Unter dem Astronomen von Kairo ragten Ali ibn Ridwan und Ibn Yunus heraus. Von letzterem wurden die „hakim’schen Tafeln“ (az-zīǧ al-Ḥākimī) erstellt, welche eine Sammlung des gesamten astronomischen Wissens der muslimischen Welt darstellten und gleichfalls Erläuterungen zur Horoskop-Erstellung und weiteren astrologischen Details enthielten, die später auch in Europa weite Verbreitung fanden. Von seinen ersten beiden Nachfolgern wurde das „Haus der Weisheit“ vernachlässigt, worauf es schnell sein Prestige als bedeutende Lehranstalt einbüßte. Während des Zusammenbruchs des fatimidischen Staates 1068 wurde sein Schriftgut geplündert, teils vernichtet, oder in andere Länder verkauft.

Ab dem Jahr 1014 wurde der allgemeine Aufruhr, den seine Ausritte in der Altstadt regelmäßig hervorriefen, dem Kalifen zuviel. Wenn er nun in die Stadt ritt, hielten ihm „Scheucher“ allzu aufdringliche Personen vom Leib. Petitionen und Anfragen waren nun an drei Tagen die Woche an ein eigens eingerichtetes Büro im Palast einzugeben. Immer öfter suchte al-Hakim mit seinem Esel nun die einsiedlerische Einsamkeit in der unwirtlichen und von Menschen kaum bewohnten Umgebung von Kairo auf. Oft ritt er dazu erst zum Sonnenuntergang in die Wildnis hinaus und kehrte erst bei Tagesanbruch in den Palast zurück. Möglicherweise erlaubte ihm die nächtliche Ruhe dort sich einer schwer sitzenden Melancholie hinzugeben, der al-Hakim mit zunehmendem Alter verfallen sei, wenn man dem zeitgenössischen Bericht des christlichen und deshalb dem Kalifen wenig wohlgesinnten Autor Yahya al-Antaki (gest. 1065) Glauben schenken mag.

Außenpolitik

Karte:  Der Herrschaftsbereich des Fatimidenkalifats in der Zeit al-Hakims.

Unter al-Hakim hatte das Fatimiden-Kalifat seine größte territoriale Ausdehnung erreicht. Mit dem Kalifat war zwar der Anspruch auf die Herrschaft über die gesamte muslimische Welt (umma) verbunden, tatsächlich aber war es innerhalb dieser territorial begrenzt, da mit den sunnitischen Kalifaten der Abbasiden in Bagdad und der Umayyaden in Cordoba Konkurrenten um diesen Anspruch existierten. Ägypten als Kernland des Fatimiden-Kalifats konnte direkt von der dem Kalifen unterstehenden Zentraladministration in Kairo verwaltet werden, während die anderen Herrschaftsgebiete von Statthalterdynastien, oder Gefolgsleuten regiert wurden. In „Afrika“ (Ifrīqiyā, heute Tunesien) und auf Sizilien konnten die Dynastien der Ziriden (Berber) und Kalbiten (Araber) weitgehend autonom agieren, die aber immer noch den Kalifen von Kairo als Oberherren anerkannten. Anders sah es in den Stammesgebieten der Berber des äußersten Westens (Maghreb; heute Algerien und Marokko) aus, das schon seit der Antike weitgehend frei von einer zentralstaatlichen Organisation war, was sich auch unter den Fatimiden nicht geändert hat. Hier konnte sich der ziridische Abkömmling Hammad ibn Buluggin festsetzen und ein eigenes Herrschaftsgebiet aufbauen. Um das Jahr 1008 sagte er sich von der Oberhoheit der Fatimiden los und unterstellte sich der der Abbasiden, womit der äußerste Maghreb den Fatimiden für immer verloren ging.

Aufstände und Gegenkalifen

Dass der finale Schlag der unter al-Hakim zum Zenit ihrer Macht gelangten Fatimiden gegen die Abbasiden ausblieb, war den Unruhen geschuldet, die innerhalb ihres Herrschaftsgebietes aufgeflammt waren und deshalb die volle Aufmerksamkeit des Kalifen und seines Hofes erforderte. Die Revolten waren ethnisch wie religiös motiviert, vermengten sich mit den unter den Arabern vorherrschenden Stammesrivalitäten, wie den Gegensätzen zwischen urbaner Sesshaftigkeit und nomadischen Beduinentum und richteten sich gegen den Herrschaftsanspruch der Fatimidendynastie. 1004 erhoben sich die in der Cyrenaika im östlichen Libyen eingezogenen Beduinen der Banū Qurra gegen die Regierung von Kairo, nachdem diese mehrere ihrer Clanchefs hat exekutieren lassen. Ihnen schlossen sich die alteingesessenen berberischen Volksgruppen Libyer an, im Streben, die arabische Fremdherrschaft abzuwerfen. An die Spitze dieses Aufstandes stellte sich bald ein andalusischer Abenteurer, der nur unter dem Beinamen Abu Rakwa („der mit der Feldflasche“) bekannt ist. Der gab sich als ein Angehöriger der in al-Andalus herrschenden Umayyaden aus und ließ sich am 31. März 1005 von seinen Anhängern als Kalif ausrufen. Abu Rakwa gab sich offen als Vorkämpfer der Sunna aus und versprach, der von den Fatimiden betriebenen Schmähung der Prophetengefährten ein Ende zu setzen. Im Mai 1006 fiel er mit seinen Scharen in Ägypten ein, zeitgleich mit dem Aufleuchten einer nahen Sternenexplosion (Supernova 1006) am Firmament, deren Erscheinen von den Chronisten in einen Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen gestellt wurde. Am 30. August 1006, als die Supernova zu verblassen begann, wurde er von dem fatimidischen General al-Fadl ibn Salih vernichtend geschlagen. Über sechstausend abgeschlagene Köpfe der Rebellen wurden zu al-Hakim nach Kairo gesandt, Abu Rakwa selbst konnte zunächst vom Schlachtfeld entkommen und als christlicher Mönch verkleidet nach Nubien fliehen. Dort wurde er von dem örtlichen Fürst gefangen gesetzt und nach einer hohen Lösegeldzahlung an Kairo ausgeliefert, wo er am 9. März 1007 nach einer öffentlichen Demütigung exekutiert werden konnte.

Eine Revolte der Beduinen in Palästina barg für die Fatimiden eine noch weit bedeutendere Gefahr als die der Beduinen der Cyrenaika, denn die in Palästina vorherrschenden Banu Tayyiʾ (großer und alter arabischer Stamm) kontrollierten die einzige Landverbindung von Ägypten in den Hedschas und damit zugleich die großen Pilgerwege aus Nordafrika und den vorderen Orient zu den heiligen Stätten in Mekka und Medina, für deren Sicherheit und offene Passage die Fatimiden gegenüber den Gläubigen aber bürgten. Seit 976 waren die Fatimiden die Oberherren über die heiligen Stätten, ihr Kalifat wurde von den vor Ort regierenden Dynastien der Scherifen/„Edlen“, den Nachkommen des Propheten zu denen sich die Fatimiden selbst zählten, anerkannt. Der Name ihrer Kalifen wurde hier in der Freitagspredigt verlesen. Der Aufstand der Banu Tayyiʾ in Palästina und die damit verbundene Unterbrechung des Landweges von Kairo nach Mekka aber stellte die herrschenden Verhältnisse in Frage. Ein Abgesandter des Stammes konnte den seit 994 in Mekka regierenden Scherifen Hassan ibn Dschafar zum Abfall von Kairo bewegen und ihn auch zur Annahme der Kalifenwürde bewegen, da sein Stammbaum im Gegensatz zu den der Fatimiden mit keinerlei Makel behaftet sei. Nachdem er sich noch in Mekka zum Kalif hat proklamieren lassen, konnte Ibn Dschafar am 13. September 1012 in ar-Ramla einziehen.

Wie schon Abu Rakwa sieben Jahre zuvor betrieb auch der neue Gegenkalif eine sunnitische Programmatik unter Zurückweisung der ismailitischen Lehren. Seine Machtstellung suchte er auf eine breitere Basis zu stellen, als er Verbündete unter der lokalen Christengemeinde suchte, indem er unter anderem den Wiederaufbau der im Zuge von al-Hakims betriebener Diskriminierungspolitik abgetragenen Grabeskirche anordnete. Offenbar lag dahinter auch die Absicht ein Bündnis mit dem byzantinischen Reich zu suchen. Allerdings blieb der Gegenkalif nur eine Marionette der Banu Tayyiʾ, die sich tatsächlich nie seiner Autorität als weltlicher Herrscher unterwarfen. Schon im Sommer 1013 brach ihre Revolte zusammen und die fatimidischen Statthalter konnten die Kontrolle über das Land zurückerlagen. Nachdem man ihnen militärisch nicht hatte beikommen können, wurde den Beduinenclans ihre traditionelle Zerstrittenheit untereinander und Bestechlichkeit zum Verhängnis. Durch hohe Geldzahlungen war es der Regierung in Kairo gelungen die Geschlossenheit der Banu Tayyiʾ aufzulösen, so dass nacheinander ihre wichtigsten Clanführer die Rebellion aufgaben und sich wieder unter die Botmäßigkeit al-Hakims begaben, bis sich die Rädelsführer zur Flucht genötigt sahen. Auch der machtlose Gegenkalif Ibn Dschafar floh schließlich aus ar-Ramla zurück nach Mekka, wo er seine Kalifenwürde aufgab und wieder für den Fatimidenkalif beten ließ. Al-Hakim vergab ihm seinen Usurpationsversuch und nahm ihn als verwandten Aliden wieder in seiner Gnade auf. Die Christengemeinde Palästinas und Syriens konnte allerdings auf soviel Mildtätigkeit nicht hoffen; ihr wurden hohe Kontributionen auferlegt, was große Teile der Gemeinde zur Emigration ins byzantinische Gebiet veranlasste.

Religionspolitik

Kaum ein anderer Aspekt in der Biografie al-Hakims machte diesen Fatimidenkalif in der muslimischen wie christlichen Hagiografie so vieldiskutiert und nachhaltig umstritten wie die seiner Einstellung und seines Handelns in religiösen Angelegenheiten, die von Widersprüchen, radikalen Richtungsänderungen und einer bis dahin nicht gekannten Intoleranz gegenüber religiösen Minderheiten und Frauen geprägt war. Die Haltung der Zeitgenossen wie die der Nachwelt gegenüber seiner Person neigt dabei zu Extremen. Im Endergebnis hatte er sich bei fast allen zum Feind gemacht; die sunnitische Überlieferung zeichnete von ihm das polemische Bild eines dem Wahnsinn verfallenen Ketzers und bei den Christen galt er noch bis in die jüngere Zeit hinein als „arabischer Nero“, der die heilige Grabeskirche zu Jerusalem zerstörte und sich selbst „durch seine Missionare […] vergöttern liess“. Und tatsächlich offenbarte sich al-Hakim im Glauben einer kleinen Minderheit als nichts anderes als die materielle Inkarnation Gottes (Allāh) auf Erden.

Volkserziehung

Als Kind und junger unter Vormundschaft stehender Heranwachsender soll al-Hakim regelmäßig an den Festivitäten der einfachen Bevölkerung von Fustat teilgenommen haben, die gerade wegen dem obligatorisch lockeren Umgang mit Alkohol und den sexuellen Ausschweifungen in nächtliche Exzesse auszuarten pflegten. Alle muslimischen Herrscher seit der Eroberung Ägyptens im Jahre 639, auch die ersten Fatimidenkalifen, haben über diese Zustände geflissentlich hinweggesehen. Aber schon im ersten Jahr seiner Selbstherrschaft hatte al-Hakim per Erlass ein nächtliches Ausgehverbot für Frauen angeordnet, nachdem er Anstoß an deren Teilnahme am christlichen Weihnachtsfest des Jahres 1000 genommen hatte. Im Januar 1003 kündigte er erneut per Erlass das Verbot und die Strafverfolgung sämtlicher verwerflicher Handlungen an, vor allem in Bezug auf die Herstellung, Lagerung und Ausschenkung von Alkohol .

<<

Der Konsum von Alkohol gilt sowohl im sunnitischen als auch im schi’itischen Islam und in allen Rechtsschulen als haram (verboten). Diese Haltung ist auf die in traditionellen Kreisen des Islams gebräuchliche Abrogation koranischer Bestimmungen zurückzuführen.

Vier Koranverse (aya) befassen sich explizit mit dem Alkoholkonsum bzw. -verbot:

„Und (wir geben euch) von den Früchten der Palmen und Weinstöcke (zu trinken), woraus ihr euch einen Rauschtrank macht, und (außerdem) schönen Unterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben.“ – 16:67

„Man fragt dich nach dem Wein und dem Losspiel. Sag: In ihnen liegt eine schwere Sünde. Und dabei sind sie für die Menschen (auch manchmal) von Nutzen. Die Sünde, die in ihnen liegt, ist aber größer als ihr Nutzen. Und man fragt dich, was man spenden soll. Sag: Den Überschuss (von dem, was ihr besitzt)! So macht Gott euch die Verse klar. Vielleicht würdet ihr nachdenken.“ – 2:219

„Ihr Gläubigen! Kommt nicht betrunken zum Gebet, ohne vorher (wieder zu euch gekommen zu sein und) zu wissen, was ihr sagt!“ – 4:43

„Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind (ein wahrer) Greuel und Teufelswerk. Meidet es! Vielleicht wird es euch (dann) wohl ergehen.“ – 5:90

>>

Ab dem Spätjahr 1004 setzte schließlich eine Flut von Erlassen und Dekreten ein, deren Augenmerk besonders auf die hygienischen Zustände in der Altstadt Fustat gerichtet waren. So wurden Pferde aus ihr verbannt, das regelmäßige Fegen ihrer Straßen und das Töten aller herrenlos herumstreunenden Hunde angeordnet, wie das Kneten von Brotteig durch Füße verboten. Weiterhin ist das nächtliche Ausgehverbot auch auf Männer ausgedehnt wurden, der Kauf und Verkauf in den Suks war nach Einbruch der Dunkelheit einzustellen.

Die verbissene Beharrlichkeit mit der al-Hakim seiner Würde verpflichtend dem göttlichen Gebot zur Geltung verhelfen wollte, wonach alles was für Recht, Ordnung und Moral als verwerflich (munkar) galt zu verbieten sei (Sure 3:110), hat ihm bis in die Gegenwart hinein das Prädikat eines „Fundamentalisten“ eingetragen. Noch bis in sein letztes Herrscherjahr hinein hat er neue Dekrete erlassen, oder bereits bestehende wiederholt auflegen lassen, die der sittlichen Erziehung des Volkes gemäß dem Willen Gottes dienen sollten. Seine mit den Jahren in stetig zunehmenden Maßen geübte persönliche Frömmigkeit und Askese mündete schließlich in einen bis dahin nicht gekannten muslimischen Puritanismus, dem sich auch alle Untertanen gleich welchen Glaubens zu verschreiben hatten, der zur Blaupause für viele noch heute existierenden muslimischen Gesellschaftsmodelle wurde. Zäh war der lebenslange Kampf des Kalifen gegen jede Form des Alkoholgenusses. Neben dem Wein wurde auch Gersten- und Hirsebier verboten, das seit den Tagen der Pharaonen in Ägypten zu den Grundnahrungsmitteln zählte. Zu den merkwürdigsten Maßnahmen al-Hakims zählte auch das Verbot bestimmter Speisen. Nicht unbedingt deshalb, weil deren Zutaten als problematisch erachtet wurden, sondern weil deren Namensgebung als anstößig erschien. Wie zum Beispiel der noch heute als Salat servierte Senfkohl (Ǧirǧīr), der auch unter dem Namen der von den Schiiten zutiefst gehassten Ehefrau des Propheten Aischa bekannt war. Zur Besserung der Sitten wurden schließlich auch öffentlicher Tanz, sowie die bildliche Darstellung weiblicher Körper verboten. Musikinstrumente und Schachspiele waren zu verbrennen. Das Auftrittsverbot professioneller Klageweiber bei Leichenzügen entsprach noch der traditionellen Abscheu der Ismailiten vor lauter Totenklage, aber im August 1012 ließ al-Hakim sogar die für alle Schiiten obligatorischen Trauerbekundungen zum Aschura-Tag unterbinden.

Besonders Frauen gegenüber steigerten sich die Erziehungsmaßnahmen des Kalifen mit den Jahren in eine zunehmende Obsession. Nachdem er ihnen zunächst das Herumsitzen an den Straßen, den Besuch des Badehauses (ḥammām), sowie gemeinsame Bootsfahrten und Aufsuchen von Vergnügungsstätten mit Männern verbat, wurden sie im Januar 1014 mit einem generellen Ausgehverbot bei Tag und Nacht belegt. Gleichwohl hatte er in der Folge und zur Genugtuung empörter zeitgenössischer Kommentatoren dazu viele Ausnahmeregelungen einführen müssen, da unter diesen Bedingungen keine Frau eine Pilgerfahrt oder sonst eine Reise antreten konnte, sie bei der Ausübung ihrer gesetzlichen Rechte und Pflichten und beim Bestreiten ihres täglichen Lebensunterhalts als Hebamme, Krankenpflegerin oder Leichenwäscherin behindert wurde. Sogar Sklavinnen wurden unter eine Ausnahme gestellt, um sie frei von behördlichem Gängel auf dem Sklavenmarkt feilbieten zu können. Obwohl von einem generellen Ausgehverbot danach keine Rede mehr sein konnte, ist al-Hakim auch in diesem Aspekt zum Vorbildgeber moderner Tugendwächter geworden. Das gesetzliche Gebot zur Verschleierung war gleichfalls eine mit seinem Namen eingeführte Neuerung, indem das offene Tragen des Kopfhaares durch Frauen kurzerhand als munkar definiert wurde.

Nach al-Hakims Verschwinden sorgte seine Schwester Sitt al-Mulk für die Aufhebung aller vom ihm erlassenen Sittengesetze, womit sehr zur Freude zeitgenössischer Kommentatoren das öffentliche Leben Ägyptens wieder den liberalen Zustand vor seiner Herrschaft annahm.

Gleichstellung der Sunna

Das Augenmerk der muslimischen Geschichtsschreibung in Bezug auf al-Hakim lag im Besonderen auf dessen Verhältnis zu seinen muslimischen Untertanen und seine von Wankelmütigkeit gekennzeichnete Bilanz gegenüber den Anhängern der unterschiedlichen Glaubensfraktionen. Entsprechend polarisierend gestaltete sich die Urteilsbildung über ihn, je nach Grad der Parteilichkeit der Kommentatoren gegenüber der Sunna oder Schia. Und besonders das Urteil der sunnitischen Fraktion viel vernichtend aus.

Als ihr religiöser Vorsteher (imām) stand al-Hakim im Zentrum der Glaubenslehre der schiitischen Ismailiten, für die allein er die Vermittlung der wahren Religion Gottes garantieren konnte, die sich für den einfachen Gläubigen unerkennbar hinter dem äußerlichen Wortlaut des Korans verbirgt. Und dem schiitischen Bekenntnis folgend gebührt auch allein dem rechtmäßigen Imam die legitime Stellvertretung (ḫilāfa) des Propheten in der Befehlsgewalt über die muslimische Welt (umma), worauf der Herrschaftsanspruch der Fatimiden gründete. In der historischen Wahrheit aber stellten die Ismailiten innerhalb dieser muslimischen Welt zu allen Zeiten nur eine religiöse Minderheit dar, selbst während des Machthöhepunkts „ihres“ Kalifats. Die überwiegende Mehrheit aller Untertanen al-Hakims bekannte sich vor und nach ihm ungeachtet aller missionarischen Anstrengungen zur sunnitischen Auslegung des Islam, was auch in der Tatsache begründet lag, dass die Annahme der ismailitischen Glaubenslehre auf Freiwilligkeit beruhte und die Schia Zwangskonvertierungen ablehnte, selbst als sie während der Existenz ihres Kalifats über die dazu notwendigen Machtmittel verfügte. Das Zusammenleben zwischen Sunniten und Ismailiten im Fatimidenstaat hatte sich in Parallelwelten eingerichtet, wobei die Ismailiten die klerikalen und staatlichen Hierarchien besetzten, die Sunniten in der Gestaltung ihres Alltagslebens aber nicht weiter behelligten. Beide Gruppen folgten dabei den Grundsätzen ihrer jeweiligen Rechtsschulen. Seitens der Sunniten wurden die Fatimidenkalifen als rein weltliche Machthaber akzeptiert, solange sie für stabile Verhältnisse sorgten, die Geschäfte nicht behinderten und den reibungslosen Ablauf der Pilgerfahrten garantierten. Die ersten Fatimiden hatten damit an der seit der arabischen Eroberung Ägyptens geübten Praxis von der weitgehenden Toleranz der Herrschenden gegenüber den Beherrschten angeknüpft, zumal gerade das Nilland ein Schmelztiegel unterschiedlichster ethnischer, kultureller und religiöser Prägung war, in dem nur eine gegenseitige Akzeptanz für ausgeglichene und stabile Verhältnisse sorgen konnte. Doch unter al-Hakim sollte dieser Zustand eine nachhaltige Zäsur erfahren.

Die Amr-Moschee von Kairo ist das älteste islamische Gotteshaus Ägyptens und war in der fatimidischen Ära auch die Hauptmoschee der ägyptischen Sunniten.

Die ersten im Jahr 1004 von al-Hakim getätigten Erlasse zur sittlichen Erziehung des Volkes wiesen eine deutlich schiitisch-ismailitische Handschrift auf, besonders die Speisegebote die unter anderem das Verbot zum Verkauf von Fischen ohne Schuppen, oder von Speisen mit als anrüchig geltenden Namen enthielten, stellten einen tiefen Einschnitt in die Essgewohnheiten der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung dar. Offenbar stand dahinter die Absicht, seine Pflichten als Imam der Schia ernst zu nehmen und bis ins Detail zu erfüllen und offenbar hatten seine Anhänger dahinter eine Aufforderung zu einem offensiveren Eintreten für ihre Sache erkannt. Jedenfalls hatte sich noch im selben Jahr das Klima zwischen Schiiten und Sunniten gefährlich erhitzt, nachdem das von den Schiiten traditionell geübte „Schmähen der Altvorderen“ (sabb as-salaf) der für Sunniten heiligen, aber von Schiiten als Todfeinde betrachteten, Gefährten des Propheten überhandnahm und es zu ersten gewalttätigen Zusammenstößen zwischen den Gruppen kam. Die Zerstörung der sunnitischen Amr-Moschee von Alexandria durch radikalisierte Ismailiten fiel offenbar in denselben Kontext. Gleichwohl dazu zu bemerken ist, dass der Kalif eine programmatische Diskriminierung der Sunniten in keinen seiner Erlasse angeordnet hatte.

Aber schon im Jahr 1005 vollzog al-Hakim eine erste politische Kehrtwende. Hatte er sich die ersten Jahre seiner Regierung noch als rein ismailitscher Imam profiliert, schlug er nun den Weg der Annäherung an die Sunniten ein. Per Erlass untersagte er den Schiiten zum Festtag Aschura (10. Oktober 1005) das traditionelle Schmähen der Altvorderen. Einer seiner Vollzugsbeamten soll sogar einen Schiiten enthauptet haben, der es wagte öffentlich Aischa zu beleidigen. Dieses Entgegenkommen des schiitischen Kalifen gegenüber den Sunniten war vor dem Kontext des im September 1005 erfolgten Aufstandes des Abu Rakwa in der Cyreneika motiviert, der ja eine dezidiert sunnitische Programmatik gegen die Fatimiden verfolgte. Und um dem Aufstand argumentativ den Wind aus den Segeln zu nehmen, war al-Hakim offenbar zur Einsicht des Einlenkens gegenüber den Befindlichkeiten seiner sunnitischen Untertanen gelangt. Den Weg der Annäherung setzte der Kalif auch nach dem Ende des Abu Rakwa 1006 fort, zumal der schon 1008 erfolgte Beduinenaufstand in Palästina denselben Voraussetzungen folgte. Im Januar 1007 ordnete er das Tilgen aller Aufschriften mit Schmähungen der Altvorderen im öffentlichen Raum an und im Mai 1009 ging er in einem regelrechten Toleranzedikt soweit, die sunnitischen Riten mit denen der Schiiten rechtlich gleichzustellen. Zugleich durften die Gemeinden nun unabhängig voneinander die Zeit des Fastenbrechens, ein alter Streitpunkt unter den Konfessionen, für sich selbst bestimmen. Das göttliche Gebot, wonach es in der Religion keinen Zwang geben darf (Sure 2:256), diente als Begründung für diese Maßnahmen. Al-Hakims Politik des Entgegenkommens gipfelte im Juli 1010 in seinem Erlass zur Einstellung der ismailitischen Mission, der Abschaffung ihrer besonderen Fiskalabgaben (hūms), dem Ersetzen des schiitischen Gebetsrufs zugunsten des sunnitischen und der allgemeinen Wiederherstellung sonstiger sunnitischer Religionspraktiken. Diese Maßnahmen bedeuteten nichts anderes als eine radikale Umwälzung des fatimidischen Staatscharakters, indem nach der Gleichstellung der Sunna mit der Schia im Jahr zuvor nun die vollständige Restaurierung der Sunna erfolgte.

Zurückweisung der Sunna

Dass unter diesen Umständen das Ansehen al-Hakims in der sunnitischen Nachwelt dennoch ins Negative abdriftete, war, neben der für Sunniten obligatorischen anti-ismailitischen Propaganda der Abbasiden in Bagdad, seinem zweiten nur fünf Monate nach der sunnitischen Restaurierung erfolgten radikalen Richtungswechsel geschuldet. Am 7. Dezember 1010 ordnete al-Hakim in nur einem Erlass die Zurücknahme aller vergangenen seiner der Politik des Entgegenkommens betreffenden Erlasse und die Wiederherstellung der ismailitischen Missionstätigkeit und Wiederzulassung aller schiitischen Feste und Gebräuche an. Im Endeffekt wurde damit eine Wiederherstellung des status quo ante 1005 vollzogen, womit das Sunnitentum zwar nicht verboten, sich doch aber wieder den Auslegungen und Befindlichkeiten des herrschenden Ismailitentums unterzuordnen hatte. Die augenfällige Wankelmütigkeit der hakim’schen Politik gegenüber der Sunna mag in einer Abhängigkeit des Kalifen, der gegenüber Einflüsterungen seiner schnell wechselnden Favoriten besonders empfänglich gewesen sein soll, zu den unterschiedlichen rivalisierenden Gruppierungen am Hof begründet sein. Auch der Eindruck äußerlicher Umstände wie die sunnitisch konditionierten Aufstände in der Cyreneika und Palästina dürften ihren Anteil daran gehabt haben. Aber gerade der Hof und die klerikale Hierarchie von Kairo waren stark ismailitisch geprägt und gerade für Ismailiten muss das Entgegenkommen al-Hakims, ihres angebeteten Imams, gegenüber der Sunna befremdlich gewirkt haben. Spätestens mit der sunnitischen Restaurierung vom Juli 1010 war er für sie einen Schritt zuviel gegangen, worauf sich am Hof eine einflussreiche reaktionäre Bewegung gebildet haben muss, die in ihrem Sinne erfolgreich auf den Kalif einwirkte.

Die Umkehr vom Dezember 1010 hatte der ismailitischen Schia und ihrer Mission die Vormachtstellung in Ägypten einstweilen bewahrt, doch hatte sie einen nachhaltigen Anteil an den sich im Verlauf des 11. Jahrhunderts verhärtenden dogmatischen Fronten zwischen Schiiten und Sunniten gehabt, die sich in zunehmenden Maße unversöhnlicher gegenüberzustehen pflegten. Im Standpunkt der Sunna begann sich das Ismailitentum in den Schein der Ketzerei (malāḥida) zu stellen, die es im Sinne einer von ihr definierten islamischen Orthodoxie zu bekämpfen galt. Und al-Hakim selbst wurde darin durch die Jahrhunderte hindurch zum Erzschurken stilisiert, der als Tyrann das Volk mit unsinnigen Erlassen verwirrt und malträtiert habe. Die Polemik der im Triumph ihrer Sache von 1171 begünstigten abbasidischen Hofhagiographie von Bagdad unterließ keine Anstrengungen, den Charakter des Fatimiden nachhaltig zu verzerren, bis er die Gestallt eines blutrünstigen Psychopathen angenommen hatte, der jahrelang in unterirdischen Gängen dahinvegetiert, sich die Haare zu einer verfilzten Löwenmähne habe wachsen lassen und das Schneiden der Fingernägel unterlassen habe, bis sie Adlerklauen glichen. Das Horrorbild al-Hakims, das ausschließlich auf der Überlieferung seiner Feinde beruht, ist auch bis in die jüngere Wissenschaft hinein oft unkritisch übernommen wurden, worauf einige europäische Betrachter sogar einen Vergleich mit dem des Caligula anstrengten. Erst seit der vermehrten Berücksichtigung der zeitgenössischen Annalistik und der darin oft im Wortlaut zitierten herrscherlichen Erlasse, tritt die historische Person zunehmend aus dem Schatten der schwarzen Legende hervor.

Ungeachtet der Kehrtwende vom Dezember 1010 scheint al-Hakim den Gedanken an einen gewissen Ausgleich zwischen Sunna und Schia nicht gänzlich aufgegeben zu haben. Jedenfalls scheint dieser Gedanke hinter seiner im Jahr 1013 als Testament verfügten Nachfolgeregelung gestanden zu haben, in der er eine für die islamische Geschichte als Novum auftretende Gewaltenteilung ins Auge fasste. Demnach sollte die Würde des Kalifen von jener des Imams der ismailitschen Schia getrennt werden. Während erstere im Rahmen einer der rein weltlichen Machtausübung dienenden Funktion definiert wurde, der sich alle Untertanen gleich welcher religiösen Konfession zu unterwerfen hatten, sollte sie ihres ismailitischen Charakters durch die Trennung von der geistlichen Würde des Imamats entkleidet werden, welches sich dagegen nur noch auf die religiöse Leitung seiner Anhängerschaft zu beschränken hätte. Um diesen Bruch in der fatimidischen Staatsauffassung unmissverständlich zu vollenden, ist al-Hakim von der in ismailitischen Schia bis dahin streng gehandhabten Vater-Sohn-Designation (naṣṣ) abgewichen, indem er unter Übergehung seines eigenen Sohnes zwei seiner Cousins, die Prinzen Abdarrahim (gest. ~1021/23) und Abbas (gest. 1025), in der Nachfolge beider Würden öffentlich designierte. Im selben Jahr soll al-Hakim mehrere seiner Konkubinen und deren Kinder grausam umgebracht haben, angeblich auch um die Nachfolge seiner Cousins unbestreitbar zementieren zu können. Seine Nachfolgeregelung ist nach seinem Verschwinden dennoch nicht realisiert wurden; der fatimidische Staatsapparat war trotz allem von Ismailiten dominiert, mit seiner Schwester Sitt al-Mulk als Zentrum der Opposition, für die eine Aufgabe ihrer Vormachtstellung nicht in Frage kam. Im fatimidischen Kalifat sollte sich auch weiterhin nicht nur die Herrschaft der Nachkommen Alis, sondern auch die Herrschaft des ismailitischen Glaubens von der „wahren Religion“ (dīn al-ḥaqq) manifestieren, bis zum Ende des fatimidischen Kalifats im Jahr 1171.

Diskriminierung der Christen

In der Überlieferungsgeschichte nahezu aller christlichen Kirchen des Orients wie Okzidents ist al-Hakim als grausamer Christenverfolger im geistigen Erbe eines Nero, Decius, oder Julian eingegangen. Dabei ist auch dieses Bild, wie schon jenes des psychopathischen Ketzers der Sunniten, in den Jahrhunderten stark überzeichnet, besonders beeinflusst durch die Märtyrerlegenden der koptischen und melkitischen Kirchen. Auch wenn die Christen des Orients tatsächlich keinen Anlass hatten, den Kalif in freundlicher Erinnerung zu behalten, so lässt sich auch hier das Festhalten am Image eines in besonderer Weise grausam herausragenden Verfolgers nach einer näheren Prüfung der überlieferten Quellen nicht rechtfertigen.

Seit der arabischen Eroberung von 639 verkörperten die Christen die Kontinuität der römisch-byzantinischen Staatskunst im nun islamischen Ägypten. Noch bis weit in die fatimidische Ära hinein hatten sie sogar die Bevölkerungsmehrheit gestellt. Den jeweiligen muslimischen Herrschern galten sie als „Leute des Buches“ (ahl al-kitāb) und damit als Schutzbefohlene (ahl aḏ-ḏimma), die für ihre Bereitschaft zur Unterwerfung durch Leistung einer Kopfsteuer (ǧizya) eine Garantie (amān) auf ihre Sicherheit und materiellen Besitzstand, wie die Ausübung ihrer religiösen Praktiken erhalten haben, die auch von den Fatimiden bei ihrer Machtübernahme 969 bestätigt wurde. Auch für die neue Dynastie wurden die für ihre Gelehrsamkeit und Fachkompetenz geschätzten Christen im Fatimidenstaat ein unverzichtbarer Bestandteil der Hof- und Finanzverwaltung. Die Teilnahme von muslimischen Würdenträgern an bedeutenden christlichen Festen war für jene Zeit nichts Unübliches, wie auch der junge al-Hakim als Ehrengast am Weihnachtsfest des Jahres 1000 anwesend war. Beim Endzünden des Osterfeuers zu Jerusalem desselben Jahres haben der Muezzin und der lokale muslimische Emir der Stadt daran teilgenommen. Der Kalif selbst war als Sohn einer melkitischen Christin von Kindheit an mit dem Milieu der höchsten christlichen Würdenträger seines Reiches vertraut. Seine gesamte Regierungszeit hindurch hatte er Christen in die höchsten Staatsämter befördert, und diese gleichwohl auch hart bestraft, wenn sie sich seiner Gnade als unwürdig erwiesen hatten. Aber darin hatte er in seinem Regime keinen Unterschied zu unfähigen, oder bestechlichen Beamten anderer Konfessionen gemacht, weshalb die nachträglich angestrengten Beschreibungen von Strafaktionen gegen korrupte christliche Beamte als Martyrienviten, wie in der koptischen Patriarchengeschichte geschehen, als übertrieben erscheinen.

Die schon ab 1004 von al-Hakim aufgenommene Diskriminierungs- und Einschränkungspolitik gegenüber der christlichen Religion stellte keine neuartige Erscheinung in der muslimischen Geschichte dar. Vielmehr offenbarte sich hier eine schon viel ältere Traditionslinie, der schon der sunnitische Kalif al-Mutawakkil, wie auch al-Hakims Vater, al-Aziz gefolgt war. 1004 und 1008/09 ließ al-Hakim entsprechende Edikte seines Vaters zum Tragen besonderer äußerlicher Zeichen (ġiyār) für Christen neu auflegen, die sich nun in der Öffentlichkeit durch einen schwarzen Turban und Gürtel, sowie durch ein kleines um den Hals getragenes Holzkreuz in öffentlichen Bädern zu kennzeichnen hatten. Ab 1007 verfügte der Kalif die Einschränkung christlicher Zeremonien in der Öffentlichkeit, wie den Prozessionen zum Palmsonntag, oder die Kreuzerhöhung. Ferner sollten die Kreuzsymbole von den Kuppeln der Kirchen entfernt, wie auf das Rufen zum Gebet durch den hölzernen Gong verzichtet werden. Insgesamt zielte al-Hakim damit auf die Beseitigung der christlichen Religion aus dem öffentlichen Raum ab, die sich fortan nur noch im Privaten auszudrücken habe. Neben seiner zunehmenden Frömmigkeit dürften diese Maßnahmen auch einem Bedürfnis des Kalifen zur äußerlichen Demonstration seiner unbedingten Unterwerfung (islām) gegenüber der koranischen Offenbarung Gottes und sein bedingungsloses Eintreten für diese gestanden haben, hatte doch unter sunnitischen Wortführern die ismailitische Lehre im Verdacht der Ketzerei gestanden. Seine Abstammung von einer christlichen Mutter dürfte ihr übriges beigetragen haben, den Verdacht mangelnder Standhaftigkeit im Glauben durch eine restriktive Haltung gegenüber den Christen von sich zu weisen. Insofern stellt sich al-Hakims Diskriminierung der Christen als Bestandteil seiner zwischen 1005 und 1010 verfolgten Politik der Annäherung an die Sunniten dar. Und wie schon in diesem Bereich, gingen seine Anstrengungen auch hier bald in für jene Zeit nicht gekannte Extreme über.

Noch im Laufe des Jahres 1002/03 hatte al-Hakim im Zuge einer Volksumsiedelung innerhalb der Stadtgrenzen von Kairo der melkitischen Gemeinde den Bau von drei neuen Kirchen in ihrem neuen Viertel genehmigt. Doch im Dezember 1007 erfolgte unter Bruch der Sicherheitsgarantie von 639 sein Erlass zur Beschlagnahmung aller Kirchengüter in allen Provinzen seines Reiches, der am 20. März 1008 zum Tag des heiligen Lazarus vollstreckt wurde. Sogar die Konfiszierung des Privateigentums seiner Mutter, Schwestern und Tanten hatte er angeordnet. Die beschlagnahmten Landgüter und Stiftungen der christlichen Gemeinden wurden im Anschluss an muslimische Beamte und Offiziere verkauft, um mit dem Erlös die klamme Staatskasse aufzufüllen, womit auch das Hauptmotiv hinter den Güterkonfiszierungen und Abrissanordnungen genannt ist. Im März 1009 setzte schließlich mit dem Abriss der orthodoxen Kirche der Gottesmutter von Damaskus die Zerstörung von Kirchengebäuden und Klöstern ein. Ein Generalbefehl zum Abriss aller christlichen Gebetshäuser ist dazu allerdings nicht ergangen, vielmehr resultierten die Zerstörungen aus individuellen Einzelanordnungen des Kalifen. In Ägypten konzentrierte sich das Zerstörungswerk mit Ausnahme der Marienkirche „die Altehrwürdige“ (al-ʿAǧūz) in Damiette auf die Residenzstadt Kairo, wo die griechische „Marienkirche an der Brücke“ (Maryam al-Qanṭara) zerstört wurde. Am 18. April 1010 wurde das dem heiligen Johannes geweihte „Kloster des Zwerges“ (Dair al-Qaṣīr) auf dem Mukattam niedergerissen. In diesem Zusammenhang ist der einzige Todesfall in der Phase der hakimschen Diskriminierungspolitik dokumentiert, als der Kalif in aller Heimlichkeit die Enthauptung seines Onkels Arsenios anordnete, des melkitischen Patriarchen von Alexandria und Metropoliten von Fustat-Misr, offenbar weil dieser sich der Zerstörung des Klosters demonstrativ in den Weg gestellt hatte. Sein Schicksal bleibt damit des einzig bekannte christliche Martyrium in der hakim’schen Ära. Weiterhin mussten für den Bau der Moschee von Raschida drei koptische Kirchen weichen. In Palästina wurde ein Frauenkloster (Dair as-Sarī) in der Nähe von Jerusalem, die von Karl dem Großen gestiftete Kirche Santa Maria de Latina in Jerusalem und in ar-Ramla die Georgskirche abgerissen. Das berühmte Katharinenkloster auf dem Sinai wurde durch das Verhandlungsgeschick eines Mönchs vor der Zerstörung bewahrt, der zu bedenken gab, dass die Kosten einer Zerstörung den Wert des daraus zu gewinnenden Baumaterials bei weitem übersteigen würden.

Die Kirche des Heiligen Grabes Jesu Christi zu Jerusalem.

Aber der größte und folgenschwerste von al-Hakim zu verantwortende Frevel ereignete sich in Jerusalem, wo auf seinen Erlass hin ab dem 27. September 1009 die Grabeskirche abgerissen wurde, der heiligste Ort der Christenheit. Laut christlicher Überlieferung habe das dort am Karsamstag stattfindende Lichtwunder die Missbilligung des Kalifen als frommer Betrug erregt und seine Entscheidung zum Abriss beeinflusst. Der Patriarch von Jerusalem ist von der Entscheidung des Kalifen vorgewarnt wurden, weshalb die meisten Reliquien und beweglichen Kirchenschätze rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden konnten und letztlich nur der alte konstantinische Bau der Zerstörung anheimfiel. Aber mit dieser Tat war das Urteil der christlichen Geschichtsschreibung über al-Hakim gefällt. Wohl über die Berichterstattung des italienischen Seehandels übermittelt, ist die Nachricht von der Schändung der Grabeskirche schnell bis in das ferne Westeuropa durchgedrungen, wo der südfranzösische Chronist Ademar von Chabannes seiner Empörung über den „König von Babylon“ (rex Babilonius), dem neuen Nebukadnezar (Nabuchodonosor), freien Lauf ließ. Möglicherweise waren zu diesem Anlass erstmals überhaupt Überlegungen zu einem geschlossenen Vorgehen der abendländischen Christen gegen die Muslime aufgekommen, wenn auch ein entsprechender Aufruf Papst Sergius’ IV. (gest. 1012) wohl eine Fiktion späterer Zeit war. Jedenfalls begann sich seither im Okzident die Auffassung vom Schutz des heiligen Grabes durch die Errichtung einer christlichen Herrschaft über Jerusalem und dem Heiligen Land durchzusetzen, dem Kerngedanken im Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II. auf der Synode von Clermont 1095.

Die Dekonstruktion der Kirchen und Klöster geschah in einem organisiertem Rahmen, die Gebäude wurden nicht etwa in einem Akt religiös motivierter Wut durch eine aufgebrachte Volksmenge zerstört, sondern von professionell arbeitenden Abrisskommandos abgetragen, da das Baumaterial zugunsten der Staatskasse weiterverkauft werden sollte. Dass diese Maßnahmen nicht im Sinne einer allgemein betriebenen Christenverfolgung geschahen, zeigt der Umstand, dass das herrscherliche Dekret zum Abriss der Grabeskirche der christlich-nestorianische Kanzleichef des Kalifen hatte ausfertigen müssen. Und noch im selben Monat in dem die Abrissarbeiten aufgenommen wurden, hatte al-Hakim einen Christen zu seinem Wesir ernannt. Aber vom Standpunkt der Christengemeinden gesehen, hatte dieser Unterschied kein Gewicht in der Beurteilung ihrer Lage. Zum ersten Mal seit der muslimischen Eroberung des ehemals christlich-byzantinischen Ägyptens ist ihnen durch die Politik al-Hakims ihr Status als Menschen zweiter Klasse deutlich vor Augen geführt worden, die in Missachtung ihrer religiösen Befindlichkeiten zu diskriminieren und zu schröpfen erlaubt war. Denn die Hand an die Besitztümer der muslimischen Moscheen oder Stiftungen zu Legen hatte sich für den fromm-fundamentalistischen Kalifen selbstredend verboten. Die Diskriminierung erhielt ab 1013 eine neue Qualität, als al-Hakim in seinem Vorhaben seinen traditionell stark christlich geprägten Staatsapparat zu islamisieren, in dem er alle christlichen Staatsdiener vor die Wahl stellte zum Islam zu konvertieren oder mit ihren Familien sein Reich zu verlassen. Viele christliche Beamte nahmen darauf tatsächlich den Islam an, wenn auch in vielen Fällen nur zum Schein, doch erstmals seit der islamischen Eroberung fühlten sich nun Christen in großer Zahl zur Emigration in christliches Gebiet genötigt, vor allem nach Byzanz und Abessinien. Unter ihnen auch der Arzt Yahya al-Antaki (gest. 1065), dessen Chronik zu den wichtigsten zeitgenössischen Berichten der hakim’schen Ära zählt.

Wie schon in seiner Entgegenkommenspolitik gegenüber den Sunniten, war die hakim’sche Diskriminierung der Christen von Wankelmütigkeit und sprunghaften Sinneswandeln des Kalifen geprägt. Im Jahr 1019/20 erfolgte die Wende, als der Kalif alle vergangenen die Diskriminierung betreffenden Dekrete mit einem Federstrich aufhob und die offene christliche Religionsausübung wieder uneingeschränkt zuließ. Als Argument konnte er auch hier wieder auf das göttliche Gebot von der Zwanglosigkeit in der Religion (Sure 2:256) zurückgreifen. Dies beinhaltete auch die vollständige Rückgabe aller bis dahin konfiszierten Kirchengüter und den Wiederaufbau aller abgerissenen Kirchen und Klöster. Einige von ihnen konnten sogar zum großen Teil mit ihrem originalen Baumaterial wiedererrichtet werden. Die Baustelle des „Klosters des Zwerges“ auf dem Mukattam wurde von al-Hakim nun regelmäßig aufgesucht, der hier neben der Erkundigung über den Baufortschritt auch innere Ruhe und Einkehr suchen konnte. Nach seinem Verschwinden wurde an diesem Ort als erstes nach ihm gesucht. Auch in Jerusalem durften die Christen nun wieder am heiligen Grab beten und Kirchenfeste begehen, wenn auch der Wiederaufbau der Basilika erst unter al-Hakims Nachfolger erfolgte. Im Dezember 1020 wurden auch alle weiteren der Religionseinschränkung dienenden Erlasse aufgehoben und den zum Übertritt zum Islam genötigten Beamten wurde es freigestellt wieder zur Religion ihrer Väter zurückzukehren. Die alten Schutzgarantien gegenüber der Gemeinde wurden erneuert, so dass einige in den Jahren zuvor exilierte Christen nach Ägypten zurückkehrten. Allerdings mussten sie dazu die bis dahin angefallene Kopfsteuer nachzahlen und auch das Gebot zur Kennzeichnungspflicht blieb weiterhin in Kraft.

Mit Ausnahme einer Kennzeichnungspflicht durch das Tragen eines kleinen Glöckchens und der dokumentierten Zerstörung einer Synagoge in Kairo hatte die jüdische Gemeinde Ägyptens unter al-Hakim keine nennenswerten Diskriminierungen zu erdulden gehabt. Dieser Umstand hatte möglicherweise zum zeitnahen Aufkommen von Verschwörungstheorien im christlichen Europa beigetragen, wonach die Christendiskriminierung al-Hakims durch Einflüsterungen von Juden verursacht worden sei. Diese Nachrichten stehen am Anfang der ab dem späten 11. Jahrhundert in Europa vermehrt aufkommenden antijüdischen Polemik in der christlichen Propaganda, die mit dem Anfang der Kreuzzugsbewegung in den ersten physischen Angriffen gegen lokale Judengemeinden mündeten.

Gott auf Erden – die Drusen

Zu den von der Geschichtsschreibung gegen al-Hakim erhobenen Vorwürfen gilt der der Selbstvergottung (Apotheose) als der schwerwiegendste, der von beiden Seiten, der muslimischen und christlichen. Durch seine Missionare habe er die kleine in den Bergen des Libanon lebende Volksgruppe der Drusen dazu gebracht, ihn als Gott anzubeten. Dieser Vorwurf gründet dabei auf der Unkenntnis über die Beschaffenheit der ismailitischen und die aus ihr heraus erfolgten Genese der drusischen Glaubenslehre, an deren Entstehung al-Hakim allenfalls einen passiven Anteil genommen hatte. Von einer Selbstvergottung aber kann unter dieser Berücksichtigung keine Rede mehr sein.

Das Wesen der ismailitischen Glaubenslehre neigte zu allen Zeiten zum Antinomismus, erkennt sie doch in allen offenbarten Gesetzesreligionen – Judentum, Christentum, Islam – nur äußerliche (ẓāhir) Hüllen, hinter deren Wortlaute sich die „wahre Religion“ verberge (bāṭin), die von allen Geboten und Verboten befreite reine Anbetung Gottes durch den Menschen. Dazu sollte aus den Reihen ihrer „Vorsteher“ (imām) jener finale Prophet hervorgehen, jener „Auferstehende/Erscheinende “ (al-Qāʾim), dem die Verkündigung von der „Aufhebung des Gesetzes“ obliege, mit der die Abrogation der koranischen Offenbarung und ihrer islamischen Deutung einhergehe und der Zustand der reinen Anbetung Gottes eintrete. Die Verwirklichung dieses Heilsversprechen war ursprünglich mit der Person des verborgenen „rechtgeleiteten Vorstehers“ (al-imām al-mahdī) verbunden, mit dessen Hervortreten aus der „Verborgenheit“ (ġaiba) das Einläuten der „Endzeit/Auferstehung“ (qiyāma) und mit ihr das Ende aller Gesetzesreligionen zugunsten der reinen Anbetung Gottes zusammenfallen sollte

Der Mahdi der Ismailiten war al-Hakims Ur-Ur-Urgroßvater Abdallah ibn Hussein (gest. 934), der 909 aus der Verborgenheit hervorgetreten und wenige Monate darauf zum ersten Kalif der Fatimiden proklamiert worden war. Doch zur Enttäuschung vieler Gläubiger war auf dieses Ereignis nicht die versprochene Aufhebung des Gesetzes erfolgt, die der Verlautbarung des Mahdis gemäß auf einen späteren unbestimmten Zeitpunkt verschoben wurde. Bis dahin aber hätten sich alle Gläubige auch weiterhin dem aus der koranischen Offenbarung Gottes abgeleiteten „Gesetz“ (šarīʿa) zu unterwerfen. Trotz alle dem war die Aufhebung des Gesetzes die große Versuchung der Schwärmer geblieben, der Ungeduldigen unter den Gläubigen, die in Überschreitung der ismailitischen Glaubenslehre dazu bereit waren, die Aufhebung des Gesetzes unter Missachtung der Weissagungen ihres Imams zu erzwingen. Dabei oblag es in der Lehre der Ismailiten allein der dazu befähigten Person des Imams, den Anbruch des gesetzeslosen Glaubens an Gott zu erkennen und zu verkünden. Jene Ungeduldigen aber, die sich selbst eine solche Befähigung anmaßten, drohten vom Standpunkt der Glaubensgemeinschaft in eine Häresie abzugleiten. Sie galten als „Übertreiber“ (ġulāt) und wurden im Extremfall als glaubensabtrünnige Ketzer verfolgt.

Nahezu alle Imam-Kalifen der Fatimiden hatten sich seit dem Hervortreten ihres Imamats mit solch ungeduldigen Übertreibern in ihrer Gefolgschaft auseinandersetzen müssen. Mit harter Hand haben sie dabei die ismailitische Glaubensverfassung verteidigt, in der sie als Imame im Zentrum der alleingültigen Glaubensauslegung standen, indem sie Abweichler hart bestraften, wenn nicht gar vernichteten. Insgesamt haben sie damit die innere Geschlossenheit der Glaubensgemeinschaft, die ja selbst in der muslimischen Welt nur eine Minderheit repräsentierte, bis in das 11. Jahrhundert hinein erfolgreich aufrechterhalten können. Und doch war die Glaubensgemeinde besonders in jenen Gebieten der muslimischen Welt, die sich dem unmittelbaren Zugriffsbereich des Fatimidenkalifats entzogen, den Einflüssen unterschiedlichster theologischer und philosophischer Lehrmeinungen ausgesetzt gewesen. Im heutigen Ostiran hatte besonders die Schulrichtung des Neuplatonismus die Faszination der ismailitischen Gelehrten geweckt, über die neue Denkmodelle bis in die unmittelbare Umgebung des fatimidischen Hofes zu Kairo vermittelt wurden. Und gerade persische Gelehrte und Missionare aus dem näheren Umfeld al-Hakims waren es, die in Kairo ab dem Jahr 1015 für Unruhe und Zwietracht in der ismailitischen Glaubensgemeinde sorgten, die letztendlich das Entstehen der „Religion des Einzigkeitsbekenntnisses“ (dīn ad-tauḥīd) beförderten. Der Kernsatz dieser neuen Religion lautete vereinfacht, dass die „Auferstehung“ (qiyāma) angebrochen ist, die letzten durch Mohammed verkündeten Gebote Gottes und das auf ihr basierende Gesetzt sind aufgehoben. Sie sind der kult- und gesetzeslosen Urreligion gewichen, die einst der erste Mensch Adam praktizierte, die selbst nur noch die Anerkennung der „Einzigkeit“ (tauḥīd) Gottes (Allāh) kennt. Sofern folgte diese Lehre noch jener des ismailitischen Heilsversprechens, doch bestand zu diesem ein entscheidender und unüberbrückbarer Gegensatz. Nach dem Sündenfall, der zur Entstehung der Materie führte und die Menschen darin gefangen wurden, hatte sich Gott den Blicken der Menschheit entzogen, doch zur Essenz der Auferstehung gehört die erneute Anschauung Gottes, wodurch der Mensch zur Erkenntnis über dessen Einzigkeit gelangt und zur Urreligion seiner reinen Anbetung vor dem Sündenfall zurückfinden kann. Die Gläubigen der neuen Religion müssen also dem leibhaftigen Gott ansichtig geworden sein, nachdem er sich im materiellen Sein manifestiert hatte. Und ihrem Glauben nach hatte sich Gott in keiner anderen Person als in der des regierenden Kalifen al-Hakim manifestiert.

Für die Vertreter des orthodoxen Ismailitentums hatten sich die Anhänger des neuen Glaubens damit als Ketzer offenbart, denn waren ihrer Lehre nach die Imame der Schia ihres Wesens nach, wenn auch mit der von Gott gegebenen Segenskraft (baraka) ausgestattet, sterbliche Menschen, die von Menschen gezeugt sind und die selbst Menschen zeugen. Des Weiteren war auch nur die Person des Imams allein dank dieser Segenskraft dazu befähigt, die Zeit zum Anbruch der Auferstehung und der mit ihr verbundenen Folgen zu erkennen und zu verkünden, doch von al-Hakim sind dahingehend keinerlei Erklärungen ergangen, worauf zeitgenössische Berichterstatter mit Nachdruck verwiesen. Die seit 1015 in Kairo propagierte Auferstehung war vielmehr das Werk ungeduldiger Übertreiber, eben jener aus Persien stammenden Missionare, die ein entsprechendes Wort des Imams zur Aufhebung des Gesetzes nicht mehr abwarten wollten und diese Entscheidung nun selbst in die Hand nahmen. Der erste namentlich genannte Missionar des neuen Glaubens war Hassan „mit der verstümmelten Nase“ (al-Aḫram), den der orthodoxe Ismailit Hamid ad-Din al-Kirmani (gest. ca. 1020) in einem Sendschreiben vom November 1017 zur Abkehr des von seiner Warte aus neuen Irrglaubens zu bewegen suchte. Der bedeutendste Missionar des Einzigartigkeitsbekenntnisses aber wurde der Perser Hamza „der Filzmacher“, der gleichfalls im Jahr 1017 seine ersten Sendschreiben verfasste, die die Grundlage des maßgeblich von ihm definierten Drusenkanons wurden, der heiligen Schrift der „Schneider“. Die Anhänger der Religion des Einzigkeitsbekenntnisses wurden sehr früh schon unter der Bezeichnung „die Schneider“ bekannt, ableitend vom Beinamen ihres dritten bedeutenden Missionars, dem aus Buchara stammenden Türken Anuschtekin „der Schneider“ , gleichwohl dieser von seinen eigenen Leuten posthum geächtet werden sollte.

Zeit seines Lebens begegnete al-Hakim den Predigten der übertreibenden Missionare aus Persien mit weitgehender Gleichgültigkeit, gleichwohl er seine ihm zugeschriebene Göttlichkeit in keinem seiner Edikte je hatte verkünden lassen, was für die Anhänger der ismailitischen Lehre als Bestätigung von der Falschheit der drusischen aufgefasst werden konnte. Aber eben in seiner an den Tag gelegten Passivität liegt auch der eigentliche Vorwurf der Geschichtsschreibung gegen al-Hakim begründet, der anders als seine Vorfahren die ketzerischen Missionare hat gleichgültig gewähren lassen, statt ihnen einen Riegel vorzuschieben, womit er durch sein zweideutiges Verhalten die von ihnen betriebene Apotheose seiner Person überhaupt erst ermöglicht habe. Des Weiteren hatte er, wenn auch unfreiwillig, durch die von ihm verfügte doppelte Thronfolge die Propaganda der Drusen-Missionare mit neuen Argumenten befeuert. Weil er zwei seiner Cousins zu Nachfolgern bestimmt hatte waren die Drusen zu der irrigen Schlussfolgerung gelangt, al-Hakim besäße keine leiblichen Kinder, was zur Bestätigung seines Wesens als leibhaftiger Gott gereiche, da Gott nicht zeugen kann (Sure 112:3). Sowohl Hassan al-Achram als auch Hamza al-Labbad bewegten sich im näheren Vertrautenkreis al-Hakims, was ihnen zu einem gewissen Schutz verhalf, den ihre Predigten für das Einzigkeitsbekenntnis hatte schwere Unruhen innerhalb der ismailitischen Schia verursacht. Ihre neue Mission (daʿwa) drohte in Konkurrenz zu der Althergebrachten zu treten und ihre Anhänger lieferten sich mit denen der alten Mission regelmäßig heftige Kämpfe in den Straßen und Moscheen von Kairo. Hassan al-Achram wurde im Februar 1019 während eines Umritts mit dem Kalifen vor dessen Augen von einem aufgebrachten Mann vom Pferd gerissen und erschlagen, worauf al-Hakim den Täter umgehend enthaupten ließ. Im Juni desselben Jahres eskalierte die Lage vor der Amr-Moschee, nachdem dort drusische Provokateure den Zorn des frommen Volkes entfacht hatten. Daraufhin ergriff die Truppe der türkischen Sklavengarde die Initiative, die sich zur Beruhigung des Volkes zur Beseitigung des Anuschtekin ad-Darzi entschloss. Der aber floh rechtzeitig in den Schutz des Kalifenpalastes, in den einzudringen sich die Türken nicht trauten. Als sie am folgenden Tag vom Kalifen die Auslieferung des Anuschtekin verlangen, erklärte al-Hakim ihnen, dass er selbst die Hinrichtung des Predigers veranlasst habe.

Durch sein Verschwinden am 13. Februar 1021 sorgte al-Hakim, erneut unbeabsichtigt, für den letzten endgültigen Nachweis seines Wesens als leibhaftiger Gott. Da sein Leichnam nie gefunden wurde stand für die Drusen unabstreitbar fest, dass Gott von der materiellen Inkarnation in den körperlosen Zustand zurückgekehrt sei, sich den Blicken der Menschheit wieder entziehend. Für die Drusen bedeutete dies den Beginn einer bis heute andauernden Prüfung, in der sich zeigen sollte, wer unter erschwerten Bedingungen dem Glauben zum einzig wahren Gott die Treue halten sollte. Die Tatsache, dass tatsächlich ein leiblicher Sohn al-Hakims dessen Nachfolge antreten konnte, hat sie in ihrem Glauben nicht mehr erschüttern können. Für die ismailitische Schia haben sich die Drusen zu diesem Zeitpunkt längst in den „Extremismus“ (ġulūw) verstiegen, gegen den unter dem neuen Regime nun eine scharfe Verfolgungswelle einbrach. Schon bis zum Jahr 1030 war die kleine drusische Glaubensgemeinde aus Ägypten emigriert, die Levanteküste in den Norden hinaufziehend, wo der Zugriff des fatimidischen Zentralstaates längst nicht mehr so fest war. In den Bergen des Libanon ließ sie sich nieder, wo sie noch heute fortbesteht, in der Erwartung einer zukünftigen Wiederkehr Gottes auf Erden.

Al Hakins Verschwinden

In der Nacht zum Montag, den 13. Februar 1021 war al-Hakim auf seinem Esel Mond in Begleitung zweier Reitknechte zu einem seiner obligatorischen Ausritte in die Umgebung von Kairo aufgebrochen. Bei Anbruch des Morgens trafen sie östlich der Ortschaft Helwan auf eine Gruppe von sechs bis sieben Suwaidī-Beduinen, die gegenüber dem Kalifen eine zu einem früheren Zeitpunkt versprochene Auszahlung einer Geldprämie geltend gemachten, worauf der Kalif einen seiner Reitknechte anwies, die Beduinen zum Schatzhaus zu geleiten, wo ihnen die Prämie ausgezahlt werden sollte. Kurz danach trennte sich der Kalif auch von seinem zweiten Reitknecht, den er zurück zum Palast schickte, um allein weiter zu reiten. Danach wurde al-Hakim nie wieder gesehen. Nachdem die Hofentourage mehrere Tage lang vergeblich auf seine Rückkehr gewartet hatte, wurde am Sonntag, den 19. Februar ein Suchtrupp ausgesandt, der die Suche zuerst im „Kloster des Zwerges“ auf dem Mukattam-Hügel aufnahm, dem bevorzugten Rückzugsort des Kalifen in den letzten Jahren. Auf dem Bergrücken aufgestiegen, konnte der Trupp dort den noch lebenden Esel Mond auffinden, dessen Sehnen seiner Vorderläufe durch Schwertstreiche durchtrennt waren. Darauf folgten sie den Spuren des Esels, neben denen auch die von zwei Fußgängern zu erkennen waren. Die Spuren endeten an einem Teich östlich von Helwan, indem die blutdurchtränkten Kleider des Kalifen gefunden wurden, die Spuren von Messerstichen aufwiesen. Am Hof zu Kairo setzte sich danach die Erkenntnis durch, dass al-Hakim einer Mordtat zum Opfer gefallen sein muss, gleichwohl sein Leichnam nie entdeckt werden sollte.

Sofort übernahm Sitt al-Mulk das Heft des Handelns, indem sie die Beduinen verhaften und trotz deren Abstreitens der gegen sie erhobenen Vorwürfe enthaupten ließ. Der aus dem fernen Antiochia berichtende Yahya al-Antaki (gest. 1065) hielt den gegen die Beduinen gerichteten Verdacht der Prinzessin für plausibel. Offenbar hatten sie al-Hakim, nachdem er allein weiter geritten war, ein zweites Mal aufgesucht um an ihm ihre Wut auszulassen, nachdem ihnen in der Schatzkammer nicht der von ihnen erhofft hohe Betrag ausgezahlt worden war. Seinen Leichnam hätten sie danach unauffindbar irgendwo in der Wüste verscharrt. Aber schon der sunnitische Richter (qādī) von Kairo Muhammad al-Quda’i (gest. 1062), der vermutlich ein Augenzeuge der Vorgänge jener Tage war, hatte dazu den leisen Verdacht von einer Verschwörung gehegt, als deren Sündenböcke die Beduinen ihr Leben haben geben müssen. Als führende Köpfe hinter der Verschwörung verdächtigte er die Prinzessin Sitt al-Mulk und den Befehlshaber der Kutama-Berber Ibn Dawwas, der zwei seiner Sklaven mit der Ausführung des Mordes betraut habe. Die nur wenige Tage später auf Anweisung der Sitt al-Mulk erfolgte Hinrichtung des Ibn Dawwas samt zwei seiner Sklaven habe den Richter in seinem Verdacht bestätigt, da die Prinzessin diesen dabei als Mörder ihres Bruder angeklagt hatte. In den folgenden Tagen seien weitere enge Vertraute des Ibn Dawwas und der Prinzessin beseitigt wurden, womöglich weil diese zuviel wussten.[62] Von den zeitnahen Berichterstattern ist al-Quda’i der einzige geblieben, der einen Verdacht gegen Sitt al-Mulk äußerte, der aber weder von Yahya al-Antaki noch in der koptischen Patriarchengeschichte gegen sie erhoben wurde. Als Sunnit war al-Quda’i auch alles andere als unvoreingenommen, musste er der von Sitt al-Mulk angeführten ismailitischen Reaktion doch mit Argwohn begegnen, da diese die doppelte Thronfolge ihres Bruders und damit die Möglichkeit eines Ausgleiches zwischen Sunniten und Ismailiten als Gefahr für die Machtstellung der Fatimiden-Dynastie erkannte und folglich ablehnte.[63] Neben diesem Motiv könnte auch al-Hakims ambivalente Haltung gegenüber den drusischen Missionaren und die von ihnen provozierten Unruhen innerhalb der ismailitischen Schia des Jahres 1019 Anlass zum aktiv werden gegeben haben. Sitt al-Mulk sollte sich jedenfalls während ihrer folgenden Regentschaft als Verteidigerin der ismailitischen und Verfolgerin der drusischen Mission profilieren.

Erst zum Schlachtopferfest am 27. März 1021 ist der Tod/das Verschwinden des al-Hakim der Öffentlichkeit verkündet wurden. Der Wortlaut des Anschlages ist von den Drusen übernommen wurden; er bildet den Auftakt ihrer heiligen Schrift. In dieser Zeit hatte sich hinter den Palastmauern offenbar der Machtkampf um seine Nachfolge abgespielt, aus dem Sitt al-Mulk als Siegerin hervorgegangen ist. Am 27. März 1021 hat sie die Proklamation ihres Neffen Ali (alias az-Zahir) zum neuen Kalifen durchführen lassen, in Übergehung der von ihrem Bruder als Nachfolger erkorenen Cousins, die als ihre Rivalen in den nächsten Jahren beseitigt wurden. Aber noch bis zum Jahr 1043 tauchten mehrere Personen auf, die behaupteten der echte Kalif al-Hakim zu sein.

Nachkommen

Al-Hakims erstgeborener Sohn war Abu l-Aschbal al-Harith, der ihm am 24. Dezember 1004 (9. Rabi al-awwal 395 AH) von einer unbekannt gebliebenen Mutter geboren wurde. Vielleicht war diese mit jener Sklavin identisch, die ihm anlässlich seines Herrschaftsantrittes im Jahr 1000 seine Schwester geschenkt hatte. Über den Sohn liegen keine weiteren Nachrichten mehr vor, so das sein Ableben in jungen Jahren zu vermuten ist. Ob er 1013 beim vermeintlichen Terror des Vaters gegen den Harem das Leben verlor bleibt gleichfalls spekulativ.

Der zweite Sohn al-Hakims war der im Juni/Juli 1005 (Ramadan 395 AH) geborene Abu l-Hassan Ali, der ihm dann auch unter dem Herrschernamen „der erscheint, um die Religion Gottes zu erhöhen“ (aẓ-Ẓāhir li-ʾIʿzāz Dīn Allāh) als Kalif nachfolgte. Die „Sohnesmutter“ (umm walad) war Prinzessin Amina, deren Beiname „Zauber“ (Ruqya) lautete, die als Tochter des Prinzen Abdallah ibn al-Muizz (gest. 975) eine Cousine ersten Grades war. Mutter und Sohn sollen 1013 als Schutzmaßnahme vor dem Terror des Vaters in den Palast der Sitt al-Mulk aufgenommen worden sein und fortan deren Protektion genossen haben.

Weiterhin hatte al-Hakim noch eine Tochter, die unter der Ehrentitulierung „Herrin Ägyptens“ (Sitt Miṣr) bekannt ist.[69] Wie die meisten Fatimidenprinzessinnen ist sie Zeit ihres Lebens unverheiratet geblieben. Sie starb reichbegütert im Jahr 1063 (455 AH).

Veranstaltung vom 27.11.2018

Die Legitimation eines Kreuzzugs

Ein Kreuzzug war gleichzeitig ein Bußgang und ein Kriegszug, der nach Auffassung der katholischen Christen direkt von Gott durch das Wort des Papstes verkündet wurde. Die Teilnehmer legten wie bei einer Pilgerfahrt ein Gelübde ab. Als Folge der göttlichen und päpstlichen Weisung waren die Kreuzzüge sehr populär. Dies erklärt auch die große Teilnehmerzahl. Die offiziell verkündeten Kreuzzüge  wurden als Angelegenheit der gesamten abendländisch-katholischen Christenheit begriffen. Die Kreuzfahrerheere bestanden aus Teilnehmern aus dem gesamten Abendland.

Die Legitimität der Kreuzzüge beruhte aus christlicher Sicht auf dem Gedanke des „gerechten Krieges“ , wie er von dem Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430) vertreten worden war. Ein gerechter und damit „gottgefälliger Krieg“ konnte nur von einer rechtmäßigen Autorität verkündet werden, die im Papst gesehen wurde. Ein gerechter Kriegsgrund lag in der Abwehr einer ungerechten Behandlung der Gläubigen vor) und im Kampf für gute Absichten wie der Erhaltung des Friedens.  Beim Ersten Kreuzzug schienen diese Bedingungen gegeben.

Erster Kreuzzug und die Entstehung der Kreuzfahrerstaaten

Papst Urban II. (1035-1099) hatte 1095 auf der Synode von Clermont zum ersten Kreuzzug aufgerufen, um die heiligen Stätten der Christenheit von moslemischen Herrschern zu befreien. In Frankreich richtete sich der Aufruf zum Ersten Kreuzzug in erster Linie an die französischen Ritter. Urbans Aufruf einte erstmals die seit langem in Streitereien untereinander verstrickten französischen Adeligen und gab ihnen mit dem Ziel eines „gerechten“ Kampfes im Dienste der christlichen Sache eine ideelle Grundlage.  Angeblich wurde hier bereits das spätere Motto der Kreuzzüge – „Gott will es!“ (Deus vult) – geprägt. Jerusalem war zum Zeitpunkt des „Kreuzzugaufrufs“ 1095 vorübergehend im Besitz der Seldschuken (1071–1098), die allerdings christliche Pilger weitgehend ungestört gewähren ließen. Die Seldschuken waren eine von 1040 bis 1194 herrschende türkische Fürstendynastie, die das Reich der Großseldschuken begründete, das sich über Mittelasien, Iran, Irak, Syrien, Anatolien und Teile der Arabischen Halbinsel erstreckte und seine Blütezeit etwa zwischen 1047 und 1157 hatte. Die Seldschuken waren sunnitische Muslime und leiteten mit ihrem Sieg in der Schlacht von Manzikert im Jahr 1071 die türkische Landnahme in Anatolien ein. Sie befanden sich gegenüber Byzanz im Kriegszustand. Kaiser Alexios I. Komnenos stand unter dem Druck ihrer weiteren Expansionsbestrebungen, andererseits waren aber auch die Beziehungen zur weströmischen Kirche angespannt. Das morgenländische Schisma von 1054 belastete von Beginn der Kreuzzüge an das Verhältnis zwischen orthodoxen und katholischen Christen. Es  ging aus einer unterschiedlichen Entwicklung theologischer Lehrmeinungen und vor allem aus dem jeweiligen Machtanspruch hervor. Die Eigenbezeichnung des deutschen wie des byzantinischen Kaiserreiches war „Römisches Reich“, und der römische Papst wie der byzantinische Kaiser leiteten daraus einen Führungsanspruch über die gesamte christliche Staatenwelt ab.

<<Die Komnenen waren eine Adelsdynastie im Byzantinischen Reich. Sie stellten 1057 bis 1059 und dann von 1081 bis 1185 die byzantinischen Kaiser, später von 1204 bis 1461 waren sie die Herrscher im Kaiserreich Trapezunt mit dem Titel Großkomnene. >

Dynastische Heiraten des byzantinischen Herrscherhauses mit dem ungarischen und deutschen Herrscherhaus, aber auch militärische Interventionen in Italien mit dem Ziel, auch die (west)römische Kaiserkrone zu erringen, waren eine Grundkonstante der Außenpolitik der byzantinischen Komnenendynastie in der Zeit der Kreuzzüge. Um den Einfluss Venedigs im Byzantinischen Reich zurückzudrängen, verfolgte man in Konstantinopel in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine scharfe anti-venezianische Politik. Dies blieb in Westeuropa natürlich nicht ohne Reaktion. Die Kreuzzüge richteten sich daher zunehmend nicht nur gegen den Islam, sondern zugleich immer mehr gegen das orthodoxe, griechisch geprägte Byzanz.

Religiöse und politische Motive der Kreuzritter vermischten sich mit gesellschaftlichen Faktoren in Europa. Der abendländische Adel erhoffte sich im Morgenland die Eroberung neuer Besitztümer. Gerade die jüngeren Söhne des Adels, die nicht erbberechtigt waren, sahen eine Chance, doch noch über ein eigenes Gebiet herrschen zu können. So boten die Kreuzzüge eine Chance für die nicht erbberechtigten  Söhne, die nicht im Kloster oder im Klerus untergebracht werden konnten oder wollten. Große Teile der Landbevölkerung sahen ferner im Kreuzzug eine Fluchtmöglichkeit vor den harten und oft sehr ungerechten Lebensumständen in der Heimat – zumal der Papst ein Ende der Leibeigenschaft in Aussicht gestellt hatte für jeden, der das Kreuz nehmen und ins Heilige Land mitziehen würde. Den Kreuzrittern schlossen sich im Tross die Nichtkombattanten Frauen, Kleriker, Alte und Arme an. Auch Verbrecher und Gesetzlose folgten den Aufrufen, weil sie sich durch ihr Kreuzzugsgelübde der Strafverfolgung entziehen konnten und sich ein neues Leben oder schlichtweg Beute erhofften. Das römische Papsttum seinerseits versprach sich von der Kontrolle über das Heilige Land eine massive Stärkung seiner Machtposition. Letztlich haben die Päpste wohl auch auf die Wiedervereinigung mit der Ostkirche erhofft.

Als die verschiedenen Kreuzfahrerheere Ende 1096 die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel erreichten, traten weitere Probleme auf: Obwohl die Byzantiner einen Kreuzzug keineswegs herbeigewünscht hatten (sie hatten vielmehr auf Söldner aus Europa gehofft) und den Kreuzfahrern auch nicht ganz grundlos misstrauten – manche von ihnen, wie die unteritalienischen Normannen, hatten zuvor schon gegen Byzanz gekämpft –, unterstützte Alexios sie zunächst, zumal sie ihm einen Treueeid schworen und die Kreuzfahrer ihrerseits auf den byzantinischenKaiser angewiesen waren. Im Frühjahr 1097 machte sich das Heer auf den Weg, und bald schon stellten sich erste Erfolge ein, wie die Eroberung von Nicäa (gegenüber Konstantinopel, südlich der Meerenge), das vertragsgemäß den Byzantinern überlassen wurde. Nach schweren Kämpfen, unter anderem bei der Einnahme Antiochias, endete dieser Kreuzzug mit der Eroberung Jerusalems im Juli 1099, bei der es zu blutigen Massakern an den verbliebenen Bewohnern kam – ungeachtet der Religionszugehörigkeit. Allerdings wurden die Opferzahlen bei der Eroberung Jerusalems in der Vergangenheit sowohl von moslemischer als auch von christlicher Seite stark übertrieben. Heute geht man von mehr als 3.000 Opfern aus.

Auf die Eroberung folgte die Gründung der Kreuzfahrerstaaten. Byzanz hatte zwar Teile Kleinasiens zurückgewonnen, stand der Errichtung von Staaten im Heiligen Land, die von Byzanz unabhängig waren, jedoch mit Misstrauen gegenüber, was bald schon zu Kämpfen mit dem Fürstentum Antiochia führte.

Kreuzfahrerstaaten

Die Kreuzfahrerstaaten im engeren Sinne sind die als Ergebnis des Ersten Kreuzzugs in Palästina und Syrien errichteten vier Staaten:

die Grafschaft Edessa,

das Fürstentum Antiochia,

die Grafschaft Tripolis,

das Königreich Jerusalem mit seinen Vasallen.

Die ständigen Kriege zwischen den islamischen Mächten ermöglichten es den Kreuzfahrern, das Küstenland an der Levante zu besetzen und für den Nachschub offen zu halten. Das Land wurde auch als Outremer (von altfranzösisch outre mer, oltre mer, jenseits des Meeres‘ bzw. ‚Übersee‘) bezeichnet, heute noch département d’outre mer für Überseegebiete. Die in den zeitgenössischen Quellen als Franken bezeichneten Westeuropäer, die sich nach dem Ersten Kreuzzug in der Region ansiedelten, stellten eine privilegierte Minderheit dar, während die Mehrheit der Bevölkerung nicht-katholische Christen, Juden und Muslime umfasste. Obwohl Syrisch, Armenisch und Griechisch in den jeweiligen Teilen der Region verbreitet war, wurde als Verkehrssprache von der einheimischen Bevölkerung Arabisch benutzt. Die „fränkischen“ Siedler sprachen weitgehend Französisch – in der Grafschaft Tripolis vorwiegend Okzitanisch. <Okzitanisch, französisch occitan/langue d’oc) ist eine galloromanische Sprache, die hauptsächlich im südlichen Drittel Frankreichs und in Monaco gesprochen wird. Hinzu kommen auf dem Territorium Spaniens Katalanen , im Norden Italiens einige piemontesische Alpentäler.>

Geschichten der vier Staaten:

Die Grafschaft Edessa (Hauptstadt Edessa = Sanliurfa im Süden der Türkei) wurde 1098 als erster Kreuzfahrerstaat gegründet. Schon 1144 fiel sie an die islamischen Herrscher in Mosul  (Irak) und Aleppo (Syrien).

Während des Ersten Kreuzzugs verließ Balduin von Boulogne, der Bruder des Heerführers Gottfried von Bouillon, im Jahr 1098 den Hauptteil des Kreuzfahrerheeres, das sich südwärts in Richtung Antiochia und Jerusalem bewegte, und wandte sich nach Osten auf Edessa zu, wo er den regionalen Herrscher Thoros dazu brachte, ihn als seinen Sohn und Erben zu adoptieren.

<<<<<<<<<<

Thoros (kurz für Theodoros; † 9. März 1098) war der armenische Herrscher von Edessa zur Zeit des Ersten Kreuzzugs.

Thoros hatte seine öffentliche Laufbahn im byzantinischen Staatsdienst begonnen und wurde um 1090 wurde Statthalter von Edessa. 1094 wurde Edessa von den Seldschuken unter Tutusch I. eingenommen. Thoros unterwarf sich und wurde von Tutusch als Verwalter Edessas eingesetzt. Kurz darauf gelang es ihm, die seldschukische Garnison zu überwältigen, den örtlichen Emir Bouzan zu töten und sich selbst zum Herrscher von Edessa aufzuschwingen.  Obwohl er selbst Armenier war, war er bei seinen Untertanen unbeliebt. Dies lag einer einerseits daran, dass er im Gegensatz zu seinen mehrheitlich armenisch-orthodoxen Untertanen byzantinisch-orthodoxer Christ war, und andererseits dass er sie militärisch nur unzureichend gegen die Seldschuken zu schützen vermochte. Die Stadtfestung Edessa widerstand Angriffen seitens der Seldschuken, jedoch war Thoros machtlos gegen regelmäßige seldschukische Überfälle auf Edessas Handel und Landwirtschaft. Als seine Lage immer prekärer wurde, suchte Thoros die Hilfe der Kreuzfahrer des Ersten Kreuzzugs, die im Oktober 1097 begonnen hatten, die Seldschuken in Antiochia zu belagern. Ein Heerführer der Kreuzfahrer, Balduin von Boulogne, beteiligte sich nicht an der Belagerung, sondern strebte offenbar danach, für sich selbst ein Herrschaftsgebiet zu erlangen. Um Neujahr 1097 hatte Balduin die Festungen Turbessel und Ravendel am Euphrat eingenommen, als ihn Thoros’ Einladung erreichte. Statt sich lediglich als Söldner anwerben zu lassen, gelang es ihm, bei seiner Ankunft in Edessa am 6. Februar 1098 vom kinderlosen Thoros als Sohn adoptiert und als Mitregent und Erbe eingesetzt zu werden. Durch die militärische Hilfe Balduins in den folgenden Wochen ging die Bedrohung durch selschukische Überfälle auf das Umland Edessas deutlich zurück.

Kurze Zeit später, am 7. März 1098, kam es zu einem Aufstand der armenischen Bewohnern Edessas gegen Thoros. Dieser wurde von seinen Truppen im Stich gelassen und in seinem Palast eingeschlossen. Balduin leistete ihm keine Hilfe, sondern riet ihm sich zu ergeben. Thoros bot seinen Rücktritt an, unter der Bedingung, dass er freies Geleit zu seinem Schwiegervater Gabriel von Melitene erhalte. Das Angebot wurde abgelehnt und Thoros zwei Tage später beim Versuch, aus seinem Palast zu fliehen von armenischen Einwohnern ergriffen und ermordet. Am Folgetag wurde Balduin von der Bevölkerung aufgefordert, die Regierung zu übernehmen, und wurde daraufhin der erste Graf von Edessa.

>>>>>>>

Geschichte

Im Jahre 1100 wurde Balduin König von Jerusalem, als sein Bruder Gottfried starb. Die Grafschaft Edessa gab er an Balduin von Bourcq weiter, einen nahen Verwandten (Neffen oder Vetter), der bei den Einwohnern der Stadt beliebt war und auch eine armenische Frau nahm.

Einer von Balduins wichtigsten Gefolgsleuten war Joscelin von Courtenay, den er zum Kommandeur der Festung Turbessel am Euphrat ernannte, eines wichtigen Außenpostens der Grafschaft gegen die Seldschuken.

Balduin wurde schnell in die Politik im nördlichen Syrien und Kleinasien verstrickt. Er half 1103 dabei, die Freilassung Bohemunds I. von Antiochien durch die Danischmenden sicherzustellen, und griff gemeinsam mit Antiochia Anfang 1104 das Byzantinische Reich in Kilikien an. Wenig später, in der Schlacht von Harran (7. Mai 1104), gerieten sowohl Balduin als auch Joscelin in Gefangenschaft der Muslime. Bohemunds Neffe Tankred von Tiberias wurde nun Regent in Edessa, bis Balduin und Joscelin 1107 freigelassen wurden, war dann aber nicht bereit, sein Amt aufzugeben, so dass Balduin sich mit lokalen muslimischen Regenten verbünden musste, um ihn zu vertreiben.

Im Jahr 1110 ging das gesamte Gebiet östlich des Euphrat an Mawdud von Mosul verloren, der diesem Erfolg jedoch, anders als sonst, keinen Angriff auf Edessa selbst folgen ließ, da er nun zu stark mit der Konsolidierung der eigenen Macht befasst war.

Nach dem Tod von Balduin I. von Jerusalem im Jahr 1118 wurde Balduin II. von Edessa dessen Nachfolger, da Eustach III. von Boulogne, der in Frankreich gebliebene Bruder des verstorbenen Balduin, den Titel in Jerusalem abgelehnt hatte. Edessa ging 1119 an Joscelin.

Joscelin I. von Edessa wurde 1122 erneut gefangen genommen, und als Balduin kam, um ihn zu befreien, erlitt dieser das gleiche Schicksal, so dass Jerusalem nun ohne König war. Joscelin gelang 1123 die Flucht und er erreichte Balduins Freilassung im Jahr darauf.

Grafen von Edessa

Balduin von Boulogne (* nach 1060; † 2. April 1118 in al-ʿArīsch), frz. Baudouin de Boulogne, war Graf von Verdun, von 1098 bis 1100 Graf von Edessa und von 1100 bis 1118 König von Jerusalem. Seine Grafschaft rührt aus Boulogne-sur-Mer am Ärmelkanal her.

Erster Kreuzzug und Karriere im Heiligen Land

1096 brach er mit Gottfried und seiner Frau Godehilde zum Ersten Kreuzzug auf, nachdem er zur Deckung der Kosten viel von seinem Besitz an die Kirche verkauft hatte. Auf dem Weg ins Heilige Land war er Geisel bei Koloman, König von Ungarn, um sicherzustellen, dass die Kreuzfahrer unterwegs nicht das Land plünderten. Er begleitete seinen Bruder bis Heraclea in Kleinasien, wo er sich gemeinsam mit Tankred vom Hauptheer absetzte, um nach Kilikien weiter zu marschieren. Es ist sicher, dass Tankred beabsichtigte, sich in der Gegend als unabhängiger Herrscher zu etablieren, und es kann angenommen werden, dass Balduin das gleiche Ziel hatte.

Errichtung einer eigenen Herrschaft

Im September 1097 übernahm Balduin Tarsus von Tankred und installierte dort mit Hilfe einer Piratenflotte aus Boulogne seine eigene Garnison. Tankred und Balduin wandten sich kurz nach Mamistra, aber die beiden konnten keinen offenen Krieg erzwingen, und marschierten schließlich auf Antiochia zu. Sie trafen in Marasch wieder auf das Hauptheer, und Balduin erfuhr, dass seine Frau Godehilde von Tosny inzwischen gestorben war. Durch Godehildes Tod verlor Balduin auch deren Erbanspruch auf die reichen Ländereien seines Schwiegervaters. Ein Armenier namens Pakrad lud sie ein, ostwärts auf den Euphrat zu marschieren. Balduin besetzte hier die Festung Turbessel. Eine zweite Einladung kam von Thoros von Edessa, der Balduin als seinen Sohn und Nachfolger adoptierte. Als Thoros ermordet wurde, wurde Balduin am 10. März 1098 zum ersten Grafen von Edessa ausgerufen, wobei unbekannt ist, inwieweit er für den Mord verantwortlich war.

Graf von Edessa

Er regierte die Grafschaft bis 1100. Er heiratete Orianta (Arda) aus Melitene, eine Tochter des armenischen Fürsten Taphnuz, und agierte in der Folgezeit als Vermittler zwischen den Kreuzrittern und den Armeniern. Die Bewohner von Edessa waren jedoch von ihrem neuen Fürsten nicht begeistert, und Balduin musste sich ständig mit einer fränkischen Wache umgeben und besuchte selbst den Gottesdienst bewaffnet und in voller Rüstung. Nach Guibert von Nogent nahm er die führenden Bürger der Stadt gefangen, klagte sie des Verrates an, ließ ihnen Hände, Füße, Ohren, Nasen, Lippen oder Zungen abschneiden und alle kastrieren und verbannte sie. In den nächsten zwei Jahren unterdrückte er eine Verschwörung armenischer Untertanen (1098), eroberte Samosata und Seruj (Sarorgia). Gegen Ende des Jahres 1099 besuchte er zusammen mit Bohemund von Tarent das inzwischen vom Hauptheer des Kreuzzugs eroberte Jerusalem, womit beide ihr Kreuzzugsgelübde formell erfüllten. Er kehrte schon im Januar 1100 nach Edessa zurück.

Balduin II. von Bourcq (* vor 1080; † 21. August 1131) war Herr von Bourcq, von 1100 bis 1118 Graf von Edessa und als Balduin II. von 1118 bis zu seinem Tod König von Jerusalem.

Er war ein Sohn des Hugo I., Graf von Rethel.

1096 bis 1099 nahm er am Ersten Kreuzzug ins Heilige Land teil. Dort überließ ihm sein Vetter Balduin von Boulogne 1101 die Grafschaft Edessa, als dieser König von Jerusalem wurde. Als Balduin von Boulogne 1118 kinderlos starb, folgte er ihm auch auf dem Thron von Jerusalem. Die Grafschaft Edessa überließ er seinem Vetter (die Mütter waren Schwestern) Joscelin von Courtenay.

Als Graf von Edessa wurde Balduin 1104 von den Seldschuken nach der Schlacht von Harran gefangen genommen und erst 1108 wieder freigelassen.

Fast unmittelbar nach seiner Thronbesteigung in Jerusalem wurde das Königreich gleichzeitig von Syrien her durch die Seldschuken und von Ägypten her durch die Fatimiden angegriffen. Balduin II. gelang es, beide Gegner zurückzudrängen. 1119 wurde das Fürstentum Antiochia angegriffen, die Kreuzfahrer unterlagen in der Schlacht von Ager Sanguinis; trotz dieser schweren Niederlage gelang es Balduin noch im gleichen Jahr, die Seldschuken aus dem Fürstentum zu vertreiben.

1123 wurde er bei einer Grenzpatrouille in der Grafschaft Edessa erneut von den Seldschuken (von Balak ibn Bahram) gefangen genommen, diesmal aber bereits im Folgejahr freigelassen. In der Zwischenzeit hatten die Kreuzritter mit Hilfe einer venezianischen Flotte Tyrus belagert und erobert. Diese Hilfe führte zur Einrichtung von Handelskolonien der italienischen Republiken, nicht nur Venedigs, in den Küstenstädten des Königreichs, die autonom und frei von Steuerlasten und militärischen Pflichten waren.

In die Regierungszeit Balduins II. fällt die Gründung der ersten beiden Ritterorden. 1118 gründete Hugo von Payns in Jerusalem den Templerorden, der seinen Namen dem Umstand verdankt, dass Balduin ihm seinen ehemaligen Palast auf dem Tempelberg als Hauptquartier zur Verfügung stellte. Auch der Johanniterorden trat bald als Militärorden auf und die karitativen Ziele, die er ursprünglich hatte, rückten in den Hintergrund.

1125 sammelte Balduin die Ritter aller Kreuzfahrerstaaten um sich und schlug die Seldschuken in der Schlacht von Azaz, obwohl deren Armee wesentlich größer war. Als Folge der Schlacht gelang es den Kreuzrittern, viel von dem Einfluss wiederherzustellen, den sie nach dem „Ager Sanguinis“ verloren hatten. Hätten Antiochia und Edessa nach dem Sieg nicht damit begonnen, sich untereinander zu bekämpfen, wäre es Balduin vielleicht gelungen, Aleppo zu erobern. Stattdessen wurden Aleppo und Mosul 1128 unter Zengi vereint. Balduin wandte sich in der Folge gegen Damaskus, dessen Eroberung aber fehlschlug.

Balduin II. hatte 1101 Morphia von Melitene geheiratet, die Tochter des armenischen Fürsten Gabriel von Melitene. Balduin hatte keine Söhne, aber vier Töchter, Melisende, Alice, Hodierna und Ioveta. Er verheiratete Melisende 1129 mit dem Grafen Fulko V. von Anjou; Fulko und Melisande regierten nach Balduins Tod 1131 gemeinsam. Alice heiratete Bohemund II. von Antiochia, Hodierna Raimund II., den Grafen von Tripolis; Ioveta wurde Äbtissin von Bethanien.

Joscelin von Courtenay († 1131) war als Joscelin I. von Edessa Graf von Edessa. Er regierte die Grafschaft während des Zenits ihres Bestehens, von 1118 bis 1131. Sein militärisches Können hielt die weiten und labilen Grenzen des Landes zusammen

Er war ein jüngerer Sohn des Joscelin von Courtenay und der Elisabeth von Montlhéry. Er erreichte das Heilige Land mit dem kleineren Kreuzzug von 1101, der im Anschluss an den erfolgreichen Ersten Kreuzzug stattfand. Er wurde bald einer der wichtigsten Gefolgsleuten seines Vetters des Grafen Balduin II. von Edessa (die Mütter waren Schwestern). Balduin ernannte ihn zum Kommandeur der Festung Turbessel am Euphrat, einem wichtigen Außenposten der Grafschaft im Kampf gegen die Seldschuken.

1104 geriet er in der Schlacht von Harran zusammen mit seinem Herren Balduin in die Gewalt der Muslime und wurde drei Jahre lang, bis 1107, von ihnen gefangen gehalten. 1113 erhielt er von Balduin I. das Fürstentum Galiläa.

Als Balduin II. 1118 im Königreich Jerusalem als Nachfolger Balduins I. König wurde, machte er Joscelin 1119 in Edessa zu seinem Nachfolger als Graf. Dies war auch der Lohn für das Engagement Joscelins bei der Königswahl zu Gunsten Balduins II.

Der schwerverletzte Joscelin führt seine Truppen zum Entsatz von Kaisun. (Miniatur in einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert.)

Joscelin wurde 1122 erneut gefangen genommen, und als Balduin II. kam, um ihn zu befreien, geriet dieser ebenfalls in Gefangenschaft, so dass Jerusalem nun ohne König war. Joscelin gelang 1123 die Flucht und er erreichte Balduins Freilassung im Jahr darauf.

1125 nahm er an der Schlacht von Azaz teil, einem Sieg der Kreuzritter gegen den Atabeg von Mosul.

1131, während der Belagerung einer kleinen Burg im Nordosten Aleppos, wurde er durch den Einsturz eines Pioniergrabens schwer verletzt, woraufhin er die Regierung der Grafschaft an seinen Sohn Joscelin II. übergab. Kurze Zeit später erhielt er die Nachricht, dass der Danischmenden-Emir Ghazi gegen die Stadt und Festung Kaisun marschiere. Als sein Sohn der Stadt die Hilfe verweigerte, befahl er seiner eigenen Armee, aufzubrechen, wobei Joscelin auf einer Bahre an der Spitze des Heeres getragen wurde. Als Ghazi von Joscelins Kommen hörte – vielleicht hielt er ihn auch bereits für tot – hob er die Belagerung auf und zog sich zurück. Kurze Zeit darauf starb Joscelin am Straßenrand.

Joscelin war in erster Ehe mit einer Tochter des Fürsten Konstantin I. von Armenien verheiratet, in zweiter Ehe mit Maria von Salerno, der Schwester des Roger von Salerno, Regent von Antiochia.

Das Armenische Königreich von Kilikien, genannt Königreich Kleinarmenien, war ein mittelalterlicher Staat, der von Armeniern gegründet wurde, die nach der seldschukischen Eroberung aus Armenien geflohen waren. Das Königreich war von 1080 bis 1375 unabhängig.

Es lag im Südosten der heutigen Türkei in der Region Kilikien und stellte das südwestlichste Siedlungsgebiet der Armenier dar. Es ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen antiken Region Kleinarmenien (Armenia Minor), die sich am Oberlauf des Euphrat in Ostanatolien erstreckte.

Joscelin II. von Edessa (* 1113; † 1159 in Aleppo) war ab 1131 der letzte regierende Graf von Edessa.

Er wurde in der Schlacht von Azaz 1125 von den Muslimen gefangen genommen, und von Balduin II., König von Jerusalem wieder freigekauft. 1131 war sein Vater, Joscelin I. in einer Schlacht gegen die Danischmenden schwer verletzt worden, woraufhin er ihm die Grafschaft übergab. Als Joscelin II. sich weigerte, mit der kleinen Armee Edessas gegen die Danischmenden zu marschieren, zwang Joscelin I. diese selbst zum Rückzug, starb aber wenig später.

Joscelin II. regierte den schwächsten und isoliertesten der Kreuzfahrerstaaten. 1138 verbündete er sich mit dem Fürstentum Antiochia und dem byzantinischen Kaiser Johannes II. Komnenos, um Zengi, den Atabeg von Aleppo anzugreifen, erlitt aber eine Niederlage. Zurück in Antiochia schürte er einen Aufruhr gegen das Byzantinische Reich, weil Johannes II. versuchte, sein Gebiet auf Kosten der Kreuzfahrer zu erweitern: Johannes war gezwungen, sich zurückzuziehen.

1143 starben sowohl König Fulko von Jerusalem als auch Johannes II., so dass Joscelin II. ohne kraftvolle Alliierte bei der Verteidigung Edessas blieb. Als Joscelin II. den strategischen Fehler beging und nach einem Hilferuf eines artuquidischen Herrschers im Herbst 1144 mit einem großen Heer Edessa verließ, belagerte Zengi die schutzlose Stadt und eroberte sie am 24. Dezember 1144. Es kam zu einem grausamen Massaker an der Zivilbevölkerung Edessas durch die Truppen Zengis.[1] Joscelin floh nach Turbessel, von wo aus er die westlich des Euphrats liegenden Reste der Grafschaft verteidigte. Als Zengi 1146 starb, versuchte Joscelin die Rückeroberung Edessas, wurde aber von Zengis Sohn Nur ad-Din zurückgeschlagen. Der Zweite Kreuzzug, der als Antwort auf den Fall Edessas begonnen wurde, war auch nicht in der Lage, die Muslime zu schlagen. 1150 wurde Joscelin auf einer Reise nach Antiochia von seiner Begleitung getrennt und fiel in die Hände turkmenischer Muslime. Zengis Sohn und Nachfolger Nur ad-Din ließ Joscelin gefangen nehmen, blenden und in ein Verlies der Zitadelle von Aleppo werfen, wo der Graf nach neun Jahren starb.

Joscelin II. heiratete um 1132 Beatrix, die Witwe des Wilhelm von Sahyun. Seine Tochter Agnes von Courtenay heiratete König Amalrich I. von Jerusalem. Sein Sohn Joscelin III. war nur noch Titulargraf von Edessa.

Joscelin III. (* um 1135; † vor 1200) aus der Adelsfamilie Courtenay war Titulargraf von Edessa sowie Baron im Königreich Jerusalem.

Untergang

1131 starb Joscelin I. an den Folgen einer Verletzung, die er sich während einer Belagerung zugezogen hatte. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Joscelin II. Zu dieser Zeit hatte Zengi Aleppo und Mosul unter seine Herrschaft gebracht und bedrohte verschiedene artuqidische und kurdische Herrschaftsgebiete. <Imad ad-Din Zengi (auch Zangi oder Zengui; * 1087; † 14. September 1146 bei Qalʿat Dschaʿbar/Nordsyrien) war seit 1127 der Atabeg (d. h. ein Prinzenerzieher) von Mossul, der Gründer der Zengiden-Dynastie und ein namhafter Gegenspieler der Kreuzfahrer (Einnahme Edessas 1144). > Joscelin II. reagierte auf einen Hilferuf des artuqidischen Herrschers von Hisn Kaifa und verließ mit einem großen Heer Edessa. Daraufhin belagerte Zengi ab dem 16. November 1144 die schutzlose Stadt und konnte sie am 24. Dezember des Jahres einnehmen, am 26. Dezember fiel auch die Zitadelle. In der Folge kam es zu einem Massaker an der Bevölkerung der Stadt. Ein armenischer Einwohner beschrieb, dass „die Muslime unbarmherzig Unmengen von Blut vergossen, sie hatten weder vor den alten Menschen Respekt, noch kannten sie Mitleid mit den unschuldigen, lämmergleichen Kindern“. Der Fall Edessas wurde zum Auslöser des Zweiten Kreuzzugs von 1146.

Joscelin regierte jetzt nur noch die Gebiete westlich des Euphrats rund um Turbessel, bis er 1149 in einer Schlacht durch Zengis Sohn Nur ad-Din gefangen genommen wurde. Er blieb in Gefangenschaft bis zu seinem Tod 1159. Seine Frau verkaufte die Reste der Grafschaft an den byzantinischen Kaiser Manuel I. Komnenos, jedoch wurden die ihr verbliebenen Festungen von Nur ad-Din und dem Sultan von Rum Mas’ud I. innerhalb eines Jahres weggenommen. Edessa war der erste Kreuzfahrerstaat, der entstand, und der erste, der wieder verloren ging.

Geographie und Demographie

Edessa war nach dem Umfang der größte der Kreuzfahrerstaaten, nach der Einwohnerzahl der kleinste. Die Stadt Edessa hatte rund 10.000 Einwohner, der Rest der Grafschaft bestand fast ausschließlich aus Befestigungsanlagen. Die Grafschaft erstreckte sich in ihrer größten Ausdehnung von Antiochia im Westen bis über den Euphrat hinaus und reichte im Norden bis an das Königreich Kleinarmenien. Im Süden und Osten lagen die mächtigen muslimischen Städte Aleppo und Mosul, und die Dschazira, das Zweistromland, das ebenfalls nicht mehr zur Grafschaft gehörte. Die Bewohner waren zumeist Syrer, Jakobiten und armenische Christen, dazwischen einige griechisch-orthodoxe Christen und Muslime. Obwohl die Zahl der Lateiner immer klein blieb, gab es einen katholischen Patriarchen.

Veranstaltung vom 28.11.2018

Exkurs:

Aufstellung und Aufbruch des Kreuzritterheeres

Volkskreuzzug

Durch die Kreuzzugspredigt des Papstes veranlasst, brach im Frühjahr 1096 eine unorganisierte Volksmasse in Richtung Palästina auf. Dieses Kreuzfahrerheer bestand in erster Linie aus einfachen Menschen, Bauern und ihren Familien, weshalb man auch vom Volkskreuzzug spricht. Allerdings waren auch niedriger Adel und einzelne Ritter unter den Kreuzfahrern. Geführt wurde der Zug von Predigern wie Peter von Amiens (1050-1115). Seine ersten Opfer fand dieser voreilige Kreuzzug bereits in Ostfrankreich und im Rheinland (Köln, Mainz, Worms), wo es zu Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung kam. Auch auf dem Balkan, bei Belgrad und Niš, kam es zu Ausschreitungen und Plünderungen, wobei die Kreuzfahrer erstmals auf stärkeren Widerstand stießen. Dabei folgten die Kreuzritter der Via Militaris in Richtung Südosten. Nachdem die Kreuzfahrer im August in Konstantinopel angekommen waren, ließ der um seine Hauptstadt besorgte Kaiser Alexios I. sie so schnell wie möglich über den Bosporus befördern. In Kleinasien trafen sie im Oktober 1096 bei Nicäa auf Truppen der Rum-Seldschuken, die einen Großteil des undisziplinierten Kreuzheeres vernichteten. Die Überlebenden, unter ihnen auch Peter von Amiens, kehrten nach Konstantinopel zurück, um auf die nachfolgenden Kreuzfahrer zu warten.

Im selben Jahr 1096 formierte sich ein deutlich besser organisiertes und für damalige Verhältnisse sehr großes Kreuzfahrerheer, das in erster Linie aus Franzosen, französischen und süditalienischen Normannen, Flamen und Lothringern bestand. Anführer des Kreuzzuges waren Robert von der Normandie,

Robert II., genannt Robert Kurzhose, (englisch Robert Curthose, französisch Robert Courteheuse; * 1054; † Februar 1134 in Cardiff, Wales)[1] war Herzog der Normandie. Er war der älteste Sohn von Wilhelm I. dem Eroberer sowie älterer Bruder von Wilhelm Rufus und Heinrich, beide Könige von England.

Von 1087 bis 1106 war er Herzog der Normannen. Er verpfändete sein Herzogtum an die Krone Englands, um am Ersten Kreuzzug teilzunehmen, auf dem er eine große Armee von Normannen, Engländern und Bretonen führte.

1096 beteiligte sich Robert am Ersten Kreuzzug ins Heilige Land. Es wird berichtet, dass er zum Zeitpunkt seiner Abreise derart arm gewesen sein soll, dass er teilweise tagsüber im Bett blieb, weil er nichts anzuziehen hatte. Um Geld für den Kreuzzug zu bekommen, verpfändete er seine Grafschaft an seinen Bruder Wilhelm für die Summe von 10.000 Mark. Schon während des Kreuzzugs berichtete man über Robert, dass er zwar auf dem Schlachtfeld hervorragend kämpfen könne, aber als General versagt habe. Sein politischer Ehrgeiz bezog sich aber nicht auf einen der Kreuzfahrerstaaten, sondern auf die Thronfolge in England.

Die Brüder Robert und Wilhelm vereinbarten, dass sie gegenseitig Erben von England und der Normandie sein sollten. Daher hätte eigentlich Robert den englischen Thron besteigen müssen, als sein Bruder Wilhelm am 2. August 1100 starb. Er war zu diesem Zeitpunkt auf der Rückreise vom Kreuzzug und hatte eine reiche Braut geheiratet, um Geld zur Auslösung seines Herzogtums zu erhalten. Währenddessen bestieg sein jüngerer Bruder Heinrich den Thron.

Bis 1106 kämpfte er gegen seinen Bruder um die Herrschaft in England. Dann verlor er das Herzogtum Normandie an England. Anschließend verbrachte er die Jahre bis zu seinem Tod 1134 in englischen Gefängnissen.

Gottfried von Bouillon,

Bohemund von Tarent,

Bohemund von Tarent (auch: Boëmund, Bohemond, Bohemund I., Bohemund von Antiochia etc.) (* 1051/52; † 7. März 1111) aus dem normannischen Adelsgeschlecht Hauteville war ab 1085 Fürst von Tarent, ab 1096 einer der Anführer des Ersten Kreuzzugs und ab 1098 Fürst von Antiochia.

Bohemund war der älteste Sohn von Robert Guiskard und dessen erster Frau Alberada von Buonalbergo (Aubrée de Bonauberge). Er wurde vermutlich in San Marco Argentano in Kalabrien geboren. Eigentlich auf den Namen Marcus getauft, gab ihm sein Vater, nachdem er eine Geschichte über einen Riesen Buamundus gehört hatte, dem von Geburt an riesigen Kind den Namen Bohemund.

Er nahm am griechischen Feldzug seines Vaters (1080–1085) gegen Alexios I. teil, und führte die Normannen während der Rückkehr seines Vaters nach Süditalien (1082–1084) bis nach Thessalien, wo er von Alexios schließlich zurückgeschlagen wurde.

Nach des Vaters Tod (1085) wurde Bohemund mit Tarent belehnt, nicht jedoch mit dem lukrativeren Apulien, das sein Halbbruder Roger Borsa erhielt.

1096 griffen Bohemund und sein Onkel Roger I. Amalfi an, das sich erhoben hatte, als Gruppen von Kreuzfahrern auf dem Weg nach Konstantinopel durch Italien zogen. Bohemund schloss sich ihnen mit einem eigenen Kontingent an, setzte über die Adria in das heutige Albanien und zog über die alte Via Egnatia nach Osten. Er kam am 9. April 1097 in Konstantinopel an und war bei der Durchquerung Kleinasiens und der Schlacht von Doryläum dann der faktische Anführer des Ersten Kreuzzugs.

Als Politiker war Bohemund entschlossen, den Enthusiasmus der Kreuzfahrer für seine eigenen Ziele einzuspannen. Er war der erste, der (im Oktober 1097) vor Antiochia Stellung bezog und hatte großen Anteil an der Belagerung der Stadt. Durch Verrat gelang am 2. Juni 1098 die Eroberung Antiochias, aber erst der Sieg über Kerbogas großes Entsatzheer in einer folgenden zweiten Belagerung sicherte den Besitz der Stadt, die Bohemund auch gegen Raimund IV. von Toulouse im Folgenden als eigenes Fürstentum behauptete. Bohemund blieb in Antiochia, während die übrigen Kreuzfahrer sich auf den Weg nach Süden machten, zur Belagerung Jerusalems.

Erst zum Ende des Jahres 1099 pilgerte er zusammen mit Balduin von Boulogne nach Jerusalem und erfüllte damit sein Kreuzzugsgelübde. Im Dezember 1099 wurde er dort vom apostolischen Legaten und Patriarchen von Jerusalem Daimbert von Pisa offiziell mit dem Fürstentum Antiochia belehnt.

Nach dem Tod des Gottfried von Bouillon am 18. Juli 1100 wurde Bohemund auch die Krone von Jerusalem angetragen. Die Annahme wurde ihm aber unmöglich, da er noch im selben Jahr in die Gefangenschaft des Danischmenden-Emirs Danischmend Ghazi geriet, aus der er sich erst 1103 mit Hilfe des Gregorios Taronites loskaufen konnte. Nach einer erfolglosen Unternehmung gegen Hârran (siehe Schlacht von Harran), die seine Pläne vereitelte, sein Herrschaftsgebiet nach Osten auszudehnen, kehrte Bohemund 1104 wieder nach Italien zurück, um ein Heer zu sammeln.  Er wollte dies nun gegen Alexios I. einsetzen, wurde aber von diesem 1108 in Albanien geschlagen und musste dessen Lehnsherrschaft anerkennen.

Bohemund starb 1111, ohne in den Osten zurückzukehren, und wurde in Apulien begraben (Canosa).

Raimund IV. von Toulouse,

Raimund IV. von Toulouse (genannt Raimund von Saint-Gilles; * 1041/42 in Toulouse; † 28. Februar 1105 auf der Burg Mons Peregrinus bei Tripolis) aus dem Geschlecht der Raimundiner war seit 1094 Graf von Toulouse und Markgraf der Provence und seit 1102 Graf von Tripolis. Er war einer der bedeutendsten Heerführer des Ersten Kreuzzuges.

Am 27. November 1095 rief Papst Urban II. auf der Synode von Clermont zum ersten Kreuzzug auf, vier Tage danach war Raimund IV. der erste bedeutende Fürst, der das Kreuz nahm. Im Oktober 1096 machte sich Raimund als ältester und reichster der Kreuzritter in Begleitung seiner Frau auf den Weg nach Jerusalem. Er führte einen der Heereszüge des Kreuzzuges an, bestehend aus Südfranzosen, hauptsächlich Provenzalen und Burgundern. Sie marschierten durch Norditalien, an der dalmatinischen Küste entlang bis Dyrrhachion (Durrës), wo sie die alte römische Heeresstraße, die Via Egnatia nach Konstantinopel erreichten, auf der auch Bohemund von Tarent nach Osten zog. In Konstantinopel traf er mit den anderen Heereszügen zusammen. Dort war er der einzige der Anführer des Kreuzzugs, der dem byzantinischen Kaiser Alexios I. den Lehnseid verweigerte und stattdessen eine modifizierte Eidesformel aushandelte, in der er sich lediglich verpflichtete, Leben und Ehre des Kaisers zu achten.

Er war an der Belagerung Nicäas und der Schlacht von Doryläum beteiligt, eine wichtige Rolle spielte er aber erst im Oktober 1097 bei der Belagerung Antiochias: Die Kreuzfahrer hatten Gerüchte gehört, dass Antiochia von den Seldschuken verwüstet worden sei, woraufhin Raimund seine Armee voraussandte, um die Stadt zu besetzen. Dadurch kam er Bohemund in die Quere, der sie für sich selbst beanspruchte. Antiochia war jedoch intakt und konnte von den Kreuzrittern erst im Juni 1098 eingenommen werden. Raimund besetzte den Palatium Cassiani (den Palast des Emirs Yaghi-Siyan) und den Turm am Brückentor. Die zweite Belagerung Antiochias, jetzt durch die Truppen Kerbogas, des Atabegs von Mosul, erlebte er vom Krankenbett aus mit, ebenso die Auffindung der Heiligen Lanze durch Peter Bartholomäus und den darauf aufbauenden Sieg der Kreuzritter, mit dem sie die Araber vertreiben konnte. Die Lanze wurde die wertvollste Reliquie bei Raimunds Gefolgsleuten, trotz der skeptischen Haltung Adhemar de Monteils, des Bischofs von Le Puy-en-Velay und Apostolischen Legaten.

Raimund weigerte sich, seine Besitzungen innerhalb der Stadt an Bohemund abzutreten, indem er ihn daran erinnerte, dass er sie ja an Alexios I., seinem Eid gemäß, weitergeben müsse. Der folgende Streit zwischen Raimunds und Bohemunds Anhängern drehte sich zum Teil um die Echtheit der Lanze, vor allem aber den Besitz Antiochias.

Viele der einfacheren Ritter und Fußsoldaten warteten jedoch darauf, nach Jerusalem weiterzuziehen und überzeugten Raimund im Herbst 1098 davon, sie zu führen. Bohemund blieb zurück, eine kleine Abordnung von Raimunds Männern ebenfalls (die von Bohemund im Januar 1099 verjagt wurden), der große Rest folgte Raimund, der, da Adhemar mittlerweile gestorben war, nun im Besitz der Heiligen Lanze und der unangefochtene Anführer des Kreuzzugs war.

Maara wurde im Dezember 1098 erobert, die Belagerung von Arqa im Emirat Tripolis begann am 14. Februar 1099 – beides offensichtlich mit der Absicht, ein unabhängiges Territorium zu erlangen, das die Macht Bohemunds nach Süden hin beschränken sollte. Die Belagerung Arqas vor den Toren Tripolis’ dauerte länger als gehofft; zwar gelang die Eroberung von Hisn al-Akrad, einer Burg, die später den Namen Krak des Chevaliers bekam, nicht aber die von Tripolis selbst, was den Weiterzug nach Jerusalem verzögerte und Raimund viel von der Unterstützung kostete, die er nach Antiochia erworben hatte, als er darauf bestand, diese Aufgabe zuerst abzuschließen.

Schließlich stimmte Raimund am 13. Mai einem Weiterzug nach Jerusalem zu, dessen Belagerung am 15. Juli mit der Erstürmung der Stadt und einem Massaker an den Bewohnern endete. Raimund wurde die Krone Jerusalems angetragen, er lehnte jedoch mit der Begründung ab, er wolle in der Stadt, in der Christus die Dornenkrone getragen habe, keine Königskrone tragen. (Evt. war dies ein Echo auf zuvor gehaltene Predigten.) Ein weiterer möglicher Grund für seine Ablehnung ist, dass er lieber die Belagerung von Tripolis weiterführen wollte. Durch die Ablehnung verschaffte er sich zunächst große Beliebtheit, doch trat nun Gottfried von Bouillon die Herrschaft an, wenn auch unter dem bescheideneren Titel eines Princeps („Fürst“). Raimund lehnte es zunächst auch ab, den Davidsturm herauszugeben, den er nach dem Fall der Stadt besetzt hatte, und es bedurfte einiger Anstrengungen seitens Gottfrieds, um ihn umzustimmen.

Raimund nahm an der Schlacht von Askalon kurz nach der Eroberung Jerusalems teil, in der eine ägyptische Armee geschlagen wurde. Der Streit zwischen ihm und Gottfried um den Besitz Askalons führte dazu, dass die Stadt bis 1153 nicht erobert wurde. Auch gelang es ihm nicht, Arsuf zu erobern, was ihm Vorwürfe seitens Gottfrieds eintrug.

Als Raimund im Winter 1099–1100 nach Norden zog, leistete er sich als erstes einen feindlichen Akt gegenüber Bohemund, als er Laodicea eroberte, das Bohemund kurz zuvor Alexios abgenommen hatte. Von hier aus reiste er nach Konstantinopel, wo er sich mit Alexios gegen Bohemund verbündete, der zu der Zeit versuchte, seine Besitzungen auf Kosten Byzanz’ zu erweitern, und sich weigerte, seinem Eid gegenüber dem Byzantinischen Reich nachzukommen.

Kreuzzug von 1101

Raimund schloss sich dem kleineren und schließlich erfolglosen Kreuzzug von 1101 an, der in Herakleia in Anatolien geschlagen wurde. Raimund floh und kehrte nach Konstantinopel zurück, von dort aus 1102 über See nach Antiochia, wo er von Tankred gefangen genommen wurde, der das Fürstentum während Bohemunds eigener Gefangenschaft regierte. Er wurde erst freigelassen, als er versprach, keinen Versuch zu unternehmen, das Land zwischen Antiochia und Akko zu erobern – eine Zusage, die er sofort brach, indem er – mit Unterstützung durch Alexios, dem es wichtig war, in Tripolis einen Verbündeten zu haben, um das feindliche Antiochia auszubalancieren – Tortosa angriff und eroberte und dann damit begann, auf dem Mons Peregrinus (Pilgersberg) vor den Toren von Tripolis eine Burg zu bauen, die ihm die Belagerung der Stadt erleichtern sollte.

Raimund starb 1105, ohne Tripolis erobert zu haben. Ihm folgte sein Blutsverwandter Wilhelm-Jordan, der Graf von Cerdagne als Vormund seines zweijährigen Erben Alfons Jordan, dem 1109 mit Hilfe Balduins I., König von Jerusalem, die Eroberung Tripolis’ und damit die Errichtung der Grafschaft Tripolis gelang.

Balduin von Boulogne,

Robert von Flandern,

Robert II., genannt von Jerusalem (lat: Robertus Hierosolimitanus; * um 1065; † 5. Oktober 1111 bei Meaux), war ein Graf von Flandern aus dem Haus Flandern. Er war der älteste Sohn des Grafen Robert I. des Friesen und der Gertrude Billung, einer Tochter des Herzogs Bernhard II. von Sachsen.

Robert übernahm bereits in den Jahren 1086 bis 1090 die Regentschaft in Flandern, während sein Vater eine Pilgerreise in das heilige Land beging. Nach dem Tod des Vaters 1093 konnte er von seinem Vetter aus dem Hennegau unbestritten in der Grafschaft Flandern nachfolgen. Er nahm am ersten Kreuzzug teil, bei dem er sich vor allem bei der Schlacht von Doryläum, der Belagerung Antiochias, der Belagerung Jerusalems und der abschließenden Schlacht von Askalon hervortat. Aufgrund dieser Teilnahme wurde er als Robert von Jerusalem oder Robert der Kreuzfahrer bekannt. Spätestens im Frühjahr 1100 war er wieder in Flandern.

Hugo von Vermandois und weitere Angehörige des französischen und normannischen Adels

Hugo Magnus von Vermandois (* 1057; † 18. Oktober 1101[1]) war durch Ehe Graf von Valois und Vermandois sowie ein Anführer des Ersten Kreuzzugs.

Hugo war der dritte Sohn König Heinrichs I. von Frankreich und dessen dritter Frau Anna von Kiew. Sein ältester Bruder Philipp I. erbte 1060 den väterlichen Thron.

Anfang 1096 erreichte die Nachricht über die Synode von Clermont und den Ersten Kreuzzug den französischen Hof in Paris. König Philipp konnte nicht teilnehmen, da er exkommuniziert war, von Hugo wird gesagt, dass ihn die Mondfinsternis am 11. Februar 1096 veranlasste das Kreuz zu nehmen.

Im Sommer brach Hugo mit seiner Armee in Paris auf und zog durch Italien nach Bari, von wo aus er die Adria überqueren und das Byzantinische Reich erreichen wollte, anders als viele übrige Kreuzfahrer, die auf dem Landweg über den Balkan reisten. Unterwegs schlossen sich ihm viele Kreuzfahrer an, die zur Gruppe des Grafen Emicho gehörten , aber in Ungarn geschlagen worden waren, nachdem sie das Land geplündert hatten. Hugo überquerte die Adria von Bari aus, verlor aber viele Schiffe durch einen Sturm vor dem Hafen von Dyrrhachion (Albanien). Hugo und der größte Teil seiner Truppen wurden vom byzantinischen Gouverneur Johannes Komnenos gerettet und anschließend entlang der Via Egnatia (der östlichen Fortsetzung der Via Appia, direkte Verbindung von Rom nach Konstantinopel) begleitet, wo sie im November 1096 ankamen. Seine Ankunft kündigte er mit einem arroganten und beleidigenden Brief an den Kaiser Alexios I. an, in dem er ihn aufforderte, sich mit ihm zu treffen:

„Wisse, o König, dass ich König der Könige bin, und über allen stehe, die unter dem Himmel sind. Dir ist nun erlaubt, mich bei meiner Ankunft zu grüßen, und mit Pracht zu empfangen, wie es meinem Adel geziemt.“

Alexios war aufgrund des Volkskreuzzugs unter Peter dem Einsiedler, der früher im Jahr durchgezogen war, bereits vorsichtig in Bezug auf die Armeen, die angekündigt waren, und hielt Hugo in einem Kloster fest, bis dieser ihm den Vasalleneid geleistet hatte. Nachdem die letzten Kreuzfahrerteilheere im April 1097 in Konstantinopel eingetroffen waren und sich zu einem Gesamtheer vereinigt hatten, wurde die Reise durch Kleinasien fortgesetzt.

Nachdem die Kreuzfahrer erfolgreich das Gebiet der Rum-Seldschuken in Kleinasien durchquert und die Belagerung Antiochias siegreich hinter sich gebracht hatten, wurde Hugo zusammen mit Balduin II. von Hennegau Anfang Juli 1098 nach Konstantinopel zurückgeschickt, um von Alexios Verstärkung zu erbitten. Der Kaiser war jedoch nicht interessiert. Hugo kehrte daraufhin nach Frankreich zurück, anstatt sich den Planungen für die Eroberung Jerusalems anzuschließen.

In Frankreich wurde er verachtet, weil er sein Gelübde nicht erfüllt hatte, bis nach Jerusalem zu pilgern, und Papst Paschalis II. drohte ihm mit Exkommunikation. Daraufhin schloss er sich dem kleineren Kreuzzug von 1101 an, auf dem er in einer Schlacht gegen die Rum-Seldschuken bei Herakleia im Juni durch einen Pfeiltreffer am Knie verwundet wurde. Er entkam nach Tarsus, wo er am 18. Oktober 1101 an seinen Verletzungen starb. Er wurde in der Paulskirche in Tarsus begraben.

Päpstlicher Kreuzzugslegat war Adhemar de Monteil, Bischof von Le Puy. Man konnte sich nicht auf einen Oberbefehlshaber einigen, was im Verlaufe des Kreuzzuges zu diversen Konflikten führen sollte.

Das Kreuzritterheer brach in mehreren großen Zügen auf und vereinigte sich in Konstantinopel, wo die ersten von ihnen im November 1096, die letzten im April 1097 eintrafen. Nach neueren Schätzungen belief sich die Größe des Heeres auf rund 7.000 Ritter und adlige Herren sowie ein 22.000 Mann starkes Fußvolk. Einschließlich Unbewaffneter umfasste das Gesamtheer rund 50.000 bis 60.000 Menschen. Die Anzahl der Pferde wird auf 50.000 geschätzt. Alexios ließ die Teilheere der Kreuzfahrer schnell über den Bosporus nach Kleinasien verschiffen, wo sie auf die anderen warteten.

>>>

Fürstentum Antiochia

Das ebenfalls 1098 errichtete Fürstentum Antiochia wurde unter seinen ersten normannischen Herrschern Bohemund von Tarent († 1111) und dessen Neffen Tankred von Tiberias († 1112) durch Eroberungen gegen die Muslime und Byzanz erweitert. Sie hinterließen einen gefestigten Staat, für den aber Raimund von Poitiers 1137 dem byzantinischen Kaiser huldigen musste. 1268 erlag Antiochia, inzwischen wirtschaftlich verarmt, einem Mamlukenheer des Sultans Baibars von Ägypten.

Das Fürstentum Antiochia oder Antiochien in Syrien und Teilen der heutigen Türkei war einer der Kreuzfahrerstaaten, die während des Ersten Kreuzzugs entstanden. Das Fürstentum bestand von 1098 bis 1268.

Geschichte

Nach der beschwerlichen Durchquerung Kleinasiens erreichte das Hauptheer des Ersten Kreuzzugs die seit 1085 in seldschukischer Hand befindliche Stadt Antiochia. Bohemund von Tarent kommandierte die Belagerung der Stadt, die im Oktober 1097 begann. Die Stadt war mit ihren mehr als 400 Türmen fast uneinnehmbar. Die Belagerung dauerte den Winter durch, Hungersnot brach unter den Kreuzfahrern aus, die oft gezwungen waren, ihre eigenen Pferde zu essen.

Die Stadt fiel durch Verrat in die Hand der Kreuzritter: Bohemund gelang es, eine Wache in einem der Türme, einen früheren Christen namens Firuz, dazu zu überreden, ihn und einige Begleiter über eine Lederleiter in die Stadt zu lassen. Am 3. Juni 1098 stürmten sie die Stadt, dem Sturm folgte ein Massaker an der muslimischen Bevölkerung, sowie nur vier Tage später die nächste Belagerung: ein vereintes muslimisches Heer traf ein und umzingelte nun seinerseits die Christen in der Stadt. Das muslimische Heer wurde von Kerboga aus Mosul geführt und bestand des Weiteren aus verbündeten Truppen des Duqaq aus Damaskus, des Ridwan aus Aleppo, sowie Truppen aus Persien und Ortoqiden aus Mesopotamien. Alexios I. Komnenos, der byzantinische Kaiser, der auf dem Weg war, um die Kreuzfahrer zu unterstützen, machte kehrt, als er die Nachricht erhielt, die Stadt sei wieder verloren gegangen.

Die Kreuzritter hielten der Belagerung jedoch mit Hilfe des Mystikers Peter Bartholomäus stand. Peter behauptete, Visionen des Apostels Andreas gehabt zu haben, der ihn informierte, dass die Heilige Lanze, die Jesus am Kreuz durchbohrt habe, in Antiochia sei – in der St. Peter-Kirche wurde gegraben und die Lanze von Peter selbst gefunden. Obwohl Peter sie höchstwahrscheinlich selbst dort hinterlegt hatte (die Führer des Kreuzzugs waren selbst sehr skeptisch), stärkte der Fund die Moral der Truppe erheblich. Zur gleichen Zeit brachen Uneinigkeiten unter den Führern des muslimischen Heeres aus. Mit der neu entdeckten Reliquie an der Spitze stellten sich die Kreuzfahrer am 28. Juni 1098 vor der Stadt zum Kampf. Kerboga fand sich einer für ihn überraschend motivierten und geeinten Truppe gegenüber, während sein Heer in Fraktionen zerfiel. Nach kurzem Kampf flohen die Muslime in ihre jeweilige Heimat.

Nach dem Sieg gab es eine lange Diskussion zu der Frage, wer die Stadt beherrschen solle. Bohemund und die übrigen italienischen Normannen setzten sich durch. Während der Rest des Kreuzzugsheeres im Januar 1099 Richtung Jerusalem weiterzog, blieb Bohemund in Antiochia und nahm den Titel eines Fürsten an. Anders als Balduin in Edessa, der bereits in Frankreich ein Graf war, führte Bohemund keinen entsprechenden Adelstitel, was aber bei der Gründung des Fürstentums nicht hinderlich war. 1100 wurde Antiochia auch Sitz des neugegründeten lateinischen Erzbistums Antiochia.

Frühe Geschichte

Bohemund wurde im Jahr 1100 in einer Schlacht gegen die Danischmenden gefangen genommen, woraufhin sein Neffe Tankred zum Regenten von Antiochia ernannt wurde. Tankred erweiterte das Herrschaftsgebiet des Fürstentums, indem er die Städte Tarsus und Latakia dem Byzantinischen Reich abnahm. Bohemund wurde 1103 freigelassen und reiste 1105 nach Italien, ließ dabei Tankred erneut als Regent zurück, um frische Truppen anzuwerben, mit denen er 1107 die Byzantiner von Westen aus angriff. Er wurde 1108 bei Dyrrhachium geschlagen und von Alexios I. gezwungen, den Vertrag von Devol zu unterzeichnen, der Antiochia nach Bohemunds Tod zum byzantinischen Vasallenstaat machen sollte – Bohemund hatte bereits bei seinem Aufenthalt in Konstantinopel 1097 zugesagt, alles zurückeroberte Land dem Kaiser zurückzugeben. Nach seiner Rückkehr nach Antiochia kämpfte er mit Balduin und Joscelin von Courtenay aus der Grafschaft Edessa gegen Aleppo, wobei Balduin und Joscelin gefangen genommen wurden, woraufhin Tankred auch hier Regent wurde. Bohemund kehrte erneut nach Italien zurück, wo er 1111 starb.

Alexios forderte nun Tankred auf, das Fürstentum an Byzanz zurückzugeben, Tankred hingegen, der der einzige Anführer des Kreuzzugs war, der 1097 den Eid in Byzanz nicht geleistet hatte (die anderen hatten zwar geschworen, hielten sich aber nicht daran), weigerte sich mit Rückendeckung aus Tripolis und Jerusalem. Tankred starb 1112, ihm folgte Bohemund II. unter der Regentschaft von Tankreds Neffen Roger von Salerno, der 1113 einen Angriff der Seldschuken zurückschlug.

Am 27. Juni 1119 wurde Roger in der Schlacht von Ager Sanguinis getötet. Antiochia wurde nun ein Vasallenstaat Jerusalems mit Balduin II. als Regent bis 1126 (obwohl Balduin in dieser Zeit lange in Gefangenschaft in Aleppo war). Bohemund II. regierte nur vier Jahre selbst und hinterließ das Fürstentum 1131 seiner jungen Tochter Konstanze; Balduin II. übernahm erneut die Regentschaft, starb aber selbst kurze Zeit später, und gab die Herrschaft an Fulko weiter. 1136 heiratete Konstanze zehnjährig den 36-jährigen Raimund von Poitiers.

Raimund griff, wie seine Vorgänger, die byzantinische Provinz Kilikien an. Diesmal jedoch schlug der Kaiser, Johannes II. Komnenos, zurück. Er tauchte 1138 vor Antiochia auf und zwang Raimund den Treueid ab, wurde dann aber durch einen von Joscelin II. von Edessa angestachelten Aufstand zum Rückzug genötigt. Johannes plante weiterhin die Eroberung aller Kreuzfahrerstaaten, starb jedoch bereits am 8. April 1143 im Taurusgebirge.

Byzantinische und armenische Kontrolle

Nach dem Fall Edessas 1144 wurde Antiochia während des Zweiten Kreuzzugs von Nur ad-Din angegriffen. Der Osten des Fürstentums ging zum großen Teil verloren, Raimund wurde in der Schlacht von Inab 1149 getötet. Balduin III. von Jerusalem wurde nun Regent für Raimunds Witwe Konstanze bis 1153, als sie Rainald von Chatillon heiratete. Auch Rainald begann unmittelbar darauf einen Krieg mit Byzanz, indem er Zypern überfiel und ausplünderte, während die Templer und die Armenier die byzantinischen Besitzungen in Kilikien angriffen. Er schloss 1158 Frieden mit Manuel I. Komnenos, der im Jahr darauf nach Antiochia kam, um die Herrschaft im Fürstentum persönlich an sich zu nehmen.

Rainald wurde auf einem Raubzug in den Anti-Taurus 1160 von Madsch-ed-Din, Statthalter von Aleppo und Gefolgsmann von Nur ad-Din von Damaskus, gefangen genommen, die Regentschaft ging auf den lateinischen Patriarchen von Antiochien, Aimerich von Limoges (1139–1193), einen alten Gegner Rainalds, über. Rainald wurde erst 1176 freigelassen und kehrte nicht wieder in die Stadt zurück. In der Zwischenzeit heiratete Manuel Komnenos Konstanzes Tochter Maria, aber da Konstanze nur nominell Herrscherin Antiochias war, wurde sie 1163 ab- und durch ihren Sohn Bohemund III. ersetzt, der wiederum im folgenden Jahr von Nur ad-Din gefangen genommen wurde. Der Orontes wurde nun zum Grenzfluss zwischen Antiochia und Aleppo bestimmt. Bohemund III. kehrte 1165 zurück, heiratete eine von Manuels Nichten und wurde veranlasst, in der Stadt auch einen griechisch-orthodoxen Patriarchen zu installieren.

Mit Hilfe der Flotten italienischer Stadtstaaten überlebte Antiochia Saladins Angriff auf das Königreich Jerusalem 1187. Weder Antiochia noch Tripolis nahmen am Dritten Kreuzzug teil, obwohl die Reste von Friedrich Barbarossas Armee 1190 kurz in Antiochia Rast machten, um den Kaiser zu begraben. Bohemunds zweiter Sohn Bohemund wurde nach der Schlacht bei Hattin Graf von Tripolis, Bohemunds ältester Sohn Raimund heiratete 1194 Alice, eine Prinzessin aus dem Königreich Kleinarmenien und starb 1200, Bohemund III. selbst im Jahr darauf.

Sein Tod führte zu einem Kampf um die Vorherrschaft zwischen seinem Sohn Bohemund IV. und dem Sohn seines ältesten Sohnes Raimund, Raimund Ruben. Bohemund IV. usurpierte die Regierung 1207, Raimund regierte kurz von 1216 bis 1219. Bohemund IV. starb 1233. Antiochia, nun von dessen Sohn Bohemund V. regiert und in Personalunion mit der Grafschaft Tripolis vereinigt, spielte beim Fünften Kreuzzug keine Rolle mehr, ebenso wenig bei den Versuchen Friedrichs II. (Kreuzzug Friedrichs II.) und Ludwigs IX. (Sechster und Siebter Kreuzzug), Jerusalem zurückzuerobern.

Untergang

1254 heiratete Bohemund VI. Sibylla (Sabel), eine armenische Prinzessin, wodurch der Machtkampf zwischen den beiden Staaten beendet wurde. Zu dieser Zeit waren die Armenier mächtiger und Antiochia nur noch ein Vasallenstaat. Beide wurden im Konflikt zwischen den Mamluken und den Mongolen hinweggefegt; als die Mongolen 1260 in der Schlacht bei ʿAin Dschālūt geschlagen wurden, begann Sultan Baibars, Antiochia zu bedrohen, das – als armenischer Vasall – die Mongolen unterstützt hatte. Baibars eroberte die Stadt nach viertägiger Belagerung am 18. Mai 1268, und das gesamte nördliche Syrien ging danach schnell ebenfalls verloren. 23 Jahre später wurde Akkon erobert, womit die Kreuzfahrerstaaten aufhörten zu existieren.

Das Fürstentum Antiochia war, auch in seiner größten Ausdehnung, wesentlich kleiner als Edessa und Jerusalem. Es erstreckte sich um die Nordostecke des Mittelmeers, grenzte an die Grafschaft Tripolis im Süden, Edessa im Osten und das Byzantinische Reich beziehungsweise das Königreich Kleinarmenien im Nordwesten. Es hatte im 12. Jahrhundert etwa 20.000 Einwohner, zumeist Armenier, griechisch-orthodoxe Christen und wenige Muslime außerhalb der Stadt. Außer den Kreuzfahrern selbst gab es nur wenig katholische Christen, auch als der Stadt 1100 das lateinische Patriarchat gegeben wurde.

Neben den Domänen des Fürsten von Antiochia war das Land in zahlreiche Lehensherrschaften eingeteilt, die Vasallen des Fürsten waren.

Grafschaft Tripolis

Die Anfänge der Grafschaft fallen ins Jahr 1102, als Graf Raimund von Toulouse, einer der Anführer des Ersten Kreuzzugs, einen langwierigen Krieg mit den Banu Ammar begann, den Emiren von Tripolis, die theoretisch Vasallen der Fatimiden in Ägypten waren, nach und nach deren Gebiet besetzte und sie schließlich in der Stadt selbst belagerte. 1103 erbaute Raimund die mächtige Burg auf dem Mons Peregrinus als Hauptstützpunkt zur Kontrolle des Landes um Tripolis.

Raimund starb am 28. Februar 1105 und ließ seinen jungen Sohn Alfons-Jordan als Erben unter der Regentschaft von Wilhelm-Jordan von Cerdagne zurück. Wilhelm-Jordan setzte die Belagerung der Stadt weitere vier Jahre fort, bis ein unehelicher Sohn Raimunds, Bertrand, den er als Regenten in Toulouse zurückgelassen hatte, in den Osten kam und Toulouse Alfons-Jordan und dessen Mutter überließ, die daraufhin nach Frankreich zurückkehrten. Bertrand und Wilhelm-Jordan kamen unter Vermittlung des Königs Balduin I. von Jerusalem zu einer Übereinkunft, nach der jeder das Gebiet beherrschen solle, das er selbst erobert habe, eine Vereinbarung, in der Bertrand mit der Eroberung der Stadt im Jahr darauf (12. Juli 1109) das bessere Ende errang. Als Wilhelm-Jordan wenige Monate später starb, wurde Bertrand Alleinherrscher.

Die Grafschaft Tripolis wurde nach dem Tod Raimunds als Kronlehen des Königreichs Jerusalem Bertrand übertragen, und bestand danach als Vasallenstaat, ab 1142 mit einer autonomen Burg innerhalb der Landesgrenzen, dem Krak des Chevaliers, der dem Johanniterorden übergeben worden war.

<Der Souveräne Malteserorden (mit vollem Titel: Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta – früher zu Jerusalem, genannt von Rhodos, genannt von Malta) ist eine katholische Ordensgemeinschaft, die im 11. Jahrhundert in Jerusalem gegründet und nach dem Ersten Kreuzzug zusätzlich zu einem geistlichen Ritterorden wurde. Neben der ursprünglicheren Bezeichnung Johanniter trat seit der Ansiedlung auf der Insel Malta um 1530 der heute gebräuchliche Name auf. Völkerrechtlich wird der Orden auch heute noch als ein souveränes, nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt betrachtet. In dieser Eigenschaft verfügt der Orden z. B. auch über eine eigene Ordensregierung, entsendet Botschafter und hat eine eigene Gerichtsbarkeit (Magistralgerichte des Souveränen Malteserordens). Ziel des Ordens, der heute international ca. 13.500 Mitglieder hat, ist es, Alte, Behinderte, Flüchtlinge, an tödlichen Krankheiten Erkrankte und Leprakranke – unabhängig von Religion oder Herkunft – weltweit karitativ zu unterstützen.

Der 1113 päpstlich anerkannte Orden genießt die gleiche unmittelbare päpstliche Anerkennung wie der Deutsche Orden und der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Alle drei sind vom Heiligen Stuhl anerkannte Ritterorden der katholischen Kirche. Der Malteserorden steht in einem besonderen Souveränitätsverhältnis zum Heiligen Stuhl. Alle drei Orden haben ihren Ursprung nicht einer päpstlichen Stiftung zu verdanken. Der Malteserorden ist gleichzeitig ein Völkerrechtssubjekt, ein Ritterorden und ein kirchlicher Orden. Er entscheidet autonom nach seiner eigenen Verfassung und seinem Kodex über die Aufnahme, die Aufgaben, den Rang und die Auszeichnung seiner Mitglieder und anderer, die sich um die Ordenswerke verdient machen. Immer noch stammen viele Mitglieder des Ordens in Europa aus ehemaligen Ritterfamilien, längst aber hat sich der Orden, in Anbetracht seiner Aufgaben und seiner Internationalität, für andere, nach den Ordensstatuten geeignete Kandidaten geöffnet. >>

Graf Raimund III., der Tripolis von 1152 bis 1187 regierte, spielte im südlich angrenzenden Königreich eine wichtige Rolle, zum einen aufgrund seiner verwandtschaftlichen Beziehungen (seine Mutter Hodierna war eine Tochter Balduins II.), zum anderen aufgrund seines eigenen Titels als Fürst von Galiläa, den er durch seine Frau trug. Er war zwei Mal Regent im Königreich, zuerst für den jungen Balduin IV. von 1174 bis 1177, dann für Balduin V. von 1185 bis 1186, sowie der Führer der Adelsopposition gegen die Verbindungen Balduins IV. zu den Courtenay, den Tempelrittern, Guido von Lusignan und Rainald von Chatillon. Raimund bemühte sich erfolglos darum, mit Saladin Frieden zu halten, und ironischerweise war es Saladins Belagerung von Tiberias, wo sich seine Frau aufhielt, die die Kreuzfahrerarmee vor der Niederlage in der Schlacht bei Hattin 1187 nach Galiläa führte. Raimund überlebte die Schlacht, starb aber kurze Zeit später.

Dank einer rechtzeitig eingetroffenen Kreuzfahrerflotte und Armee aus Sizilien konnte die Grafschaft die Eroberung durch Saladin durch eine Reihe von Siegen nach Hattin vermeiden. Nach Raimunds Tod folgten ihm die Söhne des Fürsten von Antiochia, Bohemund III. Ab dem Tod Bohemunds III. 1201 wurde die Grafschaft – mit Ausnahme der Jahre 1216 bis 1219 – in Personalunion mit Antiochia regiert. Dies währte, bis 1268 Antiochia von den Mameluken erobert wurde.

<Mamluken waren in vielen islamischen Herrschaftsgebieten Militärsklaven zentralasiatischer oder osteuropäischer (d. h. meist türkischer oder kaukasischer) Herkunft. Von den Abbasidenkalifen als Machtfaktor institutionalisiert, nutzten sie ihre dominierende Stellung als Heerführer und Königsmacher ab dem 9. Jahrhundert nicht selten, um eigene Reiche zu begründen. Die beiden bedeutendsten dieser Reiche waren das zeitweise fast ganz Indien beherrschende Sultanat von Delhi (1206–1526) und das ägyptische Sultanat der Bahri- und Burdschi-Mamluken. Letzteres wurde 1517 – nach 267-jährigem Bestehen – von den Osmanen unterworfen, doch blieben Mamluken in Ägypten noch bis zur Invasion Napoleons 1798 und ihrer endgültigen Beseitigung durch Muhammad Ali Pascha (1811) als lokale Herrscherelite bestehen.>

Im Mai 1271 wurde auch Tripolis von den Mameluken belagert. Das gerade in Akkon eingetroffene Heer des Kreuzzugs des Prinzen Eduard konnte die Stadt aber entsetzen und die Grafschaft Tripolis vorerst wieder stabilisieren.

Der Tod des unbeliebten Grafen Bohemund IV. 1287 führte zu einem Streit zwischen seiner Erbin, seiner Schwester Lucia und der Stadt, die sich selbst unter den Schutz der Republik Genua begab. Es gelang Lucia jedoch, eine Vereinbarung mit Genua und der Stadt zu treffen, die nun wieder Venedig und dem ehrgeizigen Bartolomeo Embriaco, dem genuesischen Bürgermeister der Stadt, missfiel, der nun den Mamelukensultan Qalawun zu Hilfe rief. Qalawun eroberte die Stadt 1289 nach einer Belagerung und machte der Grafschaft Tripolis damit ein Ende.

Auch nach dem Fall der Stadt wurde der Titel eines Grafen von Tripolis verliehen. Die fränkisch-zypriotische Familie de Nores hielt den Titel noch 1544. Zu jener Zeit war der Titulargraf von Tripolis der viertwichtigste Adlige im venezianisch beherrschten Königreich Zypern. Ranghöher waren nur noch der Titulargraf von Jaffa, der Graf von Karpas, beides venezianische Adelige, sowie der Grieche Jakobus Syngritikus als Graf von Rocca.

Bevölkerung

Die Bevölkerung von Tripolis rekrutierte sich vor allem aus Einwanderern Südfrankreichs und Italiens und damit herrschte in der Grafschaft das Okzitanische vor, während in den drei anderen Kreuzfahrerstaaten vornehmlich französisch gesprochen wurde.

04.12.2018

Entstehung des Königreichs Jerusalem

Jerusalem war nach dem Siegeszug des Islam durch wechselnde islamische Fürstengeschlechter immer wieder verteidigt und erobert worden. Seit der Jahrtausendwende wechselten die Herrscher häufiger und die Lage für Juden und Christen schwankte zwischen repressiver Tolerierung, massiver Diskriminierung und tödlicher Verfolgung. Christliche Pilger aus Europa gerieten immer wieder zwischen die Fronten dieser innerislamischen Kriege. Auch die zugewanderte islamische Bevölkerung wurde bei diesen Konflikten immer wieder Opfer von Massakern ihrer islamischen Glaubensbrüder. Weniger als ein Jahr vor der Ankunft der Kreuzfahrer war die bis dahin von den sunnitischen Seldschuken beherrschte Stadt nach sechswöchiger Belagerung am 29. August 1098 von den schiitischen Fatimiden erobert worden. Beim Fall der Stadt sollen in einer einzigen Nacht über 3000 sunnitische Muslime, Juden und Christen von den fatimidischen Eroberern getötet worden sein.

Nach der erfolgreichen Belagerung Antiochias, die im Juni 1098 mit dem Fall der Stadt endete, blieben die Kreuzfahrer den Rest des Jahres in der Gegend um die Stadt. Der Apostolische Legat Adhemar de Monteil, Bischof von Le Puy-en-Velay, war gestorben und Bohemund von Tarent hatte Antiochia für sich eingefordert. Balduin von Boulogne blieb in Edessa, das ebenfalls 1098 an die Kreuzfahrer gefallen war. Raimund plante, Tripoli für sich selbst zu behalten und einen Staat zu gründen, der dem Bohemunds in Antiochia entsprechen sollte. Seit dem Fund der Heiligen Lanze durch Peter Bartholomäus in Antiochia gab es Klagen über Betrug unter den verschiedenen klerikalen Fraktionen. Im April forderte Arnulf von Chocques, ein führender Kleriker, später Patriarch von Jerusalem, den Mystiker Peter Bartholomäus zu einer Feuerprobe auf, der sich Peter unterzog und an deren Folgen er auch starb, wodurch die Heilige Lanze als Fälschung entlarvt wurde.

Die Belagerung Arqas, einer Festung im heutigen Libanon auf dem Wege nach Tripolis, dauerte bis zum 13. Mai und wurde dann erfolglos abgebrochen. Die Fatimiden hatten versucht, unter der Bedingung, dass der Marsch auf Jerusalem unterbleibe, Frieden zu schließen, was aber ignoriert wurde, war doch Jerusalem das eigentliche Ziel. Der fatimidische Statthalter in Jerusalem verstand offenbar nicht, weshalb die Kreuzfahrer überhaupt im Land waren. Am 13. Mai kamen die Kreuzfahrer nach Tripoli, dessen Regent sie mit Geld und Pferden unterstützte. Nach der Chronik Gesta Francorum schwor er auch, zum Christentum überzutreten, falls die Kreuzfahrer seinen fatimidischen Feinden Jerusalem abnehmen würden. Im weiteren Vormarsch passierten die Kreuzfahrer Beirut am 19. Mai, Tyrus am 23. Mai, und wandten sich bei Jaffa ins Landesinnere. Sie erreichten Ramlah am 3. Juni, das bereits von seinen Einwohnern aufgegeben worden war. Das Bistum Ramlah-Lydda wurde eingerichtet, bevor die Kreuzfahrer nach Jerusalem weiterzogen. Am 6. Juni schickte Gottfried die Heerführer Tankred und Gaston aus, um Betlehem zu erobern, wo Tankred sein Banner auf die Geburtskirche pflanzte. Am 7. Juni erreichten die Kreuzfahrer Jerusalem.

Wie bei Antiochia begannen die Kreuzfahrer mit einer Belagerung, unter der sie aufgrund des Mangels an Nahrungsmitteln und Wasser in der Umgebung selbst wohl stärker litten als die Bewohner der Stadt. Jerusalem war auf die Belagerung gut vorbereitet, die meisten christlichen Bewohner hatte der Statthalter aus der Stadt getrieben. Von den etwa 7000 Rittern, die den Kreuzzug begonnen hatten, waren nur noch 1.500 geblieben, darüber hinaus 12.000 gesunde Fußsoldaten (von etwa 20.000). Gottfried, Robert von Flandern und Robert von der Normandie (der Raimund jetzt auch verlassen hatte, um sich Gottfried anzuschließen) belagerten die nördlichen Mauern bis zum Davidsturm hinunter, während Raimund sein Lager an der Westseite aufschlug, vom Davidsturm bis zum Berg Zion. Ein Sturmangriff am 13. Juni wurde ein Fehlschlag. Ohne Wasser und Nahrung wussten die Kreuzfahrer, dass die Zeit gegen sie lief. Zufälligerweise erreichten kurz nach dem Angriff einige christliche Schiffe den Hafen von Jaffa, so dass die Kreuzfahrer sich für eine kurze Zeit versorgen konnten. Sie begannen, aus Samaria Holz herbeizuschaffen, um Belagerungsmaschinen zu bauen. Ende Juni erreichte sie die Nachricht, dass ein fatimidisches Heer aus Ägypten heranmarschierte.

Die barfüßige Prozession

Angesicht eines anscheinend unmöglichen Ziels wurde ihre Moral gehoben, als ein Priester namens Peter Desiderius von einer göttlichen Vision mit dem Geist Adhemars sprach, der sie angewiesen habe, drei Tage zu fasten und danach barfuß um die Stadtmauern zu marschieren, wonach die Stadt – dem biblischen Beispiel Josuas bei der Belagerung Jerichos folgend – innerhalb von neun Tagen fallen werde. Obwohl bereits hungernd, fasteten sie und begannen am 8. Juli ihren Umzug, bei dem der Klerus Trompeten blies und Psalmen sang, und bei dem sie von den Verteidigern der Stadt die ganze Zeit über verspottet wurden. Der Umzug hielt am Ölberg, wo Peter der Einsiedler, Arnulf von Chocques und Raimund von Aguilers, Chronist des Ersten Kreuzzugs, Priester und Kaplan Raimunds IV. von Toulouse, Predigten hielten.

Der Sturm und das Massaker

Während der Belagerung wurden die Mauern immer wieder angegriffen, jeder Angriff wurde zurückgeschlagen. Mittlerweile waren aber die Belagerungsmaschinen fertig gestellt und konnten in der Nacht des 14. Juli zur großen Überraschung und Besorgnis der Garnison an die Mauern geschoben werden. Am nächsten Morgen erreichte Gottfrieds Turm seinen Mauerabschnitt nahe dem nordöstlichen Ecktor, ein flämischer Ritter namens Lethold war nach den Gesta Francorum der erste, der in die Stadt eindrang. Ihm folgten Gottfried, sein Bruder Eustach, Tankred und ihre Männer. Raimunds Turm wurde von einem Graben aufgehalten, aber als die anderen Kreuzfahrer bereits in die Stadt strömten, ergab sich ihm die muslimische Wache des Tors.

Nachdem die Kreuzfahrer die äußeren Mauern überwunden hatten und in die Stadt eingedrungen waren, wurde nach neuesten Erkenntnissen ca. 3000 Einwohner der Stadt im Laufe des Nachmittags, des Abends und des nächsten Morgens getötet – Muslime und Juden ohne Unterschied. Vielfach ist die Übertreibung in der Berichterstattung offensichtlich. Nach der noch drastischen Darstellung bei Raimund von Aguilers „ritten die Männer in Blut bis zu ihren Knien und ihrem Zaumzeug hinauf“. Wilhelm von Tyrus, der seine Chronica erst ab 1170 erstellte, berichtet:

„Schauerlich war es anzusehen, wie überall Erschlagene umherlagen und Teile von menschlichen Gliedern, und wie der Boden mit dem vergossenen Blut ganz überdeckt war. Und nicht nur die verstümmelten Leichname und die abgeschnittenen Köpfe waren ein furchtbarer Anblick, den größten Schauder musste das erregen, dass die Sieger selbst von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt waren. Im Umfang des Tempels sollen an die zehntausend Feinde umgekommen sein … Der übrige Teil des Heeres zerstreute sich in der Stadt und zog die, welche sich in engen und verborgenen Gassen, um dem Tode zu entkommen, verborgen hatten, wie das Vieh hervor und stieß sie nieder. Andere taten sich in Scharen zusammen und gingen in die Häuser, wo sie die Familienväter mit Weibern und Kindern und dem ganzen Gesinde herausrissen und entweder mit den Schwertern durchbohrten oder von den Dächern hinabstürzten, dass sie sich den Hals brachen.“

Solche Schilderungen orientierten sich an alttestamentlichen Berichten wie dem über die Eroberung Jerichos durch die Israeliten unter Josua, nach denen an allen Bewohnern der Stadt der Bann vollzogen wurde, das heißt, dass sie erschlagen wurden. Der fatimidische Statthalter zog sich in den Davidsturm zurück, den er bald gegen freien Abzug für sich und seine Leibwache nach Askalon Raimund übergab.

In den arabischen Quellen schwanken die Zahlen zwischen 70.000 Getöteten. Auf Basis einer hebräischen Quelle wird neuerdings von 3000 Opfern bei der Einnahme Jerusalems ausgegangen, bei der auch viele Gefangene gemacht wurden. Daraus kann man schließen, dass im Mittelalter die Vorstellung von der Brutalität der Kreuzfahrer auf beiden Seiten des Konflikts ein Gegenstand von Manipulation und Übertreibung gewesen ist.

Folgen

Die Entdeckung des Heiligen Kreuzes; Grafik von Gustave Doré

Nach der Eroberung übernahm Gottfried von Bouillon am 22. Juli als Princeps die Herrschaft über Jerusalem, nachdem zuvor Raimund die ihm zuerst angetragene Königskrone mit der Begründung abgelehnt hatte, er wolle in der Stadt, in der Jesus Christus die Dornenkrone getragen hatte, keine Königskrone tragen. Am 5. August entdeckte Arnulf, nachdem er einige der zurückgekehrten Verbannten befragt hatte, die „Wahre Kreuzreliquie“.

Am 12. August führte Gottfried eine Armee, das Heilige Kreuz in der Vorhut, in die Schlacht von Askalon gegen die Fatimiden. Die Kreuzfahrer waren erfolgreich, aber nach dem Sieg war die Mehrheit von ihnen der Ansicht, ihr Kreuzzugsgelübde erfüllt zu haben, so dass alle bis auf einige hundert Ritter nach Hause zurückkehrten. Dennoch machte der Sieg den Weg frei für die Errichtung des Königreichs Jerusalem.

Literarische und musikalische Adaptionen

Verdi, I Lombardi by Verdi – Death Scene 1993 Die Lombarden auf dem Ersten Kreuzzug

Die Schlacht von Askalon fand am 12. August 1099 statt und wird oft als eines der letzten Ereignisse des Ersten Kreuzzugs gesehen.

Hintergrund

Die Kreuzfahrer hatten mit den Fatimiden Ägyptens bereits während ihres Zugs nach Jerusalem Verhandlungen geführt, aber kein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt – die Fatimiden waren willens, Syrien aufzugeben, nicht aber Palästina, die Kreuzfahrer zielten auf Jerusalem und die Grabeskirche ab. Unmittelbar nach der Eroberung der Stadt erfuhren die Kreuzfahrer, dass eine fatimidische Armee im Anmarsch war.

Die Kreuzfahrer handelten schnell. Gottfried von Bouillon wurde am 22. Juli zum Verteidiger des Heiligen Grabes ernannt, Arnulf von Chocques, der am 1. August Lateinische Patriarch von Jerusalem geworden war, fand am 5. August Reste des Heiligen Kreuzes. Fatimidische Gesandte kamen in die Stadt und forderten die Kreuzfahrer auf, sich zurückzuziehen, wurden aber ignoriert. Am 10. August führte Gottfried die verbliebenen Kreuzfahrer aus Jerusalem heraus Richtung Askalon, einen Tagesmarsch entfernt, während Peter der Einsiedler sowohl die katholischen als auch die orthodoxen Geistlichen in Gebeten und einer Prozession vom Heiligen Grab zum Tempel führte. Robert II. von Flandern und Arnulf begleiteten Gottfried, während Raimund IV. von Toulouse und Robert von der Normandie zurückblieben – entweder wegen Streitigkeiten mit Gottfried, oder weil sie die Nachrichten über die ägyptische Armee abwarten wollten, die ihre eigenen Kundschafter bringen sollten. Als die ägyptische Anwesenheit sicher war, machten sie sich am Tag darauf ebenfalls auf den Weg. In der Nähe von Ramlah trafen sie auf Tankred und Gottfrieds Bruder Eustach, der zur Eroberung von Nablus ausgezogen war. An der Spitze der Armee trug Arnulf den Rest des Heiligen Kreuzes, während Raimund von Aguilers die angeblichen Reste der Heiligen Lanze trug, die im Jahr zuvor in Antiochia entdeckt worden waren.

Die Schlacht bei Askalon (nördlich von Gaza Stadt gelegen) 1099.

Abbildung nach einem Glasgemälde in der Kathedrale von Saint-Denis. Die Ritter links, die Ägypter rechts.

Die Fatimiden wurden vom Wesir al-Afdal Schahanschah befehligt, der wohl etwa 20.000 Soldaten anführte (andere schätzen 30.000, die Gesta Francorum übertreibt mit 200.000, Ekkehard von Aura gar mit 500.000). Seine Armee bestand aus Seldschuken, Arabern, Persern, Armeniern, Kurden und Äthiopiern. Er beabsichtigte, die Kreuzfahrer in Jerusalem zu belagern, obwohl er keine Belagerungsmaschinen mitführte; er hatte aber eine Flotte zur Verfügung, die im Hafen von Askalon ankerte. Die genaue Zahl der Kreuzfahrer ist unbekannt, Raimund von Aguilers spricht von 1200 Rittern und 9000 Fußsoldaten. Die höchste Schätzung gibt 20.000 Männer an, aber das ist zu diesem Zeitpunkt der Kreuzzüge sicher nicht möglich. Al-Afdal lagerte in der Ebene von al-Majdal in einem Tal außerhalb Askalons und bereitete sich auf den Weitermarsch und die Belagerung vor. Er erwartete jedenfalls nicht, dass die Kreuzfahrer bereit waren, ihn zu treffen. Am 11. August fanden die Kreuzfahrer Ochsen, Schafe, Kamele und Ziegen, die außerhalb der Stadt grasten, und als Nahrung für das fatimidische Lager gedacht waren. Gefangene, die Tankred bei einem Scharmützel bei Ramlah gemacht hatte, erklärten, die Tiere seien gedacht, die Kreuzfahrer zum Plündern zu animieren, um den Fatimiden den Angriff zu erleichtern. Die Kreuzfahrer nahmen die Tiere mit sich und reihten sie in ihre Armee ein, die dadurch wesentlich größer erschien, als sie wirklich war.

Am Morgen des 12. August wurden die Kreuzfahrer über den Standort des fatimidischen Feldlagers informiert. Sie teilten sich in neun Divisionen auf, Gottfried führte den linken Flügel, Raimund den rechten, Tankred, Eustach, Robert von der Normandie und Gaston IV. von Béarn das Zentrum; darüber hinaus war jede Gruppe in zwei kleinere Divisionen geteilt, und eine Abteilung Fußsoldaten marschierte vorneweg.

Den meisten Berichten zufolge (christlichen und muslimischen) wurden die Fatimiden unvorbereitet überrascht und die Schlacht war folglich kurz. Die beiden Hauptlinien bekämpften sich mit Pfeilen, bis sie nah genug für den Nahkampf mit Lanzen waren. Die Äthiopier griffen das Zentrum der Kreuzfahrer an, die fatimidische Vorhut konnte die Kreuzfahrer überflügeln und in den Rücken der Nachhut gelangen, bis Gottfried erschien, und sie rettete. Trotz ihrer numerischen Überlegenheit war al-Afdals Armee kaum so stark oder gefährlich wie die Seldschuken, die die Kreuzfahrer zuvor getroffen hatten. Die Schlacht scheint vorbei gewesen zu sein, bevor die fatimidische schwere Kavallerie bereit war einzugreifen. Al-Afdal und seine Truppen flohen panisch in die Sicherheit der schwer befestigten Stadt; Raimund jagte einige von ihnen ins Meer, andere kletterten auf Bäume und wurden mit Pfeilen getötet, wieder andere wurden beim Rückzug in die Stadt erschlagen. Al-Afdal ließ sein Lager und seinen Schatz zurück, die von Robert und Tankred erobert wurden. Die Verluste der Kreuzfahrer sind unbekannt, die der Ägypter werden in manchen Quellen mit 10–12.000 angegeben.

Folgen

Die Kreuzfahrer verbrachten die Nacht in dem verlassenen Lager, bereiteten sich auf einen neuen Angriff vor, sahen dann aber am Morgen, dass die Fatimiden auf dem Rückzug nach Ägypten waren. Al-Afdal floh über das Meer. Die Kreuzfahrer nahmen so viel mit, wie sie konnten, verbrannten den Rest. Sie kehrten am 13. August nach Jerusalem zurück, wo nach langen Feiern Gottfried und Raimund Askalon für sich beanspruchten – mit dem Ergebnis, dass die Garnison sich weigerte, aufzugeben, als sie von dem Disput erfuhr. Nach der Schlacht kehrten die meisten Kreuzfahrer nach Europa zurück, da sie ihr Kreuzzugsgelübde als erfüllt ansahen. Am Ende des Jahres waren wohl nur noch ein paar Hundert Ritter in Jerusalem, die aber bald von neuen Kreuzfahrern verstärkt wurden, die durch den Erfolg des Ersten Kreuzzugs ermuntert worden waren.

Askalon blieb unter fatimidischer Herrschaft und wurde bald die Operationsbasis für Invasionen in das Königreich Jerusalem; viele Schlachten wurden in den folgenden Jahren geschlagen, bis die Stadt schließlich nach langer Belagerung 1153 von den Kreuzfahrern erobert wurde.

Bei der Belagerung von Jerusalem fand Gottfried Gelegenheit, sich besonders hervorzutun. Am Nachmittag des 15. Juli 1099 drang er mit den Seinen als erster in die Stadt ein.

Das Königreich Jerusalem

Schwert Gottfrieds von Bouillon in der Grabeskirche

Nachdem Raimund von Toulouse die Königskrone von Jerusalem abgelehnt hatte, weil er sich nicht in der Stadt zum König krönen lassen wollte, in der Jesus Christus die Dornenkrone getragen hatte, fand Gottfried einen Ausweg, indem er anstelle der Königswürde den Titel eines advocatus sancti sepulchri, eines „Beschützers des Heiligen Grabes“ annahm, womit er sowohl seiner Position eines weltlichen Herrschers als auch dem religiösen Charakter des Ortes Rechnung trug.

Tod und Nachfolge

Über Gottfrieds Tod im Juli 1100 existieren verschiedene Aussagen: Nach dem Bericht des arabischen Chronisten Ibn al-Qalanisi soll er während der Belagerung von Akkon durch einen Pfeil getötet worden sein. Christliche Quellen erwähnen dies jedoch nicht, Albert von Aachen und Ekkehard von Aura schreiben dagegen, er sei in Caesarea erkrankt und an dieser Krankheit in Jerusalem gestorben. Gottfried wurde in der Grablege der Kreuzfahrerkönige in Jerusalem beigesetzt.

<

Die Grablege der Kreuzfahrerkönige befand sich in der Grabeskirche zu Jerusalem, unterhalb des Golgathafelsens. Dass die Kreuzfahrer in der Grabeskirche einen Bereich als königliche Grablege einrichteten, ist durch zeitgenössische Quellen belegt. Sie war den männlichen Herrschern vorbehalten; keine Königin wurde in der Grabeskirche beigesetzt.

Tatsächlich befanden sich Kenotaphe an der Südseite des damaligen Domherrenchores (heute Katholikon). In der Nähe des Salbungssteins] wurde Balduin II. beigesetzt, westlich davon Fulko, östlich Balduin III., Amalrich, Balduin IV. und Balduin V.

Im August 1244 überfielen islamische Söldner das schwach verteidigte Jerusalem. Sie plünderten unter anderem die Gräber der Könige und rissen ihre Gebeine heraus. Es handelt sich danach (mindestens) bei den Grabmälern für Balduin I. und Gottfried von Bouillon um Kenotaphe.

Da die Grablege der Kreuzfahrerkönige für die bei anderen Konfessionen verhasste Zeit der Lateinerherrschaft stand und die Gräber einen Anspruch der römisch-katholischen Kirche (Kustodie des Heiligen Landes) auf die Adamskapelle und das Katholikon hätten begründen können, wurden alle Grabmäler entfernt bzw. zerstört:

1778 wurden letztmals mehrere Gräber am Katholikon erwähnt;

1800 gab es am Katholikon nur mehr das Grab Balduins;

1806, zwei Jahre vor dem großen Brand, wurden letztmals die Gräber Gottfrieds und Balduins vor der Adamskapelle ausdrücklich erwähnt.

Es wird allgemein angenommen, dass bei den Renovierungsarbeiten nach dem Brand von 1808, die unter der Leitung der griechisch-orthodoxen Kirche stattfanden, die Reste der Grabmonumente vollständig abgeräumt wurden. „Ein neuer Stein der Salbung kommt an den heutigen Ort innerhalb der Hauptportale, während die dortigen Gräber der Könige entfernt wurden.“

Fragmente

Reste der Sarkophage existieren noch. Bekannt geworden sind mehrere Stücke des reich verzierten Sarkophags Balduins V. und ein Stück eines anderen Sarkophags, der in ähnlichem Stil dekoriert war (möglicherweise der Sarkophag Balduins IV., der nur 18 Monate vor ihm verstorben war). Das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Jerusalem besitzt vom Sarkophag Balduins V. unter anderem eine Marmorplatte (71,1 × 40 × 6 cm), dekoriert mit Rankenwerk, die im Metropolitan Museum ausgestellt wurde.Ein Rekonstruktionsvorschlag des Sarkophags ist im Museum des Patriarchats ausgestellt.

>>

Nach Gottfrieds Tod war die Frage, wer Jerusalem regieren solle, zunächst offen. Der Adel nutzte die Abwesenheit Dagoberts, der sich bei den Jaffa belagernden Truppen aufhielt, um Gottfrieds jüngeren Bruder Balduin zum König auszurufen. Der zurückgekehrte Dagobert weigerte sich zunächst, den aus Edessa herbeigeeilten Balduin zu krönen, doch einigte man sich schließlich auf eine Krönung zu Bethlehem am 25. Dezember 1100.

Da Gottfried der erste Herrscher über Jerusalem war, wurde er später christlich idealisiert und mythisiert: er wurde als Anführer des Kreuzzugs, König von Jerusalem und als Gesetzgeber bezeichnet, der die Schwurgerichte in Jerusalem einführte. Seit dem 14. Jahrhundert wurde er zu den idealen Rittern gezählt, die als die Neun Guten Helden bekannt wurden.>>>

Neun Helden bezeichnet einen literarischen und kunstgeschichtlichen Topos, der erstmals zu Beginn des 14. Jahrhunderts innerhalb des französischen Versepos „Les Vœux du Paon“ (1312) des lothringischen Dichters Jacques de Longuyon aus dem höfisch-ritterlichen Milieu als eine Liste der idealen Ritter aufgestellt wurde.[

Diese Gruppe besteht aus:

•  drei Vertretern der heidnischen Antike:

o  Hektor von Troja,

o  Alexander dem Großen,

o  Julius Caesar;

•  drei Vertretern des Judentums:

o  Judas Makkabäus,

o  David,

o  Prophet Josua;

•  drei Vertretern des Christentums:

o  König Artus,

o  Karl dem Großen,

o  Gottfried von Bouillon.

Motivgeschichte

Die neun Helden zogen als kunstgeschichtliches Motiv europaweit in die Rathäuser und Amtsstuben ein, um die Ratsherren bzw. Amtsträger an eine „gute Regierung“ zu gemahnen (zeittypische Rathausikonographie). Im Kölner Rathaus ist die früheste Darstellung der Neun Helden im deutschsprachigen Raum angebracht: Neun überlebensgroße Steinskulpturen in gotischem Fialwerk schmücken an der südlichen Schmalwand den prächtigen gotischen Prunksaal (Hansasaal). Der um 1385–96 vom Parlier und Steinmetz Heinrich Beheim erbaute Schöne Brunnen in Nürnberg zeigt die neun Helden im Kontext der Philosophie, der sieben freien Künste, der vier Evangelisten, vier Kirchenvätern, sieben Kurfürsten, des Moses und weiterer sieben Propheten (Originalteile im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg).

Den Neun-Helden-Zyklus zeigt des Weiteren ein einzigartiges Lüneburger Glasfenster in der so genannten Gerichtslaube im Rathaus (um 1410 entstanden). Im schweizerischen Misery (Kanton Freiburg) wurde ein Zyklus großflächig um 1478 im Herrenhaus auf die Wand gemalt. Nur noch fünf statt neun Helden weist der Bildteppich des Historischen Museums aus Basel auf (um 1490). Er zeigt, dass ritterliche Vorstellungen in die städtische Kultur transportiert wurden. Eine berühmte Stichserie ist aus der Hand des Augsburger Künstlers Hans Burgkmair überliefert (1516).

In der Kunst finden sich als Gegenstück auch die neun Heldinnen: so die lebensgroßen französisierten Porträts der neun Heldinnen in Begleitung von Neun Helden im Baronsaal des Schlosses von Manta in Saluzzo (Piemont) mit ihren bekannten Fabelwappen (Fabelheraldik) oder im Maison Kammerzell, einem schönen Straßburger Fachwerkhaus, dessen Schnitzwerk entlang der Fenster und Eckpfosten an der Fassade zum Münster an der Westseite neben Musikanten auch die Neun Helden und Heldinnen zeigt.  Während die Männergruppe in der Renaissance oft zu fürstlichen Repräsentationszwecken genutzt wurden, findet man die neun Heldinnen vor allem in der Ikonographie. Welche Frauen jeweils zu den Heldinnen gezählt werden, unterscheidet sich von Künstler zu Künstler.

Letzte Jahre und Lebensverhältnisse

In den nächsten hundert Jahren führte das Königreich Jerusalem eine Existenz als Kleinstaat, dessen Kern die Städte Akkon, Tyros und Sidon an der syrischen Küste bildeten. Die Teilnehmer des Vierten Kreuzzugs erreichten das Heilige Land nicht einmal, sondern eroberten und plünderten stattdessen im Jahr 1204 Konstantinopel, die Hauptstadt des orthodox-christlichen Byzantinischen Reichs. Pläne wurden geschmiedet, um Jerusalem von Ägypten aus zurückzuerobern, der Kreuzzug von Damiette im Jahr 1217 wurde jedoch ein Fehlschlag.

Im Februar 1229 gelang es Kaiser Friedrich II., der aufgrund seiner Ehe mit der Erbin des Reichs König von Jerusalem war, dem Ayyubiden-Sultan al-Kamil die Stadt durch einen Vertrag abzuhandeln (Friede von Jaffa). Die Vereinbarung hielt jedoch nur 15 Jahre. Mit dem Vertrag war dem Königreich nicht genügend Land übertragen worden, das eine Verteidigung der Stadt ermöglicht hätte. Zudem wurden alle nennenswerten Befestigungsanlagen Jerusalems vor der Übergabe geschleift. So eroberten die Ayyubiden 1244 die Stadt zurück. Infolgedessen unternahm König Ludwig IX. von Frankreich den Sechsten Kreuzzug. Dieser blieb militärisch ergebnislos, löste jedoch auf der Gegenseite politische Machtkämpfe aus, die in den Sturz der kultivierten Ayyubiden durch die von Fanatismus und Militarismus geprägten Mamluken mündeten. Eine konstruktive Diplomatie war seither nicht mehr möglich. Der Untergang von Outremer war nur noch eine Frage der Zeit.

In den späteren Jahren setzten die Kreuzfahrer ihre Hoffnung auf die mongolischen Ilchane, denen Sympathien mit dem Christentum nachgesagt wurden. Die Mongolen, die Syrien mehrfach überfallen hatten und bis dahin unbesiegt waren, wurden jedoch am 3. September 1260 bei ʿAin Dschālūt erstmals in offener Feldschlacht geschlagen. Der Sieg der Mamluken war entscheidend. Sie nahmen nun Rache an dem praktisch wehrlosen Königreich und eroberten nach und nach dessen Städte. Auch der ergebnislose Siebte Kreuzzug (1270–1272) konnte diese Entwicklung nicht umkehren. Als letzte Stadt des Königreichs Jerusalem fiel 1291 Akkon in die Hände des Mamlukensultans Chalil. Die Christen hatten fortan einen schweren Stand im nahen Osten, da die fanatischen Mamluken die Besiegten weit weniger human behandelten als Saladin 100 Jahre zuvor. 1302 ging mit der Festung Aruad der letzte Überrest der Kreuzfahrerstaaten verloren.

Leben im Königreich Jerusalem

Als im Königreich die ersten lateinischen Generationen aufwuchsen, begannen diese, sich selbst eher als Orientalen denn als Europäer zu begreifen. Sie lernten Griechisch, Arabisch und andere nahöstliche Sprachen, heirateten Griechinnen oder Armenierinnen, selten auch getaufte Muslimas. Die Bevölkerung, die aus diesen Beziehungen hervorging, waren zum einen die Poulains und die Turkopolen. Sie stellten im Wesentlichen die Streitkräfte des Königreiches, da die muslimische Bevölkerung nicht zum Militärdienst herangezogen wurde. Um Konflikte wegen der Religionszugehörigkeit zu vermeiden, lebte man auch oft im Konkubinat zusammen, was besonders unter den katholischen Klerikern beliebt war. Prominentestes Beispiel hierfür war Heraclius von Caesarea († 1191), der Lateinische Patriarch von Jerusalem, dessen stadtbekannte Mätresse scherzhaft mit „Frau Patriarch“ angeredet wurde.

Das Königreich hatte im Wesentlichen die feudalen Strukturen des zeitgenössischen Westeuropa übernommen, allerdings mit einigen wichtigen Unterschieden. Der wichtigste war, dass das Staatsgebiet nur wenig landwirtschaftlich nutzbares Land aufwies; seit Alters her hatte die Levante eine urbane Wirtschaftsstruktur, was den Adel dazu veranlasste, in Jerusalem und anderen großen Städten zu wohnen, obwohl man wie gewohnt Großgrundbesitzer war.

Wie in Europa auch waren die Adligen Vasallen des Königs und hatten selbst Vasallen. Die ältere Forschungsmeinung, dass das Königtum an sich schwach war, wird in der neueren Forschung – wenigstens für die ersten Jahrzehnte des Bestehens – in Frage gestellt. Tatsächlich war die Krondomäne recht umfangreich und der König verfügte durchaus über einige bedeutende Rechtsmittel. Allerdings ist die Quellenlage bezüglich einer Bewertung der Stellung des Königs problematisch, da uns nur Quellen aus späterer Zeit überliefert sind, als die Macht des Königtums bereits bedeutend abgenommen hatte.

Die landwirtschaftliche Produktion wurde durch das dem feudalen System äquivalente muslimische System (die iqta) gesteuert, das von den Kreuzrittern nicht angetastet wurde. Während die Muslime in den Städten teils verfolgt wurden (in Jerusalem war ihnen der Aufenthalt sogar verboten), lebten sie auf dem Land nicht anders als zuvor auch. Der rais, das Oberhaupt ihrer Gemeinschaft, war eine Art Vasall des lokalen (christlichen) Grundherrn, deren fast ständige Abwesenheit ihnen jedoch einen hohen Grad an Autonomie verschaffte. Er produzierte die Nahrungsmittel für die Kreuzritter, war aber, anders als in Europa, nicht verpflichtet, zum Militärdienst beizutragen. Im Ergebnis war die Armee des Landes eher klein und rekrutierte sich aus den europäischen Familien der Städte.

Die urbane Zusammensetzung des Landes, vereint mit der Anwesenheit der italienischen Händler, führte dazu, dass die Wirtschaft des Landes wesentlich stärker vom Handel als von der Landwirtschaft lebte. Palästina, ein Landstrich, in dem sich schon immer die Handelsrouten gekreuzt hatten, begann nun, die Routen nach Europa für sich zu entdecken. Europäische Waren, zum Beispiel Textilien aus Nordeuropa, fanden ihren Weg nach Asien, während asiatische Güter nach Europa transportiert wurden. Die italienischen Seerepubliken machten nicht nur enorme Gewinne bei diesem Handel, sondern wurden bis in die Renaissance der späteren Jahrhunderte hinein von dem Kontakt beeinflusst.

Da die Adligen vorwiegend in Jerusalem wohnten, hatten sie einen wesentlich größeren Einfluss auf den König als in Europa. Die Bischöfe und der Hochadel bildeten die Haute Cour, eines der ersten Parlamente, dem die Wahl des neuen Königs oblag, die Finanzausstattung des Herrschers und das Ausheben der Armee.

Die Lebensweise der europäisch-stämmigen Bewohner von Outremer unterschied sich stark vom Leben in Europa. Sie war eher orientalisch geprägt. Europäer, die lange in der Levante gelebt hatten oder dort geboren waren, nahmen Bräuche und Lebensweise der Einheimischen an, was bei den kirchlichen Autoritäten und bei Neuankömmlingen aus Europa oft Unverständnis und Unmut erregte. Neben den in Europa unbekannten Gewürzen und kosmetischen Artikeln, den von der Kirche verpönten Bädern und einer gelasseneren Lebensweise gab es dank der sehr befähigten muslimischen Ärzte auch eine bessere medizinische Versorgung.

Das Königreich war eine „koloniale Gesellschaft“, d. h., es war aufgrund der geringen Anzahl europäischer Einwohner (die "Franken" genannt wurden) auf Einwanderung aus Westeuropa angewiesen, die aber nur unregelmäßig und keineswegs ausreichend stattfand. Das Problem mangelnden Nachschubs für die Armee wurde bis zu einem gewissen Grad durch die Gründung der Ritterorden gelöst. Der Templerorden und der Johanniterorden wurden (als militärische Formation) in den Anfangsjahren des Königreichs gebildet und vertraten oft die Adligen auf dem Land. Ihre Hauptquartiere waren in Jerusalem, ihre Mitglieder lebten jedoch oft in großen Burgen außerhalb, und sie kauften die Grundstücke auf, die andere Adlige nicht länger bewirtschaften konnten. Die Ritterorden unterstanden direkt dem Papst und nicht dem König, sie waren im Wesentlichen – wie die Handelskontore – autonom und vom Militärdienst befreit, obwohl sie tatsächlich an jeder größeren Schlacht teilnahmen. Diese Orden verliehen dem Königreich zusätzliche militärische Schlagkraft, dafür sorgten sie auf politischer Ebene oft für Verwirrung und Uneinigkeit, was sich letztendlich fatal für die Kreuzfahrerstaaten auswirken sollte. Eine der wichtigsten Quellen für das Leben im Königreich Jerusalem aus christlicher Sicht ist Wilhelm von Tyrus, aus muslimischer Sicht Ussama Ibn Munqidh.

Letzte Jahre und Lebensverhältnisse

In den nächsten hundert Jahren führte das Königreich Jerusalem eine Existenz als Kleinstaat, dessen Kern die Städte Akkon, Tyros und Sidon an der syrischen Küste bildeten. Die Teilnehmer des Vierten Kreuzzugs erreichten das Heilige Land nicht einmal, sondern eroberten und plünderten stattdessen im Jahr 1204 Konstantinopel, die Hauptstadt des orthodox-christlichen Byzantinischen Reichs. Pläne wurden geschmiedet, um Jerusalem von Ägypten aus zurückzuerobern, der Kreuzzug von Damiette im Jahr 1217 wurde jedoch ein Fehlschlag.

Im Februar 1229 gelang es Kaiser Friedrich II., der aufgrund seiner Ehe mit der Erbin des Reichs König von Jerusalem war, dem Ayyubiden-Sultan al-Kamil die Stadt durch einen Vertrag abzuhandeln (Friede von Jaffa). Die Vereinbarung hielt jedoch nur 15 Jahre. Mit dem Vertrag war dem Königreich nicht genügend Land übertragen worden, das eine Verteidigung der Stadt ermöglicht hätte. Zudem wurden alle nennenswerten Befestigungsanlagen Jerusalems vor der Übergabe geschleift. So eroberten die Ayyubiden 1244 die Stadt zurück. Infolgedessen unternahm König Ludwig IX. von Frankreich den Sechsten Kreuzzug. Dieser blieb militärisch ergebnislos, löste jedoch auf der Gegenseite politische Machtkämpfe aus, die in den Sturz der kultivierten Ayyubiden durch die von Fanatismus und Militarismus geprägten Mamluken mündeten. Eine konstruktive Diplomatie war seither nicht mehr möglich. Der Untergang von Outremer war nur noch eine Frage der Zeit.

In den späteren Jahren setzten die Kreuzfahrer ihre Hoffnung auf die mongolischen Ilchane, denen Sympathien mit dem Christentum nachgesagt wurden. Die Mongolen, die Syrien mehrfach überfallen hatten und bis dahin unbesiegt waren, wurden jedoch am 3. September 1260 bei ʿAin Dschālūt erstmals in offener Feldschlacht geschlagen. Der Sieg der Mamluken war entscheidend. Sie nahmen nun Rache an dem praktisch wehrlosen Königreich und eroberten nach und nach dessen Städte. Auch der ergebnislose Siebte Kreuzzug (1270–1272) konnte diese Entwicklung nicht umkehren. Als letzte Stadt des Königreichs Jerusalem fiel 1291 Akkon in die Hände des Mamlukensultans Chalil. Die Christen hatten fortan einen schweren Stand im nahen Osten, da die fanatischen Mamluken die Besiegten weit weniger human behandelten als Saladin 100 Jahre zuvor. 1302 ging mit der Festung Aruad der letzte Überrest der Kreuzfahrerstaaten verloren.

Leben im Königreich Jerusalem

Als im Königreich die ersten lateinischen Generationen aufwuchsen, begannen diese, sich selbst eher als Orientalen denn als Europäer zu begreifen. Sie lernten Griechisch, Arabisch und andere nahöstliche Sprachen, heirateten Griechinnen oder Armenierinnen, selten auch getaufte Muslimas. Die Bevölkerung, die aus diesen Beziehungen hervorging, waren zum einen die Poulains und die Turkopolen. Sie stellten im Wesentlichen die Streitkräfte des Königreiches, da die muslimische Bevölkerung nicht zum Militärdienst herangezogen wurde. Um Konflikte wegen der Religionszugehörigkeit zu vermeiden, lebte man auch oft im Konkubinat zusammen, was besonders unter den katholischen Klerikern beliebt war. Prominentestes Beispiel hierfür war Heraclius von Caesarea († 1191), der Lateinische Patriarch von Jerusalem, dessen stadtbekannte Mätresse scherzhaft mit „Frau Patriarch“ angeredet wurde.

Das Königreich hatte im Wesentlichen die feudalen Strukturen des zeitgenössischen Westeuropa übernommen, allerdings mit einigen wichtigen Unterschieden. Der wichtigste war, dass das Staatsgebiet nur wenig landwirtschaftlich nutzbares Land aufwies; seit Alters her hatte die Levante eine urbane Wirtschaftsstruktur, was den Adel dazu veranlasste, in Jerusalem und anderen großen Städten zu wohnen, obwohl man wie gewohnt Großgrundbesitzer war.

Wie in Europa auch waren die Adligen Vasallen des Königs und hatten selbst Vasallen. Die ältere Forschungsmeinung, dass das Königtum an sich schwach war, wird in der neueren Forschung – wenigstens für die ersten Jahrzehnte des Bestehens – in Frage gestellt. Tatsächlich war die Krondomäne recht umfangreich und der König verfügte durchaus über einige bedeutende Rechtsmittel. Allerdings ist die Quellenlage bezüglich einer Bewertung der Stellung des Königs problematisch, da uns nur Quellen aus späterer Zeit überliefert sind, als die Macht des Königtums bereits bedeutend abgenommen hatte.

Die landwirtschaftliche Produktion wurde durch das dem feudalen System äquivalente muslimische System (die iqta) gesteuert, das von den Kreuzrittern nicht angetastet wurde. Während die Muslime in den Städten teils verfolgt wurden (in Jerusalem war ihnen der Aufenthalt sogar verboten), lebten sie auf dem Land nicht anders als zuvor auch. Der rais, das Oberhaupt ihrer Gemeinschaft, war eine Art Vasall des lokalen (christlichen) Grundherrn, deren fast ständige Abwesenheit ihnen jedoch einen hohen Grad an Autonomie verschaffte. Er produzierte die Nahrungsmittel für die Kreuzritter, war aber, anders als in Europa, nicht verpflichtet, zum Militärdienst beizutragen. Im Ergebnis war die Armee des Landes eher klein und rekrutierte sich aus den europäischen Familien der Städte.

Die urbane Zusammensetzung des Landes, vereint mit der Anwesenheit der italienischen Händler, führte dazu, dass die Wirtschaft des Landes wesentlich stärker vom Handel als von der Landwirtschaft lebte. Palästina, ein Landstrich, in dem sich schon immer die Handelsrouten gekreuzt hatten, begann nun, die Routen nach Europa für sich zu entdecken. Europäische Waren, zum Beispiel Textilien aus Nordeuropa, fanden ihren Weg nach Asien, während asiatische Güter nach Europa transportiert wurden. Die italienischen Seerepubliken machten nicht nur enorme Gewinne bei diesem Handel, sondern wurden bis in die Renaissance der späteren Jahrhunderte hinein von dem Kontakt beeinflusst.

Da die Adligen vorwiegend in Jerusalem wohnten, hatten sie einen wesentlich größeren Einfluss auf den König als in Europa. Die Bischöfe und der Hochadel bildeten die Haute Cour, eines der ersten Parlamente, dem die Wahl des neuen Königs oblag, die Finanzausstattung des Herrschers und das Ausheben der Armee.

Die Lebensweise der europäisch-stämmigen Bewohner von Outremer unterschied sich stark vom Leben in Europa. Sie war eher orientalisch geprägt. Europäer, die lange in der Levante gelebt hatten oder dort geboren waren, nahmen Bräuche und Lebensweise der Einheimischen an, was bei den kirchlichen Autoritäten und bei Neuankömmlingen aus Europa oft Unverständnis und Unmut erregte. Neben den in Europa unbekannten Gewürzen und kosmetischen Artikeln, den von der Kirche verpönten Bädern und einer gelasseneren Lebensweise gab es dank der sehr befähigten muslimischen Ärzte auch eine bessere medizinische Versorgung.

Das Königreich war eine „koloniale Gesellschaft“, d. h., es war aufgrund der geringen Anzahl europäischer Einwohner (die "Franken" genannt wurden) auf Einwanderung aus Westeuropa angewiesen, die aber nur unregelmäßig und keineswegs ausreichend stattfand. Das Problem mangelnden Nachschubs für die Armee wurde bis zu einem gewissen Grad durch die Gründung der Ritterorden gelöst. Der Templerorden und der Johanniterorden wurden (als militärische Formation) in den Anfangsjahren des Königreichs gebildet und vertraten oft die Adligen auf dem Land. Ihre Hauptquartiere waren in Jerusalem, ihre Mitglieder lebten jedoch oft in großen Burgen außerhalb, und sie kauften die Grundstücke auf, die andere Adlige nicht länger bewirtschaften konnten. Die Ritterorden unterstanden direkt dem Papst und nicht dem König, sie waren im Wesentlichen – wie die Handelskontore – autonom und vom Militärdienst befreit, obwohl sie tatsächlich an jeder größeren Schlacht teilnahmen. Diese Orden verliehen dem Königreich zusätzliche militärische Schlagkraft, dafür sorgten sie auf politischer Ebene oft für Verwirrung und Uneinigkeit, was sich letztendlich fatal für die Kreuzfahrerstaaten auswirken sollte. Eine der wichtigsten Quellen für das Leben im Königreich Jerusalem aus christlicher Sicht ist Wilhelm von Tyrus, aus muslimischer Sicht Ussama Ibn Munqidh.

Klassische Zählweise der Kreuzzüge

In der Geschichtswissenschaft werden insgesamt sieben Kreuzzüge (Orientkreuzzüge) als offizielle Kreuzzüge unterschieden, wenn auch weitere kriegerische Handlungen unter dem Namen ‚Kreuzzug‘ stattfanden. Die Zählung ist in der Fachliteratur nicht ganz einheitlich, da manche Kreuzzüge nicht einhellig als eigenständige Kreuzzüge gewertet werden.

Zeitleiste

Erster Kreuzzug: 1096–1099, Ziel: Jerusalem

Volkskreuzzug: 1096, Ziel: Jerusalem

Deutscher Kreuzzug von 1096, Ziel: eigentlich Jerusalem

Kreuzzug von 1101: Ziel: Jerusalem

Kreuzzug Sigurds von Norwegen: 1108–1111, Ziel: Jerusalem/Sidon

Zweiter Kreuzzug: 1147–1149, Ziel: eigentlich Edessa, letztlich Damaskus

Wendenkreuzzug: 1147, Ziel: Germania Slavica

Dritter Kreuzzug: 1189–1192, Ziel: Jerusalem

Kreuzzug Heinrichs VI.: 1197–1198, Ziel: Jerusalem

Vierter Kreuzzug: 1202–1204, Ziel: eigentlich Ägypten/Jerusalem, letztlich Konstantinopel

Kinderkreuzzug: 1212, Ziel: Jerusalem

Der Kinderkreuzzug (lateinisch peregrinatio puerorum) war ein Ereignis, bei dem im Frühsommer des Jahres 1212 Tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Deutschland und aus Frankreich unter der Leitung visionärer Knaben zu einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen. Der Zug scheint sich bereits an den Ufern des italienischen Mittelmeers aufgelöst zu haben.

Albigenserkreuzzug: 1209–1229, Ziel: Okzitanien

Fünfter Kreuzzug:

Kreuzzug von Damiette: 1217–1221, Ziel: eigentlich Jerusalem, letztlich Ägypten

Kreuzzug Friedrichs II.: 1228–1229, Ziel: Jerusalem

Kreuzzug Theobalds IV. von Champagne: 1239–1240, Ziel: Askalon/Damaskus

Kreuzzug Richards von Cornwall: 1240–1241, Ziel: Askalon/Jerusalem

Sechster Kreuzzug: 1248–1254, Ziel: Ägypten/Jerusalem

Hirtenkreuzzug von 1251: Ziel: eigentlich Ägypten

In den Jahren 1249–1250 befand sich König Ludwig IX. der Heilige (Louis IX le Saint) auf dem Kreuzzug in Ägypten. Er scheiterte bei der Belagerung der Festung al-Mansura im Nordostdelta, musste sich zurückziehen und geriet am 6. April 1250 auf dem Rückweg zum fränkischen Stützpunkt Damiette in ägyptische Gefangenschaft. Als diese Nachricht im Jahr darauf Frankreich erreichte, waren sowohl Adlige als auch Bauern tief betroffen; der König war vielgeliebt und es war unvorstellbar für sie, dass solch ein frommer Mann von „Heiden“ besiegt werden konnte. Eine der unterstützenden Maßnahmen nahm in Nordfrankreich die Form einer Bauernbewegung an, angeführt von einem Mann, der lediglich als der „Meister aus Ungarn“ (frz. Maître de Hongrie) bekannt war. Er war anscheinend ein sehr alter ungarischer Mönch, der in Frankreich lebte.

Der Meister behauptete, ihm sei die Jungfrau Maria erschienen und habe ihm aufgetragen, die Schäfer (die Pastorellen, oder Pastoreaux, wie sie in Frankreich genannt wurden) von Frankreich ins Heilige Land zu führen, um Ludwig zu retten. Seine Anhänger, deren Zahl sich auf 60.000 belaufen haben soll, waren meist junges Landvolk: Männer, Frauen und Kinder aus Brabant, dem Hennegau, Flandern und der Picardie. Sie folgten ihm im Mai nach Paris, wo der Meister mit Blanka von Kastilien zusammentraf, der Mutter Ludwigs IX., die während seiner Abwesenheit regierte. Matthäus Paris dachte, er sei ein Schwindler und in Wirklichkeit einer der Führer des Kinderkreuzzugs, der früher im gleichen Jahrhundert stattgefunden hatte. Ihre Bewegung in der Stadt wurde eingeschränkt. Es war ihnen nicht erlaubt, das linke Ufer zu betreten, wo die Universität von Paris lag, da Blanka eventuell weitere Unruhen fürchtete, die mit den Studentenunruhen an der Universität von Paris im Jahr 1229 verbunden waren.

Auf jeden Fall spaltete sich die Menge der Pastorellen, nachdem sie die Stadt verlassen hatte, auf. Einige von ihnen gingen nach Rouen, wo sie den Erzbischof vertrieben und einige Priester in die Seine warfen. In Tours griffen sie Klöster an. Die anderen unter der Führung des Meisters kamen am 11. Juni in Orléans an. Hier wurden sie vom Bischof verurteilt, den sie wie auch andere Kleriker, einschließlich der Franziskaner und Dominikaner, ebenfalls angriffen. Sie kämpften auch mit Universitätsstudenten in der Stadt, was Blanka bereits für Paris befürchtet hatte. Sie zogen erst nach Amiens und dann nach Bourges, dort richtete sich ihre Angriffslust auch gegen die jüdischen Einwohner.

Blanka antwortete mit dem Befehl, die Horden zusammenzutreiben und zu exkommunizieren. Dies war leicht getan, da sie einfach ziellos in Nordfrankreich umherstreiften, aber die vom Meister angeführte Gruppe leistete außerhalb von Bourges Widerstand, und der Meister wurde in dem darauf folgenden Scharmützel getötet.

Der Kreuzzug scheint eher eine Revolte gegen die französische Kirche und den Adel gewesen zu sein, von denen angenommen wurde, sie hätten Ludwig im Stich gelassen; die Pastorellen hatten natürlich keine Vorstellung vom Schicksal Ludwigs oder von der Logistik, die mit der Unternehmung eines Kreuzzugs zu seiner Rettung verbunden war. Nachdem er zerstreut worden war, reisten einige Anhänger nach Aquitanien und England, wo es ihnen verboten war zu predigen. Andere legten ein Kreuzzugsgelübde ab und mögen sich wirklich auf den Kreuzzug gemacht haben.[1]

Siebter Kreuzzug: 1270, Ziel: Tunis/Jerusalem

Kreuzzug des Prinzen Eduard: 1270–1272, Ziel: Akkon/Jerusalem

Aragonesischer Kreuzzug: 1284–1285, Ziel: Girona

Hirtenkreuzzug von 1320: Ziel: eigentlich Andalusien

Kreuzzug gegen Smyrna: 1343–1347, Ziel: türkische Fürstentümer an der kleinasiatischen Küste, Eindämmung der Piraterie

Kreuzzug gegen Alexandria: 1365, Ziel: Ägypten

Kreuzzug gegen Mahdia: 1390, Ziel: Eindämmung der Piraterie

Kreuzzug von Nikopolis: 1396, Ziel: Eindämmung des osmanischen Vordringens in Europa

Auch die schwedischen Eroberungsfeldzüge gegen die Heiden in Finnland im 13. Jahrhundert werden als Kreuzzüge bezeichnet. Im 14. Jahrhundert wurden über 50 Kreuzzüge gegen die damals heidnischen Prußen und Litauer geführt. Diese vom Deutschen Orden organisierten Feldzüge bezeichnete man auch als „Preußenfahrten“ oder „Litauerreisen“. Das 15. Jahrhundert weist vier Kreuzzüge gegen die Hussiten auf. Von 1443 bis 1444 fand ein meist als „letzter Kreuzzug“ eingestufter Feldzug gegen das Osmanische Reich statt, der in der Schlacht bei Warna scheiterte.

Veranstaltung vom 05.12.2018

Zweiter Kreuzzug

Der Zweite Kreuzzug sollte den Kreuzfahrerstaaten beistehen, die durch den Verlust der Grafschaft Edessa im Jahr 1144 geschwächt wurden. Er begann 1147 und endete nach mehreren Niederlagen im Jahr 1149 als Misserfolg. Zwischen den während des Ersten Kreuzzugs gegründeten Kreuzfahrerherrschaften kam es recht schnell zu Konflikten, die oftmals kriegerisch ausgetragen wurden. Zudem war das normannische Fürstentum Antiochia in ständige Kämpfe mit dem Byzantinischen Reich verwickelt, bis es im Jahr 1138 unter byzantinische Oberhoheit geriet. Emir Zengi von Mossul und Aleppo eroberte 1144 die Grafschaft Edessa. Ein Großteil der Zivilbevölkerung in der Stadt wurde von den Eroberern getötet. Der erste vernichtende Schlag gegen eine Kreuzfahrerherrschaft stärkte den Kampfeswillen der Muslime.

Die Entwicklungen im Heiligen Land ließen einen weiteren Kreuzzug notwendig erscheinen. Am 1. Dezember 1145 rief Papst Eugen III. deshalb in Vetralla (Region Latium, nordwestlich von Rom) mit der „Kreuzfahrtbulle“ Quantum praedecessores zu einem zweiten Kreuzzug auf. Der Aufruf war zunächst an den französischen König Ludwig VII. sowie das Volk Frankreichs und Norditaliens gerichtet, stieß aber kaum auf Resonanz. Die Bulle scheint Ludwig gar nicht erreicht zu haben, jedenfalls veröffentlichte der Papst die Bulle am 1. März 1146 ein zweites Mal.

< Eugen III. (* in Pisa; † 8. Juli 1153 in Tivoli, Italien), ursprünglich Bernardus Paganelli, war von 1145 bis 1153 Papst der katholischen Kirche. Er war der erste Zisterzienserpapst und Schüler Bernhards von Clairvaux. Dieser war einer der bedeutendsten Mönche des Zisterzienserordens, für dessen Ausbreitung über ganz Europa er verantwortlich war.

Paganelli war zwar nicht Bischof und schon gar nicht Kardinal, wurde aber trotzdem am 15. Februar 1145 zum Papst gewählt. Wenige Tage später musste er ein erstes Mal aus Rom fliehen, da der römische Senat der Papstherrschaft gegenüber feindlich gesinnt war. In der Folge konnte er auch den Agitationen seines Gegenspielers Arnold von Brescia, der einen Machtverzicht der Kirche forderte, wenig entgegensetzen. Da Eugen mehrmals aus Rom fliehen musste, verbrachte er dort nur einen geringen Teil seines Pontifikats.

Arnold von Brescia (* um 1090 in Brescia; † 1155) war ein italienischer Regularkanoniker und Prediger. Im Hinblick auf eine Kirchenreform vertrat er die Auffassung, auch der Säkularklerus solle nach dem Vorbild der Mönche Besitzlosigkeit und Ehelosigkeit üben und auf jede politische Macht verzichten. Arnold war einer der Führer der Römischen Kommune und wurde 1155 im Verlauf des Romzugs Friedrich Barbarossas hingerichtet.

Als Reaktion auf den Fall Edessas, das am 25. Dezember 1144 durch Emir Zengi von Mossul und Aleppo erobert worden war, rief Eugen III. am 1. Dezember 1145 mit der Bulle „Quantum praedecessores“ zum Zweiten Kreuzzug auf. Dieser kam allerdings erst zustande, als Bernhard von Clairvaux als Kreuzzugsprediger 1146 König Ludwig VII. von Frankreich und auch den römisch-deutschen König Konrad III. für dieses Unternehmen gewinnen konnte.

>>

>>

Quantum praedecessores ist eine Päpstliche Bulle vom 1. Dezember 1145 und die erste päpstliche „Kreuzzugsbulle“, die von Papst Eugen III. erlassen wurde. Mit dieser Bulle wollte er vor allem in Frankreich für einen neuen Kreuzzug werben. Er wandte sich direkt an Ludwig VII. und versprach für dessen Untertanen, die sich am Kreuzzug  beteiligten, eine vollständige Absolution.

Ferner stellte er vier Vorrechte in Aussicht:

1. Kirchlichen Schutz sollte neben dem Kreuzfahrer selbst seine Frau und Kinder sowie deren Hab und Gut erhalten.

2. Vom Zeitpunkt der Kreuznahme bis zur Rückkehr oder bis zur Nachricht über den Tod des Kreuzfahrers sollte kein Prozess gegen den Kreuzfahrer angestrengt werden.

3. Die Kreuzfahrer waren von Zinszahlungen befreit, selbst wenn sie sich eidlich dazu verpflichtet hatten.

4. Die Kreuzfahrer durften ihre Ländereien und andere Besitzungen verpfänden und zwar vorzugsweise an kirchliche Institutionen, falls ihr Lehnsherr oder ihre Verwandten (eventuell auch Nachbarn) ihnen kein Geld leihen konnten oder wollten.

>>

Da der Papst wegen einer politischen Auseinandersetzung mit Arnold von Brescia in Rom unabkömmlich war, entsandte er den Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux, um den Kreuzzug zu predigen. Für Bernhard von Clairvaux war es wichtig, dass die Kontrolle des Kreuzzugs in den Händen des Papstes blieb. Auf Vermittlung Bernhards erklärte der französische König am 31. März 1146 in Vézelay feierlich seine Teilnahme am Kreuzzug. Ludwig sollte das Oberkommando erhalten, dem sich nun immer mehr Freiwillige, nicht nur aus Frankreich, sondern auch aus Flandern, England und Norditalien anschlossen. Ludwig und Eugen nahmen Kontakt mit König Roger I. von Sizilien, Kaiser Manuel I. Komnenos von Byzanz, König Géza II. von Ungarn und dem deutschen König Konrad III. auf, um sie zu bitten, dem Kreuzfahrerheer freien Durchzug nach Kleinasien zu gewähren und die Nahrungsversorgung sicherzustellen, was diese zusagten.

Durch die eifrigen Predigten und das zähe Drängen Bernhards von Clairvaux konnte schließlich auch der deutsche König Konrad dazu bewogen werden, sich dem Kreuzzug anzuschließen. Kurz nach Weihnachten 1146 erklärte dieser seine Teilnahme. Ludwig und Konrad übernahmen von nun an gemeinsam die Organisation und Führung des Kreuzzugs. Als Startdatum wurde Ostern 1147 festgelegt.

Ludwig und Konrad

Ludwig VII., genannt der Jüngere (französisch Louis VII le Jeune; * 1120; † 18. September 1180 in Paris) aus der Dynastie der Kapetinger, war von 1131 – ab 1137 als Alleinherrscher – bis 1180 König von Frankreich.

Seine Regierungszeit war geprägt von seiner Teilnahme am Zweiten Kreuzzug und dem beginnenden Konflikt des französischen Königtums mit dem Haus Plantagenet, das die Linie der Könige von England stellte. Zu einem ernsteren Konflikt entwickelte sich die Scheidung des Grafen Rudolf I. von Vermandois, von Ludwigs Onkel, der sich mit der Schwester der Königin neu verheiraten wollte. Der Bruder der verstoßenen Frau aber war der mächtige Graf Theobald IV. von Blois, der schon für Ludwigs Vater ein gefährlicher Gegner war. Theobald vermutete hinter dem Heiratsplan ein Komplott des Königs gegen ihn und rief über seinen Vertrauten Bernhard von Clairvaux den Papst um Beistand an. Tatsächlich erreichte der Graf die Verhängung des Interdikts über Vermandois, worauf der König ihm den Krieg erklärte und mit einem Heer in die dem Grafen gehörende Champagne zog. Bei der Belagerung von Vitry kam es für den König zu einer Katastrophe, als mehr als tausend Menschen in einer Kirche verbrannten, die von königlichen Truppen in Brand gelegt wurde. Ludwig beendete umgehend den Feldzug und ging 1143 in Vitry einen nachteiligen Frieden mit dem Grafen ein, der auch vom Papst gefordert wurde.

Unter dem Eindruck der Geschehnisse von Vitry beschloss Ludwig zu Weihnachten 1145 auf einem Hoftag in Bourges einen Kreuzzug beginnen zu wollen, worauf der Bischof von Langres öffentlich zu einer bewaffneten Pilgerfahrt aufrief. Im Abendland hatte sich zuvor eine neue Kreuzzugsbegeisterung verbreitet, nachdem 1144 die Grafschaft Edessa verloren gegangen war.  Am 31. März 1146 nahm Ludwig offiziell das Kreuz, nachdem er einer Kreuzzugspredigt Bernhard von Clairvaux in Vézelay beigewohnt hatte. Der zweite am Kreuzzug teilnehmende König, Konrad III., folgte diesem Beispiel zu Weihnachten 1146. Ludwig begab sich, unter Zurücklassung des Abts von Saint-Denis und des Grafen von Vermandois als Regenten, über Ungarn auf den Marsch und traf am 4. Oktober 1147 in Konstantinopel ein. Nachdem er sich mit dem byzantinischen Kaiser Manuel I. über die Lehensverhältnisse der syrischen Städte zugunsten von Byzanz geeinigt hatte, setzte das französische Heer nach Kleinasien über, wo es sich mit dem bereits von den Seldschuken geschlagenen Heer der Deutschen vereinte. Wenig später wurden auch die Franzosen bei Laodikeia im Westen der Türkei geschlagen.

Mittels byzantinischer Schiffe erreichte Ludwig dennoch im Frühjahr 1148 die syrische Küste, wo er am Hof des Fürsten Raimund von Antiochia empfangen wurde. Dort kam es zu Meinungsverschiedenheiten mit dem Fürsten, denn der Fürst verstand sich überaus gut mit der Königin, die ebenfalls am Kreuzzug teilnahm und eine Nichte Raimunds war. Raimunds Plan, das starke Aleppo anzugreifen, wurde jedenfalls fallen gelassen, und Ludwig zog weiter nach Akkon. Dort beschloss man im Juni 1148 mit König Balduin III. und Konrad III. einen Angriff auf Damaskus, das sich den Christen gegenüber bis dahin neutral verhalten hatte. Die anschließende Belagerung der Stadt endete schon nach vier Tagen mit einem Desaster, die Anführer trennten sich darauf untereinander tief zerstritten. Nach einem obligatorischen Besuch der heiligen Stätten in Jerusalem reiste Ludwig zu Ostern 1149 wieder nach Frankreich zurück. Dort erlitt er durch die Scheidung von Eleonore weitere Verluste, insbesondere von Aquitanien an die englische Krone.

Konrad III. (* 1093 oder 1094; † 15. Februar 1152 in Bamberg) aus dem Adelsgeschlecht der Staufer war 1116/20 Herzog in Franken, 1127–1135 Gegenkönig von Lothar III. und nach dessen Tod 1138–1152 König im römisch-deutschen Reich.

Pilgerfahrt und Gegenkönigtum

Konrad war 1124 zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land aufgebrochen. Solche Pilgerfahrten wurden nicht nur aus Sorge um das Seelenheil unternommen, sondern verschafften Pilgern auch ein beträchtliches Ansehen. Spätestens im Sommer 1127 kehrte er zurück. Im Dezember 1127 wurde er von bayerischen, fränkischen und schwäbischen Anhängern der Staufer auf der Reichsburg Nürnberg zum König erhoben. Sie entschieden sich für ihn, weil er anders als sein Bruder Friedrich nicht dem Gegenkönig Lothar III. gehuldigt hatte und ihm daher kein Eidbruch vorgeworfen werden konnte. Die Resonanz auf die Königserhebung fiel jedoch negativ aus. Von den zeitnahen Chronisten wurde sein Gegenkönigtum als Usurpation gebrandmarkt. Die Teilnahme am Kreuzzug brachte eine Statusverbesserung. Am Weihnachtshoftag 1146 in Speyer verpflichtete er sich nach einer Predigt Bernhards von Clairvaux zur Kreuzzugsteilnahme. Die Gottgefälligkeit seines Vorhabens schien durch Wunderheilungen Bernhards vor den versammelten Kreuzfahrern bestätigt zu werden. Den Kreuzzug wollte der König nutzen, um sich als Schutzherr der gesamten lateinischen Christenheit zu profilieren. Mit dem Zug ins Heilige Land sollte die „Ehre unseres Reiches“ (honor regni nostri) vermehrt werden. Im Reich war die Bereitschaft zur Teilnahme am Kreuzzug jedoch sehr unterschiedlich. Der Westen stand unter dem unmittelbaren Eindruck der von Frankreich ausgehenden Kreuzzugspredigten. Welf VI. hatte bereits zwei Tage vor Konrad das Kreuz genommen. Heinrich der Löwe, Albrecht der Bär und andere sächsische Große zogen es hingegen vor, gegen die Heiden in ihrer eigenen Nachbarschaft zu ziehen und den Wendenkreuzzug auf sich zu nehmen.

Auf dem Hoftag zu Frankfurt vom März 1147 wurden Maßnahmen zur Vorbereitung und Durchführung des Kreuzzugs beschlossen. Konrads zehnjähriger Sohn Heinrich (VI.) wurde Mitte März 1147 zum Mitkönig erhoben. In Frankfurt wurde für die Dauer des Kreuzzugs ein Landfriede erlassen. Für die Zeit der Abwesenheit Konrads übernahm der Erzbischof Heinrich von Mainz die Regentschaft im Reich. Heinrich der Löwe nutzte die Kreuzzugsvorbereitungen und forderte in Frankfurt das Herzogtum Bayern nach Erbrecht zurück. Es gelang, die Befassung mit seinen Ansprüchen bis zur Rückkehr des Königs zu vertagen.

Im Mai 1147 brach das deutsche Kreuzzugsheer von Regensburg in Richtung Ungarn auf. Es umfasste 20.000 Mann. Über Bulgarien zog das Heer ins Byzantinische Reich. Dort erschwerten Versorgungsprobleme und Konflikte mit byzantinischen Heeresabteilungen die Weiterfahrt, das Heer hatte mit Erschöpfung, Hunger und Seuchen zu kämpfen. Im Oktober 1147 erlitt es bei Doryläum gegen die Seldschuken eine vernichtende Niederlage. Der König selbst erkrankte an der Malaria tertiana. Von Januar bis Anfang März 1148 hielt er sich am Kaiserhof in Konstantinopel auf, wo er von byzantinischen Ärzten versorgt wurde. Am 24. Juni 1148 nahm er mit Ludwig VII. von Frankreich und König Balduin III. von Jerusalem an einem großen Konzil in Akkon teil. Der dort vereinbarte Zug gegen Damaskus wurde im Juli 1148 ein vollständiger Fehlschlag. Das eigentliche Ziel des Kreuzzuges, die Rückeroberung Edessas, konnte nicht erreicht werden.

Verlauf

Konrads deutsches Kreuzfahrerheer traf am 10. September mehrere Wochen vor den Franzosen in Konstantinopel ein. Die Deutschen waren eine Weile in Pera untergebracht, bevor sie auf Drängen des Kaisers Manuel I. Komnenos Ende September nach Kleinasien übersetzten. Konrad führte sein Heer nun weiter, ohne auf Ludwig zu warten.

Am 4. Oktober erreichte auch Ludwigs Heer Konstantinopel, dort beabsichtigte er noch auf sein norditalienisches Kontingent zu warten, das über Brindisi und Durazzo anreiste. Die Franzosen setzten aber bald auf Drängen Manuels ebenso nach Kleinasien über, wo sie bis zur Ankunft der Verstärkung warteten.

Manuel I. Komnenos hatte unterdessen einen Friedensvertrag mit dem türkischen Sultan von Ikonion geschlossen und stellte den Kreuzfahrern deshalb, anders als beim ersten Kreuzzug, kaum ortskundige Führer und keine Hilfstruppen zur Verfügung. Dies führte zu diplomatischen Spannungen zwischen den Kreuzfahrern und Byzanz.

Kämpfe in Kleinasien

In Kleinasien angekommen, teilte sich das Kreuzfahrerheer Konrads. Die unbewaffneten Teilnehmer wählten unter der Führung Bischof Ottos von Freising, eines Halbbruders Konrads III., eine Route entlang der kleinasiatischen Küste, während Konrad mit seinen Truppen direkt durch Kleinasien reiste. Konrads Heer wurde schnell in Kämpfe mit den türkischen Seldschuken verwickelt, die in der schweren Niederlage für die Kreuzritter im Oktober 1147 bei Doryläum gipfelten. Konrad floh mit seinen verbliebenen Truppen nach Nicäa. Ein Großteil der an der Küste entlang gereisten Kreuzfahrer wurde von den Seldschuken am 16. November 1147 bei Laodikeia überfallen und umgebracht.

Ungefähr einen Monat später trafen die Franzosen unter König Ludwig VII. ein und brachen gemeinsam mit den verbliebenen Truppen Konrads III. von Nicäa aus auf. Als das Kreuzfahrerheer Ende 1147 Ephesos erreicht hatte, erkrankte Konrad und reiste zurück nach Konstantinopel. Die Franzosen zogen weiter und wurden in der Nähe von Laodikeia, bei der Überquerung des Honaz Dağı, von den Seldschuken angegriffen, wobei sie schwere Verluste erlitten. Die restlichen französischen Truppen kämpften sich bis zur Stadt Attaleia durch, von wo sie nach Antiochia übersetzten.

Konzil in Akkon

Konrad war inzwischen genesen und nahm im März 1148 den Seeweg nach Palästina. Im Juni 1148 trafen sich Konrad und Ludwig in Akkon. Dort hielten sie am 24. Juni 1148 zusammen mit König Balduin III. von Jerusalem ein Konzil ab, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Das eigentliche Ziel des Kreuzzugs, die 1144 an Zengi gefallene Stadt Edessa zurückzuerobern, war bereits ausgeschieden. Nachdem deren Graf Joscelin II. die Stadt nach Zengis Tod 1146 kurzzeitig zurückerobert hatte, ließ Zengis Sohn, Nur ad-Din, Edessa fast vollständig zerstören und entvölkern. Nach kontroverser Beratung einigten sich die Kreuzfahrer darauf, Damaskus zu belagern. Die Stadt war den Kreuzfahrern gegenüber eigentlich neutral und ein Feind Nur ad-Dins und zahlte sogar Tribut an die Kreuzfahrer. Allerdings erschien Damaskus auch als lohnendes Ziel, da es wohlhabend und nahe gelegen war und kein allzu starkes Militär hatte. Die Stadt war auch ein strategisch interessantes Ziel, deren Eroberung die muslimischen Reiche Syriens von denen in Ägypten abgeschnitten hätte.

Belagerung von Damaskus

Die Belagerung begann am 23. Juli 1148. Angesichts dieser Bedrohung beschlossen die buridischen Herrscher der Stadt, ihren bisherigen Feind Nur ad-Din um Hilfe zu bitten. Als der Emir mit einem Entsatzheer nahte, mussten die durch Wassermangel und Uneinigkeit der Befehlshaber geschwächten Kreuzfahrer die Belagerung nach nur vier Tagen abbrechen und sich nach Jerusalem zurückziehen. Alle Seiten fühlten sich gegenseitig betrogen.

Folgen

Konrad III. zog mit seinen Truppen nach Askalon, doch aufgrund des nun herrschenden Misstrauens nach dem missglückten Angriff auf Damaskus traf keine Hilfe ein. So musste der Plan zur Eroberung von Askalon wieder aufgegeben werden. Konrad kehrte im September 1148 nach Konstantinopel zurück und verbündete sich dort mit dem byzantinischen Kaiser.

Ludwig VII. blieb zunächst in Jerusalem. Er kehrte im April 1149 nach Frankreich zurück, ohne etwas bewirkt zu haben. Nach seiner Rückkehr in Europa wurde auch Bernhard von Clairvaux gedemütigt und versuchte sich, nachdem sein Aufruf zu einem neuen Kreuzzug ohne Echo geblieben war, vom Fiasko des Zweiten Kreuzzugs ganz zu distanzieren. Bernhard starb 1153. Von der Nachwelt wurde er als „letzter Kirchenvater“ gewürdigt.

Auf dem Rückweg traf Konrad in Konstantinopel noch einmal mit dem byzantinischen Kaiser Manuel I. Komnenos zusammen. Die Begegnung wurde durch das Zweikaiserproblem erschwert, da sowohl die byzantinischen als auch die westlichen Kaiser Anspruch auf den Titel imperator Romanorum erhoben. Seit 1142 verwendete Konrad in seinen Schreiben an die byzantinischen Herrscher den Titel Romanorum imperator augustus, obwohl er noch nicht zum Kaiser gekrönt war. Den Empfängern wurde auch der Titel Basileus ton Rhomaion („Kaiser der Römer“) verweigert und deren Herrschaftsgebiet nur als regnum („Reich“) oder imperium Grecorum („Reich der Griechen“) bezeichnet.

Der Basileus erhob bei der Begrüßung eines niederrangigen Herrschers den Anspruch, dass sich dieser vor ihm niederbeugte und ihm die Knie küsste. Da Konrad die Kaiserwürde zu erlangen gedachte, akzeptierte er dieses Zeremoniell und die damit ausgedrückte Höherrangigkeit Manuels jedoch nicht. Arnold von Lübeck berichtete rund sechzig Jahre später, dass Manuel und Konrad bei der Begrüßung aufeinander zuritten und sich sitzend im Sattel küssten. So wurde symbolisch Gleichrangigkeit ausgedrückt. Konrad und Manuel beschlossen einen Feldzug gegen den normannischen König Roger II. in Süditalien.[72] Beide Kaiserreiche hatten zwar ähnliche Interessen und betrachteten den normannischen König als Usurpator, doch bestand auch eine Rivalität: Beide Herrscher beanspruchten Süditalien jeweils für sich.

Nach der Rückkehr vom Kreuzzug behauptete Konrad, sein Heer sei nicht von Ungläubigen besiegt worden, sondern vom Hunger, gegen den keine Waffe helfe. In der höfischen Öffentlichkeit wurden die Resultate des Unternehmens nach den Kategorien Ehre und Schande, Ruhm und Schmach bewertet. Nach den großen Verlusten beklagten die Chronisten, dass im Heiligen Land „nichts für die Erhabenheit des kaiserlichen und deutschen Namens“ erreicht worden sei. Nach dem gescheiterten Kreuzzug verlor der Königshof offenbar an Attraktivität: In den Zeugenlisten der Herrscherdiplome ging die Zahl der bedeutenden Fürsten zurück. Dies gilt der modernen Forschung als Zeichen dafür, dass die Akzeptanz von Konrads Königtum schwand.

Konrad im Urteil von Zeitgenossen

Konrad galt Zeitgenossen als frommer Christ und glorreicher Herrscher. Im Reich datierten Bischöfe und Klöster häufig ihre Urkunden nach den Herrscherjahren des „sehr frommen“ oder „sehr berühmten und überaus erlauchten Königs Konrad“.

Bischof Otto von Freising fällte sein Urteil über Konrads Zeit in seiner Chronik, die sein Hauptwerk war und als Höhepunkt der mittelalterlichen Weltchronistik gilt. Er deutete die Ereignisse dieser Jahre als Zeichen für den bevorstehenden Weltuntergang. Die letzten Jahre Konrads erscheinen damit als eine „Katastrophengeschichte“. Mit Konrads Nachfolger Barbarossa hatte nach Otto von Freising eine Zeit des Friedens und der Eintracht begonnen, nach einer „Zeit des Weinens“ sei eine „Zeit des Lachens“.

Eine gewisse Verehrung in katholischen Kreisen des 19. Jahrhunderts hing damit zusammen, dass Konrad als erster deutscher Herrscher ein Kreuzfahrerheer führte. Vor allem die Situation, in der Bernhard von Clairvaux den zunächst noch widerstrebenden König durch eine mitreißende Rede für den Kreuzzug begeistern konnte, fand Niederschlag in der Historienmalerei. Den Augenblick der Fahnenübergabe Bernhards an Konrad hält etwa ein Fresko von Johann von Schraudolph im Dom zu Speyer fest, das er im Auftrag des bayerischen Königs Ludwig I. ausführte und im August 1849 vollendete.

Neben den Kreuzzugspredigten bemühte sich Bernhard auch um den Ausbau des Templerordens, des ersten christlichen Ritterordens, der 1120 in Jerusalem gegründet worden war, zunächst aber nur geringe Bedeutung hatte. Bernhard von Clairvaux wandte sich mit seinen Predigten gezielt an den Adel, um die Ausschreitungen der Volkskreuzzüge zu vermeiden. Insbesondere ein Zisterziensermönch namens Radulf zog eigenmächtig dennoch predigend durch Nordfrankreich und Westdeutschland, wo er die Landbevölkerung zu gewalttätigen Übergriffen auf Juden anstiftete, so beispielsweise auf Rabbenu Tam im nordfranzösischen Dorf Ramerupt. Radulf wurde schließlich von Bernhard aufgehalten. Hinter den Exzessen im Umfeld des Ersten Kreuzzugs blieben diese Pogrome aber zurück.

Nebenschauplätze

Der Papst gestattete 1146 den Kreuzfahrern von der Iberischen Halbinsel, in der Heimat zu bleiben, um dort gegen die Mauren zu kämpfen. Für diesen Kampf sollten sie die gleichen Ablässe erhalten wie die Kreuzfahrer nach Palästina. Auch einige europäische Kreuzritter schlossen sich den Feldzügen in Spanien an. So gelang durch Kreuzfahrer aus Genua, Pisa und aus Städten an der französischen Mittelmeerküste 1147 die Eroberung von Almería, 1148 von Tortosa und 1149 von Lerida und Fraga. Eine mit englischen, schottischen, flämischen und deutschen Kreuzfahrern bemannte Flotte machte 1147 auf dem Weg ins Heilige Land in Portugal halt, wo sie überwinterte und mit ihrer Hilfe die Eroberung Lissabons sowie der Burgen Sintra und Palmela von den Mauren gelang.

Einem Teil der deutschen, dänischen und polnischen Kreuzfahrer wurde im Hinblick auf die heidnische Bedrohung an ihren unmittelbaren Grenzen von Bernhard von Clairvaux zugestanden, nicht in Richtung Palästina, sondern gegen die heidnischen slawischen Wenden, welche zwischen Elbe und Oder siedelten, ziehen zu dürfen. Dieser so genannte Wendenkreuzzug wurde am 13. April 1147 mit der päpstlichen Bulle Divini dispensatione als solcher anerkannt und den Teilnehmern der Ablass in Aussicht gestellt. Sie brachen im August 1147 von Magdeburg aus auf. Von wem der Vorschlag des Wendenkreuzzugs ausging, ist in der Geschichtsforschung umstritten.

Friedrich I., genannt Barbarossa

Friedrich I., genannt Barbarossa (* um 1122; † 10. Juni 1190 im Fluss Saleph nahe Seleucia, Kleinarmenien), aus dem Adelsgeschlecht der Staufer war von 1147 bis 1152 als Friedrich III. Herzog von Schwaben, von 1152 bis 1190 römisch-deutscher König und von 1155 bis 1190 Kaiser des römisch-deutschen Reiches.

Schon vor seiner Königsherrschaft hatte Barbarossa von 1147 bis 1149 am Kreuzzug seines königlichen Onkels Konrad III. teilgenommen. In seinen letzten Jahren bereitete er nach der Niederlage des Königs von Jerusalem, Guido von Lusignan, gegen Saladin 1187 einen weiteren Kreuzzug vor. Am 11. Mai 1189 brach der Kaiser auf, doch er ertrank dreizehn Monate später kurz vor seinem Ziel.

Kreuzzug und Tod

Im letzten Jahrzehnt seiner Herrschaft konzentrierte sich Barbarossas Wirkungsbereich auf Rhein- und Ostfranken, Schwaben, Elsass und den bayerischen Nordgau. Nach der Niederlage des Königs von Jerusalem gegen Saladin am 4. Juli 1187 in der Schlacht bei Hattin und der Einnahme Jerusalems am 2. Oktober 1187 rief Papst Gregor VIII. am 29. Oktober 1187 zum Kreuzzug auf. Kaiser und Papst verpflichteten sich zu einträchtiger Zusammenarbeit. So investierte der Papst bei der Besetzung des Trierer Bistums mit Johann I. den bisherigen Kanzler Friedrichs und ließ den von ihm favorisierten Folmar von Karden fallen. Am 27. März 1188 ließ Barbarossa auf einem Hoftag in Mainz den Kreuzzug beschwören. Nach damaliger Vorstellung konnte man mit seiner Teilnahme am Kreuzzug die vollständige Vergebung aller Sünden erlangen und Ruhm im Kampf für den Glauben erwerben. Für den Kreuzzug war der Frieden im Reich notwendige Voraussetzung. Im Konflikt zwischen dem aus England zurückgekehrten Heinrich dem Löwen und seinem Nachfolger im sächsischen Herzogtum wurde auf einem Hoftag in Goslar entschieden, dass Heinrich abermals für drei Jahre ins Exil gehen müsse.

Am 11. Mai 1189 brach Barbarossa von Regensburg als einziger europäischer Herrscher zu einem zweiten Kreuzzug auf. Sein Heer war mit etwa 15.000 Teilnehmern relativ groß. Über Bayern, Wien und das Königreich Ungarn erreichte das Heer byzantinisches Gebiet. Byzanz sah in dem Kreuzfahrerheer eine Bedrohung, die Bewohner Adrianopels flohen aus der Stadt, die Kreuzfahrer plünderten Thrakien. Kaiser Isaak II. gestand Friedrich den Titel „Kaiser des alten Rom“ zu, um eine Annäherung zu erreichen. Nach zähen, zunächst gescheiterten Verhandlungen bot er 70 Lastschiffe und 150 Schiffe für die Überfahrt des Heeres nach Kleinasien an, dazu 15 Galeeren. Nach weiteren Konfrontationen brach das Heer Anfang März nach 14 Wochen Aufenthalt auf, drei Wochen später setzte es nach Asien über. Schon hinter Philadelphia kam es zu ersten Kämpfen mit Turkmenen. Kılıç Arslan II., der Sultan von Konya, knüpfte Verhandlungen an und versprach einen friedlichen Durchzug. Doch hatte er sein Reich unter elf Söhnen aufgeteilt, von denen ihm sein ältester Sohn Kutheddin nicht folgte und die Kreuzfahrer bekämpfte. Nachdem sein Heer Konya geplündert hatte, siegte Friedrich in der Schlacht bei Iconium (Iconium ist der lateinische Name Konyas). Ende Mai erreichte das Heer das christliche Königreich Kleinarmenien und schließlich den Fluss Saleph (Göksu bei Silifke) in der heutigen Südosttürkei. Dort ertrank Barbarossa am 10. Juni 1190.

Barbarossas Eingeweide wurden in Tarsos beigesetzt. Das Fleisch wurde entsprechend dem Verfahren des „Mos teutonicus“ durch Kochen von den Knochen abgelöst und Anfang Juli in Antiochia beigesetzt. Seine Gebeine fanden ihre Ruhestätte möglicherweise in der Kathedrale von Tyrus, die heute nur noch als archäologisches Ausgrabungsfeld existiert. Barbarossa ist der einzige Herrscher des Mittelalters, dessen Grablege bis heute unbekannt ist. Nach der Rückkehr der Kreuzfahrer entstanden die unterschiedlichsten Nachrichten über Barbarossas Tod. Bereits die Zeitgenossen wussten nicht, ob der Kaiser den Fluss schwimmend oder zu Pferde überqueren wollte, ob er allein oder in Begleitung schwamm, ob er nur ein Erfrischungsbad nehmen oder an das andere Ufer gelangen wollte, ob er überhaupt im Wasser oder erst am Ufer starb.

Saladin

Saladin * 1137/1138 in Tikrit; † 3. März oder 4. März 1193 in Damaskus, war ab 1171 der erste Sultan von Ägypten und ab 1174 Sultan von Syrien. Als kurdischstämmiger Führer gründete er die Dynastie der Ayyubiden.

Unter dem Namen „Sultan Saladin“ wurde er zu einem Mythos der muslimischen Welt und vorbildhaften islamischen Herrscher. Er eroberte im Jahr 1187 Jerusalem; als erfolgreicher Gegenspieler der Kreuzfahrer wurde er oft verklärt und romantisiert. In der modernen Geschichtsschreibung wird hingegen davon ausgegangen, dass er seine Rolle als Verteidiger des Islams auch zur Legitimation seiner machtpolitischen Ziele verwendete

Christen und Muslime rühmten Saladins Großzügigkeit in finanziellen Dingen und dabei besonders seine Freigebigkeit. Muslime setzten ihn daher mit dem als Jesus identifizierten Mahdi gleich, der die Muslime zum wahren Islam führe und sich durch größte Freigebigkeit auszeichne. Saladin soll erklärt haben, ein vor ihn hintretender Bittsteller sei selbst dann nicht für sein Erröten entschädigt, wenn er ihm alles Geld aus seinem Schatz schenke. Tatsächlich war Saladin auch gegenüber seinen muslimischen Gegnern und Verbündeten großzügig und freigebig, was ihm aber auch die Kritik einiger muslimischen Zeitgenossen einbrachte. Ein Beispiel für die Einschätzung auf christlicher Seite ist die Meinung Wilhelms von Tyrus, des um 1130 in Jerusalem geborenen Kanzlers des Königreichs Jerusalem, der in Saladin zwar einen hochmütigen und ruhmsüchtigen Herrscher sah, ihm aber dennoch eine außerordentliche Freigebigkeit bescheinigte. Diese Eigenschaft Saladins scheint seinem Naturell und den Werten seiner Erziehung entsprochen haben, wurde von Saladin aber auch mit politischem Kalkül eingesetzt.

Ritterlicher Gegner und Urbild des edlen Heiden

Im Abendland geriet Saladin nie in Vergessenheit, kein islamischer Herrscher des Mittelalters ist in Europa bekannter. Und obwohl er den Kreuzfahrerstaaten schweren Schaden zugefügt hatte, stand er über Jahrhunderte hinweg in besonders hohem Ansehen. Die Erinnerung an ihn wurde schon bald verklärt und romantisiert. Er ging als „ritterlicher Gegner“ und „Urbild des edlen Heiden“ in die europäische Geschichtsschreibung ein, obwohl er etwa nach der Schlacht bei Hattin die überlebenden Ordensritter (bis auf den Templermeister) hinrichten und die übrigen Gefangenen in die Sklaverei verkaufen ließ. Das soll den Preis für Sklaven so gedrückt haben, dass man einen christlichen Sklaven für ein Paar Sandalen eintauschen konnte.

Als Gegenleistung für die Kapitulation Jerusalems soll er diejenigen Einwohner, die über Vermögen verfügten, gegen ein Kopfgeld in die Freiheit entlassen haben. 18.000 derjenigen, die dieses Kopfgeld nicht selbst aufbringen konnten, wurden für eine mühsam zusammengebrachte Pauschalsumme freigekauft. Etwa 100.000 Dinar insgesamt flossen dabei in Saladins Kasse. Die etwa 15.000 nicht Freigekauften – 7000 Männer sowie 8000 Frauen und Kinder – gerieten in Saladins Gefangenschaft. Als Saladins Bruder al-Adil das Elend der nicht Freigekauften sah, bat er den siegreichen Feldherrn, ihm 1.000 Sklaven zu schenken. Saladin erfüllte die Bitte, und sein Bruder ließ die ihm geschenkten Sklaven frei.

Beziehungen zu christlichen Herrschern

Besondere Beachtung fanden in Europa Saladins Beziehungen zu König Richard I. Löwenherz von England und zu Kaiser Friedrich I. Barbarossa.

Sein Verhältnis zu Richard Löwenherz war trotz der militärischen Gegnerschaft von großem gegenseitigem Respekt geprägt. Als Richard bei der Belagerung von Akkon erkrankte, soll Saladin ihm die Dienste seines Leibarztes angeboten und ihm Pfirsiche und Schnee vom Berg Hermon zur Kühlung von Getränken gesandt haben. Als Richard im Kampf bei Jaffa sein Pferd unter dem Leib weggeschossen worden war, habe ihm Saladin durch einen Sklaven zwei edle Araberpferde bringen lassen, damit er standesgemäß weiterkämpfen könne – was wegen der ungewöhnlich ritterlichen Verhaltensweise bei den Chronisten größtes Aufsehen erregte. Während der Kampfpausen pflegte man diplomatischen Kontakt miteinander. Gesandte nahmen an Festlichkeiten, Turnieren und Jagdausflügen teil und man sandte sich Geschenke: der Legende nach einen weißen kurdischen Jagdfalken für Richard, als Gegengabe einen andalusischen Rappen für Saladin.

Um den Krieg im Heiligen Land zu beenden und nach Europa zurückkehren zu können und so seine ins Wanken geratene Herrschaft in England und Frankreich zu sichern, bot Richard Löwenherz an, dass al-Adil, Saladins Bruder, Johanna, die Schwester Richards und Königinwitwe von Sizilien heiraten solle: Sie würde die christlich kontrollierten Gebiete Palästinas erhalten, Saladin solle seinen Bruder mit dem übrigen Heiligen Land belehnen, gemeinsam das Paar von Jerusalem aus regieren und das Land allen Christen und Moslems offenstehen lassen – für Muslime und Christen damals nahezu unvorstellbar. Auch wenn diese Vorschläge von beiden Seiten letztlich nicht allzu ernst genommen wurden, macht der Vorschlag die gegenseitige Wertschätzung deutlich.

Ähnliches ist von Saladins diplomatischen Beziehungen zu Friedrich I. Barbarossa überliefert, bei dem er 1173 für seinen Sohn angeblich um die Hand von dessen Tochter anhielt mit der Option, dass jener dann zum christlichen König gekrönt werden möge. Dies dürfte jedoch eine Legende sein, die später von christlichen Troubadouren verbreitet wurde. Die hierfür nach Aachen entsandte ägyptische Delegation soll ein halbes Jahr am Hof Friedrich I. verweilt haben, wo sie vermutlich über ein Bündnis gegen Byzanz verhandelte.

Toleranz

Zum Bild des „edlen Heiden“ gehörte auch Saladins religiöse Toleranz. Zeitgenössische Quellen beschreiben ihn als frommen Muslim, der die auf den Koran gegründete Toleranz gegenüber Juden und Christen beachtete. Zwangskonversionen lehnte er ab. Er selbst soll überzeugt gewesen sein, von Gott den Auftrag erhalten zu haben, auf der Welt die rechte Ordnung herzustellen. Dennoch führte er den Kampf gegen die Kreuzfahrer nicht bedingungslos aus, sondern suchte auch immer wieder Waffenstillstände, um gegen seine muslimischen Nachbarn Kriege führen zu können. Auch das gilt als Indiz dafür, dass Saladin nicht nur die Wiedergewinnung Jerusalems und der Sieg über die Kreuzfahrer, sondern darüber hinaus die Wiederherstellung des islamischen Großreiches am Herzen lag. Von daher kann seine Toleranz auch als politisches Mittel zum Zweck angesehen werden. Im Gegensatz zu den katholischen Kreuzfahrern und deren Nachkommen hatten die orientalischen Christen unter Saladin nichts zu befürchten. Sie und auch Juden warb er zur Neubesiedlung des eroberten Jerusalems an und gewährte ihnen die als respektierten Buchbesitzern zustehenden Rechte.

Als Vorkämpfer der Sunna verzichtete er darauf, die als Häretiker angesehenen Schiiten seines Reiches zu verfolgen und setzte ihnen stattdessen eine sunnitische Bildungsoffensive entgegen. Auch gegenüber Sufis, den islamischen Mystikern, zeigte er sich zugänglich und bedachte sie mit Stiftungen, verhinderte allerdings nicht die Hinrichtung des wegen Ketzerei angeklagten, großen Mystikers Suhrawardi.

Saladin als der neue Yusuf

Die Geschichte Josephs, des jüngsten Sohnes des alttestamentarischen Jakob, war zu Saladins Lebenszeit populär, zumal Joseph als Yusuf auch im Koran vorkommt. Dort gilt er als Prophet und damit als Vorgänger Mohammeds. Für Saladins muslimische Zeitgenossen lag es nahe, den Yusuf des Korans und Saladin, dessen eigentlicher Name Yusuf war, zu vergleichen und sogar gleichzusetzen. Auch Saladin selbst zog diese Parallelen. Legenden der Muslime, Juden und orientalischen Christen boten viel Stoff für Vergleiche, die darin gipfelten, dass Saladin mündlich und schriftlich als der wiedererstandene Yusuf und als Heilsbringer einer neuen goldenen Zeit apostrophiert wurde.

Vergessenheit und Wiederentdeckung im Orient

Anders als in Europa geriet die Gestalt Saladins im Orient bald in Vergessenheit. Die Frömmigkeit Nur ad-Dins und die schonungslose Unbarmherzigkeit Baibars I. verblieben länger im kollektiven Gedächtnis. Erst im 19. Jahrhundert rückte Saladin durch die positive Bewertung in Europa wieder in das Bewusstsein der islamischen Welt. So weckte insbesondere die Orient-Reise des deutschen Kaisers Wilhelm II. im Jahr 1898, zu deren Abschluss er das Grab Saladins in Damaskus besuchte, das Interesse der Muslime. In einer Dankesrede rühmte Wilhelm II. Saladin als einen „der ritterlichsten Herrscher aller Zeiten“ und als „Ritter ohne Furcht und Tadel, der oft seine Gegner die rechte Art des Rittertums lehren musste“.

Saladin in der europäischen Literatur (Auswahl)

Bereits in Saladins Lebenszeit und kurz danach wurde auf Saladin in Gedichten, Epen und Erzählungen Bezug genommen. Dabei wandelte sich sein Bild vom grausamen Gegner zum ritterlichen, tugendhaften Herrscher und Feldherrn.

•             In dem anonymen Kreuzzugslied Heu voce flebili cogor enarrare von 1188, das in die Carmina Burana aufgenommen worden ist, wird er mit vielen negativen Merkmalen als Widersacher der Kreuzfahrer während der Schlacht bei Hattin und bei der Eroberung Jerusalems sowie als Verwüster des Heiligen Landes und als barbarus perversus („verdorbener, ketzerischer Barbar“) dargestellt. Ihm wird eine antichristliche Größe zugebilligt, die auch die Taten der Kreuzfahrer groß erscheinen lässt.

•             Im Itinerarium Peregrinorum et Gesta Regis Ricardi, einer anonymen, noch im 12. Jahrhundert verfassten Prosaerzählung über Richard Löwenherz’ Teilnahme am Dritten Kreuzzug dagegen wird Saladin als ehrenwerter Gegner beschrieben, der von Humfried IV. von Toron sogar zum christlichen Ritter geschlagen worden sei.

•             Walter von der Vogelweide stellte in seiner an Philipp von Schwaben gerichteten Löwenherz-Mahnung von 1201 sowohl den „milten“ Saladin als auch dessen Widersacher und Vertragspartner, den mit einer „gebenden hant“ ausgezeichneten Richard Löwenherz, als Vorbilder der Freigebigkeit dar.

•             Im altfranzösischen, um 1300 entstandenen Epos Le Pas Saladin, das den Dritten Kreuzzug behandelt, wird Saladin als generöser und ritterlicher Gegner der christlichen Kreuzfahrer dargestellt.

•             Im vierten Gesang von Dante Alighieris 1321 vollendeter Göttlicher Komödie hat Saladin als Nichtgetaufter seinen Platz im Limbus: “e solo in parte vidi ’l Saladino” („und alleine seitab sah ich Saladin“). Auch Dante hob Saladins Freigebigkeit hervor.

•             In Giovanni Boccaccios um 1350 verfasstem Decamerone steht eine Geschichte, in der Saladins Frage nach der einzig richtigen unter den drei Buchreligionen von einem jüdischen Kaufmann mit der Ringparabel beantwortet wird. Diesen Stoff hat später Lessing in seinem Dramatischen Gedicht Nathan der Weise adaptiert und erweitert.

Illustration von 1403/1404 zu Le chevalier errant von Thomas III. de Saluces. Links Saladin mit seinen Rittern, rechts von der Brücke Richard Löwenherz mit seinen Rittern.

•             Die fiktive, französische Prosaerzählung Saladin, letzter Teil einer Trilogie aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, verwendet Inhalte französischer, italienischer und spanischer Berichte ab dem 12. Jahrhundert, in denen Saladins Verhältnis zum Christentum, beispielsweise seine angebliche christliche Herkunft und seine Überlegungen Christ zu werden, behandelt wird. Dabei geht es auch um Kritik an den Zuständen der christlichen Kirche. Berichtet wird in Saladin über des Sultans mit zwei christlichen Rittern unternommene Inkognito-Reise nach Europa. Saladins Ziel ist es, an Ort und Stelle die christliche Kultur kennenzulernen, um entscheiden zu können, ob er Christ werden wolle. Doch die unchristlichen Sitten, zumal die unerträgliche Behandlung von Armen in Paris, lassen ihn zunächst davor zurückschrecken. Zurück in Damaskus rüstet er für einen Kriegszug auf, mit dem er Frankreich in sein Herrschaftsgebiet eingliedern oder es verwüsten will. Dennoch gilt er stets als der den Christen moralisch Überlegene, so auch am Ende der Erzählung, als sich Saladin nach einer Debatte über die drei abrahamitischen Religionen selbst christlich tauft. Für all das gibt es allerdings keinerlei historische Grundlagen.

Das positive Saladinbild hatte vom christlichen Mittelalter bis hinein ins 19. Jahrhundert Bestand. Es zeichnete sich deutlich ab vom traditionell düsteren, negativen Islambild. Nicht erkannt wurde, dass Saladins Handlungsweise als „edler Heide“ nicht nur von ihm als Person bestimmt wurde, sondern auch ein Resultat von Geboten und Verboten des Korans war. Saladin galt als Ausnahmeerscheinung. Erst als 1732 eine lateinische Übersetzung der arabischen Saladinbiografie von Bahā’ ad-Dīn Yusuf ibn Rafi ibn Shaddād erschienen war, fanden arabische Quellen Beachtung, die das bisher übliche, einseitige Saladinbild korrigieren konnten.

•             1758 wurde die erste moderne Biografie von François Louis Claude Marin veröffentlicht und 1761 ins Deutsche übersetzt.

•             Große Wirkung entfaltete Voltaires Essai sur les moeurs et l’esprit des nations aus dem Jahr 1756. Darin rühmte Voltaire Saladins Milde bei der Einnahme Jerusalems, die er schon in einer früheren, von Lessing übersetzten Arbeit der blutigen Grausamkeit der Kreuzfahrer bei deren Eroberung Jerusalems entgegengestellt hatte.

•            Als Wegbereiter des Toleranzgedankens der Aufklärung gelangte Saladin durch Lessings 1779 veröffentlichtes Dramatisches Gedicht Nathan der Weise nachhaltig ins Bewusstsein der gebildeten Europäer.

•             Auch Walter Scott zeichnete in seiner Erzählung Der Talisman von 1825 ein sehr sympathisches Bild Saladins, wobei er sich kaum an die geschichtlichen Fakten hielt.

Instrumentalisierung

Der osmanische Sultan Abdul Hamid II. stilisierte Saladin und sich selbst zu Wiedervereinigern der muslimischen Welt. Er war der Ansicht, Europa führe einen Kreuzzug gegen das osmanische Reich. Wie ein politisches Signal für den Nahen Osten wirkten daher die Begegnung Abdul Hamids II. und Kaiser Wilhelms II. und ihr gemeinsamer Besuch des Saladin-Mausoleums in Damaskus im Jahr 1898, wobei der Kaiser Saladins historische Bedeutung rühmte und sich und Deutschland als Freunde aller Muslime darstellte.

Im Gefolge dessen entstand im 20. Jahrhundert auch ein neues Interesse der Muslime an den Kreuzzügen. Die Gründung der Kreuzfahrerstaaten wurde gleichgesetzt mit der Gründung des Staates Israel, und die führenden Politiker und Herrscher setzten sich mit Saladin als Rückeroberer Jerusalems und Verteidiger des Islams gleich.

Der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser wurde nach der Vereinigung mit Syrien Präsident der Vereinigten Arabischen Republik und sah sich als neuen Saladin.

Der syrische Präsident Hafiz al-Assad bezeichnete sich selbst als „Saladin des 20. Jahrhunderts“ und ließ 1993 in Damaskus ein Saladin-Denkmal mit überlebensgroßen Figuren aufstellen. Obwohl er Alawit war, identifizierte er sich mit dem sunnitischen Herrscher und ließ ein Gemälde über seinem Präsidententisch anbringen, auf dem Saladin als Sieger nach der Schlacht von Hattin abgebildet war.

Der irakische Machthaber Saddam Hussein, der wie Saladin in Tikrit geboren wurde, machte sich diese Gemeinsamkeit zunutze. Da das Datum seiner Geburt nicht festgehalten worden war, bestimmte er 1937 zu seinem offiziellen Geburtsjahr. Es fiel dadurch propagandistisch nutzbar mit Saladins 800. Geburtsjahr zusammen. Saddam Hussein ließ sich als gleichrangiger Nachfolger Nebukadnezars, Harun al-Rashids und Saladins feiern. Saladins Bild zierte gemeinsam mit Saddam irakische Briefmarken und Banknoten.

Die irakische Provinz Salah ad-Din und der Adler Saladins sowie die Liwa Ahfad Saladin, eine zur Freien Syrischen Armee gehörende Einheit von 600 Mann, sind nach dem Sultan benannt.

2014 begrüßte der ehemalige Rektor der Al-Azhar-Universität den ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi als Nachfolger Saladins, der Jerusalem erobern werde.

Die panislamische und panarabische Sichtweise auf Saladin wird nicht von Schiiten geteilt, da Saladin die schiitischen Fatimiden in Ägypten zu Gunsten der von ihm begründeten sunnitischen Dynastie der Ayyubiden verdrängte und den in ihren Augen wahren Islam bekämpfte.

Die moderne kurdische Literatur erkor Saladin zum Nationalhelden. Im Gegenzug beriefen sich verschiedene Regierungen in Bagdad auf die Symbolfigur Saladin, um ihren Kampf gegen die kurdische Unabhängigkeitsbewegung zu rechtfertigen.

Richard I. (genannt Löwenherz, französisch Richard Ier Cœur de Lion, englisch Richard I the Lionheart, eigentlich Richard Plantagenêt; * 8. September 1157 in Oxford; † 6. April 1199 in Châlus) war von 1189 bis zu seinem Tod König von England.

Von 1172 bis zum Jahr seiner Krönung war Richard Herzog von Aquitanien. Danach hielt er neben der Königswürde noch die Titel Graf von Maine, Herzog der Normandie und Graf von Anjou.

Richard war der dritte Sohn König Heinrichs II. von England und der Eleonore von Aquitanien.

Krönung

Am 3. September 1189 wurde Richard Löwenherz in Westminster als Richard I. zum König von England gekrönt und war damit durch seine französischen und englischen Besitzungen der mächtigste Herrscher Europas nach Kaiser Friedrich Barbarossa. Im Gegensatz zur Krönung der meisten seiner Vorgänger wurde die Zeremonie mit großem Pomp in Anwesenheit zahlreicher Lehnsträger aus dem gesamten Reich veranstaltet.

Richards Teilnahme am Dritten Kreuzzug – Der Name Löwenherz

Richard ging zunächst nicht an die Festigung seiner Herrschaft, sondern bereitete die Erfüllung des Kreuzzugsgelübdes vor, das er im November 1187 in Tours abgelegt hatte. Es war ihm bewusst, dass durch diese Entscheidung seine eigenen Zukunftsperspektiven wie auch die seiner Dynastie bedroht waren, und sein Vater war über diese Entscheidung entsetzt. Kurz darauf führte er den Dritten Kreuzzug (1189 bis 1192) zur Rückeroberung Jerusalems von den Truppen des Sultans Saladin an. Richard und Philipp brachen gemeinsam in Vézelay auf und stachen in Marseille bzw. Genua in See, die Flotten erreichten am 16. September 1190 Messina auf Sizilien. Richards Schwester Johanna wurde in der Stadt gefangen gehalten, nachdem ihr Mann König Wilhelm II. am 17. November 1189 gestorben war. Natürlich forderte Richard nach seiner Ankunft, dass seine Schwester unverzüglich freizulassen sei, was er in wenigen Tagen auch erreichte. Jedoch gab es in der Folge ständig Scharmützel und Sticheleien, denn Richard trat auf wie ein Eroberer. Nachdem die Stadtbewohner einige Ausfälle aus der Stadt wagten, wurden die Kreuzfahrer schließlich auch von der Kampflust ergriffen. Richard stellte sich nun an die Spitze seiner Truppe und erstürmte die Stadt, woraufhin stundenlang Raub, Mord und Plünderung in Messina wüteten, bis der König seinem Heer Schonung gebot. Ab diesem Zeitpunkt wagten es die Sizilianer und mit ihnen ihr König, Tankred von Sizilien, nicht mehr, dem Kreuzfahrerheer zu trotzen, und wurden umgänglicher. Der Respekt vor dem König ging sogar so weit, dass man ihm den Beinamen „der Löwe“ oder „Löwenherz“ gab. Richard konnte auch der Königswitwe und Schwester anschließend ihre Rechte sichern. Weiter auf dem Weg in das Heilige Land eroberte Richard I. noch Zypern und nahm dessen ersten und einzigen Kaiser Isaak Komnenos gefangen. Zypern verkaufte er an Guido von Lusignan, den vor Saladin auf der Flucht befindlichen König von Jerusalem.

Das herausragende Ereignis des Dritten Kreuzzugs war die Eroberung Akkons, bei der die Franken tief in feindlichem Territorium eine Belagerungsstellung um die Stadt halten konnten, obwohl sie ihrerseits von den Truppen Saladins eingekesselt waren. Richard kam erst gegen Ende der 22-monatigen Belagerung, aber die Verstärkung, die er (und König Philipp II. August) mitführten, brachte die Entscheidung. Am 12. Juli 1191 wurde eine Vereinbarung getroffen, die die Belagerung beendete. Die muslimischen Bewohner wurden am Leben gelassen, allerdings wurden die Soldaten der Garnison als Geiseln genommen, um die Leistung der Entschädigungsbedingungen sicherzustellen. Diese Bedingungen waren drastisch und zeigen den großen Sieg, den Richard über Saladin errungen hatte.

Danach zog Richard entlang der Küste nach Süden, wobei er darauf achtete, dass die militärische Formation geschlossen blieb und so den wiederholten Attacken der Muslime keine Angriffsfläche geboten wurde. Am 7. September 1191 fügte er Saladin bei Arsuf eine schwere Niederlage zu.

In der Folge schwankte Richard zwischen dem Bestreben, Askalon als Tor zur reichsten ajjubischen Provinz Ägypten, oder Jerusalem als das religiöse Ziel des Kreuzzugs zu erobern. Verstärkt wurde diese Unentschlossenheit noch von der Situation in England, das während des Kreuzzuges von seinem Bruder Johann Ohneland verwaltet wurde. Philipp II., mit dem sich Richard I. zerstritten hatte, kehrte nach der Eroberung von Akkon vorzeitig nach Frankreich zurück und schloss einen Vertrag mit Johann: Philipp erhielt einen Teil der englischen Besitzungen in Frankreich, Johann wurde im Gegenzug die Verwaltungshoheit über die restlichen Gebiete zugesichert. Begünstigt wurde dieser Pakt durch Intrigen im englischen Adel, die Richards Justiziar Wilhelm von Longchamp am effektiven Eingreifen zugunsten des Königs hinderten und ihn schließlich zur Aufgabe seines Amtes zwangen.

Aufgrund der Nachrichten aus der Heimat schloss Richard 1192 einen Waffenstillstand mit Saladin, der den Zugang nach Jerusalem für die Christen sicherte, brach den Kreuzzug ab und machte sich im Oktober 1192 auf den Rückweg in die Heimat. Richard hatte mehrere glänzende Siege gegen Saladin errungen und die Mittelmeerküste von Akkon bis Askalon erobert.

Die Rettung Outremers im Dritten Kreuzzug wird zu einem guten Teil als das Verdienst Richards gesehen. Er zeigte während seines Kreuzzuges großes Selbstbewusstsein, Tapferkeit und Klugheit, aber bisweilen wenig diplomatisches Geschick. So wies er bei der Eroberung von Akkon schroff die Machtansprüche Leopolds V. von Österreich zurück (dessen Standarte wurde im Streit um die Beuteverteilung von einem seiner Knappen in den Burggraben geworfen) und ließ auch keine Gelegenheit aus, Philipp II. von Frankreich spüren zu lassen, dass er der Mächtigere sei. Der durch seine Machtdemonstrationen provozierte Unmut seiner Rivalen sollte ihn später teuer zu stehen kommen.

Hintergründe für die Festsetzung

Die Gefangennahme war zwischen Kaiser Heinrich VI. und König Philipp II. August von Frankreich abgesprochen worden. Die Gründe ihrer Intrige waren verschiedene Konflikte mit Richard, darunter vor allem: •         der Streit Richards mit Philipp August wegen der Auflösung seines Verlöbnisses mit dessen Schwester Alix; •             die beharrliche Unbotmäßigkeit Richards, der mehrere französische Herzogtümer – das sogenannte Angevinische Reich – besaß, in seiner Eigenschaft als Lehnsmann des französischen Königs; •              die massive Unterstützung des englischen Königs für seinen Schwager Heinrich den Löwen im Zusammenhang mit der welfischen Fürstenverschwörung gegen Heinrich VI.; •            das Bündnis Richards mit Tankred von Lecce und seine Unterstützung für die normannische Verschwörung gegen Heinrichs VI. Königtum in Sizilien; •   die Brüskierung Leopolds von Österreich bei der Eroberung von Akkon 1191, als er dessen Standarte in den Burggraben werfen ließ und damit dessen Beuteanspruch zunichtemachte;[7] •             die Affäre um die Ermordung des Königs von Jerusalem; •      die Gefangennahme des Herrschers von Zypern Isaak Komnenos und die Usurpation des zyprischen Thrones.

Lösegeldforderung

Leopold V. verhandelte in den nächsten Monaten mit Heinrich VI. über die Lösegeldforderungen für Richard Löwenherz. Es kam schließlich ein Vertrag zustande, in dem sich Heinrich VI. verpflichtete, Richard Löwenherz erst wieder freizulassen, wenn dieser folgende Bedingungen erfüllte:

1.            Zahlung von 100.000 Mark Silber. Die Mark war eine Gewichtseinheit, und das Lösegeld wurde nach der Kölner Mark berechnet, die etwa 234 Gramm wog. 100.000 Mark zu je 234 g ergaben also etwa 23 Tonnen Silber. Diese Menge Silber entsprach ungefähr den doppelten Jahreseinkünften der englischen Krone. Davon erhielt Leopold die Hälfte.

2.            Waffenhilfe für Heinrich VI. bei einem Feldzug nach Sizilien.

3.            Freilassung von Isaak Komnenos und seiner Tochter auf Zypern.

4.            Heirat von Richards Nichte Eleonore von der Bretagne mit Friedrich I., dem Sohn Leopolds V.

5.            Richard Löwenherz setzt sich beim Papst dafür ein, dass Leopold nicht exkommuniziert und wieder in die Kirche aufgenommen wird (die Gefangennahme eines Mannes, der das Kreuz genommen hatte, damit quasi sakrosankt und in den Kämpfen im Heiligen Land der Held des Kreuzzugs gewesen war, stellte einen ungeheuren Verstoß gegen den Kreuzzugsgedanken dar).

Nach Vertragsunterzeichnung durch Heinrich lieferte Leopold Richard Löwenherz am 28. März 1193 in Speyer an den Kaiser aus, und dieser überstellte ihn auf die Burg Trifels.

Gefangen auf Burg Trifels

Dort angekommen, legte Heinrich VI. Richard Löwenherz den Vertrag vor. Richard lehnte alle Punkte sofort ab. Er spielte möglicherweise auf Zeit, da der Papst ihn unterstützte. Papst Coelestin III. drohte den Beteiligten mit der Exkommunikation, weil sie einen unter besonderem kirchlichen Schutz stehenden Kreuzfahrer gefangen hielten. Leopold von Österreich wurde später exkommuniziert. Der Kaiser konnte diese Sanktion für sich nur mit Mühe vermeiden, stand aber unter starkem sowohl zeitlichem als auch politischem Druck.

Um sich gegen die drohende Exkommunizierung zur Wehr zu setzen, versuchte Heinrich VI., die Festnahme durch einen „Prozess“ zu legalisieren: Er fasste alle tatsächlichen oder vermeintlichen Fehler, Vergehen, Sünden und Anschuldigungen zusammen. Man warf Richard unter anderem vor, mit Saladin kollaboriert und den Auftrag zur Ermordung des Königs von Jerusalem, Konrad von Montferrat, durch die Assassinen gegeben zu haben sowie den Herrscher Zyperns, Isaak Komnenos, und dessen Tochter widerrechtlich gefangenzuhalten. Den Schauprozess nutzte Richard allerdings, um sich rhetorisch geschickt zu rechtfertigen.

Philipp II. von Frankreich mischte sich in die Lösegeldverhandlungen ein und versprach, nach der Auslieferung von Richard Löwenherz alle Punkte der Forderung einzulösen. Mit diesen neuen Fakten konfrontierte Heinrich VI. Richard Löwenherz. Die Auslieferung an Philipp hätte bedeutet, dass Richard in die Hand des französischen Königs geraten wäre, der ihn wegen der Auseinandersetzungen um die Festlandteile des Angevinischen Reiches als unbotmäßigen Vasallen betrachtete. Richard willigte deshalb in alle Punkte ein, außer in die Waffenhilfe auf Sizilien. Für diesen Punkt arbeitete Heinrich einen Ersatzpunkt aus, in dem sich Richard verpflichtete, ein nicht näher definiertes Versprechen mit den Welfen einzulösen. Sollte dieses nicht einlösbar sein, so verpflichtete sich Richard Löwenherz zur Zahlung von weiteren 12 Tonnen (50.000 Mark) Silber an Kaiser Heinrich. Für die Zeit, während das Geld aufgetrieben wurde, stellte England 200 Adelige als Geiseln zu Verfügung, die erst freigelassen wurden, als die gesamte Summe gezahlt war. Zur Einlösung des Versprechens an die Welfen kam es nicht, und somit wurde die zusätzliche Zahlung von 50.000 Mark Silber fällig. Welchen Anteil Leopold V. von dieser Summe bekam, ist nicht bekannt, aber es gibt kein Schriftstück über eine Beschwerde, dass er zu wenig bekommen hätte.

Königsmythos

Um Richard Löwenherz, der in Literatur und Sagen als der Inbegriff des weisen, guten Königs größter Ritterlichkeit gehandelt wird, ranken sich trotz seiner nur kurzen Herrschafts- und Lebenszeit zahlreiche Legenden.

Richard Löwenherz im Zweikampf mit Saladin, englische Phantasiedarstellung um 1340

Ein Teil dieser Idealisierung beruht auf gezielter Propaganda schon zu Lebzeiten. So inszenierten sich König und Hof als ritterliche Idealbilder. Die Artus-Sage spielte dabei eine große Rolle. Richard besaß unter anderem ein Schwert, das man als Excalibur, die mythische Klinge Artus’, ansah. Richards unbestreitbare militärische Fähigkeiten wurden maßlos übertrieben. Beispielsweise wurde behauptet, er habe 1192 in der Schlacht von Jaffa gemeinsam mit nur sechs Rittern (und deren Gefolgschaft) dreitausend Sarazenen in die Flucht geschlagen.

Sicherlich ist Richard I. Plantagenêt eine der schillerndsten Personen des Hochmittelalters. Er hatte ebenso wie seine Eltern ein ungeheures Charisma und war in jeder Hinsicht ein entschlossener Mensch. Meist handelte er sofort und konsequent. Obgleich selbst Normanne, erkannte Richard dennoch, wie wichtig es war, den Konflikt zwischen den einstigen Eroberern aus der Normandie und den alteingesessenen Angelsachsen beizulegen. Wollte er die Angelsachsen für seine militärischen Pläne zuverlässig nutzen können, so musste er nicht nur deren Treue, sondern auch deren Akzeptanz bei den Normannen gewinnen. Gegen die Widerstände des normannischen Adels erließ Richard das Edikt, dass es fortan keine Unterscheidung mehr nach Normannen und Angelsachsen gebe, sondern nur noch ein Volk: das der Engländer. Da es den widerständlerischen normannischen Adligen an einer einigenden Gegenfigur fehlte, die ein Richard ebenbürtiges Format gehabt hätte, setzte Richard dieses Vorhaben durch und tat damit den ersten Schritt zu seiner Legendenbildung.

Richard war für seine Zeit sehr groß (1,86 m), ihm fehlte es tatsächlich in Gefechten nicht an Mut, und es ist bekannt, dass er auch für Gegner zeitweilig große Achtung und Bewunderung empfand. Erfunden ist jedoch, dass er sich persönlich jemals mit Saladin, dem Sultan von Ägypten und islamischen Führer im Kampf gegen die christlichen Kreuzritter, getroffen habe oder gar mit ihm befreundet gewesen sei. Belegt ist hingegen, dass sie jeweils große Achtung voreinander empfanden. Doch Richard I. Plantagenet war nicht nur der strahlende, charismatische König, sondern er konnte für heutiges Empfinden mitunter auch impulsiv und grausam sein. So ließ er nach der Eroberung von Akkon in einem nahe gelegenen Tal im August 1191 ca. 2700 muslimische Gefangene töten, die zur Sicherstellung der Entschädigungsbedingungen (u. a. Zahlung von 200.000 Golddinaren, Rückgabe der Reliquie des Wahren Kreuzes, Freilassung fränkischer Gefangener) als Geiseln genommen worden waren, als Saladin die versprochene Umsetzung der Bedingungen verzögerte. Den Quellen nach zu urteilen war Richard  – wie die übrigen frühen normannischen Könige  – sehr belesen und unter anderem des Lateinischen mächtig.

Ebenfalls ins Reich der Legenden gehört Richards angebliche Liebe zu England. Es ist unter Historikern umstritten, ob er überhaupt Englisch sprach. Jedenfalls bevorzugte er Französisch und fühlte sich vermutlich vor allem als Aquitanier und als Herrscher eines vom Königreich Frankreich unabhängigen Angevinischen Reichs. Er soll das kalte regnerische England gehasst und jeden Vorwand genutzt haben, nicht dort sein zu müssen. So kam es, dass er sich während seiner Gesamtregierungszeit von zehn Jahren insgesamt nicht länger als zehn Monate tatsächlich in England aufhielt. Zeitgenossen berichten:

„Zur Finanzierung des Kreuzzuges hätte er sogar London verkauft, wenn er einen Käufer dafür gefunden hätte.“

Die Legende seiner Ritterlichkeit begründet sich nicht zuletzt in der ebenfalls teilweise erfundenen Geschichte um seinen Tod. Wahr ist, dass Richard während eines Gefechtes in Châlus im heutigen französischen Département Haute-Vienne von einem Armbrustbolzen getroffen wurde und nach einigen Tagen an den Folgen des Wundbrands starb. Der Legende nach ließ er Pierre Basile, den feindlichen Schützen des tödlichen Bolzens, nach der gewonnenen Schlacht suchen und zu sich bringen und schlug diesen mit den Worten zum Ritter:

„Wer fähig ist, mich, den König, zu töten, der ist es wert, ein Ritter zu sein.“

Gegen diese Haltung spricht, dass der Schütze nach dem Tod Richards von dessen Angehörigen gehäutet und zu Tode gefoltert wurde. Richards Tod wurde von dem anglo-normannischen Chronisten Roger von Hoveden wie folgt kommentiert:

„In seinem Tod vernichtete die Ameise den Löwen. O Schmerz, in einem solchen Untergang geht die Welt zugrunde!“

Das Herz von Richard Löwenherz ist in einem Grabmal in der Kathedrale von Rouen, in der Normandie, zu finden. Der Leichnam selbst ist im Kloster Fontevrault, zusammen mit den Gräbern seiner Eltern Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien, beigesetzt.

Veranstaltung vom 11.12.2018

Islam und Sklaverei

Saladin und die Versklavung von Christen

Saladin ging als „ritterlicher Gegner“ und „Urbild des edlen Heiden“ in die europäische Geschichtsschreibung ein, obwohl er nach der Schlacht bei Hattin, in der Jerusalem erobert wurde, die überlebenden Ordensritter (bis auf den Templermeister) hinrichten und die übrigen gefangenen Soldaten in die Sklaverei verkaufen ließ. Als Gegenleistung für eine unblutige Kapitulation der Stadt soll er diejenigen Einwohner, die über Vermögen verfügten, gegen ein Kopfgeld in die Freiheit entlassen haben. 18.000 Einwohner, die dieses Kopfgeld nicht selbst aufbringen konnten, wurden für eine Pauschalsumme freigekauft. Etwa 100.000 Dinar insgesamt flossen dabei in Saladins Kasse. Übrig blieben etwa 15.000 nicht Freigekaufte – 7000 Männer sowie 8000 Frauen und Kinder – , diese gerieten in Saladins Gefangenschaft und damit in den Sklavenstand. Als Saladins Bruder al-Adil das Elend der nicht Freigekauften sah, bat er den Sieger, ihm 1.000 Sklaven zu schenken. Saladin erfüllte die Bitte, und sein Bruder ließ die ihm geschenkten Sklaven frei.

Islam und Sklaverei

Der Islam hat die Sklaverei in der Region seiner Entstehung als fest verankerte Institution vorgefunden und beibehalten. Mohammed und seine Zeitgenossen besaßen, erbeuteten, erwarben, verkauften und befreiten Sklaven oder benutzten Sklavinnen als Konkubinen. Über die Jahrhunderte waren der Sklavenhandel und die Sklavenarbeit wichtige Wirtschaftsfaktoren in der islamischen Welt. Sie wurde erst durch die kolonialistische Einflussnahme der europäischen Staaten, die sich ab dem frühen 19. Jahrhundert bemerkbar machte, schrittweise in den meisten muslimischen Staaten abgeschafft. Bis heute existieren aber in einzelnen islamischen Ländern sklavereiähnliche Rechtsverhältnisse fort.

Aussagen im Koran

Der Koran betrachtet die Unterscheidung zwischen Herren und Sklaven als Teil der göttlichen Ordnung, beschreibt jedoch die Freilassung von Sklaven als wohltätigen Akt. So billigt der Koran auch das Konkubinat des freien Mannes mit seiner Sklavin (Sure 4:3; 4:24f; Sure 23:6; Sure 70:30). Allerdings werden die Menschen angehalten, die Sklaven gut zu behandeln (Sure 4:36) und sie zu verheiraten (24:32). Außerdem ist die Freilassung von Sklaven als Wiedergutmachung für verschiedene Vergehen vorgesehen. Ein muslimischer Sklave soll als Sühne für die Tötung eines Gläubigen freigelassen werden (4:92). Ferner wird die Freilassung als Sühneleistung für Eidbruch (5:89) und Widerruf einer Scheidung (Sure 58:3) vorgeschrieben. In Sure 24:33 werden die Gläubigen aufgefordert, ihren Sklaven, die einen Freibrief begehren, einen solchen auszustellen, ferner ihre Sklavinnen nicht als Prostituierte anzubieten. Der Freikauf fremder Sklaven wird auch als Akt der Wohltätigkeit empfohlen (2:177).

Sklaverei im islamischen Recht

Allgemeine Regeln

Genauere Regeln zum Sklavenrecht wurden im Islam zum ersten Mal im Rahmen der Siyar-Literatur ausgearbeitet. Hier wurde zum Beispiel geregelt, in welchen Fällen Menschen versklavt werden durften, was mit entlaufenen oder vom Feind erbeuteten Sklaven zu geschehen hat, wenn diese wiedergefunden werden, usw. Ein freier Muslim konnte nicht versklavt werden. Der Übertritt zum Islam ändert jedoch den Sklavenstatus nicht.

<<<

Siyar

Siyar („Verhaltensweise‘) regelt im islamischen Recht das Kriegs- und Fremdenrecht. Die Summe dieser Regeln stellt innerhalb der islamischen Jurisprudenz einen eigenständigen Zweig der Rechtslehre dar und wird aus dem Koran, der Sunna, dem Qiyās (Analogieschluss), der Idschmāʿ  (Konsens), ferner aus den Rechtsbestimmungen zum Dschihad (Kampf auf dem Wege Gottes) abgeleitet. Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Regeln, die die Haltung des islamischen Staates gegenüber den Nicht-Muslimen (Dhimma) bestimmen. Es handelt sich hierbei um einen Vorläufer völkerrechtlicher Regelungen, die auf der Rechtspraxis der islamischen Expansion beruhen.

Der Rechtsgelehrte as-Sarachsi (gest. 1090) definiert in seinem Rechtskompendium der hanafitischen Rechtsschule Siyar, <eine der vier Rechtsschulen (Madhāhib) des sunnitischen Islams; seit dem Ende der Zeit der Umayyaden im sunnitischen Islam vorherrschend> wie folgt:

„Wisse, daß das Wort Siyar der Plural von Sīrat ist, d.h. Betragen, Verhalten. Wir bezeichnen dieses Kapitel mit diesem Namen, da es das Verhalten der Muslime im Umgang mit den Nichtmuslimen, die Krieg führen, beschreibt, wie auch mit den Kriegsführenden, die einen Pakt (mit den Muslimen) geschlossen haben, und als Ausländer oder als nichtmuslimische Untertanen im islamischen Staat leben, auch im Umgang mit Abtrünnigen, welche schlimmer unter den Ungläubigen sind, da sie nach der Anerkennung (den Islam) abschwören; und im Umgang mit den Rebellen, deren Stellung geringer (tadelnswert) ist als die der Nichtmuslime, obgleich sie unwissend sind und auf falschem Boden in ihren Beweisführungen (stehen).“

>>>

Sklaverei im islamischen Recht

Allgemeine Regeln

Im Unterschied zum römischen Recht, das den Sklaven ausschließlich als Eigentum seines Herrn betrachtet, sind Sklaven nach islamischem Recht Mensch und Sache zugleich. Als Eigentum ihrer Besitzer können sie nach Belieben verschenkt, verliehen, verpfändet, vererbt oder verkauft werden. Andererseits haben sie Anspruch auf gute Behandlung, Versorgung und Verpflegung. In einer Überlieferung von Imam al-Buchari , eines bedeutenden Rechtsgelehrten des 9. Jahrhunderts aus Samarkand (Usbekistan) erklärt Mohammed:

„Eure Sklaven sind eure Brüder. Gott hat sie unter euren Befehl gestellt. Wer nun die Oberhand über seinen Bruder hat, der soll von dem zu essen geben, was er selbst isst, und ihm Kleidung geben, die er selbst trägt. Tragt ihnen nicht auf, was ihre Kraft übersteigt. Und wenn ihr es doch tut, so helft ihnen!“

Muslimische Sklaven waren den freien Muslimen auch in religiöser Hinsicht gleichgestellt. Sie waren allerdings jener Pflichten enthoben, für die Bewegungsfreiheit unabdingbar war (Freitagsgebet, Wallfahrt, Dschihad). Von größerer juristischer Bedeutung war, dass Sklaven nicht als Zeuge vor Gericht aussagen und kein Eigentum erwerben können. Im Auftrag ihres Herrn konnten sie jedoch Geschäfte tätigen.

Ehen zwischen Freien und Sklaven sind erlaubt. Für die Heirat brauchen Sklaven aber die Zustimmung ihres Herrn. Die Kinder einer verheirateten Sklavin gehören ihrem Herrn, auch wenn ihr Ehemann ein freier Mann ist. Aus diesem Grunde unterliegt eine solche Ehe vielen rechtlichen Beschränkungen und wird nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt. So muss für den Mann die Gefahr der Unzucht bestehen oder der Bräutigam muss ledig und außerstande sein, den Brautpreis für eine freie Frau zu entrichten. Die Sklavin muss Muslimin sein. Reguläre Ehen zwischen Besitzern und Sklaven sind verboten. Eine Heirat ist jedoch möglich, wenn der Sklave von seinem Besitzer freigelassen wird. Nach Auffassung einiger Rechtsschulen dürfen männliche muslimische Sklaven höchstens zwei Frauen heiraten.

Während sexuelle Beziehungen zwischen einem Muslim und seiner Sklavin erlaubt waren, waren solche zwischen einer Muslimin und ihrem Sklaven verboten. Der sexuelle Verkehr eines Muslims mit der Sklavin eines anderen Besitzers wird als Unzucht betrachtet und entsprechend geahndet.

Die Umm Walad

Für die umm walad (Kindesmutter‘), die Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind geboren hat, gelten im klassischen islamischen Recht spezielle Regeln: sie darf nicht mehr verkauft werden und wird nach dem Tod ihres Herrn frei. Auch das Kind aus dieser Verbindung ist frei. Die Umm Walad hatte aber nie den gleichen sozialen Status wie eine freie Frau. Die Söhne solcher Sklavenmütter wurden, insbesondere in frühislamischer Zeit, als hudschanā’ (“Bastarde”) bezeichnet.

Freilassung

Ein Sklave kann durch eine testamentarische Verfügung freigelassen werden (arab. tadbīr). Der Sklave wird in diesem Fall frei, sobald der Herr gestorben ist. Eine solche Verfügung kann nach herrschender Meinung nicht widerrufen und der Sklave danach nicht mehr verkauft oder verschenkt werden. Sklaven können mit ihrem Herrn auch einen Loskaufvertrag (mukātaba) abschließen. Der Loskauf erfolgt in diesem Fall üblicherweise in Raten. Der Sklave wird dann zwar sofort frei, was die Verfügungsgewalt seines Herrn über ihn anlangt. Hinsichtlich des Rechtsstatus erlangt er die Freiheit allerdings erst nach Erfüllung des Vertrags. Bis dahin hat er auch keine volle Verfügungsgewalt über seinen Besitz. Ein Anspruch auf einen solchen Loskauf besteht nicht. Der Mukātab, also der Sklave, der mit seinem Herrn einen Loskaufvertrag abgeschlossen hat, hat Anspruch auf Unterstützung aus dem Ertrag der Zakāt bzw. Sadaqa. Durch die Freilassung entsteht ein Klientelverhältnis zwischen dem Sklaven und seinem ehemaligen Herrn mit erbrechtlichen Folgen.

Die Freilassung eines Sklaven gilt im Islam als gottgefälliges Werk (qurba). Sie bewahrt laut einer Überlieferung des Propheten Mohammed vor dem Höllenfeuer: „Wer einen Sklaven (Var.: muslimischen Sklaven / gläubigen Sklaven) frei lässt, wird vom Höllenfeuer befreit werden.“

Praxis der Sklaverei in der Geschichte

Illustration von Yahya ibn Mahmud al-Wasiti zu den Maqāmāt von al-Hariri. 34. Maqāma: Sklavenmarkt in Zabid im Jemen, 13. Jahrhundert (Französische Nationalbibliothek).

1. Fall: Versklavung von Juden

Mohammed hatte nicht die Absicht, die Sklaverei abzuschaffen. Ein berühmter Fall der Versklavung eines Stammes aus der Frühzeit des Islam betrifft die Banu Quraiza, einen jüdischen Stamm aus Yathrib/Medina. Dieser Stamm wurde nach der Grabenschlacht von den Muslimen unter Führung Mohammeds besiegt. Zur Verteidigung Medinas war ein Graben um die Oasenstadt gezogen worden, eine militärische Neuerung. Nachdem die Banu Quraiza aufgegeben hatten, wurden die Männer des Stammes geköpft und die Knaben, Frauen und Mädchen versklavt. Der in Medina geborene Geschichtsschreiber Ibn Ishaq aus dem 8. Jahrhundert beschreibt die Teilung der Beute:

Der Prophet verteilte den Besitz sowie die Frauen und die Kinder der Banu Quraiza unter den Muslimen. Er legte fest, welche Anteile an der Beute jeweils den Reitern und den Unberittenen zustanden, und behielt selbst ein Fünftel ein. […] Die gefangenen Frauen und Kinder aus dem Fünftel tauschte er gegen Pferde und Waffen ein. Eine der gefangenen Frauen, Raihana bint ‘Amr, behielt er für sich selbst. Sie blieb in seinem Besitz, bis er starb.

<<<<<<<

Die Banū Quraiza waren einer der drei einflussreichsten jüdischen Stämme Yathribs, des vorislamischen Medina. Sie besaßen die landwirtschaftlich ergiebigsten Teile der Oase und sicherten damit sowie durch Geldverleih ihr Einkommen. Ihre Herkunft ist nicht eindeutig gesichert: Es ist unbekannt, ob sie nach der jüdischen Rebellion gegen Rom im Jahre 70 nach Yathrib gezogen oder ob sie zum Judentum konvertierte Araber waren.

Situation vor und in der ersten Zeit nach der Ankunft Mohammeds

Im fünften Jahrhundert siedelten sich die arabischen Stämme (die Chazradsch und die Aus, die zusammen die Banū Qaila bildeten) nach ihrer Emigration aus dem Jemen in Yathrib an, wo sie zunächst den dort schon lebenden Juden unterworfen waren. Später erlangten sie nach und nach ihre Unabhängigkeit von den jüdischen Stämmen und wurden zu Herrschern der Oase.

Bei der Ankunft Mohammeds in Yathrib 622 herrschte in der Oase eine generationenlange Fehde zwischen den beiden dortigen arabischen Stämmen, den Aus und den Chazradsch, die zu einer allgemeinen Erschöpfung geführt hatte. Die Banū Quraiza hatten sich dabei mit den Aus verbündet, die Banū Qainuqāʿ, ein zweiter jüdischer Stamm, mit den Chazradsch.

Die Banū Quraiza waren relativ wohlhabend. Wie die Banū Nadīr, ein dritter jüdischer Stamm, besaßen sie die landwirtschaftlich ergiebigsten Teile der Oase (vor allem Dattelpalmen). Eine Quelle sagt: “Die Banū Quraiza waren ein reiches Volk edler Abstammung und wir [nur] ein arabisches Volk ohne Palmen und ohne Weingärten, sondern [nur] mit Schafen und Kamelen.”

Verhalten in der Grabenschlacht

Im Jahre 627 griffen die Quraisch (Mohammeds Stamm) mit Unterstützung anderer Stämme Medina an. Zur Verteidigung der Stadt ließ Mohammed einen Graben um diejenigen Gebiete Medinas ziehen, die nicht durch natürliche Umstände geschützt waren. Nach einer zweiwöchigen Belagerung der Oase zogen sich die Angreifer zurück, ohne den Graben erfolgreich überwunden zu haben.

Die gängige Meinung in der Forschung ist, dass die Quraiza sich während der Belagerung formal korrekt verhalten hätten. Bei den Arbeiten am Graben haben sie den Muslimen geholfen, indem sie ihnen Schaufeln zum Ausheben des Grabens liehen. Allerdings haben sie die Angreifer während der Belagerung mit Proviant versorgt und mit ihnen insgeheim Verhandlungen geführt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt standen sie kurz davor, den Muslimen in den Rücken zu fallen. Das wurde ihnen anschließend übel genommen.

Der Angriff auf die Banū Quraiza

Nach der Grabenschlacht soll Mohammed der Erzengel Gabriel erschienen sein und ihm befohlen haben, die Banū Quraiza anzugreifen:

„Am Mittag kam [Gabriel] zum Gesandten Gottes [...] Er war mit einem brokatbesetzten Turban verhüllt und saß auf einem Maultier mit ledernem Sattel, auf dem eine samtene Decke, bestickt mit Seidenbrokat, lag. Er sagte: ‚Hast du die Waffen schon abgelegt, Gesandter Gottes?‘ ‚Ja.‘ antwortete er. Da sagte [Gabriel]: ‚Aber die Engel haben die Waffen noch nicht abgelegt! Du bist jetzt nur auf Bitten der Leute heimgekehrt, Gott, der Mächtige und Erhabene, jedoch gebietet dir, [Mohammed], gegen die Banū [Quraiza] zu ziehen. Ich selbst werde mich gegen sie richten und sie erschüttern.‘“

Mohammed forderte daraufhin seine Anhänger auf, sich mit ihm noch vor der Abenddämmerung vor den Festungen der Banū Quraiza zu versammeln, von wo sie den jüdischen Stamm zu belagern begannen. Die Quraiza, die sich während dieser Belagerung untereinander beraten zu haben scheinen, wehrten sich nicht mit großer Mühe. Sie baten Mohammed, unter denselben Bedingungen wie schon zuvor die Banū Qainuqāʿ und Banū n-Nadīr, nämlich mit all ihren beweglichen Gütern aus Medina fliehen zu dürfen. Als diese Bitte verweigert wurde, boten sie Mohammed an, aus Medina ohne ihr Hab und Gut zu fliehen, doch auch dieses Angebot wurde ausgeschlagen: Sie wurden dazu aufgefordert, bedingungslos zu kapitulieren. Nun wollten sie einen mit ihnen befreundeten Muslim um Rat bitten. Auf ihre Frage, ob sie sich ergeben sollten, antwortete er ihnen mit „Ja“, deutete allerdings auf seine Kehle, um dadurch zu indizieren, dass man sie töten würde. Trotz dieses Hinweises kapitulierten die Quraiza nach einer 25 Tage andauernden Belagerung bedingungslos.

Die mit den Banū Quraiza schon seit vorislamischen Zeiten verbündeten Aus baten den Propheten darum, bei seiner Entscheidung über den Stamm Milde walten zu lassen, weshalb dieser ihnen anbot, die Entscheidung einem ihrer Stammesmitglieder zu übertragen. Als alle Parteien diesem Vorschlag zugestimmt hatten, erwählte Mohammed Saʿd ibn Muʿādh als Richter. Dieser entschied – unter anschließender Zustimmung des Propheten –, dass die Männer (d. h. jedes männliche Stammesmitglied, dessen Schamhaarwuchs begonnen hatte) der Quraiza getötet, ihr Besitz unter den Muslimen verteilt und ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft werden sollten.

Das Urteil wurde am darauffolgenden Tag vollstreckt. Der arabische Historiker Ibn Ishāq beschreibt in seiner Prophetenbiographie das Ende der Banū Quraiza folgendermaßen:

„Schließlich mußten sich die [Quraiza] ergeben, und der Prophet ließ sie im Gehöft der Bint [Hārith], einer Frau vom Stamme [Nadschschār], einsperren. Sodann begab er sich zum Markt von Medina, dort, wo heute noch der Markt ist, und befahl, einige Gräben auszuheben. Als dies geschehen war, wurden die [Quraiza] geholt und Gruppe um Gruppe in den Gräben enthauptet. Darunter befanden sich auch der Feind Gottes [Huyaiy ibn Achtab] und das Stammesoberhaupt Kaʿb ibn Asad.“

Infolge der Exekution sind etwa 400 bis 900 Stammesangehörige der Banu Quraiza getötet worden. Die Quellen erwähnen drei Stammesangehörige, die der Exekution durch Konversion zum Islam entgangen sind.

Unter den gefangen genommenen Frauen befand sich auch Raihāna, die Mohammed als Beute zufiel. Ihr Verhältnis zum Propheten nach ihrer Gefangennahme ist unterschiedlich überliefert worden: Laut einer Version ist sie zum Islam konvertiert, vom Propheten freigelassen und anschließend geehelicht worden. Nach einer anderen Version hat sie es abgelehnt, den Islam anzunehmen, und wurde zur Konkubine Mohammeds. Demnach habe sie auch nach ihrer späteren Konversion zum Islam ihre Freilassung abgelehnt und war bis zu ihrem Tod eine Konkubine des Propheten.

Mit der Vernichtung der Banū Quraiza sind auch die Angehörigen der arabischstämmigen Banū Kilāb ibn ʿĀmir, die Verbündeten der Banū Quraiza, hingerichtet worden. Eine ihrer Frauen, an-Naschat, hat Mohammed geheiratet, aber nach kurzer Zeit verstoßen. Während die Frauen und Kinder der Banū Quraiza versklavt werden durften, liegen keine Berichte darüber vor, dass an-Naschat bint Rifāʿa ebenfalls Sklavin war. Daraus kann gefolgert werden, dass die arabischen Frauen, die man in den Festungen der Quraiza gefangen genommen hat, womöglich nicht versklavt wurden; allerdings ist es auch möglich, dass ihre Stammesangehörigen sie freigekauft hätten.

Nach der Exekution der Banū Quraiza war Mohammeds Position in Medina gestärkt. Nun gab es in der Oase keinen wichtigen jüdischen Stamm mehr, allerdings mehrere kleinere Gruppen, die von nun an jegliche feindselige Handlung gegenüber Mohammed und seinen Anhängern mieden.

2. Fall: Versklavung von Glaubensgenossen und Freilassung

Im zweiten Fall geht es um einen arabischen Stamm unsicheren Ursprungs, die Chuzāʿa, der nach der arabischen Überlieferung vor den Quraisch über das Gebiet von Mekka herrschte. Zur Zeit des Propheten Mohammed waren die Chuzāʿa bereits in mehrere Clane aufgespalten. Einer von ihnen, die Banū Aslam, stellte sich schon sehr früh auf Mohammeds Seite. Als er im Jahre 622 die Hidschra nach Medina vollzog, zog ihm Buraida ibn al-Husaib al-Aslamī mit einer großen Anzahl von Mitgliedern seines Clans entgegen und nahm den Islam an. Die Aslam nahmen in der Folgezeit auch an mehreren Feldzügen teil. Bei der Eroberung von Mekka im Januar 630 stellten sie ein Kontingent von 400 Kämpfern.

Die Banū l-Mustaliq, ein anderer Clan der Chuzāʿa, stellte sich gegen die Muslime von Medina. Nachdem ihr Anführer al-Hārith ibn Abī Dirār seine Truppen für einen Angriff auf Medina zusammengezogen hatte, griff Mohammed die Mustaliq 627 in Muraisiʿ an, überwältigte sie und ließ eine große Anzahl von ihnen gefangen nehmen. Er selbst heiratete Dschuwairiya, die gefangengenommene Tochter von al-Hārith. Daraufhin ließen die Muslime die Sklaven und Sklavinnen, die zu ihrem Beuteanteil gehörten, frei. Sie wollten keine Stammesgenossen einer Prophetengattin als Sklaven besitzen. Kalif Umar, der zweite Kalif des Islam, nach den Sunniten einer der vier rechtgeleiteten Kalifen, verbot später allgemein, Araber zu versklaven. Nach einer Überlieferung, die auf Dschuwairiya selbst zurückgeführt wird, war sie zum Zeitpunkt der Versklavung 20 Jahre alt. Dschuwairiyas Vater al-Hārith ibn Abī Dirār war selbst das Oberhaupt (saiyid) der Banū Mustaliq. Vor ihrer Eheschließung mit Mohammed war sie in einer Bint ʿamm-Ehe mit einem väterlichen Cousin verheiratet, dessen Name in den meisten Quellen mit Musāfiʿ ibn Safwān angegeben wird. Er wurde bei der Schlacht von al-Muraisiʿ selbst getötet, die Ehe blieb kinderlos.

Als Tochter des Oberhaupts der Banū l-Mustaliq bekam Dschuwairiya die Ereignisse um die Schlacht zwischen den Banū l-Mustaliq und den Muslimen bei Muraisiʿ im Januar 627 aus nächster Nähe mit. Al-Wāqidī zitiert sie mit einem Bericht, wonach auf die Kunde, dass Mohammed in der Nähe sei und den Spion der Banū l-Mustaliq getötet habe, im Lage ihres Vaters große Furcht ausbrach und sich Angehörige verbündeter Stämme aus dem Staub machten. Als Mohammed sich ihrem Lager näherte, hörte sie ihren Vater sagen: „Es ist etwas über uns gekommen, gegen das wir nichts ausrichten können“. Ihr selbst kam die Anzahl der Kämpfer und Pferde auf Seiten der Muslime unendlich groß vor.

Nach der Schlacht wurde sie zusammen mit 200 anderen Frauen und Kindern von den Muslimen in Gefangenschaft geführt. Mohammed verteilte die Beute unter seinen Gefährten, wobei Dschuwairiya dem Ansārī Thābit ibn Qais (st. 633) und seinem Vetter zufiel. Thābit kaufte seinem Vetter seinen Anteil für einige Dattelpalmen in Medina ab und stellte Dschuwairiya einen Vertrag zum Selbstfreikauf aus, der einen Lösungspreis von neun Ūqīya Gold festsetzte. Dschuwairiya begab sich daraufhin zu Mohammed, um ihn zu bitten, ihr beim Freikauf zu helfen. Er befand sich zu dieser Zeit am Wasser von Muraisiʿ, wo man ihm und seinen beiden Begleiterinnen ʿĀ’ischa und Umm Salama Lederzelte aufgeschlagen hatte.

Über die erste Begegnung Dschuwairiyas mit Mohammed existiert ein Bericht, der auf ʿĀ’ischa zurückgeführt wird und in verschiedenen Varianten vorliegt. Demnach war ʿĀ’ischa von Dschuwairiyas Schönheit stark beeindruckt und fürchtete, dass diese ihre Wirkung auf Mohammed nicht verfehlen würde. Ibn Hischām überliefert von ihr die Worte: „Bei Gott, ich sah sie plötzlich vor der Tür meines Gemachs und verabscheute sie. Denn ich wusste, dass der Gottesgesandte sie so sehen würde, wie ich sie sah.“ Dschuwairiya stellte sich daraufhin bei Mohammed vor, erklärte ihm ihre Situation, wies ihn auf die Bedeutung ihres Vaters hin und bat ihn um einen Beitrag zu ihrem Lösegeld. Nach der Version des Berichts, die al-Wāqidī anführt, bekannte sich Dschuwairiya bei dieser Gelegenheit auch schon zum Islam. Mohammed fragte sie daraufhin, ob es nicht noch etwas Besseres gebe (a-wa-ḫairun min ḏālik). Als sie wissen wollte, was er meinte, gab er zur Antwort, er könne ihren Vertrag erfüllen und sie heiraten. Sie willigte darin ein. Mohammed schickte daraufhin zu Thābit und bat ihn, ihm Dschuwairiya zu überlassen, was Thābit auch bereitwillig tat. Mohammed zahlte ihm daraufhin Preis aus, den er ihr auferlegt hatte, ließ sie frei und heiratete sie. Dschuwairiya selbst soll später ihre Vorgehensweise damit erklärt haben, dass sie schon drei Tage vor der Ankunft des Propheten geträumt habe, dass der Mond von Yathrib zu ihr kommen und in ihren Schoß fallen würde. Sie habe sich gescheut, ihren Leuten von diesem Traum zu erzählen, bis der Prophet tatsächlich gekommen sei.

Der Besuch von Dschuwairiyas Vater bei Mohammed

Verschiedene Überlieferungen berichten davon, dass Dschuwairiyas Vater al-Hārith ibn Abī Dirār nach der Schlacht von al-Muraisiʿ und der Gefangennahme seiner Tochter Mohammed in Medina besuchte. Er beschwerte sich bei Mohammed über die Gefangennahme seiner Tochter, wobei er sagte: „Eine Frau wie sie wird nicht in die Gefangenschaft geführt. Ich bin zu vornehm dafür. Lass sie gehen!“ Mohammed schlug ihm daraufhin vor, seiner Tochter die Wahl zu lassen, ob sie mit ihrem Vater mitkommen oder bei ihm bleiben wolle. Obwohl al-Hārith auf seine Tochter einredete, sie solle keine Schande über ihn bringen, entschied sie sich dafür, bei Mohammed zu bleiben. Al-Hārith machte ihr daraufhin schwere Vorwürfe.

Nach verschiedenen anderen Berichten war es auch Dschuwairiyas Vater, der sie aus der Gefangenschaft freikaufte. Erst nachdem er sie ausgelöst hatte, hielt Mohammed um ihre Hand an, woraufhin al-Hārith sie ihm zur Frau gab. Ibn Hischām bietet in seinem Sīra-Werk eine sehr ausführliche Version des Berichts über die Auslösung Dschuwairiyas durch ihren Vater, der ohne Überlieferkette eingeleitet wird und legendenhafte Züge aufweist. Demnach besah al-Hārith, als er nach Medina kam, in der Nähe der Stadt seine Kamele, mit denen er seine Tochter auslösen wollte, und beschloss, zwei von ihnen zurückzuhalten. Nachdem er sie in einem Seitental von ʿAqīq versteckt hatte, begab er sich zum Propheten, der aber auf wunderhafte Weise bereits darüber informiert war, dass er zwei Kamele, die eigentlich zum Freikauf vorgesehen waren, in dem Seitental von ʿAqīq versteckt hatte. Al-Hārith erkannte ihn daraufhin als Propheten an und nahm den Islam an. Auch zwei Söhne und mehrere Leute aus seinem Stamm nahmen den Islam an. Al-Hārith ließ die beiden Kamele holen und übergab sie dem Propheten, während er umgekehrt seine Tochter zurückerhielt. Diese nahm daraufhin den Islam an. Anschließend hielt Mohammed bei ihrem Vater um ihre Hand an. Dieser gab sie ihm zur Frau, und Mohammed setzte ihr eine Brautgabe von 400 Dirham fest.

Die Freilassung von Dschuwairiyas Stammesverwandten

Übereinstimmend wird überliefert, dass nach der Eheschließung Mohammeds mit Dschuwairiya eine große Zahl von Gefangenen der Banū l-Mustaliq freikam. Aufgrund dieses Sachverhalts soll ʿĀ’ischa ausgerufen haben, dass keine Frau größeren Segen über ihren Stamm gebracht habe als Dschuwairiya.

Der Grund für die Freilassung der Gefangenen wird in den Quellen allerdings unterschiedlich angegeben. Nach dem Bericht, die auf ʿĀ’ischa zurückgeführt werden, war es die Entscheidung der Muslime selbst, ihre Gefangenen freizulassen. Sie sollen hierbei auf die neue Heiratsbeziehung Mohammeds mit den Banū l-Mustaliq verwiesen haben. Muhammad ibn Habīb (st. 860) zitiert sie mit den Worten: „Der Gottesgesandte hat sich mit ihnen verschwägert, so geziemt es sich nicht für uns, sie weiter festzuhalten“. Auch Dschuwairiya selbst soll darauf bestanden haben, dass die Muslime die Gefangenen aus ihrem Stamm von sich aus freiließen. Nach anderen Berichten erfolgte die Freilassung dagegen auf Mohammeds Geheiß. So gibt at-Tabarī an, dass Mohammed die Banū l-Mustaliq auf Wunsch von Dschuwairiya freiließ. Nach einer anderen Überlieferung war die Freilassung der Gefangenen Mohammeds Brautgeschenk (ṣadāq) an Dschuwairiya.

Unklar ist auch, ob die Freilassung alle Gefangenen von den Banū l-Mustaliq einschloss oder sich nur auf Teile von ihnen beschränkte. Während nach der Überlieferung, die Muhammad ibn Saʿd anführt, jeder Sklave (kull mamlūk) von den Banū l-Mustaliq freikam, ist in der Überlieferung ʿĀ’ischas nur von hundert freigelassenen Personen die Rede, und in einer Überlieferung, die auf Mudschāhid ibn Dschabr zurückgeführt, heißt es, Mohammed habe lediglich vierzig von ihnen freigelassen. Der Traditionarier ʿUmāra ibn Ghazīya (st. 757) hat offensichtlich versucht, diesen Widerspruch auszugleichen. Er wird mit den Worten zitiert, Mohammed habe einige Gefangenen umsonst freigegeben, andere seien direkt nach der Beuteverteilung von ihren Stammesgenossen freigekauft worden, wiederum andere erst später in Medina. Zuletzt sei jede Frau von den Banū l-Mustaliq zu ihrer Familie zurückgekehrt.

Auffällig ist die große Rolle von weiblichen Gefangenen bei dieser Freilassungsaktion. Nach Muhammad ibn Habīb erstreckte sich die Freilassung ohnehin nur auf Frauen. Er gibt auch ʿĀ’ischas Kommentar zu der Freilassung anders wieder: Keine Frau habe über die Frauen ihres Stammes größeren Segen gebracht als Dschuwairiya. Nach der Variante des Berichts von al-ʿĀ’ischa, den al-Wāqidī anführt, hatten die Muslime mit den weiblichen Gefangenen, die sie freiließen, bereits sexuell verkehrt.

Zweifel an Dschuwairiyas Status als Ehefrau

Mohammeds Heirat mit Dschuwairiya hatte gewisse Ähnlichkeiten mit seiner Heirat mit Safīya bint Huyaiy. Deshalb nennt at-Tabarī Dschuwairiya auch „die Safīya des Gottesgesandten am Tag von al-Muraisiʿ“ (Ṣafīyat rasūli Llāhi yauma l-Muraisiʿ).

Nach einer Überlieferung, die auf Mudschāhid ibn Dschabr zurückgeführt wird, hegten Mohammeds andere Ehefrauen wie bei Safīya Zweifel an Dschuwairiyas Status als rechtmäßiger Ehefrau, weil sie ursprünglich Sklavin (milk yamīn) gewesen war, und schauten deshalb auf sie herab. Dschuwairiya beschwerte sich deswegen bei Mohammed, woraufhin er sagte: „Habe ich Dir nicht eine große Brautgabe (ṣadāq) gemacht, indem ich vierzig von Deinen Stammesgenossen freiließ.“ Offensichtlich gab es aber auch später noch Zweifel an Dschuwairiyas Status als regulärer Ehefrau Mohammeds, denn sowohl von ʿUmar ibn al-Chattāb wie auch von dem Traditionarier Ibn Schihāb az-Zuhrī (st. 742) wird überliefert, dass sie diesen erneut bestätigen mussten. Sie sollen darauf verwiesen haben, dass Mohammed Dschuwairiya den Hidschab auferlegt und ihr bei allem den gleichen Anteil habe zukommen lassen wie seinen anderen Ehefrauen.

Tod

Dschuwairiya starb während des Kalifats von Muʿāwiya ibn Abī Sufyān im Monat Rabīʿ al-auwal des Jahres 56 der Hidschra (= Januar/Februar 676 n. Chr.). Marwān ibn al-Hakam, der zu dieser Zeit Statthalter von Medina war, sprach das Totengebet für sie.

Über Dschuwairiyas übriges Leben ist nicht viel bekannt. Ein Hadith, der in verschiedenen Werken überliefert wird, berichtet davon, dass sie den Freitag mit einem besonderen Fasten ehrte, Mohammed ihr dies aber verbot.

Veranstaltung vom 12.12.2018

3. Fall: Handel mit Sklaven aus Afrika

In die Frühzeit der islamischen Expansion gehören auch die aus Afrika nach Mesopotamien deportierten Sklaven, die „Zandsch“ genannt wurden.

Die Zandsch (auch oft Zanj oder Zenj geschrieben), waren die schwarzen Sklaven, die im 9. Jahrhundert im Süden des heutigen Irak in den Salzsümpfen arbeiteten. Der Name ist abgeleitet von einer geographischen Bezeichnung: Als Zandsch – „Land der Schwarzen“ – bezeichneten arabische Seefahrer bis ins 19. Jahrhundert die Küstenregion Ostafrikas. Zandschi bedeutet im Arabischen aber auch schlicht „Neger“, mit ähnlichen Konnotationen wie das deutsche Wort.

Im 9. Jahrhundert wurden die Salzsümpfe im unteren Zweistromland planmäßig erschlossen und mit Sklaven aus Ostafrika eine Plantagenwirtschaft aufgebaut, die dem Anbau von Luxusfrüchten für den Fernhandel dienten und einen wichtigen Teil der Einnahmen der islamischen Metropolen ausmachten: Zuckerrohr, Gewürznelke, Baumwolle, Datteln. Der gewonnene Zucker war zum Beispiel wichtiges Handelsgut mit dem christlichen Europa, das über Jahrhunderte keinen anderen Zucker als den aus den islamischen Ländern kannte.

Die Arbeit der Erschließung und die Plantagenbewirtschaftung war Angelegenheit der Zandsch, so dass festgestellt werden kann, dass die über den atlantischen Sklavenhandel bewerkstelligte Wirtschaft in den Überseekolonien der Europäer einen ähnlich strukturierten Vorläufer hatte.

Als „Schwarze“ gehörten die Zandsch auf die niedrigste soziale Stufe und hatten Schwerstarbeit bei der Trockenlegung der Salzsümpfe für die Einrichtung von Plantagen am Euphrat zu verrichten. Sie sorgten in der 1400 Jahre bis in die Gegenwart währenden Geschichte der Sklaverei im Islam für ein ähnlich bedeutsames Ereignis wie den von Spartacus angeführten Sklavenaufstand in Rom: Nach schnell niedergeschlagenen Revolten im 7. Jahrhundert leitete Ali ben Muhammad den 14 Jahre dauernden Aufstand der Zandsch von 869 bis 883 gegen die Abbasiden.

Unter der Leitung von Ali ibn Muhammad, einem Araber, der sich als Verwandter Mohammeds ausgab, Dichter und Lehrer war und der sich selbst zum Mahdi („Messias“) ausgerufen hatte, kam es 869 zum Aufstand der Zandsch, dem zweihundert Jahre vorher schnell niedergeschlagene Revolten in den Jahren 689, 690 und 694 vorausgegangen waren. 871 wurde Basra von den aufständischen schwarzen Sklaven eingenommen, und es entstand ein unabhängiger Staat der Zandsch mit einer in der Nähe von Basra neu angelegten Hauptstadt al-Muchtara. Muhammad erklärte sich selbst zum Aliden, einem Nachkommen Alis, und suchte das Bündnis mit Hamdan Qarmat, dem Begründer der sektiererischen Qarmaten.

Hamdān Qarmat ibn al-Aschʿath war ein bedeutender Missionar der Ismailiten im Irak am Ende des 9. Jahrhunderts. Er  war ein sehr früher Anhänger der Ismailiten im Irak. Er erkannte dabei die Führung im syrischen Salamya (die späteren Fatimiden) an, die die Stellvertretung für den verborgenen siebenten Imam Muhammad ibn Ismail beanspruchte. Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts übernahm er die Leitung der Mission und konnte eine breite Anhängerschaft unter den Bauern des Irak, aber auch in den Kreisen der Bagdader Hofaristokratie und Reichsverwaltung gewinnen.

Die vom Kalifen in Bagdad organisierten Gegenmaßnahmen scheiterten wiederholt an der Kampfkraft der Zandsch. Vielmehr erzielten die Zandsch 871 einen großen Erfolg, als sie Basra, das von islamischen Theologen und Religionsführern als religionsferne, dem Luxus ergebene Lasterhöhle kritisiert wurde,in ihre Gewalt brachten und völlig zerstörten. Unter den Einwohnern richtete das Sklavenheer ein Massaker an und zwang die Überlebenden in die Sklaverei.

In der Nähe des zerstörten Basra errichteten die Aufständischen eine eigene Hauptstadt, die über ein Militärkommando, eine Verwaltung und Gerichte verfügte. Zu den erfolgreichen Zandsch stießen andere Unzufriedene wie Bauern, Hirten, Flussschiffer, Lastträger neben „weißen“ Deserteuren aus der Armee des Kalifen, türkischen Gefangenen und versklavten gegnerischen Soldaten. Viele Zandsch waren als siegreiche Krieger und neue Herren des Südiraks selbst Sklavenhalter geworden. Das führte zu sozialen Reibereien und ethnisch motivierten Konflikten, die die Einheit untergruben. In den fortdauernden Kämpfen liefen zunehmend Soldaten zu den Einheiten des Kalifen über, nachdem der Befreiungsimpuls erlahmt war und die gegnerischen Offiziere verlockende Angebote gemacht hatten. Im März 883 wurde der Sitz des Ali ibn Muhammad eingenommen, aber erst am 11. August 883 war mit seinem Tode der Aufstand beendet und al-Muwaffaq als der herrschende Regent der Abbasiden unter Kalif al-Mu’tamid der endgültige Sieger.

Der Anführer Ali ibn Muhammad

Von Ali ibn Muhammad weiß man, dass er in Samarra lebte, Dichter am Hofe des Kalifen war und Schülern Lesen, Schreiben, Grammatik und die Astronomie beibrachte. 864 ist ein Aufenthalt in Bahrain belegt, wo er sich zum Aliden erklärte, als einen Verwandten des Schwiegersohnes von Mohammed, Ali, ausgab. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er ein freigelassener „weißer“ Sklave war; denn er forderte die Gleichheit aller Menschen ohne Rücksicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit. Er sammelte Anhänger zur Revolte um sich, musste aber fliehen. Weitere Nachrichten bezeugen ihn in Basra, in Bagdad und im Süden Mesopotamiens. Auf die Zandsch wurde er zufällig aufmerksam, setzte sich aber gleich 869 an ihre Spitze und rief feierlich die Revolte aus. Als selbsternannter Mahdi und angeblicher Angehöriger der Familie des Propheten beanspruchte er von seinem Staat aus, der auch eigene Münzen prägte, das islamische Gesetz wiederherzustellen. Einmal mächtig geworden, sorgte Ali ibn Muhammad jedoch für eine streng hierarchische Gesellschaftseinrichtung, in der soziale und ethnische Gruppen voneinander getrennt waren. Als Beute erworbene Güter und Reichtum waren ihm und den ihm Nahestehenden vorbehalten. Die Zandsch wurden zu einer wenn auch privilegierten Gruppe unter anderen. Es ist davon auszugehen, dass sich schließlich unter ihnen die unter Arabern allgemein verbreitete Verachtung Schwarzen gegenüber durchsetzte. Wie andere gescheiterte Zandschrevolten zeigten, hätte aber ohne ihn als Anführer der Aufstand nicht so lange durchgehalten werden können. Deshalb endete er auch mit seinem Tod am 11. August 883.

Am 11. August 883 wurde Ali ibn Muhammad von einem Pfeil tödlich getroffen, und die Zandsch gaben den Kampf auf. Sie wurden, wenn nicht hingerichtet, wegen Tapferkeit in die gegnerische Armee aufgenommen, dabei jedoch wieder versklavt. Ein Ziel war auf jeden Fall erreicht: Die Trockenlegung und Entsalzung der Sümpfe wurden eingestellt und der Zuckerrohranbau eingeschränkt. Andere Zandsch machten jedoch schon zwei Jahre später 885 mit einem Aufstand in al-Wasit am Tigris von sich reden. Da sie ohne muslimische Führer sich selbst überlassen blieben, wurden sie schnell aufgerieben und entsprechend grausam bestraft.

Der Kopf des Getöteten wurde aufgespießt und in Bagdad als Trophäe zur Schau gestellt. Die Historiker sind sich nicht einig, wie viele Opfer der Aufstand gekostet hat. Die überlieferten Zahlen sind unzuverlässig und schwanken zwischen 500.000 und 2 Millionen.

Alle Aufstände hatten auf den Sklavenhandel mit Afrika keine Auswirkungen, und die Schwarzen blieben, wenn auch nicht mehr als „Zandsch“, so unter anderen Bezeichnungen bis ins 20. Jahrhundert ein wichtiges Einfuhrgut in islamische Länder. Englische Schätzungen gehen zum Beispiel davon aus, dass zwischen 1830 und 1873 allein in Sansibar 600 000 Gefangene verkauft und verschifft wurden. Zwischen dem 7. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts sollen nach dem amerikanischen Historiker Ralph A. Austen (1979) in etwa 17 Millionen Afrikaner auf den verschiedenen Wegen durch die Sahara, über das Rote Meer und entlang des Indischen Ozeans in islamische Länder deportiert worden sein.

Ergebnis des Aufstandes

Sklaverei ist bis in die Gegenwart ein Phänomen der islamischen Welt geblieben, wenn es auch im 20. Jahrhundert tabuisiert wurde. Der muslimische französische Anthropologe Malek Chebel hat es 2007 für nötig gehalten, öffentlich an die Verantwortlichen in den von ihm besuchten islamischen Ländern zu appellieren, Sklaverei in ihren angepassten Formen nicht als ein Tabu einzustufen, sondern als ein Verbrechen mit entsprechenden Strafen zu verfolgen.

Der Befreiungskampf der Zandsch schaffte zwar die Schwerstarbeit in den Salzsümpfen des Euphrat ab, aber der mit allen Nachbarländern des Islam gepflegte Sklavenhandel erlebte am wenigsten Afrika gegenüber einen Einbruch. So ist auch ein weiterer, mit einem Massaker schnell beendeter Aufstand der Zandsch schon 885 aus al-Wasit am Tigris überliefert. Afrika blieb vielmehr bis ins 20. Jahrhundert vorrangiges Sklavenreservoir mit einer für eine Dauer von 1400 Jahren von Tidiane N’Diaye angenommenen Deportiertenzahl von 17 Millionen, die an ihren Zielorten ankamen. Für einen Deportierten müssen aber zusätzlich drei bis vier andere bei der Sklavenjagd, bei Epidemien oder durch Kastration usw. Umgekommene veranschlagt werden.

Für den französischen Mittelalterhistoriker Jacques Heers ist bemerkenswert, dass der lange Aufstand der Zandsch allein bis ins 13. Jahrhundert über 100 Bearbeitungen (auch unter orientalischen Christen) gefunden hat, dabei die wichtigste dreihundertseitige des Historikers at-Tabarī als Zeitgenosse der Ereignisse.  Heers wirft jedoch der europäischen Geschichtsschreibung vor, dass sie zwar Spartacus zu einer aus der Geschichte der Sklaverei nicht wegzudenkenden Figur hat werden lassen, aber auf die Sklaverei im Islam bisher nicht genügend Aufmerksamkeit verwendet

4. Fall: Christliche und jüdische Sklavenhändler

Für Europa brachte die Islamische Expansion 711 die Eroberung der iberischen Halbinsel, deren moslemisch kontrolliertes Gebiet Al-Andalus genannt wurde. Von Al-Andalus aus entwickelte sich ein Sklavenhandel mit den nördlich angrenzenden christlichen Ländern, zu denen die moslemischen Kaufleute als Feinde des christlichen Abendlandes keinen direkten Zugang suchten. Alle in Europa noch nicht christianisierten Völker, zu denen im 9. Jahrhundert etwa noch die von Karl dem Großen bekriegten Sachsen gehörten, wurden zum Ziel für christliche Sklavenjäger, da hellhäutige Europäer begehrtes und gewinnbringendes Handelsgut mit Al-Andalus waren. Im 10. Jahrhundert wurden die Sachsen selbst zu Sklavenjägern in den benachbarten Slawengebieten und belieferten vor allem über die Vermittlung jüdischer Fernhändler, nämlich der Radhaniten, die moslemischen Kunden. Wichtigste Zentren des Handels und der Verteilung waren vor allem das zum Ostfrankenreich gehörende Verdun im Westen und das böhmische Prag im Osten, wo die jungen gefangenen männlichen Slawen durch Kastration in die in der islamischen Welt besonders begehrten und entsprechend teuren Eunuchen verwandelt wurden. Die Erträge aus dem Sklavenhandel mit der islamischen Welt erreichten ein solches Volumen, dass sie vom 9. bis ins 11. Jahrhundert zu einem entscheidenden Faktor des Aufschwungs für das wirtschaftlich daniederliegende Abendland wurden.

5. Fall: Militärsklaven/Mamelucken

Insgesamt ist die Geschichte der Sklaverei im islamischen Orient aufgrund der Weiträumigkeit und der ethnischen, kulturellen und politischen Vielfalt des Gebiets sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das ergiebigste Sklavenreservoir war über Jahrhunderte Subsahara-Afrika, insbesondere etwa der Sudan, wo ebenfalls regelrechte Sklavenjagden unternommen wurden, aber hier von den Muslimen selbst. Unter dem Abbasiden-Kalif Hārūn ar-Raschīd gehörten viele Sklavinnen dem damals bereits etablierten Harem an.

Berühmt geworden sind die türkischen Militärsklaven, die in Bagdad insbesondere von dem Kalifen Al-Mutasim eingestellt wurden, um als Prätorianergarde den Herrscher zu beschützen und das Heer zu verstärken. Später übernahmen diese „Mamelucken“ die Herrschaft und gründeten mehrere eigene Dynastien.

Mamluken oder Ghilman waren in vielen islamischen Herrschaftsgebieten Militärsklaven zentralasiatischer oder osteuropäischer (d. h. meist türkischer oder kaukasischer) Herkunft. Von den Abbasidenkalifen als Machtfaktor institutionalisiert, nutzten sie ihre dominierende Stellung als Heerführer und Königsmacher ab dem 9. Jahrhundert nicht selten, um eigene Reiche zu begründen. Die beiden bedeutendsten dieser Reiche waren das zeitweise fast ganz Indien beherrschende Sultanat von Delhi (1206–1526) und das ägyptische Sultanat der Bahri- und Burdschi-Mamluken. Letzteres wurde 1517 – nach 267-jährigem Bestehen – von den Osmanen unterworfen, doch blieben Mamluken in Ägypten noch bis zur Invasion Napoleons 1798 und ihrer endgültigen Beseitigung durch Muhammad Ali Pascha (1811) als lokale Herrscherelite bestehen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erhielt der georgischstämmige Pascha (höchster Zivil- und Militärbeamter) von Bagdad, Hasan (1704–1723), von Sultan Ahmed III. die Erlaubnis, eine eigene Streitmacht aus Mamluken aufzubauen. Hintergrund war die Instabilität der wirtschaftlich rückständigen Region, die wiederholt von militärischen Auseinandersetzungen mit lokalen Stämmen und den Safawiden im angrenzenden Persien heimgesucht wurde, wodurch auch der Strom von Steuergeldern an die osmanische Zentralgewalt gestört wurde. Unter Hasan und seinem Sohn und Nachfolger Ahmed (1723–1747) konnte mit Hilfe der Mamluken die Provinz befriedet werden. Gleichzeitig nahmen diese immer öfter wichtige Positionen in Militär und Verwaltung ein.

Nach Ahmeds Tod scheiterte die Einsetzung eines Paschas von Gnaden des Sultans am Widerstand der selbstbewussten “georgischen Garde”, die nunmehr etwa 2.000 Köpfe zählte. Ahmeds Schwiegersohn Suleyman Abu Layla vertrieb den Statthalter des Sultans aus Bagdad und wurde der erste Mamluken-Pascha. Seine Herrschaft wurde schließlich auch von der osmanischen Regierung anerkannt. 84 Jahre lang hielten sich die Mamluken als militärisch und wirtschaftlich stabilisierende Lokalherrschaft im Irak. Zwar stand die Herrschaft der mamlukischen Paschas in Spannung zur Zentralgewalt, gegen die größere Autonomie begehrt wurde und die mehrmals gegen Bagdader Paschas intervenierte, jedoch ohne freilich die Herrschaft der Mamluken zu beenden, obwohl diese nie erfolgreich eine dynastische Herrscherabfolge etablieren konnten. In der Zersplitterung der Mamluken in einflussreiche, konkurrierende Gruppen bestand eine interne beständige Gefahr für die Mamlukenherrschaft.

1776 eroberte der Perser Karim Khan Basra und setzte seinen eigenen Bruder Sadiq Chan zum Statthalter ein. In Ausnutzung dieser Krise platzierte die Hohe Pforte einen Nicht-Mamluken als Nachfolger des unglücklichen Umar (1764–1776) auf dem Bagdader Thron. Als Karim Chan 1779 starb und Sadiq Basra räumte, kehrte der in der persischen Eroberung unterlegen gebliebene Mamlukengeneral Süleyman aus dem Exil in Schiraz zurück und nahm die Statthalterschaft in Bagdad, Basra und Schahrazor an sich. Als Süleyman der Große regierte er von 1780 bis 1802. Zunächst stärkte er geschickt seine eigene Gruppe innerhalb der Mamluken, begrenzte den Einfluss der Janitscharen und stärkte den Handel mit den europäischen Mächten (1798 dauerhafte britische Vertretung in Bagdad). Gegen Ende seiner Regierungszeit musste er jedoch empfindliche militärische Niederlagen hinnehmen (1801 Eroberung Kerbelas durch die Wahhabiten), er unterlag 1802 in einem Machtkampf Ali Pascha, der zwar die Wahhabiten teilweise zurückdrängen konnte, aber schon 1807 ermordet wurde.

In dieser krisenhaften Situation unternahm der neue Sultan Mahmud II. den Versuch, die Mamluken von der Herrschaft im Irak zu vertreiben: osmanische Truppen töteten Alis Neffen und Nachfolger im Amt, Süleyman „den Kleinen“ (1807–1810), konnten jedoch die Macht in der Provinz nicht übernehmen. Aus den Kämpfen um die Nachfolge, in denen vorübergehend ein Sohn Süleymans des Großen (Said, 1813–1816) im Irak herrschte, ging schließlich Daud, ein Georgier, als Sieger hervor, der Bagdad einnahm und die Anerkennung durch die osmanische Zentralgewalt erreichte.

Daud Pascha sollte der letzte Mamluken-Herrscher sein. Die Modernisierungspolitik Süleymans des Großen fortsetzend, befand er sich weiterhin in wiederkehrenden Konflikten mit den verschiedenen Kräften der unruhigen Region, also den arabischen Stämmen, der Geistlichkeit, den Kurden und den Persern (1818 Eroberung Sulaimaniyyas). 1830 erging in Istanbul endgültig die Entscheidung, die lästige Mamlukenherrschaft im Irak zu brechen und die Provinz wieder der direkten Herrschaft des Sultans zu unterwerfen. Nachdem ein Gesandter mit der Entlassungsurkunde Dauds in Bagdad hingerichtet worden war, zog ein osmanisches Heer aus Aleppo unter Ali Rida Pascha nach Bagdad. Die Verteidiger, von Überschwemmungen und Seuchen geschwächt, ergaben sich bald. Daud wurde geschont und verbrachte seinen Lebensabend als religiöser Aufseher in Medina, wo er 1851 verstarb. Der Irak hingegen war seit der Einsetzung eines Statthalters des Sultans 1831 wieder fest in der Gewalt Istanbuls.

Architektur der ägyptischen Mamluken

Die Architektur der Mamluken knüpfte an die ihrer Vorgänger, die Ayyubiden, an. Die syrischen Einflüsse herrschten in der Bautätigkeit vor. Aber auch andere Komponenten, wie irakische und anatolische Strategien, fanden Zugang. Ebenso maghrebinische und romanisch-gotische Kunstanregungen. Insgesamt gilt die mamlukische Architektur als unterkühlt.

Bedeutende Hinterlassenschaften der Bahri-Epoche werden im Moscheebau des Sultans Rukn ad-Din Baibars al-Bunduqdari gesehen, der 1266–69 in Kairo eine Moschee errichten ließ, die eine basilikale Dreiteilung des Hauptiwans formulierte. Weitere nennenswerte Bauten sind der Komplex des Sultans al-Mansur Saif ad-Din Qalawun al-Alfi aus den Jahren 1284–85, die Altinbugha-al-Maridani-Moschee aus dem Jahr 1340 und die Arghun-Ismaili-Moschee aus dem Jahr 1347. Die Besonderheiten des großen Bautenkomplexes Sultan Qalawuns liegen darin, dass zu einem Mausoleum und einer Madrasa ein Krankenhaus hinzugefügt wurde. Tendenziell wurde überall der Betsaal in den Fokus des Moscheenbaus geschoben.

Während der Herrschaft der tscherkessischen Burdschi-Dynastie wurden die Tendenzen der bahritischen Baubeispiele fortgesetzt. Der Bau von Moscheen mit (großen) Höfen wurde allerdings zunehmend zurückgedrängt zugunsten des Typs der Medresen-Moschee. 1475 entstand in Kairos sog. „Totenstadt“ die Grabmoschee des Sultans al-Aschraf Saif ad-Din Qayit-Bay mit Vier-Iwan-Anlage, die als typisches Beispiel gilt.

6. Fall: Knabenlese im Osmanischen Reich

Eine besondere Form der Sklaverei war die Knabenlese im Osmanischen Reich. Dabei wurden Knaben aus christlichen Provinzen ihren Familien weggenommen, ausgebildet und zwangsislamisiert. Diese Männer bildeten die Grundlagen des Janitscharen-Korps und der Verwaltung des Reiches und konnten in höchste Staatsämter aufsteigen. Auch viele Herrscher in der islamischen Geschichte waren Söhne von Sklavinnen.

<<<

Als Knabenlese, eingedeutscht aus Dewschirme (‚pflücken, sammeln‘), auch Knabenzins, bezeichnet man das System der im Osmanischen Reich seit dem späten 14. bis ins frühe 18. Jahrhundert praktizierten Aushebung bzw. Zwangsrekrutierung und -bekehrung, bei der christliche, vorwiegend männliche Jugendliche aus ihren Familien verschleppt und islamisiert wurden, um sie anschließend zum Teil an hervorgehobener Stelle im Militär- und Verwaltungsdienst des Reiches einzusetzen; vor allem die Infanterie der Osmanen, die Elitetruppe der Janitscharen, rekrutierte sich zeitweise überwiegend aus der Knabenlese, „einer der eigenartigsten Erscheinungen der türkischen Geschichte“.

Geschichte und Praxis der Devşirme

Zum ersten Mal erwähnt wird Devşirme in einer Rede des Metropoliten von Thessaloniki aus dem Jahr 1395; unter Murad II. (1404–1451) gilt die Knabenlese bereits als systematisiert. Dabei wurden nach Art einer Steuererhebung von den christlichen Untertanen des Reichs, vor allem auf dem Balkan, aber auch in Anatolien, in unregelmäßigen Abständen (jährlich, fünfjährlich, alle vier Jahre u. a. m.) und in unterschiedlicher Intensität (jede 40. Familie) junge Männer im Alter von acht bis maximal 20, meist mit 14 Jahren, ausgehoben. Die Bevölkerung der teilautonomen Klientelstaaten wie Moldawien oder die Walachei waren nicht betroffen. Als Hauptrekrutierungsgebiete galten Bosnien, die Herzegowina und Albanien.

Die Auswahl erfolgte normalerweise nach einem festgelegten Verfahren: ein höherer Janitscharenoffizier, der Yayabaşı, bereiste in Begleitung eines Sekretärs und einiger Soldaten die einzelnen Gerichtsbezirke (kaza), wo die (orthodoxen) Priester im Beisein der Väter die Taufregister vorzulegen hatten, um nur christlich getaufte Kinder auszuwählen. Die Knaben durften nicht einziger Sohn sein, kein Türke, kein Muslim und keine Waise und mussten einen ordentlichen Leumund besitzen.

Bewaffneter Widerstand der Eltern konnte mit Hinrichtung noch auf der Schwelle des Hauses bestraft werden. Juden, Muslime und Zigeuner waren von der Devşirme ausgenommen. Die städtische Bevölkerung, vor allem im europäischen Teil des Reichs, galt im Allgemeinen als exemt (Konstantinopel, Galata, Nauplia). Auch hier gab es aber Ausnahmen, so dass u. a. auch Athen betroffen war. Ausgenommen waren die griechischen Inseln, vor allem Chios und Rhodos, ebenso bestimmte Berufsgruppen (Handwerker).

In Gruppen von 100 bis 150 wurden die etwa 10.000 Knaben aus der Devşirme nach Istanbul geführt, wo sie freiwillig oder gegen ihren Willen das islamische Glaubensbekenntnis ablegten und beschnitten wurden.

Ausbildung, Karriere

Anschließend teilte man die Ausgehobenen in zwei Gruppen ein, von denen die klügeren, hübscheren und kräftigeren zur weiteren Ausbildung an einen der Sultanspaläste in Galata, Adrianopel und Istanbul (Ibrahim-Pascha-Palast) geschickt wurden. Dort unterzog man sie einer sorgfältigen, meist mehr als 14 Jahre dauernden körperlichen und geistigen Ausbildung. Die Palastschulen (Enderun) waren vollkommen von der Außenwelt abgeschirmt und vermittelten neben Türkisch, Persisch und Arabisch auch Kalligraphie, Literatur, Theologie und Recht. Auch die körperliche Ertüchtigung stand auf dem Lehrplan (Bogenschießen, Reiten).

Die Übrigen wurden türkischen Bauern- und Soldatenfamilien in Anatolien und Rumelien, dem europäischen Reichsteil, zugeteilt, wo sie drei bis sieben Jahre Frondienst leisteten und dabei türkische Lebensweise und Sprache kennen lernten. Obwohl sie nun „osmanisiert“ waren, galten sie als acemi oglanlar („fremde Jungen“). Anschließend wurden sie in die Hauptstadt zurückgeschickt, wo sie in den Sultansgärten oder auf den Werften, einige auch im Palast, in harter Disziplin zum Teil schwere Arbeiten zu verrichten hatten; hatten sie Ausgang, so waren sie für ihre Zügellosigkeit gefürchtet. Anschließend wurden sie im Alter von etwa 22 Jahren freigelassen. Viele wurden Sipahi (Reitersoldat mit Lehen) und Teil der Kavallerie, wo sie oft die höchsten Offiziere stellten; der Rest wurde auf die verschiedenen Janitscharenkorps aufgeteilt. Als fest besoldete Truppe besaßen sie gesetzlich geregelte Rechte, wie freie Wohnung in eigenen Kasernen, Verpflegung, Altersversorgung und Sold auch bei Krankheit und Dienstunfähigkeit, Steuerfreiheit usw.

Da die Auserwählten unter den Zwangsbekehrten nicht zur servility (engl. „Unterordnung“), sondern zu authority (engl. „Respektsperson“), also zur Herrschaft erzogen wurden, standen den Absolventen der Palastschule nach ihrer Freilassung im Alter von etwa 22 Jahren die höchsten zivilen und militärischen Posten offen: sie konnten Sandschakbey (Provinzgouverneur), Beylerbey (Gouverneur einer Großprovinz), Wesir oder sogar Großwesir werden. Schon Mehmed II. (1432–1481) hatte die Devşirme als Zugangstor zu den höchsten Verwaltungsämtern ausgestaltet: Alle seine Großwesire entstammten dieser Gruppe. Auch der Aufstieg in die eigentliche Sultansfamilie war möglich, indem der Herrscher dem Gefolgsmann seine Schwester, eine seiner Töchter oder Haremsdamen zur Frau gab. Hatte der bisherige „Sklave“ (qul) bisher nur an der Agnation teilgenommen und gehörte als Freigelassener indirekt zur Herrscherfamilie, so war er nun direkt mit dem Herrscherhaus verwandt.

Es handelte sich bei der Devşirme demnach um das Eingangsstadium eines langfristig angelegten, systematischen Erziehungsprojekts für die künftige Reichselite. Die übrigen Untertanen, vor allem sämtliche Muslime und alle Türken, wurden dadurch von den Führungspositionen ausgeschlossen und blieben auf Karrieren in Jurisprudenz und Religion beschränkt; dasselbe galt naturgemäß auch für die (muslimischen) Kinder der unter der Devşirme Aufgestiegenen; die Karriere ihrer Väter war ihnen verwehrt. Als die Janitscharen daher 1651 für ihren Stand die Erblichkeit durchsetzten, war dies ein einschneidender Eingriff zu Ungunsten der militärischen Leistungsfähigkeit und der Anfang vom Ende der osmanischen Expansion.

Rechtlicher Status, religiöse Legitimierung

Die Zwangsbekehrten waren zunächst Sklaven (qul) ihres neuen Herrn, des Padischah, der sie jederzeit ohne Gerichtsverfahren verurteilen und auf bloßen Befehl hin sogar hinrichten lassen konnte. Als Legitimationsbasis für Devşirme wurde Sure 8, Vers 41 im Koran herangezogen: Und ihr müsst wissen: Wenn ihr irgendwelche Beute macht, gehört der fünfte Teil davon Gott und dem Gesandten und den Verwandten (w. dem Verwandten), den Waisen, den Armen und dem, der unterwegs ist (oder: dem, der dem Weg (Gottes) gefolgt (und dadurch in Not gekommen) ist; w. dem Sohn des Wegs). (Richtet euch danach) wenn (anders) ihr an Gott glaubt und (an) das, was wir auf unseren Diener (Mohammed) am Tag der Rettung hinabgesandt haben, – am Tag, da die beiden Haufen aufeinanderstießen! Gott hat zu allem die Macht. (Koranübersetzung nach Paret). Daraus sollte sich der Anspruch auf jeden fünften Knaben ergeben.

Das Islamrecht (Scharia) sah in dieser Stellungnahme des Koran, der Kriegszeiten betraf, jedoch keinen Bezug zur Praxis der Devşirme, und alle Gelehrten des Islamischen Rechtes waren sich einig, dass die Versklavung und Zwangsbekehrung christlicher Reichsuntertanen mitten im Frieden gegen die Vorschriften des religiösen Rechts verstieß. Die Knabenlese entbehrte daher nach Ansicht der muslimischen zeitgenössischen Rechtslehre jeder religiösen Legitimation. Sie erklärt sich einzig und allein aus der Staatsnotwendigkeit, d. h. dem Interesse des Sultans, ein neues Heer als unabhängige Machtquelle zu besitzen, und aus der rechtlichen Fiktion, dass der ursprüngliche Kriegszustand mit den Unterworfenen noch nicht beendet sei, d. h. einer Verewigung des Kriegszustandes (Dschihad), wonach die weitere Existenz der Bevölkerung ins Belieben des jeweiligen Herrschers gestellt sei.

Umfang, Auswirkungen

Die zahlenmäßigen Auswirkungen der Devşirme werden unterschiedlich beurteilt: Sie reichen von der Aussage, sie habe „nur wenige Dörfer in größeren zeitlichen Abständen“ betroffen und „blieb wohl ohne demografische Auswirkungen“, bis zur Annahme schwerer demographischer Schäden; so verloren Morea (Peloponnes) und Albanien aus diesem Grund einen guten Teil ihrer Bevölkerung, litten unter Arbeitskräftemangel und Wertminderung der Lehnsgüter. Viel gravierender war jedoch der moralische Effekt der Knabenlese: Die Eltern der Verschleppten, die nicht selten den sexuellen Missbrauch ihrer Kinder befürchteten, blieben oft in Verzweiflung zurück; die unterworfene christliche Bevölkerung leistete gelegentlich offenen oder verdeckten Widerstand, oft durch die Drohung ganzer Bevölkerungsteile, zum Feind überzulaufen, meist aber in Form von Bestechung.

Niedergang der Devşirme

Die Knabenlese wurde aufgrund ihrer Aufstiegsmöglichkeiten für islamische Familien immer interessanter; seit dem 17. Jahrhundert schmuggelten daher immer mehr Muslime und Türken, aber auch Juden und Zigeuner ihre Kinder auf dem Weg über Devşirme unter die Janitscharen. Diese hatten bereits 1581 die Eheerlaubnis erhalten; 1651 erzwangen sie die Erblichkeit ihres Standes und schlossen damit Neuzugänge aus. Die Folge waren ein Nachlassen der militärischen Eignung, Abkehr vom Leistungsprinzip, Aufgabe der sorgfältigen Erziehung sowie ein um sich greifendes Beziehungsunwesen, Protektionismus und Korruption. Der osmanische Staatsmann Koçi Bey († um 1650), der „Montesquieu der Osmanen“, selbst der Devşirme entstammend und Ratgeber zweier Sultane, beklagte daher in einer drastischen Denkschrift den Zugang von Vagabunden und den Niedergang der Führungselite durch die fehlende Knabenlese. Eher durch die inneren Widerstände der bereits Privilegierten als durch den Protest der betroffenen Bevölkerung wurde die Devşirme seit 1600 daher immer seltener und in geringerem Umfang angewendet; dennoch wurden bis Anfang des 18. Jahrhunderts Devşirmes zumindest noch angeordnet.

Herkunft und Funktion der Devşirme: die Institution der „Sklavenarmeen“

In ihrer eigentümlichen Mischung aus Verschleppung von fremden Ungläubigen, von Zwangsbekehrung, intensiver Indoktrination und anschließender Militarisierung bzw. Integration in die Herrenschicht folgte die Devşirme einem seit den ersten Kalifen geübten Brauch im gesamten arabisch-islamischen Raum: der Tradition der Sklavenarmeen. Vom omajadischen Spanien über die Reiche im Maghreb, Ägypten, dem Nahen Osten bis Persien und Indien bis hin nach Bengalen existieren seit dem 7. Jahrhundert Sklavengarden und -armeen, deren Mitglieder zugleich hohe Ämter in Militär und Verwaltung bis hin zur eigentlichen Königsgewalt selbst innehatten. Die Tuluniden und Mamluken Ägyptens, die Abbasiden des Irak, die Samaniden in Persien, die Ghuriden Afghanistans, die bis nach Rajasthan und Bengalen vordrangen, die Herrscher des Sultanats von Delhi (1206–1288), der Sultanate auf dem Dekhan-Hochland Indiens, Buriden von Damaskus, die Zengiden in Mesopotamien, die Schahs von Armenien und Choresmien, die Deys von Algier und Tunis und viele andere setzten die systematische Erziehung von zwangsbekehrten Untertanen, von Kriegsgefangenen und Fremden zum Staatsdienst und die Rekrutierung von Sklavenarmeen zum Erhalt ihrer Herrschaft ein, waren selbst oft von Sklavenherkunft und herrschten über Armeen von Sklaven. Dementsprechend bezeichnete der Spanier Juan Sebastián Elcano um 1509 den Bey von Tunis zutreffend als „Despot ohne Freiheit, ein König der Sklaven und Sklave seiner Untertanen“. Die Osmanen konnten die Einrichtung des Kindertributs sogar von ihren unmittelbaren Vorgängern, den Seldschuken übernehmen, hatte doch Nizam al-Mulk, „the quintessential vizier“ (1018–1092), dem Seldschukensultan in seinem Siyāsatnāma (Buch der Regierung) ausdrücklich zur Aufstellung einer Garde aus dem Kindertribut geraten.

Für die Angehörigen dieser Gruppe bestanden exklusive Bestimmungen, was Abstammung und Glauben anging; für die Emire und Mamluken Ägyptens galten die strengsten Regeln: sie durften nicht als Muslime geboren sein, mussten den Kyptschaktataren entstammen und Sklave gewesen sein. Dies vorausgesetzt, standen ihnen in ihrer neuen Heimat Ägypten die Türen zu den höchsten Staatsämtern offen. Ähnliches galt für sämtliche anderen Sklavendynastien des arabisch-islamischen Raums bis nach Südostasien, und zwar bereits seit dem 7. Jahrhundert.

Als Ursache der vom westlichen Mittelmeer bis zum Golf von Bengalen belegten Praxis gilt vor allem die Sippenstruktur der arabischen Gesellschaft, die der neu erstandenen Macht, wie sie seit den ersten Kalifen vorhanden war, starke Widerstände entgegensetzte. Der Kalif wurde in diesem System nicht als Verkörperung eines übergeordneten Staatsbegriffs, sondern als Anhänger einer Partei empfunden, so dass sich die Schaffung einer künstlichen, dem Herrscher ergebenen land- und sippenfremden Garde aus Unfreien, die als neue „Sippe“ den Staatsgedanken trägt und verkörpert, in dieser Form nur in den islamischen Staaten des Mittelalters und der frühen Neuzeit findet. Der Vergleich mit der von Germanen und anderen Völkern durchsetzten Prätorianergarde, dem römischen Heer der Spätantike oder der byzantinischen Herkulianer- bzw. der Warägergarde zeigt, wie viel mehr das Devşirme-System auf „Fremdartigkeit“ und eine ausgeprägte Staats-Pädagogik als Systembestandteil arabisch- und türkisch-muslimischer Herrschaft setzte. Schon der weitgereiste Tunesier Ibn Chaldun (1332–1406) betrachtete jedoch die Verwendung fremder Elemente im Staatsdienst, die die Sippen und Lehnsherren in ihre Schranken zwingen sollten, sehr kritisch: sie entfremde die Untertanen dem Herrscherhaus und löse die Bande der Blutsverwandtschaft.

Die fremden, oft der Sprache unkundigen Soldaten (daher manchmal als „die Stummen“ bezeichnet), als Leibgarde gegen den inneren Feind gedacht, wurden oft zur Plage für die Bevölkerung, gleich ob Ungläubige und Gläubige. Im Unterschied zu den anderen islamischen Dynastien verstanden es die Osmanen jedoch, 36 Generationen lang – mehr als ein halbes Jahrtausend – selbst die Herrschaft auszuüben, ohne die Macht an ihre Militärsklaven zu verlieren (1281–1826/1922). Devşirme stellt aus dieser Sicht „die höchstentwickelte Form … der militärischen Sklaverei“ dar.

7. Abschaffung der Sklaverei ab dem 19. Jahrhundert

Der amerikanische Historiker Robert C. Davis veröffentlichte 2004 eine Untersuchung über die Versklavung durch Muslime im Mittelmeerraum – aber auch darüber hinaus bis nach England und Island –, wo zwischen 1530 und 1780 1,25 Mio Christen den Piraten des Maghreb zum Beispiel aus Algier, Tunis und Tripolis in die Hände gefallen sein sollen. In Algier fand die Piraterie erst mit der Eroberung durch Frankreich 1830 ein Ende.

Der erste muslimische Herrscher, der die Sklaverei auf seinem Territorium abschaffte, war Ahmad I. al-Husain, von 1837 bis 1855 der Bey von Tunis. Er versuchte, seinen Staat technisch zu modernisieren und griff dabei auf französische Unterstützung zurück. 1841 verbot er den Sklavenhandel, schloss die Sklavenmärkte, ließ seine eigenen Sklaven frei und stellte die Entsendung von Sklaven als Tributzahlung nach Istanbul ein. 1846 ordnete er an, dass jeder Sklave, der dies wünsche, freizulassen sei. 6.000 bis 30.000 Sklaven kamen hieraufhin frei.

Im Osmanischen Reich wurde 1854/55 auf Druck der europäischen Großmächte ein Edikt zum Verbot des Sklavenhandels erlassen. Daraufhin kam es allerdings zu Protesten von Händlern im Hedschas, die das Verbot der Sklaverei als anti-islamisch verurteilten. Im Auftrag des Scherifen gab der führende Gelehrte von Mekka eine Fatwa heraus, in der er die Türken zu Apostaten erklärte und zum Dschihad gegen sie aufrief. Als es infolgedessen im Hedschas tatsächlich zu einem anti-osmanischen Aufstand kam, wurde der Hedschas in dem osmanischen Erlass von 1857, der die Sklaverei verbot, ausgenommen.

In Indien, wo die Briten bis 1862 die Sklaverei abschafften, argumentierten einige modernistische muslimische Gelehrte wie Sayyid Ahmad Khan, dass der Islam selbst die Sklaverei schon abgeschafft habe. Diese Abschaffung sei stufenweise im Koran erfolgt. Am Ende stehe der bei der Einnahme von Mekka (im Januar 630) offenbarte Freiheitsvers (āyat al-ḥurrīya) von Sure 47:4, der die Muslime dazu auffordere, Kriegsgefangene entweder auf dem Gnadenweg oder gegen Lösegeld freizulassen.

Sklavenmärkte wie etwa jener in Sansibar, der vor allem die Emirate Arabiens belieferte und erst von den Briten geschlossen wurde, oder solche in Zentralasien hielten sich bis ins späte 19. Jahrhundert. Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts berichteten Orientreisende wie Christiaan Snouck Hurgronje über den Sklavenmarkt in Mekka. Saudi-Arabien schaffte erst 1963 die Sklaverei offiziell ab.

Besonders schwierig gestaltete sich die Abschaffung der Sklaverei in Mauretanien. Hier gab es im 20. Jahrhundert drei Initiativen zu ihrer Aufhebung, ohne dass sich in der Praxis viel verändert hätte: 1905 (französisches Kolonialdekret), 1960 (Erlangung der Unabhängigkeit) und zum dritten Mal im Jahr 1980. 23 Jahre später, im Jahr 2003, wurde ein Gesetz gegen den Menschenhandel erlassen, das Wort Sklaverei wurde aber vermieden. Im August 2007 verabschiedete der damalige Präsident Sidi Mohamed Ould Cheikh Abdallahi ein Gesetz, das Sklaverei erstmals unter Strafe stellt. Das ist das vierte Mal, dass das Thema Sklavenhaltung in einem Gesetzestext erwähnt wurde. Das Gesetz war bei den abstimmenden Parlamentariern heftig umstritten. Das letzte Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei in Mauretanien wurde am 8. August 2007 verabschiedet.

Veranstaltung vom 18.12.2018

Radhaniten

Radhaniten oder Radaniten ist die zum ersten Mal von Ibn Chordadbeh um 847 in seinem Buch Kitāb al Masālik w’al Mamālik (= Buch der Wege und Länder) überlieferte Bezeichnung für jüdische Kaufleute, die vom 8. bis ins 11. Jahrhundert die Handelsbeziehungen zwischen den verfeindeten christlichen Ländern des Abendlandes und der islamischen Welt und darüber hinaus bis nach Indien und China gewährleisteten. Sie trugen damit zu einem wirtschaftlichen Aufschwung des Abendlandes bei, das seit dem Ende des Weströmischen Reichs wirtschaftlich zurückgefallen war. Als Handelswege nutzten sie die von alters her bekannten Routen.

Karte von Eurasien mit dem Handelsnetz der Radhaniten, wie es Ibn Chordadbeh beschreibt.

Hintergrund

Mit dem Siegeszug des Islam war bis ins 11. Jahrhundert der Hauptanteil des Fernhandels von jüdischen Kaufleuten übernommen worden. Die Juden befanden sich nämlich in der sich entfaltenden islamischen Welt in einer günstigen Ausgangsposition, zumal der Dschihad nicht gegen die Juden, sondern gegen die Heiden geführt wurde. Allerdings wurde die arabische Halbinsel, wo die Juden in Himyar (Südarabien/Jemen) ein Zentrum hatten und ihnen in der Umgebung von Medina bis zum Auftauchen von Mohammed heidnische Stämme gefolgschafts- und tributpflichtig waren, von der Freizügigkeit der Religionsausübung und der Niederlassung ausgenommen. Im Unterschied zu den christlichen Ländern konnten sie sich in der islamischen Welt jedoch überall sonst niederlassen und ihre Religion ausüben. Da die Armeen der moslemischen Eroberer nur klein waren, habe es sich insgesamt als zweckmäßiger erwiesen, sich neben den Juden auch der anderen monotheistischen Minderheit, nämlich der Orientchristen zu versichern, da für den Wiederaufbau und zur Verwaltung der eroberten Länder geeignete Menschen gebraucht wurden. Für die Juden habe aber mehr noch als für die Christen gegolten, dass sie sich im 9. Jahrhundert innerhalb einer neuen Weltmacht vereint sahen, „die ihnen eine weit reichende Autonomie gewährte und sie ihr Leben so führen ließ, wie es ihnen gefiel.“ Im 10. Jahrhundert erlebten zahlreiche jüdische Familien in Al-Andalus im Kalifat von Córdoba unter Abd ar-Rahman III. und seinem Sohn Al-Hakam II. eine Phase von Prosperität.

Jüdische Kaufleute als Vermittler zwischen dem Westen und der islamischen Welt

Die Radhaniten bildeten ein internationales Handelszentrum mit Sitz wahrscheinlich in Südfrankreich oder in Spanien. Ihr Handel erstreckte sich über mehrere Kontinente erstreckt und war durch Filialen unterstützt worden. Sie benutzten vier verschiedene Land- und Seerouten, von denen eine nordwärts durch Europa über Prag, Bulgarien in das Land der Chasaren geführt habe, das ein wichtiger Vorposten für den Handel mit Zentralasien war; zwei verliefen entlang der Küsten des Mittelmeeres und endeten im Irak und im Iran; die vierte ging nach China. „Im Allgemeinen legten die Handelsbeauftragten der Radhaniten nur einen Teil der Strecke zurück, an dessen Ende sie Waren von Kollegen übernahmen, welche die nächste Etappe bereisten.“ Ihre Verständigung untereinander erfolgte über das Hebräische als Lingua franca, das von allen gebildeten Juden gesprochen wurde. Um sich vor den Risiken der langen Reisen zu schützen, und nicht zu viel Geld zu transportieren, hätten sie als frühkapitalistisches Instrument Kreditbriefe (suftadscha) mitgeführt.

Die erste Erwähnung der Radhaniten bei Ibn Chordadbeh lautet unter der Überschrift „Weg der jüdischen Kaufleute, der so genannten Radhaniten“ folgendermaßen:

„Diese Kaufleute sprechen Persisch, Romanisch (Griechisch und Lateinisch), Arabisch, fränkische Sprachen, Spanisch und Slawisch. Sie reisen vom Okzident in den Orient und vom Orient in den Okzident, bald zu Lande und bald zu Wasser. Aus dem Okzident bringen sie Eunuchen, weibliche Sklaven und Knaben, Seide, Pelztierwaren und Schwerter. Sie schiffen sich im Land der Franken auf dem Mittelmeer ein und steuern Farama an (nahe den Ruinen des alten Pelusium <= im östlichen Nildelta> gelegen); dort laden sie ihre Waren auf Lasttiere und begeben sich bei einer Entfernung von 20 farsakhs (Maßeinheit von ungefähr 5,6 km) in fünf Tagesmärschen nach Kolzoum (= Suez). Auf dem östlichen Meer (= Rotes Meer) fahren sie nach El-Djar (Hafen von Medina) und nach Djeddah <= Hafenstadt in der Provinz Mekka>; dann begeben sie sich nach Sind (= Persien), Indien und China. Auf ihrem Rückweg haben sie Moschus, Aloë, Kampfer, Zimt und andere Produkte aus den orientalischen Gegenden geladen und erreichen Kolzoum <= Suez>, dann Farama, wo sie sich wieder auf dem Mittelmeer einschiffen. Manche setzen die Segel nach Konstantinopel, um dort ihre Waren zu verkaufen; andere begeben sich in das Land der Franken.

Manchmal nehmen die jüdischen Kaufleute auf dem Mittelmeer Kurs auf Antiochia am Orontes. Nach drei Tagesmärschen gelangen sie an die Ufer des Euphrat und kommen nach Bagdad. Dort befahren sie den Tigris bis nach Basra, von wo sie nach Oman segeln, nach Persien, Indien und China. Sie können also ohne Unterbrechung reisen.“

Handelsbeziehungen zwischen dem Abendland und der islamischen Welt

Von den Waren Zentral- und Westeuropas weckten nur drei die Aufmerksamkeit moslemischer Schriftsteller, nämlich slawische Sklaven, fränkische Waffen und englische Wolle. Die slawischen Sklaven waren der begehrteste Artikel für die moslemische Sklavenhaltergesellschaft. Neben den Juden hatten viele Europäer mit dem Export von Sklaven zu tun. Darunter christliche „Bürger der großen Handelsstädte Italiens und Frankreichs ebenso wie griechische Sklavenhändler, die im östlichen Mittelmeer tätig waren. Eine bedeutende Stellung nahmen die Venezianer ein, die schon im 8. Jahrhundert begannen, den Griechen Konkurrenz zu machen.“  Besonders hinzuweisen ist auf die Rolle der Waräger (= Volksstamm der Wikinger) und des Volkes der Rus <= Russen>, die eifrige Sklavenjäger waren und ihre slawischen Gefangenen entweder direkt verkauften oder über italienische Kaufleute oder die Radhaniten nach Spanien, Byzanz, in die moslemischen Länder oder nach Zentralasien weitervermitteln ließen.

Lombard: „Die Austauschrichtung kehrt sich um; der Okzident wird vom Importeur zum Exporteur. An die Stelle des Abflusses von Zahlungsmitteln kommt es gegen Ende des 8. Jahrhunderts langsam wieder zu einem Zufluss, der sich vom 9. zum 11. Jahrhundert vergrößert.“

Bild: Das muslimische Spanien war mit Córdoba ein häufiger Bestimmungsort für die slawischen Sklaven, mit denen die Radhaniten handelten.

Für den Umfang des Sklavenhandels mit Al-Andalus stellt Lombard für einen Abschnitt des 10. Jahrhunderts folgende Bilanz auf:

„Innerhalb von 50 Jahren, zwischen 912 und 961, steigt ihre Zahl von 3.750 auf 13.750 und vermehrt sich um 10.000 Individuen, worin sich neue Käufe niederschlagen; die männlichen Wesen werden meistens kastriert. (…) Ein Sklave bringt 100 Dinare im Durchschnitt ein, so dass 10.000 Sklaven einen Wert von einer Million Dinar darstellen, was einer Goldmenge von 5.000 kg entspricht; allein für Córdoba sind jährlich 100 kg Gold für den Kauf von Slawen zu veranschlagen. Zählt man hierzu die Summen, die für die anderen großen Städte Spaniens und die Residenz des Kalifen zu veranschlagen sind, außerdem noch die Summen, die für den Transit in den muslimischen Orient anzusetzen sind, dann wird vorstellbar, was Liutprand <von Cremona, Historiker, Diplomat, Bischof 10. Jh.> mit ‚immensum lucrum‘ (= immenser Gewinn) gemeint hat, den die Händler von Verdun machten, und Adalbert von Prag <Bischof von Prag, christlicher Missionar bei den Ungarn und Prußen und Märtyrer, 10. Jh.>, als er dieses ‚infelix aurum‘ (= unglückliche Gold) beweinte, dieses Gold, das das Unglück mit sich bringt.“

Deutsch-amerikanische Historiker des 20. Jh. beschreiben die jüdischen Kaufleute, die in Al-Andalus mit der Versorgung der muslimischen Herrscher mit Sklaven beschäftigt waren, wie folgt:

„Man konnte in Seide gekleidete und mit Prachtturbanen ausgestattete reiche Juden sehen, die mit dem Glanz der Muslime rivalisierten, in stattlichen Wagen fuhren oder wie Herren zu Pferd ritten. Ihr Reichtum rührte vor allem aus dem Sklavenhandel. Sie belieferten die Harems mit Bewohnerinnen und Eunuchen, die sie bewachten, und versorgten die Armee mit Nachwuchs. Sie importierten eine große Anzahl von Slawen, die von germanischen Völkern gefangen genommen und an die Sarazenen verkauft worden waren, bei denen sie die Garde des Kalifen und ganze Regimenter bildeten.“

Die Handelswege aus den slawischen Grenzgebieten in die islamische Welt

Für die deutsche Geschichtsschreibung stellt der Historiker Johannes Fried für die Sachsen, die in den Kriegen mit Karl dem Großen als noch nicht christianisierte Heiden selbst noch zu „sprechender Ware“ und verkauft werden konnten, fest: „Das fruchtbare Land zwischen Saale und Elbe mit seinen versklavbaren Menschen geriet im Laufe des 10. Jahrhunderts fest in die Gewalt der Sachsen.“ Sachsen, die Machtbasis Heinrichs I. aus liudolfingischem Haus, „war ohne Zweifel von allen seinen Ländern das barbarischste, das am wenigsten zivilisierte, der mittelmeerischen Kultur entfernteste und auf fremde Hilfe in höchstem Maße angewiesene Gebiet“. Allein für die Voraussetzungen zum Erwerb der Königsherrschaft sei bereits neben dem reichen Grundbesitz der Verkauf von jungen gefangenen Slawen ins muslimische Spanien oder nach Byzanz und weiter ins Reich der Kalifen nötig gewesen, denn zum Griff nach der Königskrone habe es unerlässlichen Reichtums bedurft. In der Kriegführung gegen die slawischen Nachbarn sei der Sklavenhändler noch vor dem Priester den erobernden Truppen gefolgt. Die regelmäßig erbeuteten Slawen füllten über den Verkaufserlös den Königsschatz, eine Geldquelle, die auch die sächsischen Großen zu regelmäßigen Überfällen auf slawische Siedlungen verlockt habe. Neben den jüdischen Kaufleuten, die, begünstigt durch das seit karolingischer Zeit entstehende „Judenprivileg“ für ihre Kaufmannsrechte, an allen Brennpunkten großer Wirtschaftsaktivitäten anzutreffen waren, beteiligten sich nach auch Friesen, Slawen, freie und unfreie Deutsche am Fernhandel.

Das Ende der jüdischen Vermittlung im 11. Jahrhundert

Der französische moslemische Religionsanthropologe und Philosoph Malek Chebel spricht in seinem Buch über die Sklaverei im Islam (2007) ironisch von der „schönen Solidarität der Monotheisten“ gegenüber den noch heidnischen Slawen. Im 11. Jahrhundert waren es aber zunächst die Radhaniten, die in Europa aus dem Fernhandel verdrängt wurden. Italienische Handels- und Bankhäuser, deren Einflussnahme bereits in dem Brief des Dogen von Venedig an Heinrich I. 932 spürbar wurde, und armenische Händler im Orient setzten sich gegenüber den Juden durch. Hinzu kamen die Massaker im Rheinland anlässlich des ersten Kreuzzuges. Nur auf den Festlandverbindungen zwischen Oberdonau und den slawischen Ländern hätten sie sich noch gehalten. Weitere Erschwernisse hatten sich schon Ende des 10. Jahrhunderts aus dem Zusammenbruch des Reiches der Chasaren <= Turkvolk im nördlichen Kaukasus> ergeben, die von den Kiewer Rus besiegt worden waren. So seien sie „in die Rolle von Ladeninhabern, Geldleihern und Wucherern gedrängt“ worden.

Mit dem Herausdrängen der jüdischen Fernhändler wurde der Sklavenhandel in Mitteleuropa in mehr oder weniger christianisierten Gebieten noch eine Weile fortgeführt. So berichtet Helmold von Bosau <geistlicher Chronist> für das Jahr 1168 davon, wie slawische Piraten als Sklavenverkäufer auftraten und „zu Mecklenburg an einem Markttage 700 gefangene Dänen gezählt wurden, alle verkäuflich, wenn Käufer genug da gewesen wären“.

In Osteuropa zum Schwarzen Meer hin blieb Sklavenhandel mit Slawen bis ins 18. Jahrhundert eine kaum je unterbrochene Angelegenheit und wurde zuletzt von den auf der Krim ansässigen moslemischen Tataren betrieben, die die benachbarten Türken versorgten. Zwischen 1482 und 1760 sollen zwischen 2 und 2,5 Mio Ukrainer, Polen und Russen zu ihren Opfern geworden sein.

Christentum und Sklaverei

Sklaverei ist der Zustand, in dem Menschen als Eigentum anderer behandelt werden. Sie widerspricht der Würde des Menschen als Person. Darum fordert die Verwirklichung der christlichen Moral jegliche Abschaffung der Sklaverei.

Hauptgründe für die Sklaverei waren nach altem Völkerrecht Gefangennahme im Krieg, Strafurteil und Geburt aus einer Sklavenehe.

Sklaverei in der Zeit des Alten Testamentes

Bei den Israeliten war die Stellung der Sklaven günstiger als bei den BabyIoniern, Assyrern und Hethitern. Das mosaische Gesetz kannte Sklaven mit Aberkennung der Menschenrechte nicht; es verfügte zu Gunsten der Sklaven: Verbot der Grausamkeit (Ex 21,20 f 26 f), Teilnahme an der Festtagsruhe (Ex 20, 10), Bestimmungen über die Ehen der Sklaven (Ex 21,3-11), Entlassung einheimischer Sklaven im Sabbatjahr (Ex 21, 2- 6; Dt 15, 12 bis 18). Das Gesetz unterschied zwischen volksfremden und israelitischen Sklaven. Nur jene waren Sklaven im eigentlichen Sinn und in der Regel lebenslänglich (Lv 25, 46). Von der Sklaverei war die Hörigkeit verschieden, in die sich ein Armer freiwillig begab; sie endete im Jubeljahr (Lv 25, 39-43). Im römischen Reich war die Sklaverei (Haus-, Handwerks-, Ackerbausklaven) die Grundlage der ganzen Wirtschaft. Sie bildete die Voraussetzung des antiken Kapitalismus. Erst als in der Spätantike die Rückentwicklung vom Kapitalismus zur Haus- und Naturalwirtschaft erfolgte, verschwand auch mehr und mehr die Masse der Luxus- und Industriesklaven. Aristoteles rechnete mit der Sklaverei als bestehender Institution. Er erklärte sie als Naturgesetz, da diejenigen, die nur z. Handarbeit geeignet seien, durch die Natur zum Dienst bestimmt seien (1 Polit. 5).

Sklaverei in der Zeit des Neuen Testamentes

Im Neuen Testament ist nach Gal 3, 28; Kol 3, 11; 1 Kor 12,1-31; 1 Tim 6,1-2 für den Christen kein Unterschied zwischen Sklaven und Freien durch die Verbindung zu Christus. Im Hinblick auf die göttliche Berufung ist für Paulus der irdische Sklavenstand eine Nebensache. ,Denn wer als Sklave im Herrn berufen wurde, ist ein Freigelassener des Herrn, so wie jener, der als Freier berufen ward, Sklave Christi ist” (1 Kor7, 22). Der Christ ist von der Sklaverei des Teufels befreit. Paulus beurteilt den zeitgenössischen Unterschied zwischen Freien und Sklaven als irdische Gegebenheit und erkennt die Rechte der Herren auf den Dienst ihrer Sklaven als zu recht bestehend an (Phm 13 f). Er gemahnt die Herren wie die Sklaven an ihre natürlichen Pflichten (Eph 6, 5 -8; Kol 3, 22-24; Tit 2, 9 f; vgl. auch 1 Petr 2,18). Das Christentum hat zum ersten Mal nachdrücklich Wert und Würde auch des Sklaven betont, in der christlichen Gemeinschaft diesen als Bruder begrüßt und bezüglich der ewigen Ziele seinem Herrn gleichberechtigt gesehen. An eine Abschaffung der in die wirtschaftliche Struktur des römischen Reiches tief verflochtenen Sklaverei hat es zunächst nicht gedacht; ihm erschien überdies der Unterschied zwischen Freien und Sklaven besonders infolge seiner eschatologischen Einstellung nach den Worten des Apostels unwichtig.

Sklaverei im Mittelalter

Die Formen der Sklaverei wurden milder. Langsam bildeten sich die mittelalterlich Formen der Hörigkeit und Leibeigenschaft in den nordischen Ländern heraus. Der Einfluss des Christentums zeigte sich vom 7.-9. Jahrhundert in zahlreichen Freilassungen von Sklaven durch Klöster und Geistliche. Zuerst duldeten griechische Klöster durch ausdrückliches Statut keine Sklaven auf ihren Gütern. Englischer Erzbischof Theodor von Canterbury (7. Jh.) brachte diesen Brauch auch ins Abendland. Im 9. Jahrhundert wirkte besonders Benedikt von Aniane für Freilassung aller Klostersklaven. Um dieselbe Zeit machten in der griechischen Kirche Platon und Theodor von Studion den Grundsatz immer allgemeiner, dass ein Kloster keine Sklaven haben dürfe. Im Abendland häuften sich die Freilassungen aus kirchlichem Besitz so, dass die Synoden von Sevilla 590 und Toledo 633 die Erlaubnis dazu einschränkten; Kirchensklaven durften nur dann freigelassen werden, wenn der Bischof einen Sklaven als Ersatz oder eine andere Vermögenszuwendung an die Kirche gab. Zahlreiche Unfreie wurden Mönche, Priester und Bischöfe, was viel zur Milderung des Sklavenloses beitrug. Angesichts des großen Zudranges zu den Klöstern und Weihen erließen die Synoden Verbote, Sklaven zu ordinieren und zu Mönchen zu machen ohne Erlaubnis ihrer Herren. Nach Karls des Großen Aufforderung 789, sollten Kirchensklaven freigelassen werden, ehe sie ordiniert würden. Ferner half die Kirche den Sklaven durch das Verbot, sie an Sonn- und Festtagen zur Arbeit anzuhalten. Weiterhin verwandte sie sich für die Einschränkung des gewerbsmäßigen Sklavenhandels, der meist in den Händen der Juden, später auch der Araber lag. Die Synoden von Mâcon 583, von Rom 743, von Eaux 845 usw. verordneten z. B., dass kein christlicher Sklave an Heiden und Juden verkauft werden dürfe. Der Loskauf der Christensklaven aus den Händen der Juden und Mohammedaner wurde begünstigt. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden hierfür sogar die Orden der Trinitarier und Mercedarier. Im allgemeinen erlosch der gewerbsmäßige Sklavenhandel im fränkischen Reich gegen Ende des 10., in Britannien im 12., in Skandinavien im 13. Jahrhundert; in den Mittelmeerländern, die mit dem Orient Handel trieben, blühte er weiter.

Thomas von Aquin rechnete wie Aristoteles mit der Sklaverei als bestehender Institution. Thomas erklärte, der Natur nach seien alle gleich, aber nach dem Völkerrecht einige wegen eines Nutzens der Sklaverei unterworfen (S. th. 2 II q. 57 a. 3 ad 2). Er zeigte aber auch die naturrechtlichen Grenzen der Sklaverei, die sich auf körperliche Leistungen, nicht aber auf die Seele beziehe und die persönlichen Rechte des Unterhaltes und der [Ehe]] nicht einschließe (2 II q. 104 a. 5 c u. 6 ad 2).

Sklaverei nach der Entdeckung der “Neuen Welt” und in der Neuzeit

Gewaltig schwoll dann der gewerbsmäßige Sklavenhandel nach der Entdeckung der Neuen Welt an. Die Portugiesen und Spanier machten mit Erlaubnis der Päpste Nikolaus V. 1452 und Alexander VI. 1493 die Eingeborenen der entdeckten Länder zu Sklaven. Bartolomé de Las Casas

< Bartolomé de Las Casas (* 1484 in Sevilla; † Juli 1566 bei Madrid) war ein Dominikanermissionar in den spanischen Kolonien Mittelamerikas. Als Bischof von Chiapas (Mexiko) wurde er zum „Apostel der Indios“, weil er sich für die Rechte der eingeborenen Indio-Bevölkerung einsetzte. Sein umfangreiches Werk, das sich auf theologische, philosophische und juristische Weise kritisch mit der Conquista auseinandersetzt, begründet eine frühe Form modernen Völker- und Menschenrechts und ist daher von ungebrochener Aktualität.>

bestritt mit vielen andern die Berechtigung zur gewaltsamen Besetzung und deshalb jeglicher Sklaverei, sah jedoch die Einführung von Negersklaven an Stelle der wegen Schwächlichkeit nicht widerstandsfähigen Indianer als das geringere Übel. Seit 1517 erteilte Karl V. den flämischen Schiffen das Privileg, die Einführung von Negersklaven durchzuführen. Der Sklavenhandel, den bald alle seefahrenden Nationen trieben, überstieg in kürzester Zeit den in der Antike und im Orient. Der ,schwarze Elfenbeinhandel” verfrachtete in 3,5 Jahrhunderten 30 Millionen Neger nach Amerika. Die Kirche hatte gegen dieses Verbrechen wenig Erfolg, obschon bereits Paul III. durch eine feierliche Bulle vom 2. Juni 1537 die Sklaverei verurteilte und verbot. 1542 verbot die spanische Krone für Spanisch-Amerika und 1570 (endgültig 1758) die portugiesische Krone für Brasilien unter dem Einfluss der Katholischen Kirche die Versklavung der Indianer. Hauptsächlich durch das Bemühen der Missionare wandten sich Pius V., Klemens VIII., Urban VIII. (1639) und Benedikt XIV. (1741) gegen die Sklaverei. Die Jesuiten gaben in Paraguay das Beispiel einer sklavenlosen Kolonialwirtschaft.

Seit der Aufklärung erkannte man allgemein, dass die Gründe nicht ausreichten, daher wurde die Sklaverei als unmoralisch verurteilt. Erfolg hatte die Bewegung gegen die Neger-Sklaverei und gegen die offene Sklaverei überhaupt langsam erst seit dem 18. Jahrhundert, zunächst in England. 1718 veröffentlichte der Quäker W. Burling die erste Schrift gegen die Sklaverei. Der Quäker William Penn trat an seine Seite. In dem von ihm gegründeten Staat Pennsylvanien wurde zuerst die Sklaverei abgeschafft, ebenso in den andern Quäkerkolonien. Die Frage der Abolition (Verbot des Sklavenhandels) und der Emanzipation (wirkliche Loslösung der schon vorhandenen Sklaven) beschäftigte die 2. Hälfte des 18. und das ganze 19. Jahrhunderts und zeitigte eine Reihe zwischenstaatlicher Abmachungen. Die englische Abolitionsakte vom 1807 bildet einen Markstein im Abbau der Sklaverei; der Sieg der Nord- gegen die Südstaaten im Bürgerkrieg schaffte 1865 die Sklaverei für Nordamerika ab. Die großen Staaten Südamerikas folgten in der Sklavenemanzipation langsam nach.

In der Folge bis in die Neuzeit herein richteten sich die politischen Bestrebungen hauptsächlich gegen die Sklaverei in den vorwiegend mohammedanischen Staaten Afrikas und Asiens. Unter dem Druck der Mächte wurde 1876 die Sklaverei in der Türkei abgeschafft. Seit 1879 führte Kardinal Charles Martial Allemand Lavigerie, von Leo XIII. 1888 wirksam unterstützt, einen verdienstvollen Feldzug, so dass sich die Mächte auf dem Brüsseler Antisklavereikongress 1889/90 einigten, den Sklavenhandel durch staatlich Gesetze wirksam zu bekämpfen. Die Berliner Kongo-Akte 1885, von 13 europäischen Nationen und den USA unterzeichnet, verbot den Sklavenhandel. Mehr und mehr wurde die offene Sklaverei unter dem Druck der Weltmeinung durch internationale Vereinbarungen zurückgedrängt, 1926 unter Führung des Völkerbundes (Anti-Sklaverei-Konvention des Völkerbundes 15. September 1926).

Päpstliche Schreiben

Nikolaus V.

•  18. Juni 1452 Bulle “Dum diversas” an König Alfons V. von Portugal. Papst Nikolaus ermächtigte ihn Länder in Westafrika zu erobern, Sarazenen und Heiden zu unterwerfen (und als Folge zu versklaven). Er kündigte für die Teilnehmer an den Expeditionen gegen die Ungläubigen einen Ablass an.

Alexander VI.

•  2. Juni 1537 Bulle Sublimis deus (deutsch); Sublimis deus (englisch)) oder Veritas ipsa über die Rechte der Indianer und anderer Völker auf Besitz und Freiheit.

Pius V.

•  19. August 1568 Instruktion, Die menschliche Würde der Indianer.

Urban VIII.

•  22. April 1639 Bulle Commissum nobis an den Kollektor für Portugal mit dem Auftrag, jedweder Person zu verbieten, die Bewohner West- und Südindiens zu verkaufen, zu versklaven oder ihrer Frauen, Kinder und Besitztümer zu berauben.

Benedikt XIV.

•  20. Dezember 1741 Bulle Immensa pastorum an die Bischöfe Brasiliens und den König von Portugal und Algarve über die Rechte der Indianer.

Gregor XVI.

•  3. Dezember 1839 Apostolischer Brief In supremo apostolatus gegen die Sklaverei in Afrika und Indien und gegen den Negerhandel.

Leo XIII.

•  20. Juni 1888 Enzyklika Libertas praestantissimum über die Freiheit und den Irrtum des Liberalismus. Darum schaffte die Kirche die Sklaverei ab, Nr. 12.

•  20. November 1890 Enzyklika Catholicae ecclesiae an Kardinal Charles Martial Allemand Lavigerie über das Werk zur Abschaffung der Sklaverei.

Pius X.

•  20. Dezember 1904 Apostolischer Brief. Aufruf gegen die Sklaverei.

•  2. April 1909 Die Befreiung der Sklaven.

•  7. Juni 1912 Enzyklika Lacrimabili statu an die Erzbischöfe und Bischöfe Lateinamerikas über die Milderung der beklagenswerten Lage der Indianer. Die Unmenschlichkeit der Sklaverei.

Paul VI.

•  7. Dezember 1965 Zweites Vatikanisches Konzil Pastorale Konstitution Gaudium et spes Nr. 27: Die Achtung vor der menschlichen Person; Nr. 29.

Johannes Paul II.

•  3. November 1988 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden Iustitia et Pax: Die Kirche und der Rassimus. Für eine brüderliche Gesellschaft (spanisch)

•  11. September 1992 Päpstlicher Rat für die Familie: Schlusserklärung Eine zeitgenössische Sklaverei der lntemationalen Konferenz über die sexuelle Ausbeutung der Kinder durch Prostitution und Pornographie vom 9. bis 11. September 1992 in Bangkok/Thailand.

Franziskus

•  2. – 3. November 2013 Kongress der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Weltverband der Katholischen Medizinischen Vereinigungen über moderne Sklaverei.

•  1. Januar 2015 48. Weltfriedenstag über Sklaverei und Menschenhandel

•  8. Februar 2015 Erster Weltgebetstag gegen den Menschenhandel

Veranstaltung vom 19.12.2018

Sklavenhandel

Der Begriff atlantischer Sklavenhandel bedeutet die im 16. Jahrhundert einsetzende Versklavung der Bewohner des westlichen, zentralen und südlichen Afrikas durch die Europäer und ihren Transport über den Atlantik nach Nordamerika, Südamerika und in die Karibik. In der Geschichtsschreibung der Vereinigten Staaten wird der Sklaven-Handelsweg aufs nordamerikanische Festland meist als Middle Passage bezeichnet. Der atlantische Sklavenhandel war Bestandteil des Atlantischen Dreieckshandels. Die Anzahl der in beide Amerikas verschifften Sklaven wird auf etwa 12 Millionen geschätzt.

Der atlantische Sklavenhandel wird unterschieden von dem etwa gleichzeitig stattfindenden ostafrikanischen Sklavenhandel, dem mediterranen Sklavenhandel und dem innerafrikanischen Sklavenhandel.

Geschichte

Die Jagd auf Sklaven und die Verbringung zu den Schiffen wurde in der Mehrheit der Fälle von arabischen und afrikanischen Händlern betrieben; die Europäer waren an der steigenden Nachfrage nach Sklaven beteiligt, jedoch nicht direkt an der Sklavenjagd oder am innerafrikanischen Sklavenhandel. Viele Sklaven waren Beute, Menschen, die in ethnischen Konflikten oder Kriegen gefangen wurden. Es war üblich, Gefangene zu töten, sie mit anderen Stämmen zu tauschen oder sie eben an der Küste an Sklavenhändler zu verkaufen.

Auf den Inseln der Karibik, in spanischen Kolonien, gab es die ersten Einsatzorte der Sklaven. Im Jahr 1510 segelte das erste Schiff mit 50 schwarzen Sklaven von Westafrika nach Haiti. Auf dem nordamerikanischen Kontinent kam erstmals am 20. August 1619 eine Gruppe von zwanzig schwarzen Sklaven auf einem niederländischen Schiff in Jamestown (Virginia) an. Das Schiff war durch einen Sturm von seinem Ziel Westindien hierher verschlagen worden. In den folgenden Jahrzehnten blieb die Zahl der Sklaven in den britischen Kolonien eher niedrig. Erst die Plantagenbewirtschaftung ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts löste einen hohen Bedarf an Arbeitskräften aus.

Im 18. Jahrhundert war der Sklavenhandel ein wesentlicher Bestandteil der atlantischen Wirtschaft. Die Wirtschaftssysteme der europäischen Kolonien in der Karibik und auf dem nordamerikanischen Festland sowie Brasiliens erforderten viele Arbeitskräfte, die in der Landwirtschaft (z. B. auf Plantagen) eingesetzt wurden. 1790 hatten Inseln wie Britisch-Westindien, Jamaika, Barbados und Trinidad eine Sklavenbevölkerung von 524.000, die französischen westindischen Besitzungen 643.000. Andere Mächte wie Spanien, die Niederlande und Dänemark hatten ebenso viele Sklaven. Trotz dieser hohen Zahlen wurden immer weitere Sklaven angefordert. Raue Bedingungen und demografische Ungleichheiten reduzierten die Zahl der Sklaven dramatisch. Zwischen 1600 und 1800 hatten die Engländer ca. 1,7 Millionen Menschen als Sklaven in die westindischen Besitzungen verschleppt.

Der Sklavenhandel wurde mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten begründet. Die Sklaverei war Bestandteil einiger der profitträchtigsten Landwirtschaftszweige. 70 Prozent der Sklaven in der Neuen Welt wurden beim Zuckerrohranbau und dem arbeitsintensivsten Bereich der Getreidewirtschaft eingesetzt. Andere mussten bei der Kaffee-, Baumwoll- und Tabakwirtschaft sowie im Bergbau arbeiten.

Die gewonnenen Erzeugnisse wurden nach Europa oder Afrika verschifft. Aus Europa importierten die Schiffe dann veredelte Güter und Nahrungsmittel, aus Afrika Sklaven. Die gesamte Wirtschaft des atlantischen Bereichs hing von der Versorgung Westindiens mit arbeitsfähigen oder fortpflanzungsfähigen Sklaven ab, und dieser dreiseitige Handel (Atlantischer Dreieckshandel) über den Atlantik prägte den gesamten weltweiten Seehandel. Die Kolonien zählten zum wichtigsten Besitz europäischer Seemächte. Frankreich stimmte z. B. 1763 dem Verlust der Kolonie Neufrankreich im Gegenzug zum Besitz der winzigen Insel Guadeloupe zu.

Um 1800 gehörten die erfolgreichsten westindischen Kolonien dem Vereinigten Königreich. Nachdem sie spät in den Zuckerhandel eingestiegen waren, erwarb die britische Marineführung mit der Kontrolle wichtiger Inseln wie Jamaika, Trinidad und Tobago und Barbados einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Konkurrenten. Dieser Vorteil wurde verstärkt, als Frankreich seine wichtigste Kolonie Saint Domingue (heute: Haiti) 1791 durch einen Sklavenaufstand verlor.

Britisch Westindien produzierte den meisten Zucker, und schnell wurden die Briten die größten Zuckerverbraucher. Westindischer Zucker verbreitete sich als allgemeiner Zusatz zu chinesischem Tee. Produkte amerikanischer Sklavenarbeit verbreiteten sich bald in jeden Bereich der britischen Gesellschaft. Tabak und Kaffee und besonders Zucker wurden zu unentbehrlichen Elementen des Alltags.

Um seine Kolonien zu unterstützen, verfügte Großbritannien auch über die größte Flotte von Sklavenschiffen, die zumeist über Liverpool und Bristol verkehrten. In Liverpool war bis Ende des 17. Jahrhunderts eins von vier Schiffen, das in See stach, ein Sklaventransport. Dies waren hochprofitable Unternehmen und spielten eine überaus wichtige Rolle in der Wirtschaft beider Städte.

Massaker auf der Zong

Der Sklavenfrachter Zong gehörte einem Liverpooler Reeder. 1781 ließ dessen Kapitain Luke Collington 132 geschwächte oder erkrankte Sklaven über Bord werfen, um die Versicherungssumme zu kassieren. Es kam daraufhin lediglich zu einem Betrugsverfahren. Das Massaker gab aber den Anstoß zur Abschaffung des Sklavenhandels, wie ihn die britischen Abolitionisten forderten. Der britische Maler William Turner erinnerte 1840 mit dem Ölgemälde Das Sklavenschiff an derartige Morde auf hoher See.

Beendigung des Sklavenhandels

Gegner des Sklavenhandels sammelten sich seit 1787 in England in der von Thomas Clarkson, Granville Sharp u. a. gegründeten Society for Effecting the Abolition of Slavery (Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei) und wurden Abolitionisten genannt. Politisch unterstützt wurde die Bewegung durch William Wilberforce, der mehrfach die Abschaffung des Sklavenhandels im britischen Unterhaus zur Abstimmung einbrachte. Wilberforce war Dreh- und Angelpunkt der sogenannten Clapham-Sekte, einer Gemeinschaft politisch einflussreicher Mitglieder der Church of England, gegründet vom ehemaligen Sklavenschiffkapitän und späteren Geistlichen John Newton (Amazing Grace). Die Clapham Saints machten es sich wie die SEAS zur Hauptaufgabe, jegliche Form der Sklaverei und des Sklavenhandels abzuschaffen.

Die Französische Revolution (1789 bis etwa 1799) trug zur Verbreitung von Ideen über Menschenrechte und Bürgerrechte bei. Die Französischen Revolutionskriege (1792–1797) und die Napoleonischen Kriege (bis 1815) sowie die Besetzung einiger Gegenden durch französische Truppen („Franzosenzeit“) verbreiteten diese Ideen in Teilen Europas.

Nachdem die Briten mit dem Slave Trade Act vom 24. Februar 1807 ihren eigenen Sklavenhandel beendet hatten, mussten sie auch andere Völker dazu bringen, da sonst die britischen Kolonien Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu denen anderer Nationen gehabt hätten. So wurde auf britischen Druck auf dem Wiener Kongress die Ächtung der Sklaverei im Artikel 118 der Kongressakte durchgesetzt. Die Vereinigten Staaten verboten den Handel gleichzeitig mit Großbritannien (Act Prohibiting Importation of Slaves), ebenso Dänemark (ein kleiner Akteur im internationalen Sklavenhandel). Andere kleinere Akteure wie Schweden folgten bald, ebenso die Niederlande (sie waren im 19. Jahrhundert die drittgrößte Kolonialmacht hinter Großbritannien und Frankreich).

Vier Nationen setzten sich hartnäckig gegen das Aufgeben des Sklavenhandels zur Wehr: Spanien, Portugal, Brasilien (nach seiner Unabhängigkeit) und Frankreich. Großbritannien nutzte jedes Mittel, diese Nationen zum Einlenken zu bewegen. Portugal und Spanien, die bei Großbritannien nach den Napoleonischen Kriegen verschuldet waren, willigten erst allmählich nach großen Zahlungen ein, den Sklavenhandel einzustellen. 1853 zahlte die britische Regierung an Portugal über drei Millionen Pfund und an Spanien über eine Million zur Beendigung des Sklavenhandels. Brasilien willigte jedoch nicht ein, den Sklavenhandel zu stoppen, bis Großbritannien militärische Maßnahmen gegen seine Küsten ergriff und 1852 mit einer Blockade drohte.

Für Frankreich suchten die Briten zuerst eine Lösung während der Verhandlung am Ende der napoleonischen Kriege, aber Russland und Österreich willigten nicht ein. Großbritannien verlangte nicht nur, dass andere Nationen den Sklavenhandel verboten, sondern verlangte auch das Recht, dieses Verbot polizeilich zu überwachen. Die Königliche Marine verschaffte sich die Legitimation, alle verdächtigen Schiffe zu untersuchen und die zu beschlagnahmen, die Sklaven transportierten oder für diese Zwecke ausgerüstet waren. Während Frankreich sich formal einverstanden erklärte, den Sklavenhandel 1815 zu verbieten, erlaubte es Großbritannien nicht die polizeiliche Überwachung, noch tat es viel, um es selbst zu erzwingen; so erfolgte ein ausgedehnter jahrelanger Sklaven-Schwarzmarkt¬handel. Während die Franzosen den Sklavenhandel ursprünglich mehr als die Briten abgelehnt hatten, machten sie ihn nun zum Gegenstand des nationalen Stolzes und lehnten britische Vorschriften rundweg ab. Solche reformerischen Impulse wurden durch die konservative Gegenreaktion nach der Revolution in ihr Gegenteil verkehrt. Der französische Sklavenhandel kam erst 1848 zum vollständigen Erliegen.

In die Schlussakte des Wiener Kongresses wurde auf britischen Druck die Ächtung der Sklaverei aufgenommen (Artikel 118).

Vor dem Zweiten Weltkrieg nahmen britische Gelehrte an, die Aufhebung der Sklaverei sei eine der drei oder vier Tugenden in der Geschichte der Völker.

Die Strömungen, die die größte Rolle spielten, um Westminster wirklich von der Ächtung des Sklavenhandels zu überzeugen, waren religiöser Natur. Das Aufkommen evangelikaler protestantischer Gruppen verbunden mit den Quäkern bewirkte, dass die Sklaverei als humanitäre Schande erachtet wurde. Diese Menschen waren eine Minderheit, aber sie waren leidenschaftlich mit vielen einzelnen Personen engagiert. Diese Gruppen hatten eine starke parlamentarische Präsenz und kontrollierten 35–40 Sitze mit ihrem Einfluss; dieser zahlenmäßige Einfluss wurde durch die damalige Regierungskrise verstärkt. Bekannt als „die Heiligen“, galt diese Gruppe unter Leitung von William Wilberforce als wichtigste Partei im Kampf gegen die Sklaverei. Diese Parlamentarier sahen ihr Engagement häufig als persönliche Schlacht gegen die Sklaverei in einem göttlich angeordneten Kreuzzug an.

Die erste Petition gegen den Sklavenhandel und die Sklaverei in Nordamerika stammt aus dem Jahr 1688 und wurde von den deutschen Auswanderern aus Germantown (Pennsylvania), Franz Daniel Pastorius, Abraham Isacks op den Graeff, Herman Isacks op den Graeff und Gerrit Henderich verfasst.

Auch in Frankreich bedurfte es des Einsatzes engagierter Einzelpersonen, bis es 1848 zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei kam. Überragende Bedeutung kommt dabei dem Elsässer Victor Schœlcher (1804–1893) zu.

Einflussreich war auch der ehemalige Sklave Olaudah Equiano (1745–1797), der Granville Sharp über seine Erlebnisse berichtete. In Informationsveranstaltungen klärte Clarkson die ahnungslose Öffentlichkeit über den Sklavenhandel und dessen Praktiken auf. Die Kampagne zielte zunächst auf die Abschaffung des atlantischen Sklavenhandels. Dazu sammelte die Bewegung bis zu 400.000 Unterschriften, reichte Petitionen im Parlament ein und rief zum Boykott von durch Sklavenarbeit gewonnenen Zucker aus der Karibik auf. Bis zu 300.000 Menschen hatten sich dem Zucker-Boykott angeschlossen. Im Unterhaus fand sie Unterstützung u. a. durch den Abgeordneten William Wilberforce, einen engagierten Evangelikalen und Freund von William Pitt. Erstmals wurde 1792 im House of Commons die Abschaffung des Sklavenhandels beschlossen. Die verzögerte Umsetzung lag in der Französischen Revolution und deren Deutung: Durch entschiedenen Abolitionismus konnte sich Großbritannien gegen Frankreich positionieren, mit dem man sich seit 1793 im Krieg befand: Napoleon hatte die 1794 abgeschaffte Sklaverei 1802 wieder erlaubt, weshalb eine entschiedene Abolitionspolitik Großbritanniens seinen Anspruch auf eine moralische und rechtliche Führungsrolle in der Welt zu untermauern versprach. 1807 beschlossen daher beide Häuser des Parlaments mit dem Slave Trade Act, der 1808 in Kraft trat, das Verbot des Sklavenhandels. Neben dem antifranzösischen Patriotismus war für den Erfolg der Generationenwechsel in der Abschaffungsbewegung mitursächlich, worin mehr Frauen und Jüngere zum Zug kamen und fordernder auftraten, die schnellere Verbreitung von Informationen durch neue Straßen und Kaffeehäusern mit aufgelegten Zeitungen sowie die Angst vor einem Volksaufstand wie in Frankreich. 1808 wurde Sierra Leone britische Kronkolonie. Befreite Sklaven wurden dorthin gebracht.

Mauretanien

Als letzter Staat der Erde schaffte Mauretanien im Jahr 1981 die Sklaverei de jure ab, als Straftatbestand gilt sie allerdings erst seit 2007 und wurde de facto auch in den nachfolgenden Jahren weiter praktiziert. Zumindest bis 2010 gab es keinerlei Strafverfahren gegen Sklavenhalter, jedoch konnten in diesem Jahr mehrere Sklaven befreit werden.

Schwedischer Sklavenhandel

Der Schwedische Sklavenhandel ist von der frühen schwedischen Geschichte an bis hinein ins 17. Jahrhundert bekannt, als schwedische Kolonien in Nordamerika (1638) und Afrika (1650) gegründet wurden. Bis 1813 blieb Sklaverei in Schweden legal.

Sklaverei vor und in der Wikingerzeit

Vor und während der Wikingerzeit versklavten schwedische Stämme regelmäßig Angehörige von Nachbarstämmen. Die Gesellschaft der Wikinger war als ein geschichtetes Kastensystem verfasst. Die Thrall (Leibeigene) stammten nach der wikingischen Mythologie von einem Gott selben Namens ab und stellten die unterste Kaste dar. Leibeigene konnten in die Sklaverei geboren oder als Strafe für Gesetzesverstöße versklavt werden. Dies war in ganz Skandinavien und dem Geltungsbereich des Danelaw in England üblich.

Schwedische Wikinger reisten Richtung Osten nach Gardariki und handelten dabei intensiv mit Sklaven. Sklaven in Schweden stammten auch aus germanischen, britischen und anderen nordeuropäischen Stämmen und wurden manchmal auch an arabische und jüdische Händler verkauft, die sie dann auch weit entfernt anboten.

Sklaverei nach der Wikingerzeit

Die Sklaverei wurde in Schweden erstmals 1335 durch Magnus II. von Schweden für Leibeigene abgeschafft, die von christlichen Eltern in Västergötland and Värend geboren wurden.

Es gab vertragliche Abmachungen von Schweden mit England und Frankreich zum Sklavenhandel, den auch Schweden mit Schiffen im Rahmen des transatlantischen Sklavenhandels betrieben.

Des Weiteren wurden große Mengen der damals im Sklavenhandel gebräuchlichen Eisenketten in Schweden hergestellt.

1847 wurde die Sklaverei in Schweden mitsamt Kolonien schließlich vollständig abgeschafft, die wegweisenden Entscheidungen dafür wurden 1846 getroffen.

Handelsstützpunkte in Afrika

1650 begann Schweden damit, Handelsstationen entlang der westafrikanischen Küste in einem Gebiet, das Schwedische Goldküste genannt wurde, einzurichten. Schweden und Dänemark konkurrierten in dieser Periode als Regionalmächte in Skandinavien miteinander, weswegen den Schweden auch die Dänen nach Afrika folgten und dort einige Jahre mit dem Aufbau von Stationen begannen. 1663 wurde die schwedische Goldküste von Dänemark in die Dänische Goldküste eingegliedert. Dieses Gebiet wurde später zur britischen Kolonie Goldküste und ist heute ein Teil von Ghana. Es ist keine historische Dokumentation bekannt, die belegt, dass in der 13-jährigen schwedischen Besatzung dieser afrikanischen Stützpunkte von dort Sklavenhandel betrieben wurde, jedoch ist dies als wahrscheinlich anzunehmen.

Schwedische Handelsstützpunkte in Afrika wurden im 18. Jahrhundert wieder eingerichtet, als Schweden Kolonien in der Karibik gründete.

Zwischen 1784 und 1878 hielt Schweden kleine Kolonien in der Karibik. Die schwedische Insel Saint-Barthélemy fungierte als zollfreier Hafen als eines der Zentren des karibischen Sklavenhandels.

1771 wurde Gustav III. König von Schweden. Sein Ziel Schweden wieder zu einer europäischen Großmacht zu formen verfolgte er auch mit der Gründung überseeischer Kolonien als zeitgemäßem Symbol nationaler Stärke. Dänemark machte zu dieser Zeit bereits große Profite mit Kolonien in Westindien. 1784 erwarb Gustav die karibische Insel Saint-Barthélemy von Frankreich.

Am 23. August 1784 informierte der König den durch den Putsch Gustav III. zur Einführung einer absolutistischen Monarchie geschwächten Schwedischen Reichsrat, dass Schweden nun Eigentümer einer Insel in Westindien sei, womit offenbar viele der Ratsmitglieder zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet hatten. Der erste Report über die Insel stammte vom schwedischen Generalkonsul auf der Insel, Simon Bérard, der in L’Orient, der einzigen Stadt, seinen Sitz hatte: Saint-Barthélemy „ist eine sehr unwichtige Insel ohne strategische Position. Sie ist sehr arm und trocken und weist nur eine geringe Bevölkerung auf. Nur Salz und Baumwolle wird hier produziert. Ein großer Teil der Insel besteht aus blankem Fels. Die Insel hat keine eigenen Süßwasservorkommen und die Brunnen auf der Insel geben nur Brackwasser her. Wasser muss daher von Nachbarinseln bezogen werden. Es gibt nirgendwo Straßen.“

Die letzten 523 in legalem Eigentum befindlichen Sklaven in der schwedischen Kolonie Saint-Barthélemy wurden am 9. Oktober 1847 vom Staat für je 80 Riksdaler freigekauft.[9] [10]

Niederländische Westindien-Kompanie

Die Niederländische Westindien-Kompanie (niederländisch Geoctroyeerde West-Indische Compagnie, häufig kurz WIC) war eine niederländische Handelskompanie, der am 3. Juni 1621 durch die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande ein exklusives Handelspatent (Monopol) für den Handel in Westafrika und Amerika zugesprochen wurde. Diese Charta sollte jeglichen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Handelsplätzen unterbinden.

Das Unternehmen wurde von den Herren XIX (neunzehn) geleitet, ein Gremium das abwechselnd in Amsterdam und Middelburg tagte.

Die bemerkenswerteste Leistung der Gesellschaft war 1624 die Gründung der Kolonie Neu-Niederland (Nieuw Nederland), einschließlich der 1626 auf der Südspitze von Manna-hata errichteten Stadt Neu-Amsterdam (Nieuw Amsterdam), heute New York. Andere Gründungen sind Breukelen, heute Brooklyn, Hoboken, Connecticut, Delaware, New Jersey und Niederländisch-Guayana an der Nordküste von Südamerika. Ein Versuch, den Portugiesen Brasilien zu entreißen, scheiterte nach einem 30-jährigen Krieg, siehe Niederländisch-Brasilien. In Westafrika betrieb die Gesellschaft einige befestigte Handelsstützpunkte im heutigen Ghana, zum Beispiel das Fort Batensteyn.

Die Kolonisation von Neu-Niederland kam allerdings nicht weit. Einerseits aufgrund der erbitterten Rivalität mit England, das 1664 Neu-Niederland eroberte, andererseits durch Schwierigkeiten, Siedler für die Kolonie zu begeistern. Die Politik der Gesellschaft sah vor, den Leuten, die Siedler in die Kolonie gebracht hatten, weitreichende Vollmachten über diese zu garantieren.

Im Gründungsvertrag der Niederländischen Westindischen Gesellschaft wurde festgeschrieben, einem Frieden zwischen den Niederlanden und Spanien entgegenzuwirken. Dies geschah zu dem Geschäftszweck, bewaffnete Überfälle auf spanische Silberflotten durchzuführen.

Die „Zweite WIC“ wird gegründet

Im Jahre 1671 lief die Charta der WIC ab, wurde aber einige Male vorläufig verlängert. 1674 wurde die Kompanie dann komplett umorganisiert. Das Kapital wurde um ein Fünftel des ursprünglichen Betrages, auf 1,2 Millionen Gulden zurückgebracht und die Herren XIX wurden auf zehn Sitze reduziert. Auch die neue Charta (Octrooi) von 1674 wurde einschneidend geändert. Hierin war jetzt nur noch von einem Handelsmonopol auf die Küste von Afrika und den Besitzungen in Essequibo, Pomeroon (Bestandteile von Niederländisch-Guayana), Curaçao, Aruba und Bonaire die Rede. De facto konzentrierte sich die Tweede Geoctroyeerde West-Indische Compagnie hauptsächlich auf den Sklavenhandel mit Afrika.

Sklavenhandel

In der Periode von 1674 bis 1740[1] waren für die Kompanie 383 Sklavenschiffe auf Fahrt. Die Organisation der Sklavenfahrten lag bei verschiedenen Kammern der WIC, die dafür spezielle Ausschüsse bestimmt hatte. Der Atlantische Dreieckshandel begann in einem der niederländischen Häfen mit als erstem Ziel die afrikanische Westküste. Hier waren vor allem die niederländischen Festungen, Fort Elmina und Fort Accra Anlegestellen.

An die Beschaffenheit von Sklaven wurden genaue Forderungen gestellt. Als akzeptabel und annehmbar galten Sklaven, die nicht blind oder lahm waren und keine ansteckende Krankheiten hatten. Weiter wurde bestimmt, welches Alter sie haben mussten und was ihr Marktwert war. Vollwertige Sklaven waren 15–36 Jahre alt. Waren sie älter als 36 Jahre, wurden sie als nicht rentabel für den Transport angesehen. Sklaven im Alter von 6 bis 15 Jahren zählten als drei für den Preis von zwei – und im Alter von 2 bis 6 Jahren zwei für den Preis von einem. Für einen Sklaven mussten kontraktlich zweihundert Gulden (ungefähr der Jahreslohn eines Arbeiters) bezahlt werden. Pflanzer von Zuckerrohrplantagen bekamen Preisnachlässe. Die Rechnungsbegleichung musste zu einem Drittel in Zucker und sollte vierzehn Tage nach Übernahme der gekauften Sklaven erfolgen. Hiervon war der Zuckeranteil wichtiger als das Geld, welches eventuell auch später entrichtet werden konnte.

Die größten Sklavenschiffe waren mit fünfzehn bis zwanzig Kanonen bestückt, hatten eine Bemannung von 45 bis 60 Personen und transportierten rund 500–600 Sklaven. Die durchschnittliche Reisedauer belief sich auf 516 Tage (einschließlich Aufenthalts in Afrika, Amerika und Rückreise in die Republik). Auf der Rückreise nahmen die WIC-Schiffe Stapelprodukte wie Zucker mit in die Niederlande, um dann erneut nach West-Afrika, Amerika und zurück zu segeln (daher auch „Dreiecksfahrt“ genannt).

Durch einen Asiento der WIC mit den portugiesischen Zwischenhändlern Domingo Grillo und Ambrosio Lomelin wurde Curaçao ab 1668 zum Sklavendepot der Karibik. Das katholische Spanien war aus religiösen Gründen nicht zu einer unmittelbaren Zusammenarbeit mit den Niederländern bereit. Als die WIC ihr Handelsmonopol im Jahr 1734 verlor, hatte sie bis dahin um die 220.000 Sklaven verschifft.

Preußen und die WIC

Der preußische König Friedrich Wilhelm I. verkaufte der Gesellschaft seine afrikanischen Besitzungen, unter anderem das von Kurbrandenburg gegründete Groß Friedrichsburg, in Staatsverträgen von 1717 und 1720.

Die „Zweite WIC“ wird aufgehoben

Als Folge rückläufiger Einkünfte und finanzieller Probleme wurde die Kompanie endgültig im Mai 1791 aufgehoben.

Die Archive der WIC

Die Dutch West India Company Archives enthalten originale Dokumente zur Geschichte der WIC sowie zu Themen des Sklavenhandels, Kriegsführung, Diplomatie, Plantagenkultur und Alltagsleben in den Regionen, in denen die WIC Kolonien gründete. Im Jahr 2011 wurden diese Archive für die Länder Niederlande, Brasilien, Ghana, der Niederländischen Antillen, Surinam, Großbritannien und der USA von der UNESCO in die Liste des Weltdokumentenerbes (Memory of the World) aufgenommen.

Olaudah Equiano

Olaudah Equiano (alias Gustavo Vassa) (* 1745 in Igbo (dem heutigen Nigeria); † 31. März 1797 in Middlesex) war als ehemaliger Sklave ein Kämpfer für das Verbot des Sklavenhandels und der Verfasser einer damals sehr berühmten Autobiographie.

Equiano wurde als 10-jähriger Junge von Sklavenjägern gefangen, an die Küste transportiert und dort an Sklavenhändler verkauft. Er überstand eine grauenvolle Überfahrt „(middle passage)“ und landete auf der Westindischen Insel Barbados. Der Junge ging von Hand zu Hand und kam nach kurzer Zeit nach Virginia zu einem Plantagenbesitzer, der ihn wiederum an einen englischen Marineoffizier namens Henry Pascal verkaufte. Pascal ließ ihn auf den Namen Gustavus Vassa taufen – nach dem Schwedenkönig Gustav I. Daneben durfte der Sklave schreiben und lesen lernen. Mit der Alphabetisierung bekam Gustavus Vassa, wie er sich künftig auch selbst nannte, eine mächtige Waffe in die Hand: die Feder, die er später tatkräftig einsetzte.

Als persönlicher Diener nahm er von 1757 bis 1762 am Siebenjährigen Krieg in Amerika teil. 1762 wurde er an einen Plantagenbesitzer weiterverkauft und kam wieder zurück auf die Westindischen Inseln. Hier konnte er sich für vierzig Pfund selbst freikaufen (redemption), blieb aber bei seinem Herrn, dem Quäker Robert King. Von 1767 bis 1773 arbeitete er auf verschiedenen Handelsschiffen, war sogar selbst im Sklavenhandel tätig. 1773 nahm er an einer Forschungsreise in die Arktis teil. Überzeugt vom christlichen Gedanken, wurde er Methodist. Von 1775 bis 1776 half er seinem Freund und früheren Arbeitgeber Dr. Charles Irving bei der Einrichtung einer Plantage in Zentralamerika. Hier wurde ihm klar, dass sich das Sklavenhaltersystem nicht verbessern lasse, und er wurde zum aktiven Kämpfer für ein Verbot des Handels mit Menschen, von dem erhofft wurde, das System mit der Zeit zum Verschwinden zu bringen. 1777 zurück in England, fand er Anschluss an die Abolitionistenbewegung um Granville Sharp. Er konzentrierte seine Arbeit auf drei Bereiche:

1. ein Projekt zur Rückkehr von Sklaven nach Afrika (Sierra Leone).

2. Kampf in der Bewegung zur Aufhebung des Sklavenhandels (Abolition).

3. seine Autobiographie «Merkwürdige Lebensgeschichte des Sklaven Olaudah Equiano, von ihm selbst veröffentlicht im Jahre 1789».

Er heiratete eine Engländerin, bekam zwei Töchter, die er nach dem Tod seiner Frau selbst großzog, er führte ein bürgerliches Dasein und hinterließ seinen Töchtern ein ansehnliches Vermögen.

Als Propaganda gegen Sklaverei hat seine Schilderung gewirkt. Sie wurde zum Bestseller und machte Vassa zum vermögenden Mann. Die Abschaffung der Sklaverei im britischen Kolonialreich 1833/34 erlebte er nicht mehr.

Fürst Pückler und Machbuba

„Als ich sie kaufte, und aus Furcht, daß mir ein Anderer zuvorkommen möchte, ohne Handel den geforderten Preis sogleich auszahlen ließ, trug sie noch das Costüme ihres Vaterlandes, d.h. nichts als einen Gürtel aus schmalen Lederriemen mit kleinen Muscheln verziert. (…) Uebrigens versteht es sich von vornherein, daß ich ein zu gewissenhafter und selbst zu freier Preuße bin, um sie jetzt noch als Sclavin zu behandeln. Mit dem Eintritt in mein Haus war sie eine Freie, obgleich ich fürchte, daß sie noch keinen recht deutlichen Begriff von diesem Zustande hat (…).“

Der vom Lausitzer Standesherrn Hermann Fürst von Pückler-Muskau kaufte ein abessinisches Mädchen namens Ajiamé, später Machbuba genannt, auf dem Sklavenmarkt Anfang 1837 in Kairo, nach anderen Quellen in Karthum.  Ein solcher Kauf war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kein Einzelfall. Herzog Maximilian von Bayern etwa kaufte 1838 fünf Sklaven frei und brachte sie mit nach München.

Sklaverei und der Sklavenhandel wurden in Nordostafrika und der arabischen Welt seit der Antike praktiziert und in Äthiopien erst 1974 abgeschafft. Im 19. Jahrhundert wurden die Sklaven in Kriegen und durch regelrechte Jagden rekrutiert. Oder unterjochte Bewohner beglichen ihre Tributschuld durch die Abgabe ihrer Kinder. Von dem wichtigsten Sklavenumschlagplatz Gondar im äthiopischen Hochland wurden jährlich mehr als 15 000 junge Äthiopier und Äthiopierinnen entlang der Nilzuflüsse zum nächsten Sklavenmarkt in Khartum gebracht. Als Teil überregionaler Karawanen marschierten sie von dort auf dem beschwerlichen „Weg der 40 Tage“ (alter Karawanenweg durch die Sahara von Sudan nach Ägypten) zuerst durch die Bayuda Wüste, dann entlang des Nils bis nach Kairo.

Auch Ajiamé war mit großer Wahrscheinlichkeit auf diesem Weg in die ägyptische Hauptstadt gelangt, wo sich die eingangs geschilderte Transaktion zugetragen haben mag. In Pücklers mehrbändigen Reisewerken „Aus Mehemed Ali’s Reich“ und „Die Rückkehr“, die zwischen 1844 und 1848 veröffentlicht wurden, rühmte er ihre außerordentliche Schönheit, sie erschien ihm „wie eine Venus von Tizian, nur in schwarzer Manier“. Pückler beschrieb ihre täglichen Handlungen, ihre vorbildliche Körperpflege, aber auch ihre Anmut, ihre asketische Ernährung, ihren Wissensdurst und ihre beeindruckenden Fähigkeiten beim Erlernen fremder Sprachen.

Nachdem er Nubien erreicht hatte, von wo aus er in den Sudan weiterzureisen gedachte, ließ Pückler Ajiamé bei einem lokalen Fürsten zurück. Später erwarb er im sudanesischen Khartum noch weitere Sklavinnen für seine Entourage. Auf der Rückreise holte er schließlich „seine“ Ajiamé wieder ab und begab sich über Alexandria nach Jaffa, das heutige Tel Aviv, ins Heilige Land. Mit an Bord befanden sich neben einer ganzen Menagerie exotischer Tiere auch vier Sklavinnen und Sklaven, wovon eine Ajiamé alias Machbuba (= die Geliebte) hieß.

Lady Hester Stanhope, die Pückler 1838 auf ihrem Bergkloster im Libanon besucht hatte, beschrieb noch zwei Sklavinnen, die eine „ein schwarzes Mädchen, ca. 12 Jahre alt, gekleidet wie ein Junge; die andere, eine Abessinierin, eine junge Frau, eingehüllt von Kopf bis Fuß in ägyptischer Manier“. Als er in Syrien auf den ehemaligen britischen Konsul für Ägypten, John Barker, stieß, ist es eindeutig allein Machbuba, die von dessen Familie zeitweilig aufgenommen und in Briefen mit höchsten Ehrerbietungen bedacht wurde. Ihre Schönheit hatte Barkers Sohn Edward so betört, dass er eine leider verschollene Zeichnung von ihr anfertigte.

Machbuba, so wurde es 1840 im Sterberegister der Stadtkirche Muskau festgehalten, war „wohnständig im hohen Gebirge Abyssiniens“, „an den Quellen des Nils geboren“. Sie „war die Tochter eines Beamten aus einem königlichen Hofe dieses Landes“ und „geriet in Sklaverei, als ein Nachbarvolk Krieg mit ihrem Landesfürsten führte“. Von Gondar „ward die Machbuba nach Chartum in Sudan geführt, wo sie der Fürst im Alter von 11 Jahren an sich kaufte“. War Machbuba also tatsächlich eine der Sklavinnen, die Pückler für seine Entourage in Khartum gekauft hatte?

Pückler jedenfalls reiste 1839 mit dem von ihm Machbuba genannten Mädchen weiter durch das Osmanische Reich über Konstantinopel, das Schwarze Meer und von Varna die Donau entlang bis Pesth (das heutige Budapest). Ab diesem Reiseabschnitt können dank neu entdeckter Quellen biografische Details dieser jungen, charaktervollen Frau nachvollzogen werden, die sich durch ihre Persönlichkeit auch an europäischen Höfen Sympathie und Anerkennung erwarb. Das wird aus Briefwechseln Pücklers mit Vertretern des hohen Adels in Pesth und Wien deutlich.

Die Zeitungen verfolgen Pücklers Orientreise, die er 1834 angetreten hatte, nun immer intensiver. Die sechsjährige Reise wurde in 40 Zeitungen mit mehr als 300 Meldungen bedacht. Pückler und „seine Abyssinierin“ wurden wie Popstars beobachtet. Die Zeitung „Der Adler“ berichtete am 5. Oktober 1839 aus Pesth: „Fürst Pückler-Muskau hält sich noch hier auf (er logirt in dem neuen prächtigen Hotel zur Königin von Ungarn), und gedenkt hier noch eine Zeit lang zu verweilen. Die schöne abessinische Sklavin, die er aus Egypten mitgebracht hat (…) zieht die Aufmerksamkeit der Pesther auf sich, so oft sie sich öffentlich zeigt“. Der Fürst und seine Entourage logierten dann ab Anfang Januar 1840 in Wien im „Hotel Zum Goldenen Lamm“ in der Leopoldstadt, er besuchte mit seiner „Abyssinerin“ wissenschaftliche Vorträge, das Hoftheater, die Salons der Adligen und Abendgesellschaften.

Bei einer Veranstaltung für die höhere Gesellschaft in Wien zeigte Machbuba ihre fulminanten Reitkünste auf den von Pückler aus Afrika mitgebrachten wertvollen zwölf Arabern. In dieser Zeit begegnete sie auch einem Landsmann, der von Maximilian von Bayern auf dem Sklavenmarkt in Kairo erworbenen worden war, dem sie Lieder der Oromo – einer Bevölkerungsgruppe in Äthiopien –  .

Vom bedeutendsten Orientalisten der damaligen Zeit, Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall, stammt folgende Schilderung: „Anfang Januar kam der berühmte Reisende Fürst Pückler-Muskau an, (…). Sein Äußeres gefiel mir so gut, daß ich die ganze Nacht von ihm träumte. (…) Auf der Redoute machte ich die Bekanntschaft seiner Abessynierin Machbuba, ich sprach mit ihr arabisch, ihr Äußeres enttäuschte mich aber und blieb weiter hinter den Schilderungen ihres Liebreizes zurück, die der Fürst in der ,Allgemeinen Zeitung’ gemacht hatte.“

Machbuba war zu dieser Zeit bereits sterbenskrank. Ein Aufenthalt im böhmischen Marienbad sollte Abhilfe schaffen, brachte jedoch nur eine kurze Linderung. Über Prag sowie weitere Stationen reiste Pückler mit ihr und seiner großen Entourage zurück nach Muskau. Ihre letzten Tage verbrachte sie im fürstlichen Schloss, wo sie am 27. Oktober 1840 an einer „Gekrösdrüsen- und Lungentuberkolose“ verstarb, wie ihr behandelnder Arzt Dr. Freund durch eine Obduktion feststellen konnte. Ihr Grab befindet sich auf dem St. Jacobi Friedhof in Bad Muskau.

Die hier skizzierte Geschichte der Machbuba ist in Äthiopien bekannt. Obwohl es an Beweisen mangelt, dass es sich in der äthiopischen Version auch tatsächlich um die spätere Reisebegleiterin Pücklers handelt, wird jede Nachfrage im Land mit größtem Interesse und Freude quittiert. Dass die Schicksale äthiopischer Sklavinnen in Europa überhaupt erforscht werden, vermittelt im Herkunftsland Wertschätzung. Das gilt auch für den Weg der Machbuba, die es an Pücklers Seite bis nach Europa geschafft hat und für die Tatsache, dass deren Grab in Bad Muskau heute noch gepflegt und geehrt wird.

Die neu erschlossenen Quellen, in denen Zeitzeugen Begegnungen mit Pückler und Machbuba vor gut 180 Jahren kommentieren, geben Auskunft über ein wesentlich differenzierteres Verhältnis zwischen den beiden, als es bislang in Literatur und Biografien dargestellt wurde. Das Profil, das sich schärft, zeigt eine junge Frau, die ihre schmerzhafte Entwurzelung meisterte und ihr schweres Schicksal – trotz aller Widrigkeiten – in die eigene Hand genommen hat.

Hella Kaiser

Die Autorin ist promovierte Ethnologin. Sie arbeitet als Ausstellungsmacherin und Kunstsachverständige und hat Teile der Nilreise Pücklers und der Sklavenroute nachbereist. Im Auftrag der Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau erarbeitet sie derzeit das Konzept einer neuen Dauerausstellung in der Villa Pückler, in der die Geschichte der Machbuba aufgearbeitet und aus anderen Perspektiven erzählt werden soll.

Josephine Bakhita FdCC

Josephine Bakhita FdCC (* ca. 1869 in Olgossa, Dafur, Sudan; † 8. Februar 1947 in Schio bei Vincenza, Italien) war schwarzhäutige Sklavin, Canossa-Schwester und heiliggesprochen worden. Sie ist Schutzpatronin der Katholischen Kirche im Sudan.

Josephine Bakhita wurde in einem Dorf in Sud Dafur im Sudan, nahe der Grenze zum Tschad, geboren. Ihr Vater war ein Bruder des Dorfhäuptlings aus dem Stamme der Dagiu. Bakhita hatte drei ältere Brüder, eine ältere Schwester und eine Zwillingsschwester.

Mit neun (ca. 7-10) Jahren wurde Josephine von Räubern verschleppt. In den folgenden acht Jahren wurde sie fünfmal auf den Sklavenmärkten von EI Obeid als Sklavenmädchen verkauft. Das Trauma der Entführung ließ sie ihren eigenen Namen vergessen. Die Sklavenhändler nannten sie – zynisch – “Bakhita”, “du hast Glück gehabt”. Zuletzt war sie als Sklavin der Mutter und der Gattin eines Generals in Diensten und wurde dabei täglich bis aufs Blut gegeißelt, wovon ihr lebenslang 144 Narben verblieben. Bakhita kam schließlich nach Khartoum, wo sie an den italienischen Konsul Callisto Legnani weiterverkauft wurde. Dieser nahm Bakhita mit sich nach Italien mit und trat sie dann an den Freund Augusto Michieli ab, der mit seiner Familie in Mirano Veneto lebte. Hier blieb Bakhita drei Jahre lang. Dann kam sie für ein Jahr mit ihrer italienischen Pflegefamilie wieder nach Afrika zurück. Nach diesem Jahr aber erfolgte ihre Rückkehr nach Italien für ihr ganzes weiteres Leben.

In Venedig lernte Bakhita durch die Canossa-Schwestern den katholischen Glauben kennen und schätzen. Sie konvertierte und wurde am 9. Januar 1890 vom Patriarchen von Venedig, Kardinal Domenico Agostini, getauft, gefirmt und erhielt die ersten Kommunion. Diese drei Initiationssakramente wirkten sich an der nun 20-jährigen Bakhita, die die Namen Josepha, Margarita, Fortunata, Maria bei der Taufe erhalten hatte, ungemein segensreich aus.

Am 7. Dezember 1893 trat sie in das Institut der Canossa-Schwestern in Venedig ein. Am 8. Dezember 1895 legte die Sudanesierin als Sr. Josephina (Giuseppina) im Mutterhaus der Canossa-Schwestern in Verona die Profess ab. 1902 wurde sie einem Haus in Schio in der norditalienischen Provinz Vicenza zugeteilt, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte. Sie arbeitete in der Sakristei als Pförtnerin des Klosters, sodass sie regen Kontakt zur Bevölkerung hatte. Ihre Freundlichkeit, ihre angenehme Stimme und ihr stetiges Lächeln wurden wohlbekannt. Der Orden erkannte ihr besonderes Charisma und regte sie dazu an, ihre Erinnerungen niederzuschreiben und über ihre Erlebnisse zu sprechen; dies machte sie in ganz Italien bekannt. Als Josefina starb, zog die halbe Stadt Venedig an ihrem Totenbett vorbei; das schwere persönliche Schicksal der “Santa madre moretta”, der heiligen braunen Mutter hat viele Menschen aufgerichtet. Sie starb am 8. Februar 1947 im Haus ihrer Kongregation in Schio.

Die Seligsprechung wurde 1959 eröffnet. Am 1. Dezember 1978 erhob Papst Johannes Paul II. Josephine Bakhita zur ehrwürdigen Dienerin Gottes. Am 17. Mai 1992 wurde sie seliggesprochen. Noch im selben Pontifikat wurde sie am 1. Oktober 2000 heiliggesprochen.

Papst Johannes Paul II. sagte in der Ansprache bei der Heiligsprechungsfeier am 1. Oktober 2000 in Rom unter anderem: “In der hl. Josephine Bakhita erblicken wir eine lichtreiche Anwältin einer wahrhaftigen Emanzipation. Die Geschichte ihres Lebens legt uns nahe, die Dinge nicht tatenlos hinzunehmen, sondern mit Entschiedenheit tätig zu werden, um Mädchen und Frauen von Unterdrückung und Gewalt zu befreien und ihnen ihre Würde durch die freie Ausübung ihrer Rechte zurückzugeben.”

Papst Benedikt XVI. beschreibt Josephine Bakhitas Leben in seiner zweiten Enzyklika Spe salvi (Nr. 3-4), vor allem in Beziehung zur Hoffnung: “Hier (beim italienischen Konsul Callisto Legnani) lernte Bakhita schließlich nach so schrecklichen “Patronen”, denen sie bisher unterstanden war, einen ganz anderen “Patron” kennen …, den lebendigen Gott, den Gott Jesu Christi. … Was Jesus, der selbst am Kreuz gestorben war, gebracht hatte, war etwas ganz anderes: die Begegnung mit dem Herrn aller Herren, die Begegnung mit dem lebendigen Gott und so die Begegnung mit einer Hoffnung, die stärker war als die Leiden der Sklaverei und daher von innen her das Leben und die Welt umgestaltete.”