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Peter Burg Werke

Vorlesung

Sommersemester 2019

Vorlesung: Das Zeitalter des Feudalismus

Die Vorlesung stellt die Grundzüge der alteuropäischen Gesellschaft dar, deren Zusammenbruch nach einer jahrhundertelangen Geltung von der Französischen Revolution eingeleitet wurde. Feudalismus (Lehnswesen) bezeichnet die vom Mittelalter bis zum Zeitalter der Französischen Revolution in Europa vorherrschende  Gesellschafts- und Wirtschaftsform, auf die im 19. Jahrhundert der Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft folgte. In der feudalen Gesellschaft  überließ ein Landesherr seinen Gefolgsleuten die Nutzung von Land und Leuten. Aus dem landesherrlichen Privileg entwickelten sich herrschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, die zu einer politischen und sozialen Gliederung in Ständen führten. Auf der unteren Ebene, an der Basis, gab es den zur Landbewirtschaftung bestimmten Stand der Bauern. Eigentümer des von ihnen bestellten Landes waren die Grundherren, die Bauern befanden sich im Zustand der Hörigkeit. Die städtischen Bürger erhielten eine relative Eigenständigkeit. Den Herrschaftsverhältnissen nach unten stand eine Bindung des Lehnsmannes an übergeordnete Instanzen bis hin zum obersten Landesherrn gegenüber. Der Landesherr umgab sich im Feudalismus mit einem Stand, der ihm zur Gefolgschaftstreue verpflichtet war. Die Kette der Vasallen reichte bis zum König, dessen hoheitliche Domäne in vielfältigen Formen das gesamte Land umfasste. Die Kirche bildete ein wichtigen Bestandteil des Feudalsystems.

Literatur:

Otto Hintze, Wesen und Verbreitung des Feudalismus (= Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften), Berlin 1929; Marc Bloch: Die Feudalgesellschaft (Originaltitel: La societé féodale). Klett-Cotta, Stuttgart 1999; Georges Duby: Die drei Ordnungen. Das Weltbild des Feudalismus (Originaltitel: Les trois ordres ou l’imaginaire du féodalisme). Suhrkamp, Frankfurt/M. 1993.

Beginn: 02.04.2019, Ende: 05.06.2019.

Jeweils wöchentlich dienstags und mittwochs 10-12 Uhr

Orléans Ring 12. SRZ 117.

Veranstaltung vom 02.04.2019

Lehnswesen: Begriff und Entstehung

Der Begriff Lehnswesen, auch Feudalwesen ( Feudalismus) oder Benefizialwesen genannt, bezeichnet ein politisch-ökonomische System gesellschaftlicher Beziehungen. Die modernen gesellschaftlichen Vorstellungen gehen von einem System der Trennungen aus: Recht, Moral, Wirtschaft, Arbeit(steilung), Herr-Diener, Habitus-Kleidung, Wohnung, Lebenssphären. Von diesen Vorstellungen muss man Abstand nehmen, wenn man sich die Merkmale der alteuropäischen Gesellschaft vergegenwärtigen will. Nicht Trennung, sondern Vereinigung, Gesamtheit, Konglomerat, Ganzheit ist die maßgebliche Sicht. Macht man das Lehnswesen zum Forschungsgegenstand, muss man eine synoptische Herangehensweise praktizieren, nicht isolieren oder zergliedern. Die sozialen Beziehungen im Lehnswesen betreffen zwei Seiten, die Lehnsherren und die Lehnsnehmer. Diese Gruppen umfassend nicht die gesamte Gesellschaft, denn es gab auch Menschen, die nicht in das System eingebunden waren. Grundsätzlich handelte es sich um persönliche Beziehungen, doch auf kirchlicher Seite standen auch Institutionen. Quantitativ bedeutende Lehnsnehmer waren die Abteien und geistlichen Stifte. An der Spitze dieser Institutionen standen aber wieder Personen, die Äbte und Äbtissinnen.

System des Lehnswesens

Die Spitze der Lehnspyramide am Beispiel Karls des Großen

Bild 13./14. Jahrhundert: Der Paladin Roland (Hruotland) wird von Karl dem Großen mit dem Schwert Durandal gegürtet und leistet den Lehenseid bzw. Treueid.

Hruotland, auch Hruodland, im Deutschen und Französischen traditionell Roland, im Spanischen Roldán oder Orlando, im Katalanischen Rotllà und im Italienischen Orlando genannt (* um 736; † 15. August 778 bei Roncesvalles), war Graf der bretonischen Mark (Cenomanien-um Angers) im Frankenreich Karls des Großen.

Er fungierte als Befehlshaber der Nachhut des fränkischen Heeres, mit dem Karl einen Feldzug gegen die Mauren geführt hatte und die beim Rückzug im Pyrenäen-Pass bei Roncevaux (span. Roncesvalles) nochmals angegriffen und vernichtet wurde, allerdings entgegen der Legende nicht von Mauren, sondern von – christlichen – Basken, die nach dem Überfall und der Plünderung Pamplonas durch die Franken auf Rache sannen.  Hruotland soll, der Sage zufolge, in Blaye beerdigt worden sein, das Grab wurde jedoch während der französischen Revolution zerstört.

Der historische Roland

Es gibt nur ein belegtes Dokument, in dem die historische Figur Hruotland/Roland erwähnt wird, die Vita Karoli Magni des Einhard. Hier findet sich eine Passage: “Es kam den Basken bei dieser Tat die leichte Bewaffnung und die Lage des Schlachtfeldes zustatten. Die Franken waren durch die Schwere ihrer Waffen und die ungünstige Örtlichkeit in allem gegen die Basken im Nachteil. In diesem Treffen wurden Eghart, des Königs Truchsess, der Pfalzgraf Anselm und Rodland (Roland), der Heerführer des bretannischen Grenzbezirks, nebst anderen getötet.”

Rolandssage und Literatur

Unter dem Namen Roland ist Hruotland der Hauptheld des altfranzösischen Rolandsliedes (entstanden um 1100), eines Heldenepos (Chanson de geste), das seinerseits Vorlage für eine Vielzahl literarischer Werke in ganz Westeuropa geworden ist.  Das älteste bekannte Exemplar des Rolandliedes (chanson de Roland) stammt aus dem sogenannten Oxforder Manuskript, das angeblich um 1100 von einem Mann namens Turold geschrieben wurde.

In diesen Werken, aber teilweise auch in der älteren Geschichtsschreibung gilt Roland alias Hruotland als Neffe Karls des Großen, wofür es aber keine sicheren Belege gibt. Die Sage um Roland soll aus Volkserzählungen unter den Franken entstanden sein; das älteste bekannte Schriftdokument, das die Sage des Roland erzählt, wird dem Erzbischof Turpin von Reims zugeschrieben. In dessen Erzählung kämpft Roland gegen den gigantischen Maurenkämpfer Ferracutus, dessen einzige verwundbare Stelle sein Nabel war. Später wurde die Erzählung um immer mehr und immer fantastischere Elemente erweitert, darunter sein Olifant, ein mittelalterliches Horn, und das Schwert Durendal: Unter den baskischen Bergbewohnern der Gegend kursiert die Sage, dass in stürmischen Nächten das Echo seines Olifanten zu hören sei, in das der Sterbende gestoßen haben soll, um das Hauptheer Karls zu Hilfe zu rufen. Dieser Olifant soll in Bordeaux vergraben sein, sein Schwert Durendal (oder eine Kopie davon) befindet sich angeblich in Rocamadour.

Durendal (deutsch Durandart(e), italienisch Durindana) ist der Name des angeblich wundertätigen Schwertes von Roland im altfranzösischen Rolandslied.  Dazu die Legende: Karl dem Großen wird von einem Engel ein Schwert übergeben, das der tapferste Gefolgsmann im Kampf gegen die Heiden tragen solle. Dieses Schwert überreicht Karl seinem Paladin Roland. Im Rolandslied soll das Heft des Schwertes einen Zahn des Apostels Petrus, Blut des Heiligen Basilius und ein Haar des Heiligen Dionysius sowie ein Stück vom Gewand der Jungfrau Maria enthalten.[2] Um es vor den anstürmenden Sarazenen zu bewahren, versuchte Roland das Schwert zu zerstören, nachdem er zuvor die Rolandsbresche in den Pyrenäen geschlagen hatte. Nach dem Rolandslied stürzte er sich angesichts der zu erwartenden Niederlage gegen die Mauren in sein Schwert oder legte sich darauf, nachdem er versucht hatte, es an einem Felsen zu zerstören. Einer anderen Legende zufolge schleuderte er die Waffe weg, die im Felsen von Rocamadour stecken blieb. Dort kann sie besichtigt werden.

Dichtung

Als „Paladin“ werden in der Dichtung später auch die zwölf ritterlichen Gefolgsleute Karls des Großen in der mittelalterlichen französischen Epik (chanson de geste) ab dem 11. Jahrhundert bezeichnet. Diese fiktiven Charaktere sind frei an historische fränkische Gefolgsleute des 8. Jahrhunderts angelehnt sowie durch historische Ereignisse wie die Konfrontation des Frankenreichs mit den Umayyaden in der Marca Hispanica sowie der Schlacht am Pass von Roncesvaux beeinflusst.

Die Paladine in der mittelalterlichen Literatur

Die zwölf Paladine werden in verschiedenen Romanen unterschiedlich benannt, oft erscheinen auch mehr als zwölf. Allen Geschichten gemeinsam sind jedoch die Paladine Roland und Oliver.

In der mittelalterlichen Literatur standen die Geschichten um die Paladine Karls des Großen in der Popularität den Sagen um König Artus und die Ritter der Tafelrunde in nichts nach. Den zwölf Paladinen Karls des Großen werden im Rolandslied folgende Namen gegeben:

•  Roland, Neffe Karls des Großen und Hauptheld der Geschichten

•  Oliver, Rolands Freund und stärkster Verbündeter

•  ferner Gérin, Gérier, Bérengier, Otton, Samson, Engelier, Ivon, Ivoire, Anséis, Girard

Die Geschichte wurde später in der Renaissance auch durch die italienischen Romane von Ludovico Ariosto und Torquato Tasso benutzt, die den italienischen Ausdruck paladino verwendeten und die Namen leicht abwandelten. Die von den Italienern festgelegten Varianten der Gestalten und der Ausdruck paladino wurden später in der hispanischen Barockdichtung, insbesondere 1624 im großen Epos El Bernardo des Mexikaners Bernardo de Balbuena weiter verwendet.

Paladin als Synonym

Im übertragenen Sinne wird der Begriff verwendet, um einen kühnen, unerschütterlich gläubigen Ritter und tapferen Helden zu bezeichnen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, gegen das Böse zu streiten.  Basierend auf Textstellen des Rolandslieds ist Paladin als Synonym für „der beste Freund“ in den meisten westlichen Sprachen geläufig. So betitelt im Rolandslied Karl der Große Roland mit den Worten: „… mein Paladin, mein bester Freund“, als er die Nachricht vom Tod Rolands erhält. Der Begriff wird, auch spöttisch, verwendet, um einen treuen Gefolgsmann oder Anhänger einer Person zu bezeichnen.

Rezeption in moderner Fantasy-Literatur und Rollenspielen

In Fantasy-Rollenspielen sind Paladine heilige Ritter der Kirche oder gesandt von einer Gottheit oder einem Gott, um in deren Sinne und im Namen der Ehre zu handeln. Ein strahlendes Äußeres und heroische Posen prägen ihr Bild. Oft werden sie mit Hieb- und Stichwaffen und in prunkvollen Rüstungen dargestellt, welche ggf. von einer Aura umgeben sind. Oftmals besitzen sie zudem engelsgleiche Flügel auf dem Rücken. Sie agieren auch mit unterstützenden Zaubern, insbesondere Heilzaubern, und Formen von Magie, die gegen das jeweilige Böse gerichtet sind. In diesen Übertragungen in die Fantasie finden sich sozusagen die weitreichenden Rechte aus der Geschichte wieder.

Der Bremer Roland um 1900

Als Paladin des mächtigen Königs Karl wird Roland seit dem 14. Jahrhundert, auch unter dem Einfluss Karls IV., zum Sinnbild für die Freiheit der Städte gegenüber dem Territorialfürsten. Als Zeichen für diese Freiheit wurden in vielen Städten Statuen aufgestellt. Dies war vor allem im deutschen Kulturraum verbreitet; hier ist besonders der 1404 aufgestellte Bremer Roland bekannt, dessen hölzerner Vorgänger im Auftrag des ungeliebten Erzbischofs Albert II von Bremen verbrannt worden sein soll. Unter Bremern gilt er als Warnung vor dem Angriff auf die Stadt- und Bürgerrechte.

Roland als Paladin Karls

Ein Paladin (Plural Paladine, von lateinisch palatinus) ist ein mit besonderer Würde ausgestatteter Adliger, meist ein Ritter.

Ausgangspunkt der Geschichte des Wortes Paladin ist das Palatium auf dem Mons Palatinus (Hügel Palatin). Auf diesem Hügel in Rom nahmen Kaiser Augustus und seine Nachfolger ihren Wohnsitz und hatten später dort auch ihre Regierungsgebäude. Vom Wort Palatium stammen auch die Wörter Palast und Pfalz ab. Bezogen auf den Regierungssitz bedeutet palatinus so viel wie „zum Kaiserpalast gehörig“. Als Person ist ein Palatinus, später in Konsonantenerweichung der Paladin, eine Person, die dem Kaiser besonders nahesteht.

Antike

In der Antike wurde anfangs das Personal so bezeichnet, das im Palast des Kaisers lebt, später vor allem dessen treueste Gefolgsleute, im Gegensatz zu vom Palast unabhängigen Adligen. In der Antike war der „Palatinus“ eine einflussreiche Person, da der Kaiser seine Palastangehörigen mit hohen Würden (Aufgaben, Verantwortung, Vollmachten) ausstattete. Aufgrund der sakralen Persönlichkeit eines Kaisers wurde schon zu dieser Zeit eine sakrale Dimension auf die Paladine übertragen.

Roland faltet die Hände zum Gebet. Die Zeremonie ist auch ein religiöser Akt.

Mittelalter

Seine größte Bedeutung erlangte der Paladin im Mittelalter. Sieben Kurfürsten wurden bestimmt, den König zu wählen, zu küren, und lange Zeit regierte dieser durch das Reisekönigtum, der Hofstaat blieb nicht an einer Hauptstadt, sondern zog von einer Königspfalz zur nächsten. Die Paladine dieser Zeit werden geschichtswissenschaftlich anders genannt: Aus palatinus wurde die Pfalz, und damit waren die palatini Pfalzgrafen, und der Ort an dem sie wohnten, wurde ebenfalls Pfalz genannt, genau wie das dazugehörige Land. Die Königspfalz war einer der Stützpunkte des römisch-deutschen Königs im Reich. Der Pfalzgraf war der Verwalter der Pfalz und in dessen Abwesenheit Vermittler zwischen Reich und Kaiser. Der Name und die Geschichte der Kurpfalz spiegeln die wechselvolle Geschichte dieser Beziehung wider, denn der dort wohnende Pfalzgraf war gleichzeitig außerdem seit 1214, endgültig seit 1356, einer der sieben Kurfürsten und, neben dem sächsischen Kurfürsten, einer von zwei Stellvertretern des Kaisers in dessen Abwesenheit. (Reichsvikar)

Die Pfalzgrafen (von lateinisch palatinus „der im Palast bzw. bei Hofe“) waren ursprünglich Amtsträger und Vertreter des Königs oder Kaisers. Sie standen dem Hofgericht vor und hatten eine leitende Funktion allgemeiner Art inne. Außerdem fungierten sie auch als Verbindungsmänner zwischen Bittstellern aus dem Reich und dem König oder Kaiser. Im Heiligen Römischen Reich gab es anfangs je einen Pfalzgrafen für jedes Herzogtum. Später wurden die meisten Pfalzgrafschaften einem mächtigeren Fürstentum inkorporiert. Der einzig übriggebliebene Pfalzgraf bei Rhein gehörte ab dem Spätmittelalter dem Reichsfürstenstand an und war den Herzögen faktisch gleichgestellt. Die Anrede der fürstlichen Pfalzgrafen (Pfalzgraf bei Rhein) war (Königliche) Hoheit.

Palatin (Ungarn)

Das Amt des Palatin war während der gesamten Existenz des Königreichs Ungarn (vom 10. Jahrhundert bis 1918) das höchste Amt im Königreich.

Das entsprechende Amt wurde höchstwahrscheinlich im 10. oder 11. Jahrhundert nach dem Vorbild Großmährens übernommen. Ursprünglich war der Palatin der Verwalter des königlichen Hofes, ab dem Ende des 12. Jahrhunderts war er der Vertreter des Königs, insbesondere als oberster Richter (vor allem auf dem Land). Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts war er auch königlicher Statthalter. Im Mittelalter wurde der Palatin auf Zeit bestellt (vom König vorgeschlagen, vom Landtag gebilligt), ab 1526 lebenslang. Im 16. bis 18. Jahrhundert war er unter anderem auch Vorsitzender des Landtages. Ab 1848 war die Funktion nur noch symbolischer Natur.

Neuzeit

Bild: Die drei Paladine des deutschen Kaisers, Zeichnung von Wilhelm Camphausen, 1871 in der Zeitschrift Die Gartenlaube: Albrecht von Roon, Otto von Bismarck und Helmuth Karl Bernhard von Moltke

Als „Paladin“ wurden auch in der Neuzeit von Monarchen Personen ausgezeichnet, besonders in Großbritannien und dem Deutschen Reich Bismarcks.

Adolf Hitler nannte seinen „zweiten Mann im Staat“ Hermann Göring „Paladin“.

Karl der Große (lateinisch Carolus Magnus oder Karolus Magnus, französisch und englisch Charlemagne; * wahrscheinlich 2. April 747 oder 748; † 28. Januar 814 in Aachen) war von 768 bis 814 König des Fränkischen Reichs (bis 771 gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann). Er erlangte am 25. Dezember 800 als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde, die mit ihm erneuert wurde. Der Enkel des Hausmeiers Karl Martell war der bedeutendste Herrscher aus dem Geschlecht der Karolinger. Das Frankenreich gelangte unter ihm zu seiner größten Ausdehnung und Machtentfaltung.

Leben

Kindheit und Jugend

Karl stammte aus der heute als Karolinger bezeichneten Familie, die zwar erst seit 751 die fränkische Königswürde innehatte, aber bereits in den Jahrzehnten zuvor die bestimmende Macht am Königshof war. Ihr Aufstieg begann im 7. Jahrhundert und resultierte aus der zunehmenden Schwäche des Königtums der Merowinger, wobei die wahre Macht zunehmend in die Hände der Hausmeier überging. Diese waren ursprünglich nur Verwalter des Königshofes gewesen, gewannen aber im Laufe der Zeit immer mehr Einfluss. Eine wichtige Rolle spielten bereits im 7. Jahrhundert die Arnulfinger und Pippiniden, die Vorfahren der späteren Karolinger. Ihre Machtbasis lag im östlichen Reichsteil Austrasien. Seit der Zeit Pippins des Mittleren und von dessen Sohn Karl Martell bestimmten sie endgültig die fränkische Reichspolitik. Auf Karl Martell geht auch die spätere Bezeichnung der Familie als „Karolinger“ zurück.

Zu Beginn des Jahres 754 überquerte Papst Stephan II. die Alpen und begab sich ins Frankenreich. Grund für diese Reise waren die zunehmenden Übergriffe des Langobardenkönigs Aistulf, der 751 das Exarchat von Ravenna erobert hatte. Formal unterstand dieser Raum der Herrschaftsgewalt des byzantinischen Kaisers, doch Konstantin V., der militärisch erfolgreich an der byzantinischen Ostgrenze gegen die Araber kämpfte und dort gebunden war, verzichtete zu dieser Zeit auf ein Eingreifen im Westen. Daraufhin wandte sich Stephan an den mächtigsten westlichen Herrscher und versuchte Pippin zu einem Eingreifen zu überreden.

Die Anwesenheit des Papstes nördlich der Alpen erregte Aufsehen, denn es war das erste Mal, dass sich ein Bischof von Rom ins Frankenreich begab. Beim Treffen in der Pfalz von Ponthion trat der Papst als Hilfesuchender auf. Pippin ging mit ihm ein Freundschaftsbündnis (amicitia) ein und sagte ihm Unterstützung gegen die Langobarden zu. Von dem Bündnis profitierte auch Pippin, der erst seit 751 die fränkische Königswürde bekleidete, nachdem er den machtlosen letzten Merowingerkönig Childerich III. entthront hatte. Das Bündnis mit dem Papst half Pippin bei der Legitimierung seines Königtums, gleichzeitig wurden die Frankenkönige zu den neuen Schutzherren des Papstes in Rom, was für die weitere Entwicklung weitreichende Folgen hatte. Bei einem weiteren Treffen mit dem Papst zu Ostern 754 in Quierzy konnte Pippin das fränkische Eingreifen in Italien verkünden und garantierte dem Papst mehrere (auch ehemalige byzantinische) Territorien in Mittelitalien, die sogenannte Pippinische Schenkung, welche die Grundlage für den späteren Kirchenstaat bildete. Eine konkrete päpstliche Gegenleistung folgte bereits kurz darauf, denn noch im Jahr 754 wurden Pippin sowie seine beiden Söhne von Stephan II. in Saint-Denis zu Königen der Franken gesalbt, womit das neue karolingische Königtum zusätzlich einen sakralen Charakter erhielt. Alle drei erhielten zudem vom Papst den hohen römischen Ehrentitel Patricius. Kurz darauf intervenierte Pippin erfolgreich in Italien zugunsten des Papstes, was allerdings auf den Widerstand der Byzantiner traf, da sie dies als Eingreifen in ihren Herrschaftsraum betrachteten.

763 scheint Pippin seinen Söhnen zudem mehrere Grafschaften übertragen zu haben.

Des Weiteren sind zumindest einige allgemeine Rückschlüsse auf Karls Jugend und Erziehung möglich. Es ist davon auszugehen, dass bei seiner Erziehung nicht nur auf die übliche fränkische Kriegerausbildung, die für einen König als Heerführer essentiell war, sondern auch auf eine gewisse Bildung Wert gelegt wurde. Obwohl das Bildungsniveau im 8. Jahrhundert gesunken war, war Latein am Hof, in der Verwaltung und im Gottesdienst allgegenwärtig. Anders als manch einer der späteren ostfränkischen bzw. römisch-deutschen Könige hat Karl das Lateinische offenbar auch verstanden. Einhard zufolge sprach er es wie seine Muttersprache, was eine Übertreibung sein mag. Er dürfte zudem über Lesekenntnisse des Lateinischen verfügt haben. Karl war jedenfalls ein für damalige Verhältnisse recht gebildeter Herrscher und sein Leben lang an Bildung interessiert.

Herrschaftsantritt

Bild: Karl der Große (links) und sein Sohn Pippin von Italien (ursprünglich Karlmann, starb 1810), darunter ein Schreiber; Miniatur des 10. Jahrhunderts aus einer Kopie des für Graf Eberhard von Friaul von Lupus Servatus verfassten liber legum (Codex Modena, Biblioteca Capitolare, O. I. 2, f. 154v)

Zu Ostern 774 erschien Karl plötzlich mit Gefolge vor Rom, während sein Heer noch Pavia belagerte. Papst Hadrian war davon völlig überrascht. Den Langobardenkönigen hatten die Päpste den direkten Zugang zur Stadt stets verweigert, doch den fränkischen Herrscher und neuen Schutzherren des Papsttums wollte Hadrian offenbar nicht verärgern. 30 Meilen vor der Stadt empfing man den Frankenkönig in ritueller Weise, wobei sich das Protokoll am Empfang des byzantinischen Exarchen orientierte, des obersten militärischen und zivilen Verwalters des byzantinischen Kaisers in Italien. Karl wurde zur Kirche St. Peter begleitet, wo Hadrian ihn mit einem großen Anhang feierlich empfing. Der Papst und der König begegneten einander ehrenvoll und versicherten sich ihrer gegenseitigen Freundschaft. Karl soll um die formale Erlaubnis gebeten haben, die Stadt zu betreten, was ihm gestattet wurde. Anschließend zog der Frankenkönig und römische Patricius in die ehemalige Kaiserstadt am Tiber ein, die im Mittelalter zwar nur einen Bruchteil der antiken Bevölkerungszahl aufwies, deren Monumentalbauten aber auf Besucher immer noch eindrucksvoll wirkten. Offenbar war Karl bestrebt, die Position und die Autorität des Papstes auch symbolisch zu achten. Realpolitisch bedeutsam war die bei diesem Anlass vorgenommene Erneuerung des Pactum, der von Pippin geschlossenen Übereinkunft mit dem Papsttum hinsichtlich der päpstlichen Gebietsansprüche. Geistliche und weltliche Gewalt, die beiden Universalgewalten des Mittelalters, schienen harmonisch zusammenzuwirken. Karl nahm in den folgenden Tagen an allen religiösen Kulthandlungen in Rom teil, bevor er die Stadt verließ.

Die Sachsenkriege

802 wurde mit der Lex Saxonum geschriebenes Recht für die Sachsen erlassen, das auch Elemente ihres Stammesrechts aufnahm. 802 und 804 kam es zu weiteren fränkischen Feldzügen im nördlichen Elberaum. Sächsische Einwohner wurden von dort ins östliche Frankenreich deportiert, statt ihrer wurden im Elberaum Franken angesiedelt. Die Sachsenkriege waren nun endgültig beendet. Sachsen blieb christlich und wurde nicht zuletzt durch die Einbeziehung der lokalen Eliten in das Karolingerreich integriert.

Veranstaltung vom 03.04.2019

Das Ende der Selbständigkeit Bayerns

Tassilokelch (Reproduktion), gestiftet um 780

Im Jahr 787 wurde Tassilo nach Worms vorgeladen, wo er sich dem Frankenkönig unterwerfen sollte. Der Bayernherzog erschien jedoch nicht und bemühte sich um päpstliche Vermittlung. Bald schon musste er jedoch erkennen, dass nicht nur der Papst ganz auf die Linie Karls einschwenkte und ihn zur vollständigen Unterwerfung aufforderte, sondern dass er nun auch im eigenen Herzogtum über wenig Rückhalt verfügte. Als Karl noch 787 militärisch gegen Tassilo vorging, traten mehrere bayerische Große auf die fränkische Seite über. Tassilo war isoliert und unterwarf sich im Oktober 787 Karl, dem er nun auch einen Gefolgschaftseid leistete. Gerd Althoff hat diesen Vorgang als frühestes Vorkommen der rituellen deditio (Unterwerfung) gedeutet. Dennoch blieben Spannungen bestehen und Karl sah nun offenbar eine günstige Gelegenheit, die Lage in seinem Sinn zu bereinigen. Im Juni 788 wurde Tassilo nach Ingelheim vorgeladen und dort zusammen mit seiner Familie festgesetzt. Ihm wurde vorgeworfen, mit den Awaren paktiert zu haben; hinzu kam der Vorwurf der „Fahnenflucht“. Profränkische bayerische Adelige sagten gegen den Herzog aus, der zum Tode verurteilt wurde. Karl wandelte das Urteil in lebenslange Klosterhaft um. 794 wurde Tassilo kurzzeitig aus der Klosterhaft entlassen, um auf der Synode von Frankfurt noch einmal öffentlich Reue zu bekunden und auf seine Ansprüche urkundlich zu verzichten.

In der modernen Forschung besteht kein Zweifel daran, dass die gegen Tassilo erhobenen Vorwürfe fingiert waren und in Ingelheim ein politischer Scheinprozess stattfand.[112] Karl hatte sich aus politischen Gründen entschlossen, die unliebsame Sonderstellung des mächtigen Bayernherzogs zu beenden. Eine königsähnliche Nebenherrschaft innerhalb seines Machtbereichs wollte er nicht tolerieren. Tassilos Herrschaft brach schnell zusammen, da er in seinem Herzogtum Gegner hatte, die sich von einer Zusammenarbeit mit Karl mehr versprachen. Bayern behielt in der Folgezeit dennoch eine gewisse Sonderstellung: Kirchlich blieb es eine Einheit und auch in der Verwaltung wurde nicht die Grafschaftsverfassung eingeführt, sondern die Regierung einem königlichen Präfekten übergeben. Politisch wurde es nun aber endgültig Teil des Reiches.

Die Kaiserkrönung

Königsthron im Aachener Dom

Seit 795 war Leo III. Papst in Rom. Das Papsttum war in dieser Zeit unter den Einfluss des in diverse Fraktionen aufgesplitterten römischen Stadtadels geraten, der bei der Papstwahl ausschlaggebend war. Leo wurde unter anderem ein unwürdiger Lebenswandel vorgeworfen, vor allem aber verfügte er beim stadtrömischen Adel über keinerlei politischen Rückhalt, seine Lage wurde immer prekärer. Ende April 799 spitzte sich die Konfrontation zwischen dem Papst und dem Adel so zu, dass auf Leo ein Attentatsversuch unternommen wurde, hinter dem Vertraute des vorherigen Papstes Hadrian I. standen. Leo überlebte und flüchtete zu Karl nach Paderborn.

Karl leistete Leo militärische Unterstützung und ließ ihn Ende 799 nach Rom zurückführen. Im Spätsommer des Jahres 800 begab sich Karl selbst nach Italien, Ende November erschien er in Rom. Dort kam es am 1. Weihnachtstag, dem 25. Dezember 800, in Alt-St. Peter zur Kaiserkrönung Karls des Großen durch den Papst. Damit wurde eine äußerst wirkungsmächtige Entwicklung für das gesamte weitere Mittelalter in Gang gesetzt: die Übertragung der römischen Herrschaft auf die Franken (translatio imperii). Das römische Kaisertum im Westen, wo 476 der letzte Kaiser in Italien abgesetzt worden war, wurde durch die Krönung Karls erneuert. In diesem Zusammenhang spielten heilsgeschichtliche Aspekte eine wichtige Rolle; das römische Imperium galt als das letzte Weltreich der Geschichte (Vier-Reiche-Lehre). Nun existierte ein neues „römisches Kaisertum“, das an den Herrschaftsanspruch der antiken römischen Kaiser anknüpfte und in der Folgezeit erst von den Karolingern, dann seit den Liudolfingern (Ottonen) von den römisch-deutschen Königen beansprucht wurde. Ohne die Tragweite abschätzen zu können, legte Karl somit auch den Grundstein für das römisch-deutsche Kaisertum.

Bild: Grandes Chroniques de France, Exemplar König Karls V. von Frankreich, Paris, BN, Ms. français 2813, fol. 85v, spätes 14. Jahrhundert: die Kaiserkrönung Karls I.

Translatio imperii im Mittelalter

Die Idee der translatio imperii basiert auf der Vier-Reiche-Lehre, die wiederum auf das Buch Daniel (Dan 2,21 EU) zurückgeht. In seinem Kommentar zum Buch Daniel ordnete der spätantike Kirchenvater Hieronymus der Textstelle andere Reiche zu: Babylon, Persien, Griechenland und Rom. Nach dem letzten Reich sollte das Weltende folgen.

476 erlosch das römische Kaisertum im Westen, während im Osten das oströmisch/byzantinische Reich weiterbestand. Die Sultane sahen sich nach der osmanischen Eroberung von Konstantinopel/Istanbul 1453 in der Kontinuität des damit endgültig eroberten Oströmischen Reichs. Sultan Mehmed II. „der Eroberer“ brachte das durch die Übernahme des Kaisertitels zum Ausdruck. Im Mittelalter wurde im Westen nach der Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom durch Papst Leo III. am 25. Dezember 800 die Idee eines erneuerten Römerreichs vertreten, womit das „4. Reich“ nicht untergegangen war. Allerdings sind direkte Bezüge darauf, dass die römische Kaiserwürde auf die Franken übergegangen sei, erst um die Mitte des 9. Jahrhunderts greifbar. Später wurde auch das Vier-Reiche-Schema im eschatologischen Sinne wieder aufgenommen. Nach dem Zerfall des Frankenreichs trat schließlich das Ostfränkische Reich an dessen Stelle, dessen Herrscher Otto I. 962 die Kaiserwürde erlangte. Die Vorstellung, dass das Imperium in der Nachfolge des Römerreichs stehen würde, kam aber erst im Laufe des 10./11. Jahrhunderts auf, und seit dem 13. Jahrhundert wurde das Reich als Heiliges Römisches Reich bezeichnet.

Somit bezeichnet im Mittelalter translatio imperii in erster Linie die Übertragung der römischen Kaiserwürde, wobei auch eine kuriale Translationstheorie entstand, wonach das Kaisertum nur durch den Papst übertragen werden könne. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches stützten sich auf ihre römischen Vorgänger und leiteten so ihre Befugnis ab, Gesetze zu erlassen. Im Zusammenhang mit dieser Lehre steht die Anwendung des Corpus Iuris Civilis, eines Gesetzeswerkes des oströmischen Kaisers Justinian I. Die Vorschriften wurden zwar gewohnheitsrechtlich übernommen, im Mittelalter bestand aber das Bedürfnis, die Geltung dieser Rechtssätze auf eine Autorität zu stützen. So entstand die Legende, Kaiser Lothar habe dieses Gesetzeswerk wiederentdeckt und zu geltendem Recht erklärt (Lotharische Legende). Auf der Grundlage der translatio imperii erschien es auch konsequent, römisches Recht fortzuführen.

Der Papst wirkte zwar als Koronator, befand sich aber in einer äußerst schwachen Position und war ganz von Karls Unterstützung abhängig. Als Kaiser übernahm Karl denn auch die Rolle des Richters über Leos römische Gegner.

Die Schaffung des westlichen Kaisertums wurde von mehreren Faktoren begünstigt. Im Osten existierte weiterhin das Reich der Byzantiner, die sich „Rhomäer“ (Römer) nannten und auf eine ununterbrochene staatliche Kontinuität zum spätantiken Römerreich zurückblicken konnten. Im Jahr 800 herrschte dort jedoch mit Kaiserin Irene eine Frau (was man im Westen abwertend betrachtete), die mit zahlreichen innenpolitischen Problemen zu kämpfen hatte. Aus karolingischer Perspektive wurde das sogenannte „Kaisertum der Griechen“ – eine für die Byzantiner provozierende Bezeichnung – berücksichtigt, aber abwertend beurteilt; es wurde sogar eine angebliche Übertragung des Kaisertums von Byzanz auf Karl konstruiert. In Byzanz hingegen betrachtete man Karl schlicht als Usurpator und hielt den exklusiven Anspruch auf das „römische“ Kaisertum aufrecht. Erst 812 kam es zu einer Verständigung hinsichtlich des Zweikaiserproblems. Die Kaiserkrönung des Jahres 800 war auch heilsgeschichtlich bedeutsam, da Endzeiterwartungen verbreitet waren, die mit dem römischen Reichsgedanken verbunden waren. In einer Zeit, in der das Religiöse ganz entscheidend das Denken bestimmte, erhielt die Kaiserkrönung so eine eschatologische Komponente.

Auswärtige Beziehungen

Im Zusammenhang neuerer Untersuchungen wird allerdings deutlich, wie verhältnismäßig eingeschränkt die Gestaltungskraft des Karlsreiches, immerhin das mächtigste Herrschaftsgebilde im lateinischen Europa seit dem Fall Westroms, verglichen mit anderen Großreichen dieser Zeit war. Das wird schon an einem einfachen Beispiel deutlich: 792 ordnete Karl den Bau eines 3 km langen Kanals in Mittelfranken an, der die Flusssysteme Rhein und Donau verbunden hätte. Die Bauarbeiten blieben jedoch bald stecken, so dass 793 der Bau abgebrochen wurde. 767 waren demgegenüber weitaus umfangreichere Bauvorhaben in Byzanz (wo Wasserleitungen über eine Distanz von mehr als 100 km instand gesetzt wurden) und im Kalifat (Runde Stadt Bagdad, an deren Bau über 100.000 Arbeiter beteiligt waren) ohne größere Probleme gelungen. Im China der Tang-Dynastie wiederum war 742/43 ein Kanal von rund 150 km Länge planmäßig gebaut worden. All diese Reiche hatten universale Herrschaftsansprüche, ähnlich wie das Karolingerreich nach der Kaiserkrönung Karls; die Ressourcen und die darauf basierenden Gestaltungsspielräume waren jedoch im Fall Karls wesentlich eingeschränkter.

Hof und Herrschaftspraxis

Der Hof war das Zentrum des herrschaftlichen Handelns. Die frühmittelalterlichen Könige waren Reisekönige, die mitsamt dem Hof von Pfalz zu Pfalz reisten und unterwegs die Regierungsgeschäfte regelten. Dennoch dominierte im Frankenreich die Naturalwirtschaft; materielle Grundlage des Königtums war das Krongut. Karl unterhielt eine Vielzahl von Pfalzen, die über das Reich verstreut waren, zeitweise als königliche Residenzen fungierten und der Versorgung des Königshofes dienten. Zu den besuchten Orten zählten solche, die bereits in früherer Zeit von fränkischen Königen favorisiert wurden, doch kamen unter Karl auch neue Orte hinzu, so in den eroberten Gebieten. Der Schwerpunkt seiner Reiserouten, des herrscherlichen Itinerars, lag im Nordosten, vor allem in der Region zwischen der Maas und dem Rhein-Main-Gebiet. Die Anzahl der jeweiligen Aufenthalte variiert stark und reicht von einem einzigen (wenngleich wichtigen) Aufenthalt in Frankfurt am Main bis zu 26 Aufenthalten in Aachen. Aachen wurde wohl aufgrund der nahen Waldgebiete, in denen der König seiner Jagdleidenschaft nachgehen konnte, und wegen der heißen Quellen Karls Lieblingsresidenz; nach 795 hielt er sich nur noch dreimal während des Winters an anderen Orten auf. Im Paderborner Epos – unter Außerachtlassung von Byzanz – gar als Roma secunda, als Zweites Rom, und in einer Ekloge des fränkischen Gelehrten Moduin als künftige „goldene Wiedergeburt Roms“ angepriesen, fungierte Aachen nun als königliche Hauptresidenz. Vor Ort wurden umfangreiche Baumaßnahmen durchgeführt, zu denen vor allem die Errichtung der prächtigen Aachener Königspfalz gehörte.

Bild: Das Signum Karls des Großen unter einer am 31. August 790 in Kostheim ausgefertigten Urkunde: Eigenhändig ist nur der v-förmige Vollziehungsstrich innerhalb des rautenförmigen O des sogenannten Karlsmonogramms, durch den die obere Hälfte des O zugleich als A (für KAROLVS) gelesen werden soll. Der lineare Text beiderseits des Kreuzrhombus-Monogramms lautet Signum (M.) Caroli gloriosissimi regis („Zeichen des überaus glorreichen Königs Karl“).

Das 882 entstandene Werk De ordine palatii des Erzbischofs Hinkmar von Reims gibt Einblick in den Hofaufbau. Im Verwaltungsbereich am Hof spielte die Hofkapelle, welcher der capellanus vorstand, eine wichtige Rolle. Hinzu kamen der Kanzler und die Notare. Diese waren alle Geistliche, während der Pfalzgraf weltliche Angelegenheiten regelte und ebenfalls zum engsten Beraterkreis des Königs gehörte. Des Weiteren waren eine große Anzahl von Bediensteten am Hof tätig, darunter der Kämmerer, der Mundschenk, der Quartiermeister, der Seneschall und weiteres Hauspersonal („Hausgesinde“). Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Königin, die dem königlichen Haushalt vorstand.

In der Regel zweimal im Jahr wurden Hoftage als Versammlungen des Königs und der Großen des Reiches einberufen, um anstehende politische Fragen zu klären oder Streitigkeiten zu schlichten. Herrschaft war im Frühmittelalter ganz wesentlich an einzelne Personen gebunden, es existierten faktisch keine „staatlichen Institutionen“ (und damit kein abstrakter Begriff wie Staatlichkeit) losgelöst von diesen personalen Herrschaftsstrukturen. Dennoch etablierten die Karolinger eine für die zeitgenössischen Verhältnisse relativ effektive Verwaltungsstruktur. Karl beseitigte die letzten Reste der älteren Stammesherzogtümer, mit Tassilo III. war 788 der letzte Herzog abgesetzt worden. Die Verwaltung im Reich lag nun (wie bereits teils in merowingischer Zeit) vor allem in den Händen der Grafen. Diese fungierten nicht nur als Heerführer, sondern im Rahmen der sogenannten Grafschaftsverfassung auch als königliche Amtsträger bei der Ausübung der Regalien. In bestimmten Bereichen waren sie Stellvertreter des Königs (Mark-, Burg- und Pfalzgrafen). Besondere Bedeutung erlangten die Markgrafen: In ihrem Amt bündelten sich verschiedene Kompetenzen in den neuen Grenzmarken, wo sie über weitreichende Sonderrechte verfügten. Die Übertragung von Ämtern und Gütern an ausgesuchte Adelsfamilien sicherte deren Loyalität und begründete eine neue Reichsaristokratie, die an der Königsherrschaft partizipierte; es handelte sich damit in der Zeit Karls noch nicht um vererbbare, sondern verliehene Ämter. Das Karolingerreich war ein Vielvölkerreich, über das die Franken nicht alleine herrschten, sondern in das auch andere ethnische Gruppen eingebunden waren. Einer effektiveren Herrschaftsdurchdringung sollten die sogenannten Königsboten (missi dominici) dienen. Diese wurden paarweise entsandt, je ein weltlicher und ein geistlicher Bote (in der Regel ein Graf und ein Bischof), um Anweisungen und Erlasse durchzusetzen und Abgaben einzutreiben, aber auch zur Demonstration der königlichen Herrschaftspräsenz und zur Kontrolle vor Ort. Sie konnten in einem zugeteilten Bezirk wenn nötig die unmittelbare Herrschaftsgewalt ausüben und Urteile fällen. Es waren die missi, welche den Treueeid abnahmen, den im Jahr 789 alle männlichen Bewohner des Reiches ab dem Alter von zwölf Jahren dem König leisten mussten. Damit war Karl bestrebt, die Loyalität seiner Untertanen weiter zu sichern. Der Eid wurde 802 erneut eingefordert.

Königsbote

Der lateinische Begriff missus bezeichnete im Mittelalter allgemein einen Bevollmächtigten eines Großen im eigenen Bereich; dabei stellen die missi dominici (auch missi fiscales, missi regales, missi regis), deutsch Königsboten, die wichtigste Gruppe dar.

Schon unter den frühen Karolingern beginnt eine regelmäßige Aussendung von missi dominici. Sie wurden aus den königlichen Vasallen gewählt. Ihre Hauptaufgabe war die Kontrolle des Königsguts. Daneben hatten sie noch mehrere andere Aufgaben:

Funktion als Verbindungsglieder zwischen den geistlichen und weltlichen Großen

Überwachung und Durchführung von königlichen Anordnungen

Beseitigung von Mängeln

Meldung bei Verstößen

Im Jahr 802 kommt es unter Karl dem Großen zu einer Neuordnung der Institution der Königsboten. Dabei handelte es sich nicht um einen sozialen Wechsel, also die Verdrängung ärmerer Vasallen durch die mächtigeren Getreuen Karls, denn die Beauftragten des Königs hatten schon immer der Elite des Reiches angehört (vgl. Forschungsbeitrag von J. Hannig). Die Reform Karls bezog sich vielmehr auf die Einrichtung von Missatsbezirken in den Kernzonen fränkischer Macht, die mit bereits vorhandenen Verwaltungsbezirken wie Grafschaften oder Metropolen verknüpft wurden. Die dort eingesetzten Amtsinhaber erhielten vom Herrscher besondere Machtbefugnisse.

Das System bewährte sich gut unter Karl dem Großen. Bald aber traten durch immer größere Eigeninteressen des Adels Schwierigkeiten auf. Dadurch kam es schon im 9. Jahrhundert zum Verfall des Systems, im 10. Jahrhundert ist es verschwunden.

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Grundlage einer effektiven Verwaltung war neben der herrschaftlichen Infrastruktur die Schriftlichkeit. Die Schriftkenntnisse im Frankenreich waren seit dem 7. Jahrhundert rückläufig, das Latein verwilderte zunehmend. Die sogenannte Bildungsreform Karls diente denn auch nicht nur einer kulturellen Neubelebung, sondern war auch ein wichtiger Baustein zur Sicherstellung einer effizienten Herrschaftspraxis. Karls Reformen zielten auf eine umfassende Neuordnung im kirchlichen, kulturellen und herrschaftlichen Bereich ab.

Kapitel 70 des Capitulare de villis vel curtis imperii

Königliche Verordnung über die Landgüter und/oder Höfe des Reiches

Ein wichtiges Instrument der Königsherrschaft war die Gesetzgebung, von der Karl ausgiebig Gebrauch machte. Mit den sogenannten Kapitularien wurde eine weitgehend einheitliche Gesetzgebung geschaffen, das Gerichtswesen und die Rechtsprechung wurden ebenfalls reformiert. Eine berühmte Quelle für die Wirtschaftsgeschichte, speziell für die Agrarwirtschaft und den Gartenbau, ist die Landgüterverordnung Capitulare de villis vel curtis imperii, die Karl der Große als detaillierte Vorschrift über die Verwaltung der Krongüter erließ. Damit wollte er offenbar eine reibungslose Versorgung des Königshofs sicherstellen. Im März 789 erließ Karl das Kapitular Admonitio generalis. Es war ein „programmatisches Kapitular“, das eine allgemeine Ermahnung beinhaltet und sich gegen Missstände in der Kirche und im Reich richtete. In 82 Kapiteln wurde auf die kirchliche Neuordnung, Belebung des Wissens und Bekämpfung von Häresie und Aberglauben eingegangen und allgemein auf eine bessere Lebensführung der Untertanen hingewirkt. Es wurde für Frieden und Eintracht geworben, unerwünschte Faktoren wie Hass, Neid und Zwietracht wurden verurteilt, wobei sich mehrere direkte Anweisungen an den Klerus und nur relativ wenige an alle Untertanen richteten. Diese Ermahnungen und Anordnungen waren Bestandteil eines umfassenden Reformprogramms, das die Bildungsreform einschloss und das Karl zwar nicht selbst erarbeitet, aber maßgeblich gefördert und vorangetrieben hatte. Das gesamte Leben im Reich sollte sich an dem Programm der Admonitio generalis orientieren, die Durchführung wurde den missi übertragen.

Karl erzielte damit allerdings keinen vollen Erfolg. Das ist nicht nur auf die Unzulänglichkeit seiner Herrschaftsmittel, sondern auch auf Begehrlichkeiten und Übergriffe der Großen zurückzuführen. Karl erkannte durchaus, dass die bestehenden Verhältnisse seinen Vorstellungen von Ordnung und Recht oft faktisch Grenzen setzten, und reagierte darauf, etwa indem er sich 802 um eine Neuordnung der missi bemühte. In seinen Kapitularien betonte Karl unter anderem den Schutz der Freien und prangerte teilweise kirchliche Begehrlichkeiten an. Der Schutz der Armen (pauperes) war Bestandteil des königlichen Aufgabenkatalogs, und Karl bemühte sich um eine zumindest teilweise Verbesserung der Lebensbedingungen für die ärmeren Schichten und auch für Unfreie, denen sich sogar gewisse Aufstiegsmöglichkeiten eröffneten. Die Juden, von denen manche traditionell als Fernhändler aktiv waren, genossen königlichen Schutz.

Veranstaltung vom 09.04.2019

Merowinger

Die Herrschaft Karls des Großen war zum Teil ein Neuanfang, insbesondere hinsichtlich der Wiederaufnahme des weströmischen Kaisertums. Wiederaufnahme bedeutet allerdings, dass der Anfang keine absolute Neuerung darstellte, sondern ein Neubeginn nach einer langen Unterbrechung. Heute gehe ich aber der Frage nach dem Teil der Herrschaft nach, die eine unmittelbare Vorgeschichte besaß. Die Karolinger und Karl der Große werden in eine Tradition gestellt. Die Anknüpfung an die Vorgeschichte bedeutet konkret, dass wir einen Blick auf das Königtum der Merowinger werfen.  Ein zweiter Blick richtet sich auf die Herzöge, die im Rang auf die Könige folgten.

Ein Nachweis für die Existenz der Merowinger ist erst für das 5. Jahrhundert gesichert, und zwar in Gestalt von Childerich I., der sich selbst als König bezeichnete. In Tournai (Belgien, Wallonien, Hennegau) wurde im Jahr 1653 die Grabstätte dieses Childerich I. († 481 oder 482) gefunden. Von Childerich, einem Fürst der Salfranken, stammten alle späteren Merowinger ab. Er errichtete in den 460er und 470er Jahren sein Herrschaftsgebiet im Nordosten Galliens, während die weströmische Verwaltungsordnung dort allmählich zusammenbrach und legte den Grundstein für den Aufstieg des späteren Frankenreichs unter seinem Sohn und Nachfolger Chlodwig I. Childerich wurde mit reichen Beigaben in einem Grab in Tournai bestattet, das 1653 entdeckt worden ist.

Als Salfranken (auch salische Franken, Salier oder Westfranken) wird ein etwa im 4. Jahrhundert auftretender Teilstamm der Franken bezeichnet. Sie sollen ursprünglich vom Niederrhein bis zum Salland an der IJssel gelebt und sich dann in Toxandrien (Nordbrabant, belgisch-niederländische Grenzregion) und später im Raum Tournai (Hennegau) angesiedelt haben.

Das Königsgeschlecht der Merowinger, das im 5. und 6. Jahrhundert alle fränkischen Teilstämme und andere benachbarte Gebiete unterwarf und so das Frankenreich begründete, wird traditionell den Salfranken zugerechnet. Das hochmittelalterliche Herrschergeschlecht der Salier hat einen Zusammenhang mit dem Merowinger Chlodwig I. und dem von ihm erlassenen Volksrecht, der Lex Salica hergestellt und daher seinen Namen. Unter salicus wurde bald fränkisch verstanden. Als Salier werden die Vornehmsten der Franken bezeichnet. Die Lex Salica wird zu den Germanenrechten gezählt, ist zugleich aber stark von römischen Rechtstraditionen beeinflusst.

Die Ausbreitung des fränkischen Machtbereichs erfolgte auf Kosten des untergehenden weströmischen Reiches. Die Franken wurden von den Römern als Foederaten anerkannt. Sie besetzten mit Cambrai und Arras das Land bis zur Somme. Ein Vorfahr Childerichs namens Chlodio, ein Anführer, der tüchtig und unter seinem Volk sehr vornehm gewesen war, hat bereits Tournai erobert, wo später Childerich seinen Herrschaftssitz hatte.

Childerich trug als Grabbeigabe die Uniform eines spätrömischen Offiziers; vom Militärumhang (paludamentum) war die goldene Zwiebelknopffibel erhalten. Er hatte als Föderatenführer zeitweise für Westrom gekämpft. Als Foederaten bezeichneten die Römer grundsätzlich jede Gruppe von Nichtrömern, mit denen ein Vertrag (foedus) geschlossen worden war. In der Forschung wird die Bezeichnung zumeist in Bezug auf die Spätantike (4. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) verwendet und bezeichnet dort „barbarische“ Kontingente, also nichtrömische Krieger, die unter eigenen Anführern für die Römer kämpften und als Gegenleistung Versorgungsgüter sowie oft auch Land im Imperium Romanum zugewiesen bekamen.

Childerichs Sohn Chlodwig I. herrschte von 481/482 bis 511. Er beseitigte wohl 486 den letzten römischen Rivalen Syagrius, den Sohn des Aegidius, und erhob das Frankenreich durch Siege über die benachbarten fränkischen Kleinkönige (Sigibert von Köln, Ragnachar, Chararich), die Alamannen und die Westgoten sowie durch die Annahme des katholischen Christentums zu weltgeschichtlicher Bedeutung. Durch die Annahme des katholischen Christentums wurden im Frankenreich vor allem Spannungen zwischen den Franken und der gallo-romanischen Mehrheitsbevölkerung, die ebenfalls katholisch war, vermieden. Chlodwig und seine Nachfolger beriefen sich nicht nur auf ihre Stellung als rex, sondern bewegten sich daneben lange auch noch im (post-)römischen Kontext. Die Merowinger bewahrten so auch die gallorömische Kultur, bedienten sich der Kenntnisse der alten gallorömisch-senatorischen Aristokratie und lehnten sich an die spätantike Verwaltungspraxis an. 507 griff Chlodwig die Westgoten an, tötete ihren rex Alarich II. im Kampf und eroberte den größten Teil auch des südlichen Gallien. Einen Zugang zum Mittelmeer gewannen die Franken allerdings erst nach seinem Tod.

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Chlodwig I.

Chlodwig I. (auch Chlodowech, nach lateinisch Chlodovechus, romanisiert aus altfränkisch *Hlūdawīg oder *Hlōdowig, zusammengesetzt aus westgermanisch hlūd „laut, berühmt“ und wīg „Kampf“, also etwa „berühmter Krieger“; französisch und englisch Clovis; * 466; † 27. November 511 bei Paris) war ein fränkischer König bzw. rex aus der Dynastie der Merowinger.

Er unterwarf alle anderen fränkischen reges sowie weitere germanische Stämme gewaltsam. Daher wird er als Begründer des Frankenreichs angesehen, zu dessen Hauptstadt er Paris machte. Seinen Übertritt zum Christentum vollzog er wohl nach seinem Sieg über die Alamannen in der Schlacht von Zülpich. Dieser Schritt war eine wichtige Weichenstellung für den weiteren Verlauf der mittelalterlichen Geschichte.

Als Herrscher in einer Umbruchszeit, dem es gelang, von einem fränkische Söldner (foederati) kommandierenden Heerkönig bzw. Warlord zu einem faktisch unabhängigen Herrscher aufzusteigen, knüpfte Chlodwig einerseits an spätantike römische Traditionen an, in die er sich selbst einordnete, andererseits leitete er Entwicklungen ein, die zur Herausbildung der frühmittelalterlichen Verhältnisse beitrugen.

Aufstieg

Gallien kurz vor Chlodwigs Königserhebung; sein Machtbereich umfasste anfangs nur einen Teil der fränkischen Gebiete.

Childerich scheint jedenfalls eine nicht unbedeutende Machtposition in Nordgallien errichtet zu haben, die die Grundlage für seinen Sohn Chlodwig darstellte. Chlodwig folgte seinem Vater wahrscheinlich 481/82 als „Kleinkönig“ des Kriegerverbandes der Salfranken nach. Damals gab es noch andere fränkische regna (Herrschaftsgebiete) in diesem Raum, etwa in Cambrai und bei Köln. Chlodwig kontrollierte zu dieser Zeit ungefähr den Raum der (ehemaligen?) weströmischen Provinz Belgica secunda in den heutigen südlichen Niederlanden und dem nördlichen Belgien (Toxandrien um die Provinzhauptstadt Tournai). Wie sein Vater war er offiziell nur der „Verwalter“ (administrator) der Provinz; als Heerführer bzw. „König“ (rex) hingegen dürfte er zunächst nur gegenüber seinen Soldaten aufgetreten sein. In der neueren Forschung wird Chlodwig ähnlich wie andere zeitgenössische Militärführer immer öfter als ein warlord gesehen, also als ein Heerführer, der angesichts des faktischen Zusammenbruchs Westroms und nach dem Erlöschen der kaiserlichen Autorität in Gallien eine eigene Herrschaft etabliert habe, die sich zunächst noch in den formal weiterhin bestehenden politischen Rahmen des Imperium Romanum einordnete. Als nahezu sicher gilt dabei heute, dass sein Geschlecht, die Merowinger, keineswegs eine alte Herrscherdynastie war; ihre herausragende Stellung erlangte die Familie höchstwahrscheinlich erst um die Mitte des 5. Jahrhunderts.

Chlodwig konnte die von seinem Vater übernommene Machtstellung im nördlichen Gallien erheblich ausbauen. Syagrius, der zunächst ins Westgotenreich geflüchtet war, wurde zu einem nicht genauer datierbaren Zeitpunkt an Chlodwig ausgeliefert und hingerichtet. Zu beachten ist dabei, dass Chlodwig keineswegs nur fränkische Kämpfer befehligte, sondern auch Soldaten anderer Herkunft, darunter auch große Teile der einstigen römischen Grenzarmee Nordgalliens.

Viel Beachtung findet der  Bericht des Geschichtsschreibers Gregor von Tours, der wichtigsten erzählenden Quelle hinsichtlich Chlodwigs Regierungszeit, über die Beuteverteilung nach dem Sieg bei Soissons. Demnach hatten Chlodwigs Männer bei der Plünderung einer Kirche einen großen und kostbaren Krug erbeutet. Der Bischof, dessen Kirche der Krug gehörte, bat Chlodwig um Rückgabe. Der König stimmte grundsätzlich zu, wies aber darauf hin, dass er dies nicht eigenmächtig entscheiden könne, da die Beute öffentlich durch das Los verteilt werden musste. Bei der Heeresversammlung bat er die versammelten Krieger, ihm den Krug zu überlassen, scheiterte aber am Widerstand eines einzigen einfachen Kriegers, der auf Verlosung bestand und den Krug demonstrativ zerschlug. Chlodwig musste dies, so Gregor, hinnehmen. Erst im folgenden Jahr rächte er sich, wiederum auf einer Heeresversammlung, indem er den Mann unter dem Vorwand, er habe seine Ausrüstung vernachlässigt, vor dem versammelten Heer erschlug. Der Vorfall zeigt nach Ansicht der älteren Forschung, dass sich damals noch jeder waffenfähige freie Franke dem König öffentlich mit Erfolg widersetzen konnte, indem er sich auf geltendes Recht berief (Widerstandsrecht).

Wohl 492 heiratete Chlodwig die burgundische Prinzessin Chrodechild. Laut Gregor bemühte sie sich früh darum, ihren Mann zur römischen Reichskirche zu bekehren.

In der Schlacht von Zülpich im Jahre 496 besiegte Chlodwig die Alamannen zum ersten Mal, 506 zum zweiten und entscheidenden Mal. Daneben einte er die Franken und Gallorömer schrittweise unter seiner Herrschaft. Er schaltete Sigibert von Köln, dessen Sohn Chloderich sowie seine Verwandten Chararich und Ragnachar aus und beseitigte sie.

Christianisierung

Taufe Chlodwigs I., Teilansicht eines Elfenbein-Buchdeckels (9. Jahrhundert)

Nach dem Sieg bei der Schlacht von Zülpich (westlich von Köln und Euskirchen) konvertierte Chlodwig zum römischen Christentum. Zu Weihnachten wurde er von Bischof Remigius in Reims getauft. Das Jahr der Taufe ist bis heute umstritten, zwischen 497 und 507.

In den Quellen werden zwei Motive für den Übertritt Chlodwigs zum Christentum genannt. Das eine war der christliche Königsgedanke. Die germanischen Könige durch die vermeintliche Abstammung von den heidnischen Göttern legitimiert. Diese Abstammungslegitimation und damit die Verbindung zu seinen heidnischen Vorfahren musste Chlodwig aufgeben, als er Christ wurde. Stattdessen wurde dem König verheißen, er werde einst im Himmel mit seinen Nachkommen herrschen. Dadurch wurde ein christliches Königtum begründet, das auch die Pflicht des Königs zur Mission einschloss. Das zweite Motiv war dasjenige des stärkeren Gottes (Sieghelfermotiv). Das Bekenntnis zum Christentum sollte dem König den Beistand Gottes in der Schlacht sichern. In diesem Sinne berichtet Gregor von Tours, dass Chlodwig sich für das Christentum entschied, nachdem der christliche Gott ihm in der Schlacht von Zülpich die erbetene Hilfe gewährt hatte, während er von seinen bisherigen Göttern solchen Beistand vergeblich erhoffte. Eine Rolle spielte wohl auch der Einfluss seiner zweiten, der römischen Kirche anhängenden Frau Chrodechild.

Chlodwig verlangte vom Bischof von Rom angeblich einen Preis für seine Bekehrung. Es soll vertraglich festgelegt worden sein, dass die Besetzung aller geistlichen Ämter von einer fränkischen Synode unter dem Vorsitz des Königs bestimmt werden sollte und die Geistlichen dem König steuerpflichtig waren. Dabei handelte es sich um eine Kirchenordnung in der Art des germanischen Eigenkirchenwesens, also eine stark vom Willen des Königs abhängige Kirche mit einer gewissen Eigenständigkeit gegenüber Rom. Auf diese Tradition beriefen sich die französischen Könige im Spätmittelalter, wenn sie eine Sonderstellung für die katholische Kirche Frankreichs im Sinne des Gallikanismus forderten.

Auch innenpolitische Erwägungen sprachen für den Übertritt, da damit Spannungen zwischen der christlich-romanischen Mehrheitsbevölkerung und den bis dahin heidnischen Franken verringert wurden. Große Bedeutung hatte die Taufe Chlodwigs auch für die weitere Geschichte Europas, da das Fränkische Reich, aus dem Jahrhunderte später Frankreich und Deutschland hervorgehen sollten, mit seinem Übertritt christianisiert wurde. Anders als in der römischen Antike, wo die Taufe die Zuwendung eines Einzelnen zum Christentum bedeutete, fanden im germanischen Bereich sowie später im Frühmittelalter Taufen oft im Stammesverband, also kollektiv statt. Nach dem Bericht Gregors von Tours befragte Chlodwig vor seiner Taufe die Großen und das Volk. Als diese zustimmten, ließ er sich mit angeblich 3000 Franken taufen. Allerdings wird sich der Christianisierungsprozess der Franken tatsächlich erst allmählich vollzogen haben. Zahlreiche heidnische Bräuche hielten sich noch längere Zeit; so berichtet etwa der zeitgenössische oströmische Geschichtsschreiber Prokopios  von heidnischen Menschenopfern der Franken bei einem Kriegszug nach Italien 539.

Folgenreich war auch Chlodwigs Entscheidung, das Christentum in der vom römischen Bischof vertretenen „katholischen“ Lehre anzunehmen: Anders als die Könige der allermeisten anderen germanischen Nachfolgereiche auf dem Boden des früheren Weströmischen Reiches, insbesondere der West- und Ostgoten, aber auch der Burgunder und Vandalen, die den christlichen Glauben in der Form des Arianismus angenommen hatten, bekannte sich Chlodwig zur Reichskirche des Römischen Reichs, das heißt zum athanasischen Glauben der römischen Kirche, die den Glauben der Arianer in den Jahren 325 und 381 verworfen hatte.

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* Der Arianismus war eine theologische Position innerhalb des Frühchristentums, die unmittelbar von ihrem namensgebenden Theologen Arius (ca. 260–327 n. Chr.) und seinen direkten Anhängern vertreten wurde. Arius betrachtete die beispielsweise im Bekenntnis von Nicäa (325) behauptete Wesensgleichheit von Gott/Gott-Vater und Sohn als Irrlehre, da sie dem Monotheismus zu widersprechen schien, bei welchem der Sohn und der Heilige Geist nur in untergeordneter, nicht Gott gleichkommender Stellung und Würde denkbar waren.

** Athanasius der Große (auch Athanasius von Alexandria, griechisch Ἀϑανάσιος Athanásios‚ der Unsterbliche‘; * um 300 in Alexandria; † 2. Mai 373 ebenda) war Patriarch von Alexandria und Kirchenvater wie auch vor allem durch seine vieljährige Vehemenz berühmt gewordener Gegner des ‚Arianismus‘ oder vielmehr von allem, was er dafür hielt.

Mit dem Bekenntnis zur Wesenseinheit Christi und des Vaters bezog das Konzil Stellung gegen den Arianismus. In der Folgezeit kam es aber zu Streit um die richtige Auslegung der Begriffe, der erst auf dem folgenden Konzil von Konstantinopel 381 beigelegt werden konnte.

In der Folge wurde das Bekenntnis von Nicäa oft als „der Glaube der 318 heiligen Väter“ bezeichnet. Das bezieht sich auf die 318 Bischöfe, die am ersten Konzil von Nicäa teilgenommen haben sollen; ihre Zahl sollte der Anzahl der Knechte entsprechen, mit denen Abraham in Gen 14,14 EU ausgezogen war.

Auf dem Konzil von Ephesos von 431 wurde das wörtliche Glaubensbekenntnis von Nicäa ausdrücklich bestätigt und erklärt, dass es nicht verändert werden dürfe.

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Dies war von entscheidender Bedeutung, da im Merowingerreich fortan auch keine konfessionelle Barriere zwischen den neugetauften Franken und der gallorömischen Bevölkerungsmehrheit bestand, was mittelfristig eine Vermischung von Franken und Romanen ermöglichte. Und als 519 das erste Schisma zwischen Konstantinopel und Rom beigelegt wurde, befanden sich Chlodwigs Erben zudem in Kommunion mit dem oströmischen Kaiser, was erhebliche außenpolitische Vorteile mit sich brachte. Kirchengeschichtlich war dies, rückblickend betrachtet, der Anfang vom Ende des Arianismus im Westen. Die arianischen Westgotenkönige konvertierten gegen Ende des 6. Jahrhunderts zum römischen Christentum, nachdem die Reiche der arianischen Vandalen und Ostgoten um die Mitte des Jahrhunderts im Kampf gegen den oströmischen Kaiser Justinian untergegangen waren und die Franken das Burgunderreich erobert hatten.

Spätzeit Chlodwigs

Feldzüge der Franken in Aquitanien in den Jahren 507–509

Chlodwigs Sieg über den westgotischen rex Alarich II. von Tolosa (Toulouse) in der Schlacht von Vouillé (507) brachte den größten Teil Galliens unter seine Herrschaft. Sein weiterer Vorstoß ans Mittelmeer wurde jedoch 508 von den Ostgoten unter Theoderich dem Großen vereitelt. Daher blieb die heutige Provence noch bis in die 530er Jahre gotisch, und Septimanien, ein Küstenstreifen in Südwestfrankreich um Narbonne, blieb sogar noch deutlich länger unter gotischer Herrschaft. 509 eroberte Chlodwig dafür das rheinfränkische Reich und vereinigte damit die bislang getrennten größten Einzelgruppen der Franken.

Chlodwigs Eroberungen bis zum Jahr 511 (abgebildet sind auch die salfränkischen Gebiete im Jahr 481 und die Provinz Belgica II)

Chlodwig legte größten Wert auf die Anerkennung seiner Position durch den oströmischen Kaiser, der noch immer als nomineller Oberherr auch des Westens galt. Chlodwig und seine Nachfolger übernahmen jedenfalls bewusst zentrale Elemente der spätrömischen Verwaltung – so gab es im 6. Jahrhundert am Merowingerhof noch immer das römische Amt des magister officiorum – und Herrschaftsrepräsentation, wobei sie sich der alten gallorömischen Eliten bedienten. Sie traten gegenüber der romanisierten Bevölkerung, vor allem gegenüber den Aristokraten im 507 eroberten Südgallien, noch lange als Repräsentanten des Kaisers auf. Erst um 540, dreißig Jahre nach Chlodwigs Tod, hörte man damit auf, das Bild des Kaisers auf die Goldmünzen zu setzen, und noch um 580 schilderte der oströmische Geschichtsschreiber Agathias die Franken sehr positiv: Sie würden sich im Grunde nur durch ihre Sprache und einige Besonderheiten ihrer Tracht von den Römern unterscheiden.

Gallo-römische Eliten

Zahlreiche Vertreter des gallischen Senatsadels bekleideten auch weiterhin vom späten 5. Jahrhundert bis in die folgende Merowingerzeit wichtige Posten in Verwaltung bzw. Kirche, vor allem im mittleren und südlichen Gallien, wo ihre Einflussmöglichkeiten am stärksten ausgeprägt waren. Hierbei stützten sie sich nicht zuletzt auf die eigenen (teils sehr bedeutenden) Besitztümer und Vorrechte sowie auf verwandtschaftliche Netzwerke. Den Mitgliedern der gallischen Elite gelang es so noch längere Zeit, politischen Einfluss auszuüben und kulturelle Impulse zu geben. Dem gallischen Senatorenadel kam im Hinblick auf die Formierung der frühmittelalterlichen Gesellschaft in Gallien eine erhebliche Bedeutung zu: „Die senatorische Oberschicht vermittelte dem merowingischen Gallien die stärksten Kontinuitätsstränge in geistiger Kultur, Verwaltung und Kirche.“

Der gallorömische Bischof und Geschichtsschreiber Gregor von Tours, der selbst aus einer gut vernetzten senatorischen Familie stammte (mit dem Spitzenahn Gregor von Langres), verstand sich weiterhin als Untertan des (ost-)römischen Kaisers und benutzte noch um 590 in seinen Werken das Wort senator als hohen Ehrentitel für einen speziellen Personenkreis vornehmer Gallorömer, deren Mitgliedern er einen hervorgehobenen sozialen Rang einräumte. Es handelte sich hierbei um Nachfahren von Amtspersonen des alten Imperiums, was in der frühen Merowingerzeit durchaus noch Gewicht hatte. Stroheker zufolge war die Bezeichnung senator bei Gregor von Tours denn auch nicht durch Ansehen, Macht oder Reichtum definiert, sondern durch die Abstammung von einem dieser älteren senatorischen Geschlechter.

Tod und Nachfolge

Die Aufteilung des Frankenreichs nach Chlodwigs Tod

Chlodwig starb 511 und wurde im sacrarium der Apostelkirche in Paris, der späteren Kirche Sainte-Geneviève, begraben. Nach seinem Tod teilten seine vier Söhne, wie er es verfügt hatte, die Herrschaft untereinander auf, ohne damit allerdings formal unabhängige Reiche zu gründen. Es waren Theuderich, der Sohn seiner ersten Ehefrau, einer vornehmen Fränkin, sowie Chlodomer, Childebert und Chlothar, die drei Söhne Chrodechilds. Sie gründeten vier eigene Königshöfe in Metz/Reims, Orléans, Paris und Soissons.

Rezeption

Französische Geschichtsschreiber betonten, dass er für den christlichen Glauben gekämpft habe; daher habe er seine Siege mit Gottes Hilfe errungen. Im 14. und 15. Jahrhundert zeichnete die französische Geschichtsschreibung von ihm das Bild eines idealen Königs und vorbildlichen Christen. Man beschrieb ihn als ehrlich, gütig und keusch und verglich ihn mit Karl dem Großen, der ein zweiter Chlodwig gewesen sei. Weit verbreitet war die Legende, der zufolge er als erster europäischer König die Herrschersalbung empfing; die Ampulle mit dem heiligen Salböl sei vom Himmel herabgesandt worden. Angeblich trug sein Schild bereits die Lilien des späteren (kapetingischen) Königswappens. Einen Gipfel der Clodwig-Verehrung erklommen die französischen Könige seit dem 14. Jahrhundert, als sie sich selbst unter historisch-genealogischem Bezug auf Clodwig und dessen Konversion zum Katholizismus den Ehrentitel „Allerchristlichster König“ gaben.

Seit dem Mittelalter wird Chlodwig in Frankreich in weiten Kreisen als früher französischer König, ja als Begründer der französischen Nation betrachtet. Man bezeichnet ihn traditionell als den ersten französischen König der première race (‚erstes Geschlecht‘), also der Merowinger. Als zweites französisches Königsgeschlecht gelten die Karolinger, als drittes die Kapetinger. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass Frankreich und Deutschland erst viel später durch die Trennung in West- und Ostfränkisches Reich entstanden sind, dass Chlodwigs Mutter thüringischer Abstammung war, ein Onkel in Köln residierte und er selbst mit Westfränkisch einen germanischen Dialekt sprach und daneben vermutlich Latein.

In Deutschland gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine analoge Tendenz, aus Chlodwig einen deutschen Herrscher auf gallischem Boden zu machen, was im Rahmen einer schon im 19. Jahrhundert verbreiteten Gleichsetzung von ‚germanisch‘ mit ‚deutsch‘ geschah. So veröffentlichte 1933 der prominente Mediävist Bruno Krusch eine Arbeit mit dem Titel Die erste deutsche Kaiserkrönung in Tours Weihnachten 508, womit er auf die Ernennung Chlodwigs zum römischen Ehrenkonsul bzw. patricius Bezug nahm, die als Verleihung eines quasi-kaiserlichen Rangs zu deuten sei, da Gregor von Tours (nach Ansicht der meisten heutigen Forscher allerdings irrtümlich) behauptet, der Franke habe sich seither Augustus nennen lassen.

Eine Gedenktafel für Chlodwig fand Aufnahme in die Walhalla bei Regensburg.

Der Komponist Antonio Caldara widmete Chlodwigs Bekehrung zum Christentum die Oper La Conversione di Clodoveo, Rè di Francia.

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Chlodwig verteilte die Herrschaft im formal ungeteilten Reich auf seine vier Söhne, doch starben drei Linien aus, so dass Chlothar I. von 558 bis 561 das inzwischen um Thüringen und Burgund erweiterte Reich wieder vereinigen konnte. Damals hörten die Merowinger auf, die nominelle Oberhoheit des (ost-)römischen Kaisers weiter anzuerkennen. Schrittweise wurde aus dem Machtbereich fränkischer foederati so ein zunehmend homogenes regnum. Dabei spielte – durchaus in spätantiker Tradition – das dynastische Prinzip eine zentrale Rolle für die Herrscherlegitimation; nur Merowinger hatten ein Recht auf den Thron.

Unter Chlothars Nachfolgern wurde das Fränkische Reich wieder geteilt und durch Bruderkriege zerrissen, von Chlothar II. jedoch 613 wieder vereinigt. Chlothar II. und Dagobert I. waren offenbar die letzten wahrhaft mächtigen Herrscher aus dem Geschlecht der Merowinger, doch fing bereits unter ihnen der Einfluss der Hausmeier (der maiores domus) an zu wachsen. In dieser Situation erhob sich das mit den Arnulfingern verbündete Geschlecht der Pippiniden schrittweise zu solcher Macht, dass Grimoald, der Sohn von Pippin dem Älteren, 656 den Versuch unternahm, statt des Merowingers Dagobert II. seinen eigenen Sohn zum König von Austrasien (Hauptstadt Metz) zu erheben. Weil die anderen mächtigen Familien dies aber (noch) nicht duldeten, behielten die Merowinger ihre Königswürde noch ein weiteres Jahrhundert. Obwohl im Lauf der Zeit zahlreiche Merowinger ermordet wurden, oft von nahen Verwandten, wurde die Dynastie als solche weiterhin für unantastbar gehalten. Daher mussten die Karolinger, als sie schließlich selbst den Thron bestiegen, eine neue Form der Herrschaftslegitimation suchen.

Seit der Schlacht bei Tertry im Jahre 687 herrschten offenbar faktisch die aus den Arnulfingern und Pippiniden hervorgegangenen Karolinger, auch wenn es Hinweise gibt, dass König Childebert III., den der Liber Historiae Francorum als rex iustus und vir inclytus bezeichnet, um 700 noch einmal versucht haben könnte, aktiv in die Regierungsgeschäfte einzugreifen. Karl Martell konnte schließlich die karolingischen Hausmeier-Ämter in seiner Hand vereinigen. Einer seiner Söhne, Pippin der Jüngere, erhob 743 noch einmal einen Merowinger, Childerich III., zum König, ließ ihn aber 751/2 absetzen und in das Kloster Sithiu (spätere Abtei Saint-Bertin) einweisen.

Veranstaltung vom 10.04.19

Stammesherzogtümer

Im Frühmittelalter bildeten die Merowinger das fränkische Reich und vergrößerten es durch Eroberungen gallischer und germanischer Gebiete. Diese Eroberungen wurden dem fränkischen Stammesgebiet teils direkt einverleibt, teils unter der Führung von Herzögen dem fränkischen Königreich in mehr oder weniger loser Abhängigkeit angegliedert. Welche Form der Herrschaftsausübung gewählt wurde und wie unabhängig die Herzöge agieren konnten, hing von der Stärke des unterworfenen Volkes, von seiner Entfernung vom Zentrum fränkischer Königsmacht und von der Stärke und Einheit der merowingischen Zentralgewalt ab. Immer dann, wenn die fränkischen Könige den Eindruck hatten, ihre Macht reiche nicht aus, um ein Gebiet direkt beherrschen zu können, griffen sie auf die Einsetzung von ihnen verpflichteten Herzögen zurück. Diese wiesen bessere Herrschaftsmöglichkeiten auf, da sie näher am Ort der Herrschaft tätig waren. Spätestens als in den Zeiten der Schwächung der Zentralgewalt durch die merowingischen Erbteilungen und Bruderkriege die Teilreiche Neustrien, Austrasien, Aquitanien und Burgund entstanden, gewannen die im mitteleuropäischen Siedlungsraum entstandenen Stammesherzogtümer der Alemannen, Bajuwaren und Ostfranken-Thüringer ein immer höheres Maß an Unabhängigkeit (siehe dazu Völker in Mitteleuropa). Anfangs wurden wohl eher enge fränkische Gefolgsleute der Merowinger zu Herzögen ernannt, um sowohl die neu unterworfene Bevölkerung direkter beherrschen zu können als auch die Loyalität der Herzöge zu sichern. Oft vermählten sich diese dann aber zur besseren Legitimierung ihrer Herrschaft mit Töchtern einheimischer Adliger, deren Heiratsgut ihre Verwurzelung im Stammesgebiet vergrößerte. Andererseits konnte die Herkunft des vom König eingesetzten Herzogs wirklich aus dem Stamm sein, wenn der König den Eindruck hatte, dies diene der Festigung seiner Herrschaft. Spätestens nach einigen Generationen wurden die Stammesherzöge als Angehörige ihrer Stämme angesehen, selbst wenn ihre Väter ursprünglich fränkischer Herkunft gewesen sein mochten.

Dabei erreichten diese Herzöge anfangs noch nicht unbedingt eine Beherrschung des gesamten von einem Stamm bewohnten Gebietes. So ist es eher unwahrscheinlich, dass die Herzöge der Alemannen zur Merowingerzeit das gesamte Siedlungsgebiet dieses Stammes beherrschten. In den Quellen wird beispielsweise ein alemannischer Herzog gleichzeitig mit einem Herzog des Elsass genannt. Ebenso unklar ist der Herrschaftsbereich des ostfränkisch-thüringischen Herzogs, und ob einer den Gesamtbereich beherrscht oder ob es mehrere Herzöge für Teilgebiete gegeben hat.

Eine ähnliche Entwicklung ist für die Randgebiete im gallischen Raum, in denen der königliche Einfluss geringer war, festzustellen, in denen sich ebenfalls Herzogtümer wie Aquitanien, Bretagne und Burgund bilden.

Eine andere Erklärung für die Bildung der Herzogtümer ist, dass einflussreiche Adlige im jeweiligen Stammesgebiet versuchten, zu Vertretern der Frankenkönige aufzusteigen. Inwiefern dies gelang, war davon abhängig, ob sich der Adel der Stammesgebiete den Herzögen anschloss.

Unter den Karolingern wurden diese Stammesherzogtümer aufgelöst, sie entstanden aber in den Zeiten der Auflösung der karolingischen Macht ab Ende des 9. Jahrhunderts wieder neu.

Pfalzgrafen

Im Rahmen der Entwicklung des deutschen Königreichs aus dem ostfränkischen auf der Grundlage der Stammesherzogtümer des Ostfrankenreichs erhielten die Pfalzgrafen weitgehende königliche Sonderrechte, um den Zusammenhalt des Königtums politisch zu sichern und die mächtigen Herzöge in Schach zu halten. Dabei entwickelten sich seit Ende des 10. Jahrhunderts in den Stammesherzogtümern Sachsen, Bayern, Schwaben und Lothringen Stammes-Pfalzgrafen als Vertreter und Wahrer der königlichen Rechte. Die Pfalzgrafenwürde war nun nicht mehr mit der ursprünglichen Aufgabe der Betreuung einer Königspfalz verbunden, sondern beinhaltete eine Art Kontrollfunktion und Vertretung des Königs innerhalb der Stammesherzogtümer und damit auch die zweite Position nach dem Herzog innerhalb des Herzogtums. Damit verbunden war eine Rangerhöhung gegenüber anderen Grafen des Herzogtums und das Recht, das Richteramt an Königs Statt auszuüben. Damit einher gingen Jagd-, Zoll- und Münzrecht. Der mächtigste unter den Pfalzgrafen, der Pfalzgraf bei Rhein, war Stellvertreter des Königs im Hofgericht, Reichsvikar bei Thronvakanzen, und sogar Richter über den König.

Später wurde die Bezeichnung „Pfalzgraf“ zu einem erblichen Titel in verschiedenen deutschen Fürstenhäusern. Zum Reichsfürstenstand zählten im Heiligen Römischen Reich ab dem Spätmittelalter Herzöge, Land-, Mark- und Pfalzgrafen, hinzu kamen die kirchlichen Fürsten: Erzbischöfe, Bischöfe und die Äbte und Äbtissinnen von Reichsabteien.

Abgrenzung zu ähnlichen Ämtern und Würden

Eine strikte Ämtertrennung z. B. zwischen Pfalzgrafen einerseits und anderen Fürstenämtern gab es nicht. Mächtige Pfalzgrafen waren oft in Personalunion auch Land- oder Markgrafen, Herzöge oder auch kirchliche Fürsten. Damit wuchs dem Herrschaftsbegriff „Pfalz“ im Heiligen Römischen Reich eine neue Bedeutung zu: Pfalz bezeichnete danach nicht nur befestigte Königshöfe, sondern auch von Pfalzgrafen bzw. Kurfürsten beherrschte Territorien.

In der letzten Zeit der Karolingerherrschaft (s. oben) bildeten sich im Ostfränkischen Reich die alten Stammesherzogtümer neu. Anfangs gelang es zuerst einheimischen Adligen in umkämpften Grenzgebieten, wieder den Herzogstitel zu tragen, ohne dass hiermit schon eine fest regulierte Herrschaft über ein genau umgrenztes Gebiet gemeint war. In Bayern regierten die Karolinger ab 788 als Könige oder Unterkönige und setzten zur Herrschaftsausübung bisweilen Statthalter (Präfekten) ein. So titulierte in Sachsen zuerst Ekbert, ab den 860er Jahren Liudolf als Herzog, ohne dass hiermit eine Herrschaft über das gesamte Stammesgebiet der Sachsen ausgedrückt worden wäre. In der Endzeit der Karolinger gelang es diesem bzw. seinen Nachkommen, den Liudolfingern (später meist „Ottonen“ genannt), als Herzog für das gesamte Stammesgebiet der Sachsen anerkannt zu werden. Ähnlich früh gewannen die Luitpoldinger in Bayern die herzogliche Macht. 907 gelang es den Konradinern in Franken gegen den Widerstand der älteren Babenberger die herzogliche Gewalt zu erlangen. In Schwaben (bis Mitte des 11. Jahrhunderts noch „Alamannien“) war die Situation noch nicht entschieden. Im Jahr 911 war die Macht der Stammesherzöge schon so groß, dass sie einen eigenen König für das Ostfrankenreich unter Verletzung des Geblütsrechts des westfränkischen Karolingers wählten. Die 919 durch Wahl ins Königamt gelangte sächsische Herzogsdynastie der Liudolfinger musste diese Herzöge anerkennen. Immerhin gelang es ihr in harten Kämpfen, die Bestätigung der Herzogswürde als vom König verliehenes Amt durchzusetzen. Der Vorteil für die Stammesherzöge war die doppelte Absicherung, durch die adlige Gefolgschaft von „unten“ und durch das vom König verliehene Amt von „oben“. Inwiefern sie sich aber in den Territorien insbesondere den Grafen gegenüber durchsetzen konnten, war immer davon abhängig, wie sehr sie selbst mit eigenen Grafschaften und anderen Besitztümern im jeweiligen Herzogtum präsent waren. Diese Herzogtümer waren nicht als fest umgrenzte Gebiete aufzufassen, in denen die Herzöge genau umschriebene Rechte über den einheimischen Adel und die übrige Bevölkerung ausübten. Die Intensität der Herrschaft war stattdessen abhängig von den Besitztümern, Lehen und Rechten, die der jeweilige Herzog in seinem Herzogtum besaß, aber auch von seinem Ansehen, dem Ansehen des jeweiligen Königs und der Macht seiner gräflichen Vasallen. Bis ins 11. Jahrhundert wurden die Stammesherzogtümer mehr oder weniger abhängig von der königlichen Zentralgewalt geführt, indem oft stammesfremde Herren als Herzöge eingesetzt worden waren, und dienten den konkurrierenden Fürsten als Machtbasis im Kampf um das Königtum. Danach bildeten sich in einem Prozess der Herrschaftsintensivierung aus den alten Stammesherzogtümern meist erbliche Territorialherzogtümer auf Grundlage der jeweiligen Besitztümer der Herzogsdynastien unter Verzicht auf die Besitztümer, welche die Herzöge nicht mehr unter ihre Gewalt bringen konnten.

Territorialherzogtümer

Im 12. Jahrhundert begann unter Friedrich Barbarossa die Errichtung neuer, teils räumlich zerrissener Territorialherzogtümer. Dieser Prozess fand sowohl mit seiner Unterstützung, aber auch teilweise unabhängig von ihm statt. Dabei wurde auf Einfluss- und Hoheitsgebiete alter Stammesherzogtümer zurückgegriffen und der Erosionsprozess der Stammesbezogenheit beschleunigt. So entstanden im 12. Jahrhundert die Territorial- oder Titularherzogtümer Ravensburg, Rothenburg, Teck, Steiermark, Meranien, Franken/Würzburg, Limburg, Brabant. Dieser Prozess führte im 13. Jahrhundert unter Kaiser Friedrich II. zur völligen Territorialisierung des Heiligen Römischen Reichs. An die Stelle der Stammesherzogtümer waren mehr oder weniger bedeutende Territorialherzogtümer und Titularherzogtümer getreten, die in der Folge noch teilbar waren.

Investitur und Eigenkirchenwesen

Die Investiturpraxis entspringt dem germanischen Raum, wo es gängige Praxis war, nach dem Erwerb eines Grundstückes eine Einweisung des vorherigen Besitzers zu erhalten. Überreichte Symbole für jene Praxis waren beispielsweise Halm oder Zweig. Bei der Einweisung im Eigenkirchenwesen bzw. in Niederkirchen wurden ebenfalls Symbole überreicht, wie Altartuch, Kirchenbuch oder Glockenseil. Im Gegenzug wurde dem Grundbesitzer der Kirche aufgetragen, für eine regelmäßige Besetzung des Amtes und Einhaltung der Messen Sorge zu tragen.

Investituranspruch auf Hochkirchen

Mit der Herrschaft über einen Grundbesitzer erhob der König auch den Anspruch auf dessen Investiturrecht. Das Eigenkirchenwesen galt mithin als Rechtfertigung. Einfluss auf Bischofswahlen beanspruchten Könige jedoch schon, bevor es den Investiturbegriff oder das Eigenkirchenwesen gab. Neben der Berufung auf das Eigenkirchenrecht war die sakrale Würde des Königs ein Status, auf den er sich zusätzlich berufen konnte.

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Europäische Mittelalter

Krönungsbild Heinrichs II. aus dem Regensburger Sakramentar: Darstellung des Kaisers als Vermittler zwischen Himmel und Erde (der Kaiser hineinragend in die Mandorla, in der Christus thront und dem Kaiser die Krone aufsetzt)

Das Sakralkönigtum war im europäischen Mittelalter an drei zentrale Aspekte gekoppelt. Den ersten Aspekt bildet das sogenannte Gottesgnadentum d. h. die Vorstellung, dass das „Königtum von Gott geschaffen und sein Träger von Gott erwählt“ worden sei. Der zweite Aspekt wurzelt in der Vorstellung, dass der Herrscher Gottes irdischer Stellvertreter sei. Der dritte Aspekt besagt, dass der König eine „priesterähnliche Verantwortung gegenüber der ihm anvertrauten Gesellschaft“ besitze.

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Schon die Merowinger investierten Bischöfe, doch erst die Karolinger überreichten hierbei den (Krumm-)Stab, ein Hinweis auf das Hirtenamt und eine Imitation der Bischofsweihe. Seit Otto I. wurde diese Übergabe zur Regel. Gesteigert wurde dies durch die zusätzliche Überreichung des Bischofsrings als Lehrsymbol, ebenfalls eine ursprünglich geistliche Befugnis, durch Heinrich III.

Der Bischofsring (lat.: anulus pontificalis) zählt zu den Insignien und Pontifikalien der Bischöfe und der Äbte in der römisch-katholischen Kirche, wird aber auch von lutherischen Bischöfen getragen. Er ist in der Regel golden und mit Edelsteinen besetzt, kann aber auch anders gestaltet sein. Er wird mit den Worten „Nimm den Ring, das Siegel der Treue, damit du Gottes heilige Braut, die Kirche, geschmückt durch unwandelbare Treue, unverletzt behütest“ bei der Bischofsweihe oder der Abtsbenediktion angesteckt. Der Papst trägt den sogenannten Fischerring.

Der Bischofsring ist das Zeichen der Bindung des Bischofs an seine Diözese oder des Abtes an seine Gemeinschaft, so wie der Ehering als Symbol die dauernde Bindung der Ehepartner symbolisiert. Der Ring erscheint mit dem Stab erstmals bei Isidor von Sevilla in seinem Werk De ecclesiasticis officiis (II,5) und beim Konzil von Toledo im Jahre 633 (can. 28).[1] Seit dem Jahr 1000 wird der Ring von Bischöfen und Äbten getragen.

Kritik im Rahmen der Kirchenreformen

Die Kritik an der Investitur als solche entstand vergleichsweise spät in der Zeitspanne des Investiturstreits während der Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts. Im Fokus standen bis 1078 hauptsächlich Simonie und Nikolaitismus. Kritisiert wurden folglich die Nebeneffekte der Einflussnahme weltlicher Mächte auf kirchliche Ämter (Laieninvestitur), nicht aber die Praxis selbst. Dies zeigt sich an Formulierungen synodaler Beschlüsse und der Datierung des ersten tatsächlich rechtsfähigen Investiturverbots für Laien im Jahr 1078, also nach dem Gang nach Canossa. Im Rahmen der Absichten der Kirchenreform steht an vorderer Stelle die Ausweitung und Sicherung der Vormacht Roms in der christlichen Welt. Die Ausrottung simonistischer Praktiken musste daher der erste Schritt sein, da ein solcher feudale Bindungen lösen und neu mit Rom verbinden konnte. Die Praxis, Bischöfe zu entheben und neu – diesmal in der Gnade Roms – einzusetzen wurde häufiger.

Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts

Die Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts sind das Ergebnis eines Anfang des 11. Jahrhunderts beginnenden Prozesses, bei dem innerhalb der Kirche verstärkt über die Stellung des Klerus und den Einfluss der Laien diskutiert sowie bald auch um die Position des Papsttums innerhalb der kirchlichen und weltlichen Hierarchie gestritten wurde. Grundsätzlich ging es den Reformern darum, die Kirche zu dem von ihnen angenommenen Idealzustand der Urkirche zurückzuführen, damit sie in der Lage sei, die christliche Welt gottgefällig zu führen. Die Auseinandersetzungen fokussierten sich besonders im Rahmen des so genannten Investiturstreits auf das Verhältnis zwischen weltlicher und kirchlicher Macht. Da Papst Gregor VII. († 1085) zum herausragenden Vertreter dieser Reformbewegung wurde, werden diese Reformbemühungen oft auch als Gregorianische Reformen bezeichnet. Manche Historiker halten Reform des 11. Jahrhunderts für eine bessere Bezeichnung, da die historischen Zeugnisse eine namensgebende Rolle von Papst Gregor VII. ihrer Ansicht nach nicht stützen.

Inhalte der Kirchenreform

Zölibat vs. Konkubinat und Priesterehe

Die Ehe und das Konkubinat für Priester wurden bereits im Frühmittelalter abgelehnt. So forderte schon Leo der Große, die Ehelosigkeit nicht nur für Priester, sondern auch für Subdiakone vorzuschreiben. Grundlage dieser Forderung waren die Lebensweise Jesu, Schriftstellen in der Bibel (z. B. Mt 19,12; Mt 22,30; 1 Kor 7,32–34) und die daraus entstandenen kanonischen Rechtsbestimmungen.

Allerdings konnten sich diese Vorstellungen insbesondere beim Landklerus nicht durchsetzen. Dies hing nicht zuletzt mit der mangelnden Ausbildung des niederen Klerus zusammen. Seit dem Beginn des 11. Jahrhunderts wurden zunehmend Versuche unternommen, diesen Missstand, für den damals die Bezeichnung nikolaitische Ketzerei gebräuchlich wurde, zu beheben. Auf dem Konzil von Pavia 1022 wird das Zölibatsgebot noch einmal betont und festgelegt, dass die Kinder der Kleriker als Kirchenhörige unfrei waren. 1031 wurde auf der Synode von Bourges verboten, einen Kleriker oder dessen Kinder zu heiraten.

Einen weiteren Vorschub erhielt die Forderung des zölibatären Lebenswandels in der Auseinandersetzung mit der byzantinischen Kirche. Der orthodoxe Mönch Niketas Stethatos verteidigte in einer Streitschrift die nichtzölibatäre Lebensform. 1054 reagierte die westliche Kirche mit einem Traktat, das den Zölibat als essentiellen Bestandteil der katholischen Doktrin bezeichnete. 1059 wurde von der Lateransynode das Verbot ausgesprochen, bei einem Priester, der offensichtlich in einer eheähnlichen Verbindung lebte, die Heilige Messe zu hören. Papst Leo IX. verbot darüber hinaus den Gläubigen die Gemeinschaft mit nikolaitischen Priestern und erklärte alle Konkubinen der Priester als Unfreie im Besitz des Laterans. Gregor VII. ordnete an, dass “das Volk ihre Amtshandlungen [d. h. der Kleriker, die die Dekrete gegen die Klerikerehe nicht einhielten] auf keine Weise akzeptieren soll.[2] Die Synode von Melfi entzog 1089 unter Urban II. den verheirateten Subdiakonen das Amt und sprach „bei Unverbesserlichkeit […] ihre Frau dem Landesherrn als Sklavin“ zu.[3]

Waren bis dahin die Grundlagen für die Bekämpfung des nichtzölibatären Lebens von Priestern gelegt, so begannen erst Papst Alexander II. und seine Nachfolger, vor allem Gregor VII., mit der energischen Durchführung der Bestimmungen, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.

Simonie

Ebenso wie der Zölibat sollte das Verbot der Simonie die Qualität der Sakramente für die Gläubigen sicherstellen. Schon Gregor I. verurteilte Simonie als Häresie. Er erklärte darüber hinaus, dass Simonie bereits dann vorliege, wenn es durch Gefälligkeiten oder Schmeichelei zur Übertragung des geistlichen Amtes gekommen sei. Um 1012 befasste sich die Koblenzer Bischofsversammlung mit der Bedeutung der Lebensführung des Klerikers für die Qualität der von ihm vollzogenen Heiligen Messe. 1014 befasste sich die Doppelsynode unter Papst Benedikt VIII. erstmals mit der Regelung der Bischofsweihe. Allerdings galt die Simonie zunächst nur als Problem der Niederkirchen. Die Verleihung eines Bischofsamtes durch den König betrachtete man nicht als Ämterkauf. Das führte etwa dazu, dass Konrad II. auf der Synode in Tribur 1036 simonistische Praktiken verbot, auf der anderen Seite aber bedenkenlos die Besetzung von Bistümern und Abteien von Gegenleistungen abhängig machte und von den Hochkirchen das „Servitium regis“ einforderte.

Die zunehmende Beschäftigung mit dem Problem der Simonie führte schließlich zur Frage, wie die Weihen, die von einem simonistischen Priester gespendet wurden zu bewerten seien. Die radikaleren Kräfte der Reformer gingen davon aus, dass solche Sakramente nichtig seien. Der gemäßigte Flügel sah die Wirksamkeit der Sakramente nicht tangiert, weil nicht der jeweilige Priester, sondern der Heilige Geist selbst das Sakrament im eigentlichen Sinn spende. Schließlich legte eine von Papst Klemens II. und Heinrich III. einberufene Generalsynode 1047 fest, dass Kleriker, die von einem Simonisten geweiht worden waren, nach einer vierzigtägigen Buße weiterhin im Amt bleiben konnten. Allerdings konnte sich diese Ansicht nicht durchsetzen. Erst das „Decretum contra Simoniacos“ von 1059 brachte eine endgültige Lösung, die allerdings weitgehend mit den Bestimmungen von 1047 übereinstimmte.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die simonistische Weihen Thema einer Vielzahl von Abhandlungen. In diese Reihe fallen der „Liber Gratissimus“ von Petrus Damiani und die „Libri tres adversus Simoniacos“ von Humbert von Silva Candida. Petrus Damiani war ein Vertreter der gemäßigten Partei. Er ging in seinen Schriften davon aus, dass das Amt eines Klerikers für die Qualität der Sakramente ausschlaggebend sei, nicht dessen Lebenswandel. Seine Thesen stützte er unter anderem auf die Schriften Augustinus, der in der Auseinandersetzung mit der donatistischen Kirche eben jene Ansicht über den Wert der Sakramente vertreten hatte.

Humbert von Silva Candida vertrat dagegen die Ansicht, der Heilige Geist wende seine Gnade nur Katholiken in vollem Umfang zu. Da Simonisten als Häretiker galten und nach seiner Meinung Häretiker keine Katholiken seien, wären sie also nicht in der Lage, gültige Sakramente zu spenden. Humbert ging noch einen Schritt weiter, ihm erscheinen Simonisten schlimmer als Häretiker und er verglich sie mit dem apokalyptischen Tier.

Wie bei der allgemeinen Einführung des Zölibats begann die Bekämpfung der Simonie im größeren Umfang erst während des Pontifikats Alexanders II.

Veranstaltung vom 16. April 2019

Rechtsgrundlage des Lehens

Die Begründung eines Lehens geschah in der Regel durch eine Investitur (constitutio feudi, infeudatio). In fränkischer Zeit geschah das durch den sogenannten Handgang, im Mittelpunkt: Der Lehnsmann legte seine gefalteten Hände in die Hände des Lehnsherrn, die dieser umschloss. Damit begab er sich symbolisch in den Schutz seines neuen Herrn. Seit Ende des 9. Jahrhunderts wird dieser Akt durch einen Lehnseid ergänzt, der meist auf eine Reliquie geleistet wurde. Der Eid sollte nicht nur die Bindung der Partner herstellen, sondern betonen, dass der Lehnsmann seinen Status als Freier nicht verlor, denn nur Freie konnten sich durch Eid binden.

Im 11. Jahrhundert gehörten zur Investitur die Huldigung (auch Lehnnahme oder homagium, heute Hommage) aus dem Handgang und einer Willenserklärung des Lehnsmanns. Eine Willenserklärung des Herrn konnte ebenfalls erfolgen, unterblieb aber oft. Anschließend folgte der Lehnseid und manchmal ein Kuss. Weil im Mittelalter zu einem Rechtsakt auch ein sichtbares Zeichen gehörte, wurde symbolisch ein Gegenstand übergeben, dies konnte ein Stab oder eine Fahne sein (sog. „Fahnenlehn“, bei weltlichen Fürsten), die geistlichen Reichsfürsten wurden vom König durch die Übergabe eines Zepters belehnt (“Zepterlehen”). Mit zunehmender Schriftlichkeit wurde über die Beleihung auch eine Urkunde ausgestellt, die mit der Zeit immer detaillierter die Güter auflistete, die der Lehnsmann erhielt.

Bedeutung

Der Lehnsmann war verpflichtet, seinem Lehnsherrn in einem offiziellen Akt Gefolgschaft und Treue zuzusichern. Der Lehnsherr sicherte dem Vasallen im Gegenzug ebenfalls Treue und darüber hinaus Schutz sowie die Wahrung seiner Rechte zu. Die Huldigung wird zu den promissorischen Eiden (Versprechens-Eide) gezählt.

Zur Huldigung kam es in erster Linie bei der Neuvergabe von Lehen oder wenn, meist durch Erbfall, entweder ein neuer Lehnsherr oder Lehnsnehmer als Nachfolger in seine Rechte eingesetzt wurde. In diesem Fall wurde auch das Lehnsversprechen erneuert. Gemäß regionaler Rechtstraditionen konnten auch häufigere Huldigungen vorgeschrieben sein, etwa einmal jährlich. Zudem dienten auch politische Ereignisse als Anlass für erneute Huldigungen, beispielsweise große Reichsversammlungen, das Ende eines Aufstands gegen den Herrscher, die offizielle Einsetzung eines Nachfolgers in seine Erbansprüche, die Abreise oder die Rückkehr von einem Kreuzzug. Auch die Grundherren konnten von ihren Untertanen die Huldigung einfordern.

Otto II. (HRR)

Bild: Die Elfenbeintafel betont die Gleichrangigkeit zwischen Otto und Theophanu. Sie tragen griechische Gewänder und empfangen ihre Kronen aus den Händen Christi. Erstmals im Abendland werden hier Kaiser und Kaiserin gleich groß dargestellt. Allerdings steht Theophanu auf der weniger vornehmen linken Seite des Heilands.

Otto II. (auch Otto der Rote genannt; * 955; † 7. Dezember 983 in Rom) aus dem sächsischen Adelsgeschlecht der Liudolfinger (919-1024) war römisch-deutscher Kaiser von 973 bis 983.

Bereits in jungen Jahren wurde Otto durch seinen Vater Otto den Großen 961 zum Mitkönig und 967 zum Mitkaiser erhoben, um ihm die Nachfolge zu sichern. Als einziger Herrscher in nachkarolingischer Zeit wurde Otto II. bereits zu Lebzeiten des Vaters zum Kaiser erhoben. Als nach 37-jähriger Herrschaft sein Vater verstarb, trat der erst 18-jährige Otto die Alleinherrschaft an. Der plötzliche Tod des Kaisers 10 Jahre später, mit 28 Jahren, in Italien und die daraus resultierende Krise des Reiches prägten in der Nachwelt das Bild eines glücklosen Herrschers. Als einziger deutscher Herrscher wurde er in Rom beigesetzt.

Leben bis zum Herrschaftsantritt

Heiratsurkunde Ottos und Theophanus: Mit dieser Urkunde hat Otto seiner Gemahlin umfangreiche Ländereien im Reich und in Italien als Morgengabe zugewiesen. Die Urkunde ist in einer Prunkausfertigung überliefert, bei der der Text in Goldschrift auf einem mit Tierornamenten gemusterten, purpurfarbenen Grund steht.

Otto II. wurde nach Aachen geleitet, wo ihm die Lothringer huldigten, und von den rheinischen Erzbischöfen Brun von Köln, Wilhelm von Mainz und Heinrich von Trier zum König gesalbt.

Brun, häufig auch als Bruno oder Brun(o) von Sachsen bezeichnet, (* 925; † 11. Oktober 965 in Reims) war von 940 bis 953 Kanzler des ostfränkisch-deutschen Reiches und anschließend Erzbischof von Köln. Brun war der dritte und jüngste Sohn des ostfränkischen Königs Heinrich I., des Herzogs von Sachsen, und dessen zweiter Frau Mathilda. Er hatte fünf Geschwister: den späteren König und römisch-deutschen Kaiser Otto I. den Großen, Heinrich I. (ca. 920–955), Herzog von Bayern, Gerberga, Hadwig sowie den ältesten Halbbruder Thankmar.

Bereits mit fünf Jahren wurde er für den geistlichen Stand ausgewählt und dem Bischof Balderich von Utrecht übergeben. Er besuchte die Domschule in Utrecht, bis er 939 von seinem Bruder Otto I. an den Königshof berufen wurde. Hier konnte er seine Ausbildung unter den Bischöfen Israel und Rather von Verona abschließen. Brun galt als einer der gebildetsten Männer des Reiches seiner Zeit. 940 wurde er mit nur 15 Jahren Reichskanzler am Hof seines Bruders und reorganisierte die Hofkanzlei. 951 wurde er als Erzkaplan auch der höchste Hofgeistliche. Von etwa 948 bis 951 war er Abt der Reichsabtei Lorsch.

953 wurde er auf Betreiben Ottos zum Erzbischof von Köln gewählt. Anfang September 953 belieh ihn Otto I. mit dem Herzogtum Lothringen, das er seinem rebellischen Schwiegersohn Konrad dem Roten entzogen hatte. Damit wurde Brun, der höchstpersönlich gegen Konrad in den Krieg zog, zum zweitmächtigsten Mann im Reich hinter seinem Bruder, gegenüber dem er stets loyal war.

954 wurde er als Vormund seines Neffen Lothar von Frankreich, des Sohns seiner Schwester Gerberga, Regent von Frankreich. Zwei Jahre später übernahm er die Vormundschaft für Hugo Capet, den Sohn seiner Schwester Hadwig. In der Folge musste er ständig zwischen seinen beiden um die französische Krone rivalisierenden Neffen vermitteln. Außerdem war Brun während der Abwesenheit Ottos I. zusammen mit Erzbischof Wilhelm von Mainz nicht nur Regent des Kaiserreiches, sondern auch Vormund seines Neffen Otto II., den er am 26. Mai 961 in Aachen zum deutschen König gesalbt hatte.

Brun machte sich sehr um die Förderung der Klosterschulen verdient. Außerdem war er ein Anhänger und Förderer der Klosterreform von Gorze, die ein starkes Mönchstum unter weltlicher Herrschaft des jeweiligen Landesfürsten propagierte. Als Erzbischof von Köln hatte er von seinem Bruder königliche Privilegien, wie das Recht, die Stadt zu befestigen, Märkte abzuhalten, Münzen zu schlagen und Steuern zu erheben, erhalten, was Kölns Stellung als bedeutendste Stadt des Reiches weiter festigte. Außerdem war sein Hof das intellektuelle und künstlerische Zentrum in Deutschland. Hier erhielten viele der führenden Gelehrten und späteren Bischöfe ihre Ausbildung. Neben seiner Gelehrsamkeit und seiner Loyalität Otto gegenüber galt Brun als durchaus machtbewusst, aber auch als sehr fromm und persönlich bescheiden.

Wilhelm von Mainz

Wilhelm war der Sohn von Otto I. und einer vornehmen slawischen Kriegsgefangenen.  Am 17. Dezember 954 wurde er zum Erzbischof von Mainz gewählt. Von Papst Agapet II. erhielt Wilhelm die Bestätigung als Apostolischer Vikar, also Stellvertreter des Papstes in Deutschland. Von seinem Vater Otto erhielt er die Würde des Erzkapellans, aus dem sich später die Erzkanzlerwürde für Deutschland entwickelte, die bis zum Ende des Erzbistums 1803 mit dem Mainzer Erzbischofsstuhl verbunden blieb.

und Heinrich von Trier zum König gesalbt.

König Otto I. ernannte Heinrich von Trier 956 zum Erzbischof von Trier. Am 26. Mai 961 war er neben Brun von Köln und Wilhelm von Mainz der dritte Erzbischof, der Otto II. in Aachen zum König salbte. Er nahm auch an Ottos anschließendem Italienzug teil und war somit in Rom zugegen, als Otto die Päpste Johannes XII. und Benedikt V. absetzte. Heinrich starb in Rom an einer Seuche, die im Heer des Kaisers ausgebrochen war. Er wurde in Parma begraben und später in den Trierer Dom umgebettet.

Die beiden Erzbischöfe Brun und Wilhelm wurden zu Stellvertretern im Reich ernannt, mit denen der junge Otto nördlich der Alpen verblieb. Nach dreieinhalbjähriger Abwesenheit kehrte Ottos Vater Anfang 965 als Kaiser und König von Italien in sein angestammtes Reich zurück. Um der Hoffnung auf dynastische Kontinuität Ausdruck zu verleihen, wurde am 2. Februar 965 in Worms, der Stätte der Königswahl Ottos II., der Jahrestag der Kaiserkrönung gefeiert.

Thronfolger und Mitregent

In Italien blieb die politische Situation auch nach der Kaiserkrönung Ottos I. instabil. Der kaisertreue Papst Johannes XII. konnte sich gegenüber dem stadtrömischen Adelsgeschlecht der Crescentier nicht behaupten. Er wurde gefangen genommen, konnte jedoch fliehen und rief den Kaiser um Hilfe an. Nur anderthalb Jahre nach seiner Rückkehr zog Otto I. erneut nach Italien. Annähernd elfjährig war Otto II. seit Ende August 966 wieder auf sich selbst gestellt. Nach dem Tod Bruns verblieb der ältere Stiefbruder Wilhelm als alleiniger Regent. Nach der Kaiserkrönung musste Otto der Große auch sein Verhältnis zum älteren oströmisch-byzantinischen Kaisertum klären. Im Zuge der Auseinandersetzung um den Kaisertitel galt es für Byzanz, die staatsrechtliche Situation und die Herrschaftsteilung zwischen den beiden Reichen zu regeln. Faktisch beherrschte Byzanz nur einen kleinen Bereich im Süden der italienischen Halbinsel. Die Oberhoheit über die beiden Fürstentümer Capua und Benevent war seit langem umstritten. Ein Ehebündnis zwischen den beiden Mächten sollte sowohl das Zweikaiserproblem lösen als auch den Umfang des jeweiligen Herrschaftsbereichs in Italien im Rahmen eines Freundschaftsbündnisses klären. Gewahrt werden musste dabei auch das Prestige der beiden Parteien. In Ottos I. politischem Denken bildete die Kaiserkrönung seines Sohnes eine wichtige Voraussetzung für die angestrebte Ehe mit einer purpurgeborenen byzantinischen Kaisertochter. Otto versprach sich von der Eheverbindung mit der ruhmreichen makedonischen Dynastie (867-1057) offensichtlich Legitimation und Glanz für seinen Sohn und sein Haus. Um seine dynastischen Pläne zu fördern, forderte Otto in einem gemeinsam mit dem Papst verfassten Schreiben seinen Sohn auf, im Herbst 967 nach Rom zu reisen, um mit ihnen Weihnachten zu feiern. Die Abberufung nach Italien verhinderte allerdings die Entstehung einer auf ihn zugeschnittenen Klientel im sächsischen Adel. Durch den Weggang Ottos II. nach Italien und den Tod Wilhelms von Mainz im März 968 und der Königin Mathilde entstand in Sachsen ein Machtvakuum

Im Oktober 967 trafen Vater und Sohn in Verona zusammen und zogen gemeinsam über Ravenna nach Rom. Am 25. Dezember 967 wurde Otto II. in Rom zum Mitkaiser gekrönt. Damit war die Weitergabe des von seinem Vater geschaffenen Imperiums und der Kaiserkrone gesichert. Die Verhandlungen für die Vermählung Ottos II. mit einer byzantinischen Prinzessin begannen 967, doch erst 972 wurde ein Heirats- und Friedensabkommen geschlossen. Die einzige im Purpur geborene Braut, die für den 955 geborenen Otto II. aus Altersgründen in Frage kam, war Anna, die Tochter des Kaisers Romanos’ II. Doch fiel die Wahl des Kaisers Johannes Tzimiskes auf seine Nichte Theophanu, die nur eine angeheiratete Nichte eines Soldatenkaisers war. Am 14. April 972 wurde die nicht purpurgeborene Theophanu mit Otto vermählt und zur Kaiserin gekrönt. Dies bedeutete die Anerkennung des westlichen Kaisertums durch Byzanz. Dadurch entspannte sich die Situation in den südlichen Teilen Italiens. Mit einer Prunkurkunde wies der Mitkaiser seiner Gemahlin die Grafschaften Istrien und Pescara, Walcheren und Wichelen mit der reichen Abtei Nivelles samt 14.000 Hufen, die Königshöfe Boppard am Rhein, Tiel am Waal, Herford, Tilleda und Nordhausen in Sachsen als Mitgift zu.

Auch nach der Kaiserkrönung blieb Otto im Schatten seines übermächtigen Vaters. Ihm wurde administratives Handeln in eigener Verantwortung verwehrt. Anders als dessen früher Sohn Liudolf, der 950 das Herzogtum Schwaben erhalten hatte, wurde Otto von seinem Vater nach dem Eintritt in die Mündigkeit kein abgegrenzter Bereich eigener Zuständigkeit überlassen.

Liudolf (* um 930 wohl in Magdeburg; † 6. September 957 in Pombia, Lago Maggiore) aus dem Geschlecht der Liudolfinger war von ungefähr Februar 950 bis 954 Herzog von Schwaben. Der nach ihm bezeichnete Liudolfinische Aufstand zwischen März/April 953 und 954 (endgültig 17. Dezember auf dem Reichstag zu Arnstadt) stürzte das Ostfrankenreich in eine existenzbedrohende Krise. Liudolf war der älteste Sohn des sächsischen Herzogs und ostfränkischen Königs Otto des Großen und entstammte der 929 geschlossenen ersten Ehe Ottos mit Edgitha von England. Als ältester Sohn Ottos war Liudolf erster Anwärter auf dessen Nachfolge und erhielt eine sorgfältige Erziehung. In den politischen Planungen Ottos spielte Liudolf schon früh eine Rolle: Bereits 939 verlobte er ihn mit Ida (Ita), dem einzigen Kind des Schwabenherzogs und treuen Gefolgsmanns Ottos Hermann und dessen Gemahlin Regelinda. Aufgrund ihrer familiären Situation war Ida die Erbin Hermanns, der nicht nur in Schwaben, sondern auch im Wesergebiet und im Lahngau begütert war. Über diesen reichen Besitz würde Liudolf als Ehemann Idas nach Hermanns Tod verfügen. Schwaben, in dem die Herrschaft der ostfränkischen Könige weniger gefestigt war als in Franken oder Sachsen, sollte damit zu den Kernlanden des Reiches gehören.

Die Ehe Liudolfs mit Ida wurde um die Jahreswende 947/948 geschlossen und auf einem Umritt durch das Reich bekanntgemacht. Wenig später, am 10. Dezember 949, starb Hermann von Schwaben, und Liudolf trat als Erbe in dessen Herzogtum, Besitz und politische Beziehungen ein. Liudolf war nun Herzog und designierter Erbe seines Vaters. Da Königin Edgitha 946 verstorben war und Otto noch nicht wieder geheiratet hatte, war Ida die vornehmste Frau im Reich.

Aufstand: Dort warf sich Liudolf, um Verzeihung bittend, seinem Vater zu Füßen; Otto nahm seinen Sohn wieder in Gnaden auf. Damit war der Liudolfinische Aufstand beendet. Als politische Folge verloren Liudolf und Konrad der Rote ihre Herzogtümer, durften aber ihre Allodien behalten.

Den Ausgleich zwischen Liudolf und Otto I. hatte vermutlich Brun herbeigeführt. Liudolf war als erwachsener Sohn Ottos, der selbst bereits Nachkommen hatte, für den Fortbestand der Dynastie wichtig, da die Söhne Ottos mit Adelheid noch nicht in einem Alter waren, in dem man davon ausgehen konnte, dass sie erwachsen werden würden. Den Ausgleich förderte auch, dass Liudolfs Widersacher Heinrich von Bayern 955 gestorben war. 956 erhielt Liudolf von Otto den Auftrag, die Interessen Ottos in Italien zu wahren, wo Berengar von Ivrea vertragsbrüchig geworden war. Liudolf zog mit einem Heer über die Alpen und erhielt schnell lokale Unterstützung, Berengar wich nach Süden aus. Welche Pläne Otto mit der Entsendung Liudolfs verfolgte, bleibt unklar, da Liudolf nach etwa einem Jahr in Italien überraschend an einem Fieber starb.

Nach der Kaiserkrönung blieb Otto II. auf den nordalpinen Teil des Reichs beschränkt. Die von Otto II. benutzten Kaisersiegel bis zum Jahre 973 fielen schon in den äußeren Proportionen kleiner aus als diejenigen des Vaters. Der junge Kaiser erhielt keine eigene Kanzlei und auch die inhaltliche Reichweite seiner wenigen Königsurkunden blieb gering. Im August 972 kehrte Otto II. nach fünf Jahren Abwesenheit mit seinen Eltern in die Heimat zurück. In den folgenden neun Monaten, in denen der Vater noch lebte, sind sechzehn Privilegien von Otto I., aber nur vier von Otto II. überliefert. In den ersten beiden Urkunden tritt der Sohn in der Intitulatio als Coimperator Augustus auf, wodurch man beide Kaiser zumindest im Titel auf eine Stufe stellte. Doch wurde dieser Titel in den folgenden Urkunden wieder fallen gelassen.

Veranstaltung vom 17.04.2019

Johannes Philagathos

Die wohl von Johannes Philagathos gestiftete Elfenbeintafel betont die Gleichrangigkeit zwischen Otto und Theophanu.

Unter Otto II. kniet in devoter Haltung eine weitere Person. Bei dieser handelt es sich vermutlich um den Stifter der Tafel. Der Inschrift zufolge stellt sie Johannes Philagathos dar. Mit einer Hand hält er den Fuß des Schemels fest, auf dem Christus steht. Er wird als Untertan Ottos II. und Diener Christi dargestellt. Etwas befremdlich wirkt sein mit Sternen verzierter Umhang.

Johannes XVI. (* in Rossano; † 1013(?) in Rom), mit weltlichem Namen Johannes Philagathos (mittelgriechisch Ἰωάννης Φιλάγαθος), war von 997–998 Gegenpapst zu Papst Gregor V. Johannes war Lehrer von Kaiser Otto III. und Gregor V.

Johannes stammte aus dem damals zum Oströmischen Reich gehörenden Rossano. Er war Grieche und von Theophanu, der griechischen Gemahlin Ottos II., an den sächsischen Hof geholt worden. Übler Nachrede zufolge sollen die Kaiserin und ihr Berater ein ehebrecherisches Verhältnis unterhalten haben. Zwischen 980 und 982 sowie in den Jahren 991 und 992 diente er als kaiserlicher Kanzler in Italien. Zudem war er seit 982 Abt von Nonantola und seit 988 Erzbischof von Piacenza.

Er wurde von Otto III. zusammen mit dem Würzburger Bischof Bernward nach Byzanz geschickt, um dort für ihn eine Braut zu finden. Auf der Rückkehr ließ sich Johannes – der sich in der Beurteilung der Lage offenbar völlig verschätzte – von Crescentius I. Nomentanus verleiten, vom römischen Klerus zum Bischof wählen und vom Volk bestätigen. Dies veranlasste Otto 998 zu einem Romfeldzug. Vor dessen Ankunft floh Papst Johannes in die Campagna. In einem Turm wurde er entdeckt, grauenhaft entstellt und nach Rom gebracht.

Die Anmaßung wurde brutal bestraft. Otto III., der 996 seinen damals 24-jährigen Cousin Bruno von Kärnten, der sich dann Gregor V. nannte, als ersten deutschen Papst überhaupt durchgesetzt hatte, zog im Februar 998 mit einem Heer nach Rom. Philagathos versteckte sich, wurde aber von Ottos Häschern aufgespürt.

Investiturstreit

Der Investiturstreit war mit der Bekämpfung der Simonie eng verknüpft. Dabei ging es um die Frage der Laieninvestitur, das heißt, der Ernennung von Bischöfen durch Könige und Kaiser, die im Frankenreich, unter den Ottonen und auch bei den englischen und französischen Königen bis ins 11. Jahrhundert üblich gewesen war.

Im Rahmen der Kirchenreform kam es zu Konkordaten mit Frankreich, England (1107) und dem Heiligen Römischen Reich im Wormser Konkordat 1122.

Stellung des Papstes

Eine weitere Entwicklungslinie ist die Frage nach der Bedeutung des Papstes in der kirchlichen Hierarchie. Hier standen die episkopalische und die papalistische Auffassung zur Disposition. Allerdings wurde die besondere Stellung Roms von kaum einem Autor rundweg abgelehnt, es wurde vielmehr um den Umfang des römischen Primats gerungen. Der Papst galt unangefochten schon vor dieser Auseinandersetzung als das spirituelle Oberhaupt der Kirche. So definierte der Bischof Burchard von Worms in seinen „Decretorum libri XX“ den Papst als Bischof des ersten Sitzes, bei dem größere Rechtsfälle entschieden werden sollten. Er lehnte es aber ab, den Papst als höchsten Priester oder Fürst der Priester zu sehen. Seit den Synoden von Sutri und Rom entwickelte sich aus der besonderen Stellung Roms der Anspruch, der die Unterordnung der Bischöfe unter den Papst forderte. Hierin ist auch der Anfang jener Entwicklung zu suchen, die zu einem Papsttum führt, dessen Selbstverständnis durch Institutionalisierung und Verrechtlichung geprägt ist.

Während des Pontifikats Leos IX. (1049–1054) bekam die Entwicklung des römischen Primats einen neuen Schub. Durch eine in der Kürze der Amtszeit ungewöhnlich hohe Anzahl von Synoden (elf oder zwölf in fünf Jahren), die auch außerhalb Italiens abgehalten wurden, wies er den Weg aus der regionalen Gebundenheit des Pontifikats. Mit der Besetzung des Kardinalskollegiums und des Kreises seiner Berater verfolgte er dieselbe Absicht. Hier sind unter anderem Hildebrand von Soana, der 1073 Papst Gregor VII. wurde, und Humbert von Moyenmoutier zu nennen. Auf diese Weise konnte außerdem der Einfluss der römischen Adelsparteien zurückgedrängt werden.

Die Königsherrschaft des HRR wurde durch diese Entwicklung ebenfalls tangiert. Die rechtliche und verwaltungstechnische Orientierung auf Rom musste zum Konflikt mit dem deutschen Reichskirchensystem führen. Auf der anderen Seite entfernte sich das Papsttum selbst durch diese Entwicklung aus der Bindung an das deutsche Kaisertum. Leo IX. akzeptierte seine Ernennung nur unter dem Vorbehalt der Bestätigung durch die Wahl des römischen Klerus und der Bevölkerung Roms. Zwar konnte Heinrich III. mit der Designation von Gebhard von Eichstätt als Nachfolger von Leo nochmals seinen Kandidaten durchsetzen, aber schon dessen Nachfolger führten die Politik Leos fort. Nach Gebhart wurde der Reformanhänger Friedrich von Lothringen unter dem Namen Stephan IX. zum Papst erhoben und erst nachträglich um die Zustimmung gebeten. Zwar suchten die Reformkräfte einen Konflikt zu vermeiden, man war aber der Meinung, dass Stephan bereits vor der Zustimmung des königlichen Hofes rechtmäßiger Papst war – ein Schreiben an den Bischof von Reims, in dem dieser zu Gehorsam und Treue aufgefordert wird, macht dies deutlich.

Im Papstwahldekret von 1059 wurde festgelegt, wie die Einsetzung eines Papstes zu verlaufen habe. Hierin wurde festgelegt, dass der Papst nur durch Wahl des Klerus und der Bevölkerung Roms ermittelt werden könne. Dem König wurde zwar ein Mitspracherecht eingeräumt, die Formulierung ließ aber einen weiten Interpretationsspielraum für die Art und dem Umfang der Mitsprache.

Der erste nach den Bestimmungen des Papstwahldekretes gewählte Papst Alexander II. sorgte für einen weiteren Ausbau der Zentralisierung innerhalb der Kirche. Dazu führte er die Vergabe des Palliums und den Treueid für Erzbischöfe ein. Insbesondere der Treueid, der die Erzbischöfe zu regelmäßigen Ad-limina-Besuchen beim Heiligen Stuhl verpflichtete, zeigt, wie weit die Macht des Papstes bereits anerkannt wurde. In diese Richtung deuten auch erfolgreiche Legatsbesuche in Frankreich, England und Spanien.

Dictatus Papae

Gregor VII., der Nachfolger Alexanders, der 1073 das Amt übernahm, fasste schließlich im Dictatus Papae die wichtigsten Gründe für die Vorrangstellung der römischen Kirche zusammen. Er berief sich zwar hauptsächlich auf überliefertes Kirchenrecht, ergänzte aber diese Tradition durch eigene Grundsätze. Gregor leitet im Dictatus Papae seine Autorität von Petrus ab (Mt 16,18f.) und zieht so den Schluss, dass der Papst innerhalb der Kirche die absolute auctoritas innehat. Diese Autorität macht ihn zum obersten Kirchenrichter und Hüter der Lehrtradition – ein Anspruch, den er auch in Bezug auf die weltlichen Herrscher vertritt.

Der nach dem nur ein Jahr amtierenden Nachfolger Gregors eingesetzte Urban II. relativierte die Vorrangstellung des Papstes gegenüber dem Kaiser. Urban sah zwar eine seelsorgerische Verantwortung der Priester für die weltlichen Herrscher, er ging aber nicht mehr vom universalen Anspruch Gregors aus. Vielmehr vertrat er die Zweigewaltenlehre. Die Stellung des Papstes innerhalb der Kirche sah er ähnlich absolut wie Gregor. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, baute Urban die Verwaltung der römischen Kurie aus.

Paschalis II. ging in der Anerkennung der weltlichen Macht noch einen Schritt weiter. Er betrachtete eine Partnerschaft der „Potestas regia“ mit der „Sacerdotalis auctoritas“ als Ideal. Innerkirchlich konnte er die Primatialrechte des Papstes weiter

ausbauen. Dafür formulierte er für die Verleihung des Palliums eine inhaltliche Bedeutung. Er erklärte, mit dem Pallium werde dem Metropoliten die volle bischöfliche Gewalt gegeben. Ohne Pallium konnte kein Metropolit Bischöfe weihen oder Synoden abhalten.

Ergebnis der Reformen

Die Reformen der Kirche hatten das Ziel, die Qualität der Priester und damit die der Sakramente zu verbessern und zu erhalten. Ein wesentliches Anliegen Hildebrands/Gregors VII. scheint die vita apostolica für die Kanoniker gewesen zu sein. Besonders die Armutsforderung sollte durchgesetzt werden.[4] Als Begründung wird auf die primitivae ecclesiae forma („Form der Urkirche“) verwiesen. Wie in den anderen Reformfragen (Simonie, Konkubinat) wurde auch in diesem Punkt die Hoffnung der Menschen auf einen Erfolg der Reformbemühungen enttäuscht. Diese Enttäuschung führte zu einem Erstarken der religiösen Bewegungen, die sich neben der Kirche etablierten (Waldenser, Albigenser).

Die Auseinandersetzung um die Investitur, die unter Gregor und den nachfolgenden Päpsten einen breiten Raum einnahmen, war im Grunde ein Teil der Simonieproblematik, in die zunehmend die Frage nach der Stellung des Papstes im Verhältnis zur weltlichen Macht trat. Die harte Konfrontation zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. war demzufolge auch nur eine Episode in der Entwicklung. Bereits seine Nachfolger suchten den Ausgleich, der im Wormser Konkordat mit der Trennung der Temporalien und Spiritualien schließlich gefunden wurde.

Die Auseinandersetzung mit der Funktion und Stellung der Kirche und des Klerus förderte innerhalb der Kirche die Verrechtlichung, während der Ausbau der Bedeutung des Papstes über seine spirituelle Vorrangstellung hinaus den Aufbau der Kurienverwaltung notwendig machte. Beide Vorgänge förderten die Entwicklung einer Kirche, die aus der engen Bindung an die weltliche Macht, wie sie im Frühmittelalter bestand, ausbrach, und zu einem eigenständigen Machtfaktor wurde.

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Wormser Konkordat

Im Jahr 1119 trafen sich Papst Calixt II. und Kaiser Heinrich V., um eine Einigung herbeizuführen. Diese wurde schließlich 1122 mit dem Wormser Konkordat erzielt, welches seinen Ursprung unter anderem bei Ivo von Chartres hat. Kaiser Heinrich V. akzeptierte den Anspruch der Kirche auf das Recht der Investitur und verzichtete auf die Investitur mit Ring und Stab. Des Weiteren gewährte er jeder Kirche die Wahlfreiheit der Investitur. Im Gegenzug räumte Papst Calixt II. ein, dass die Wahl der deutschen Bischöfe und Äbte in Gegenwart kaiserlicher Abgeordneter verhandelt, der Gewählte aber mit den Regalien, die mit seinem geistlichen Amt verbunden waren, vom Kaiser durch das Zepter belehnt werden solle („Zepterlehen“). Kaiser Lothar III. räumte zudem der Kirche das Recht ein, zuerst Ring und Stab zu verleihen, wodurch der Einfluss des Kaisers auf die Einsetzung von Bischöfen praktisch verloren ging. Dem Wormser Konkordat vergleichbare Vereinbarungen wurden bereits 1107 mit England (Konkordat von Westminster) und Frankreich, später dann 1208 mit Aragon, 1213 mit England und 1268 mit Frankreich geschlossen und nochmals später mit Schweden und Norwegen.

Der Investiturstreit war damit beigelegt, doch hatte das Kaisertum dadurch starke Einbußen erlitten. Die sakrale Aura des Kaisers war erschüttert und die bis dahin bestehende Einheit von Kaisertum und Papsttum aufgehoben, wie auch das Reichskirchensystem faktisch zertrümmert, wenn auch nicht beseitigt wurde. Die Bischöfe bauten ihre Territorien aus, was teils in Konkurrenz zu den weltlichen Fürsten geschah, womit der Territorialisierung des Reiches Vorschub geleistet wurde – sehr zu Lasten des Königtums. All dies führte zur Neuorientierung der Idee des Kaisertums unter den Staufern, wobei die Problematik des Verhältnisses des Imperiums zum Papsttum sich im Interregnum verstärkte und bis ins Spätmittelalter Bestand hatte.

Ländliche Gesellschaft Fränkisches Reich

Hörigkeit (Rechtsgeschichte)

Als Hörige werden mittelalterliche Bauern (seltener auch andere soziale Gruppen, beispielsweise Waldschmiede oder andere Handwerker) auf Herrenhöfen bezeichnet, die sich in Abhängigkeit von einem Grundherrn (z. B. Ritter) befanden. Die Hörigkeit wurde an die Kinder vererbt.

Hörige waren unfrei und bestimmten Beschränkungen unterworfen. Sie konnten bewegliches Eigentum besitzen, jedoch keinen Grundbesitz erwerben und waren an Land gebunden (Schollenpflicht), das einem Grundbesitzer (Adel oder Kirche) gehörte, der auch die niedere Gerichtsbarkeit über sie innehatte. Sie bearbeiteten das Land mit der Verpflichtung zu unterschiedlichen Abgaben und Frondiensten an den Grundherrn, die meist auf bzw. an, Fronhöfen (Salhöfen) geleistet wurden. Im Gegenzug war der Grundherr zum Schutz der Hörigen und zu ihrer Fürsorge verpflichtet.

Das Land und die es bearbeitenden unfreien Bauern bildeten eine untrennbare Einheit, die nicht aufgelöst werden konnte, das heißt, Land konnte nicht gesondert von den Bauern veräußert werden und umgekehrt.

In Deutschland wurde die Hörigkeit durch die Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert (1848) aufgehoben. Infolge dieser Maßnahme wurden viele Hörige zu Pächtern, konnten aber auch selbst das Land in Eigenbesitz erwerben. In dessen weiterer Folge, durch den Wegfall der Grundherrenpflicht, setzte ein massives und nachhaltiges Bauernsterben ein.

Zu beachten ist der Unterschied zwischen Hörigkeit und Leibeigenschaft, was häufig zu Verwirrung führt. Als Leibeigene werden Diener des Grundherrn bezeichnet, die dessen Land und Gut bewirtschaften. Ehemals freie Bauern, die sich freiwillig dem Grundherrn unterstellt und ihm ihr Land übergeben haben, werden hingegen als zu diesem Land gehörend, als Hörige, oder auch – je nach Region – als Lassen, Laten, Liten bezeichnet. Während Leibeigene personenbezogene Abgaben an ihre Herren zahlen müssen, sind die Abgaben der hörigen Bauern gutsbezogen.

Leibeigenschaft

Die Leibeigenschaft oder Eigenbehörigkeit bezeichnet eine vom Mittelalter bis in die Neuzeit verbreitete persönliche Verfügungsbefugnis eines Leibherrn über einen Leibeigenen.

Der Begriff „leibeigen“ ist erstmals in einer von Adolf Friedrich I. von Mecklenburg herausgegebenen „Gesinde- und Bauernordnung“ von 1645 belegt.

Leibeigene waren zu Frondiensten verpflichtet und durften nicht vom Gutshof des Leibherrn wegziehen. Sie durften nur mit Genehmigung des Leibherrn heiraten und unterlagen seiner Gerichtsbarkeit. Meist waren Leibeigene auch Grundhörige, oft war der Grundherr zugleich der Leibherr des Bauern. Grundhörige bewirtschafteten Grund und Boden ihres Grundherrn (Inwärtseigen) und schuldeten ihm als Gegenleistung Naturalabgaben und Hand- und Spanndienste. Die Leibeigenschaft galt nicht für die Bürger einer Stadt. Dort galt der Rechtsgrundsatz Stadtluft macht frei. Die Leibeigenschaft verstetigte die Grundherrschaft, ähnlich wie die Erbuntertänigkeit, vergrößerte die Pflichten der Bauern und bewirkte eine doppelte Abhängigkeit der Bauern. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Handhabung und Zwecksetzung bildet die Leibeigenschaft keinen einheitlichen Rechtsbegriff. Das Bild eines unter gleichförmigen Bedingungen vor sich hin vegetierenden Bauernstandes hat die Geschichtswissenschaft aufgegeben. Die Leibeigenschaft lag ihrer Ausgestaltung nach oft zwischen Sklaverei und Hörigkeit. Sklaverei und Leibeigenschaft sind heute gleichermaßen geächtet. Leibeigenschaft in Form der Gutsherrschaft im ostelbischen Deutschland wurde aber wie Sklaverei empfunden und ihr gleichgesetzt. Grundherrschaft und Leibherrschaft wurden in dem fast einhundertfünfzigjährigen Prozess der Bauernbefreiung abgelöst.

Freie

Freie bezeichnet die Angehörigen eines Standes, die im Gegensatz, z. B. zu Sklaven oder Leibeigenen, über Freizügigkeit, Rechtsfähigkeit und z. T. politische Teilhabe verfügen. Im Römischen Reich hießen sie līberi, bei den Sachsen Frilinge.

Mittelalter

Im Frühmittelalter war die Unterteilung in Freie und Un- bzw. Minderfreie die zentrale Konzeption gesellschaftlicher Gliederung. Als Zwischenschicht trat der pauper, das ist der in seiner Freiheit bedrohte “arme” Freie, im Gegensatz zu den adeligen Freien, den potentes, auf. Im Hochmittelalter verlor sie durch sozialen Wandel und die rechtliche Angleichung Freier und Unfreier zunehmend an Bedeutung und wurde durch andere Deutungsschemata abgelöst, unter denen sich schließlich die Drei-Stände-Ordnung mit Klerus, Adel und Bauern bzw. Bürger – auch oratores, bellatores und laboratores – durchsetzte. Freie waren nach mittelalterlichen Vorstellungen allein voll rechtsfähig, hatten Anteil am Heeresaufgebot und Recht und Pflicht zur Mitwirkung am Gericht. Ebenso bedeutend ist der Besitz von eigenem Haus und Hof. Welche Bedeutung und welchen Umfang die freie Bevölkerung im frühen Mittelalter hatte, ist unklar, denn vor allem nicht-adelige Freie treten in der Regel erst dann ins Licht der Quellen, wenn sie ihre Freiheit verlieren. Man muss allerdings davon ausgehen, dass Umfang und Bedeutung der Schicht der Freien in der frühen, durch die Romantik beeinflussten Forschung weit überschätzt wurde. Schon in der Völkerwanderungszeit und im Frühmittelalter war der “Gefolgschaftsadel der Könige [...] bestimmender Faktor des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in den entstehenden germanischen Reichen.”

Bereits in vorkarolingischer Zeit, beginnend mit den germanischen Reichsbildungen, begann die Bedeutung der Kategorie der Freien zu schwinden. Bedrückt durch die Heeresfolge und andauernde kriegerische Bedrohungen, begaben sich viele Freie, oft gezwungenermaßen, in den Schutz adeliger und geistlicher Grundherren. Wobei, wegen der günstigeren Bedingungen – häufig wurde lediglich ein Wachszins verlangt -, geistliche Grundherren bevorzugt wurden. Politisch wuchs das Gewicht des Adels, der Kirche und des Königstums. Bereits seit Chlodwig I. waren keine Volksversammlungen mehr einberufen worden. Im Heeresaufgebot, das teilweise Funktionen der Volksversammlung übernahm, in der Verwaltung und Gerichtsbarkeit dominierte zusehends der aus germanischem Geblütsadel und romanischem Landadel zusammenwachsende Adelsstand; besonders nachdem unter Karl dem Großen 807 die Wehrverfassung dahingehend geändert wurde, dass nur Bauern, die über mehr als drei Hufen verfügten, jeweils auf drei Hufen einen Mann für das Heeresaufgebot zu stellen hatten. Freie Bauern begannen, sich damit sukzessive dem Heeresaufgebot zu entziehen. Gleichzeitig fand eine Annäherung der sozialen und rechtlichen Stellungen freier und unfreier Bevölkerungsteile statt. Letztlich hielten sich nur östlich des Rheins noch nicht-adelige Freie in nennenswertem Umfang, während westlich des Rheins, wo die Villikationsverfassung zur vollen Entfaltung kam, bald die Begriffe liber und nobilis ohne Unterschied verwendet werden.

Mit dem Verschwinden des ursprünglichen Standes der Freien, gewann eine neue Gruppe Freier mit der Festigung des Königtums an Bedeutung. Die sogenannten Königsfreien zeichneten sich nun gerade dadurch aus, dass sie des Königs Untertanen waren. Angesiedelt in den Grenzgebieten des fränkischen Reiches und auf Rodungsland genossen sie umfangreiche Privilegien. Eine ähnliche, eingeschränkt freie Stellung konnten die Dienstleute oder Ministerialen großer Grundherren erringen. Im Hochmittelalter brach auf eine ganz andere Weise das Bürgertum der Städte aus den personenbezogenen Herrschaftsstrukturen des mittelalterlichen Staates aus, indem es sich als Gemeinde (coniuratio, Einung, Gilde) konstituierte. Damit wurde der Einzelne frei, auch wenn die Gemeinde als Ganzes weiterhin einem Herren untertänig war. In diesem Sinne galt dann auch der Rechtsspruch: „Stadtluft macht frei“. Auch Dorfgenossenschaften abhängiger Bauern gelang es, wenn auch selten vollständig, herrschaftliche Rechte auszulösen. So entstanden teilweise freie Bauerngemeinschaften, z. B. die Schweizer Landgemeinden oder die Dithmarscher Bauernrepublik.

Veranstaltung vom 23. April 2019

Weitere bäuerliche Schichten

Nebst den zahlenmäßig größten Schichten der Bevölkerung, dem hörigen Bauern und dem grundherrlichen Gesinde, gab es im Frankenreich noch zwei weitere bäuerliche Schichten: die Zinsbauern und die Königsfreien. Bei den Zinsbauern handelt es sich um solche Landwirte, die keiner Arbeit auf dem Fronhof oder dem Herrenacker verpflichtet waren, dem Grundherren jedoch eine bestimmte Abgabe zahlten, damit dieser sie vor jeglichen Gefahren schützte. Im Laufe der Zeit wurden sie den Hörigen langsam angepasst und gegen Ende des Frankenreichs (etwa um 900) unterschieden sie sich praktisch nicht mehr von ihnen.

Die Königsbauern waren Bauern, die außer dem König keinen Menschen über sich hatten. Meist gehörten sie dem fränkischen Stamm an. Sie waren zur Heerfolge verpflichtet, wenn der König seine Armee aufbot und dienten dort als Fußkrieger. Die Frankenkönige hatten seit dem Einbrechen der Franken in Gallien die Königsbauern zumeist auf herrenloses Land gesetzt. Karl der Große siedelte vor allem in Sachsen diese Bauern an, die er vermutlich aus den Hörigen der Königsgüter, über die er Grundherr war, hatte auswählen lassen. Sie sollten damit gleichzeitig die fränkische Herrschaft über Sachsen sichern.

Es kam nicht selten vor, dass Könige ein vormals an einen Königsfreien vergebenes Land wieder an eine neue Person verschenkten, beispielsweise als Landgeschenk an ein Kloster oder wenn sie einen Vasallen mit Grund ausstatten wollten. In diesem Fall wurde das Land mitsamt dem Königsfreien verschenkt. Dieser blieb zwar theoretisch gesehen ein freier Mann, war aber gleichzeitig seinem neuen Eigentümer untertan. Zuerst verlor er das Recht, von seinem Besitz wegzuziehen und wurde Schritt für Schritt zum Hörigen gemacht.

Es gab aber auch Fälle, in denen sich ein Königsfreier freiwillig einem Grundherren untertan machte. Dies konnte verschiedene Gründe haben: Verarmung und die Unfähigkeit, selber weiter zu wirtschaften, eine große Anzahl Schulden an einen Grundherren, die nicht mehr zurückgezahlt werden konnten oder weil er sich nicht mehr für das Heer aufbieten lassen wollte. Ohne dass es ein genaues Gesetz gab, bürgerte es sich mit der Zeit ein, dass hörige Bauern nicht mehr dazu verpflichtet waren, in Kriegen zu kämpfen.

Gegen Ende des Frühmittelalters wurde in den verschiedensten Gegenden Frankreichs und Deutschlands beschlossen, dass kein Landbewohner frei sein könne. Das heißt, jeder Bauer musste einen Grundherren über sich haben und gehörte damit entweder zum Gesinde eines Herrn oder zu dessen hörigen Bauern.

Klöster im Frankenreich

Im Laufe der Jahrhunderte nahm die Anzahl der Klöster im Reich stark zu. Seit dem ersten Karolingerkönig und seit Bischof Bonifatius nahmen mehr und mehr solcher Einrichtungen die 530 verfasste Regel des heiligen Benedikt an. Benedikt von Nursia hatte hiermit das Zusammenleben und Verhalten der Mönche in seinem Kloster auf dem Montecassino bei Neapel festgelegt. Es wurde in der darauf folgenden Zeit zur Mustereinrichtung für das gesamte europäische Klosterwesen.

Mönche und Nonnen wurden hauptsächlich jene, die sich von der restlichen Welt mit ihren Freunden oder Bindungen zurückziehen wollten, um ihr Leben in den Dienst Gottes zu stellen. Es gab jedoch noch weitere Beweggründe für einen Eintritt, so wurden Klosterbrüder und -schwestern wirtschaftlich hinreichend versorgt. Fünfmal am Tag und zweimal in der Nacht versammelten sich die Mönche in ihrer Kirche zu Gebeten und zum Psalmensingen. Bei den Mahlzeiten las immer abwechselnd ein Mönch seinen Brüdern aus den Schriften von Heiligen vor. Aufgrund der drei Gelübde, die Mönche bei ihrem Eintritt ablegen mussten, durften sie weder eine Ehe führen noch Kinder haben. Sie sollten mittellos sein und waren dem jeweiligen Abt zu Gehorsam verpflichtet. Dies alles sollte dazu dienen, dass ein Mönch sein Leben nur auf Gott ausrichten konnte.

Da Untätigkeit als eine Sünde galt, schrieb das Reglement vor, dass die Mönche mehrere Stunden pro Tag arbeiten und mehrere Stunden lesen sollten. Alles, was man zum Leben brauchte, wurde in der Klosteranlage hergestellt. Ein Teil der Mönche verrichtete seine Arbeit auf den Feldern, ein Teil seine im Klostergarten. Wieder andere verrichteten ihren Dienst als Abschreiber, indem sie Pergamentschreiben oder Bücher aus den Klosterbibliotheken kopierten. Nebst vorwiegend christlichen Schriften wurden auch Bücher „weltlicher“ Autoren übernommen, beispielsweise die Schriften von Titus, Caesar und Vergil. Ab dem 6. Jahrhundert entstanden zusätzlich zu den Mönchsklöstern auch Frauenklöster für Nonnen. Nonnen verrichteten keine Feldarbeit, arbeiteten jedoch oftmals im Garten.

Im Frankenreich wurden Klöster vielfältig mit Ländereien beschenkt und konnten sich auf diese Weise zu reichen Grundherren entwickeln. Die großen Klöster beschäftigten unter anderem auch Knechte, die als Handwerker in gewissen Werkstätten arbeiteten. Von Adligen wurden die Klöster nicht selten auch als Versorgungsstätten für ihre Söhne und Töchter verwendet, die sie nicht hatten verheiraten können. Hier konnten sie zwar kein adeliges Leben führen, allerdings ohne wirtschaftliche Not leben. Überdies waren die einem Kloster vorstehenden Äbte und Äbtissinnen in vielen Fällen von adeliger Herkunft.

Burgund (Frankenreich)

Das fränkische Teilreich in Burgund entstand nach der Eroberung des Zweiten Burgunderreichs 534 durch die Franken und stellte ab 561 bis zur Zersplitterung im 9. Jahrhundert eines der drei Kerngebiete des Frankenreiches dar. Nach dem Tod Pippins des Jüngeren 768 (seit 751 König) fiel Burgund mit einigen anderen Teilen an Karlmann I., nach seinem Tod 771 an Karl den Großen, der das Reich wieder vereinte. Sein Nachfolger Ludwig der Fromme (ab 814) wies seinem jüngsten Sohn Karl dem Kahlen 829 unter anderem einen Teil Burgunds zu, was einen Bürgerkrieg auslöste. Einen vorläufigen Abschluss fanden die Unruhen erst mit der Teilung des Reiches im Vertrag von Verdun 843: Burgund fiel nun an das Mittelreich Lothars I., der Nordwesten rechts der Saône allerdings an das Westreich Karls des Kahlen. Aus letzterem Teil entwickelte sich das Herzogtum Burgund. Während sich das Ostreich 879/880 des gesamten Mittelreiches nördlich Burgunds bemächtigen konnte, erhoben die Großen der Provence und Burgunds 879 Boso von Vienne zum König und vollzogen damit die Abspaltung des vormaligen Teilreichs Karls von der Provence vom Frankenreich als eigenständiges Königreich Burgund.

Herzogtum Aquitanien

Das Herzogtum Aquitanien war eines der wichtigsten Feudalterritorien im mittelalterlichen Frankreich.

Die Provinz Gallia Aquitania im römischen Reich

Historische Grundlage dieses Landes war die antike römische Provinz Gallia Aquitania, die damals das gesamte Zentral- und Südwestfrankreich umfasste. In der Spätantike wurde die Provinz in Aquitania prima, Aquitania secunda und Aquitania tertia geteilt, die nach der Völkerwanderung zum Reich der Westgoten gehörten. Nach deren Niederlage in der Schlacht von Vouillé 507 wurde Aquitanien in das Reich der Franken aufgenommen. < Die Schlacht von bei Poitiers fand im Spätsommer 507 zwischen den Franken unter Chlodwig I. und den Westgoten unter Alarich II. statt.

Während des 6. bis 8. Jahrhunderts entsprach das Territorium des aquitanischen Dukats noch dem der alten römischen Provinz, also alles Land südlich der Loire bis zu den Pyrenäen mit Ausnahme der Provinz Gallia Narbonensis. Zum Ende des 8. Jahrhunderts ging das Gebiet von Aquitania tertia um Bordeaux an die zuziehenden Basken (Vasconen) verloren, die darauf das Herzogtum Gascogne gründeten.

Am Anfang des 10. Jahrhunderts hatte sich das Toulousain, das Land um die Stadt Toulouse herum, vom übrigen Aquitanien separiert. Aquitanien verlor damit seine Grenzlage zu den Pyrenäen und deshalb umfasste das Herzogtum bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts weitestgehend die heutigen Regionen Poitou-Charentes, Limousin und Auvergne, sowie die Départements Vendée, Dordogne und Lot.

Herzöge von Aquitanien unter fränkischen Herrschern

Die Herrschaft der fränkischen Könige aus dem Geschlecht der Merowinger war in Aquitanien nur schwach ausgeprägt, da sich das Zentrum ihres Reiches in Neustrien und Austrasien nördlich der Loire befand. Stattdessen regierten von den Königen eingesetzte Herzöge (dux). Seit dem frühen 8. Jahrhundert war Aquitanien dem Zuzug der Basken ausgesetzt, die im Südwesten mit der Gascogne ein eigenes Herrschaftsgebiet gründeten. Gleichzeitig mussten die Herzöge das Land gegen die Raubzüge der Mauren verteidigen, die über die Pyrenäen vordrangen und die benachbarte Narbonensis (Septimanien) besetzten. Aufgrund der Schwäche der späten Merowingerkönige während der Abwehrkämpfe gelang es der Familie des Herzogs Eudo, sich als erbliche Fürsten in Aquitanien zu etablieren.

Das Herzogtum Aquitanien

Unter den letzten karolingischen Königen des westfränkischen Reichs zerfiel, zusätzlich verstärkt durch ihren Machtkampf mit den Robertinern/Kapetingern, die königliche Zentralmacht und in den Provinzen etablierten sich selbstständige Dynastien, erblich gewordene Grafen, welche die Könige allenfalls nur noch nominell als Oberherren anerkannten. Im aquitanischen Regnum waren es vor allem die Wilhelmiden (auch Gellones genannt) mit ihrem Zentrum in der Auvergne und die Ramnulfiden im Poitou, von denen letztere zeitweise den Titel eines “dux” führten. Die Wilhelmiden nahmen dabei aber die führende Position des Landes ein, so dass Wilhelm der Fromme 909 den Titel eines „Herzogs von Aquitanien“ (“dux Aquitanorum”) annehmen konnte, der 919 auch von König Karl III. dem Einfältigen anerkannt wurde. Die ursprünglich zu Aquitanien gehörende Grafschaft Toulouse hatte sich hingegen zu Beginn des 10. Jahrhunderts separiert und bildete fortan ein eigenständiges Fürstentum. Die Herzogsgewalt in Aquitanien war im Gegensatz zur Normandie wenig gefestigt, da das Herzogtum stark feudalisiert war. Das heißt, dem Herzog waren große Land besitzende Vasallen untertan, die jede Gelegenheit nutzten, um die herzogliche Gewalt zu beschneiden. Im Jahr 1052 konnte die Gascogne in Personalunion mit Aquitanien vereint werden.

In der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde das Herzogtum durch die Ehe der Herzogin Eleonore mit Heinrich Plantagenet in das Territorialkonglomerat der Dynastie Plantagenet aufgenommen, heute bekannt als das „angevinische Reich“. Durch ihre Machtfülle gerieten die Plantagenets in einen Konflikt mit den Königen von Frankreich, welche die Oberlehnsherren ihres Besitzes in Frankreich waren.

Deutsche Stämme

In Bezug auf deutsche Stämme unterscheidet man zwischen den „Altstämmen“, die sich noch vor dem Jahr 1000 herausgebildet hatten und den „Neustämmen“, die im Verlauf der Deutschen Ostsiedlung nach dem Jahr 1000 entstanden waren.

Franken

Das reichsbildende Volk der Franken hatte bereits im Hochmittelalter seinen Namen an das Gebiet des Stammesherzogtums Franken abgegeben. Die eigentlichen Kerngebiete der Franken waren zur Zeit des Hochmittelalters im Herzogtum Lothringen organisiert, das damals wesentlich umfassender war als die heutige französische Region Lothringen, bei der der Name des Nachfolgeherzogtums Oberlothringen schließlich verblieb. In Anlehnung an das kurzlebige hochmittelalterliche Stammesherzogtum Franken hat sich das Zugehörigkeitsgefühl zu den „Franken“ auf die heutige Region Franken eingeengt, wohingegen die Bewohner Hessens (im frühen Mittelalter noch die Chatten), des Rheinlands (Rheinfranken), der Pfalz und des Saarlands sich kaum noch ein ohnehin schwer definierbares fränkisches Stammesbewusstsein bewahrt haben.

Herzogtum Franken

Das Herzogtum Franken war eines der Stammesherzogtümer des ostfränkischen Reichs, die sich gegen Ende der Karolingerzeit Anfang des 10. Jahrhunderts herausbildeten. Sein Gebiet umfasste das heutige Hessen, das nördliche Baden-Württemberg, Südthüringen, weite Teile von Rheinland-Pfalz und Teile der heute fränkischen Gebiete in Bayern. Das Herzogtum Franken hatte mit den anderen Stammesherzogtümern eine gemeinsame Grenze: Sachsen, Bayern, Schwaben und Lothringen (Ober- und Niederlothringen).

Gegen Ende der Karolingerzeit Anfang des 10. Jahrhunderts bildete sich das Herzogtum Franken heraus. Doch auch nach der Schwächung der königlichen Zentralgewalt unter dem letzten ostfränkischen Karolinger Ludwig dem Kind (900–911) konnte sich das Herzogtum Franken nicht so entwickeln, wie es zum Beispiel in Sachsen gelang. Versuche der ersten Salier scheiterten, und erst kurz vor dem Ende der karolingischen Dynastie, im Jahr 906, wurde mit Konrad dem Jüngeren, Graf im Niederlahngau, ein Herzog von Franken genannt. Mit Konrad wurde fünf Jahre später zum ersten Mal ein Nichtkarolinger ostfränkischer König (Konrad I., 911–918, verschollene Grablege im Dom zu Fulda). Das Reich wurde weiterhin als fränkisch aufgefasst (Regnum Francorum), der König nannte sich Rex Francorum und lebte, war er nun fränkischer Abstammung (Karolinger bis 911, Konradiner bis 918) oder sächsischer (Ottonen 918–1024), nach dem salischen Recht der Franken, der Lex Salica. Aber als nach dem Tod Konrads I. die ostfränkische Königskrone an die sächsischen Herzöge (Ottonen) überging, fiel die Familie und damit das Land wieder auf das Machtniveau eines Stammesherzogtums zurück. Die Aufstände, die Konrads Bruder Eberhard (Konradiner), sein Nachfolger im Herzogtum Franken, gegen den neuen König und späteren Kaiser anzettelte, endeten 939 mit dem Tod Eberhards und dem vorläufigen Ende des Herzogtitels in Franken nach nur 33 Jahren. Das Land wurde unmittelbar dem König unterstellt, d. h. eingezogen bzw. aufgehoben und hundert Jahre später endgültig in die kurzlebigen Herzogtümer Ostfranken und Westfranken geteilt.

<Konrad I. (* um 881; † 23. Dezember 918 in Weilburg; beerdigt in Fulda) war seit 906 Herzog von Franken und von 911 bis 918 König des Ostfrankenreichs.

Adelsfehden zwischen den mächtigen Aristokratenfamilien um die Vorherrschaft in den einzelnen Stammesgebieten des ostfränkischen Reiches, die wiederholten Ungarneinfälle und die Schwäche des karolingischen Königtums führten zur Etablierung regionaler Mittelgewalten, der späteren Herzogtümer. In diese Zeit fiel der Aufstieg Konrads, der selbst ein Repräsentant dieser aufsteigenden Regionen und zugleich am Regiment des ostfränkischen Karolingers Ludwig des Kindes beteiligt war. Als König versuchte Konrad, sich der drohenden Auflösung des Reichsverbandes entgegenzustellen und die Herrschaft wieder im ganzen Reich auszuüben. Seine siebenjährige Regierungszeit ist daher hauptsächlich durch die Konflikte mit den ostfränkischen Herzögen (duces) der einzelnen Teilreiche und durch die Ungarneinfälle geprägt. Konrads Herrschaft bildete den Übergang von den Karolingern zu den Ottonen, da es ihm nicht gelang, eine neue Königsdynastie zu begründen. Er führte die Herrschaftspraxis der Karolinger fort.

Seine Zeit gehört zu den quellenärmsten des gesamten Mittelalters. Während die Jahrzehnte später verfassten ottonischen Geschichtswerke Konrad noch positive Eigenschaften zuweisen, gilt er in der Forschung oftmals mit seiner ganzen Regierungszeit als gescheitert. Lange Zeit wurde die Königswahl Konrads als Beginn der deutschen Geschichte angesehen. Erst jüngst setzte sich die Auffassung durch, dass das Deutsche Reich nicht in einem Akt, sondern in einem lang dauernden Prozess entstanden sei. Gleichwohl wird Konrad als wichtiger Akteur in dieser Entwicklung angesehen.>>>>>>>>>

In der Folgezeit gab es zwar immer wieder Verleihungen dieses Herzogstitels, aber immer als fast inhaltslose Würde ohne konkrete Beschreibung. Kaiser Friedrich I. verlieh den Titel aufgrund gefälschter Urkunden 1168 an die Bischöfe von Würzburg (womit sich der Begriff weiter nach Osten verschob), doch Bemühungen der Staufer deuten auf Bestrebungen zur Restaurierung des Herzogtums Franken für die eigene Familie hin, basierend vor allem auf dem Erbe der Salier. Als die Zeit der Stammesherzogtümer mit den Staufern zu Ende ging, kam dieses Vorhaben jedoch nicht mehr zur Reife.

Albrecht Achilles, Markgraf von Ansbach und Kulmbach, versuchte im 15. Jahrhundert das Herzogtum wiederzubeleben. Die Pläne scheiterten vor allem an der Reichsstadt Nürnberg. So konnte er sich in mehreren Konflikten (Nürnberger Städtekrieg, Erster Markgrafenkrieg, Bayerischer Krieg) nicht durchsetzen.

Weder der Titel Herzog von Franken noch das Territorium als Herzogtum Franken haben, verglichen mit dem der Sachsen, Bayern und Schwaben, jemals größere Bedeutung erlangt.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar vom siegreichen Schwedenkönig Gustav II. Adolf bzw. vom Heilbronner Bund 1633 mit einem erneuerten Herzogtum Franken belehnt, das hauptsächlich aus den Bistümern Bamberg und Würzburg bestand. Verwalter wurde Bernhards Bruder Ernst, doch mit der Niederlage der Schweden 1634 endete der Restaurationsversuch des längst untergegangenen und aufgeteilten Herzogtums. In der Titulatur des Königs von Bayern (ab 1835) tauchte der Titel Herzog von Franken zumindest dem Namen nach noch einmal auf.

Herzogtum Lothringen

Das Herzogtum Lothringen entstand aus dem 843 gebildeten Lotharii Regnum (das Reich Lothars, auch Lotharingien). Das Gebiet im Nordosten des heutigen Frankreich entspricht teilweise der ehemaligen Region Lothringen. Seine Geschichte endete 1766 mit der Annexion durch Frankreich.

Entstehung Lotharingiens

Nach dem Tode Kaiser Ludwigs des Frommen im Jahre 840 wurde das Fränkische Reich 843 im Vertrag von Verdun unter seinen Söhnen aufgeteilt. Das Mittelreich fiel zusammen mit der Kaiserwürde an Lothar I. und wurde als Lotharii Regnum, „Reich des Lothar“ bezeichnet. Es erstreckte sich von den „niederen Landen“, den heutigen Niederlanden und Belgien und Luxemburg über Burgund bis zur Kaiserstadt Rom in Italien. Die Söhne Lothars spalteten dessen Reich 855 in der Prümer Teilung erneut auf: Ludwig, der älteste, erhielt die italienischen Gebiete und die Kaiserkrone, Karl, der jüngste, die Provence und Burgund, Lothar II. dagegen den Teil zwischen Maas und Rhein, der Nordseeküste und Besançon. Nach ihm erhielt dieses Gebiet den Namen Lotharingien.

Das karolingische Lotharingien umfasste außer dem heutigen Lothringen noch das Saarland, Luxemburg, Trier und die Gebiete am Unterlauf der Mosel, Wallonien, den Niederrhein mit Aachen, Köln und Duisburg sowie den Süden der Niederlande im Bereich Maastricht, Eindhoven, Breda. Nach dem Tod Lothars II. wurde Lotharingien 870 im Vertrag von Mersen zunächst zwischen dem Ost- und dem Westfrankenreich geteilt. Der östliche Teil mit Utrecht, Köln, Straßburg und der Kaiserstadt Aachen war erheblich reicher als der westliche. Nach dem Tod des ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen im Jahr 876 versuchte daher sein westfränkischer Halbbruder, König Karl der Kahle, auch diese Osthälfte Lotharingiens zu erobern. In der Schlacht bei Andernach unterlag er aber seinem Neffen Ludwig III., einem Sohn Ludwigs des Deutschen.

Karl der Kahle starb 877, zwei Jahre darauf auch sein Sohn Ludwig der Stammler, so dass es Ludwig III. im Vertrag von Ribemont 880 gelang, auch den Westteil Lotharingiens für das Ostfrankenreich zu gewinnen. Zwischen 900 und 911, unter Ludwig dem Kind, zerfiel jedoch dessen Zentralgewalt, so dass es zur Herausbildung von Stammesherzogtümern kam. Zu ihnen gehörte auch Lotharingien, das sich nach dem Aussterben der Karolinger im Ostfrankenreich 911 wieder dem Westfrankenreich anschloss. Nachdem König Heinrich I. die Zentralgewalt im Ostfrankenreich wiederhergestellt hatte, unterwarf sich ihm 925 auch Herzog Giselbert von Lothringen. Heinrich gliederte das Herzogtum Lothringen neben Franken, Schwaben, Sachsen und Bayern als fünftes Stammesherzogtum in das Ostfrankenreich ein und stellte damit die territorialen Verhältnisse des Jahres 880 wieder her. Die Karolinger aus dem Westfrankreich versuchten mehrfach, zuletzt 940, Lothringen zurückzugewinnen, 942 aber musste Ludwig IV. endgültig auf das Herzogtum verzichten.

Aufteilung in Ober- und Niederlothringen

959 wurde das Herzogtum in zwei neue aufgeteilt: in das südliche Ober- und das nördliche Niederlothringen. Die Grenze verlief von der Mündung des Vinxtbachs in den Rhein in westlicher Richtung durch die Eifel bis in die Region um Bouillon. Nach dem Tod Ottos des Großen versuchte König Lothar von Frankreich sich Lothringen anzueignen, und überfiel 978 Otto II. in Aachen. Dieser unternahm 980 einen Vergeltungszug bis kurz vor Paris, woraufhin Frankreich seine Eroberungsversuche vorerst einstellte. Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert wurde der Grenzverlauf zwischen Ober- und Niederlothringen geändert: Luxemburg und die kurtrierischen Gebiete mit Prüm und Koblenz fielen an Niederlothringen. Im Zuge der Entwicklung eigenständiger Territorien innerhalb des Heiligen Römischen Reiches zerfiel Niederlothringen zwischen 1210 und 1360 in die Herzogtümer Luxemburg, Limburg, Jülich und Brabant sowie in zahllose weitere Herrschaften. Von Oberlothringen spaltete sich das Herzogtum Bar ab, ein großer Teil des Landes blieb aber als Herzogtum Lothringen eine politische Einheit. Seine Hauptstadt war Nancy. Metz, Toul und Verdun wurden freie Reichsstädte; die Bischöfe von Metz, Toul und Verdun erwarben ebenfalls kleinere reichsunmittelbare Territorien.

Oberlothringen

Oberlothringen (lateinisch Lotharingia superior, französisch Haute-Lotharingie) war im Hochmittelalter die südliche Hälfte des Herzogtums Lothringen.

Diese Südhälfte umfasste ursprünglich die heutige französische Region Lothringen, die Saar, der Westen der späteren Pfalzgrafschaft bei Rhein um Zweibrücken und Pirmasens, die Grafschaft Luxemburg, die Mosel von Trier bis Koblenz und die Südeifel um Prüm. Später wurden Luxemburg, die südliche Eifel und die deutsche Mosel abgetrennt und ebenfalls Niederlothringen zugeschlagen.

Im Zuge des Niedergangs der Herzogtümer und der Ausbildung von Landesherrschaften wurde der Begriff Lothringen auf den heutigen räumlichen Umfang reduziert.

Veranstaltung vom 24. Apr. 2019

Sachsen

Älteres Stammesherzogtum

Die Sachsen, deren Siedlungsgebiete im Mittelalter im heutigen Bundesland Niedersachsen und in Westfalen lagen, sind durch die Eingliederung in das Frankenreich und die Christianisierung erst geeint worden. Im Hochmittelalter war der Volksstamm politisch im Stammesherzogtum Sachsen organisiert.

Das Stammesherzogtum Sachsen, auch Altsachsen genannt, war ein mittelalterliches Herzogtum zwischen Niederrhein und der Unterelbe sowie Eider. Es entstand aus dem Siedlungsgebiet der Sachsen, das zwischen 772 und 804 etappenweise durch Karl den Großen erobert und in das Fränkische Reich eingegliedert wurde. Zum bestehenden Freistaat Sachsen hatte das Stammesherzogtum Sachsen keinen territorialen und nur mittelbaren historischen Bezug, dafür hat es aber einen Bezug zum heutigen Bundesland Niedersachsen.

Eroberung Sachsens

Nach dem Tod seines Bruders Karlmann im Jahre 771 begann Karl der Große 772 mit der Eroberung von Sachsen. Widukind von Corvey berichtet, dass der sächsische Stamm in drei große Teilstämme aufgeteilt war, nämlich die Ostsachsen und Ostfalen, die Engern und die Westfalen. Diese Dreiteilung wird dadurch bestätigt, dass nach den Reichsannalen die Teilstämme unter ihrem jeweiligen Heerführer separate Vereinbarungen trafen. 775 unterwarfen sich an der Oker zunächst die Ostsachsen unter der Führung von Hassio und stellten Geiseln. In demselben Jahr stellten im Raum Bückeburg die Engern mit ihrem Anführer Bruno nach einer Niederlage gegen Karl den Großen Geiseln. Ein anderes fränkisches Heer war zu der Zeit bei Lübbecke an der Weser von den Westfalen, vermutlich unter der Führung Widukinds, angegriffen worden. Als Karl der Große mit dem Hauptheer angriff, zwang er auch die Westfalen, sich zu unterwerfen und Geiseln zu stellen.

Schon im nächsten Jahr opferten die Sachsen ihre Geiseln und schleiften die Eresburg, in der Karl der Große eine fränkische Besatzung gelassen hatte. Er zwang die besiegten Westfalen an der Quelle der Lippe zur Taufe. 777 setzte Karl der Große erstmals einen Reichstag in Sachsen an, nämlich in Paderborn, zu dem er auch die tributpflichtigen Sachsen vorlud. Widukind erschien nicht, sondern war mit seinem Gefolge zu den Nordmannen geflohen. 778 bewog Widukind die Sachsen erneut zum Aufstand, der sie bis vor die Tore Kölns führte, aber letztlich wieder scheiterte. 779 überrollte Karl der Große die Westfalen und nahm von den Engern wieder Geiseln. 780 führte er sein Heer von Westfalen aus bis zur Elbe und zwang die Bewohner des Bardengaus sowie auch Sachsen nördlich der Elbe zur Taufe. 782 hatte Karl der Große einen Einfall der Slawen in sächsische und thüringische Gebiete gemeldet bekommen. Er schickte seinen Kämmerer, seinen Marschall und einen Pfalzgrafen, ein ostfränkisch-sächsisches Heer gegen die Slawen auszuheben. Als seine Legaten erfuhren, dass Widukind die Sachsen erneut zum Aufstand geführt hatte, führten sie ihre ostfränkischen Truppen gegen ihn und erlitten eine vernichtende Niederlage, die zwei der Legaten und vier Grafen unter ihrem Kommando das Leben kostete. Karl der Große rächte ihren Tod in demselben Jahr mit dem Blutbad bei Verden an der Aller, bei dem 4500 aufständische Sachsen gerichtet worden sein sollen. Widukind floh wieder zu den Nordmannen. 783 gewann Karl der Große Auseinandersetzungen in Detmold, Paderborn und an der Hase. Er überquerte die Weser und rückte erneut bis zur Elbe vor. 784 bekämpfte Karl der Große die Ostfalen und sein gleichnamiger Sohn die Westfalen. Selbst ein zusätzlicher Winterfeldzug wurde in diesem Jahr nötig. 785 war der Widerstand der Sachsen soweit gebrochen, dass Karl der Große wieder eine Reichsversammlung in Paderborn abhalten und ohne Auseinandersetzungen bis zum Bardengau vorrücken konnte. Dort begann er Verhandlungen mit Widukind und dessen Schwager Abbi, die sich unterwarfen und taufen ließen. Beide scheinen Grafschaften zugesagt und erhalten zu haben.

Spätestens mit der Taufe Widukinds gehörten die Sachsen jetzt zum fränkischen Reich und Aufgebot. Direkte Nachrichten über die Führer der sächsischen Abteilungen gibt es nicht. Karl der Große betrieb aber eine rege Heiratspolitik. Als Amtsgrafen in den sächsischen Gauen setzte er sächsische Adlige ein, die fränkische Frauen erhalten hatten – vermutlich zumindest teilweise ehemalige Geiseln. Im Sommer 804 beendete er die Sachsenkriege endgültig, indem er im Elbe-Weser-Dreieck und nördlich der Elbe die Aufständischen besiegte und die Überlebenden mit Frau und Kind in das Frankenreich deportieren ließ. Nordalbingien überließ er den mit ihm verbündeten Abodriten, da ihm ein weiteres Vorrücken über die Elbe hinaus zu gefährlich erschien.

Karolingische Amtsträger

Nach den Sachsenkriegen – sicherlich auch schon während dessen – gab es in Sachsen zunächst Grafen, die vom König oder Kaiser situationsbedingt mit besonderen Befugnissen ausgestattet wurden. Dabei wurden Amtsträger bevorzugt, die einerseits familiäre Bindungen zum Königshaus und andererseits zu den vornehmen sächsischen Sippen hatten. Zumindest zeitweiliger Oberbefehlshaber in Sachsen war des Königs Vetter Wala, der 811 als vornehmster Franke an der Eider den Frieden mit den Dänen beschwor. Walas Vater Graf Bernhard war ein Sohn Karl Martells und damit ein Onkel Karls des Großen; seine Mutter jedoch eine vornehme Sächsin.

Jüngeres Stammesherzogtum

Liudolfinger (Ottonen)

852 gründete Liudolf, Stammvater der Ottonen, das Kloster Gandersheim.

<Das Stift Gandersheim (aus dem die heutige Stadt Bad Gandersheim / Kreis Northeim in Niedersachsen hervorgegangen ist) wurde 852 vom sächsischen Grafen Liudolf, dem Stammvater und Namensgeber der Liudolfinger, gegründet. Für dieses Vorhaben erhielt er auf einer Pilgerreise nach Rom von Papst Sergius II. die Zustimmung und die für die Gründung notwendigen Reliquien der heiligen Päpste Anastasius und Innocentius. Das Stift Gandersheim war seinem Charakter nach ein fürstliches Familienstift und gelangte, nach seiner Gründung reich ausgestattet, zu baldiger Blüte.

Das „Kaiserlich freie weltliche Reichsstift Gandersheim“, wie es sich als Reichsabtei seit dem 13. Jahrhundert bis zu seiner Auflösung 1810 offiziell nannte, war eine Gemeinschaft unverheirateter Töchter hochadliger Familien, die in diesem Frauenstift ein gottgefälliges Leben führen wollten. Der Begriff „weltlich“ ist dabei als Gegensatz zu „klösterlich“ zu verstehen, nicht als Gegensatz zu „kirchlich“ im heutigen Sinne. Die Bewohnerinnen hießen „Kanonikerinnen“ bzw. „Kanonissen“; nach der Reformation wurden sie auch als „Stiftsdamen“ bezeichnet. Sie verfügten über Privatbesitz und legten kein ewiges Gelübde ab, konnten also jederzeit aus dem Stift austreten. Die Ottonischen und Salischen Kaiser weilten mit ihrem Gefolge häufig in Gandersheim. Es war also keineswegs ein beschauliches und weltabgewandtes Leben, das die Kanonissen führten. Neben der Memoria für die Gründerfamilie war eine der Aufgaben der Kanonissen und damit des Stifts die Ausbildung und Erziehung von adligen Töchtern. Dabei brauchten die Schülerinnen nicht zwingend selbst Kanonissen zu werden.

Ein Hauskloster (auch Eigenkloster) ist ein Kloster, das in einer besonderen Beziehung zu einer Adelsfamilie steht, z.B. der  Liudolfinger, Ottonen, neben Gandersheim:  Kloster Reichenau; Stift Quedlinburg; Stift Essen; Mauritiuskloster; Neuenheerse>

Liudolf wird zeitgenössisch nur als Graf bezeichnet. Erst als seine Nachkommen die Königswürde erlangt haben, wird er als Herzog des östlichen Sachsens, also von Ostfalen, vereinzelt aber auch ohne diese Einschränkung tituliert. Er war mit der Tochter eines fränkischen Fürsten Billing verheiratet, was zu dem Muster der karolingischen Amtsträger in Sachsen passt. 866 starb er.

Die Stellung der Liudolfinger in Sachsen verstärkte sich, als Liudolfs Tochter Liutgard vermutlich 869 den Karolinger Ludwig den Jüngeren, einen Sohn des ostfränkischen Königs Ludwig der Deutsche, heiratete. Als Ludwig der Deutsche 876 starb, wurde die Sächsin Liutgard neue Königin des Ostfränkischen Reichs. Vermutlich verdankte Brun, der älteste Sohn Liudolfs, es seiner königlichen Schwester, dass er als dux das sächsische Aufgebot gegen die Wikinger führte, was ihn jedoch 880 das Leben kostete. Nun wurde Bruns jüngerer Bruder Otto der Erlauchte neuer Herzog, unter dem sich das jüngere Stammesherzogtum des sächsischen Stammes herausbildet.

911 wurde der fränkische Herzog Konrad der Jüngere zum ostfränkischen König (Konrad I.) gewählt. Die Krone soll zunächst Otto dem Erlauchten angetragen worden sein, der darauf verzichtete.

König Heinrich I. von Sachsen

Als der Konradiner Konrad I. 919 starb, wurde der Sachsenherzog Heinrich als Heinrich I. auf dem Reichstag von Fritzlar zum König des ostfränkischen Reiches gewählt.

Nach späterer Auffassung hätte Heinrich I. als König das Herzogtum Sachsen, welches nach dem Sachsenspiegel zu den sächsischen Fahnlehen gehörte, nicht behalten dürfen. Seine Machtbasis war aber vermutlich zu schmal, um es aus der Hand zu geben. Er beauftragte daher enge Vertraute und Verwandte, als Legaten Aufgaben innerhalb Sachsens zu erfüllen. Wichtigster Legat war dabei Graf Siegfried von Merseburg, der als zweiter nach dem König galt und dem in der Abwesenheit des Königs Sachsen anvertraut wurde. Graf Siegfried war der Cousin von Heinrichs erster Frau.

<Bislang hatten sich die Liudolfinger bemüht, Heiratsverbindungen mit Angehörigen des fränkischen Volkes einzugehen. Kurze Zeit später gelang es Heinrich, sich mit Hatheburg, einer der beiden Töchter des wohlhabenden sächsischen Adligen Erwin von Merseburg, zu vermählen und somit die liudolfingischen Besitzungen auszudehnen. Gegen diese Ehe, aus der mit Thankmar ein Sohn hervorging, bestanden ernste kirchenrechtliche Bedenken, da Hatheburg nach ihrer ersten Ehe bereits Nonne geworden war. Hatheburg wurde wenig später zurück ins Kloster geschickt, ihr reiches Erbe in und um Merseburg behielt Heinrich aber. Im Jahr 909 heiratete in der Königspfalz Wallhausen der 33-jährige Heinrich die wohl erst 13-jährige Mathilde, eine Nachfahrin des Sachsenherzogs Widukind.>>

Heinrich I. hatte sich wegen angeblicher Ehehindernisse von seiner ersten Frau scheiden lassen und um 910 – noch als Graf – seine zweite Frau Mathilde aus der Nachkommenschaft des westfälischen dux Wikukind geheiratet. Aus dieser Ehe wurde 912 als ältester Sohn Otto geboren. 929 wurde dieser von seinem Vater unter Verdrängung seines älteren Halbbruders Thankmar zum Thronfolger bestimmt und vereinzelt schon als König bezeichnet. Otto I. wurde 936 kurz nach dem Tod des Vaters zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gesalbt.

Billunger

Otto I. folgte für Sachsen der Politik seines Vaters und belehnte keinen eigenen Herzog mit Sachsen. 938 ernannte er unter Zurücksetzung von dessen älterem Bruder Wichmann I. und anderer Hermann Billung zum princeps militiae gegen die Redarier (westslawischer Stamm im heutigen Mecklenburg-Vorpommern), deren früherer Legat Graf Bernhard († 935) höchstwahrscheinlich ein Vorfahr der Billunger gewesen war. Später wurde Hermann Billung als Markgraf der Billunger-Mark tituliert. Nach den Quellen wurde er 953, 961 und 966 mit der Vertretung des Königs in Sachsen beauftragt, wobei unklar bleibt, ob sich seine Befugnisse auf ganz Sachsen erstreckten. Die Hofkanzlei vermied für Hermann Billung die Bezeichnung dux, er wird nur vereinzelt in zeitgenössischen Quellen so genannt. Neben Hermann Billung setzte Otto I. Legaten ein. Einer davon war Graf Heinrich von Stade, genannt der Kahle; nach dem Zeugnis seines Enkels Thietmar von Merseburg ein enger Verwandter des Königs und höchstwahrscheinlich ein Verwandter – vermutlich Bruder – von Hermann Billungs Frau Oda. Graf Heinrich I. wurde zunächst beauftragt, für die minderjährigen Söhne des 944 gestorbenen Wichmann I. dessen Grafschaft beidseits der Niederelbe zu verwalten. Graf Heinrich der Kahle unterstützte seinen mutmaßlichen Schwager Hermann Billung in den Auseinandersetzungen mit den Grafen Wichmann II. und Ekbert der Einäugige. Sie waren die Söhne von Wichmann I. und väterlicherseits Neffen Hermann Billungs sowie mütterlicherseits Königsverwandte. Als Hermann Billung jedoch 971, während Otto I. in Rom weilte, als dessen Stellvertreter königsgleiche Privilegien für sich beanspruchte, floh Graf Heinrich der Kahle zu seinem Verwandten nach Italien, um von dort mit Vollmachten für eine Maßregelung Hermann Billungs und seiner Verbündeten zurückzukehren.

Als Otto I. 961 zum zweiten Male Hermann Billung mit seiner Stellvertretung beauftragt hatte, bereitete er sich auf die Heerfahrt gegen Oberitalien und Rom vor. Vorsorglich hatte er auch seinen siebenjährigen Sohn Otto II. zum Mitkönig gekrönt. Siegreich in Rom angekommen, wurde Otto I. zum Kaiser gesalbt. Während der dritten Stellvertretung durch Hermann Billung ließ Otto der Große 967 seinen Sohn Otto II. zum Mitkaiser erheben. Otto II. heiratete 972 in Rom die byzantinische Prinzessin Theophanu. Im nächsten Jahr starben zunächst im März 973 Hermann Billung in Quedlinburg und im Mai 973 Otto der Große in seiner Pfalz Memleben, wodurch Otto II. formal zum Alleinherrscher wurde.

Trotz der frühen Bemühungen Ottos des Großen, seinem Sohn Otto II. die Herrschaft zu sichern, war dessen Stellung nicht unangefochten. Dieser konnte Bernhard I., dem ältesten Sohn Hermann Billungs, die Stellung als Herzog der Sachsen nicht verweigern oder beschneiden.

Ob Herzog Bernhard I., der wie sein gleichnamiger Sohn auch Benno genannt wurde, noch durch Otto den Großen belehnt wurde oder dies erst durch Otto II. geschah, ist unbekannt. Durch die rasche Todesfolge der Ottonen wurde die Stellung des Sachsenherzogs weiter gestärkt. Otto II. starb 983 in Rom. Sein Sohn Otto III. folgte schon 1002 seinem Vater in den Tod. Heinrich II. musste den Sachsen zu Händen ihres Herzogs erst ihre alten Rechte zusichern, bevor sie ihn zum König wählten. 1011 starb Herzog Bernhard I. in demselben Jahr wie sein Bruder Graf Liudger.

Bernhard II. wurde als ältester Sohn Bernhards I. Herzog von Sachsen und blieb dies bis zu seinem Tod im Jahr 1059. Ihm folgte 1059 sein Sohn Ordulf, auch Otto genannt, der seit 1042 in erster Ehe mit Wulfhild, der Halbschwester des dänisch-norwegischen Königs Magnus, verheiratet war. Nach ihm nannte Ordulf seinen ältesten Sohn Magnus.

Als Ordulf starb, befand sich sein Nachfolger Magnus in der Haft Heinrichs IV. auf der Harzburg, welcher von ihm vergeblich den Verzicht auf das Herzogtum Sachsen abzupressen versuchte. Erst 1073 gelang seine Befreiung. 1075/76 geriet er erneut in Gefangenschaft. Den sächsischen Aufstand führte zu dieser Zeit der ehemalige bayrische Herzog Otto von Northeim, dessen Frau Richenza vermutlich ebenfalls eine Billungerin der Wichmann-Linie war. Herzog Magnus galt schon bei seinen Zeitgenossen als der erfolgloseste Vertreter seines Geschlechts. 1106 starb er ohne männlichen Erben, womit die Billunger-Dynastie endete.

Mit dem Tode von Herzog Magnus teilten sich seine Allode seine beiden Töchter Wulfhild und Eilika. Wulfhild war mit dem Welfen Herzog Heinrich IX. von Bayern und Eilika mit dem Askanier Otto von Ballenstedt verheiratet. Keiner von Herzog Magnus Schwiegersöhnen erhielt jedoch das Herzogtum Sachsen. Hiermit wurde Lothar von Süpplingenburg belehnt. In der älteren Forschung wurde angenommen, dass bewusst ein kleiner Graf zum Herzog ernannt wurde, um weder die Welfen noch die Askanier zu stärken. Lothars Frau Richenza von Northeim brachte aber vermutlich über ihre gleichnamige Großmutter Richenza umfangreiches Erbgut der billungischen Wichmann-Linie mit in die Ehe. Hinzu kamen ihr Erbe der Northeimer und der Brunonen. Lothars eigene Familie ist schwerer greifbar, stellte aber den Bischof Ricbert von Verden (1060–1084).

1112 unterstützte Herzog Lothar die Udonen gegen die Bestrebungen ihres Ministerialen Friedrich von Stade, seine freie Herkunft vor dem Königsgericht zu beweisen. Sie verhinderten das Verfahren durch Friedrichs Festsetzung. Heinrich V. ließ Lothar durch Fürstenspruch das Herzogtum Sachsen entziehen und belehnte damit Graf Otto von Ballenstedt, einen der beiden Schwiegersöhne des früheren Herzogs Magnus. Nach wenigen Monaten verlor der Askanier wieder diese Würde, weil Heinrich V. sich vorübergehend mit Lothar von Süpplingenburg aussöhnte. 1115 besiegte Herzog Lothar den Kaiser in der Schlacht am Welfesholz, so dass seine Stellung in Sachsen unanfechtbar wurde.

1125 wurde der Sachsenherzog in Mainz zum König (Lothar III.) gewählt. Es ist umstritten, ob der neue König seinen Schwiegersohn Heinrich X. der Stolze, Ehemann seiner Erbtochter Gertrud 1126 neben Bayern auch mit Sachsen belehnte, da es keine Königsurkunden Lothars III. gibt, in denen Heinrich der Stolze auch als sächsischer Herzog tituliert wird.

Lothar III. hatte sich in Ermangelung eines Sohnes seinen Schwiegersohn Heinrich den Stolzen als Nachfolger gewünscht. Als Lothar III. 1137 starb, setzte sich jedoch der Staufer Konrad III. als neuer König durch, der den Askanier Albrecht der Bär, über seine Mutter Eilika ein anderer Enkel des Herzog Magnus, mit Sachsen belehnte. Es gelang ihm aber nicht, sich gegen seinen Vettern Heinrich den Stolzen und die Kaiserinwitwe Richenza durchzusetzen, selbst nachdem Heinrich X. der Stolze 1139 verstorben war. 1141 verzichtete Albrecht der Bär auf das Herzogtum Sachsen. Seine Nachkommen führten jedoch später zu den askanischen Linien der Herzogtümer Sachsen-Lauenburg und Sachsen-Wittenberg sowie zu den Grafen von Weimar-Orlamünde, den Fürsten von Anhalt sowie den Markgrafen von Brandenburg.

Richenza und ihre Tochter Gertrud sicherten die Herzogtümer Bayern und Sachsen für ihren Enkel bzw. Sohn Heinrich den Löwen, welcher 1142 durch Konrad III. mit Sachsen belehnt wurde. Heinrich der Löwe betrieb eine besonders intensive Expansionspolitik und gab dem Herzogtum Sachsen seine größte Ausdehnung. Er nahm für sich auch das Recht in Anspruch, die sächsischen Bischofe einzusetzen sowie neue Grafschaften einzurichten, die er mit seinen treusten Vasallen besetzte.

1180 entzog Kaiser Friedrich Barbarossa aufgrund des Spruchs sächsischer Fürsten mit der Gelnhäuser Urkunde seinem Vetter Heinrich dem Löwen, dem damals mächtigsten Reichsfürsten, das Herzogtum Sachsen.

Während der Herzogstitel jetzt endgültig an die Askanier mit Bernhard I. fiel (s. Sachsen-Wittenberg und Sachsen-Lauenburg), entstanden auf dem Territorium des ehemaligen Herzogtums mehrere selbständige Territorien, d. h. Grafschaften und Bistümer. Das Herzogtum selbst wurde um das Herzogtum Westfalen geschmälert, welches dem Dukat der Erzbischöfe von Köln unterstellt wurde.

Grafen und Vögte

Ursprünge des Grafentitels

Im Merowinger- und Frankenreich war ein Graf königlicher Amtsträger, der in einer Verwaltungseinheit (Grafschaft, Gau) die königlichen Hoheitsrechte ausübte und in bestimmten Bereichen (Mark, Königsburg, Pfalz, Königsgut) Stellvertreter des Königs/Kaisers war. Er stammte aus dem fränkischen Reichsadel und war in seiner Grafschaft oft auch mit eigenem Besitz vertreten. Der Graf war zunächst mit Wehrhoheit und Gerichtsbarkeit, später auch mit Finanz- und Verwaltungshoheit ausgestattet. Die Grafschaftsverfassung des Frankenreichs wurde außer in seinen Nachfolgestaaten Deutschland, Frankreich und Italien auch von England (County), Spanien und Ungarn (Komitat) übernommen.

Schon von Beginn an bestand durch die häufige Wahl der Grafen aus dem lokalen Adel die Tendenz zur Erblichkeit. Ein König musste schon gute Gründe vorbringen, um dem Sohn eines Grafen die Nachfolge seines Vaters zu verwehren. Seit den Ottonen wandelte sich die Bedeutung des Grafentitels durch seine zunehmende Erblichkeit und die Einbindung ins Lehnssystem vom ursprünglichen Amt zum Begriff für die zusammengefassten Rechte eines Adligen in einem bestimmten Bereich.

Vögte zur Zeit der Karolinger

Speziell seit den Karolingern war der Vogt ein staatlicher Beamter, der als Stellvertreter von kirchlichen Würdenträgern (z. B. Bischöfe oder Äbte) oder Institutionen diese in weltlichen Angelegenheiten, insbesondere bei weltlichen Gerichten vertrat (advocatus ecclesiae). Der Kirche waren seit der Spätantike solche Vertreter vorgeschrieben, da sie keine weltlichen Geschäfte ausüben sollte. Der Vogt stellte daher im Immunitätsbereich z. B. eines Klosters oder Bistums eine Art Schutzherr dar und führte meist auch dessen Heeraufgebot (Schirmvogtei). Außerdem übte er die hohe Gerichtsbarkeit im Vogteibereich aus (Vogteigericht). Bei Eigenklöstern besetzte häufig der Eigenklosterherr selbst das Vogtamt. Die Schirmvogtei wurde bald auf die ganze Kirche übertragen und führte mehrfach zu einem helfenden Eingreifen, andererseits aber zu dem das gesamte Mittelalter durchziehenden Streit um die Vorherrschaft zwischen Staat und Kirche.

Karl der Große ließ ab 802 in den Grafschaften Vögte in klösterlichen und bischöflichen Immunitäten einsetzen. Im 11./12. Jahrhundert entwickelte sich dieses Amt zu einem erblichen Lehen des Hochadels und wurde von diesem als eine Form der Macht- und Gebietsexpansion genutzt. Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verloren auch die Vogteien ihre Bedeutung.

Kirchenvögte

Grundlagen der kirchlichen Vogtei

Besondere Bedeutung erhielt die Funktion des Vogtes im kirchlichen Bereich. Im Mittelalter waren diejenigen Stände auf einen gegebenenfalls bewaffneten Schutz angewiesen, die selbst gar nicht oder nur beschränkt wehr- und fehdefähig waren. Das waren neben den Bauern die Geistlichen. Der Schutz spielte in der mittelalterlichen Welt eine bedeutende Rolle, da ein staatliches Gewaltmonopol nicht existierte und die Menschen ansonsten auf Selbsthilfe angewiesen gewesen wären. Den Geistlichen war aus kirchlich-theologischen Gründen die Gewaltausübung – und damit Kriegsführung und die Mitwirkung an Leib- und Todesstrafen – untersagt. Die Aufgabe, notfalls auch gewaltsamen Schutz zu gewähren, fiel daher dem Adel zu, dem Stand der „Krieger“.

Während des Früh- und Hochmittelalters wurden daher von vielen Geistlichen, Kirchen, Klöstern oder Stiften adelige Laien als Vögte eingesetzt, die sie in weltlichen Angelegenheiten vertraten (zum Beispiel vor Gericht), das Kirchengut verwalteten und ihnen Schutz und Schirm gewährten. Schon seit dem 9. Jahrhundert hatte den Geistlichen eine kurzfristige Beauftragung von Vögten oft nicht mehr genügt, da sie vermehrt zu Diensten für weltliche Herrscher herangezogen wurden und strikteren geistlichen Anforderungen unterworfen wurden. Es wurde daher eine dauerhafte Bindung an einen Vogt notwendig, der die zahlreichen nunmehr anfallenden Aufgaben wahrzunehmen hatte. Seit der Mitte des 9. Jahrhunderts wurden die Vogteien auch vielfach erblich, wodurch die adeligen Vögte oftmals eine starke Machtstellung erlangten. Später versuchten aber viele geistliche Herren, sich von der oftmals bedrückenden Machtposition der Vögte zu lösen und die Vogteirechte zurückzuerwerben, was seit dem 13. Jahrhundert vor allem den großen geistlichen Herren wie den Bischöfen gelang.

Typen von Kirchenvögten

Bei der Vogtei im geistlichen Bereich können zwei verschiedene Ausprägungen unterschieden werden. Der Wirkungskreis eines Vogtes konnte sich auf eine gesamte geistliche Institution, beispielsweise ein Kloster erstrecken. Dieser Typ von Kirchenvogt wurde häufig als „Kastvogt“ bezeichnet. In der Literatur sind für den Kastvogt auch die Begriffe „Hauptvogt“ oder „Großvogt“ gebräuchlich. Auch der Begriff „Schirmvogt“ bezeichnet meist einen derartigen Vogt einer geistlichen Institution. Neben der Bevogtung einer geistlichen Institution selbst war eine weitere Ausprägung der Kirchenvogtei, dass nur einzelne Besitzungen zum Beispiel eines Klosters bevogtet wurden. In diesem Fall erstreckte sich der Herrschaftsbereich des Vogts auf den klösterlichen Grundbesitz (samt zugehöriger Grundholden) an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Gebiet. Diese Art von Vögten werden daher in der Literatur oft als „Ortsvögte“ oder „Bezirksvögte“ bezeichnet. Besonders häufig anzutreffen waren Orts- oder Bezirksvögte bei einzelnen Besitzkomplexen eines Klosters, die von diesem weiter entfernt lagen.

Bedeutung der kirchlichen Vogtei für die Territorienbildung

Im Laufe des Spätmittelalters wurde aus den ursprünglich begrenzten und aus Einzelrechten bestehenden Kompetenzen der Vögte häufig eine umfassende, nicht mehr auf Einzelkompetenzen bezogene Obrigkeit. Im Zuge dieses Vorganges verloren die geistlichen Grundherren Herrschaftsrechte an die Vögte, vor allem die niedere Gerichtsbarkeit konnten die Vögte in der Regel an sich bringen. Häufig konnten die Vögte die Wehrhoheit, den Anspruch auf Steuern und auf Frondienste der von ihnen bevogteten Besitzungen bzw. Bauern an sich bringen. Im Zuge dieses Prozesses wurde die Vogtei seit dem Spätmittelalter als Herrschaftsrecht vielfach in modernere Herrschaftsrechte überführt und ging in örtlicher Gerichtsbarkeit, niederer Obrigkeit oder Landesherrschaft auf. So gelang es adeligen Vögten vielfach, klösterlichen Grundbesitz unter ihre Botmäßigkeit zu bringen; die Klöster konnten lediglich die Grundherrschaft über ihre fremdbevogteten Güter behaupten. Die Vogtei bildete daher im Spätmittelalter in vielen Fällen eine wesentliche Grundlage bei der Ausbildung der Territorien adliger Herrscher. Im Gefolge der Reformation gelang es evangelisch gewordenen (Kast-)Vögten zudem, unter ihrer Vogtei stehende Klöster zu säkularisieren und in ihr Territorium zu integrieren.

Landvögte

Der Begriff der Vogtei wurde in Deutschland seit dem 13. Jahrhundert zunehmend mit einer Ämterorganisation verbunden. Vögte übernahmen im Auftrag weltlicher Herrscher Verwaltungsaufgaben. Sie legten Steuern fest und zogen diese ein, sie hielten Gericht und ahndeten Vergehen.

Rudolf von Habsburg, römisch-deutscher König 1273–1291, richtete Reichslandvogteien ein, um das unmittelbar der königlichen Herrschaft unterstehende Reichsgebiet, vor allem das ehemals staufische Hausgut, verwalten zu lassen. Am 9. August 1281 ließ er auf dem Hoftag zu Nürnberg förmlich feststellen, dass alle nach der Absetzung Friedrichs II. (1245) durchgeführten Schenkungen oder Verfügungen über Reichsgüter nichtig seien, es sei denn, die Mehrheit der Kurfürsten billigten die Verfügungen. Er setzte Landvögte ein, die unberechtigt angeeignete Reichsgüter finden sollten und als Vertreter des Königs agierten. Diese Landvogteien waren ein wichtiges Instrument zur Revindikation des Reichsguts. Rudolf ließ das gesamte Reichsgut in solche Verwaltungseinheiten aufteilen und gab den Vögten weitreichende Befugnisse. Damit war auch eine effektive Verwaltung des Reichsguts gesichert – etwas, was in den europäischen Monarchien wie Frankreich oder England längst existierte.

Die bekanntesten dieser Reichslandvogteien sind die Landvogtei Schwaben (Ober- und Unterschwaben) und die Landvogtei Elsass (Oberelsass und Unterelsass), aber auch Breisgau, Ortenau, Speyergau, Sundgau und Wetterau. Während die meisten Landvogteien im 15. Jahrhundert von den Landesherren vereinnahmt wurden, bestanden die kleinen Landvogteien Ober- und Unterschwaben bis zur Auflösung des Reiches 1806.

Veranstaltung vom 30.04.2019

Bayern

Die Stammesbildung der Bajuwaren oder Baiern war erst im frühen Mittelalter abgeschlossen. Zu einer ersten politischen Einheit kam es durch die Herrschaft der Agilolfinger, die das Herzogtum Baiern begründeten. Nach dem Ende der politischen Selbstständigkeit 788 waren die Baiern direkt dem fränkischen König unterstellt, ehe 907 das jüngere baierische Stammesherzogtum entstand, von dem 976 das Herzogtum Kärnten, 1156 das Herzogtum Österreich und schließlich 1180 das Herzogtum Steiermark abgetrennt wurden. Das auf das heutige Altbayern geschrumpfte Stammesherzogtum wurde von Kaiser Friedrich Barbarossa dem Hause Wittelsbach überlassen.

Das ältere bairische Stammesherzogtum, Christianisierung

Agilolfinger

Die Agilolfinger (auch Agilulfinger genannt) waren eine fränkische Adelsfamilie, die seit dem 6. Jahrhundert Herzöge von Baiern und Alamannien (Schwaben) und Könige der Langobarden stellte. Frühe Mitglieder waren wahrscheinlich als Amtsherzöge von den Merowingern in Bayern eingesetzt worden (Lex Baiuvariorum), anschließend war ihre Herrschaft erblich und unabhängig von den Merowingern. Die Hauptresidenz der Agilolfinger in Bayern befand sich in Regensburg, in Alemannien war ein Hauptort Cannstatt.

Im Jahr 591 wurde Tassilo I. von dem merowingischen Frankenkönig Childebert II. in Baiern als rex (König) eingesetzt. Tassilo führte nach seiner Amtseinsetzung Feldzüge gegen die Slawen, die in diesen Jahren aus ihrer östlichen Heimat westwärts gewandert und im Nordgau (Oberpfalz) und Karantanien (Kärnten, damals slawisches Fürstentum) Nachbarn der Baiern geworden waren. Herzog Theodo II. (Herrschaft 680 – 717) konnte sich zeitlebens nicht mit dem Erstarken der fränkischen Hausmeier (Pippin der Mittlere) abfinden. So plante er gemeinsam mit Papst Gregor II. die Errichtung einer selbständigen bairischen Kirchenprovinz. Wohl wurde damals schon die Teilung in die vier Bistümer Regensburg, Freising, Passau und Salzburg durchgeführt. Wie ein unabhängiger Fürst konnte Theodo II. sein Herzogtum unter seinen Söhnen aufteilen, ohne die Einwilligung der merowingischen Frankenkönige.

Da Bayern der Expansionspolitik der Franken eher im Weg stand, setzte Karl der Große 788 Herzog Tassilo III. in einem Schauprozess ab, blendete ihn und verbannte ihn und seine Familie in Klöster, hob das Herzogtum Bayern auf und verleibte es dem fränkischen Reich als Präfektur ein. Karl verbrachte zwei aufeinanderfolgende Winter (791–793) in der alten bairischen Residenzstadt Regensburg, um die Einverleibung Baierns in das Fränkische Reich persönlich abzusichern. Als seinen Vertreter in Baiern setzte Karl seinen Schwager Gerold ein, der ein Verwandter Tassilos war. Er erhielt nicht mehr den Titel eines Herzogs, sondern wurde als Präfekt bezeichnet.

Bistumsgründungen

St. Korbinian legte die Grundlagen für das spätere Bistum Freising,

Der heilige Korbinian, auch Corbinian (* zwischen 670 und 680 bei Arpajon südlich von Paris; † 8. September zwischen 724 und 730 in Freising), war ein christlicher Missionar und gilt als erster Bischof von Freising. Er wird in der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen als Heiliger verehrt.

St. Kilian wurde Missionar des fränkischen Gebiets im Norden.

Der heilige Kilian oder St. Kilian (* um 640, Irland; † der Legende nach um 689 in Würzburg) war gemäß der Überlieferung ein iro-schottischer Missionsbischof. Er wird zusammen mit seinen beiden Wegbegleitern Kolonat und Totnan als Frankenapostel verehrt, der die iroschottische Mission in Franken begonnen haben soll.

Bonifatius gründete 742 das Bistum Würzburg, das im 7. Jahrhundert zum thüringisch-fränkischen Herzogtum der Hedene gehörte. < Als Hedenen oder Hetaniden wird ein fränkisches Adelsgeschlecht bezeichnet, das ab etwa Mitte des 7. Jahrhunderts in Würzburg ansässig war und etwa bis Ende der 710er Jahre die Herzöge des Herzogtums Thüringen stellte. > Im Gebiet westlich des Lechs wurde Augsburg zum Bischofssitz. In Passau fand Bonifatius bereits einen Bischof vor.

Bonifatius, Geburtsname Wynfreth (auch Wynfrith, Winfrid, Winfried, * um 673[1][2] in Crediton 8 Grafschaft Devon in England); † 5. Juni 754 oder 755 bei Dokkum in Friesland, war einer der bekanntesten Missionare und der wichtigste Kirchenreformer im Frankenreich. Er war Missionserzbischof, päpstlicher Legat für Germanien, Bischof von Mainz, zuletzt Bischof von Utrecht sowie Gründer mehrerer Klöster, darunter Fulda. Aufgrund seiner umfangreichen Missionstätigkeit im damals noch überwiegend heidnischen Germanien wird er seit dem 16. Jahrhundert von der katholischen Kirche als „Apostel der Deutschen“ verehrt.

Der Heilige Rupert von Salzburg begründete 696 das spätere Erzbistum Salzburg. Er hatte den Herzog und seinen Hofstaat in der Hauptstadt Regensburg getauft. Rupert wurde dadurch zum „Apostel der Baiern“ hochstilisiert.

Der heilige Rupert von Salzburg (auch Ruprecht, Hrodperht, Hrodpreht, Roudbertus, Rudbertus, Robert) (* um 650 vermutlich in Worms; † vermutlich 27. März 718 ebenda) war Bischof von Worms sowie erster Bischof von Salzburg und Abt des dortigen St. Peterstiftes. Der hl. Rupertus ist der Schutzpatron des Landes Salzburg.

Die zeitnahen Quellen sprechen davon, dass Rupert, Korbinian und Emmeram das recht verwilderte bairischen Christentum in Ordnung gebracht hätten.

Der Bischof ist in St. Emmeram in Regensburg begraben. In seinem altbayerischen Heimatland gilt er als schicksalshafter Glaubensbote des 7. Jahrhunderts.

798 schuf Papst Leo III. die bairische Kirchenprovinz, zu der die Bistümer Salzburg als Metropolitansitz, Regensburg, Passau, Freising und Säben (später Brixen) gehörten.

Eine christlich synodale Tätigkeit seit den Bistumsgründungen im Jahr 739 ging mit bajuwarischen Landessynoden unter Herzog Tassilo in Dingolfing um 770 und Neuching (772) einher. Bischof Arn von Salzburg lud zu einem Konzil ein, das im Jahr 799 in Reisbach gehalten wurde. Dies war die erste zeitlich und örtlich überlieferte bairische Metropoliten-Bischofssynode, zu der sich Bischöfe, Äbte, Priester, Erzpriester und Diakone aus ganz Baiern im heutigen Niederbayern versammelten.

Das jüngere bairische Stammesherzogtum

Das Herzogtum Baiern 952–976

Im Jahr 817 übergab König Ludwig der Fromme seinem Sohn Ludwig II. dem Deutschen (der Beiname „der Deutsche“ entstammt der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts) das bairische Stammesherzogtum Tassilos III. sowie das bairische Ostland mit halbautonomen slawischen Völkerschaften sowie die Awarenmark. In der ersten Reichsteilung seines Vaters, der sogenannten Ordinatio imperii von 817, erhielt Ludwig Baiern und die nach Osten hin angrenzenden Länder als Königtum. Unter dem ostfränkischen König Ludwig II., der ab 825 als König der Baiern Urkunden unterzeichnete, rückte Baiern in den Mittelpunkt der Macht. Unter Kaiser Arnulf von Kärnten wurden Baiern und Kärnten zu Basen der Macht mit Regensburg als Hauptstadt und Regierungssitz.

Nach Ende der Herrschaftsperiode der Karolinger kam es erneut zu einem Erstarken der Eigenständigkeit der einzelnen Gebiete. Unterstützt wurde dies durch die Bedrohung von außen durch die Ungarneinfälle.

Markgraf Luitpold von Baiern fiel 907 in der Schlacht von Pressburg in einer Niederlage gegen die Ungarn, jedoch wird das Datum durch den Antritt seines Sohns Arnulf I. als Herzog von Baiern gleichzeitig als Beginn des jüngeren bairischen Stammesherzogtums gesehen.

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Arnulf I. genannt „der Böse“ († 14. Juli 937 in Regensburg) war seit 907 König und Herzog von Bayern. Er war der Sohn des Markgrafen Luitpold und von Kunigunde, einer Schwester des Pfalzgrafen von Schwaben.

Arnulf, Herzog und König der Bayern

Herzog Arnulf konnte auf den Grundlagen der Macht in Bayern, die sein Vater Luitpold gelegt hatte, aufbauen und nahm bald darauf den Herzogstitel an. Dabei konnte er auf die Unterstützung des bayerischen Hochadels setzen. Wichtigste Aufgabe Arnulfs war es, die wiederholten Raubzüge der Magyaren weit nach Bayern hinein zu unterbinden. Eine schwache, hilflose Reichsgewalt bot keinen Schutz gegen die ungarischen Reiterhorden.

Nachdem in der Schlacht von Pressburg 907 der bayerische Heerbann <Heerbann war in der Reichsheeresverfassung das Aufgebot aller waffenfähigen freien Grundbesitzer zur Heerfahrt, d. h. zu einem Reichskrieg> vernichtend geschlagen worden war, musste Herzog Arnulf das baierische Heer reorganisieren. Um die dafür nötigen Mittel zu gewinnen, zog er das Kirchengut ein und verlieh es an seine Lehnsvasallen. Dafür bekam er später den Beinamen „der Böse“. In den Schlachten von 909 an der Rott, 910 bei Neuching und 913 am Inn gelang es ihm, die Ungarn zurückzudrängen. Herzog Arnulf wollte den Krieg gegen die Ungarn aber nicht fortsetzen, sondern suchte einen Ausgleich mit ihnen und erhielt 913 von ihnen die vertragliche Zusicherung, in Bayern nicht mehr einzufallen.

<<< Rechtshistorisch tritt der Heimfall in verschiedenen Zusammenhängen auf. Die bekannteste Variante dürfte sich im mittelalterlichen Lehnsrecht finden. So fällt das Lehen an den Lehnsherren zurück, wenn bei einem persönlichen Lehen der Lehnsmann stirbt bzw. bei einem erblichen Lehen der Lehnsmann ohne Erben stirbt. Heimfallrechte konnten auch Dorf- oder Markgenossenschaften zustehen, wenn der Eigentümer eines im Markenverband stehenden Grundstücks starb und kein naher Blutsverwandter vorhanden war. Schließlich konnte auch ein Heimfallrecht des Königs oder des Fiskus bestehen, wenn sich bezüglich eines Nachlasses innerhalb einer bestimmten Frist (häufig 30 Tage) kein Erbe fand.>>>

Arnulfs Einzug von Kirchengut: Sonderfall – Staatsnotstand. Früher Fall von Säkularisation.

Reichspolitik

Arnulf erneuerte das baierische Stammesherzogtum. Auf Reichsebene verfolgte Arnulf eine Politik der Eigenständigkeit Bayerns in inneren Angelegenheiten und nach außen gegenüber den deutschen Königen Konrad I. und Heinrich I. Er beteiligte sich zwar an der Wahl Konrads zum König, ein Eingreifen Arnulfs zugunsten der mit ihm verwandten Herzöge von Schwaben gegen Konrad führte aber zu einem längeren Konflikt, in dessen Verlauf Arnulf zeitweise zu den Ungarn floh. Wie bereits Tassilo musste sich auch Herzog Arnulf eines zunehmenden Reichszentralismus erwehren. Nach Konrads Tod kehrte Arnulf 918 mit ungarischer Hilfe in die bayerische Residenzstadt Regensburg zurück. Dort ließ er Teile der noch vorhandenen Mauern des römischen Legionslagers Castra Regina abbrechen und den geschützten Bereich der Stadt durch den Bau einer neuen Stadtbefestigung erweitern. Die neue Stadtmauer mit drei Tortürmen umschloss neu entstandene Siedlungsgebiete im Westen und Norden und auch das Kloster Sankt Emmeram. Der Mauerbau war ein Beitrag zum Aufbau einer von der Zentralmacht weitgehend unabhängigen, königsgleichen Stellung. Im Vertrag von Regensburg 921 erkannte Arnulf jedoch nach Kämpfen mit Heinrich dessen Oberhoheit an. Heinrich billigte im Gegenzug Arnulfs eigenständige Herrschaft, zu der die Ernennung von Bischöfen, Einberufung von Synoden und Ausübung eigentlicher Regalien (Münzprägung, Zölle) gehörten. ´

Arnulf wurde im Kloster St. Emmeram in Regensburg beigesetzt. Eine Gedenktafel für ihn fand Aufnahme in die Walhalla bei Regensburg.

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Durch die Vermittlung seines Bruders Kaiser Otto I. heiratete der Ottone Heinrich, der Sohn König Heinrichs I. und dessen dritter Gemahlin Mathilde,  Arnulfs Tochter Judith von Bayern und wurde 948 mit dem Herzogtum Bayern belehnt.

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Judith von Bayern (925–985)

Grabstätte der Herzogin im Niedermünster zu Regensburg

Judith (* 925; † 29. Juni bald nach 985) war Herzogin von Bayern und eine der bedeutendsten Frauengestalten der politischen Geschichte Bayerns im Mittelalter.

Judith war die älteste Tochter des Herzogs Arnulf des Bösen von Bayern und dessen Frau Judith von Friaul. Durch die Ehe zwischen der Tochter Arnulfs von Bayern und dem sächsischen Königssohn Heinrich wurde die Zugehörigkeit des Herzogtums Bayern zum entstehenden deutschen Reich befördert.

Judith war Mutter nicht nur von Heinrich dem Zänker, für den sie ab 955, dem Todesjahr ihres Ehemannes, für ein Jahrzehnt die Vormundschaft führte, sondern auch von Hadwig, die bereits mit 15 Jahren Herzogin von Schwaben wurde, und von Gerberga, die Äbtissin im Stift Gandersheim wurde. Nach einer Pilgerreise ins Heilige Land lebte sie ab 974 im Kloster Niedermünster in Regensburg. Dort wurde sie auch, wie bereits ihr Ehemann, den sie 30 Jahre überlebte, begraben.

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Heinrich der Zänker

wegen seiner rebellischen Haltung gegen seinen Vetter, König Otto II. nannte man ihn “den Zänker”. Der Beiname ist erst seit Aventin (~ 15. Jahrhundert) belegt. Johannes Aventinus (* 4. Juli 1477 in Abensberg, Niederbayern; † 9. Januar 1534 in Regensburg) war ein deutscher Historiker und Hofhistoriograph. Er hieß eigentlich Johann Georg Turmair, benannte sich aber mit einer latinisierten Form seines Heimatortes Aventinus (‚der Abensberger‘). Er gilt als ein Wegbereiter der klassischen Philologie in Deutschland.

Unter der Vormundschaft seiner Mutter Judith folgte Heinrich der Zänker vierjährig seinem Vater als Herzog von Bayern. Seine ältere Schwester Hadwig wurde 954 mit Burchard III., Herzog von Schwaben, vermählt. Heinrich der Zänker vermählte sich 972 mit Gisela von Burgund, einer Nichte von Kaiserin Adelheid, der zweiten Ehefrau Ottos des Großen bei dessen zweiter Ehe. Adelheid war die Tochter König Rudolfs II. von Burgund, aus einem burgundischen Zweig der Welfen stammend, und in erster Ehe mit Lothar II., König von Italien, verheiratet. Heinrich der Zänker hatte also beste Verbindungen mit den Herrscherfamilien im Süden des Reiches. Bayern, Schwaben und das Königreich Burgund bildeten eine ernst zu nehmende Zentralisierung politischer Macht, der sich Kaiser Otto II. zu erwehren hatte.

Als zentrales Jahr seiner Laufbahn sticht das Jahr 973 hervor: Nicht nur Kaiser Otto I. starb, sondern auch Heinrichs Schwager Herzog Burchard III. Die Ehe seiner Schwester Hadwig mit ihm blieb kinderlos und damit war kein legitimer Nachfolger für das Herzogtum Schwaben vorhanden. Als Bruder der Herzogswitwe konnte Heinrich deswegen durchaus begründet Anspruch auf das Herzogtum Schwaben erheben, zumal im selben Jahr sein ältester Sohn Heinrich geboren wurde. Ebenfalls im Jahre 973 überging Heinrich das Recht der Investitur des Kaisers und setzt seinen luitpoldingischen Vetter Heinrich auf den Bischofsstuhl von Augsburg. Kaiser Otto II. wird die weitreichenden Ambitionen seines Vetters erahnt haben und überging jetzt seinerseits die Ansprüche Heinrichs. Darum besetzte er den schwäbischen Dukat im November 973 mit einem seiner Neffen namens Otto, dem Sohn Liudolfs.

Damit begann eine in der frühen mittelalterlichen Geschichte wohl einzigartige Doppelregentschaft. Herzogin Hadwig war nicht bereit abzutreten, sondern regierte de facto bis zu ihrem Tod 994 von der Festung Hohentwiel aus weiterhin den Süden des Reiches. Die kaiserliche Hofkanzlei erkannte ihr sogar den offiziellen Dux-Titel zu. Hadwig ihrerseits unterstützte ihren Bruder Heinrich so gut es ging, was umgekehrt dazu führte, dass der designierte Herzog Otto einer seiner ärgsten Rivalen wurde.

Heinrich begehrte offen auf und fand nicht nur bayerische, sondern auch sächsische Anhänger. Auch Herzog Boleslaw II. von Böhmen und Mieszko von Polen standen auf seiner Seite, seine schwäbische Herzogsschwester nicht zu vergessen. Was er tatsächlich damit bezweckte und ob er wirklich zu diesem frühen Zeitpunkt schon nach der Kaiserkrone greifen wollte, ist unklar. 974 gelang es Otto II. den Zänker in Ingelheim festzusetzen und glaubte die bayrische Gefahr dadurch gebannt zu haben. Im Zuge der Auseinandersetzung musste Otto II. auch Aufrührer im Hennegau und bei Cambrai niederringen, den Einfall von Dänenkönig Harald Blauzahn abwehren und Böhmenherzog Boleslaw II. wegen des Komplotts mit Heinrich in die Schranken weisen.

Heinrich gelang jedoch 976 die Flucht. Sofort kam es wieder zu Aufständen in Bayern. Die Residenzstadt Regensburg musste im gleichen Jahr im Herbst von den Kaiserlichen erobert werden. Otto II. nutzte die Gelegenheit, den gesamten Südostraum neu zu ordnen. Er trennte Kärnten von Bayern und erhob es zu einem eigenen Herzogtum. Die bayrische Ostmark – die Keimzelle von Österreich – wurde dem Babenberger Luitpold als Lehen übertragen, einem erklärten Gegner Heinrichs. Die Ostmark blieb zwar formell noch im Verband des Herzogtums Bayern, erhielt aber weitgehende Unabhängigkeit. Außerdem setzte der Kaiser seinen Vetter Heinrich als Herzog ab. Das verkleinerte Herzogtum Bayern wurde zu allem Überfluss ausgerechnet seinem Rivalen Herzog Otto von Schwaben unterstellt. Von den Bischöfen wurde er zusätzlich mit dem Kirchenbann belegt. Noch wollte Heinrich sich aber nicht geschlagen geben. 978 setzte er den Kampf, dem sich nun der neue Herzog Heinrich von Kärnten und Bischof Heinrich I. von Augsburg anschlossen, fort. Nach seiner erneuten Niederringung wurde er schließlich Bischof Folkmar von Utrecht zur Bewachung übergeben.

Nachdem Otto II. 983 in Italien gestorben war, wurde Heinrich von Bischof Folkmar aus der Haft entlassen. Sofort versuchte Heinrich 984, sich an Stelle des noch unmündigen Otto III. zu setzen und sich damit des kaiserlichen Thrones zu bemächtigen. Er ließ sich sogar von seinen Anhängern zum König ausrufen. Heinrich ließ sich am Palmsonntag in Magdeburg und am Ostersonntag in Quedlinburg zum König ausrufen und huldigen. Diese beiden Orte waren zentral für die ottonische Dynastie: sie waren Grablege von Heinrich I. (Quedlinburg) und Otto I. (Magdeburg). Die Großen des Reiches distanzierten sich aber zunehmend von Heinrich dem Zänker. Zugleich bekämpfte er den Nachfolger seines ehemaligen Rivalen, der 982 gestorben war, Herzog Heinrich III. von Bayern.

Willigis, der Erzbischof von Mainz, rief nun die Kaiserwitwe Theophanu und Kaiserin Adelheid, die Mutter Ottos II., aus Italien nach Deutschland. Die Anhängerschaft Heinrichs wurde kleiner. Auf dem Hoftag in Rara (Rohr bei Meiningen) unterwarf er sich endgültig und übergab den schon zum König gekrönten dreijährigen Otto III. an Theophanu. Dafür erhielt er Bayern als Herzogtum zurück. Er enthielt sich jetzt jeder weiteren Rebellion, erwarb 989 Kärnten und bekam schließlich sogar die italische Mark zurück. In seinen späteren Jahren konzentrierte sich Heinrich II. auf den inneren Ausbau seiner Territorien (Ranshofener Gesetze, 995) und förderte die Anfänge der Kirchenreform.

Heinrich II. starb am 28. August 995 in Gandersheim. Er wurde in der Stiftskirche in Gandersheim beigesetzt, wo seine zweite Schwester Gerberga II. Äbtissin war. Was ihm immer vorenthalten blieb, wurde seinem ältesten Sohn Heinrich zuteil. Nachdem er seinem Vater auf den Herzogsthron von Bayern folgte, wurde er 1002 römisch-deutscher König und 1014 Kaiser des ostfränkisch-deutschen Reiches.

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Nachdem der ottonische bairische Herzog im Jahr 1002 als Heinrich II. römisch-deutscher König geworden war und bis 1017 zeitweise das Herzogtum in Personalunion regiert hatte, folgte eine Periode, in der die bairischen Herzöge von außen eingesetzt wurden und stark vom deutschen Königtum abhängig waren, die auch unter den Saliern fortdauerte. Zeitweise war als Herzog gar der Kaisersohn eingesetzt. In dieser Zeit erfolgte der Aufstieg von Adelsgeschlechtern, wie der Grafen von Bogen und der Grafen von Andechs, der Diepoldinger, Grafen von Sulzbach und der Wittelsbacher.

Im Jahre 1061 wurde Otto von Northeim von Kaiserin Agnes als zum Herzog von Bayern ernannt, stand im Jahr darauf aber in Opposition zu ihr als einer der führenden Köpfe des „Staatsstreiches von Kaiserswerth“.

Erst mit der Einsetzung der Welfen ab 1070 als Herzöge durch Heinrich IV. kam es zu einem erneuten Erstarken der bairischen Herzöge. Diese Epoche ist durch den Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst geprägt. Dabei konnte der Welfenherrscher durch Parteinahme für den Papst seine Position festigen.

Ein Konflikt von Herzog Heinrich dem Stolzen mit dem schwäbischen Herrschergeschlecht der Staufer bei der Königswahl führte nach Wahl des Staufers Konrad III. zum König allerdings dazu, dass Baiern im Jahr 1139 an die Babenberger gegeben wurde. Das schwäbische Gebiet wurde mit der Herrschaft der Staufer großenteils Königsland. Zunehmend entwickelte sich auch Franken zum Zentrum staufischer Macht. In Franken ging die beherrschende Stellung des Bischofs von Würzburg durch die Gründung des Bistums Bamberg im Jahr 1007 und neue weltliche Herrschaften verloren. Der Staufer Friedrich I. Barbarossa entzog auf dem Hoftag zu Goslar im Sommer 1154 durch Fürstenspruch dem Babenberger Heinrich „Jasomirgott“ das Herzogtum Baiern und verlieh das um die Marcha Orientalis verkleinerte Baiern dem Welfen Heinrich dem Löwen. Unter den Wittelsbachern entstand etwa gleichzeitig das von Bayern losgelöste Herzogtum Meranien.

Die losgelöste Marcha Orientalis wurde unter den Babenbergern als neuem Herzogtum mit besonderen Privilegien zur Keimzelle des späteren Österreich (Ostarrichi). Heinrich der Löwe gründete zahlreiche Städte, unter anderem 1158 München. Durch seine starke Stellung als Herrscher über die beiden Herzogtümer Sachsen und Baiern geriet er jedoch in Konflikt mit Friedrich I. Barbarossa. Mit der Verbannung Heinrichs des Löwen und der Abtrennung der Steiermark als eigenem Herzogtum endete 1180 das „jüngere bairische Stammesherzogtum“.

******** Die Babenberger waren ein österreichisches Markgrafen- und Herzogsgeschlecht fränkisch-bayerischer Herkunft. Der Name bezieht sich auf Bamberg im heutigen Oberfranken. Sie herrschten von 976 bis zu ihrem Aussterben 1246 – vor dem Aufstieg des Hauses Habsburg – als Markgrafen und Herzöge in Österreich.

Veranstaltung vom 07.05.2019

Schwaben

Im Hochmittelalter war der südwestdeutsche Raum im Stammesherzogtum Schwaben organisiert. Deren Bewohner waren die Nachkommen der Alamannen, die bereits um das Jahr 500 nach der Schlacht von Zülpich (Kreis Euskirchen, vor der Bekehrung Chlodwigs I.) unter den Einfluss des Frankenreichs geraten waren.

Das Herzogtum Schwaben , bis Mitte des 11. Jahrhunderts überwiegend als Herzogtum Alamannien bezeichnet, war neben Bayern, Franken, Lothringen und Sachsen eines der fünf jüngeren Stammesherzogtümer im ostfränkischen Reich. Es umfasste eine deutlich größere Fläche als das heute als „Schwaben“ bezeichnete Gebiet im Südwesten Deutschlands. So reichte das Herzogtum im Osten deutlich über den Lech hinaus bis zum Ammersee, grenzte im Westen an die Vogesen, erstreckte sich im Norden ungefähr bis an die Linie Straßburg–Ellwangen und dehnte sich im Süden, die gesamte heutige Ostschweiz (inklusive Zürich) sowie Vorarlberg einschließend, bis Chiavenna an der Grenze zur Lombardei sowie zum Gotthardpass aus. Politisch bestand das Herzogtum Schwaben etwa 350 Jahre, von Beginn des 10. Jahrhunderts bis zum Ende der Staufer und dem Ende der Stammesherzogtümer überhaupt.

Als Gründungsjahr des jüngeren Herzogtums wird von manchen das Jahr 911 angesehen, das Jahr, in dem der letzte Karolinger, Ludwig das Kind, starb, und mit Konrad I., bislang Herzog von Franken, der erste Stammesherzog zum deutschen König gewählt wurde, von anderen hingegen das Jahr 915, als der erste Herzog für Alamannien ernannt wurde. Die vier Jahre dazwischen sind die Zeit, in der die regionalen alamannischen und rätischen Adligen in einer blutigen Auseinandersetzung die Vorherrschaft zu erringen versuchten. Der Vorläufer des Herzogtums Schwaben war das ältere Stammesherzogtum Alamannien, das nach der Eroberung des alamannischen Stammesgebiets durch die Franken im 6. Jahrhundert unter fränkischer Führung entstand und 746 aufgelöst wurde.

Das ältere Stammesherzogtum Alamannien

Alemannien bestand im Frühen Mittelalter aus vielen kleinen Gaukönigen mit größeren Hausgütern, die durch die jeweils mächtigsten und wohl auch verwandten Adelsgeschlechter regiert wurden. Selten war nur ein einzelner Herzog für das gesamte Herzogtum Alemannien zuständig. Fränkische Könige unterwarfen das Territorium. 709 bis 712 eroberte Pippin der Mittlere das alemannische Stammesgebiet unter Herzog Willehari.

Nach dem Tod von Karl Martell (714–741), dem Hausmeier der Merowinger, kam es zur Teilung des Frankenreiches unter seinen beiden Söhnen Pippin und Karlmann. Es kam in beiden Teilreichen zu Aufständen und in Alamannien versuchte Theutbald seine Handlungsfreiheit zurückzugewinnen und das Herzogtum zu erneuern.

Theudebald auch Theutbald war ein alamannischer Herzog von 709 bis 746. Er war Sohn des Gotfrid und Bruder des Lantfrid. Nach Herzog Gotfrids Tod 709 übernahm Theudebald zusammen mit seinem Bruder Lantfrid das Amt des alamannischen Herzogs. Beide Brüder standen in ihrem Amt den fränkischen Hausmeiern in erbitterter Feindschaft gegenüber.

Klosterbischof Pirmin gründete 724 unter dem Schutz des Hausmeiers Karl Martell das Kloster Reichenau inmitten des alamannischen Herzogtums, was von Lantfrid und Theudebald als Provokation aufgefasst wurde. Der heilige Pirminius gilt als der Glaubensbote der iroschottischen Mission im südwestdeutschen Raum und im Elsass schlechthin. Er zählt zu den Wandermönchen, die im fränkischen Reich, das nach der Völkerwanderungszeit noch lange vom Heidentum durchdrungen war, den christlichen Glauben verkündeten und kirchliches Leben neu organisierten. Dabei handelt er im Auftrag der Karolinger, insbesondere von deren Hausmeier Karl Martell. Der alemannische Herzog Theudebald vertrieb 727 den Abt Pirmin ob odium Karoli (aus Hass gegen Karl) und 732 den Nachfolger Abt Heddo aus dem Kloster Reichenau. Der aus alamannischem Adel stammende Heddo wirkte als Missionar im Umfeld von Bonifatius und Pirmin. 727 setzte ihn Pirmin als Abt des von ihm gegründeten bedeutenden Klosters Reichenau ein. Unter Heddo wurden von Reichenau aus unter anderem Filialen in Niederaltaich, Murbach und Pfäfers gegründet. 732 verbannte Herzog Theudebald Heddo nach Uri. Karl Martell holte ihn zurück und setzte ihn auf den Bischofsstuhl von Straßburg, um den es Auseinandersetzungen zwischen Franken und Alamannen gegeben hatte.

730 führte Karl Martell einen Feldzug gegen die Herzöge Theudebald und Lantfrid. Lantfrid starb noch im selben Jahr und Theudebald übernahm daraufhin das alleinige Herzogenamt.

742 erhob sich Theudebald zusammen mit den Vaskonen (Basken), Bajuwaren und Sachsen im Elsass gegen die Hausmeier Karlmann und Pippin III. 743 erlitten Theudebald und der Bajuwarenherzog Odilo eine Niederlage am Lech gegen beide Hausmeier. Karlmann schlug im Jahre 746 einen Aufstand in Alemannien nieder und setzte sich dort als Herrscher durch.

Die Herzöge von Alemannien und Bayern erhoben sich 741, weil sie wussten, dass der Thron vakant war und weil sie sich mit den Karolingern ranggleich sahen. Herzog Theutbald verlor sein Herzogtum, und mit dem Blutgericht zu Cannstatt 746 ging dieses ältere alemannische Stammesherzogtum unter. Karlmann ließ im Strafgericht von Cannstatt einen Teil des alemannischen Adels hinrichten. Alemannien wurde danach in zwei Grafschaften aufgeteilt, die fränkischen Adligen anvertraut wurden, darunter ein Mitglied der später berühmten Familie der Welfen.

771 verstieß Karl der Große seine langobardische Gemahlin Desiderata und heiratete Hildegard, eine alemannische Fürstentochter und Verwandte des Herzog Nebis. Ihr Bruder Gerold der Jüngere genoss im Herzogtum Alamannien und bei König Karl höchstes Ansehen. Auf ihn soll nach der Überlieferung das erbliche Privileg schwäbischer Grafen auf den Vortritt im Kampf und das Führen der Reichssturmfahne zurückgehen.

Entstehung des jüngeren Stammesherzogtums Alamannien

Unter den Karolingern wurden in der Folgezeit vermehrt fränkische Adlige mit der Verwaltung Alamanniens betreut und das Gebiet wurde – wenn auch nicht flächendeckend – in Grafschaften eingeteilt, die sich jedoch teilweise noch auf die alten Gaue bezogen. Auch personell kam es mit zunehmender Zeit zu einer Verschmelzung des alten alemannischen Adels mit den neu eingesetzten fränkischen Familien. Das Stammesgebiet der Alemannen wurde dadurch neu geordnet, blieb aber ansonsten intakt. Im Vertrag von Verdun 843 kam Alamannien gemeinsam mit dem benachbarten Rätien an das ostfränkische Reich Ludwigs des Deutschen, der es später wiederum an seinen jüngsten Sohn Karl III. gab. In der Spätzeit der Karolinger gewannen die Stämme wieder größeren Einfluss, die „jüngeren“ Stammesherzogtümer entstanden. Zu ihnen gehörte auch das neue Herzogtum Alamannien (die Bezeichnung „Schwaben“ setzte sich erst in der Mitte des 11. Jahrhunderts durch), dessen Bildung jedoch aufgrund Streitigkeiten innerhalb des alemannischen Adels verzögert wurde.

Ab etwa 900 gab es Versuche, ähnlich wie in anderen ostfränkischen Gebieten, auch in Alamannien/Schwaben ein Stammesherzogtum zu errichten. Es gab blutige Fehden zwischen zwei rivalisierenden Familien und dem Bischof Salomo III. von Konstanz und ins Spiel kam noch der fränkische König Konrad I. Dieser ließ einen der Anwärter auf das Herzogtum 916 auf der Synode von Hohenaltheim verurteilen und 917 hinrichten.

Die Einrichtung eines schwäbischen Stammesherzogtums ließ sich jedoch nicht länger verhindern. Burchard II., der Markgraf von Rätien (womit man zu der Zeit nur noch den Oberlauf des Rheins bezeichnete), setzte die Empörung seines Vorgängers fort, beanspruchte das Herzogtum für sich und konnte sich in diesem Amt auch länger halten (917-926), unter anderem dadurch, dass er den Burgunderkönig Rudolf II., seinen Nachbarn im Südwesten, 919 in der Schlacht bei Winterthur besiegte und ihn dann 922 zu seinem Schwiegersohn machte . Seine Machtbestrebungen in Schwaben sicherten immerhin die dauerhafte Existenz eines schwäbischen Herzogtums. In Stellvertretung des Königs hat Burchard Rechte gegenüber den Reichskirchen wahrgenommen. Auch berief er andere schwäbische Fürsten zu seinen Landtagen und versuchte seine Herrschaft über seinen rätisch-thurgauischen Kernraum hinaus geltend zu machen.

Nach Burchards II. Tod 926 entbrannte der Kampf um seine Nachfolge. Da sein Sohn Burchard (III.) damals erst ungefähr 10 Jahre alt war, nutzte König Heinrich I. die Möglichkeit, das Herzogtum auf dem Reichstag zu Worms im gleichen Jahr an seinen Vetter Hermann aus dem Geschlecht der Konradiner zu vergeben und diesen mit der Witwe Burchards zu vermählen – und damit einen Präzedenzfall dafür zu schaffen, wer für die Investitur der Herzöge von Schwaben zuständig war (der König) und wer nicht (der Adel des Landes bzw. die Erbfolge).

Alemannien avancierte aufgrund der politischen Interessen der Ottonen zum Dreh- und Angelpunkt europäischer Machtpolitik: Die Herrschaft über die Alpenpässe unterstützte die Interessen in Italien, die Herrschaft über die Burgundische Pforte die Interessen in Burgund. Kein Wunder, dass König (und später Kaiser) Otto der Große nach Hermanns Tod auf dem Reichstag zu Worms (950) das Herzogtum seinem eigenen Sohn Liudolf überantwortete – nachdem dieser kurz vor Hermanns Tod dessen Erbtochter Ida geheiratet hatte (Herrschaft 950-954).

Allerdings erwies sich dieser Schachzug als Fehler, da Liudolf mit Unterstützung von Bayern (seinem Vetter Heinrich dem Zänker) und Lothringen bald darauf gegen seinen Vater rebellierte, in der Folge erst das Herzogtum verlor (954) und drei Jahre später auch das Leben (957). Der Nachfolger, den Otto nun aussuchte, war jemand, der alle Seiten zufriedenstellen konnte: der Schwabe Burchard III., Sohn von Burchard II., verheiratet mit Hadwig, der Schwester des aufrührerischen Bayernherzogs Heinrich II. und Nichte des Königs. Burchard III. und vor allem Hadwig beherrschten das Land vom Hohentwiel aus, erst offiziell bis zu Burchards Tod 973, dann inoffiziell die Witwe bis 994 – obwohl das Herzogtum wieder an die Sachsen zurückfiel, diesmal an Otto I., den Sohn des aufrührerischen Liudolf und damit Enkel zum einen des kurz zuvor gestorbenen gleichnamigen Kaisers, zum anderen des früheren Herzogs Hermann I. – und Neffen des neuen Kaisers Otto II.; wie zu erwarten, erwies sich Otto als wertvolle Stütze des Königs, starb allerdings unverheiratet und kinderlos bereits 982 auf einem Italienfeldzug und damit für die Interessen des Herrscherhauses viel zu früh.

Übergang des Herzogstums von Sachsen auf die Franken

Das Herzogtum Schwaben ging nun wieder auf die Franken über, auf Konrad, einen Verwandten Hermanns I., vor allem aber wohl als Schwager Liudolfs, dem es auch erstmals gelang, den Titel in der Familie zu halten: Hermann II. war sein Sohn, Hermann III. dessen Sohn, Ernst I. der Schwiegersohn Hermanns II., Ernst II. und Hermann IV. waren die Söhne von Ernst I., so dass sich nun für mehr als 50 Jahre erstmals so etwas wie dynastische Kontinuität ergab – wenn auch nicht vom Amtsinhaber geplant.

Als jedoch Hermann II. auch noch deutscher König werden wollte und dabei dem Bayernherzog Heinrich (dem Sohn des Zänkers) unterlag, der als Heinrich II. 1002 die Königswahl gewann, wurden er und seine Familie in der Folge in ihre Schranken gewiesen: Heinrich trennte das Elsass ab und übernahm die Regierung des Herzogtums selbst, ein Zustand, der bis zur Jahrhundertmitte faktisch (nicht rechtlich) erhalten blieb.

Hermann II. war 1003, ein Jahr nach der verlorenen Königswahl, gestorben, sein einziger Sohn Hermann III. starb 1012 unmündig und kinderlos.

Übergang von Franken an Salier

Heinrich gab das Herzogtum erneut an einen Auswärtigen, Ernst, einen jüngeren Sohn aus dem Haus der Markgrafen der Marcha Orientalis (Ostarrichi, das spätere Österreich), einem Zweig der Babenberger, der als Ernst I. das Amt antrat, sich kurz darauf durch die Hochzeit mit Gisela, der Tochter seines Vorgängers, weiter legitimierte, und dem innerhalb der drei Jahre, die ihm bis zu dem als Jagdunfall getarnten Racheakt blieben, dem er zum Opfer fiel, zwei Söhne geschenkt wurden, Ernst II. und Hermann IV., die nacheinander seine Nachfolger werden sollten.

Die Salier

Während der Unmündigkeit von Ernst II. übernahm seine Mutter Gisela die Regentschaft, blieb dabei aber nicht ledig. Sie heiratete Ende 1016 oder Anfang 1017 Konrad von Speyer, von dem sie noch im Oktober des Jahres einen weiteren Sohn, Heinrich, bekam. Konrad wurde, als mit Kaiser Heinrich II. das Sachsenhaus 1024 ausstarb, zu seinem Nachfolger (Konrad II.) gewählt und 1027 bereits zum Kaiser gekrönt, Heinrich war der designierte Nachfolger Heinrich III. – das Herrscherhaus der Salier war angetreten und die schwäbische Herzogstochter Gisela war ihre Stammmutter.

Die Herrschaft des Königs über das Herzogtum Schwaben war damit gesichert. Ernst II. jedoch versuchte die Bevormundung abzuschütteln, rebellierte gegen seinen Stiefvater, kaum dass er erwachsen geworden war – nicht zuletzt auch, weil er durch seine Großmutter Gerberga von Burgund, die Ehefrau des Herzogs Hermann II., mittlerweile als Erbe des Königreichs Burgund in Betracht kam, da der dortige Herrscher, Rudolf III., Gerbergas Bruder, als einziger Sohn seines Vaters selbst kinderlos war. Seine Erbansprüche waren allerdings nur aufgrund seines Alters vorrangig vor denen seines Bruders Hermann – und vor denen des Königssohns Heinrich, den sein Vater, der Kaiser, aus nachvollziehbaren Erwägungen eher als Erben sah. Die Rebellion des Herzogs schlug fehl, Ernst wurde 1030 bei der Burg Falkenstein im Schwarzwald erschlagen. Das burgundische Erbe ging wie geplant an Heinrich und Hermann, der noch unmündige mittlere Sohn Giselas, konnte froh sein, dass ihm das Herzogtum Schwaben gelassen wurde. Hermann IV. starb selbst bereits acht Jahre später, woraufhin der Kaiser das Herzogtum einzog und nicht an dessen Kinder weitergab, die sich mit den Grafschaften Kastl und Sulzbach begnügen mussten.

Der Widerstand des Herzogs Ernst II. ist in die Sage von Herzog Ernst von Bayern eingegangen. Es hat allerdings mit der historischen Wahrheit nur insoweit zu tun, als dass der Name und die Opposition zum Kaiser stimmt, der Rest ist Romantik.

Erst 1045 setzte Heinrich einen neuen Herzog ein (Goslar, 7. April). Seine Wahl fiel auf den lothringischen Pfalzgrafen Otto (Ezzonen). Als dieser bereits 1047 starb, ging das Herzogenamt auf den Markgrafen Otto von Schweinfurt aus dem fränkischen Zweig der Babenberger, der in neun Jahren Amtszeit als Otto III. ebenfalls kaum Akzente setzen konnte. Mittlerweile jedoch führte das Fehlen eines starken Herzogs im Land und dessen Abhängigkeit vom König zu einem Erstarken der nächsten Ebene: Gräfliche Dynasten entfalteten ihre Macht, die Staufer (aus dem Nördlinger Ries stammend), die Zähringer (aus der Gegend um Weilheim an der Teck), die Welfen (aus der Gegend um Ravensburg) und die Habsburger (aus der nördlichen Schweiz) traten nunmehr in das Licht der Geschichte. Und das erstmalige Nichternennen eines Amtsinhabers, das Heinrich sich leisten konnte, war ein deutliches Zeichen seiner Entbehrlichkeit.

Offenbar war nun die Zeit gekommen, diese Entwicklung zu berücksichtigen. Heinrich III. hatte dem Zähringer Grafen Berthold die Nachfolge Ottos III. zugesagt und dies durch einen Ring dokumentiert. Als jedoch die Nachfolgefrage 1057 konkret wurde, war Heinrich gestorben (1056), regierte seine Witwe Agnes von Poitou das Land und hatte ein burgundischer Graf, Rudolf von Rheinfelden, ihre älteste Tochter Mathilde entführt und 1059 dann zur Frau genommen (Mathilde starb bereits 1060). Agnes ignorierte die Zusage ihres verstorbenen Mannes, machte Rudolf zum Herzog von Schwaben und Berthold zum Herzog von Kärnten, was diesen aber durchaus nicht zufriedenstellte. Und Rudolfs Ehrgeiz war durch diese Erpressung durchaus nicht gestillt. 20 Jahre später, im Zusammenhang mit dem Investiturstreit, dem Bann des Königs Heinrich IV. und seinem Gang nach Canossa, ließ sich Rudolf gegen seinen früheren Schwager mit Unterstützung des übergangenen Berthold von Kärnten und des Bayernherzogs Welf IV. zum König wählen. Nach seiner Rückkehr aus Italien ließ Heinrich seine Gegner wegen Hochverrats verurteilen und aller Ämter entheben – der nachfolgende Krieg tobte in Schwaben besonders heftig, Opfer war in der Regel die bäuerliche Bevölkerung, die im Fall einer Niederlage damit rechnen musste, in die Sklaverei verkauft zu werden, sofern sie die Rache der jeweiligen Sieger überlebt hatte.

Die Staufer

Heinrich IV. löste das Problem der Vakanzen auf den herzoglichen Thronen Schwabens Ostern 1079 durch die Ernennung des mächtig gewordenen Grafen Friedrich von Staufen zum Herzog, der er zehn Jahre später die Vermählung mit seiner Tochter Agnes folgen ließ – woraufhin die päpstliche Partei den Sohn des abgesetzten Rudolf, von seinem Vater bereits zum Nachfolger ernannt, als Gegenherzog Berthold I. aufstellte, dem 13 Jahre später der Zähringer Berthold II. folgte: die Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Königtum hatte die zweite Ebene erreicht. Erst 1098 kam es zur Verständigung: Friedrich und Berthold einigten sich, beide behielten den Herzogstitel, Berthold bekam die Stadt Zürich, Schwaben wurde faktisch geteilt: die Zähringer saßen im Thurgau, in Zürich, im Breisgau, im Schwarzwald und auf der Baar, im Neckargau, hatten Besitz in Burgund und die Kontrolle der Alpenpässe – und in Oberschwaben hatten die Welfen ihre Hausmacht. Die Teilung blieb bestehen bis im Jahr 1218 der letzte Herzog, Berthold V., starb, und die Staufer, jetzt schon lange an der Spitze des Reiches stehend, das Erbe weitgehend vereinnahmen konnten.

Die schwäbische Herzogswürde war für die Staufer das Sprungbrett zu höheren Ehren, das Herzogtum blieb nun knapp 200 Jahre in ihrer Hand, war dann aber bald nur noch eine unter vielen Herrschaften und nicht einmal die unumstrittenste. Es wurde nach den Herzögen Friedrich I. und Friedrich II. von Friedrich III., der als Friedrich I. (Barbarossa) Kaiser wurde, zum sekundären Titel innerhalb der Familie degradiert, mit dem Vettern (Friedrich von Rothenburg als Friedrich IV.) und nicht zu Königsamt gelangte Söhne (Friedrich V. und Konrad II.) versorgt wurden, bis einer dieser „Versorgungsfälle“, Philipp von Schwaben, 1198 in der Doppelwahl gegen Otto von Braunschweig von den staufischen Parteigängern zum König gewählt wurde. Rechtmäßiger Thronerbe wäre zwar der einzige Sohn des verstorbenen Kaisers Heinrich VI., der spätere Friedrich II., gewesen, aber dieser war gerade drei Jahre alt und lebte auf Sizilien, so dass Philipp von Schwaben zum Vertreter der staufischen Fraktion in Deutschland aufstieg.

Philipps Tod 1208 ließ den Herzogstitel vakant, bis der mittlerweile 17-jährige Kaisersohn Friedrich, seit neun Jahren König von Sizilien, 1212 aus Süditalien kommend nach Konstanz kam, das Amt in Besitz nahm und am 9. Dezember auch zum deutschen König gewählt wurde. König Friedrich II. gab Schwaben 1217 an seinen sechsjährigen Sohn Heinrich weiter, dem das Herzogtum aber 1235 nach seiner Rebellion gegen den Vater aufgrund eines Beschlusses des Reichstages in Frankfurt wieder entzogen wurde. Der Titel ging an Heinrichs siebenjährigen Bruder Konrad, den Friedrich zwei Jahre später zum König (Konrad IV.) wählen ließ und schließlich 1262 an dessen zehnjährigen Sohn Konradin, der 1268 in Neapel hingerichtet wurde – und der vielen fälschlicherweise als letzter Herzog von Schwaben gilt.

Das Ende des Herzogtums

Tatsächlich jedoch unternahm Rudolf von Habsburg, nach dem Interregnum seit 1273 deutscher König, den Versuch, den Titel wiederzubeleben und ihn für das Familiengeschlecht der Habsburger zu vereinnahmen. Zu diesem Zweck ernannte er seinen Sohn Rudolf zum Herzog von Schwaben. Nach dem frühen Tod Rudolfs im Jahr 1290 folgte dessen Sohn Johann. Als dieser im Jahr 1308 seinen Onkel, König Albrecht I., ermordete und anschließend ohne einen Erben zu hinterlassen floh, war das Herzogtum Schwaben faktisch erloschen.

Aber auch ohne den von Johann begangenen Mord bzw. sein Verschwinden war Rudolfs Versuch zum Scheitern verurteilt. Nach Konradins Tod hatten sich die schwäbischen Großen, allen voran die Württemberger, am Reichs- und Herzogsgut bedient, so dass Rudolf nur noch die Reste zu zwei Reichslandsvogteien zusammenfassen konnte: Niederschwaben und Oberschwaben, von denen die erste mangels Masse schnell an Bedeutung verlor und 1378 Oberschwaben zugeschlagen wurde. Nach mehrfachen Verpfändungen kam die „Reichslandvogtei in Ober- und Niederschwaben“ 1541 endgültig an Österreich und 1805 dann an Württemberg.

Versuche, den Titel des Herzogs von Schwaben wiederzubeleben, schlugen sämtlich fehl: Alfons X. von Kastilien, der sich 1257 zum deutschen (Gegen-)König wählen ließ, begründete seine Ansprüche auf die Königskrone und Schwaben mit seiner staufischen Großmutter, konnte sie aber nicht durchsetzen. Auch die Württemberger versuchten, aufgrund ihrer territorialen Vormachtstellung den Titel zu erlangen, was ihnen aber ebenfalls nie gelang. Ihre Besitzungen wurden 1495 lediglich zum Herzogtum Württemberg erhoben. Der habsburgische Kaiser Maximilian I. war nicht bereit, die Option auf den schwäbischen Titel für sein eigenes Haus dadurch preiszugeben, dass er ihn Eberhard im Bart verliehen hätte.

Die Grenzen des ehemaligen Herzogtums blieben als landsmannschaftliche Zuordnungseinheit auch im Selbstverständnis seiner Bewohner erhalten. Spätere Einigungen, wie z. B. der Schwäbische Bund oder der Schwäbische Reichskreis orientierten sich an dieser alten Verwaltungseinheit.

Als sich Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg im Jahr 1806 vom Herzog von Württemberg zum König proklamierte, nahm er den Titel Fürst zu Schwaben an, den er erst nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches im August 1806 in souveräner Herzog in Schwaben und von Teck änderte. Das Drei-Löwen-Wappen nahm er in das neue Staatswappen auf.

Fazit

Die tatsächliche Macht der Herzöge von Schwaben war meist zu schwach, um eigentliche Herrscher des Landes zu sein. Wohl führten sie den Heerbann in den Schlachten des Königs, genossen hierbei jedoch nur selten eine Erwähnung. Stets waren sie auf die Gefolgschaft und Treue des weitgehend verwandten Adels angewiesen, der auf den alten Geschlechtern aufbaute, wobei der niedere Adel ebenso wichtig war wie der Hochadel.

Kurfürst und Kurfürstenkollegium

Der Codex Balduineus (um 1340) enthält die erste bekannte bildliche Darstellung des Kurfürstenkollegiums:

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gehörten dem Kurfürstenkollegium sieben, später neun Reichsfürsten an. Jedem Kurfürsten war eines der Reichserzämter zugeordnet. Zum ursprünglichen Kollegium gehörten:

drei geistliche Fürstbischöfe:

•  der Erzbischof von Mainz als Reichserzkanzler für Deutschland

•  der Erzbischof von Köln als Reichserzkanzler für Italien und

•  der Erzbischof von Trier als Reichserzkanzler für Burgund

sowie vier weltliche Fürsten:

•  der König von Böhmen als Erzmundschenk

•  der Pfalzgraf bei Rhein als Erztruchsess

•  der Herzog von Sachsen als Erzmarschall und

•  der Markgraf von Brandenburg als Erzkämmerer.

Im 17. Jahrhundert erlangten zwei weitere Reichsfürsten die Kurwürde:

•  1623 der Herzog von Bayern anstelle des Pfalzgrafen, der 1648 eine neue, achte Kurstimme sowie das neugeschaffene Amt des Erzschatzmeisters erhielt und

•  1692 der Herzog von Braunschweig-Lüneburg (Hannover) als Erzbannerträger.

Nachdem Bayern 1777 durch Erbschaft an den Pfalzgrafen bei Rhein gefallen war, erlosch die pfälzische Kurwürde, während die bayerische weiter bestehen blieb. Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 hob die beiden geistlichen Kuren von Köln und Trier auf, der Kurerzkanzler erhielt als Ersatz für das an Frankreich verlorene Mainz das neu geschaffene Fürstentum Regensburg. Vier Reichsfürsten erhielten dagegen die Kurwürde neu. Dies waren:

•  der Herzog von Salzburg,

•  der Herzog von Württemberg,

•  der Markgraf von Baden sowie

•  der Landgraf von Hessen-Kassel.

Nachdem das Herzogtum Salzburg im Frieden von Pressburg 1805 an das Kaisertum Österreich gefallen war, ging die mit ihm verbundene Kurwürde auf das neu geschaffene Großherzogtum Würzburg über. Alle Veränderungen seit 1803 wurden jedoch schon 1806 mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gegenstandslos.

Geschichte des Kurfürstenkollegiums

Von den Ursprüngen bis zur Doppelwahl 1198

Die Tradition der freien Königswahl im Ostfrankenreich, dem späteren Heiligen Römischen Reich, begann 911, als der letzte König aus der Dynastie der Karolinger gestorben war. Damals bestimmten die Reichsfürsten, die sogenannten Großen des Reiches, nicht den nach Erbrecht legitimierten karolingischen Herrscher des Westfrankenreichs zum Nachfolger, sondern mit Konrad I. einen der ihren. Dies war zu diesem Zeitpunkt nicht außergewöhnlich, denn auch im Westfrankenreich wurde der König seit 888 von den Großen gewählt. War dieser stark, konnte er aber meist schon zu Lebzeiten die Wahl seines Sohnes zum Nachfolger durchsetzen. Da die seit 987 regierenden Könige aus der Dynastie der Kapetinger über Jahrhunderte Söhne als Nachfolger hinterließen, entwickelte sich das Königreich Frankreich schließlich zu einer Erbmonarchie. Im Ostfrankenreich dagegen kam es immer wieder zu Dynastiewechseln, da viele Könige keinen direkten männlichen Erben hinterließen. 1002, 1024, 1125, 1137 und 1152 wurden Könige gewählt, die zwar meist eng mit ihren jeweiligen Vorgängern verwandt, aber nicht deren Söhne waren. Schon 1002 traten neben Herzog Heinrich von Bayern aus dem Hause der Liudolfinger weitere Mitbewerber auf, die ähnliche verwandtschaftliche Bindungen mit dessen Vorgänger Otto III. aufwiesen. Nach 1024 schien sich die Dynastie der Salier mit vier aufeinanderfolgenden Königen als einzig erbberechtigte zu etablieren, bis auch sie 1125 im Mannesstamm erlosch. In der anschließenden Königserhebung Lothars von Supplinburg setzte sich erstmals das reine Wahlrecht durch. Bei Lothars Tod 1138 war sein Schwiegersohn Heinrich der Stolze sein nach Erbrecht nächster Verwandter. Doch statt auf ihn fiel die Wahl auf den Staufer Konrad III. Auch 1152 wurde nicht der Sohn Konrads, sondern sein Neffe Friedrich Barbarossa gewählt. So wurde mit jeder Kur die Tradition der freien Wahl gestärkt und die erbrechtlichen Traditionsstränge geschwächt.

Zur Teilnahme an der Königswahl waren ursprünglich, also seit 911, alle Reichsfürsten berechtigt, die Großen des Reiches. Zwar war nicht genau festgelegt, wer zu diesem Kreis gehörte, es gab aber seit jeher eine kleine Anzahl von Vorwählern (laudatores), denen eine Vorentscheidung zustand. Zu diesen gehörten nicht notwendigerweise die mächtigsten, sondern die vornehmsten Fürsten des Reichs, die an Rang und Würde dem König am nächsten kamen. Zu ihnen gehörten die drei Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier sowie der Pfalzgraf bei Rhein, weil ihre Territorien auf altem fränkischem Stammesboden lagen. Eine Wahl war nur dann rechtmäßig, wenn auch die Vorwähler ihr zugestimmt hatten. Wahrscheinlich entwickelte sich das spätere Kurfürstenkollegium aus dieser Gruppe von Vorwählern.

Allmähliche Herausbildung des Kurfürstenkollegiums

Die Königswahl in der Darstellung des Sachsenspiegels. Oben: Die drei geistlichen Fürsten zeigen auf den König. Mitte: Der Pfalzgraf bei Rhein überreicht als Truchsess eine goldene Schüssel, dahinter der Herzog von Sachsen mit dem Marschallsstab und der Markgraf von Brandenburg, der als Kämmerer eine Schüssel mit warmem Wasser bringt. Unten: der neue König vor den Großen des Reiches (Heidelberger Sachsenspiegel, um 1300)

Mit dem Tod Kaiser Heinrichs VI. (1165–1197) scheiterte auch dessen Erbreichsplan, der letzte Versuch, das Reich in eine erbliche Monarchie umzuwandeln. Im daraufhin ausbrechenden Deutschen Thronstreit zwischen Staufern und Welfen kam es 1198 zur Doppelwahl zweier Thronkandidaten. Der staufische Kandidat Philipp von Schwaben konnte sich dabei auf die größere Zahl von Wählern berufen. Gegen ihn stand der Kölner Erzbischof Adolf von Altena, der unbedingt seinen Kandidaten Otto von Braunschweig durchsetzen wollte. Der zunächst unterlegene Otto bat Papst Innozenz III. um einen Schiedsspruch. Da seit der Kaiserkrönung Ottos des Großen 962 das deutsche Königtum mit der römischen Kaiserwürde verbunden war, hatten die Päpste stets ein hohes Interesse an einem Mitwirkungsrecht an der deutschen Königswahl. Doch solange der Ausgang des Konflikts offen war, hielt sich der Papst zurück, um nicht auf der Seite des Verlierers zu stehen.

Um seiner Entscheidung mehr Gewicht zu verleihen, soll nach neueren Forschungen eine welfische Fürstengruppe um Erzbischof Adolf von Köln vorgeschlagen haben, dass zwei geistliche und zwei weltliche Fürsten – die Erzbischöfe von Köln und Mainz sowie der Pfalzgraf bei Rhein und der Herzog von Sachsen – analog zu einem paritätisch besetzten Schiedsgremium – den entscheidenden Wahlausschuss bilden sollten. Zu diesen vier seien dann zu Beginn des 13. Jahrhunderts jeweils ein weiterer geistlicher und ein weltlicher Fürst getreten: der Erzbischof von Trier und der Markgraf von Brandenburg. Nach älterer Forschungsmeinung soll Innozenz III. die Auffassung vertreten haben, für eine rechtmäßige Wahl sei die Zustimmung der drei rheinischen Erzbischöfe und des Pfalzgrafen bei Rhein unerlässlich, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts um den Herzog von Sachsen und den Markgrafen von Brandenburg erweitert worden seien.

Um 1230 stellte der Sachsenspiegel des Eike von Repgow fest: „Bei des Kaisers Kur soll der erste sein der Bischof von Mainz, der zweite der von Trier, der dritte der von Köln.“ Dann folgen die drei weltlichen Fürsten. Dem König von Böhmen spricht das Werk das Wahlrecht noch ausdrücklich ab, „weil er kein Deutscher ist“. Neuere Theorien gehen davon aus, dass er erst ab 1252 zu den Königswählern gezählt wurde, als das Kurkollegium sich als alleinige Wahlinstanz durchgesetzt hatte und Pattsituationen vermieden werden sollten.

Erstmals trat das Kurkollegium 1257, nach dem Tod König Wilhelms von Holland, als exklusive Institution in Erscheinung, die alle übrigen Reichsfürsten von der Wahl ausschloss. In einer Doppelwahl bestimmte es Alfons von Kastilien und Richard von Cornwall zu Wilhelms Nachfolger. Jeder Kandidat erhielt jeweils drei Stimmen. Ottokar II., König von Böhmen, gab beiden seine Stimme. Keiner der beiden Gewählten konnte seine Herrschaftsrechte je faktisch ausüben, so dass das Interregnum bis zur Wahl Rudolfs von Habsburg im Jahr 1273 andauerte. Die Zeit des Interregnums stärkte die Position der Kurfürsten erheblich, was sich vor allem im 14. Jahrhundert zeigen sollte. An der Wahl Rudolfs I. hatte auch der König von Böhmen wieder teilgenommen. Seine dauernde Zugehörigkeit zum Kollegium konnte er aber erst 1289 durchsetzen. Während der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert ruhte die böhmische Kurwürde erneut.

Mit der Wahl von 1308, in der alle sechs anwesenden Kurfürsten Heinrich von Luxemburg zum römisch-deutschen König bestimmten, wurde das neue Selbstverständnis des Kurkollegiums sichtbar. Zusammen mit dem neuen König gab es seine Entscheidung Papst Clemens V. nur noch bekannt, ohne um die päpstliche Approbation zu bitten. Damit machte es deutlich, dass seine Entscheidung für eine gültige Königswahl ausreichte und dass diese keiner zusätzlichen Bestätigung mehr bedurfte. Die Wahl machte zudem deutlich, dass die Kurfürsten nach den Erfahrungen mit Adolf von Nassau und Albrecht I., die beide eine teils gegen die Kurfürsten gerichtete Hausmachtpolitik betrieben hatten, strikt auf die Wahrung ihrer Rechte achteten und vom neuen König verlangten, diese zu respektieren. Der Handlungsspielraum des Königtums wurde dadurch erheblich eingeschränkt, auch wenn Heinrich VII. seine Macht etwa dadurch zu stärken suchte, dass er sich Böhmen als Hausmacht sicherte und in Italien die Erneuerung des Kaisertums anstrebte.

Kurverein zu Rhense 1338

Der König im Kreis der sieben Kurfürsten, gotischer Türzieher am Lübecker Rathaus

1338 schlossen sich die Kurfürsten im Kurverein zu Rhense (Landkreis Mayen/Koblenz) enger zusammen, um sich künftig vor Königswahlen miteinander abzustimmen. Aus dem Kurverein ging später der Kurfürstenrat des Reichstags hervor. Zudem bestimmten die Kurfürsten in Rhens, dass dem Papst kein Approbationsrecht zustehe und dass der von ihnen zum König Gewählte nicht dessen Zustimmung benötige. In dem von der älteren Forschung so genannten Rhenser Weistum vom 16. Juli 1338 heißt es:

„Nach Recht und seit alters bewährter Gewohnheit des Reiches bedarf einer, der von den Kurfürsten des Reiches oder, selbst bei Unstimmigkeit, von der Mehrheit derselben zum römischen König gewählt ist, keiner Nomination, Approbation, Konfirmation, Zustimmung oder Autorität des apostolischen Stuhles für die Verwaltung der Güter und Rechte des Reiches oder für die Annahme des Königstitels.“

Zum Abschluss kam diese Entwicklung 1508, als sich Maximilian I. mit Zustimmung des Papstes, aber ohne eigens von ihm gekrönt worden zu sein, „Erwählter Römischer Kaiser“ nannte. Der Titel „Römischer König“, den die Herrscher des Reiches seit 1125 zwischen ihrer Wahl zum König und ihrer Krönung zum Kaiser getragen hatten, blieb von da an dem zu Lebzeiten eines Kaisers gewählten Nachfolger vorbehalten.

Nach Karl V. wurde kein Kaiser mehr durch den Papst inthronisiert. Die Krönung der römisch-deutschen Könige und Kaiser erfolgte ursprünglich, von 936 bis 1531, in Aachen durch den Erzbischof von Köln. Von der Königswahl Maximilians II. 1562 bis zum Ende des alten Reiches fanden die Wahl und die Krönung üblicherweise in Frankfurt statt, zuletzt 1792. Bei der Krönung übten die Kurfürsten – später nur noch ihre Stellvertreter – die sogenannten Erzämter (archiofficia) aus, die fest mit der Kurwürde verbunden waren.

Veranstaltung vom 08.05.2019

Bestimmungen der Goldenen Bulle 1356

Trierer Exemplar der Goldenen Bulle mit dem Goldsiegel Karls IV.

Ausschnitt aus einer Handschrift der Goldenen Bulle aus der Wenzelswerkstatt: links der Kaiser, damals zugleich König von Böhmen, mit sechs Kurfürsten, rechts der Kölner Kurfürst. (Entstanden im Auftrag König Wenzels, 1400, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 338).

Seit dem Tod des Stauferkaisers Friedrichs II. waren die Kurfürsten vom dynastischen Prinzip, also von der Wahl eines Mitglieds der herrschenden Dynastie, zu sogenannten „springenden Wahlen“ übergegangen. Damit gehörte praktisch jeder Reichsfürst zu den möglichen Thronkandidaten. Die Kronprätendenten mussten sich die Wahl durch umfangreiche Zugeständnisse erkaufen, etwa mit der Verleihung von Privilegien an die Kurfürsten, die in Wahlkapitulationen genau festgehalten wurden. Darüber hinaus mussten die Kandidaten seit dem Ende des 12. Jahrhunderts zum Teil immense Geldzahlungen an die Kurfürsten leisten. All dies stärkte Macht und Unabhängigkeit der Landesfürsten im Reich auf Kosten der königlichen Zentralgewalt und hatte eine fortschreitende territoriale Zersplitterung Deutschlands zur Folge.

Um Thronfolgefehden und die Aufstellung von Gegenkönigen künftig zu vermeiden, ließ Kaiser Karl IV. 1356 die genauen Rechte und Pflichten der Kurfürsten und das Verfahren der deutschen Königswahl, die sich bis dahin gewohnheitsrechtlich herausgebildet hatten, in der Goldenen Bulle endgültig rechtlich fixieren. Die Bulle erfüllte ihre befriedende Wirkung und bildete bis 1806 die Grundlage der Verfassungsordnung des alten Reichs.

Sie bestimmte, dass der Erzbischof von Mainz als Erzkanzler für Deutschland binnen 30 Tagen nach dem Tod des letzten Königs die Kurfürsten in Frankfurt am Main zusammenzurufen habe. Bevor sie dort, im Kaiserdom St. Bartholomäus, zur Wahl eines Nachfolgers schritten, mussten sie schwören, ihre Entscheidung „ohne jede geheime Absprache, Belohnung oder Entgelt“ zu treffen. In den Wahlbestimmungen, die nach dem Vorbild des Konklaves zur Papstwahl gestaltet waren, hieß es weiter:

„Wenn nun die Kurfürsten oder ihre Gesandten in vorerwähnter Form und Weise diesen Eid geleistet haben, sollen sie zur Wahl schreiten und fortan die ehgenannte Stadt Frankfurt nicht verlassen, bevor die Mehrzahl von ihnen der Welt oder Christenheit ein weltliches Oberhaupt gewählt hat, nämlich einen römischen König und künftigen Kaiser. Falls sie dies jedoch binnen dreißig Tagen, vom Tag der Eidesleistung an gerechnet, noch nicht getan haben, sollen sie von da an, nach Verlauf dieser dreißig Tage, forthin nur Brot und Wasser genießen und keinesfalls aus besagter Stadt weggehen, bevor sie oder die Mehrzahl von ihnen einen Herrscher oder ein weltliches Oberhaupt der Gläubigen gewählt haben, wie oben steht.“

Die Stimmabgabe der Kurfürsten erfolgte nach deren Rang: Als erster stimmte der Erzbischof von Trier ab, als zweiter der Erzbischof von Köln, dem auch das Krönungsrecht zustand, solange Aachen, das in seiner Erzdiözese lag, die Krönungsstadt war. Als dritter folgte der König von Böhmen als gekrönter weltlicher Fürst, als vierter der Pfalzgraf bei Rhein, der während einer Thronvakanz oder bei Abwesenheit des Kaisers aus Deutschland als Reichsvikar amtierte, d. h. als Stellvertreter des Königs in allen Ländern, in denen fränkisches Recht galt. Zudem fungierte er bei Rechtsverstößen des Herrschers als Königsrichter. An fünfter Stelle folgte der Herzog von Sachsen als Reichsvikar für alle Länder sächsischen Rechts und an sechster der Markgraf von Brandenburg. Obwohl ranghöchster Kurfürst, stimmte der Erzbischof von Mainz als letzter ab, so dass sein Votum bei Stimmengleichheit den Ausschlag geben konnte.

Wie schon der Kurverein von Rhense erklärte auch die Goldene Bulle, dass die Königswahl ohne Zustimmung des Papstes rechtsgültig sei. Die im Kurverein durchgesetzte Mehrheitsentscheidung anstelle der zuvor als notwendig erachteten Einstimmigkeit wurde erneut bestätigt.

Die Goldene Bulle legte darüber hinaus eine jährliche Versammlung aller Kurfürsten fest, in der sie sich mit dem Kaiser beraten sollten. Weitere Bestimmungen betrafen die besonderen Privilegien und Regalien der Kurfürsten: Sie erhielten Immunität, das Münzrecht, das Zollrecht, das Judenregal sowie das Privilegium de non evocando und das Privilegium de non appellando. Das heißt: Weder durfte der Kaiser einen Rechtsstreit an sich ziehen, der unter die Jurisdiktion eines Kurfürsten fiel, noch konnten deren Untertanen gegen Urteile ihrer obersten Gerichte Berufung bei kaiserlichen Gerichten einlegen, auch nicht bei dem im 16. Jahrhundert geschaffenen Reichskammergericht und dem Reichshofrat. Ein Kurfürst wurde mit 18 Jahren großjährig, und Angriffe auf ihn galten als Majestätsverbrechen.

Um eine Zersplitterung oder Vermehrung der Kurstimmen zu verhindern, wurden die Kurfürstentümer zu unteilbaren Territorien (Kurpräzipuum) erklärt. Im engeren Sinne versteht man unter dem Kurfürstentum an sich nur das Kurpräzipuum, also das Territorium, an das die Kurwürde gebunden war. Das heißt etwa, dass, wenn vom Kurfürstentum Sachsen die Rede war, dies eigentlich nur das kleine Herzogtum Sachsen-Wittenberg, den sogenannten Kurkreis, meint. Aufgrund der Bedeutung des Titels eines Kurfürsten wurde der Begriff Kurfürstentum stets auf das gesamte durch einen Kurfürsten regierte Gebiet ausgeweitet. So bestand das Kurfürstentum Sachsen ab dem 15. Jahrhundert im Wesentlichen aus der alten Markgrafschaft Meißen und landgräflich-thüringischen Gebieten sowie später der Lausitz, wobei das Kurpräzipuum, das eigentliche Kernkurfürstentum um Wittenberg, nur einen kleinen Teil des so genannten kursächsischen Territoriums, der Erblande, ausmachte. Die Begriffsbezeichnung Kurfürstentum wanderte also, dem wesentlich größeren Gebietsumfang südlich des Kurpräzipuums geschuldet, elbaufwärts. Genaugenommen ist der Träger der Kurwürde Kurfürst des Reiches und weiterhin Herzog, Markgraf oder Pfalzgraf in seinen Gebietskonglomeraten. Der kurfürstliche Titel erlaubte es den Kurfürsten jedoch, diesen geschickt zur staatsterritorialen Vereinheitlichung zu nutzen. So gelang es Kurfürsten bis Anfang des 18. Jahrhunderts, meist alle in ihrem Besitz stehende Territorien unter dem Mantel der Kurwürde in den Kurstaat zu integrieren und dadurch staatsrechtlich und administrativ zu vereinheitlichen.

Die Unteilbarkeit begrenzte sich also de facto und de jure nur auf das Kurpräzipuum selbst, das heißt, dass sonstige Territorien, die zum Besitz des Kurfürsten gehörten, selbstverständlich weiterhin geteilt vererbt werden konnten. Dies veranschaulicht der Fall Kurfürst Johann Georgs I. von Sachsen, der teils erbländische, also bereits in den Gesamtkurstaat integrierte Territorien, teils staatsrechtlich noch stark selbständige Gebiete, etwa ehemals bischöflichen Besitz, aus dem Erbe des Kurprinzen herauslöste und seinen nachgeborenen Söhnen testamentarisch als Sekundogenituren zusprach. Der Kurkreis mit der Kurwürde und die große Mehrheit des restlichen Territorialbesitzes verblieben jedoch beim Erstgeborenen. Eine ähnliche Rechtssituation hatte 1485 zur Leipziger Teilung geführt, bei der de facto das Kurfürstentum geteilt wurde, nämlich bereits gut integrierte Gebiete wie der größte Teil der Markgrafschaft Meißen an den Zweitgeborenen Herzog Albrecht gelangten, während die mehrheitlich thüringischen Gebiete mit Kurkreis und Kurwürde an den Erstgeborenen Ernst gingen. Alleiniger Nachfolger eines weltlichen Kurfürsten im Kurpräzipuum konnte also immer nur dessen ältester ehelicher Sohn oder, falls er keinen legitimen männlichen Nachkommen hatte, sein nächster männlicher Agnat sein. Die Kurerben und Thronfolger eines weltlichen Kurfürsten wurden Kurprinzen genannt, die der geistlichen Kurfürsten waren noch zu Lebzeiten gewählte Koadjutoren, die jedoch noch der Bestätigung durch das Domkapitel bedurften. Während der Minderjährigkeit eines Kurfürsten regierte dessen nächster volljähriger männlicher Agnat, beispielsweise der Onkel des Kurfürsten, als Kuradministrator.

Der zweite Teil der Bulle, das Metzer Gesetzbuch, behandelte insbesondere protokollarische Fragen, die Steuererhebung sowie die Strafen für Verschwörungen gegen Kurfürsten.

Kurfürsten in der frühen Neuzeit

In der Frühen Neuzeit hatten zwischen 1500 und 1806 insgesamt 131 Personen die Kurfürstenwürde inne.

Politische Rolle

Die Kurfürsten konnten trotz Anfeindungen anderer Reichsfürsten bis zum Ende der frühen Neuzeit das exklusive Recht der Königswahl sowie die Formulierung der Wahlkapitulationen behalten. Wollten die Kaiser nicht die Chance der Königswahl ihrer Nachfolger aufs Spiel setzen, waren sie auf ein gutes Verhältnis zu den Kurfürsten angewiesen. Dies bestimmte im 16. und 17. Jahrhundert zumeist das kaiserliche Verhalten. Da in einer Zeit ohne dauernden Reichstag die politische Abstimmung zwischen Kaiser und Reichsständen nur schwierig möglich war, haben die Reichsoberhäupter sich mit den Kurfürsten beraten, wenn sie nicht den Anschein eines allzu selbstherrlichen Handelns erwecken wollten. Dieser Linie folgten etwa Ferdinand I. oder Maximilian II. Dagegen war die Rücksprache zur Zeit Karls V. oder Rudolfs II. deutlich geringer ausgeprägt. Als wichtigste Partner der Kaiser in der Reichspolitik wurden die Kurfürsten auch als „innerste Räte“ bezeichnet. Das Kurkolleg galt als „cardo imperii“ (Hauptachse des Reiches), als Scharnier zwischen Kaiser und Reichsständen. Dabei spielten die Kurfürstentage eine wichtige Rolle.

Der Zusammenschluss der Kurfürsten in dem 1558 erneuerten Kurverein forderte ein starkes reichspolitisches Engagement und ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für das Reichsganze. Auch wenn es keine Pflicht war, ließen sich die meisten Kurfürsten auf die Prinzipien des Kurvereins vereidigen. Der Kurverein diente dabei auch als Instanz zur Verteidigung der kurfürstlichen Standesinteressen und zur Bewahrung der besonderen Vorrechte.

Die Machtposition der Kurfürsten wurde bereits durch deren Zeitgenossen kritisiert. Insbesondere Gottfried Wilhelm Leibniz sah im Kurfürstenkollegium eine übermächtige Oligarchie. Allerdings schwankte die Bedeutung der Kurfürsten im Verlauf der frühen Neuzeit deutlich. Bis 1630 hing ihre politische Rolle stark von der Bereitschaft der jeweiligen Kaiser ab, die Kurfürsten in die Reichspolitik einzubinden oder eben nicht.

Die religiöse Spaltung im Zeitalter der Konfessionalisierung am Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts führte zu einer tiefen Krise des Kurfürstenkollegs. Zunehmend spielten die unterschiedlichen konfessionspolitischen Interessen eine wichtigere Rolle als die gemeinsame Sorge um das Reich. Insbesondere die rheinischen geistlichen Kurfürsten agierten als Block zur Wahrung der katholischen Interessen. Dies änderte sich während des Dreißigjährigen Krieges teilweise wieder. Die Kurfürsten und die Kurfürstentage übernahmen teilweise Funktionen des lahmgelegten Reichstags und wandten sich gegen die zeitweilig erstarkende kaiserliche Macht. Als die Kurfürsten jedoch 1636 eigenmächtig eine Reichssteuer ausschrieben, führte dies zum Widerstand der anderen großen Reichsstände. Auch propagandistisch wurde die Auseinandersetzung zwischen Kurfürsten und Reichsfürsten über fast ein halbes Jahrhundert ausgetragen. Spätestens in den 1680er Jahren waren die Kurfürsten mit dem Anspruch auf eine politische Vorreiterrolle faktisch gescheitert, büßten ihre zeremoniellen Vorrechte aber nicht ein. Kennzeichnend war, dass nach 1640 Kurfürstentage nur noch anlässlich der Königswahlen stattfanden.

Veränderung des Kurfürstenkollegiums

Zur ersten Erweiterung des Kurfürstenkollegiums kam es im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges. Herzog Maximilian I. von Bayern verlangte für die Hilfe, die er Kaiser Ferdinand II. bei der Vertreibung des sogenannten Winterkönigs, des pfälzischen Kurfürsten Friedrich V., aus Böhmen geleistet hatte, die Kurwürde seines wittelsbachischen Vetters. Mit der Oberpfalz wurde dem Herzog die pfälzische, die vierte Kur übertragen – 1623 zunächst nur ihm persönlich, 1628 auch für seine Nachkommen. Der Streit um die pfälzische Kur spielte eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen des Westfälischen Friedens. Beigelegt wurde er schließlich 1648 durch die Neueinrichtung einer achten Kurwürde für die Pfalzgrafen. Eine neunte Kur für Österreich konnten die Habsburger dagegen ebenso wenig durchsetzen wie das votum decisivum, die bei Stimmengleichheit im Kurfürstenkollegium entscheidende Stimme für Böhmen.

Erfolg im Streben nach einer neunten Kur hatte dagegen 1692 Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg. Er hatte die Titelerhöhung von Kaiser Leopold I. als Ausgleich für seine Waffenhilfe im Pfälzischen Erbfolgekrieg gegen Frankreich verlangt. Dabei spielte auch eine Rolle, dass nach dem Übergang der Kurpfalz an eine katholische Linie des Hauses Wittelsbach das evangelische Element im Kurfürstenkollegium gestärkt werden sollte. Als der Kaiser dem Herzog eigenmächtig die Kurwürde für dessen Teilfürstentum Calenberg verlieh, protestierten die übrigen, meist katholischen, Kurfürsten. Dadurch gelang es Leopold I., als konfessionelle Kompensation die Readmission (Wiederzulassung) seiner eigenen, böhmischen Kurstimme durchzusetzen. So konnten die Habsburger als Könige von Böhmen fortan wieder an allen kurfürstlichen Beratungen teilnehmen, was ihnen ab dem späten 15. Jahrhundert außer bei Königswahlen verwehrt gewesen war. Der Reichstag stimmte 1708 beidem zu, der Reaktivierung der böhmischen und der Zulassung der neuen Kurwürde der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg.

Da die Kurfürsten von Hannover, wie sie inoffiziell genannt wurden, mit Georg I. 1714 auf den britischen Thron gelangten und ab da beide Ämter in Personalunion ausübten, hatten die Könige von England von da an ein Mitspracherecht bei der deutschen Königswahl.

Als die bayerischen Wittelsbacher 1777 im Mannesstamm ausstarben, fiel deren vierte Kurwürde gemäß den Bestimmungen des Westfälischen Friedens 1648 sowie der Wittelsbachischen Hausverträge von 1329 (Vertrag von Pavia), 1724 (Wittelsbacher Hausunion), 1776, 1771 und 1774 an ihre Erben, die gleichfalls wittelsbachischen (nun aber katholischen) Pfalzgrafen bei Rhein. Deren eigene, pfälzische Kurwürde wiederum, die achte Kur, erlosch. Dies wurde mit dem Frieden von Teschen 1779 vollzogen.

Ende des Kurfürstenamts

Während der Napoleonischen Kriege annektierte Frankreich das gesamte linke Rheinufer und damit weite Gebiete der vier rheinischen Kurfürsten. Im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurden daraufhin die geistlichen Kuren von Trier und Köln aufgehoben und die Mainzer Kurwürde auf das Fürstentum Regensburg-Aschaffenburg übertragen. Für das in ein weltliches Herzogtum Salzburg umgewandelte Erzstift Salzburg, für Württemberg, die Markgrafschaft Baden und die Landgrafschaft Hessen-Kassel wurden vier neue Kuren eingerichtet, so dass deren Zahl nunmehr auf zehn stieg. Im Kurkollegium, in dem es bis dahin immer ein katholisches Übergewicht gegeben hatte, herrschte nun erstmals Parität: Den fünf protestantischen Kurfürsten von Brandenburg, Hannover, Württemberg, Baden und Hessen-Kassel standen ebenso viele katholische gegenüber: die von Sachsen, die seit 1697 wieder katholisch waren, Pfalz-Bayern, Böhmen und Salzburg sowie der Kurerzkanzler mit Regensburg-Aschaffenburg. Schon zwei Jahre nach dieser Neuregelung, im Frieden von Preßburg, fiel das Herzogtum Salzburg, das als habsburgische Sekundogenitur von Kurfürst Ferdinand regiert wurde, an das Kaisertum Österreich. Um Ferdinand zu entschädigen wurde für ihn noch am 26. Dezember 1805 das Großherzogtum Würzburg geschaffen, auf das auch die Salzburger Kurwürde überging. Auswirkungen auf die Reichspolitik hatten alle diese Neuregelungen jedoch nicht mehr, da keiner der neuen Kurfürsten mehr an einer Kaiserwahl teilnehmen konnte. 1806 legte Kaiser Franz II. als Reaktion auf die Bildung des Rheinbundes die Krone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation nieder, das damit aufhörte zu bestehen. Damit verlor auch das Kurfürstenamt seine Funktion.

Kurfürstentum Hessen-Kassel

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft, auf dem Wiener Kongress, strebte Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel, der 1803 die Kurwürde erhalten hatte, den Titel „König der Chatten“ an. Die Bezeichnung stützte sich auf den germanischen Stammesnamen der Hessen. Trotz erheblicher Bestechungsgelder gelang es ihm nicht, diesen Anspruch durchzusetzen. Er durfte allerdings den Titel „Kurfürst“ behalten, mit dem persönlichen Prädikat „königliche Hoheit“. Danach wurde die Bezeichnung „Kurfürstentum Hessen“ (umgangssprachlich auch kurz: „Kurhessen“) weithin gebräuchlich, zur Unterscheidung von der durch Napoleon zum Großherzogtum Hessen erhobenen vormaligen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Im weiteren Sinne bezeichnete Kurhessen bzw. Kurfürstentum Hessen die Gesamtheit der von dem Kurfürsten regierten Territorien, die dann erst mit der Verwaltungsreform von 1821 unter einheitliche Verwaltung gestellt wurden. Das Kurfürstentum Hessen wurde nach seiner Niederlage im Krieg von 1866 von Preußen annektiert und ging damit unter. Gleichwohl überlebte die Bezeichnung in einigen Namen, etwa dem der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Reichsfürst und Reichsfürstenrat

Ein Reichsfürst (lateinisch princeps regni bzw. imperii) war im Heiligen Römischen Reich ein Adliger, der ursprünglich sein Lehen nur und unmittelbar vom König bzw. Kaiser erhalten hatte. Es bestand eine lehnsrechtliche und staatsrechtliche Reichsunmittelbarkeit. Als später auch geistliche Reichsfürsten einzelnen weltlichen Reichsfürsten reichsunmittelbare Herrschaften zu Lehen ausgaben, behielten diese Lehen (als Reichsafterlehen) ihre immediate Qualität.

Zu einem eigenen Stand im Rechtssinne bildete sich der Reichsfürstenstand im Spätmittelalter heraus. Der Titel eines Reichsfürsten und die darin enthaltene Reichsunmittelbarkeit in Verbindung mit fast unbeschränkter Landeshoheit bildete eine gewisse rechtliche Sicherheit dagegen, dass ein anderer, mächtigerer Adliger einen Fürsten von sich abhängig machte.

Geschichte

In vielen Fällen bildete ausgedehnter Eigenbesitz (Allodien) die Basis der sich bildenden Landesherrschaften. Auch wurde vor der Mitte des 12. Jahrhunderts der Begriff Fürst (lateinisch princeps, „der Erste“) in einem allgemeinen, weitgefächerten Sinne verwendet und bezeichnete hochgestellte Geistliche und Laien, mitunter aber auch Ministeriale. Nach unten war der Begriff nicht genau abgegrenzt. Mit „Fürst“ war eher die soziale als die rechtliche Rolle des so Bezeichneten gemeint.

<<<< Ministeriale:

Im Frühmittelalter waren die Ministerialen zunächst auf lokaler Ebene und ab dem 11. Jahrhundert als unfreie Verwalter und Soldaten für Königsgüter und Klöster, später auch für den Adel tätig. Im 13. Jahrhundert bildete sich aus Teilen dieser ursprünglich unfreien Schicht der Stand des niederen oder ritterbürtigen Adels heraus, andere Teile wanderten in die Führungsschichten der Städte ab (Patriziat). Ihre soziale und ökonomische Stellung war sehr unterschiedlich.

Veranstaltung vom 14.05.19

Im 7. Jahrhundert tauchte im Merowingischen Reich die Bezeichnung „ministeriales“ für höhergestelltes, aber höriges Hofgesinde auf. Dies blieb bis in die Zeit der Karolingerdynastie hinein so – erst hier lässt sich der Begriff „ministerialis“ grob definieren als Inhaber eines Amtes oder Aufgabenbereiches, eines „ministerium“. Erst im 11. Jahrhundert, in dem sich die Ministerialen begannen auszubreiten, sollte sich der Begriff als endgültige Bezeichnung für eine privilegierte Gruppe unfreier Dienstmannschaften durchsetzen. Aus diesen Kreisen rekrutierte sich ein Hauptteil der hochmittelalterlichen Ritterschaft, auch wenn die Begriffe sachlich nicht deckungsgleich sind. Seit dem 13. Jahrhundert wurden die Ministerialen immer mehr de facto wie Freie behandelt. Heute wird in der historischen Forschung deutlich zwischen Ministerialen des Königs (Reichsministerialen), der Kirche und des Adels unterschieden.

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Ab etwa 1180 (Gelnhäuser Urkunde) blieb der Titel des Fürsten beziehungsweise Reichsfürsten dann aber einem ausgewählten, mit besonderen Vorrechten ausgestatteten Kreis von weltlichen und geistlichen Adligen vorbehalten.

<<<<< Gelnhäuser Urkunde:

Die Gelnhäuser Urkunde vom 13. April 1180 ließ Kaiser Friedrich I. auf dem Hoftag zu Gelnhausen ausfertigen. Das kaiserliche Diplom richtete sich gegen Heinrich den Löwen und hatte die Aufteilung des Stammesherzogtum Sachsen zum Inhalt.

Vorausgegangen waren nach dem Zerwürfnis zwischen Kaiser Friedrich und Heinrich dem Löwen 1179 zwei Verfahren gegen Heinrich. Das Fürstengericht auf dem Reichstag in Würzburg beschloss 1180 die Aberkennung der Reichslehen. Auf dem Hoftag in Gelnhausen ging es um die Teilung des Stammesherzogtums Sachsen. Später fand in Altenburg eine vergleichbare Versammlung in Sache des Herzogtums Bayern statt.

Vorgeschichte

Vorausgegangen waren nach dem Zerwürfnis zwischen Kaiser Friedrich und Heinrich dem Löwen 1179 zwei Verfahren gegen Heinrich. Das Fürstengericht auf dem Reichstag in Würzburg beschloss 1180 die Aberkennung der Reichslehen. Auf dem Hoftag in Gelnhausen ging es um die Teilung des Stammesherzogtums Sachsen. Später fand in Altenburg eine vergleichbare Versammlung in Sache des Herzogtums Bayern statt.

Inhalt

Der Beschluss wurde in der Gelnhäuser Urkunde für den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg ausgefertigt. Der Text beginnt in der Narratio mit der Zusammenfassung der Vorwürfe gegen Heinrich den Löwen:

„Demgemäß soll die Allgemeinheit der gegenwärtigen wie der künftigen Getreuen des Reiches erfahren, wie Heinrich, ehemals Herzog von Bayern und Westfalen, dadurch, dass er die Freiheit der Kirchen Gottes und der Edlen des Reiches hart unterdrückte, indem er ihre Besitztümer an sich riss und die Rechte derselben einschränkte, aufgrund immer wieder erhobener Klagen der Fürsten und der meisten Edlen trotz Vorladung, vor unserer Majestät zu erscheinen, sich weigerte und infolge dieses seines Trotzes gegen die Fürsten und seine schwäbischen Standesgenossen den Spruch unserer Acht auf sich gezogen hat. Weiterhin hat er nicht aufgehört, die Rechte und die Freiheiten der Kirche, den Fürsten und Edlen des Reiches streitig zu machen sowohl durch das Unrecht jenen gegenüber, als auch durch Missachtung, die er uns gegenüber mehrfach zeigte, wie besonders aufgrund offensichtlicher Auflehnung, weswegen er nach Lehnrecht dreimal gesetzlich zu unserm Gericht aufgerufen wurde, und, weil er fernblieb und für sich auch keinen Bevollmächtigten schickte, wurde er als widersetzlich beurteilt und ihm demgemäß das Herzogtum Bayern wie das von Westfalen und Engern, wie auch sämtliche Lehen, die er vom Reiche hatte, auf einstimmigen Beschluss der Fürsten auf dem in Würzburg feierlich abgehaltenem Reichstag aberkannt und unserer Gerichtsbarkeit und Macht überantwortet.“

Über die Beschlüsse (Dispositio) heißt es in den Regesten zu den Urkunden Friedrich I. zusammenfassend:

„Friedrich beurkundet, er habe das Herzogtum Westfalen-Engern (Sachsen), das ihm infolge der Verurteilung des ehemaligen Herzogs Heinrich ebenso wie Bayern und die anderen Reichslehen des Löwen zugefallen war, aufgrund eines Spruches der Fürsten mit Zustimmung des Herzogs Bernhard geteilt, den im Bereich der Bistümer Köln und Paderborn gelegenen Teil der Kölner Kirche geschenkt und ihm dem Erzbischof Philipp zu Lehen gegeben.“

– 1180, April 13, Gelnhausen

Bedeutung

Die Urkunde ist eine zentrale Quelle für den Prozess gegen Heinrich den Löwen. Sie besiegelte das Ende des alten Stammesherzogtums Sachsen. Der in den Diözesen Köln und Paderborn gelegene Teil des Herzogtums wurde dem Kölner Erzbischof unterstellt. Dies bedeutete den Anfang des Herzogtums Westfalen. Als Herzog im übrigen Sachsen wurde Bernhard von Anhalt als dux Saxoniae eingesetzt. Weil dieser Aspekt in der Gelnhäuser Urkunde nur knapp erwähnt wird, hat es darüber möglicherweise eine weitere Urkunde für Bernhard gegeben. Ungeregelt blieben die Verhältnisse in weiteren großen Teilen des alten Herzogtums. Unberücksichtigt etwa blieben das Gebiet der Bistümer Münster und Hamburg-Bremen, Magdeburg sowie die von Heinrich dem Löwen neu gewonnenen Ostgebiete. 1181 erhielt Heinrich der Löwe den welfischen Eigenbesitz zwischen Oberweser und Niederelbe zurück.

Von Bedeutung über den Fall selbst hinaus ist, dass in der Urkunde erstmals die Reichsfürsten als ein herausgehobener und von den übrigen Dynasten abgegrenzter Stand genannt werden.

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Für die Zugehörigkeit zu den weltlichen Reichsfürsten musste die Regalienbelehnung, also die Zuweisung von ursprünglich königlichen Rechten, wie der Erhebung von Zöllen und dem Recht der Münzprägung, durch den König selbst erfolgt sein. Dadurch wurde diesen die dritte der Heerschildstufen im Reichslehnsverband zugewiesen und machte sie zu Teilhabern an der Reichsgewalt. Den ersten Schild hielt der König/Kaiser, den zweiten die Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte/Äbtissinnen. Die Trennlinie verlief somit zwischen dem dritten Schild der weltlichen Fürsten und dem der freien Herren, die den vierten Schild trugen.

Ursprünglich galt für die weltlichen Reichsfürsten auch, dass diese ihr Lehen unmittelbar vom König erhalten haben mussten. Da aber viele weltliche Adlige Reichsabteivogteien als Lehen von geistlichen Fürsten erhalten hatten, wurde wohl mit Rücksicht auf diese auch zugelassen, dass eine lehnsrechtliche Abhängigkeit nicht nur vom Reich, sondern auch von geistlichen Reichsfürsten bestehen durfte. Der Sachsenspiegel wies dementsprechend den weltlichen Fürsten die dritte Stufe der Heerschildfolge zu.

Das Kriterium der Reichsunmittelbarkeit der Lehen war aber für die Erlangung der Reichsstandschaft der späteren Reichsfürsten (und Reichsgrafen) nicht ausreichend, da auch viele Grafen und freie Herren über reichsunmittelbaren Besitz verfügten, der aber den Zugang zum Reichsfürstenstand allein nicht ermöglichte. Deshalb gab es noch weitere landesrechtliche Kriterien, das heißt, der Fürst musste über eine einem Herzogtum ähnliche übergeordnete Gebietsherrschaft über ein Land (fast souveräne Landeshoheit) mit hoher Gerichtsbarkeit verfügen. Seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts musste auch eine förmliche Erhebung in den Reichsfürstenstand stattfinden, wie es erstmals im Jahr 1235 bei der Erhebung der welfischen Eigengüter zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg durch Kaiser Friedrich II. erfolgte, wodurch Herzog Otto das Kind zugleich in den Reichsfürstenstand erhoben wurde. Ein weiteres Beispiel ist im Jahr 1292 die Erhebung des hessischen Landgrafen Heinrichs I. in den Reichsfürstenstand. Für die seit alters her als Reichsfürstentümer geltenden Territorien wie die Markgrafschaft Brandenburg oder die Pfalzgrafschaft bei Rhein erfolgten allerdings keine nachträglichen Erhebungen.

Um das Jahr 1190 lassen sich 92 geistliche, aber nur 22 weltliche Adlige, die von 14 Geschlechtern gestellt wurden, ermitteln, die als Reichsfürsten anerkannt waren. Zu den weltlichen Reichsfürsten gehörten der König von Böhmen, die Herzöge des Reiches, die Markgrafen von Brandenburg, Meißen und Namur, der Pfalzgraf bei Rhein, der Landgraf von Thüringen und der Graf von Anhalt. Durch Standeserhebung und Teilung infolge von Erbschaften von Territorien und Aufnahme in den Reichsfürstenstand aus Gewohnheitsrecht wurde das zahlenmäßige Missverhältnis zwischen geistlichen und weltlichen Reichsfürsten bis zum Ende des Mittelalters etwas korrigiert.

Der Prozess der Herausbildung und Ausdifferenzierung der Definition des Reichsfürstenstandes zog sich bis zum 14. Jahrhundert hin.

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1521 zählten zu den geistlichen Reichsfürsten die vier Erzbischöfe von Magdeburg, Salzburg, Besançon und Bremen sowie 46 Bischöfe, deren Zahl sich durch die Reformation bis 1792 auf die zwei Erzbischöfe und 22 Bischöfe reduzierte.

Im Gegensatz dazu erhöhte sich die Anzahl der weltlichen Reichsfürsten auf mehr als das Doppelte. 1521 gab es nur 24 weltliche Reichsfürsten. Im ausgehenden 18. Jahrhundert hingegen 61 stimmberechtigte weltliche Reichsfürsten im Reichsfürstenrat. 1582 wurde auf dem Augsburger Reichstag die Anzahl der Reichsfürsten durch dynastische Zufälle eingeschränkt und die Reichsstandschaft an das Territorium des Fürsten (Fürstentum) gebunden.

Daneben gab es zunehmend die Reichs-Titularfürsten, die – ohne die Reichsstandschaft zu erlangen – durch den Kaiser den Fürstentitel nur als Standeserhöhung verliehen bekamen, ohne dass damit politische Rechte verbunden waren. Diese neuen Fürsten waren bemüht, reichsunmittelbare Territorien zu erwerben. Dies war nicht immer erfolgreich.

(Titular-)Reichsfürsten, geordnet nach dem Jahr der Verleihung des Titels

•             1515 Mikołaj Radziwiłł (durch Kaiser Maximilian I.)

•             1529 Wolter von Plettenberg

•             1524 Augustin (Monaco)

•             1547 Mikołaj Czarny Radziwiłł

•             1566 Peter II. Erdődy

•             1576 Margaretha von der Marck-Arenberg

•             1594 Peter Ernst II. von Mansfeld

•             1600 Abraham II. von Dohna

•             1623 Johann Georg (Hohenzollern-Hechingen); Johann (Hohenzollern-Sigmaringen); Zdeněk Vojtěch Popel von Lobkowitz; Maximilian von Liechtenstein; Gundaker von Liechtenstein; Philipp Otto zu Salm; Hans Ulrich von Eggenberg; Rheingrafen

•             1624 Dietrichstein (Adelsgeschlecht); Franz Seraph von Dietrichstein

•             1637 Dönhoff

•             1652 Johann Moritz (Nassau-Siegen)

•             1653 Auersperg

•             1654 Cirksena; Nassau-Dillenburg

•             1655 Heinrich Casimir II. (Nassau-Dietz)

•             1664 Hermann Egon (Fürstenberg-Heiligenberg) und dessen Brüder

•             1670 Johann Adolf I. zu Schwarzenberg

•             1674 Grafen von Oettingen-Oettingen; Christine Luise von Oettingen-Oettingen

•             1682 Johann Caspar von Ampringen; Georg Friedrich (Waldeck-Eisenberg)

•             1684 Siegmund von Dietrichstein

•             1687 Paul I. Esterházy de Galantha

•             1689 Albrecht (Sachsen-Coburg); Leopold Philipp Montecuccoli

•             1697 Schwarzburg-Rudolstadt; Schwarzburg-Sondershausen

•             1707 Leopold Mathias Sigismund von Lamberg

•             1711 Maximilian Karl (Löwenstein-Wertheim-Rochefort); Johann Leopold Graf Trautson; Weißpriach (Adelsgeschlecht)

•             1720 Simon Heinrich Adolf (Lippe)

•             1712 Friedrich Anton Ulrich (Waldeck-Pyrmont)

•             1723 Joseph (Fürstenberg-Stühlingen); Beauvau (Adelsgeschlecht)

•             1736 Horn (niederländisch-belgisches Adelsgeschlecht)

•             1742 Friedrich Carl zu Stolberg-Gedern; Georg zu Solms-Braunfels; Ernst zu Solms-Braunfels; Georg Friedrich zu Solms-Braunfels

•             1747 Kinsky

•             1752 Sułkowski

•             1763 Hieronymus von Colloredo (Erzbischof)

•             1764 Friedrich II. von Hohenlohe-(Neuenstein-)Oehringen; Ludwig (Hohenlohe-Langenburg); Johann Joseph von Khevenhüller-Metsch

•             1767 Clary und Aldringen

•             1769 Paar (Adelsgeschlecht); Thurn und Taxis

•             1774 Alexandre-Marie-Léonor de Saint-Mauris de Montbarrey

•             1777 Vinzenz Joseph von Schrattenbach

•             1778 Heinrich XI. (Reuß-Greiz)

•             1790 Schönburg (Adelsgeschlecht); Franz Xaver Wolfgang von Orsini-Rosenberg; Reuß-Lobenstein; Vinzenz von Orsini-Rosenberg

•             1803 Fugger-Babenhausen; Sinzendorf (Adelsgeschlecht); Joseph Anton von Waldburg-Wolfegg-Waldsee; Waldburg-Zeil

•             1804 Wilhelm zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein; Friedrich Carl zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein; Windisch-Graetz

•             1805 Ferdinand von Trauttmansdorff

•             1806 Haus Reuß

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Ursprüngliche rechtliche Stellung

Die Reichsfürsten genossen viele Vorrechte und Privilegien. Dazu gehörten das Führen des fürstlichen Titels und der fürstlichen Prädikate (beispielsweise die Anrede „Durchlaucht“, lateinisch „illustris“) im offiziellen Schriftverkehr, zeremonielle Ehrenrechte und -ämter und bestimmte Privilegien im gerichtlichen Verfahren. Als wichtigste dieser Vorrechte besaßen Reichsfürsten besondere Herrschaftsrechte. Diese waren das Recht auf Teilnahme an der Wahl des Königs, was aber bereits 1356 wieder auf einen kleinen Kreis der Reichsfürsten, die Kurfürsten, eingeschränkt wurde, das Recht, Grafen (aber keine Reichsgrafen) und freie Herren ohne Reichsstandschaft als Vasallen zu haben, das Recht zur Einrichtung von Hofämtern sowie die Verfügung über Zoll-, Gerichts- und Münzregalien. Im Gegensatz zu den Reichsgrafen des Reichsfürstenrats, die sich im Laufe der Zeit in vier Reichsgrafenkollegien gruppierten und über nur vier sogenannte Kuriatstimmen verfügten, wurde jedem Zweig der reichsfürstlichen Familien eine Virilstimme zugestanden (die so viel wog wie eine Kuriatstimme).

Reichsfürsten in der Frühen Neuzeit

Nach der Reichsmatrikel von 1521 zählten zu den geistlichen Reichsfürsten die vier Erzbischöfe von Magdeburg, Salzburg, Besançon und Bremen sowie 46 weitere Bischöfe. Diese Zahl verringerte sich bis 1792 auf 33, darunter die beiden Erzbischöfe von Salzburg und Besançon und 22 Bischöfe. Die protestantisch gewordenen Erzbistümer Magdeburg und Bremen und die Bistümer insbesondere im Norden und Nordosten, die zunächst nach der Reformation unter der Herrschaft protestantischer Administratoren standen, waren weitgehend in den Jahrzehnten nach der Reformation bzw. mit Ende des Dreißigjährigen Krieges durch benachbarte Fürsten säkularisiert worden und schieden damit aus dem Stand der geistlichen Reichsfürsten aus. Hinzu kamen Mediatisierungen und das Ausscheiden von Gebieten aus dem Reich. So wurden zum Beispiel die Bistümer Wallis, Genf und Lausanne eidgenössisch und Cambrai, Verdun, Metz und Toul französisch.

Zu den Reichsfürsten des Mittelalters und der frühen Neuzeit zählten auch die regierenden Häuser aus Reichsitalien. Der kaiserliche Besitz, vor allem in Oberitalien, zerfiel seit dem Hochmittelalter in zahlreiche Lehen des Reiches. Darunter waren zehn größere Gebiete und etwa 250 kleinere Lehen. Im Reich war der Erzbischof von Köln als Reichserzkanzler für Italien zuständig, zu den Lehnsnehmern des Reiches und damit zu den Reichsfürsten zählten damit Häuser wie die Este (seit 1452 im Herzogtum Modena), die Medici (seit 1575 im Großherzogtum Toskana), die Gonzaga (seit 1433 im Herzogtum Mantua), die Ludovisi (im Fürstentum Piombino) oder die Doria (seit 1760 in Torriglia). Das Herzogtum Savoyen (im Piemont) gehörte zumindest bis zur Erhebung zum Königtum 1720 zu Reichsitalien; das Land hatte insofern eine Sonderrolle, weil es zum oberrheinischen Reichskreis gehörte und Sitz sowie Stimme im Reichstag hatte.

Entgegen der Anzahl der geistlichen Reichsfürsten, die sich bis zum Ende des Reiches um zwei Drittel reduzierte, erhöhte sich die Anzahl der weltlichen Reichsfürsten auf mehr als das Doppelte. Die Wormser Reichsmatrikel von 1521 zählte noch 24 weltliche Reichsfürsten. Ende des 18. Jahrhunderts werden hingegen 61 Stimmen weltlicher Reichsfürsten im Reichsfürstenrat aufgeführt. Ursache hierfür sind die Säkularisationen ehemals geistlicher Reichsfürsten, für deren Territorien die weltlichen Fürsten, denen das Gebiet zugefallen war, weiterhin eine Stimme im Reichsfürstenrat führten. Ferner ist die Stimmenvermehrung zurückzuführen auf die Erhebung einer Reihe adliger Familien in den Reichsfürstenstand mit Reichsstandschaft durch den Kaiser. Einige Beispiele hierfür sind die Erhebungen der Grafen von Ostfriesland, Waldeck, Fürstenberg, Liechtenstein, Nassau, Schwarzburg, Salm sowie Thurn und Taxis in den Reichsfürstenstand. Ein weiterer Grund für die Vermehrung der weltlichen Reichsfürsten ist die Aufspaltung von Adelsgeschlechtern in mehrere Seitenlinien. So bildeten sich im Lauf der Zeit je fünf pfälzische und sächsische, vier braunschweigische, drei badische sowie je zwei fränkisch-brandenburgische, pommersche, mecklenburgische, hessische und holsteinische Linien.

Immerhin wurde bereits 1582 auf dem Augsburger Reichstag die Anzahl der Reichsfürsten durch dynastische Zufälle eingeschränkt. Die Reichsstandschaft wurde an das Territorium des Fürsten gebunden. Erlosch eine Dynastie, übernahm der neue Territorialherr die Reichsstandschaft, im Falle von Erbteilungen übernahmen sie die Erben gemeinsam.

Der Reichsfürstenrat im Reichstag, auch Fürstenbank genannt, bestand aus der Geistlichen Bank und der Weltlichen Bank. Basis für die Ermittlung der Stimmberechtigung der Reichsfürsten waren die Reichsmatrikeln, die bei den einzelnen Geschlechtern die reichsunmittelbaren Herrschaften benennen. Besonders im 14.–16. Jahrhundert sind sie stellenweise fehlerhaft, weil nicht berechtigte Geschlechter sich „einschlichen“, um ihre Bedeutung zu steigern und sich der Landesbesteuerung der großen Territorien zu entziehen, auch mit eigenen Territorien von sehr zweifelhafter Reichsunmittelbarkeit.

Die bedeutendsten unter den Fürsten waren an Macht und Größe der regierten Territorien zumindest den geistlichen Kurfürsten überlegen und forderten deshalb seit dem zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts eine politische und zeremonielle Gleichstellung der Reichsfürsten mit den Kurfürsten.

Von den Reichsfürsten mit Reichsstandschaft, also den reichsunmittelbaren Reichsfürsten mit Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat des Reichstags zu unterscheiden, sind die bloßen Reichs-Titularfürsten, also solche Fürsten, die, ohne die Reichsstandschaft zu erlangen, durch den römisch-deutschen Kaiser ihren Fürstentitel als bloßen Titel verliehen bekamen, der zwar im ganzen Reich gültig war, jedoch weder eine Standeserhöhung bedeutete, noch die Reichsstandschaft implizierte.

Reichsfürstenrat oder Fürstenbank war etwa seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis 1806 die Bezeichnung für das Kollegium (Kurie) der Reichsfürsten im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Neben dem Reichsfürstenrat bestand der Reichstag aus dem Kurfürstenkollegium und dem Reichsstädtekollegium.

Zusammensetzung

Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts schlossen sich Fürsten, Reichsgrafen, einige reichsunmittelbare Herren, die Bischöfe der Hochstifte sowie die Reichsprälaten zusammen. Sie waren damit bei den Reichstagen das zweite Kollegium dieser Art nach dem Kurfürstenkollegium. Es ging ihnen um die Durchsetzung ihrer Positionen gegenüber dem Kaiser und den Kurfürsten. Der Reichsfürstenrat war die mitgliederstärkste Kurie bei den Reichstagen. Sie war durch die unterschiedliche Art ihrer Mitglieder auch das am wenigsten homogene Gremium.

Der Reichsfürstenrat gliederte sich in eine weltliche und eine geistliche Bank.

Dabei lag die Führung der geistlichen Bank bei weltlichen Reichsständen, nämlich bei dem Erzherzog von Österreich und dem Herzog von Burgund. Hintergrund war, dass sich Österreich mit seinem Anspruch auf die Führung der weltlichen Bank gegen das Herzogtum Bayern nicht durchsetzen konnte und es daher als Ausweg die Stimmführung auf der geistlichen Bank übernehmen durfte. Ähnlich war die Situation auch im Fall Burgund, dessen Stimme auch die (spanischen) Habsburger innehatten. Es folgte im Rang das Fürsterzbistum Salzburg. Der Erzbischof von Bisanz (Besançon) gehörte zwar offiziell bis 1678 zum Reich, nahm aber an den Reichstagen nicht mehr teil. Neben den Hochstiften und den Äbten einiger reichsunmittelbaren Klöster gehörten auch der Hoch- und Deutschmeister des Deutschen Ordens sowie der Großprior des Johanniterordens zur geistlichen Bank. Die geistliche Bank hatte am Ende des Reiches 37 Stimmen. Davon waren 35 Viril- und 2 Kuriatstimmen.

Eine Sonderrolle nahmen die Hochstifte Lübeck und Osnabrück ein. Obwohl protestantisch geworden, existierte das Bistum Lübeck als Hochstift weiter. Im Fall des Hochstifts Osnabrück wechselten protestantische und katholische Bischöfe einander ab. Da beide Gebiete weder zur weltlichen noch zur geistlichen Bank passten, bildeten sie die sogenannte Querbank zwischen beiden Gremien.

Stimmrechte

Die Mitglieder hatten je nach Bedeutung Viril- oder Kuriatstimmen. Virilstimmen standen den Fürsten zu. Sie waren zu Beginn an die Person des jeweiligen Fürsten gebunden. Beim Aussterben einer Familie konnte die Stimme dem Territorium verloren gehen. Allerdings stieg die Zahl der Virilstimmen bei Aufspaltung einer Familie in mehrere Fürstenlinien an. Im Jahr 1582 endete diese Praxis. Die Stimmen wurden an die Territorien gebunden. Der Zugang zum Reichsfürstenstand wurde gleichzeitig erschwert. Das Territorialprinzip hatte zur Folge, dass Reichsfürsten, die über mehrere Gebiete mit Stimmrecht verfügten, diese Stimmen auch abgeben konnten. Die Hohenzollern der Markgrafschaft Brandenburg etwa verfügten über acht Stimmen.

Die kleineren Grafen und Herren verfügten nur über die gemeinschaftlichen Kuriatstimmen. Es entstanden im Laufe der Zeit vier regionale Kollegien von Grafen und Herren, die jeweils eine Kuriatstimme hatten. Dies waren der Wetterauer Grafenverein, das schwäbische, das fränkische und das Niederrheinisch-Westfälische Reichsgrafenkollegium. Auf der geistlichen Bank schlossen sich die nichtfürstlichen Reichsprälaten im schwäbischen und Rheinischen Reichsprälatenkollegium zusammen. Zusammen hatten die kleineren Territorien und Prälaten seit 1653 sechs Kuriatstimmen. Die Fürsten kamen dagegen am Ende des 18. Jahrhunderts auf 94 Virilstimmen. Die Stimmabgabe erfolgte nach einer festgelegten „Aufrufordnung“ immer abwechselnd zwischen Geistlicher und Weltlicher Bank.

Direktorium

Das Direktorium des Reichsfürstenkollegium lag abwechselnd beim Erzherzogtum Österreich und beim Fürsterzbistum Salzburg. Während der Sitzungen hatte Österreich (directorium agens) und sonst Salzburg (directorium qiescens) den Vorsitz.

Mit dem im Privilegium Maius (1453 rechtsgültig) erhobenen Anspruch auf Gleichrangigkeit mit den Kurfürsten war die Forderung nach dem Direktorium Österreichs im Reichsfürstenrat verbunden, nachdem die Tür zum Kurfürstenkolleg nachhaltig verschlossen blieb.

<<<Das Privilegium maius (lat.; „großer Freiheitsbrief“) gilt als eine der geschicktesten Urkundenfälschungen des Mittelalters, wodurch die Dynastie der Habsburger eine Reihe von Sonderrechten (Privilegien) erlangte bzw. bereits gewährte Sonderrechte schriftlich zusammengefasst wurden. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bildete sich aus ihm das staatsrechtliche Fundament für das Zusammenwachsen der von ihnen beherrschten „österreichischen“ Länder.>>>>>>>>

Hier traf das Erzhaus auf den erbitterten Widerstand seiner ärgsten Widersacher im Reich, dem Hause Wittelsbach. Als Herzog von Bayern übte es bisher das Direktorium aus und war nicht bereit, den ersten Rang auf der Weltlichen Bank aufzugeben. Der Kompromiss, der es schließlich allen Beteiligten erlaubte, das Gesicht zu wahren, ist typisch für das komplizierte, aber dennoch letztlich wirkungsvolle Zusammenwirken der politischen Kräfte im Alten Reich. Österreich und das ebenfalls von Habsburg regierte Burgund nahmen auf der Geistlichen Bank Platz. Der Erzbischof von Salzburg räumte den bisher eingenommenen Rang und wurde dafür am Direktorium des Reichsfürstenrats beteiligt, das nun vom Erzherzogtum Österreich, dem Herzogtum Burgund und dem Erzbistum Salzburg alternierend ausgeübt wurde. Da die Aufrufordnung des Reichsfürstenrats stets von der Geistlichen zur Weltlichen Bank sprang, erhielt Österreich # 1, Bayern # 2, Burgund # 3, Magdeburg # 4 und Salzburg # 5. Somit war gewährleistet, dass Habsburg, Wittelsbach und Hohenzollern über das anstatt des säkularisierten Erzbistums gebildete und von der Geistlichen auf die Weltliche Bank gewechselte Herzogtum Magdeburg an der Leitung dieses für die Reichspolitik entscheidenden Gremiums beteiligt waren.

Freie und Reichsstädte

Als freie Städte und Reichsstädte wurden seit dem 15. Jahrhundert jene weitgehend autonomen Stadtgemeinden des Heiligen Römischen Reiches bezeichnet, die im Städtekollegium des Reichstags vertreten waren. Die eigentlichen Reichsstädte unterstanden keinem Reichsfürsten, sondern direkt dem Kaiser, waren also reichsunmittelbar. Dagegen hatten die Freien Städte zwar noch einen Bischof als nominellen Landesherrn, besaßen aber Selbstverwaltungsrechte und Privilegien, die sie den Reichsstädten de facto gleichstellten. Daher entstand im Laufe der Zeit die unkorrekte, volkstümliche Sammelbezeichnung „freie Reichsstadt“, obwohl nur wenige Städte gleichzeitig freie Stadt und Reichsstadt waren.

Reichsunmittelbarkeit und Freiheit

Aus dem Status der Reichsunmittelbarkeit ergab sich für die Reichsstädte eine Reihe von Freiheiten und Privilegien. Sie waren im Inneren weitgehend autonom und besaßen im Allgemeinen eine eigene niedere und hohe Gerichtsbarkeit. Insbesondere die Hochgerichtsbarkeit stellte sie den Fürsten gleich und unterschied sie von den landständischen Städten, die einem Landesherrn untertan waren. Als Reichsstände hatten die Reichsstädte aber auch besondere Pflichten gegenüber dem Kaiser. So hatten sie ihre Steuern direkt an ihn abzuführen und auf Verlangen Heerfolge zu leisten.

Zu den freien Städten zählten die Bischofsstädte Basel, Straßburg, Speyer, Worms, Mainz, Köln und Regensburg. Sie hatten ihren Status durch kaiserliche oder bischöfliche Privilegien erlangt, die denen der Reichsstädte ähnlich waren. Unterschiede bestanden beispielsweise darin, dass sie dem Kaiser außer auf Kreuzzügen keine Heerfolge leisten und keine Steuern an ihn entrichten mussten.

Ursprünglich wurde zwischen Reichsstädten (beziehungsweise in der damaligen Terminologie „königlichen Städten“), die reichsunmittelbar waren, und den freien Städten, die sich von einem bischöflichen Stadtregiment im 13. und 14. Jahrhundert befreit hatten, unterschieden. Die freien Städte waren nicht zur Steuerzahlung an den Kaiser verpflichtet und unterlagen ihm gegenüber nicht dem Gefolgszwang. Zu ihnen gehörten unter anderem Lübeck, Utrecht, Köln, Augsburg, Mainz (bis 1462), Worms, Speyer, Straßburg, Basel und Regensburg. Bei einigen blieb der Bischof jedoch formal weiterhin Stadtoberhaupt.

Reichsstädte verdanken ihre Freiheit oft dem Aussterben oder dem Machtverlust des Geschlechts des jeweiligen Landesherrn. So wurde beispielsweise Zürich 1218 nach dem Erlöschen der Hauptlinie der Zähringer Reichsstadt, und Schaffhausen wurde von König Sigismund nach der Ächtung Friedrichs IV. von Österreich zur Reichsstadt erhoben, um dessen Machtbasis zu schmälern. Häufig entstanden Reichsstädte aus den Stadtgründungen, welche die 1245 entmachteten Staufer im 12. und 13. Jahrhundert vorgenommen hatten, oder sie waren schon zuvor im Besitz der Könige und Kaiser. Aus diesem Grunde war die Zahl der Reichsstädte im deutschen Südwesten sowie in Thüringen und im Elsass, der ehemaligen Hochburg der Staufer, überdurchschnittlich groß. Dort bestand eine beträchtliche Zahl relativ kleiner Landstädte, die dennoch den Status einer Reichsstadt erwerben konnten (wie zum Beispiel Memmingen, Kaufbeuren, Ravensburg, Wangen im Allgäu, Pfullendorf, Buchau, Wimpfen, Bopfingen, Dinkelsbühl, Feuchtwangen, Rothenburg ob der Tauber, Schwäbisch Hall, Weil der Stadt, Mülhausen, Colmar, Weißenburg, Windsheim, Hagenau, Schlettstadt, Annweiler): Einerseits war das 12. und 13. Jahrhundert die Zeit der Städtegründungen, und andererseits ist es nach dem Untergang der Staufer keiner Territorialmacht mehr gelungen, deren früheren Besitz ihrer vollständigen Landeshoheit zu unterwerfen. Eine Hoheit gegenüber den ehemals staufischen Städten zu erzwingen, die von den Kaisern schon viele Freiheiten erhalten hatten, war nur in wenigen Fällen möglich. Da sich diese Städte nur noch dem gewählten römischen König oder Kaiser unterstellten, erwarben die meisten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nach dem Interregnum den Status als Reichsstadt.

Überdies konnten sich im Laufe der Zeit viele freie Städte vom Rest ihrer geistlichen Stadtherrschaft emanzipieren (bei anderen ging der Status der freien Stadt wieder verloren). Später nahmen die freien Städte zusammen mit den Reichsstädten an den Reichstagen teil. Die teilnehmenden Städte wurden unter dem Begriff „Freie und Reichsstädte“ zusammengefasst. Aus dieser Formel entstand durch Verkürzung der Begriff „freie Reichsstadt“.

Aufschwung

Nach dem Interregnum 1273 errangen die Reichsstädte und die freien Städte im Laufe der Zeit ihren neuen verfassungsmäßigen Status und damit auch Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Seit 1489 bildeten sie das Reichsstädtekollegium und waren regelmäßig auf den Reichstagen vertreten. Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelte sich der Städtetag zu einer bedeutenden Institution der freien und Reichsstädte im Heiligen Römischen Reich.

Damals große Städte wie Frankfurt am Main, Ulm, Schwäbisch Hall, Rothenburg, Augsburg und Nürnberg konnten ihr Territorium weit über die Stadtgrenzen hinaus ausdehnen. Die größte territoriale Ausdehnung erreichten die Reichsstädte im Südwesten Deutschlands, wo es keine großen Fürstentümer gab. Die größte territoriale Ausdehnung aller Reichsstädte erreichte die Stadt Bern.

Etliche Reichsstädte wurden im Laufe der Zeit von der Königsherrschaft an benachbarte Landesherrschaften verpfändet, so wie die Stadt Nimwegen im Jahre 1247 an die Grafen von Geldern, die Stadt Duisburg im Jahre 1290 an die Grafen von Kleve oder auch die Stadt Eger an die Könige von Böhmen. Da das Königtum meist nicht genügend Finanzmittel aufbringen konnte, um die Pfandsummen auszulösen, konnte dies das Ende der Reichsunmittelbarkeit für die betroffenen Städte bedeuten. Hierbei ist zu unterscheiden, ob der Status der Reichsstadt erhalten blieb oder ob vom Pfandnehmer die Übernahme (Mediatisierung) erfolgte, was zum Verlust der Reichsunmittelbarkeit führte. Bei den Reichspfandschaften ist zu bemerken, dass beginnend mit Karl V., der in seiner Wahlkapitulation vom 3. Juli 1519 den Reichsfürsten ausdrücklich alle Regalien, Privilegien und Pfandschaften bestätigte, alle nachfolgenden Kaiser des Heiligen Römischen Reiches in ihren Wahlkapitulationen den Reichsfürsten zusicherten, sie im Besitz der Pfandschaften zu belassen. Wichtig waren bei Verpfändungen das Festschreiben des Status der Einrichtung, die Modalitäten der Auslösung des Pfandes und die Befreiung von Belastungen und Beschwernissen der Bürger bzw. Einschränkung deren Freiheiten – wie zum Beispiel im Falle Feuchtwangens in der Urkunde vom 9. März 1380 als Ergänzungen zur Verpfändungsurkunde von 1376 geschehen.

Um dem Schicksal der Mediatisierung, die zum Herabsinken in den Status einer Territorialstadt geführt hätte, zu entgehen, brachten einige der betroffenen Städte im Alleingang die Pfandsumme auf. Andere Städte wurden durch kriegerische Maßnahmen benachbarter mächtiger Landesherren bedroht. Als Abwehr dieser Gefahr wurde zum Beispiel der Süddeutsche Städtebund gegründet, der verhindern sollte, dass viele schwäbische Städte unter die Herrschaft der Grafen von Württemberg fielen.

In vielen Städten wurde seit der Verwaltungsreform unter Kaiser Karl V. der sogenannte Hasenrat eingeführt, der durch den Adel und die Patrizier gebildet wurde und die Ständeversammlung nach und nach unwirksam machte.

Anpassung an die Adels- und Fürstengesellschaft

Karte: Freie und Reichsstädte innerhalb des Heiligen Römischen Reiches 1648

Karte: Freie und Reichsstädte innerhalb des Heiligen Römischen Reiches 1792

Mit dem Westfälischen Frieden 1648 ging die Landvogtei über die elsässischen Reichsstädte an Frankreich, und im Rahmen der Reunionen besetzte Frankreich 1681 das Elsass.

Die den Reichsstädten wie den anderen Reichsständen im Westfälischen Frieden zugesicherten Rechte wie Bündnis- und Gesandtenrecht waren auch der Grundstein für eine bemerkenswerte Dynamik gerade im außenpolitischen Bereich. Im 17. und 18. Jahrhundert waren nicht nur die Vertreter der großen Mächte auf dem diplomatischen Parkett zu finden, sondern auch Bürgermeister, Syndiker und Ratsherren.

Lange Zeit wurde die Reichsstadt der frühen Neuzeit von den Historikern als einsamer Vorläufer der bürgerlichen Welt inmitten der aristokratischen Umwelt bewertet, was immer wieder zu Missverständnissen führte. Mit modernen Republiken, aber auch mit den vormodernen Republiken wie Venedig oder den Vereinigten Niederlanden, hatten die Reichsstädte indes in der Regel nichts zu tun. Die Tendenz, selbst als Glied der adligen Welt anerkannt zu werden, bestimmte die Politik vieler Reichsstädte, darunter Augsburg, Nürnberg, Köln, Frankfurt, Bremen und selbst kleinerer Kommunen wie Schwäbisch Hall.

Das herkömmliche Bild über die angeblich düsteren Zustände in den Reichsstädten des 18. Jahrhunderts hat seinen Ursprung ebenfalls in der Projektion ökonomischer Rationalität im modernen Sinne, die aber gerade nicht das Handeln von Ratsherren, Zünften und Bürgern bestimmte. Ebenso wie die Beschreibung der deutschen Geschichte in der Frühen Neuzeit als Verfallsgeschichte einem historischen Missverständnis entspricht, folgt auch die negative Bewertung der Reichsstädte in dieser Epoche zum Teil anachronistischen Vorstellungen („Niedergang“). Für viele epochale historische Prozesse boten Reichsstädte die Bühne (Buchdruck, die Reformation, Friedenskongresse). Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts behaupteten Reichsstädte ihre kulturelle, soziale und politische Stellung, insofern man sie, wie auch die Reichsgrafen und Reichsritter, als mindermächtige Glieder des Reiches versteht.

Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurden 45 der 51 noch bestehenden Reichsstädte mediatisiert und benachbarten Fürstentümern eingegliedert. Lediglich Augsburg, Nürnberg, Frankfurt am Main, Bremen, Hamburg und Lübeck behielten den Status mit verminderten Rechten. Augsburg und Nürnberg wurden 1805/1806 von Bayern mediatisiert; die vier anderen blieben unabhängig über den Wiener Kongress 1815 hinaus und wurden in der Folge souveräne Staaten innerhalb des Deutschen Bundes.

Freie Städte nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches

Die schon 1648 rechtlich aus dem Heiligen Römischen Reich ausgeschiedenen Schweizer Reichsstädte gingen mit der Mediationsakte von 1803 in den aus dem jeweiligen Stadtgebiet und dessen Untertanengebiet neu gegründeten souveränen Kantonen auf und existieren als politische Einheiten bis heute. Auf ehemalige Reichsstädte gehen damit die Kantone Basel, Bern, Freiburg, Luzern, Schaffhausen, Solothurn und Zürich zurück; die einstige Reichsstadt St. Gallen, die über kein Untertanengebiet verfügte, wurde zusammen mit verschiedenen anderen Territorien zum neu geschaffenen Kanton St. Gallen vereinigt. Zugleich wurden die bisherigen Städte zu politischen Gemeinden der neuen Kantone.

Im Deutschen Bund gab es nach 1815 noch vier freie Städte: Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt am Main. Frankfurt am Main verlor seine Unabhängigkeit 1866 nach der Annexion durch Preußen; Lübeck wurde 1937 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz ebenfalls in Preußen eingegliedert. Die Länder Bremen und Hamburg konnten ihre auf reichsstädtischen Traditionen beruhende Stellung als eigenständige Stadtstaaten bis heute bewahren.

Liste von freien und Reichsstädten

Das auf Gewohnheitsrechten und Einzelprivilegien basierende Verfassungsgeflecht des Reiches, bei dem auch einander widersprechende Einzelbefunde nicht ausbleiben, lässt sich nur schwer generalisieren und strukturieren. Es gibt daher keine bindenden Kriterien, ob und in welchem Zeitraum eine Stadt als eine freie und/oder Reichsstadt anzusehen ist; die Zahl der Städte ist im Verlauf stärkeren Schwankungen unterworfen. Um mit Beginn der Verfestigung der Verfassung des Reiches Ende des 15. Jahrhunderts im vollsten Sinne freie Reichsstadt zu sein, musste eine Stadt grundsätzlich relativ selbständig politisch handeln können und die Reichsunmittelbarkeit besitzen, die Reichsstandschaft in Form der Teilnahme an den Hof- und Reichstagen im Rahmen der dortigen Versammlungen der Städte erhalten haben bzw. aktiv an den eigenen Städtetagen ab 1471 teilnehmen, und sie musste vom und für den Kaiser/König und das Reich verfügbar sein, d. h. sie war zu bestimmten Leistungen verpflichtet. Mit der Herauskristallisierung der beiden Bänke der Städteversammlung erhielt das Gefüge der freien Reichsstädte konkreteren und definitiveren Charakter; jedoch blieb das Gefüge der Städte im Fluss. Bremen wurde beispielsweise erst definitiv als freie Reichsstadt bestätigt, als das Gefüge der Städte bereits institutionellen Charakter angenommen hatte.

Für die früheren Zeiten ist es schwieriger, Kriterien zu bestimmen. Die faktische und rechtlich gesicherte Reichsunmittelbarkeit beispielsweise durch einen königlichen Freiheitsbrief war ein maßgebliches Kriterium. Die Reichsunmittelbarkeit konnte jedoch nicht nur zu-, sondern auch wieder aberkannt werden; Städte konnten an einen Landesherrn verpfändet werden. Die Erwähnung in den frühen, jedoch unzuverlässigen Reichsmatrikeln könnte als weiteres Indiz für das zeitweilige Bestehen als frühe freie bzw. Reichsstadt gewertet werden, ist aber allein keineswegs ausreichend, da auch Städte erwähnt werden, die tatsächlich nie oder faktisch nicht mehr dazugehörten. Unter dem Titel Frei- und reichsstett verzeichnet die auf dem Wormser Reichstag von 1521 aufgestellte Reichsmatrikel zum Beispiel 85 Städte. Davon waren jedoch einige niemals und weitere nur (noch) unsicher Reichsstädte; dafür fehlten Buchau und das noch nicht endgültig gefestigte Bremen (Reichsstadt sicher erst seit 1654/1731).

Reichsstädtekollegium

Das Reichsstädtekollegium (auch Reichsstädterat, Reichsstädtebank) war die Kurie der Freien und Reichsstädte des Reichstages des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Auf dem Reichstag von 1495 waren die Städte selbst noch unsicher, ob sie an den Beratungen teilnehmen sollten. Seit 1540 forderten sie ihre Teilnahme vernehmlich. Ihr Hauptargument war ihre Nähe zu Kaiser und Reich. Sie wollten nicht nur Leistungen in Form von Steuern oder durch das Stellen von Soldaten erbringen, sondern in reichspolitischen Fragen mitbestimmen. Die Neubildung der Städtekurie förderte die institutionelle Verfestigung der Reichstage.

Gegenüber den beiden höheren Kurien des Reichstages, dem Kurfürstenrat und dem Reichsfürstenrat, hatte die Stimme der Reichsstädte zunächst minderes Gewicht und konnte bei reichsfürstlichen Angelegenheiten ignoriert werden. Die beiden oberen Kurien konnten sich mit dem Kaiser einigen. Auch wenn dies nicht geschah, billigten sie den Städten kein Entscheidungsrecht zu. Erst der Abschied des Augsburger Reichstages von 1582 gestand dem Reichsstädtekollegium durch ein votum decisivum ein stärkeres politisches Gewicht zu. Der Westfälische Friede hat dies bestätigt. Allerdings konnten sie bei abweichenden Voten von Reichsfürstenrat und Kurfürsten dieses entscheidende Stimmrecht nicht automatisch zur Geltung bringen. Jedoch musste die Position der Reichsstädte dem Kaiser zur Approbierung oder Nichtapprobierung von Reichsgutachten vorgelegt werden.

Im Reichstag selbst hatten die Reichsstädte nur zwei kollektive Kuriatstimmen und nicht wie die Reichsfürsten Virilstimmen. Dies schwächte die Bedeutung des Kollegiums. Untergliedert war das Gremium in die schwäbische Städtebank und die rheinische Städtebank. Auf der schwäbischen Städtebank waren Nürnberg, Augsburg und Regensburg die bedeutendsten Reichsstädte, auf der rheinischen Städtebank waren es Köln, Lübeck und Frankfurt am Main. Vertreter der Reichsstädte auf den Reichsdeputationstagen waren seit 1555 Nürnberg und seit 1559 Köln.

Bis 1663 hatte stets der Stadtrat des gegenwärtigen Tagungsortes die Leitung des Reichsstädtekollegiums inne. Mit der Perpetuierung des Reichstages als Immerwährender Reichstag verblieb der Vorsitz der Kurie dauerhaft bei der Reichsstadt Regensburg. Die Städte selbst schickten aus Kostengründen nicht alle eigene Vertreter zum Reichstag. Nicht selten beauftragten sie einen Regensburger Bürger mit der Vertretung ihrer Interessen. Die Zahl der Mitgliedsstädte veränderte sich mit der Zu- und Abnahme der Reichsstädte. Die Reichsmatrikel von 1521 führten noch 86 Reichsstädte auf. Im Jahr 1791 gab es noch etwa 51 Reichsstädte. So schieden etwa in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Städte der elsässischen Dekapolis aus, die an Frankreich fielen. Einige, die wie Basel, Mülhausen oder Schaffhausen schon seit längerem zur Schweizerischen Eidgenossenschaft gehörten, zählten seit 1648 auch rechtlich zu dieser. Einige Reichsstädte verloren auch ihre Reichsunmittelbarkeit zu Gunsten eines Fürsten. Neu hinzugekommen im Vergleich zu 1521 war Bremen. Die Reichsstandschaft von Hamburg wurde von Dänemark erst 1768 anerkannt.

Mit dem Ende des alten Reiches erlosch auch das Gremium des Reichsstädtekollegiums. Bis auf Hamburg, Bremen, Lübeck, Frankfurt, Augsburg und Nürnberg wurden im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses alle Reichsstädte mediatisiert.

Veranstaltung vom 15.05.19

Reichsunmittelbarkeit

Als reichsunmittelbar, auch reichsfrei, wurden im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Heiligen Römischen Reich diejenigen Personen und Institutionen bezeichnet, die keiner anderen Herrschaft unterstanden, sondern direkt und unmittelbar dem Kaiser untergeben waren. Sie wurden als reichsunmittelbare Stände oder Immediatstände bezeichnet.

Personen

Man unterscheidet drei Gruppen von reichsunmittelbaren Personen oder Körperschaften:

1. jene, die persönlich zur Teilnahme an den Reichstagen berechtigt waren,

2. solche, die nur über Korporationen dort vertreten waren, und

3. jene, die nicht auf dem Reichstag erscheinen konnten.

Reichsunmittelbar – aber nicht zu den Reichsständen gehörig – waren die Reichsritter, eine Reihe von Klöstern (Männer- und Frauenklöster) und einige Freiorte oder Reichsdörfer. Diese reichsunmittelbaren Personen oder Körperschaften waren die direkten Vasallen des Kaisers, die im Mittelalter das Krongut gebildet hatten und wesentlich zahlreicher waren als am Ende des Reiches. In vielen Fällen war die Reichsunmittelbarkeit eines Ortes oder Klosters umstritten, denn die benachbarten Fürsten trachteten danach, die reichsunmittelbaren Gebiete ihren Territorien anzuschließen.

<<<<<<< Als Krongut, Krondomäne, Kronland oder Königsgut wurden im Mittelalter und in der frühen Neuzeit jene Gebiete eines Königreiches bezeichnet, die sich in direktem Besitz des Monarchen befanden, von der königlichen Kammer (in der Neuzeit) oder von Unfreien des Königs (im Mittelalter) verwaltet wurden und nicht als Lehen an Vasallen vergeben waren. Sie dienten ursprünglich der Finanzierung aller königlichen Bedürfnisse, seien es die Ausgaben für den Hof oder die Aufwendungen für das Militär. Die Verfügungsgewalt des Königs über die Krongüter konnte gesetzlich beschränkt sein, so war in manchen Ländern der Verkauf von Kronland nicht ohne Weiteres gestattet, wurde von den Königen aber trotzdem häufig z. B. durch Verpfändung praktiziert. >>>>>>>>>>>

Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 war die Reichsunmittelbarkeit der Fürstbischöfe, Reichsklöster und (mit wenigen Ausnahmen) auch der Reichsstädte beendet, d. h. diese bisher reichsunmittelbaren Stände wurden mediatisiert. In den folgenden Jahren verloren auch die meisten Ritterschaften, Grafschaften und kleineren Fürstentümer die Reichsunmittelbarkeit und wurden der Landesherrschaft größerer Fürstentümer unterstellt. Mit der Auflösung des Reichs 1806 hörte die Institution der Reichsunmittelbarkeit dann endgültig auf zu existieren.

Reichsunmittelbare Klöster

vor 739 Kloster Sankt Emmeram (Benediktiner, 1295 reichsunmittelbar, 1803 säkularisiert)

Das Reichskloster Sankt Emmeram war eine um 739 gegründete und bis zur Säkularisation 1803 bestehende Benediktinerabtei in Regensburg. Als Reichsabtei Sankt Emmeram (ab 1731 als Fürstabtei Sankt Emmeram) war sie im Bayerischen Reichskreis vertreten. Das Kloster entstand am Grab des als Märtyrer verehrten fränkischen Wanderbischofs Emmeram von Regensburg.

815 Reichsabtei Kornelimünster (Benediktiner, Gründer: Ludwig der Fromme, reichsunmittelbar, 1802 Aufhebung, 1906 Neugründung). Die Reichsabtei Kornelimünster war eine Abtei der Benediktiner in der gleichnamigen Ortschaft Kornelimünster in der Nähe von Aachen, die von 814 bis 1802 bestand.

967 Stift und Abtei Elten (freiweltliches Damenstift, Gründer: Graf Wichmann von Gent, 1129 reichsunmittelbar, 1802 säkularisiert). Das Stift Elten in Elten (heute Stadt Emmerich, im Kreis Kleve) wurde um 967 gegründet und bestand bis 1803/1811. Es handelte sich um ein reichsunmittelbares hochadeliges Damenstift.

1133 Kloster Waldsassen (Zisterzienser, Oberpfalz, Filialgründung des Klosters Volkenroda, Stifter: Markgraf Diepold III., 1147 reichsunmittelbar, 1556 Auflösung, 1661/69 Neugründung, 1803 Säkularisation, 1863 Neugründung durch Zisterzienserinnen). Das Kloster Waldsassen (lat. Abbatia B.M.V. Waldsassi) ist heute eine Abtei der Zisterzienserinnen in Waldsassen in der Oberpfalz im Bistum Regensburg in Ostbayern.

1240 Kloster Baindt, (Zisterzienserinnen, Stifter: Konrad von Winterstetten, 1376 reichsunmittelbar, aber der Reichsabtei Salem unterstellt). Graf Gottfried von Sigmaringen bestätigte im Jahr 1231 den Kauf etlicher Güter der Klosterfrauen zu Boos Baindt von Albrecht von Büttelschieß. 1240 wurde das Kloster nach einer Schenkung des Schenken Konrad von Winterstetten erbaut. Im Jahr 1376 erhielt die Nonnenabtei Baindt den Status einer Reichsabtei. In geistlichen Belangen fungierte der Abt von Salem als Abtweiser. Salem war im Reichsfürstenrat des Reichstages nur durch die Stimme des Schwäbischen Reichsprälatenkollegiums vertreten. Dabei stand Salem an der Spitze der Rangfolge, konnte jedoch (mit einer Ausnahme: Abt Anselm II.) nie den Direktor dieses Kollegiums stellen.

Reichsritterschaft

Die Reichsritterschaft war im Heiligen Römischen Reich die Gemeinschaft des reichsfreien Adels, der ein reichsunmittelbares (“immediates”) Lehensverhältnis zu Kaiser und Reich bewahren oder neu erlangen konnte.

Als 1495 der Reichstag zu einer festen Institution der Reichsverfassung wurde, erhielten  nur die Inhaber großer Reichslehen (Kurfürsten, Fürsten, Herzöge, Grafen sowie die Reichsprälaten) erbliche Sitze und wurden dadurch zu Reichsständen. Die ritterlichen Inhaber der kleinen Reichslehen hingegen, welche sich hauptsächlich in Süd- und Westdeutschland befanden, erhielten keine solchen Sitze und damit keine Reichsstandschaft. Sie schlossen sich daraufhin ab Mitte des 16. Jahrhunderts in 15 „Ritterorten“ (später „Kantone“ genannt) zusammen, um politisch ihre Interessen geltend zu machen. 1542 wurden genaue Matrikel über die Mitglieder angelegt. 1577 wurden die Ritterorte in drei „Ritterkreisen“ zusammengefasst: dem Fränkischen Ritterkreis, dem Schwäbischen Ritterkreis und dem Rheinischen Ritterkreis.

Die Mitglieder werden als Reichsritter bezeichnet, offiziell einfach als „Ritter“ (in Diplomen gelegentlich auch als „des Reichs Ritter“). Durch Erbschaft oder Kauf eines solchen Reichslehens konnte eine Adelsfamilie auch später noch in diese Ritterkreise aufgenommen werden. Das (historisch oft eher zufällige) Immediatverhältnis zum Reich stellte die Reichsritter als Angehörige des niederen Adels standesrechtlich aber nicht über solche Adlige, die lehnsrechtlich einem Landesherren unterstanden.

Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs 1806 wurden die drei Ritterkreise aufgelöst und die Reichsritter kamen durch Mediatisierung unter die Herrschaft von Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes. Am Ende des Alten Reiches umfasste die Reichsritterschaft etwa 350 Familien mit ungefähr 450.000 Untertanen.

Die Ursprünge der Reichsritterschaft sind in der adligen Vasallität des Hochmittelalters zu suchen. Im deutschen Südwesten konnten sich hier insbesondere die Dienstleute/Ministerialen der Staufer von der Unterordnung unter mächtigere Herren freihalten, nachdem das Königsgeschlecht 1268 in direkter Linie erloschen war. In der Folge versuchten zwar die Habsburger, sich als Herzöge von Schwaben zu etablieren. Weitere Versuche der Wiederherstellung des Herzogtums scheiterten, das Gebiet begann in zahlreiche kleine und größere Territorien zu zerfallen. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich im ehemaligen Herzogtum Franken.

Die „Reichsritterschaft“ konnte sich nur in Gebieten ohne eine starke Territorialmacht entwickeln und behaupten. Die direkte Lehnsbeziehung zum Reich war meist die Folge eines Aussterbens der ursprünglichen, mittelalterlichen Lehnsgeber, wodurch das Oberlehen an das Reich und sein Oberhaupt zurückgefallen (und anschließend nicht neu ausgegeben worden) war. Die Nachfahren der Reichsministerialen aus dem Hochmittelalter hingegen, die ihre Lehen schon immer direkt vom Reich genommen und über die Generationen ausgebaut hatten, waren gegen Ende des Mittelalters zumeist schon in den Grafenstand aufgestiegen und gehörten in ihrer Mehrzahl – sofern die jeweilige Familie dann noch existierte – ab 1495 zu den Reichsständen und damit zum Hochadel.

Als Vorläufer der Ritterkreise waren bereits im 14. und 15. Jahrhundert Adelsgesellschaften entstanden, die dem wachsenden Druck der benachbarten Fürsten eine genossenschaftliche Organisation entgegensetzen wollten. Diese Gesellschaften wurden jedoch mehrmals verboten, so etwa 1356 (Goldene Bulle) und 1396. Als gesellschaftliche oder religiöse Institutionen und Turniergesellschaften bestanden diese Bünde jedoch weiter, ihre Mitglieder konnten sich später oft in der Reichsritterschaft etablieren.

Ein großer Teil der späteren Reichsritterschaft entstammte der ehemaligen Ministerialität der Hochstifte, der Klöster und des Hochadels. Aber auch viele ehemals edelfreie Geschlechter hatten sich im Laufe des Hochmittelalters der Lehnshoheit mächtiger Herren unterworfen, auch um zur Absicherung jüngerer Söhne weitere Lehen erlangen zu können. Solche Dienstverhältnisse waren oftmals sehr lukrativ, die Dienstmannen erreichten hohe Stellungen an den Höfen. Die Lehnsbeziehung zum Reich stand also der Begründung gleichzeitiger Lehnsbeziehungen zu Landesherren (für andere Grundherrschaften) nicht entgegen. Die Mehrheit der schwäbischen Ritterschaft nahm etwa ihre 1561 vom Kaiser bestätigte Ordnung erst an, nachdem die Territorialmächte Württemberg und Pfalz ihnen zugesichert hatten, die von ihnen genommenen alten Lehen nicht zu entziehen.

Besonders im Umfeld der Reformation kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen der Ritterschaft mit den Territorialherren. Die Landfriedensverordnungen des Spätmittelalters hatten aber die Fehde als Mittel der ritterlichen Selbsthilfe drastisch eingeschränkt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwangen zudem einige Familien, ihren Eigenbesitz an die Landesherren zu veräußern.

Entstehung

Die Reichsritterschaft wird manchmal als der „Mörtel des Alten Reiches“ bezeichnet. Sie sicherte dem Kaiser einen gewissen Einfluss im Reichsgebiet und setzte den Ambitionen der umliegenden Territorialherren Grenzen. 1422 erlaubte deshalb Kaiser Sigismund die bis dahin faktisch illegalen Ritterbünde und wollte sie gar in eine große Reichsreform einbeziehen. Erst auf dem Wormser Reichstag von 1495 wurde die Reichsritterschaft als Korporation anerkannt. Auf diesem Reichstag wurde mittels eines Vertrages zwischen dem Kaiser und den Reichsständen der Reichstag als dauernde Institution der Reichsverfassung geschaffen und seine Sitze an die Reichsstände verteilt. Die Sitze waren an bestimmte Territorien gebunden, allerdings bekamen nur die Inhaber großer Reichslehen, sogenannter Fahnlehen und Zepterlehen, also Kurfürsten, Herzöge, Fürsten, Grafen und Reichsprälaten solche Sitze zugeteilt. Die Reichsritter, deren Grundherrschaften von der Größe her meist nur durchschnittlichen Rittergütern entsprachen, die von einem Landesfürsten zu Lehen gingen, erhielten keine solchen Sitze und damit keine Reichsstandschaft.

Neben ihren Reichslehen (und bisweilen zusätzlichen Lehen benachbarter Reichsfürsten) konnten die Ritter aber oft auch umfangreichen Allodialbesitz (Eigenbesitz) bewahren bzw. erwerben. Nach der blutigen Niederschlagung der Bauern- und Bürgerrevolten des frühen 16. Jahrhunderts erhielten viele Geschädigte zusätzlich hohe Entschädigungssummen, die zur Reparatur der alten Burgen, öfter aber zum Neubau repräsentativer Schlossanlagen verwendet wurden. Hier kam es oft zu weit überhöhten Forderungen, die den Rittern meist auch bewilligt wurden.

Zahlreiche Ritter wurden im 16. und 17. Jahrhundert mit dem Freiherren-Titel oder dem Grafen-Titel ausgezeichnet und dadurch im Adelsrang erhöht. Dies hatte jedoch keine Aufnahme in die Reichsstände zur Folge, denn diese hing nicht von einem Titel ab, sondern vom Besitz eines bestimmten stimmberechtigten Territoriums. Neue erbliche Sitze im Reichstag wurden nur selten geschaffen, denn sie bedurften einer Zustimmung der Reichsstände, welche die Exklusivität ihrer Fürsten- und Grafenbänke jedoch eifersüchtig verteidigten. Durch die Erhöhung des Adelsranges band das Kaiserhaus die Reichsritter aber stärker an sich, zumal die – nur anfänglich freiwilligen – Charitativsubsidien für das Reichsoberhaupt eine wichtige Einnahmequelle darstellten. Später handelten die Ritterkreise die Charitativsubsidien mit den kaiserlichen Räten aus. Ursprünglich sollten sie nur in Kriegs- und Notzeiten geleistet werden, verkamen jedoch später zu einer Art „Sondersteuer“, die von den Kantonen bei den Rittern eingefordert wurde und auch in Friedenszeiten weiterlief. Man wollte sich so den Kaiser als Schutzherren gewogen halten. Gleichzeitig hatte der Kaiser auf diese Weise eine Schicht zur Verfügung, die bei kriegerischen Unternehmen jederzeit verfügbar war.

Deshalb gewährte der Kaiser seiner Reichsritterschaft zahlreiche Privilegien. Rudolf II. erließ etwa das „Jus retractus“, ein Vor- und Rückkaufsrecht von Rittergütern innerhalb der Ritterkreise. Damit sollte die (allerdings eher theoretische) Erosion unterbunden werden, die im Falle von kaiserlichen Standeserhöhungen mit gleichzeitiger Aufnahme in die Reichsstände den Güterbestand der Reichsritterschaft durch die „Mitnahme“ der Territorien bedeutet hätte. Das „Privilegium de non arrestando“ verhinderte, dass der freie Ritteradel der Gerichtsbarkeit von mächtigen Reichsständen unterworfen werden konnte.

Die Ritter genossen zwar den besonderen Schutz des Kaisers, hatten aber auf den Reichstagen keinen Zugang und wurden auch nicht in die Reichskreisverfassung einbezogen. Ab dem Spätmittelalter schlossen sich die Reichsritter in Ritterbünden zusammen, die sich seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu Genossenschaften entwickelten. Sie bauten dabei auf der älteren Tradition der im Schwäbischen Kreis entstanden Gesellschaft mit Sankt Jörgenschild auf, übernahmen auch dessen Kantonalstruktur. Auf Grund von Steuerforderungen des Reichstags gegenüber den Reichsrittern im Jahre 1542 wegen der drohenden Gefahr durch die Türken musste die Reichsritterschaft eine präzise eigene Matrikel anlegen, die einerseits ihre Position stärkte, andererseits aber auch dem Kaiser garantierte, dass sie ihre Pflichten gegenüber dem Reich erfüllte.

Deshalb organisierte sich die Reichsritterschaft seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in insgesamt 15 Ritterorten, von denen seit 1577 vierzehn in drei Ritterkreisen zusammengefasst wurden. Die Ritterorte wurden seit dem 17. Jahrhundert, entsprechend dem Vorbild der Kantone der Schweizer Eidgenossenschaft, Ritterkantone genannt. Die sechs Kantone Odenwald, Gebürg, Rhön-Werra, Steigerwald, Altmühl und Baunach gehörten dem fränkischen, die fünf Kantone Donau, Hegau-Allgäu-Bodensee, Neckar-Schwarzwald, Kocher und Kraichgau dem schwäbischen und die drei Kantone Oberrhein, Mittelrhein (hierzu gehörte z. B. die in der Burggrafschaft Friedberg organisierte Wetterauer Ritterschaft mit Sitz in der Reichsburg Friedberg) und Niederrhein dem rheinischen Ritterkreis an. Der Kanton Unterelsass nahm als 15. Kanton eine Sonderstellung ein. Die Ritterschaft im Unteren Elsass beugte sich im Dezember 1680 der Staatsmacht von Ludwig XIV., wodurch ihre Besitzungen und Lehen der französischen Souveränität unterstellt worden waren. Sie führte zwar noch den Titel der freiunmittelbaren Ritterschaft im unteren Elsass, gehörte jedoch nicht mehr zum Heiligen Römischen Reich.

Ein bedeutendes Vorrecht der Ritterkantone war, dass sie in ihrem Bereich Reichssteuern selbst erheben durften. In zahlreichen Ortsgeschichten findet sich der Hinweis „steuerte zum Ritterkanton XY“. Dies ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens gehörte die Steuer zu den Kriterien der Landeshoheit und zu den Kriterien für Staatlichkeit, zweitens war Steuerbewilligung in der Frühen Neuzeit der wichtigste Hebel für korporative Mitbestimmung als Vorstufe von Demokratie.

Die Reichsritter übten in ihren Herrschaftsgebieten meist nur die Niedere Gerichtsbarkeit aus, die sich mit den Alltagsvergehen wie Diebstahl und Beleidigung auseinandersetzte. Die Hohe Gerichtsbarkeit, das „Blutgericht“, oblag in der Regel der benachbarten Territorialmacht. Um sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, suchten viele der Ritter auch weiterhin gute Beziehungen zu benachbarten Fürsten. Man versuchte auch, Einfluss auf die Regierung der geistlichen Fürstentümer zu nehmen und bemühte sich, Sitze in deren Domkapiteln zu erlangen und zu vererben; nach der Reformation taten dies nur noch die katholisch gebliebenen Reichsritter.

Das Ritterhaus in Offenburg, Versammlungsort der Ortenauer Reichsritterschaft

Seit 1577 fanden zwar als „Generalkorrespondenztage“ bezeichnete Zusammenkünfte der Reichsritterschaft statt, jedoch blieben die Kreise und besonders die Kantone auf Grund der starken territorialen Verankerung der Ritter wesentlich wichtiger. Jeder Kanton hatte seinen Ritterhauptmann und führte eine eigene Matrikel (Rittermatrikel) über die zur Ritterschaft gehörenden Personen und Güter. Die Reichsritterschaft war befreit von Reichssteuern und Einquartierungen, was aber – insbesondere im Dreißigjährigen Krieg – ein eher theoretisches Privileg blieb. Sie wurde jedoch sehr häufig durch den Kaiser zu Kriegsdiensten herangezogen und gewann dadurch auch erheblichen Einfluss im Militär, ferner auch in der Verwaltung des Reiches. Sie stellte einen bedeutenden Teil der kaiserlichen Generalität, der höheren Offiziere und Kriegsräte.

Ein Denkmal der Reichsritterschaft, das Palais der Reichsritterschaft, befindet sich in der Ortenau (Offenburg).

Anforderungen an Neuzugänge / Procedere der Aufnahme

Es blieb dem Ermessen der reichsritterschaftlichen Kantone vorbehalten, wann und ob sie einen vom Kaiser mit einem Diplom zum „Ritter des Reichs“ oder „Freiherren des Reichs“ Ausgezeichneten, der bisher nicht in der reichsritterschaftlichen Matrikel figurierte, in ihre Korporation aufnahmen, vorausgesetzt er besaß (oder erwarb) eine reichsfreie Herrschaft innerhalb des Kantonsbereichs. Vereinzelt wurden Neuzugänge auch als Personalisten (ähnlich wie bei den Personalisten auf den Grafen- und Fürstenbänken des Reichstags) aufgenommen, ohne dass sie eine reichsunmittelbare Grundherrschaft besaßen. Diese erlangten erst dann Sitz und Stimme im Konvent, wenn sie Güter im Wert von mindestens 6.000 rheinischen Gulden erworben hatten; der Sitz war dann aber nicht erblich.

Ein Kandidat musste zunächst reichsunmittelbaren Besitz vorweisen: im Wert von mindestens 6.000 fl./rhein. Falls der Wert darunter lag, musste er – falls altadlig – 600 Gulden (bei)„steuern“, als Neuadliger 750 Gulden. Er musste „von gutem Adel“ sein (alle acht Urgroßeltern!). Gelegentliche Nachsicht diesbezüglich war aber nicht ausgeschlossen. Er durfte keinem Landesherren unterstehen und kein Bürgerrecht einer Stadt besitzen. Ausschluss wurde angedroht für unstandesgemäßes Benehmen, Mesalliance, unanständige Profession, Annahme eines Bürgerrechts, übertriebene Schulden, Veräußerung der Güter, mangelnden Respekt vor dem Direktorium. Mit Hilfe eines Offizialberichts an den Kaiser und dessen „Resolution“ konnte die Aufhebung der Reichunmittelbarkeit beantragt werden. Auch die Sequestration der Güter war nicht ausgeschlossen.

Die Neuaufnahme erforderte in drei Schritten:

1- receptio in consortio equestre

2- Einverleibung in die Personalmatrikel eines bestimmten Kantons

3- Einholung des Einverständnisses aller Ritterkreise

Charitativsubsidien

Einige Historiker interpretieren die Einführung der „freiwilligen“ Charitativsubsidien als eigentlichen Anlass für die Herausbildung der Reichsritterschaft. 1542 forderten die Reichsstände auf dem Reichstag zu Speyer die Heranziehung der Ritterschaft zur Finanzierung der Türkenkriege. Die Ritter mussten schließlich den Forderungen nachgeben, da die Reichsstände dem Kaiser sonst die finanzielle Türkenhilfe verweigert hätten. Man beschloss hierzu die Zahlung der „Charitativ Subsidien“ durch die Ritterschaft. Dies erforderte den Aufbau einer straffen Organisation, um diese Hilfsgelder notfalls auch zwangsweise von den Mitgliedern einziehen zu können.

Schon aus Eigeninteresse förderte der Kaiser deshalb den Aufbau der Kantone durch die Gewährung von besonderen Rechten und Privilegien. Bereits J. G. Kerner bemerkte hierzu in seinem 1786–89 erschienenen „Staatsrecht der Reichsritterschaft“:

„Die Charitativ Subsidien, welche die Ritterschaft dem Kaiser zahlte, sind gleichsam die Säule, auf welcher die ganze ritterschaftliche Verfassung ruhet. Durch dieselbe versichert sich die Ritterschaft… des allerhöchsten kaiserlichen Schutzes und dieser allerhöchste Schuz hat sie bisher in dem Teutschen Reich… aufrecht erhalten.“

Reformation

Trotz der direkten Unterstellung unter das (faktisch stets katholische) Reichsoberhaupt traten viele der Ritter während der Reformation zum evangelischen oder reformierten Bekenntnis über. Hier spielten auch politische Gründe eine Rolle. Gerade die Dienstmannen der Hochstifte oder diejenigen Familien, die neben ihrem Reichslehen bzw. Allodialbesitz auch Lehen geistlicher Herren besaßen, nutzten die günstige Gelegenheit, um die Bindungen an ihre Lehnsherren zu lockern. Die Ritter Dietrich († 1526), Wolf († 1555) und Philipp († 1544) aus der Familie von Gemmingen, einer der einflussreichsten und verzweigtesten Familien der Reichsritterschaft, waren die ersten Ritter im Kraichgau, welche junge reformatorische Geistliche an ihre Ortskirchen in Gemmingen (1521), Fürfeld (1521) und Neckarmühlbach (1522) holten und die Reformation im Kraichgau prägten, die bald auf die umliegenden Gebiete und nicht zuletzt auch auf Württemberg-Mömpelgard abstrahlten. Auf der Gemmingen’schen Burg Guttenberg fanden zeitweise mehr als 20 verfolgte Pfarrer Asyl, von denen Erhard Schnepf, Johann Geiling und andere später andernorts als bedeutende Reformatoren wirkten. Die Bevölkerung musste nach dem Prinzip Cuius regio, eius religio die Konfession ihrer Herren übernehmen. Dies erklärt etwa die zahlreichen evangelischen Dörfer, die von den einstigen Hochstiften Bamberg und Würzburg umgeben waren. Allerdings kehrten einige reichsritterschaftliche Familien auch wieder zum katholischen Glauben zurück, z. B. um sich in Aussicht gestellte Stiftspfründen zu sichern oder weil sie in Dienste von Kirchenfürsten traten.

Nicht nur die Reichsritterschaft, sondern auch die ebenfalls reichsunmittelbaren Reichsstädte im deutschen Südwesten wandten sich mehrheitlich der Reformation zu, so dass sich religiöse Allianzen zwischen der Reichsritterschaft und den Städtekreisen bildeten. Als Ferdinand II. die Annexion der freien Reichsstadt Donauwörth durch Herzog Maximilian von Bayern duldete, befürchtete die Ritterschaft auch Übergriffe der katholischen Territorialmächte auf ihre Herrschaftsgebiete.

Während des Dreißigjährigen Krieges verhinderten zudem sowohl Ferdinand II. als auch sein Sohn Ferdinand III. die von der Reichsritterschaft angestrebte Neutralisierung der Konfessionsfrage, wohingegen der kaiserliche General Wallenstein immer bestrebt war, das Reichsheer überkonfessionell zu halten und den Krieg als Reichsaktion gegen Verfassungsbruch und Rebellion, nicht aber als Religionskrieg zu führen. Nachdem Wallenstein das Reich unterworfen hatte, erließ Ferdinand II. jedoch 1629 das Restitutionsedikt und verprellte damit die evangelischen Reichsstände. Besonders die fränkischen Ritterkantone unterdrückten nach der schwedischen Invasion rigoros jegliche katholischen Aktivitäten in ihren Einflussgebieten. Nach dem Friedensschluss von 1648 verschärfte sich dieser Konflikt zusätzlich.

Einige Ritter forderten aus diesen Gründen die Kantone auf, als reichsritterschaftliche Korporation die Reichsstandschaft anzustreben, die ja auch den Reichsstädten zuerkannt worden war. Bürgerliche „Pfeffersäcke“ seien adeligen Rittern vorgezogen worden. Allerdings kam es in dieser Frage, die bis zum Korrespondenztag in Esslingen (1688) erörtert wurde, zu keiner endgültigen Einigung zwischen den Kantonen.

Im 18. Jahrhundert traten Glaubensfragen in den Hintergrund und auch die Gefahr kleinteiliger territorialer Auseinandersetzungen, wie es sie vor den großen Kriegen des 17. Jahrhunderts gegeben hatte, bestand kaum noch. Viele Reichsritter standen in hohen zivilen oder militärischen Diensten des Kaisers oder der umliegenden Territorialfürsten. Unter den führenden Köpfen der reichsritterschaftlichen Familien fanden sich viele, die studierte Verwaltungsjuristen waren und ihre Besitztümer nach neuzeitlichen Kriterien verwalteten. Der letzte Generaldirektor der Reichsritterschaft war Karl Friedrich Reinhard von Gemmingen (1739–1822). Er war Justizminister am Hofe des brandenburg-ansbachischen Markgrafen Karl Alexander, wurde 1790 Generaldirektor der Reichsritterschaft und vertrat diese als Deputierter bei der letzten außerordentlichen Reichsdeputation.

„Rittersturm“

1802/03 setzte die Mediatisierung der bisher reichsunmittelbaren Reichsritterschaft ein. In der Neuordnung des Reiches im Reichsdeputationshauptschluss 1803 waren die Reichsritterschaften im Gegensatz zu den geistlichen Fürstentümern (Säkularisation) eigentlich verschont geblieben. Bereits im Winter 1802/1803 hatten aber die Territorialstaaten Bayern und Württemberg versucht, sich mit Abtretungs- und Überweisungspatenten der benachbarten, meist zersplitterten und kleinen Gebiete der Reichsritter zu bemächtigen. Im Herbst 1803 wurden im sogenannten „Rittersturm“ die meisten der ungefähr 300 Reichsrittergüter von ihren größeren Nachbarn faktisch einverleibt. Die Maßnahmen wurden von Kaiser Franz II. als illegal bezeichnet, er konnte sie aufgrund der Machtverhältnisse im Reich aber faktisch nicht rückgängig machen. 1806 erfolgte mit dem Ende des Reiches dann die endgültige Mediatisierung der Reichsritter. Die Rheinbundakte sanktionierte in Artikel 25 die einseitigen Maßnahmen der Territorialstaaten.

Freiherr vom Stein als Exempel

Gliederung der Ritterkreise

Die freie Reichsritterschaft in Südwestdeutschland gliederte sich seit dem 16. Jahrhundert in einen rheinischen, fränkischen und schwäbischen Ritterkreis, die sich wiederum aus verschiedenen Kantonen zusammensetzten. Der Ritterkreis am Rheinstrom untergliederte sich in die Kantone Oberrhein, Mittelrhein und Niederrhein. Der Ritterkanton Mittelrhein schloss auch die Landschaft Wetterau mit ein. Der Sitz befand sich lange Zeit in der dortigen Reichsburg Friedberg, der Friedberger Burggraf war bis ins 18. Jahrhundert gleichzeitig Direktor des Ritterkantons.

Adelsfamilien im Kanton Mittelrhein

Dem Ritterkanton Mittelrhein gehörten unter anderem folgende Familien an:

•  Stein zu Nassau

Stein zu Nassau

Die Stadt Nassau mit der fürstlichen Burg Nassau und der Stammburg der Familie vom Stein (Stein’sche Burg) unterhalb (Merian 1655). Nach dem Verfall der Burg zog die Familie in einen mit der Zeit ausgebauten Zehnthof in den Ort Nassau, das Stein’sche Stadtschloss

Bild: Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein (1757–1831), preußischer Staatsmann und Reformer

Die Familie der Stein zu Nassau (auch vom und zum Stein) ist ein Nassauisches Uradelsgeschlecht. Sie wurde 1195 erstmals urkundlich erwähnt, eine sichere Stammreihe beginnt mit Heinrich vom Stein, der 1253 bis 1255 urkundlich fassbar ist. Zum Besitz zählten die Stein’sche Burg und das Stein’sche Stadtschloss sowie das Stein’sche Weingut in Lorch (Rheingau). 1816 erwarb der Reichsfreiherr Heinrich vom und zum Stein das säkularisierte Kloster Cappenberg in Westfalen. Nach dem Erlöschen der Familie vom und zum Stein gingen diese Güter 1926 als Erbe an die Familie der Grafen von Kanitz.

Die Herrschaft Stein war seit dem 17. Jahrhundert reichsunmittelbar. Steins Familie besaß entlang des Rheins und der Lahn mehrere kleine Güter. Insgesamt machte der Besitz etwa 2400 nassauische Morgen (= 570 ha) aus. Als Reichsritter war sie durch Reichsgesetze geschützt und konnte sich bei Streitigkeiten direkt an Reichsgerichte wenden. Sie hatte die hohe Gerichtsbarkeit und eine herrschaftliche Stellung in einigen Dörfern wie Frücht (Bad-Ems-Nassau) oder Schweighausen (Bad-Ems-Nassau im Rhein-Lahn-Kreis) inne. Das Einkommen aus diesen Besitzungen reichte jedoch nicht für ein standesgemäßes Leben aus. Daher traten auch die Oberhäupter des Hauses seit Jahrhunderten in die Dienste größerer Fürsten und Landesherren. Steins Vater Karl Philipp war trotz seiner evangelischen Konfession kurmainzischer Kammerherr und Geheimer Rat.

Durch die häufige dienstliche Abwesenheit des Vaters lag die frühe Erziehung Steins überwiegend in den Händen der Mutter. Karl vom Stein war der Lieblingssohn der Mutter. Um den Familienbesitz zusammenzuhalten, hatte Karl Philipp einen Fideikommiss gegründet. Gegen den Protest der älteren Brüder wurde Karl vom Stein der alleinige Erbe. Seit dem Tod der Mutter 1783 war er für die Verwaltung der Reichsritterschaft verantwortlich, da sich der Vater aus gesundheitlichen Gründen ebenfalls zurückgezogen hatte. Wegen seiner preußischen Beamtenlaufbahn übertrug Stein die tatsächliche Leitung der Güterverwaltung seiner Schwester, der unverheirateten Stiftsdame Marianne.

Nach der französischen Eroberung verkaufte Stein seine linksrheinischen Güter und erwarb dafür 1802 die Herrschaft Birnbaum in der späteren preußischen Provinz Posen.

An Steins  Gütern im Nassauischen, Frücht und Schweighausen, vergriff sich der Herzog von Nassau, indem er erklärte, für den Fall der Auflösung der Reichsritterschaft, die Landeshoheit auf sie ausdehnen zu wollen. St. vertheidigte sich und seine Genossen von der Reichsritterschaft in einem zornglühenden Briefe gegen den drohenden Gewaltact.

Im Jahr 1816 tauschte Stein seine Herrschaft in der Provinz Posen gegen die Güter und das Gebäude des ehemaligen Klosters Cappenberg bei Lünen in Westfalen. Im gleichen Jahre verlieh ihm der preußischen König Friedrich Wilhelm III. den Schwarzen Adlerorden.[25] Zusätzlich erwarb er 1823 das ehemalige Kloster Scheda. Zusammen mit Cappenberg wurden die Besitzungen Steins 1826 zu einer Standesherrschaft erhoben. Dieser Titel war an seine Person gebunden und nicht erblich. Stein lebte mit seiner Familie zunächst überwiegend in Frankfurt. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1819 machte er mit seinen Töchtern ausgedehnte Reisen in die Schweiz und nach Italien.[26] Seinen Frankfurter Wohnsitz gab er 1824/25 auf und hielt sich seither entweder in Nassau oder auf Cappenberg auf.

Zentralgebäude des Schlosses Cappenberg

Im Jahr 1814 erhielt Stein die während der napoleonischen Ära beschlagnahmten Güter in Nassau mit einer beträchtlichen Entschädigung zurück. Die Verwaltung legte er, wie früher schon, in die Hände seiner Schwester Marianne. Im Sommer verbrachte er selbst dort meist einige Monate. Sein Versuch, zumindest Teile seiner früheren Herrschaftsrechte zurückzubekommen, scheiterte. Gleichwohl beteiligte sich Stein an der Ausarbeitung einer Verfassung für Nassau. Mit der Verfassung war Nassau 1814 Vorreiter im deutschen Bund. Stein erhielt eine Virilstimme im Landtag, büßte den Sitz aber wieder ein, als er sich 1818 weigerte, den Untertaneneid abzulegen.

Das Weingut Steins bzw. seines Nachfahren Graf Kanitz liegt rechtsrheinisch mitten im Weltkulturerbe «Oberes Mittelrheintal» in Lorch am Rhein, zwischen Loreley und Rüdesheim. Der erstmals im Jahre 1085 schriftlich erwähnte Weinbauort erhielt 1885 seine Stadtrechte und grenzt im Norden an Rheinland-Pfalz und somit an das Anbaugebiet «Mittelrhein». Der Rhein, das romantische Wispertal und die Rheingauberge prägen das Landschaftsbild. Hier bietet das angrenzende Rheingaugebirge ausgezeichnete Voraussetzungen für den Weinbau: Die Steilhanglagen nahe am Rhein sowie die wärmespeichernden Schiefer-Quarzit-Böden lassen die anspruchsvolle Rieslingrebe gut gedeihen und geben diesen Weinen ihre unverwechselbare Note.

Das Interesse am Weinbau, besonders an der ökologischen Bewirtschaftung, nimmt in der Familie der Grafen von Kanitz über Generationen einen besonderen Stellenwert ein. Die Wurzeln des Weinguts gehen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Gegründet von den Herren von Staffel, gehörte es für einige Jahrhunderte den Freiherrn vom Stein. Von dem letzten Namensträger ging es 1926 in direkter Erbfolge an die Grafen von Kanitz über. Dessen Werbung: „Die Freude am Riesling in seiner hohen Qualität und Vielfalt auch Ihnen näher zu bringen, ist für unsere Mitarbeiter um unseren Betriebsleiter Jens Pape ein immer wiederkehrendes Anliegen. Entdecken Sie mit uns unsere Spitzengewächse, die kontinuierlich, nicht zuletzt bei der Prämierung durch den Bundesverband Ökologischer Weinbau, hohe Auszeichnungen erzielen.“

Kloster Scheda

Luftbild vom zum Gut umgewandelten Kloster Scheda (2014)

Das ehemalige Kloster Scheda im Stadtteil Wiehagen von Wickede (Ruhr) wurde 1143 als Kloster der Prämonstratenser gegründet. Nach der Säkularisation von 1809 wurden die Baulichkeiten in einen Gutshof umgewandelt und sind seitdem als Gut Scheda bekannt.

Geschichte

Es wurde von Wiltrudis und ihrem Sohn Rathard aus dem Adelsgeschlecht der Rüdenberger-Ardey gegründet. Besetzt wurde die Einrichtung vom Kloster Cappenberg. Anfangs war es wohl ein Doppelkloster, später wurde es ein reines Männerkloster. In etwa 500 m Entfernung lag die Hochmotte (= Turmhügelburg) Burg Hünenknüfer, mit der Scheda der Legende nach über einen unterirdischen langen Gang verbunden gewesen sein soll. Zeitweise zählte Scheda zu den reichsten Klöstern Westfalens.

Luftbild der Gesamtanlage des Guts (2014)

1809 wurde das Kloster aufgehoben und in eine Domäne umgebaut. Hierzu wurden nach 1817 die meisten Gebäude abgerissen. Erhalten blieben vorerst die Kirchtürme und die Umfassungsmauer. 1823 kam Scheda in Besitz von Heinrich Friedrich Karl vom Stein und wurde 1825 ein Rittergut. Zusammen mit dem (ebenfalls vormaligen Kloster) Schloss Cappenberg bildete es seit 1826 eine Standesherrschaft.

Durch die Heirat mit Steins Tochter Therese wurde Ludwig Ferdinand Graf von Kielmannsegg Besitzer beider Güter. 1861 bis 1862 ließ er auf dem Gutsgelände durch den Baumeister Ferdinand Zangerl das noch bestehende Herrenhaus erbauen. Die verbliebenen Türme der Kirche wurden zu Gunsten eines Kirchenneubaus abgebrochen. Heute erinnert nur noch der Mönchsgang auf dem Gelände an das ehemalige Kloster. Das Gut ist auf 120 ha Fläche geschrumpft. Im Mai 2011 erwarb es der Unternehmer Walter P. J. Droege von der Droege International Group von Graf Kanitz. Die Gebäude sowie die dazugehörigen Felder sind an regionale Landwirte verpachtet.

Veranstaltung vom 21.05.2019

Reichsdörfer

Ein Reichsdorf war im Heiligen Römischen Reich ein reichsunmittelbarer Ort, der aber keine Reichsstandschaft besaß. Die Reichsdörfer wurden 1648 im Westfälischen Frieden neben den Reichsständen und der Reichsritterschaft formal anerkannt.

Funktion und Geschichte

Reichsdörfer waren die Überreste der im 15. Jahrhundert aufgelösten alten Krongüter. Bewohner von Reichsdörfern waren keiner Leibeigenschaft unterworfen und mussten auch keine Frondienste leisten. Diese Rechte blieben auch bei den nicht selten vorkommenden Verpfändungen an lokale Fürsten stets gewahrt. Mit gewissen Einschränkungen übten die Reichsdörfer das Hoheitsrecht in Kirchen- und Schulangelegenheiten aus. Seit der Reformation besaßen sie ebenfalls die Religionsfreiheit. Reichsdörfer wählten ihre Schultheiße (Bürgermeister) und Richter, mit niederer, zum Teil auch hoher Gerichtsbarkeit, selbst und setzten Dorfordnungen fest. Sie zahlten nur Reichssteuern.

Im 14. Jahrhundert gab es mehr als 100 Reichsdörfer, deren Zahl nach und nach durch Verpfändung, Schenkung und Unterwerfung abnahm. Die 40 ehemaligen Reichsdörfer und Reichsweiler im Elsass verloren ihre Rechte mit der Besetzung durch Frankreich. Zum Ende des Heiligen Römischen Reiches (Reichsdeputationshauptschluss 1803) wurden die wenigen verbliebenen Reichsdörfer mediatisiert. Dies waren: •       Die Freien auf Leutkircher Heide (im Gebiet der heutigen Ortsteile Reichenhofen, Herlazhofen und Wuchzenhofen der Stadt Leutkirch im Allgäu) • Die Taunus-Dörfer Sulzbach, Holzhausen (heute als Burgholzhausen Stadtteil von Friedrichsdorf) und Soden (heute: Bad Soden am Taunus) •Die unterfränkischen Dörfer Gochsheim und Sennfeld bei Schweinfurt • Das freie Reichstal Harmersbach

Liste von Reichsdörfern

Lage der Reichsdörfer auf einer Karte des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1618

Lage der Reichsdörfer (rot) und Reichsweiler (grün) auf einer Karte des heutigen Département Bas-Rhin im Elsass

Landstände

Als Landstände bezeichnet man die politischen Vertretungen der Stände in den europäischen Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit gegenüber dem jeweiligen Landesherrn. Im älteren ständischen System bestanden die Landstände ursprünglich aus der Versammlung der Abgeordneten der privilegierten Stände eines Landes, dem Adel und dem Klerus, welche sich zu einer festen Körperschaft zusammengeschlossen hatten. Später kamen daneben auch Vertreter von Städten hinzu. In einzelnen Fällen (bspw. in Tirol, Württemberg oder Mecklenburg) waren auch freie Bauern als Abgeordnete des Bauernstandes zur Mitsprache berechtigt. Eine eigentümliche Ausnahme bildeten hier die Stände des Landes Hadeln: Diese wurden fast ausschließlich aus Großbauern gebildet.

Auf den Landtagen wurden die Landstände in einzelne Kurien (Abteilungen) eingeteilt. So wurden in der Regel drei Kurien unterschieden: die Prälaten, die Ritterschaft und die Städte. Die früheren Landstände vertraten allerdings zunächst nur die Rechte ihres eigenen Standes und konnten jedenfalls nur mittelbar zugleich auch als Vertretung der gesamten Bevölkerung ihres Landes gelten. In den Ständeordnungen konnte der Landesfürst im Gegensatz zu absolutistischen Herrschaftssystemen außerhalb seines eigenen Herrschaftsgebietes (Kammergüter) ohne die Einwilligung der Landstände keine neuen Steuern erheben und neue Gesetze verabschieden. Die Landstände hatten in einzelnen Beziehungen auch Anteil an der Rechtspflege und anderen öffentlichen Angelegenheiten. Die Grenzen ihrer Befugnisse waren in der Regel aber nicht genau bestimmt.

Die Entstehung der Landstände kam erst im 14. Jahrhundert auf. Die Bezeichnung „Landstände“ tauchte im Mittelhochdeutschen noch nicht auf und wurde wohl erst später aus dem französischen Wort états übersetzt. Zwar fanden nach den Aufzeichnungen des römischen Historikers Tacitus schon in der Antike Mitbestimmungen bei wichtigeren öffentlichen Angelegenheiten statt. Nach dem alten germanischen Recht wurden Volks- und Gerichtsversammlungen, das sogenannte Thing, unter freiem Himmel abgehalten. Auch im späteren Fränkischen Reich existierte mit den allgemeinen Versammlungen des Adels und der Geistlichkeit, den sogenannten Placita eine gewisse Art von Repräsentation des Volkes. Auch bei einzelnen Volksstämmen, z. B. den Bayern und Sachsen, gab es derartige Versammlungen. Allerdings entsprachen diese Versammlungen nicht den festen Zusammenschlüssen der Landstände, wie sie sich im 14. Jahrhundert herausbildeten. Auf den Hof- u. Rittertagen und den Landthingen des 12. und 13. Jahrhunderts wurden zwar Gegenstände der allgemeinen Landeswohlfahrt verhandelt, aber den Versammlungen fehlte noch der Charakter der Verbindung zu einer selbständigen Körperschaft.

Seit dem 14. Jahrhundert bildeten sich mit der Entwicklung der Landeshoheit und mit der festeren Begrenzung des Territorialbestandes der einzelnen Herrschaften die eigentlichen Landstände aus den eingesessenen Herren, Vasallen und Ministerialen heraus. Diese fingen an, sich über ihre Rechte und Freiheiten seitens der Landesherrn urkundliche Zusicherungen erteilen zu lassen und schlossen untereinander Bündnisse zur Wahrung ihrer eigenen Rechte und Freiheiten.

Für den Zusammenschluss zu festen Organisationen bestanden verschiedene Gründe. Zum einen verlangten die Landesherren jetzt häufig Steuern und die größeren Grundbesitzer, wollten sich von dem Landesherrn bestimmtere Versprechungen über die künftige Anlegung der Steuern geben lassen. Zum anderen waren Streitigkeiten über Sukzessionsverhältnisse, der Übergang des Landes an einen neuen Herrn oder die Wiedervereinigung getrennter Landesteile Veranlassung zur Bildung einer festen Vereinigung. Aus den dabei gewonnenen Privilegien bildete sich nach und nach eine Summe von Landesfreiheiten der Landstände gegenüber den Landesherren heraus.

Im 15. und 16. Jahrhundert wuchs der Einfluss der Landstände. Die Landesherren waren wegen der Beschränktheit ihrer eigenen Mittel oft auf die Unterstützung ihrer Landstände angewiesen, womit diese an Bedeutung gewannen. Daher traten die Landstände im 15. und 16. Jahrhundert häufig sogar als wirkliche Mitregenten auf und beschäftigten sich mit allen wichtigeren Angelegenheiten, selbst solchen, die zunächst nur die fürstliche Familie angingen. Aus der ursprünglichen Pflicht der Vasallen, ihren Lehnsherrn in bestimmten Fällen mit besonderen Leistungen zu unterstützen, entwickelte sich das Steuerbewilligungsrecht der Landstände. Es folgte die Gründung eigener landschaftlicher Kassen, in die zunächst die bewilligten Steuern eingezahlt wurden, um von da aus erst in die fürstlichen Kassen übergeführt zu werden. Für die Abwicklung setzten die Landstände vielfach ständig tagende Gremien (genannt Collegium, Ausschuss, Kommissariat, Verordnung usw.) ein und bauten repräsentative Gebäude.

Niedergang der Landstände

Im 17. Jahrhundert begann durch den Dreißigjährigen Krieg der Niedergang der Landstände in den meisten deutschen Staaten. Dieser setzte sich im 18. Jahrhundert fort.

Mit der wachsenden Macht des Landesfürstentums (gemäß den Vorstellungen des Absolutismus) und der Entwicklung eines fürstlichen Beamtenstandes sank die Macht der Landstände, die in vielen Territorien fast bedeutungslos wurde, in andern Gebieten aber auch im 18. Jahrhundert noch großen Einfluss auf die Landesverwaltung besaßen. Dazu trug besonders die völlige Veränderung des Kriegswesens bei, welche die Macht in den Händen der Landesherren konzentrierte. Zudem beschränkte die Reichsgesetzgebung die Selbständigkeit der Landstände.

In Württemberg erhielt sich ihre volle Wirksamkeit bis 1805. Im Königreich Sachsen behielten die Landstände bis zur Einführung der konstitutionellen Verfassung 1831 ihre Vormachtstellung. In Mecklenburg konnten die Landstände sogar bis 1918 ihre Macht erhalten. In Niedersachsen existieren „Landschaften“ mit ständischer Verfassung bis heute fort.

Landstandschaft

Entstehung und Bedeutung

Das Recht der Landstandschaft war als Realrecht – Rechte, die nur dem jeweiligen Eigentümer eines bestimmten Grundstücks zustanden – mit einem Gut oder einem sog. Rittergut verbunden. Es ging auf den jeweiligen Besitzer über. Dieses Vorrecht, dessen Besitz ursprünglich als Personalrecht durch die Zugehörigkeit zum Adelsstand gegeben war, wurde mit der Zeit in Form eines Realrechts als Zubehör der Rittergüter selbst angesehen (nobilitas realis). Dies stand im Gegensatz zu dem nach altem germanischen Recht üblichen Volks- und Gerichtsversammlungen (Thing), an der sich jeder freie Mann beteiligen konnte. Die Landstandschaft war also kein persönliches, sondern ein dingliches Recht. Auch Angehörige des Adels konnten, ohne ein landtagsfähiges Rittergut zu besitzen, nicht auf Landtagen erscheinen. Die Landstandschaft konnte also nur so erworben werden, wie ein landtagsfähiges Gut erworben werden konnte. Regelmäßig wurde mit dem Erwerb des Gutes auch zugleich das Sitz- und Stimmrecht auf Landtagen erworben.

Zur wirklichen Ausübung dieses Rechtes waren jedoch in verschiedenen Ländern noch gewisse zusätzliche Voraussetzungen notwendig. In einigen Ländern musste der Besitzer zudem von Adel sein (bspw. in Kursachsen). In anderen Ländern war der Adelstand allein nicht ausreichend, sondern es wurde zudem der Nachweis einer bestimmten Anzahl adeliger Vorfahren gefordert, die sog. Ahnenprobe. Wer diese nicht nachweisen konnte, durfte nicht auf den landschaftlichen Versammlungen erscheinen, auch wenn er Besitzer eines landtagsfähigen Gutes war. Er hatte das Recht zwar inne, wenn dieses mit seinem Gut verknüpft war, aber er konnte es nach den besonderen Landesgesetzen nicht ausüben. Das Recht ruhte dann so lange, bis seine Nachkommen den erforderlichen Nachweis erbringen konnten. Außerdem bestanden in den einzelnen Ländern verschiedene Altersbeschränkungen. Im Königreich Sachsen wurde die Landtagsfähigkeit 1820 auf alle schriftsässigen Güter ausgeweitet und weitere Anforderungen an den Stand des Besitzers abgeschafft, so dass auch Bürgerliche das Landstandsrecht ausüben konnten.

Das Recht der Landstandschaft war mit allen Gütern, die nicht zu den fürstlichen Kammergütern gehörten und nicht unter einem fürstlichen Amt standen, verbunden. Wer ein solches Gut also besaß, hatte das Recht auf dem Landtag zu erscheinen und dort seine Rechte zu vertreten. Waren mehrere Personen Besitzer eines solchen Gutes, stand ihnen dieses Recht auch gemeinschaftlich zu. Das Recht konnte dann nur nicht von allen in eigener Person ausgeübt werden, sondern es musste dazu eine Vertretungsperson gewählt werden.

Als Besitzer der kirchlichen und städtischen Güter hatten die Kirchen und später auch die Städte das Recht der Landstandschaft und wurden auf den Landtagen durch den Bürgermeister einer Stadt oder den Dechant eines Stiftes vertreten. Diese erschienen im Namen der Stadt oder des Stiftes, welche Güter besaßen, auf den Landtagen.

Die Landstandschaft beinhaltete das Recht, persönlich oder durch Bevollmächtigte auf dem allgemeinen Landtage zu erscheinen und abzustimmen oder zumindest in einer besonderen Abteilung (Kurie) eine aktive Wahlstimme zur Vertretung auszuüben und selbst als Vertreter dieser Abteilung gewählt zu werden. Gewöhnlich wurden die landtagsfähigen Landstände in drei Kurien unterteilt: die Prälaten, die Ritterschaft und die Städte. Die Gesamtheit aller landtagsfähigen Landstände wurde auch Landschaft genannt. In Tirol und Württemberg kamen noch Abgeordnete des Bauernstandes nach Ämtern hinzu.

Landtag (historisch)

Landtag (lat. dietas) wurden die Zusammenkünfte der politisch berechtigten Stände eines Landes – eben der Landstände – im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit genannt.

Da man ursprünglich nur einen Tag lang beisammen war und binnen dieses einen Tages alle gemeinsamen Angelegenheiten der Landleute zu verhandeln hatte, hießen die Versammlungen eben „Land-Tag“. Die lateinische Bezeichnung ist in gleicher Weise von dies ‚Tag‘ abgeleitet.

Die Landtage haben sich häufig aus den Gerichtsversammlungen der Landesgemeinde entwickelt. Ihre wichtigste Funktion war die Bewilligung von Steuern, die der Landesfürst nicht ohne Zustimmung der Stände anordnen durfte.

Teilnehmer

In den ständischen Landtagen waren je nach Zeit und Region unterschiedliche Stände, die so genannten Landstände vertreten. Dies konnten sein: die Prälaten (Bischöfe, Kapitel, Klöster), der Adel (oft unterteilt in Herren und Ritter), die landesherrlichen Städte. Im Erzherzogtum Österreich waren auch die landesfürstlichen Märkte, in Tirol die bäuerlichen Gemeinden vertreten. Im Landtag selbst wurden die Angehörigen desselben Standes in Kurien oder Bänken zusammengefasst. Der Adel bildete die sogenannte Ritterschaft auf den Landtagen. Es wurden in der Regel drei Kurien unterschieden: Prälaten, Ritterschaft und Städte. Den ersten Stand – und damit die erste Kurie des Landtags – bildeten entweder die Prälaten oder die Herren. Die Gesamtheit der Landstände in einem bestimmten Herrschaftsgebiet wurde auch Landschaft genannt.

Die Angehörigen der Landtage wurden nicht durch Wahlen bestimmt. Vielmehr war die Teilnahme entweder ein persönliches Vorrecht der persönlich freien Inhaber eines Landguts (oft von einer bestimmten Mindestgröße) oder an ein Amt gebunden (z. B. für die Äbte der landtagsfähigen Stifte). Die Abgesandten der Städte wurden meist vom jeweiligen Stadtrat bestimmt, also auch nicht gewählt. Dieser Zusammensetzung des Landtags entsprach es, dass die früheren Landstände zunächst auch nur die Rechte ihres eigenen Standes vertraten und nur mittelbar auch zugleich als eine Vertretung des ganzen Landes gelten konnten.

Abstimmungsverfahren

Die Abstimmungen in den Landtagen erfolgten nicht nach dem heute üblichen Mehrheitsprinzip. In der Regel wurde nach Kurienwahlrecht abgestimmt. Das heißt, man einigte sich zunächst innerhalb der einzelnen Kurien (dabei konnte durchaus das Mehrheitsprinzip angewendet werden) und verglich dann die Beschlüsse der Kurien untereinander. In manchen Ländern musste dann ein Konsens hergestellt werden, damit es zu einem Landtagsbeschluss kam. In anderen Territorien reichte es, wenn die Mehrheit der Kurien zustimmte, wobei aber die Zustimmung des jeweils führenden Stands (zumeist der hohe Adel) unbedingt notwendig war. In manchen Ländern führten besonders mächtige Mitglieder der Stände auch eine eigene Personalstimme und waren an keine Kurie gebunden.

Kurfürstentum Mainz

Das Gebiet des Kurfürstentums und des Erzbistums Mainz

Karte: Kurmainz (violett) im Heiligen Römischen Reich um 1400

Die Grenzen des Kurfürstentums und des Erzbistums Mainz stimmten geographisch nicht überein. Auch der Zuständigkeitsbereich in sachlicher Hinsicht fiel auseinander. Im Kurfürstentum (dem Erzstift) war der Mainzer Erzbischof reichsunmittelbarer Fürst und damit weltlicher Herrscher, im Erzbistum geistlicher Oberhirte. Der geistliche Aufsichtsbereich des Mainzer Erzbischofs, seine Funktion als Oberhirte, umfasste im Hochmittelalter neben der Mainzer Kirchenprovinz die Suffraganbistümer Worms, Speyer, Konstanz, Straßburg, Augsburg, Chur, Würzburg, Eichstätt, Paderborn und Hildesheim. Das Erzbistum Mainz war ein zusammenhängendes Gebiet und reichte vom Hunsrück über den nördlichen Odenwald, den Vogelsberg bis nach Einbeck und an die Saale.

Das Kurfürstentum Mainz (Kurmainz) war im Gegensatz zum Bistum stark zersplittert und umfasste nach dem Stand von 1787

1. das Untere Erzstift, wozu Mainz gehörte und

2. das Obere Erzstift zweigeteilt durch den Main, mit der Verwaltungshauptstadt Aschaffenburg.

Dazu kamen noch einige hessische Ämter wie Amöneburg und Fritzlar, der Erfurter Staat, der Eichsfelder Staat sowie Anteile an mehreren Grafschaften im fränkischen und im oberrheinischen Kreis. Die Einwohnerzahl des Kurfürstentums betrug 350.000. In der Stadt Mainz selbst lebten 30.000 Menschen.

In der Zeit der Reformation erlitt Mainz die schwersten territorialen Verluste, die es während der Gegenreformation (als Mitglied in der katholischen Liga) und des Dreißigjährigen Krieges nur geringfügig wieder ausgleichen konnte. Vom Westfälischen Frieden bis zur Säkularisation 1803 veränderte sich der Kurstaat in territorialer Hinsicht nicht mehr. Es kam zur Erstarrung und damit auch zum endgültigen Verlust seiner früheren reichspolitischen Bedeutung.

Die Bevölkerungsgruppen im Kurstaat

In Kurmainz lassen sich vier Bevölkerungsgruppen nachweisen. Die zahlenmäßig größte Gruppe waren die Bauern, die sich in einem abhängigen Status befanden. Alles Ackerland, das sie bebauten, gehörte den privilegierten Ständen, das heißt in diesem Fall dem Kurfürsten, dem Domkapitel, den Klöstern und Reichsrittern, die aus den bäuerlichen Abgaben, vor allem dem Zehnten, ein lukratives Einkommen bezogen.

Die einflussreichste Bevölkerungsschicht waren die Reichsritter. Außer ihnen gab es nur noch den Dienstadel, der aber zum Bürgertum gerechnet wurde. Die Reichsritter waren nicht der Souveränität und Jurisdiktion des Kurfürsten untergeordnet. Die meisten Kurfürsten gehörten nach der Reformation selbst diesem Stand an, der von Steuern und Abgaben für den Landesherrn befreit war. Ihnen waren alle vierundzwanzig Pfründen des Domkapitels, etwa 130 Beamtenstellen, dazu etwa fünfundsechzig Ehrenposten am Mainzer Hof, hohe Posten beim Militär sowie die Besetzung der kurfürstlichen Leibgarde ausschließlich vorbehalten.

Zum Bürgertum zählten die Kaufleute, Geschäftsleute und Handwerksmeister, also Mitglieder einer Zunft, da nur diese das Bürgerrecht bekamen. Die Bürger hatten besondere Rechte und Privilegien, beispielsweise persönliche Freiheit, sie brauchten keine Fron und keinen Militärdienst zu leisten und konnten zu städtischen Körperschaften gewählt werden. Unter Beisassen und Tolerierten, letztere waren die Protestanten und Schutzjuden, verstand man die Zugewanderten in Mainz, die sich auf bestimmte Zeit und auf Widerruf dort niederlassen und ihren Beruf ausüben durften, aber kein Bürgerrecht erlangen konnten.

Das Mainzer Domkapitel

Das Mainzer Domkapitel hatte 24 Pfründen und ein eigenes Herrschaftsgebiet, das direkt dem Kaiser unterstellt war und für das es dem Kurfürsten nicht verantwortlich war. Das Gebiet schloss große Ländereien ein, unter anderem die Stadt Bingen und sieben weitere bedeutende Ortschaften. Darüber hinaus hatte das Kapitel Ländereien im Kurfürstentum selbst und in anderen Fürstentümern. Diese Besitzungen sicherten dem Domkapitel große Einkünfte, die schätzungsweise ein Fünftel des Gesamteinkommens des Mainzer Erzstifts ausmachten. Die Mitglieder des Kapitels hatten zum Teil weitere Einkünfte, die sich daraus ergaben, dass sie in anderen Kapiteln oder Kollegiatstiften saßen oder weltliche Ämter im Kurfürstentum innehatten, die für sie reserviert waren.

Beherrscht wurde das Domkapitel von den Reichsrittern. Seine Mitglieder mussten einem der drei Reichsritterkreise, das heißt dem fränkischen, schwäbischen oder rheinischen, angehören und nachweisen, dass ihre 16 Ururgroßeltern alle deutschen ritterlichen Ursprungs waren. Die Lücken im Domkapitel wurden gefüllt durch Kooptation, das heißt Ernennung der Anwärter durch Kanoniker und Kurfürst. In der Praxis führte dieses Verfahren dazu, dass immer wieder Verwandte ernannt wurden und das Kapitel von einer kleinen Gruppe von Familien beherrscht wurde. Die Hauptaufgabe des Domkapitels war die Wahl des Erzbischofs und Kurfürsten sowie beim Tode eines Kurfürsten die Verwaltung des Kurstaates bis zur Wahl eines neuen. Sein Einfluss wurde hauptsächlich durch die Wahlkapitulationen gesichert, in denen jeweils alte und neue Privilegien des Domkapitels festgelegt wurden, auf die der jeweilige Kurfürst bei seinem Regierungsantritt dann vereidigt wurde.

Exkurs: Domkapitel

Das Wort selbst leitete sich von caput (lateinisch ,Kopf, Führer‘) ab, genauer dessen Diminutiv (Verkleinerungsform) capitulum (lateinisch ,kleiner Kopf, Köpfchen‘, später auch ,Zusammenkunft, Hauptversammlung, geistlicher Konvent‘). Daraus entstand im Mittelhochdeutschen die Bezeichnung kapitel (,Zusammenkunft von Geistlichen, von Mönchen, feierliche Versammlung‘).

Geschichte

Die Domkapitel entstanden bereits seit dem 9. Jahrhundert, später dort, wo Bistümer gegründet wurden. Sie lagen im Bereich der Domimmunität oder Domfreiheit, unterstanden also nicht der jeweiligen weltlichen Herrschaft über den Ort ihres Sitzes. Neben dem regelmäßigen Chorgottesdienst in der Kathedrale gehörte zu den Aufgaben eines Domkapitels die Beratung und Unterstützung des Bischofs in der Diözese (dem geistlichen Herrschaftsbereich) und dem Hochstift (dem weltlichen Herrschaftsbereich). Im Verlauf des 12. Jahrhunderts formierten sich die Domkapitel zu exklusiven Wahlkollegien mit dem Recht zur Bischofswahl. Dieses Recht ging den meisten Domkapiteln bis zum Ende des 13. Jahrhunderts zu Gunsten päpstlicher Provisions- und landesfürstlicher Nominationsrechte wieder verloren. Die Mitglieder des Domkapitels bildeten im Frühmittelalter eine Lebensgemeinschaft, die derjenigen einer benediktinischen Mönchsgemeinschaft nicht unähnlich war. Im Hochmittelalter wurden die Gemeinschaften zumeist erheblich lockerer organisiert. Die Mitglieder der meisten Domkapitel waren in Mittelalter und früher Neuzeit überwiegend nachgeborene Söhne adeliger und ritterlicher Familien.

Reformation

In vielen lutherischen Gebieten bestanden die Domkapitel auch über die Reformation hinaus. In einigen Fällen, wie in Halberstadt oder Minden, blieb das Kapitel als Körperschaft bestehen, wurde aber vom Landesherrn kontrolliert; in anderen Fällen, zum Beispiel im Fürstbistum Lübeck, übte das Kapitel, das nicht mehr aus Geistlichen bestand, auch die weltliche Herrschaft über seinen Anteil des Hochstifts aus; so besaß das lutherische Domkapitel zu Lübeck noch bis 1804 u. a. die stormarnschen Dörfer Hamberge und Hansfelde. Die lutherischen Domkapitel wurden im Rahmen der Säkularisation kirchlicher Güter infolge des Reichsdeputationshauptschluss 1803 oder in Preußen bis 1810 aufgelöst.

Veranstaltung vom 22.05.2019

Kurmainzische Nebenländer

Regierungsgebäude:

Die Kurmainzische Statthalterei in Erfurt

Das Mainzer Schloss in Heiligenstadt, Sitz des kurmainzischen Vizedoms im Eichsfeld

Der Vizedom war ursprünglich ein Amt der Zentralgewalt. Da sich das Herrschaftsgebiet der Erzbischöfe in mehreren Zentren entwickelte, wurde es nötig, jedes einzelne dieser Zentren extra zu verwalten. Erzbischof Adalbert I. von Saarbrücken (1112–1137) setzte daher ab 1120 für die Zentren Mainz-Rheingau, das Vizedomamt Aschaffenburg, das Eichsfeld und die hessische Exklave sowie für Erfurt je einen Vizedom ein. Sie bildeten die Mittelinstanz zwischen Zentralgewalt und Amtleuten.

Zuständig für Hessen und das Eichsfeld war der Vizedom auf Burg Rusteberg. Allerdings wurde für Hessen schon 1273 eine eigene Oberamtsverwaltung herausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt lag das Amt bereits als erbliches Lehen in der Hand der Hansteiner und entwickelte sich zur Sinekure. 1323 verkaufte die Adelsfamilie das Amt an den Erzbischof. Daher wurde 1354 auf dem Rusteberg eine Landvogtei für Hessen, Thüringen und das Eichsfeld eingerichtet, die schon 1385 in je einen Landvogteibezirk für Hessen und Westfalen sowie für das Eichsfeld, Thüringen und Sachsen aufgeteilt wurde. 1732 trat an die Stelle der Landvögte (Oberamtleute) ein Statthalter.

Eichsfeld

Seine besondere Prägung erhielt das Eichsfeld durch die jahrhundertelange Insellage als Teil des Fürstbistums Mainz. Nach der Reformation waren fast alle Einwohner evangelisch geworden; die Gegenreformation zwang sie ab 1575 aber zur katholischen Konfession zurück. Auch in der DDR-Zeit blieb das kirchliche Leben im Obereichsfeld relativ intakt. Es war die größte Region in der DDR mit einer mehrheitlich katholischen Bevölkerung. Auch heute noch liegt die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger über dem Bundesdurchschnitt. Als Schutzpatron des Eichsfeldes gilt der heilige Martin.

Landstände des Eichsfeldes

Bild Rathaus Heiligenstadt, Versammlungsort der Landstände

Die Landstände des Eichsfeldes waren die einzigen historischen Landstände in Kurmainz. Erstmals wurden sie 1479 erwähnt. Damals forderten die Ritterschaft und die Städte (erfolgreich) die Abberufung des Oberamtmanns Heinrich Graf Schwarzenburg. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts hatten die Stände drei Kurien. Neben Ritterschaft und Städten bildete die Geistlichkeit die dritte Kurie.

Die Geistlichkeit bestand aus den Abteien Gerode und Reifenstein, den Stiften in Heiligenstadt und Nörten, den Frauenklöstern Anrode, Beuren, Teistungenburg und Zella und dem geistlichen Kommissar in Heiligenstadt, der die Landpfarrer vertrat.

Die Städte wurden durch je einen Abgeordneten aus Heiligenstadt, Duderstadt, Worbis (seit 1682) und Treffurt (mainzischer Anteil) vertreten. Die Mitgliedschaft der Ritterschaft richtete sich nach dem Besitz eines landtagsfähigen Rittergutes. Am Ende des HRR bildeten 17 Familien die Ritterschaft.

Primas der eichsfeldischen Landstände war der Abt von Reifenstein. Ab 1732 teilte er sich diese Aufgabe mit dem Abt von Gerode.

Die Hauptaufgabe der Landstände war die Bewilligung und Verwaltung des Land- und der Türkensteuer im Eichsfelder Staat. Hierzu wurde 1542 von jeder Kurie ein eigener Einnehmer für die Steuereingänge bestellt. Später benannte jede Kurie zwei Vertreter, die den Oberamtmann (bzw. nach 1654 den Landschreiber) bei der Steuerverwaltung unterstützten. Auch im 1540 eingerichteten Oberlandgericht war jede Kurie mit jeweils zwei Assessoren vertreten. Weitergehende Rechte besaßen die Landstände nicht.

Die Landstände traten nur auf Anweisung des Oberamtmanns zusammen. Versammlungsort war zunächst die Fegebankswarte bei Heiligenstadt, ab 1540 das Rathaus Heiligenstadt und ab 1732 die Statthalterei.

Friedrich Karl Joseph von Erthal schaffte 1796 die Rechte der Landstände ab und sorgte so für die Angleichung an die anderen Teile des Kurstaates.

Kölner Domkapitel

Bereits um das Jahr 1000 waren die Kanonikate des Kölner Domes alleine dem höheren Adel des Reiches vorbehalten. Lediglich die Priesterkanonikate konnten mit „Bürgerlichen“ besetzt werden.

Im Jahr 1246 wurde die Tischordnung geregelt und die 72 Kanoniker nach Rängen geordnet. So gab es unter ihnen 24 Praelati in ecclesia und 20 einfache Pfründen. Aus ihnen entwickelten sich später die 24 Domherren und die 20 Domizellaren. Es gab keine Beförderungen; man rückte mit dem Tode eines älteren auf. Je ein Kanonikat war dem Papst und dem Kaiser vorbehalten.

1212/18 wurden acht Priesterkanonikate eingerichtet; später reduzierte man ihre Zahl auf sieben. Bei ihnen handelt es sich um die sogenannten Kardinalpriester, die seit 1049/52 allein das Recht hatten, an den beiden Hochaltären der Domkirche mit Dalmatik, Sandalen und Mitra die Messe zu feiern.

Spätestens 1450 stand die endgültige Verfassung des Kölner Domkapitels fest. Es bestand nun aus 24 Kapitularen und 20 (später 24) Anwärtern. Von den Kapitularen mussten 16 dem Hochadel des Reiches angehören, weshalb sie auch Domgrafen genannt wurden. Die acht weiteren Kanonikate sollten an Priester mit akademischem Grad vergeben werden. Die Domizellare, also Anwärter, gehörten ebenfalls dem Hochadel an. Die Domgrafen mussten zumindest die Weihe zum Subdiakon besitzen. Höhere Weihen waren für sie nicht vorgeschrieben.

Seit es 1346 zu einem Streit zwischen „Domgrafen“ und Priesterherren gekommen war, in welchem die Domgrafen den Priesterherren das volle Kanonikerdasein absprechen wollten, kam es innerhalb des Kapitels zu keinem derartigen Streit mehr, und die Priesterherren wurden als volle Kanoniker anerkannt.

Wie in vielen Kanonikerstiften, so begann auch im Hochmittelalter die Emanzipation der Kanoniker von den Prälaten. In zwei Schritten, nämlich 1284 und 1373, wurde das Vermögen zwischen dem Dompropst und dem Domkapitel aufgeteilt. Wenn das Kapitel im Hochmittelalter die freie Wahl des Dompropstes gegen den Papst verteidigen konnte, so verlor sie doch zwei Kanonikate an die Universität zu Köln. Regelte das Kapitel seine Nachfolge im Allgemeinen selbst, so wurden die „Universitätspfründen“, welche zu den acht Priesterkanonikaten gehörten, von der Universität verliehen, die sie 1394 und 1437 erhielt.

Der Zerfall der Vita communis (gemeinsames Leben) führte häufig zu einer mangelhaften Residenz der Domherren, welche oftmals an verschiedenen Kirchen präbendiert waren (vgl. z. B. Oswald von Hohenzollern-Sigmaringen). Waren 1323 noch 15 Kanoniker (8 Domgrafen und 7 Priesterherren) anwesend, so sank ihre Zahl bis 1381 auf fünf Domgrafen und sieben Priesterherren. Letztere bildeten in den folgenden Jahrhunderten meist das stabilere Element des Kapitels. Das für den Dom angefertigte, besonders repräsentative Chorgestühl von 1308 bis 1311 ist gleichwohl mit 104 Sitzen das am umfangreichsten erhaltene in Deutschland.

Durch päpstliche Reservationen (ein mittelalterlicher Rechtsbegriff) ging dem Kapitel ab 1298/1304 das Bischofswahlrecht verloren, welches es sich erst durch das Wiener Konkordat (1448/49) wieder sichern konnte. Trotzdem konnte es im Koadjutorenvertrag von 1366 erstmals eine Wahlkapitulation vereinbaren. Diese enthielt 15 Punkte, von denen neun Vergünstigungen für das Kapitel und den Klerus enthielten, sechs bezogen sich auf die Politik des Erzstifts. Mit jeder Wahl wurde eine neue Wahlkapitulation erstellt, doch alle hatten immer nur ein Ziel: die Vormachtstellung des Domkapitels im Land zu stärken und den Erzbischof an sich zu binden. Hierbei ging es nicht nur um Eigeninteressen, sondern auch um eine Absicherung des Kur-Erzstifts.

Nach dem Tode des Erzbischofs Dietrich II. von Moers (1463) setzte das Kapitel mit den Landständen die Erblandesvereinigung durch, welche weitere Verpfändungen Kurkölnischer Territorien und eine zunehmende Verschuldung des Erzstifts verhindern sollte. Gleichzeitig verpflichtete es sich, vor der Wahl das Votum der Landstände einzuholen.

<Als Erblandesvereinigungen bezeichnet man im weltlichen Machtbereich des Kölner Kurfürsten, also dem eigentlichen Kurköln und den Nebenländern Vest Recklinghausen und Herzogtum Westfalen, Zusammenschlüsse der Stände und ihre Vereinbarungen mit dem Landesherrn. Entstanden im Spätmittelalter und verschiedentlich erneuert, bildeten sie bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches so etwas wie Grundgesetze für diese Territorien. Kennzeichen war die Begrenzung der Macht des Kurfürsten durch die verbriefte Mitwirkung der Stände an der Regierung der Gebiete.>

Als Dietrichs Nachfolger, Erzbischof Ruprecht von der Pfalz, sich jedoch zunehmend gegen die eigenen Landstände wandte (er besetzte u. a. die an das Domkapitel verpfändete Stadt Zons), verbündete sich das Domkapitel mit diesen und versuchte, seine Absetzung zu erwirken. Hierbei wandte es sich offen von seinem Erzbischof ab und wählte den nachmaligen Erzbischof Hermann IV. von Hessen zum Administrator. Diese (auch kriegerische) Auseinandersetzung ging unter dem Namen Kölner Stiftsfehde in die Geschichte ein.

Im Zeitalter der Reformation bildete das Domkapitel, gemeinsam mit der Kölner Universität, den Stabilitätsanker des Katholizismus. Energisch trat es den Protestantisierungs- und Reformierungsversuchen der Erzbischöfe Hermann V. von Wied und Gebhard Truchseß von Waldburg entgegen. Besonders Johannes Gropper machte sich hierbei einen Namen.

Kurz vor dem Tode des Erzbischofs Maximilian Heinrich von Bayern (1688) wählte das Domkapitel den Domdechanten und Bischof von Straßburg, Kardinal Wilhelm Egon von Fürstenberg, zum Koadjutor des Erzbischofs. Da der Erzbischof jedoch noch vor der Wahlbestätigung verstarb, kam es nun zur Bischofswahl. Fürstenberg war ein enger Verbündeter des Königs von Frankreich und galt allgemein als „Reichsverräter“. Obwohl Kaiser und Papst Joseph Clemens von Bayern als Kandidaten den Vorzug gaben und der Kaiser bei einer Wahl Fürstenbergs die Verweigerung der Regalien ankündigte, erlagen große Teile des Kapitels den französischen Bestechungsgeldern und Druckmitteln (viele waren auch im französischen Straßburg bepfründet). Es kam zu einer Spaltung des Kapitels, und die Anhänger des Kardinals schlossen sich mit diesem in Bonn ein. Als die Stadt militärisch genommen war, floh Fürstenberg mit den Priesterherren Eschenbrender und Quentel nach Straßburg. Die übrigen Domherren hatten sich bereits dem kaiserlichen Kandidaten angeschlossen. Die Einheit des Kapitels war wieder hergestellt.

In seiner Endphase galt das alte Domkapitel als überaus konservativ und der Aufklärung gegenüber als sehr zugeknöpft. So wurde es oftmals Zielscheibe „aufgeklärter“ Kreise.

Der Kölner Dom und das Domkloster/Priesterseminar um 1795

Im Gegensatz zu vielen anderen Kapiteln wurde das Kölner Domkapitel am Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nicht aufgehoben. 1795, noch vor dem Einrücken der Franzosen in Köln, begab sich ein Großteil des Kapitels nach Arnsberg. Einige Kanoniker ließ man jedoch in Köln zurück, wo sie die Kapitelsrechte wahren sollten. Obwohl die „Kölner“ Kapitulare im Auftrag des Kapitels in Köln verblieben waren, wurde ihnen das als mangelnde Residenz angerechnet, und man verweigerte ihnen die Pfründezahlungen. Denn, so die Aussage, Residenzhalten könne man lediglich in Arnsberg wahrnehmen. Nach einigen Querelen konnte der Streit beigelegt werden.

In Arnsberg wählte das Kapitel einen neuen Domdechanten und feierte diese Wahl ausgiebig mit Empfängen und Konzert. Die Umstände der Zeit wurden ignoriert. Als 1802 Erzbischof Maximilian Franz von Österreich im Wiener Exil verstorben war, wählte man seinen Neffen Anton Viktor von Österreich zum neuen Erzbischof. Dieser konnte jedoch aufgrund der politischen Lage das Amt nicht mehr antreten und es blieb bei der Wahl eines Kapitularvikars, der bis zu seinem Tode in Deutz (gegenüber dem Kölner Dom) residierte und den rechtsrheinischen Restteil der Erzdiözese verwaltete. Eine Vereinigung der Diözesen Köln und Münster, bei welcher das Kölner Domkapitel im Münsteraner Domkapitel aufgegangen wäre, lehnte man energisch ab.

Da nicht nur die Kathedrale verloren gegangen war, sondern auch die Einkünfte des Kapitels, suchte jeder Kanoniker sein Glück nun auf eigene Faust, und das Kapitel zerfiel. Vakante Stellen wurden nicht mehr besetzt, und 1815 lebten noch acht Domgrafen und vier Priesterherren in alle Winde zerstreut. Bereits 1798 hatte man die Dompropstei mangels Einkünfte nicht mehr besetzt. Als es 1820 zur Wiedererrichtung des Kapitels kam und man den noch lebenden Kapitularen eine Stelle im „neuen“ Domkapitel anbot, lehnte jeder von ihnen ab.

Veranstaltung vom 28.05.2019

Grundherrschaft

Grundherrschaft – Grundbegriffe

Grundherrschaft: „Ihre spezifische Ausprägung erfuhr die frühmittelalterliche Grundherrschaft in der Villifikationsverfassung, die auch als die „klassische“ Grundherrschaft bezeichnet wird. Sie ist dadurch charakterisiert, daß der eigenbebaute Fron- oder Herrenhof (villa oder curtis dominica) in ihrem Mittelpunkt stand; das zu diesem Hof gehörende Salland (terra salica) wurde mit Hilfe des unfreien Hofgesindes und der abhängigen Hufenbauern bewirtschaftet. Als Hufe (mansus) galt die Normalausstattung einer von einem Grundherrschaftszentrum abhängigen Bauernstelle mit Land und Nutzungsrechten; ihr Inhaber war zu bestimmten Abgaben und Diensten verpflichtet.“
Werner Rösener: Bauern im Mittelalter, 4. unveränderte Auflage, München: Beck 1991, S. 25.

Villifikation bezeichnet eine siedlungsgemäße („quasidörfliche“) Einheit innerhalb einer mittelalterlichen Form der Grundherrschaft, der auch als eine Art Hofverband angesehen werden kann.

Das Salland war das vom Grundherrn/Verwalter in Eigenwirtschaft mit Hilfe am Hof ansässiger Unfreier und abhängiger Bauern bearbeitete Land. Die Erträge gingen an der Grundherrn.

Das Hufland war das an abhängige Bauern verliehene Land, die dem Grundherrn als Pacht Abgaben und Dienstleistungen (Fron) schuldeten. „Hufe“ bzw. „Hube“ (lateinisch: manus oder coloni(c)a, althochdeutsch: houba [latinisiert: huba], mittelhochdeutsch: hoube, mittelniederdeutsch: hove) ist die Bezeichnung für das abhängigen Bauern zugewiesene Land. Im Mittelalter war dies eine bäuerliche Wirtschaftseinheit aus Haus, Hof, Acker- und Wiesenland und Allmendnutzungsrechten (Allmende: Allgemeingut mit allgemeinen Nutzungsrechten, z.B. bei Bächen, Seen und Dorfwiesen). Hufe wurde auch Bezeichnung einer Maßeinheit, mit regional unterschiedlicher Größe.

Fronhof: „Als Fronhof wird der herrschaftliche Gutshof bezeichnet, der im Zentrum einer Villikation  steht. Das Wort leitet sich vom althochdeutschen frôn = Herr her. In lateinischen Quellen wird der Fronhof meist als villa oder curtis dominica bezeichnet. Der Fronhof war im Rahmen eines Hofverbandes (Villikation) das wirtschaftliche und herrschaftliche Zentrum; er wurde vom Herrn selbst oder einem Hofverwalter (Meier) bewirtschaftet. Die Bauern der dem Fronhof unterstellten Hufen entrichteten diesem einerseits den Grundzins und sonstige Abgaben und leisteten andererseits auf dem Fronhof die Frondienste. Ein Fronhof war mit mehr oder weniger ausgedehnten Ländereien ausgestattet, die vom Grundherrn oder dessen Verwalter in Eigenwirtschaft betrieben wurden und deren Gesamtheit als Salland (terra salica) bezeichnet wird. Dazu wurde sowohl auf die Arbeitskraft des hofeigenen Gesindes, als auch auf die Frondienste der Hufenbauern zurückgegriffen. Letztere konnten sich bis auf mehrere Tage in der Woche erstrecken, die Leistungspflicht der Hufenbauern – die ja daneben ihre eigenen Höfe zu bewirtschaften hatten – dem Fronhof gegenüber war also beträchtlich.
Der Fronhof selbst umfasste die Wohngebäude des Grundherrn oder des Meiers sowie des Gesindes und der Tagelöhner. Dazu gehörten die Wirtschaftsgebäude (wie Vorratshäuser und Scheunen). Das zum Fronhof gehörende Salland setzte sich oft aus Streubesitz zusammen, je nachdem, wie Flächen durch Schuldknechtschaft oder andere Umstände zum Fronhof hinzukamen. Fronhöfe hatten also meist keine zusammenhängende Fläche.“

Lasse (maskulinum) ist die frühmittelalterliche historische Bezeichnung für einen minderfreien/halbfreien zinshörigen Bauern, der an seinem Gut eine Erbberechtigung besaß und abhängig vom übergeordneten Adel war. Weitere Namensvarianten sind: Late, laz (althochdeutsch), læt (altenglisch), let (altfriesisch), Lazze (mittelhochdeutsch), Lat, late und laet (mittelniederländisch), sowie lat, lâte (mittelniederdeutsch).

Darüber hinaus finden sich in den germanischen Volksstämmen und vor allem im nordwestlichen Deutschland sowohl die Bezeichnungen Litus oder Latus (mittellatein) bzw. Letus (frankolatein) für einen an die „Scholle“ gebundenen Minderfreien verschiedener Abstufungen, als auch die Bezeichnung Lito.[3] Der Stand der Lassen ist eine Weiterentwicklung des Kolonatsrecht, welches sich im Verlauf der Spätantike im Imperium Romanum entwickelt hatte und später in den nachrömischen Königreichen der Goten, Vandalen, Burgunder und Franken zum Teil übernommen worden war.

Geschichte

Der Stand der Lassen, Laten oder Liten ist vergleichbar mit dem der Hörigen und steht gesellschaftlich deutlich unter dem Stand der Edelfreien und Frielingen. In den Vorschriften der jeweiligen Volksrechte zeigen sich beispielsweise anhand der Höhe des Wergeldes der soziale Status des Lassen/Laten/Liten und die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Unfreiheit, Halbfreiheit und Freiheit in den einzelnen historischen Ständen. Die unterschiedlich große Eigenverantwortlichkeit im Gericht und im Verhältnis zum jeweiligen Dienstherrn gibt Hinweise auf die rechtliche Abstufung und die gesellschaftlichen Zwischenpositionen des Standes. In Sachsen hatten die dortigen Liten beispielsweise das Recht, Waffen zu tragen und auf der Volksversammlung zu erscheinen und besaßen anders als die vollkommen rechtlosen Unfreien (Knechte, Mägde, Sklaven und Kriegsgefangene) somit ein Versammlungs- und Stimmrecht und waren trotz des halbfreien Status Teil des Stammes.

Der Status des Halbfreien/Minderfreien bedeutet für den Betroffenen, dass er als Person zwar frei war, jedoch für das Land, das er bewirtschaftete, an den Grundherrn einen Zins entrichten musste. Sie rekrutierten sich oftmals aus zuvor freien Bauern, die beispielsweise wegen Missernten, Krankheitsfällen oder kriegerischen Auseinandersetzungen ihr Land nicht mehr halten konnten und es an den Grundherrn übertragen mussten. Neben den Zinszahlungen, die im Frühmittelalter meist aus Naturalien bestanden, waren sie zu Frondiensten für den Grundherrn verpflichtet. Vor allem im altsächsischen Recht war der Litus zudem ein abhängiger kriegerischer Gefolgsmann des Edelfreien.

Der Begriff Zehnt, Zent, Zehent, Zehnter, Zehend, der Zehnte (auch Kirchenzehnter; lateinisch decenia, mittelniederdt.: teghede) oder Dezem (von lateinisch decem „zehn“[1]) bezeichnet eine etwa zehnprozentige Steuer in Form von Geld oder Naturalien an eine geistliche (etwa Tempel, Kirche) oder eine weltliche (König, Grundherr) Institution.

Zehntherrschaft

Die Zehntherrschaft war eine Form der Feudalrente und stellte für die Bauern in Mittelalter und Frühneuzeit eine hohe Belastung dar.

Die Zehntherrschaft wurde ursprünglich nur von Klöstern (Klosterzehnt), kirchlichen Stiftungen oder Domkapiteln ausgeübt; der Zehnt stellte dabei eine Abgabe für den (Dorf)-Pfarrer und die örtlichen Armen dar, wurde zentral vom Bischof erhoben, von den Bauern als Naturalie abgeliefert und in Zehntscheunen gelagert. So dauerte es nicht lange, bis auch der Bischof und andere kirchliche Bereiche sich bedienten. Bereits im Laufe des Frühmittelalters versuchten auch weltliche Grundherren, vor allem Adlige, neben den anderen Abgaben, wie Steuern auch den Zehnt einzuziehen.

Gebräuchlich waren zwei Arten des Zehnt: Unter dem Großen Zehnt ist die prozentuale Abgabe vom Rohertrag an Getreide und Wein an den Grundherrn zu verstehen, der Kleine Zehnt erweitert die Abgabepflicht auf andere Produkte, wie Kartoffeln oder Klee. Während die Pflicht, den Großen Zehnt zu leisten, seitens der Bauernschaft weitgehend anerkannt und akzeptiert war, kam es hinsichtlich des Kleinen Zehnt von Anfang an zu Widerständen.

Der Zehnt belastete die Bauern in doppelter Hinsicht. Einerseits war die Abgabe zwischen zehn und dreißig Prozent der Ernte – die nicht die einzige Abgabe darstellte, die sie an ihre Grund- oder Zehntherren zu leisten hatten – eine oft existenzielle Belastung, andererseits waren die Bauern noch gezwungen, ihr zehntpflichtiges Land in hergebrachter Weise zu bewirtschaften. Landwirtschaftliche Reformen des 18. Jahrhunderts, wie Veränderungen in der Fruchtfolge (weg von der Zweifelder-, hin zur Dreifelderwirtschaft) oder der Kartoffelanbau, stießen meist auf erbitterten Widerstand der Zehntherren.

Deshalb versuchten die Bauern zunehmend, die landwirtschaftlichen Flächen für eine bestimmte Anzahl von Jahren gegen eine feste Geldsumme zu pachten, um Behinderungen zu vermeiden. Doch dies erwies sich bei den starken Schwankungen der Getreidepreise oft als katastrophal. Erst mit der Ablösungsgesetzgebung, durch die bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten feudalen Lasten abgelöst wurden, besserte sich die Situation der bis dahin abhängigen Bauern.

Der Zehnte im Mittelalter

Entwicklung

Der Zehnt im Mittelalter ist eine auf dem Grund liegende Abgabe in Naturalien, die zunächst direkt an den Pfarrer abzuliefern war, sich aber seit etwa dem Jahr 1000 von der Pfarrorganisation weitgehend getrennt hatte. Aufgrund der geringer gewordenen Sesshaftigkeit der Bevölkerung über längere Zeit hinweg wurde der Zehnt aus praktischen Gründen von einer persönlichen Leistung zu einer an das Grundstück gebundenen Abgabe verwandelt. Dadurch war auch eine Begründung für die spätere Grundstücksteuer und Vermögensteuer gegeben.

Die Empfänger des Zehnten verpachteten das Recht der Zehnterhebung oft, um mit festen Einnahmen rechnen zu können. Die Pächter waren Handelsleute und standen nicht unbedingt nah zur Kirche, sodass diese immer weniger davon sah. Die Pfründen wurden von ihrer ursprünglichen Aufgabe oft sogar dann entfremdet, wenn sie von Klerikern verwaltet wurden. Zur Zeit der Reformation waren 93 Prozent der Pfründen nicht bei einer Pfarrei angesiedelt. Die daraus resultierende Verdrossenheit der Bevölkerung war ein Nährboden für die Bauernaufstände und die Reformation im 16. Jahrhundert. Auch der Diözesan- und Ordensklerus war, soweit nicht als exemt anerkannt, zehntpflichtig und besonders über wiederkehrende Papstzehnte empört.

Abgabeformen

Das Decretum Gratiani zeichnet eine Modellvorstellung des Zehnten. In der Rechtswirklichkeit kann er sich in eine Vielzahl von Teilabgaben aufteilen. Der Zehnt ist in den Quellen zumeist als eine unabhängig von der Erntemenge festgelegte Abgabe dokumentiert. Er lag je nach Region und Bodenqualität zwischen 30 Prozent und ca. 10 Prozent der Ernte.

In Europa wurden zur Aufbewahrung in den Dörfern spezielle große Scheunen, die Zehntscheunen (im alemannischen Sprachraum „Zehntscheuern“), gebaut, die vielfach nach der Kirche die größten Bauwerke eines Dorfes darstellten. Der Pfarrer oder ein eigener Zehentner hoben den Zehent ein, wobei dieser meist vom Zehentholden selbst an einem Sammelpunkt wie dem Wirtschaftshof der Pfarre oder dem Zehnthof abzuliefern war. Zehntpflichtige Orte oder Höfe wurden auch als Zehntbesitz bezeichnet. Der Zehntbesitz wurde meist durch Kauf, Stiftung oder Schenkung erworben. Ein einzelnes Kloster, wie Ebstorf in der Lüneburger Heide, konnte über 60 Dörfer im Zehntbesitz haben. Im Mittelalter wurde der aus dem Alten Testament stammende Zehnt erweitert. Man unterschied zwischen Großzehnt und Kleinzehnt:

•        Der Großzehnt war analog der Bibel auf Getreide und meist Großvieh zu entrichten

•        der Kleinzehnt war zusätzlich auf andere Feldfrüchte als Fruchtzehnt (Küchenkräuter, Obst, Gemüse) und Kleinvieh zu entrichten. Was genau kleinzehntpflichtig war, war örtlich unterschiedlich.

Daneben entwickelten sich weitere Zehntarten, die ebenfalls von Ort zu Ort unterschiedlich erhoben wurden:

•        der Weinzehnt (auch „nasser Zehnten“) auf gekelterte Weine

•        der Heuzehnt auf geerntetes Heu

•        der Holzzehnt auf geschlagenes Holz

•        der Fleisch- oder Blutzehnt auf geschlachtete Tiere bzw. Tierprodukte wie Fleisch, Eier und Milch

•        der Neubruchzehnt oder Novalzehnt (auch Rottzehnt, Rodezehnt oder Reutezehnt, in der Schweiz ebenso „Neugrützehnt“) auf Neubruch, das heißt auf neugewonnenes, durch Rodung für den Ackerbau nutzbar gemachtes Land

•        der Bergzehnt im Bergbau

•        der Kreuzzugszehnt, eine zeitlich befristete Abgabe zur Finanzierung eines Kreuzzugs.

Die “Geschichte” der Bauern

“Die Welt des Mittelalters ist eine aristokratische Welt. Staat und Gesellschaft werden vom Adel beherrscht. Eine Anzahl großer Familien … gebietet über Land und Leute … Die Taten und Untaten dieser weltlich-geistlichen Aristokratie machen die Geschichte jener Jahrhunderte aus, mit ihnen füllen die Chronisten der Zeit die Blätter ihrer Bücher. Von anderen Leuten ist nichts zu vermelden. Das Volk auf dem Land ist zum größten Teil abhängig, unfrei in mannigfaltigen Abstufungen. Es hat zu gehorchen, zu arbeiten und Abgaben zu entrichten. Zu sagen hat es nichts. Es hat im Grunde keine Geschichte.” (in: H. Dannenbauer, Adel, Burg und Herrschaft bei den Germanen (1941), in: H. Kämpf, Herrschaft und Staat im Mittelalter, 1956, S. 66f)

Aber trotzdem können wir doch einiges über das Leben der Bauern berichten. Zur Zeit Karls des Großen gab es noch viele wehrpflichtige, freie Bauern, die das Recht hatten, Waffen zu tragen, und die Pflicht, Steuern zu zahlen und an den Kriegen teilzunehmen. Um der unter Karl dem Großen zur Belastung werdenden Kriegspflicht zu entgehen, hatten sich jedoch viele Bauern in die Abhängigkeit eines Adligen oder Geistlichen begeben. In anderen deutschen Gebieten wurden viele Höfe durch die Realteilung, in der sämtliche Kinder mit einem Stückchen Land ihres Vaters beerbt wurden, so klein und unrentabel, daß deren Besitzer im Laufe der Zeit ebenfalls in die Abhängigkeit eines adligen oder geistlichen Herrn gerieten. So wurden die freien Bauern im 8. – 11. Jh. immer mehr zu einer Randgruppe. Nur im Alpengebiet, in Westfalen und im Osten konnten sie sich länger halten.

Die Grundherrschaft, dieser Begriff wird erst im 16. Jh. verwendet, entstand und entfaltete sich vom 6. – 9. Jh. und wurde gerade im Frankenreich zu einem Herrschafts- und Wirtschaftssystem eigener Art. Ihre Wurzeln sind sowohl in der römischen Geschichte (Latifundienwirtschaft, Kolonat) als auch in der germanischen Geschichte (Gefolgschaftswesen, freie Bauern mit unfreien Knechten und Mägden) zu finden.

Träger der Grundherrschaften waren König, Kirche und Adel. Auf ihrem Grund und Boden gab es zwei unterschiedliche Wirtschaftsbereiche: das Salland oder Herrenland und das Leihe- oder Hufenland.

Das Salland wurde im Eigenbetrieb mit Hilfe der am Hofe ansässigen Unfreien und der zu besonderen Diensten verpflichteten, abhängigen Bauern bearbeitet. Im Zentrum des Sallandes befand sich der Herren-, Sal- oder Fronhof, auf dem schon zu Zeiten Karls des Großen die Grundherren selbst oder ihre Meier in ihren Herrenhäusern lebten. Scheunen, Ställe, Küchen, Back- und Brauhäuser, Keltern, Mühlen und Wohnhäuser für das Gesinde umgaben die zum größten Teil steinernen Bauten der Herren. Auch handwerklich ausgebildete Männer arbeiteten hier als Schmiede, Schuster, Wagner oder Sattler. In sogenannten “Frauenarbeitshäusern” mußten Mägde tagsüber als Spinnerinnen und Weberinnen Tuche herstellen, während die Grundherrn sich in ihren Gärten und an ihren Fischteichen ihres angenehmen Lebens erfreuen durften.

Im 8. Jh. wurden diese Herrenhöfe durch einen festen Zaun, selten durch eine Mauer von den zum Salland gehörigen Ackerflächen, Wiesen, Gärten, Wäldern, Weinbergen, Mühlen und Gewässern getrennt.

Die unbehausten Unfreien, die als Gesinde im gutsherrlichen Hause dienten, waren der Verfügungsgewalt des Herrn am stärksten unterworfen. Der Herr konnte sie schon als Kinder beliebig einsetzen: im Haus, in den Ställen, in den Werkstätten, in den Backstuben, in den Waschräumen, in den Küchen und zum Pferdebewachen. Erwachsene Knechte mußten als Kuriere, Kellermeister, Zöllner oder Förster dienen oder auf dem Salland oder Herrenhof wie die Mägde arbeiten. Als Gesinde besaßen sie keine Freizügigkeit und bis ins 6. Jh. hinein kein Recht zur Eheschließung.

Gregor von Tours (538/539 – 594) berichtet über einen üblen Grundherrn mit dem Namen Rauching, der die unerlaubte Ehe zweier seiner Unfreien sadistisch bestrafte:
“Er (Rauching) habe unter seinen Leuten damals einen Mann und ein Mädchen gehabt, die, wie dies häufig vorkommt, sich ineinander verliebt hatten. Und als sich ihr Liebesverhältnis schon zwei Jahre oder noch länger hingezogen hatte, verbanden sie sich und flüchteten zusammen in eine Kirche. Da dies Rauching erfuhr, ging er zum Priester des Ortes und verlangte, es sollten ihm seine Leute sofort wiedergegeben werden, er habe ihnen ihre Schuld verziehen. Darauf sprach der Priester zu ihm: Du weißt, welche Ehrerbietung man der Kirche Gottes weihen muß; du wirst sie also nicht zurückerhalten können, wenn du nicht dein Wort gibst, daß du ihre Verbindung bestehen läßt und überdies versprichst, sie ohne alle körperliche Strafe zu lassen. Nachdem aber jener lange unschlüssig in seinen Gedanken geschwiegen hatte, wandte er sich zu dem Priester, legte die Hände auf den Altar und schwor: Niemals sollen sie durch mich getrennt werden, sondern ich will vielmehr dafür sorgen, daß sie verbunden bleiben, denn obwohl ich es ungern sah, daß sie ohne Bewilligung von meiner Seite dies taten, ist mir doch ganz recht, daß mein Sklave nicht eines andern Sklavin und sie nicht eines anderen Sklaven genommen hat. Arglos glaubte der Priester dem Versprechen des hinterlistigen Mannes und gab ihm die Leute unter der Bedingung der Straflosigkeit heraus. Nachdem jener sie aber erhalten hatte, dankte er und ging nach Hause. Und sogleich ließ er einen Baum schlagen, die Äste abhauen, den Stamm an den Enden durch einen Keil spalten und aushöhlen, darauf drei oder vier Fuß tief die Erde ausgraben und den Kasten in die Grube senken. Darauf ließ er das Mädchen hineinlegen gleich wie eine Tote, und den Sklaven oben darauf, schloß den Deckel, füllte die Grube wieder mit Erde und begrub sie so lebendig. Ich habe meinen Schwur, sagte er dabei, nicht verletzt, daß sie in Ewigkeit nicht getrennt werden sollen. Als dies dem Priester gemeldet wurde, lief er eilig herbei; und indem er den Menschen schalt, brachte er es mit Mühe dahin, daß sie wieder aufgedeckt wurden. Den Sklaven freilich zog man noch lebendig heraus, das Mädchen fand man aber schon erstickt.” (in: Edith Ennen, ebenda, S. 86)

Die Unfreien konnten verkauft, getauscht oder verschenkt werden. Im 8. Jh. durften z.B. unfreie Ehepartner noch getrennt verkauft werden. Jedoch hatte der Grundherr für den Lebensunterhalt und die Alterssicherung seines Gesindes zu sorgen.

Besser gestellt waren da schon die behausten Knechte, die ihre eigenen Hütten im Bereiche des Herrenhofes besaßen. Sie durften kleinere Rechtsgeschäfte selbständig und größere mit Zustimmung des Herrn tätigen. Dafür mußten sie wie die anderen vom Grundherrn abhängigen Bauern bestimmte Frondienste und bestimmte Zinsen und Abgaben leisten. Die unbehausten und behausten Knechte und Mägde machten auf dem Herrenhof Friemersheim, das zum Reichskloster Werden gehörte, um das Jahr 900 25% der in dieser Grundherrschaft lebenden Bewohner aus.

Die Grundherrschaft läßt sich übrigens als die Verfügungsgewalt über Grund und Boden und das Herrschaftsrecht über Bauern, die auf diesem Grund und Boden sitzen und den Boden bearbeiten, definieren.

Das Leihe- oder Hufenland, der zweite, meist größere Wirtschaftsbereich des Grundherrn, wurde gegen festgesetzte Leistungen an Hörige, d.h. vom Grundherrn abhängige Bauern, vergeben. Es waren aber auch Grundherrschaften ohne Hufenland oder ohne Sallandbetrieb vorhanden. Überdies wurde ein Teil des Großgrundbesitzes als Lehen an Adlige oder Ministeriale verliehen.

Wie groß waren nun solche Großgrundbesitze?

Laut einem Aachener Konzil von 816 gehörte erst ein Besitz von mehr als 3 000 Hufen zu dieser Kategorie. Das Kloster St. Germain-des-Prés besaß um 820 4 700 ha Salland und 1 150 Hufen.

Als Hufe wird seit dem 8. Jh. die bäuerliche Wirtschaftseinheit aus Haus, Hof, Acker- und Wiesenland und Allmendnutzungsrechten bezeichnet. Dienste und Abgaben lasteten auf der Hufe, nicht auf der Person des Bauern. Bereits gegen Ende des 8. Jhs. war die Hufe auch zu einer Maßeinheit geworden, allerdings regional von unterschiedlicher Größe. Am häufigsten scheint man mit 30 Morgen pro Hufe gerechnet zu haben. Aber es werden auch 16, 36 und 40 Morgen genannt. Eine Königshufe betrug sogar 120 – 160 Morgen. Aber selbst die Maßeinheit Morgen war regional sehr verschieden.

Die unfreien Hufenbauern oder Hörigen waren in den Grundherrschaften zahlenmäßig am stärksten vertreten. Sie hatten ihren Grundherren für die Nutzung von Grund und Boden regelmäßig bestimmte Erträge von ihrer Getreideernte und an Gemüse, Eiern, Butter, Käse, aber auch an Geflügel, Schweinen, Schafen oder Rindern, Holz, Leinentüchern und -hemden einen Grundzins zu entrichten und mußten in der Regel an drei Tagen in der Woche sogenannte Frondienste leisten, d.h. auf dem Herrenhof oder auf dem Salland arbeiten.

Zu den Frondiensten zählte nicht nur die gesamte Feldbestellung wie Pflügen, Säen, Mähen, Dreschen, Ernteeinfahren, Bewachen der Ernte, Mahlen, Backen, sondern auch das Viehhüten, das Zäuneerrichten, das Besorgen von Bau- und Brennholz, die Leistung von Botengängen und Fuhrdiensten, das Bauen von Straßen und Brücken. Zusätzlich hatten die Frauen der Hufenbauern noch spezielle Spinn-, Web- und Wascharbeiten zu verrichten.

In der Grundherrschaft hatte die Arbeit auf dem Herrenhof und Salland grundsätzlich Vorrang vor allem anderen. Bei vielen Herren herrschte immerhin der Brauch, die frönenden Bauern mit Speise und Trank zu versorgen.

Die wenigen freien Bauern in einer Grundherrschaft hatten dagegen nur in der Zeit der Aussaat und der Ernte zu helfen.

Neben den genannten Frondiensten mußten bestimmte Abgaben und Zinsen geleistet werden. Jeder Hof war nämlich außer mit dem Grundzins noch mit dem Zehnt belastet. Die Zehntpflicht wurde in der zweiten Hälfte des 8. Jhs. gesetzlich im fränkischen Reich eingeführt. Sie stellt eine Ertragsquote in der Höhe des zehnten Teiles der Getreideernte dar. Neben diesem “großen Zehnt” gab es aber noch den “kleinen Zehnt”, der von Obst und Gemüse gefordert wurde, und den “Fleisch- oder Blutzehnt”, der auf Schlachtvieh erhoben wurde. Die einzelnen Abgaben waren zu festen Terminen fällig. Laut des Sachsenspiegels hatte man zu Walpurgis (1.5.) den Lämmerzehnt zu leisten, zu St. Urban (25.5.) den Zehnt von Früchten aus den Obst- und Weingärten, am Johannistag (24.6.) den Fleischzehnt, am St. Margarethentag (13.7.) den Getreidezehnt, an Mariä Himmelfahrt (15.8.) den Gänsezehnt, am St. Bartholomäustag (24.8.) den Zehnt auf Mehl, Eier etc.

Aus dem Güterverzeichnis des Klosters Prüm in der Eifel erfährt man etwas über die Abgaben und Frondienste, die ein Hufenbauer im Hof Rommersheim im Jahre 893 zu leisten hatte. An Abgaben wurden ein Schwein im Wert von 20 Pfennigen, ein Pfund Flachs, drei Hühner und 18 Eier gefordert. Außerdem mußte der Hörige je eine halbe Fuhre Wein im Mai und im Oktober, fünf Fuhren Mist, fünf Bündel Baumrinde und 12 Fuhren Holz liefern und auf dem Herrenhof beim Backen und Brauen helfen, die Scheunen bewachen und die Beete im Garten pflegen. Dann hatte er noch 50 Bretter oder 100 Schindeln für ein Kirchendach zum Kloster zu transportieren und eine Woche lang Schweine im Wald zu hüten. Zusätzlich war er verpflichtet, an drei Tagen in der Woche drei Morgen Salland zu bearbeiten, Saatfelder und Weiden einzuzäunen, und aus Holler, einem Dorf 40 km von Rommersheim entfernt, fünf Scheffel Getreide zu holen. Seine Frau hatte noch Hosen für die Herrschaften zu nähen. Kam der Abt von Prüm höchstpersönlich nach Rommersheim, mußte der Hufenbauer zusammen mit den anderen 29 Bauern des Hofes vier Ochsen und einen Karren für Transporte bereitstellen. (in: Rolf Toman, Das hohe Mittelalter, Besichtigung einer fernen Zeit, Köln 1988, S. 68)

Aber das waren noch nicht alle Verpflichtungen der Hörigen! Sie hatten auch noch den Weidezins, das Laudemium, das Mortuarium, den Kopfzins, die Heiratsgebühr und eventuell den Wachszins zu entrichten.
Den Kopfzins mußten Frauen wie Männer leisten.
Der Weidezins wurde für die Benutzung grundherrlicher Wälder und Weideflächen erhoben.
Die Wachszinsigkeit bestand in der Abgabe von Wachskerzen an die grundherrliche Kirche.
Das Laudemium war eine Besitzwechselabgabe. Der abziehende Bauer hatte ein “Abfahrtsgeld” zu entrichten, der neue Hofinhaber ein “Auffahrtsgeld”.

Für die Erlaubnis einer Eheschließung war eine Heiratsgebühr zu zahlen.

Das Mortuarium mußte dem Grundherrn im Falle des Todes des Hörigen oder seiner Frau entrichtet werden. Ursprünglich hatte der Herr den Anspruch auf den gesamten Nachlaß seiner toten Unfreien, doch im Laufe der Zeit wurde sein Anteil auf das “Besthaupt” und “Bestkleid” reduziert. Nach dem Tode eines männlichen Hörigen hatten dessen Nachkommen das beste Stück Vieh (Besthaupt) dem Grundherrn zu überreichen, im Falle des Todes der Frau das beste Gewand (Bestkleid). Häufig konnten die Erben im Spätmittelalter ihre Pflichten diesbezüglich auch durch Geldzahlungen ablösen.

Aber das war noch nicht alles, was die Hörigen ihren Grundherren übergeben oder bezahlen mußten! So hatten sie zudem noch Gebühren für das herrschaftliche Gericht und für die Benutzung der herrschaftlichen Mühle, des Backofens und der Kelter zu entrichten. Für die Schweinemast und für das Holzfällen im herrschaftlichen Wald und für die Benutzung des herrschaftlichen Ebers zur Schweinezucht hatte der kleine Mann ebenfalls zu zahlen. War der Grundherr auch noch der Eigenkirchenherr, mußte ihm zudem der Kirchenzehnt übergeben werden. In kritischen Zeiten besaß der Herr außerdem das Recht, die Bede, eine Sondersteuer, zu erheben.

Erleichterungen bei der Abgabepflicht, Befreiungen von dem Frondienst und größere Brennholzzuteilungen gab es unter anderem für den Hörigen, dessen Frau schwanger war oder vor kurzem ein Kind geboren hatte. In solchen Fällen begnügte sich der herrschaftliche Abgabeneintreiber z.B. bei der Hühnerabgabe mit dem Kopf des Huhnes und ließ das übrige der Familie.

Der Grundherr hatte schließlich die Pflicht, für seine Leute zu sorgen. Die Hörigen konnten von ihm erwarten, in wirtschaftlichen Notlagen einen Erlaß oder eine Verringerung der Abgaben oder die Überlassung von Saatgut, Zuchtvieh oder Baumaterial zu erhalten. Außerdem hatte der Herr sie vor ungerechtfertigter Pfändung, vor Brandschatzung und Gewalt zu schützen. Erfüllte der Grundherr seine Verpflichtungen nicht, mußten seine Hörigen ihm laut des Schwabenspiegels auch nicht dienen: “Wir suhn den herren dar umbe dienen, daz si uns beschirmen. unde beschirment si uns nit, so sin wir in nit dienestes schuldig na rehte.” (in: F. Lassberg, Der Schwabenspiegel nach einer Handschrift vom Jahr 1287, Tübingen 1840, S. 133)

Im Frühmittelalter wehrten sich die Bauern meistens passiv gegenüber ungerechten Forderungen ihrer Herren, indem sie z.B. ihre Arbeiten nur nachlässig erfüllten oder in eine andere Grundherrschaft flohen.

Denn rechtliche Unterstützung für ihre Beschwerden konnten sie nicht erwarten. Ihr Herr besaß schließlich über sie die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt und konnte sie jederzeit bestrafen lassen, obwohl seit dem 11. Jh. die Rechte und Pflichten der Hörigen in sogenannten Hofrechten schriftlich festgehalten wurden.

Erst in der Zeit der Kreuzzüge kam es zu einem Wandel in den Grundherrschaften. Denn die Grundherren fanden durch ihre Reisen ins heilige Land kaum noch Zeit, selbst über ihren Besitz zu wachen, und betrauten treue Hörige als Meier mit dieser Aufgabe. Außerdem waren die ritterlichen Herren immer knapp bei Kasse. Die kostbaren Rüstungen verschlangen Unsummen an Geld, das man z.B. durch die Verpachtung des Sallandes erstehen mußte. So hatten um 1200 die meisten Grundherren ihre Eigenwirtschaft längst aufgegeben und lebten von den Natural- und Geldabgaben ihrer Hörigen. Hier und da versuchten sie zwar noch mehr aus ihren Bauern herauszupressen. Diese aber flüchteten daraufhin in die aufstrebenden Städte oder nahmen an einem Rodungsprojekt im Osten oder Norden des Reiches teil. Um nämlich Freiwillige für die harten Landerschließungsarbeiten zu gewinnen, mußten die Herren im Osten, in den ostelbischen Gebieten, in den polnischen, böhmischen und ungarischen Ländern, die Siedler mit Freiheitsprivilegien wie persönlicher Freizügigkeit, größerer wirtschaftlicher Eigenverantwortung, niedrigen Zinsforderungen, Befreiung von allen bedrückenden Arbeitsverpflichtungen, Wegfall des Mortuariums und der Heiratsgebühr, größerer Autonomie in Gemeindeangelegenheiten, z.B. Wahl des eigenen Dorfrichters, und günstigen Besitzrechten wie der erblichen Zinsleihe für sich gewinnen.

Die Grundherren im Westen versuchten, die Abwanderung ihrer Hörigen in die Städte oder in den Osten zu verhindern, indem sie ebenfalls die Abgaben und Dienste reduzierten. Somit verbesserte sich die Lage der Bauern im Hochmittelalter zusehends. Vielerorts erlangte die Landbevölkerung eine größere Freizügigkeit, eine bessere rechtliche Stellung und günstigere Besitzrechte an Hof und Leihegut. Der Grundherr selbst besaß nur noch geringe Eingriffsmöglichkeiten, solange die Hörigen ihre Abgaben und Dienste fristgerecht leisteten und grundherrliches Land ohne seine Zustimmung nicht veräußerten oder den Hof vernachlässigten.

Nur noch einige Frondienste blieben erhalten, die meisten konnten mit Geld beglichen werden. So blieb Zeit zur Bearbeitung des eigenen Bodens, und die dabei anfallenden Überschüsse konnten auf den Märkten der Städte angeboten werden. Viele Bauern wurden so wohlhabend, daß sie ihre Söhne auf die Universitäten schicken konnten. Bürger und Ritter aber achteten durch Kleiderordnungen und spezielle Verbote darauf, daß sich die Landbevölkerung nicht auch noch wie die höheren Stände zu kleiden und zu bewaffnen begann. In der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters kamen die Bauern zudem stets schlecht davon. Sie wurden als Riesenkerle mit grobschlächtigen Armen, breiten Hüften und Schultern geschildert.

Ihre Augen ständen laut der Beschreibungen ihrer bürgerlichen und adligen Zeitgenossen um Handeslänge auseinander, ihre Haare wären pechschwarz und borstig, ihre breitflächigen gegerbten Wangen wären schmutzig. Angeblich stänken die Bauern bestialisch, da sie sich kaum waschen würden, hätten große Schädel, riesige plattgedrückte Nasen mit geblähten Nüstern, wulstige, rote Lippen und große, gelbe, häßliche Zähne. Außerdem wären sie aggressiv, unverschämt, geldgierig, faul, hinterlistig, mürrisch, mißtrauisch, häßlich, dumm und immer unzufrieden.

Ein Sprichwort im Mittelalter besagte: “Schlag einen Bauern, und er wird dich segnen, segne einen Bauern, und er wird dich schlagen!”

Veranstaltung vom 29.05.2019

Klosterbesitz der Zisterzienserabtei Altenberg

Altenberg war eines der bedeutenden rheinischen Zisterzienserklöster und verfügte über einen ausgedehnten und weit verstreuten Besitz. Es handelte sich sowohl um ländlichen als auch um städtischen Besitz, zu dem außer den Stadthöfen zahlreiche Häuser und Renten gehörten. Zu dem ländlichen Besitz zählen die landwirtschaftlichen Güter inklusive der Weingüter und die Ländereien.

Bei der „Hereditas Berge“ handelt es sich um die Grundausstattung des Klosters mit Ländereien – eine geschlossene Fläche, die direkt an die Klostersiedlung anschloss und von den Herren zu Berg im Zuge der Klosterstiftung an den Orden übertragen wurde.

Der Klosterbesitz wurde vermehrt im Zuge der Klosterbeitritte, durch Schenkungen und Erbschaften sowie im Spätmittelalter durch planmäßige Käufe, Verkäufe und Tauschgeschäfte. Man stieß vereinzelte und weit entfernte Güter ab und versuchte die Besitzungen räumlich zu konzentrieren. Die Phase nennenswerter Neuerwerbungen endete im Wesentlichen 1440 mit Abt Johannes Rente. In der Folgezeit konzentrierte man sich auf den Erhalt und die gelegentliche Abrundung des Besitzes. In der Frühen Neuzeit wurden zudem Besitzerwerbungen durch geistige Institutionen praktisch unmöglich gemacht. Eine Ausnahme bildete das Erzstift Köln. Hier konnten sich die Altenberger Äbte noch kleinere Höfe im Kölner Süden aneignen und in Rittersitze einkaufen. Sie erwarben Dirmerzheim und Glesch und wurden somit landtagberechtigt.

In die spätmittelalterliche Zeit fällt auch die Ablösung des nach der Gründung aufgebauten Grangiensystems durch ein Pachtsystem. Seit dem 15. Jahrhundert war aller Besitz außer dem innerhalb der Klostersiedlung gelegenen Küchenhof, der das Kloster direkt versorgte, verpachtet.

Eigen- und Grangienbewirtschaftung

Die ursprünglich auf Eigenbewirtschaftung von Grundbesitz basierende Versorgung und Existenzsicherung der Zisterzienserklöster führte bereits früh zur Ausbildung von Grangiensystemen. Eine Grangie war ein von Konversen (Laienbrüdern) und Lohnarbeitern bewirtschafteter Hof, der in näherer und weiterer Umgebung des Klosters möglichst abseits der Bauernsiedlungen errichtet werden sollte.

In den Klostersiedlungen gab es de facto ein Zweiklassensystem, bestehend aus den Chormönchen mit geistlichen Verpflichtungen und den Konversen für die anstehenden körperlichen Arbeiten. Ein Aufstieg der Konversen war nicht möglich, sie hatten keine Mitspracherechte und wurden bewusst unwissend gehalten, in dem sie weder Lesen noch Schreiben lernen durften.

Bereits im 12. Jahrhundert gab es die Tendenz, dass sich die Klöster von der ausschließlichen Eigenbewirtschaftung abwandten und ihre Güter, vor allem in vereinzelten und weit entfernten Lagen durch Verpachtung zinswirtschaftlich zu nutzen begannen. In Altenberg konnte das Ideal der vollständigen Eigenbewirtschaftung von Beginn an nicht realisiert werden. Dem entgegen standen die Besitzzersplitterung und die damit einhergehende Gemengelage der Parzellen im Altsiedelland, aber auch die bestehenden

grundherrlichen Rechte, mit denen Schenkungen belasted sein konnten. Landesausbau hatte in Altenberg eine untergeordnete Rolle gespielt. Ein Beispiel ist die Grangie Bochheim.

Der rechtsrheinische, ländliche Besitz lag in der Nähe des Klosters in der Rheinebene, an der unteren Wupper und der Siegmündung. Der linksrheinische, ländliche Besitz lässt sich insgesamt schwerer bestimmen. Die Anzahl der Höfe lag je nach Quelle zwischen 100 und 140. Im Erzstift Köln lagen die Besitzschwerpunkte um Brühl, im Gillbachtal und im nördlichen Kölner Umland. An letztgenanntem Standort lässt sich eine planmäßige Erwerbspolitik im 15. Jahrhundert nachweisen. Im Herzogtum Jülich konzentrierte sich der Besitz um Titz und Ameln sowie entlang der Erftniederung um Bergheim.

Die Weingüter des Klosters befanden sich außerhalb des heutigen Nordrhein-Westfalen am Mittelrhein. Der Weinhandel war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Klosters. Für das 13. Jahrhundert ist er bis nach Flandern und Antwerpen belegt. Der Besitz in den Städten umfasste vor allem Häuser und Hausrenten. Den meisten Besitz hatte Altenberg in Köln. Weitere Städte waren Bonn, Poppelsdorf, Koblenz, Boppart, Kaiserswerth und Neuss.

Von großer Bedeutung für die Wirtschaftstätigkeit der Zisterzienser waren die Stadthöfe. Für Altenberg sind sie in den Städten Köln, Bonn und Koblenz belegt. Unbestrittenes Zentrum der gesamten klösterlichen Wirtschaftstätigkeit war der Kölner Stadthof. Er bestand bereits Mitte des 12. Jahrhundert und lag in  der Johannisstraße. Hier war der zentrale Stapelplatz, das Verwaltungszentrum der Besitzungen und das Geschäftszentrum der Abtei. Er diente als Herberge für Klosterangehörige und Gäste. Bis 1511 war er zudem die Residenz des bergischen Herrscherhauses in Köln.

Die Altenberger Grangienwirtschaft

Im Jahr 1210, 80 Jahre nach Gründung des Klosters, verfügte Altenberg über 12 Grangien in Lützelfeld, Bacharach, Rhens, Horchheim, Sürth, Forsterhof, Bochheim, Schönrath, Isenkroidt, Widdauen, Brück und Mickel. Diese hatten eine durchschnittliche Größe von 150 Hektar, was für damalige Verhältnisse außerordentlich groß war. Durch zum Teil rigide Formen des Besitzausbaus der großen Höfe bis hin zur Zerstörung bestehender Dörfer kam es in den Altsiedellandschaften zu Konflikten zwischen dem Orden und der ansässigen Bevölkerung. Dies galt auch für die Nutzungsrechte an den Gemeinschaftflächen, die dem großen Viehbestand der Grangien nicht gewachsen waren. Den größten Anteil der Arbeitskräfte und die Leitung der Grangien stellten die

Konversen. Daneben waren zahlreiche Lohnarbeiter beschäftigt.

Der allgemeine Niedergang der Grangienwirtschaft im Spätmittelalter setzte in Altenberg bereits im 13. Jahrhundert ein, als einige unrentable Grangien verpachtet wurden. Nach dem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch einmal zwei neue Grangien  aufgebaut worden waren, ging die Bewirtschaftung im 14. Jahrhundert weitestgehend gegen Pachtzins nach außen. Am längsten hielt man noch die Weingüter in Eigenbewirtschaftung. Letztendlich verblieb jedoch nur der innerhalb der Klostersiedlung liegende

Küchenhof bis zur Säkularisation unter eigener Regie. Alle anderen Güter waren Ende des 15. Jahrhunderts verpachtet. Auslöser dieser Umstrukturierung war zu Beginn des 14. Jahrhunderts eine ordensinterne Krise. Es gab keinen ausreichenden Nachwuchs an geeigneten Konversen mehr, die billige Arbeitskräfte gestellt hatten. Vielmehr kam es zu Konversenaufständen und -unruhen. Gegen Mitte des Jahrhunderts folgte die allgemeine Agrar- und Wirtschaftskrise.

Bis zum Ende des Mittelalters hatte sich eine ausgedehnte Klostergrundherrschaft gebildet, die durch Klosterbeamte verwaltet wurden. Bei der Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen stand der Getreideanbau im Vordergrund, aber auch der Weinbau spielte bei den rheinischen Zisterzienserklöstern eine wichtige Rolle. Beide Produkte wurden für die Selbstversorgung und den Handel produziert.

Die wachsende Stadt Köln, damalige Handelsmetropole, bot einen nahen und großen Absatzmarkt. Die entscheidende Schnittstelle war der Kölner Stadthof, über den die Erzeugnisse gehandelt wurden. Die erwirtschafteten Geldmittel wurden wiederum zur Mehrung des Grundbesitzes eingesetzt. Der Aufschwung der rheinischen Zisterzienserklöster im 12. und 13 Jahrhundert ist eng an diese Verflechtung mit den städtischen Handelszentren gebunden.

Landwirtschaftliche Höfe

Eva Kistemann hat in einem Inventar 92 Höfe zusammengestellt, die zum Besitz des Klosters Altenberg gehörten (Bd. II). Im Rechtsrheinischen konzentrierte sich der Besitz in der Nähe des Klosters in der Rheinebene, an der unteren Wupper und der Siegmündung. Im Linksrheinischen lässt sich die Anzahl der Höfe insgesamt schwerer bestimmen. Im Erzstift Köln lagen die Schwerpunkte um Brühl, im Gillbachtal und im nördlichen Kölner Umland. Im Herzogtum Jülich konzentrierte sich der Besitz um Titz und Ameln sowie entlang der Erftniederung um Bergheim.

Weingüter

Die Weingüter des Klosters lagen außerhalb des heutigen Nordrhein-Westfalen am Mittelrhein bei Horchheim, Nieder- und Oberlahnstein, Bacharach und Rhens. Die weit entfernt gelegenen Güter Lützelfeld und andersacker (Würzburg) wurden bereits bald nach 1219 abgegeben.

Grundherrschaft – Grundbegriffe

Grundherrschaft: „Ihre spezifische Ausprägung erfuhr die frühmittelalterliche Grundherrschaft in der Villifikationsverfassung, die auch als die „klassische“ Grundherrschaft bezeichnet wird. Sie ist dadurch charakterisiert, daß der eigenbebaute Fron- oder Herrenhof (villa oder curtis dominica) in ihrem Mittelpunkt stand; das zu diesem Hof gehörende Salland (terra salica) wurde mit Hilfe des unfreien Hofgesindes und der abhängigen Hufenbauern bewirtschaftet. Als Hufe (mansus) galt die Normalausstattung einer von einem Grundherrschaftszentrum abhängigen Bauernstelle mit Land und Nutzungsrechten; ihr Inhaber war zu bestimmten Abgaben und Diensten verpflichtet.“

Villifikation bezeichnet eine siedlungsgemäße („quasidörfliche“) Einheit innerhalb einer mittelalterlichen Form der Grundherrschaft, der auch als eine Art Hofverband angesehen werden kann.

Das Salland war das vom Grundherrn/Verwalter in Eigenwirtschaft mit Hilfe am Hof ansässiger Unfreier und abhängiger Bauern bearbeitete Land. Die Erträge gingen an der Grundherrn.

Das Hufland war das an abhängige Bauern verliehene Land, die dem Grundherrn als Pacht Abgaben und Dienstleistungen (Fron) schuldeten. „Hufe“ bzw. „Hube“ (lateinisch: manus oder coloni(c)a, althochdeutsch: houba [latinisiert: huba], mittelhochdeutsch: hoube, mittelniederdeutsch: hove) ist die Bezeichnung für das abhängigen Bauern zugewiesene Land. Im Mittelalter war dies eine bäuerliche Wirtschaftseinheit aus Haus, Hof, Acker- und Wiesenland und Allmendnutzungsrechten (Allmende: Allgemeingut mit allgemeinen Nutzungsrechten, z.B. bei Bächen, Seen und Dorfwiesen). Hufe wurde auch Bezeichnung einer Maßeinheit, mit regional unterschiedlicher Größe.

Fronhof: „Als Fronhof wird der herrschaftliche Gutshof bezeichnet, der im Zentrum einer Villikation  steht. Das Wort leitet sich vom althochdeutschen frôn = Herr her. In lateinischen Quellen wird der Fronhof meist als villa oder curtis dominica bezeichnet. Der Fronhof war im Rahmen eines Hofverbandes (Villikation) das wirtschaftliche und herrschaftliche Zentrum; er wurde vom Herrn selbst oder einem Hofverwalter (Meier) bewirtschaftet. Die Bauern der dem Fronhof unterstellten Hufen entrichteten diesem einerseits den Grundzins und sonstige Abgaben und leisteten andererseits auf dem Fronhof die Frondienste. Ein Fronhof war mit mehr oder weniger ausgedehnten Ländereien ausgestattet, die vom Grundherrn oder dessen Verwalter in Eigenwirtschaft betrieben wurden und deren Gesamtheit als Salland (terra salica) bezeichnet wird. Dazu wurde sowohl auf die Arbeitskraft des hofeigenen Gesindes, als auch auf die Frondienste der Hufenbauern zurückgegriffen. Letztere konnten sich bis auf mehrere Tage in der Woche erstrecken, die Leistungspflicht der Hufenbauern – die ja daneben ihre eigenen Höfe zu bewirtschaften hatten – dem Fronhof gegenüber war also beträchtlich.

Der Fronhof selbst umfasste die Wohngebäude des Grundherrn oder des Meiers sowie des Gesindes und der Tagelöhner. Dazu gehörten die Wirtschaftsgebäude (wie Vorratshäuser und Scheunen). Das zum Fronhof gehörende Salland setzte sich oft aus Streubesitz zusammen, je nachdem, wie Flächen durch Schuldknechtschaft oder andere Umstände zum Fronhof hinzukamen. Fronhöfe hatten also meist keine zusammenhängende Fläche.“

Grangie

Der Begriff Grangie (lateinisch granum = „Korn“, davon abgeleitet granicum bzw. grangium = „Getreidespeicher“, „Vorratshaus“; italienisch grangia; französisch grange; spanisch granja) bezeichnete ursprünglich einen Getreidespeicher, dann einen umfriedeten Hofbezirk und später einen landwirtschaftlichen Gutskomplex.

Grangien bilden die vorherrschende Gutsform der Zisterzienser und stellen dort von Laienbrüdern (Konversen) bewirtschaftete Großgüter im Umfang von 50–400 ha (Durchschnittsgröße 150–200 ha) dar. Die Konversen leiteten die Grangien und stützten sich in ihrer Arbeit auf Klostergesinde (Klosterhörige) und Lohnarbeiter, waren aber ihrerseits dem Abt und dem Cellerar des Klosters selbst rechenschaftspflichtig.

In der Frühzeit des Ordens entstanden Grangien oft dadurch, dass den Zisterziensern bisher unbebautes Land (Wälder, Sumpfgebiete) gestiftet wurde. Diese Gebiete erschlossen die Klosterinsassen, vor allem die Konversen genannten Laienbrüder dann durch eigene Arbeit, aber auch durch den Einsatz von Lohnarbeitern für den Ackerbau und richteten dort ihre Wirtschaftshöfe ein. In späterer Zeit aber waren die Gegenden, in denen die Zisterzienser-Klöster lagen – nicht zuletzt aufgrund der Tätigkeit des Ordens – keine dünn besiedelten Einöden mehr. Nun kam es zunehmend häufiger vor, dass den Mönchen bereits bewohntes Pachtland gestiftet wurde. Das konnte dazu führen, dass die bisher dort lebenden Bauern verdrängt wurden: „Befand sich unter dem geschenkten Land Pachtland, setzten die Zisterzienser nicht selten alles daran, die Pächter abzufinden, zum Beispiel durch die Zahlung von Geld, die Lieferung von Vieh oder von Gebrauchsgegenständen und anderem. Die Pächter mussten dann das Land verlassen oder als Lohnarbeiter für die Zisterzienser arbeiten.“ Das bisherige Dorf mit seinen Bauernhöfen wurde dann bis auf einen als Grangie genutzten Hof abgebrochen und die Felder wurden von der Abtei in Eigenbewirtschaftung genommen.

Die Wirtschaftsform der Grangien, die im 12. und 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt hatte, war durchweg modern: Als Reaktion auf die unrentabel werdende und mehr und mehr zersplitterte traditionelle Grundherrschaft strebten die Zisterzienser nach abgerundetem Landbesitz und rechtlicher Einheitlichkeit, die zusammen mit rationellen Betriebsformen geeignet waren, Gewinne zu erzielen. Die Grangien produzierten ihre Erzeugnisse für den lokalen Markt der nahen Städte und setzten sie über die Stadthöfe der Klöster ab.

Beispiele

Die gute urkundliche Überlieferung der Zisterzienser erlaubt, das Entstehen und das Wirtschaftssystem der Grangien detailliert zu verfolgen und nachzuzeichnen.

Im Heidelberger Umland errichteten die Zisterzienser des Klosters Schönau mit Bruchhausen und Grenzhof zwei große Grangien, wobei die Auflösung des Dorfes Lochheim urkundlich gut nachweisbar ist. Die Umwandlung des Dorfes Plankstadt zur Grangie scheiterte jedoch 1293, zum einen, weil sich die dortigen Bauern erbittert zur Wehr setzten, zum anderen, weil die Kraft des Klosters Schönau, die sich auf die Arbeit der Laienbrüder stützte, bereits im Erlahmen war.

Anekdotisch ist dagegen die Geschichte um die Maulbronner Grangie Elfingen: Den Mönchen in Maulbronn sei es gestattet gewesen, bei den Mahlzeiten die Finger in eine Rinne mit Wein zu tauchen und abzulecken. Ein Mönch soll angesichts des guten Weins geseufzt haben: „Ach wenn ich doch nur elf Finger hätte!“ So sei der Elfinger Wein zu seinem Namen gekommen.

Die Umwandlung blühender Dörfer in Einzelhöfe führte auch zu Problemen. Das fränkische Zisterzienserkloster Ebrach förderte im Hochmittelalter die Gründung von Grangien am Maindreieck. Während der sogenannten negativen Siedlungsperiode im 14. und 15. Jahrhundert wurden viele dieser Grangien dann aufgegeben. Unter diesen, teilweise temporären, Ortswüstungen sind die Siedlungen Dürrenhof, Gieshügel, Kaltenhausen, Saudrach und Schmalfeld zu nennen.[2]

Konverse

Konverse (lat. Plural: Conversi) war in den monastischen Orden eine andere Bezeichnung für Laienbrüder, die keine Weihen empfingen und vorwiegend körperliche Arbeiten verrichteten. Konversen arbeiteten im Kloster als Handwerker, in der Landwirtschaft und im Garten. Neben einfachen Tätigkeiten übten Konversen im Mittelalter auch verantwortungsvolle Tätigkeiten als Kaufleute, Zinsmeister und Verwalter von Stadthöfen und Grangien aus. Von bleibender Bedeutung waren sie vor allem als Baumeister und -handwerker. Als Verwalter von Grangien stützten sie sich auf die Arbeit von Klostergesinde und Lohnarbeitern (mercenarii) und waren dem Abt und Cellerar des Klosters rechenschaftspflichtig.

Innerhalb des Klosters aßen und schliefen die Konversen in einem gesonderten Gebäudeteil (Konversenflügel, Konversenhaus). Das Betreten der Klausur und die Teilnahme am Kapitel war den Konversen in der Regel nicht gestattet. In der Klosterkirche waren sie durch einen Lettner vom Mönchschor getrennt (wie etwa im Kloster Maulbronn) und betraten die Kirche durch ein eigenes Portal an der West- oder Südseite (z. B. in der Abteikirche Otterberg).

Für die Berufung des Konversen nicht geeignete Bewerber wurden nach Empfang der Tonsur und Anlegen besonderer Kleidung als Familiare an das Kloster gebunden. Konversen, die ihrer Arbeit nicht nachkamen, konnten unter die Familiaren versetzt werden.

Das Hirsauer Formular von 1075 zeigt, dass das Konverseninstitut schon vor der Zeit der Zisterzienser bestand. Um das Kloster ausreichend versorgen zu können, kamen in Hochzeiten des Konversen-Institutes auf einen Chormönch ein oder zwei Konversen. Für die Abtei Rievaulx in Yorkshire werden für das Jahr 1167 140 Chormönche und 500 Laienbrüder genannt.

In den meisten monastischen Orden galten die Konversen früher nicht als vollwertige Mönche. Dies änderte sich mit der Anpassung des Ordenslebens an die Vorgaben des Dekrets Perfectae caritatis (über die zeitgenössische Erneuerung des Ordenslebens) des Zweiten Vatikanischen Konzils. In vielen Gemeinschaften erlangten sie nach 1970 volle Kapitelrechte und -pflichten.

Liten, Lasse

Lasse (maskulinum) ist die frühmittelalterliche historische Bezeichnung für einen minderfreien/halbfreien zinshörigen Bauern, der an seinem Gut eine Erbberechtigung besaß und abhängig vom übergeordneten Adel war. Weitere Namensvarianten sind: Late, laz (althochdeutsch), læt (altenglisch), let (altfriesisch), Lazze (mittelhochdeutsch), Lat, late und laet (mittelniederländisch), sowie lat, lâte (mittelniederdeutsch).

Darüber hinaus finden sich in den germanischen Volksstämmen und vor allem im nordwestlichen Deutschland sowohl die Bezeichnungen Litus oder Latus (mittellatein) bzw. Letus (frankolatein) für einen an die „Scholle“ gebundenen Minderfreien verschiedener Abstufungen[2], als auch die Bezeichnung Lito. Der Stand der Lassen ist eine Weiterentwicklung des Kolonatsrecht, welches sich im Verlauf der Spätantike im Imperium Romanum entwickelt hatte und später in den nachrömischen Königreichen der Goten, Vandalen, Burgunder und Franken zum Teil übernommen worden war.

Der Stand der Lassen, Laten oder Liten ist vergleichbar mit dem der Hörigen und steht gesellschaftlich deutlich unter dem Stand der Edelfreien und Frielingen. In den Vorschriften der jeweiligen Volksrechte zeigen sich beispielsweise anhand der Höhe des Wergeldes der soziale Status des Lassen/Laten/Liten und die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Unfreiheit, Halbfreiheit und Freiheit in den einzelnen historischen Ständen. Die unterschiedlich große Eigenverantwortlichkeit im Gericht und im Verhältnis zum jeweiligen Dienstherrn gibt Hinweise auf die rechtliche Abstufung und die gesellschaftlichen Zwischenpositionen des Standes. In Sachsen hatten die dortigen Liten beispielsweise das Recht, Waffen zu tragen und auf der Volksversammlung zu erscheinen und besaßen anders als die vollkommen rechtlosen Unfreien (Knechte, Mägde, Sklaven und Kriegsgefangene) somit ein Versammlungs- und Stimmrecht und waren trotz des halbfreien Status Teil des Stammes.

Der Status des Halbfreien/Minderfreien bedeutet für den Betroffenen, dass er als Person zwar frei war, jedoch für das Land, das er bewirtschaftete, an den Grundherrn einen Zins entrichten musste. Sie rekrutierten sich oftmals aus zuvor freien Bauern, die beispielsweise wegen Missernten, Krankheitsfällen oder kriegerischen Auseinandersetzungen ihr Land nicht mehr halten konnten und es an den Grundherrn übertragen mussten. Neben den Zinszahlungen, die im Frühmittelalter meist aus Naturalien bestanden, waren sie zu Frondiensten für den Grundherrn verpflichtet. Vor allem im altsächsischen Recht war der Litus zudem ein abhängiger kriegerischer Gefolgsmann des Edelfreien.

Die feminine Form der Standesbezeichnung lautet je nach Region: Latesse, Lita, Litonissa.

Lasswirtschaft war bis zur Bauernbefreiung eine im Königreich Preußen, insbesondere im Markgraftum Oberlausitz und teilweise in der Niederlausitz verbreitete Form der Gutsherrschaft bzw. Erbuntertänigkeit des unfreien sorbischen Bauerntums

Zu den Grundherrschaften der Klöster (Essen-)Werden, Stift Essen, Stift Freckenhorst und Bistum Paderborn s. Werner Rösener, Grundherrschaft und Bauerntum im hochmittelalterlichen Westfalen, in: Westfälische Zeitschrift 139, 1989, S. 9-41 (Online verfügbar).

Veranstaltung vom 04.06.2019

Schloss Burg (auch Schloss Burg an der Wupper) ist eine ab dem späten 19. Jahrhundert rekonstruierte Höhenburg im Solinger Stadtteil Burg an der Wupper. Die Anlage war seit dem 12. Jahrhundert die Stammburg der Grafen und späteren Herzöge von Berg und ist heute das Wahrzeichen des Bergischen Landes. Zugleich ist sie eine der größten Burgen Westdeutschlands und die größte rekonstruierte Burganlage in Nordrhein-Westfalen.

Im Hochmittelalter war sie eines von vier Zentren der Grafschaft Berg und fungierte als Hauptresidenz der Grafen von Berg, verlor diese Position erst 1380 unter Wilhelm II. von Berg an Düsseldorf. Schloss Burg wurde von der unterdessen in den Herzogsstand erhobenen Herrscherfamilie anschließend noch als Jagdschloss genutzt, ehe in den 1660er Jahren Schloss Benrath vor den Toren Düsseldorfs gebaut wurde. Infolge des Dreißigjährigen Krieges geschleift und bis 1807 nur noch als Sitz eines bergischen Kellners und Richters genutzt, verfiel die Anlage immer mehr und verkam zu einer Ruine. 1887 gründete sich ein Verein zu ihrer Erhaltung, der schon bald den Wiederaufbau der Burg zu seinem Vereinsziel machte. Durch Spenden, Lotterieerlöse, Unterstützung durch den Rheinischen Provinziallandtag, den Bergischen Geschichtsverein und das deutsche Kaiserhaus konnten die von 1890 bis 1914 dauernden Wiederaufbauarbeiten finanziert werden.

Heute wird Schloss Burg zu vielfältigen kulturellen Zwecken genutzt, unter anderem als Museum, Veranstaltungsort und Gedenkstätte. Eigentümer der am 2. Oktober 1984[2] unter Denkmalschutz gestellten Anlage sind die Städte Solingen, Remscheid und Wuppertal. Der Schlossbauverein Burg an der Wupper fungiert als Betreiber.

Eigenbehörigkeit – Hofhörigkeit

•             Unter Eigenbehörigkeit wird in Westfalen die persönliche und dingliche Abhängigkeit eines Bauern von seinem Grundherrn verstanden. Sie entspricht im Wesentlichen der in Ostpreußen durch den “Deutschen Orden” etablierten Eigenhörigkeit, wie diese in den Handfesten beschrieben sind. Eigenbehörige Bauern waren persönlich unfrei und standen in einem besonders engen Abhängigkeitsverhältnis vom jeweiligen Grundherrn. Sie waren an den Hof, den sie bewirtschafteten gebunden, hatten aber in der Regel einen erblichen Nießbrauch an dem Untereigentum (Besitz, Grund und Boden).

•             Der Hofhörige besaß ein dingliches, erbliches Nutzungsrecht, vorausgesetzt, daß er die im Hofrecht festgesetzten grundherrlichen Abgaben und Leistungen bei der Erbübertragung vertraglich anerkannte und auch entrichtete.

•             Da Eigenbehörige den Hof, den sie bewirtschafteten, nicht wirklich besaßen, konnten sie den Hof weder ganz noch teilweise veräußern. Auch die Belastung (Verpfändung) des Landes bedurfte in der Regel der Zustimmung des Grundherrn.

•             Aus der grundherrlichen Abhängigkeit resultierten eine Reihe von Pflichten. So waren die Eigenbehörigen zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet. Die nachwachsenden Töchter und Söhne der Eigenbehörigen konnten zum Gesindezwangsdienst herangezogen werden.

•             Bis ins 18. Jahrhundert hinein erwarb der Grundherr sowohl an den unbeweglichen als auch an den beweglichen Sachen (den Mobilien und Moventien) des Eigenbehörigen volles Eigentum.[2] Dies hatte erhebliche erbrechtliche Folgen, denn der Nachlass eines Eigenbehörigen gehörte dem Grundherrn. Wollten die Nachkommen die Verfügungsgewalt über diese Habe erhalten, mussten sie eine Abgabe, den Sterbfall entrichten. Da diese Zahlungen in der grundherrschaftlichen Rentkammer registriert wurden, stellen die Aufzeichnungen darüber heute eine genealogische Quelle ersten Ranges dar, die häufig zeitlich weit über die Kirchenbuchaufzeichnungen hinausgehen. Für die landesherrlichen Höfe des Hochstifts Paderborn finden sich die Sterbfallregister beispielsweise in den Ämterrechnungen, die im Staatsarchiv Münster aufbewahrt werden.

•             Erwarb ein Eigenbehörgiger durch Übernahme oder durch Eheschließung Rechte an einer eigenbehörigen Stätte, so musste er den Weinkauf (Gewinnkauf) leisten. Da diese Abgabe praktisch bei jeder Eheschließung von Eigenbehörigen fällig wurde, sind die Aufzeichnungen der Weinkäufe heute ebenfalls als wichtige genealogische Quelle anzusehen.

•             Wollte ein Eigenbehöriger z.B. wegen einer Eheschließung in die Eigenbehörigkeit eines anderen Grundherrn wechseln, benötigte er einen Wechselbrief. Er reichte hierfür einen Begehrzettel bei seinem Grundherrn ein, aus dem hervorgeht, warum er in eines anderen Eigenbehörigkeit wechseln wollte. Er konnte aber zu diesem Zweck auch einen Freibrief von seinem bisherigen Grundherren erhalten und unter Abgabe desselben sich bei seinem neuen Grundherrn in dessen Eigenbehörigkeit begeben. Wollte ein Eigenbehöriger einen freien Stand erwerben um z.B. Handwerker in der Stadt oder auch Soldat zu werden, benötigte er einen Freibrief. Für Wechsel- und Freibriefe waren natürlich Abgaben zu leisten. Die Aufzeichnungen darüber sowie die Begehrzettel sind genealogisch hoch interessant.

•             Entstehung

•             Der Ursprung der Eigenbehörigkeit ist nicht genau erforscht. Henning geht davon aus, dass die eigenbehörigen Bauern aus dem mittelalterlichen Stand der Laten und Liten entstanden sind, doch gelte dies für die persönlich freien Meier auch. Er nimmt an, dass bei der Auflösung der Villikationen die ehemaligen Hausgenossen in das Rechtsverhältnis der Eigenbehörigkeit gelangten.

•             Die meisten Eigenbehörigen wurden in dieses Rechtsverhältnis hineingeboren, denn wurde jemand von eigenbehörigen Eltern geboren, war es selbst eigenbehörgig. War ein Elternteil freien Standes, war das Kind dennoch eigenbehörig. Es konnten sich auch persönlich Freie in die Eigenbehörigkeit begeben. Dies geschah beispielsweise durch die Übernahme einer eigenbehörigen Stätte.

•             Rechtsquellen zur Eigenbehörigkeit

•             Die Rechte und Pflichten von Eigenbehörigen wurden im 17. und 18. Jahrhundert in Eigentumsordnungen kodifiziert. Die älteste derartige Eigentumsordnung ist die Ravensbergische, die bereits 1669 entstand. Nach ihrem Beispiel wurden die Osnabrücker (1722), die Minden-Ravensbergische (1741), die Münstersche (1770) und die Recklinghauser (1781) Eigentumsordungen geschaffen.

Einleitung

Bevor am 10. Mai 1770 die Münsterische Eigentumsordnung erlassen wurde, galten wesentlich für die bäuerlichen Eigenhörigen im Hochstift Münster althergebrachte Rechtsgewohnheiten, die sog. Observanzen. Ihre Auslegung rief vielfach große Irrungen und “schwere Proceßen hervor”, wie die Stände des Hochstifts beim Landesherrn klagten, “zumal auch die Landesgewohnheiten aber, worauf es fürnehmlich ankäme, teils überall nicht gleichförmig, teils auch an sich zweifelhaft und überhaupt durch einen dazu nötigen Beweiß in zureichender Maß selten zu bestimmen und ausfündig zu machen seien . . . .”

Ansatz zur Neuordnung

Der Kölner Kurfürst Maximilian Friedrich (1762-1784) beauftragte daher als Bischof von Münster wohl über seinen Minister Franz Freiherr von Fürstenberg den Vizekanzler und Geheimen Rat Mersmann, eine Eigentumsordnung auszuarbeiten. Diese wurde mit wenigen Änderungen am 10. Mai 1770 als Gesetz verkündet, das aber nur subsidiär gelten sollte, da neben der Eigentumsordnung fort auf die Gewohnheiten, wohlhergebrachte Gebräuche und Vereinbarungen der Gutsherren mit ihren Eigenbehörigen das Augenmerk hauptsächlich zu richten sei.

Eigenbehörigkeit

Zumindest bis 1770 gab es also je nach Grund- oder Lehnsherrn sehr unterschiedliche Regelungen der Rechtsverhältnisse des einzelnen Grundherren zu seinem Hintersassen. Es gliederte sich vom Grundsatz her in das Rechtsverhältnis des Hintersassen zu seinem

  • a) Grundherrn
  • b) Leibherrn,

welche zumindest zeiweilig nicht immer identisch waren.

In diesem Rechtsverhältnis stellte der Grund- oder Leibherr dem Eigenbehörigen vererbliches Land zur Bewirtschaftung zur Verfügung, während in jedem Fall der Hintersasse zu bestimmten persönlichen Leistungen verpflichtet war. Zu diesem persönlichen kam auch ein dingliches Rechtsverhältnis, wenn der Hintersasse für den Besitz eines eigenbehörigen Hofes die Verbindlichkeit auferlegt war, für den Erbnießbrauch des Hofes durch ihn und seine Erben nach Eigentumsrecht die althergebrachten oder vereinbarten Abgaben an den Leib- und Gutsherrn zu entrichten.

Die Eigenbehörigkeit klebte mithin nicht dem Gute, sondern der Person an. Von daher konnte eine freie Person zunächst einen unbesetzten eigenbehörigen Hof zeitlich (bis zu 12 Jahren) für ein erhöhtes Pachtgeld anpachten und dann durchaus, bei nachgwiesener Eignung, sich dem Gutsherrn eigen geben, um danach den eigenbehörigen Hof als eigenbehöriger Hintersasse zu modifizierten Altbedingungen weiter führen. Im Regelfall wurde ihm dann der alte Hofesname als neuer Hausname angeklebt.

Der frühere alte Hofesname wurde in den Grundherrenakten, auch bei Wechsel des Wehrfesten, im weitergeführt. Dies galt für Lagerbücher, Gewinn- und Versterbbücher, Register von Frei- und Wechselbriefen und auch bei Rechnungsbüchern. Für die Führung der Kirchenbücher galten übrigens keine Namensregeln, hier wurde von Fall zu Fall, auch bei ein und derselben Person, unterschiedlich gehandelt.

Diesen althergebrachten Zustand beschrieb denn auch der landesherrlichen Erlaß vom 10. 5. 1770 und unternahm damit den Versuch, den Begriff der Eigenbehörigkeit im Fürstbistum Münster allgemeinverbindlich zu beschreiben.

Hieraus ergibt sich dann, daß auch der Begriff eines „Eigenbehörigen Gutes“ nicht durch eine mit demselben etwa verbundene dingliche Eigenschaft, sondern nur durch die persönliche Eigenschaft des dasselbe besitzenden Wehrfesters, Hintersassen oder Aufsitzers und durch die Art und Weise, wie es diesem von dem Gutsherrn verliehen war, bestimmt wurde.

Eigenbehörigen-Gut

Ein Eigenbehörigen-Gut war ein mit eigenbehörigen Leuten nach Eigentumsrecht auf Dauer wirklich besetztes Gut. Inhaber solcher Güter hatten an ihren Gütern das Recht des Erbnießbrauchs nach Eigentumsrecht (Colonatsrecht). Sie hatten damit das Recht, das Gut gegen Entrichtung bestimmter bedungener, meist althergebrachter feststehender Abgaben und Dienste an den Gutsherrn zu benutzen und zu genießen. Darüber hinaus hatten die Eigenbehörigen auch die sonstigen, dem Eigenbehörigen Gut anlastenden “Onera” (z.B. Kirchenabgaben) zu leisten und Rechte in Anspruch zu nehmen. Nach ihrem Tode hatten eigenbehörige Aufsitzer (Hintersassen, Colonen) von Eigenbehörigen-Gütern das ureigene Recht, an einen Nachfolger aus der eigenen Nachkommenschaft des Geblütes zu vererben. Hier galt in den meisten Fällen in Westfalen das Recht der Erstgeburt, unabhängig vom Geschlecht.

Durch die Protokolle der regelmäßig stattfindenden Hofessprachen konnten die Erbfolgen und Erbansprüche im Geblüt eines Eigenbehörigen-Gutes über Generationen verfolgt werden. War jedoch das Geblüt des Besitzers ausgestorben, fiel das Gut dem Grundherrn anheim und es stand diesem frei, sein Gut ab da selbst zu nutzen, es mit anderen eigenbehörigen Colonen zu besetzen, es freien Personen ohne Leibeigentum in Pacht, Erbpacht oder auf andere Weise zur Bewirtschaftung zu überlassen. Die Münstersche Eigentumsordnung gestattete ab 1770 die vertragsmäßige Verwandlung der Eigenbehörigen-Güter auch in Erbpachtgüter. Dies änderte sich erst mit der Besitzname des Landes durch die Franzosen und der Anwendung des „Code Napoleon“.

Besitzübergang

Trennte sich ein Grundbesitzer von seinem Eigenbehörigengut, blieb das Recht des Erbnießbrauchs nach Eigentumsrecht (Colonatsrecht) der Eigenbehörigen des Altbesitzers bestehen. Zur Vermeidung von Rechtsstreitigkeiten wurde daher das Rechtsverhältnis des alten Leibherrn zum Hintersassen gemeinsam mit dem Grundbesitz an den neuen Grundherrn übertragen. War der Grund des Besitzübergangs ein Verkauf, wurden somit nach mittelalterlicher Formulierung Haus, Hof und aufsitzende Leute “verkauft”. Ein Freikauf mit anschließender Eigengebung war nicht mehr notwendig und ersparte den Betroffenen unnötigen Aufwandt und Kosten.

Gesetzliche Grundlagen

10.05.1770 Egentumsordnung: Publikandum einer, auf den Antrag der Landstände, landesherrlich festgesetzten, in 4 Teile eingeteilten, fürstlich münster`schen Eigentumsordnung.

  • 1. Rechte von den persönlichen Rechten und Pflichten der Gutsherren und Leibeigenen
  • 2. von den Rechten der Gutsherren und Eigenbehörigen in Ansehung der Güter
  • 3. von zulässigen und verbotenen Kontrakten
  • 4. von der Art und Weise wie die Leibeigenschaft aufhört, auch von der Verwirkung des Gewinn- und Erbrechts und von den Eigengehörigen Rechts- und Prozessachen

Dazu Scotti, Sammlung der Gesetze und Verordnungen, welche in dem Königlich Preußischen Erbfürstenthume Münster und in den standesherrlichen Gebieten Horstmar, Rheina-Wolbeck, Dülmen und Ahaus-Bocholt-Werth über Gegenstände der Landeshoheit, Verfassung, Verwaltung und Rechtspflege, welche vom Jahre 1359 bis zur französischen Militair-Occupation und zur Vereinigung mit Frankreich und dem Großherzogthume Berg in den Jahren 1806 und resp. 1811 ergangen sind

  • Bd. 1: Hochstift Münster, von 1359 bis 1762 (XI, 452 S.);
  • Bd. 2: Hochstift Münster, von 1763 bis 1802 (479 S.);
  • Bd. 3: Erbfürstenthum Münster und standesherrliche Gebiete Horstmar, Rhein

Armut

Armut (mhd. armuot; lat paupertas). Schon im 9. Jh. begreift sich die mittelalterliche Gesellschaft als eine Gemeinschaft von “arm und reich”. Armut wurde dabei nicht nur im materiellen Sinn verstanden, auch der Abhängige, Macht- und Recht- und Schutzlose (minus potens, impotens) wurde den „Armen“ (pauperes) zugerechnet, selbst wenn er nicht darben musste. Erst im Spätmittelalter wurde – unter dem Einfluss der städtischen Gesellschaftsentwicklung – der Begriff auf diejenigen eingeengt, die zum Überleben auf fremde Hilfe angewiesen waren (auf die egeni und indigentes, die Armen und Bedürftigen).

Armut wurde als gottgegeben angesehen, und gottgefällig war die Barmherzigkeit (caritas). Die Armenfürsorge hatte einen hohen Rang, galt als Heiligenideal und wurde hauptsächlich von Klöstern und geistlichen Hospizen wahrgenommen; vom 13. Jahrhundert an entstanden durch Laieninitiativen städtische Spitäler, in denen man sich neben der Alten, Kranken oder Waisen auch der Armen annahm. Der Gedanke, Armut auszumerzen, durch soziale Veränderungen zu beseitigen, kam nicht auf. Neben der real erlittenen Armut gab es das erstrebte Ideal der christlichen Armut, der Besitzlosigkeit nach dem Beispiel des Heilands und um der Seligkeit willen (“pauperes Christi”).

Armutsbewegung

Armutsbewegung. Religiöse Strömung des 11. – 13. Jahrhundert, die sich zu dem Ideal der freiwilligen – “apostolischen” – Armut bekannte. Kerngedanke war die allgemeine Christus-Nachfolge (imitatio Christi): die Güter dieser Welt zu lassen und “Nackt dem nackten Christus am Kreuze (zu) folgen” (Robert von Arbrissel). Als dem apostolischen Ideal Verpflichtete nahmen viele der Armen Christi auch das Recht der Auslegung und Verkündigung der Hl. Schrift in Anspruch. Aus den Reihen der Armutsbewegung kamen immer wieder Angriffe gegen die Verweltlichung der zeitgenössischen Kirche und des Papsttums. Franz von Assisi, der das Armutsideal auf eindrucksvolle Weise vorlebte, wurde (ungewollt) zum Begründer der Bettelorden. Durch diese wurde ein Teil der Armutsbewegung wieder in die Amtskirche integriert. Viele dem Armutsideal anhängende Laien bildeten Bruderschaften, die als häretische Sekten von der Kirche verfolgt wurden.

Arm im Sinne von „am Rande des Existenzminimums lebend“, war ein großer Teil der mittelalterlichen Gesellschaft (in den Städten des Spätmittelalters 30 – 40%). Neben der Masse der in Armut geborenen Leute – armen Bauern, Inleuten, Leibeigenen und Nichtsesshaften – gab es auch viele stellungslose Kleriker, darbende Vikare und manchen mittellosen nachgeborenen Ritter. Dazu kamen jene, die ein ungnädiges Schicksal an den Bettelstab gebracht hatte: körperlich oder geistig Behinderte, durch Krieg, Hungersnot oder Seuchen Entwurzelte, wegen Schulden von Haus und Hof Vertriebene, aus dem Sold entlassene Krieger, missbrauchte oder verführte Mädchen und viele anpassungsunfähige Außenseiter. Stets standen die, welche sich von geringbezahlter Gelegenheitsarbeit durchbringen konnten, noch weit über jenen, die sich zu Bettel oder Kriminalität gezwungen sahen. Der Anteil derjenigen Stadtbewohner, die auf Armenfürsorge angewiesen waren, dürfte unter 10% gelegen haben (belegt für Köln, 1474). Arm und elend waren synonym, wobei elend vom ahd. elilenti (landlos, vertrieben) kommt und sich auf die Unbehaustheit vagierender Bettler bezog. Und diese waren überall, in Schwärmen oder vereinzelt, an Kirchenportalen und Klosterpforten, bei Märkten und Messen, bei hohen Festen und beim Kirmestanz. Dabei gab es neben den wirklich geschlagenen, den Blinden und Lahmen, den Verstümmelten und Krüppeln, eine große Zahl von Blendern und Betrügern, und auch anderweitig fühlten sich Kriminelle – Armut vortäuschend (paupertas simulatoria) – in der Bettlerschar wie die Fische im Wasser. Vagabundierende Bettlerbanden galten – anders als der ortsansässige, ehrbare Arme – als potentielle Unheil- oder Unruhestifter und wurden in unruhigen Zeiten angefeindet und von den Städten ausgesperrt. Groß war auch das Wohnungselend der Armen in der Stadt. Nach zeitgenössischen Berichten hausten sie in Verschlägen auf Kirchhöfen, in Bauten, die auf Abriss standen, in Gängen, unter Treppen, in Kellern und Hinterhäusern – insgesamt eher in den Vorstädten und am Stadtrand als im Zentrum.

Immer häufiger wurden vom Hochmittelalter an Bettlerordnungen erlassen (so Nürnberg um 1350) und ein Bettelvogt (Prachervogt, Sterzermeister) für die rechtlichen und sozialen Belange der Bettlerschaft ernannt.

Neben der städtischen Armut gab es eine ländliche. Ihr sind Leute zuzurechnen, deren Besitz nur zu einer kärglichsten Subsistenz ausreichte, nicht jedoch dazu, eine Familie zu gründen. Diese Kleinbauern waren jedoch noch relativ wohlhabend gegenüber den inwohnern (instleute, insten), die nicht den geringsten Besitz an Feldern und Wiesen hatten. Diese lebten von einem kleinen Verdienst als Tagelöhner.

Der Armut begegnete die Kirche zwar mit milder Nächstenliebe, sah in ihr geradezu eine Notwendigkeit, um christliche Barmherzigkeit üben und damit Verdienste erwerben und Sündenschuld mindern zu können, dennoch galt der Bettlerstand als unehrlich und damit rechtlos, ohne dass die Kirche widersprochen hätte. Gründe für die Verfemung dürften gewesen sein, dass ein Großteil der Bettler unbehauste, umherschweifende Kriminelle waren, die ihren Lebensunterhalt aus Betrug, Unzucht, Diebstahl oder Wilderei bestritten, dass ihr krasses Elend Abscheu auslöste und die Furcht erregte, selbst so werden zu können, und dass viele Leute Angst hatten, von einem nicht zufrieden gestellten, feindseligen Bettler verflucht zu werden.

Art und Ausmaß der Armut erhellt aus zeitgenössischen Chroniken, aus Steuerlisten, Stiftungsurkunden und Aufzeichnungen von Hospizen und Armenhäuser. Auch in geistlicher und weltlicher Literatur, in Malerei und Plastik findet sich das Jammerbild der Armen, Kranken und Missbildeten, der hilfsbedürftgen Pilger, heischenden Bettler und zerlumpten Bauern. In der Welt höfischer Ideale galt Armut als schwerer Mangel („armut hoenet den degen“). Das guot gehörte zum rechten Rittertum, richlichez guot war Voraussetzung für standesgemäßes Turnieren und Geben: “ritterschaft und ere diu muz kosten sere, daz ist ein site unmazen alt”. Mangel an guot konnte allenfalls durch die “rechte maze” des “edlen armen” ausgeglichen werden. Bei der „Armut“ im Adelsstand hat es sich jedoch nur in Ausnahmefällen um eine wirkliche Notlage gehandelt; zumeist war es relative Armut („paupertas comparativa“), die standesgemäße Lebensführung und Freigebigkeit nicht zuließ.

Armenhaus

Armenhaus (Armenherberge, -kasten, -spital, Elendenhaus; mhd. spital, spitel, spittel; grch.-lat. ptochotrophëum, zu grch. ptochos = Bettler; lat. aedificium serviens). In den Städten des SMA. kamen private Stiftungen auf, die sich aus christlicher Nächstenliebe die kostenfreie oder wohlfeile Unterbringung, Ernährung und Pflege der zahlreichen städtischen „ehrbaren Armen“ zur Aufgabe machten. Diese hausten ansonsten in Kellern, Ställen oder Holzverschlägen. Zu ihnen gehörten vor allem Alte und Kranke, solche die sich weder selbst ernähren konnten noch Angehörige hatten, die für sie sorgten. Nicht aufgenommen wurden Taugenichtse (Säufer, Spieler), Unmoralische (Dirnen, Hurer) oder gottlose Leute. Die Pfründner leisteten Gebetsfürsorge für die Stifter und wurden oftmals zu leichten häuslichen oder gewerblichen Arbeiten herangezogen.

Armenhäuser bestanden aus der Wohnung des Verwalters (curator pauperum), aus Gemeinschaftsräumen (z.B. einer Kapelle oder einem Krankensaal) und zahlreichen von einem Gang aus zugänglichen Einzelzimmern (s. gaden). Andere Einrichtungen bestanden aus Reihen kleiner Häuschen, die jeweils auf ca. 40 qm Küche, Stube und Kammer enthielten, und sich somit der bürgerlichen Lebensform anglichen.

Bettler

Bettler (mhd. betelaere; von mhd betelen, ahd. betalon = wiederholt bitten; lat. mendicus). Infolge der Sklavenemanzipation, welche in der Spätantike durch das Christentum ausgelöst worden war und welche aus versorgten Sklaven besitzlose Freie gemacht hatte, wuchs die Zahl der armen Leute, die ihren Lebensunterhalt aus der Bettelei bestritten. Das Heer der Besitzlosen wurde verstärkt durch jene, die wegen körperlicher Gebrechen oder altersbedingter Hinfälligkeit erwerbsunfähig waren und solche, die ihre Arbeitsscheu mit vorgetäuschter Versehrung tarnten (Betrugsbettel). Die Kirche sah in der Armut eine urchristliche Tugend, und im Bettelwesen keinen behebungswürdigen Missstand, sondern eine Voraussetzung für die Werke christicher Barmherzigkeit. Mit der Gründung der Bettelorden erhielt die Bettelei endgültig ihre religiöse Weihe. In großen Städten wurde das Bettelunwesen zu einem sozialen Problem. Es wurden städtische Bettlerordnungen erlassen und Bettelvögte eingesetzt, die selbst aus dem Stand der Rechtlosen stammten und für eine gewisse Ordnung unter dem ortsansässigen Bettelvolk sorgten. Im 15. Jahrhundert zeigten sich erste Versuche zur Pädagogisierung der Bettler: sie wurden zur Arbeit angehalten und vom Wirtshausbesuch ausgeschlossen. Zur gleichen Zeit fanden sich erste Anzeichen der Selbstorganisation: 1454 entstand eine Bettlergilde im niederrheinischen Zülpich, 1469 bildete sich eine Bruderschaft der Bettler in Straßburg.

Unterschichten.

Anders als das Proletariat der Neuzeit, das als Arbeiterklasse ohne Teilhabe an den Produktionsmitteln definiert ist, sind die Unterschichten des Mittelalters durch Rechtlosigkeit oder eingeschränkte Rechtsfähigkeit charakterisiert. Im Frühmittelalter bildeten Sklaven (slavi), später Leibeigene (servi, mancipia) zusammen mit fahrendem Volk, Entlaufenen, Bettlern, Krüppeln, Siechen und Dirnen den Bodensatz der ländlich-bäuerlichen Gesellschaft. Dazu kamen in den Städten des Hochmittelalters und Spätmittelalters ungelernte Gelegenheits- und Hilfsarbeiter, Tagelöhner (tage-schalc, -waner, -werker, -würhte), Hausgesinde, vagierende Studenten sowie unehelich Geborene und sonstige unehrliche Leute. Der Anteil der Unterbürgerlichen an der Stadtbevölkerung dürfte im Spätmittelalter bei 40 bis 50 % gelegen haben. Sie alle war waren von Bürgerrecht und Grundbesitz ausgeschlossen, sie konnten jederzeit aus dem Gemeinwesen vertrieben werden, waren eidesunfähig, durften keine zünftigen Berufe erlernen und keine öffentlichen Ämter bekleiden. Sie lebten von der Hand in den Mund und waren verständlicherweise empfänglich für sozialreligiöse Parolen, wie sie von Bettelmönchen, aber auch von verfemten Bewegungen wie denen der Katharer, Waldenser oder Begharden verbreitet wurden.

Katharer

Katharer. Erstmals in Westeuropa trat 1143 in Köln und Bonn eine Gruppe von Ketzern auf, die gewisse Lehrmeinungen der Bogomilen vertraten (Taufe durch Handauflegen, Ablehnung der Ehe, Verweigerung tierischer Nahrungsmittel, Einteilung der Anhängerschaft in Hörer, Gläubige und Erwählte). Sie nannten sich ursprünglich “Pauperes Christi” oder “Boni homines”, erst etwa 20 Jahre später “Katharer” (v. griechisch katharoi = die Reinen). Vom Rheinland aus missionierten katharische Wanderprediger in Südfrankreich (in der Grafschaft Toulouse) und Oberitalien (wo sie besonders in den Städten, von Mailand bis Udine und von Como bis Viterbo, Anhängerschaft fanden). Ein Versuch, in England Fuß zu fassen, scheiterte: Deutsche Missionare, 30 Männer und Frauen, wurden der Häresie überführt und zum Tode verurteilt (um 1162). In Deutschland wuchsen Katharer-Gemeinden hauptsächlich in den Städten an Rhein und Donau sowie um Goslar.

Während die Katharergemeinden in Deutschland und Nordfrankreich keine bedeutende Rolle spielten und bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts restlos ausgetilgt worden waren, hatte sich die Häresie in Südfrankreich und in den italienischen Städten umso kraftvoller entfaltet. Nunmehr sah sich die kath. Kirche zum energischen Abwehrkampf gezwungen. Papst Lucius III. erließ 1184 das Dekretale “Ad abolendam” und vereinbarte mit Kaiser Friedrich I. grundlegende Maßnahmen zur Bekämpfung der Ketzerei. Papst Innozenz III. (1198-1216) erklärte in seinem Dekretale “Vergentis in senium” (1199) die Häresie zum todeswürdigen Majestätsverbrechen. Nach der Ermordung seines Legaten Peter von Castelnau (1208) predigte er den Kreuzzug gegen die “Albigenser” (die Katharer im Umland von Albi, dem Albigeois), den die Ritterschaft Nordfrankreichs und deren beutelüsterner Anhang mit unerhörter Brutalität führten. (Allein dem Blutbad von Beziers sollen mehr als 20.000 Menschen zum Opfer gefallen sein – unterschiedslos, Männer, Frauen, Kinder, Christen und Ketzer, viele Priester darunter.) Papst Gregor IX. erkannte die Inquisition als wirksamstes Instrument zur Ausrottung des Ketzerunwesens und beauftragte 1233 die Dominikaner offiziell mit der Ketzerverfolgung. Kaiser Friedrich II. stellte sich mit harten Strafgesetzen (1224, 1232) voll hinter die päpstliche Kreuzzugspolitik; ebenso die französische Krone. Wo katharische Gemeinden nicht vernichtet wurden, gingen sie in den Untergrund oder flohen nach Katalonien oder Italien. Der Fall der Katharerfestung Montsegur (am 14. März 1244) war das Fanal für den Niedergang des französischen Katharismus. Der blutigste Feldzug des Mittelalters hatte unter dem Banner des Kreuzes für Hunderttausende ein schreckliches Ende gebracht.

In den italienischen Städten erlosch das Katharertum, soweit es das Wüten der Inquisition überstanden hatte, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Veranstaltung vom 05.06.2019

Waldenser

Waldenser (Der Name wurde von den katholischen Gegnern der Bewegung geprägt; deren Anhänger selbst nannten sich „Die Armen Christi“ oder „Arme von Lyon“. “Waldenser” nach dem Familiennamen eines “Waldes”,vor 1150 – 1216?; der Vorname Petrus erscheint erst in Quellen des 14. Jahrhunderts; latinisiert Valdesius). Der erfolgreiche und vermögende Kaufmann Waldes aus Lyon entschloss sich 1177/78, Beruf, Familie und Besitz aufzugeben, um als wandernder Laienprediger den Armen der Stadt Lyon und der umliegenden Dörfer das Evangelium nahezubringen. Selbst des Lateinischen nicht mächtig, ließ er Teile der Bibel in die Volkssprache übersetzen – sollte doch jeder Christ selbst die Bibel lesen können. Waldes hatte, schon wegen des krassen Gegensatzes zwischen Arm und Reich, großen Zulauf aus den armen Volksschichten und fand Gleichgesinnte, die wie er in der Nachfolge der Apostel in Armut lebten und predigten. Die Kirche, die ihr Predigtmonopol verletzt sah und sich durch die wachsende religiöse Armutsbewegung bedroht fühlte, reagierte mit der Ausweisung der “Armen von Lyon”, wie sich die Waldenser selbst nannten, aus der Erzdiözese Lyon (1183) und der Verurteilung der Bewegung als ketzerisch (1184, Konzil von Verona), obwohl sie anfänglich keinen häretischen Thesen anhing. Nach ihrer Vertreibung verlor die Sekte ihren lokalen Charakter; sie griff nach Oberitalien (Lombardei), Deutschland, Österreich, Böhmen, Schlesien, Polen und Ungarn aus, wobei sich radikale und gemäßigte Strömungen herausbildeten. Die einen lehnten Heiligenverehrung und Reliquienkult, Ablass, die Lehre vom Fegfeuer, Todesstrafe, Kriegsdienst, Eid und Kirchensteuer (Zehnt) ab, spendeten gelegentlich auch selbst die Sakramente. Die anderen unterwarfen sich dem klerikalen Gehorsam und wurden als “katholische Arme” wieder in die Kirche aufgenommen.

Radikale, den Humiliaten nahestehende Waldenser traten in Deutschland als “Rünkler” (Runcarii) auf, wohl nach Johannes von Ronco benannt, dem ersten Führer der “lombardischen Armen”. Deutsche Zentren der waldensischen Bewegung fanden sich in Regensburg, Augsburg, Straßburg, Nürnberg, Würzburg, Mainz, Nördlingen, Speyer, Donauwörth, Hagenau, Weißenburg, Erfurt, Plauen und Wittenberg, sowie in einer Reihe kleinerer Ortschaften. Das Waldensertum wurde im 14. Jahrhundert zur Massenbewegung, der hauptsächlich Leute aus dem einfachen Volk – Bauern, Handwerker, Gesellen, Knechte, städtische Arme – angehörten. Seine Sprengkraft rührte von der erwachenden Kritik an den sozialen Missständen und von der Abwendung breiter Volksmassen von dem großenteils korrumpierten katholischen Klerus. Das Waldensertum wurde im 15. Jahrhundert durch die Inquisition soweit dezimiert, dass es als Problem nicht mehr wahrgenommen wurde. Außerdem war die Kritik an den Übelständen in der Kirche so allgemein geworden, dass es spezieller Prediger dagegen nicht mehr bedurfte.

Begarden

Beg(h)arden (mlat. begardi, beguini) waren die männliche Entsprechung der Beg(h)inen und als solche Anhänger der hochmittelalterlichen Armutsbewegung in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland. Zusammen mit Beginen lebten sie häufig in gemeinsamen klosterähnlichen Wohnanlagen, verdienten ihren Lebensunterhalt durch Handarbeit (meist Weberei) und widmeten sich der Krankenpflege und der Totenbestattung. Mancherorts sagten sie sich von der kirchlichen Autorität los, zogen als bettelnde Laienprediger durchs Land und wurden wegen ihres schwärmerischen Sektierertums und der Missachtung des Laienpredigtverbots von der Kirche verfolgt. Gegen Ende des Mittelalters verschwanden die Begardengemeinschaften.

Fortsetzung Unterschichten

Hausgesinde war im Haushalt der Dienstherrschaft untergebracht. Andere Angehörige der städtischen Unterschichten hausten gegen geringe Miete in Kellern und kleinen Verschlägen bürgerlicher Häuser, oder hatten in den Armutsbezirken hinter der Stadtmauer (s. Wiekhaus, Kampfhäuschen) oder in einer der Vorstädte eigene primitive Katen. Der Bodensatz der Unterschichten, das missachtete Bettel-, Lotter- und Hudelvolk (v. mhd. lotter = Taugenichts, hudel = schlechte Person, Lump), war obdachlos (mhd. husarm) und kampierte an belebten Zufahrtsstraßen und vor vielbegangenen Stadttoren (wo man auf Almosen Reisender hoffen konnte), auf Friedhöfen, an Flussufern oder in der Nähe von Siechenhäusern und Leprosorien.

Gesinde

Gesinde (mhd. = Dienerschaft, Hausgenossen; auch: dienestliute, dageschalke, dagewerchte, ehalte). Häusliche Arbeiten wie Wasserholen, Feuermachen, Kochen, Putzen, Waschen, Flicken und Kinderbeaufsichtigung wurden in städtischen Haushaltungen von weiblichen Dienstboten unter der Aufsicht der Hausfrau erledigt. Sie stammten meist aus unfreien Familien vom Land, hatten weder freies Eigentum noch freies Konnubium, waren jedoch schon strafrechtlich geschützt. Neben Unterkunft, Kost und Kleidung erhielten sie einen geringen Lohn. Sie wurden von ihren Eltern im Alter von 8 bis 10 Jahren in den Dienst gegeben, perfektionierten darin ihre Fertigkeiten und kehrten nach ca. 10 Jahren mit einer kleinen Geldsumme, mit Wäsche und mit Kleidern für die Aussteuer in ihr Heimatdorf zurück, um dort verheiratet zu werden. Gelegentlich verdingten sich auch ältere Frauen – meist Witwen – als Dienstboten. Sie erhielten einen wesentlich höheren Lohn und konnten die Dauer ihrer Dienstzeit frei wählen.

Es gab deutlich mehr Mägde als Knechte und sie mussten zur Hälfte des Lohns der männlichen Dienstboten arbeiten. Zudem wurden Dienstmägde nicht selten Opfer der Triebhaftigkeit des Hausherrn oder dessen männlicher Verwandtschaft. Waren sie “in Schande gefallen”, blieb ihnen meist nur der Ausweg in Bettel oder Prostitution.

Knaben wurden ähnlich wie Lehrjunge gehalten. Sie dienten als Pförtner, Hausknechte, Zuträger, Pferdeknechte, Kutscher oder Läufer, halfen in Handwerk und Gewerbe und erwarben dabei die entsprechenden Kenntnisse. Dienstboten bei Hof, in Adelshäusern oder in Haushalten arrivierter Bürger wurden zur Unterscheidung vom gewöhnlichen Dienstvolk in Livreen gesteckt. Je höher der Stand des Dienstherren, desto anmaßender war meist das Betragen der Diener Gleichrangigen gegenüber. Auch sie kehrten im heiratsfähigen Alter meist in ihren Herkunftsort zurück.

Verheiratetes Gesinde (Deputatgesinde) erhielt üblicherweise Naturalentgelt, Lohnland und eigene Wohnung.

Der Anteil der Dienstboten an der Einwohnerschaft war erstaunlich hoch; er war in größeren, kommerziell geprägten Städten größer als in kleineren Ackerbürgerstädten und schwankte zwischen 12 und 23% der Gesamtbevölkerung.

Hofgesinde

Hofgesinde (mhd. hovegesinde, hovegesint, hovediet; lat. familia, famuli, servi, servitores). Bezeichnung für die Dienerschaft an einem weltlichen oder geistlichen Fürstenhof, im Gegensatz zum gewöhnlichen Hausgesinde (mhd. husgesinde). Dem Hofstaat sind nach einer spätmittelalterlichen Hofhaltungsordnung nicht nur die Dienerschaft sondern auch die hohen Hofämter (Marschall, Küchenmeister, Kämmerer etc.) zuzurechnen.

An der Spitze der umfangreichen und komplexen Hofgesellscheft standen der Hofmeister (praepositus, Propst), der die Oberaufsicht über die Hofdienerschaft innehatte und zusammen mit dem Hofmarschall die Jurisdiktionsgewalt über die Hofleute ausübte. Dem Hofmeister assistierten Amtleute (Hofkastner, Kämmerer) für die Wirtschaftsführung und für die Besoldung der Bediensteten. Die Entlohnung bestand neben Bargeld in freier Kost und Logis sowie in Naturalien, Kleidern und Schuhen. Bestimmte Chargen wie etwa Boten, Kutscher oder Tischbedienstete trugen Livree (mhd. hovekleit, -gewant) in den Wappenfarben ihres Herrn.

In nächste Nähe zur Herrschaft kamen Kammermeister, Kammerdiener und Zofen, welche in den Privatgemächern aufwarteten, sowie Keller- und Küchenmeister (Ostiarius cellarii und Coquinarius), welche für die tagtägliche Verköstigung sorgten; ihnen arbeiteten viele Hilfskräfte zu, wie Köche, Küchenjungen, Brotmeister, Vorschneider, Tischdiener, Mundschenken und Almosener .

Aus der Fülle des Hofgesindes seien – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – genannt: Kleriker, Waffenmeister und Schreiber, Arzt und Barbier; der Marstaller und der Futtermeister; Obergärtner (Hortularius, Gartnarius), Hofschlachter (mactator), Hofbäcker (pistorius/phister), Hofmüller (molendinator), Brauereiverwalter (tavernarius), Baumeister (aedituus), Pagen, Knappen und Junker; Pferdeknechte und Kutscher; Hofnarr und Musikanten (Trompeter, Pauker), Hofschneider, Heizer und Wasserträger, Jägermeister, Falkner, Förster und Fischer, Hundsbuben und Treiber, nicht zuletzt Wächter und Türhüter sowie die berittenen Gefolgs- und Kriegsmannen.

Dazu kamen Handwerker verschiedener Profession sowie Knechte und Mägde für die niederen Dienste in Haus, Hof und Garten und endlich ungelernte Hilfsarbeiter (rustici).

Je umfangreicher das Hofgesinde, je höher die Zahl der Gäste – Fremde, Freunde, Verwandte -, je größer die Prachtentfaltung des höfischen Treibens, desto höher das Ansehen des Hofes – gleich ob der eines geistlichen oder eines weltlichen Fürsten. Der Hofstaat spätmittelalterlicher deutscher Fürstenhöfe hat etwa zwischen 130 und 350 Leuten umfasst.

Fahrendes Volk

Fahrendes Volk (auch fahrende Leute) bezeichnet eine Vielfalt von Bevölkerungsgruppen der unteren und untersten Ränge vor allem der vormodernen ständischen Gesellschaft. Gemeinsam waren diesen sehr unterschiedlichen vagierenden Individuen und Gruppen verschiedener Herkunft und Tätigkeit

•  ihre Ausgrenzung aus der ansässigen Gesellschaft

•  ihre Armut und fehlende Schulbildung,

•  eine damit einhergehende zeitweise oder dauerhafte Erwerbsmigration in ökonomischen Nischen

•  und der auf den Menschen liegende mehrheitsgesellschaftliche Verdacht der Delinquenz.

In der Regel waren die Angehörigen dieses Bevölkerungsteils unter stigmatisierenden Bezeichnungen wie „herrenloses Gesindel“ aus der Untertanenschaft ausgeschlossen. Fahrendes Volk reproduzierte sich zum einen aus sich selbst. Zum anderen erhielt es Zuzug von Absteigern aus dem sesshaften Unterschichtenmilieu.

Heute reduziert sich eine folklorisierende Verwendung der Bezeichnung „fahrendes Volk“ auf Nachfahren historischer Gruppen, wie sie im Schausteller-, Zirkus- und Landfahrermilieu anzutreffen sind. Diese bezeichnen sich selbst als Reisende.

In Mittelalter und Früher Neuzeit wurden als fahrendes Volk (auch fahrende Leute oder Fahrende) die Angehörigen zahlreicher unterschiedlicher unterständischer und außerständischer Sozialgruppierungen beschrieben. Die Bandbreite der rechtlosen Außenseiter erweiterte und differenzierte sich im Mittelalter. Angehörige des „niederen Volks“ – sprich der gesellschaftlichen Unterschichten – außerhalb der ständischen Hierarchie und ohne einen festen Wohnsitz galten als varende lute, eine abwertende Bezeichnung, die mit Kriminalität und Ehrlosigkeit (Unehrlichkeit) konnotiert war.

Historische Bezeichnungen für die Angehörigen dieser sozial, kulturell und ethnisch uneinheitlichen Population von summarisch als „herrenloses Gesindel“ Stigmatisierten waren z. B. „Gängler“, „Landfahrer“, „Landstreicher“, „Landläufer“ (vgl. die in den Niederlanden bis heute gebräuchliche Bezeichnung landloper) oder „Vagabunden“.  Aus dem Blickwinkel einer als kollektives Persönlichkeitsmerkmal unterstellten Arbeitsscheu galten sie darüber hinaus als „fremde Müßiggänger“. Im 19. Jahrhundert kam auch die Bezeichnung „Wanderer“ auf, später auch „Nichtsesshafte“.

„Fahren“ ist nicht in der heutigen Bedeutung zu verstehen. Bis weit ins 19. Jahrhundert, als Wohnwagen als Transportmittel und Unterkunft aufkamen, waren „Fahrende“ vor allem zu Fuß mit vielleicht einem zweirädrigen Karren als Hundegespann oder selbstgezogen unterwegs.

An der Stelle des folklorisierenden Begriffs „Fahrende“ steht gemeineuropäisch, aber auch als übliche heutige deutsche Selbstbezeichnung Reisende. Zusammenfassende Bezeichnungen für die Nachfahren der historischen Gruppen sind als Selbst- wie als Fremdbezeichnung im Französischen gens du voyage, im angelsächsischen Sprachraum Travellers, im Schwedischen bzw. Norwegischen resandefolket bzw. Reisende und im Niederländischen reizigers. Im Englischen grenzt der Terminus gegen Roma ab.

Rechtlicher, sozialer und ökonomischer Ausschluss

Ein Teil der Bevölkerung war arm und außerstande, in Notzeiten auf eigene Ressourcen zurückzugreifen. Wer ohne Zugang zur knapp gehaltenen kommunal organisierten Unterstützung war, glitt meist in die Nichtsesshaftigkeit ab und war auf eine Notökonomie verwiesen. In Krisensituationen nahm die Zahl dieser Menschen sprunghaft zu. Ein großer Teil der Angehörigen der Unterschichten war so ständig von Obdachlosigkeit und Nichtsesshaftigkeit bedroht. Die permanente Notsituation zwang die Angehörigen des vagierenden Bevölkerungsteils in aller Regel, mehrere Tätigkeiten nebeneinander oder in der zeitlichen Folge auszuüben und häufig zugleich zu betteln. Zur Sicherung des Überlebens gehörten auch typische Formen der kleinen Delinquenz. Darauf bezogene Schimpfbezeichnungen gingen in die Umgangssprache ein („Riemenstecher“ oder „Beutelschneider“ auf Kirchfesten und Jahrmärkten).

Staatliche Betretungs-, Duldungs- und Aufnahmeverbote exkludierten die vagierende Armut aus der organisierten Untertanenschaft rechtlich und erzwangen ein Leben in Illegalität auf der Straße und in den Wäldern. Sie verlängerten sich zum Kontakt- und Arbeitsverbot, dieses formal abgesichert zudem durch Aufnahmeverbote in die Berufskorporationen. Im Zuge des administrativen Ausbaus der europäischen Staaten nahm die Zahl der Ausschlussvorschriften seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stark zu.

Begründet wurde der rechtliche Ausschluss mit dem Generalverdacht auf kriminelles oder doch zumindest gemeinschaftsschädliches Verhalten. Ein Restbestand des strikten rechtlichen Ausschlusses blieb bis weit in das 20. Jahrhundert mit dem Straftatbestand der „Landstreicherei“ erhalten. Zumindest im deutschsprachigen Mitteleuropa wurden die entsprechenden Vorschriften im Zuge der sozialen und rechtlichen Reformen im letzten Vierteljahrhundert aus dem Strafrecht herausgenommen.

In der Armutsgesellschaft erhielten die außerständischen und unterständischen Bevölkerungsgruppen fortwährend, vermehrt aber während ökonomischer Krisen und militärischer Kampagnen Zuzug von Menschen aus den ortsfesten Unterschichten. Da eine Reintegration in die Mehrheitsgesellschaft oder gar ein sozialer Aufstieg weitgehend ausgeschlossen blieben, setzte sich die Zugehörigkeit zur migrierenden Armut über Generationen hinweg fort. Sie verfestigte sich in einer „Kultur der Armut“.

Formen des Einbezugs

Sozial und wirtschaftlich waren die Angehörigen der Minderheit entgegen den Meidungs- und Ausschlussvorschriften der Obrigkeit und der Berufskorporationen real mit der Mehrheitsbevölkerung eng verbunden. Ihre ökonomischen Beiträge vor allem zur Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen waren unverzichtbar. Ihre Unterhaltungsangebote wurden allgemein geschätzt und bildeten häufig den Mittelpunkt ländlicher und städtischer Festlichkeiten.

Es gab eine nicht zu überschauende Vielzahl solcher Gruppen. Die Zugehörigkeiten überschnitten sich. Die Aufzählungen von Fallgruppen in den Abwehrvorschriften vermitteln ein Bild von der Vielfalt der Notbetätigungen, mit denen die Betroffenen in ökonomischen Nischen zu überleben versuchten. Ein Siegerländer Aufnahme- und Duldungsverbot zum Beispiel zählte im Jahr 1586 auf:

„Zigeuner, Landstreicher, herrenlose Gardenknechte, Umbgänger mit Geygen, Leyren und anderem Seitenspiel, Spitzbuben, Kundtschaffter, Außsprecher, zum Müßiggang abgerichtete Landbettler, Störger, Zanbrecher und was dergleichen loß Gesindlein ist, so vielmahls uff Verretherey, morden, rauben, stehlen, brennen und ander Unglück anzustifften abgerichtett, item Wahrsager, Teuffelsfenger, Christallenseher, Segensprecher, die sich vor Ärzte, Menschen und Viehe zu helffen, außgeben.“

Eine ordnungspolizeiliche Schrift des ausgehenden 18. Jahrhunderts nannte „Scheerenschleifer, Hafenbinder, Kessler, Pfannenfliker, Kannengiesser, Wannenfliker, Korbmacher, Bürstenbinder, Bücherbeschläger, Schnallen- und Glockengiesser, Sägenfeiler, Bohrermacher, Abdecker und Scharfrichter, Kümmig-, Oel-, Kräuter-, Wurzeln- und Pulverhändler, Kamm-, Leist- oder Zwekschneider, Hechelspizer, Tabakspfeiffenmacher, Hutschwärzer, Drucker, Spielleute, Gaukler und Krämer mit den unterschiedlichsten Waren.“

Kulturelle und ethnische Vielfalt

Neben den seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mitunter auch als Jenische bezeichneten aus der Mehrheitsgesellschaft gedrängten „Fahrenden“ der unterschiedlichen landschaftlichen und staatlichen Herkunft gehörten als jeweils ethnisch eigenständige Gruppen fahrende Roma sowie „Schnorr“- oder „Betteljuden“ zu dieser „Subkultur der Straße“.

Es ist angesichts der Heterogenität dieses Bevölkerungsteils nicht möglich, den Anteil an der Gesamtbevölkerung zumal etwa Gesamteuropas mehr als äußerst grob zu schätzen. Fünf bis zehn Prozent sind nach der Literatur ein mittlerer Schätzwert für das 18. Jahrhundert. Er konnte im Zuge der regelmäßig sich ereignenden Hungerkrisen und Kriegsverheerungen rasch ansteigen.

Abgrenzungen

Wiewohl eine klare Abgrenzung unmöglich ist, sind vom historischen fahrenden Volk Gruppen zu unterscheiden, deren Angehörige in unterschiedlicher Intensität zwar ebenfalls einer Erwerbsmigration in engeren oder weiteren Zirkulationsräumen nachgingen, jedoch in einen Untertanenverband inkorporiert waren, mithin nicht „herrenlos“: wandernde Handwerksgesellen (Handwerker auf der Walz, auch Freireisende), unzünftige Handwerker (Bönhasen), fernreisende Kaufleute sowie ortsfeste Bettler.

Heutige Formen von Erwerbsmigration und horizontaler Mobilität – Bewegung im geografischen Raum, nicht im Raum der hierarchischen Sozialschichtung – erfasst das Konstrukt „fahrendes Volk“ nicht, wiewohl es strukturelle Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten gibt.

Da Marginalisierungs- und Exklusionsprozesse und deren Verfestigung keine ethnische oder regionale Besonderheit, sondern universal und überzeitlich sind, gab und gibt es soziokulturell ähnliche Bevölkerungsgruppen wie die in Mittelalter und Früher Neuzeit unter „fahrendes Volk“ subsumierten auch anderswo, so etwa die Burakumin in Japan, die Sarmastaari in Baluchistan (Pakistan) oder die Gadawan Kura („Hyänen-Menschen“), die als Gaukler und Wunderheiler durch Nigeria ziehen.

Mittelalter

Im mittelalterlichen Feudalismus waren die Menschen selbstverständlich ungleich, in Europa galt die ständische Ordnung. Die Gesellschaft wurde hierarchisch gegliedert im Lehnswesen. Im Mittelalter galt die Person als arm, welche ihre Existenz nicht sichern konnte und weder über Schutz noch Macht verfügte. Die Armut wurde im Verhältnis zur Abhängigkeit gesehen. Hilfe für die Armen wurde anfangs durch die Familie übernommen, später in den Städten durch Zünfte, religiöse Bruderschaften und dergleichen. Durch die Mitgliedschaft wurde eine Unterstützung gewährleistet.

Ein Almosen an Arme wurde erbettelt und war nicht mehr ein wechselseitiges Geben und Nehmen auf gleicher Augenhöhe. Die Kirchen leisteten die größte Hilfe, motiviert durch ihren Auftrag der Nächstenliebe. Das Almosen wurde von den Besitzenden auch als Mittel zur Buße für Sünden gesehen. Durch die Armen konnten sich die Reichen ihr Seelenheil gewissermaßen erkaufen. Somit war in gewisser Weise doch eine Interdependenz vorhanden, jedoch ohne jegliche Gegenleistung. Des Weiteren war das Almosen religiös und freiwillig motiviert. Allerdings wurden die Armen so lediglich als Objekte gesehen, welche keinerlei Beziehungen zueinander hatten. Die Ständeordnung wurde als gottgegeben betrachtet. Somit war die Folge der Ausbeutung kein soziales Problem für die Menschen. Neu war in der Lebenslage Armut nun, dass sie nicht mehr reversibel war. Die Armen waren allerdings ein selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Vier Armutsgruppen können unterschieden werden:

•  Die freiwilligen Armen, die anerkannt waren und in religiösen Vereinigungen lebten

•  die ständischen Armen, die ihre Existenzgrundlage durch Unfälle, Tod des Ernährers, Krankheiten, Katastrophen verloren hatten, aber als ehrbare Menschen galten

•  die abhängig Dienenden (das Gesinde in Land und Stadt), die keinen Besitz und kein Eigentum hatten und auf Lohnarbeit angewiesen waren

•  Die Standlosen von Geburt, die keine Standeszugehörigkeit hatten (z. B. Bettler, Fahrendes Volk, Räuber)

Geschichte

In der Vormoderne war Bettelei ein wesentlich weiter verbreitetes Phänomen als in heutigen modernen Gesellschaften. Vor dem Anbruch der Moderne im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert war es vermutlich eine Mehrheit der Kinder zwischen 6 und 16 Jahren, die bettelte.

Bereits im Mittelalter empfand die Obrigkeit das rasche Anwachsen der Bettelei als Gefahr für ihre Herrschaft: Man begann, durch polizeiliche Anordnung den „unberechtigten Bettel“ zu unterdrücken, erkannte aber andererseits bei bestimmten Personengruppen, etwa hilflosen und gebrechlichen Menschen, durch Ausstellung behördlicher Bettelbriefe ein Recht an, öffentlich um mildtätige Gaben zu bitten. Als älteste Bettlerordnung im deutschsprachigen Raum gilt die von Nürnberg aus dem Jahr 1478. Der Reichsabschied von 1512, der Landfrieden von 1551 und die Reichspolizeiordnung von 1577 sollten der Bettelei entgegenwirken. 1520 erließ z. B. der Zürcher Stadtrat auf vorherige Empfehlung von Ulrich Zwingli eine eigene Verordnung, die sich mit der Versorgung bedürftiger Personen befasste. Ausdrückliches Ziel dieser Regelung war es, die öffentliche Bettelei zu unterbinden und stadtfremde Bettler von der Stadt fernzuhalten. Es wurden zwei Pfleger gewählt, denen die Bedürftigkeitsprüfung und die Verteilung der durch den Rat bzw. durch Stifter zur Verfügung gestellten Mittel oblag. Um die Armen „ab der gasse“ zu bringen, erfolgte eine regelmäßige Armenspeisung. Der Zugang hierzu war davon abhängig, dass der jeweils Bedürftige vorher nicht öffentlich gebettelt hatte: Die „ordnung und Artikel antreffend das almuosen“ regeln, „das hinfür aller bettel in der stadt Zürich, es sye von heimischen oder frömbden personen, abgestellt sin sölle.“ Wenn einer trotzdem bettle, solle „im das almuosen 8 Tage abgeschlagen werden.“

Unehrlicher Beruf

Unehrliche Berufe waren in der Ständegesellschaft des europäischen Mittelalters und bis weit in die frühe Neuzeit Erwerbsweisen ohne gesellschaftlich zuerkannte Ehrbarkeit.

In der frühneuzeitlichen Gesellschaft waren die Unbescholtenheit des Leumunds und die persönliche Ehre ein wesentliches soziales Kapital. Sie begründeten den Status in der jeweiligen sozialen Gruppe wie insgesamt in der kommunalen Gemeinschaft. Andererseits zog deren Verlust durch Infamierung soziale Ausgrenzung und damit einhergehend Stigmatisierung in unterschiedlichen Graden nach sich.

Unehrliche Berufe trugen den Makel der gesellschaftlichen Verachtung. Unehrlich bedeutete, anders als heute, nicht „betrügerisch“, sondern „ehrlos“, „nicht ehrenwert“, ohne ständisches Ansehen. Die Vorstellungen darüber, was Ehrlosigkeit ausmachte, welche Tätigkeiten zu den unehrlichen zu rechnen seien, waren nach Raum und Zeit unterschiedlich, so dass es einen allgemeingültigen Katalog der unehrlichen Erwerbsweisen nicht geben kann.

Zu unterscheiden sind „unehrliche Leute“, die durch bestimmte Erwerbsweisen in Verruf gerieten, nach drei Kategorien:

•  die Angehörigen als unehrlich geltender Gewerbe bzw. Handwerke wie Schäfer, Müller, Türmer, Bader, Leineweber oder Barbiere,

•  die Angehörigen des nicht ortsfest lebenden und als „herrenlos“ geltenden Bevölkerungsteils („Fahrendes Volk“) wie Lumpensammler, Spielleute, Kesselflicker oder Hausierer

•  Anbieter von „unreinen“ Dienstleistungen, die mit Schmutz, Strafe und Tod zu tun hatten wie Gassenkehrer, Büttel, Köhler, Abdecker, Totengräber oder Scharfrichter.

Gesellschaftlicher Hintergrund

In der feudalen Ständeordnung stehen die Angehörigen unehrlicher Tätigkeitsgruppen als „Unterständische“ am ständegesellschaftlichen Rand. Ihren Pariastatus konnten sie nur sehr schwer überwinden. Ein ihnen aufgenötigtes endogames Heiratsmuster, das Verbot der Ausübung gesellschaftlich anerkannter Berufe, das damit einhergehende Zugangsverbot zu den Zünften, häufig auch schlicht Armut hielten diesen Status aufrecht und verhinderten den Wechsel in andere soziale Schichten. Immer neuen Zuzug erhielten sie von Absteigern aus dem sesshaften Unterschichtenmilieu. Wer in eine Familie mit unehrlichem Beruf hineingeboren wurde, wurde darin in der Regel zeitlebens festgehalten.

Fließend waren die Übergänge in das Milieu der rechtlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich ausgeschlossenen Menschen („herrenloses Gesindel“, „Janhagel“) aus der Mehrheitsbevölkerung, die keinem Untertanenverband angehörten und zur Dauermigration gezwungen waren. Sie mussten ihr Leben mit Betteln und mit wenig angesehenen oder verachteten Noterwerbsmethoden wie ambulant ausgeübtem Flickhandwerk, Hausierhandel und Dienstleistungen mit niedrigem Status (Scherenschleiferei, Maulwurffang, Kammerjägertätigkeit) zu bestreiten versuchen. Ein legendärer Repräsentant dieser vagierenden unterständischen und außerständischen Bevölkerung war in Westdeutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Schinderhannes Johannes Bückler, der als Sohn eines Abdeckers als Hausierer tätig war.

Eine besondere Position nahmen die Abdecker und die Scharfrichter („Nachrichter“) ein. Zwar standen auch sie in der gesellschaftlichen Rangordnung ganz unten. Dafür steht das Verbot des öffentlichen sozialen Kontakts, wie es in einem separaten Tisch im Gasthaus oder in der Lage des Wohnhauses außerhalb der Stadtmauer Ausdruck fand. Andererseits waren vor allem Scharfrichter, die auch für die Durchführung der Tortur verantwortlich waren, gute Kenner des menschlichen Körpers und abweichender Körperverfassungen. Ihre medizinischen Kompetenzen waren gefragt, sie traten hierdurch in Konkurrenz zu Badern und Ärzten, und es kam im 18. Jahrhundert wiederholt zu Verordnungen, in denen ihnen „alles innerliche und äußerliche Curieren, bei hoher fiscalischer Strafe, gänzlich verboten“ oder nur unter bestimmten Auflagen erlaubt wurde. Nachdem im Laufe des 18. Jahrhunderts der Rechtsstatus der Unehrlichkeit allgemein und auch in ihrem Fall aufgehoben wurde, wechselten sie oder ihre Söhne nicht selten in den Beruf des Arztes.

Unter den Angehörigen „unehrlicher“ Berufe traten Roma nur sehr selten in Erscheinung. Als Scharfrichter oder Abdecker sind sie nicht belegt. Jenische Familiennamen findet man hingegen in den einschlägigen Quellen. So war z. B. Jacob-Peter Huber (* 1771), ein Stammvater des jenischen Politikers Robert Huber, Wasenmeister im bündnerischen Oberhalbstein.

Abdecker

Ein totes Pferd auf dem Wagen eines Abdeckers, undatierte Zeichnung von Thomas Rowlandson (1756–1827)

Abdecker, im oberdeutschen Sprachraum Wasenmeister, war jahrhundertelang eine Berufsbezeichnung für Personen, die in einem bestimmten Bezirk für die Beseitigung von Tierkadavern und die Tierkörperverwertung zuständig waren. Aus der Verwertung ergaben sich Produkte wie Fette, Leim, Knochenmehl, Salmiak, Seife, Bleichmittel und Viehfutter.

Andere Bezeichnungen des Berufs waren Schinder, Feld-, Fall-, Halb-, Klee- oder Wasenmeister; Greis-, Klee- oder Feldmetzger; Luderführer, Kleeken, Mausgewitz, Kaviller, Kafiller, Filler, Füller, Racker, Freiknecht, Abstreifer, Bärenhäuter, Weider, Weidmann, Fetzer, Kaltschlächter, Säuberer oder Weißriemler, die auch Felle gerbten. Seine Gehilfen hatten entsprechende Bezeichnungen wie beispielsweise Schinder- oder Luderknecht.

Der Arbeitsplatz der Abdecker, meist auch ihre Wohnstelle, war die Abdeckerei oder Wasenmeisterei. Auch hier existiert eine Vielfalt weiterer Bezeichnungen wie Schindhütte, Fallhaus oder Luderhaus.

Scharfrichter und Abdecker waren – da erstere von den seltenen Hinrichtungen nicht leben konnten – oft dieselbe Person. In ländlichen Gegenden wurde die Tätigkeit auch vom Gemeindehirt ausgeführt. Der Beruf des Abdeckers galt als unehrlicher Beruf.

Wasenordnung

Die Aufgaben des Abdeckers oder Wasenmeisters[1] wurden bis in das späte 19. Jahrhundert in sogenannten Wasenordnungen oder Wasenmeisterordnungen festgelegt.[2] In der Schweiz war die Berufsbezeichnung „Wasenmeister“ für die mit der Kadaverbeseitigung befassten Ämter oder Personen noch bis ins 21. Jahrhundert gebräuchlich und verschwand erst mit einer Änderung des Tierseuchengesetzes (TSG) 2013 aus den Gesetzestexten;[3] in Liechtenstein wird die Berufsbezeichnung in der Wasenordnung von 1873 bzw. dem Veterinärwesengesetz von 1966 weiterhin verwendet.[4]

Lebens- und Arbeitsbedingungen eines Abdeckers

Abdeckerei, Ölgemälde (1909) von William Orpen

Die Bauern waren verpflichtet, sämtliche Tierkadaver (gefallenes Vieh) an den Abdecker zu übergeben, dem oft auch die Entfernung von herumliegenden Katzen- und Hundekadavern oblag. Der Abdecker zerlegte die Kadaver und vergrub oder verbrannte, was nicht mehr verwertet werden konnte. Die Entsorgung der Reste erfolgte zumeist auf Wiesen (altdt. Wasen), woraus sich Berufsbezeichnungen wie Klee- oder Wasenmeister ableiteten.

Aufgrund der Geruchsbelästigung und Seuchengefahr mussten die Abdeckereien außerhalb der Dörfer angelegt werden. Durch den Kontakt mit den Kadavern hatten die Abdecker ein hohes Risiko, sich zum Beispiel mit Milzbrand zu infizieren. Noch heute sind Erdarbeiten auf derartigen Grundstücken gefährlich. Die Knochen aus der Abdeckerei wurden den Seifensiedereien, die verfaulte Fleischmasse den Salpetersiedern und die Häute den Gerbereien zugeführt.

Es haftete an den Abdeckern bis 1817 der Makel der Anrüchigkeit ihres Gewerbes,[5] sie waren vom Kontakt mit der übrigen Bevölkerung nahezu ausgeschlossen. Sie heirateten normalerweise nur untereinander, deshalb waren die Schinder einer Region häufig miteinander verwandt oder zumindest befreundet. Die Wasenmeistereien waren wegen ihrer Abgelegenheit ideale Schlupfwinkel für gesuchte Verbrecher, bspw. Johann Georg Grasel oder den Schinderhannes.

Scharfrichter

Scharfrichter richtet auf dem Enthauptungsplatz einen Verurteilten hin (Qing-Dynastie, China)

Der Scharfrichter (der „mit der Schärfe des Richtbeils oder des Richtschwertes Richtende“[1]) ist eine seit dem Mittelalter gebräuchliche Berufsbezeichnung für den Vollstrecker der Todesstrafe oder anderer Gerichtsurteile.[2] Früher waren auch die Begriffe Nachrichter und Carnifex gebräuchlich. Heute wird synonym dazu die Bezeichnung Henker verwendet (ursprünglich der Vollstrecker einer Hinrichtung durch „Henken“), im Volksmund auch Meister Hans.

Entstehung des Scharfrichteramtes

Hinrichtung von Seeräubern in Hamburg (1573)

Der italienische Henker „Mastro Titta“ bietet einem Verurteilten eine Prise Schnupftabak an (19. Jh.)

Hinrichtung durch Scharfrichter

Scharfrichter bei der Vorbereitung (1562)

Schwert eines Scharfrichters (Deutschland, 17. Jahrhundert)

Sinnspruch auf einem Richtschwert

Bereits im Römischen Reich gab es Personen, die im Namen der Gerichte dem Scharfrichter vergleichbare Tätigkeiten ausführten, wie Folter und die Vollstreckung der Todesstrafe. Wahrscheinlich waren zunächst Soldaten mit dieser Tätigkeit betraut, doch es dürfte bereits eine gewisse Spezialisierung vorgelegen haben, wie antike Beschreibungen vom Amt des „Carnifex“ erkennen lassen.

In den alten europäischen Volksrechten (sächsisches Recht Sachsenspiegel, Lex Salica u. a.) wurde die Hinrichtung durch einen der Richter, oft den jüngsten, oder den Ankläger vollzogen. Auch ein Fronbote oder Amtmann (auch Büttel) wird als Hinrichter genannt, dieser erhält allerdings für den Akt der Hinrichtung kein Geld.

Das Scharfrichteramt bildete sich im Zusammenhang mit der „Professionalisierung“ des gesamten Strafvollzugs im Verlauf des 13. Jahrhunderts aus. Man versuchte die Rechtsprechung in die Hand des Staates zu bringen (Gewaltmonopol auf Seiten des Staates), um damit u. a. Fehden und generell Gewalttaten zu unterbinden. Bis dahin wurde hauptsächlich der Akkusationsprozess angewandt, das heißt, vor Gericht standen sich Kläger und Angeklagte gleichberechtigt gegenüber. Ab 1250 sollte sich das jedoch mit dem Wunsch, die Gewaltverbrechen durch harte Strafen und Verfolgung zu verhindern, ändern. Der Inquisitionsprozess verdrängte aufgrund seiner Effizienz mehr und mehr den Akkusationsprozess. Es oblag nun dem juristisch geschulten und beamteten Richter und den Gerichtsdienern, den Tatbestand herauszufinden. Das Ziel war es normalerweise, das Geständnis des Angeklagten zu hören. Demzufolge fand auch die Folter vermehrt ihre Anwendung und parallel dazu bildete sich (ähnlich dem „professionellen“ Richter) das Amt der Scharfrichter als Folge der immer mehr aufkommenden Differenzierung im Strafprozess heraus.[5] Aus dieser Zeit stammt auch das Synonym Nachrichter, welches den Aspekt der nachrichterlichen Urteilsvollstreckung in den Vordergrund stellt.

Der erste Scharfrichter wurde 1276 im Augsburger Stadtrecht erwähnt.Anfangs wurde im Scharfrichteramt personell häufig gewechselt. Außerdem erhielt selten eine Familie mehrere Male hintereinander eine Anstellung, was sich später drastisch änderte. Eine Tendenz zur Herkunft aus den unteren Schichten kann man bei den ersten Scharfrichtern nicht abstreiten. Als Gründe für die zunächst recht häufigen Personalwechsel kann man sowohl eine Veranlagung der ersten Scharfrichter zu kriminellen Handlungen, als auch eine mögliche „soziale Mobilität“ sehen, wobei nicht geklärt werden kann, ob es sich dabei nur um Orts- oder auch Berufswechsel (und damit eventuell verbundenem sozialen Aufstieg) gehandelt hat.

Eheschließungen fanden vorrangig innerhalb der Scharfrichter- und auch Abdeckerfamilien statt. Das war mit vielen Vorteilen verbunden, wie zum Beispiel soziale und finanzielle Absicherung im Alter und der Nachkommen, und es bildeten sich regelrechte „Scharfrichterdynastien“ heraus, die durchaus auch finanziell mit rechtlich höher gestellten Menschen zu der damaligen Zeit konkurrieren konnten. Ihren Lohn erhielten die Scharfrichter nach getaner Arbeit immer von den Familien des Bestraften oder Hingerichteten; das war rechtlich festgelegt. Um 1700 kostete eine Enthauptung in Aachen 15 Taler. Eine anschließende Verbrennung auf dem Scheiterhaufen kostete 25 Taler.

Doch Scharfrichter waren nicht immer männlichen Geschlechts. So gibt es etwa stichhaltige Anhaltspunkte dafür, dass auch Frauen vom späten Mittelalter an bis ins 19. Jahrhundert vereinzelt als Scharfrichterinnen oder Henkerinnen agierten. Während der Französischen Revolution und danach, etwa bei der öffentlichen Hinrichtung von Frauenmördern in Frankreich, haben sie mitunter mit der Guillotine exekutiert. In Deutschland soll Mitte des 17. Jahrhunderts die Frau eines Henkers ihren Mann kurzfristig vertreten und zwei Diebe am Galgen hingerichtet haben.

Aufgaben

Zu den direkten Aufgaben des Scharfrichters gehörte die eigentliche Hinrichtung und die Folter zur Geständnis¬erzwingung als Teil des Gerichtsverfahrens. Auch für die Durchführung von Körper- und Ehrenstrafen war er zuständig. Daneben musste er auch oft weitere unangenehme und geächtete Aufgaben übernehmen – z. B. die Kloakenreinigung, das Abschneiden und das Bestatten von Selbstmördern oder die Aufsicht über die Prostituierten. Oft wurde das Amt des Henkers aus praktischen Gründen mit dem des Abdeckers (andere Bezeichnungen sind Schinder, Racker oder Wasenmeister) zusammengelegt: Die Tierkörperverwertung sorgte für das finanzielle Auskommen des Scharfrichters und die Abdecker-Gehilfen konnten bei einer Hinrichtung assistieren (Henkersknechte).

Scharfrichter überließen das Foltern, das Henken und (seit der Französischen Revolution) die Tötung durch die Guillotine oft auch ihren Gehilfen und übernahmen nur die Aufsicht. Die Enthauptung mit dem Schwert oder dem Henkersbeil (Handbeil) wurde jedoch vom Scharfrichter selbst durchgeführt, da hierfür Geschick notwendig war: Der Kopf sollte nach Möglichkeit mit nur einem Schlag vom Rumpf getrennt werden.

Durch ihre Tätigkeit konnten sich Scharfrichter solides Wissen auf dem Gebiet der Anatomie aneignen. So mancher kannte sich mit dem menschlichen Knochenbau und der Anordnung der inneren Organe besser aus als der ortsansässige Bader. Es gibt Beispiele, in denen sich Scharfrichter etwas als Rossärzte und Chirurgen hinzuverdienten. Da Scharfrichter die Produkte ihrer Abdeckereien selbst verwerten durften, verfügten sie unter anderem über Hundefett, welches zur Salbung entzündeter Gelenke bei Pferd und Mensch zum Einsatz kam. Die Herstellung und der Verkauf von heilmagischen Substanzen, die aus den Körpern von Hingerichteten gewonnen wurden, sicherte Scharfrichtern ein zusätzliches Einkommen. Dies waren beispielsweise die Herstellung von „Armsünderfett“ (Menschenfett) oder von Totenhänden.[12]

Dies brachte ihnen jedoch häufig Ärger und Streit mit den studierten Ärzten ein, die das Monopol der Medizin für sich beanspruchten und oftmals versuchten, die Bürger von der Laienhaftigkeit des Scharfrichters zu überzeugen. Jedoch konnten sich die medizinischen Eliten nicht gegen jede Art der Heilpraxis von Scharfrichtern durchsetzen. So wurde ihnen offiziell die Heilung von „äußeren Wunden“ gestattet. Jedoch erreichten die Ärzte in einigen Reichsstädten, dass den Scharfrichtern die Ausübung der inneren Medizin versagt blieb. Trotz dieses Verbotes und angesichts der Tatsache, dass die Bürger bezüglich der Heilung ihrer Beschwerden mit dem Scharfrichter bessere Erfahrung als mit den örtlichen Ärzten gemacht hatten, ließen sich Scharfrichter nicht davon abhalten, auch die innere Medizin zu praktizieren.

Ausbildung

Die Ausbildung der Scharfrichter erfolgte in der Regel anfänglich durch den Vater oder Stiefvater und konnte bei einem anderen Meister fortgesetzt werden. Zu den Fähigkeiten, die ein Scharfrichter besitzen musste, gehörte das erfolgreiche Entlocken eines Geständnisses des Angeklagten durch regelkonform angewandte Folter. Der Scharfrichter musste ebenso über medizinische Kenntnisse verfügen, um beurteilen zu können, welche Torturen der Delinquent aushält, ohne daran zu sterben. Ebenso mussten Hinrichtungen gemäß den Anweisungen des Gerichts und fehlerfrei vollstreckt werden.[13] Eine misslungene Hinrichtung zog in einigen Fällen den „Volkszorn“ auf die Scharfrichter und es konnte sogar soweit kommen, dass sie von der aufgebrachten Zuschauermenge gelyncht wurden.[14]

Die medizinischen Kenntnisse nutzten sie außerdem noch für andere Tätigkeiten. So praktizierten die Scharfrichter oft erfolgreich neben ihrem eigentlichen Beruf als Heiler und sicherten so ihre Existenz zusätzlich ab.[15] Auch ist belegt, dass die Scharfrichter, ähnlich wie „normale“ Handwerker auch, während ihrer Ausbildungszeit auf Wanderschaft gingen.[16] Als Abschluss der Ausbildung musste jeder Scharfrichter eine „Meisterprobe“ durchführen. Das geschah nicht ohne amtliche Genehmigung. Dabei musste einem Verurteilten unter der Aufsicht des ausbildenden Meisters der Kopf nach allen Regeln der Kunst abgeschlagen werden. War dies erfolgreich, so erhielt der auszubildende Scharfrichter einen Meisterbrief, mit dem er sich für freie Scharfrichterämter bewerben konnte. Ohne einen solchen Brief hatte er keine Chancen auf eine Anstellung.[17]

Gesellschaftliche Stellung

Den Söhnen von Scharfrichtern stand praktisch kein anderer Berufsweg offen. Ihre Töchter konnten nur in diesen Kreisen heiraten und halb verrufenen Tätigkeiten (Wahrsagen, Liebes- und Schadenzauber, magischen oder Naturheilverfahren) nachgehen. So bildeten sich Scharfrichterdynastien, die aufgrund des geschlossenen Heiratskreises vielfältige verwandtschaftliche Verflechtungen aufweisen. Eine der bekanntesten unter ihnen war die der Sansons, die über sechs Generationen (1688–1847) die Scharfrichter von Paris und einigen anderen französischen Städten (Tours, Auxerre, Melun, Versailles, Reims) stellten.

Soziologisch gesehen wurden sie zu einer Kaste, jedoch nicht in einer Kasten-, sondern in einer Ständegesellschaft. Es war bereits sehr schwer für sie, bei der christlichen Taufe Paten zu gewinnen. Dieser „unehrliche“[18] Beruf hatte allerdings auch weitere Tabus[19] zu befolgen – so war Scharfrichtern beispielsweise ein gesonderter Platz in der Kirche oder auch im Wirtshaus vorgeschrieben. Ebenso war ihnen die Jagd untersagt, ausgenommen die auf Wölfe.

Als im 17. und 18. Jahrhundert im Zuge der Humanisierung des Strafvollzugs immer weniger Scharfrichter benötigt wurden, wichen viele Angehörige der ehemaligen Scharfrichterdynastien auf verwandte Berufszweige wie Bader, Wundarzt, Tierarzt oder Zahnreißer aus. Dies erklärt den ursprünglich großen sozialen Abstand der (hoch geachteten) Ärzte zu den (eher anrüchigen) Chirurgen.

In seinen Memoiren berichtete Heinrich Heine von seiner ersten großen Liebe zum „roten Sefchen“, einer Scharfrichtertochter.

Einer der letzten Scharfrichter Deutschlands war Johann Reichhart (1893–1972). Während der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus vollzog er etwas mehr als 3.000 Hinrichtungen mit der Guillotine, darunter auch die von Hans und Sophie Scholl, Mitgliedern der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Nach 1945 henkte er 156 verurteilte Repräsentanten des Nationalsozialismus im Auftrag der amerikanischen Militärregierung am Galgen.

Josef Lang nach der Hinrichtung von Cesare Battisti am Würgegalgen

Der letzte k.k. Scharfrichter in Wien war Josef Lang (1855–1925). Er war ein Sonderfall, denn er kam nicht aus einer Scharfrichterfamilie, sondern betrieb neben seiner Tätigkeit als Assistent des Wiener Scharfrichters Karl Selinger (1862–1899) ein Kaffeehaus in Wien-Simmering, war als solcher sehr bekannt und beliebt – allerdings wusste zu Beginn niemand über seinen Zweitberuf Bescheid. Nach seiner Ernennung zum Scharfrichter von Wien im Jahr 1900 musste er als Staatsbeamter den Kaffeehausbetrieb aufgeben, genoss aber hohes gesellschaftliches Ansehen, wurde bei Hinrichtungen in kleinen Provinzstädten der Monarchie mitunter wie ein Staatsgast empfangen und zu Abendgesellschaften eingeladen.[21]

Zur Regel wurde der Wiener Sonderfall in der Zeit des Nationalsozialismus, als die meisten Scharfrichterstellen von Personen besetzt wurden, die vorher als Gehilfen anderer Scharfrichter tätig waren und nicht einer Scharfrichterfamilie entstammten. In Deutschland traten spätestens seit 1937 die meisten Scharfrichter als anonyme Personen auf, über deren Tätigkeit in der Öffentlichkeit nahezu nichts bekannt war. Nach außen hin waren sie Justizangestellte, ihre Gehilfen Justizhelfer.

Geheim und anonym waren auch die im Zweitberuf als Scharfrichter tätig gewordenen Personen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Hermann Lorenz hat zwischen 1969 und 1981 die letzten 20 Hinrichtungen auf deutschem Boden vollzogen.

Gegenwart

In Ländern, in denen im 21. Jahrhundert die Todesstrafe noch durchgeführt wird, wie z. B. in den USA, haben sich die Berufsanforderungen des Scharfrichters durch die Hinrichtungswerkzeuge geändert (Elektrischer Stuhl, Gaskammer, „Giftspritze“). Nach wie vor ist die Ausübung des Berufes dem Prestige abträglich.

Dass auch Frauen regelmäßig als Scharfrichtende tätig werden, welche offiziell Todesurteile vollstrecken, kommt seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts vor. So etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in einigen asiatischen Ländern, wo sie Hinrichtungen insbesondere an Frauen oder jüngeren männlichen Todeskandidaten vollziehen.

Hauptberufliche Scharfrichter im eigentlichen Sinne, die Leibesstrafen (Abschlagen der Hand) und Lebensstrafen (Enthaupten) mit dem Schwert bzw. dem Beil vollstrecken, existieren heute in einigen islamischen Ländern, in denen nach der Rechtsgebung der Scharia abgeurteilt wird, so vor allem in Saudi-Arabien und dem Sudan. In diesen Ländern kann (nicht immer) die Rolle des Scharfrichters auch auf deren Wunsch von Angehörigen eines Opfers des Verurteilten, also von Laien, übernommen werden, mit oft extremen Konsequenzen für den Verurteilten in Gestalt einer verlängerten Todesqual. Der Scharfrichter nimmt in diesen Ländern nicht selten auch gemäß der Scharia die zum Teil öffentliche, hochtraumatische Amputation von Gliedmaßen mit Beil, Säbel oder (Krumm-)Schwert vor, z. B. bei Dieben oder Drogenhändlern.

Hausierer

Zum Gemälde von Hieronymus Bosch siehe Der Hausierer.

Als Hausierer werden von Haus zu Haus gehende Händler bezeichnet. Sie bieten im Gegensatz zum Handelsvertreter oder Handelsreisenden, die im Auftrag eines Unternehmens unterwegs sind, ein eigenes Warensortiment auf eigene Rechnung an. In der heutigen Zeit gelten für Hausierer in Deutschland die Bestimmungen für ein Haustürgeschäft und sie benötigen eine Reisegewerbekarte.

Verbotsschild in Wien

Früher galt die Bezeichnung Hausierer auch für Anbieter von Dienstleistungen, z. B. Kesselflicker und Scherenschleifer. Für spezialisierte Hausierer existierten eigene Bezeichnungen und einzelne Volksgruppen spezialisierten sich auf bestimmte Warensortimente:

•  Bot ein Hausierer Schriften unterhaltsamen oder sensationellen Inhalts an, war er ein Kolporteur.

•  Kurzwaren waren die bevorzugt angebotenen Artikel insbesondere jüdischer Hausierer. In Österreich wurden die Kurzwarenhändler Bandlkramer genannt.

•  Insbesondere in Nordwestdeutschland waren die sogenannten Kiepenkerle bekannt.

•  Der Hausierhandel wurde früher auch Schacherhandel genannt (Erstbelegung 1813[1]). Juden, die dieser Tätigkeit nachgingen, bezeichnete man als Schacherjuden.

Während der Ausübung seiner Tätigkeit transportierte der Hausierer oder der Kolporteur seine Ware aus eigener Kraft mit dem Schubkarren oder Handwagen, in einem Rückentragekorb oder einem übergeworfenen Quersack oder er bot sie in einem Bauchladen an. Als sozialer Aufstieg galten ein Hundegespann, Fahrrad, Pferdefuhrwerk und in der Zeit zunehmender Technisierung ein Automobil.

Hausierer gehörten oft ethnischen Minderheiten an und waren Zigeuner, Juden oder Jenische. Sie waren fester Bestandteil insbesondere der ländlichen Sozialstruktur, man richtete sich auf ihr durchaus erwünschtes, oft herbeigesehntes Kommen ein. Ihr Warenangebot umfasste nämlich meist Artikel, die in ländlichen Gegenden nicht erhältlich waren und auch nicht selbst hergestellt werden konnten. Eine ihrer wichtigsten Nebenfunktionen war, dass sie Nachrichten und Informationen aus dem weiteren Umfeld überbrachten. Der Hausierer ist deshalb eine wichtige Figur in der Dramaturgie z. B. Jacquier (Michel Simon) in Es geschah am hellichten Tag oder Jéricho (Pierre Renoir) in Die Kinder des Olymp.

Andererseits wurden insbesondere zu Minderheiten gehörige Hausierer auch mit Misstrauen betrachtet, man unterstellte ihnen Diebstähle oder ein Auskundschaften für Diebe, auch Betrügereien mit minderwertiger oder überteuerter Ware wurden immer wieder kolportiert. Im 20. Jahrhundert wurden verschiedene Vorschriften erlassen, die den Hausierhandel reglementierten. Neben der Pflicht zum Mitführen einer Reisegewerbekarte ist etwa auch der Hausierhandel mit Schmuckwaren nur bis zu einem Verkaufspreis von 40 Euro gestattet.[5]

Die unterschiedlichen Gewerbe der fliegenden Händler wurden im 18. und 19. Jahrhundert in druckgraphischen Folgen unter dem Begriff „Kaufrufe“ dargestellt.[6]

In der Gegenwart ist die Bedeutung des klassischen Hausierhandels in Deutschland nur noch gering, da mittlerweile eine breite Versorgung durch den Einzelhandel gewährleistet ist und zudem der Versandhandel alle möglichen Waren auch in abgelegene Gebiete liefert. Auch die veränderte Lebenssituation, bei der in vielen Haushalten alle Bewohner tagsüber abwesend sind (während früher die klassische Hausfrau stets anzutreffen war und daher als Kundin in Frage kam) dürfte hier eine Rolle spielen.

Ähnliche Gewerbe

Die heute auftretende und meist eher aufdringliche Form des Hausierens wird in Deutschland Drücker genannt. Hierbei werden von reisenden Kolonnen oft Zeitschriftenabonnements, Mitgliedschaften in einem Verein oder angeblich von Behinderten hergestellte Waren im Auftrag eines Unternehmens verkauft. Eine weit verbreitete Methode ist auch das Vortäuschen ehemaliger Inhaftierung seitens des Drückers, die zu erschwerter Suche nach geregelter Arbeit führe. Trägt diese Täuschung maßgeblich zum Vertragsabschluss bei, handelt es sich um ein Betrugsdelikt.

Es gibt allerdings auch seriöse Firmen, die noch heute ihre Produkte durch Vertreter (meist Berater genannt) ausschließlich (oder zumindest überwiegend) direkt an den Kunden verkaufen und nicht im Einzelhandel vertreten sind, beispielsweise Vorwerk (Staubsauger) oder AMC (Kochtöpfe). Mittlerweile verkauft und berät Vorwerk auch in eigenen Ladengeschäften. Als Vorteil für den Kunden werden dabei die Umgehung des Einzelhandels (Einsparung der Gewinnspanne) sowie die Vorführung neuer Produkte in der eigenen Wohnung mit Möglichkeit zum Testen angeführt; als Nachteil empfinden Kunden die Tatsache, dass sie den Vertreter in ihre Wohnung lassen müssen (und sich durch seine Gegenwart unter Druck gesetzt fühlen) oder bei Problemen mit der gekauften Ware nicht ohne weiteres Kontakt zu einem Ansprechpartner aufnehmen können.

Ebenfalls in den Bereich verwandter Gewerbe gehört die Präsentation von Waren im Rahmen einer Party, zu der ein Gastgeber (der dafür meist ein Produkt der betreffenden Firma als Dank erhält) interessierte Freunde und Bekannte einlädt, denen dann vom Berater die entsprechenden Produkte vorgestellt werden. Dies ist zum Beispiel bei Geschirr (z. B. Tupperware) oder Kosmetik (z. B. Avon) verbreitet.

Eine Bezeichnung für ambulante Kleinhändler mit Marktständen ist Fliegender Händler. Diesen wiederum ähnlich sind die Fahrer von Verkaufsfahrzeugen die in ländlichen Gebieten von Ort zu Ort fahren und dort zu feststehenden Zeiten ihre Ware anbieten, z. B. Eier, Fleisch, Backwaren aber auch sonstige Lebensmittel. Beiden ist gemeinsam, dass sie anders als Hausierer meist nicht gezielt die einzelnen Häuser ansteuern, sondern z. B. in der Ortsmitte ihren Stand aufbauen bzw. ihr Fahrzeug abstellen und dort von den Kunden aufgesucht werden.

Schäferei

Schäfer mit Herde in Griechenland

Die gewerbliche Schäferei umfasst die Behütung, Zucht und Verwertung (Milch, Fleisch, Wolle, Leder) von Schafen. Der Ausbildungsberuf des Schäfers (veraltet: Schafhirt) hat die amtliche Bezeichnung Tierwirt, Fachrichtung Schäferei. Vor der Ausbildung leistet man nur in Bayern ein Jahr lang ein Berufsgrundschuljahr (BGJ) ab.[1] Die Ausbildung umfasst drei Jahre mit einer Abschlussprüfung. Es besteht anschließend die Möglichkeit zur Ablegung der Meisterprüfung.[2]

Schäfer mit Hund und Herde (1986)

Schafe werden zumeist in Herden gehalten, die ein Hirte mit der Hilfe von Schäfer- oder Hütehunden behütet. Typisch ist dabei, dass der Schäfer seine Herde ‚nomadisierend‘ durch offenes, allgemein zugängliches Land führt (Wanderschäfer), während anderes Vieh in der Regel im Stall steht oder auf der Weide, die dem Bauern gehört. Hierbei unterscheidet man zwischen Hüte- und Koppelschafhaltung.

Der Beruf des Schäfers beschränkt sich nicht nur darauf, Produzent von Schaffleisch und Schafswolle zu sein. Die Preise für Schaffleisch und Wolle sind in den letzten Jahren erheblich gefallen. Ein Schäfer ist auch Landschaftspfleger, denn die Landschaften, die nicht durch Schafe beweidet werden, würden sonst innerhalb kurzer Zeit mit Bäumen und Sträuchern zuwachsen.[3] Für die Tätigkeit als Landschaftspfleger stellt die Europäische Union Mittel zur Verfügung.

Die Aufgabe des Schäfers ist es bei seiner konkreten Tätigkeit, Futterplätze zu finden, die Herde zusammenzuhalten und vor Gefahren zu schützen. Früher übernachteten manche Schäfer in kleinen hölzernen Schäferkarren direkt bei ihrer Herde. Ein traditionelles Werkzeug ist die Schäferschippe.

Aufgaben des Schäfers

Schafherde auf einem Stoppelfeld in der Rhön

Zu den Aufgaben eines Schafhirten gehört

•  Ablammung und Aufzucht der Tiere, einschließlich Kenntnisse der Anatomie, Physiologie, Züchtung, Rassenkunde und der Reproduktion von Schafen;

•  Wissen über Weidewirtschaft und Futtergewinnung;

•  Beherrschung der Schafhaltung allgemein, wozu auch Stallbau, Pferchtechnik, Hygienemaßnahmen sowie Kenntnisse von Tierkrankheiten zählen;

•  Hütetechnik mit dem Herdenhund und dessen Ausbildung sowie Wolfsabwehr;

•  die Produktion von Wolle, Fleisch und Milch, sowie die Vermarktung dieser Produkte. Deswegen sollte er auch das tierschutzgerechte Schlachten seiner Schafe beherrschen.

Geschichte

Schafzucht auf einer Farm in Namibia (2017)

Die Schäferei gehört zu den ältesten Gewerben der Welt. Die Domestizierung des Schafes begann vor 10.000 Jahren in Kleinasien und hat sich von dort über ganz Asien und Europa verbreitet. Zu früherer Zeit galt die Schäferei als unehrlicher Beruf.[4] Sie spielt heute in der Landwirtschaft Europas eine eher untergeordnete Rolle, während sie vor allem in Asien und Afrika bis heute als Subsistenzwirtschaft praktiziert wird.

Jüngere Geschichte am Beispiel der Rhön

Aus dem Hochstift Fulda sind aus alten Akten besonders ab dem 18. Jahrhundert verschiedene Formen der Schäferei überliefert:

•  Als Erbschäferei wurden Schäfereien bezeichnet, in denen meist größerer Landbesitz besiegelt durch eine Verleihungsurkunde in den Besitz des Schäfers überging. Meist wurden damit Gutshöfe bedacht und es war die seltenere Variante.

•  Als Laßschäferei wurde eine frühe Form von Genossenschaften benannt. Die Genossen hatten keinerlei Besitzanspruch an den Flächen und mussten jährlich neu deren Nutzung beantragen. Die Herrschaft legte dabei die abzugebenden Lämmer fest und bestimmte auf welchen Hutungen die Genossen eine festgelegte Anzahl an Schafen halten durften.

•  Eine weitere Form war die Gemeinheit. Darunter verstand man Flächen im Gemeindeeigentum zur gemeinsamen Koppel- oder Hütehaltung. Das Nutzungsrecht stand dabei oft mehreren Gemeinden gemeinsam zu und lässt sich auf die gemeine Mark zurückführen. Diese Gemeinheiten (Allmenden) wurden in der Rhön erst in den 1870. Jahren aufgelöst.[5]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Schafe dann hauptsächlich in Gemeinde-, Genossenschafts- und in manchen Gebieten Wanderschäfereien gehalten. In Hessen-Nassau gab es 1913 56 Gemeindeschäfereien und 256 Genossenschaftsherden.[6]

Schäfer und Musik

Titelblatt der Scheffer-Ordnung von 1578

„Ein Schäfer muß auch auf einem Blas-Instrumente spielen können, nicht des alten Wahns wegen, daß die Schafe mehr durch die Musique, als durch das Weiden und durch das Futter sollen fett werden, sondern deswegen, weil die Schafe (wie die Erfahrung bestätiget) vor andern Thieren, insbesonderheit die Musique lieben: sie gedeyen davon ungemein, und werden dadurch sehr munter. Ausserdem ist es dem Schäfer sehr bequem, mit der Flöte seine Heerde commandieren zu können: wie auch die ausländischen Schäfer thun, die mit gewissen Stückchen auf ihrer Sackpfeifen sie zusammen halten, selbige an sich rufen, und wieder wegtreiben.“

Weitere Bedeutungen

Die besondere Stellung des Schäferberufes hat in der christlichen Symbolik (der gute Hirte, das verlorene Schaf) und in der Schäferdichtung Niederschlag gefunden.

Viele Künstler haben diese Symbolik in ihrem Werk zitiert, beispielsweise Johann Georg Mohr mit Darstellungen von Schäfern im Taunus.

Schäfer auf der Schwäbischen Alb

Schäfereigebäude von 1744 aus Hambühl im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim

Schäferkarren

Ausbildung zum Schäfer (1985)

Schäfergruppe (Bronze) in Mettmann

Köhler

Ein Köhler auf seinem Kohlenmeiler

Köhlerei in Grünburg bei Steyrdurchbruch

Köhler bezeichnet einen Beruf, dessen Aufgabe es ist, Holzkohle herzustellen. Dazu wird Holz in einem Kohlenmeiler verschwelt. Der zugehörige Handwerksbetrieb, bzw. die Tätigkeit, nennt sich Köhlerei.

Die Köhlerei ist eine der ältesten Handwerkstechniken der Menschheit. Die Erkenntnisse aus der Köhlerei leisten bis heute einen Beitrag für die Lösung von Energieproblemen. Aufgrund ihrer geschichtlichen und kulturellen Bedeutung wurden das Köhlerhandwerk und die Teerschwelerei im Dezember 2014 in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland durch die Kultusministerkonferenz aufgenommen.

Seit dem Mittelalter wird Holzkohle in Meilern hergestellt, zur Eisenverhüttung, aber auch für die Glasherstellung und die Verarbeitung von Edelmetallen. Mit der verstärkten Nutzung von Steinkohle ab dem 18. Jahrhundert ging die Köhlerei dann immer mehr zurück.

Eine Köhlerei bei Sosa (Erzgebirge)

Wettlauf der Köhler in Paris, Februar 1904

In Europa wird die nicht industrielle Köhlerei lediglich noch im Gebiet um den Napf in der Zentralschweiz gewerblich betrieben. Ca. fünfzehn Köhlerinnen und Köhler produzieren dort pro Jahr an die neunzig bis hundert Tonnen Holzkohle. Außerhalb Mittel- und Nordeuropas wird die Köhlerei weiterhin gewerblich betrieben.[2] Nur noch rudimentär in Europa, so in Rumänien[3], ansonsten in den tropischen Wäldern Südamerikas[4] und Afrikas.[5] Noch bis ins 20. Jahrhundert benutzten Köhler in abgelegenen Gegenden, wie im Harz und im Thüringer Wald, Hillebillen (tönende Buchenholzbretter) als Alarm- und Informationsinstrument. An diese Zeiten erinnert noch heute der Name eines Höhenzugs im Harz, der „Hillebille“ genannt wird. In der heutigen Zeit wird die Tradition dieses alten Handwerkes zum großen Teil von Vereinen aufrechterhalten. Die bekanntesten sind der Europäische Köhlerverein und der Köhlerverein Glasofen.

Umweltbeeinträchtigungen

Mit dem Köhlereiprozess sind erhebliche Beeinträchtigungen von Luft und Boden verbunden.[6] Ungefähr ein Drittel des Holztrockengewichts wird in Form von Pyrolyseprodukten in die Atmosphäre emittiert.[7] Ein weiterer Teil der Pyrolyseprodukte, die als Flüssigkeit anfallen, wie zum Beispiel Holzteer, ist für Bodenverunreinigungen verantwortlich.

Leineweber

Leineweberin am Handwebstuhl

Leineweber oder Lein(en)weber ist die historische Berufsbezeichnung für Weber von Leinen, einem auf Handwebstühlen in Leinwandbindung hergestellten Gewebe. Leinengewebe besteht ganz oder zu erheblichem Teil aus Leinengarn, einem aus Flachsfasern gesponnenen Garn. In ländlichen Gebieten erfolgte die Leinenweberei häufig im bäuerlichen Nebenberuf.

Soziale Stellung

Im Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit galt der Beruf des Leinewebers als „ehrlos“ und damit als unehrlicher Beruf.[1] In den städtischen Ständegesellschaften des Mittelalters wurden Kinder aus Leineweberfamilien daher meist von der Aufnahme in andere Zünfte ausgeschlossen. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts erhielten sie durch Reichsgesetze der Jahre 1548 und 1577 die Möglichkeit, ein anderes Handwerk zu erlernen.[2]

Regionale Zentren

Leineweberdenkmal in Bielefeld

Eines von mehreren historischen Zentren der Leinenweberei war das Ravensberger Land im Nordosten Nordrhein-Westfalens. Dort bauten die Bauern ab dem 17. Jahrhundert auf ihren Ackerflächen, statt Getreide, vorzugsweise den staatlich subventionierten Flachs an und verarbeiteten diesen in Heimindustrie zu Linnen oder Leinen. Der Leinenhandel führte zu einem gewissen Wohlstand der deshalb so genannten „Leinenstadt“ Bielefeld.

Wie in anderen Regionen auch, geriet das ostwestfälische Leinenhandwerk um 1830 in eine schwere Krise, als in Irland, England und Belgien mit der Produktion maschinell gewebter Stoffe begonnen wurde. Mit der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld entstand in den 1850er Jahren ein Unternehmen, das sich zur größten Flachsspinnerei Europas entwickelte.

Heute ist das Leineweberdenkmal ein Wahrzeichen der Stadt Bielefeld, jährlich findet dort der Leinewebermarkt statt, und die Eisenbahn-Nahverkehrslinie von Bielefeld nach Altenbeken heißt „Der Leineweber“.

•  Leineweber in der Kunst

„Der Weber“ im „Ständebuch“ des Jost Ammann, 1568

Leineweber am Webstuhl

Gemälde von Vincent van Gogh, 1884

„Der Große Kurfürst empfängt die Leineweber“

Jenische

Jenische am Lauerzersee (Schweiz), 1928

Jenische ist sowohl eine Eigen- als auch eine Fremdbezeichnung für Angehörige eines nach landschaftlicher und sozialer Abkunft in sich heterogenen Teils der Bevölkerung in Mittel- und Westeuropa. Historisch lassen sich Jenische auf Angehörige der marginalisierten Schichten der Armutsgesellschaften der frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts zurückführen. Merkmale dieser historischen Jenischen waren ihr ökonomischer, rechtlicher und sozialer Ausschluss aus der Mehrheitsbevölkerung und eine dadurch bedingte Dauermigration. Jenischen zugeordnet wird eine eigentümliche Sprachvarietät, die aus dem Rotwelsch hervorgegangene jenische Sprache

Rotwelsch ist ein Sammelbegriff für sondersprachliche Soziolekte gesellschaftlicher Randgruppen auf der Basis des Deutschen, wie sie seit dem späten Mittelalter besonders bei Bettlern, fahrendem Volk (Vaganten), Vertretern sogenannter unehrlicher Berufe und in kriminellen Subkulturen in Gebrauch kamen und seit dem 17. Jahrhundert mit der Ansiedlung von Gruppen vormals Nichtsesshafter auch regionalsprachlichen Niederschlag fanden.

Jenisch ist eine Varietät der deutschen Sprache, linguistisch gesehen eine Sondersprache der Jenischen, d. h. von „fahrenden“ Bevölkerungsgruppen bzw. von deren ortsfesten Nachfahren.

Die historischen Jenisch-Sprecher

Historisch haben sich als „Jenisch“ bezeichnete Sprachvarianten (wie auch die konkurrierenden Bezeichnungen), wenn man zeitlich in etwa vom ersten Auftreten des Begriffs ausgeht, in einer Sprecherpopulation herausgebildet, die nach landschaftlicher und sozialer Herkunft in sich heterogen war und deren Zusammensetzung fluktuierte. Die wesentliche Gemeinsamkeit ihrer Angehörigen war deren Herkunft aus den unter- und außerständischen Schichten der frühneuzeitlichen Armutsgesellschaft.

Das obrigkeitliche Etikett vom „herrenlosen Gesindel“ war darauf zurückzuführen, dass dieser Bevölkerungsteil rechtlich durch ein flächendeckendes staatliches Betretungs-, Aufenthalts- und Duldungsverbot, ökonomisch durch nur ambulant praktizierbare Nischentätigkeiten und gesellschaftlich durch das Stigma des potentiellen Straftäters marginalisiert war. Der oft generationenlange Ausschluss von Familiengruppen aus der in ortsfesten Untertanenverbänden organisierten Mehrheitsgesellschaft begünstigte die Entstehung von Ansätzen einer separaten Ethnizität und die Formierung eines eigenen kollektiven Selbstverständnisses am mehrheitsgesellschaftlichen Rand und zugleich in Distanz zu den nach außen geschlossenen Gruppen der Roma und der vagierenden Juden. Dabei dürfte die Sprache eine wichtige Rolle gehabt haben.

Indem sich im 18. Jahrhundert lokal mit vereinzelten landesherrlichen Niederlassungsangeboten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein mit der Reformierung des Niederlassungsrechts und daneben durch die Begründung „wilder“ Siedlungen Möglichkeiten boten, die vagierende Lebensweise aufzugeben und die Lebenssituation durch Domizilierung zu stabilisieren, wurden „Fahrende“ der unterschiedlichen Provenienz temporär oder dauerhaft ortsfest. In ihren Ansiedlungen am Rande oder abseits der bestehenden Ortschaften blieben die Bewohner aber sozial weiterhin marginalisiert. Der beständige Kontakt an diesen Orten von niedergelassenen Sprechergruppen unterschiedlicher ethnischer und sprachlicher Herkunft und die Aufgabe des geschlossenen Heiratsmusters dürfte neben den eher flüchtigen Kontakten auf der „Reise“ eine Erklärung für die Entlehnungen aus anderen Sprachen im Jenischen sein.

Jenisch war bis in die 1980er Jahre die Handelssprache im Viehhandel.

Jenische Literatur

Der jenische Schriftsteller Engelbert Wittich

Da Jenisch aufgrund seiner begrenzten Möglichkeiten zur Darstellung umfangreicher und komplexer Sachverhalte nicht geeignet ist, gibt es über kleine Formen von Gelegenheitsliteratur hinaus keine jenische Sachliteratur oder Belletristik. Schriftsteller mit jenischem Selbstverständnis veröffentlichen in der Sprache der Mehrheitsgesellschaft, in der sie groß geworden sind. In Deutschland veröffentlichte Engelbert Wittich (1878–1937) Gedichte und Lieder auch auf Jenisch. Der österreichische Jenische Romed Mungenast (1953–2006) publizierte in Deutsch und Jenisch Kurztexte und Gedichte.

Leben

Romed Mungenast wuchs in Zams (Tirol) als eins von elf Kindern einer Karrner-Familie in einer Holzbaracke in einer Flussfeuchtwiese auf, einem exemplarischen Ort der Ausgrenzung. Die Großeltern waren, bevor sie sich dort hatten niederlassen dürfen, noch gereist. Nun sesshaft, musste die Familie doch weiterhin notdürftig vom überkommenen Kleinhandwerk wie dem Korbflechten, Besenbinden und von Gelegenheitsarbeiten leben. Nach acht Jahren Schulbesuch arbeitete Romed Mungenast zunächst als Rangierarbeiter und qualifizierte sich später zum Rangiermeister.

Er „war der erste österreichische Jenische, der sich offen zu seiner Herkunft bekannte“. Neben seiner beruflichen Tätigkeit bei der Eisenbahn trug er ein umfassendes Archiv zur Geschichte und Lage der Jenischen zusammen, das im Schloss Landeck der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird. Er hielt zur Geschichte seiner Herkunftsgruppe Vorträge an Schulen, Universitäten und bei Kulturveranstaltungen.

Er trat mit deutsch- und jenischsprachigen belletristischen Texten auch schriftstellerisch hervor. Als sein Hauptwerk, werden die „Jenischen Reminiszenzen“ bezeichnet. Ein Stipendium des österreichischen P.E.N.-Clubs für seine literarische Tätigkeit lehnte er ab und zog es vor, weiterhin in seinem Beruf und in der Gewerkschaft der Eisenbahner zu arbeiten.

Mungenast gehörte 2001 zu den Begründern einer ersten jenischen Selbstorganisation in Österreich, des Jenischen Kulturverbands, von der er sich jedoch bald wieder abwandte, weil – wie er begründete – massive gesellschaftliche Benachteiligung zu „rassistischen“ Tendenzen bei den Opfern führe. Seine Gründungsbeteiligung sei „ein großer Fehler“ gewesen.

2003 erhielt er die Verdienstmedaille des Landes Tirol. 2004 wurde ihm vom österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil für seine Verdienste um die Geschichte, Kultur und Sprache der Jenischen die Ehrenprofessur der Universität Innsbruck verliehen. Die Dachorganisation der Schweizer Fahrenden, die Radgenossenschaft der Landstrasse, ernannte ihn zum Ehrenmitglied.

Romed Mungenast starb am 27. Februar 2006 nach langer Krankheit in Innsbruck.

Umgangsdeutsch und Jenisch

Eine – sehr künstliche – Zusammenstellung von Beispielwörtern aus dem Rotwelsch/Jenischen, die in die mehrheitsgesellschaftliche Umgangssprache eingingen:

„Wenn ein kesser oder fieser Macker in die Kneipe latscht, dort über die Saure-Gurken-Zeit quasselt und sich über seine Maloche beklagt. Wenn er dann noch einen Bullen um Moos anhaut, der ganz ausgebufft gerade seinen Kiez abgrast und ganz im Eimer ist, weil er einen Bock auf Fusel hat, ist der Feez vorbei. Es fetzt natürlich, wenn man … den Pauker in der Penne verkohlt oder im Kittchen pooft. <schläft>“

Jenische

Jenische am Lauerzersee (Schweiz), 1928

Jenische ist sowohl eine Eigen- als auch eine Fremdbezeichnung für Angehörige eines nach landschaftlicher und sozialer Abkunft in sich heterogenen Teils der Bevölkerung in Mittel- und Westeuropa. Historisch lassen sich Jenische auf Angehörige der marginalisierten Schichten der Armutsgesellschaften der frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts zurückführen. Merkmale dieser historischen Jenischen waren ihr ökonomischer, rechtlicher und sozialer Ausschluss aus der Mehrheitsbevölkerung und eine dadurch bedingte Dauermigration. Jenischen zugeordnet wird eine eigentümliche Sprachvarietät, die aus dem Rotwelsch hervorgegangene jenische Sprache

Rotwelsch ist ein Sammelbegriff für sondersprachliche Soziolekte gesellschaftlicher Randgruppen auf der Basis des Deutschen, wie sie seit dem späten Mittelalter besonders bei Bettlern, fahrendem Volk (Vaganten), Vertretern sogenannter unehrlicher Berufe und in kriminellen Subkulturen in Gebrauch kamen und seit dem 17. Jahrhundert mit der Ansiedlung von Gruppen vormals Nichtsesshafter auch regionalsprachlichen Niederschlag fanden.

Jenisch ist eine Varietät der deutschen Sprache, linguistisch gesehen eine Sondersprache der Jenischen, d. h. von „fahrenden“ Bevölkerungsgruppen bzw. von deren ortsfesten Nachfahren.

Die historischen Jenisch-Sprecher

Historisch haben sich als „Jenisch“ bezeichnete Sprachvarianten (wie auch die konkurrierenden Bezeichnungen), wenn man zeitlich in etwa vom ersten Auftreten des Begriffs ausgeht, in einer Sprecherpopulation herausgebildet, die nach landschaftlicher und sozialer Herkunft in sich heterogen war und deren Zusammensetzung fluktuierte. Die wesentliche Gemeinsamkeit ihrer Angehörigen war deren Herkunft aus den unter- und außerständischen Schichten der frühneuzeitlichen Armutsgesellschaft.

Das obrigkeitliche Etikett vom „herrenlosen Gesindel“ war darauf zurückzuführen, dass dieser Bevölkerungsteil rechtlich durch ein flächendeckendes staatliches Betretungs-, Aufenthalts- und Duldungsverbot, ökonomisch durch nur ambulant praktizierbare Nischentätigkeiten und gesellschaftlich durch das Stigma des potentiellen Straftäters marginalisiert war. Der oft generationenlange Ausschluss von Familiengruppen aus der in ortsfesten Untertanenverbänden organisierten Mehrheitsgesellschaft begünstigte die Entstehung von Ansätzen einer separaten Ethnizität und die Formierung eines eigenen kollektiven Selbstverständnisses am mehrheitsgesellschaftlichen Rand und zugleich in Distanz zu den nach außen geschlossenen Gruppen der Roma und der vagierenden Juden. Dabei dürfte die Sprache eine wichtige Rolle gehabt haben.

Indem sich im 18. Jahrhundert lokal mit vereinzelten landesherrlichen Niederlassungsangeboten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein mit der Reformierung des Niederlassungsrechts und daneben durch die Begründung „wilder“ Siedlungen Möglichkeiten boten, die vagierende Lebensweise aufzugeben und die Lebenssituation durch Domizilierung zu stabilisieren, wurden „Fahrende“ der unterschiedlichen Provenienz temporär oder dauerhaft ortsfest. In ihren Ansiedlungen am Rande oder abseits der bestehenden Ortschaften blieben die Bewohner aber sozial weiterhin marginalisiert. Der beständige Kontakt an diesen Orten von niedergelassenen Sprechergruppen unterschiedlicher ethnischer und sprachlicher Herkunft und die Aufgabe des geschlossenen Heiratsmusters dürfte neben den eher flüchtigen Kontakten auf der „Reise“ eine Erklärung für die Entlehnungen aus anderen Sprachen im Jenischen sein.

Jenisch war bis in die 1980er Jahre die Handelssprache im Viehhandel.

Jenische Literatur

Der jenische Schriftsteller Engelbert Wittich

Da Jenisch aufgrund seiner begrenzten Möglichkeiten zur Darstellung umfangreicher und komplexer Sachverhalte nicht geeignet ist, gibt es über kleine Formen von Gelegenheitsliteratur hinaus keine jenische Sachliteratur oder Belletristik. Schriftsteller mit jenischem Selbstverständnis veröffentlichen in der Sprache der Mehrheitsgesellschaft, in der sie groß geworden sind. In Deutschland veröffentlichte Engelbert Wittich (1878–1937) Gedichte und Lieder auch auf Jenisch. Der österreichische Jenische Romed Mungenast (1953–2006) publizierte in Deutsch und Jenisch Kurztexte und Gedichte.

Leben

Romed Mungenast wuchs in Zams (Tirol) als eins von elf Kindern einer Karrner-Familie in einer Holzbaracke in einer Flussfeuchtwiese auf, einem exemplarischen Ort der Ausgrenzung. Die Großeltern waren, bevor sie sich dort hatten niederlassen dürfen, noch gereist. Nun sesshaft, musste die Familie doch weiterhin notdürftig vom überkommenen Kleinhandwerk wie dem Korbflechten, Besenbinden und von Gelegenheitsarbeiten leben. Nach acht Jahren Schulbesuch arbeitete Romed Mungenast zunächst als Rangierarbeiter und qualifizierte sich später zum Rangiermeister.

Er „war der erste österreichische Jenische, der sich offen zu seiner Herkunft bekannte“. Neben seiner beruflichen Tätigkeit bei der Eisenbahn trug er ein umfassendes Archiv zur Geschichte und Lage der Jenischen zusammen, das im Schloss Landeck der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird. Er hielt zur Geschichte seiner Herkunftsgruppe Vorträge an Schulen, Universitäten und bei Kulturveranstaltungen.

Er trat mit deutsch- und jenischsprachigen belletristischen Texten auch schriftstellerisch hervor. Als sein Hauptwerk, werden die „Jenischen Reminiszenzen“ bezeichnet. Ein Stipendium des österreichischen P.E.N.-Clubs für seine literarische Tätigkeit lehnte er ab und zog es vor, weiterhin in seinem Beruf und in der Gewerkschaft der Eisenbahner zu arbeiten.

Mungenast gehörte 2001 zu den Begründern einer ersten jenischen Selbstorganisation in Österreich, des Jenischen Kulturverbands, von der er sich jedoch bald wieder abwandte, weil – wie er begründete – massive gesellschaftliche Benachteiligung zu „rassistischen“ Tendenzen bei den Opfern führe. Seine Gründungsbeteiligung sei „ein großer Fehler“ gewesen.

2003 erhielt er die Verdienstmedaille des Landes Tirol. 2004 wurde ihm vom österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil für seine Verdienste um die Geschichte, Kultur und Sprache der Jenischen die Ehrenprofessur der Universität Innsbruck verliehen. Die Dachorganisation der Schweizer Fahrenden, die Radgenossenschaft der Landstrasse, ernannte ihn zum Ehrenmitglied.

Romed Mungenast starb am 27. Februar 2006 nach langer Krankheit in Innsbruck.

Umgangsdeutsch und Jenisch

Eine – sehr künstliche – Zusammenstellung von Beispielwörtern aus dem Rotwelsch/Jenischen, die in die mehrheitsgesellschaftliche Umgangssprache eingingen:

„Wenn ein kesser oder fieser Macker in die Kneipe latscht, dort über die Saure-Gurken-Zeit quasselt und sich über seine Maloche beklagt. Wenn er dann noch einen Bullen um Moos anhaut, der ganz ausgebufft gerade seinen Kiez abgrast und ganz im Eimer ist, weil er einen Bock auf Fusel hat, ist der Feez vorbei. Es fetzt natürlich, wenn man … den Pauker in der Penne verkohlt oder im Kittchen pooft. <schläft>“