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Peter Burg Werke

Vorlesung

Vorlesung SS 2017

Europäische Kulturgeschichte im 19. Jahrhundert

Die Vorlesung befasst sich mit den wichtigsten europäischen Geistesströmungen des 19. Jahrhunderts und ihrem realgeschichtlichen Kontext. So werden die Darstellung der politischen Philosophie mit der Entstehung eines Parteiensystems, Staatslehren mit den Verfassungen und ökonomische Theorien mit der konkreten Wirtschaftsgeschichte in Beziehung gesetzt. Die Literatur- und Kunstepochen der Romantik, des Realismus und des Naturalismus standen in Korrelation zur künstlerischen Wahrnehmung der Lebenswelt. Bildungs- und Schulgeschichte sollen aufzeigen, wie weit sich der Standard der Wissenschaften und der geistige Horizont im 19. Jahrhundert hoben und intellektuelle Fähigkeiten Allgemeingut wurden.

Rückblick und Ausblick

Der zeitliche und thematische Schwerpunkt der Vorlesung dieses Semesters erklärt sich daraus, dass sie in einer Fortsetzungsreihe steht.  Die Reihe hat vor einigen Jahren mit der Französischen Revolution begonnen und wurde auf dem Gebiet der politischen Geschichte bis zu Otto von Bismarck geführt. Im letzten Semester ergänzte die Geschichte der Industrialisierung in einem Längsschnitt die Allgemeine Geschichte. Die Vorlesungen zur Kulturgeschichte wurden bis zur Romantik geführt. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts steht demnach für die Kulturgeschichte noch aus, und sie wird in diesem Semester im Mittelpunkt stehen. Der Blick soll wie in den vergangenen Semestern über die deutschen Grenzen hinweg auf Europa geworfen werden. Was wird unter den Kulturbegriff gefasst? Philosophie, politisches Denken, Staatslehren, Ökonomische Lehren, Kulturepochen im engeren Sinne, d.h. Romantik, Realismus, Naturalismus mit den einzelnen Kunstrichtungen (Musik, Literatur, Malerei), schließlich die Entwicklung von Bildung, Erziehung und Wissenschaft.

Philosophie im 19. Jahrhundert:

Die Philosophie des 19. Jahrhunderts reicht vom deutschen Idealismus, einem Höhepunkt der Geistesgeschichte überhaupt, über die vor allem in Frankreich und England starke Gegenbewegung des Positivismus zum Materialismus von Ludwig Feuerbach und Karl Marx, zu Einzeldenkern wie Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Sören Kierkegaard bis hin zum Neukantianismus, Pragmatismus und zur Lebensphilosophie.

Als Begründer des Positivismus und auch als Schöpfer dieses Begriffs gilt Auguste Comte (1798–1857), der einen strikten Determinismus und ein mechanistisches Weltbild vertrat. Ziel der Wissenschaften ist nach Comte eine Beschreibung der erkennbaren Phänomene und deren gesetzmäßigen Zusammenhängen und darauf basierend eine Prognose für die Zukunft. Zur Beschreibung der gesellschaftlichen Entwicklung des Wissens formulierte er das sog. Drei-Stadien-Gesetz, nach dem die Welt zunächst theologisch, dann metaphysisch und schließlich positiv gedeutet wird. Comte gilt zugleich als der erste Vertreter der Soziologie als eigenständiger Wissenschaft. <Bild>

Der Materialismus ist dem Positivismus eng verwandt. Alle Vorgänge in der Welt werden auf ein Grundprinzip zurückgeführt.  Auch Gedanken und Ideen werden als Erscheinungsformen der Materie begriffen. Ein strikter Atheismus leitet sich aus dem Materialismus ab. Die bekannten Materialisten sind sog. Linkshegelianer, das heißt, sie haben ihre Position aus der Schule Hegels entwickelt, wenden sich aber im entscheidenden Punkt des Wirklichkeitsbezugs von ihm ab. So war Ludwig Feuerbach (1804–1872) Hegelschüler, aber schon früh religionskritisch eingestellt: „Die Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst.“ – „Gott ist der Spiegel des Menschen.“ – „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.“

Für Karl Marx (1818–1883) waren Praxis und Theorie nur als Einheit begreifbar. Für ihn hatte Hegel „die Welt auf den Kopf gestellt“, d. h. die Idee zum Ausgangspunkt gemacht. Stattdessen wollte er die Dialektik auf die materielle Wirklichkeit anwenden. Verbunden mit Feuerbachs Materialismus entwickelte er diesen Gedanken zum historischen Materialismus:     „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche (* 15. Oktober 1844 in Röcken/ Stadt Lützen im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt; † 25. August 1900 in Weimar) war ein deutscher klassischer Philologe. Erst postum machten ihn seine Schriften als Philosophen weltberühmt. Im Nebenwerk schuf er Dichtungen und musikalische Kompositionen. Ursprünglich preußischer Staatsbürger, war er seit seiner Übersiedlung nach Basel 1869 staatenlos. Nietzsches Denken hat weit über die Philosophie hinaus gewirkt und ist bis heute unterschiedlichsten Deutungen und Bewertungen unterworfen. Nietzsche schuf keine systematische Philosophie. Oft wählte er den Aphorismus als Ausdrucksform seiner Gedanken. Seine Prosa, seine Gedichte und der pathetisch-lyrische Stil von “Also sprach Zarathustra“ verschafften ihm Anerkennung als Schriftsteller.

„‚Gott‘, ‚Unsterblichkeit der Seele‘, ‚Erlösung‘, ‚Jenseits‘ lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht, – ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? – Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker –, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken! <Ecce homo, 1886-1888>

Politisches Denken und Parteiensystem:

Liberalismus

Nach Ansicht des Liberalismus ist es die Aufgabe einer Verfassung, die naturgegebenen Rechte der Bürger vor der Allmacht des Staates zu schützen. John Locke (1632-1704), einer der wichtigsten Begründer des Liberalismus, postulierte in seinem 1689 veröffentlichten Werk “Zwei Abhandlungen über die Regierung“ Freiheit, Leben und Eigentum als unveräußerliche Rechte eines jeden Bürgers und als elementare Menschenrechte. Die liberale Verfassung soll diese Menschenrechte durch die Begrenzung der Staatsmacht vor willkürlichen Eingriffen des Staates schützen. Dieser Schutz hat Vorrang auch vor demokratisch herbeigeführten Entscheidungen.

John Stuart Mill

John Stuart Mill (1806-1873) formulierte in seiner Schrift „Über die Freiheit“ das Prinzip, „dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“ Der Schutz dieser naturgegebenen Rechte erfolgt durch eine Verankerung von Gewaltenteilung in die Verfassung, um Machtkonzentration zu verhindern. In der horizontalen Gewaltenteilung sollen sich Exekutive, Legislative und Judikative im Gleichgewicht befinden und sich gegenseitig kontrollieren (Checks and Balances), um Machtanhäufung und Machtmissbrauch eines dieser Bereiche zu verhindern. Unter der vertikalen oder föderativen Gewaltenteilung versteht man die Aufteilung der rechtlichen Kompetenzen einer Staatenverbindung zwischen deren Zentralorganen und den Mitgliedstaaten.

Robert von Mohl (* 17. August 1799 in Stuttgart; † 5. November 1875 in Berlin)

Im 19. Jahrhundert wurde durch die deutsche Staatsrechtslehre, zunächst bei Robert von Mohl, der Begriff des liberalen „Rechtsstaats“ geprägt. Gegenüber dem „Machtstaat“ des Absolutismus unterliegt die Staatsgewalt im Rechtsstaat durch die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, Verfahrensgarantien und Möglichkeiten des effektiven Rechtsschutzes einer Selbstbindung.

Eugen Richter (* 30. Juli 1838 in Düsseldorf; † 10. März 1906 in Groß-Lichterfelde, einem Vorort von Berlin) war ein deutscher Politiker (Deutsche Fortschrittspartei, Deutsche Freisinnige Partei, Freisinnige Volkspartei) und Publizist in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Er wird als einer der besten Rhetoriker des Preußischen Abgeordnetenhauses und des Deutschen Reichstages angesehen. Richter war seinerzeit einer der ersten Berufspolitiker und konsequenter Vertreter des Manchesterliberalismus in Deutschland.

Eugen Richter vertrat während seiner gesamten politischen Tätigkeit die Positionen des Manchestertums, unabhängig von der sozialen oder politischen Entwicklung, und ordnete jede finanz- oder sozialpolitische Frage dieser Maxime unter. „In der Freiheit findet die Selbstsucht eine Schranke in der Selbstsucht des Andern. Derjenige, der möglichst vorteilhaft verkaufen will, findet ein Hindernis in den Bestrebungen derjenigen, die möglichst vorteilhaft kaufen wollen. Wird dem einen mit dem andern Teil die Freiheit gelassen, so müssen beide ihre Selbstsucht dem gemeinsamen Interesse unterordnen“. Richter meinte, dass der „kleine Arbeiter“ ein „kleiner Unternehmer“ zu werden versucht, „aus dem kleinen ein größerer Unternehmer“ und nach dem Kauf eines Hauses etc. schreckt er „dann selbst nicht vor der Aussicht zurück, es am Ende bis zum Kapitalisten zu bringen. (…) Auch Borsig, der Millionär, war ursprünglich ein so kleiner Mann.“ August Borsig, Unternehmer, 1804-1854.

Konservatismus

Karl Ludwig von Haller (1768–1854)

Eine Wurzel des deutschen Konservatismus ist das politische Denken des deutschschweizerischen Staatsrechtlers Carl Ludwig von Haller (1768–1854). Dieser vertrat in seinem zu großer zeitgenössischer Bekanntheit gelangtem, mehrbändigen Hauptwerk, der Restauration der Staatswissenschaft (1816 ff.) eine bisweilen extreme Position starker, eigenständiger Fürstenmacht, die als direkter Gegenentwurf zum politischen Denken der Aufklärung und der Revolutionäre von 1789 angelegt ist. Ausgehend von der Behauptung, dass das revolutionäre Gedankengut schlichtweg auf Verdrehung und Verdunkelung der politischen und rechtlichen Wirklichkeit beruhe und die Fürsten in Wahrheit durch ihr ursprüngliches Eigentum am Staat auch das ungeteilte Recht auf die oberste Staatsgewalt besäßen, entwickelt er eine Theorie des Patrimonialstaates, in dem alle sozialen und politischen Beziehungen zwischen den Menschen rein privatrechtlicher und nicht öffentlich-rechtlicher Natur sind. Auch wenn sein Konzept breit kritisiert und selbst innerhalb der späteren konservativen Theoriebildung kaum rezipiert worden ist, hatte die Lektüre der Restauration dennoch einen nachweisbaren Mobilisierungseffekt auf einige konservative Politiker der kommenden Jahrzehnte (so etwa Ernst Ludwig von Gerlach).

Friedrich Julius Stahl (* 16. Januar 1802 in Würzburg; † 10. August 1861 in Bad Brückenau) war ein deutscher Rechtsphilosoph, Jurist, preußischer Kronsyndikus. Von Schelling und Savigny angeregt, schrieb er sein wissenschaftliches Hauptwerk „Die Philosophie des Rechts nach geschichtlicher Ansicht“ (Heidelberg 1830–1837), das trotz großer Mängel epochemachend für die Geschichte der Staatswissenschaft war. Stahl trat darin der naturrechtlichen Lehre schroff entgegen und begründete seine Rechts- und Staatslehre »auf der Grundlage christlicher Weltanschauung«. Er forderte die »Umkehr der Wissenschaft« zum Glauben an die »offenbarte Wahrheit« der christlichen Religion. Stahl war 1848/49 Mitbegründer und -organisator sowie Programmgeber der Konservativen Partei Preußens. Er war Mitglied des Preußischen Herrenhauses auf Lebenszeit. Stahls großer Einfluss als Rechtsgelehrter geht u. a. daraus hervor, dass seine Definition des Rechtsstaats noch immer die in Deutschland meistzitierte ist.

„Der Staat soll Rechtsstaat seyn, das ist die Losung, und ist auch in Wahrheit der Entwicklungstrieb der neueren Zeit. Er soll die Bahnen und Grenzen seiner Wirksamkeit wie die freie Sphäre seiner Bürger in der Weise des Rechts genau bestimmen und unverbrüchlich sichern und soll die sittlichen Ideen von Staatswegen, also direkt, nicht weiter verwirklichen (erzwingen), als es der Rechtssphäre angehört, d.i. nur bis zur notwendigsten Umzäunung. Dies ist der Begriff des Rechtsstaates, nicht etwa, daß der Staat bloß die Rechtsordnung handhabe ohne administrative Zwecke, oder vollends bloß die Rechte der einzelnen schütze, er bedeutet überhaupt nicht Ziel und Inhalt des Staates, sondern nur Art und Charakter, dieselben zu verwirklichen.“

Zentrum

Ludwig Windthorst

Golo Mann erachtete den Vorsitzenden der katholischen Zentrumspartei Ludwig Windthorst (1812-1891) als den „genialsten Parlamentarier, den Deutschland je besaß“. Otto von Bismarck urteilte 1890 folgendermaßen: „Es gibt nicht zwei Seelen in der Zentrumspartei, sondern sieben Geistesrichtungen, die in allen Farben des politischen Regenbogens schillern, von der äußersten Rechten bis zur radikalen Linken. Ich für meinen Teil bewundere die Kunstfertigkeit, mit welcher der Kutscher des Zentrums all diese auseinanderstrebenden Geister so elegant zu lenken versteht.“ Lothar Gall benannte Windthorst in seinem Standardwerk zum Leben und Wirken Bismarcks als den „wohl bedeutendsten parlamentarischen Führer des politischen Katholizismus im 19. Jahrhundert“. Windthorst kandidierte für den Wahlkreis Meppen-Lingen-Bentheim, der die heutigen Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim umfasste, und wurde von 1871 an bis zu seinem Tod 1891 in den Deutschen Reichstag gewählt.

Der protestantische Oberbürgermeister von Osnabrück urteilte über Windthorst bei deseen Ernennung zum Justizminister: „Der fähigste unter den neuen Regierungsmitgliedern ist ohne Zweifel Windthorst, ein Katholik, ein echter Jesuit, dem Junkertum zugetan, schlau, unverschämt, wenn´s sein muss. Er wird die übrigen einsacken.“

„Minderheitenrechte gehören zum Rechtsstaat“. Besonders deutlich wurde dies bei der Frage des Antisemitismus. Hier bewies er, dass er kein Opportunist war, sondern in Grundsatzfragen nicht bereit war nachzugeben. Er glaubte fest an seinen eigenen Wahlspruch: „Gleiches Recht und gleicher Rechtsschutz für alle.“ Im Reichstag erklärte er später: „Ich werde das Recht, das ich für die Katholiken und für die katholische Kirche und deren Diener in Anspruch nehme, jederzeit auch für die Protestanten und nicht minder für Juden vertreten. Ich will eben Recht für alle.“

Sozialdemokratie

Ferdinand Lassalle (1825-1864)

Als Hauptinitiator und Präsident der ersten sozialdemokratischen Parteiorganisation im deutschen Sprachraum, des 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), zählt er zu den Gründervätern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), die 26 Jahre nach seinem Tod aus der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) hervorging. Die SAP ihrerseits war aus der Fusion des ADAV und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) entstanden.

Als Friedrich Engels von Lassalles Tod erfuhr, sagte er:

„Lassalle mag sonst gewesen sein, persönlich, literarisch, wissenschaftlich, wer er war, aber politisch war er sicher einer der bedeutendsten Kerle in Deutschland. Welcher Jubel wird unter den Fabrikanten und unter den Fortschrittsschweinehunden herrschen; Lassalle war doch der einzige Kerl in Deutschland selbst, vor dem sie Angst hatten.“

Der Lassalle nicht immer gewogene Karl Marx urteilte 1868 in einem Brief an Johann Baptist von Schweitzer:

„Nach fünfzehnjährigem Schlummer rief Lassalle – und dies bleibt sein unsterbliches Verdienst – die Arbeiterbewegung wieder wach in Deutschland.“

August Bebel

Ferdinand August Bebel (* 22. Februar 1840 in Deutz bei Köln; † 13. August 1913 in Passugg, Schweiz) war ein sozialistischer deutscher Politiker und Publizist. Er war einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie und gilt bis in die Gegenwart als eine ihrer herausragenden historischen Persönlichkeiten. Er wirkte als einer der bedeutendsten Parlamentarier in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs und trat auch als einflussreicher Autor hervor. Seine Popularität spiegelte sich in den volkstümlichen Bezeichnungen „Kaiser Bebel“, „Gegenkaiser“ oder „Arbeiterkaiser“ wider.

Seine politischen Anfänge wurzelten im liberal-demokratischen Vereinswesen von Arbeitern und Handwerkern, ehe er sich dem Marxismus zuwandte. Über Jahrzehnte arbeitete August Bebel mit Wilhelm Liebknecht zusammen. Mit ihm gründete er 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Im Jahr 1875 war er an der Vereinigung mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) beteiligt. Während der Repressionen gegen die Partei durch das Sozialistengesetz entwickelte er sich zur zentralen Person der deutschen Sozialdemokratie. Ab 1892 war er einer der beiden Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), wie sich die SAP 1890 nach Aufhebung des Gesetzes nannte. In den folgenden Jahren repräsentierte er zwischen einem linken und einem „revisionistischen“ Flügel das sogenannte marxistische Zentrum der SPD.

„Im beständigen Kampfe mit den Lassallearnern, musste ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was sie wollen, und damit vollzog sich im Bälde eine Wandlung in mir. […] Ich bin […], wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten.“

Besonders seine positiven Äußerungen zur Pariser Kommune stießen außerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung auf breites Unverständnis und Ablehnung. Am 25. Mai 1871 solidarisierte er sich im Reichstag offen mit der zerschlagenen Kommune:

„Wenn auch im Augenblick Paris unterdrückt ist, dann erinnere ich Sie, dass der Kampf nur ein kleines Vorpostengefecht ist, dass die Hauptsache in Europa uns noch bevorsteht, und dass, ehe wenige Jahrzehnte vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang der Schlachtruf des gesamten Proletariats sein wird!“

Nicht zuletzt kritisierte er die „Politik der Stärke“ und die damit verbundene Aufrüstung. Er bekämpfte schon 1890 die

„Kreise, die in ihrer hypernationalen Eitelkeit meinen, bei dem kleinsten Konflikt mit irgendeinem Staat müsse Deutschland mit der Schneidigkeit eines Reserveleutnants auftreten und um jeden Preis durch Kanonen und Säbelrasseln oder Flottendemonstrationen den Gegner zur blinden Unterwerfung zwingen.“

Staatslehre

Maximilian Carl Emil Weber (* 21. April 1864 in Erfurt; † 14. Juni 1920 in München) war ein deutscher Soziologe und Nationalökonom. Er gilt als einer der Klassiker der Soziologie sowie der gesamten Kultur- und Sozialwissenschaften. Mit seinen Theorien und Begriffsprägungen hatte er großen Einfluss insbesondere auf die Wirtschafts-, die Herrschafts- und die Religionssoziologie. Mit seinem Namen verknüpft sind die „Protestantismus-Kapitalismus-These“, das Prinzip der „Werturteilsfreiheit“ sowie die Unterscheidung von „Gesinnungs-“ und „Verantwortungsethik“.

Das Gewaltmonopol des Staates bezeichnet in der Allgemeinen Staatslehre die ausschließlich staatlichen Organen vorbehaltene Legitimation, physische Gewalt auszuüben oder zu legitimieren (Unmittelbarer Zwang). Das staatliche Gewaltmonopol gilt in Deutschland nur als „Staatsgewalt“ nach Art. 20 GG für das Funktionieren des Rechtsstaates.

Die Idee des Gewaltmonopols will, dass die Angehörigen eines Gemeinwesens darauf verzichten, Gewalt (z. B. im Wege der Selbstjustiz) auszuüben. Die Angehörigen verzichten darauf, tatsächliche oder vermeintliche Rechte und Ansprüche durch individuelle Ausübung von Zwang durchzusetzen. Vielmehr überträgt in der BRD das Volk in Art. 20 GG „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ seinen Schutz und deren Durchsetzung ganz auf die staatlichen Justiz- und Exekutivorgane; also an Gerichte beziehungsweise Polizei und Verwaltung. Diese wiederum sind in einem demokratischen Rechtsstaat an das von der Legislative sanktionierte Recht und Gesetz gebunden.

Kulturkampf: Veränderungen im Verhältnis von Staat und Kirche

Die Kirche war seit dem Mittelalter Trägerin vieler Einrichtungen im Bildungswesen und in der Sozialfürsorge. Spätestens im 18. Jahrhundert kamen mit dem Absolutismus und der Aufklärung Tendenzen auf, die stattdessen den Staat in dieser Rolle sehen wollten. Infolge der Säkularisation, die besonders im Zeitalter der napoleonischen Besatzung umgesetzt wurde, bildete sich allmählich ein neues staatliches Selbstverständnis heraus: Der Staat betrachtete sich fortan als von jeglicher konfessionellen Bindung befreit, und wollte daher auch sein ziviles und soziokulturelles Innenleben frei und ohne eine päpstliche Einflussnahme gestalten. Dieser staatliche Universalanspruch kollidierte jedoch alsbald mit den Zielvorstellungen der katholischen Kirche, die eine allgemeine Verbindlichkeit christlicher Normen postulierte, also auch die Einhaltung ihrer Wertmaßstäbe vonseiten des Staates und der Gesellschaft erwartete. Dieser Interessenkonflikt, der sich im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Liberalismus und des späteren Sozialismus weiterhin verschärfte, bildete die wesentliche Ursache für den Ausbruch des nachfolgenden Kulturkampfes.

Eine solche Entwicklung war nicht auf Deutschland beschränkt, sondern bildete vielmehr ein gesamteuropäisches Phänomen. Analoge Auseinandersetzungen gab es in der Schweiz, in Italien, Österreich-Ungarn, England, Belgien, Frankreich, Spanien sowie Mexiko und Brasilien. Meist beeinflusst davon, ob liberale Kräfte Regierungsverantwortung übernahmen, begannen in einigen Ländern die Auseinandersetzungen bereits im Vormärz, in anderen zogen sie sich bis in das 20. Jahrhundert. Der Katholizismus stand dabei besonders häufig im Mittelpunkt des Konfliktes, weil eine besonders konservative Ausprägung des Katholizismus, der sogenannte „Ultramontanismus“, eine Einheit von Staat und Kirche unter ihrem Primat sowie eine Rekatholisierung der Welt erreichen wollte. Diese Strömung war innerhalb der katholischen Kirche gleichfalls nicht unumstritten. Im 19. Jahrhundert gab es prominente katholische Geistliche und Theologen, die den Katholizismus umfassend reformieren wollten.

Pius IX. (* 13. Mai 1792 in Senigallia (Kirchenstaat) als Sohn aus gräflicher Familie Giovanni Maria Mastai-Ferretti; † 7. Februar 1878 in Rom) war Papst von 1846 bis 1878. In sein Pontifikat − mit 31 Jahren und 8 Monaten das längste in der römisch-katholischen Kirche nachweisbare − fallen die Verkündung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, das Erste Vatikanische Konzil mit der Propagierung des päpstlichen Jurisdiktionsprimats und der päpstlichen Unfehlbarkeit sowie der Verlust des Kirchenstaates an das Königreich Italien. Im Jahr 2000 wurde Pius IX. von Johannes Paul II. seliggesprochen.

Das Erste Vatikanische Konzil (1869 bis 1870) definierte den Jurisdiktionsprimat folgendermaßen:

„Wer also sagt, der römische Bischof habe nur das Amt einer Aufsicht oder Leitung und nicht die volle und oberste Gewalt der Rechtsbefugnis über die ganze Kirche – und zwar nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in dem, was zur Ordnung und Regierung der über den ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche gehört –; oder wer sagt, er habe nur einen größeren Anteil, nicht aber die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt, oder diese seine Gewalt sei nicht ordentlich und unmittelbar, ebenso über die gesamten und die einzelnen Kirchen wie über die gesamten und einzelnen Hirten und Gläubigen, der sei ausgeschlossen.“

Veranstaltung vom 19.04.2017

Romantik

Die Romantik ist eine kulturgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein dauerte und sich insbesondere auf den Gebieten der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik äußerte. In der Literatur der Romantik (ca. 1795–1848) unterscheidet man Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848). In der Malerei dauert die Spätromantik bis Ende des 19. Jahrhunderts, in der Musik bis Anfang des 20. Jahrhunderts (Gustav Mahler, Richard Strauss).

Die Hochromantik in der Musik lässt sich in zwei Phasen einteilen. In der ersten Phase erreicht die eigentliche romantische Musik ihren Höhepunkt. Der Pole Frédéric Chopin lotete in seinen Charakterstücken und Tänzen für Klavier bislang unbekannte Gefühlstiefen aus. Robert Schumann, am Ende seines Lebens geistig umnachtet, stellt in Person wie in Musik geradezu den Prototyp des leidenschaftlichen, von Tragik beschatteten romantischen Künstlers dar. Seine eigenwilligen Klavierstücke, Kammermusikwerke und Sinfonien sollten die folgende Musikergeneration nachhaltig beeinflussen.

Die zweite Phase der Hochromantik, teilweise auch Neuromantik genannt, läuft parallel mit der Stilrichtung des Realismus in der Literatur und der bildenden Kunst. In seiner zweiten Schaffenshälfte entwickelte Richard Wagner nun seine Leitmotivtechnik, mit der er den ohne Arien durchkomponierten vierteiligen Ring des Nibelungen zusammenhält; das Orchester wird sinfonisch behandelt, die Chromatik erreicht in Tristan und Isolde ihren äußersten Punkt. Eine ganze Jüngerschar steht unter dem Einfluss der progressiven Ideen Wagners. Dagegen entstand eine Opposition zahlreicher konservativerer Komponisten, denen Johannes Brahms, der in Sinfonik, Kammermusik und Lied eine logische Fortführung der Klassik anstrebte, aufgrund der Tiefe der Empfindung und einer meisterlichen Kompositionstechnik zum maßstabsetzenden Vorbild wurde.

Wilhelm Richard Wagner (* 22. Mai 1813 in Leipzig; † 13. Februar 1883 in Venedig) war ein deutscher Komponist, Dramatiker, Dichter, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent. Mit seinen Musikdramen gilt er als einer der bedeutendsten Erneuerer der europäischen Musik im 19. Jahrhundert. Er veränderte die Ausdrucksfähigkeit romantischer Musik und die theoretischen und praktischen Grundlagen der Oper, indem er dramatische Handlungen als Gesamtkunstwerk gestaltete und dazu die Libretti, Musik und Regieanweisungen schrieb. Er gründete die ausschließlich der Aufführung eigener Werke gewidmeten Festspiele in dem von ihm geplanten Bayreuther Festspielhaus. Seine Neuerungen in der Harmonik beeinflussten die Entwicklung der Musik bis in die Moderne. Mit seiner Schrift Das Judenthum in der Musik gehört er geistesgeschichtlich zu den Verfechtern des Antisemitismus.

Johannes Brahms (* 7. Mai 1833 in Hamburg; † 3. April 1897 in Wien) war ein deutscher Komponist, Pianist und Dirigent, dessen Kompositionen vorwiegend der Hochromantik zugeordnet werden. Durch die gleichzeitige Einbeziehung von klassischen Formen gehen sie aber über diese hinaus. Brahms gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Spätromantik in der Musik:

Gustav Mahler (* 7. Juli 1860 in Kalischt, Böhmen; † 18. Mai 1911 in Wien) war ein österreichischer Komponist im Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Er war nicht nur einer der bedeutendsten Komponisten der Spätromantik, sondern auch einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit und als Operndirektor ein bedeutender Reformer des Musiktheaters.

Richard Georg Strauss (* 11. Juni 1864 in München; † 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen) war ein deutscher Komponist des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, der vor allem für seine orchestrale Programmmusik (Tondichtungen), sein Liedschaffen und seine Opern bekannt wurde. Strauss war außerdem ein bedeutender Dirigent und Theaterleiter sowie ein Kämpfer für eine Verbesserung des Urheberrechts. Er wird zu den Komponisten der Romantik gerechnet – trotz des zeitlichen Abstandes zu den anderen Künstlern der Epoche.

Realismus

Literatur: Als Realismus wird eine Literaturströmung des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus eine epochenunabhängige literarische Darstellungsweise bezeichnet. Der Realismus als Epoche der Literatur wird im Zeitraum zwischen 1848 und 1890 angesiedelt. Die Periode der deutschen Literaturgeschichte zwischen 1850 und 1899 wird auch „bürgerlicher Realismus“ oder „poetischer Realismus“ (so Otto Ludwig) genannt; diese Begriffe betonen bestimmte Konzepte und Merkmale des Realismus.

Otto Ludwig (* 12. Februar 1813 in Eisfeld; † 25. Februar 1865 in Dresden) war ein deutscher Schriftsteller. Otto Ludwig prägte den Begriff poetischer Realismus, in dem er eine Wirklichkeitsdarstellung beschreibt, die sich durch eine Objektivität der Erzählerperspektive auszeichnet.

Gottfried Keller (* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda) war ein Schweizer Dichter und Politiker. Seine Lyrik regte eine Vielzahl von Musikern zur Vertonung an, mit seinen Novellen Romeo und Julia auf dem Dorfe und Kleider machen Leute hatte er Meisterwerke der deutschsprachigen Erzählkunst geschaffen. Schon zu seinen Lebzeiten galt er als einer der bedeutendsten Vertreter der Epoche des bürgerlichen Realismus.

Theodor Fontane

Heinrich Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller. Er gilt als literarischer Spiegel Preußens und als bedeutendster deutscher Vertreter des Realismus.

Gustave Flaubert (* 12. Dezember 1821 in Rouen, Normandie; † 8. Mai 1880 in Canteleu, Normandie) war ein französischer Schriftsteller, der vor allem als Romancier bekannt ist.

Flaubert gilt als einer der besten Stilisten der französischen Literatur und als ein Klassiker des Romans. Zusammen mit Stendhal und Balzac bildet er das Dreigestirn der großen realistischen Erzähler Frankreichs. Ganz wie die beiden anderen wurde auch er von der Académie française nicht für würdig befunden, aufgenommen zu werden.

Russland: Tolstoi und Dostojewski. Großbritannien: Charles Dickens, Mark Twain.

Malerei

Die Aneignung der Wirklichkeit durch den Künstler und ihre darauffolgende Transformation in ein Kunstwerk sowie ihre politische Konnotation sind charakteristisch für den Realismus. Sie propagiert Alltäglichkeit und Sachlichkeit. Ihr bekanntester Vertreter war der französische Maler Gustave Courbet (1819–1877), welcher sich den damals noch sehr unscharf und ungenau definierten Begriff der realistischen Kunst aneignete und ihn wegen seiner provokanten Wirkung für seine Kunst verwandte. Die Inhalte seiner Werke wirkten prägend auf den Begriff „Realismus“. Hauptanliegen Courbets war es, aus der Kenntnis der (künstlerischen) Tradition und seiner eigenen Individualität schöpfend, lebendige Kunst zu schaffen

Jean Désiré Gustave Courbet (* 10. Juni 1819 in Ornans bei Besançon; † 31. Dezember 1877 in La-Tour-de-Peilz/Schweiz) war ein französischer Maler des Realismus. Courbet war der Hauptvertreter der realistischen Malerei in Frankreich und hatte damit einen weitgehenden Einfluss auf die Entwicklung der nachfolgenden Malerei, besonders auf die realistischen Maler in Deutschland.

Adolph Friedrich Erdmann von Menzel (* 8. Dezember 1815 in Breslau; † 9. Februar 1905 in Berlin), geadelt 1898, war Maler, Zeichner und Illustrator. Er gilt als der bedeutendste deutsche Realist des 19. Jahrhunderts. Sein Werk ist außerordentlich vielfältig; bekannt und zu Lebzeiten hoch geehrt wurde er vor allem wegen seiner historisierenden Darstellungen aus dem Leben Friedrichs des Großen.

Naturalismus gab es als kulturelle Epoche in der Philosophie, Literatur, Theater, in der Bildenden Kunst

Ende des 19. Jahrhunderts prägten große gesellschaftliche Veränderungen Europa: Die Industrielle Revolution, der Imperialismus, die Verstädterung, wobei durch letztere Armut und Elend in konzentrierter Form zu beobachten waren. Auf diesem Boden entstand der Naturalismus. Naturalistische Künstler wollten die Wirklichkeit möglichst genau darstellen und arbeiteten mit exakten, gleichsam naturwissenschaftlichen Methoden. Diese Wissenschaftlichkeit ermöglichte ihnen, auch das Hässliche und Verdrängte abzubilden.

Émile Zola (* 2. April 1840 in Paris; † 29. September 1902 in Paris) orientierte den literarischen Naturalismus in seiner Schrift „Le roman expérimental“ (1880) an der experimentellen Medizin. In seinen Romanen entwickelte er „dokumentarische“ Erzählformen wie den Sekundenstil oder die akribische Beschreibung von Räumen, um ein soziales Milieu zu charakterisieren. Ein Hauptwerk des literarischen Naturalismus ist Zolas Romanzyklus „Les Rougon-Macquart“. Als er für die thematische und sprachliche Drastik in seinem Roman Thérèse Raquin (1867; Ehebruch, Gattenmord, maßloses Misstrauen gegenüber dem Komplizen – gesteigert bis zu Hass und Mordplanung, schließlich gemeinsame Selbsttötung) angegriffen wurde, verteidigte er sich in seinem Vorwort zur zweiten Auflage im April 1868 trotzig-stolz mit den Worten  „Die Gruppe der naturalistischen Schriftsteller, denen ich die Ehre habe anzugehören, ist mutig und aktiv genug um starke Werke zu schaffen, die in sich ihre Verteidigung tragen.“

Die führenden deutschen Dramatiker des Naturalismus waren Gerhart Hauptmann (* 15. November 1862 in Ober Salzbrunn (Szczawno-Zdrój) in Schlesien; † 6. Juni 1946 in Agnetendorf (Agnieszków) in Schlesien) mit den Dramen Vor Sonnenaufgang (1889) und Die Weber (Originaltitel „De Waber“, 1892), in dem zum Beispiel Manufaktur-Arbeiter als tragische Figuren erscheinen, und das Autorenpaar Arno Holz (1863-1929) und Johannes Schlaf (1862-1941) mit dem bahnbrechenden Drama Die Familie Selicke (1890). Johannes Schlaf schrieb das streng naturalistische Drama Meister Oelze (1892) im thüringischen Dialekt.

Zum Naturalismus im Theater gehören neben der entsprechenden Textvorlage auch die Spielweise der Schauspieler und die Einrichtung und Beleuchtung der Bühne. In Russland prägte sich unter dem Einfluss des französischen und des deutschen Naturalismus sowie der „Meininger“ Theatertruppe, die sich um historisch getreue Theateraufführungen bemühten, ein naturalistischer Schauspielstil aus. Konstantin Stanislawski (1863-1938), der modellhafte Inszenierungen von Tschechows Dramen schuf, gilt als sein Begründer.

Bildung, Erziehung und Wissenschaft

Die Volksschule vermittelte die grundlegenden Kenntnisse wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde und christliche Wertvorstellungen und dauerte acht Jahre. Eine 1854 von Anton Stiehl erlassene Preußische Regulative für das Volksschul-, Präparanden- und Seminarwesen legte das Bildungsangebot in der „Schule der Untertanen“ fest. Erst Otto von Bismarck unterstellte sie im preußischen Kulturkampf der staatlichen Aufsicht, die bis 1872 noch bei den Kirchen lag. Langsam wurden auch die letzten Kinder vom Land schulpflichtig: 1871 erreichte die preußische Schulbesuchsquote 92 Prozent. Die Lehrer-Schüler-Relation betrug hier bis zu 1:80.

Johann Friedrich Herbart (* 4. Mai 1776 in Oldenburg (Oldenburg); † 14. August 1841 in Göttingen) war ein deutscher Philosoph, Psychologe und Pädagoge, der über den deutschen Sprachraum hinaus als Klassiker der Pädagogik gilt. Er begründete den Herbartianismus und die Allgemeine Pädagogik.

Der Herbartianismus war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland die bestimmende pädagogische Theorie und fand bis hinein in die 1920er Jahre auch über Deutschland hinaus zunehmende Verbreitung.

Etwa gleichzeitig mit dem Entstehen der Jugendbewegung, die die Jugend erstmals als einen eigenständigen, nach Freiheit und Naturerfahrung suchenden Lebensabschnitt begriff, entstanden reformpädagogische Konzepte, die ähnlich zur Bandbreite der Jugendbewegung in politischer Hinsicht von demokratischer bis zu völkischer Erziehung reichten. Auch zum Antisemitismus verhielten sich die Reformpädagogen ambivalent. Einigkeit herrschte lediglich in der Ablehnung der alten Schule und der alten Erziehung sowie der didaktischen Ausrichtung an den Erfahrungen der Kinder statt an Unterrichtsstoffen oder organisatorischen Gesichtspunkten. Ihre Selbsttätigkeit sollte im Zentrum stehen.

Der Beginn wird oftmals im Jahr 1890 angesetzt mit dem Erscheinen von Julius Langbehns Buch Rembrandt als Erzieher sowie der Eröffnungsrede Kaiser Wilhelms II. zu der von ihm nach Berlin einberufenen Schulkonferenz. Andere setzen ihn erst mit der Jahrhundertwende an u. a. mit der Ausrufung des Jahrhunderts des Kindes durch die schwedische Autorin Ellen Key.

Die preußische Dezember-Konferenz (auch Schulkonferenz) war ein pädagogischer Fachkongress vom 4. bis 17. Dezember 1890 in Berlin zur Erörterung der Zukunft des Gymnasiums.

Der hochkonservative preußische Kultusminister Gustav von Goßler hat ihn wider Willen einberufen, um die Reform des Gymnasiums und Abiturs zu erörtern. Treibende Kraft war der junge Kaiser Wilhelm II. Auf ihm kamen die Gegensätze zwischen humanistischer und realistischer Bildung zum Austrag. Den Kaiser trieben kurz nach dem Rücktritt Bismarcks politische Ziele an: Er wollte die Sozialdemokratie auf dem „Hauptkampfplatz“ in der Schule bekämpfen. Ein Mittel sei der Geschichtsunterricht, in dem die Schrecken der Französischen Revolution und die Kämpfe der Befreiungskriege stärker zu behandeln seien als die griechisch-römische Geschichte. Die altsprachlichen Gymnasien, von denen es bereits genug gebe, böten nur ein überholtes Angebot mit zu viel Wissensballast, seine eigene Schulzeit in einem Kasseler Gymnasium habe ihm dies gezeigt. Diese Ansichten trug er in der Eröffnungsrede der Konferenz vor und erregte den lauten Protest der Humanisten.

Universitäten

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt an den Universitäten vom Sammeln, Ordnen und Vermitteln von Wissen verstärkt hin zur Forschung, also zum Erzeugen von Wissen. Dies geschah inspiriert durch das Humboldtsches Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre, das an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin begründet wurde. Das liberale deutsche Universitätsmodell nach Humboldt stand für eine ganzheitliche Ausbildung (also Forschung und Lehre und nicht nur Lehre) und eine von wirtschaftlichen und staatlichen Interessen unabhängige Ausbildung (akademische Freiheit). Das deutsche Universitätsmodell galt „um die Wende zum 20. Jahrhundert“ als „das Ideal der modernen Universität“ und fand in Europa, den USA und Japan Nachahmung.

Bis ins 19. Jahrhundert gab es in der Regel nur vier Fakultäten an Hochschulen: eine allgemein bildende Philosophische Fakultät sowie drei auf ein bestimmtes Berufsfeld bezogene Fakultäten für Theologie, Jurisprudenz und Medizin. Die Zahl der Studenten in den allgemein bildenden philosophischen Fakultäten war erstmals seit einigen Jahrhunderten größer als die Zahl der juristischen Fakultäten. Die Zahl der Immatrikulationen in der Theologie sank von 1830 bis 1904 um die Hälfte. In den 1880er Jahren begann eine Neuordnung der Fakultäten an den Universitäten. So entstanden zumeist aus den Philosophischen Fakultäten eigene natur-, staats-, geistes- oder wirtschaftswissenschaftliche Fakultäten. Zudem wurden die akademischen Seminare beliebt, bei denen die Studenten unter Anleitung praktische Übungen durchführen. Gleichzeitig entwickelten sich die Laboratorien, Observatorien und Kliniken, so dass in den Naturwissenschaften und in der Medizin eine praxisnahe Ausbildung vorgenommen werden konnte. In dieser Zeit tauchten auch erstmals „überfüllte“ Studiengänge auf. Die Anzahl der Studenten wuchs im Zeitraum von 1865 bis 1914 um das Fünffache auf 61.000. Im Wintersemester 1871/72 waren rund 5.000 Studenten an den Technischen Hochschulen eingeschrieben; 1903 bereits 17.000.

Philosophie im 19. Jahrhundert:

Positivismus

Der Positivismus ist eine Richtung in der Philosophie, die fordert, Erkenntnis auf die Interpretation von „positiven“ Befunden, Mathematik oder Logik zu beschränken, also solchen, die im Experiment unter vorab definierten Bedingungen einen erwarteten Nachweis erbringen. Diese philosophische Richtung geht in der Namensgebung auf Auguste Comte (1798–1857) zurück und wurde unter diesem und seinen Nachfolgern im 19. Jahrhundert zu einem weltumspannenden humanistischen Ansatz in den Geisteswissenschaften ausgebaut, der alles Transzendente aus den Überlegungen ausschloss. Zwischen der erkenntnistheoretischen Position, die vor allem die Wissenschaftsdiskussion auf sich zog, und dem institutionalisierten Positivismus, der einen Religionsersatz anstrebte, entstanden im Verlauf des 19. Jahrhunderts erhebliche Spannungen.

Isidore Marie Auguste François Xavier Comte (* 19. Januar 1798 in Montpellier; † 5. September 1857 in Paris) war ein französischer Mathematiker, Philosoph und Religionskritiker. Sein Vater war Steuerbeamter. Er hatte drei jüngere Geschwister.

Nach dem Besuch der Schule in Montpellier studierte Auguste Comte an dem Eliteinstitut École polytechnique in Paris, neben der École normale supérieure (ENS) eine der großen Schulen Frankreichs. Die École Polytechnique widmete sich den französischen und republikanischen Idealen, vor allem dem Fortschrittsgedanken. 1816 kam es zu einer Studentenrevolte, die École schloss vorübergehend. Comte musste die École verlassen und setzte seine Studien an der medizinischen Schule in Montpellier fort. Als die École später wiedereröffnet wurde, versuchte er nicht, sich erneut einschreiben zu lassen.

Bald sah Comte unüberbrückbare Differenzen mit seiner katholisch-monarchistisch geprägten Familie und zog nach Paris, wo er seinen Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeiten, u. a. als Privatlehrer für Mathematik bestritt. Als teilweiser Autodidakt war er sehr belesen, studierte weite Felder historischer und philosophischer Literatur, holte sich Anregungen bei so unterschiedlichen Autoren wie dem Physiokraten Turgot, bei Condorcet, Montesquieu, bei führenden philosophischen Aufklärern wie David Hume und Immanuel Kant, aber auch bei Ultrakonservativen wie Joseph de Maistre. Darüber hinaus beschäftigte er sich auch mit klerikalen Denkern der Scholastik. Er wurde Student, Freund und Sekretär des bedeutenden Industrie- und Sozialtheoretikers Graf Claude-Henri Comte de Saint-Simon, der seinen Schüler in intellektuelle Gesellschaft brachte. In Saint-Simons Zeitschriften publizierte Comte seine ersten journalistischen Arbeiten. 1824 verließ er Saint-Simon wegen nicht beizulegender Meinungsverschiedenheiten.

Zum Quasi-Propheten wurde Saint-Simon schließlich durch die Bücher Du système industriel (1820–1822, dt. Vom industriellen System), Catéchisme des industriels (1823/24, dt. Katechismus der Industriellen) und De l’organisation sociale (1824, dt. Von der Gesellschaftsorganisation), an deren Ausarbeitung Auguste Comte als Sekretär beteiligt war. n diesen Schriften vertrat Saint-Simon die revolutionäre Ansicht, dass nur die „Industriellen“ (industriels), d. h. die durch „Arbeit“ (das Wort bedeutete damals auch „Erfindertum/Arbeitsfleiß“) Dienstleistungen und vor allem Güter produzierenden Individuen, nützliche Mitglieder der Gesellschaft seien, und dass der Anteil des Einzelnen am gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand nach seiner eingebrachten Leistung zu bemessen sei – womit parasitäre Klassen wie der Adel, die Rentiers, aber auch Zwischenhändler aller Art leer ausgingen, während sowohl die Unternehmer als auch die Arbeiter jeweils ihre angemessene Entlohnung erhielten. In seinem postum gedruckten Buch Le Nouveau Christianisme (1825, dt. Das neue Christentum) erklärte Saint-Simon es speziell auch zur Aufgabe des Christen, die unteren Bevölkerungsschichten bei der Verteilung des Sozialprodukts gerecht zu berücksichtigen.

1822 veröffentlichte Comte die Schrift Plan des travaux scientifiques nécessaires pour réorganiser la société als grundlegendes Werk der Philosophie des Positivismus. Er bemühte sich vergeblich um eine akademische Anstellung. Ein Lehrstuhl blieb ihm „wegen der unmoralischen Falschheit seines mathematisierenden Materialismus“ versagt. Selbst eine bescheidene Stelle als Mathematik-Repetitor verlor er später wegen seiner strittigen Schriften. Sein Lebensunterhalt hing von Förderern und von finanzieller Hilfe seiner Freunde ab. In seiner Privatwohnung hielt er Vorträge, die auch von bekannten Wissenschaftlern seiner Zeit besucht wurden. Comte war bekannt als arrogante, energische und mitreißende Persönlichkeit. 1826 erkrankte er und wurde in eine psychiatrische Heilanstalt eingewiesen, welche er jedoch wieder verließ, ohne kuriert worden zu sein. Im April 1827 misslang ihm ein Selbstmordversuch. Er heiratete 1825 Caroline Massin, die Comte nach seiner späteren Scheidung als eine ehemalige Prostituierte diskreditierte. Stabilisiert durch seine Ehefrau, konnte er wieder wissenschaftlich arbeiten und Vorlesungen halten. Seit April 1826 bis zu seiner Scheidung im Jahr 1842 veröffentlichte er sein Hauptwerk, die sechs Bände seines Cours de philosophie positive, basierend auf seinen Vorlesungen als Privatgelehrter.

Als einer der wenigen Wissenschaftler im 19. Jahrhundert plädierte Auguste Comte für eine Emanzipation der Frauen – allerdings transportierten seine Vorstellungen ein teilweise sehr traditionelles Bild: Der Mann habe sich im „Lebenskampf“ und in den „Professionen“ zu bewähren, die Frau müsste aus dem häuslichen Kreis heraus moralisch und ethisch in die Gesellschaft hinein wirken.

Veranstaltung vom 25. 04. 2017

Zur Kunstgeschichte: Architekur / Historismus

Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Stilgeschichte ein im 19. Jahrhundert verbreitetes und teilweise noch ins 20. Jahrhundert nachwirkendes Phänomen, bei dem man – vor allem in der Architektur – auf ältere Stilrichtungen zurückgriff und diese teilweise kombinierte. Stilistische Unterarten sind u. a. die Neoromanik und Neogotik (Rückgriff auf Vorbilder der vergangenen zwei Jahrtausende), Neorenaissance (16. Jahrhundert) und der Neobarock (Barock 1575-1770). In seiner Spätphase entstand parallel der Jugendstil (fin de siècle, 1890-1914, Dekadenz ein Thema; Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert), den der Historismus teilweise beeinflusste. Divergierende Strömungen, nur Abwendung vom Historismus ein vereinigendes Element. Die prägendste Zeit für den Historismus erstreckte sich von circa 1850 bis zum Ersten Weltkrieg.

Da der Historismus in Mitteleuropa ab den 1850er Jahren größere Verbreitung erfuhr und es eine seiner ursprünglichen Funktionen war, die Repräsentationsbedürfnisse des in der Gründerzeit reich gewordenen Bürgertums zu befriedigen, wird er umgangssprachlich manchmal auch als Gründerzeitstil beziehungsweise Gründerzeitarchitektur bezeichnet.

Als Gründerzeit wird im weiteren Sinne eine Phase der Wirtschaftsgeschichte im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts bezeichnet, die mit der breiten Industrialisierung einsetzte und bis zum „Gründerkrach“ (großer Börsenkrach von 1873) andauerte. Im engeren Sinn werden als Gründerjahre die ersten Jahre nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs (1871) bezeichnet,[1] als dieses nicht zuletzt durch die französischen Reparationszahlungen einen vorher nicht gekannten Boom erlebte. Im kulturellen und z. B. architektonischen Verständnis wird die Dauer der Gründerzeit teilweise für die gesamte Phase der Hochindustrialisierung in Deutschland von 1870 bis 1914 ausgedehnt. Das Wort „Gründer“ hatte in dieser Zeit einen etwas negativen Klang, weil von den zahlreichen neugegründeten Aktiengesellschaften nicht wenige spekulativen Charakter hatten.

Die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts erforderte den Bau von Bahnhöfen, Fabriken und Wassertürmen. Zur Linderung der Wohnungsnot mussten mehrstöckige Zinshäuser errichtet werden; das aufstrebende und zusehends wohlhabende Bürgertum verlangte nach Villen und großen Stadtwohnungen in repräsentativen Gebäuden.

Das Schloss Neuschwanstein steht oberhalb von Hohenschwangau bei Füssen im südlichen Bayern. Der Bau wurde ab 1869 für den bayerischen König Ludwig II. als idealisierte Vorstellung einer Ritterburg aus der Zeit des Mittelalters errichtet. Die Entwürfe stammen von Christian Jank, die Ausführung übernahmen Eduard Riedel und Georg von Dollmann. Der König lebte nur wenige Monate im Schloss, er starb noch vor der Fertigstellung der Anlage. Neuschwanstein wurde ursprünglich als Neue Burg Hohenschwangau bezeichnet, seinen heutigen Namen trägt es seit 1886.[1] Eigentümer des Schlosses ist der Freistaat Bayern;[2] es wird von der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen betreut und bewirtschaftet.

Eduard von Riedel (* 1. Februar 1813 in Bayreuth-Riedelsberg; † 24. August 1885 in Starnberg) war ein deutscher Architekt und bayerischer Baubeamter.

Leo von Klenze (* 29. Februar 1784 in Buchladen (Bockelah/Bocla) bei Schladen; † 27. Januar 1864 in München; eigentlich Franz Karl Leopold Klenze) war ein deutscher Architekt, Maler und Schriftsteller. Er gilt neben Karl Friedrich Schinkel als bedeutendster Architekt des Klassizismus.[1]

Georg von Dollmann (* 21. Oktober 1830 in Ansbach; † 31. März 1895 in München; vollständiger Name: Georg Carl Heinrich Dollmann, ab 1875 von Dollmann) war ein deutscher Architekt und bayerischer Baubeamter.

Der Sohn eines Beamten besuchte das Gymnasium in Ansbach und kam 1846 nach München, wo er an der Polytechnischen Schule und der Akademie der bildenden Künste seine technische und künstlerische Ausbildung erhielt. 1854 trat er in den Dienst der Königlich Bayerischen Staats-Eisenbahnen. Bei der Bauabteilung als Bezirksingenieur war er mit der Gestaltung von Eisenbahn-Hochbauten beschäftigt, zum Beispiel beim Umbau des Bahnhofs von Gemünden am Main. Leo von Klenze machte ihn zu seinem Assistenten, in dessen Büro er bis zu Klenzes Tod 1864 arbeitete.

1884 fiel Dollmann beim König in Ungnade und musste seinem Mitarbeiter Julius Hofmann Platz machen. Dollmann lebte seitdem im Ruhestand. Seine Ehefrau Eugenie Félicité Sophie Dollmann, eine Enkelin Klenzes, starb kurz vor ihm Ende 1894.

Vorspann mit Rückblick

Auguste Comte stammte aus Montpellier, lebte und wirkte überwiegend in Paris. Er schlug sich viele Jahre als Privatlehrer durch und bildete sich als Autodidakt  in der europäischen Geistesgeschichte aus. In Paris arbeitete er zeitweise als Sekretär mit dem Sozialtheoretiker Saint-Simon zusammen. Saint-Simon fand nur eine Arbeit verdienstvoll und eines Verdienstes würdig, die aus industrieller Produktion hervorging. An dem durch Arbeit erwirtschafteten Wohlstand sollten nur industrielle Unternehmer und Arbeiter eine angemessene Entlohnung erhalten, nicht aber Adel, Rentiers und Zwischenhändler jeder Art. Die gerechte Verteilung des Sozialprodukts in seinem Sinne verstand er als eine christliche Aufgabe, als neues Christentum.

August Comte arbeitete nach der Trennung von Saint-Simon sein sechsbändiges Hauptwerk der positivistischen Philosophie aus. In dieser Schaffensphase stabilisierte den psychisch labilen Denker seine Ehefrau, die er später in seinem Testament als Prostituierte verunglimpfte. Im Übrigen sprach er sich für eine Emanzipation der Frauen aus, obgleich er sich noch von einem traditionellen Rollenverständnis leiten ließ.

Auguste Comtes Versuch, den Positivismus zur wissenschaftlich fundierten Weltkultur auszubauen, wurde eines der großen utopistischen Projekte des 19. Jahrhunderts. Comte entwarf ein Geschichtsmodell, nach dem sich die von ihm vertretene Philosophie mit historischer Notwendigkeit durchsetzen musste. Die Menschheitsentwicklung durchschritt historisch notwendige Entwicklungsstadien von den ersten religiösen Kulten über den Monotheismus zu einer von den Wissenschaften bestimmten Kultur („Dreistadientheorie / théorie des trois états“: theologische, metaphysische und positive Epoche). Der Motor der historischen Entwicklung war nicht ein Klassenkonflikt, der in eine Weltrevolution mündete, und in der die Arbeiterklasse die Herrschaft übernahm, sondern die schlichte Ausbreitung der zukünftigen Gesellschaft mit dem wissenschaftlichen Fortschritt. Die Menschheit selbst geriet in diesem Prozess in das Zentrum des Interesses. Die Soziologie würde – als von Comte begründete Wissenschaft – alles Handeln bestimmen, und das menschliche Zusammenleben zum größten Nutzen der Menschheit organisieren. Daher bezeichnete er sie auch als die „Königin der Wissenschaften“. Mitgefühl und Altruismus, Achtung vor menschlichen Leistungen würden im Zentrum des Zusammenlebens in der zukünftigen Gesellschaft stehen.

Mit dem Aufbau der Religion des Positivismus sollte der historischen Entwicklung zum Durchbruch verholfen werden. Deren Organisation und die Dogmatik orientierte sich am Aufbau des Katholizismus. Die Huldigung der Menschheit in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft wurde zu einem Kultus ausgestattet, dem eine eigene Priesterschaft zum Durchbruch verhelfen sollte. Die Unsterblichkeit wurde als „Unsterblichkeit im Gedächtnis der Menschheit“ sozialisiert. Der positivistische Kalender trug dem wiederum Rechnung durch sein dreizehnmonatiges Jahr, das symbolisch die Weltgeschichte durchmisst. Die einzelnen 28-tägigen Monate nehmen die jüdische und die christliche Tradition auf, wie die Wissenschaftsgeschichte und die politischen Traditionen Europas. Monatsrepräsentanten sind unter anderem Moses, Archimedes und Friedrich II. von Preußen. Die einzelnen Tage sind, einem Heiligenkalender gleich, den „größten Individuen gewidmet, die zum Fortschritt der Menschheit beitrugen“. Die übergreifende These, dass die Welt sich über die Religion und den Aufbau von Staaten, und Wissenschaften in die Zukunft entwickelte, erlaubte die Würdigung und die Integration der überwundenen religiösen und staatlichen Organisationsformen.

Positivistische Gesellschaften wurden gegründet. Sonntägliche Treffen mit Zeremonien – die den Gottesdienst ersetzten – standen auf dem Programm, und erweckten Misstrauen und Spott. Die Bewegung zeichnete sich durch den Ordnungsfanatismus und die Detailversessenheit ihres Gründers aus, ebenso wie durch eine prekäre Annäherung an genau das System, das sie ersetzen sollte, und durch möglichst lückenlose Übernahme von Organisationsformen und Techniken ersetzen wollte: Die katholische Religion, die gerade im naturwissenschaftsfreundlichen angelsächsischen Sprachraum nicht als Traditionsangebot in Frage kam. Eine spezielle Verehrung der Frau prägte den Positivismus. Für Comte, der seinen persönlichen Leidensweg am Ende in der Verehrung einer Frau fand, war die Frau „das emotional höher entwickelte Wesen“, das durch die ausgeprägtere Fähigkeit zum Mitgefühl prädestiniert war, die Kernaufgabe in der Familie wahrzunehmen.

Brasilien erwies sich als die Nation, die dem Positivismus langfristig die größten Chancen bot Fuß zu fassen. Das positivistische Motto „Ordem e Progresso“ („Ordnung und Fortschritt“) taucht in der Flagge Brasiliens wieder auf. Der Positivismus erlangte hier beachtlichen Einfluss im politisch-sozialen Gefüge als Ideologie, welche sowohl dem Liberalismus nahestand, als auch soziale Gerechtigkeit forderte. Bis heute gibt es die Positivistische Gemeinde Brasiliens mit Tempeln in Rio de Janeiro, Curitiba und Porto Alegre. Liebe, Respekt und Anerkennung gegenüber Eltern und Vorfahren, den sozialen Institutionen, der Heimat, und der Menschheit im Allgemeinen sind die Kernpunkte des Kultus.

Obgleich seine Theorien während seiner Lebenszeit und auch noch danach sehr einflussreich waren, sind sie doch bald umstritten gewesen. Comte prägte bereits 1838 die Bezeichnung „Soziologie“; Forschung auf „soziologischem“ Gebiet gab es aber durchaus schon vorher, nur existierte bis Comte kein verbindlicher Begriff dafür. Comtes besondere Hervorhebung des gegenseitigen Verbundenseins der unterschiedlichen Sozialelemente gilt heute als Vorwegnahme des modernen Funktionalismus. Dennoch: Mit wenigen Ausnahmen wird seine Arbeit inzwischen als exzentrisch, mechanistisch und wissenschaftlich überholt betrachtet. Comtes Idee der Soziologie als Königin aller Wissenschaften wurde nie verwirklicht. Dagegen gilt Comte heute vielen als typischer Vertreter des ungebrochenen und übersteigerten Fortschrittsglaubens des 19. Jahrhunderts und der frühen Moderne.

Zugkraft entwickelte der Positivismus auf dem Gebiet der Wissenschaften zuerst bei den noch jungen Geschichts- und Kulturwissenschaften. Das Spektrum reicht hier von Übernahmen des positivistischen Geschichtsmodells durch Literaturhistoriker wie Hippolyte Taine (1828-1893) bis hin zu einer Geschichtswissenschaft, die sich beim Interpretieren von Fakten zurückhielt und damit den Vorwurf auf sich zog, über Materialsammlungen nicht mehr hinauszukommen – ein in Teilen der Germanistik des 19. Jahrhunderts verbreiteter Vorwurf. Als Garanten einer umfassenden Materialbasis entstanden im Umfeld dieser Arbeiten faktenreiche historisch-kritische Texteditionen (namentlich zu Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder, Heinrich von Kleist) und ausgiebige Stoff- und Motivgeschichten.

In den Geschichtswissenschaften wird bis heute von stärker an übergreifenden Theorien interessierten Forschern des Öfteren der Vorwurf erhoben, jene Gelehrten, die sich um eine plausible Rekonstruktion von Ereignissen und „Fakten“ bemühten, seien bloße „Quellenpositivisten“, deren Interpretationen zu oberflächlich blieben.

<Der Materialismus ist dem Positivismus eng verwandt. Alle Vorgänge in der Welt werden auf ein Grundprinzip zurückgeführt.  Auch Gedanken und Ideen werden als Erscheinungsformen der Materie begriffen. Ein strikter Atheismus leitet sich aus dem Materialismus ab. Die bekannten Materialisten sind sog. Linkshegelianer, das heißt, sie haben ihre Position aus der Schule Hegels entwickelt, wenden sich aber im entscheidenden Punkt des Wirklichkeitsbezugs von ihm ab. So war Ludwig Feuerbach (1804–1872) Hegelschüler, aber schon früh religionskritisch eingestellt: „Die Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst.“ – „Gott ist der Spiegel des Menschen.“ – „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.“>

Ludwig Andreas Feuerbach (28. Juli 1804 in Landshut − 13. September 1872 in Rechenberg bei Nürnberg) war ein deutscher Philosoph und Anthropologe, dessen Religions- und Idealismuskritik bedeutenden Einfluss auf die Bewegung des Vormärz hatte und einen Erkenntnisstandpunkt formulierte, der für die modernen Humanwissenschaften, wie zum Beispiel die Psychologie und Ethnologie, grundlegend geworden ist.

Ludwig Feuerbachs Vater war der aus Frankfurt am Main stammende Rechtsgelehrte Paul Johann Anselm von Feuerbach (1775–1833, 1808 geadelt), der als einer der bedeutendsten Juristen der neueren Zeit in Deutschland und insbesondere als Begründer des modernen deutschen Strafrechts gilt. Wenige Wochen vor Ludwigs Geburt hatte er an der Bayerischen Landesuniversität in Landshut einen Lehrstuhl übernommen. 1806 wurde er in die Regierung nach München berufen, um das Strafrecht zu modernisieren. Noch im selben Jahr erreichte er für Bayern die Abschaffung der Folter, 1813 trat das von ihm ausgearbeitete Bayerische Strafgesetzbuch in Kraft. Nach einem Zwischenspiel in Bamberg war er von 1817 bis zu seinem Tod 1833 Präsident des Appellationsgerichts Ansbach, wo er sich als Obervormund auch mit dem Fall Kaspar Hauser befasste.

Ein Enkel des Strafrechtlers war Anselm Feuerbach (* 12. September 1829 in Speyer; † 4. Januar 1880 in Venedig) war ein deutscher Maler. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Malern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Nachdem Ludwig Feuerbach sich schon in der Gymnasialzeit in Ansbach intensiv mit Theologie beschäftigt und dafür sogar beim örtlichen Rabbiner Hebräisch-Unterricht genommen hatte, begann er 1823 in Heidelberg ein Theologiestudium. Von der rationalistischen Theologie, die in Heidelberg von Heinrich Eberhard Gottlob Paulus gelehrt wurde, fühlte er sich heftig abgestoßen, doch der mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel befreundete Theologe Carl Daub machte ihn auf die Philosophie aufmerksam.

Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (* 1. September 1761 in Leonberg; † 10. August 1851 in Heidelberg) war ein evangelischer Theologe, der seit 1790 als Hauptvertreter des theologischen Rationalismus gilt, was sich besonders in seinen natürlichen Wundererklärungen zeigt.

1824 ging Feuerbach nach Berlin, wo er gegen den Widerstand des Vaters das Studienfach wechselte: Zwei Jahre lang hörte er sämtliche Vorlesungen, die Hegel in dieser Zeit hielt, die Logik sogar zweimal. Da er als Stipendiat des bayerischen Königs das Studium an einer Landesuniversität abzuschließen hatte, kehrte er 1826 nach Bayern zurück. Nach einem Jahr privater Studien in Philologie, Literatur und Geschichte belegte er in Erlangen Botanik, Anatomie und Physiologie und schrieb gleichzeitig seine Dissertation mit dem Titel: Über die Unendlichkeit, Einheit und Allgemeinheit der Vernunft. Im Juni 1828 promovierte er in Philosophie; am Ende desselben Jahres folgte die Habilitation. Wenige Wochen danach begann er, als unbesoldeter Privatdozent in Erlangen zu lehren.

Die heftige Polemik gegen die als rückwärtsgewandt und unredlich kritisierte „Christentümelei“ der Restauration veranlasste ihn, dem Phänomen Religion auf den Grund zu gehen. Zwei Jahre lang, von 1839 bis 1841, arbeitete er an dem Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“. Das Buch erschien im Frühjahr 1841 in Leipzig und machte Feuerbach schlagartig berühmt. Im selben Jahr entstanden sechs weitere Polemiken und Artikel; sie erschienen zunächst in den Hallischen Jahrbüchern und, als diese zensurhalber umbenannt und nach Dresden verlegt wurden, im Nachfolgeorgan Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst. Aus diesen Schriften wird bereits deutlich, dass sich Feuerbach während der Arbeit an seinem Hauptwerk von Hegel gelöst hat. In den Anfang 1842 geschriebenen „Vorläufigen Thesen zur Reformation der Philosophie“ entwickelte Feuerbach erstmals seine berühmt gewordene Kritik der spekulativ-idealistischen Philosophie. Danach konzentrierte er sich wieder auf die Fortführung der Religionskritik: Im Sommer 1843 hatte er sich intensiv mit Luther beschäftigt und daraufhin „Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers“ geschrieben, wo er anhand von Zitaten aufzeigte, dass seine Sicht des Christentums schon beim großen Reformator angelegt gewesen sei. Zwei Jahre lang arbeitete er dann an einer Schrift, die in ihrer ersten Fassung weniger als achtzig Seiten stark ist: „Das Wesen der Religion“. In ihr fließen Religionskritik und weltanschaulicher Materialismus erstmals explizit zusammen.

„Neue Philosophie“

Feuerbach forderte also eine „neue Philosophie“, welche „die Wahrheit der Sinnlichkeit mit Freuden, mit Bewusstsein“ anerkennt. „Leidenschaft“ wird zum Kriterium der Existenz: „Nur was – sei es nun wirkliches oder mögliches – Objekt der Leidenschaft, das ist.“ Kurz: „Was nicht geliebt wird, nicht geliebt werden kann, das ist nicht. Was aber nicht geliebt werden kann, das kann auch nicht angebetet werden. Nur was Objekt der Religion sein kann, das ist Objekt der Philosophie.“ Die von Feuerbach geforderte neue Philosophie erhält dadurch „religiöse“ Qualität.

Die „neue Philosophie“ ist also dezidierter Humanismus. Da alles Übersinnliche oder Übernatürliche, sei es ein außerweltlicher Gott oder ein absoluter Weltgeist, ausgeschlossen wird, ist diese Philosophie auch materialistisch. Einen platten Materialismus, der bei der Anschauung stehen bleibt und nur die Materie gelten lässt, lehnte Feuerbach jedoch ab, er verstand seine Philosophie als „das zu Verstand gebrachte Herz“. Das Denken muss sich damit abfinden, dass es nie absolute Objektivität erreicht. Es wird immer in einem bestimmten Gesichtskreis befangen bleiben, denn wir denken immer als Mensch, alles geistige Verarbeiten der sinnlichen Wirklichkeit wird immer das von Menschen sein: „Was der Mensch auch immer nennt und ausspricht – immer spricht er sein eigenes Wesen aus.“

Veranstaltung vom 26.04.2017

Rekapitulation zu Ludwig Feuerbach

Seit seiner Jugend interessierte sich Feuerbach für theologische Fragen, weshalb er in Heidelberg mit einem Theologiestudium begann. Als 20jähriger wechselte er nach Berlin, wo er zwei Jahre lang Hegelschüler wurde. Mit 24 Jahren promierte er in Erlangen in Philosophie und habilitierte sich im gleichen Fach. In den 1840er Jahren verfasste er kritische Werke zur Religion: Das Wesen des Christentums 1841 und Das Wesen der Religion 1845. Seine „neue Philosophie“ war humanistisch und materialistisch konzipiert. Philosophie verstand er als „das zu Verstand gebrachte Herz“. Er lehnte eine Trennlinie zwischen Vernunft und Gefühl, wie sie namentlich die Kantianer zogen, ab.

Dieser Materialismus wird in der Sekundärliteratur als „anthropologischer Materialismus“ bezeichnet. Er unterscheidet sich vom Materialismus des 18. Jahrhunderts durch seine Blickrichtung. Dieser betrachtet den Menschen gleichsam vom Großen Ganzen der Natur aus als bloßen „Sonderfall“ und ist bestrebt, alles Menschliche auf physiologische Vorgänge und Mechanismen zurückzuführen (man spricht deshalb von Reduktionismus). Feuerbach anerkannte vorbehaltlos die zu seiner Zeit als „materialistisch“ geltenden Erklärungsbemühungen: Auch wenn die Wissenschaft noch weit davon entfernt sei, die Entstehung des Lebens nachweisen zu können, so bedeute das keinesfalls, dass sie es prinzipiell nicht könne. Mit seinem berühmt gewordenen Diktum „der Mensch ist, was er isst“ kommentierte er zustimmend das Buch des Physiologen Jakob Moleschott, der erstmals einem breiten Publikum die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Stoffwechsel und körperlich-seelischem Wohlbefinden dargelegt hatte. Doch Feuerbachs Perspektive war die entgegengesetzte: Die Natur, wie sie den Wissenschaftlern Gegenstand ist, war für ihn „das physisch, aber nicht moralisch erste Wesen; das bewusste menschliche Wesen ist mir das […] dem Range nach erste Wesen“. Seine Forschungsperspektive war also die „anthropologische“ oder, um einen heutigen Begriff zu verwenden, die humanwissenschaftliche: Ihn interessierte die theoretische Aufarbeitung der menschlichen Phänomene vom Gesichtspunkt des menschlichen Lebens aus. Diese Perspektive muss zwar ohne das Instrumentarium der „exakten“ Wissenschaften auskommen, gleichwohl muss sie sich auf empirische Untersuchungen stützen und nachvollziehbare Deutungen versuchen.

Materialistische Ethik und Willensfreiheit

Feuerbach stellte zunächst fest, dass es eine materielle Grundlage des menschlichen Verhaltens gebe, nämlich den angeborenen „Glückseligkeitstrieb“: Dieser ist der „Ur- und Grundtrieb alles dessen, was lebt und liebt, was ist und sein will“. Er kann sich in Formen äußern, die ihm entgegenzulaufen scheinen: im Todeswillen des Selbstmörders, im Ideal des asketischen Heiligen, im Buddhismus oder im Schopenhauer’schen Pessimismus, dennoch sei er immer als Grundtendenz nachweisbar. Oftmals befindet er sich gleichsam im Ruhezustand: die „Glückseligkeit“ der Gesundheit empfinde man nur, wenn sie fehlt. Auch der Gottesglaube sei eine Äußerung des Glückseligkeitstriebes.

Wenn moralisches Verhalten die Entfaltung natürlicher Gegebenheiten ist, bedeutet dies umgekehrt, dass die Moral an menschenwürdige Lebensverhältnisse geknüpft ist. Feuerbach wurde in diesem Punkt politisch, er berief sich auch ausdrücklich auf die Beschreibung des Arbeiterelends im Kapital von Karl Marx: „Es gibt keine Glückseligkeit ohne Tugend, ihr habt Recht, ihr Moralisten […] aber merkt es euch, es gibt auch keine Tugend ohne Glückseligkeit – und damit fällt die Moral ins Gebiet der Privatökonomie oder Nationalökonomie“. Unter unmenschlichen Verhältnissen, betonte er, sei „auch der Moral aller Spielraum genommen […] Wo das zum Leben Notwendige fehlt, da fehlt auch die sittliche Notwendigkeit“. Seine Folgerung lautete: „Wollt ihr daher der Moral Eingang verschaffen, so schafft vor allem die ihr im Wege stehenden, materiellen Hindernisse hinweg!“

Bei der Frage der Willensfreiheit vertrat Feuerbach Positionen, die den Ansichten heutiger Psychologen und Hirnforscher nahekommen. Er verneinte zwar den freien Willen nicht grundsätzlich, sah ihm jedoch recht enge Grenzen gesetzt; eine „reine Unbestimmtheit des Willens“, wie Hegel sie postuliert hatte, lehnte er als theoretisches Abstraktum der traditionellen Philosophie und Moral von vornherein ab. Als Ausgangspunkt sah er auch hier den Glückseligkeitstrieb, denn Wille sei wesentlich Etwas-Wollen, und dieses Etwas könne nur „Wohlsein“, „Bienêtre“ sein: „Ich will, heißt: ich will nicht leiden, ich will glücklich sein.“ Das gelte sogar für den Selbstmord: „Ich kann nur dann den Tod wollen, wenn er für mich eine Notwendigkeit ist“. Da sich das Wollen „nicht jenseits, sondern diesseits“ der natürlichen Bedürfnisse abspiele, könne man unabhängig vom Glückseligkeitstrieb überhaupt nicht von Willen reden: „Wo aber ein Wesen aufhört, Glückseligkeit zu wollen, da hört es auf überhaupt zu wollen“. Oder kürzer: „Wille ist Glückseligkeitswille.“

Die zweite Grenze für die Willensfreiheit sah Feuerbach im individuellen Charakter. Hier traf er die Feststellung: „Mein Wesen ist nicht Folge meines Willens, sondern umgekehrt mein Wille Folge meines Wesens.“ Der Mensch sei also nicht, was er wolle, sondern er wolle, was er sei: Dem arbeitsamen Typ fällt es leicht, arbeiten zu wollen, das Genießenwollen hingegen fällt ihm schwer; beim Genießertyp ist es umgekehrt. Den Menschen ist dies zumeist nicht bewusst, deshalb verwechseln sie die Leichtigkeit, mit denen sie das eine oder andere wollen können, mit Willensstärke – und unterdrücken damit anders Veranlagte, denen sie entsprechende Willensschwäche vorwerfen: Weil „der Mensch von dem Wesen hinter seinem Bewusstsein nichts weiß, als was eben mit dem Willen vor sein Bewusstsein tritt, so setzt er den Willen selbst vor sein Wesen, macht ihn zum Apriori desselben, sein individuelles Wesen andern zum Gesetz, sein Sein zum Sein-Sollen für sie. ‚Ich bin heilig, darum sollt ihr heilig sein‘“

Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt

Karl Marx

Den bedeutendsten und direktesten Einfluss übte Feuerbach auf die Herausbildung der marxschen Philosophie aus. Marx übernahm von ihm nicht nur die Religionskritik (die er politisch radikalisierte), sondern auch und vor allem den anthropologischen Materialismus. Dieser war für ihn die theoretische Grundlage, hinter die nicht zurückgeschritten werden durfte. Explizit bezeugen dies die Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, wo es in der Vorrede heißt: „Von Feuerbach datiert erst die positive humanistische und naturalistische Kritik. Je geräuschloser, desto sicherer, tiefer, umfangsreicher und nachhaltiger ist die Wirkung der Feuerbachischen Schriften, die einzigen Schriften seit Hegels Phänomenologie und Logik, worin eine wirkliche theoretische Revolution enthalten ist“. Auf dem Boden dieser „theoretischen Revolution“, die die materielle Wirklichkeit als die primäre erklärt und damit die idealistische Philosophie „vom Kopf auf die Füße stellt“, steht auch noch Das Kapital: „Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“

Den grundlegenden Unterschied deutet Marx bereits 1843 in einem Brief an Arnold Ruge an, wo er über Feuerbachs Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie schreibt: „Feuerbachs Aphorismen sind mir nur in dem Punkte nicht recht, dass er zu sehr auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden kann. Doch wird’s wohl gehen wie im sechzehnten Jahrhundert, wo den Naturenthusiasten eine andere Reihe von Staatsenthusiasten entsprach.“ Für Marx ist das „Bündnis mit der Politik“ entscheidend, denn für ihn geht es darum, „die Welt zu verändern“. Dieser Primat der Politik lässt ihn in kritischer Absetzung zu Feuerbach einen eigenen theoretischen Weg suchen, der sich in den Thesen über Feuerbach (1845) andeutet: „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv.“ Das „Wesen“ des Menschen interessiert nicht in seiner Naturgegebenheit, sondern als „Ensemble der menschlichen Verhältnisse“. Die praktische Konsequenz der Philosophie ist für Marx deshalb nicht wie für Feuerbach „Anthropologie“, sondern Kritik der Ökonomie und Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse. Um die historischen Entwicklungsprozesse und die konkreten gesellschaftlichen Antagonismen zu beschreiben, greift er auf Konzepte Hegels wie die Die Entfremdung der Arbeit und die Dialektik zurück.

In der marxistischen Literatur herrschte bis vor wenigen Jahrzehnten die Tendenz vor, Feuerbachs Materialismus lediglich als fortgeschrittenste Stufe des vormarxschen Materialismus anzuerkennen. Entsprechend galt der marxsche Materialismus als theoretisch höher entwickelt, während man Feuerbach vorwarf, er habe Wesentliches „übersehen“ oder nicht zu leisten vermocht. Die verbreitete Aneignung der marxschen Perspektive verstellte den Blick für die Kernpunkte der Philosophie Feuerbachs, so dass von dieser oft nur Rudimente übrigblieben. Das im 20. Jahrhundert erworbene Wissen über die menschliche Psyche und die Humanbiologie einerseits, die vom „tätigen“ Menschen an der Natur angerichteten Schäden andererseits verschafften in letzter Zeit Feuerbachs eindringlichem Verweis auf „Natur“ und „Sinnlichkeit“ eine neue Legitimität. So steht Feuerbachs anthropologischer Materialismus heute wohl gleichberechtigt neben Marx’ historischem Materialismus.

Richard Wagner

Wagner war etwa zehn Jahre lang ein glühender Feuerbach-Anhänger. Seine musiktheoretische Arbeit Das Kunstwerk der Zukunft (1850) war Feuerbach gewidmet und enthielt eine Widmung an ihn (in den späteren Auflagen war sie getilgt). Ende 1851 lud er Feuerbach brieflich ein, zusammen mit ihm und Georg Herwegh den Winter in der Schweiz zu verbringen. Doch Mitte der 1850er Jahre wandte sich Wagner Schopenhauer zu.

Gottfried Keller

Der Zürcher Dichter Gottfried Keller gehörte 1848/49 in Heidelberg zum Kreis um Feuerbach und löste sich unter seinem Einfluss vom Glauben an Gott und Unsterblichkeit, die er zuvor verteidigt hatte. In seinem autobiographischen Bildungsroman Der grüne Heinrich schilderte er die endgültige Hinwendung des Romanhelden zur Diesseitigkeit im Kapitel „Der gefrorne Christ“: „Jetzt griff ich zu den eben in der Verbreitung begriffenen Werken des lebenden Philosophen, der nur diese Fragen in seiner klassisch monotonen aber leidenschaftlichen Sprache, dem allgemeinen Verständnisse zugänglich, um und um wendete und gleich einem Zaubervogel, der in einsamem Busche sitzt, den Gott aus der Brust von Tausenden hinweg sang.“

Friedrich Nietzsche

Nietzsche hatte sich in seiner Jugend die philosophische Bildung selbst angeeignet. Seine Lektüren waren entsprechend unsystematisch, aber Feuerbach zählte zu den gelesenen Autoren; die Gedanken über Tod und Unsterblichkeit und Das Wesen des Christentums standen sogar auf dem Wunschzettel zu seinem siebzehnten Geburtstag. Mehrfach wurde in der Sekundärliteratur auf Parallelen zwischen Jugendschriften Nietzsches und Feuerbachs Philosophie hingewiesen. In den veröffentlichten Werken kommt diese allerdings nicht vor. Der reifere Nietzsche notierte: „Fichte, Schelling, Hegel, Schleiermacher, Feuerbach, Strauß – alles Theologen.“ Und: „Fichte, Schelling, Hegel, Feuerbach, Strauß – das stinkt alles nach Theologen und Kirchenvätern.“

Für Karl Marx (1818–1883) waren Praxis und Theorie nur als Einheit begreifbar. In seiner Sicht hatte Hegel „die Welt auf den Kopf gestellt“, d. h. die Idee zum Ausgangspunkt gemacht. Stattdessen wollte er die Dialektik auf die materielle Wirklichkeit anwenden. Verbunden mit Feuerbachs Materialismus entwickelte er diesen Gedanken zum historischen Materialismus:     „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Karl Marx wurde 1818 als drittes Kind des Anwaltes Heinrich (Heschel) Marx (1777–1838) und von Henriette Marx in Trier (Provinz Großherzogtum Niederrhein, ab 1822 Rheinprovinz) geboren. Die Heirat hatte am 22.11.1814 in Nijmegen stattgefunden.

Henriette Presburg (auch bekannt als Henriette Marx sowie in der Schreibweise Henriette Preßburg, geboren 20. September 1788 in Nijmegen; gestorben 30. November 1863 in Trier), Ehefrau von Heinrich Marx und Mutter von Karl Marx. Eine Schwester von Henriette heiratete Lion Philipps (aus dessen Familie der Elektrokonzern Philipps hervorging).

Karl Marx war mütterlicherseits Cousin dritten Grades des deutschen Dichters Heinrich Heine, der auch aus einer jüdischen Familie stammte und mit dem Marx während seiner Pariser Zeit in engem Kontakt stand. Ein Cousin ersten Grades von Karl Marx war Frederik Philips (1830-1900), der 1891 mit seinem Sohn Gerard den niederländischen Elektrikkonzern Philips gründete. Heinrich Marx stammte väterlicher- und mütterlicherseits aus einer bedeutenden Rabbinerfamilie. Er war von 1811 bis 1813 Gerichtsdolmetscher und vereidigter Übersetzer im damals französischen Osnabrück, im Département Hanséatique Oberems. Zwischen 1816 und 1822 konvertierte er zum Protestantismus, da er als Jude unter der preußischen Obrigkeit sein unter der napoleonischen Regierung angetretenes Amt als „Avoué“ / „Advokat-Anwalt“ nicht hätte weiterführen dürfen. Am 26. August 1824 wurden die Kinder des Ehepaares in der elterlichen Wohnung getauft. Die Mutter Henriette ließ sich erst am 20. November 1825 taufen, da sie fürchtete, ihre Familie, allen voran ihr Vater, würde die Konvertierung missbilligen.

Von 1830 bis 1835 besuchte Karl Marx das Gymnasium zu Trier, wo er zusammen mit seinem Freund und späteren Schwager Edgar von Westphalen (1819-1890, Kommunist) mit 17 Jahren das Abitur mit einem Durchschnitt von 2,4 ablegte. 1836 verlobte sich Karl Marx in Trier mit Edgars Schwester Jenny von Westphalen (1814–1881).

1835 ging er zum Studium der Rechtswissenschaften und der Kameralistik nach Bonn. In Bonn besuchte er juristische Vorlesungen bei Ferdinand Walter (1794-1879), Eduard Puggé (1802-1836) und Vorlesungen bei den Philologen Friedrich Gottlieb Welcker (1784-1868) und August Wilhelm Schlegel (1767-1845).

Ein Jahr später wechselte er an die Friedrich-Wilhelms-Universität nach Berlin und besuchte juristische Vorlesungen bei dem Hegelianer Eduard Gans (1797-1839, Kriminalrecht und Preußisches Landrecht, 1825 getaufter Jude), Friedrich Carl von Savigny (Begründer der historischen Rechtsschule, 1779-1861, Pandekten), Henrich Steffens (Anthropologie), August Wilhelm Heffter (Kirchenrecht, gemeiner deutscher Zivilprozess), Georg Andreas Gabler (Logik), Carl Ritter (allgemeine Geographie), Adolf August Friedrich Rudorff (Erbrecht), Bruno Bauer (1809-1862, Rechtshegelianer) und Carl Eduard Geppert (1811-1881, Philologe, Euripides), ließ aber das Jura-Studium gegenüber Philosophie und Geschichte in den Hintergrund treten. Hier stieß Marx zum Kreis der Jung- oder Linkshegelianer („Doctorclub“), deren bedeutendste Vertreter die Brüder Bruno und Edgar Bauer (1820-1886) waren.

Georg W. F. Hegel, der 1831 starb, hatte zu seiner Zeit einen starken Einfluss auf das geistige Leben in Deutschland. Das hegelianische Establishment (auch bekannt als „Alt- oder Rechtshegelianer“) sah den preußischen Staat als Abschluss einer Serie von dialektischen Entwicklungen: eine effiziente Bürokratie, gute Universitäten, Industrialisierung und ein hoher Beschäftigungsgrad. Die Linkshegelianer, zu denen Marx gehörte, erwarteten weitere dialektische Änderungen, eine Weiterentwicklung der preußischen Gesellschaft, die sich mit Problemen wie Armut, staatlicher Zensur und der Diskriminierung der Menschen, die sich nicht zum lutherischen Glauben bekannten, zu befassen hatte.

Am 15. April 1841 wurde Marx in absentia an der Universität Jena mit einer Arbeit zur Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie zum Doktor der Philosophie promoviert. Auf eine Professur rechnend, zog Marx hierauf nach Bonn; doch verwehrte die Politik der preußischen Regierung ihm – wie Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und anderen – die akademische Laufbahn, galt Marx doch als ein führender Kopf der oppositionellen Linkshegelianer.

Um diese Zeit gründeten liberale Bürger in Köln die Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe als gemeinsames Organ der verschiedenen oppositionellen Strömungen von monarchistischen Liberalen bis zu radikalen Demokraten. Marx wurde ein Hauptmitarbeiter des Blattes, das am 1. Januar 1842 erstmals erschien. Am 15. Oktober 1842 übernahm Marx die Redaktion der Zeitung, welche von da an einen noch radikaleren oppositionellen Standpunkt vertrat. Marx, Arnold Ruge und Georg Herwegh gerieten zu dieser Zeit in einen politischen Dissens zu dem Kreis um ihren Berliner Korrespondenten Bruno Bauer, dem Marx vorwarf, das Blatt „vorwiegend [als] ein Vehikel für theologische Propaganda und Atheismus etc. statt für politische Diskussion und Aktion“ zu benutzen. Aufgrund der Karlsbader Beschlüsse unterlag das gesamte Pressewesen der Zensur, die hinsichtlich der Rheinischen Zeitung besonders streng war. Die preußische Obrigkeit schickte zunächst einen Spezialzensor aus Berlin. Als dies nicht half, musste jede Ausgabe in zweiter Instanz dem Kölner Regierungspräsidenten vorgelegt werden. Weil Marx’ Redaktion auch diese doppelte Zensur regelmäßig unterlief, wurde schließlich das Erscheinen der Zeitung zum 1. April 1843 untersagt.

Übergang zum Kommunismus (1843–1849)

1843 heiratete Marx seine vier Jahre ältere Verlobte Jenny von Westphalen in Kreuznach. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor, von denen nur die drei Töchter Jenny, Laura und Eleanor das Kindesalter überlebten.

Am 11. oder 12. Oktober 1843 trafen Marx und seine Frau in Paris ein. Marx begann dort, zusammen mit Arnold Ruge, die Zeitschrift Deutsch-Französische Jahrbücher herauszugeben.

Arnold Ruge (* 13. September 1802 in Bergen auf Rügen; † 31. Dezember 1880 in Brighton) war ein deutscher Schriftsteller. 1848/1849 gehörte er der Frankfurter Nationalversammlung an, wo er die demokratische Linke vertrat. Als Privatdozent begann sich Ruge in vielen Artikeln in den „Blättern für litterarische Unterhaltung“ für Pressefreiheit, Volkssouveränität u.ä. einzusetzen und wurde schon bald zum Mittelpunkt der Junghegelianer.

Aufgrund seiner Tätigkeit begann auch der briefliche Kontakt mit Friedrich Engels, der zwei Artikel beigetragen hatte. Von der Zeitschrift erschien allerdings nur ein Doppelheft und dies auch nur in deutscher Sprache, weil Louis Blanc (1811-1882, für Recht auf Arbeit als Bürgerrecht), utopischer Sozialist, Begründer der Sozialdemokratie, und der Ökonom und Soziologe Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) keine Artikel lieferten. Zwischen den beiden Redakteuren traten bald prinzipielle Differenzen zutage. Ruge blieb der hegelschen Philosophie und der bürgerlichen Demokratie verpflichtet; Marx begann, sich mit politischer Ökonomie zu beschäftigen und durch Kritik an den französischen Sozialisten einen eigenständigen Standpunkt zu entwickeln.

Die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 sind Marx’ erster Entwurf eines ökonomischen Systems, der zugleich die philosophische Richtung deutlich macht. Marx entwickelt dort erstmals ausführlich seine an Hegel angelehnte Theorie der „entfremdeten Arbeit“.

Marx kam dort zu dem Schluss, dass der Arbeiter durch seine Tätigkeit fortwährend einen immer größeren, ihm fremden Reichtum in Form von Privateigentum in den Händen der Kapitalistenklasse produziert, vermittels welchem er erneut ausgebeutet wird.

Marx’ und Engels’ in Abgrenzung gegen die zeitgenössischen sozialistischen und junghegelianischen Strömungen in der „Deutschen Ideologie“ (1845/46, erschienen 1932) entworfene Grundlegung eines „historischen Materialismus“ stellt durch die Betonung der sozialen und materiellen Triebkräfte der Geschichte einen unmittelbaren Vorläufer der Soziologie dar.

Unter dem Begriff Historischer Materialismus werden Theorien zur Erklärung von Gesellschaft und ihrer Geschichte zusammengefasst, die gemäß der „materialistischen Geschichtsauffassung“ von Karl Marx und Friedrich Engels gebildet sind:

„Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“

– Friedrich Engels

Veranstaltung vom 02.05.2017

Vorspann Karl Marx

Familie von Karl Marx wurde vorgestellt, die Eltern entstammten bedeutenden Rabbinerfamilien. Berufliche Gründe leiteten den Vater bei der Konversion zum protestantischen Glauben. Von Karl Marx Studium und seiner schriftstellerischen Tätigkeit war die Rede, sein Anschluss an den Linkshegelianismus und seine Zuwendung zur materialistischen Weltanschauung und zum Kommunismus in den 1840er Jahren, schließlich vom Beginn seiner Exilaufenthalte in Paris und in Brüssel und seiner Freundschaft mit Friedrich Engels.

Der Historische Materialismus sieht den Ablauf der Geschichte als eine durch ökonomische Prozesse gesetzmäßig bestimmte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Als materielle Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung werden die sozio-ökonomischen Widersprüche aufgefasst, die die Gesellschaftsformationen auf den unterscheidbaren Entwicklungsstufen kennzeichnen und den „Kampf und die Einheit der Gegensätze“ (Dialektik bei Marx und Engels). Die Lösung der dem jeweiligen Gesellschaftssystem innewohnenden, antagonistischen Widersprüche führt gesetzmäßig zu gesellschaftlichen Veränderungen und zur Herausbildung einer neuen Gesellschaftsformation. Die materialistische Geschichtsauffassung versteht sich als eine dialektische Überwindung des Idealismus Hegels, für den noch der Geist bzw. die Idee(n) und ihr Denken die Geschichte bewirkte bzw. diese überhaupt ausmachte.

Indem der Mensch seine Umwelt durch seine Arbeit verändert, produziert er sich selbst als gegenständliches und gesellschaftliches Wesen. Zur Reproduktion seines Lebens geht er mit anderen Menschen historisch bestimmte Beziehungen ein; diese gesellschaftlichen Verhältnisse wirken auf ihn zurück, machen letztlich sein geschichtliches Wesen oder seine besondere Natur aus.

Marx hatte sich außerdem an der Redaktion des in Paris erscheinenden deutschen Wochenblattes Vorwärts! beteiligt, das den Absolutismus der deutschen Länder – besonders Preußens – angriff, unter Marx’ Einfluss bald mit deutlich sozialistischer Ausrichtung. Die preußische Regierung setzte deswegen seine Ausweisung aus Frankreich durch, so dass Marx Anfang 1845 nach Brüssel übersiedeln musste, wohin Engels ihm folgte. Bei einer gemeinsamen Studienreise nach England im Sommer 1845 knüpften sie Verbindungen zum revolutionären Flügel der Chartisten. Marx gab Anfang Dezember 1845 die preußische Staatsbürgerschaft auf und wurde staatenlos, nachdem er erfahren hatte, dass die preußische Regierung vom belgischen Staat seine Ausweisung erwirken wolle. Spätere Gesuche, seine Staatsbürgerschaft wiederherzustellen (1848 und 1861), blieben erfolglos.

Anfang 1846 gründeten Marx und Engels in Brüssel das Kommunistische Korrespondenz-Komitee, dessen Ziel die inhaltliche Einigung und der organisatorische Zusammenschluss der revolutionären Kommunisten und Arbeiter Deutschlands und anderer Länder war; so wollten sie den Boden für die Bildung einer proletarischen Partei bereiten. Schließlich traten Marx und Engels in Verbindung mit Wilhelm Weitlings sozialistischem Bund der Gerechten, in dem sie 1847 Mitglieder wurden. Noch im selben Jahr setzte Marx die Umgründung zum Bund der Kommunisten durch und erhielt den Auftrag, dessen Manifest zu verfassen. Es wurde im Revolutionsjahr 1848 veröffentlicht und ging als Kommunistisches Manifest (eigentlich: Manifest der Kommunistischen Partei) in die Geschichte ein.

Die französische Februarrevolution 1848 löste in ganz Europa politische Erschütterungen aus; als diese Brüssel erreichten, wurde Marx verhaftet und aus Belgien ausgewiesen. Da ihn inzwischen die neu eingesetzte provisorische Regierung der Französischen Republik wieder nach Paris eingeladen hatte, kehrte er dorthin zurück; nach Ausbruch der deutschen Märzrevolution ging Marx nach Köln. Dort war er einer der Führer der revolutionären Bewegung in der preußischen Rheinprovinz und gab die Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie heraus, in der unter anderen erstmals die unvollendet gebliebene Schrift Lohnarbeit und Kapital abgedruckt wurde. Die Zeitung konnte am 19. Mai 1849 zum letzten Mal erscheinen, bevor die preußische Reaktion ihr Erscheinen unterband.

Londoner Exil (1849–1864)

Marx kehrte zunächst nach Paris zurück, wurde aber schon einen Monat später vor die Wahl gestellt, sich entweder in der Bretagne internieren zu lassen oder Frankreich zu verlassen. Marx ging daraufhin mit seiner Familie ins Exil nach London, wo er vor allem anfangs in dürftigen Verhältnissen von journalistischer Tätigkeit sowie finanzieller Unterstützung vor allem von Engels überlebte, der Marx nach England folgte. Politisch widmete er sich der internationalen Agitation für den Kommunismus, theoretisch entwickelte er wesentliche Elemente seiner Analyse und Kritik des Kapitalismus.

London (1872–1883)

An der Vollendung seiner stetig vorangetriebenen ökonomischen Arbeiten hinderte Marx seine zunehmende Kränklichkeit. In den Jahren von 1862 bis 1874 litt er an einer Hautkrankheit, die ihn stark behinderte. Um sicher nach dem Kontinent zu reisen, stellte Marx am 1. August 1874 einen Antrag auf die britische Staatsbürgerschaft, der aber am 17. August abgelehnt wurde mit der Begründung, er sei ein “notorius agitator, the head of the International Society, and an advocate of Communistic principles. This man has not been loyal to his own King and Country”. 1874, 1875 und 1876 war Marx zu Kuraufenthalten in Karlsbad und 1877 in Neuenahr.

Am 2. Dezember 1881 starb seine Frau Jenny Marx, am 11. Januar 1883 „die vom Mohr am meisten geliebte Tochter“ Jenny. Marx verstarb am 14. März 1883 im Alter von 64 Jahren in London und wurde am 17. März 1883 auf dem Highgate Cemetery beigesetzt.

Grab von Karl Marx

auf dem Highgate Cemetery < Highgate Cemetery ist ein 1839 eröffneter Friedhof im heutigen Stadtbezirk Camden der britischen Hauptstadt London. Er gehört zu den Magnificent Seven, einer Reihe von Friedhöfen, die innerhalb von zehn Jahren rund um London entstanden. Auf Highgate Cemetery sind viele Exilanten begraben, zum Beispiel der deutsche Philosoph Karl Marx.>

Friedrich Engels hielt eine Trauerrede. Die wissenschaftlichen Leistungen von Karl Marx hat Engels in seiner Grabrede in zwei wesentliche Entdeckungen zusammengefasst:

„Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: […]; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt.“ Friedrich Engels, Das Begräbnis von Karl Marx, MEW, Band 19, 335–339.

Realismus

Literatur: Als Realismus wird eine Literaturströmung des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus eine epochenunabhängige literarische Darstellungsweise bezeichnet. Der Realismus als Epoche der Literatur wird im Zeitraum zwischen 1848 und 1890 angesiedelt. Die Periode der deutschen Literaturgeschichte zwischen 1850 und 1899 wird auch „bürgerlicher Realismus“ oder „poetischer Realismus“ (so Otto Ludwig) genannt; diese Begriffe betonen bestimmte Konzepte und Merkmale des Realismus.

Heinrich Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) gilt als literarischer Spiegel Preußens und als bedeutendster deutscher Vertreter des Realismus. Er wurde am 30. Dezember 1819 als Sohn des Apothekers Louis Henry Fontane (1796–1867) und Emilie Fontane geb. Labry (1797–1869) geboren. Beide Eltern waren hugenottischer Herkunft. Fontanes Großvater war der Maler und Musiklehrer Pierre Barthélemy Fontane (1757–1826), später Kabinettssekretär von Königin Luise von Preußen. Er erhielt diesen Posten nach der Flucht des Königs nach Königsberg, die der Niederlage bei der Schlacht bei Jena und Auerstedt folgte. 1806 wurde Pierre Barthélemy Fontane Kastellan (Aufsichtsbeamter) von Schloss Schönhausen, das nach dem Tode der Ehefrau Friedrichs II. nur noch wenige Monate im Jahr bewohnt wurde. Zur DDR-Zeit residierten hier Wilhelm Pieck als Präsident der DDR und Walter Ulbricht als Vorsitzender des Staatsrates.

Familienursprung der Fontanes in Frankreich: Jacques Fontane, geb. 1664 in Nimes, Strumpfwirker, wahrscheinlich aus den Cevennen. Er emigrierte nach Berlin. Hugenotten ist die etwa seit 1560 gebräuchliche Bezeichnung für die französischen Protestanten im vorrevolutionären Frankreich. Ihr Glaube war stark vom Calvinismus beeinflusst.

Ab 1530 wurde die Glaubensausübung der Protestanten durch den katholischen Klerus und den König stark unterdrückt. Es folgten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kriegerische Auseinandersetzungen, auch als Hugenottenkriege bekannt. Daraufhin begannen noch stärkere Verfolgungen, die unter Ludwig XIV. durch das Edikt von Fontainebleau ab 1685 einen Höhepunkt erreichten und eine Fluchtwelle von etwa einer Viertelmillion Hugenotten in die protestantisch dominierten Gebiete in Europa und Übersee auslösten.

Die französischen Protestanten bilden im vorwiegend katholischen Frankreich heute eine Minderheit, die in der Vereinigten Protestantischen Kirche Frankreichs organisiert ist.  1 % Anteil in ganz Frankreich, 17 % in Elsass und Lothringen, 250.000 Gemeindemitglieder. >

Um das Jahr 1685 flohen fast 50.000 Hugenotten nach Deutschland, etwa 20.000 davon in Brandenburg-Preußen, wo Kurfürst Friedrich Wilhelm ihnen mit dem Edikt von Potsdam besondere Privilegien gewährte. Gleich zwei Regimenter wurden von Hugenotten gebildet. Der Kurfürst begründete die Aufnahme der Hugenotten mit Mitleid für seine bedrängten Glaubensbrüder. Das brandenburgische Fürstenhaus der Hohenzollern gehörte seit 1613 der calvinistischen Glaubensrichtung an, anders als die große Mehrzahl seiner lutherisch-protestantischen Untertanen. Der Patriotismus der Hugenotten wurde in Deutschland nie in Frage gestellt, auch in der Nazizeit nicht.

Viele Hugenotten durchquerten die Schweiz auf dem Weg nach Deutschland und in andere Exilländer. Etwa 20.000 Hugenotten blieben dauerhaft in der Schweiz ansässig.

Fontanes Vater veräußerte die in der Mitte der Stadt Ruppin gelegene Apotheke (das heute denkmalgeschützte Fontane-Haus, Löwen-Apotheke in der Karl-Marx-Straße 84) wegen seiner Spielschulden und erwarb nach Tilgung der Schulden in Swinemünde eine kleinere Apotheke.

Von 1832 bis 1833 besuchte Fontane das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Neuruppin, anschließend eine Berliner Gewerbeschule. Im Jahre 1836 brach er diese Ausbildung ab und begann eine Ausbildung zum Apotheker. Nach dem Abschluss seiner Lehre im Dezember 1839 trat Fontane im Herbst 1840 eine Stelle als Apothekergehilfe in Burg (bei Magdeburg) an, vom April 1841 bis Februar 1842 in der Adler-Apotheke in der Leipziger Hainstraße 9, danach in der Salomonis-Apotheke in Dresden, schließlich in der Apotheke des Vaters in Letschin (Landkreis Märkisch-Oderland in Brandenburg).

Seit der Leipziger Zeit (1841) war Fontane Mitglied in literarischen Vereinen. Am 8. Dezember 1845 verlobte er sich mit Emilie Rouanet-Kummer (1824–1902), seiner späteren Ehefrau.

Im März 1847 erhielt Fontane seine Approbation als „Apotheker erster Klasse“. Im folgenden Jahr – inzwischen war er Angestellter in der Apotheke Zum Schwarzen Adler am Georgenkirchplatz in Berlin – kämpfte Fontane als Revolutionär in den sogenannten Barrikadenkämpfen. Zu dieser Zeit publizierte er vier eher radikale Texte in der Berliner Zeitungs-Halle, dem Publikationsorgan des Centralausschusses der Demokraten Deutschlands.

Schriftsteller, Journalist und Theaterkritiker

Am 30. September 1849 entschloss sich Theodor Fontane, den Apothekerberuf völlig aufzugeben und als freier Schriftsteller zu leben. Es entstanden zuerst politische Texte in der radikal-demokratischen Dresdner Zeitung. In diesem Jahr wurde auch sein erstes Buch veröffentlicht: Männer und Helden. Acht Preußenlieder. Preußische Geschichte dargestellte am Leitfaden der Biografien von acht preußischen Feldherren.

Am 16. Oktober 1850 heiratete er Emilie Rouanet-Kummer. Sie zogen zusammen in eine Wohnung in Berlin. Anfangs hatten sie finanzielle Probleme, da Theodor Fontane keine Anstellung fand. Ein Jahr später wurde er von der Centralstelle für Preßangelegenheiten angestellt. Für diese machte er Reisen nach London (1852) und lebte dort von 1855 bis 1859. Fontane erhielt seitens der preußischen Regierung die Aufgabe, in London Presseberichte zugunsten der preußischen Außenpolitik in englische und deutsche Zeitungen zu lancieren. Er unterstand dabei dem Londoner Botschafter Albrecht von Bernstorff. Fontane sollte auch deutsche Emigranten für die preußische Politik gewinnen. Wie Edgar Bauer berichtete, war Fontane „ein hiesiger Agent der Preußischen Regierung“.

Mit dem Regierungswechsel im preußischen Königshaus vertraute er auf eine künftige Liberalisierung in Preußen und beendete seine Korrespondententätigkeit in London, um nach Hause zurückzukehren. Hier fand er jedoch keine redaktionelle Anstellung und widmete sich nun der Reiseliteratur, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen regelrechten Boom erlebte. So fanden Artikel und Bücher über Reisen in den Orient, nach Europa und in andere Gebiete sowie die damit verbundenen Abenteuer und Gefahren große öffentliche Aufmerksamkeit. Aus den Reiseberichten, angereichert mit Geschichte und Geschichten, entstand 1861 das Büchlein Grafschaft Ruppin, das bereits ein Jahr später die zweite Auflage mit dem Obertitel Wanderungen durch die Mark Brandenburg erhielt. Bis wenige Jahre vor seinem Tode überarbeitete Fontane diesen ersten Band, der insgesamt fünf Auflagen erlebte, änderte und ergänzte ihn, zum Teil mit seinem ehemaligen Neuruppiner Nachbarsjungen, dem Kaufmann Alexander Gentz. Zum Wanderungswerk gehören noch weitere drei Bände sowie ein heute publiziertes, zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenes Konvolut. Das Wanderungswerk bildet die Grundlage für das spätere epische Schaffen Fontanes.

Das fünfbändige Werk Wanderungen durch die Mark Brandenburg ist das umfangreichste des Schriftstellers. Es beschreibt darin Schlösser, Klöster, Orte und Landschaften der Mark Brandenburg, ihre Bewohner und ihre Geschichte. Zwischen 1862 und 1889 erschienen, ist das Werk Ausdruck eines gewachsenen preußischen Nationalbewusstseins und der Romantik. Die Eindrücke und historischen Erkenntnisse, die Fontane während der Arbeit an den „Wanderungen“ gewann, bildeten die Grundlage für seine späteren großen Romane wie Effi Briest oder Der Stechlin.

Das Werk findet auch heute noch eine große Resonanz. Nicht nur Prospekte, Reiseführer und Landschaftsbeschreibungen aus der Mark zitieren Fontane mit Vorliebe, sondern auch die historische Forschung hat nach langem Zögern Fontane anerkannt. Die ungebrochene Faszination des Werkes beruht auf der Mischung aus genauer Beschreibung, kulturhistorischem Hintergrund und literarischer Ausdruckskraft des Erzählers. Der Autor betrieb als einer der bedeutendsten Vertreter des bürgerlichen Realismus für seine Darstellungen intensive Forschungen zur märkischen Geschichte.

Den Höhepunkt der historischen Darstellung erreichte Fontane mit dem letzten Band „Fünf Schlösser“, denn, so führt er im Vorwort aus, „wenn ich meine Wanderungen vielleicht als Plaudereien oder Feuilletons bezeichnen darf, so sind diese Fünf Schlösser ebenso viele historische Spezialarbeiten […].“ Diese Spezialarbeit hatte Fontane nicht als Fortsetzung der bis dahin erschienenen vier Bände vorgesehen, sie wurde erst nach seinem Tod in die „Wanderungen“ eingereiht. Im Gegensatz zum fünften wird in den ersten vier Bänden „wirklich gewandert, und wie häufig ich das Ränzel abtun und den Wanderstab aus der Hand legen mag, um die Geschichte von Ort und Person erst zu hören und dann weiter zu erzählen, immer bin ich unterwegs, immer in Bewegung und am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune.“

Die fünf Bände geben die betroffenen Teilregionen an: Die Grafschaft Ruppin (Folgeauflagen zu Lebzeiten Fontanes: 1865, 1875, 1883, 1892, 1896); 1863: Das Oderland (1868, 1880, 1889, 1892); 1873: Havelland (1880, 1889, 1892); 1882: Spreeland (1886, 1892); 1889: Fünf Schlösser (eher „Fünf Herrensitze“ laut Fontanes Vorwort)

Der märkische und der schottische Scott

Die märkische Landschaft, die kulturhistorische Genauigkeit und die quellenmäßige Fundierung nahm bereits in den Romanen von Willibald Alexis einen zentralen Stellenwert ein.

Willibald Alexis (eigentlich Georg Wilhelm Heinrich Häring; * 29. Juni 1798 in Breslau; † 16. Dezember 1871 in Arnstadt) entstammte einer hugenottischen Familie, er gilt als Begründer des realistischen historischen Romans in der deutschen Literatur, Fontane als Verkörperung des Höhepunkts des bürgerlichen Realismus. Lässt Alexis in dem Roman Die Hosen des Herrn von Bredow (1846) seine Romanperson Ruprecht die Gründungslegende des Zisterzienser-Klosters Lehnin zwar wortreich ausgeschmückt, aber historisch genau berichten, verlässt Fontane in den „Wanderungen“ das Gestaltungsmittel Roman und erzählt die gleiche Legende als historischen Bericht. Beide Schriftsteller standen politisch im bürgerlich-liberalen Lager, beide waren Theaterkritiker bei der Vossischen Zeitung und beide fanden ihre Stoffe in der brandenburgisch-preußischen und Berliner Geschichte. Trotz dieser Berührungspunkte las Fontane den sogenannten „Märkischen Walter Scott“ erstmals Ende der 1860er-Jahre.

Sir Walter Scott, (* 15. August 1771 in Edinburgh; † 21. September 1832 in Abbotsford) war ein schottischer Dichter und Schriftsteller. Er war einer der – nicht nur in Europa – meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Viele seiner historischen Romane sind Klassiker geworden und haben als Vorlage für zahlreiche Schauspiele, Opern und Filme gedient.

Historienromane des großen Alexis-Vorbildes, des Schotten Walter Scott, wie Ivanhoe (1820) hatte Fontane schon in seiner Jugendzeit genossen; er selbst resümierte in einem Brief: „[…] haben beide meine spätere Schreiberei beeinflusst, aber nur ganz allgemein, in der Richtung. Bewusst bin ich mir im einzelnen dieses Einflusses nie gewesen.“ In einem Essay von 1872 über Willibald Alexis kritisierte Fontane dessen Geschichtsverklärung in einigen Passagen insbesondere zum Berliner Bürgertum sowie seine oft zu weit ausladende Form. Einen persönlichen Austausch zwischen den beiden großen märkischen Romanciers hat es nicht gegeben; lediglich in seiner Kindheit hat Fontane seinen „Vorgänger“ Alexis einmal im Ostseebad Heringsdorf auf der Insel Usedom getroffen. Er wusste natürlich nicht, dass er den literarischen Realismus des Feriengastes Alexis in späteren Jahren zum Gipfel führen sollte.

Die Idee zu den Wanderungen kam Fontane, wie er im Vorwort zum ersten und im Schlusswort zum vierten Band erzählt, während seiner in Jenseit des Tweed (Grenzfluss zwischen England und Schottland) literarisch verarbeiteten Schottland-Reise im Sommer 1858. Der Anblick der alten schottischen Burg Loch Leven Castle rief ein wehmütiges Bild vom Schloss Rheinsberg mit der Empfindung hervor, die Rheinsberg-Tour in der „Heimat“ sei nicht „minder schön“ als die schottische gewesen. „Je nun, so viel hat Mark Brandenburg auch. Geh’ hin und zeig’ es.“ Der „aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimat geboren[e]“ Entschluss, die Kostbarkeiten der Landschaft und Kultur in Zukunft zu Hause statt im Ausland zu suchen, ließ ihn zwischen 1859 und 1889 dreißig Jahre lang die Mark Brandenburg durchwandern.

Veranstaltung vom 03.05.2017

Vorspann Theodor Fontane

Fontane stammte aus einer Hugenottenfamilie. Aufgrund seiner Herkunft beherrschte er die französische Sprache noch sehr gut. Er war Sohn eines Apothekers und ergriff selbst den Beruf, den er ab mit 30 Jahren aufgab, um als freier Schriftsteller zu leben. Einige Jahre lebte er in London, wo er als Korrespondent der preußischen Regierung tätig war. Inspiriert durch die in seiner Zeit verbreiteten Reiseberichte, verfasste er zwischen 1862 und 1889 das fünfbändige Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Die historischen Romane von Willibald Alexis und Walter Scott inspirierten ihn zu seinen Schriften. Heimatliebe führte ihn dazu 30 Jahre lang die Mark Brandenburg zu durchwandern und dabei geographisch und kulturell zu erforschen.

Schloss Rheinsberg weckte die Heimatliebe.

Festung Küstrin und der Fall Klatte weckte sein intensives historisches Interesse.

Landschaften, Bauten, Geschichte – von Potsdam und Berlin abgesehen ist fast alles in dem Land zwischen Oder und Elbe bestenfalls durchschnittlich. Nahezu jedes andere deutsche Bundesland hat mehr zu „bieten“ – höhere Berge, eindrucksvollere Täler, wuchtigere Schlösser und gewaltigere Flüsse, die zudem „große“ Geschichte schrieben und nicht nur, wie das Flüsschen Nuthe, den Hauch der Geschichte als Grenzfluss zwischen Slawen und Deutschen bei der Gründung der Mark Brandenburg verspürten – Theodor Fontane spottete denn auch über die Nuthe und die noch kleinere Schwester Nieplitz, verglichen mit diesen Strömen wirke die Havel, als zöge die Wolga an einem vorbei. Er wollte keinesfalls „mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd […] eine seither verkannte Königin“ herausputzen. „Die Schweize werden immer kleiner“ – mit freundlicher Ironie kommentierte er die märkische Übertreibungssucht, mit der Ruppiner Schweiz und der Märkischen Schweiz „bald ebenso viele Schweize [zu besitzen], wie das alte, etwas missbräuchlich behandelte Original Kantone umschließt.“

Aber Fontane hat es verstanden, sich mit feinem Gespür für die Geschichte, die Menschen und die Natur in die eher unspektakulären, stillen Reize der Mark Brandenburg zu versenken. Der Blick und Empfindungsreichtum des Poeten für den Zauber der kleinen Dinge und die präzisen Beschreibungen des Schriftstellers machen in den „Wanderungen“ aus dem unscheinbaren Flüsschen Nuthe ein spannendes Stück Geschichte und aus flachen, sandigen Gegenden interessante, abwechslungsreiche Landschaften.

„Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Jeder Fußbreit Erde belebte sich und gab Gestalten heraus […] wohin das Auge fiel, alles trug den breiten historischen Stempel.“ Quellen des gefundenen „Reichtums“ waren für Fontane Beobachtungen und Erlebnisse sowie Gespräche mit Angehörigen aller Schichten auf seinen Wanderungen. Er vertiefte sich darüber hinaus in Briefliteratur, Memoiren, Monografien, Sagen, Legenden sowie Romane und trieb gründliche Studien zur Geschichte. Er sichtete Familienarchive, und um das älteste Kirchenbuch der Mark einzusehen, reiste er mehrfach in das Dorf Gröben. Seine Quellen hat er in der Regel als Anmerkungen angegeben.

Bögen um Potsdam und Berlin

Bei allem historischen Realismus und Quellenstudium hatte die Arbeitsweise Fontanes auch ein chaotisch-lustbetontes Element („am liebsten ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune“). Im Zusammenhang mit dieser Arbeitsweise werden die Bögen, die Fontane wegen seiner Vorliebe für die „kleinen Dinge“ um das „große“ Potsdam und das „große“ Berlin schlug, nachvollziehbar. Zum einen ließ sich in den beiden großen Städten schlecht wandern, zum anderen kam ihm die Quellenarbeit, die er hier hätte leisten müssen, uferlos vor. Die beschriebenen Dörfer, Kleinstädte, Klöster, Adelsfamilien, Rittergeschlechter oder Landschaften waren überschaubar, die historische Quellenarbeit jeweils begrenzt und in einem gegebenen Zeitrahmen abschließbar. Mit dieser Auswahl konnte er beides ein Stück weit wie vorgesehen nach Lust und Laune verbinden – das Wandern und die Schreib- und Quellenarbeit. Bereits ohne die ausführliche Aufnahme der Städte Potsdam und Berlin, die er lediglich mit einigen damals selbstständigen und heute eingegliederten Dörfern beschreibt, hatte Fontane eine derartige Menge an Material und Literatur, an Zetteln und Notizen zusammengetragen, dass er vorübergehend plante, die „Wanderungen“ in insgesamt 20 Bänden herauszubringen.

Im Schlusswort zum vierten Band zitiert Fontane, ohne Quellenangabe, eine Kritik aus seiner Zeit wie folgt: „Die nach mehr als einer Seite hin überschätzten «Wanderungen» sind Arbeiten, an denen der Mann von Fach, also der Berufshistoriker, achselzuckend oder doch mindestens als an etwas für ihn Gleichgültigem vorübergeht.“ Die Kritik fand Fontane nicht unbedingt falsch, hielt sie allerdings insofern für unberechtigt, als er nie den Anspruch erhoben habe, in die Reihe der großen Historiker eingeordnet zu werden. „Wer sein Buch einfach «Wanderungen» nennt und es zu größerer Hälfte mit landschaftlichen Beschreibungen und Genreszenen füllt, in denen abwechselnd Kutscher und Kossäten und dann wieder Krüger und Küster das große Wort führen, der hat wohl genugsam angedeutet, dass er freiwillig darauf verzichtet, unter die Würdenträger und Großkordons historischer Wissenschaft eingereiht zu werden.“

Für ein breites Publikum ist die Fontanesche Mischung aus Lokalkolorit, Erzählungen, Anekdoten und Legenden mit den „harten“ historischen Daten auch heute lesenswert; eine Vielzahl von Wandergruppen unternimmt gezielte Touren auf seinen historischen Spuren. Wenn Fontane auch nie Geschichtswissenschaftler war und auch nicht sein wollte, hat er auf diese Weise dennoch wirkungsvoller zum Verständnis der Brandenburger Geschichte und zum Geschichtsverständnis der Brandenburger beigetragen als manche wissenschaftliche Abhandlung.

Grundlage für die Romane

„Als erster hier hat er wahrgemacht, daß ein Roman das gültige, bleibende Dokument einer Gesellschaft, eines Zeitalters sein kann, daß er soziale Kenntnis gestalten und vermitteln […] kann […] Effi Briest steht bei Madame Bovary, das märkische Landfräulein neben der Bauerntochter aus der Normandie“ schrieb 1948 Heinrich Mann in seinem Essay „Theodor Fontane“. Die Erkenntnisse aus seinen Begegnungen und geschichtlichen Studien, die Fontane während der „Wanderungen“ sammelte, legten das Fundament zu seinen großen Romanen wie Effi Briest (1895) oder Der Stechlin (1899). Karge Sandflächen und unwegsame Sumpflandschaften, Luche  (Feuchtgebiete) und Elsbrüche (Erlenbruchwälder, sumpfige Gebiete), Schlösser und Kirchen, Charaktere und Geschichten, die er in den fünf Bänden beschreibt, finden sich in den Romanen wieder. Die Sage vom roten Hahn, das Leitmotiv des „Stechlin“, erzählt Fontane schon 1862 im ersten Wanderungsband.

Welch tiefe Kenntnis Fontane von der märkischen Gesellschaft und ihren Problemen, sich auf die Veränderungen der Zeit einzustellen, gewonnen hatte, zeigte schon seine 1882 erstmals in der „Vossischen Zeitung“ veröffentlichte Erzählung Schach von Wuthenow. Er zeichnete den Rittmeister Schach weder als oberflächlichen Lebemann noch als einen im preußischen Ehrbegriff erstarrten Offizier, sondern als einen Menschen, der beides ist: disziplinierter preußischer Offizier und ein geistreicher Mann, der seinen Sinnen erliegt – ein Widerspruch, den er im Leben nicht zu vereinen weiß und der zum Suizid führt. Thomas Mann arbeitete im Todesjahr Fontanes an den Buddenbrooks und las als fruchtbare Begleitlektüre „Effi Briest“, die er zu den sechs besten Romanen der Weltliteratur zählte und als besten Roman seit Goethes Wahlverwandtschaften bezeichnete.

Mit seinen späten, weitgehend auf den „Wanderungen“ beruhenden Werken ist Fontane heute in nahezu allen Literatur-Zusammenstellungen vertreten, beispielsweise im Kanon (20 Romane) von Marcel Reich-Ranicki mit Effi Briest und 2004 in der ZDF-Umfrage „Unsere Besten – Das große Lesen“ mit Effi Briest und Der Stechlin gleich zweimal unter den ersten 50 als „Lieblingsbuch der Deutschen“ (20. und 43. Platz).

Sind heute eher Fontanes Romane bekannt, erfuhren die „Wanderungen“ zu seinen Lebzeiten und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine höhere Wertschätzung. Bei allem Erfolg waren sie jedoch auch in der zeitgenössischen Beurteilung umstritten. Dem Adel waren sie zu liberal, den Liberalen waren sie zu konservativ. Einerseits war Fontane voller Liebe und Bewunderung für den preußischen Adel und voller Bewunderung für das traditionelle Preußen, andererseits stand er 1848 auf der Seite der Märzrevolution.

Sowohl in zeitgenössischen wie auch jüngeren Kritiken wurde und wird Fontanes Weitschweifigkeit angeführt. Fontane erklärte diesen zu seiner Zeit ähnlich erhobenen Vorwurf am 8. August 1883 in einem Brief an seine Frau mit seiner Neigung, sich „mit den so genannten Hauptsachen immer schnell abzufinden, um bei den Nebensachen liebevoll, vielleicht zu liebevoll, verweilen zu können […] Ich bin danach Lausedichter, zum Teil sogar aus Passion; aber doch auch wegen Abwesenheit des Löwen.“  (Mit Laus und Löwe bezieht sich Fontane auf ein von ihm zitiertes Sonett des Vormärz-Lyrikers Georg Herwegh: „Und wenn einmal ein «Löwe» vor Euch steht, sollt Ihr nicht das «Insekt» auf ihm besingen“.) Wie erwähnt machte der Lausedichter allerdings auch keinen Versuch, „Löwen“ wie Potsdam und Berlin zu bändigen.

1851 trat Fontane in die Redaktion der konservativ-reaktionären, pietistisch orientierten Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung ein, zu deren Gründungskomitee unter anderem Otto von Bismarck gehört hatte. Für diese war er bis 1870 tätig.

Ab 1870 arbeitete Fontane als Theaterkritiker der Vossischen Zeitung. Im selben Jahr nahm er Urlaub, um im Deutsch-Französischen Krieg den Kriegsschauplatz Paris zu besichtigen. In Frankreich wurde er unter falschem Verdacht als Spion verhaftet, jedoch nach einer Intervention Bismarcks zu seinen Gunsten wieder freigelassen. Seine Erlebnisse schilderte er 1871 in dem Buch Kriegsgefangen. Erlebtes 1870.

In Domrémy-la Pucelle (Vogesendepartement) wird er gefangengenommen. Bei ihm werden Waffen und Legitimationspapiere für preußische Militärdienststellen gefunden. Außerdem trägt er unbefugt am Arm eine Rotkreuzbinde. Als mutmaßlicher preußischer Spion wird er zunächst von Instanz zu Instanz weitergereicht, um schließlich von einem Militärgericht in Besançon freigesprochen zu werden. Da man jedoch befürchtet, er könne auf Grund seiner militärischen Kenntnisse verwertbare Informationen an Deutschland weitergeben, wird er als Gefangener auf die Île d’Oléron (Golf  von Biskaya) gebracht. Dabei wird dem Zivilisten Fontane auf Grund seines Auftretens und wohl auch seiner guten französischen Sprachkenntnisse der Status eines höheren Offiziers (Officier supérieur) zugebilligt.

Auf Intervention Bismarcks beim Gesandten der Vereinigten Staaten in Paris hin wird er vorzeitig freigelassen. Danach durfte er allein durch Frankreich nach Genf reisen. Fontane schildert die französischen Nachbarn mit großer Sympathie und betont immer wieder die große Menschlichkeit und Fairness, mit der nicht nur er, sondern auch die anderen deutschen Kriegsgefangenen fernab von Hass und Grausamkeit behandelt worden sind, die absolute Korrektheit der französischen Behörden, die die Gefangenen auch vor gelegentlich drohenden Übergriffen des aufgehetzten Straßenpöbels stets bewahrt haben. Kritischer bemerkt Fontane die Behandlung der bei Orléans gefangen genommenen kranken Soldaten. Diese wurden anfangs als normale Kriegsgefangene behandelt, und mehrere starben wegen mangelnder Versorgung. Allerdings erwähnt Fontane auch ausdrücklich, wie sich der Festungskommandant sogar unter Drohung mit dem eigenen Rücktritt für diese Kranken einsetzt, bis diese schließlich zur Versorgung in die örtlichen Lazarette gebracht wurden. Weiterhin zitiert Fontane die Berichte anderer deutscher Soldaten über deren Gefechte und Gefangennahme. Wie in seinen anderen Romanen beschreibt der Vertreter des Realismus in der Literatur die Örtlichkeiten detailreich und die Charaktere mit psychologischem Scharfblick und mit humorvoller Anteilnahme.

Zwischen 1874 und 1876 unternahm Fontane mit seiner Frau diverse Reisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz. Am Ende dieser Reisen entschloss er sich, nicht mehr für eine Zeitung zu schreiben. Stattdessen wollte er wieder als freier Schriftsteller leben. Seitdem schrieb er zahlreiche Texte, bis er 1892 an einer schweren Gehirnischämie (Durchblutungsstörung des Gehirns) erkrankte. Der Arzt riet ihm, seine Kindheitserinnerungen niederzuschreiben, um sich von der Krankheit abzulenken. Er folgte dem Rat und erholte sich wieder so gut, dass er Effi Briest und zwei weitere Romane sowie die autobiografische Schrift Von Zwanzig bis Dreißig vollenden konnte.

Der Roman Effi Briest wurde von Oktober 1894 bis März 1895 in sechs Folgen in der Deutschen Rundschau abgedruckt, bevor er 1896 als Buch erschien. Das Werk gilt als ein Höhe- und Wendepunkt des poetischen Realismus der deutschen Literatur: Höhepunkt, weil der Autor kritische Distanz mit großer schriftstellerischer Eleganz verbindet; Wendepunkt, weil Fontane damit zum bedeutendsten Geburtshelfer des deutschen Gesellschaftsromans wurde, der wenige Jahre später mit Thomas Manns Roman Buddenbrooks erstmals Weltgeltung erlangen sollte. Thomas Mann verdankt Fontanes Stil zahlreiche Anregungen. Auch der Familienname der Buddenbrooks stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Effi Briest: In Kapitel 28 wird eine Person namens Buddenbrook erwähnt.

Beschrieben wird das Schicksal Effi Briests, die als siebzehnjähriges Mädchen auf Zureden ihrer Mutter den mehr als doppelt so alten Baron von Innstetten heiratet. Dieser behandelt Effi nicht nur wie ein Kind, sondern vernachlässigt sie zugunsten seiner karrierefördernden Dienstreisen. Vereinsamt in dieser Ehe, geht Effi eine flüchtige Liebschaft mit einem Offizier ein. Als Innstetten Jahre später dessen Liebesbriefe entdeckt, ist er außerstande, Effi zu verzeihen. Zwanghaft einem überholten Ehrenkodex verhaftet, tötet er den verflossenen Liebhaber im Duell und lässt sich scheiden. Effi ist fortan gesellschaftlich geächtet und wird sogar von ihren Eltern verstoßen. Erst drei Jahre später sind diese bereit, die inzwischen todkranke Effi wieder aufzunehmen.

Rechtsgeschichtlich spiegelt der Roman die harten Konsequenzen wider, mit denen in der Wilhelminischen Ära Übertretungen des bürgerlichen Moralkodex geahndet wurden.

Verarbeitung der Realität im Roman

Theodor Fontane ließ sich in seinem Roman Effi Briest von historischen Ereignissen und dem Eindruck inspirieren, den verschiedene Örtlichkeiten bei ihm hinterlassen hatten. Seiner Vorstellung von einer realistischen Schreibweise folgend, verwertete er seine Vorlagen künstlerisch und veränderte dabei wesentliche Details, wobei aber die jeweilige Vorlage erkennbar bleibt.

Der Stechlin entstand in den Jahren 1895 bis 1897 und wurde erstmals 1897/98 in der Zeitschrift Über Land und Meer publiziert. Die Buchausgabe erschien (vordatiert im Impressum auf 1899) im Oktober 1898. Der Stechlin ist Fontanes letzter Roman. Seine Hauptfigur, der alte Dubslav von Stechlin, trägt den gleichen Namen wie der tatsächlich existierende nahegelegene See, der stimmungsvoll in die märkische Landschaft eingebettet ist. Der Roman spielt in der Zeit seiner Niederschrift. Leichthin geführte Unterhaltungen und tiefsinnige Gespräche vermitteln die Melancholie einer Spätzeit, voll Skepsis und doch versöhnlich. Die mit Sympathie gezeichnete Hauptfigur trägt Züge ihres Autors, der im Monat vor der Veröffentlichung starb.

Das Gewicht des Romans liegt nicht auf der Handlung, sondern auf den vielfältigen Dialogen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert offenbaren. Charakteristisch ist hierbei, wie bei allen Werken Fontanes, dass er die Schwächen seiner Zeit erkennt und in seiner literarischen Darstellung auch nicht verleugnet, dabei aber dennoch von einer tiefen Sympathie für das, was den märkischen Adel ausmachen sollte, geprägt ist. Dies wird beispielhaft deutlich an der Charakterzeichnung des alten Dubslav von Stechlin, dessen Sterben zugleich den Abschied von einer alten Welt symbolisiert.

Für das Neue in dem Roman steht die Sozialdemokratie, deren historisches und politisches Recht im Roman anerkannt wird, deren Schwächen aber gleichfalls zur Sprache kommen. Der Pastor Lorenzen bringt den Hauptinhalt des Romans zum Ausdruck: „Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber mit dem Alten, soweit es geht, und mit dem Neuen nur, soweit es muß.“

Im Roman enthalten ist eine Kritik an Friedrich Nietzsches Konzept des Übermenschen, wenn der alte Stechlin sagt: „Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen etabliert; eigentlich gibt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die, die man durchaus zu einem „Über“ machen will. Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glück, daß es, nach meiner Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man verzweifeln.“

In Briefen aus der Entstehungszeit schreibt er unter anderem:

„Im Winter habe ich einen politischen Roman geschrieben (Gegenüberstellung von Adel, wie er bei uns sein sollte, und wie er ist)“ (8. Juni 1896).

„Mein neuer dickleibiger Roman, dessen Sie so freundlich erwähnen, beschäftigt sich fast ausschließlich mit dieser Frage; Dynastie, Regierung, Adel, Armee, Gelehrtentum, alle sind ganz aufrichtig davon überzeugt, dass speziell wir Deutsche eine hohe Kultur repräsentieren; ich bestreite das …“ (14. Mai 1898).

Fontane und die Judenfrage

Eine aus Anlass des 100. Todestags erschienene Schrift zum Thema Fontane und die Judenfrage veranlasste die Fontaneforschung, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob Fontane Antisemit gewesen sei. Die Forschung stimmt in der Feststellung überein, dass Fontane sich in privaten Briefen gegen Ende seines Lebens „unreflektiert wesentliche Stichworte der … antisemitischen Agitation“ zu eigen gemacht habe. Darüber hinaus bewertet die Forschung Fontane „als Schriftsteller, der die verbreiteten Feindbilder und Vorurteile teilt und transportiert, ohne als engagierter Antisemit in Erscheinung“ zu treten. Er habe damit den Zeitgeist literarisch und publizistisch gespiegelt.

Fontane selbst unterhielt dauerhafte vertrauensvolle Beziehungen persönlicher und geschäftlicher Art zu Juden und hat eine Stellungnahme in den öffentlichen Diskussionen um die Judenfrage, die sich im Berliner Antisemitismusstreit zuspitzten, vermieden. Die von ihm begonnenen Darstellungen Adel und Judentum in der Berliner Gesellschaft (1878) und Die Juden in unserer Gesellschaft (frühe 1890er-Jahre) blieben unvollendet.

Bedeutung und Stil

In seinen Romanen, die großenteils erst nach seinem 60. Lebensjahr entstanden, charakterisiert Fontane die Figuren, indem er ihre Erscheinung, ihre Umgebung und vor allem ihre Redeweise aus einer kritisch-liebevollen Distanz genau beschreibt. Typisch ist die Darstellung einer gepflegten Konversation in einem abgeschlossenen Zirkel (auch als Causerie bezeichnet: eine unterhaltsame, gebildete Plauderei in literarischer oder geselliger Gestalt), etwa bei einem Festessen – die Personen folgen gesellschaftlichen Konventionen und enthüllen doch ihre wahren Interessen, häufig gegen ihren Willen. Dabei kommt Fontane von einer Kritik an Einzelpersonen oft zu einer impliziten Gesellschaftskritik.

Veranstaltung vom 09.05.2017

Fragen und Anregungen aus dem Publikum

Die Bedeutung der Wende von 1990 für den Umgang mit Theodor Fontane. Hier ist eine literarisch-touristische Einrichtung zu verweisen, die Organisation einer Fontanewanderung, die in der DDR-Zeit auf kam und infolge der Wende um 1990 belebt wurde. Die Wanderung “Auf den Spuren von Theodor Fontane” fand einmal im Jahr statt. Seit Beginn der Wanderungen im Jahre 1979 wurden schlichte Wiederholungen von bereits einmal durchgeführten Wanderungen vermieden. Nach der Wende wurden von 1991 bis 1995 Theodor-Fontane-Wandertage durchgeführt, an drei aufeinanderfolgenden Tagen stattfanden. Die Hauptwanderung war eine spezielle Fontanewanderung.  Die Organisatoren wollten dem Wanderer und dem Literaturinteressierten die Möglichkeit geben, Fontanes Aussagen mit der Gegenwart zu vergleichen und sich dabei von der Schönheit der märkischen Landschaft zu überzeugen. Kleine Wanderhefte mit einer detaillierten Streckenbeschreibung, Informationen zu Geschichte, Landschaft und Kultur des Wandergebietes sowie einer mehrfarbigen Kartenskizze ermöglichen es den Wanderern, den  Strecken zu folgen oder andere Streckenabschnitte zu erkunden.

Zur Zeit der Wende wurde des Weiteren die Anhängerschaft Fontanes, seien es Wissenschaftler, seien es Laien, in einem Verein gesammelt. Am 15. Dezember 1990 wurde die internationale Theodor Fontane Gesellschaft als literarische Vereinigung in Potsdam gegründet. Sie hat ihren Sitz in Neuruppin, der Geburtsstadt Theodor Fontanes. Die Gesellschaft will Wissenschaftler und Literaturliebhaber zusammenführen, um die Beschäftigung mit Leben und Werk Theodor Fontanes zu pflegen und zu fördern. Mit ihren etwa 1100 Mitgliedern gehört sie inzwischen zu den größten literarischen Gesellschaften Deutschlands.

In Bezug zur Wendezeit steht auch Günter Grass in seinem 1995 publizierten Roman „Ein weites Feld“, der in der Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung spielt und die deutsche Geschichte von der 1848er Revolution bis zum Abriss der Berliner Mauer thematisiert. Theodor Fontanes Lebenslauf ähnelt dem einer der beiden Hauptfiguren, Theo Wuttke, genannt Fonty. Der Titel „Ein weites Feld“ greift eine Redewendung von Effi Briests Vater auf, mit dem Fontane seinen Roman Effi Briest abschließt: „… das ist ein zu weites Feld.“

Für das heftig umstrittene, politisch orientierte Buch erhielt Grass 1996 den Hans-Fallada-Preis. Das Buch wurde in der Öffentlichkeit stark diskutiert, was unter anderem dazu führte, dass bereits nach acht Wochen die fünfte Auflage in Druck ging. Der Protagonist des Romans ist der Aktenbote Theo Wuttke, er lässt sich aber lieber Fonty nennen und identifiziert sich mit Theodor Fontane. Der zweite Protagonist ist der „ewige“ Spitzel Hoftaller, der an die Figur aus dem Roman Tallhover des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich angelehnt ist. <1986 erschien Schädlichs erster Roman Tallhover, die fiktive Biografie eines politischen Polizeibeamten durch alle deutschen Staaten von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.>  Die Biographien der Personen, Vorbild und Abbild, sind eng verwoben und ihre Geschichte ist gespickt mit Querverweisen durch die ganze deutsche Geschichte.

Hoftaller übt auf den Protagonisten immer mehr oder weniger Druck aus mit seinem Satz „Wir können auch anders“ und behält damit auch nach dem Fall der Mauer Macht über Fonty, der sich bereits frei geglaubt hatte. Das Buch von Grass ist in der Ich-Perspektive eines namenlos bleibenden Potsdamer Archivars geschrieben, der die Geschehnisse unkommentiert wiedergibt und dem Leser die Beurteilung überlässt.

Kritik und Wirkung

Im August 1995 erschien von Marcel Reich-Ranicki ein Verriss im Magazin Der Spiegel, auf dessen Titelbild der Literaturkritiker das Buch buchstäblich zerriss. Der Verriss begründete eine lange Feindschaft zwischen Grass und Reich-Ranicki. Die auf die DDR bezogene Äußerung Fontys im Gespräch mit seiner Frau: „Wir lebten in einer kommoden Diktatur“ wurde in Diskursen über das Wesen der DDR zum geflügelten Wort. Günter Grass stellt in einem Interview fest: „Es ist nicht der Autor, der aus der einzelnen Person heraus spricht, und diese Dinge sind von einem Teil der Kritik vordergründig nur politisch beim Wort genommen worden.“ Im Anschluss an diese Aussage verteidigt Grass allerdings die Äußerung seiner Romanfigur mit den Worten: „Wenn man sich mit mir über diesen Satz auseinandersetzen will, wenn ich die DDR-Verhältnisse in Vergleich bringe zu den Verhältnissen, wie sie in der Sowjetunion die längste Zeit herrschten, oder in Rumänien bis zum Schluß herrschten, oder in Chile herrschten, oder im Obristen-Griechenland, dann ist die DDR eine relativ kommode Diktatur gewesen.“

In wissenschaftlicher Hinsicht ist ein weiterer Fortschritt darin zu sehen, dass das Theodor-Fontane-Archiv am 1. Juli 2014 als Institut der Philosophischen Fakultät an die Universität Potsdam angegliedert worden ist. „Fakultät und Archiv fühlen sich mit dieser Neuanbindung gut gerüstet für das Fontane-Jubiläumsjahr 2019 und hoffen, für dieses Jahr und darüber hinaus zur Erforschung von Leben und Werk dieses für die kulturelle Identität unserer Region so bedeutenden Schriftstellers neue und weiterführende Akzente setzen zu können“, so Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Dekan der Philosophischen Fakultät.

Als Literaturarchiv, wissenschaftliche Einrichtung und Gedächtnisinstitution von besonderer nationaler Bedeutung ist das Theodor-Fontane-Archiv seinem Namensgeber sowie dessen Zeit und Zeitgenossen gewidmet. Mit ca. 20.000 Blatt Originalhandschriften und ca. 10.000 Abschriften von zumeist kriegsbedingt zerstörten Originalen besitzt es den weltweit größten Teilnachlass des Schriftstellers.

Unter den wissenschaftlichen Leistungen der vergangenen Jahre stechen die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Erarbeitung einer Fontane-Personalbibliographie und die Mitherausgabe der 20-bändigen Abteilung Das erzählerische Werk der Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe hervor. Zu den gegenwärtigen Projekten des Archivs gehört eine wissenschaftliche Edition der Briefe von und an Fontane, die auch online zugänglich sein wird.

Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf, Herzogtum Berg; † 17. Februar 1856 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten des 19. Jahrhunderts.

Heine gilt als „letzter Dichter der Romantik“ und zugleich als deren Überwinder. Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte elegante Leichtigkeit. Die Werke kaum eines anderen Dichters deutscher Sprache wurden bis heute so häufig übersetzt und vertont. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet. Wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Haltung wurde er von Antisemiten und Nationalisten über seinen Tod hinaus angefeindet. Die Außenseiterrolle prägte sein Leben, sein Werk und dessen Rezeptionsgeschichte.

Zu seinen wichtigen Werke gehörte „Die romantische Schule“ (1836) und die Denkschrift Über Ludwig Börne (1840).

Die „Romantische Schule“ fasste Artikel in französischen Zeitschriften (Zur Geschichte der neueren schönen Literatur in Deutschland, 1833) zusammen. Heine wollte den Franzosen damit ein anderes Bild von deutscher romantischer Literatur vermitteln als das, welches Madame de Staël mit ihrem einflussreichen Buch De l’Allemagne (1813) (Über Deutschland) verbreitet hatte.

Für Heine nimmt Goethe als politisch „indifferenter Pantheist“ und Vertreter der lebensfernen „Kunstschule“ eine Sonderstellung ein. Voller Hochachtung stellt er ihn mit Homer und Shakespeare gleich. Nie habe er in Goethe den Dichter, sondern nur den Menschen angegriffen. Demgegenüber geht er mit den Romantikern scharf ins Gericht. Insbesondere wirft er ihnen ihre Hinwendung zum katholischen Mittelalter vor, ihr Hineindrängen in den „alten Geisteskerker“. In der vom katholischen Christentum auferlegten „Hundedemut und Engelsgeduld“ sieht er „die erprobteste Stütze des Despotismus“.[6] Als Kontrastfigur zu den romantischen Schriftstellern sieht er Jean Paul, der ganz isoliert in seiner Zeit stehe. Er beschreibt ihn als Vorläufer der Dichter des Jungen Deutschlands, jenen, die keinen Unterschied machen wollen „zwischen Leben und Schreiben, die nimmermehr die Politik trennen von Wissenschaft, Kunst und Religion, und die zu gleicher Zeit Künstler, Tribune und Apostel sind“.

Mit der Börne-Denkschrift von 1840 reagierte Heine auf die Briefe aus Paris seines früheren Freundes, in denen dieser ihm vorwarf, die Ziele der Revolution verraten zu haben. Die Ursachen des Streits waren grundsätzlicher Natur: Sie berührten das Selbstverständnis des Dichters und des Künstlers im Allgemeinen.

Während seines gesamten Schaffens war Heine um ein überparteiliches Künstlertum bemüht. Er verstand sich als freier, unabhängiger Dichter und Journalist und sah sich zeit seines Lebens keiner politischen Strömung verpflichtet. Von dem radikal-republikanischen Publizisten Ludwig Börne grenzte er sich zunächst noch auf eine Weise ab, die Börne als wohlwollend empfinden konnte: „Ich bin eine gewöhnliche Guillotine, und Börne ist eine Dampfguillotine.“ Wenn es aber um Kunst und Dichtung ging, räumte Heine der Qualität eines Werks immer einen höheren Rang ein als der Intention oder der Gesinnung des Autors.

Börne erschien diese Haltung opportunistisch. Er warf Heine mehrfach Gesinnungsmangel vor und forderte, ein Dichter habe im Freiheitskampf klar Position zu beziehen. Mit dem Streit darüber, ob und wieweit ein Schriftsteller parteilich sein dürfe, nahmen Heine und Börne spätere Auseinandersetzungen über politische Moral in der Literatur vorweg, wie sie im 20. Jahrhundert zwischen Heinrich und Thomas Mann, Gottfried Benn und Bertolt Brecht, ausgetragen werden sollten. Der Streit zwischen Heine und Börne wird deshalb für die „folgenreichste Kontroverse der deutschen Literaturgeschichte“ gehalten.

1843 schrieb Heine sein Gedicht Nachtgedanken mit dem oft zitierten Eingangsvers

Denk ich an Deutschland in der Nacht,

Dann bin ich um den Schlaf gebracht,

Ich kann nicht mehr die Augen schließen,

Und meine heißen Thränen fließen.

Es endet mit den Zeilen:

Gottlob! durch meine Fenster bricht

Französisch heit’res Tageslicht;

Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,

Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Heine zur Zeit seiner Deutschlandreisen (1843/44)

Die „deutschen Sorgen“ Heines betrafen nicht nur die politischen Zustände jenseits des Rheins, sondern auch seine mittlerweile verwitwete, allein lebende Mutter, deren Wohnung dem großen Hamburger Stadtbrand von 1842 zum Opfer gefallen war. Nicht zuletzt um sie wiederzusehen und ihr seine Frau vorzustellen, unternahm er 1843 und 1844 seine zwei letzten Reisen nach Deutschland. In Hamburg traf er seinen Verleger Campe und zum letzten Mal seinen Onkel und langjährigen Förderer Salomon Heine. Als Salomon noch im Dezember 1844 starb, brach zwischen seinem Sohn Carl und seinem Neffen Heinrich Heine ein mehr als zwei Jahre andauernder Erbschaftsstreit aus. Carl stimmte im Februar 1847 schließlich einer Weiterzahlung der Rente zu, unter der Bedingung, dass Heinrich Heine nichts mehr ohne seine Zustimmung über die Familie veröffentlichen durfte.

Der Streit entsprang der steten Sorge Heines um seine eigene finanzielle Absicherung und um die seiner Frau. Dabei war er nicht nur ein künstlerisch, sondern auch ökonomisch sehr erfolgreicher Schriftsteller: Er verdiente in seiner besten Pariser Zeit bis zu 34.700 Francs jährlich, was einer Kaufkraft von weit über 200.000 Euro entsprochen hätte. Ein Teil dieses Einkommens verdankte er einer Apanage des französischen Staates, die nach der Februarrevolution 1848 jedoch gestrichen wurde. Heine empfand seine finanzielle Lage dennoch immer als unsicher und stellte sie öffentlich meist schlechter dar, als sie in Wirklichkeit war. In den späten Jahren ging es ihm vor allem darum, seine Frau materiell abzusichern.

Mathilde erwies sich allerdings nach Heines Tod selbst als äußerst geschäftstüchtig und verhandelte mit Campe sehr erfolgreich über die weitere Verwertung der Werke ihres Mannes. Sie überlebte ihn um mehr als ein Vierteljahrhundert und starb im Jahr 1883. Die Ehe blieb kinderlos.

Deutschland. Ein Wintermährchen. Einband (Interimsbroschur) der ersten Separatausgabe 1844.

Heine und der Sozialismus

Deutschland. Ein Wintermährchen. Einband (Interimsbroschur) der ersten Separatausgabe 1844.

Mitte der 1840er Jahre entstanden Heines große Versepen Atta Troll und – angeregt durch seine Deutschlandreise von 1843 – Deutschland. Ein Wintermärchen. Darin kommentierte er äußerst bissig die staatlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland. So schildert er in den Eingangsversen eine Szene gleich nach dem Grenzübertritt, in der ein Mädchen „mit wahrem Gefühle und falscher Stimme“ eine fromme Weise zur Harfe singt:

Sie sang das alte Entsagungslied,

Das Eiapopeia vom Himmel,

Womit man einlullt, wenn es greint,

Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,

Ich kenn auch die Herren Verfasser

Ich weiß, sie tranken heimlich Wein

Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch

Was fleißige Hände erwarben.

Karl Marx

Schon seit Beginn der 1840er Jahre hatte sich Heines Ton zusehends radikalisiert. Er gehörte zu den ersten deutschen Dichtern, die die Folgen der einsetzenden Industriellen Revolution zur Kenntnis nahmen und das Elend der neu entstandenen Arbeiterklasse in ihren Werken aufgriffen. Beispielhaft dafür ist sein Gedicht Die schlesischen Weber vom Juni 1844. Es war von dem Weberaufstand inspiriert, der im selben Monat in den schlesischen Ortschaften Peterswaldau und Langenbielau begann.

Titelblatt des Vorwärts! mit Heines Weberlied, 1844

Die schlesischen Weber[51]

Im düstern Auge keine Thräne,

sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne;

Deutschland, wir weben dein Leichentuch.

Wir weben hinein den dreyfachen Fluch –

Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten

In Winterkälte und Hungersnöthen;

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –

Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der den letzten Groschen von uns erpreßt

Und uns wie Hunde erschießen läßt –

Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Schmach und Schande,

Wo jede Blume früh geknickt,

Und Fäulniß und Moder den Wurm erquickt –

Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,

Wir weben emsig Tag und Nacht –

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreyfachen Fluch,

Wir weben, wir weben!

Aufgrund seiner Eigenständigkeit sowie seiner formalen und inhaltlichen Breite lässt sich Heines Werk keiner eindeutigen literarischen Strömung zuordnen. Heine geht aus der Romantik hervor, überwindet aber bald deren Ton und Thematik – auch in der Lyrik. Sein Biograf Joseph A. Kruse sieht in seinem Werk Elemente der Aufklärung, der Weimarer Klassik, des Realismus und des Symbolismus.

Vor allem war er ein politisch kritischer Autor des Vormärz. Mit den Autoren des Jungen Deutschland, denen er bisweilen zugerechnet wird, verbindet ihn das Streben nach politischer Veränderung hin zu mehr Demokratie in ganz Europa, speziell in Deutschland. Dass er sich die Verwirklichung der Demokratie auch in einer konstitutionellen Monarchie wie der des Bürgerkönigs Louis-Philippe vorstellen konnte, brachte ihm Kritik von Seiten überzeugter Republikaner ein. Heines Distanzierung von der „Tendenzliteratur“, die er mit „gereimten Zeitungsartikeln“ verglich, erfolgte hingegen wohl weniger aus politischen als aus ästhetischen Motiven. Persönlich stand Heine Karl Marx und Friedrich Engels nahe, ohne jedoch deren politische Philosophie bis ins Letzte zu teilen.

Heine polarisierte schon seine Zeitgenossen, nicht zuletzt, weil er selbst polarisierende Urteile nicht scheute. Er griff tatsächliche oder vermeintliche Gegner ebenso hart an, wie er selbst angegriffen wurde, und schreckte vor keiner Polemik zurück. Nach seinem Tod nahm die Schärfe der Auseinandersetzungen um ihn eher noch zu – und hielt mehr als ein Jahrhundert an.

Victor-Marie Hugo (* 26. Februar 1802 in Besançon; † 22. Mai 1885 in Paris) verfasste Gedichte sowie Romane und Dramen und betätigte sich als literarischer und politischer Publizist. Mehrfach war er, als Angehöriger der Pairskammer, Abgeordneter oder Senator, auch direkt politisch aktiv. Während er im deutschsprachigen Raum weniger bekannt ist als etwa Balzac, gilt er vielen Franzosen als ihr größter Autor überhaupt. Sein Schaffen kann teils der Romantik, teils dem Realismus zugeordnet werden.

Vielleicht schon mit 10 begann Hugo zu schreiben, und früh war sein Ziel, „Chateaubriand zu werden oder nichts“. <Chateubriand der Begründer der französischen Romantik.> Nachdem 1824 der Sammelband Nouvelles Odes erschienen war, fand er als hoffnungsvoller junger Autor Zutritt zu dem literarischen Salon von Charles Nodier, der die erste Generation der französischen Romantiker um sich versammelte. 1825 wurde er zum Chevalier de la Légion d’Honneur (Ritter der Ehrenlegion) ernannt und als Gast zu der pompösen Zeremonie geladen, bei der Karl X., der Bruder und Nachfolger von Ludwig XVIII., in der Kathedrale von Reims zum neuen König gekrönt wurde. 1827 schrieb Hugo sein erstes Stück, das Versdrama Cromwell. Dieses erwies sich zwar als kaum spielbar, das Vorwort jedoch, die berühmte Préface de Cromwell, wurde zum Manifest des neuen romantischen Theaters und überhaupt der romantischen Schule, deren unbestrittener Chef Hugo inzwischen war und die er in dem legendären Kreis des Cénacle (Esszimmer, private Versammlung um Charles Nodier und Victor Hugo) um sich versammelte.

1829 publizierte er den Roman Le dernier jour d’un condamné à mort, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und indirekte Regimekritik. Im selben Jahr verfasste er die melodramatischen historischen Stücke Marion Delorme <französische Kurtisane>, das vor der Aufführung als regimekritisch verboten wurde, und Hernani. Dessen Uraufführung am 25. Februar 1830 ging als bataille d’Hernani (Schlacht um Hernani) in die Literaturgeschichte ein, nämlich als lautstark im Publikum ausgetragene Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des klassizistischen Regeltheaters und den Adepten des neuen romantischen Theaters, das vor allem die „Wahrheit“ der Darstellung intendierte.

Die Schlacht um Hernani (auch: Theaterschlacht, französisch: bataille d’Hernani) war ein Theaterskandal am 25. Februar 1830 in Paris, der die Literatur- und Theatergeschichte prägte. Die Uraufführung von Victor Hugos Schauspiel Hernani artete in lautstarke und handfeste Auseinandersetzungen des Publikums aus. Auf der Bühne der renommierten Comédie-Française wurde eine Art Melodram aufgeführt, das an die proletarischen Theater am Boulevard du Temple erinnerte. Anhänger des klassischen Theaters lieferten sich mit den Unterstützern einer moderneren Form, die später Romantiker genannt wurden, eine regelrechte Theaterschlacht. Das romantische Theater trug am Ende einen glanzvollen Sieg im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts davon.

1831 publizierte er eines seiner erfolgreichsten Werke, den 1482 spielenden Roman Notre Dame de Paris, dessen zentrale Figuren und Handlungsstränge sich um die Kathedrale gruppieren und ein Bild vom spätmittelalterlichen Paris entwerfen sollen (weshalb der gängige deutsche Titel „Der Glöckner von Notre-Dame“ nicht recht zutreffend ist). Es ist das bekannteste und vielleicht missverstandenste Werk der französischen Romantik, bedingt durch den später in anderen Ländern abgeänderten Titel Der Glöckner von Notre-Dame, der zur Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Figur des Quasimodo führte. Im Gegensatz zum romantischen Theater, wo Hugo seine Ambitionen nur unzureichend umsetzen konnte, spiegelt Notre Dame recht genau die Ideen des „Préface de Cromwell“ wider.

In den nächsten Jahren verfasste Hugo hauptsächlich historische Stücke, deren erstes, Le roi s’amuse („Der König amüsiert sich“, 1832), als politisch missliebig direkt nach der Premiere verboten wurde. Denn Hugo war, zusammen mit anderen jungen Intellektuellen, schon bald nach der Julirevolution von 1830 in Opposition zu dem neuen Regime von „Bürgerkönig“ Louis-Philippe gegangen.

Zwischen 1838 und 1840 unternahm Hugo drei Rhein-Reisen, die ihn den ganzen Fluss entlang bis in die Schweiz führten. Seine detaillierten lokalen Beobachtungen und verallgemeinernden Schlussfolgerungen legte er in dem 1841 publizierten (dt. 1842) dreibändigen Werk „Der Rhein. Briefe an einen Freund“ dar. Im dritten Band formulierte Hugo Ideen zur deutsch-französischen Partnerschaft und zur Europäischen Einigung, die erst in der Gegenwart Wirklichkeit wurden.

Nachdem die erste Ehe gescheitert war, hatte Hugo Anfang 1833 die vier Jahre jüngere Schauspielerin Juliette Drouet kennengelernt, mit der er bis zu ihrem Tod 1883 zusammenblieb. 1838 erwarb ein Verlag für enorme 300.000 Francs die Rechte an seinen bisherigen Werken. 1841 wurde er nach mehreren Anläufen endlich in die Académie française gewählt. Im Jahre 1845 erhob König Louis-Philippe Hugo zum Vicomte und Pair, d. h. zum Mitglied auf Lebenszeit der Pairskammer, des parlamentarischen Oberhauses (das allerdings nach der Februarrevolution 1848 abgeschafft wurde).

Nachdem er 1846 jedoch erneut seine politische Richtung geändert hatte und zum Republikaner mutiert war, begann Hugo 1847 einen sozial engagierten Roman in der Manier von Eugène Sues berühmten Les mystères de Paris, der aber erst 1862 als Les Misérables (dt. heute: Die Elenden, früher: Die Miserablen) fertig werden sollte. Beim Ausbruch der Februarrevolution 1848 war er zunächst begeistert, schlug sich nach dem Juni-Aufstand der Pariser Arbeiter aber auf die Seite des konservativen „Parti de l’ordre“ und dann auf die des neugewählten Präsidenten Louis-Napoléon Bonaparte. Zum konservativen Abgeordneten gewählt, verwirrte er jedoch seine politischen Freunde durch sozial engagierte und politisch liberale Reden. Darüber hinaus war Hugo in der Société protectrice des animaux als Gegner der Vivisektion aktiv.

Hinwendung zum Realismus

1862 veröffentlichte Hugo mit großem Erfolg Les Misérables, einen monumentalen melodramatischen Roman, der mit einer spannenden Handlung um den entsprungenen Galeerensträfling Jean Valjean vor allem auf das Elend der proletarisierten Arbeitermassen aufmerksam machen sollte, die Paris inzwischen bevölkerten. Daneben erschienen immer wieder Gedichtsammlungen (mit hohem Anteil politisch und sozial engagierter Texte): 1853 Châtiments („Züchtigungen“), 1856 Contemplations („Besinnliche Betrachtungen“), 1859 Chansons des rues et des bois („Lieder der Straßen und Wälder“) und La Légende des siècles („Die Legende der Jahrhunderte“). 1866 publizierte Hugo Les travailleurs de la mer („Die Arbeiter des Meeres“), einen Roman, der das harte Leben der Küstenfischer schildert, 1869 L’Homme qui rit („Der lachende Mann“, Roman), 1874 Quatre-vingt-treize, einen historischen Roman über den politischen Terror des Schreckensjahres 1793.

Als Hugo am 22. Mai 1885 starb, kam es in Frankreich zu einer kurzen, aber mit Leidenschaft geführten Debatte, wie man ihn am besten ehren könne. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung wurde die Pariser Kirche der Hl. Genoveva, die zur Revolutionszeit zu einer nationalen Ruhmeshalle, dem Panthéon, umgewidmet und danach wieder als Kirche geweiht worden war, erneut zum Pantheon erklärt und Hugo wurde in einem Ehrengrab in der Krypta beigesetzt.

Obwohl Victor Hugo heute – mit Ausnahme von Les Misérables – eher selten gelesen wird, hat er eine ähnliche Bedeutung für die Franzosen, wie Goethe sie im deutschen Sprachraum hat.

Etwa ein Viertel seiner Texte nach 1849 sind politisch motiviert und engagiert. Seine Position scheint auf den ersten Blick widersprüchlich: Er verteidigt das Gewinnstreben und spricht sich gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit aus. Er ist liberal, aber gegen Leute, die Profite kumulieren, statt sie zum Vorteil aller zu reinvestieren. Er verabscheut Krieg und Gewalt, aber ruft zum Widerstand auf, wenn es gilt, die Demokratie zu verteidigen. Mehrere seiner Werke wurden vom Vatikan auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.

Neben seinem literarischen Werk hinterließ Victor Hugo ein umfangreiches zeichnerisches Œuvre, das vor allem in seiner Exilzeit während der Herrschaft Napoleons III. auf den Kanalinseln entstand.

Veranstaltung vom 10.05.2017

Nachtrag Heinrich Heine

Einer der bedeutendsten Autoren der Allgemeinen Zeitung war Heinrich Heine. Er schrieb seit 1821 Berichte über Musik und Malerei und wurde im Jahr 1832 deren Pariser Korrespondent. Heine verfasste kritische Berichte über das politische und kulturelle Leben in Frankreich und schrieb provozierende Artikel gegen die Politik Louis Philippes, aber auch gegen die deutschen Verhältnisse. Seine zwischen Dezember 1831 und September 1832 geschriebenen Zeitungsartikel für die Allgemeine Zeitung veröffentlichte Heine 1833 als Buch unter dem Titel Französische Zustände bei Hoffmann und Campe in Hamburg. In der Vorrede zu diesem Sammelband erkläre Heine, warum er trotz der bekannten Haltung der Zeitung dort publizierte: Sie sie “eben wegen ihres Ansehens und ihres unerhört großen Absatzes das geeignete Blatt für Berichterstattungen, die nur das Verständniß der Gegenwart beabsichtigen”. Sie verdiene “ihre weltberühmte Autorität” und man dürfe sie “die Allgemeine Zeitung von Europa” nennen.

1832 Der Abdruck seiner Artikelserie “Französische Zustände” in der Augsburger “Allgemeinen Zeitung” wird von Metternich nach einigen Folgen unterbunden. Die Buchausgabe “Französische Zustände” erscheint und wird in Preußen verboten.

Im Februar 1840 nahme Heine seine Korrespondenz in die Allgemeine Zeitung wieder auf. 61 journalistische Korrespondenzen aus den Jahren 1840 bis 1843 hat er in einer überarbeiteten Fassung unter dem Titel Lutecia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben vereinigt.

Schon in seinen Briefen aus Berlin, den Korrespondenzen Über Polen und den Londoner Artikeln, die man heute in der Sammlung Englische Fragmente nachlesen kann und die allesamt zuerst in den verschiedenen Blättern des Baron Cotta erschienen sind, findet und erfindet Heine die meisten der journalistischen Grundformen, die wir bis heute kennen: Kommentare und Kritiken, die bei Heine oft hinreißende Liebeserklärungen sind. Dazu unerreichbar herrlich geschriebene politische Porträts der englischen Staatsmänner. Analysen und Glossen. Und vor allem diese geistreichen, im Alltagston geschriebenen Essays und Plaudereien. Und schon war es geboren: Das geliebte, verhasste Feuilleton, das laut Karl Krauss ohne Heine gar nicht in die Welt gekommen wäre.

Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21972.

Erstdruck in: Der Gesellschafter oder Blätter für Herz und Geist (Berlin), 7. Jg., Januar 1823.

Maurer, Berlin.

Heinrich Heine: Englische Fragmente Zuerst gedruckt in: Neue allgemeine politische Annalen, Jg. 1828, und in: Das Ausland, Jg. 1828 und 1829. Cotta

Hugo, Bataille der Hernani, zwischen Klassischem und Romantischem Drama

Schauplatz der Handlung, die sich von Februar bis April 1519 erstreckt, ist Spanien.

1. Akt: Der König

Der spanische König Don Carlos dringt nachts in das Schlafgemach von Doña Sol ein, in die er insgeheim verliebt ist. In einem Schrank versteckt wird er Zeuge der Begegnung zwischen Doña Sol und einem Geächteten, Hernani. Hernani, Sohn eines auf Befehl von Don Carlos’ Vater Enthaupteten, hat Rache geschworen. Doña Sol liebt Hernani, wurde aber schon mit ihrem Onkel Don Ruy Gomez de Silva verlobt.

2. Akt: Der Bandit

Am nächsten Tag um Mitternacht wartet Don Carlos im Hofe des Palastes an Doña Sols Fenster. Er möchte Hernani, dessen Identität er nun kennt, mit einer Entführung zuvorkommen. Von der Dunkelheit getäuscht folgt ihm Doña Sol. Hernani, den Doña Sol um Hilfe gerufen hat, erscheint. Er provoziert ein Duell, aber zum wiederholten Male kommt es nicht zur Auseinandersetzung und Hernani hat die Möglichkeit sich zu revanchieren, indem er den König vor seiner Räuberbande schützt. Hernani und Doña Sol bleiben alleine zurück und gestehen sich ihre Liebe.

3. Akt: Der Alte

Die Hochzeit des alten Herzogs Don Ruy Gomez de Silva und seiner jungen Nichte Doña Sol wird vorbereitet. Don Ruy Gomez nimmt mit Wohlwollen zur Kenntnis, als man ihm von dem wahrscheinlichen Tod von Hernani berichtet. Am Tag der Hochzeit erscheint ein Pilger am Schloss da Silvas.

Als der Gast Doña Sol im Brautkleide entdeckt, reißt er die Pilgerverkleidung von sich, um seine Identität preiszugeben: Es ist Hernani.

Obgleich eine große Geldsumme auf Hernanis Kopf ausgesetzt ist, wiegt die Pflicht von Don Ruy Gomez de Silva, seinen Gast zu beschützen stärker und er lässt das Schloss abriegeln.

Don Ruy lässt Hernani am Leben, um ihm die Möglichkeit zu geben, Don Carlos umzubringen; ist dieser Racheakt vollbracht, muss er beim Ertönen des Horns von Don Ruy Gomez Selbstmord begehen.

4. Akt: Das Grab

In Aix-la-Chapelle wartet Don Carlos auf die Entscheidung, ob er zum Kaiser bestimmt wird, und vereitelt das Komplott seiner Verschwörer, zu denen Hernani und Don Ruy Gomez gehören. Der nun gewählte Kaiser lässt Gnade walten, indem er den Verschwörern vergibt und die Vermählung von Doña Sol und Hernani ankündigt. Dieser nimmt wieder seine wahre Identität als Jean d’Aragon (aus dem spanischen Adel) an und gibt seine Rachepläne auf.

5. Akt: Die Hochzeit

In Saragossa heiraten Doña Sol und Hernani, doch der unerbittliche Don Ruy Gomez lässt das Horn ertönen und erinnert Hernani an seinen Eid, der ihn verpflichtet, sich umzubringen. Daraufhin vergiften sich Doña Sol und Hernani, und schließlich erdolcht sich der verzweifelte Don Ruy Gomez ebenfalls.

Thema und Aufbau

Bei Hugo kann jeder Akt in sich als Einheit verstanden werden, dem ein Titel zugehört, wohingegen das klassische Theater linear ausgerichtet ist. Darüber hinaus bricht der Autor mit zwei der drei klassischen Regeln der Einheit:

Wahl eines Ortes (Hugo wählt hingegen einen Ort pro Akt)

Handlung innerhalb eines Tages (die Handlung in Hernani erstreckt sich über mehrere Monate).

Balzac

Honoré de Balzac (* 20. Mai 1799 in Tours; † 18. August 1850 in Paris) wird in der Literaturgeschichte, obwohl er eigentlich zur Generation der Romantiker zählt, mit dem 17 Jahre älteren Stendhal und dem 22 Jahre jüngeren Flaubert als Dreigestirn der großen Realisten gesehen. <Marie-Henri Beyle, besser bekannt unter seinem Pseudonym Stendhal , (* 23. Januar 1783 in Grenoble; † 23. März 1842 in Paris) war Schriftsteller, Militär und Politiker. In seiner Zeit eher als Journalist, Kritiker und Essayist bekannt, gilt er heute durch die analytischen Charakterbilder seiner Romane als einer der frühesten Vertreter des literarischen Realismus. >

<Gustave Flaubert (* 12. Dezember 1821 in Rouen, Normandie; † 8. Mai 1880 in Canteleu, Normandie) ist vor allem als Romancier bekannt. Flaubert schrieb schon seit seiner Jugend unermüdlich, zunächst im Stil der Romantik. Er stellte aber so hohe Ansprüche an sich selbst, dass er lange Jahre alle Manuskripte unpubliziert ließ. Sein erstes gedrucktes Werk wurde schließlich der 1851 begonnene Roman Madame Bovary, der 1856 im Feuilleton der Revue de Paris erschien. – Heinrich Mann vergleicht Bovary und Effi Briest. – Der Roman trug ihm sogleich einen Prozess wegen Verstoßes gegen die guten Sitten ein, doch wurden Flaubert und die Zeitschrift dank des klugen Plädoyers ihres Anwalts am 7. Februar 1857 freigesprochen. Der Prozess wirkte sich letztlich sogar positiv aus, denn er verhalf der Buchversion, als sie 1857 herauskam, zu einem Verkaufserfolg.

Die Handlung des Erstlingswerks Madame Bovary (1856) beruht auf einem Zeitungsbericht aus dem Journal de Rouen von 1848 über den Suizid der Arztgattin Delphine Delamare aus Ry bei Rouen. Sie stellt die Geschichte einer Pächterstochter dar, die nach der Heirat mit einem Dorfarzt rasch unzufrieden mit ihrem sie zwar liebenden, aber biederen Mann ist, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie sich nach dem Vorbild von Romanen und Frauenmagazinen ein Leben in Leidenschaft und Luxus erträumt. Zwar schafft sie es, mittels zweier Liebschaften und eines gewissen Luxuskonsums einige Schritte zur Realisierung eines solchen Lebens zu tun, wird aber immer wieder eingeholt von der Trivialität und Enge ihrer realen Verhältnisse, bis sie schließlich von Schulden erdrückt Selbstmord begeht. Thema ist also das Scheitern einer romantischen Idealistin an einer Welt, in der die Opportunisten und die Materialisten obsiegen, die im Roman vor allem von dem Apotheker Homais und dem Händler Lheureux verkörpert werden.>

Balzacs Hauptwerk ist der rund 88 Titel umfassende, aber unvollendete Romanzyklus La Comédie humaine (Die menschliche Komödie), dessen Romane und Erzählungen ein Gesamtbild der Gesellschaft im Frankreich seiner Zeit zu zeichnen versuchen.

Honoré Balzac war das Kind von Bernard-François Balzac (1746–1829), einem Bauernsohn aus dem südwestfranzösischen Département Tarn, und von Anne-Charlotte-Laure Sallambier (1778–1854), einer Pariserin aus gutbürgerlicher Familie. Der Vater, der es schon vor der Revolution vom Notariatsangestellten zum Sekretär eines hohen Beamten gebracht hatte, war nach 1789 Sekretär eines Marineministers und dann leitender Beamter in der Verwaltung der Revolutionsarmee geworden. Erst 1797 hatte er mit 50 geheiratet. Seine Frau, eine offenbar hübsche und gebildete Person, war bei ihrer Heirat 19.

Die Mutter gab den neugeborenen Honoré sowie danach auch seine 1800 und 1802 geborenen Schwestern Laure und Laurence zu Ammen in Pflege. 1807, einige Monate bevor sie einen offenbar außerehelich empfangenen Sohn zur Welt brachte, schickte sie ihren eben achtjährigen Ältesten in ein Internat der Oratorianer in Vendôme. Insgesamt erlebte Balzac im Rückblick seine Kindheit und Jugend als freudlos und entwickelte einen tiefsitzenden Groll gegen seine Mutter.

1814 erhielt der Vater, der zuletzt in Tours Verwaltungschef des Krankenhauses gewesen war, einen guten Posten in Paris, und die Familie zog um in die Hauptstadt. Hier beendete Balzac 1816 seine Schulzeit und nahm ein Jurastudium an der Juristischen Hochschule (École de Droit) auf. Er besuchte jedoch auch Vorlesungen an der Pariser Philosophisch-philologischen Fakultät (Faculté des lettres) und am Collège de France und begann, nebenher philosophische Überlegungen zu Papier zu bringen. Ab 1817 arbeitete er zudem stundenweise als Schreib- und juristische Hilfskraft, zunächst bei einem Anwalt (wo er den späteren Komödienautor Eugène Scribe als Kollegen hatte) und dann bei einem mit der Familie befreundeten Notar.

Die Zeit des Erfolgs

1829 hatte Balzac nach einer langen Durststrecke endlich Erfolg mit „Le dernier Chouan, ou La Bretagne en 1800“, einem historischen Roman nach der neuen Machart Walter Scotts, der mit einem jungen Adeligen als Protagonisten das tragische Ende eines der letzten königstreuen Widerständler gegen das Revolutionsregime schildert. Les Chouans war zugleich das erste Werk, das Balzac mit seinem Namen zeichnete. Diesem setzte er rasch ein „de“ voran, als ihm der Erfolg die Pariser Salons zu öffnen begann.

In den nächsten Jahren führte er eine äußerst vielfältige und bewegte Existenz. So gründete er 1830, im Jahr der Julirevolution, mit dem späteren Zeitungsmagnaten Girardin eine politische Zeitschrift. 1831 und nochmals 1832 erwog er, für ein Abgeordnetenmandat zu kandidieren, beschränkte sich dann jedoch auf eine Rolle als sehr aktiver Journalist, wobei er 1835 Mehrheitsaktionär einer politischen und literarischen Zeitschrift wurde, die jedoch schon 1836 einging. Seine politische Position rückte in diesen Jahren deutlich nach rechts, denn 1832 hatte der pseudoadelige Bourgeois über eine adelige Freundin, die Marquise de Castries, Anschluss an Kreise der Legitimisten gefunden, die den 1830 zurückgetretenen Charles X weiterhin als legitimen König betrachteten und sich dem neuen „Bürgerkönig“ Louis-Philippe verweigerten.

Daneben war Balzac viel unterwegs, um Gast in den Sommerresidenzen vornehmer Leute zu sein oder einer der zahlreichen, meist verheirateten Damen zu folgen, mit denen er Verhältnisse anstrebte oder unterhielt. Hierbei wurde er offenbar auch Vater außerehelich gezeugter Kinder, und zwar 1834 einer Marie du Fresnay und 1836 eines Lionel-Richard Guidoboni-Visconti. 1832 begann die polnische Gräfin Ewelina Hańska eine langjährige Korrespondenz mit Balzac. Später kam es zur Heirat der beiden. Nach dem Erfolg der Chouans passabel bezahlt und zunehmend anerkannt, verfasste Balzac zahlreiche Erzählungen und Romane, die in der Regel zunächst fortsetzungsweise in Zeitschriften herauskamen, ehe sie in Buchform erschienen. Schon früh entwickelte er die Gewohnheit, jeweils mehrere schon gedruckte Werke unter Gruppentiteln zusammengefasst nochmals zu vermarkten.

Im Oktober 1833 schloss Balzac einen Verlagsvertrag, wonach er aus vorhandenen und noch zu schreibenden Werken eine drei mal vier (also insgesamt zwölf) Bände umfassende Sammlung von „Szenen“ zu erstellen hatte, die unter dem Generaltitel Études de mœurs au XIXe siècle erscheinen sollten. Noch 1833 lieferte er zwei Bände Scènes de la vie de province, 1834 begann er die Scènes de la vie parisienne.

Im selben Jahr 1834 hatte er beim Schreiben eines seiner besten Romane, Le Père Goriot (Vater Goriot), die Idee, die Figuren seiner bis dahin verfassten und der künftigen erzählenden Werke immer wieder neu auftreten zu lassen, um mit ihnen und um sie herum eine überschaubare Welt entstehen zu lassen. Wirklich schuf er so im Lauf der Zeit ein Universum von gut 2000 Figuren, die zugleich Repräsentanten der nachrevolutionären französischen Gesellschaft sein sollten und in der Tat eine plastische Vorstellung vom Leben zumindest der zeitgenössischen bürgerlichen und adeligen Schichten samt ihrer Domestiken vermitteln.

Im Sinne dieser Idee wählte Balzac, als er 1841 mit einer Verlegergruppe eine neue Gesamtausgabe seines vorhandenen und geplanten erzählerischen Œuvres vereinbarte und diese 1842 mit drei ersten Bänden eröffnete, den Obertitel La Comédie humaine. Hierbei sollten die einzelnen Romane und Erzählungen nicht nur zu Großgruppen zusammengefasst werden (Études philosophiques, Études analytiques und Études de mœurs), sondern auch noch zu Untergruppen (Scènes de la vie privée usw.).

Zur Verwirklichung dieses Projektes schrieb Balzac in den nächsten Jahren wie besessen. Sein infernalischer Arbeitsrhythmus (oft 15 bis 17 Stunden am Tag), den er wie symbolisch in einer Art Mönchskutte absolvierte, und sein enormer Kaffeeverbrauch (bis zu 50 Tassen in der Arbeitszeit) wurden legendär.

Die außergewöhnliche Vitalität und Schaffenskraft Balzacs beschränkten sich nicht auf seine literarische Aktivität als Erzähler, Journalist und gelegentlicher (stets erfolgloser) Dramatiker. Vielmehr war er ein Lebemann, der trotz seiner ständig wachsenden Schulden einen luxuriösen Lebensstil mit Kutsche, guter Kleidung, eleganten Wohnungen und sogar einem Landsitz zu unterhalten versuchte und ein aufwendiges gesellschaftliches Leben pflegte. Auch hatte er bis etwa 1843 fast ständig Geliebte, wobei er es immer wieder schaffte, aufopferungswillige und oft auch zu finanziellen Hilfeleistungen bereite Frauen aus den besten Kreisen an sich zu binden.

Gründung des Schriftstellerverbandes

1838 wurde von ihm, Victor Hugo, Alexandre Dumas und George Sand die Société de Gens de Lettres gegründet, der erste französische Schriftstellerverband. Balzac steuerte den bedeutenden Grundentwurf bei, den Code littéraire de la Société des Gens de Lettres, der erstmals die Urheberrechte der Schriftsteller an ihren Werken postulierte. Balzac hatte sehr persönliche Gründe, sich hier zu engagieren, da nach Veröffentlichung eines seiner Werke in Frankreich dieses immer in Belgien nachgedruckt und wesentlich billiger in hohen Auflagen in ganz Europa vertrieben wurde, ohne dass er einen Anteil davon bekam. Wegen Meinungsverschiedenheiten zog er sich jedoch aus der Vereinigung bald zurück.

Die letzten Jahre

Spätestens 1843 und verstärkt 1844 bekam er aufgrund seiner ständigen Überanstrengung und seines exzessiven Kaffeeverbrauchs Gesundheitsprobleme. Er versuchte jedoch, sie mit Arbeit zu betäuben oder auf Reisen mit Mme Hańska zu vergessen, die ab 1845 seine feste, allerdings niemals ständig mit ihm zusammenlebende Partnerin wurde. Mit ihr bereiste er in drei Sommern Frankreich, Deutschland, Italien und die Schweiz. Den Winter 1847/48 und das ganze Jahr 1849 verbrachte er mit ihr auf ihrem polnischen Schloss Wierzchownia bei Berditschew im damaligen Russischen Reich (heute Berdytschiw in der Ukraine). Seine Hoffnung, sich dort gesundpflegen zu lassen, erfüllte sich jedoch nicht. Am 14. März 1850 heiratete Balzac seine langjährige Partnerin Ewelina Hańska in Berditschew.

Nach mehrwöchiger und offenbar strapaziöser Rückreise nach Paris starb Balzac dort am 18. August 1850. Er wurde auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. Victor Hugo hielt die Trauerrede.

Aller Wahrscheinlichkeit nach bezog seine Witwe größere Einkünfte aus seiner Schriftstellerei, als er zu seinen Lebzeiten selbst erzielt hatte. Er pflegte nämlich seine im Prinzip recht ordentlichen Honorare ganz erheblich dadurch zu schmälern, dass er auf den Korrekturfahnen (d. h. den Probeausdrucken) seiner Texte so viele Verbesserungen anbrachte, dass das Ganze jeweils neu gesetzt werden musste.

Balzacs Werk

Die Comédie Humaine (Die menschliche Komödie) sollte Balzacs Lebenswerk werden, das er jedoch nicht mehr vollenden konnte. „Nur“ 91 der geplanten 137 Romane und Erzählungen wurden fertiggestellt. Balzac verband die einzelnen Texte zu einem Zyklus, indem er viele Figuren mehrfach auftreten ließ. Mit dieser literarischen Innovation wollte er ein System schaffen, das seiner Intention entsprach, ein umfassendes (Sitten-)Gemälde seiner Zeit zu entwerfen: „Die Unermesslichkeit eines Planes, der zugleich die Geschichte und die Kritik der Gesellschaft, die Analyse ihrer Übel und die Erörterung ihrer Prinzipien umfasst, berechtigt mich, so scheint es mir, meinem Werk den Titel zu geben, unter dem es heute erscheint: ›Die menschliche Komödie‹.“ (Balzac, Vorrede zur menschlichen Komödie)

Mit seiner relativ ungeschminkten Darstellung der gesellschaftlichen Realität prägte Balzac Generationen nicht nur französischer Autoren und bereitete den Naturalismus vor. Sein Prinzip der Verbindung einer ganzen Serie von Romanen durch ein System wiederkehrender Figuren wurde von Émile Zola in dessen Zyklus der Rougon-Macquart aufgegriffen.

Ausgehend von der zeitgenössischen Theorie, dass die Phänotypen der Tiere von deren Umgebung geprägt werden, entwirft Balzac in der Vorrede zur Menschlichen Komödie seine Ansicht der menschlichen Gesellschaft, indem er sie mit dem Tierreich vergleicht:

„Da ich von diesem System durchdrungen war, [...] so erkannte ich, daß die Gesellschaft in dieser Hinsicht der Natur glich. Macht nicht auch die Gesellschaft aus dem Menschen je nach den Umgebungen, in denen sein Handeln sich entfaltet, ebenso viele verschiedene Menschen, wie es in der Zoologie Variationen gibt? Die Unterschiede zwischen einem Soldaten, einem Arbeiter, einem Verwaltungsbeamten, einem Advokaten, einem Müßiggänger, einem Gelehrten, einem Staatsmann, einem Kaufmann, einem Seemann, einem Dichter, einem Bettler und einem Priester sind, wenn auch schwieriger zu definieren, so doch nicht minder beträchtlich als jene, die den Wolf, den Löwen, den Esel, die Krähe, den Hai, die Meerkuh, das Schaf und andere unterscheiden. Es hat also ewig soziale Gattungen gegeben und wird ihrer ewig geben, wie es zoologische Gattungen gibt.“

Allerdings sieht Balzac auch einen grundlegenden Unterschied zwischen zoologischen und sozialen Gattungen. Die sozialen „Gattungen“ oder Schichten sind nach oben und unten durchlässig, „die soziale Stellung ist Zufällen unterworfen, wie die Natur sie sich nicht erlaubt“ (aus der Vorrede), was die menschliche Gesellschaft zu einem spannenden und dynamischen System macht.

Die Idee zur „Menschlichen Komödie“

Die „Marktlücke“ in der Geschichtsschreibung

Obwohl nach Balzacs Überzeugung die sozialen Stellungen der Menschen sowie die Gewohnheiten der Gesellschaft selbst dem Wandel unterworfen sind, fehlt in diesem Bereich des menschlichen Lebens im Gegensatz zu den vermeintlich großen Geschichtsereignissen eine Form der Dokumentation und Analyse. In diesem Zusammenhang kritisiert Balzac den trockenen Stil und die einseitige Auswahl der Gegenstände in den Geschichtsbüchern und beschließt, dass er „den ständigen, täglichen, geheimen oder offen zutage liegenden Tatsachen, den Handlungen des individuellen Lebens, ihren Ursachen und ihren Prinzipien die gleiche Bedeutung beilege, die bisher die Historiker den Ereignissen des öffentlichen Lebens der Nationen beigelegt haben“.

Balzac erkennt, dass das Privatleben der Menschen und insbesondere die dahinter stehende Gesetzmäßigkeit viele Leser interessieren. Um diese Sittenstudie der französischen Gesellschaft darstellen zu können, muss Balzac eine fiktive Gesellschaft mit mehreren tausend handelnden Personen erfinden, die „dem innersten Wesen ihres Jahrhunderts abgelauscht“ sind.

Inspiration bei Walter Scott

Indessen weiß Balzac nicht, wie er diese Menge an notwendigen Charaktere in seinem literarischen Werk zu einem interessanten Drama vereinen soll, mit dem er seine Ziele, die Darstellung der zeitgenössischen französischen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und die philosophische Durchdringung dieser gesellschaftlichen Prozesse, verwirklichen kann. Erst die Begegnung mit Walter Scotts Werk soll Balzac die Augen öffnen. Scott „führte den Geist der alten Zeiten ein; er vereinigte in ihr das Drama, den Dialog, das Porträt, die Landschaft und die Schilderung; er wies dem Wunderbaren und dem Wahren seine Stellung an, jenen Elementen der Epik, und bei ihm berührte sich die Poesie mit der Vertraulichkeit der niedrigsten Sprache. Aber da er weniger ein System ersonnen, als vielmehr im Feuer der Arbeit oder durch die Logik der Arbeit seine Manier gefunden hatte, so war ihm nie der Gedanke gekommen, seine Dichtungen miteinander zu verknüpfen, so dass durch die Nebeneinanderordnung eine vollständige Geschichte entstand, deren jedes Kapitel ein Roman war und jeder Roman eine Zeitgeschichte. Als ich diesen Mangel der Bindung erkannte, der übrigens die Größe des Schotten nicht schmälert, sah ich zugleich das System, das der Ausführung meines Werkes günstig war, und die Möglichkeit, es auszuführen.“

Stoff und Charaktere

Balzac hat keine Schwierigkeiten, Stoffe für seine Romane zu finden, in denen er vom Verhalten seiner Zeitgenossen gesellschaftliche Regeln ableiten und die Funktionsweise der Gesellschaft philosophisch durchdringen will:

„Der Zufall ist der größte Romandichter der Welt: um fruchtbar zu werden, braucht man nur zu studieren. Die französische Gesellschaft sollte der Historiker sein, ich nur ihr Sekretär. Wenn ich die Inventur der Laster und Tugenden aufnahm, wenn ich die hauptsächlichsten Daten der Leidenschaften sammelte, wenn ich die Charaktere schilderte, wenn ich die wichtigsten Ereignisse des sozialen Lebens auswählte, wenn ich durch die Vereinigung der Züge vieler gleichartiger Charaktere Typen schuf, so konnte es mir vielleicht gelingen, die von so vielen Historikern übersehene Geschichte zu schreiben: die der Sitten.“

Um die Sitten einer ganzen Gesellschaft darzustellen, schildert Balzac gut 2000 markante Gestalten seiner Zeit, mit denen er versucht, das ganze Spektrum einer Gesellschaft auszufüllen. Über 50 dieser Charaktere besitzen eine detailliert ausgearbeitete Biografie, die in den verschiedenen Romanen, in welchen sie erscheinen, aus jeweils verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird.

Zu den zentralen Figuren der Comédie Humaine zählen unter anderem:

•  Horace Bianchon (erscheint in 24 Romanen/Erzählungen): Arzt

•  Jean-Jacques Bixiou (erscheint in 19 Romanen/Erzählungen): Beamter, Künstler

•  Joseph Bridau (erscheint in 13 Romanen/Erzählungen): Maler

•  Graf Henri de Marsay (erscheint in 28 Romanen/Erzählungen): Dandy, Politiker

•  Diane de Maufrigneuse (erscheint in 21 Romanen/Erzählungen): Adelige

•  Raoul Nathan (erscheint in 19 Romanen/Erzählungen): Literat, Politiker

•  Baron Frédéric de Nucingen (erscheint in 38 Romanen/Erzählungen): habgieriger Finanzier

•  Eugène-Louis de Rastignac (erscheint in 28 Romanen/Erzählungen): Dandy, Politiker

•  Marquis de Ronquerolles (erscheint in 20 Romanen/Erzählungen): impertinenter Zeitgenosse

•  Comtesse Hugret de Sérisy (erscheint in 20 Romanen/Erzählungen): Adelige

•  Maxime de Trailles (erscheint in 19 Romanen/Erzählungen): Dandy, Krimineller

•  Jacques Collin, alias Vautrin, alias Abbé Carlos Herrera, alias Trompe-la-Mort, alias M. de Saint-Estève (erscheint in 6 Romanen/Erzählungen): Krimineller, später Polizist

Jede dieser Personen steht jeweils auch repräsentativ für ihren sozialen Stand oder die Berufsgruppe, der sie angehört.

Gliederung des Werkes

Balzac unterteilt sein Gesamtwerk in drei Hauptteile: Sittenstudien, philosophische Studien, analytische Studien. Vor allem der letzte Teil des systematisch geplanten Werks bleibt unvollendet, obwohl Balzac über 20 Jahre lang unablässig Nacht für Nacht daran arbeitet. Flüchtigkeitsfehler hinsichtlich der Biografien seiner Charaktere unterlaufen ihm dabei sehr selten.

Sittenstudien (Études de mœurs)

Szenen aus dem Privatleben (Scènes de la vie privée)

•  Das Haus “Zum ballspielenden Kater” (La Maison du chat-qui-pelote, 1830)

•  Der Ball zu Sceaux (Le Bal de Sceaux, 1830)

•  Memoiren zweier Jungvermählter (Mémoires de deux jeunes mariées, 1841/42)

•  Die Börse (La Bourse, 1832)

•  Modeste Mignon und die drei Liebhaber (Modeste Mignon ou les trois Amoureux, 1844)

•  Ein Lebensbeginn (Un dèbut dans la vie, 1842)

•  Albert Savarus (1842)

•  La Vendetta (La Vendetta, 1830) (dt. auch Korsische Blutrache oder Blutrache)[2]

•  Eine doppelte Familie (Une double famille, 1830)

•  Ehefrieden (La Paix de ménage, 1830)

•  Madame Firmiani (Madame Firmiani, 1830)

•  Eine Frauenstudie (Étude de femme, 1832)

•  Die falsche Geliebte (La fausse Maîtresse, 1841)

•  Eine Evatochter (Une Fille d’Eve, 1830-39)

•  Die Botschaft (Le Message, 1832)

•  Die Grenadière (La Grenadière, 1832)

•  Die Verlassene (La Femme abandonnée, 1832)

•  Honorine (1843)

•  Béatrix (1839)

•  Gobseck (1830)

•  Die Frau von dreißig Jahren (La Femme de trente ans, 1831-44)

•  Vater Goriot (Le Père Goriot, 1834/35)

•  Oberst Chabert (Le Colonel Chabert, 1832)

•  Die Messe des Gottesleugners (La Messe de l’Athée, 1836)

•  Die Entmündigung (L’Interdiction, 1836)

•  Der Ehekontrakt (Le Contrat de Mariage, 1835)

•  Zweite Frauenstudie (Autre Étude de Femme, 1842)

Szenen aus dem Provinzleben (Scènes de la vie de province)

•  Ursula Mirouet (1841)

•  Eugénie Grandet (1833)

•  Verlorene Illusionen (Les Illusions perdues, 1837-43)

o  Die beiden Dichter (Les deux Poètes)

o  Ein großer Mann aus der Provinz in Paris (Un grand Homme de Province à Paris)

o  Die Leiden des Erfinders (Les Souffrances de l’Inventeur)

Die Ehelosen (Les Célibataires)

•  Pierrette (1840)

•  Der Pfarrer von Tours (Le Curé de Tours, 1832)

•  Die „Fischerin im Trüben“ (Un Ménage de Garcon en Province(la Rabouilleuse), 1842)

Die Pariser in der Provinz (Les Parisiens en Province)

•  Der berühmte Gaudissart (L’illustre Gaudissart, 1833)

•  Die Muse des Départements (La Muse du Département, 1843)

Die Nebenbuhler (Les Rivalités)

•  Die alte Jungfer (La Vieille Fille, 1836/37)

•  Das Antiquitätenkabinett (Le Cabinet des Antiques, 1836-39)

Szenen aus dem Pariser Leben (Scènes de la vie parisienne)

•  César Birotteau (1837)

•  Das Bankhaus Nucingen (La Maison Nucingen, 1838)

•  Glanz und Elend der Kurtisanen (Splendeurs et Misères des Courtisanes, (1839-47))

o  Wie leichte Mädchen lieben (Comme aiment les Filles)

o  Was alte Männer sich die Liebe kosten lassen (A combien l’amour revient aux vieillards)

o  Wohin schlechte Wege führen (Où mènent les mauvais chemins)

o  Vautrins letzte Gestalt (La dernière Incarnation de Vautrin)

•  Die Geheimnisse der Fürstin von Cadignan (Les Secrets de la princesse de Cadignan, 1839)

•  Facino Cane (1836)

•  Sarrasine (1831)

•  Pierre Grassou (1840)

•  Ein Geschäftsmann (Un Homme d’Affaires, 1845)

•  Ein Fürst der Bohéme (Un Prince de Bohème, 1840)

•  Die Beamten (Les Employés, 1838)

•  Gaudissart II (1844)

•  Die Komödianten wider ihr Wissen (Les Comédiens sans le savoir, 1846)

•  Die Kleinbürger (Les Petits Bourgeois, 1854)

•  Die Kehrseite der Zeitgeschichte (L’Envers de l’Histoire contemporaine, 1842-46)

o  Madame de la Chanterie (Madame de la Chanterie)

o  Der Aufgenommene (L’Initié)

Geschichte der Dreizehn (Histoire des Treize)

•  Ferragus (1834)

•  Die Herzogin von Langeais (La Duchesse de Langeais, 1834)

•  Das Mädchen mit den Goldaugen (La Fille aux yeux d’or, 1835)

Die verarmten Verwandten ( Les parents pauvres)

•  Tante Bette (La Cousine Bette, 1846)

•  Vetter Pons (Le Cousin Pons, 1847)

Szenen aus dem politischen Leben (Scènes de la vie politique)

•  Eine Episode aus der Zeit der Schreckensherrschaft (Un Épisode sous la Terreur, 1830)

•  Eine dunkle Begebenheit (Une ténébreuse Affaire, 1841)

•  Der Abgeordnete von Arcis (Le Député d’Arcis, 1847)

•  Z. Marcas (1840)

Szenen aus dem Soldatenleben (Scènes de la vie militaire)

•  Die Königstreuen (Les Chouans, 1829)

•  Eine Leidenschaft in der Wüste (Une Passion dans le Désert, 1830)

Szenen aus dem Landleben (Scènes de la Vie de campagne)

•  Die Bauern (Les Paysans, 1844)

•  Der Landarzt (Le Médecin de Campagne, 1833)

•  Der Dorfpfarrer (Le Curé de Village, 1838/39)

•  Die Lilie im Tal (Le Lys dans la Vallée, 1836)

Philosophische Studien (Études philosophiques)

•  Das Chagrinleder (La Peau de Chagrin, 1831)

•  Jesus-Christus in Flandern (Jésus-Christ en Flandre, 1831)

•  Melmoth (Melmoth réconcilié, 1835)

•  Massimilla Doni (1839)

•  Das unbekannte Meisterwerk (Le Chef-d’Oeuvre inconnu, 1831)

•  Gambara (1837)

•  Der Stein der Weisen (La Recherche de l’Absolu, 1834)

•  Das verstoßene Kind (L’Enfant maudit, 1831-36)

•  Lebwohl (Adieu, 1830)

•  Die Maranas (Les Marana, 1832)

•  Der Aufgebotene (Le Réquisitionnaire, 1831)

•  El Verdugo (1830)

•  Ein Drama am Meeresufer (Un Drame au bord de la mer, 1835)

•  Maître Cornélius (dt. auch Meister Cornélius, 1831)

•  Die rote Herberge (L’Auberge rouge, 1831)

•  Katharina von Medici (Sur Catherine de Médicis, 1831-41)

•  Das Lebenselixier (L’Elixir de longue vie, 1830)

•  Die Verbannten (Les Proscrits, 1831)

•  Louis Lambert (1832/33)

•  Seraphita (Séraphîta, 1835)

Analytische Studien (Études analytiques)

•  Physiologie der Ehe (La Physiologie du Mariage, 1826)

•  Die kleinen Nöte des Ehelebens (Petites Misères de la Vie conjugale, 1830-45)

Balzacs Erläuterungen zu den Sittenstudien (6 Bücher)

„In diese sechs Bücher sind all die Sittenstudien verteilt, die die allgemeine Geschichte der Gesellschaft bilden […]. Diese sechs Bücher entsprechen übrigens allgemeinen Ideen. Ein jedes hat seinen Sinn und seine Bedeutung, und es gestaltet eine Epoche des menschlichen Lebens. […] Die Szenen aus dem Privatleben geben die Kindheit und die Jugend mit ihren Fehltritten, wie die Szenen aus dem Provinzleben das Alter der Leidenschaften, der Berechnungen, der Interessen und des Ehrgeizes geben. Die Szenen aus dem Pariser Leben endlich zeigen das Gemälde der Neigungen, der Laster und all der Zügellosigkeiten, wie sie die den Hauptstädten eigenen Sitten entwickeln, denn dort begegnen einander der Gipfel des Guten und der Gipfel des Bösen. Nachdem ich in diesen drei Büchern das soziale Leben geschildert hatte, blieb mir noch übrig, die Ausnahmeexistenzen zu zeigen, die die Interessen mehrerer oder aller zusammenfassen, und die gewissermaßen außerhalb des allgemeinen Gesetzes stehen: daher die Szenen aus dem Leben der Politik. Und als dieses ungeheure Gemälde der Gesellschaft vollendet und beendigt war, mußte ich sie da nicht in ihrem gewalttätigsten Stande zeigen, wie sie aus sich heraustritt, sei es, um sich zu verteidigen, sei es, um zu erobern? Daher die Szenen aus dem Soldatenleben, der noch am wenigsten vollendete Teil meines Werkes, für den jedoch in dieser Ausgabe Platz gelassen wird, damit ich ihn einordnen kann, wenn er beendet ist. Schließlich sind gewissermaßen die Szenen aus dem Landleben der Abend dieses langen Tagewerks, wenn ich das soziale Drama so nennen darf.“

Balzacs Erläuterungen zu den Philosophischen Studien

„In diesem Buch finden sich die reinsten Charaktere und die Nutzanwendung der großen Prinzipien der Ordnung, der Politik und der Moral. Das ist das Fundament voller Gestalten, voller Komödien und Tragödien, auf dem sich die Philosophischen Studien aufbauen, der zweite Teil des Werkes, in dem das soziale Werkzeug aller Wirkungen nachgewiesen wird, in dem, Empfindung für Empfindung, die Verheerungen des Denkens geschildert sind, und dessen erster Band ›Das Chagrinleder‹, die Sittenstudien gewissermaßen mit den Philosophischen Studien verbindet, und zwar durch das Bindeglied einer fast orientalischen Phantasie, die das Leben selber im Kampf mit der Begierde zeigt, einem Kampf, der das Prinzip jeder Leidenschaft ist.“

Veranstaltung vom 16.05.2017

Nachtrag zu Balzac

Verfilmungen

Über zwanzig, die meisten in der ersten Hälfte des 20. Jh.

Le colonel Chabert, Verfilmungen: Frankreich 1910 (Regie André Calmettes), Deutschland 1920 (Regie E. Burg), Italien 1920 (Regie C. Gallone), Mensch ohne Namen, Deutschland 1932 (Regie Gustav Ucicky), Frankreich 1943 (Regie R. Le Hénaff), BR Deutschland 1956 (Regie V. von Collande), BR Deutschland 1967 (TV, Regie L. Cremer), Frankreich 1994 (Regie Yves Angelo).

La duchesse de Langeais, Verfilmungen: Frankreich 1910 (Regie André Calmettes), The Eternal Flame, USA 1922 (Regie F. Lloyd), Deutschland 1926 (Regie Paul Czinner) als Liebe, Frankreich 1942 (Regie Jacques de Baroncelli), Ne touchez pas la hache <Beil>, Frankreich 2007 (Regie Jacques Rivette).

Werkedition: letzte Neuausgaben vor 2000.

Balzac – Ein Leben voller Leidenschaft ist ein zweiteiliger französisch-italienisch-deutscher Fernsehfilm aus dem Jahr 1999. Die Filmbiografie über den französischen Schriftsteller Honoré de Balzac (1799–1850) entstand unter der Regie von Josée Dayan mit Gérard Depardieu in der Titelrolle.

Lebensverfilmung

Die Dreharbeiten für den Fernsehfilm, der als europäische Prestigeproduktion angelegt wurde, erfolgten unter anderem in Paris, in Bordeaux, in Balzacs Heimatstadt Tours, auf Schloss Saché, wo Balzac zeitweilig lebte, sowie in Tschechien, wo die Szenen mit den Winterlandschaften entstanden. Die Hauptdarsteller Gérard Depardieu und Fanny Ardant hatten zuvor in Die Auferstehung des Colonel Chabert (Le Colonel Chabert, 1994) in einer Leinwandverfilmung von Balzacs Erzählung Oberst Chabert ebenfalls die Hauptrollen gespielt. Bereits 1998 hatten Regisseurin Josée Dayan, Drehbuchautor Didier Decoin und Depardieu für den Fernsehmehrteiler Der Graf von Monte Christo erfolgreich zusammengearbeitet. Im Jahr 2000 versuchte sich das Trio mit Les Misérables – Gefangene des Schicksals an einer Fernsehverfilmung von Victor Hugos Roman Die Elenden.

In Deutschland wurde Balzac – Ein Leben voller Leidenschaft erstmals am 2. und 3. Januar 2000 in zwei Teilen im Fernsehen gezeigt. 2001 und 2009 erschien der Mehrteiler auf DVD.

Verlorene Illusionen (1846), ediert 2014: Buch der Woche im Januar 2015.

Einordnung in Comédie humaine: Szenen aus dem Provinzleben.

Balzac wolle im Breiten gelesen sein, hat Hugo von Hofmannsthal in einer schönen Hommage auf Balzac geschrieben. Im Breiten lesen – klar, bei einem Werk, das so viel Platz im Bücherregal braucht. Aber wer hat heute Zeit und Kraft für den ganzen Balzac? Also auswählen. Und dann wohl den vielleicht bedeutendsten, modernsten und äußerst packenden unter diesen Romanen. Und das sind die “Illusions perdues”, die “Verlorenen Illusionen”. Die sind gerade in einer prächtigen Klassikerausgabe im Hanser Verlag erschienen, neu übersetzt von Melanie Walz, und sie haben ausserdem das Aufkommen der Massenpresse und ihre Auswirkungen auf das geistige Leben, also die Bedingungen ihrer Entstehung und ihres Erfolgs, zum Thema.

Verlorene Illusionen (frz. Illusions perdues) entstand zwischen 1837 und 1843 als zeitgenössische Gesellschaftskritik in dreiteiliger Romanform. Anhand des Aufstiegs und Niedergangs von Lucien Chardon beschreibt Balzac exemplarisch die Mechanismen, die er im Frankreich der Restauration vorfindet, speziell im Literaturbetrieb, im Journalismus und der vornehmen Gesellschaft. Als solches ist Verlorene Illusionen nicht nur ein Roman, sondern ein Zeitdokument.

Glanz und Elend der Kurtisanen (Splendeurs et misères des courtisanes) erschien in vier Teilen zwischen 1838 und 1846 und schließt inhaltlich an den teilweise zeitgleich entstandenen Roman Verlorene Illusionen an. Glanz und Elend der Kurtisanen gehört innerhalb der Comédie Humaine (Die menschliche Komödie) zu den Szenen aus dem Pariser Leben.

Die Industrielle Revolution, der Imperialismus, die Verstädterung, wobei durch letztere Armut und Elend in konzentrierter Form zu beobachten waren. Auf diesem Boden entstand der Naturalismus. Naturalistische Künstler wollten die Wirklichkeit möglichst genau darstellen und arbeiteten mit exakten, gleichsam naturwissenschaftlichen Methoden. Diese Wissenschaftlichkeit ermöglichte ihnen, auch das Hässliche und Verdrängte abzubilden.

Émile Édouard Charles Antoine Zola (* 2. April 1840 in Paris; † 29. September 1902 in Paris) gilt als einer der großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts und als Leitfigur und Begründer der gesamteuropäischen literarischen Strömung des Naturalismus.

Zola wurde als Sohn eines italienischen Vaters und einer französischen Mutter geboren. Er blieb das einzige Kind von François Zola, geboren in Venedig, und Émilie Aubert, die aus Dourdan (Großraum Paris) stammte. Sein Vater, ein Bauingenieur und ehemaliger Unteroffizier der italienischen Armee, bewarb sich1843  bei der Ausschreibung um den Bau einer Trinkwasserversorgung in Aix-en-Provence. Er erhielt den Zuschlag und ließ sich in der Folge mit seiner Familie in Aix-en-Provence nieder. Nachdem der Vertrag im Jahr 1844 unterzeichnet worden war, gründete er mit einigen Investoren das Unternehmen Société du canal Zola. Die Bauarbeiten begannen 1847, im gleichen Jahr starb der Vater Zolas jedoch an einer Lungenentzündung, nachdem er den Bau der Talsperre nahe Aix-en-Provence geleitet hatte.

Am 10. Mai 1853 wurde die Konkursmasse der Société du canal Zola versteigert. Die nunmehr vollkommen auf sich gestellte Mutter versorgte ihren Sohn zusammen mit der Großmutter. Sie stand ihm bis zu ihrem Tod im Jahr 1880 sehr nahe und beeinflusste die Arbeit und das Leben von Émile Zola zutiefst.

Während seiner Schulzeit in Aix-en-Provence freundete sich Émile Zola mit dem Maler Paul Cézanne an, der ihm die graphischen Künste nahebrachte, insbesondere die Malerei. Bereits als Jugendlicher sah er aber in der Schriftstellerei seine wahre Berufung. Als Erstklässler im Gymnasium schrieb er einen Roman über die Kreuzzüge, der jedoch nicht erhalten ist. Seine Kindheitsfreunde wurden seine ersten Leser.

Bohème in Paris (1858–1862)

Émile Zola verließ Aix im Jahre 1858 und zog zu seiner Mutter nach Paris, um dort in bescheidenen Verhältnissen zu leben. In Paris baute er sich langsam einen Freundeskreis auf, der größtenteils aus Personen aus Aix bestand. Er begann Molière, Montaigne und Shakespeare zu lesen; Balzac beeinflusste ihn erst später. Auch zeitgenössische Autoren wie der Historiker Jules Michelet wurden früh zur Inspirationsquelle.

Zolas erste Liebe hieß Berthe. Sie war eine Prostituierte, in die er sich als 20jähriger verliebte. Er wollte sie „aus der Gosse holen“ und ihr die Lust auf Arbeit zurückgeben, aber sein Idealismus scheiterte an der Realität der Armenviertel von Paris. Zugleich lieferte ihm dieses Scheitern den Stoff für seinen ersten Roman, La confession de Claude.

Als Arbeitsloser kam Zola mit Louis Hachette in Kontakt, der ihn per 1. März 1862 als Angestellten seiner Buchhandlung aufnahm. Er blieb vier Jahre in der Werbeabteilung von Hachette, wo er schließlich einen Posten ähnlich dem Pressesprecher eines heutigen Unternehmens bekleidete. Er wurde geschätzt und bekam die Möglichkeit, Kontakte in die Welt der Literatur zu knüpfen.

Die positivistische und antiklerikale Ideologie bei der Librairie Hachette prägten Zola. Darüber hinaus lernte er alle Techniken der Herstellung und Vermarktung von Büchern kennen. Nach harter Arbeit in seiner Freizeit gelang es ihm, seine ersten Artikel und sein erstes Buch zu veröffentlichen. Anfang 1866 trennte sich Zola von der Buchhandlung und wollte künftig nur noch vom Schreiben leben.

Literaturjournalist

Ab 1863 arbeitete Émile Zola gelegentlich und ab 1866 regelmäßig an den Rubriken zur literarischen und künstlerischen Kritik von verschiedenen Zeitungen mit. Die Tageszeitungen erlaubten dem jungen Mann, seine Schriften schnell zu veröffentlichen, seine Qualitäten als Schriftsteller einem breiten Publikum zu zeigen und seine Einkünfte zu steigern. Er profitierte damit von der stürmischen Entwicklung der Presse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis zu seinen letzten Tagen empfahl Zola allen Nachwuchsschriftstellern, die ihn um Rat fragten, zunächst in Zeitungen zu veröffentlichen.

Neben Literatur-, Theater- und Kunstkritik veröffentlichte Zola in der Presse über 100 Erzählungen und Feuilleton-Romane. Er bediente sich dabei eines polemischen Journalismus, indem er seinen Hass, aber auch seinen Geschmack zeigte und seine ästhetischen wie auch politischen Positionen hervorhob. Zola beherrschte das journalistische Handwerk perfekt und benutzte die Presse als Werkzeug, um seine literarische Arbeit zu fördern. Für seine frühen Werke sandte Zola sogar vorgefertigte Berichte an Pariser Literaturkritiker persönlich und erhielt von ihnen zahlreiche Rückmeldungen.

Politischer Journalist

Über Freunde stieß Zola zur neuen republikanischen Wochenzeitung La Tribune, wo er seine polemischen Talente durch das Schreiben von antikaiserlichen Satiren auslebte. Die giftigsten seiner Angriffe gegen das Kaiserreich wurden jedoch in der Satire-Zeitschrift La Cloche veröffentlicht. 1868 gründete Louis Ulbach (1822-1889) die satirische Zeitschrift La Cloche, mit der er sich den Zorn der Zensur zuzog und eine Haftstrafe von sechs Monaten erhielt. Als er die Zeitschrift 1871 erneut erscheinen ließ, wurde er wiederum zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt.

Ab 1868 war Zola dank seiner journalistischen Arbeiten mit den Brüdern Edmond und Jules de Goncourt befreundet. Er war ein geselliger Mensch, der viele Freundschaften pflegte, dabei aber keinen Hang zum mondänen Leben hatte. Er freundete sich vor allem mit Künstlern und Literaten an und mied Politiker.

Am 31. Mai 1870, am Vorabend des Deutsch-Französischen Krieges, heirateten Émile Zola und Éléonore-Alexandrine Meley. Alexandrine wurde danach in den zahlreichen Momenten der Selbstzweifel zu einer unersetzlichen Stütze für Zola. Dafür blieb er ihr für immer dankbar. Beim Kriegsausbruch im Juli 1870 wurde Zola nicht mobilisiert. Er hätte zu den Mobilgarden eingezogen werden können, aber seine Kurzsichtigkeit und sein Status als Unterhaltspflichtiger (für seine Mutter) bewahrten ihn davor.

Zola verfolgte den Sturz des Zweiten Kaiserreiches mit Ironie, während der „Blutigen Woche“ im Mai 1871 hielt er sich aber nicht in Paris auf. Zwar teilte er nicht den Geist der Pariser Kommune, anders als Flaubert, Goncourt oder Daudet lehnte er aber ihre gewaltsame Unterdrückung ab. Er beließ es dabei, sie in seinen Schriften moderat zu behandeln. Am 3. Juni 1871 schrieb Zola über die Menschen von Paris in der Zeitung Sémaphore de Marseille: „Das Blutvergießen war vielleicht nur eine schreckliche Notwendigkeit, einige seiner Fieber zu beruhigen. Man wird sie nun in Weisheit und Herrlichkeit erstarken sehen.“ Als die Republik ausgerufen wurde, versuchte Zola, zum Unterpräfekten in Aix-en-Provence und Castelsarrasin ernannt zu werden. Trotz einer Reise nach Bordeaux, wohin die Regierung evakuiert worden war, scheiterte er.

1871 lernte er Gustave Flaubert kennen. Letzterer machte ihn an einer ihrer sonntäglichen Versammlungen mit Alphonse Daudet und Iwan Turgenjew bekannt. Sein ganzes Leben lang schwärmte Zola von der kleinen Gruppe, „in der wir zu dritt bis zu sechst einen Galopp über alle Fächer ritten, wo es immer wieder um Literatur ging, das aktuelle Buch oder ein aktuelles Stück, allgemeine Themen oder die gewagtesten Theorien“.

Von Februar 1871 bis August 1872 produzierte Zola mehr als 250 kritische Artikel zur Tätigkeit des Parlaments. In mutiger bis tollkühner Weise griff Zola dessen führende Köpfe an. Er beschimpfte das Parlament als ein „schüchternes, reaktionäres und […] manipuliertes Haus“. Für den Schriftsteller waren die meinungsstarken Kommentare nicht ohne Risiko. Im März 1871 wurde er zweimal verhaftet, kam aber beide Male am gleichen Tag wieder frei. Den politischen Stoff verarbeitete er später auch in seinen Romanen.

Zola behielt seine Tätigkeit als Journalist bis 1881 bei. Abgesehen von sporadischen politischen Kommentaren meldete er sich dann erst wieder anlässlich der Dreyfus-Affäre zu Wort: Ende 1897 in Le Figaro und Anfang 1898 in L’Aurore.

Zola als erfolgreicher Romancier

1867 hatte Émile Zola mit seinem dritten Roman Thérèse Raquin bereits Aufsehen erregt. Der Roman brachte dem damals 27-jährigen Zola den literarischen Durchbruch in Paris.

<Thérèse Raquin, Kind eines Seefahrers und einer Nordafrikanerin, wächst bei einer Stiefmutter in der französischen Provinz zusammen mit einem Stiefbruder auf. Die Stiefmutter besteht auf eine Hochzeit zwischen Thérèse Raquin und ihrem Sohn. Nach der Hochzeit verkauft die Familie ihr Landhaus und erwirbt ein Nähgeschäft in Paris. Thérèse betreibt zusammen mit der Stiefmutter den Laden, ihr Mann Camille arbeitet als Beamter. Die erzwungene Ehe erweist sich als leidenschaftslos und langweilig. Thérèse betrügt infolgedessen ihren Mann mit dessen bestem Freund Laurent. In dieser sexuell freizügigen und leidenschaftlichen Beziehung sind beide sehr glücklich und schmieden Pläne, Camille zu töten, um ihre Beziehung offen ausleben zu können. Bei einem Sonntagsausflug auf der Seine ertränkt Laurent Camille, und er und Thérèse deklarieren den Mord als Unfall. Weder die Polizei noch die Familie hegt den geringsten Verdacht. Nach einem Jahr heiraten Thérèse und Laurent. Allerdings hat die Beziehung seit dem gemeinsamen Mord an Camille an Leidenschaft deutlich verloren. Das Paar ist von Albträumen und Gewissensbissen geplagt. Es folgt ein stufenweiser Abstieg in die Hölle. Verfolgungswahn und Halluzinationen machen das Leben der beiden unerträglich. Es kommt zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und Gewalt. Die einst leidenschaftliche Beziehung endet in einem gemeinsamen Selbstmord.>

1873 adaptierte er den Roman zum gleichnamigen Theaterstück. Zola beabsichtigte laut seinem Vorwort zur 2. Ausgabe des Romans die Darstellung der „menschlichen Bestien“ (brute humaine). Das Thema des Menschen als Bestie greift er 1890 in dem Roman La bête humaine auf.

1869 begann er mit der Arbeit an dem monumentalen Zyklus Die Rougon-Macquart, die ihn mehr als zwanzig Jahre lang beschäftigen sollte. Ab 1871 veröffentlichte er einen Roman pro Jahr, außerdem journalistische Beiträge und Theaterstücke.

Die ersten Romane des Zyklus Die Rougon-Macquart haben eine satirische und politische Stoßrichtung. Als nach der Ausrufung der Republik sein Roman Die Beute (1871) Opfer der Zensur wurde, war Zola zutiefst enttäuscht. Er blieb aber glühender Republikaner, denn für ihn war die Republik „die einzige gerechte Regierungsform, die möglich ist“.

Nachdem Zola jahrelang mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, besserte sich seine Lage nach dem großen Erfolg von „Der Totschläger“ aus dem Jahre 1877 (frz. L’Assommoir, der Name einer im Roman häufig frequentierten Kneipe) ist der siebte Band der zwanzigbändigen Romanreihe Rougon-Macquart.

Nana gehört als neunter Titel zum zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus, den er als „histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire“ – Natur- und Sozialgeschichte einer Familie im Zweiten Kaiserreich – bezeichnet.

Zum Roman

Nana (Bd.9) knüpft inhaltlich unmittelbar an den siebten Roman der „Rougon-Macquart“-Reihe Der Totschläger (französisch L’Assommoir) an. Nana ist die Tochter der Wäscherin Gervaise Macquart und des Trinkers Coupeau aus dem 1877 veröffentlichten Roman Der Totschläger.

Émile Zola wendet sich mit Nana nach Ein Blatt Liebe (Bd.8) französisch Une page d’amour) wieder der Gesamterfassung der Natur- und Sozialgeschichte der französischen Gesellschaft im Zweiten Kaiserreich zu. Mit dem Roman wollte Zola den Verfall der Gesellschaft durch das promiskuitive Treiben der vornehmen Gesellschaft darstellen, das sich nicht nur auf die eigenen Kreise beschränkt, sondern die Dirnen von der Straße mit einbezieht, deren Verhalten sich von jenem der verheirateten Damen in nichts unterscheidet. Zola zeigte nicht nur die Verderbtheit und Dekadenz seiner Protagonistin, sondern auch die der oberen Gesellschaftsschicht. Die ehemalige Straßendirne gewinnt an gesellschaftlichem Ansehen – talentlos, dafür über einen makellosen Körper verfügend –, indem sie sich in der Rolle der „blonden Venus“ auf der Bühne nackt zur Schau stellt.

„Schon beim zweiten Vers schauten die Leute im Zuschauerraum einander verdutzt an. War das ein schlechter Witz? Hatte Bordenave es sich in den Kopf gesetzt, diese Niete dem Publikum zuzumuten? Noch nie hatte eine Sängerin so unerhört falsch gesungen, mit einer derart unausgebildeten Stimme aufzutreten gewagt!“

– Émile Zola: Nana

Zola beschreibt das Publikum als eine Mischung von Personen aus dem literarischen Paris, der Finanzwelt, Journalisten und Schriftstellern, Börsenleuten, die eher von Damen der Halbwelt als anständigen Frauen begleitet wurden. Die Männer kommen in das Theater, weil sie die Kokotte Nana auf der Bühne sehen wollten – schließlich kennt sie fast jeder der Anwesenden bereits auf seine/ihre Weise. Das gezielt gestreute Gerücht, sie würde nackt auftreten, sorgt ebenfalls dafür, dass die Premiere der „blonden Venus“ vor ausverkauftem Haus stattfinden kann.

„Schon in der zweiten Szene einigte sich Diana mit dem Gott dahin, dass er eine Reise vorgeben solle, um Venus und Mars das Feld zu räumen, und kaum war Diana allein, erschien Venus. Ein Schauer durchwogte den Zuschauerraum. Nana war nackt. Sie war völlig nackt und trug ihre Blöße mit ruhiger Kühnheit zur Schau, im sichern Selbstgefühl der Allmacht ihrer Fleischespracht. Einzig dünne Schleier hüllten sie ein. [...] „Donnerwetter!“ sagte Fauchery zu La Faloise, sonst nichts.“

– Émile Zola: Nana

Schon 1878 konnte Zola ein Landhaus in Médan in der Nähe von Poissy erwerben. Ab diesem Zeitpunkt verfügte er über ein jährliches Einkommen zwischen 80.000 und 100.000 Francs. Damit war Zola wohlhabend, allerdings musste er auch seine Mutter und seine zwei Häuser unterhalten.

1880 wurde ein schwieriges Jahr für den Schriftsteller. Der Tod von Edmond Duranty,

<Louis Émile Edmond Duranty (* 6. Juni 1833 in Paris; † 9. April 1880 ebenda) war ein französischer Schriftsteller und Kunstkritiker.

Kurzzeitig gab Duranty 1856/7 die Zeitschrift Le Réalisme unter Mitwirkung von Jules Champfleury, Jean-Baptiste-Henri Thulié (1832–1916) und Jules Assézat heraus und forderte hierin Wahrhaftigkeit in Farbe und Licht in Bezug auf die zeitgenössische Malerei. Er unterstützte mit seinen Schriften die Maler des Realismus, wobei ihm Gustave Courbet besonders nah stand.>

1880 starb auch Gustave Flaubert, als am Ende des Jahres auch noch seine Mutter starb, fiel Zola in eine Depression. Da er mittlerweile durch die regelmäßige Veröffentlichung der Rougon-Macquart-Romane finanziell unabhängig war, gab er 1881 seine Tätigkeit als Journalist auf. Aus diesem Anlass veröffentlichte er im Figaro einen Beitrag mit dem Titel Adieux („Abschied“), in dem er 15 Jahre journalistischer Auseinandersetzungen in der Presse Revue passieren ließ. In seinem Herzen blieb er jedoch Journalist. Zum Beispiel ist die Handlung von Germinal (1885) von Begegnungen mit Bergleuten inspiriert und beschreibt den Höhenflug der Bergbauaktien an der Börse von Lille minutiös.

Germinal, 1885 erschienen, ist das Hauptwerk von Émile Zolas zwanzigbändigem Werk Das Leben der Familie Rougon-Macquart (Bd.13). Es beschreibt die unmenschlichen Verhältnisse in französischen Bergwerken des 19. Jahrhunderts.

Der Roman beleuchtet die Konflikte, die sich nicht nur zwischen Arm und Reich auftun, sondern auch zwischen den verschiedenen Versuchen, gerechtere Verhältnisse herzustellen. Ein Teil der Bergarbeiter und Bergarbeiterinnen befürwortet einen Streik, ein anderer Teil versucht, mit den Eigentümern der Gruben Einvernehmen herzustellen und zu verhandeln. Dabei wird deutlich, dass vor allem der Eigentümer kleinerer, wenig ergiebiger Gruben den auf ihm lastenden Konkurrenzdruck an die Arbeiter weitergibt, mit dem Argument: Wenn nicht schneller Kohle gefördert wird, muss er die Gruben schließen, und dann haben die Beschäftigten gar keine Arbeit mehr.

Germinal gilt als Schlüsselwerk des europäischen Naturalismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Roman ist wegen der sehr realistisch dargestellten Konflikte mehr als ein Zeugnis für unmenschliche Arbeitsbedingungen und die menschliche Gleichgültigkeit derer, die davon profitieren.

Die Industrialisierung hat rasante Umwälzungen mit sich gebracht. In den Kohle-Schächten arbeiten unter schweren Bedingungen Männer, Frauen und Kinder. Die Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten wird zur Quelle steigender Unruhe. Der Protagonist ruft zum Widerstand gegen diese Ausbeutung und gewinnt Anhänger unter seinen Leidensgenossen.

Zola hatte monatelang mit Bergleuten zusammen gearbeitet, bis er, vermutlich unter dem Eindruck des gewaltsam niedergeschlagenen Bergarbeiterstreiks in Anzin, den Roman schrieb. Eindringlich führt er die verzweifelte Lage der Leute vor Augen und vermeidet dabei jede Schwarzweiß-Malerei. Weder idealisiert er die Arbeiter, noch dämonisiert er die Besitzenden. Vielmehr schildert der Roman detailliert den moralischen Verfall auf beiden Seiten. Zola deutet ihn als Folge des gesellschaftlichen Elends. Die gelungene Verbindung einzelner Schicksale mit der wirtschaftlichen und sozialen Situation macht den Roman zu einem eindrucksvollen literarischen Zeugnis der frühen Industrialisierung, er wurde zum Fanal einer neuen Epoche der Epik.

Rezeption

Germinal wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.

Zu den Stärken von Zola gehörten seine Schaffenskraft und die Beständigkeit gemäß seinem Motto, das er auf den Kamin seines Arbeitszimmers in Médan malen ließ: Nulla dies sine linea („Kein Tag ohne eine Zeile“). Mehr als 30 Jahre lang teilte Zola seine Zeit streng ein, wenngleich seine Planungen Änderungen unterworfen war, vor allem dann, als er Journalismus und das Schreiben von Romanen unter einen Hut bringen musste.

Seine Feuilleton-Romane brachten ihm im Durchschnitt 1500 Francs ein und an jedem verkauften Romanexemplar verdiente er 50 Centimes. Die zahlreichen Übersetzungen und Anpassungen seiner Romane für das Theater waren weitere bedeutende Einnahmequellen. Somit stieg Zolas Einkommen und erreichte um 1895 etwa 150.000 Francs pro Jahr.

In den Jahren 1894 bis 1898 veröffentlichte Zola einen zweiten Romanzyklus: Trois Villes, bestehend aus drei Bänden.

Das erzählerische Werk Zolas ist, ähnlich wie das der Goncourts, eine Fundgrube für Sozialhistoriker.

Tod

1898 nahm Zola einen dritten Romanzyklus in Angriff: Vier Evangelien (Quatre Evangiles). Der vierte Band mit dem Titel Gerechtigkeit (Justice) blieb unvollendet. Zola starb zu Beginn der Heizperiode im Herbst 1902 durch eine Kohlenmonoxidvergiftung in seinem Pariser Haus. Gerüchte, er sei durch absichtliches Verstopfen des Kamins ermordet worden, konnten bis heute nicht gänzlich entkräftet werden.

Am 4. Juni 1908 wurden die Überreste Zolas auf Anordnung der Regierung Georges Clemenceau in das Panthéon überführt, wohl auch, um das Engagement in der Dreyfus-Affäre zu würdigen.

Am 13. Januar 1898 versuchte er mit einem offenen Brief an den Staatspräsidenten Félix Faure, sein persönliches Prestige einzusetzen für den als prodeutschen Verräter verurteilten Hauptmann Alfred Dreyfus, den ersten französischen Juden des Generalstabes. Dieser Brief mit dem Titel J’accuse …! („Ich klage an“) entfachte einen ungeahnten innenpolitischen Sturm (Dreyfus-Affäre), der Frankreich für Jahre, oft bis in die Familien, in Dreyfusards und Antidreyfusards spaltete, d. h. in ein progressives linkes Lager und ein konservatives rechtes, das zugleich militant-nationalistisch und antisemitisch war.

Zola selbst wurde noch 1898 vom Kriegsminister sowie von einigen Privatpersonen verklagt und in politischen Prozessen wegen Diffamierung zu einer Geld- und (kurzen) Gefängnisstrafe verurteilt. Er entzog sich der Strafe durch Flucht nach London, wo er fast ein Jahr blieb.

Arno Holz

Arno Holz (* 26. April 1863 in Rastenburg, Ostpreußen; † 26. Oktober 1929 in Berlin) war ein deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus und Impressionismus. Als seine Hauptwerke gelten die gemeinsam mit Johannes Schlaf verfassten beiden Arbeiten Papa Hamlet (1889) und Die Familie Selicke (1890) sowie der Gedichtband Phantasus (1898).

Arno Holz wurde in Rastenburg als Sohn des Apothekers Hermann Holz und seiner Gattin Franziska, geborene Werner, geboren. 1875 zog die Familie Holz nach Berlin. Nachdem er die Schule hatte abbrechen müssen, arbeitete Arno Holz ab 1881 zunächst als Journalist, entschied sich dann aber für eine Existenz als freier Schriftsteller. Finanzielle Probleme begleiteten fortan sein Leben. Er knüpfte Kontakte zum Berliner Naturalistenverein Durch, in dem er unter anderem Gerhart Hauptmann kennenlernte. 1885 erhielt er für seinen Gedichtband „Buch der Zeit“ den Schiller-Preis. Ab dieser Zeit beschäftigte sich Holz mit dem Darwinismus.

Ab 1888 arbeitete er mit Johannes Schlaf zusammen. Gemeinsam entwickelten sie in der programmatischen Schrift „Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze“ die Theorie eines „konsequenten Naturalismus“, der auf exakte Milieuschilderung unter Einbeziehung auch umgangssprachlicher Elemente abzielte. Zugleich wollten sie jegliche Subjektivität eliminieren und möglichst wissenschaftlich sein. So kamen sie zu der Formel „Kunst = Natur − x“. Damit meinten sie, dass die Kunst so weit wie möglich der Natur entsprechen sollte und es also die Aufgabe des Künstlers wäre, das x aus der Formel möglichst klein sein zu lassen. Den theoretisch postulierten „konsequenten Naturalismus“ wandten sie praktisch an in den unter dem gemeinsamen Pseudonym Bjarne P. Holmsen erschienenen Werken „Papa Hamlet“ und Die Familie Selicke (Schauspiel, Uraufführung 1890 gleichzeitig am Stadttheater Magdeburg und an der Freien Bühne Berlin). Die Forderung, Kunst solle genaue Wiedergabe der Realität sein, führte zu neuen, experimentellen Ausdrucksweisen, beispielsweise zum „Sekundenstil“, in dem soziales Elend minutiös genau geschildert wird. Die Reaktionen auf Papa Hamlet waren äußerst verschieden. Die meisten Kritiker schrieben dagegen, aber es gab auch einige, wie zum Beispiel Theodor Fontane, die einen hohen künstlerischen Wert darin erkannten.

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Papa Hamlet heißt ein 1889 erschienener dreiteiliger Erzählband von Bjarne P. Holmsen (Pseudonym des Autorengespanns Schlaf und Holz), bestehend aus den Novellen „Der erste Schultag“, „Ein Tod“ und „Papa Hamlet“. In der Erzählung geht es um den mittellosen, arbeitslosen Schauspieler Niels Thienwiebel, der seiner einst größten Rolle „Hamlet“ wehmütig nachtrauert und dessen Größenwahn und Misserfolg durch Niels immer wiederkehrende Zitate aus Shakespeares Werk eine beißend-ironische Brechung erhält.

Den Stil bestimmen differenzierte Nuancen in den suggestiven Beschreibungen (symbolische Gegenstände in Nahaufnahme, Hintergrundgeräusche, Darstellung der Stille), sowie der „Sekundenstil“, der zu einer Deckung von Erzählzeit und erzählter Zeit führt (besonders in der Ermordungsszene). Die Figurenrede wird nicht in einer hochsprachlich gereinigten Form dargestellt, sondern mimisch, gestisch und prosodisch konkretisiert. Alltagssprache, Jargon, Soziolekt und Dialekt samt bedeutungsloser Interjektionen („Ae“), paralleler Satzbaumuster, Anakoluthe (abbrechende Sätze), samt der den Sprechrhythmus hervorhebenden Interpunktion sind die neuen Darstellungsmittel. Der (bürgerliche, also bemittelte) Leser wird dadurch in die Handlung hineingezogen und zum Sozialvoyeur gemacht. Darin liegt ein kathartischer Effekt.

Die Familie Selicke ist ein Drama von Arno Holz und Johannes Schlaf, das am 7. April 1890 an der Freien Bühne in Berlin uraufgeführt wurde. In konsequent naturalistischem Stil beschreibt das Stück ein Familiendesaster innerhalb eines kleinbürgerlich-proletarischen Milieus.

Das Drama weist viele Merkmale des Naturalismus auf, so beispielsweise das Alkoholproblem des Vaters (das allerdings nicht durch Geldprobleme – wie in vielen anderen Dramen des Naturalismus –, sondern durch die gesellschaftliche und familiäre Situation zu erklären ist), die kurze Inzestsituation des Vaters seiner Tochter gegenüber, die genaue Ausführung und Beschreibung des Wohnzimmers der Familie Selicke sowie die Umgangssprache und der Berliner Dialekt des alten Kopelke. Es werden auch die Einheiten des Ortes und der Zeit bewahrt.

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Als Johannes Schlaf sich mit Holz über die Einnahmen aus beiden Werken, die relativ gering waren, zu streiten begann, kam es zum Bruch. Holz behauptete, dass er mehr geleistet hätte, und man kann an Textpassagen erkennen, dass zwar das Thema, also der Stoff beider Werke von Schlaf stammt, aber die künstlerische Verarbeitung von Holz. Holz experimentierte nun in seiner Lyrik mit einem reimlosen Stil und gab die traditionellen Formregeln auf. Die Werke sollten vom „inneren Rhythmus“ bestimmt werden und frei von Reim und Versmaß sein. Programmatisch legt er diese Prinzipien in seiner Schrift Revolution der Lyrik (1899) nieder.

Der 1896 begonnene, von Zolas Romanzyklus Rougon-Macquart inspirierte Dramenzyklus „Berlin. Wende einer Zeit in Dramen“, der auf ursprünglich 25 Stücke ausgelegt war, blieb bis auf drei Werke unvollendet: die Komödie Sozialaristokraten (1896) und die Erkenntnistragödien Sonnenfinsternis (1908) und Ignorabimus (1913). Die Dramen des Spätwerks fielen allesamt beim zeitgenössischen Theaterpublikum durch, die Buchausgaben fanden trotz zahlreicher Umarbeitungen kaum Käufer.

1898 veröffentlichte er seinen sprachlich virtuosen Gedichtband Phantasus, der als sein lyrisches Hauptwerk gilt. Die Gedichte über einen dahindämmernden, hungernden Dichter spiegeln das Milieu wider, in dem Holz im Berliner Wedding lebte. Am Phantasus hat Holz fast während seiner ganzen Schaffenszeit gearbeitet, da er die Gedichte der Sammlung vielfach abänderte und teils immer mehr erweiterte. Eine formale Besonderheit der Gedichte bestand darin, dass die einzelnen Verszeilen zentriert, das heißt, um eine gedachte Mittelachse gedruckt wurden, weshalb dieser Stil auch Mittelachsenlyrik genannt wird, so dass rechts und links ein Flatterrand entstand. Ein Beispiel ist die Referenz an die St. Georgskirche in Rastenburg, die sich im „Kindheitsparadies“ findet:

… landfernhin schauenden, landfernhin lugenden,

landfernhin sichtbaren

Burgbelfriedtürme

der massig, der mächtig, der wuchtig

der sturmtrotzig, ehrwürdig, bollwerkkühn,

letztzufluchtstark

stolzen,

felssteinuntermauerten, ziegelstumpfbraunrötlichen,

berghügelkrönenden,

strebepfeilerigen, sternkreuzgewölbigen,

buntfensterigen

Sankt

Georgenkirche.

Der auf eine romantische Tradition zurückweisende Titel des Werkes ist der Name einer Gestalt der antiken Mythologie. Bei Holz wird Phantasus (griech. Phantasos), ein Sohn des Schlafes, der durch seine vielfältigen Verwandlungskünste die menschlichen Träume erzeugt, zur Allegorie der dichterischen Existenz stilisiert. Thema des Phantasus ist das phantasiegelenkte Bewusstsein des Dichters, das sich durch eine Fülle von Metamorphosen aller Erscheinungen bemächtigt. Zu dieser poetischen Selbstdarstellung erklärt Holz: „Das letzte ‚Geheimnis‘ der… Phantasuskomposition besteht im wesentlichen darin, daß ich mich unaufhörlich in die heterogensten Dinge und Gestalten zerlege.“

Der naturwissenschaftliche Hintergrund des Phantasus ist vor allem durch die biogenetischen Theorien Ernst Haeckels bestimmt; das lyrische Ich durchwandert alle Entwicklungsstadien der lebenden Substanz, indem es sie in Metamorphosen nachvollzieht. In einer Selbstinterpretation heißt es bei Holz: „Wie ich vor meiner Geburt die ganze physische Entwicklung meiner Spezies durchgemacht habe, wenigstens in ihren Hauptstadien, so seit meiner Geburt ihre psychische. Ich war ‚alles‘, und die Relikte davon liegen ebenso zahlreich wie kunderbunt in mir aufgespeichert.“

Der lyrische Stil des Phantasus ist ein Pendant zur Technik des von Arno Holz und Johannes Schlaf (1862–1941) gemeinsam für Drama (vgl. Die Familie Selicke) und Prosa (vgl. Papa Hamlet) entwickelten naturalistischen „Sekundenstils“.

1903 schuf er die „Lieder auf einer alten Laute“, die der Dichtung des Barock nachempfunden waren. Dieser Gedichtband wurde später erweitert und als Dafnis bei Reinhard Piper verlegt, einer seiner äußerst wenigen finanziellen Erfolge. Die im Dafnis enthaltenen Gedichte waren von der Textgestaltung, von der Thematik und auch von der Stilistik Barockgedichte, die sich hauptsächlich um Feiern, Essen und erotische Begebenheiten drehen. Bekannt wurde die Tragikomödie „Traumulus“ (1904), das erste von fünf gemeinsam mit dem Freund Oskar Jerschke unter dem Pseudonym Dr. Hans Volkmar verfassten Bühnenstücken. Traumulus wurde in der ersten Zeit nach der Veröffentlichung auf zahlreichen Bühnen gespielt. 1935 war das Stück Vorlage für den von Carl Froelich produzierten und inszenierten Tobis-Film mit Emil Jannings in der Titelrolle. Die Justizsatire Frei! und die Komödie Gaudeamus! kamen nie zur Aufführung, die Provinzkomödie Heimkehr wurde einige Male in Berlin gezeigt und lediglich die Justizposse Büxl kam in Wien, Frankfurt, Leipzig und Berlin zur Aufführung.

Die Lehrer-Schüler-Problematik in der autoritären wilhelmischen Gesellschaft dramatisieren Arno Holz (* 1863, † 1929) und Oskar Jerschke (* 1861, † 1928) in dem erfolgreichen Stück »Traumulus«, das am 24. September im Lessingtheater in Berlin uraufgeführt wird. Das Stück avanciert zu den meistgespielten deutschen Dramen vor dem Ersten Weltkrieg. Professor Niemeyer, wegen seines träumerischen Idealismus »Traumulus« genannt, ist Direktor des königlichen Gymnasiums einer Provinzstadt. Er erfährt während der Vorbereitung der Festlichkeiten einer Denkmalsenthüllung, dass sein Lieblingsschüler mit einer »stadtbekannten Kurtisane« nicht nur in den anrüchigsten Lokalen der Stadt verkehrt, sondern auch eine Nacht in deren Hause verbracht hat. Traumulus will zunächst nicht glauben, dass der Schüler so »sittlich verkommen« sein könne. Als sich jedoch die Wahrheit nicht mehr verleugnen lässt, bezeichnet er ihn als Verbrecher. Der Schüler erschießt sich.

Im Jahre 1929 war Holz auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis, erhielt ihn aber schließlich nicht.

Zwischen 1910 und 1929 wohnte Arno Holz in Berlin-Schöneberg. 1926 ließ er sich von seiner Ehefrau scheiden und heiratete erneut. Er wurde auf dem Friedhof Heerstraße an der Trakehner Allee in Berlin-Westend begraben. Sein Grab ist heute ein Ehrengrab des Landes Berlin.´

Veranstaltung vom 17.05.2017

Gerhart Hauptmann

Gerhart Johann Robert Hauptmann (* 15. November 1862 in Ober Salzbrunn in Schlesien; † 6. Juni 1946 in Agnetendorf  in Schlesien gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Seine Eltern waren die Eheleute Robert (1824–1898) und Marie Hauptmann, geborene Straehler (1827–1906), die am Ort ein Hotel betrieben. Hauptmann hatte drei ältere Geschwister: Georg (1853–1899), Johanna (1856–1943) und Carl (1858–1921). In der Nachbarschaft war der junge Hauptmann als fabulierfreudig bekannt. Seinen Rufnamen Gerhard änderte er später in Gerhart.

Ab 1868 besuchte er die Dorfschule, ab dem 10. April 1874 die Realschule in Breslau, für die er nur knapp die Eignungsprüfung geschafft hatte. Hauptmann hatte Schwierigkeiten, sich in die neue Umgebung der Großstadt einzuleben; gemeinsam mit seinem Bruder Carl wohnte er zunächst in einer heruntergekommenen Schülerpension, ehe sie bei einem Pastor unterkamen. Darüber hinaus bereitete ihm der preußisch geprägte Schulalltag Probleme. Ihn störten vor allem die Härte der Lehrer und die Besserbehandlung der adligen Mitschüler. Eine sich daraus entwickelnde Abneigung und zahlreiche Krankheiten, derentwegen  er nicht am Unterricht teilnehmen konnte, führten dazu, dass Hauptmann das erste Jahr wiederholen musste. Er schloss sich einem „Jünglingsbund“ an, der utopische Pläne entwickelte. Eine neue Gesellschaftsordnung sollte geschaffen werden mit Nacktkultur und Liebesfreiheit, fern von den Zwängen und Vorurteilen der wilhelminischen Gegenwart. „Der Leitsatz, der uns immer begleitete, hieß: Rückkehr zur Natur“. In Übersee sollte eine alternative Siedlung begründet werden von der freisinnigen Art, wie sie Jahre später auf dem Monte Verità (Wahrheitsberg) von Ascona entstand. ein bekannter Treffpunkt von Lebensreformern, Pazifisten, Künstlern, Schriftstellern sowie Anhängern unterschiedlicher alternativer Bewegungen. Mit der Zeit allerdings lernte Hauptmann Breslau wegen der Möglichkeit schätzen, das Theater zu besuchen.

Im Frühjahr 1878 verließ Hauptmann die Realschule, um Landwirtschafts-Eleve auf dem Gutshof seines Onkels Gustav Schubert in Lohnig zu werden, ab Herbst im nahegelegenen Lederose. Nach anderthalb Jahren musste er die Lehre abbrechen. Er war der Arbeit physisch nicht gewachsen und hatte sich ein Lungenleiden zugezogen, das ihn in den folgenden zwanzig Jahren mehrmals in Lebensgefahr brachte.

Nachdem sein Versuch gescheitert war, das „Einjährigen-Examen“ zu absolvieren, trat Hauptmann im Oktober 1880 in die Bildhauerklasse der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau ein. Hier traf er Josef Block, mit dem ihn zeitlebens eine tiefe Freundschaft verband. Nach vorübergehendem Ausschluss wegen „schlechten Betragens und unzureichenden Fleißes“ und baldiger Wiederaufnahme (auf Empfehlung von Professor Robert Härtel) verließ Hauptmann die Hochschule 1882. Für die Hochzeit seines Bruders Georg mit der Radebeuler Kaufmannstochter Adele Thienemann schrieb er das kleine Festspiel Liebesfrühling, das am Polterabend auf Hohenhaus uraufgeführt wurde. Bei der Hochzeit lernte er auch die Schwester der Braut, Marie Thienemann, kennen. Er verlobte sich heimlich mit ihr, Marie unterstützte ihn fortan finanziell, und das ermöglichte ihm, zum Wintersemester 1882/83 ein Studium der Philosophie und der Literaturgeschichte an der Universität Jena zu beginnen, das er aber auch bald abbrach.

Danach finanzierte Marie ihm eine Mittelmeerreise, die er mit Carl unternahm. Er beschloss, sich in Rom als Bildhauer niederzulassen, hatte aber keinen Erfolg. Seine Versuche, in der deutschen Gemeinde Roms Fuß zu fassen, misslangen, und seine überlebensgroße Tonplastik eines germanischen Kriegers fiel in sich zusammen. Hauptmann kehrte enttäuscht nach Deutschland zurück und begann ein Zeichenstudium an der Königlichen Akademie Dresden, das er ebenso wenig beendete wie ein anschließendes Geschichtsstudium an der Universität Berlin. Er widmete sein Interesse eher dem Theater als dem Studium.

Gerhart Hauptmann heiratete am 5. Mai 1885 Marie Thienemann vom Hohenhaus in Radebeul. Im Juli holten sie zusammen mit Hauptmanns Bruder Carl und dessen Frau Martha (einer weiteren Schwester von Marie, Hochzeit 1884) ihre Hochzeitsreise nach Rügen nach. Sie besuchten erstmals die Insel Hiddensee, die in Zukunft ein beliebtes Reiseziel Hauptmanns werden sollte. Weil das Stadtleben ihm Lungenprobleme bereitete, wohnten Hauptmann und seine Frau für die nächsten vier Jahre in Erkner in der Villa Lassen. Dort kamen ihre drei Söhne Ivo (1886–1973), Eckart (1887–1980) und Klaus (1889–1967) zur Welt. 1889 zog Hauptmann nach Charlottenburg bei Berlin. Dort nahm er Verbindung mit dem naturalistischen Literaturverein Durch auf, in dem auch Arno Holz Mitglied war.

Während eines Aufenthalts in Zürich lernte er 1888 den Naturprediger

Johannes Guttzeit (1853–1935) kennen, der ihm das Vorbild wurde für die Erzählung „Der Apostel“. Unter seinem Einfluss und dem des Psychiaters, Hirnforschers und Alkoholgegners Auguste Forel wandelte sich Hauptmann für eine Zeit lang zum Lebensreformer und Abstinenzler.

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Guttzeit propagierte eine alternative Lebensweise, setzte sich für Naturrechte, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und die Anerkennung Homosexueller ein und kritisierte die Glorifizierung von Adel, Militär und Krieg. Zu seinen bekanntesten Werken gehörte die 1900 erschienene Schrift „Unsinn und Unmoral im Alten Testament“. Wegen angeblicher „Beschimpfung der jüdischen Religion“ wurde er zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, nach deren Ablauf er Deutschland verließ und in Görz und St. Peter bei Triest lebte.

Auguste-Henri Forel (* 1. September 1848 auf dem Landsitz La Gracieuse in Morges; † 27. Juli 1931 in Yvorne) war ein Schweizer Psychiater, Hirnforscher, Entomologe, Philosoph und Sozialreformer. Er gilt als Vater der Schweizer Psychiatrie und als einer der wichtigsten Vertreter der Abstinenzbewegung in der Schweiz.

Von 1879 bis 1898 war er Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich und Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (Burghölzli), wo er auch Carl und seinen Bruder Gerhart Hauptmann kennenlernte und diesen literarisch inspirierte. 1883 heiratete er Emma Steinheil, die Tochter eines befreundeten Kollegen, des Ameisenforschers Eduard Steinheil (1830–1878). Seine Bemühungen zur Heilung der Trunksucht führten 1889 zur Eröffnung der Trinkerheilstätte Ellikon an der Thur (seit 1984 „Forel-Klinik“).

Nach dem Tod Forels 1931 wurde er „als unermüdlicher, temperamentvoller Kämpfer, Gelehrter, Freidenker, Sozialist, Pazifist, Gegner des Massenmörders Alkohol (und) Sozialreformer“ gewürdigt.

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Die Thematik der Lebensreform ging ein in die Gestalt des Loth in seinem Drama „Vor Sonnenaufgang“, das ihm den Durchbruch als Dramatiker brachte. Der Theaterskandal um dieses krass naturalistische Stück machte ihn in Berlin und darüber hinaus bekannt.

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Vor Sonnenaufgang ist ein 1889 von Gerhart Hauptmann verfasstes Sozial-Drama. Es wurde im August 1889 von dem Berliner Verleger Paul Ackermann (1861–1894) auf Empfehlung von Theodor Fontane herausgebracht. 1892 nahm der Verleger Samuel Fischer das Drama in sein Verlagsprogramm auf.

Die durch die Freie Bühne am Lessing-Theater veranstaltete Uraufführung am 20. Oktober 1889 bedeutete den Durchbruch des Naturalismus im deutschen Theater und die feste Etablierung eines bis dahin fast unbekannten Autors als Dramatiker. Hauptmann hatte für das Stück den Titel „Der Säemann“ vorgesehen, entschied sich dann aber aufgrund eines Vorschlag von Arno Holz für „Vor Sonnenaufgang“. Zentrale Bedeutung für die Konzeption des Dramas, das unverkennbar in der Nachfolge von Ibsens analytischem Drama Gespenster steht, hat die naturalistische Determinationslehre: Der Mensch ist nicht selbstbestimmt und frei in seinen Entscheidungen und Möglichkeiten, sondern entscheidend geprägt und begrenzt durch die Faktoren Vererbung, Milieu und Erziehung.

Biographischer Hintergrund seines ersten Dramas ist zum einen der Einfluss von Hauptmanns Freunden wie Alfred Ploetz und Ferdinand Simon, die beide Medizin studierten und dem Alkohol abschworen. Hauptmann selbst wurde allerdings nicht wie sie zum Abstinenzler, denn er schrieb später in seinen Erinnerungen „Das Abenteuer meiner Jugend“: „Der Idealismus Ploetzens überschlug sich eines Tags, und er teilte uns mit, dass er sich nach halbjähriger freier Abstinenz … verpflichtet habe, alkoholische Getränke für immer zu meiden. Ich vermute, dass er dies Gelübde, das uns mit Bestürzung erfüllte, bis heut nicht gebrochen hat.“

Außerdem verarbeitet Hauptmann auch negative Erfahrungen, die er selbst in seiner Kindheit in einem pietistischen Milieu gemacht hatte (und die ihn – nach eigener Aussage – fast in den Selbstmord getrieben hatten), aber auch die seiner ersten Ehefrau Marie Thienemann, die in einer herrnhutischen Erziehungsanstalt zu einem eher ängstlichen, schwermütigen, depressiven Menschen geworden war.

Eine Quelle Hauptmanns war Gustav Bunges Schrift „Die Alkoholfrage“ (Leipzig 1887), aus der er wörtlich eine Figur – Alfred Loth – zitieren lässt.

Gustav Bunges im Jahr 1887 verbreitete Ideen und Ansichten bezüglich der Alkoholfrage spielen in dem Werk Hauptmanns eine zentrale Rolle und werden von der Figur Loth in dessen statistischen Angaben über Tode u.ä. detailliert wiedergegeben. Hauptmann selbst ist wohl durch seine Freunde Alfred Ploetz und Ferdinand Simon auf diesen Text aufmerksam gemacht worden. Die genannten Freunde sind Mediziner und dienten als Modelle für die Figuren Alfred Loth und Dr. Schimmelpfennig – diese Hypothese lässt sich anhand vieler Übereinstimmungen bezüglich des äußeren Erscheinungsbildes, der Vergangenheit und der politischen und weltanschaulichen Positionen belegen.

Der Aufbau des Dramas orientiert sich weitgehend am klassischen Vorbild. Das Geschehen schildert 24 Stunden aus dem Leben der Bauernfamilie Krause[1] und hat nur den Hof bzw. das Zimmer der Krauses als Schauplatz. Die Handlung ist geschlossen und hält die drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung ein. Jedoch ist keine der Figuren adelig, die Ständeklausel wird also aufgehoben. Der tektonische Aufbau des Dramas wird eingehalten – das Bekenntnis der Liebe Helenes bildet den Höhepunkt im 3. Akt und der Suizid die Katastrophe am Ende.

Handlungsüberblick

Das naturalistische Schauspiel will die Degeneration einer Bauernfamilie aufzeigen, die durch Kohlefunde reich geworden ist. Viele Mitglieder der Familie, vor allem Bauer Krause und seine Tochter Martha, sind daraufhin alkoholsüchtig geworden. Marthas erstes Kind hat bereits zum Alkohol gegriffen und sich an den Scherben einer Essigflasche, in der sich vermeintlich sein „geliebter Fusel“ (S. 117) befindet, tödlich verletzt. Marthas zweites Kind wird im Schlussakt des Dramas tot geboren. Nur die weibliche Hauptfigur, Helene Krause, unterscheidet sich von ihrem Milieu, denn sie ist auf Wunsch der Mutter, die „am Kindbettfieber“ (S. 98, Z. 18) starb, in einem Herrnhutischen Pensionat erzogen worden (vgl. S. 24, 57, 64, 94, 96); sie grenzt sich somit vom Rest der Familie hinsichtlich Bildung und Gewohnheiten ab. Infolge ihrer Andersartigkeit leidet sie am Trinkermilieu des elterlichen Hauses. Als Alfred Loth, ein Jugendfreund ihres Schwagers Hoffmann, zwecks volkswirtschaftlicher Milieu-Studien zu Besuch kommt, verlieben sie sich. Es kommt, ähnlich wie in Goethes Faust, in einer Gartenlaube zu Annäherungen, zu Liebesbekenntnissen und dem gemeinsamen Wunsch, zusammen ein neues Leben anzufangen. Helene wird jedoch von Loth ohne Zögern zurückgewiesen und verlassen, als er von der Trunksucht der Familie erfährt. Er hat Sorge um seine zukünftigen Kinder, da er von der Vererblichkeit des Alkoholismus überzeugt ist. Die empfindsame Helene nimmt sich daraufhin das Leben.

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Hauptmann bezog 1891 das gemeinsam mit seinem Bruder Carl gekaufte Haus in Schreiberhau im schlesischen Riesengebirge. Heute befindet sich dort im Haus ein Museum, eine Außenstelle des Riesengebirgsmuseums in Hirschberg (Jelenia Góra). Dort wird zeitgenössische polnische Kunst aus dem Riesengebirge gezeigt und mit einer kleinen Ausstellung noch immer an die Brüder Hauptmann erinnert, was sich auch durch die Mitgliedschaft im Museumsverbund Gerhart Hauptmann zeigt.

Ab 1890 entstanden mit Das Friedensfest (1890), Einsame Menschen (1891) und Der Biberpelz (1893) weitere Dramen Hauptmanns, einzig mit „Der Biberpelz“ gelang es ihm, „auch das gesellschaftliche Anliegen des Naturalismus erfolgreich und überzeugend einzuarbeiten“.

<<<Der Biberpelz (mit dem Untertitel: Eine Diebskomödie) ist ein 1892–1893 entstandenes sozialkritisches Drama und zugleich eine Milieustudie von Gerhart Hauptmann (1862–1946.

Holz und Biberpelz sind von Mutter Wolffen, der Hauptfigur, gestohlen. Krüger erstattet Anzeige. Der Amtsvorsteher von Wehrhahn fühlt sich dadurch aber nur belästigt. Als Beamter des wilhelminischen Staates ist er vor allem daran interessiert, „dunkle Existenzen, politisch verfemte, reichs- und königsfeindliche Elemente“ aufzuspüren. So trachtet er danach, den Privatgelehrten Dr. Fleischer wegen Majestätsbeleidigung verhaften zu lassen, weil dieser etwa zwanzig verschiedene Zeitungen abonniert hat und regelmäßig freigeistige Literaten empfängt.

Da der Amtsvorsteher Wehrhahn Krügers Anzeige schleppend behandelt, spricht Krüger erneut vor. Diesmal ist auch Mutter Wolffen anwesend. Es kommt zu einer grotesken, parodistischen Verhandlung, die ins Leere läuft: Mutter Wolffen kann mit Pfiffigkeit jeglichen Verdacht von sich abwenden. Die Diebstähle werden nicht aufgeklärt.

Die zeitgenössische Kritik warf Hauptmann bei seinem Stück eine mangelhafte Komposition vor und dass er mit dem offenen Schluss den kritischen Konsequenzen seines Stückes ausgewichen sei. Neuere Kritiken meinen aber, dass gerade durch den offenen Schluss die Engstirnigkeit jener, die als Stützen der herrschenden Gesellschaft erscheinen, betont wird, da ja der Amtsvorsteher selbst zu borniert war, um mit offenen Augen an die Diebstähle heran zu gehen, und diese deshalb nicht aufgeklärt werden. Die Kritiker beklagten die fehlende „poetische Gerechtigkeit“. Dabei dachten sie primär an Frau Wolff, die unbekehrt und unbestraft aus dem Stück geht, weniger indessen an den Amtsvorsteher von Wehrhahn, der seine Dienstpflichten gröblich verletzt und der unbescholtene Bürger verfolgt.

Zur auf der Bühne erfolgreichsten Komödie Hauptmanns entwickelte sich das Stück seit der Inszenierung durch das Deutsche Volkstheater in Wien 1897. Begeistert äußerten sich anlässlich dieser Aufführung unter anderem die Dichter Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler

Kleinmalerei ohne alle Handlung von Belang, welche in solcher Ausdehnung nur langweilt. […] Daß das öde Machwerk mehrere Aufführungen erleben dürfte, steht kaum zu erwarten.“ (Urteil der Berliner Zensurbehörde, 4. März 1893)

Arthur Schnitzler: „Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich vom ‚Biberpelz‘ entzückt gewesen bin. Es ist was Schönes, einen Großen so frech und lustig zu sehen.“ (Brieflich an Otto Brahm, 5. April 1897)

Hugo von Hofmannsthal: „Gestern hab ich den ‚Biberpelz‘ gesehen [in Wien], ohne ihn je gelesen zu haben: das ist doch durch und durch gut, in einem anständigen Sinn geistreich.“ (Brieflich an Otto Brahm, 10. April 1897)

Reinhold Schneider: „Der ‚Biberpelz‘ ist, als Verklärung der Diebin und Verhöhnung der Justiz, destruktiv revolutionär; das Stück dokumentiert in der Anlage eine merkwürdige menschliche und künstlerische Schwäche des großen Gestalters, wie sie, auf gleicher Höhe, kaum wieder angetroffen werden kann.“ (R. Schneider: Winter in Wien. Freiburg i. Br. 1958, S. 88)

Fünfmal verfilmt.

Eine Bearbeitung von Jan Liedtke und Philippe Besson, die Biberpelz und Roter Hahn unter dem Titel Roter Hahn im Biberpelz zusammenfasst, wurde am 19. Januar 2014 in der Komödie am Kurfürstendamm in Berlin uraufgeführt. Unter der Regie von Philippe Besson sah man in Hauptrollen Katharina Thalbach, Pierre Besson, Anna Thalbach, Nellie Thalbach, Roland Kuchenbuch, Sebastian Achilles, Jörg Seyer und Ronny Miersch.

Reclamausgabe 2017.

In der Fortsetzung des Biberpelzes mit „Roter Hahn“ hat die verwitwete Mutter Wolffen einen Schuster geheiratet und heißt nun Frau Fielitz. Amtsvorsteher von Wehrhahn – bekannt aus dem Biberpelz – verhandelt einen Fall von Brandstiftung, ausgeführt von genanntem Ehepaar Fielitz. Fast alle Figuren berlinern.

Zehn Jahre später: „Mutter Wolffen“ hat in zweiter Ehe den Schuhmachermeister Fielitz geheiratet. Ihre Tochter Adelheid hat sie erfolgreich mit dem ehrgeizigen Bauführer Schmarowski verkuppelt, für Leontine bestehen zumindest Aussichten. Aber auch für sich selbst hat Frau Fielitz noch viel vor. Vom Dorfnachbarn Grabow hat sie sich abgeschaut, wie man die häuslichen Gegebenheiten kostengünstig aufpoliert: durch Brandstiftung und Versicherungsbetrug. Also geht an einem windigen Herbsttag ihr Haus tatsächlich in Flammen auf. Durch Frau Fielitz’ Manipulation fällt der Verdacht der Brandstiftung auf den Sohn des ehemaligen Gendarms Rauchhaupt, den geistig zurückgebliebenen Gustav. Wieder folgt Amtsvorsteher Wehrhahn der ausgelegten Fährte und lässt Gustav in eine Anstalt sperren. Rauchhaupt ahnt die Wahrheit, kann aber nichts beweisen. So hat Frau Fielitz am Ende alles erreicht. Doch noch vor dem Einzug ins neue Haus stirbt sie mit den Worten „Ma langt … ma langt nach was.“

Die mit Witz und halbseidenen Mitteln nach Sicherheit strebende Frau Wolff aus dem „Biberpelz“ wird im „Roten Hahn“ zur gewissenlosen Kleinbürgerin mit Aufsteigermentalität. Ihre Entwicklung ist nicht nur Spiegel ihrer Zeit, sondern holt das Drama auch ins Heute: Der Prozess, der mit dem Diebstahl des Biberpelzes begann, endet im vollkommenen Verlust moralischer Integrität, im eigentlichen Sinne Asozialen. Der Kampf ums Überleben wird zum Kampf um die sozialen Werte.

In seinem Drama „Die Weber“, welches er zum größten Teil in Schreiberhau verfasste, verarbeitete Gerhart Hauptmann den Aufstand der schlesischen Weber von 1844. Die Sozialanklage, die er in seinem Drama formulierte, löste im Jahr 1892 ein Beben aus. Das Drama verhalf Hauptmann – in den Aufführungen von Otto Brahms „Freier Bühne“ – zum Durchbruch und wurde von Theodor Fontane lebhaft begrüßt.

Die Weber (schlesisch: „De Waber“) ist ein 1892 erschienenes soziales Drama in fünf Akten von Gerhart Hauptmann. Das Stück, wohl das bedeutendste Drama Hauptmanns, behandelt den Weberaufstand von 1844.

Interpretation

In seinem bedeutendsten Drama thematisiert der führende deutsche Vertreter des Naturalismus das Schicksal einer Gruppe schlesischer Weber, wobei er eine ganze soziale Schicht zu Protagonisten des Stückes macht, um so die sozialen und politischen Dimensionen des Konflikts zu verdeutlichen. Sprache, Situationen und realistische „Volkstypen“ wurden damals als revolutionär aufgefasst. Die besondere Dramatik zieht das Stück aus seinen realen Vorbildern: Den spontanen Weberaufständen im Juni 1844 in den schlesischen Provinzen. Es basiert auf dem mit Militärgewalt niedergeschlagenen Weberaufstand in Schlesien. Am Beispiel einiger junger Figuren – Parchentfabrikant Dreißiger, Weber Moritz Jäger, Pastor Kittelhaus und dem alten Hilse – schildert Hauptmann die Entwicklung des Aufstands bis hin zu seinem blutigen Ende als Drama in fünf Akten.

Das Ende des Dramas und dessen Aussage ist in Literaturfachkreisen umstritten. Die vermutlich zutreffendste Interpretation ist, dass Hauptmann mit seinem Werk nicht nur die Missstände aufzeigen, sondern auch zum Wiederaufleben der 1848 gescheiterten Revolution aufrufen wollte. Vater Hilse, der in seinem konservativen Geist alles beim Alten lassen wollte, wird erschossen. An ihm ist die Geschichte vorübergegangen.

Das Schauspiel wurde 1927 unter dem Titel Die Weber von Friedrich Zelnik verfilmt. Die Rollen des Fabrikanten Dreißiger und seiner Frau spielten Paul Wegener und Valeska Stock, den Moritz Jäger verkörperte Wilhelm Dieterle. 2012 restaurierte die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung das alte Material und fertigte eine neue Kopie an. Johannes Kalitzke verfasste eine neue Musik zu Zelniks Film; die Uraufführung durch die Augsburger Philharmoniker war am 24. Juni 2012.

Werk

Es folgten das soziale Drama Rose Bernd (1901), die Tragikomödie Die Ratten (1911) und das Schauspiel Vor Sonnenuntergang (1932).

Weitere Tendenzen

Die versunkene Glocke, illustriert von Heinrich Vogeler, 1898

Peter Sprengel sieht in Hauptmanns Werk nach den Webern drei Haupttendenzen. Die erste Tendenz ist ein Bruch mit dem Naturalismus und eine Zuwendung zur Neuromantik. Zu dieser Richtung passe das Märchendrama Die versunkene Glocke (1896). Das in Versen geschriebene Drama war zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung ein großer Erfolg und zu Lebzeiten Hauptmanns das meistgespielte Stück.

Mit dem ebenfalls in Versen geschriebenen Stück Der arme Heinrich (1902) begab sich Hauptmann in das Reich der Legenden und adaptierte das gleichnamige mittelhochdeutsche Versepos Der arme Heinrich von Hartmann von Aue. Kaiser Karls Geisel (1908) und Griselda fallen in die gleiche Kategorie. Eine weitere Grundlage bot die griechische Mythologie, wie das Schauspiel Der Bogen des Odysseus (1913) zeigte.

In letzterem erlebt der Zuschauer einen der tragischsten Momente der Odyssee. Nach langjähriger Irrfahrt gelangt Odysseus endlich wieder auf seine Heimatinsel Ithaka. Als Bauer und Hirte will er sein Leben nun verbringen. Seine Frau Penelope, die so viele Jahre auf ihn gewartet hat, tritt nicht auf – ist aber ständig präsent in seinem Kampf gegen ihre Freier, die sein Königsamt übernehmen wollen, und wird in gewisser Weise auch verantwortlich gemacht für den Verfall der sittlichen Ordnung während der Abwesenheit des Odysseus. Die gesamte Handlung spielt sich auf dem Bauernhof des Schweinehirten Eumaios ab. Hier haben sich vier Freier zu einem Festmahl versammelt, bei dem der von seinen jahrelangen Irrfahrten erschöpfte Odysseus als Bettler verkleidet auftaucht. Odysseus scheint verwirrt, planlos. Erst im vierten Akt gewinnt er mit Hilfe des Hirtengottes Pan seine Kräfte zurück und kann zur Rache an den Freiern ansetzen.

In Sprengels zweiter Tendenz verband Hauptmann Naturalistisches mit Nicht-Naturalistischem. Die Verbindung entstünde durch Kontrastierung der beiden Richtungen. So zeige das Traumspiel Hanneles Himmelfahrt (1893) sowohl soziale Anklage als auch den Entwurf einer romantischen Phantasiewelt. Auch in Und Pippa tanzt! (1905) zeigten sich demnach eine reale und eine ideale Sphäre.

Die dritte Tendenz sieht laut Sprengel keinen Bruch mit dem Naturalismus vor und beinhaltet sämtliche weitere Hauptmann-Dramen naturalistischer Prägung. Ihr gehören u. a. das historische Revolutionsdrama Florian Geyer. Die Tragödie des Bauernkrieges (1896), Fuhrmann Henschel (1898) und die erst aus dem Nachlass aufgeführten Dramen Herbert Engelmann (1962) und Christine Lawrenz (1990) an.

Florian Geyer (1490–1525) war ein Anführer im Deutschen Bauernkrieg von 1525. Das Stück kam beim Publikum überhaupt nicht an.

Während und nach dem Ersten Weltkrieg schuf Hauptmann eine Reihe von Theaterstücken, die andere Stilphänomene aufwiesen, als die bereits genannten. So entwarf er mit der Winterballade (1917) und im Weißen Heiland mythische Bilder. Versuche symbolischer Gestaltung unternahm er in den Dramen Die goldene Harfe (1932) und Ulrich von Lichtenstein (1939). Die Shakespeare-Adaption Hamlet in Wittenberg (1935) enthält ebenso historische Darstellungsweisen wie das 1915 beendete Magnus Garbe, das aber erst 1956 zur Uraufführung kam.

Mit seinem Spätwerk, der Atriden-Tetralogie, adaptierte Hauptmann antike Dramen. Allerdings hat er sie nach den Erfahrungen seiner Griechenlandreise neu gedeutet.

Zum Leben Hauptmanns:

1893 wurde Margarete Marschalk Hauptmanns Geliebte. Um Abstand zu gewinnen, fuhr Marie mit ihren Söhnen in die Vereinigten Staaten. Hauptmann bereitete in Paris die französische Erstaufführung von Hanneles Himmelfahrt vor und reiste Marie nach, ohne die Premiere abzuwarten. Der Riss war aber nicht mehr zu überbrücken. Nach mehreren Jahren des Getrenntseins wurde die Ehe im Juli 1904 geschieden. Marie wohnte jedoch noch bis 1909 in der 1899 von Hauptmann erbauten Villa Rautendelein in Dresden-Blasewitz.

Ehrungen und Engagement für den Weltkrieg

Margarete Hauptmann (geborene Marschalk; * 7. Januar 1875; † 17. Januar 1957 in Schäftlarn, Ortsteil Ebenhausen) war eine friedenspolitisch engagierte deutsche Schauspielerin.

Gerhart Hauptmann, Gemälde von Lovis Corinth (1900)

1900 brachte Margarete den gemeinsamen Sohn Benvenuto (1900–1965 Vater von Anja Hauptmann) zur Welt. Im September 1904 vermählte Hauptmann sich mit ihr; die zweite Ehe währte bis zu seinem Tod und geriet nur kurz, 1905/06, durch seine Liaison mit der 16-jährigen Schauspielerin Ida Orloff in eine ernste Krise.

Hauptmann war 1905 eines der ersten von 31 Mitgliedern der Berliner Sektion in der Gesellschaft für Rassenhygiene des Alfred Ploetz.

1905 wurde Gerhart Hauptmann zum Ehrenmitglied der Berliner Secession ernannt. Das Schreiben von Hans Baluschek unterzeichneten Fritz Rhein, Ludwig Stutz, Leo von König, Hans Dammann, Max Liebermann, Heinrich Hübner, Fritz Klimsch, Georg Kolbe, Robert Breyer, Ulrich Hübner, Walter Leistikow, Ernst Oppler, Jacob Alberts, Käthe Kollwitz und August Endell.

Berliner Secession (auch Berliner Sezession) ist die Bezeichnung einer deutschen Künstlergruppe. Gegründet am 2. Mai 1898 als Gegenpol zum bis dahin dominierenden akademischen Kunstbetrieb wurde sie spätestens seit der Übersiedlung Münchner Künstler zur führenden Kunstvereinigung, die heute stilistisch als Berliner Impressionismus bezeichnet wird und im deutschen Impressionismus eine herausragende Bedeutung einnimmt.

Um die Jahrhundertwende setzten offizielle Ehrungen ein. Dreimal erhielt Hauptmann den österreichischen Grillparzer-Preis, ferner die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig (1909) und des Worcester College der University of Oxford (1905). 1912 wurde er „vor allem als Anerkennung für sein fruchtbares und vielseitiges Wirken im Bereich der dramatischen Dichtung“ mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Kaiser Wilhelm II. schätzte den „sozialdemokratischen“ Dichter nicht. Gegen die Verleihung des Schillerpreises an Hauptmann (für Hanneles Himmelfahrt) legte er 1896 sein Veto ein. Auf Betreiben seines Sohnes, des Kronprinzen Wilhelm, wurde 1913 in Breslau Hauptmanns Festspiel in deutschen Reimen abgesetzt, weil darin das hundertjährige Jubiläum der Befreiungskriege nicht mit Hurrapatriotismus begangen, sondern mit pazifistischen Akzenten versehen wurde. Derselbe Gerhart Hauptmann jedoch, der im Festspiel den Popanz des Militarismus buchstäblich beerdigt hatte, gehörte ein Jahr später auch zu den vielen, die den Ersten Weltkrieg bejahten. Er unterzeichnete das Manifest der 93 und publizierte entsprechende Gelegenheitsverse (die sich wie unfreiwillige Satiren lesen und die er im Manuskript später eigenhändig durchstrich). 1915 erkannte Wilhelm II. ihm den Roten Adler-Orden IV. Klasse zu – die niedrigste Stufe dieses Ordens.

Repräsentativer Dichter Deutschlands

Im Ausland galt er als der Repräsentant der deutschen Literatur schlechthin. 1932 begab er sich wegen des Goethejahres auf eine Vortragsreise durch die USA, auf der ihm die Ehrendoktorwürde der Columbia University verliehen wurde. Zudem erhielt er den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main. Anlässlich seines 70. Geburtstags erhielt er mehrere Ehrenbürgerwürden; es gab zahlreiche Ausstellungen und vor allem viele Aufführungen seiner Werke mit bekannten Darstellern. Max Reinhardt gestaltete die Uraufführung von Vor Sonnenuntergang.

Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten unterzeichnete Hauptmann am 16. März 1933 eine Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung, Sektion der Preußischen Akademie der Künste. Im Sommer desselben Jahres beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP, sein Antrag wurde aber von den örtlichen Parteidienststellen abgelehnt. In denselben Zeitraum fällt Hauptmanns ausführliche Auseinandersetzung mit Adolf Hitlers Buch Mein Kampf; sein an Markierungen, Anmerkungen und Kommentaren reiches Exemplar befindet sich heute in der „Hauptmann-Bibliothek“ der Staatsbibliothek zu Berlin.

In seinem Selbstverständnis war Hauptmann allerdings immer ein überparteilicher Dichter gewesen, die nationalsozialistische Ideologie floss auch nicht in sein Werk ein. Die Distanz zwischen Hauptmann und dem Nationalsozialismus geht auch aus einer Stellungnahme des Amts Rosenberg aus dem Jahr 1942 hervor: „Bei aller Anerkennung der künstlerischen Gestaltungskraft Hauptmanns ist die weltanschauliche Haltung der meisten seiner Werke vom nationalsozialistischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten.“

Hauptmann genoss hohes Ansehen in der Bevölkerung, weshalb die Nationalsozialisten alles taten, den Schriftsteller trotz der Emigration zahlreicher Berufskollegen im Land zu halten und für ihre Zwecke zu nutzen. Dennoch wachte die Zensur des Reichspropagandaministers Goebbels über Hauptmanns Wirken. So verbot Goebbels eine Neuauflage von „Der Schuss im Park“, weil darin eine Schwarze vorkommt. Hauptmann wurde dagegen gesagt, ein neuer Druck sei wegen Papiermangels nicht möglich. Zudem wurden die Verfilmungen von Der Biberpelz und Vor Sonnenaufgang zensiert und die filmische Adaption von Schluck und Jau verboten. Zu Hauptmanns 80. Geburtstag kam es, auch unter Beteiligung von Repräsentanten des nationalsozialistischen Regimes, zu Ehrungen, Jubiläumsfeiern und -aufführungen. Hauptmann wurden von seinen Verlegern Peter Suhrkamp und C.F.W. Behl die ersten Exemplare der 17-bändigen Gesamtausgabe seiner Werke überreicht, welches – nach Papierverweigerung durch Goebbels – durch in Holland besorgtes und in Haarlem bedrucktes Papier vom Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer (S. Fischer Verlag / Suhrkamp Verlag) realisiert wurde.

1944 erschien sein großes Alterswerk, die Atriden-Tetralogie, an der er vier Jahre gearbeitet hatte und die Iphigenie in Delphi, Iphigenie in Aulis, Agamemnons Tod und Elektra umfasste. Im August 1944 nahm ihn Adolf Hitler nicht nur in die Gottbegnadeten-Liste, sondern auch als einen der sechs wichtigsten Schriftsteller in die Sonderlisten der unersetzlichen Künstler auf, was Hauptmann von sämtlichen Kriegsverpflichtungen befreite.

Tod und Überführung

Anfang Mai 1946 erfuhr Hauptmann, dass die polnische Regierung darauf bestand, ausnahmslos alle Deutschen auszuweisen. Am 6. Juni starb er nach einer Bronchitiserkrankung in Agnetendorf/Agnieszków. Seine letzten Worte sollen gelautet haben: „Bin ich noch in meinem Haus?“ Gegen seinen testamentarisch erklärten Willen wurde Hauptmann nicht in seiner Heimat begraben. Auch ein amtliches Schreiben der Sowjetadministration zugunsten des Schriftstellers, der in der Sowjetunion hoch verehrt wurde, erwies sich als wirkungslos. Lediglich die Mitnahme von Hab und Gut wurde der Familie gestattet. Schon eine Stunde nach dem Tode hatten sich Angehörige der polnischen Miliz vor den Fenstern des Wiesensteins versammelt und direkt unter dem Sterbezimmer ihre Genugtuung geäußert.

Der Leichnam Hauptmanns wurde in einem Zinksarg aufbewahrt und im Arbeitszimmer seines Hauses abgestellt. Die Genehmigung zur zugesicherten Ausreise in einem Sonderzug ließ auf sich warten. Über einen Monat nach dem Tode forderten Vertreter der Sowjetadministration die polnische Verwaltung auch aufgrund der hygienischen Zustände zur Überführung der sterblichen Überreste auf. Einige Tage später wurde der Sarg daraufhin nach Deutschland geschafft. In dem Dokumentarfilm Hauptmann-Transport von Mathias Blochwitz wird die Fahrt des Zuges rekonstruiert.

Hauptmanns Grabstein in Kloster auf Hiddensee, 2008

Bei einer Trauerfeier in Stralsund sprachen Wilhelm Pieck, der Dichter Johannes R. Becher und der sowjetische Kulturoffizier Tjulpanow. Am Morgen des 28. Juli wurde Hauptmann vor Sonnenaufgang und 52 Tage nach seinem Tod auf dem Inselfriedhof in Kloster auf Hiddensee bestattet. Die Witwe des Dichters vermischte ein Säckchen Riesengebirgserde mit Ostseesand.

Kurz nach seinem Tod gab es zahlreiche Trauerfeiern, wo sich viele Intellektuelle der Zeit zu Wort meldeten, unter anderen Ivo Hauptmann, der im Hamburger Rathaus am 4. Juli 1946 folgendes sagte: „Er liegt, seinem Wunsche entsprechend, in einem Fichtenbretter-Sarg, bekleidet mit der Mönchskutte, die ihm vor 40 Jahren in Soana ein Franziskaner schenkte. Er ließ sie sich vor seinem Tode oft reichen, um sich mit ihr vertraut zu machen. Heimaterde, ein kleines Neues Testament, von Kind auf in seinem Besitz, seine Dichtung Der große Traum und der Lobgesang des heiligen Franz von Assisi liegen im Sarg bei ihm.“

1951 wurde ein Granitblock als Grabstein enthüllt. Er trägt gemäß Hauptmanns Wunsch nur seinen Namenszug. 1983 wurde die Urne der 1957 verstorbenen Margarete Hauptmann im Grab ihres Mannes beigesetzt.

Veranstaltung vom 23.05.2017

Pressezensur: Die Weber

Eine Anklage
Bei Erscheinen des Dramas “Die Weber” im Januar 1892 hatte sich die katastrophale Lage in Schlesien nicht prinzipiell geändert. Da aber die Lage der Weber nicht untypisch für die Lage des Proletariats im 19. Jahrhundert überhaupt war, bedeutete die Behandlung des Weberstoffes selbst im historischen Kontext eine Anklage. Wer die Weber sah, erblickte in dem Spiegel, den sie der Gesellschaft vorhielten, die massiven sozialen Spannungen, die seit Jahrzehnten mit dem industriellen Aufschwung einhergingen.
Gleich nachdem die Weber erschienen waren, hatte die Frankfurter Zeitung bezweifelt, ob das Stück bei der herrschenden Zensur je zur Aufführung kommen könne. Im Februar beauftragte der Direktor des Deutschen Theaters in Berlin, Adolph L’Arronge, die entsprechende Erlaubnis.
Zensur
Der Polizeipräsident von Richthofen untersagte sie mit der Begründung, hier sei “die ganze Staats- und Gesellschaftsordnung der Zeit, in welcher die Handlung sich abspielt, als des Bestehens unwert geschildert und die Beteiligung am Aufstand als Pflicht des tüchtigen Menschen hingestellt. Es ist zu befürchten, dass das Stück durch die intensivierende schauspielerische Darstellung auf dem Theater einen Anziehungspunkt für den zu Demonstrationen geneigten sozialdemokratischen Teil der Bevölkerung Berlins bietet, für deren Lehren und Klagen über die Unterdrückung und Ausbeutung des Arbeiters durch die Fabrikanten das Stück durch seine tendenziöse Charakterisierung hervorragende Propaganda macht.”
Als eine neue Eingabe L’Arronges mit der zweiten, im Dialekt gemilderten Fassung des Stücks, im Januar 1893 erneut abgelehnt wurde, aktivierte der einflussreiche Kritiker Otto Brahm den Verein Freie Bühne, der sich seit 1889 für die Aufführung neuer Stücke zumindest in geschlossener Gesellschaft einsetzte.
Gegen die Zensur etwas völlig Neues
Dann suchte Brahm ein Theater, wählte aus einem halben Dutzend Berliner Bühnen 50 Schauspieler aus und arrangierte die Proben. Die nicht nur schwierig waren, weil die Schauspieler eher unbedeutend waren und einander nicht kannten, sondern auch, weil “Die Weber” etwas völlig Neues waren.
“Zum ersten Mal erschien eine Masse leidender Menschen in der Rolle des Helden, und deren Treibkraft war kein idealistisch verbrämter Wille, sondern nur die soziale Not und der Hunger. Eine neue Spannung wurde hier gesetzt, die noch die folgende Generation bis zu Ernst Toller und Bert Brecht beschäftigte: die von Masse und Mensch. Das Stück brachte also einen Umsturz auch in ästhetischen Kategorien,” mit der der Uraufführung an jenem 26. Februar des Jahres 1893 entgegengesehen wurde.
Und die man anschließend einhellig als Ereignis wertete. Gerhart Hauptmann war als der zukunftsreichste deutsche Dichter bestätigt, und die Stadt Berlin wurde durch diese Aufführung endgültig in den Mittelpunkt der deutschen Theaterszene gerückt. Als Otto Brahm als Direktor das Deutsche Theater übernahm, war seine zweite Premiere die erste öffentliche Aufführung der Weber in Deutschland. Damals schrieb man den 25. September 1894. Daraufhin kündigte das Kaiserhaus seine Loge im Deutschen Theater – und schnitt sich ab von den weiteren Entwicklungen in der Kunst.

Mit seinem Stück “Die Weber” kreierte Hauptmann die Idee eines sozialen Dramas, das neue Schwerpunkte setzte. Denn es standen nun nicht mehr Einzelpersonen im Vordergrund, sondern das Kollektiv. Nach Hauptmanns Regieanweisung sollten die Männer einander ähneln, in der Mehrzahl flachbrüstige, hüstelnde Menschen sein mit schmutzig blasser Gesichtsfarbe.

Viel Staub aufgewirbelt

Man habe ihn damals, so Gerhart Hauptmann später, wie einen Verbrecher behandelt. Er musste mit dem Stück vor die Gerichte ziehen. Es war eine Premiere, die viel Staub aufwirbelte. Die Aufführung entfesselte einen gewaltigen geradezu rasenden Beifall. Im Publikum saßen Theodor Fontane und führende Sozialdemokraten. Die aufstrebende Linke verspürte im Anschluss des Ereignisses einen fühlbaren Aufschwung.

Wilhelm II. ließ in der Loge des Deutschen Theaters umgehend das kaiserliche Wappen entfernen. Wilhelm, der Hauptmann hasste, sorgte auch dafür, dass den begehrten Schillerpreis ein anderer bekam.

Bei der Vergabe des Literaturnobelpreises an den inzwischen zum “Dichterfürsten” avancierten Hauptmann hatten preußische Herrscher allerdings kein Vetorecht.

Ernst Heinrich Philipp August Haeckel (* 16. Februar 1834 in Potsdam; † 9. August 1919 in Jena) war ein deutscher Zoologe, Philosoph und Freidenker, der die Ideen von Charles Darwin zu einer speziellen Abstammungslehre ausbaute. Er trug durch seine populären Schriften sehr zur Verbreitung des Darwinismus in Deutschland bei. Darüber hinaus erarbeitete er eine ausführliche embryologische Argumentation für die Evolutionstheorie und formulierte in diesem Zusammenhang das biogenetische Grundgesetz.

< Die Embryologie ist jenes Teilgebiet der Entwicklungsbiologie, das sich mit der Entwicklung der befruchteten Eizelle und des daraus entstehenden Embryos beschäftigt. Man spricht auch von der pränatalen Entwicklungsbiologie.>

< Eine biologische Evolutionstheorie beschreibt und erklärt die Entstehung und Veränderung der Arten als Ergebnis der organismischen Evolution, d. h. eines Entwicklungsprozesses im Laufe der Erdgeschichte, der stattgefunden hat und andauert. Jean-Baptiste de Lamarck hatte 1809 das Konzept des Artenwandels vorgeschlagen; er war damit einer der ersten Evolutionstheoretiker, allerdings ging Lamarck fälschlich von der Vererbung erworbener Merkmale aus.

Die Weiterentwicklung der Lamarckschen Evolutionstheorie gelang dreißig Jahre später (1838) Charles Darwin und weitere zwanzig Jahre später (1858) auch Alfred Russel Wallace. Beide Arbeiten, die heute als Darwinsche Evolutionstheorie bezeichnet werden, entstanden unabhängig voneinander, da Darwin sein Werk zwanzig Jahre lang nicht publizierte. Die biologische Evolution erklären beide durch die bessere Anpassung aller Organismen an ihre Umwelt und damit verbunden eine allmählichen Zunahme von Komplexität (Höherentwicklung und Bauplan-Transformationen).>

<Die Biogenetische Grundregel behauptet einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des einzelnen Lebewesens (Ontogenese) und seiner Stammesentwicklung (Phylogenese). Sie besagt: „Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.“>

Ernst Haeckel war Arzt, später Professor für vergleichende Anatomie. Er prägte einige heute geläufige Begriffe der Biologie wie Stamm oder Ökologie. Auch bezeichnete er die Politik als angewandte Biologie. Er propagierte den Entwicklungs-Monismus, mit dem Anspruch einer Weltanschauung auf naturwissenschaftlicher Grundlage und war Kopf und Identifikationsfigur (zeitgenössisch Monistenpapst) der zugehörigen Bewegung, die ab 1906 im Deutschen Monistenbund in Jena organisiert wurde.

<Der Monismus ist die philosophische oder metaphysische Position, wonach sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Der Monismus bezieht damit die Gegenposition zum Dualismus und Pluralismus, die zwei oder viele Grundprinzipien annehmen. In der Religion stehen monistische Lehren oft dem Pantheismus oder dem Panentheismus nahe, die eine Gegenwart (Immanenz) des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt sehen. Monistische Lehren sind mehrfach aus der Geschichte der Menschheit bekannt. Der Begriff „Monismus“ wurde allerdings erst am Ende des 19. Jahrhunderts als griechisch-lateinisches Kunstwort (aus griechisch monos „einzig“, „allein“, und -ismus) geprägt.>

< Der Deutsche Monistenbund war eine freidenkerische Organisation des frühen 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1906 in Jena federführend von dem Naturwissenschaftler Ernst Haeckel gegründet. Ziel des Bundes war die Organisation und Verbreitung einer monistischen Weltanschauung. Der Bund hatte zunächst großen Zulauf und gewann bis 1912 6000 Mitglieder, darunter eine Reihe damals prominenter Namen. Die Grundausrichtung war internationalistisch und pazifistisch, in tagesaktuellen Fragen herrschte allerdings selten Einigkeit. Innerhalb des Bundes waren vor allem die Frage der Haltung zum Ersten Weltkrieg und zur Novemberrevolution umstritten. In der Frühzeit der Weimarer Republik kam es zu verschiedenen Abspaltungen. 1929 zählte der Bund noch 3200 Mitglieder. Er wurde am 16. Dezember 1933 von den Nationalsozialisten verboten und aufgelöst.>

Im Rahmen seiner Auseinandersetzungen mit der Übertragbarkeit rassischer Kategorien auf die gesellschaftliche Entwicklung des Menschen zählt Haeckel – hier klarer Gegner seines Lehrers Virchow – zu den schließlich entschiedenen Vertretern einer „eugenischen“ Sozialpolitik. Aufgrund seiner Überlegungen zur „künstlichen Züchtung“ des Menschen in modernen Gesellschaften gilt Haeckel als Wegbereiter der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. Nationalsozialistische Ideologen zogen Ausschnitte seiner Aussagen später als Begründung für ihren Rassismus und Sozialdarwinismus heran, erklärten gleichzeitig aber wesentliche Teile von Haeckels Weltbild als unvereinbar mit der völkisch-biologistischen Sichtweise des Nationalsozialismus.

< Eugenik oder Eugenetik, deutsch auch Erbgesundheitslehre, bezeichnet seit 1883 die Anwendung theoretischer Konzepte auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern (positive Eugenik) und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern (negative Eugenik). Der britische Anthropologe Francis Galton (1822–1911) prägte den Begriff bereits 1869 für die Verbesserung der menschlichen Rasse. Um 1900 entstand auch der Gegenbegriff Dysgenik, der „Lehre von der Akkumulierung und Verbreitung von mangelhaften Genen und Eigenschaften in einer Population, Rasse oder Art“ bedeutet.>

<Die Nationalsozialistische Rassenhygiene (oder NS-Rassenhygiene) war die zur Zeit des Nationalsozialismus betriebene Radikalvariante der Eugenik. Die praktische Umsetzung erfolgte durch den Einfluss auf die Wahl der Geschlechts- und Ehepartner durch die Nürnberger Rassengesetze und Eheverbote, durch Zwangssterilisationen bei verschiedenen Krankheitsbildern und Bevölkerungsgruppen, durch Zwangsabtreibungen bis zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ durch Mordprogramme wie die „Aktion T4“ (Tiergartenstraße 4) beziehungsweise die so genannte Kinder-Euthanasie.

Die NS-Machthaber ermöglichten den Eugenikern/Rassenhygienikern in Deutschland eine radikalere Umsetzung ihrer Ideen, als dies ihren Kollegen zum Beispiel in Großbritannien, den USA oder Schweden möglich war. Die meisten schlossen sich dem Nationalsozialismus an. Von den bekanntesten Anthropologen, Humangenetikern und Rassenhygienikern der NS-Zeit, deren Personalakten im Berlin Document Center (BDC) lagern, waren mehr als 90 % Mitglieder der NSDAP, 36 % davon gehörten der SS und 26 % der SA an.>

Studium

Nach dem Abitur 1852 nahm Haeckel das Studium der Medizin in Berlin auf, wechselte jedoch auf Drängen seines Vaters noch im gleichen Jahr an die Universität Würzburg, deren medizinische Fakultät aufgrund einiger Professoren, vor allem des Pathologen und liberalen Politikers Rudolf Virchow (1821-1902) einen hervorragenden Ruf besaß. Die von Virchow entworfene Zellularpathologie wurde zu einem entscheidenden Element in Haeckels Denken (eine persönliche Freundschaft entwickelte sich zwischen Haeckel und Virchow aber nie). In bewusster Abgrenzung zur idealistischen Naturphilosophie erklärte Virchow, dass sich alle körperlichen Funktionen durch die Interaktion der Zellen erklären ließen. Diesen Ansatz fasste Haeckel als offensiv materialistisch auf, da er ohne die Annahme einer immateriellen Lebenskraft auskam und den Körper mechanistisch durch seine Zusammensetzung erklärte. Haeckel war begeistert von Virchows empirischen Erklärungsansätzen, sah in ihnen jedoch zugleich eine Gefahr für seinen Glauben. In einem 1856 verfassten Brief an seine Tante Bertha erklärte Haeckel, dass man zwischen den Bereichen des Wissens und des Glaubens unterscheiden müsse, da auch die erfolgreichsten wissenschaftlichen Erklärungen an ihre Grenzen stießen. An dieser Grenze beginne der christliche Glaube.

Reise nach Italien

Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums im März 1858 plante Haeckel die Habilitation bei dem Physiologen und Meeresbiologen Johannes Müller. Der überraschende und von Haeckel als Suizid interpretierte Tod Müllers zwang Haeckel zur Änderung seiner Pläne. Carl Gegenbaur, ein Freund aus Würzburg und neu berufener Professor in Jena, schlug Haeckel eine gemeinsame Italienfahrt vor, die gleichermaßen dem Ideal einer Bildungsreise und der Vorbereitung der Habilitation dienen sollte. Haeckel sagte zu, musste jedoch letztlich ohne den erkrankten Gegenbaur aufbrechen. Der erste Teil seiner Reise gestaltete sich nicht besonders erfolgreich. Von der religiösen Kunst, den Prozessionen und dem Papsttum abgestoßen, schrieb Haeckel an seine Verlobte Anna Sethe, dass er bei einem längeren Aufenthalt in Rom sicherlich zum Heiden werde. Auch der Aufenthalt am Golf von Neapel war zunächst von Rückschlägen bestimmt, und Haeckel wandte sich unter dem Einfluss Hermann Allmers der Kunst zu. Erst im November 1859 beschloss Haeckel, sich den Radiolarien zu widmen, einer Gruppe von einzelligen Tieren, an denen Johannes Müller unmittelbar vor seinem Tod gearbeitet hatte. In kurzer Zeit sammelte Haeckel 101 neue Arten.

< Strahlentierchen oder Radiolarien (Radiolaria, lat. radiolus „kleiner Strahl“[1]) sind eine Gruppe einzelliger Lebewesen mit einem Endoskelett aus Opal (Siliciumdioxid, SiO2), die zu den Eukaryoten gehört.>

Professur, Reisen, politische Tätigkeit

1861 wurde Haeckel mit der Schrift De Rizopodum finibus et ordinibus (Wurzelfüßler) habilitiert. 1862 hielt er die erste Vorlesung über die Entstehung der Arten. Haeckel war unglaublich arbeitsam. Insbesondere nach dem Tod seiner Frau Anna (1864) arbeitete er vielfach mehr als 18 Stunden am Tag. 1865 erhielt er die Ehrendoktorwürde in Philosophie und eine Professur für Zoologie in Jena, die damals zur Philosophischen Fakultät gehörte.

1866 bis 1867 unternahm Haeckel eine Reise zu den Kanarischen Inseln und nahm dort an der winterlichen Erstbesteigung des Teide teil. In dieser Zeit traf Haeckel mit Charles Darwin, Thomas Huxley und Charles Lyell zusammen.

1867 heirateten Haeckel und Agnes Huschke, die Tochter des Anatomen, Zoologen und Embryologen Emil Huschke (1797–1858). Aus dieser Ehe stammten drei Kinder: Der Sohn Walter wurde 1868, die Tochter Elisabeth 1871 und die Tochter Emma 1873 geboren.

1869 reiste er nach Norwegen, 1871 nach Dalmatien, 1873 nach Ägypten, in die Türkei und nach Griechenland.

Von 1876 an war Haeckel Prorektor der Universität Jena und unternahm Vortragsreisen durch Deutschland. Bis 1879 folgten mehrere Reisen nach England und Schottland, in deren Verlauf es zu weiteren Begegnungen mit Charles Darwin kam, sowie eine Reise nach Korfu. Von 1881 bis 1882 bereiste Haeckel erstmals die Tropen, unter anderem auch die Insel Ceylon.

1882 war Haeckel am Bau der Villa Medusa und der Einrichtung des Zoologischen Institutes der Universität Jena beteiligt, deren Prorektor er 1884 erneut wurde. 1887 reiste Haeckel nach Palästina, Syrien und Kleinasien, 1890 nach Algerien, 1897 durch Südfinnland und Russland, 1899 nach Korsika und 1900 zum zweiten Mal in die Tropen. In dieser Zeit begann auch seine Freundschaft mit Frida von Uslar-Gleichen (1864–1903).

<Das ungelöste Welträtsel, Frida von Uslar-Gleichen und Ernst Haeckel Briefe und Tagebücher 1900-1903, Wallstein, Göttingen 2000. 3 Bände, insgesamt 1341 Seiten, DM 98,-

Der Zoologe und Naturphilosoph Ernst Haeckel (1834-1919) hat die Namen zweier geliebter Frauen in den wissenschaftlichen Namen von ihm klassifizierter Quallen verewigt. Eine Schirmqualle heißt Desmonema Annasethe nach seiner ersten Frau Anna Sethe und eine Scheibenqualle Rhopilema Frida nach seiner Geliebten Frida von Uslar-Gleichen.

Hinter dem zweiten Namen verbirgt sich eine spannende Episode der Wissenschaftsgeschichte. Um 1900 verlieben sich der umstrittene weltberühmte Forscher, der an der Universität Jena lehrt und in der Villa Medusa mit seiner zweiten Frau Agnes Huschke verheiratet lebt, und die dreißig Jahre jüngere Adelige Frida von Uslar-Gleichen (1864-1903) aus einem verarmten Geschlecht, das in der Nähe von Göttingen ansässig ist. Für Haeckel belebt Frida aufs Neue die Erinnerung an seine 1864 früh gestorbene erste Frau.

Eine verstümmelte Ausgabe des vorliegenden Briefwechsels war bereits in der Zwischenkriegszeit eine Sensation. Aus den mehr als 400 Briefen, die sich die Liebenden sendeten, versuchten die Erben des Forschers Kapital zu schlagen, indem sie einzelne Dokumente in dem Briefroman “Franziska von Altenhausen” publizierten und so das tragische Ende dieser Beziehung publizistisch ausschlachteten. Denn Frida von Uslar-Gleichen nahm sich im Dezember 1903 mit einer Überdosis Morphium das Leben, während sich Haeckel mit seiner Ehefrau an der Riviera aufhielt.

Der Wert der intimen Schriftstücke liegt jedoch nicht in dem Skandalgeruch, sondern in den Einblicken, die er in eine konfliktreiche Debatte unter den Liebenden gewährt: Muss die menschliche Seele ein Rätsel bleiben, oder ist sie als ein Produkt der Evolution erklärbar? Daran anknüpfend bedenken sie, ob die Entwicklung ihrer Empfindungen auch einen Plan bereit hält, um die Symbiose ihrer Seelen zu fördern.

Doch die unterschiedlichen sozialen Kräfte im Leben des Forschers und der Autodidaktin stehen dagegen: Haeckel ist dem Klerus sowie dem Adel, dem Frida von Uslar-Gleichen angehörte, als “Monist” verhasst. Der Biologe spricht nicht nur dem Menschen eine Seele zu, sondern vertritt die Auffassung, dass sogar Kristalle und Badeschwämme damit begabt seien. Er hält eine harmonische “Durchseelung” der Evolution und eine Übereinstimmung von Goethes Naturphilosophie und Darwins Evolutionstheorie für möglich. Haeckels Eintreten für den Monismus macht ihn zu einer Art Heiligen in den Augen seiner Anhänger, die ihn sogar 1904 in Rom zum Gegen-Papst ausrufen.

Während Haeckel 1898 im Alter von 64 Jahren das Tafelwerk “Kunstformen der Natur” und die populäre Schrift “Die Welträthsel” vorbereitet, bittet ihn die Dame im Alter von 34 Jahren um Hilfe beim Selbststudium der Biologie und insbesondere beim Verständnis der Abstammungslehre. Haeckel schickt ihr daraufhin großzügig Bücher und anschauliche Tafeln, die er bereitwillig erklärt. Nach ersten persönlichen Treffen im Juni des darauf folgenden Jahres beginnt Frida von Uslar-Gleichen, die Korrekturbögen der “Welträthsel” zu lesen, und macht Verbesserungsvorschläge, die auch ihr Zusammensein betreffen. Haeckel beansprucht, mit diesem Buch die Entstehung des Bewusstseins erklären zu können, und glaubt auch, dass sich seine Regungen für die Geliebte in den Bahnen der Evolutionstheorie bewegen. Er schreibt am 19. Juli 1899: “Ist es nicht seltsam, wie oft in den sechs glücklichen Tagen unseres Beisammenseins in Jena (noch mehr in den 4 letzten, als den 2 ersten) unsere Gedanken gleichzeitig sich im Denkorgan entwickelten, und gleichzeitig in derselben Form ausgesprochen wurden?”

Frida von Uslar-Gleichen prüft als verständige Leserin Haeckels Theorie des Gemüts, die er im 7. Kapitel der “Welträthsel” formuliert, und überträgt sie auf das gemeinsame Erleben in einem Brief vom 1. Oktober 1899: “Wenn Sie behaupten, dass ,alle die zahlreichen Äußerungen des Gefühlslebens, welche wir beim Menschen finden, auch bei den höheren Tieren vorkommen?, so will mir das etwas rätselhaft erscheinen u. nur sehr bedingt anzunehmen ? Die Leidenschaft, die in ?den Ganglienzellen der Grosshirnrinde ihren Sitz hat? – macht mich herzlich lachen ? Unsere bösen! Ganglienzellen – Was haben sie uns alles angethan! Sollten sie nicht auf operative Weise zu entfernen sein?” Haeckels Antwort darauf ist nicht erhalten.

Während sie auf dem Gut der Familie bleibt, versucht er, durch ein ungeheures Arbeits- und Reisepensum seine Regungen für sie zu bändigen. Zunächst hat er eine gemeinsame Flucht in die Südsee in Aussicht gestellt, dann auf den baldigen Tod seiner zweiten Frau gehofft, der ihm gestattet hätte, seine Geliebte zu ehelichen; schließlich findet er sich mit der dauernden Trennung ab.

In den Briefen wird die gewaltige Lebensleistung Haeckels als Huldigung an die “Mutter Natur” lesbar, die Disziplin und Leidenschaft fordert. Haeckel war davon überzeugt, dass sich eine wissenschaftliche Betrachtung der Natur mit einem ehrfürchtigen Empfinden und Bewahren ihrer Schönheit vereinbaren lasse. Diese Überzeugung bewunderte Frida von Uslar-Gleichen, und das vereinte auch beide in ihrem Gedankenaustausch. Unvereinbar waren hingegen die Sprache des Gefühls und der Alltag des Forschers, der in einem Netz von wissenschaftspolitischen Beziehungen gefangen war und deshalb die geliebte Frida von Uslar-Gleichen nicht aus dem Geflecht von literarischen Bezügen befreien konnte, in dem sie verzweifelt Halt in ihrem ohnmächtigen Verlangen suchte.

Anfangs lenkt sie souverän die Gefühlsausbrüche des Geliebten, der sie nach dem ersten persönlichen Treffen bestürmt. So beschwichtigt sie ihn, indem sie Goethe als sittsames Vorbild darstellt, der ebenfalls eine adelige Dame liebte, mit der er nicht vereint leben konnte. Doch die Anspruchnahme dieses und anderer literarischer Vorbilder erweist sich als tückisch. Denn sie verstärkt die ohnehin vorhandene Trennung des Alltags von der Welt der Zeichen, die beide in den Briefen gestalten und die auch die wenigen Momente ihres Zusammenseins überformt.

Ihre persönlichen Treffen wirken inszeniert. Haeckel arrangiert ihr Zusammensein nach literarischen und künstlerischen Vorbildern. Weite Passagen ihrer Briefe sind mit Zitaten aus Briefwechseln und Liebesgeschichten gestaltet. Zuweilen unterschreibt Haeckel als “Wolfgang” von Goethe Briefe, in denen er Frida als Charlotte von Stein anspricht. Diese Stilisierungen nimmt sie auf und überbietet sie im Laufe der Monate.

Haeckel ist ein für seine Zeit sehr moderner Wissenschaftler. Er nutzt beispielsweise ausgiebig die neuen technischen Mittel wie die Eisenbahn zur Überwindung von Entfernungen oder das Mikroskop zur Überbrückung von Größenunterschieden. Aber die Diskrepanz von Gefühl und sozialer Vernunft kann er nicht überwinden; das ist unter den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen unmöglich.

Norbert Elsners Edition ist vorbildlich. Im dritten Band publiziert er neben weiteren Dokumenten einen Anhang, der das Umfeld und den Wirkungskreis Haeckels einsichtig werden lässt. So findet sich dort eine Kritik an Haeckels Eintreten für die Euthanasie, und zwar durch Georg II., Herzog von Thüringen-Meiningen. Im kommentierten Personenregister wird auch eine ergänzende Perspektive auf die zweite Ehefrau Haeckels entwickelt. Während Haeckel sie in den Briefen stets als kränklich und nur bedingt zurechnungsfähig darstellt, erscheint sie hier als liebenswerte Mutter der gemeinsamen Kinder. Die Edition füllt auch die Lücke, die durch die längst vergriffene Biografie Haeckels von Erika Krauße entstanden ist.

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Haeckel betätigte sich auch politisch: So war er Mitglied des Alldeutschen Verbandes und wurde 1905 Ehrenmitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene, ebenso war er ab 1889 Ehrenmitglied des korporativen „Medizinischen Vereins“ der Universität Jena (heute Landsmannschaft Rhenania zu Jena und Marburg).

< Der Alldeutsche Verband (bis 1894 Allgemeiner Deutscher Verband) bestand von 1891 bis 1939. In der Zeit des Deutschen Kaiserreichs zählte er zeitweise zu den größten und bekanntesten Agitationsverbänden. Er wurde als eine der lautstärksten und einflussreichsten Organisationen des völkischen Spektrums wahrgenommen. Sein Programm war expansionistisch, pangermanisch, militaristisch, nationalistisch sowie von rassistischen und antisemitischen Denkweisen bestimmt. Regional war der Alldeutsche Verband in Ortsgruppen organisiert, die auch im Ausland existierten.>

<Die Gesellschaft für Rassenhygiene wurde am 22. Juni 1905 von dem Mediziner und Privatgelehrten Alfred Ploetz (1860–1940) in Berlin gegründet. Die Gesellschaft wollte die „Rassenhygiene“ als Wissenschaft begründen und trug zu ihrer Etablierung in Deutschland bei. 1945 ist sie erloschen. Gerhart Hauptmann Mitglied>

Um seine monistische Weltanschauung zu verbreiten, gründete Haeckel 1906 den Monistenbund am Jenaer Zoologischen Institut. Daneben setzte er sich stark für den Pazifismus ein, etwa indem er 1910 zusammen mit anderen bedeutenden Persönlichkeiten wie Friedrich Naumann und Max Weber einen in deutschen Zeitungen veröffentlichten „Aufruf zur Begründung eines Verbandes für internationale Verständigung“ unterzeichnete, der Abkommen mit anderen Nationen fördern sollte, um den Weltfrieden zu garantieren.

<Friedrich Naumann (* 25. März 1860 im Pfarrhaus in Störmthal, heute Teil von Großpösna bei Leipzig; † 24. August 1919 in Travemünde) war evangelischer Theologe, liberaler Politiker zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs und Mitbegründer des Deutschen Werkbunds. Nach ihm ist die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit benannt.>

<<<Der Verband für internationale Verständigung war eine 1911 gegründete deutsche pazifistische Vereinigung, welcher der internationalen Vereinigung Conciliation Internationale, diese ihrerseits 1905 gegründet durch Paul Henri d’Estournelles de Constant, nahestand. Der Verband bewegte sich im akademischen Milieu. Sein Ziel war, durch Kodifizierung des Völkerrechts und die Errichtung internationaler Schiedsgerichte politische Spannungen zwischen den Staaten, insbesondere dem Deutschen Reich und Frankreich, zu mindern. Er hielt 1912 in Heidelberg und 1913 in Nürnberg Kongresse ab, an denen viele Franzosen teilnahmen. >>

1909 endete Haeckels Lehrtätigkeit, 1910 trat er aus der evangelischen Kirche aus. Seine Frau Agnes starb 1915. Haeckels Gebrechlichkeit nahm in dieser Zeit erheblich zu (Oberschenkelhalsbruch, Armbruch). 1918 verkaufte er die Villa Medusa an die Carl-Zeiss-Stiftung. Ernst Haeckel starb am 9. August 1919.

Meeresbiologische Monographien

Haeckels Werke, die seinen Ruf in der Fachwelt begründeten, sind grundlegende meeresbiologische Monographien über Radiolarien (1862, 1887), Kalkschwämme (1872), Medusen (1879–1880) und Staatsquallen (1869, 1888). Diese Arbeiten brachten ihm letztlich die Berufung zum Professor, später zum ersten Ordinarius für Zoologie in Jena ein. Bei der Beschreibung der von der britischen Challenger-Expedition gesammelten Radiolarien benannte Haeckel über 3500 neue Arten. Sein Teil des Challenger-Reports umfasst drei Bände mit 2750 Druckseiten und 140 detaillierten Bildtafeln.

Haeckel war nicht nur ein hervorragender Forscher, sondern auch ein begnadeter Zeichner, wie sämtliche aus seiner Hand stammenden Darstellungen und Bildtafeln auch heute noch durch ihre Naturtreue und Plastizität eindrucksvoll belegen. Diese besitzen aufgrund ihrer Materialfülle auch heute noch wissenschaftlichen Wert.

Generelle Morphologie (1866)

Nach 1859 nahm Haeckel die Gedanken von Darwins Entstehung der Arten auf. Haeckels Generelle Morphologie (1866) war epochemachend, Beginn zahlreicher noch folgender Synthesen verschiedener Teilgebiete der Biologie im Rahmen der Evolutionstheorie. Haeckel verknüpft biologische und weltanschauliche Aspekte dabei. Er leitete jedes Kapitel mit einem Goethezitat ein, das Schlusskapitel, unter dem Titel Gott in der Natur (Amphitheismus und Monotheismus) führte bereits in den Monismus als reinsten Monotheismus ein.

Nach der Generellen Morphologie begann Haeckel, zunehmend gemeinverständliche, also an Laien gerichtete Bücher – oft verschriftlichte Vortragsreihen – zu publizieren. Diese gingen vom Gedanken der Abstammungslehre aus und thematisierten sowohl wissenschaftliche als auch philosophische und theologische Aspekte, was Haeckel heftige Attacken unter anderem seitens Emil Heinrich Du Bois-Reymond eintrug.

Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868)

Mit der Natürlichen Schöpfungsgeschichte (1868) unternahm Haeckel den ersten Versuch, seine in der Generellen Morphologie entwickelten Gedanken auch für Laien verständlich zusammenzufassen. Trotz der großen Mängel, die Haeckel später bemerkte, erlebte die Natürliche Schöpfungsgeschichte bis zur Publikation der Welträthsel (1899) neun Auflagen und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Die Welträthsel und die Lebenswunder (1904) setzten diese Linie fort, überschritten jedoch zunehmend den Rahmen der Deutung biologischer Tatsachen im Kontext der Evolutionstheorie.

Unter anderem spekulierte er in diesem Werk über den Erdteil, in dem sich der Mensch entwickelt hatte. Haeckel ging davon aus, dass „die meisten Anzeichen auf das südliche Asien“ hindeuteten, räumte aber zugleich ein: „Vielleicht war aber auch das östliche Afrika der Ort, an welchem zuerst die Entstehung des Urmenschen aus den menschenähnlichen Affen erfolgte; vielleicht auch ein jetzt unter den Spiegel des indischen Oceans versunkener Kontinent [„Lemuria“], welcher sich im Süden des jetzigen Asiens einerseits östlich bis nach den Sunda-Inseln, andrerseits westlich bis nach Madagaskar und Afrika erstreckte.“ Den hypothetischen Urmenschen nannte Haeckel „Homo primigenius oder Pithecanthropus primigenius“.

Anthropogenie (1874)

Haeckel wendet in seiner Schrift Anthropogenie (1874, rund 730 Seiten) die in der Generellen Morphologie entwickelten Methoden auf den Menschen an. Nach einer historischen Einleitung in die Geschichte der Evolutionstheorien untersucht er die Keimesgeschichte des Menschen, indem er die Eizelle, Befruchtung, die Anlage der Keimblätter und des Blutkreislaufes im Sinne der Ontogenese darstellt. Der dritte Abschnitt umfasst die Stammesgeschichte oder Phylogenie. Hier stellt Haeckel zunächst einfache Wirbeltiere vor, dann verschiedene Stufen der Ahnenreihe des Menschen.

Der vierte Abschnitt behandelt die Entwicklungsgeschichte einzelner Organsysteme: Hautdecke und Nervensystem, Sinnesorgane, Bewegungsorgane, Darmsystem, Gefäßsystem und Urogenitalsystem. Es folgt ein zusammenfassendes Kapitel, in welchem Haeckel die dualistische Auffassung, besonders den Schöpfungsglauben und die Auffassung von einer von den Hirnfunktionen unabhängigen Seele, für widerlegt erklärt und seinen Monismus in kurzen Zügen umreißt. (Nahezu zeitgleich zu Haeckels Buch erschien Darwins Schrift Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, die sich methodisch allerdings völlig anders ausrichtete.)

Die Welträthsel (1899)

Um 1900 endete Haeckels wissenschaftliche Arbeit; danach popularisierte er im Grunde nur noch seine eigenen Gedanken. Es erschienen Reiseberichte und ein Band mit Aquarellen. Den wichtigsten Überblick über Haeckels populäre Schriften bietet eine posthum erschienene sechsbändige Ausgabe der Gemeinverständlichen Werke. Auflagenstärkstes Buch wurde der Weltbestseller Die Welträthsel von 1899.

Mit diesen „Gemeinverständlichen Studien über monistische Philosophie“ (Untertitel) stellt Haeckel den zeitgenössischen Forschungsstand in vielen Einzelwissenschaften dar und bietet zugleich eine philosophisch-weltanschauliche Deutung. In 20 Kapiteln behandelt er umfassend die Gegenstände Mensch, Seele, Welt und Gott. Er betrachtet sowohl die „Keimesgeschichte“ der Seele als auch ihr unsterbliches Wesen, blickt auf die „Entwicklungsgeschichte der Welt“, setzt sich mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Christentum auseinander und empfiehlt eine „monistische Sittenlehre“. Das letzte Kapitel dieser Gesamtschau verspricht gar die „Lösung der Welträtsel“. In diversen Anhängen nimmt Haeckel unter anderem zu Immanuel Kant und zur Erkenntnistheorie Stellung.

<Die Welträtsel, in veralteter Schreibweise Die Welträthsel, ist der Titel eines Sachbuches aus der Feder des Biologen und Philosophen Ernst Haeckel aus dem Jahre 1899, es trägt den Untertitel „Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie“. In diesem Werk stellt Haeckel sein monistisch geprägtes Weltbild als Lösung der Welträtsel einer breiten Öffentlichkeit vor, die Darwinsche Evolutionstheorie wird als Grundprinzip jeder Entwicklung verstanden. Dabei geht er besonders mit der katholischen Kirche hart ins Gericht, sieht aber in den ethischen Grundlagen des Urchristentums einen Anknüpfungspunkt zum Monismus und will diesen als Bindeglied zwischen Religion und Naturwissenschaft sehen.>

Haeckel sah die Biologie in vielem mit der Kunst verwandt. Seine künstlerische Begabung wurde durch Symmetrien in der Natur stark angesprochen, unter anderem der von Einzellern wie den Radiolarien. Schon in seinen wissenschaftlichen Monographien hatte Haeckel die biologische Welt in eindrucksvoller Schönheit dargestellt. Seine populären Kunstformen der Natur, die er von 1899 bis 1904 in mehreren Heften veröffentlichte, gehörten – wie Brehms Tierleben – in den Haushalt eines jeden Bildungsbürgers. Besondere Berühmtheit erlangten seine Abbildungen von Planktonorganismen und Quallen.

Haeckels Darstellungen beeinflussten die Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts. So beruhen die Glaslüster im Ozeanischen Museum Monaco von Constant Roux ebenso auf Vorlagen Haeckels wie das monumentale Tor des französischen Architekten René Binet auf der Weltausstellung Paris 1900. Binets von Haeckel inspiriertes Tafelwerk Esquisses décoratives wurde zu einer Grundlage des Art nouveau (Jugendstil).

Auch Haeckels Wohnhaus (Villa Medusa, heute das Ernst-Haeckel-Museum) und das von ihm gestiftete Gebäude des Phyletischen Museums, beides in Jena, führen Kunst und Wissenschaft zusammen, in dem z. B. Ornamente der Fassade und Innenausstattung Tafelwerke zu den Medusen zitieren.

Veranstaltung vom 24.05.2017

Historismus

Der Historismus als geschichtswissenschaftliche Strömung hebt die Geschichtlichkeit des Menschen hervor, seine Verankerung in einer Tradition und das Bewusstsein, durch die Vergangenheit geprägt zu sein, und betrachtet jegliche Ideen und Institutionen wie Staat und Nation nicht als rationale Ergebnisse gesellschaftlicher Prozesse, sondern als organische, geschichtlich hervorgebrachte Wesenhaftigkeiten. Geschichte soll im Historismus nicht durch philosophische oder metaphysische Überbauten erklärt werden, stattdessen soll ein Verständnis für die Individualität der einzelnen Epochen und Geschehnisse entwickelt werden.

Der Historismus geht davon aus, dass die Natur einer Sache in ihrer Geschichte liegt. Wenn also z. B. die Eigenart einer Nation verstanden werden soll, dann muss deren Geschichte betrachtet werden. Erklärungen, die (geschichts-) metaphysische Entwürfe heranziehen, werden also grundsätzlich abgelehnt. Diese Betrachtungsweise geht auch auf die Romantik zurück, die das Interesse für volkstümliche Überlieferungen unterstützte und auch eine Gegenbewegung zum Rationalismus des 18. Jahrhunderts darstellte. Hierin ist der Historismus der Historischen Rechtsschule verwandt, wie sie von Friedrich Carl von Savigny (1779-1861) und Karl Friedrich Eichhorn (1781-1854) gegründet wurde.

<<<<<Die historische Rechtsschule oder geschichtliche Schule der Rechtswissenschaft ist eine Richtung in der Rechtswissenschaft, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts die historische Bedingtheit des Rechts wieder in das Bewusstsein rief. Diese Richtung wurde vornehmlich von Friedrich Carl von Savigny begründet, der die Rechtsentwicklung auf den sogenannten Volksgeist zurückführt – ein Begriff, den auch schon Hegel in seiner Sicht der Weltgeschichte verwendet. Die Grundaussage der historischen Rechtsschule ist, dass das Recht nicht als ein willkürlich vom Gesetzgeber geschaffener Bestand an Vorschriften aufzufassen sei, sondern als im Bewusstsein des Volkes lebendige Überzeugungen, ähnlich wie die Sprache oder die Sitten und Gebräuche eines Volkes. Solche Rechtsüberzeugungen könnten zwar auch durch den Gesetzgeber veranlasst werden, entwickelten und veränderten sich aber vor allem ohne dessen Zutun organisch im Laufe der Zeit. Dabei spielen die praktischen sich verändernden Bedürfnisse des Volkes eine tragende Rolle. In einem entwickelten Rechtssystem komme dem Juristenstand – im Sinne der gesellschaftlichen Arbeitsteilung – die Aufgabe zu, das Volksbewusstsein dadurch zu repräsentieren, dass er das geltende Recht auf der Grundlage wissenschaftlicher Arbeit am Recht darlegt und anwendet.>>>

In Anlehnung an die naturwissenschaftliche Methodik werden im Historismus gesetzesartig formulierte, schematische Großtheorien über die Geschichte abgelehnt. Menschliche Hervorbringungen werden nicht als Varianten des gleichen Schemas angesehen, stattdessen wird die Verschiedenartigkeit aller historischen Gegenstände (Epochen, Menschen, Werke etc.) herausgearbeitet. Eine „individualisierende“ Betrachtung wird als notwendig unterscheidendes Merkmal der Geschichtswissenschaft gegenüber den Sozialwissenschaften gesehen.

Der Historismus lehnt auch tagespolitische Zielsetzungen für die Geschichtswissenschaft ab und sieht die Aufgabe der Geschichtswissenschaft darin, möglichst objektiv zu zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ (Leopold von Ranke); dabei steht vor allem die Staatsgeschichte im Vordergrund, während sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte weniger Beachtung finden. Charakteristisch für die Ausformung des Historismus nach Ranke war die „Verklärung des Staates als eigentlich handelndes Geschichtssubjekt.“ Der Historismus lehnt den Fortschrittsgedanken der Aufklärung ab, wie er insbesondere im Gefolge der Hegelschen Schule seine Ausprägung findet. Eine wertende Hierarchisierung verschiedener Epochen oder Kulturen (etwa in „höher“ und „niedriger“) wird ebenfalls als unangemessen angesehen.

Franz Leopold Ranke, ab 1865 von Ranke (* 21. Dezember 1795 in Wiehe; † 23. Mai 1886 in Berlin), war ein deutscher Historiker, Historiograph des preußischen Staates, Hochschullehrer und königlich preußischer Wirklicher Geheimer Rat.

Er wurde am 22. März 1865 in Berlin in den preußischen Adelsstand erhoben.

Leopold von Ranke besuchte von 1809 bis 1814 die Landesschule Pforta. Sein Studium absolvierte er von 1814 bis 1818 in der Theologie und Philologie an der Universität Leipzig.

Ab 1818 war er Gymnasiallehrer in Frankfurt (Oder). 1824 wechselte er nach Berlin und wurde an der dortigen Universität außerordentlicher Professor. Von 1827 bis 1831 bereiste Ranke die Archive des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches, dazu 1829 das Staatsarchiv Venedig, 1832 nahm ihn die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin als Mitglied auf. 1834 wurde Ranke ordentlicher Professor an der Universität, 1841 von König Friedrich Wilhelm IV. zum Historiographen des Preußischen Staates ernannt (der Ertrag gesammelt veröffentlicht als Zwölf Bücher preußischer Geschichte, 1878/1879).

Ranke ist einer der Gründerväter der modernen Geschichtswissenschaft. Nach den preußischen Reformen (um 1810) und der Gründung der ersten Berliner Universität unter Wilhelm von Humboldt hatte sich das Wissenschaftskonzept des Historismus durchgesetzt. Der Historismus unterschied sich durch einen systematischen und quellenkritischen Ansatz von der bisherigen vornehmlich philosophischen Geschichtsbetrachtung.

Aufgrund dieses Ansatzes lieferte Ranke eine Methodik, die die alte erzählende Geschichte mit den neuen wissenschaftlichen Grundlagen (mit einer zunehmenden Professionalisierung durch das Geschichtsstudium) verbindet. Ranke geht es um möglichst große Objektivität bei der Wiedergabe der Geschichte. Dieser Wesenszug seiner Geschichtsschreibung führt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der deutschen Geschichtswissenschaft zur Ausprägung sog. „Neorankeaner“. Sie stehen im Unterschied zu Historikern wie Heinrich von Sybel, Heinrich von Treitschke oder Johann Gustav Droysen, die die Geschichte auch mit einer tagespolitischen Aufgabe sehen, auf dem methodologischen Boden Rankes. Dennoch bleiben auch sie nicht von der anderen Strömung unbeeinflusst. Objektivität in der Geschichtsschreibung bedeutet keineswegs tagespolitische Neutralität. Das gilt übrigens auch für Ranke selbst. Nachhaltigste Wirkung erreichten seine Werke vornehmlich zur Reformation, zu den römischen Päpsten, zur englischen und französischen Geschichte im 17. Jahrhundert. In der internationalen Geschichtsschreibung seiner Zeit gibt es nur wenige, die sich mit ihm messen können.

Für Ranke war die Ästhetik der Sprache genauso wichtig wie der eigentliche Inhalt. Verheerend und teilweise bis heute nachwirkend wird ihm von einigen vorgeworfen, dass durch seine ausgefeilte Sprache literarische Form und intellektuelle Entdeckung nicht auseinandergehalten werden. Ranke hat seiner Bedeutung entsprechend eine Vielzahl bedeutender Schüler, die ihrerseits selbst wieder eigene Schulen bilden. Hier nennen wir als seinen ältesten und wohl auch für die Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft bedeutendsten Heinrich von Sybel. Auch Jacob Burckhardt hat zeitweilig in Berlin bei Ranke studiert.

Rankes Geschichtsschreibung ist im Wesentlichen politische Staatengeschichte. Die in Erscheinung tretenden Personen haben in irgendeiner Weise politische Bedeutung. Die Erforschung der Staatenwelt ist ihm das Wesentliche. Die sozialen Gesichtspunkte wie die der gesellschaftlichen Unterschichten treten bei ihm meist nicht auf. Eines der wenigen Kapitel in seiner Geschichtsschreibung, wo sie so umwälzend in die Geschichte eintreten, dass sie nicht ignoriert werden können, gilt dem Themenfeld deutscher Bauernkrieg.

Ranke gilt mit seinen Ideen als der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft. Trotz allem glaubte Ranke daran, dass es hinter der Geschichte treibende Kräfte gibt, welche durch die zunächst sachgemäße Arbeit herausgestellt werden könnten. So kann sich Geschichte nicht allein auf das Nacherzählen beschränken, sondern muss die grundlegenden Gestalten von Persönlichkeiten und Ereignissen sichtbar machen, um deren Kohärenz im Gesamtbezug zu prüfen.

1857 knüpfte Johann Gustav Droysen an die von Ranke nur lose formulierten Ideen in seiner Historik an. Auch er betonte die Notwendigkeit, Geschichte kohärent zu verstehen. Dies könne jedoch nicht durch einen logischen Zugang wie in den Naturwissenschaften geschehen, sondern durch Interpretation. Die Geschichtswissenschaft ist daher, weil sie sich auf das Verstehen von Bedeutung richtet, eine hermeneutische Wissenschaft.

Johann Gustav Bernhard Droysen (* 6. Juli 1808 in Treptow an der Rega; † 19. Juni 1884 in Berlin) war ein bedeutender deutscher Historiker und Geschichtstheoretiker. 1848/1849 saß er in der Frankfurter Nationalversammlung und gehörte dem wichtigen Verfassungsausschuss an.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Stettin widmete sich Droysen dem Studium der Philosophie und Philologien in Berlin, wo er unter anderem bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, August Boeckh und Karl Lachmann hörte. Dann war er zunächst von 1827 bis 1829 Hauslehrer von Felix Mendelssohn Bartholdy, danach ab 1829 Lehrer am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. Ab 1833 war er Privatdozent, ab 1835 außerordentlicher Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, seit 1840 Professor an der Universität Kiel, wo seine (unvollendet gebliebene) Geschichte des Hellenismus entstand, dann in Jena (ab 1851) und wieder an der Universität Berlin (seit 1859).

Werk

Droysen stellte sich bereits mit seinem Erstlingswerk Geschichte Alexanders des Großen 1833 in die erste Reihe der Historiker seiner Zeit. Den Begriff „Hellenismus“ erhob er anschließend mit seiner wegweisenden Geschichte des Hellenismus zur Epochenbezeichnung für die Zeit zwischen Alexander und Kleopatra. Droysen trat dabei als einer der ersten Historiker dafür ein, die drei Jahrhunderte nach Alexander nicht als Verfallszeit zu begreifen; in seinen Augen vollzogen sich damals Entwicklungen, ohne die das Christentum nicht möglich gewesen wäre.

Später arbeitete Droysen vornehmlich auf dem Gebiet der neueren Geschichte. Seine Geschichte der preußischen Politik (1855–1886) ist die umfassendste Darstellung der preußisch-kleindeutschen Geschichtsidee. Droysen gehörte nicht direkt zur Schule Heinrich von Sybels und Heinrich von Treitschkes, verstand die Aufgabe der Geschichtswissenschaften aber in einem verwandten Sinne. Die Forderung Leopold von Rankes nach Objektivität in der Geschichtsschreibung lehnte Droysen entschieden ab: Für ihn hatte die Geschichte vielmehr eine erzieherische Funktion für den Staat wahrzunehmen.

Als Geschichtstheoretiker hat Droysen die Grundlage für die hermeneutische Methodik in den modernen Geschichtswissenschaften gelegt. Die quellenkritische Methode, die von weitreichendem Einfluss auf die Historiographie war, geht auf Droysen und Barthold Georg Niebuhr zurück. Zu Droysens bedeutendsten Studenten zählt Friedrich Meinecke. Sein Sohn Gustav Droysen war ebenfalls Geschichtsprofessor und legte wichtige Forschungen zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges vor.

<< Johann Gustav Droysen hat das „Verstehen“ erstmals als wissenschaftlichen Begriff zur Bezeichnung der Methode der Geschichtswissenschaften eingeführt. Er unterschied ihn von dem „Entwickeln“ bzw. später „Erkennen“ für die philosophisch-theologische Methode und von dem „Erklären“ für die mathematisch-physikalische Methode. Die Möglichkeit des Verstehens beruht auf der geistig-sinnlichen Natur des Menschen: Jeder innere Vorgang bekundet sich in einem entsprechenden äußerlich wahrnehmbaren Vorgang. Dieser kann von einem anderen Menschen wahrgenommen werden und ruft bei ihm dann den gleichen inneren Vorgang hervor.

Die Hermeneutik wurde zur Grundlage für alle historischen Geisteswissenschaften, nicht nur für die Theologie. Die psychologische Interpretation wurde – in der Nachfolge Schleiermachers und gestützt auf die romantische Lehre vom unbewussten Schaffen des Genies – die immer entschiedenere theoretische Basis der Geisteswissenschaften insgesamt. Das neue erkenntnistheoretische Interesse hatte sich bei August Boeckh in seinen Vorlesungen über „Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften“ (1877) durchgesetzt. Boeckh war ein Schüler Schleiermachers. Das Verstehen ist eine eigene Art der Erkenntnis, die das Individuelle auf intuitive Weise erfasst. Boeckh bestimmte die Aufgabe der Philologie als das „Erkennen des Erkannten“. Er unterschied verschiedene Interpretationsweisen, nämlich die grammatische, die literarisch-gattunghafte, die historisch-reale und die psychologisch-individuale.>>>

Einer der wichtigsten Vertreter des Historismus im späteren 19. Jahrhundert ist Wilhelm Dilthey. Aufbauend auf der Idee, dass der Historismus sich auf das Verstehen richtet und die Naturwissenschaft auf das Erklären der Welt, begründete er die Kultur- und Geisteswissenschaften neu gegenüber den Naturwissenschaften.

Wilhelm Dilthey (* 19. November 1833 in Biebrich; † 1. Oktober 1911 in Seis am Schlern, Südtirol) war ein deutscher Theologe, Gymnasiallehrer und Philosoph.

Entgegen dem zu seiner Zeit stark verbreiteten Naturalismus entwickelte Dilthey ein lebensphilosophisches Fundament, welches das menschliche Leben und die Formen seines Ausdrucks nicht mehr nur nach Naturgesetzlichkeiten erklärte, sondern vielmehr die Eigengesetzlichkeit des menschlichen Geisteslebens zu verstehen suchte.

Dilthey baute diesen Ansatz wissenschaftstheoretisch aus und formulierte in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften eine Theorie der Geisteswissenschaften, als deren Begründer er gilt. Als deren Methode entwickelte er die Hermeneutik und die verstehende Psychologie in wesentlicher Weise weiter.

Zur empirischen Anwendung brachte Dilthey seine Methoden in der Weltanschauungslehre, einem Deutungsschema für die seiner Meinung nach gescheiterten Systeme der Metaphysik. In ihr versuchte Dilthey aufzuzeigen, wie alle unterschiedlichen und sich widersprechenden metaphysischen Systeme ihren gemeinsamen Ursprung im Lebenszusammenhang des Menschen haben, zugleich kategorisierte er die historischen Ansätze nach verschiedenen „Typen der Weltanschauung“.

Bei Wilhelm Dilthey kam es zu einer systematischen Neubegründung der Idee der Geisteswissenschaften auf eine verstehende und beschreibende Psychologie. Der Mensch lebt im Gegensatz zur Natur und hat Erlebnisse. Das Erlebnis ist das Einzige, was unmittelbar gewiss ist: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Entsprechend unterscheidet Dilthey zwei psychologische Erkenntnisweisen, nämlich die beschreibende und zergliedernde Psychologie einerseits und die an der naturwissenschaftlichen Methode orientierte erklärende und konstruktive Psychologie andererseits. Dabei ist das Verstehen vor allem die Methode der beschreibenden und zergliedernden Psychologie. Das Seelenleben wird von dieser als ein primär gegebener, einziger Zusammenhang begriffen. Darin sind nicht nur die Bestandteile, sondern auch deren Verbindungen, mithin die Übergänge eines Seelenzustandes zum anderen mitsamt dem Erwirken, das von einem zum anderen führt, in innerer Wahrnehmung ursprünglich gegeben, das heißt, erlebt. Das Verstehen beruht nicht auf rein intellektuellen Erkenntnisakten, sondern auf dem „Zusammenwirken aller Gemütskräfte in der Auffassung.“ Dagegen versucht die erklärende oder konstruktive Psychologie, die seelischen Erscheinungen aus einem Kausalzusammenhang abzuleiten. Dieser ist aber nicht ursprünglich in der Wahrnehmung gegeben, das heißt, er ist nicht erlebt. Stattdessen wird er aus einer begrenzten Anzahl von Elementen erst mithilfe verbindender Hypothesen konstruktiv erschlossen. Beide psychologische Erkenntnisweisen ergänzen sich aber. Die beschreibende Psychologie fasst die seelischen Erscheinungen in feste, beschreibende Begriffe. Diese geben ihrerseits die Basis für Hypothesenbildungen der erklärenden Psychologie ab.

Das Ganze ist die Lebenseinheit. Das Einzelne soll aus dem Zusammenhang des Ganzen verstanden werden. Die Lebensstruktur wird analog zu einem Text interpretiert, sie baut ihre Einheit aus ihrer eigenen Mitte heraus auf. Das Ganze bestimmt den Sinn und die Bedeutung der Teile, jeder Teil drückt etwas vom Ganzen aus: „Wir gehen im Verstehen vom Zusammenhang des Ganzen, der uns lebendig gegeben ist, aus, um aus diesem das Einzelne uns fassbar zu machen.“ Das Verstehen von Geschichtlichem setzt einen „historischen Sinn“ voraus – so wie sich die Bedeutung eines einzelnen Wortes vom Satz her erschließt, der Satz seinen Sinn durch den Kontext des ganzen Textes erhält und der Text nur dann wirklich verstanden wird, wenn alle überlieferten Texte für die Auslegung herangezogen werden. Das historische Verstehen breitet sich über alle einzelnen Gegebenheiten aus und wird universal, weil es in der Totalität des Geistes seinen Grund findet.

Unter dem Eindruck des fulminanten Aufschwungs und Prestigegewinns der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert kommt es Dilthey vor allem darauf an, den Geisteswissenschaften einen klar definierten Zuständigkeitsbereich nachzuweisen und vorzubehalten, indem er, ausgehend von den Naturwissenschaften, Abgrenzungen vornimmt:

„Wir bemächtigen uns dieser physischen Welt durch das Studium ihrer Gesetze. Diese Gesetze können nur gefunden werden, indem der Erlebnischarakter unserer Eindrücke von der Natur, der Zusammenhang, in dem wir, sofern wir selber Natur sind, mit ihm stehen, das lebendige Gefühl, in dem wir sie genießen, immer mehr zurücktritt hinter das abstrakte Auffassen derselben nach den Relationen von Raum, Zeit, Masse, Bewegung. Alle diese Momente wirken dahin zusammen, dass der Mensch sich selbst ausschaltet, um aus seinen Eindrücken diesen großen Gegenstand Natur als eine Ordnung nach Gesetzen zu konstruieren. Sie wird dem Menschen zum Zentrum der Wirklichkeit.

Aber derselbe Mensch wendet sich dann von ihr rückwärts zum Leben, zu sich selbst. Dieser Rückgang des Menschen in das Erlebnis, durch welches für ihn erst die Natur da ist, in das Leben, in dem allein Bedeutung, Wert und Zweck auftritt, ist die andere große Tendenz, welche die wissenschaftliche Arbeit bestimmt. Ein zweites Zentrum entsteht. Alles, was der Menschheit begegnet, was sie erschafft und was sie handelt, die Zwecksysteme, in denen sie sich auslebt, die äußeren Organisationen der Gesellschaft, zu der die Einzelmenschen in ihr sich zusammenfassen – all das erhält nur hier eine Einheit. Von dem sinnlich in der Menschengeschichte Gegebenen geht hier das Verstehen in das zurück, was nie in die Sinne fällt und doch in diesem Äußeren sich auswirkt und ausdrückt.“

Die Hermeneutik wird damit auf jenen geschichtlichen Boden verwiesen, ohne den geisteswissenschaftliche Erkenntnis nach Dilthey nicht zu erlangen ist, da jedem individuellen menschlichen Leben die kulturgeschichtlichen Voraussetzungen konstitutiv mitgegeben sind. Die Abgrenzung der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik von naturwissenschaftlichen Methoden vollzog er unter anderem am Beispiel der Psychologie. Der „erklärenden“ Psychologie, die er in der Nähe der auf Hypothesenbildung und Kausalitäten gegründeten Erkenntnisweise der Naturwissenschaften sah, setzte Dilthey eine auf das Verstehen von Erlebniszusammenhängen gegründete Psychologie entgegen. Der historisch-hermeneutische Horizont wird von Dilthey weit ausgespannt:

„Von der Verteilung der Bäume in einem Park, der Anordnung der Häuser in einer Straße, dem zweckmäßigen Werkzeug des Handwerkers bis zu dem Strafurteil im Gerichtsgebäude ist um uns stündlich geschichtlich Gewordenes. Was der Geist heute hineinverlegt von seinem Charakter in seine Lebensäußerung, ist morgen, wenn es dasteht, Geschichte. Wie die Zeit voranschreitet sind wir von den Römerruinen, Kathedralen, Lustschlössern der Selbstherrschaft umgeben. Geschichte ist nichts vom Leben Getrenntes, nichts von der Gegenwart durch ihre Zeitferne Gesondertes. […] Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er. Die Natur, der Gegenstand der Naturwissenschaft, umfasst die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit. Alles, dem der Mensch wirkend sein Gepräge aufgedrückt hat, bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften.“

Diltheys Bestreben, eine universelle Methodik der auf „geschichtlichen Seelenvorgängen“ beruhenden Geisteswissenschaften zu entwickeln und diese von den Gegenständen und Arbeitsweisen der Naturwissenschaften abzugrenzen, übte eine nachhaltige Wirkung aus. Mit seiner Lebensphilosophie wollte er hinter alle Relativität auf ein Konstantes zurückzugehen und entwarf eine einflussreiche Typenlehre der Weltanschauungen, die der Mehrseitigkeit des Lebens entsprechen sollte.

Max Weber kritisiert am Historismus, dass auch der Standpunkt des Historikers selbst relativ ist, d. h. die Geschichte nur im Lichte der eigenen Geschichtlichkeit des Wissenschaftlers erscheint. So beantwortet die Geschichte stets nur die Fragen, die ein Wissenschaftler aus seinem historisch-sozial gewachsenen Umfeld an diese stellt.

Wilhelm Richard Wagner (* 22. Mai 1813 in Leipzig; † 13. Februar 1883 in Venedig) war ein deutscher Komponist, Dramatiker, Dichter, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent. Mit seinen Musikdramen gilt er als einer der bedeutendsten Erneuerer der europäischen Musik im 19. Jahrhundert. Er veränderte die Ausdrucksfähigkeit romantischer Musik und die theoretischen und praktischen Grundlagen der Oper, indem er dramatische Handlungen als Gesamtkunstwerk gestaltete und dazu die Libretti, Musik und Regieanweisungen schrieb. Er gründete die ausschließlich der Aufführung eigener Werke gewidmeten Festspiele in dem von ihm geplanten Bayreuther Festspielhaus. Seine Neuerungen in der Harmonik beeinflussten die Entwicklung der Musik bis in die Moderne. Mit seiner Schrift „Das Judenthum in der Musik“ gehört er geistesgeschichtlich zu den Verfechtern des Antisemitismus.

Intention Wagners

Wagner wollte die aus seiner Sicht „dekadenten“ Theater reformieren, mit Hilfe seiner Kunst zu einer besseren Volkserziehung beitragen und somit die Welt verbessern. Bereits in jungen Jahren war er von der Idee beherrscht, Musik und Drama zu verknüpfen (Das Kunstwerk der Zukunft, Oper und Drama) und in Anlehnung an die Tradition der griechischen Tragödien eine neue Kunstrichtung zu begründen. In seinen Schriften hat er immer wieder beschrieben, wie mittels Musik dramatische Handlungen zu „Botschaften“ werden können und die Musik (das weiblich „gebärende Element“) der Dichtung (der männlich „zeugende Samen“) zusätzliche Ausdruckskraft verleiht.

„Die Wissenschaft hat uns den Organismus der Sprache aufgedeckt; aber was sie uns zeigte, war ein abgestorbener Organismus, den nur die höchste Dichternot wieder zu beleben vermag, und zwar dadurch, dass sie die Wunden, die das anatomische Seziermesser schnitt, dem Leibe der Sprache wieder schließt, und ihm den Atem einhaucht, der ihn zur Selbstbewegung beseele. Dieser Atem aber ist: – die Musik!“ – Richard Wagner: Oper und Drama

Seine Konzeption vertrat er mit Vehemenz und arbeitete zielstrebig darauf hin, seine Kunstidealvorstellung (in Form von Festspielen an einem Ort der Muße) zu verwirklichen. In König Ludwig II. fand er einen Gleichgesinnten, so dass beide ihre Kunstideale (Festspielhaus, Musikschule, Kunsterziehung) in München realisieren wollten. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch und konnte erst später in Bayreuth verwirklicht werden. Dort entwickelte sich Wagners Festspielkonzept vor allem mit seinem Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ zu einem „Religionsersatz“ durch die Kunst (Religion und Kunst).

<Wagners Parsifal enthält religiöse Elemente wie weihevolle Musik, Monstranzenthüllung (Gral), Taufe und christliches Abendmahlsritual. Bereits in seinen Zürcher Kunstschriften (Das Kunstwerk der Zukunft, Oper und Drama) entwickelte er die Idee, den Kern des Religiösen durch Kunst zu verdeutlichen. In Religion und Kunst schreibt er zusammenfassend:

„Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.“

Wagner erklärte, dass er zur Transformierung seiner gleichnishaften Botschaft, Erlösung und Regeneration der Menschheit durch Mitleid – dargestellt durch den suchenden Parsifal und den leidenden Amfortas –, eine Kunstform gewählt habe, die mit religiöser Symbolik eine „entrückende Wirkung auf das Gemüt“ ausüben solle.

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„Religion und Kunst“ ist eine der Hauptschriften Richard Wagners und wurde von ihm während der Kompositionsarbeit an seinem letzten Musikdrama Parsifal im Jahre 1880 in Neapel (Villa Angri) geschrieben und in den Bayreuther Blättern publiziert und später im zehnten Band seiner Gesammelten Schriften und Dichtungen in Buchform veröffentlicht.

Wagner äußert sich in dieser Schrift – auch als „Regenerationsschrift“ bezeichnet – umfassend zum Thema Religion und stellt sein Weltbild dar. Aus seinen Briefen an Hans von Wolzogen, dem Herausgeber der Bayreuther Blätter, ist zu erkennen, dass er die „ihn nicht verstehen wollende Welt“ provozieren und „einen starken Artikel“ schreiben wollte. Bereits in der Einleitung stellt Wagner die aus seiner Sicht bestehende Verbindung von Religion und Kunst her:

Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.

Christlicher Glaube und Buddhismus

Wagner führt zu Beginn aus, wie Religionen entstanden sind und diese alle nur auf der „Hinfälligkeit der Welt“ basierten, wobei sich erfolgreiche Religionsstifter mit mythischen Allegorien Gehör beim Volke verschafft hätten. Eine Besonderheit der christlichen Religion sei, dass sie sich an die „Armen am Geiste“ wende (Mt 5,3 EU, vgl. Seligpreisung) und somit speziell für „arme Leut’“ Trost und Heilsanleitungen erschließen wolle. Im Gegensatz dazu stehe der Buddhismus, der ohne Gott, ohne Himmel und Hölle Wege zur Selbsterkenntnis aufzeige und eher eine Religion für „denkende“ Menschen sei. Wagner vergleicht dann das Christentum mit dem Buddhismus, ganz im Sinne Arthur Schopenhauers, der sich ebenfalls zu den Lehren der Brahmanen, zu Wiedergeburt und Askese hingezogen fühlte und daraus sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung entwickelte.

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Musik

Wagners Werke sind ein Höhepunkt der romantischen Musik und beeinflussten viele Zeitgenossen und spätere Komponisten erheblich. Vor allem der Tristan brachte die Musiksprache des 19. Jahrhunderts weit voran und gilt vielen als Ausgangspunkt der Modernen Musik.

Der sogenannte Tristan-Akkord

Der Tristan-Akkord ist ein in Richard Wagners 1865 uraufgeführtem Musikdrama Tristan und Isolde „leitmotivisch“ verwendeter Akkord. Er erklingt zu Beginn des Werkes im zweiten Takt des Vorspiels (von Wagner als „Einleitung“ bezeichnet) in den Celli und Holzbläsern; die Vortragsanweisung lautet: „langsam und schmachtend“.